70

138.

durch  das  bloße  Verweilen  an  der  Arbeitsstätte,  den  Leergang'
der  Arbeit.
Bei  dem  Übergang  vom  neun-  zum  achtstündigen  Arbeitstag ­
  wird  die  Leistung  der  letzten  Stunde  auf  die  früheren
acht  verteilt  und  so  der  Leergang  einer  Stunde  gewonnen 1 .
Der  Gewinn  kürzerer  Arbeitszeit  setzt  sich  zusammen  aus
der  Ersparnis  des  Leergangs  und  dem  Genuß  längerer  Erholung. ­
  Zusammenfassend  kann  man  mit  Abbes  Worten  sagen:
„Verkürzung  der  Arbeitszeit  muß  so  lange  noch  Erhöhung
der  Tagesleistung  zur  Folge  haben,  als  der  Gewinn  aus  der
verlängerten  Ruhezeit  und  der  Ersparnis  an  Kraftverbrauch
für  den  Leergang  noch  größer  sind,  als  der  Kraftverbrauch
für  Beschleunigung  des  Arbeitstempos.“
Von  einem  bestimmten  Punkt  an  muß  die  Intensivierung
der  Arbeit  bei  zunehmender  Verkürzung  ihrer  Dauer  diesen
Gewinn  illusorisch  machen.  Daher  besteht  ein  Optimum  der
Leistung,  das  nach  Abbes  Meinung  für  drei  Viertel  der  deutschen ­
  Industrie  bei  9  Stunden  noch  nicht  erreicht  und  bei
8  Stunden  noch  nicht  überschritten  ist.  Er  steht  nicht  allein.
Schon  Anfang  der  sechziger  Jahre  schreibt  Eugene  Veron:
„Ich  habe  im  Elsaß  Leute  kennen  gelernt,  die  mitten  in
industriellen  Bezirken  leben  und  mit  den  Arbeitsgewohnheiten
und  Bedürfnissen  der  Industriearbeiter  vollkommen  vertraut
sind,  Leute,  die  völlig  beurteilen  können,  wie  weit  man  auf
diesem  Gebiet  mit  Reformen  gehen  kann.  Sie  gehen  so  weit,
zu  behaupten,  daß  in  der  Industrie  ein  Maximum  von  siebenbis
  achtstündiger  Tagesarbeit  die  vorteilhafteste  Kombination
sein  würde 1  2 .“
Wie  dem  auch  sei:  nur  die  Erfahrungen  der  Praxis  können
die  Optimalintensität  der  einzelnen  Industrien  festlegen.  Das
Textilgewerbe  wird  nach  den  bisherigen  Erfahrungen  nicht
so  weit  gehen  können,  wie  die  Feinmechanik.  Die  Baumwollarbeiter
  von  Lancashire  haben  sich  wenigstens  im  Interesse ­
  der  englischen  Konkurrenzfähigkeit  vorläufig  noch  gegen
den  Achtstundentag  ausgesprochen 3 .  Die  Optimalintensität
wird  nicht  nur  nach  technisch-organisatorischen  Zuständen,
sondern  auch  mit  den  Qualitäten  des  Arbeiterstandes
schwanken  4 .

1  Abbe,  8.  230.  —  Dieser  Punkt  ist  z.  B.  Marx  völlig  entgangen.
Das  beweist  folgender  Satz:  „Die  intensivere  Stunde  des  zehnstündigen
Arbeitstages  enthält  jetzt  so  viel  oder  mehr  Arbeit,  d.  h.  verausgabte
Arbeitskraft  als  die  porösere  Stunde  des  zwölfstündigen  Arbeitstages“
(Marx,  Kapital  I,  1872,  S.  430).
2  Les  institutions  ouvriftres  de  Mulhouse,  S.  288,  zitiert  bei  Emminghaus,
  Gewerkslehre,  S.  78.
3  Auf  dem  Gewerkschaftskongreß  1905,  nach  Shadwell,  England,
Deutschland  und  Amerika,  S.  337.
4  Wenn  etwa  der  oberschlesischen  Arbeiterbevölkerung  die  Qualitäten, ­
  deren  eine  intensive  Betriebsführung  bedarf,  abgesprochen  werden