138.

45

englische  Arbeitszeit  beruht  auf  frühem  Schluß  und  acht-,
höchstens  neunstündiger  Dauer  der  Arbeit  bei  möglichster
Verkürzung  oder  Beseitigung  aller  Pausen,  ln  den  deutschen
Tarifverträgen  betragen  diese  bei  zehnstündiger  Arbeitszeit
in  der  Regel  2  Stunden,  wovon  1 / 2  Stunde  auf  die  Frühstücks-,
eine  Stunde  auf  die  Mittags-  und  1 / 2  Stunde  auf  die  Vesperpause ­
  gerechnet  wird 1 .  Die  altmodische  Sitte  dreier  Ruhezeiten, ­
  die  bis  vor  kurzem  in  Deutschland  herrschte,  hat  vornehmlich ­
  die  langen  Arbeitstage  der  früheren  Zeit  begünstigt,
teilweise  vielleicht  verschuldet.  Heute  macht  die  englische
Arbeitszeit  auch  bei  uns  beständige  Fortschritte.  §  136  der
deutschen  Gewerbeordnung  gestattet  auch  bei  Jugendlichen
Wegfall  der  Vor-  und  Nachmittagspausen,  sofern  die  Arbeitszeit ­
  8  Stunden  nicht  übersteigt.
Wenn  die  Arbeitszeit  in  den  Tarifverträgen  neu  geregelt
wird,  fällt  zunächst  die  Vesper  vielfach  fort,  und  der  Betrieb
wird  ty g  Stunde  früher  geschlossen 1  2  3 .  Auf  Grund  des  §  139
erhält  z.  B.  eine  Schuhwarenfabrik  die  Genehmigung,  Vorund
  Nachmittagspause  fallen  zu  lassen.  Die  Mittagsruhe  sinkt
auf  eine  halbe  Stunde,  während  der  Schluß  auf  4  Uhr  festgesetzt ­
  wird 8 .  Nach  dem  Jahresbericht  für  1906  erhalten
zehn  Fabriken  im  Regierungsbezirk  Potsdam  die  Erlaubnis,
die  Nachmittagspause  zu  beseitigen.  Drei  von  ihnen  hatten
eine  Arbeitszeit  von  7%  Stunden,  eine  von  8%,  drei  von  8V2
und  zwei  von  9  Stunden  4 .  In  Berlin  wurde  1902  in  460  Betrieben ­
  (etwa  10%)  mit  9100  Arbeiterinnen  (etwa  14%)  bei
höchstens  neunstündiger  Arbeitsdauer  eine  nur  halbstündige
Mittagspause  eingehalten 5 .  Parallele  Zeugnisse,  die  das  Aufkommen ­
  kürzerer  Arbeitszeiten  unter  Verminderung  der  Pausen
bestätigen,  anderwärts 6 .
Das  Ideal  eines  kurzen  Arbeitstages  mit  möglichst  wenig
Pausen  ist  in  der  sogenannten  englischen  Tischzeit  verwirklicht ­
 7 .  Sie  verlegt  die  Mittagsruhe  an  das  Ende  der  Arbeitszeit ­
  und  schaltet  alle  Pausen  aus.  Im  allgemeinen  läßt  sich
diese  Einrichtung  nur  bei  der  körperlich  nicht  so  anstrengenden
Tätigkeit  geistiger  Arbeiter  in  den  Bureaus  der  Verwaltungsbehörden ­
  und  Fabriken,  in  Bank-  und  Handelshäusern  durchführen. ­
  —  Der  Industriearbeiter  kann  auch  bei  kurzem  Arbeits1 ­
  Der  Tarifvertrag  im  Deutschen  Reich,  1906,  II,  S.  26.
2  Reichsarbeitsblatt,  1907.  S.  1125.
3  Jahresbericht  d.  Kgl.  Preuß.  Regierungs-  u.  Gewerberäte,  1906,
S.  52.
4  Preußische  Jahresberichte  für  1906,  S.  52.
B  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  1905,  S.  91
6  Vgl.  Preußische  Jahresberichte  für  1905,  S.  40;  1906,  S.  56,  98,
194,  337;  1907,  S.  4.  Badische  Jahresberichte  für  1905,  S.  64.  Bayrische
Jahresberichte  für  1907.  S.  161  usw.
7  Vgl.  hierzu  Stanticus,  Deutsche  und  englische  Arbeitszeit.
„Gegenwart“,  Bd.  48,  Nr.  35.