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        <title>Höhere Arbeitsintensität bei kürzerer Arbeitszeit</title>
        <author>
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            <forname>Ernst</forname>
            <surname>Bernhard</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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          <msIdentifier>
            <idno>883949253</idno>
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        4T &amp;gt; ]tL'i  ti-kUU*,.

Iwitrristollo  öd»
lamb.  l&amp;amp;lonlillnstttUti
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        Staats-  und  sozialwissenschaftliche
Forschungen

herausgegeben

von

Gustav  Schmoller  und  Max  Serin«?.

Heft  138.

Ernst  Bernhard,  Höhere  Arbeitsintensität  bei  kürzerer  Arbeitszeit,
ihre  personalen  und  technisch-sachlichen  Voraussetzungen.

Leipzig,
Verlag  von  Duncker  &amp;amp;  Humblot.
1909.
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        Höhere  Arbeitsintensität  bei
kürzerer  Arbeitszeit,
ihre  personalen  und  technisch-sachlichen
Y  oraussetzungen.

Von

Ernst  Bernhard.

Leipzig,
Verlag  von  Duncker  &amp;amp;  Humblot.
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        Alle  Rechte  Vorbehalten.

Altenburg
Pierersche  Hofbuchdruckerei
Stephan  Geibel  &amp;amp;  Co.
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        V  o  r  w  o  r  t.

Die  Verkürzung  der  Arbeitszeit  stellt  eine  Seite  jener
großen  Bewegung  dar,  die  eine  Verbesserung  der  Arbeitsbedingungen ­
  und  die  Hebung  der  arbeitenden  Klassen  in
sozialer  und  geistiger  Hinsicht  anzubahnen  strebt.  —  Die  vorliegende ­
  Arbeit  beschäftigt  sich  mit  der  Möglichkeit  höherer
Arbeitsintensität  bei  kürzerer  Arbeitszeit,  eine  Möglichkeit,
die  durch  die  Tatsachen  vielfach  realisiert  werden  konnte.  Die
eigentliche  Aufgabe  bestand  darin,  systematisch  die  hierbei
mitspielenden  Bedingungen  und  Faktoren  darzustellen,  sowie
ihre  Wirksamkeit  isoliert,  ja  teilweise  völlig  abgelöst  von  der
Beziehung  zur  Arbeitszeit,  nachzuweisen.
Eine  derartige  Behandlung  unter  möglichster  Berücksichtigung ­
  aller  Umstände  ist  dem  Problem  bisher  noch  nicht
zuteil  geworden.  Vielleicht  könnte  man  Marx  anführen,  der
von  anderen  Gesichtspunkten  her  und  mit  anderen  Zielen  in
dem  „die  Intensifikation  der  Arbeit“  betitelten  Abschnitt,  des
Kapitals  (Bd.  1,  1872,  S.  428—439)  auf  einen  Teil  der  Fragen
zu  sprechen  kommt.  Abgesehen  von  der  Kürze  der  Behandlung ­
  sind  seine  Ausführungen  allein  von  den  theoretischen
Ideen  her  orientiert,  d:  h.  alles  kreist  um  den  Gedanken  der
„Produktion  des  relativen  Mehrwerts“.
Eine  Sonderstellung  nimmt  in  der  Literatur  Abbes  glänzende ­
  Untersuchung  in  Hinsicht  auf  die  persönlichen  Ursachen
höherer  Arbeitsintensität  ein.  Sein  Grundgedanke  wurde  nur
in  allgemeinerer  Form  weitergeführt  und  nach  der  psychologischen ­
  Seite  hin  ergänzt.  —  Im  großen  und  ganzen  ging
die  sonstige  literarische  Behandlung  bisher  darauf  aus,  die
Tatsachen  in  einem  rein  empirischen  Verfahren  nebeneinander
zu  stellen  und  auf  diesem  Wege  allgemeinere  Schlüsse  zu
bilden.  Die  objektiv-sachlichen  Bedingungen  höherer  Arbeitsintensität, ­
  z.  B.  der  Stand  der  Technik,  werden  manchmal
gestreift.  Von  einem  Faktor  wie  der  Betriebsorganisation
ist  fast  nirgends  die  Rede.  Dessen  bedurfte  es  freilich  nicht,
da  die  Ziele,  die  sich  die  Arbeiten  von  Brentano,  S.  Webb
und  H.  Cox,  Rae,  Rost  und  anderen  gesteckt  hatten,  in  ganz
anderer  Richtung  lagen.  Ohne  das  hier  gebotene  Tatsachenmaterial ­
  wäre  die  vorliegende  Arbeit  nicht  möglich  gewesen.
        <pb n="6" />
        VI

138.

Die  bedeutsamen  Studien  zur  Psychophysik  der  industriellen
Arbeit,  die  Max  Weber  in  seinem  Archiv  jüngst  zu  veröffentlichen ­
  begonnen  hat,  konnten  leider  keine  Berücksichtigung
mehr  finden.
Bei  seinem  systematischen  Versuch  war  der  Verfasser
bestrebt,  das  Auge  gleichmäßig  für  die  kleinen  und  die  großen
Ursachen  offen  zu  halten.  Gerade  bei  so  schwierigen,  ja  umstrittenen ­
  Fragen  war  es  angezeigt,  von  dem  Tatsachenmaterial
lieber  zu  viel  als  zu  wenig  vorzuführen,  selbst  da,  wo  es  im
Interesse  der  Durchsichtigkeit  und  formalen  Anlage  des  Ganzen
vielleicht  weniger  erwünscht  gewesen  wäre.
Da  die  Untersuchung  im  Grunde  auf  eine  systematische,
keine  historische  Darstellung  abzweckt,  kommt  es  den  Tatsachen ­
  gegenüber  mehr  darauf  an,  „daß“  als  „wann“  sie
existierten.  Es  ist  deshalb  in  diesem  Zusammenhänge  gleichgültig, ­
  ob  etwa  die  angezogenen  internationalen  Vergleiche  der
Leistungsfähigkeit  durchgehend  auch  für  den  heutigen  Tag
noch  zutreffen.  Dieser  Punkt  verdiente  sonst  vielleicht  bei
den  Daten,  die  sich  auf  den  deutschen  Arbeiter  beziehen,  zu
dessen  Gunsten  manchmal  Berücksichtigung.
Den  Herren  Professoren  v.  Schmoller  und  Sering,
die  diese  Arbeit  durch  Rat  und  Hilfe  gefördert  haben,  stattet
der  Verfasser  auch  an  dieser  Stelle  seinen  aufrichtigen  Dank
ab.  —  Vor  allem  ist  er  ferner  Herrn  Dipl.-Ing.  R.  Levetzo  w
verpflichtet,  der  ihm  durch  seine  Aufklärungen  die  Orientierung ­
  auf  dem  schwierigen  Gebiet  des  Maschinenbaues  erleichtert ­
  hat.  Professor  Schlesinger  unterstützte  diese
Arbeit,  indem  er  in  zuvorkommender  Weise  einige  Tabellen
aus  der  Werkstattpraxis  zur  Verfügung  stellte.
        <pb n="7" />
        Inhaltsangabe.

Einleitendes
Erster  Teil.  Die  Tatsachen  höherer  Arbeitsintensität  hei  kürzerer
Arbeitszeit
Bei  Einzelbetrieben  S.  7—11.  —  Bei  Industrien  und
Volkswirtschaften  S.  11  —  13.  —  Erfahrungen  der  toten
Saison  S.  13—14.  —  Die  Arbeitsleistung  der  Überstunden ­
  S.  14—15.  —  Keine  Verminderung  der  Arbeitslosen ­
  S.  15—16.  —  Zusammenfassung  und  Folgerungen
S.  16—18.
Zweiter  Teil.  Die  technisch-organisatorischen  lledingungen
höherer  Arbeitsintensität  bei  kürzerer  Arbeitszeit
Erstes  Kapitel.  Die  technische  Analyse  der  Textilindustrie
Spinnerei  S.  20—22.  —  Weberei  22—23.  —  Allgemeine
Bedingungen  24.  —■'Geschwindigkeit  und  automatischer
Charakter  der  Maschinen  S.  24—26.
Zweites  Kapitel.  Die  Analyse  des  Maschinenbaues.  .  .  .
Arbeitsprozesse  und  typische  Operationen  S.  26—29.
—  Automatische  Maschinen  29—30.  Steigerung  der
Leistung  in  der  Praxis  30—31.  Leerlaufen  und  Ca’
canny  32.  —  Die  objektiv-technischen  Bedingungen
dieser  Steigerung,  vorzüglich  an  der  amerikanischen
Industrie  dargelegt:  Spezialisierung  der  Arbeitsfunktion
S.  33—34.  —  Normalisierung  und  Standardisation  S.  34  bis
36.  —  Meßsysteme  S.  36.  —  Technische  Fortschritte
37—38.
Drittes  Kapitel.  Die  Intensivierung  der  Arbeit  durch
Vereinigung  mehrerer  Maschinen  in  einer  Hand
Textilindustrie  S.  38—41.  —  Andere  Fälle  S.  41—43.
Viertes  Kapitel.  Die  Ordnung  der  Pausen  .  .
Fortfall  der  kleinen  Pausen  und  englische  Arbeitszeit
S.  44—45.  —  Die  Bedeutung  der  Mittagspause  S.  45—46.
Fünftes  Kapitel.  Die  Betriebsorganisation  als  Voraussetzung
höherer  Arbeitsintensität
Dritter  Teil.  Die  Eigenart  der  technisch-organisatorischen  Faktoren ­
  und  die  Schranken  einer  Verdichtung  der  Produktionsprozesse ­

Keine  Intensivierung  bei  handwerklichen  Produktionsmethoden ­
  S.  56—60.  —  Kleine  und  handwerkliche
etnebe  h.  61—63.  —  Arbeitszeiten  und  Betriebsformen
„  na  oh  Gegensätze  von  Stadt  und  Land
0.  Ob—bl.

Seit©
1—  6
7—18

19—  53
20-  26
26—38

38—43
43—47
47—53
54—67
        <pb n="8" />
        VIII

138.
Seite

Vierter  Teil.  Die  persönliche«  Ursache«  höherer  Arbeitsintensität
bei  kürzerer  Arbeitszeit  68—78
Ersparnis  des  „Leergangs“  S.  68—70.  —  Akkord-  und
Zeitlöhner  S.  71—72.  —  Ein  psychologischer  Faktor
S.  73—75.  —  Daten,  die  die  Bedeutung  des  Leergangs
herausstellen  -S.  75—78.
Fünfter  Teil.  Kürzere  Arbeitszeit  —  ein  technisches  Postulat  79—89
Tendenzen  der  technischen  Entwicklung  S.  79—81.  —
Steigende  Anforderungen  an  Intelligenz  und  Aufmerksamkeit ­
  S.  82—84.  —  Steigende  Verantwortung
S.  84—87.  —  Die  Bedeutung  qualifizierter  Arbeiter
und  ihre  Ausbildung  bei  kürzerer  Arbeitszeit  S.  87—88.
—  Deutschlands  wirtschaftspolitische  Lage  und  die
Sozialreform  S.  88—89.
Sechster  Teil.  Die  ethischen  Voraussetzungen  kurzer  Arbeitstage  90—94
Pessimismus  des  18.  Jahrhunderts  S.  90-91.  —  Neuere
Erfahrungen  in  England  und  anderwärts  S.  91—92.  —
Der  deutsche  Arbeiter  S.  93.  —  Rückblick  auf  die
englische  Entwicklung  S.  94.

Benutzte  Literatur.

(Nur  die  wichtigsten  Arbeiten  werden  angeführt.)
Abbe:  Sozialpolitische  Schriften.  Gesammelte  Abhandlungen.  Bd.  3.
1906.
Arbeitszeit,  die,  der  Fabrikarbeiterinnen,  nach  Berichten  der  Gewerbeaufsichtsbeamten, ­
  bearbeitet  im  Reichsamt  des  Innern.  Berlin  1905.
Arbeitszeit,  die,  in  den  Fabrikbetrieben  Österreichs,  dargestellt  vom
K.  K.  Arbeitsstat.  Amt  im  Handelsministerium.  Wien  1907.
Bernhard,  L.:  Die  Akkordarbeit  in  Deutschland.  1903.
—  Handbuch  der  Entlöhnungsmethoden.  Eine  Bearbeitung  von  D.  F.
Schloß.  1906.
Biermer:  Art.  „Arbeitszeit“  im  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft  und  im
Hdwb.  d.  St.
Bourdeau:  Les  Forces  de  l’Industrie.  1884.
Brauns:  Der  Übergang  von  der  Handweberei  zum  Fabrikbetrieb  in
der  niederrheinischen  Samt-  und  Seidenindustrie  und  die  Lage  der
Arbeiter  in  dieser  Periode.  Staats-  und  soz.-wiss.  Forschungen,
herausgeg.  v.  Schmoller  u.  Sering.  1906.
Brassey:  On  Work  and  Wages.  1872.
Brentano:  Über  das  Verhältnis  von  Arbeitszeit  und  -Lohn  zur  Arbeitsleistung. ­
  2.  Aufl.  1893.
E  i  c  h  b  e  r  g:  Über  eine  Art  amerikanischer  W  erkstattorganisation  (System
Taylor).  Werkstattstechnik,  herausgeg.  v.  G.  Schlesinger.  1907.
        <pb n="9" />
        138.

IX

Fischer:  Die  Bearbeitung  der  Metalle.  Handbuch  der  mechanischen
Technologie  von  K.  Karmarsch.  6.  Aull.,  hrsg.  von  H.  Fischer.
1890.  Bd.  2.  Abt.  1.
Frankel:  Die  Länge  der  Arbeitszeit  in  Industrie  und  Landwirtschaft.
1882.
Freese:  Fabrikantensorgen.  1896.
Fritz:  Die  praktische  und  theoretische  Führung  der  Baumwollspinnerei.
3.  Aufl.  1900.
Fromont:  Une  Experience  Industrielle  de  Reduction  de  la  Journee
de  Travail.  Bruxelles  1906.
Grimshaw:  Praktische  Erfahrungen  im  Maschinenbau.  1897.
Herbig:  Das  Verhältnis  des  Lohns  zur  Leistung  mit  besonderer  Berücksichtigung ­
  des  Bergbaues.  Jahrb.  f.  Gesetzgeb.  u.  Verw.  1908.
Herrmann:  Technische  Fragen  und  Probleme  der  modernen  Volkswirtschaft. ­
  1891.
Jahresberichte  der  Kgl.  Preuß.  Reg.-  und  Gewerberäte,  besonders  1900
bis  1908.
Kielhorn:  Englische  und  deutsche  Normalprofile  im  Schiffsbau.  Stahl
und  Eisen.  1907.
Kraepelin:  Zur  Hygiene  der  Arbeit.  Neue  Heidelberger  Jahrbücher.
1896.
—  Die  Arbeitskurve.  Philosophische  Studien,  herausgeg.  v.  AVundt.
Bd.  19.  1902.
Kraft:  Das  System  der  technischen  Arbeit.  1902.
Lang:  Das  schweizerische  Fabrikgesetz  und  sein  Einfluß  auf  die  industriellen ­
  Verhältnisse.  Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.  Bd.  XI.  1897.
Levasseur:  L’Ouvrier  Amöricain.  2  Bde.  1898.
Liesse,  A.:  Le  Travail  aux  points  de  vue  scientifique,  industriel  et
social.  Paris  1899.
Marshall:  Handbuch  der  Volkswirtschaftslehre.  Bd.  1,  deutsch  19Ö5.
Martin:  Zur  Verkürzung  der  Arbeitszeit  in  der  mechanischen  Textilindustrie. ­
  Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.  Bd.  8.
Marx:  Das  Kapital.  Bd.  1,  2.  Aufl.  1873.
Möller:  Aus  der  amerikanischen  Werkstattpraxis.  1904.
—  Über  Schnelldrehstahl.  Z.  d.  V.  d.  I.  1905.
Müller,  E.:  Handbuch  der  Spinnerei.  Hdb.  d.  mechanischen  Technologie ­
  v.  Karmarsch,  6.  Aufl.,  hrsg.  v.  H.  Fischer  1892,  Bd.  3,  Abt.  1.
—  Handbuch  der  Weberei.  Ibid.  1896,  Bd.  3,  Abt.  2.
Müller,  G.:  Handwerkszeug  und  Handwerksmaschine,  ein  wirtschaftswissenschaftlicher ­
  Vergleich.  1906.
Öchelhäuser:  Technische  Arbeit  einst  und  jetzt.  1906.
P  rings  heim:  Ein  Experiment  mit  dem  Achtstundentag.  Arch.  f.  soz.
Gesetzgeb.  u.  Stat.  Bd.  6.  1893.
Psychologische  Arbeiten,  herausgeg.  von  Kraepelin.  Bis  jetzt  3  Bde.
Rae:  Eight  Hours  for  Work.  1894.
Rost:  Der  achtstündige  Normalarbeitstag.  1896.
Roth:  Gewerbehygiene,  im  Handb.  d.  Hygiene,  herausgeg.  v.  Weyl.
Bd.  8.  1894.
        <pb n="10" />
        X

138.

Schalck:  Der  Wettkampf  der  Völker  mit  besonderer  Bezugnahme  auf
Deutschland  und  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.  Natur  u.
Staat.  T.  7.  1905.
Schüler:  Ausgewählte  Schriften.  1905.
—  Der  Normalarbeitstag  in  seinen  Wirkungen  auf  die  Produktion.
Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.  Bd.  4.
Schulze-Gävernitz:  Der  Großbetrieb.  1892.
Shadwell:  England,  Deutschland  und  Amerika.  Moderne  Wirtschaftsprobleme, ­
  herausgeg.  von  Leo,  Bd.  2.  1908.
Stieda:  Art.  Sonntagsarbeit,  im  Hdwb.  d.  St.
—  Die  Reichsenquete  über  Sonntagsarbeit.  Jahrb.  f.  Gesetzgeb.  u.
Verw.  1888—1889.
Tarifvertrag,  der,  im  Deutschen  Reich,  bearb.  v.  Kaiserl.  Stat.  Amt.
1906.
Tille:  Der  Wettbewerb  weißer  und  gelber  Arbeit  in  der  industriellen
Produktion.  Soz.  wirtsch.  Zeitfragen,  Heft  2.
—  Die  deutsche  Eisenindustrie  und  ihr  Kampf  um  den  Weltmarkt.
Z.  d.  V.  d.  I.  1905.
Usher:  Moderne  Arbeitsmethoden  im  Maschinenbau.  2.  Auf!.  1900.
Webb,  S.  and  H.  Cox:  The  Eight-Hours-Day.  1891.
Wendt:  Die  Technik  als  Kulturmacht  in  sozialer  und  geistiger  Beziehung. ­
  1906.
West:  Hie  Europa,  hie  Amerika!  1908.
—  Moderne  Gesichtspunkte  für  die  Verbesserung  der  Organisation  und
der  Arbeitsmethoden  in  Fabrikbetrieben.  Gewerbl.  techn.  Ratgeber.
1907.
—  Zur  Lage  der  deutschen  Werkzeugmaschinenfabriken.  •  Deutsche
Techn.  Rundschau.  1905.
        <pb n="11" />
        Einleitendes.

