Sechster  Teil.

Die  ethischen  Voraussetzungen  kurzer  Arbeitstage.

Den  Gegenstand  der  abschließenden  Betrachtung,  der  wir
uns  hiermit  -zuwenden,  bildet  eine  der  wichtigsten  Voraussetzungen ­
  für  die  günstigen  physisch  geistigen  Wirkungen
kürzerer  Arbeitstage.  Es  handelt  sich  um  den  richtigen  Gebrauch ­
  der  freien  Zeit.  Für  den  Lohn  liegt  eine  analoge
Sachlage  vor.  Finden  steigende  Verdienste  eine  kulturell
wertvolle  Verwendung?  Beide  Fragen  hängen  eng  zusammen
und  stehen  in  Wechselbeziehung,  denn  die  Verbesserung  der
Arbeitsbedingungen  geht  pari  passu  auf  der  ganzen  Linie  vor.
Bessere  Lebenshaltung  und  kurze  Arbeitszeiten,  langer  Arbeitstag ­
  und  niedrige  Löhne  begleiten  einander  in  der  Realität,
sind  zwei  Seiten  einer  und  derselben  Erscheinung,  die  auch
theoretisch  zusammengehören.  Die  Frage,  ob  die  Verbesserung
der  Arbeitsbedingungen  richtig  ausgenutzt  wird,  ob  ihr  ein
entsprechendes  Aufsteigen  der  arbeitenden  Klassen  folgt,  ist
für  beide  Seiten  des  Problems  stets  in  gleichem  Sinn  zu  beantworten. ­
  So  mündet  die  Darstellung  wieder  in  die  allgemeinen ­
  Zusammenhänge  von  Arbeitsbedingungen  und  Arbeitsleistung ­
  ein,  von  denen  diese  Arbeit  anfänglich  ausging.
Je  nach  Volkscharakter  und  Umständen  muß  die  Wirklichkeit ­
  ein  wechselndes  Bild  bieten.  Bedürfnislose  Hindu
oder  träge  Neger  werden  durch  bessere  Arbeitsbedingungen
keineswegs  auf  eine  höhere  Stufe  der  Kultur  gehoben  1 .  Im
18.  Jahrhundert  treten  in  England  Männer  wie  Petty,  Temple,
Hougbton,  Child,  Postletwhait,  Foster  für  lange  Arbeitszeiten,
niedrige  Löhne  und  hohe  Preise  ein 1  2 .  Hohe  Verdienste  sind
kein  Sporn  zur  Arbeit;  jeder  Zuwachs  über  das  Existenzminimum ­
  hat  nur  mehr  Biergenuß  und  Rausch  zu  bedeuten.
Nach  A.  Young  sind  die  Kaufleute  von  Manchester  der
Meinung,  daß  die  Tuchmacherei  bei  niedrigen  Getreidepreisen
verfallen  müßte.

1  Th.  Brassey,  On  Work  and  Wages,  1872,  S.  88.  —  S.  v.  Waltershausen, ­
  Hdwb.  d.  St.  Art.  Negerfrage  V,  S.  793.
2  Schulze-Gävernitz,  Der  Großbetrieb,  S.  2  f.