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es  bei  der  industriellen  Arbeit  eigentlich  ankommt,  hat  erst
Ernst  Abbe  deutlich  gesehen.  Er  begnügt  sich  nicht,  die
ebenso  allgemeine  wie  unbestreitbare  Tatsache  größerer  Erfrischung ­
  festzustellen,  sondern  gibt  eine  im  Wesen  des
Arbeitsprozesses  selbst  liegende  Erklärung.  Als  Physiker  findet
er  ein  Problem  vor:  wie  kann  gleiche  oder  mehr  Arbeitsleistung ­
  in  kürzerer  Zeit  eine  Ersparnis  ergeben?  Als  Naturforscher ­
  fragt  er  nicht  nach  den  allgemeinen  Ursachen,  sondern ­
  nach  der  quantitativen  Größe  der  Kräfteersparnis 1 .
Der  Kräfteverbrauch  des  Fabrikarbeiters  läßt  sich  in
zwei  Teile,  den  ordentlichen  und  den  außerordentlichen  Verbrauch ­
  zerlegen.  Der  ordentliche  entsteht  bei  der  eigentlichen
Arbeitsverrichtung.  Er  wird  hervorgerufen  durch  eine  Summe
zweckmäßig  kombinierter  Handgriffe  und  Körperbewegungen,
durch  die  für  Korrektur  und  Überwachung  verausgabte
psychische  Energie.  Der  außerordentliche  Kräfteaufwand
findet  außerhalb  des  Arbeitsaktes  statt.  Infolge  der  Sinnesreize ­
  und  der  vertikalen  Körperhaltung  bedarf  schon  der
Müßiggang  der  Erholung  durch  den  Schlaf.  Dieser  Faktor
steigert  sich  außerordentlich  bei  industrieller  Arbeit.  Die
außerhalb  des  eigentlichen  Arbeitsaktes  entstehende  Ermüdung
könnte  jemand  verspüren,  der  ohne  Tätigkeit  einen  Tag  lang
die  Haltung  eines  Arbeiters  in  der  Fabrik  einnehmen  würde.
Abbe  findet,  daß  bei  der  Verdichtung  der  Leistung  auf
kürzere  Zeit  keine  Ersparnis  an  ordentlichem  Verbrauch,  an
Arbeitsenergie  erster  Art  eintritt 1  2 .  Dies  läßt  sich  zahlenmäßig
durch  die  vermehrte  Inanspruchnahme  der  Maschinen  nachweisen.
  Bei  Herabsetzung  der  Arbeitszeit  von  neun  auf  acht
Stunden  wird  nicht  eine  Stunde  Aktionszeit  gewonnen,  sondern
nur  jener  „außerordentliche“  Verbrauch  an  Muskel-  und
Nervenenergie  gespart,  der  da  während  einer  Stunde  entsteht:
durch  das  Bereitstehen  am  Werkzeug,  durch  eine  erzwungene
stehende  oder  sitzende  Haltung,  die  wegen  ihrer  Dauer  ermüdet, ­
  durch  den  Aufenthalt  in  einem  Fabrikraum,  der  von
Lärm  erdröhnt,  von  Staub-  und  Ölpartikelcheu  geschwängert
ist.  „Das  Surren  und  Rasseln,  das  Quietschen  und  Knirschen,
das  Stampfen  und  Pochen  vieler  Maschinen  betäubt  die  Ohren
und  zerrüttet  die  Nerven“  (Herkner).  Diesen  außerordentlichen
Kraftaufwand  nennt  Abbe  analog  dem  der  leerlaufenden
Maschine  den  Leergang  der  Arbeit.  Der  Industriearbeiter
gewinnt  diesen  Betrag  bei  kürzerer  Arbeitszeit,  weil  die  Beschleunigung ­
  des  Arbeitstempos  bei  arbeitsteiliger  Tätigkeit
viel  weniger  Kraft  kostet,  als  jener  außerordentliche  Verbrauch
1  Ernst  Abbe,  Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  einer  Verkürzung
des  industriellen  Arbeitstages,  Sozialpol.  Schriften  (Gesammelte  Abhandl.,
Bd.  III),  1906.  L&gt;ie  folgende  Darstellung  bringt  nur  den  Hauptgedanken
und  in  veränderter  Fassung.
2  Abbe,  S.  215.