Die  neuere  Nationalökonomie  hat  in  ihrer  ethisch-realistischen ­
  Tendenz  stets  betont,  daß  die  sachlichen  Produktionselemente ­
  Natur  und  Kapital  als  besondere  ökonomische  Kategorie ­
  eine  wesentlich  andere  Stellung  im  System  der  Wirtschaft
einzunehmen  hätten,  als  die  Arbeit.  Dieser  Faktor  der  Produktion ­
  müsse  von  einem  grundsätzlich  anderen  Standpunkt
aus  betrachtet  und  beurteilt  werden,  als  die  sachlichen  Produktionselemente. ­
  —  Zusammenfassend  läßt  sich  sagen,  daß
man  den  Arbeiter  als  einen  Endzweck,  als  eine  selbständige
ethische  und  ökonomische  Persönlichkeit  ansehen  lernte.  Von
der  Ethik  her,  indem  ein  Wirtschaftssystem,  das  den  Menschen
zum  bloßen  Mittel  eines  Zwecks  degradierte,  als  unmoralisch
gebrandmarkt  wurde;  von  der  Ökonomik  her,  insofern  die
Bedeutung  des  Arbeiters  als  eines  Endzwecks  der  Wirtschaft,
seine  Funktion  als  Konsument  hervorgehoben  wurde.  Diese
Sonderstellung  der  Arbeit  ergreift  innerhalb  der  ökonomischen
Provinz  noch  weitere  Gebiete.
Jede  Kostenerhöhung  der  sachlichen  Produktionsmittel,
jede  Kürzung  ihrer  Nutzungszeit  gefährdet,  alle  übrigen  Umstände ­
  gleich  gedacht,  die  Rentabilität  einer  Unternehmung,
mindert  ihre  Erträge.  Auf  der  andern  Seite  steigert  unter
sonst  gleichen  Voraussetzungen  jede  Verlängerung  der  Nutzungsdauer, ­
  jede  Verminderung  der  Sachkosten,  Produktivität  und
Rentabilität.  Dagegen  wird  der  persönliche  Faktor  der  Produktion ­
  keineswegs  in  gleich  notwendiger  Weise  durch  diese
Bestimmungen  getroffen.  Produktionskosten  und  Nutzungsdauer ­
  erscheinen  hier  als  Arbeitslohn  und  Arbeitszeit.  Ihre
Beziehungen  zu  den  Gesamtkosten  der  Unternehmung  können
sich  besonders  gestalten,  weil  der  persönliche  Träger  der
Arbeit  als  lebendiger  Organismus  biologische  und  intellektuelle
Qualitäten  eigener  Art  zur  Geltung  bringt.  Er  ist  ein  organischphysiologischen, ­
  nicht  mechanisch-physikalischen  Normen  unterworfenes ­
  Wesen.  Das  vergessen  alle  die,  welche  meinen,  daß
die  Arbeit  ein  rein  mechanischer  Prozeß  sei,  der  ziemlich
gleichmäßig  wie  die  Tätigkeit  einer  Lokomotive  abrollt,  und
bei  dem  der  letzte  Augenblick  so  wertvoll  ist,  wie  die  früheren.
Forschungen  138.  —  Bernhard.  1
        <pb n="12" />
        2

138.

Die  Frage  nach  dem  Verhältnis  von  Arbeitslohn  und  -zeit
zur  Arbeitsleistung  hat  nicht  nur  im  engeren  Sinne  sozialpolitische ­
  Bedeutung,  sondern  den  großen  Hintergrund  allgemeinerer ­
  Kulturbewegungen.  Sie  geht  in  letzter  Linie  auf
die  weiteren  Zusammenhänge  zurück,  die  zwischen  Wirtschaftssystem ­
  auf  der  einen,  Technik  und  Produktivität  auf  der
anderen  Seite  bestehen.  Schon  Turgot,  schon  Adam  Smith
wußten,  daß  unfreie  Arbeit,  vor  allem  die  Sklaverei  teurer  ist
als  freie;  und  zwar  um  so  mehr,  je  höhere  technische  und
wirtschaftliche  Anforderungen  gestellt  werden ] .  Goodloe  hat
zu  zeigen  versucht,  daß  man  mit  freien  Arbeitern  statt  mit
Sklaven  denselben  Ertrag  mit  weniger  als  dem  dritten  Teil
des  Kapitals  erzielen  könne 1  2 .  Der  unfreie  Arbeiter,  sagt
Roscher,  hat  kein  Interesse  an  dem  Ertrag  seiner  Arbeit.  Ein
freier  Mäher  mäht  so  viel,  wie  zwei  bis  drei  unfreie;  bei  freien
Arbeitern  gibt  Roggen  8V2  statt  3,  Gerste  9 3 /+  statt  4,  Hafer  8
statt  2 2 /s  Körner 3 .
Für  die  moderne  Sozialpolitik  ist  die  Frage  nach  dem
Verhältnis  von  Arbeitslohn  und  -zeit  zur  Arbeitsleistung  von
vitaler  Bedeutung.  Wird  doch  die  Möglichkeit  aller  Sozialreform ­
  —  auch  im  Interesse  ihrer  Objekte  —  in  Frage  gestellt, ­
  wenn  eine  wesentliche  Verbesserung  der  Arbeitsbedingungen ­
  die  Erträge  senkt  und  die  nationale  Produktion
mindert,  das  Volksvermögen  schädigt  und  die  Konkurrenzfähigkeit ­
  dem  Auslande  gegenüber  schwächt.  Am  schärfsten
haben  Ricardo  und  Marx  diesen  Standpunkt  für  das  Lohnproblem ­
  herausgearbeitet  und  typisch  formuliert.  Beide  konstruieren ­
  einen  immanenten  unversöhnlichen  Gegensatz  zwischen
Arbeitslohn  und  Unternehmergewinn.  Diese  sind  reziproke
Größen,  deren  Wesen  gerade  in  ihrer  Divergenz  liegt.  Die
Schalen  dieser  Wage  können  sich  nie  in  gleichem  Sinn  bewegen ­
 4 .  Aus  diesen  Anschauungen  heraus  wurde  bei  jedem
Fortschritt  der  englischen  Fabrikgesetzgebung  von  Industriellen
und  dem  sekundierenden  Chor  der  Nationalökonomen  „unwiderleglich“ ­
  bewiesen,  daß  die  verlangte  weitere  Kürzung  der
Arbeitszeit  die  Industrie  ruinieren  und  des  Profits  berauben,
1  Turgot,  Reflexions  sur  la  Formation  et  la  Distribution  des  richesses
§  XXIII  (Oeuvres  1844,  I.,  p.  18).  —  A.  Smith,  Wealth  of  Nations,
Ed.  Routledge  1893,  p.  63.  —  Vgl.  ferner  Brassey,  Work  and  Wages,
1872,  p.  262/63.  —  A.  Liesse,  Le  Travail  aux  points  de  vue  scientifique,
industriei  et  social,  1899,  p.  246—251.
2  Nach  Halle,  ßaumwollproduktion  und  Pflanzungswirtschaft  in
den  Südstaaten  von  Nordamerika  II,  1906,  p.  354.
3  Roscher,  System  der  Volkswirtschaft,  Bd.  I,  1906,  p.  190.
4  Am  knappsten  läßt  sich  dies  ausdrücken  in  der  Formel:  Profit
-)-  Lohn  =  Konstant  (G.  Kassel,  Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag, ­
  1900,  p.  155).  Folgender  Satz  bringt  sie  in  charakteristischer
Form  zum  Ausdruck:  „It  is  physically  impossible  that  any  permanent
rise  in  wages  should  take  place  without  corresponding  diminution  of
profits“  (Fawcet,  Pol.  Ec.,  p.  264,  Zitat  nach  Kassel).
        <pb n="13" />
        138,

3

1

die  Preise  erhöhen,  die  Löhne  verringern  müsse 1 .  Einige
Heißsporne  drohten,  ihre  Betriebe  nach  Indien  oder  auf  das
Festland  zu  verlegen.  Die  Lehre  von  dem  Gewinn  aus  der
letzten  Stunde  erblickte  damals  das  Licht  der  Welt.  —  Ein
gleicher  Kassandraruf  erscholl,  als  1878  die  Schweiz,  1885
Österreich  den  elfstündigen  Maximalarbeitstag  einführten,  als
1904/5  das  Zehnstundengesetz  der  deutschen  Fabrikarbeiterinnen
diskutiert  wurde 1  2  3 .  So  stellt  jede  Erörterung  der  Beziehungen
zwischen  Arbeitsbedingungen  und  Arbeitsintensität  eine  wichtige ­
  Vorfrage  aller  Sozialpolitik  dar.  —  Die  folgende  Arbeit
berücksichtigt  nur  die  Arbeitszeit  und  geht  von  einer  besonderen ­
  Fragestellung  aus,  auf  die  wir  zurückkommen.  Aus
systematischen  Gründen  wird  zunächst  ein  kurzer  Blick  auf
die  jährliche  Arbeitszeit  geworfen,  insofern  sie  die  Leistung
beeinflußt.
Wenn  man  das  Verhältnis  von  Arbeitszeit  und  Leistung
betrachtet,  ist,  wie  V.  Böhmert  mit  Recht  fordert,  auch  die
jährliche  Arbeitszeit  zu  berücksichtigen 8 .  Die  für  die  Produktivität ­
  eines  Betriebes  maßgebende  Leistung  ist  schließlich
allein  durch  den  Jahresertrag  gegeben.  —  Die  jährliche  Arbeitszeit ­
  wird  durch  das  Verhältnis  der  Werktage  zu  den
Fest-  und  Feiertagen  bestimmt.  Die  Zahl  der  letzteren  hängt
von  Sitte  und  Religion,  teilweise  auch  von  Lokalgebräuchen
ab.  Für  Deutschland  kann  man  300  Arbeitstage  als  durchschnittliche ­
  Norm  rechnen,  eine  Zahl,  die  auch  Unfall-  und
Invalidengesetz  angenommen  haben.  Ebenso  wird  z.  B.  in
den  Betrieben  der  Reichs-Marineverwaltung  ein  Mann  als  Vollarbeiter ­
  gerechnet,  wenn  er  jährlich  300  Tagewerke  verrichtet.
—  Bei  Meran  sind  dagegen  über  130  Feiertage,  in  Süddeutschland, ­
  wie  in  anderen  katholischen  Ländern  90  und  mehr  die
Regel 4  * .  In  dieser  Hinsicht  liegt  vielleicht  ein  wahrer  Kern
in  der  Ansicht,  daß  die  katholischen  Länder  den  protestantischen ­
  an  wirtschaftlicher  Energie  nachständen 6  * .  —  Auf  der
Reichsversammlung  zu  Nürnberg  1522  herrscht  allgemeine
Klage  über  die  Menge  der  Feiertage,  von  denen  die  katholische ­
  Kirche  bis  zu  Clemens  XIV.,  also  bis  ins  18.  Jahr1 ­

  S.  Webb  and  H.  Cox,  The  Eight  Hours  Day,  1891,  p.  95.
2  P.  Schüler,  20  Jahre  Normalarbeitstag  in  der  Schweiz,  Ausgew.
Schriften,  1905,  S.  96.  —  Die  Neubelastung  der  österr.  Industrie  durch
den  11-Stundentag,  vom  Verein  d.  österr.  Baumwollspinner.  Verb.
Mitt.  u.  Ber.  d.  Zentralvcrb.  deutsch.  Indust.,  1905,  S.  95.  —  Die  Arbeitszeit ­
  der  Fabrikarbeiterinnen,  1905,  S.  276  seq.
3  Hdwb.  d.  St.  I,  S.  1008.  .  ,  T  ,
4  Brentano,  Über  das  Verhältnis  von  Arbeitszeit  und  Lohn  zur
Arbeitsleistung,  1896,  S.  27.
6  In  Gegenden  mit  überwiegend  katholischer  Bevölkerung  beklagen
sich  heute  noch  Unternehmer  über  den  Verlust,  der  ihnen  aus  den  zahlreichen ­
  Feiertagen  erwächst.  Vgl.  die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen, ­
  S.  107.
        <pb n="14" />
        4

138.

hundert  über  150  besaß 1 .  Unter  Joseph  II.  werden  1772  in
Österreich  nicht  weniger  als  22  Feiertage  in  Arbeitstage  verwandelt ­
 1  2  3 .  Außer  mit  der  Zahl  der  Feiertage  schwankt  die
jährliche  Arbeitszeit  nach  Berufen.  Sie  wird  weiter  von  der
Wirtschaftslage  sowie  den  durch  Krankheit  und  Streiks  verlorenen ­
  Tagen  bestimmt 8 .
Die  Sitte,  den  siebenten  Tag  der  Woche  zu  ruhen,  scheint
den  Bedürfnissen  der  menschlichen  Natur  am  zweckmäßigsten
zu  entsprechen,  da  sich  diese  Institution  im  Anschluß  an
religiöse  und  astronomische  Vorstellungen  dauernd  bei  den
verschiedensten  Völkern,  bei  Ägyptern,  Babyloniern,  Hebräern,
Indiern,  in  China,  Arabien,  Persien  eingebürgert  hat 4 .  Griechen
und  Römern  scheint  der  regelmäßige  Sonntag  trotz  zahlreicher
Feiertage  gefehlt  zu  haben 5 .  Von  der  historischen  Entwicklung
des  Sabbats  im  Altertum,  des  Sonntags  im  Mittelalter  und
Neuzeit  braucht  hier  nicht  weiter  die  Rede  zu  sein.  Überall ­
  hat  sich  wahrscheinlich  ein  Wort  Proudhons  bestätigt:
„L’observation  montre  que  lä  oü  le  dimanche  n’est  pas  respectö,
on  ne  travaille  pas  davantage,  peut-etre  moins  que  (Tailleurs.“
Heute  sind  England  und  Amerika  mit  strenger  Sonntagsheiligung ­
  durchaus  konkurrenzfähig.  Ebenso  ist  die  Leistungsfähigkeit ­
  der  Industrie  nach  Durchführung  der  Sonntagsruhe
bei  uns  im  großen  ganzen  auf  gleicher  Höhe  geblieben 6  * .  Ein

1  J.  Möser,  Gedanken  über  die  Abschaffung  der  Feiertage,  Patriotische ­
  Phantasien,  1842,  II,  S.  146.  —■  Roscher,  System  d.  Volksw.  I,
1906,  S.  190.
2  Archiv  f.  Nat  u.  Stat,  VIII,  S.  241.
3  Im  Staate  New  York  betrug  z.  B.  die  jährliche  Arbeitszeit  1898:
in  der  Metall-  und  Maschinenindustrie  272,  im  Baugewerbe  224,  bei
den  Buchdruckern  259  Tage  (nach  dem  19  th  annual  Report  of  the
Bureau  of  Labor  1901).  —  Arbeiter  im  Freien  haben  weniger  Arbeitstage, ­
  Erdarbeiter  z  B.  240—270.  In  Deutschland  kommen  auf  einen
Versicherten  5  —  6  Krankentage  (Schmoller,  Grundriß  II,  S.  350).  Nach
Engels  (Preis  der  Arbeit,  S.  42)  beträgt  die  mittlere  Zahl  der  Krankentage ­
  im  Alter  von  20  Jahren  6,01  Tage;  für  40  Jahre  7,95;  für  60  Jahre
17,1,  für  65  Jahre  22,8  Tage.  —  In  England  zählte  man  1890—1900
zwischen  2,5  und  31  Millionen  durch  Streik  verlorene  Tage,  durchschnittlich ­
  1,25  Tage  jährlich  (Schmoller  II,  S.  407)  Leone  Levi  berechnet ­
  1879  das  Gesamteinkommen  der  englischen  Arbeiter  auf
503  Mill.  £g\  für  freiwillige  oder  erzwungene  Ruhetage,  Erkrankungen  usw.
sind  nach  seiner  Schätzung  bei  4239000  Arbeitern  der  Textil-,  Metallindustrie, ­
  des  Bergbaues  80  Mill.  (£  abzuziehen,  d.  h.  mehr  als  ein
Fünftel  (Scherzer,  Weltindustrien,  S.  264)
4  Kräpelin,  Zur  Hygiene  der  Arbeit,  Neue  Heidelberger  Jahrb.,
1896,  S.  239.  —  Macauly,  Speeches  1854  (Ten  Hours  Bill),  S.  444/45.  —
L.  v.  Buch,  Elem.  d  pol.  Ök.,  1896,  S.  41.  —  Schmoller,  Grundriß  II,
S.  282.  Stieda,  Jahrb.  f.  Gesetzgeb.  u.  Verw.,  1888  u.  1889,  S.  1129
bis  1150,  Die  Sonntagsfrage  in  älterer  Zeit,  S.  1150—78  im  19.  Jahrhundert. ­

6  E.  Reich,  Studien  über  die  Feiertage,  1874,  S.  6,  8.
6  Stieda,  Hdwb.  d.  St.,  Bd.  VI,  Art.  Sonntagsarbeit,  S.  777.  —
Jahrb.  1889,  S.  61.
        <pb n="15" />
        138.

i&amp;gt;

Unternehmer  der  Töpferei-,  Steingut-  und  Porzellanindustrie
sagt,  daß  seine  Sonntags  feiernden  Leute  bei  gleichen  Stücklöhnen ­
  mehr  verdienen,  als  die  Arbeiter  anderer  Betriebe  ohne
Sonntagsruhe.  Ein  anderer  behauptet  sogar,  daß  die  Akkordarbeiter, ­
  wenn  ihnen  Sonntagsarbeit  und  Überstunden  gestattet ­
  seien,  15—20  °/o  weniger  als  sonst  verdienten  *.  In
einem  englischen  Steinbruch  wirkte  eine  zweitägige  Ruhepause ­
  gelegentlich  so  günstig,  daß  in  5  Tagen  dasselbe  wie
in  6  Tagen  geleistet  werden  konnte 2 .  Ein  verkürzter  Sonntag ­
  ruft  vielfach  den  blauen  Montag  hervor,  eine  alte,  sicher
bis  ins  16.  Jahrhundert  zurückgehende  Unsitte,  die  von  den
Arbeitern  bei  Überanstrengung  eigenmächtig  in  Anspruch  genommen ­
  wurde 3 .  Allgemein  darf  man  sagen,  daß  der  Ausfall ­
  der  Sonntagsarbeit  wöchentliche  und  Jahresleistung  nicht
vermindert,  soweit  es  von  den  Fähigkeiten  des  Arbeiters  abhängt. ­

In  eindringlicher  Weise  wird  das  Bedürfnis  nach  wöchentlicher ­
  Erholung  und  totaler  Ausspannung  der  Kräfte  zur
völligen  Beseitigung  der  Ermüdungsstoffe  durch  die  Unfallstatistik ­
  illustriert.  Wenn  auf  1  Tag  1  Unfall  kommt,  weisen
die  Zahlen  der  gewerblichen  Berufsgenossenschaften  1897
folgendes  Bild  auf 4 :  Sonntag  0,15,  Montag  1,23,  Dienstag  1,17,
Mittwoch  1,10,  Donnerstag  1,10,  Freitag  1,00,  Sonnabend  1,19.
Die  landwirtschaftliche  Statistik  verläuft  für  1901  ähnlich:
0,29,  1,22,  1,06,  1,05,  1,09,  1,12,  1,17  (Sonnabend).  Durchschnittlich ­
  zeigt  der  Montag  und  Sonnabend  eine  Zunahme
der  Unfälle.  Hierbei  ist  zu  beachten,  daß  sich  die  Hälfte
aller  Unfälle  nach  der  Berechnung  E.  Roths  durch  den  Arbeiter
selbst  vermeiden  läßt 6 .  Die  höhere  Unfallziffer  des  Montags
ist  auf  schlechte  Sonntagsgebräuche  zurückzuführen.  —  Eine
räumlich  enger  begrenzte  Beobachtungsreihe  bringt  diese  Tatsachen ­
  noch  besser  in  Relief.  Der  Gewerbeinspektor  für
Schwaben  und  Neuburg  zeigt,  daß  1892  die  Zahl  der  Unfälle  mit
der  Woche  wächst.  Von  den  546  Unfällen,  ereigneten  sich  pro
Mille  800  am  Montag,  Dienstag  und  Mittwoch  780,  am  Donnerstag ­
  950,  Freitag  940  und  Sonnabend  970 8 .
Abgesehen  von  gelegentlicher  Erholung  durch  Arbeiterferien, ­
  bei  Urlaub,  Krankheit,  Arbeitslosigkeit  usw.  dürften
wöchentliche  Feiertage  bei  kurzen  täglichen  Arbeitszeiten  den

vt  c'  Ü n ü uete  über  Sonntagsarbeit,  1885.  Nach  Stieda,  Hdwb.  d.  St.,
V1,  774.
8  n  E'^ht  Hours  for  Work,  1894,  p.  45.
Wirtschaft,  1882 ke S  H.®  Länge  der  Arbeitszeit  in  Industrie  und  Land--
  Rekhsarbeitsblatt  1906  Nr.  8,  S.  737.
o  lu"  nc  R° th &amp;gt;  / ldb -  d -,  Hyg-,  herauegeg.  v.  Weyl,  Bd.  8,  Gewerbehyg.,
24,~  26;  v gl.  ferner  die  Ursachen  der  Unfälle  und  Invalidität,  Reichsarbeitsblatt ­
  1906,  S.  739.
6  ß.  Rost,  Der  achtstündige  Normalarbeitstag,  1896,  S.  144.
        <pb n="16" />
        ß

138.

