188.

57

weniger  Kraftaufwand  beschleunigen,  als  jener.  Allein  die
manuell-körperliche  Anstrengung  ist  bei  vielen  Handarbeiten
schon  recht  beträchtlich.  Beim  Feilen  beginnt  je  nach  Gewohnheit ­
  und  Kraft  die  Arbeitsintensität  in  der  dritten  bis
vierten  Stunde  abzunehmen  und  sinkt  mindestens  auf  drei
Viertel  der  anfänglichen  Leistungsfähigkeit  *.  Bei  einem  Zimmermann ­
  in  London  nahm  man  seinerzeit  nur  eine  achtjährige
Dauer  der  Vollkraft  an 1  2 .  Als  Gegenbild  braucht  man  nur
an  den  mit  höchster  Intensität  tätigen  amerikanischen  Arbeiter
zu  erinnern,  dem  eine  besondere  Gabe,  sich  die  Arbeit  zu  erleichtern, ­
  eignet:  „He  is  encouraged  to  use  his  brain  and  to
save  his  muscle  for  his  old  age  .  .  .  Economy  of  muscular
effort  is  the  keynote  of  American  industry 3 “.
Die  physische  Anstrenguug  würde  an  sich  eine  Intensivierung ­
  noch  nicht  ausschließen.  Erst  durch  das  Zusammentreffen ­
  mit  anderen  Momenten  wird  auch  dieser  Umstand  bedeutsam. ­
  Der  Handwerker  liefert  ja  nicht  nur  den  mechanischen
Antrieb,  er  hat  auch  zu  gleicher  Zeit  auf  die  Präzision  zu
achten.  Er  selbst,  nicht  das  Werkzeug  ist  Träger  der  Arbeit.
Er  gibt  nicht  einer  außerhalb  seiner  ablaufenden  Kette  von
Vorgängen  durch  seine  Eingriffe  die  geistige  Direktive,  sondern
der  Formgebungsprozeß  passiert  unmittelbar  sein  Muskel-  und
Nervensystem.  Im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  hat  er  die
Qualität  der  Arbeit  in  der  Hand.  Die  eindringende  Analyse
G.  Müllers  zeigt,  daß  in  dieser  Hinsicht  feine  Verschiedenheiten ­
  bestehen,  je  nachdem  die  Funktion  des  Handwerkers
trennenden,  verbindenden,  transformierenden  Charakter  hat 4  * .
Darauf  kann  natürlich  nicht  eingegangen  werden.  Die  aller
Handarbeit  gemeinsamen  Züge  faßt  Emanuel  Herrmann
folgendermaßen  zusammen  :
„Der  Handarbeiter  begleitet  seine  technische  Funktion  .  .  .  stets
mit  einem  zweiten  willkürlichen  und  ununterbrochenen  Denk-  und
flandelsprozeß,  der  technischen  Aktion:  er  erwägt  dabei  die  Raumund ­
  Zeitverhältnisse,  mißt  die  Distanzen,  beobachtet  alle  Zwischenfälle,
korrigiert  gewisse  Differenzen  in  den  Raum-  und  Zeitmaßen,  er  beschleunigt ­
  oder  verlangsamt  je  nach  seinen  technischen  Endabsichten
die  Akte,  er  mäßigt  oder  verstärkt  die  Kraft,  er  behandelt  die  Rohund
  Hilfsstoffe,  er  formt  und  wirkt,  er  versucht  und  reguliert“ 8 .
Hände,  Augen,  Beine  —  der  ganze  Körper  haben  daran  mehr
oder  minder  wesentlichen  Anteil.  Ein  solches  Zusammentreffen ­
  körperlicher  und  intellektueller  Tätigkeit  ist  unverhältnismäßig ­
  ermüdend,  würde  bei  intensiver  Durchführung

1  G.  Müller,  S.  54.
2  A.  Smith,  Wealtli  of  Nations,  Ed.  Routledge,  1893,  S.  63.
3  W  R  Lawson,  American  Industrial  Problems,  1903,  S.  82—84,  92.
4  G.'  Müller,  S.  122  f.
8  E.  Herrmann,  Technische  Fragen  und  Probleme,  S.  63.