hygienischen  Forderungen  am  besten  genügen.  Die  westeuropäisch-amerikanische ­
  Sitte  relativ  kurzer  Arbeitstage,
wöchentlicher  Ruhepausen  und  weniger  großer  Festtage  gewährleistet ­
  eine  höhere  Produktivität  als  die  Verteilung  von
Arbeit  und  Ruhe,  der  etwa  Rußland  und  Italien  folgen  b  In
diesen  Ländern  genießt  die  Bevölkerung  freilich  mehr  ganze
Feiertage:  die  tägliche  Arbeitszeit  ist  aber  ungleich  länger,
woraus  gerade  die  Neigung  zu  Ausschweifungen  an  den  Ruhetagen ­
  entspringt 1  2 .
Schließlich  sei  ein  radikaler  Vorschlag  E.  v.  Hartmanns
erwähnt 3 .  Um  die  nationale  Produktion  bedeutend  zu  steigern,
solle  der  feste  Sonntag  durch  einen  allgemein  gleitenden  Ruhetag ­
  ersetzt  werden.  Das  Brachliegen  des  Kapitals  an  52  Tagen
im  Jahre  sei  eine  Verschwendung,  die  vermieden  wird,  wenn
die  Arbeit  Sonntags  weiterläuft  und  ein  Siebentel  der  Arbeiter
abwechselnd  jeden  Tag  frei  hat.  Die  Berechtigung,  diesen
Gedanken  anzuführen,  liegt  darin,  daß  er  in  der  Wirklichkeit
schon  eine  Rolle  spielt.  Große  Hotel-  und  Restaurationsbetriebe, ­
  vorzüglich  aber  die  Verkehrs-  und  Transportgewerbe,
die  im  öffentlichen  Interesse  keine  Sonntagsruhe  vertragen,
haben  den  gleitenden  Ruhetag  bereits  realisiert.  —  Diese  einleitenden ­
  Betrachtungen  seien  durch  ein  paar  Macaulysche
Worte  abgeschlossen,  die  mit  ihrer  machtvollen  Rhetorik
ebenso  als  Motto  für  das  folgende  gelten  können:  „Während
der  Fleiß  ausset.zt  und  der  Pflug  in  der  Furche  liegt,  während
die  Börse  schweigt  und  Fein  Rauch  aus  der  Fabrik  aufsteigt,
findet  ein  Vorgang  statt,  der  für  den  Reichtum  der  Nationen
ebenso  wichtig  ist,  wie  irgend  ein  Vorgang,  der  an  geschäftigeren ­
  Tagen  ausgeführt  wird 4 .“
1  Vgl,  A.  Shadwell,  England,  Deutschland  und  Amerika,  1907,
S.  335.  Über  den  englischen  Sonntag  vgl.  K.  Peters,  England  und  die
Engländer,  S.  200.  —  Feiertage  in  Rußland:  in  den  Kohlenfeldern  des
Donezbeckens  hat  das  Jahr  z.  B.  nur'  240  Arbeitstage  (Zeitschrift  für
Sozialw.,  1902,  S.  134).
2  Auch  hier  gilt  die  Bemerkung  von  A.  Smith  (Wealth  of  Nations,
Chap.  8  ed.  Routledge,  1893,  p.  64)  „It  will  be  found,  that  the  man
who  works  so  moderatly  as  to  be  able  to  work  constantly,  not  only
preserves  his  health  longest  but  in  the  course  of  the  year  executes  the
greatest  quantity  of  work.“
3  E.  v.  Hartmann,  Die  sozialen  Kernfragen,  1894,  S.  377—383.
4  Macauly,  Rede  zur  Zehnstunden-Bill,  Speeches  1854,  S.  453.
        <pb n="17" />
        Erster  Teil.
Die  Tatsachen  höherer  Arbeitsintensität  hei  kürzerer
Arbeitszeit.
Wir  wenden  uns  der  täglichen  Arbeitszeit  zu,  dem  eigentlichen ­
  Thema  dieser  Arbeit,  deren  Fragestellung  folgendermaßen ­
  zu  präzisieren  ist.  Weder  war  die  Absicht,  neues  Tatsachenmaterial ­
  für  oder  gegen  kürzere  Arbeitszeit  zusammenzutragen, ­
  noch  sollte  ihre  Einführung  in  die  Praxis  erörtert
werden.  Dagegen  wurde  eine  Darstellung  aller  der  Bedingungen ­
  und  Faktoren  erstrebt,  die  in  soundsovielen  Fällen  trotz
kürzerer  Arbeitsschicht  höhere  Arbeitsintensität,  Gleichbleiben,
ja  Steigerung  der  Erträge  ermöglicht  und  bewirkt  haben.
Welche  Rolle  spielte  dabei  das  persönliche  Element,  welche
das  Kapital,  die  Technik?  —  Mit  dieser  Einengung  und
Wendung  des  Problems  auf  die  Analyse  eines  Gegebenen  gewinnt ­
  die  Fragestellung  zugleich  einen  methodisch  sicheren
Rückhalt.  —  Zunächst  sei  eine  Anzahl  dieser  Fälle,  wie  eine
Reihe  anderer  Tatsachen  vorgeführt,  die  das  Bestehen  und  die
Wirksamkeit  einer  Tendenz  zu  höherer  Arbeitsintensität  bei
kürzerer  Arbeitszeit  allgemein  aufklären  sollen.  Ob  diese
Beispiele  und  Tatsachen  durchgehend  typische  Fälle  repräsentieren, ­
  ist  eine  Frage  für  sich.  In  ihrer  Gesamtheit  liefern
sie  sicher  den  strikten  Nachweis,  daß  der  einzelne  Fall  nicht
auf  Grund  von  Zufälligkeiten,  unter  besonders  günstigen  Umständen ­
  oder  mit  Hilfe  singulärer  technischer  und  betrieblicher
Faktoren  zustande  kam.  Insofern  besteht  freilich  ein  gewichtiger ­
  Unterschied,  ob  der  Arbeitstag  von  12  auf  11
Stunden,  d.  h.  um  Shs 0 /«),  oder  von  9  auf  8  Stunden,  also  um
IIP9  °/o,  oder  von  12  auf  10  Stunden  herabgeht.  Durch  den
Begriff  der  „Tendenz“  läßt  sich  diese  Schwierigkeit  zunächst
überbrücken.
Das  vorliegende  Material  über  die  Wirkungen  kürzerer
Arbeitszeit  ist  nicht  gering.  Während  die  meisten  Beobachtungen ­
  nur  allgemeine  Resultate  überschlagsweise  wiesergeben,
sind  die  von  Ernst  Abbe  in  der  optischen  Werkstatt  von
Zeiß  gemachten  Erfahrungen  um  so  wertvoller,  da  sie  eine
        <pb n="18" />
        8

138.

streng  ziffernmäßige  Begründung  ergeben x .  Sie  sollen  deshalb ­
  genauer  angeführt  werden.  Im  März  1900  wird  die
Arbeitszeit  der  optischen  Werkstatt  von  9  auf  8  Stunden  verkürzt. ­
  Zeit-  und  Akkordlöhne,  Geschäftsgang  und  Maschinen
—  das  ist  nicht  unwichtig  —  bleiben  vor-  und  nachher  gleich.
In  der  folgenden  Zusammenstellung  werden  die  Stundenverdienste ­
  von  233  Akkordarbeitern  im  letzen  Jahre  des
Neunstundentags  mit  denen  im  ersten  Jahr  des  Achtstundentags ­
  konfrontiert.

Jahr

Gesamtzahl
der  Akkordstunden ­


Dafür  bezahlte
Lohnsumme  in
Mk.

Verdienst  pro
Stunde  in
Pfg.

Verhältnis

1899/1000

559169
(Durchschnitt
pro  Mann  2400)

345899

61,9

100:  116,2

1900/1901

509559
(Durchschnitt
pro  Mann  2187)

366484

71,9

Summa  summarum  ist  das  wichtige  Resultat,  daß  nicht
eine  Verminderung,  sondern  sogar  eine  kleine  Erhöhung  der
Tagesleistung  stattfindet 1  2  3 .  Auf  Grund  einer  sorgfältigen  Lohnstatistik ­
  gelingt  der  Nachweis,  daß  sich  der  Stundenverdienst
nicht  um  12,5  °/o,  was  dem  Status  quo  ante  entsprochen  hätte,
sondern  durchschnittlich  um  16,2  °/o,  d.  h.  3,7  °/o  mehr,  erhöht.
Mit  anderen  Worten:  30  Leute  machen  jetzt  in  8,  was  früher
31  in  9  Stunden  schafften,  oder  jeder  leistet  10  Tage  mehr
Arbeit  im  Jahr.  Dieser  Mehrertrag  ist  ziemlich  gleichmäßig
Uber  alle  Altersklassen  verteilt,  während  die  gröberen  Arbeiten
eine  kleine  Erhöhung  aufweisen 8 .  Im  großen  ganzen  ist  das
Ergebnis  bei  allen  gleich  günstig.  Nach  1904  sagt  der  neue
Direktor  der  Zeißwerke:  „Wir  sind  mit  dem  Ergebnis  dauernd
zufrieden 4 .“  Diese  Zahlen  genügen  allen  methodologischen
Anforderungen.  Sie  entstammen  einem  genügend  großen,
sorgfältig  gesiebten  Ziffernmaterial  von  230  Mann,  die  genügend ­
  lange  von  1899—1901,  also  2  Jahre,  beobachtet
wurden.  Sämtliche  Bedingungen  bleiben  gleich,  während  ein
einziger  Faktor  variiert,  so  daß  nur  ihm  eine  Änderung
des  Erfolges  zugerechnet  werden  kann.
Ähnliche  Erfolge  zeitigte  der  Achtstundentag  in  der  Stahlfedernfabrik ­
  von-Heintze  &amp;amp;  Blankertz.  Ebenso  findet  Freese
1  Ernst  Abbe,  Gesammelte  Abhandlungen,  Bd.  3,  Sozialpolitische
Schriften  1906:  Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Verkürzung  des
industriellen  Arbeitstages,  S.  203  ff.
2  Abbe,  S.  205.  —  Die  Tabelle  a.  a.  O.,  S.  246.
3  Abbe,  S.  211-212,  247.
4  Volkswohl  1905,  8.  100.
        <pb n="19" />
        138.

9

in  seiner  Jalousiefabrik,  daß  trotz  einer  Zeit  schlechten  Geschäftsgangs ­
  die  Mehrzahl  der  Arbeiter  im  Achtstundentag
denselben,  ja  höheren  Lohn  bezieht.  Wichtig  ist,  daß  die
Qualität  nicht  gelitten  hat 1 .  Eine  größere  Steingutfabrik  ersetzt ­
  elfstündige  Schichten  mit  neuneinhalbstündiger  effektiver
Arbeitsdauer  durch  achtstündigen  Schichtwechsel.  „Lohn  und
Leistungen  sind  auf  die  Dauer  nicht  nur  nicht  gefallen,
sondern  gegenüber  der  früheren  längeren  Schicht  bei  den
schwächeren  Arbeitern  etwas,  bei  den  stärkeren  bis  zu  11  °/o
gestiegen 2 .“  Eine  kleine  Erhöhung  des  Verdienstes  wird  auch
in  einer  größeren  Jagd  Warenfabrik  erzielt,  die  statt  zehnneunstündigen ­
  Betrieb  einführt.  Eine  Isoliermittelfabrik,  die
im  Laufe  von  8  Jahren  dazu  übergeht,  die  Arbeitszeit  von
10  auf  7  Stunden  zu  reduzieren,  stellt  bei  dem  Eintritt  der
siebenstündigen  Arbeitszeit  nach  wenigen  Tagen  die  Achtstundenleistung ­
  fest.  Die  Akkordsätze  bleiben  unverändert 3 .
Aus  einer  ganz  anderen  Sphäre  stammen  die  exakten  und
bedeutsamen  Resultate,  die  Fromont  in  den  Schwefelsäurefabriken ­
  der  belgischen  Sociötö  des  Produits  Chimiques  von
Engis  erzielte 4 .  Vor  1892  wurde  das  Rösten  der  Zinkblende
bei  kontinuirlichem  Betrieb  in  zwei  zwölfstündigen  Schichten
verrichtet,  von  denen  jede  eine  effektive  Arbeitszeit  von  10
Stunden  einschloß.  Seit  1892  herrscht  ein  neues  System,  das
auf  drei  achtstündigen  Schichten  beruht,  die  einer  Nettoarbeitszeit ­
  von  Vh  Stunden  entsprechen 5 .  Nach  weniger  als
6  Monaten  gelingt  es  den  Arbeitern,  mit  den  gleichen  Öfen
und  Rohstoffen  1000  kg  gerösteter  Blende,  d.  h.  dieselbe
Menge  wie  bei  zwölfstündiger  Schicht  mit  zehnstündiger
Produktionszeit  herzustellen 6 .  Stündliche  Produktivität  und
Intensität  der  Arbeit  sind  also  um  33,33  %  gestiegen.  Bei
einem  Betrieb  von  90  Mann  hält  dieser  Erfolg  länger  als  12
Jahre  steigend  an.  Dieses  Ergebnis  ist  absolut  sicher,  denn
der  Lohn  richtet  sich  genau  nach  dem  Gewicht  der  verarbeiteten
Blende.
Ersatz  zwölfstündiger  durch  achtstündige  Schichten  hat
in  einer  Sodafabrik,  in  den  Nostizschen  Eisenwerken  zu
Rothau  in  Böhmen,  bei  einem  Stabeisenwerk  im  Regierungsbezirk ­
  Minden  ähnliche  Resultate  im  Gefolge 7 .  An  den  Hoch-1

  Freese,  Fabrikantensorgen,  1896,  S.  18.  —  Pringsheim,  Arch.  f.
soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.  VI,  S.  18  u.  21,  bringt  die  detaillierte  Statistik
des  Freeseschen  Betriebs.
1904  S^484 eS 485  C ' lte  P reu ^'  R e g* erun g s ‘  u -  Gewerberäte  f.

4  T* e 'r, e  nac ^  d en  Jahresberichten  für  1905,  S.  40.
t  , Jj -  tr.  hromont  Une  Experience  Industrielle  de  Reduction  de  la
Journee  de  Travad.  Bruxelles  1906.
8  Fromont,  8.  45,  53.
6  Fromont,  8.  75  —76.
7  Sodafabrik:  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  1905,
151.  —  Rothauer  Eisenwerk:  Sozialpolitisches  Zentralblatt,  1894,
        <pb n="20" />
        10

138.

öfen  von  North  umberland  und  Northläncashire  verdienen  die
Leute  in  drei  Achtstundenschichten  ebensoviel,  wie  die  Leute
in  anderen  Distrikten  mit  längerer  Arbeitszeit 1 .
Aus  dem  Gebiet  der  Metallverarbeitung  ist  vor  allem  der
bekannte  Versuch  der  Firma  Mather  &amp;amp;  Platt  anzuführen 2 .
Der  Einwurf,  daß  ein  kleines  Zahlenmaterial  zu  wenig  beweise, ­
  ist  hier  hinfällig,  denn  es  handelt  sich  um  einen  Großbetrieb ­
  von  12  000  Mann,  der  die  verschiedensten  Arbeitsprozesse ­
  einer  Maschinenfabrik  umfaßt.  Als  die  wöchentliche
Arbeitszeit  1893  von  53  auf  48  Stunden,  also  um  10°/o  herabgesetzt ­
  wird,  bleiben  technische  Bedingungen,  wie  Geschwindigkeit ­
  der  Maschinen  unverändert.  Das  Ergebnis  des
Versuchsjahres  faßt  Mather,  indem  er  den  Durchschnittsertrag
von  6  vorangehenden  Jahren  dagegenhält,  so  zusammen:  „Das
Produkt  war  der  Qualität  nach  ähnlich;  in  Bezug  auf  die
Menge  war  der  Ertrag  des  Versuchsjahi’s  wirklich  größer 3 .“
Mathers  Resultate  sind  nicht  wertlos;  selbst  wenn  der  Einwand ­
  zutrifft,  daß  vorher  10  °/o  der  Arbeiter  durch  tüchtigere
Kräfte  ersetzt  worden  seien 4 .  Der  Nachdruck  ist  darauf  zu
legen,  daß  es  möglich  war,  auf  der  gleichen  Produktionsbasis,
also  mit  den  gleichen  selbsttätigen  Maschinen,  die  Arbeitsintensität ­
  zu  steigern.
Den  Charakter  eines  Experiments  trug  auch  ein  auf  Veranlassung ­
  des  Kongresses  der  Vereinigten  Staaten  unternommener ­
  Versuch 5 .  Um  nämlich  Material  für  den  Achtstundentag ­
  der  Staatsbetriebe  zu  beschaffen,  werden  zwei  erstklassige ­
  Schlachtschiffe  in  Auftrag  gegeben.  Die  „Connecticut“
wird  bei  achtstündiger  Arbeitszeit  auf  der  staatlichen  Werft
gebaut,  die  „Louisiana“  wird  einer  Privatwerft  mit  zehnstündiger ­
  Arbeitsschicht  übergeben.  Der  Rumpf  der  „Louisiana“
war  in  568  Tagen  zu  54,5%,  der  der  von  der  Staatswerft
gebauten  „Connecticut“  in  570  Tagen  zu  53,59  °/o  fertig  geworden. ­
  Das  Gewicht  der  in  jeder  Arbeitsstunde  verbrauchten
Materialien  betrug  bei  der  „Louisiana“  5,0608  Pfund,  bei  dem
Schwesterschiff  aber  6,2995  Pfund.  Die  stündliche  Durch-S.

  91—92.  —  Stabeisenwerk:  Jahresber.  d.  pr.  Reg.-  u.  Gewerberäte
1907,  S.  322.  —  Ein  hierher  gehörender,  sehr  interessanter  Fall  wird
von  Bosselmann,  Sehr.  d.  V.  f.  S.  Bd.  106,  1903,  S.  9,  mitgeteilt,
1  Royal  Commission  on  Labour,  1892,  Minutes  of  Evidence  group
A  vol.  II,  p.  258  (qu.  13,  948—955).
2  Eduard  Mather,  The  48  hours  week,  a  years  experiment  at  the
Salford  Jron  Works.  Dazu  der  Bericht  der  Times  vom  29.  März  1894.  —
Ferner  J  Rae,  Eight  Hours  for  Work,  p  VII  seq.  —  Verh.,  Mitt.  u.
Ber.  d.  Zentr.-Verb.  d.  Indnstr.  Nr.  62  (Mathers  eigener  Bericht  war
dem  Verfasser  nicht  zugänglich).
3  John  Rae,  S.  VII.
1  Verh.,  Mitt.  u.  Ber.  d.  Zentr.-Verb.  d.  Industr.,  1905,  Nr.  101,.
S.  57,  Nr.  104,  S.  240.
5  Reichsarbeitsblatt  1905,  S.  483.
        <pb n="21" />
        138.

11

schnittsleisturg  bei  achtstündiger  Arbeitszeit  übertraf  also  die
bei  zehnstündiger  um  24,48  °/o.  Die  Staatswerft  verfügte  freilich ­
  über  vorzügliches  Menschenmaterial;  in  technischer  Hinsicht ­
  war  sie  kaum  überlegen.
Die  Schiffsbaufirma  Short  Gebrüder  in  Sounderland  hat
seit  1891  die  wöchentliche  Arbeitszeit  von  53  auf  48  Stunden
herabgesetzt.  Die  Leistung  ist  nach  siebenjährigem  Versuch
nicht  geringer,  sondern  größer  geworden 1 .  Schließlich  sei
noch  ein  Versuch  größten  Stils  erwähnt.  Seit  1894  arbeiten
18  641  Mann  in  den  englischen  Regierungswerkstätten,  vor
allem  im  Arsenal  von  Woolwich,  im  Achtstundensystem,  also
5 8 /4  Stunden  weniger  in  jeder  Woche  als  früher.  Der  amtliche
Bericht  des  Kriegsministers  über  die  zehnjährige  Wirkung
kürzerer  Arbeitszeit  zeigt,  daß  weder  die  Produktionskosten
gestiegen  sind,  noch  der  Ertrag  sich  verringert  hat 1  2 .
Die  Wirkungen  kürzerer  Arbeitsdauer  auf  ganze  Industrien
und  Volkswirtschaften  lassen  sich  einigermaßen  durch  die  gesetzlichen ­
  Arbeitszeiteinschränkungen  illustrieren.  Für  höhere
Arbeitsintensität  in  der  Textilindustrie  können  überwiegend
nur  die  Ergebnisse  des  zehn-  und  elfstündigen  Normalarbeitstages ­
  angeführt  werden.  1847  geht  das  Zehnstundengesetz ­
  im  englischen  Parlament  durch.  1859  bei’ichtet  Fabrikinspektor ­
  Baker,  daß  trotz  der  Reduktion  der  Arbeitswoche
von  69  auf  60  Stunden  die  Löhne  sich  in  einigen  Fällen  um
40°/o,  durchschnittlich  aber  mindestens  um  12°/o  gehoben
hätten,  ohne  daß  die  Produktion  der  Textilindustrie  vermindert, ­
  der  nationale  Wohlstand  gesunken  sei 3 .  Seit  Erlaß
des  Gesetzes  hat  sich  der  Verbrauch  an  roher  Baumwolle
verdreifacht 4 .
1878  führt  die  Schweiz  den  elfstündigen  Normalarbeitstag
ein.  Österreich  folgt  1885.  „Wir  dürfen  ruhig  mit  den
besten  Kennern  der  Industrie  behaupten:  wir  haben  durch
die  Verkürzung  der  Arbeitsdauer  nichts  verloren.“  So  lautet
Schülers  Urteil  für  die  Schweiz 5  * .  In  seinem  Bericht  von
1894  sagt  der  österreichische  Gewerbeinspektor  für  Reichenberg ­
  i.  B.:
„Wie  unbegründet  die  seinerzeit  geäußerten  Besorgnisse  waren,

1  Soziale  Praxis  1898,  S.  1371.  —  Nach  den  Jahresberichten  für
1907  haben  die  Schiffswerften  und  fast  alle  größeren  Betriebe  der
Maschinen-  und  Metallverarbeitungsindustrie  im  Reg.-Bez.  Lüneburg
und  Stade  ihre  Arbeitszeit  von  10  auf  9’/2  Stunden  herabgesetzt,  ohne
daß  die  Leistungsfähigkeit  irgendwie  beeinträchtigt  worden  ist  (Jahresbericht ­
  d.  pr.  Aufsichtsbeamten  f.  1907,  S.  292).
2  Lahour  Gazette,  1905,  p.  196;  ebenso  Soziale  Praxis,  1905,  Nr.  43.
3  Sidney  Webb  S.  96.
*  Brentano,  Das  Verb.  v.  Arbeitsl.  u.  Arbeitsz.  z.  Arbeitsleistung,
1893,  S  21
5  F.  Schüler,  Das  Fabrikgesetz  und  die  Konkurrenzfähigkeit  der
schweizerischen  Industrie.  Ausgew.  Schriften,  1905,  S.  92.
        <pb n="22" />
        12

138.

welche  seitens  der  Industriellen,  besonders  aber  jener  der  Textilbranche
anläßlich  der  gesetzlichen  Festsetzung  der  Arbeitszeit  auf  11  Stunden
vorgebracht  wurden,  ist  bekannt.  .  .  .  Sind  ja  die  bei  dieser  Gelegenheit
vorgebrachten  Prophezeiungen,  betreffend  den  Niedergang  der  Industrie
durch  das  geradezu  beispiellose  Emporblühen  derselben  in  den  letzten
Jahren  widerlegt  worden
Diese  Entwicklung  einer  Industrie  ist  unmittelbar  gewiß
einer  günstigen  Konjunktur  zu  verdanken.  Zunächst  beweisen
diese  Tatsachen,  wie  das  erwähnte  Anwachsen  der  englischen
Produktionszahlen,  daß  Arbeitszeitminderung  in  der  Textilindustrie ­
  keineswegs  notwendig  und  ausnahmslos  die  angekündigten ­
  Schädigungen  im  Gefolge  hat,  Lohn  und  Ertrag
regelmäßig  senken  muß 1  2 .  Schon  wenige  Beispiele  genügen,
um  diese  Behauptung  in  Relief  zu  bringen.  Blocher  berechnet
das  Verhältnis  der  Jahreserträge  für  seinen  Spinnereibetrieb
folgendermaßen 3 .  Wenn  man  1873  mit  zwölfstündiger  Arbeitszeit ­
  gleich  100  setzt,  so  zeigt  1878  bei  11  Stunden  97,6;  1879
schon  101,9;  1880  dann  105,5;  1881  110,8;  1882  schließlich
102,6.  —  Eine  Selfaktorspinnerei  produziert  mit  den  gleichen
Maschinen,  Rohstoffen  und  Garnnummern  388  statt  372  kg
pro  Tag 4  * .  —  Der  Gewerbeinspektor  für  den  Unterelsaß  bringt
genauere  Angaben  in  einem  Fall,  bei  dem  die  Arbeitszeit
gleichfalls  um  8,3  °/o  verkürzt  wurde 6 .

Durchschnittliche  Produktion  in  Meterlänge  pro  Webstuhl  und
Arbeitstag.

Nummer  des
Gewerbes

1891
12-Stundentag

1893
11-Stundentag

Steigerung
°/o

1

34

38

11,7

2

32

38

18,7

3

32

36

12,5

4

24

27

12,5

5

21

25

19

6

21

23

9,5

7

21

23Vü

6,8

Die  benachbarten  schweizer  und  italienischen  Textilindustrien ­
  konkurrieren  natürlich  miteinander.  Nirgends  ist
ein  Zeichen  dafür  aufgetreten,  daß  Italien  mit  seinen  langen

1  Ber.  d.  K.  K.  Gewerbeinspektion  i.  J.  1894,  S.  196;  n  ßost  S  94
2  8.  Webb  8.  97,  102.  —  Brentano  S.  18.  ’
3  Lang,  Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.  XI,  S.  121.
4  Schüler,  Schriften,  S.  98.
6  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  bearb.  im  Keichsarot
des  Innern,  1905,  S.  262.
        <pb n="23" />
        138.

13

Arbeitszeiten  der  schweizer  Industrie  Abbruch  getan  hätte 1 .
Viel  schärfer  mußte  freilich  die  Konkurrenz  zwischen  Massachusets
  mit  gesetzlichem  Zehnstundentag  auf  der  einen  Seite,
Connecticut  und  Rhode-Island  mit  längerer  Arbeitszeit  auf  der
anderen  entbrennen.  1874  wird  der  Untergang  der  Textilindustrie ­
  von  Massachusets  prophezeit.  Jeder  Nachteil  kürzerer
Arbeitszeit  hätte  verderbliche  Folgen  gehabt.  Klima  und
Arbeiter,  Rohstoff  und  Kapitalzins,  Einkaufsgelegenheiten  und
Märkte  :  alles  war  gleich  in  den  drei  Staaten.  Man  kann  fast
von  einem  experimentum  crucis  sprechen.  1881  stellt  Carol
D.  Wriglit,  der  hervorragende  Statistiker,  eine  genaue  Untersuchung ­
  an.  „Es  unterliegt  keinem  Zweifel,“  so  faßt  er  zusammen, ­
  „daß  Massachusets  in  10  Stunden  pro  Kopf,  Spindel
und  Webstuhl,  jedesmal  die  gleichen  Kategorien  verglichen,
ebenso  viel  produziert  wie  andere  Staaten  mit  11  und  mehr
Stunden,  ferner,  daß  die  Löhne  hier  ebenso  hoch,  wenn  nicht
höher  sind,  als  in  Staaten,  wo  die  Betriebe  länger  laufen 1  2 .“
Schon  1872  führt  übrigens  der  Bericht  des  Labour  Bureau
24  Betriebe  an,  unter  denen  sich  Schiffs-  und  Maschinenbauanstalten ­
  ,  sowie  Schuh-,  Draht-,  Stuhl-,  Klaviertabriken  befinden, ­
  und  bei  denen  freiwillige  Einführung  des  Zehnstundentages ­
  günstige  Ergebnisse  gezeitigt  hat 3 .  Die  große  deutsche
Umfrage  über  „die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen“  vom
Jahre  1902  enthält  in  Fülle  parallele  Beobachtungen.  Leinenwebereien ­
  und  Hutfabriken,  Betriebe  der  Porzellan-,  Glas-,
Schuh-  und  Zigarrenindustrie  haben  mit  dem  Zelinstundentag
glückliche,  teilweise  glänzende  Erfolge  erzielt.  Uhren-  und
Zündholzfabriken  schließen  sich  an 4  * .  Ohne  Verluste  wurde
neunstündige  Arbeitszeit  in  Schuh-  und  Möbelfabriken  eingeführt ­
 6 .
Eine  kaum  erwartete  Bestätigung  dieser  Ergebnisse  fanden
einzelne  Industrielle,  die  bei  schlechtem  Geschäftsgang,  in  der
toten  Saison  ihre  Produktion  durch  Minderung  der  Arbeitszeit ­
  einzuschränken  gedachten;  Verhältnisse,  wo  nach  der
Lage  der  Dinge  technische  und  ertragsteigernde  Betriebsverbesserungen ­
  a  limine  ausgeschlossen  waren.  Trotzdem  sind
die  Resultate  so  erstaunlich,  daß  auf  sie  besonderer  Nachdruck
gelegt  werden  muß.  Eine  Spiralenfabrik  setzt  die  Arbeitszeit

1  Hdwb.  d.  St.  I,  S.  1028.  —  Immer  ist  natürlich  die  Voraussetzung
zu  beachten,  daß  nicht  andere  günstige  Produktionsbedingungen,  etwa
die  billigen  italienischen  Wasserkräfte,  später  einen  Konkurrenzvorsprung ­
  herbeiführen,  der  sich  aber  nicht  den  langen  Arbeitszeiten  zurechnen ­
  läßt.  (Vgl.  Zeitschr.  d.  V.  deutsch.  Ing.,  1905,  S  401.)
-  Report  on  Uniform  Hours  of  Labour,  p.  137,  nach  S.  Webb  S.  98.
3  J.  Rae,  S.  26.
4  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  S.  126,  160,  166,  224,
236,  238,  239.
3  Jahresbericht  d.  Kgl.  Preuß.  Reg.-  u.  Gew.-Räte,  1902,  S.  43,
1903,  S.  219.
        <pb n="24" />
        14

138-

auf  die  Hälfte  herab.  Zu  der  Verwunderung  der  Besitzer
beträgt  die  Abnahme  der  Produktion  nicht  50  °/o,  sondern  nur
10  0, o  \  Ähnliche  Beobachtungen  machte  Freese  in  seiner
Jalousiefabrik.  Der  Gewerbeinspektor  für  Liegnitz  schreibt
1902:
„In  mehreren  Textilfabriken  wurde  im  Frühjahre  1902  vorüber,
gehend  die  Arbeitszeit  um  2—3  Stunden  verkürzt.  Ein  Unternehmer
erreichte  durch  diese  Maßnahme  nicht  die  beabsichtigte  Einschränkung
der  Erzeugnisse.  Die  Arbeiterinnen,  welche  im  Akkord  beschäftigt
wurden,  leisteten,  wie  der  Gewerbetreibende  versichert,  in  acht  Stunden
ebensoviel  wie  bisher  in  10  Stunden.  Um  die  Produktionseinschränkung
herbeizuführen,  sah  er  sich  deshalb  veranlaßt,  Arbeiterinnen  zu  kündigen“ ­
  1  2 .
In  dem  Bericht  für  1901  heißt  es:
„In  der  Zeit  schlechten  Geschäftsgangs  zeitigte  die  Reduktion  der
Arbeitszeit  die  bemerkenswerte  Erscheinung,  daß  selbst  eine  erhebliche
Verkürzung  unter  sonst  gleichen  Umständen  keine  wesentliche  Verminderung ­
  der  Produktion  mit  sich  brachte.  Der  Besitzer  einer  Tuchweberei ­
  lehnte  es  ab,  eine  Produktionsminderung  durch  kürzere  Arbeitszeit ­
  zu  bewirken,  weil  nach  seiner  Erfahrung  die  Arbeiter  in  der
kürzeren  Arbeitszeit  durch  angestrengtere  Tätigkeit  ebensoviel  leisten
würden,  wie  in  der  längeren“ 3 .
Im  Regierungsbezirk  Schleswig  erzielen  die  Arbeiterinnen
einer  Weberei,  deren  Arbeitstag  auf  7*/2  Stunden  herabgeht,
fast  gleiche  Verdienste.  Die  Ausnützung  der  Webstühle  steigt
von  56  °/o  auf  66°,o 4 .  Gleiche  Beobachtungen  anderwärts 5  6 .
Es  gibt  zwei  weitere  Tatsachenreihen,  die  indirekt  auf  die
Beziehung  höherer  Arbeitsintensität  zu  kürzerer  Arbeitszeit
hinweisen.  Einmal  die  Feststellung,  daß  in  vielen  Fällen
Überstunden  auf  die  Dauer  die  Gesamtleistung  nicht  nennenswert ­
  steigern;  dann  der  Umstand,  daß  auch  Kürzung  der
Arbeitszeit  in  großem  Stil  keine  entsprechende  Neueinstellung
von  Arbeitskräften  nach  sich  zieht.  Wenn  sich  die  Zahl  der
Arbeitslosen  nicht  vermindert,  so  darf  die  Annahme,  daß  der
beschäftigte  Teil  eine  annähernd  gleiche  Leistung  produziert,
zur  Erklärung  herangezogen  werden.
Nach  Einführung  des  schweizer  Elfstundengesetzes  wurde
noch  für  Einzelfälle  die  Erlaubnis  zu  Überzeitarbeit  gegeben.
Anfangs  wird  oft  von  dieser  Einrichtung  Gebrauch  gemacht.
1  Schüler,  Schriften,  S.  99.  —  Freese,  Fabrikantensorgen  S.  18.
2  Jahresberichte,  1902,  S.  130.
3  Jahresberichte,  1901  (Reg.-Bez.  Frankfurt),  S-  33—34.
4  Jahresberichte  für  1901,  8.  157.  —  Vielleicht  würde  sich  diese
hypertrophische  Arbeitsweise  auf  die  Dauer  nicht  aufrechterhalteu
lassen  (vgl.  z.  ß.  Jahresber.  1901,  S.  215).  Bewiesen  ist  aber  damit  die
allgemeine  Möglichkeit,  trotz  automatischer  Maschinen,  das  Arbeitstempo ­
  zu  steigern.
6  Die  Arbeitszeit  d.  Fabrikarbeiterinnen,  S.  147,  160,  185,  204.
        <pb n="25" />
        138.

15

Dann  kommt  mehr  und  mehr  die  Überzeugung  zum  Durchbruch, ­
  daß  „bei  Überzeitarbeit  nicht  viel  herauskommt“  h  —
Trotz  des  Ansporns  der  Aufseher,  selbst  durch  Prämien,  ist
keine  dauernde  Mehrleistung  zu  erzielen.  Die  Ermüdung  des
einen  Tages  zieht  sich  in  den  anderen  hinüber 1  2 .  Als  eine
Selfaktorspinnerei  3  Monate  1  Stunde  täglich  Überzeit  arbeitet,
hat  die  Leistung  nicht  etwa  um  9,1  °/o  zu-,  sondern  um  0,9  °/o
abgenommen.  In  einem  zweiten  Falle  entsprach  einer  9,1  °/o
längeren  Arbeitszeit  nur  eine  l,6°/oige  Zunahme  der  Produktion. ­
  In  einem  dritten  war  die  Steigerung  4,4  °/o.  Dementsprechend ­
  erklärt  ein  Teil  der  Unternehmer  dem  Berichterstatter ­
  für  Trier,  daß  „bei  Ausdehnung  der  Arbeitszeit  über
10  Stunden  hinaus  die  Arbeitsleistung  nicht  erhöht  wird 3 .“
öleiche  Ergebnisse  treten  bei  anderen  Gelegenheiten  zutage 4  5 .
In  der  optischen  Werkstatt  von  Zeiß  hat  ein  Versuch  mit
Überstunden  trotz  25  °/o  Zuschuß  verdienst  nur  kurze  Zeit  Erfolg; ­
  dann  geht  die  Mehrleistung  zurück,  wird  schließlich  Null 6 .
Aus  dem  gleichen  Grund  läßt  die  früher  erwähnte  Isoliermittelfabrik ­
  keine  Überstunden  mehr  arbeiten.  —
Eine  grausame  Täuschung  würde  jener  Fabrikant  erlebt
haben,  der  da  zu  Marx  sagte:  „Wenn  Sie  mir  erlauben,  täglich ­
  nur  10  Minuten  Überzeit  arbeiten  zu  lassen,  stecken  Sie
jährlich  1000  Pfund  St.  in  meine  Tasche 8 .“  Ebenso  vermehrt
eine  zeitweilige  Verlängerung  der  Arbeitstage  bei  deutschen
Bergleuten  den  Ertrag  nur  in  den  ersten  4  Wochen.  Dann
sinkt  die  Produktion  allmählich  bis  zur  Leistung  des  früheren
Achtstundentages 7 .
Die'Sozialisten  waren  öfter  für  kürzere  Arbeitszeit  eingetreten, ­
  weil  sie  auf  eine  von  Lohnsteigerungen  begleitete
Verkleinerung  der  Reservearmee  rechneten.  Abgesehen  von
der  theoretisch  unhaltbaren  Folgerung,  daß  sinkende  Produktivität ­
  auf  die  Dauer  mit  steigenden  Löhnen  vereinbar  wäre,
so  hat  sich  auch  die  Annahme  einer  Verminderung  der  Arbeitslosen ­
  in  der  Praxis  nicht  bewährt.  1885  fanden  im  Staate
New  York  24  Streiks  wegen  Arbeitszeitverkürzung  statt.  Die
Bau-,  Eisen-  und  Tabakindustrie  erlangen  einen  Neunstunden-1

  Schüler,  Schriften,  S.  100.
2  Die  Versuche  von  Bettmann  haben  ergeben,  daß  sich  die  Ermüdungsreste
  geistiger  Überanstrengung  durch..  Nachtversuche  noch
•  hindurch  verfolgen  ließen.  (S.  Bettmann,  Über  die  Beeinflussung
einfacher  psychischer  Vorgänge  durch  körperliche  und  geistige  Arbeit.
Bsych.  Arb.  herausgeg.  v.  Kräpelin,  I,  S.  202,  208).
,  ü 1 .®  -Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  S.  146.
w  ,l-, b \ 21 'L 22: ^ 224 ’  257.  -  Schönhoff,  The  Economy  of  high
—  A.  Kolb,  Als  Arbeiter  in  Amerika,  S.  64.  —
P.  Gohre,  Drei  Monate  als  Fabrikarbeiter,  S.  73  usw.
5  Abbe,  S.  220.
6  Marx,  Kapital  I,  1872,  S.  228.
7  S.  Webb  u.  H.  Cox,  S.  104.
        <pb n="26" />
        16

138.

tag.  Das  Bureau  für  Arbeiterstatistik  erwähnt  in  seinem  Bericht ­
  für  das  folgende  Jahr,  daß  die  vor  dem  Streik  berechnete ­
  Neueinstellung  von  1003  Arbeitern  nicht  stattgefunden ­
  habe  x .  —  ln  dem  Erlaß  des  österreichischen  Eisenbahnminister!ums
  von  1905,  worin  die  Arbeitszeit  der  Werkstätten
von  10  auf  9V2  Stunden  herabgesetzt  wird,  heißt  es  mit  Betonung:, ­
  daß  trotz  der  Verkürzung  der  Arbeitszeit  um  V20  in
der  Werkstätte  Wien  außer  anderen  Erfolgen  eine  besondere
Vermehrung  des  Arbeiterstandes  nicht  erforderlich  gewesen
sei 1  2 .  Die  Verhältnisse  von  Australien  bestätigen  und  ergänzen
diese  Beobachtungen.  Hier  ist  nur  die  Hälfte,  in  Viktoria
sogar  bloß  ein  Viertel  aller  Arbeiter  länger  als  8  Stunden
beschäftigt.  1885  führen  die  Brauer  diese  Arbeitszeit  ein.
Für  Viktoria  betrug  die  Zahl  der  Beschäftigten  1884:  860,
1885:  955,  1886  nur  975,  d.  h.  weniger  als  die  normale  Zunahme ­
 3 .  Die  Produktion  steigt  trotzdem  beständig.  Dies  gilt
auch  von  den  Sattlern  und  Schuhmachern,  die  in  dem  entscheidenden ­
  Jahr  eine  kleine  Verminderung  der  Arbeiterzahl
aufzuweisen  haben.
Unter  welcher  Form  dürfen  die  vorgeführten  Tatsachen
zusammengefaßt  werden?  Von  vornherein  abzulehnen  ist  ein
Satz  wie  der  folgende:  „Wir  wissen,  daß  die  Arbeitsintensität
verschieden  ist  bei  verschiedener  Dauer  des  Arbeitstages,  daß
sie  .  .  .  in  umgekehrtem  Verhältnis  zur  Dauer  des  Arbeitstages ­
  steht 4 “.  Einmal  kann  von  einem  proportionalen  Effekt
keine  Rede  sein;  dann  sind  die  Ausnahmen,  die  die  Regel
durchlöchern,  in  dieser  dogmatischen  Formulierung  unberücksichtigt ­
  geblieben.  Den  komplizierten  und  verschiedenartigen
Bedingungen  gemäß,  unter  denen  das  Phänomen  auftritt,
spricht  man  besser  von  einer  Tendenz,  als  von  einer  Regelmäßigkeit ­
  Zunächst  zeigen  freilich  die  parallelen  Berichte
aus  den  Kulturländern  aller  Erdteile,  daß  in  der  Feststellung
höherer  Arbeitsintensität  bei  kürzerer  Arbeitszeit  eine  Tatsache ­
  vorliegt,  die  weniger  von  den  eigenartigen  Zuständen
einer  bestimmten  Volkswirtschaft,  als  von  allgemeinen  technischwirtschaftlichen ­
  Voraussetzungen  bedingt  wird.
Die  einzelnen  Tatsachen  verstärken  gegenseitig  durch  ihre
Fülle  und  verschiedene  Herkunft  ihre  Beweiskraft.  Methodisch
angestellte  Beobachtungen,  vor  allem  ein  wandsfreie,  ziffernmäßige ­
  Angaben,  sind  freilich  meist  nicht  vorhanden.  Die

1  J.  Rae,  S.  43.
2  Soz.  Rundschau,  herausgeg.  v.  K.  K.  Arbeitsstat.  Amt,  1905,
S.  555.
8  J.  Rae,  S.  292  seq.  —  Als  man  die  vierunddreißigste  Wiederkehr
des  Achtstundentages  durch  einen  Festtag  feierte,  wurde  eine  Festprozession ­
  in  Melbourne,  an  der  8000  Mann  teilnahmen,  durch  eine  Demonstration ­
  der  Arbeitslosen  gestört.  Ein  symbolisches  Faktum!  (A.  a.
O.,  S.  260.)
*  L.  v.  Buch,  El.  d.  pol.  Ök.,  1896,  S.  76.
        <pb n="27" />
        138.

17

Ausnahmen,  besonders  Abbes  und  Fromonts  Feststellungen,
sind  um  so  wichtiger.  Die  mehr  als  Überschlag  bekanntgegebenen ­
  Gesamtresultate  dürfen  deshalb  nicht  unterschätzt
werden.  Ihre  Unbestimmtheit  gewinnt  dadurch  an  Bedeutung,
daß  jene  Aussagen  von  den  Betriebsleitern  selbst  stammten,
die  am  besten  den  Geschäftsgang  bei  verschiedenen  Arbeitszeiten ­
  übersehen  und  beurteilen  konnten.  —  Nicht  weniger
als  die  Zahl  berechtigt  die  Mannigfaltigkeit  der  Betriebe  zu
der  Folgerung,  daß  hier  eine  allgemeine  Tendenz  erscheint,
die  von  keinen  speziell  technisch-organisatorischen  Zuständen ­
  getragen  wird  1 .
Eine  Schiffswerft  und  eine  Maschinenfabrik,  eine  Baumwollspinnerei ­
  und  eine  optische  Werkstatt  umfassen  die  verschiedensten ­
  technischen  Prozesse.  Alle  Kategorien  industrieller ­
  Arbeit  sind  vertreten:  von  koordinierter  Individualarbeit, ­
  die  aus  persönlicher  Energie,  Aufmerksamkeit  und
Fähigkeit  entspringt,  bis  zur  gesteigertsten  Gruppenarbeit,  die
auf  Subordination,  auf  der  guten  Organisation,  der  gegenseitigen ­
  Anpassung,  dem  richtigen  und  schnellen  Ineinanderarbeiten ­
  der  Gruppenmitglieder  beruht.  —  Die  Tendenz
höherer  Arbeitsintensität  bei  kürzerer  Arbeitszeit  erscheint  durch
die  Tatsachen  wirklich  einigermaßen  gesichert.  Auf  die  auszuschließenden ­
  Gebiete  kommen  wir  noch  zurück.  Selbstverständlich ­
  besteht  eine  Maximalintensität,  die  nicht  überschritten ­
  wird,  ohne  die  Leistung  zu  senken.  Weder  kann
jede  beliebige  Kürzung  der  Arbeitszeit,  ceteris  paribus,  die
Erträge  unberührt  lassen,  noch  muß  ein  Achtstundentag  notwendig ­
  und  überall  die  Maximalleistung  garantieren.  —  Die
Richtigkeit  einer  Beziehung  unterhalb  einer  Grenze  würde
durch  das  Bestehen  dieser  natürlich  keinerlei  Abschwächung
erleiden.  —  Sicher  liegt  hier  wie  so  oft  in  den  Sozialwissenschaften ­
  eine  Tendenz,  aber  kein  Gesetz  vor.  Eine  solche
Erkenntnis  ist  um  so  wertvoller,  je  mehr  man  sich  ihrer
relativen  Gültigkeit,  ihrer  Voraussetzungen  und  Einschränkungen
bewußt  bleibt.
So  wenig  höhere  Intensität  der  Arbeit  von  einer  bestimmten ­
  Betriebsweise,  einer  besonderen  Arbeitsverrichtung
abhängt,  sie  ist  doch  an  eine  allgemeine  wirtschaftlich-technische
Kultur,  an  ein  gewisses  physisch-geistiges  Niveau  der  arbeitenden ­
  Klassen  gebunden.  Die  angeführten  Daten  stammten

....^ n  England  sind  1894—1896  200  Betriebe  dem  Achtstundensystem
zugetuhrt  worden.  Dazu  gehören  u.  a.:  Maschinenbauer,  Weillblechschmiede,
  Kupferschmiede,  Marmorarbeiter,  Wollweber,  Möbeltischler,
Seilsp  nner,  Drucker,  Buchbinder,  Stahlwerke,  Kürschner,  Tabakfabriken,
Putzer,  Kanalisationsarbeifer,  Maurer,  Riegel-  und  Schraubenmacher,
ouberarbeiter,  Holzschnitzer,  Geldschrankarbeiter,  Hochofenleute,  Schuhmacher, ­
  Lederarbeiter  usw.  (J.  Rae,  Neue  Fortschritte  der  Achtstundenbewegung ­
  in  England.  Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.,  1898,  S.  13.)
Forschungen  138.  —  Bernhard.  2
        <pb n="28" />
        18  138.
ohne  Ausnahme  von  größeren  kapitalkräftigen  Betrieben  mit
vorgeschrittenen  Produktionsmethoden.  Dieser  übereinstimmende ­
  Zug  weist  auf  gewisse  Voraussetzungen  hin,  die  einem
günstigen  Effekt  kürzerer  Arbeitsdauer  entgegenkommen.
Wenn  die  Einflüsse,  die  den  Puls  des  Produktionsprozesses
beschleunigen  helfen,  so  weit  wie  möglich  bloßgelegt  werden,
lassen  sich  diese  Voraussetzungen  klären  und  näher  bestimmen.
Das  erfordert  eine  Analyse  der  technisch-organisatorischen
Bedingungen  und  Faktoren,  von  denen  eine  Intensivierung  der
Arbeit  getragen  wird.  Mit  dieser  Frage  stehen  wir  unserem
Hauptthema  gegenüber.
        <pb n="29" />
        2*

Zweiter  Teil.
Die  technisch-organisatorischen  Bedingungen  höherer
Arbeitsintensität  hei  kürzerer  Arbeitszeit.

Auf  den  folgenden  Seiten  wird  der  Versuch  gemacht,  die
Bedingungen  und  Faktoren  höherer  Arbeitsintensität  bei
kürzerer  Arbeitszeit  zu  analysieren  und  ihre  Wirksamkeit
isoliert,  ja  teilweise  abgelöst  von  dem  Problem  der  Arbeitszeit,
in  der  Wirklichkeit  nachzuweisen.  Auch  in  einem  gleichbleibenden ­
  Arbeitstag  kann  eine  gesteigerte  Leistung  entfaltet
werden.  Um  daher  zu  zeigen,  an  welchen  Punkten  höhere
Intensität  bei  kürzerer  Dauer  der  Arbeit  einsetzt,  ist  es  manchmal ­
  zweckmäßig,  die  Intensivierungsmethoden  der  modernen
industriellen  Arbeit  für  sich  zu  betrachten.  Die  Beziehung
auf  die  Frage  kürzerer  Arbeitszeit  bleibt  stets  im  Hintergrund.
Nach  ihr  sind  alle  Punkte  des  folgenden  ausgerichtet,  auch
wo  dies  nicht  besonders  betont  wurde.  —  Die  Darstellung
nimmt  Textil-  und  Maschinenindustrie  zur  Grundlage,  ohne
den  Anspruch  und  Hinweis  auf  allgemeinere  Gültigkeit  aufgeben ­
  zu  wollen.  Müssen  doch  bei  den  anderen  Industrien
mehr  oder  weniger  ähnliche  Verhältnisse  wiederkehren.  Textilund
  Maschinenindustrie  wurden  gewählt:  1.  wegen  ihrer  allgemeinen ­
  Bedeutung  im  Wirtschaftsleben,  2.  weil  passendes
Material  vorlag,  3.  weil  sie  in  einem  gewissen  Gegensatz  zwei
ziemlich  typische  Repräsentanten  der  innerhalb  der  modernen
Technik  sich  abspielenden  Prozesse  bilden.
Die  einzelnen  Kapitel  sind  folgendermaßen  gegliedert.
Zuerst  werden  die  allgemeinen  Methoden  höherer  Arbeitsintensität ­
  erörtert,  die  sich  unter  der  Signatur  „Verkürzung
der  Pausen“  zusammenfassen  lassen.  Hieran  schließt  sich  als
Sondertypus  die  Intensivierung  nach  dem  Prinzip  „Mehr
Maschinen  in  einer  Hand“.  Schließlich  wird  drittens  die  Betriebsorganisation ­
  als  Bedingung  eines  erhöhten  Arbeitstempos
hervorzuheben  sein.
        <pb n="30" />
        20

138.

Erstes  Kapitel.
Die  technische  Analyse  der  Textilindustrie.
Die  Verdichtung  des  Produktionsprozesses  vollzieht  sich
durch  Verminderung  der  Pausen  an  Zahl  und  Dauer,  d.  h.
eine  größere  Anzahl  Produktionsakte  wird  auf  eine  gleichbleibende ­
  Spanne  Zeit  zusammengedrängt.  Zahlreiche  Instanzen ­
  weisen  darauf  hin,  daß  diese  Möglichkeit  auch  der
Textilindustrie  offensteht,  wenn  sie  vielleicht  auch  hier
schwieriger  als  anderwärts  zu  verwirklichen  ist.
„In  den  Webereien“,  so  sagt  der  Gewerbeinspektor  von  München-Gladbach,
  „liegt  es  in  der  Hand  der  Arbeiter,  durch  bessere  Ausnutzung
der  Zeit,  d.  h.  durch  flinkere  und  aufmerksamere  Bedienung  ihres
Stuhles  und  die  dadurch  bedingte  Verringerung  in  Zahl  und  Dauer
derjenigen  Pausen,  während  welcher  die  kleineren  Nebenarbeiten  ausgeführt ­
  werden  und  der  Stuhl  stille  steht,  in  der  verkürzten  Arbeitszeit ­
  dasselbe  zu  leisten  wie  bei  weniger  Aufmerksamkeit  in  der  längeren
Arbeitszeit  V‘
Der  Arbeitsgang  der  Textilindustrie  umfaßt  genug  Eingriffe, ­
  die  je  nach  der  Geschicklichkeit  und  Intelligenz,  der
Frische  und  Schnelligkeit  des  Arbeiters  in  längerer  oder
kürzerer  Zeit  vor  sich  gehen.  Produktionszeit  und  nominelle
Arbeitsdauer  sind  keineswegs  identisch.  Je  nach  Maschine
und  Rohstoff  bestehen  hier  natürlich  Unterschiede.
Während  ein  Krempel  ununterbrochen  läuft,  machen  bei
einem  Wolf  moderner  Konstruktion  unvermeidliche  Stillstände
25  °/o  der  gesamten  Arbeitszeit  aus.  Herbeischaffen  und  Wegbringen ­
  der  Baumwolle,  Reinigung  und  Instandsetzung  der
Maschine  rufen  diese  Zeitverluste  hervor.  Auch  für  die
Leistungsfähigkeit  des  Öffners  kommen  höchstens  3 b  der
Arbeitsdauer  in  Betracht 2 .  Putzen,  Weg-  und  Herbeischaffen
der  Wollen  bedingen  unvermeidliche  Pausen.  —  Das  Vorspinnen ­
  macht  Eingriffe  wie  Abnehmen  und  Aufsetzen  der
Spulen,  Putzen  usf.  erforderlich.  An  Leistung  geht  dadurch
verloren:  beim  Grobflyer  Vs—  1 U,  beim  Mittelflyer  1 U—Vs,  für
den  Feinflyer  Vs,  beim  Doppelfeinflyer  V5  -  Vs  3 .
Die  Leistung  der  eigentlichen  Spinnmaschine  ist  nicht
bloß  von  der  Spindelzahl,  der  Länge  des  Auszugs  und  der
Zeit  abhängig,  die  zum  Spinnen  und  Aufwinden  eines  Auszugs
angewendet  wird.  Pausen  entstehen.  Die  leeren  Spulen
werden  von  den  Spindeln  genommen,  neue  müssen  aufgesteckt
1  Rost,  Der  Aehtstundennormalarbeitstag,  S.  97.
2  E.  Müller,  Handbuch  der  Spinnerei  (Hdb.  d.  mech.  Technolog.,
herausgeg.  v.  Karmarseh),  1892,  8.  67.  —  H.  Fritz,  Baumwollspinnerei,
s.  100.
3  E.  Müller,  S.  149.
        <pb n="31" />
        .138.

21

werden.  Fäden  reißen  ab  und  müssen  geknüpft  werden.
(Die  Häufigkeit  der  Brüche  hängt  von  Garnnummer  und  Rohstoff ­
  ab.)
„Geschicklichkeit  und  Aufmerksamkeit  des  Spinners,  Güte  und
sorgfältige  Vorbereitung  der  Baumwolle  bedingen  die  gelieferte  Garnmenge ­
  wesentlich.  .  ..  Große  Maschinen  liefern  nicht  ganz  in  dem  Verhältnis ­
  einer  größeren  Spindelzahl  mehr  Garn,  weil  mit  der  Vermehrung
der  Fäden  die  Übersicht  erschwert  wird  und  leichter  Störungen  eintreten

Ebenso  hängt  noch  in  der  Selfaktorspinnerei  viel  vom
Spinner  ab.  um  qualitativ  wie  quantitativ  gute  Arbeit  zu
liefern.
„Häufig  kommt  es  vor,  daß  eine  Maschine  unter  der  Führung  eines
guten  Arbeiters  die  tadelloseste  Arbeit  verrichtet;  wechselt  man  den
Arbeiter,  so  kann  es  zuweilen  Vorkommen,  daß  man  selten  einen  guten
Abzug  zu  sehen  bekommt 1  2  3 .“
In  der  Kamm  wollspinnerei  wird  bei  zwölfstündiger  Arbeitszeit ­
  9  Stunden  wirklich  gerponnen 8 .  Betragen  die  Unterbrechungen ­
  ein  Viertel  des  Arbeitstages,  so  dominiert  die
Maschine  keineswegs  völlig.  Nach  der  Schätzung  eines  Spinnmeisters ­
  kann  eine  fähige  Spinnerin  die  zweifache  Leistung
einer  unfähigen  produzieren.  Diese  dem  Verfasser  von  einem
Praktiker  gemachte  Angabe  greift  wohl  zu  hoch,  gibt  aber
einen  Anhaltspunkt,  um  was  es  sich  eigentlich  handelt.  In
der  Luckenwalder  Wollwarenfabrik  von  W.  Müller  schwanken
die  wöchentlichen  Akkordlöhne  einer  Spinnerin  bei  gleichen
Maschinen  ungefähr  zwischen  10  und  15  Mk.
Was  persönliche  Leistungsfähigkeit  betrifft,  so  steht  der
englische  Spinner  an  der  Spitze.  Er  bringt  es  bei  einer
Maschine  von  800  Spindeln  auf  eine  Tagesleistung  von  66  Pfd.,
Garn  Nr.  40,  während  ein  Franzose  nur  48  Pfd.  liefert 4  5 .  In
England  laufen  die  Spindeln  95  °/o  der  Gesamtarbeitszeit  tatsächlich, ­
  in  Württemberg  nur  90  °/o.  Obgleich  ihre  Geschwindigkeit ­
  im  Elsaß  10  °/o  abnimmt,  werden  hier  nur  80  °/o,
in  England  92—95  %  der  theoretisch  möglichen  Leistung
herausgebracht 8 .  Der  chinesische  und  japanische  Arbeiter
bedient  nur  2—300  Spindeln  und  verliert  dennoch  25  °/o  der
Spinnzeit 6  * ;  die  italienische  Spinnerin  sogar  40  °/o,  weil  sie  die
Fäden  zu  langsam  anknüpft.  In  der  englischen  Industrie
macht  sich  heute  die  Ca’canny-Politik  der  Gewerkvereine  be-1

  A.  a  O.  S.  184.
2  Fritz,  S.  822.
3  E.  Müller,  S.  420.
4  Roscher,  System  I,  1906,  S.  117.
5  Schulze-Gävernitz,  Der  Großbetrieb,  1892,  S.  117,  118.
6  A.  Tille,  Der  Wettbewerb  weißer  und  gelber  Arbeit  in  der
industriellen  Produktion,  1904  (Soz.-wirtsch.  Zeitfr.,  Heft  2),  S.  56.
        <pb n="32" />
        22

138.

merkbar.  Die  Textilindustrie  ist  nach  den  jüngsten  Ermittlungen ­
  davon  frei 1 .  Arbeitgeber  wie  die  Angestellten  selbst
bestätigen,  daß  die  Arbeiter  in  der  Gegenwart  persönlich  mehr
leisten  als  etwa  vor  20  Jahren.
In  der  Weberei  ist  höhere  Intensität  der  Arbeit  auf
gleicher  Produktionsbasis  noch  leichter  durchführbar  als  in
der  Spinnerei,  „ln  der  Weberei“,  so  schreibt  der  Berichterstatter ­
  für  Baden,  „hängt  die  Arbeitsleistung  zum  größten
Teil  vom  Arbeiter  selbst  ab,  und  in  vielen  Fällen  wurde  von
den  Fabrikleitern  ohne  weiteres  eingeräumt,  daß  auch  bei
verkürzter  Arbeitszeit  dieselbe  Produktion  sich  erzielen  lasse
und  der  Betrieb  rationeller  sei 1  2 .“  Beim  gewöhnlichen  Webstuhl ­
  geht  mindestens  ein  Viertel  des  Arbeitstages  durch  Pausen
verloren.  In  der  Weberei  der  Tuch-,  Buckskin-  und  Paletotstoffe ­
  schwanken  die  toten  Zeiten  je  nach  der  Leistungsfähigkeit ­
  des  Webers  zwischen  2 x /a  und  5  Stunden 3 .
Durchschnittlich  alle  5  Minuten  gehen  Schußfäden  aus
und  werden  ersetzt,  oder  sie  reißen  und  werden  wieder  angeknüpft. ­
  Weitere  Unterbrechungen  entstehen,  denn  eine  neue
Kette  muß  angeschnellt  werden;  außerdem  reißen  etwa  20
Kettenfäden  täglich 4 .  Wenn  der  Schußfaden  ausgeht,  steht
der  Stuhl  still,  das  Schiffchen  wird  herausgenommen  und
durch  ein  neues  ersetzt;  der  Stuhl  aber  muß  wieder  in
Gang  gebracht  werden.  Schließlich  ist  die  leere  Spule  im
Schützen  zu  erneuern.  Dazu  wird  die  alte  entfernt,  die  neue
auf  eine  aus  dem  Schützen  herausklappbare  Spindel  gesteckt
und  der  Fadenanfang  durch  ein  Ohr  im  Schützen  gesaugt.
Ein  Achtstuhlweber  muß  diese  Operationen  täglich  960mal
durchfuhren.  Wenn  man  bei  einem  zehnstündigen  Arbeitstag
außerdem  V2  Stunde  für  Reinigung  und  Schmierung  der
Maschine  ansetzt,  erfolgen  die  beschriebenen  Eingriffe  alle
halben  Minuten.  In  Wirklichkeit  komplizieren  sich  diese
Verhältnisse,  da  meist  mehrere  Stühle  zugleich  Stillstehen  und
dadurch  die  toten  Zeiten  verlängern 5 .
Streng  genommen  sind  die  vielzitierten,  von  selbst  laufenden
Webstühle  des  Aristoteles  heute  wie  ehemals  Fata-Morgana-Bilder
  einer  Zukunft,  die  die  Frage  der  Arbeitszeit  eo  ipso
gelöst  hätte.  Im  Gegenteil.  Der  Sachkenner  Birtwhistle  behauptet, ­
  daß  keine  der  seit  1850  eingeführten  Verbesserungen
die  Arbeit  der  Weber  nennenswert  erleichtert  habe.  Der
Weber  besorge  mehr  Stühle,  von  denen  jeder  einzelne  wegen
1  Eleventh  Report  of  the  Commission  of  Labor.  Regulation  and
Restriction  of  Output,  Wash  1905;  nach  Reichsarbeitsblatt  1907,  S.  54.
2  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  S.  222.
3  E.  Müller,  Handbuch  d  Weberei,  1896,  S.  713.  —  R.  Martin,
Zur  Verkürzung  d.  Arbeitszeit  i.  d.  mech.  Textilindustrie.  Arch.  f.  sozi
Gesetzgeb.  u.  Stat.  VIII,  S.  253.
i  Deutsche  Technische  Rundschau,  1905,  8.  472.
5  Deutsche  Technische  Rundschau,  1905,  ibid.
        <pb n="33" />
        138.

23

der  größeren  Geschwindigkeit  durchschnittlich  21  °/o  Mehrarbeit ­
  erfordere 1 .  Ein  neuerer  Beobachter  findet,  daß  man,
„soweit  die  Samt-  und  Seidenindustrie  in  Betracht  kommt,  in
vielen  Fällen  zweifelhaft  sein  kann,  ob  die  Arbeitsleistung  in
der  mechanischen  Weberei  körperlich  weniger  schwer  sei  als
diejenige  am  Handwebstuhl 1  2  3 .“
Wie  dem  auch  sei:  der  individuellen  Fähigkeit  steht  ein
Spielraum  offen.  In  der  früher  erwähnten  Luckenwalder
Wollwarenfabrik  schwanken  die  wöchentlichen  Webelöhne  bei
dem  gleichen  Artikel  ungefähr  zwischen  14  und  18  Mk.  In
Hut-  und  Tuchfabriken  wurde  festgestellt,  daß  die  Arbeiter
vor  den  großen  Festen  bedeutende  Mehrleistungen  entwickelten,
um  die  größeren  Ausgaben  durch  mehr  Verdienst  auszugleichen 8 .
Ebenso  gibt  es  zu  denken,  wenn  die  selbsttätigen  Maschinen
einer  der  größten  Webereien  des  Unterelsaß  im  Laufe  der
Woche  folgende  Durchschnittsleistungen  aufzuweisen  haben 4 :

Montag  Dienstag  Mittwoch  Donnerstag  Freitag  Sonnabend

bei  elfstündiger  Arbeitszeit:

bei  10-stünd.
Arbeitszeit:

Tagesleist.
in  Meter  7172,3  8068,3  8306  8072,5
Stundenleist.
in  Meter  625  733,5  755  734

8114,7  7811
737,7  781,1

An  den  Sonnabenden  mit  zehnstündiger  Arbeitszeit  war
also  die  stündliche  Leistung  um  3,4  °,o  größer  als  am  besten
und  um  nahezu  25°,o  größer  als  am  schlechtesten  elfstündigen
Arbeitstag.  —  Eine  größere  Wäschefabrik  stellt  aus  ihren
Lohnbüchern  fest,  daß  der  Verdienst  bei  gleicher  Arbeitsdauer
am  Tage  vor  der  Lohnabrechnung  20  °,  o  höher  ist  als  sonst.
Von  diesen  Gesichtspunkten  her  wird  es  verständlich,  daß  die
Ausnutzung  der  Webstühle  wie  in  dem  früher  angeführten
Fall  von  56  auf  66°,o  steigen  konnte.  —  Wenn  der  Elsässer
Weber  ein  Drittel,  der  englische  nur  ein  Sechstel  seines
Arbeitstages  verliert,  so  findet  bei  dem  Elfstunden  tage  des
Elsässers  nur  7 1 /s  Stunden,  bei  dem  Engländer  mit  9  Stunden
aber  7 1 /2Stündige  Beanspruchung  der  Maschinen  statt 5 .

1  Birtwhistle,  Gen.  Sekretär  d.  Vereinigten  Webergewerkschaft
von  Nordengland,  nach  Neue  Zeit,  1891,  S.  251.  —  Vgl.  K.  Marx,  Das
Kapital  I,  1872,  S.  133.
2  H.  Brauns,  Der  Übergang  von  der  Handweberei  zum  Fabrikbetrieb ­
  i.  d  Niederrhein.  Samt-  u  Seidenindustrie  u.  d.  Lage  d.  Arbt.
i.  dieser  Periode.  Staats-  u  sozialw.  Forsch.,  herausgeg  v.  Schmoller
u.  Sering,  XXV,  4,  1906,  S.  185.  —  Brauns  betont,  daß  die  Tätigkeit  des
Webers  nicht  so  einfach  sei,  wie  der  Laie  sich  das  manchmal  vorstellt
(a.  a.  O.  S.  184).
3  Die  Arbeitszeit  d.  Fabrikarbeiterinnen,  S.  219.
*  Ibid.  S.  263.
»  J.  ßae,  S.  156.
        <pb n="34" />
        24

138.

Wir  sahen,  daß  die  Weberei  ihre  Arbeitsintensität  relativ
leichter  steigern  kann  als  die  Spinnerei.  Außer  den  technischen ­
  Zuständen  im  engeren  Sinn  sind  noch  andere  Faktoren
anzuführen,  die  das  Arbeitstempo  unmittelbar  beeinflussen.
Gutes  Rohmaterial,  wie  es  der  englische  Spinner  bearbeitet,
hat  weniger  Fadenbrüche  als  schlechtes.  Daher  geht  die
Schweizer  Textilindustrie  nach  Einführung  des  Elfstundentages ­
  vielfach  zu  besserer  Baumwolle  Uber,  die  schnellere  Behandlung ­
  gestattet.  Die  bessere  Ausnutzung  der  Stühle  in
England  wird  durch  die  Spezialisierung  der  Fabriken  auf  bestimmte ­
  Artikel  begünstigt.  Diese  Bedingung  wird  später  für
andere  Verhältnisse  ausführlich  zu  erörtern  sein.  Wer  stets
dieselbe  Garnnummer  spinnt,  dieselben  oder  ähnliche  Muster
webt,  leistet  mehr  und  macht  weniger  Fehler.  Die  großen
Spinnereien  Oldhams  und  Boltons  spinnen  wenige,  ja  nur  eine
einzige  Nummer.  Die  Webereien  von  Nordlancashire  beschränken ­
  sich  auf  einen  gutgehenden  Stapelartikel.  Der
deutsche  Fabrikant  führt  dagegen  viele  Muster.  Wenn  die
Maschinen  häufig  umgestellt  und  die  Arbeiter  auf  andere
Arbeit  eingeschult  werden,  sinkt  die  Leistung.  Die  Maschinen
werden  stärker  abgenutzt.  Der  Nachteil,  der  den  Elsässern
dadurch  erwuchs,  daß  sie  die  Zahl  ihrer  Garnnummern  vermehrten, ­
  -wurde  auf  15  °,  o  geschätzt 1 .
Schließlich  sei  noch  ein  Blick  auf  den  automatischen
Charakter  und  die  Geschwindigkeit  der  Maschinen  geworfen,
insofern  sie  eine  Steigerung  der  Leistung  in  der  Zeiteinheit
bedingen.  Bei  einer  rein  automatischen  Maschine  wäre  der
Ertrag  durch  das  Produkt:  Arbeitszeit  X  Geschwindigkeit
festgelegt.  Aus  dieser  Anschauung  heraus  stellt  etwa  ein
Jutespinner  die  typische  Behauptung  auf:  „In  unserer  Branche
geht  alles  nach  dem  Uhrwerk,  und  eine  Viertelstunde  Zeitverlust ­
  bedeutet  auch  eine  Viertelstunde  Zeitverlust  beim
Wochenabschnitt 1  2  3 .“  In  Wahrheit  sind  die  Fälle,  wo  eine
Maschine  mit  feststehender  Geschwindigkeit  absolut  unabhängig ­
  von  dem  individuellen  Können  des  Arbeiters  läuft,
recht  sporadisch.  Die  ununterbrochen  laufenden  Krempel
der  Spinnerei  könnten  hierher  gerechnet  werden.  Selbst  bei
ihnen  lassen  sich  nicht  alle  toten  Zeiten  aus  der  Welt  schaffen.
Wenn  die  Arbeiterin  sich  entfernt,  plaudert  usw.,  entstehen
Pausen,  in  denen  die  Maschine  natürlich  leer  läuft.
Jede  Steigerung  der  Maschinengeschwindigkeit  zwingt
auch  den  Menschen  zu  einer  Entfaltung  größerer  Arbeits-1

  Schulze-Gävernitz,  Der  Großbetrieb,  1892,  S.  100,  108.  —  Vgl.
ferner  Schüler,  Schriften,  S.  115.  —  Schönhoff',  The  Economy  of  High
Wages,  1892,  p.  235.
3  Nach  R.  Martin,  Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.  VIII,  S.  276.  —
Ähnliche  Anschauungen  z.  B.:  Die  Arbeitszeit  d.  Fabrikarbeiterinnen,
S.  149-150,  159,  162.
        <pb n="35" />
        138.

25

energie.  Sie  beansprucht,  wie  die  Erhebungen  der  Royal
Commission  on  Labour  von  1891  bestätigen,  höhere  Fähigkeiten ­
  und  führt  deshalb  höhere  Löhne  mit  sich  b  Die
schnellsten  deutschen  Spinnmaschinen  machen  9000  Umdrehungen, ­
  die  schnellsten  englischen  11000  und  die  schnellsten
amerikanischen  14000.  Der  Unterschied  liegt  nicht  in  den
Maschinen,  sondern  in  der  Leistungsfähigkeit  der  Arbeiter 1  2  3  *  5 .
Gelegentlich  bekam  ein  Mann,  dessen  Spindeln  sich  ohne  sein
Wissen  400mal  mehr  in  der  Minute  drehten,  Flimmern  vor
den  Augen.
Auch  da,  wo  die  Geschwindigkeit  der  Textilmaschinen  aus
technischen  Gründen  keiner  wesentlichen  Steigerung  fähig  ist,
darf  bei  Kürzung  der  Arbeitszeit  noch  nicht  auf  eine  regelmäßige
und  proportionale  Schwächung  der  Erträge  geschlossen  werden.
Ein  absolut  kürzerer  Arbeitstag  kann,  wie  zu  zeigen  gesucht
wurde,  eine  realiter  längere  Produktionszeit  involvieren.  Die
Seidenplüschweberei  verlangt  besonders  sorgfältige  Arbeit,  bei
der  die  Versuche,  die  Stühle  mehr  Touren  machen  zu  lassen,
die  Qualität  des  Produkts  verschlechtert.  Trotzdem  gelingt
es  in  einem  solchen  Betriebe  den  Akkordarbeitern,  in  fünf
kürzeren  ebensoviel  zu  verdienen,  wie  in  sechs  längeren
Arbeitstagen;  sie  erzielen  sogar  ein  besseres  Produkt®.
Im  besten  Fall  kann  erhöhter  Maschinengeschwindigkeit
nur  ein  Bruchteil  der  Mehrleistung  zugerechnet  werden.  1848
und  1849  ist  diese  nach  den  Berichten  des  Inspektors  Horner
„nur  zum  geringen  Teil  auf  bessere  und  schnellere  Maschinen
zurückzuführen.  Vor  allem  sind  die  Arbeiter  gesünder  und
werden  durch  die  langen  Arbeitszeiten  nicht  erschöpft  .  .  .
Arbeitspausen  sind  jetzt  weniger  notwendig  als  früher  Eine
große  Fabrik  in  Manchester  stellt  nach  Einführung  zehnstündiger ­
  Arbeitsschicht  auf  den  gleichen  69  Webstühlen  ein
Mehrprodukt  von  22  Pfund  her.  Horner  stellt  fest,  daß  davon
nur  5  Pfund,  also  ein  Viertel,  der  schnelleren  Umdrehung  der
Stühle  zuzurechnen  ist 8 .  Und  die  übrigen  17  Pfund?  —  In
der  Schweiz  beträgt  die  durchschnittliche  Steigerung  der
Maschinengeschwindigkeit  nur  2 l k  °/o.  Die  stündliche  Mehrleistung ­
  aber  8  °/o.  Umgekehrt  fand  eine  amerikanische  Fabrik
1867  bei  Herabsetzung  der  Arbeitszeit  von  10 a U  auf  10  Stunden,
daß  trotz  um  4 w /o  erhöhter  Geschwindigkeit  und  Einführung
von  Stücklöhnen  im  ersten  Monat  ein  Verlust  von  4—5°/o

1  Royal  Commission  on  Labour,  1892,  Minutes  of  Evidence  Group
C,  vol  I,  p.  55  (Qu.  1356),  209  (Qu.  5068—5070).  —  Vgl.  Die  Arbeitszeit
der  Fabrikarbeiterinnen,  S  215.
2  A.  Tille.  Zukunft  XXII,  S.  440.
3  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  S.  151.
i  Zitat  nach  H.  v.  Nostiz,  Das  Aufsteigen  des  Arbeiterstandes  in
England,  1900,  S.  514.
5  Factory  Inspector’s  Report,  1849,  p.  4,  nach  J.  Rae,  S.  22.
        <pb n="36" />
        26

138.

eingetreten  war.  Erst  der  folgende  Monat  zeitigte  die  gleiche
Produktion,  die  sich  auf  die  Dauer  noch  erhöhte 1 .  Alle  diese
Beobachtungen  weisen  auf  den  personalen  Faktor  als  eine
wesentliche  Bedingung  gesteigerter  Leistung  hin.

Zweites  Kapitel.
Die  Analyse  des  Maschinenbaues.
Weit  mehr  als  der  Arbeitsgang  der  Textilindustrie  ist  der
Produktionsprozeß  der  Maschinenfabrikation  von  persönlicher ­
  Tätigkeit  durchflochten 1  2 .  Im  allgemeinen  hat  der
Arbeiter  nicht  nur  für  Überwachung,  gleichmäßige  und  glatte
Funktion  der  Maschine  zu  sorgen,  sondern  er  verrichtet  verschiedene ­
  Vorbereitungsarbeiten,  ehe  die  Maschine  die  eigentliche ­
  Formarbeit  beginnt.  In  der  Metalldreherei  gehören  dahin ­
  das  Herschaffen,  Richten,  Zentrieren  und  Aufspannen  des
Werkstücks.  Je  genauer,  desto  besser.  Das  Zentrieren  ist
besonders  wichtig  vor  allem,  wenn  es  auf  eine  Genauigkeit
von  Vio—V20  mm  ankommt.  Dazu  kommt  das  Herrichten  und
Einspannen  eines  geeigneten  Drehstahls,  das  Herrichten  der
Drehbank  durch  Einsetzen  passender  Satzräder  und  das  Einschalten ­
  der  passenden  Geschwindigkeiten  und  Vorschübe.
Während  der  Dreharbeiten  müssen  Pausen  gemacht
werden.  Das  Werkstück  wird  mit  Tastzirkel  oder  Kaliber
gemessen;  die  Stähle  werden  gewechselt  und  die  Schnelligkeit
je  nach  der  Größe  der  abzudrehenden  Flächen  verändert.  Ist
die  Aktion  der  Maschine  vollendet,  so  wird  das  Arbeitsstück
wieder  abgespannt  und  fortgeschafft.  Die  Drehbank  aber  muß
gereinigt  werden,  bevor  die  Arbeit  von  neuem  anhebt.  Diese
Abfolge  ist  ein  typisches  Beispiel  in  der  Bearbeitung  der
Metalle.  Auch  beim  Hobeln  erfordert  jedes  Arbeitsstück  je
nach  seiner  Form  besonderes  Aufspannen.  Dabei  dürfen  keine
schädlichen  Spannungen  im  Material  entstehen,  denn  die  Form
verändert  sich,  sobald  die  erste  Schicht  fortgenommen  ist.
Ungeschicktes  Aufspannen  ist  deshalb  am  häutigsten  Ursache
verdorbener  Arbeit 3 .  Bei  falschem  Zentrieren  „schlägt“  das
Werkstück  und  wird  ungenau  bearbeitet.  Überall  kommt  es
auf  genaue  Arbeit  an,  besonders  wo  es  sich  um  die  Herstellung ­
  auswechselbarer  Teile  handelt.  Gegebenenfalls  wird
1  J.  Rae,  S.  96,  97.
2  Allgemeine  Literatur:  K.  Karmarsch,  Handbuch  d.  mech.  Technologie, ­
  6.  Aufl.,  bearb.  v.  H.  Fischer,  Bd.  2,  1890.  Die  Bearbeitung  der
Metalle,  S.  290—847.  —  R  Grimshaw,  Praktische  Erfahrungen  im  Maschinenbau, ­
  1897.  —  J.  T.  Usher,  Moderne  Arbeitsmethoden  im  Maschinenbau, ­
  1900.  —  P.  Möller,  Aus  der  amerikanischen  Werkstattpraxis,  1904.
2  J.  T.  Usher,  S.  80.
        <pb n="37" />
        138.

27

mit  der  Hand  nachgearbeitet  (Aufreiben  eines  Loches  auf
V40  mm).
Die  folgenden  Tabellen  bringen  die  Zeitverbältnisse
typischer  Operationen  zur  Darstellung 1 .  Die  mit  einem  *
versehenen  Arbeiten  sind  manueller  Art,  die  anderen  werden
von  der  Maschine  verrichtet.

I.  Typische  Boh  rar  beit  bei  einem  Stahlstück.
(*  =  manuelle  Arbeit.)

Sek

und

e  n

Sa.  pr.  St.
Sekunden

1.

Auflegen  der  Bohrschablone* ­
  .  .  .

30

18

23

18

45

134

27

2.

Bohren  des  ersten
Loches

50

30

35

36

33

184

37

3.

Einstecken  des
Fixierbolzens  *  .  .

13

16

15

20

20

84

17

4.

Bohren  des  zweiten
Loches

35

35

37

33

40

180

36

5.

Ablegen*  (Fortschaften)


30

20

40

20

16

126

25

158

119

150

127

154

708

142

Zusammenstellung.
Sekunden
Bohrarbeit  73
Auflegen  u.  Abnehmen  der  Schablone  52
Fixieren  17
48,5  °/o
Aus  diesem  Beispiel  erhellt,  einen  wie  großen  Anteil
die  manuelle  Aktion,  also  persönliche  Tätigkeit,  an  dem  technischen ­
  Prozeß  hat;  sie  beträgt  48,5°/o  der  Gesamtzeit.  Das
Schwanken  dieser  Zeiten  im  einzelnen  (Manipulation  1,  3,  5)
zeigt  deutlich,  daß  der  Arbeitsprozeß  keineswegs  automatischgleichmäßig
  abläuft,  sondern  von  personalen  Faktoren  beeinflußt ­
  wird.  Das  bringt  z.  B.  die  erste  Operation,  das  Auflegen ­
  der  Bohrschablone,  gut  in  Relief.  Die  gleiche  Tätigkeit
geht  hier  in  30,  18,  23,  18  und  45  Sekunden  vor  sich.  Im
großen  ganzen  tritt  bei  Wiederholung  jeder  Operation  der
Einfluß  der  Übung  in  der  zunehmenden  Verkürzung  der
Zeiten  deutlich  heraus,  ein  Umstand,  auf  dessen  fundamentale
Bedeutung  für  die  Intensivierung  der  Arbeit  schon  hier  verwiesen ­
  werden  darf.  Als  Hilfsmoment  kommt  hinzu,  daß  bei
1  Prof.  G.  Schlesinger  hat  diese  wertvollen  und  exakten  Angaben
mit  großer  Liebenswürdigkeit  zur  Verfügung  gestellt.  Sie  sind  mit  der
Knipsuhr  unmittelbar  der  Werkstattpraxis  abgenommen.

Manuelle  Aktion
i.  %  d.  Gesamtzeit
36,5
12
        <pb n="38" />
        28

188.

der  Wiederholung  die  Werkzeuge  in  der  gleichen  Reihenfolge
liegen  bleiben  können.  Die  Maschinentätigkeit  bleibt  dagegen
relativ  konstant.

II.  Typische  Bohrarbeit  bei  einem  Gußstück.
(*  =  manuelle  Arbeit.)

Sekunden

Sa  pr.  St.
Sekunden

1.  Einspatinen  in  die  Bohr-Vorrichtung*



75

45

60

180

60

2.  Werkzeug  einspannen*  .

225

83

65

373

124

3.  Anbohren

210

60

60

330

110

4.  Werkzeugwechsel*.  .  .

330

240

75

645

215

5.  Vorbohren

1180

160

cc

1340

170

6.  Werkzeugwechsel*  .  .

213

(  90

90

180

90

7.  Nachbohren

1195

213

1408

204

8.  Werkzeugwechsel*.  .  .

180

165

124

GQ

469

156

9.  Erstes  Reiben  mit  der

Vorreibahle

165

165

130

460

153

10.  Hochheben  der  Reibahle

bei  Mascliinenstillstand*

12

12

45

69

23

11.  Werkzeugwechsel*.  .  .

110

48

70

228

76

12.  Zweites  Reiben  mit  der

Nachreibahle

180

125

135

440

147

13.  Hochheben  d.  Reibahle  b.

Maschinenstillstand*  .  .

13

32

25

70

23

14.  Ausspannen  u.  Ablegen*

60

45

52

157

52

1773

1485

1304

1603

Zusammenstellung.
Sekunden
1.  Ein-  und  Ausspannen  112
2.  Werkzengeinsp.  bzw.  Wechsel  .  .  661
3.  Anbohren  und  Vorbokren  ....  280
4.  Nachbohren  204
5.  Reiben  300
6.  Maschinenstillstand  z.  Anheben  der
Reibahle  46
51,3  0/0
Von  14  Arbeiten  sind  9  manueller  Art.  Die  Zusammenstellung ­
  ergibt,  daß  diese  durchschnittlich  51,3°/o  der  Gesamtzeit, ­
  d.  h.  rund  die  Hälfte,  beanspruchen.  Verkürzung  der
Zeiten  durch  Übung.  Das  erste  Hochheben  der  Reibahle
(Operation  10)  zeigt,  wie  leicht  Störungen  auftreten,  deren
Zahl  und  Dauer  wieder  von  persönlichen  Qualitäten  abhängt.
Bei  der  Bearbeitung  besonders  großer  Stücke  werden
überlange  Aufspannzeiten  vermieden,  indem  bewegliche  Werk-Manuelle

  Aktion
i.  %  d.  Gesamtzeit
7
41,4

2,9
        <pb n="39" />
        138.

29

zeuge  an  das  festbleibende  Stück  herangebracht  werden  h  Bei
komplizierten  Aufgaben  oder  sehr  kleinen  Stücken  steigt  das
Maß  der  persönlichen  Tätigkeit  der  Maschine  gegenüber.
Bei  einer  Mehrleistung  der  Maschine  verschiebt  sich,  ceteris
paribus,  ebenfalls  das  Verhältnis  von  Maschinenarbeit  und
manueller  Tätigkeit  zugunsten  der  letzteren.  Beim  Abdrehen
flußeiserner  Stücke  liefert  ein  Arbeiter,  wie  amerikanische
Versuche  gezeigt  haben,  in  zehnstündiger  Arbeit  323  Stück,
wobei  zwei  Drehbänke  und  gewöhnlicher  Werkzeugstahl  verwendet ­
  wurden.  Für  jedes  Stück  wurde  mithin  3,71  Minuten
gebraucht.  Die  manuelle  Aktion  beläuft  sich  dabei  auf
1,515  Minuten,  d.  h.  40,8  °/o  der  Gesamtzeit.  Bei  Schnelldrehstahl ­
  steigt  die  Leistung  auf  484  Stück.  Jetzt  beträgt  die
Gesamtarbeitszeit  für  jedes  Stück  nur  2.47  Minuten,  die
manuelle  Arbeit  aber  1,315  Minuten,  d.  h.  53,2°/o 1  2 .  Die  persönliche ­
  Tätigkeit  ist  also  um  12,4  0  o  gestiegen.  Verbesserte
Maschinen  erleichtern  keineswegs  immer  die  Arbeit.  Wenn
der  Arbeiter  seinen  früheren  Tagesverdienst  erreichen  sollte,
hätte  man  ihm  bei  der  Arbeit  mit  Schnelldrehstahl  nur
50  Cents  für  100  Stück  zu  geben,  ln  Wirklichkeit  gab  man
ihm  57  Cents,  weil  sich  auch  der  Arbeiter  bei  einer  Mehrleistung ­
  der  Maschine  im  allgemeinen  mehr  anstrengen  muß.
Gewisse  selbsttätige  Spezialmaschinen  neuester  Art,  wie
Revolverbänke  und  Ganzautomaten,  bilden  eine  Klasse  für
sich.  Sie  gehören  nicht  hierher,  sondern  in  eine  später  zu
erörternde  Kategorie,  bei  der  sich  die  Intensivierung  der  Arbeit
durch  Vereinigung  mehrerer  Maschinen  in  einer  Hand  vollzieht. ­
  Bei  weitem  überwiegt  noch  die  Zahl  der  Maschinen,
deren  Einzelleistung  von  persönlicher  Fähigkeit  beeinflußt
wird.  In  einer  so  schwierigen  Frage,  die  wohl  niemand  ganz
allgemein  zu  beantworten  vermag  kann  nur  die  Ansicht  eines
einzelnen  Kenners  angeführt  werden.  Max  Kraft  widmet  in
seinem  „System  der  technischen  Arbeit“  diesem  Gegenstand
ein  Kapitel,  das  sich  „Die  Ethik  der  Maschine“  nennt 3 .
Der  technische  Fortschritt,  so  legt  er  dar,  dränge  freilich
dahin,  die  Maschine  automatisch  wirkend  zu  gestalten.  Bis
jetzt  sei  dies  nur  in  wenigen  Fällen  eingetreten.  Der  größte
Teil  der  Maschinen  bedürfe  der  Leitung  und  Überwachung,
der  Instandhaltung  und  Reparatur  durch  den  Menschen.  Nur
die  eingelaufene  Maschine  arbeite  tadellos,  während  die  neue
sowie  die  schon  abgenutzte  oft  stundenlang  unausgesetzte  Aufmerksamkeit ­
  und  Nachhilfe  verlange.  Ferner  schwanke  die
Qualität  des  Materials,  wodurch  der  Maschine  bald  größerer,
bald  geringerer  Widerstand  entgegengesetzt  werde.  Betriebs-1
  Vgl.  P.  Möller,  S.  8.
a  P-  Möller,  Über  Schnelldrehstahl.  Zeitschr.  d.  Vereins  deutscher
Ing.,  1905,  S.  337.
3  M.  Kraft,  Das  System  der  technischen  Arbeit,  1902,  S.  118  ff.
        <pb n="40" />
        30

138.

Schwankungen,  ja  Stillstand  seien  die  Folge.  Schließlich  werde
ein  automatischer  Lauf  dadurch  vereitelt,  daß  eine  große  Zahl
von  Maschinen  zur  Bearbeitung  verschiedener  Materialien  und
verschiedener  Formen  diene,  daß  ihre  Geschwindigkeit  von
Fall  zu  Fall  variiere,  daß  das  Arbeitsmaterial  Vorbereitung,
Einsetzen  und  Messen  erfordere  usw.
In  der  Praxis  scheint  es  auf  den  ersten  Blick  ausgeschlossen
zu  sein,  daß  eine  Maschine,  zumal  bei  feststehender  Geschwindigkeit, ­
  eine  höhere  Leistung  zu  entfalten  vermag.  Vielleicht  ist
der  Arbeiter  der  Maschine  gegenüber  so  machtlos  wie  der
Heizer,  der  nichts  dafür  kann,  daß  seine  Maschine  1000  oder
2000  Pferdekräfte  entwickelt.  Die  Frage  ist  aber  so  nicht
richtig  gestellt.  Man  muß  zusehen,  ob  zwei  Maschinen  von
gleicher  Kraft,  Größe  und  Geschwindigkeit  verschiedene
Leistungen  aufweisen  können.  In  der  Tat  zeigen  zahlreiche
Instanzen,  daß  dies  der  Fall  ist.
Wie  Freese  gefunden  hat,  kommen  auch  bei  Maschinen
mit  feststehender  Geschwindigkeit  so  viele  Pausen  und  Zeitverluste ­
  beim  Anhalten  und  Umstellen  vor,  daß  trotz  kürzerer
Arbeitszeit  intensiverer  Betrieb  eintreten  kann.  Aus  denselben ­
  Kreissägen  und  Hobelmaschinen  wird  bei  gleicher  Umdrehungsgeschwindigkeit ­
  eine  Mehrleistung  herausgeholt 1 .  —
Eine  Petroleumraffinerie  unterhält  Lager  in  New  York,  Londou,
Rotterdam  und  Mannheim.  An  allen  vier  Orten  stehen  vier
absolut  gleiche  Maschinen,  um  Reifen  an  die  Fässer  anzuziehen. ­
  Der  Amerikaner,  ein  Spezialist,  bringt  es  täglich  auf
700  Fässer;  die  anderen  schaffen  mit  derselben  Maschine  nicht
viel  über  200.  —  Nach  der  Ansicht  eines  amerikanischen
Fabrikanten,  der  mehrere  Jahre  in  Europa  zubrachte,  liefert
der  deutsche  Arbeiter,  ausgerüstet  mit  den  besten  amerikanischen ­
  Maschinen,  höchstens  60  °/o  von  dem,  was  der  Amerikaner ­
  unter  gleichen  Bedingungen  herausbringen  würde 1  2 .
Wie  sich  aus  den  beiden  Angaben  ersehen  läßt,  leistet  der
Amerikaner  auch  im  Übertreiben  mehr  als  andere;  im  Grunde
ist  das  Verhältnis  doch  richtig  gekennzeichnet.  Ein  deutscher
Techniker  schätzt  z.  B.  die  Mehrleistung  des  Amerikaners
auf  25  °,'o 3 .
Die  größte  Wollkämmerei  der  Welt,  Holden  in  Bradford,
besitzt  in  England  und  Frankreich  technisch  völlig  gleich
eingerichtete  Betriebe.  Die  Löhne  sind  in  England  höher;
doch  ist  das  Produkt  des  einzelnen  Arbeiters  bei  weitem  größer,
obgleich  die  Arbeitszeit  hier  ößVa  Stunden,  in  Frankreich

1  Preese,  Pabri  kantensorgen,  S.  18.
*  E.  Schalck,  Der  Wettkampf  der  Völker  mit  besonderer  Bezugnahme ­
  auf  Deutschland  und  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika
(Natur  und.  Staat,  Teil  VII),  1905,  S.  88,  90.
3  H.  Nordmann,  Eindrücke  und  Bilder  von  einer  Studienreise  in
Nordamerika.  Z.  d.  V.  d.  I.,  1903,  S.  868.
        <pb n="41" />
        138.

31

seinerzeit  72  Stunden  beträgt 1 .  Niemand  wird  leugnen,  daß
es  schlechte  oder  veraltete  Maschinen  gibt,  denen  selbst  der
beste  Arbeiter  keine  Mehrleistung  abzuringen  vermag.  „Aus
solchen  Fällen“,  sagt  Schüler,  „holen  einzelne  ihre  Beweise
für  die  angebliche  Schädigung  des  verkürzten  Arbeitstages.
Aber  es  sind  Ausnahmefälle;  unendlich  häufiger  ist  alles  eingebracht, ­
  und  zwar,  wie  zahlreiche  Industrielle  betonen,  bald
nach  der  Quantität  der  Leistung,  bald  durch  ihre  verbesserte
Qualität 1  2  * .“
Ein  großer  englischer  Eisenindustrieller  erklärt  geradezu:
„Zwei  absolut  identische  Maschinen  können  nach  ihren  Leistungen
völlig  voneinander  abweichen,  je  nachdem  Fähigkeit  und  Impuls ­
  —  ability  and  push  —  auf  Seiten  des  Arbeiters  fehlen 8 .
In  einer  großen  englischen  Schuhfabrik  schwankt  die  wöchentliche ­
  Produktion  bei  einer  bestimmten  Aufzwickmaschine  je
nach  Geschicklichkeit  und  Eifer  des  Arbeiters  zwischen  666
und  1270  Paar  Stiefeln 4 .  Auch  Schönhoff  berichtet,  das  gleiche
Maschinen  bei  gleichen  Aufgaben  die  verschiedensten  Resultate
zeitigten 5  6 .  Ja,  in  vielen  Fällen  wird  sich  der  persönliche
Faktor  bei  Maschinenarbeit  noch  bemerkbarer  machen  als
bei  Handarbeit,  da  er  bei  jener  auf  mehr  Material  zu  wirken
vermag.  Rae  will  bei  Tätigkeiten  ohne  Maschine  die  Arbeit
von  drei  Engländern  der  von  vier  bis  sechs  Franzosen  gleichsetzen, ­
  bei  Arbeiten  mit  Maschine  aber  der  von  neun  Franzosen.
Eine  starke  Übertreibung  auf  Kosten  der  „insularity“,  die
doch  einen  sehr  wahren  Kern  birgt.
Auf  solcher  Grundlage  erwächst  höhere  Intensität  der
Arbeit.  Nur  so  ist  es  möglich,  wie  der  ehemalige  Minister
Chamberlain  aus  seiner  Tätigkeit  als  Maschinenbauer  berichtet,
daß  dieselben  Arbeiter  mit  denselben  Maschinen  ihre  Stundenleistung ­
  bedeutend  steigern,  nachdem  die  Arbeitszeit  allmählich ­
  von  12  auf  9  Stunden  herabgesetzt  wird;  nur  so  wird
erklärlich,  daß  in  einer  Schweizer  Maschinenfabrik  der  durchschnittliche ­
  Stundenlohn  von  58  auf  63  Rappen  steigt,  obschon
die  Arbeitszeit  eine  Reduktion  von  15,25°  o  erfahren  hat®.
Nicht  weniger  hat  sich  jüngst  die  Einführung  dreifacher  Achtstundenschichten ­
  in  einer  großen  Maschinenbauanstalt  des
Handelskammerbezirks  Potsdam  bewährt.  Die  Löhne  bleiben
hier  auf  der  alten  Höhe,  „da  die  Leute  durch  intensiveres
Arbeiten  den  Ausfall  der  längeren  Arbeitszeit  ausgleichen 7 .
1  Hdwb.  d.  Staatsw.,  1.  Aufl.,  I,  Suppl.,  S.  151.
2  F.  Schüler,  Ausgew.  Schriften,  1905,  S.  92.
*  J.  Rae,  S  111.
4  S.  u.  B.  Webb,  Theorie  u.  Praxis  der  engl.  Gewerkvereine,  1898,
L,  S.  366
5  Schönhoff,  The  Economy  of  high  Wages,  1892,  S.  26.
6  Brentano,  Das  Verhältnis  von  Arbeitslohn  und  Arbeitszeit  zur
Arbeitsleistung,  S.  79.  —  Soziale  Praxis,  1906,  S.  69.
1  Jahresber.  d.  Potsdamer  Handelsk.,  Sitz  Berlin,  1907,  S.  89.
        <pb n="42" />
        32

138.

Jeder,  der  den  Betrieb  einer  Fabrik  kennt,  weiß,  wie  oft
der  Arbeiter  Gelegenheit  hat,  absichtlich  oder  nicht,  das
Produktionstempo  zu  verlangsamen.  Nicht  selten  drücken
Leute  jahrelang  aus  Furcht  vor  Herabsetzung  der  Akkorde
ihre  Leistung  künstlich  herab.  Sie  lassen  die  Drehbänke  leer
laufen,  stellen  übertrieben  sorgfältig  ein,  suchen  lange  nach
Materialien  usf.  Bei  einer  Probearbeit  wurde  nach  Angaben
von  G.  Schlesinger  gebraucht:  geschleppt  4  Stunden,  ehrlich
IV2  Stunde.  Schließlich  wird  diese  Arbeit  für  beide  Fälle
in  einer  Stunde  geleistet.  —  Ein  Ingenieur  der  Maschinenbauanstalt ­
  Fowier  in  Leeds  berechnet,  daß  die  Maschinen
während  eines  Viertels  bis  Fünftels  leer  iaufen.  Bei  zu  langem
Arbeitstag  bröckelt  die  Produktionszeit  an  zahllosen  Punkten
ab.  „Take  it  easy“  ist  die  Losung  langer  Arbeitszeit.  Dem
Verfasser  ist  ein  charakteristischer  Fall  bekannt.  In  den
letzten  Stunden  eines  langen  Arbeitstages  stellten  Leute  ihre
Maschinen  zeitweilig  einfach  ab,  sobald  sich  der  Aufseher
entfernte.  Es  waren  freilich  Zeitlöhner.
Das  gefährlichste  Zeugnis  für  die  Macht  des  Arbeiters
gegenüber  der  Maschine  ist  das  Ca’canny-System,  das  als
hemmendes  Moment  einem  Aufschwung  zur  industriellen  Suprematie ­
  im  Wege  stehen  muß 1 .  —  Wie  sehr  die  Intensität
der  Arbeit  sich  gewissermaßen  als  Abhängige  einer  „persönlichen ­
  Gleichung“  darstellt,  erhellt  aus  der  Beobachtung,  daß
die  Arbeiter  während  der  ersten  Hälfte  des  Arbeitstages  oft
5ü 0  0  mehr  leisten,  als  in  der  zweiten 1  2  3 .  Unerklärlich  wäre
sonst,  wie  Leute  unter  objektiv  gleichen  Produktionsbedingungen
verschiedene  Resultate  erzielen.  Bei  Spinnern  und  Webern,
bei  Drehern  und  Hoblern  gibt  es  bekanntlich  starke  und
schwache  Verdiener.  —  Wie  wenig  menschliches  Schaffen
einem  mechanischen  Prozeß  gleicht,  der  automatisch-gleichmäßig
abrollt,  das  kann  jede  durch  Akkorde  oder  andere  Lohnsysteme ­
  gesteigerte  Arbeitsleistung  anschaulich  machen.  Hier
sei  nur  —  eins  von  vielen  Beispielen  —  der  strikte  Nachweis
angeführt,  den  das  „Handbuch  der  Entlöhnungsmethoden“
bringt.  Bei  der  Anfertigung  von  Dachkonstruktionen,  Windverbänden, ­
  schmiedeeisernen  Stützen,  Fenstern,  Wellblechtüren
usw.  erspart  der  im  Akkord  beschäftigte  Arbeiter  durchschnittlich ­
  ein  Viertel  bis  ein  Drittel  der  Arbeit,  die  Zeitlöhner  erfahrungsgemäß ­
  brauchen 8 .  „Man  rechnete  heute  im  großen
und  ganzen,“  sagt  Schmoller,  „daß  je  nach  Rasse,  Gewerbe

1  Regulation  and  Restriction  of  Output.  11 th  Report  ofthe  Comm.
of  Labor,  Wash,  1905.
2  E.  Roth,  Gewerbehygiene,  Hdb.  d.  Hyg.,  herausgeg.  v.  Weyl,
Bd.  8,  S.  27.
3  Schloß-Bernhard,  Handb.  d.  Entlöhnungsmethoden,  1906,  S.  68—70.
        <pb n="43" />
        138.

38

und  Technik  die  Leistungen  der  Arbeiter  mit  dem  Stücklohn
um  20—100  °/o  zunehmen 1 .
Wir  werfen  jetzt  die  Frage  nach  den  äußeren,  objektiven
und  vom  Arbeiter  unabhängigen  Bedingungen  auf,  von  denen
jede  Steigerung  der  Arbeitsintensität  bei  kürzerer  Arbeitszeit
getragen  wird.  Es  ist  nur  von  den  eigentlich  technischen
Voraussetzungen  die  Rede.  Die  Betriebsorganisation  wird
übergangen,  da  ihr  ein  Sonderkapitel  gewidmet  ist.  Spätere
Ausführungen  vorwegnehmend,  ist  vor  allem  darauf  hinzuweisen, ­
  daß  der  arbeitsteilige  Charakter  der  modernen  industriellen ­
  Produktion  einer  zeitlichen  Kontraktion  der  Arbeitsakte ­
  entgegenkommt,  ja  sie  erst  ermöglicht.  Besonders  deutlich ­
  und  in  typischer  Weise  bringt  die  amerikanische  Industrie
diesen  Zug  zur  Geltung.  Ihre  Produktionsmethoden  haben
natürlich  auch  in  erstklassigen  europäischen  Werken  Eingang
und  Weiterbildung  gefunden,  ohne  freilich  so  erstaunliche
Ausmaße  erreicht  zu  haben.  Die  amerikanischen  Schnellbetriebe ­
  sind  wegen  ihrer  hohen  Arbeitsintensität  bekannt  und
gefürchtet 1  2 .  Hohe  Löhne  und  relativ  kurze  Arbeitszeiten,
beim  Maschinenbau  durchschnittlich  9  Stunden,  zwingen  dazu,
aus  Menschen  und  Maschinen  die  höchstmögliche  Leistung
herauszuholen.  In  mehreren  Staaten  ist  sogar  ein  gesetzlicher
Achtstundentag  eingeführt  worden 3 .
Die  amerikanische  Fabrikation  ist  auf  Spezialisation  und

1  Schmoller,  Grundriß  IT,  S.  287.  —  Anm.  Wenn  die  deutschen
Werften  nach  Halle  Schwarz  (Die  Schiffbauindustrie  in  Deutschland
und  im  Ausland,  1902,  II,  S.  105)  mit  durchschnittlich  zehnstündiger
Arbeitszeit  gegen  Kürzung  derselben  sind,  weil  ihre  Maschinen  nicht
schneller  laufen  können,  so  wird  die  Identität  von  nomineller  Arbeitsze't
  und  realer  Produktionszeit  unbewiesen  vorausgesetzt.  Die  Schiffhaufirma ­
  Short  Gebr.  in  Sunderland  konstatiert  z.  K.,  daß  auch  ihre
Maschinen,  trotz  kürzerer  Arbeitsschicht,  mehr  produzieren  (Soz  Praxis,
D98,  S.  1175).  —  Sombart  weist  auf  die  Möglichkeit  hin,  „durch  Eingliederung ­
  des  lebendigen  Arbeiters  in  den  leblosen  Mechanismus  des
Maschinensystems  jenem  durch  die  beliebige  Beschleunigung  des  Tempos
der  Maschinen  einen  Intensitätsgrad  von  Kraftaufwand  aufzunötigen,
den  er  bei  freier  Beweglichkeit  nie  zu  erreichen  vermöchte“  (Der
moderne  Kapitalismus,  1902,  II,  S.  510'.  Diese  einseitige  Charakteristik
folgt  deutlich  den  Spuren  von  Karl  Marx,  der  eine  solche  Auffassung
des  Arbeitsprozesses  am  entschiedensten  vertritt  (Marx,  Kapital  I,
1872,  S.  440  f.).  Auch  Sombart  spricht  von  einer  Tendenz  zur  Verewigung ­
  des  Arbeitstages.  Hiergegen  läßt  sich  mit  mindestens  ebensoviel ­
  Recht  sagen,  daß  der  Arbe  ter  kein  von  dem  Spiel  der  Betriebskräfte ­
  willenlos  getriebenes  Atom,  sondern  einen  maßgebenden  Faktor
des  Produktionsganges  darstellt.
2  Levasseur,  L’Ouvrier  am^ricain  I,  1898,  S.  110.  —  A.  Kolb,  Als
Arbeiter  in  Amerika,  1901,  S.  72.  —-  A.  Shadwell,  England,  Deutschland
und  Amerika,  1908,  S.  339—340.
3  Amerikanische  Arbeitszeiten:  Shadwell,  S.  317,  327,  331.  —
E  Schalck.  Der  Wettkampf  der  Völker,  S.  90.  —  P.  Möller.  S.  11,  133
bis  134.  —  Reichsarbeitsblatt,  1904,  S.  143  (gesetzlicher  Achtstundentag).
Forschungen  138.  —Bernhard.  3
        <pb n="44" />
        34

138.

Massenfabrikation  aufgebaut  h  Dieses  Prinzip  durchdringt  die
Industrie  derart,  daß  eine  Fabrik  nicht  allein  ein  Sondergebiet,
wie  den  Bau  von  Werkzeugmaschinen,  wählt,  sondern  daß
sie  nur  Drehbänke  herstellt.  Doch  nicht  genug.  Man  konstruiert ­
  Standardmodelle,  baut  überhaupt  nur  Drehbänke  der
gleichen  Art,  schließlich  auch  der  gleichen  Größe.  Ein  Stück
gleicht  dem  andern,  die  Teile  sind  auswechselbar 1  2 .  Wenn
einmal  von  den  Standardformen  abgewichen  werden  muß,
kommen  wenigstens  soviel  wie  möglich  normalisierte  Teile
zur  Anwendung.  Dieses  System,  das  seine  Entstehung  den
Standard  gauges  von  I.  Whitworth  verdankt,  bildet  die  Grundlage ­
  des  amerikanischen  Schnellbetriebes.  Jeder  Arbeiter  wird
dabei  ein  vollendeter  Spezialist,  der  trotz  höherer  Arbeitsintensität ­
  gleichmäßig  und  gut  zu  produzieren  imstande  ist.
„De  la  une  extreme  rapiditd  dans  la  production“,  bemerkt  ein
französischer  Ingenieur 3 .  Jede  Individualisierung  der  Arbeit
von  Fall  zu  Fall,  jede  abnormale  Fabrikation  wird  ausgeschaltet. ­
  Der  Leiter  der  Westinghouse  Electric-Mfg.  Co.  kennzeichnet ­
  die  amerikanischen  Arbeitsmethoden  folgendermaßen:
„Unsere  Arbeiter  bleiben  in  der  gleichen  Werkstätte,  an  derselben
Drehbank,  an  demselben  Kran,  an  derselben  Maschine.  So  gewinnen
sie  an  der  Stelle,  an  der  sie  stehen,  eine  außergewöhnliche  Fertigkeit;
sie  werden  Spezialisten  in  ihrem  Fach,  in  dem  Bereich  ihrer  Arbeit
und  leisten  durch  die  jahrelang  betätigte  Übung  quantitativ  und  qualitativ ­
  in  8  Stunden  vielleicht  mehr  {als  ein  Arbeiter  drüben  in  der
doppelten  Zeit 4 .“
Im  Anschluß  hieran  sei  kurz  an  die  S.  27/28  gebrachten
Zahlen  erinnert,  die  den  Einfluß  der  Übung  bei  der  Wiederkehr ­
  der  gleichen  Operation  klar  herausstellen.
Auch  bei  uns  gewinnt  die  Einsicht  mehr  uud  mehr  an
Boden,  daß  die  Produktion  bisher  zu  stark  durch  die  Anpassung ­
  an  wechselnde  Aufträge  und  individuelle  Wünsche
gebunden  war.  Am  wichtigsten  ist  für  den  Maschinenbau  die
Normalisierung  der  Einzelteile,  die  nicht  von  Fall  zu  Fall,
sondern  auf  Vorrat  hergestellt  werden.  Die  wichtigsten
Maschinenelemente,  wie  Schrauben,  Bolzen,  Muttern,  Zapfen,
und  Ventile,  aber  auch  ganze  Konstruktionsglieder,  wie  Exzenter, ­
  Pleuelstangen,  Schwungräder,  können  normalisiert

1  P.  Möller,  S.  3f.  —  E.  Schalck,  S.  112.  —  F.  A.  Vanderlip,
Amerikas  Eindringen  i.  d.  europ.  Wirtschaftsgebiet,  1903,  S.  25.
Kassel,  Amerik.  Geschäftsleben,  1908,  S.  60.  —  Schmerse,  Der  Zusammenhang ­
  v.  Konstrukt,  u.  Fabrik,  amerik.  Werkstatt.,  Z  d.  V  d  I  1906,
S.  1273-1276.
2  Eine  hübsche  demonstratio  ad  oculos  berichtet  Marshall,  Hdb.
d.  Volkswirtschaftslehre,  1905,  S.  283.
8  Levasseur  I,  S.  236.
4  L.  M.  Goldberger,  Das  Land  der  unbegrenzten  Möglichkeiten,
1903,  S.  35;  vgl.  ferner  S.  198.
        <pb n="45" />
        138.

35

werden 1 .  Bei  diesem  System  werden  schwierige  Arbeitsstücke
schneller  und  besser,  teilweise  von  Spezialfabriken  hergestellt.
Die  Werkzeuge  und  sonstigen  Betriebseinrichtungen  werden
ergiebiger  ausgenutzt.  Der  Werkstattorganisator  West  äußert
sich  in  einem  Briefe  an  den  Verein  Deutscher  Werkzeugmaschinenfabrikanten ­
  über  die  gedrückte  Lage  mancher  Unternehmungen ­
  1  2 .  Außer  falscher  Selbstkostenberechnung  hätten
sie  es  verabsäumt,  durch  zielbewußte  Konstruktion  ihrer  Erzeugnisse, ­
  besonders  Normalisierung  der  Einzelteile,  die  wirtschaftlich-technische ­
  Grundlage  für  eine  Massenfabrikation  zu
legen.  Die  Arbeitsweise  in  den  notleidenden  Fabriken  sei
keine  fabrikmäßige,  sondern  eine  handwerksmäßige;  sie  bestehe
in  Einzelanfertigung  ganzer  Maschinen  und  nicht  in  Massenanfertigung ­
  von  Einzelteilen.  Soweit  West.
In  Amerika  wird  die  Standardisation  und  Normalisierung
durch  den  Biesenabsatz  und  die  Trustbewegung  sicher  begünstigt. ­
  —  Die  Baldwinwerke  in  Philadelphia,  die  größten
Lokomotivenfabriken  der  Welt,  die  19000  Mann  beschäftigen,
fertigen  relativ  wenig  Typen  an,  die  man  noch  zu  vermindern
sucht 3 .
In  der  amerikanischen  Eisenindustrie  kommt  die  gleiche
Tendenz  zum  Durchbruch.  Nicht  bloß  der  Stahltrust,  sondern
auch  die  außerhalb  stehenden  Werke  walzen  verhältnismäßig
wenig  Trägerprofile.  „Neben  anderen  Vorteilen  kann  sich  der
Arbeiter  auf  bestimmte  Profile  und  Schweren  einarbeiten  und
eine  größere  Tagesleistung  erzielen.  .  .  .  Wenn  ein  Arbeiter
immer  ein  bestimmtes  Profil  macht,  arbeitet  er  sich  so  ein,
daß  für  sonst  zwei  Leute  nur  einer  notwendig  ist 4 .“  Die
Arbeitsleistung  eines  einzelnen  Mannes  soll  dadurch  auf  das
Dreifache  gestiegen  sein.  Der  deutsche  Stahlwerksverband
scheint  erst  vor  kurzem  seine  einzelnen  Anlagen  auf  bestimmte
Profilsorten  zugeschnitten  zu  haben.  Deutschland  walzt  über
400  Profile,  die  sich  nach  Tille  ohne  Schaden  auf  60—80  verringern ­
  ließen.  Eine  vom  produktionstechnischen  Standpunkt
vorteilhafte  Verminderung  der  Profile  entspricht  keineswegs

1  J.  fl.  West,  Hie  Europa,  hie  Amerika,  1908,  S.  46.  Ders.:  Zur
Lage  d.  deutsch.  Werkzeugmasch.-Fabr.,  Deutsche  techn.  Rundschau,
1905,  S.  356.  —  P.  Möller,  Z.  d.  V.  d.  I.,  1905,  S.  104.  —  Klein,  Spezialisierung ­
  im  Maschinenbau,  Z.  d.  V.  d.  I.,  1907,  S.  997.  —  Einer  Normalisierung ­
  sind  weiter  zahlreiche  Teilstöcke  fähig,  wie  Keile,  Schraubenschlüssel, ­
  Durchmesser  von  Wellenachsen,  Lager  und  Lagerschalen,
Kolben  und  Stopfbüchsen,  Riemenscheiben  und  -führer,  Handräder,
Drehkreuze,  Handgriffe  und  Hebel,  Kurbeln,  Zahnräder,  kleine  Getriebe
und  Gelenke;  ferner  Kupplungen,  Hähne,  Kastentüren  usw.  (Nach
West.)
2  J.  H.  West,  Deutsche  techn.  Rundschau,  1905,  S.  355.
3  Deutsche  techn.  Rundschau,  1905,  S.  199;  Z.  d.  V.  d.  I.,  1907,
S.  997.
4  A.  Tille,  Die  deutsche  Eisenindustrie  u.  ihr  Kampf  um  d.  Weltmarkt, ­
  Z.  d.  V.  d.  I.,  1905,  S.  1724.

3
        <pb n="46" />
        36

138.

immer  den  Bedürfnissen  der  Konsumenten,  eine  Frage,  die
hier  so  wenig  zu  verfolgen  ist,  wie  die  Ursachen  dieser  Entwicklung ­
  oder  deren  weiterer  Verlauf.  Während  bei  uns  für
den  Hoch-  und  Schiffbau  bei  gleichen  Profilsorten  172  Profile
mit  445  Abmessungen  hergestellt  werden,  braucht  England  für
die  gleichen  Zwecke  nur  129  Protile  mit  205  Abmessungen  L
Zu  berücksichtigen  ist  dabei,  daß  in  der  Praxis  jede  Abmessung ­
  fast  einem  neuen  Profil  gleichkommt.
Gleiche  Zustände  anderweitig.  West  er«  ahnt,  daß  eine
deutsche  Maschinenfabrik  mit  etwa  300  Arbeitern  mehr  als
600  verschiedene  Maschinen  und  Größen  in  ihren  Preislisten
führt.  Eine  Schuhfabrik  in  Boston  fertigt  an  einem  Tage
10  000  Paar  an,  aber  nur  Herrenschuhe,  während  bei  uns  eine
Fabrik  mit  einer  Tagesleistung  von  1500  Paar  alle  Sorten
herstellt.  1  2 .
Den  soeben  ganz  allgemein  skizzierten  Arbeitsmethoden
gehen  im  einzelnen  technisch-sachliche  Veränderungen  parallel,
die  fluchtig  angedeutet  werden  müssen.  Die  Grundlage  exakt
und  schnell  durchgeführter  Arbeitsprozesse  bilden  die  Meßsysteme. ­
  Ihr  Fortschritt  gestattet  genaue  Messung,  die  besonders ­
  bei  auswechselbaren  Teilen  nötig  ist,  um  zeitraubende
Zusammenpaßarbeit  zu  vermeiden.  Der  Festlegung  von  Typen
und  Normalien  von  der  Konstruktion  her  entspricht  bei  dem
Meßsystem  das  Prinzip  der  Lehren,  das  verstellbare  Maßstäbe ­
  durch  feste  ersetzt.  Außer  Bohr-  und  Feillehren,  Meßklötzen ­
  usw.  werden  Grenzlehren  verwendet,  die  im  höchsten
Grade  präzises  und  rasches  Arbeiten  bis  auf  1 /ioo  mm  ermöglichen, ­
  indem  die  Abweichung  über  und  unter  ein  gewisses ­
  Maß  festgelegt  wird 3 .  Selbstverständlich  verfügt  der
moderne  Maschinenarbeiter  auch  über  die  feinsten  allgemeinen
Meßinstrumente,  wie  Tasterzirkel,  Mikrometerschrauben  usw.
Schablonen  ersparen  das  zeitraubende  Anreißen.  Wie  ungenau ­
  und  langsam  sind  dagegen  die  Instrumente,  mit  denen
der  Handwerker  bei  einer  Arbeit  mißt,  die  doch  auch  einiger
Präzision  und  Pünktlichkeit  bedarf.
Mit  Hilfe  dieser  Mittel  ordnet  der  geschickte  Mann  seine
Tätigkeit  derart  an,  daß  er  mit  einem  Minimum  von  Handgriffen ­
  ein  Maximum  an  Leistung  entfaltet.  Häufig  hat  z  B.
ein  Arbeiter  ein  ungenau  ausgebohrtes  Loch  nachzufeilen,  wobei ­
  er  vielleicht  anderthalb  Tage  unnütz  vergeudet.  „Bei
richtigem  Gebrauch  der  ihm  zur  Verfügung  stehenden  Werkzeuge ­
  und  Lehren  kann  der  Arbeiter  dem  Fabrikanten  viel
1  Kieltiorn,  Englische  und  deutsche  Normalprofile  im  Schiffbau.
„Stahl  und  Eisen“,  1907,  S.  M70'71.
2  Klein,  Spezialisierung  im  Maschinenbau,  Z.  d.  V.  d.  I.,  1907,  S.  997.
3  J.  T.  Usher,  S.  26/27.  —  R.  Grimsliaw,  S.  121.  —  P.  Möller,
8.  15  f.
        <pb n="47" />
        138.

37

Zeit  und  Geld  ersparen  1 .“  —  Hinsichtlich  der  eigentlichen  Bearbeitungstechnik ­
  bietet  die  amerikanische  Industrie  wieder
ein  besonders  charakteristisches  Bild.
Das  Bestreben,  die  großen  investierten  Kapitalien  trotz
hoher  Löhne  und  kurzer  Arbeitszeiten  möglichst  ergiebig  auszunutzen, ­
  hat  in  Amerika  mehr  als  anderwärts  die  Einführungaller
  der  Einrichtungen  und  Mittel  begünstigt,  auf  denen  der
Schnellbetrieb  ruht.  Um  die  toten  Zeiten  auf  ein  Minimum
herabzudrücken,  wird  die  amerikanische  Werkstattpraxis  von
dem  Ideal  getragen,  alle  Bewegung  der  Arbeitsstücke  durch
Maschinen  ausführen  zu  lassen  und  zur  Beaufsichtigung  eine
möglichst  kleine  Zahl  besonders  zuverlässiger,  gebildeter  Arbeiter ­
  zu  verwenden,  denen  alle  Betriebsmittel  zur  Verfügung
stehen,  um  während  der  Produktionszeit  ein  Maximum  an
Leistung  zu  entwickeln 1  2 .  Zahlreiche  Transportmittel,  wie
Gleitbahnen  und  Hebezeuge,  befördern  ein  Werkstück  so
schnell  wie  möglich  von  einer  Maschine  zur  anderen.  Besondere ­
  Arbeitskräfte  besorgen  die  Gänge  und  das  Schleifen
der  Werkzeuge 3 .
Um  den  Produktionsgang  zu  beschleunigen,  sind  mehrere
Werkzeuge  zugleich  an  einem  Stück  tätig.  Das  Prinzip  „viele
Werkzeuge  an  einer  Maschine“  wird  durch  das  „viele  Arbeitsstücke ­
  an  einer  Maschine“  ergänzt.  So  werden  auf  Hobelmaschinen ­
  eine  größere  Zahl  Stücke  zu  gleicher  Zeit  aufgespannt ­
  und  bearbeitet.  Die  Kombination  beider  Arbeitsweisen ­
  ergibt  die  Mehrfachmaschine,  bei  der  mehrere  Werkzeuge ­
  gleichzeitig  mehrere  Arbeitsstücke  behandeln 4  * .  Bei
einer  mehrspindligen  Bohrmaschine  arbeiten  z.  B.  7  Werkzeuge, ­
  die  sich  auf  4  Spindeln,  3  Stichel  und  1  Gewindebohrer
verteilen,  auf  einmal  Eine  solche  Maschine  verlangt  genaueste
Einstellung  und  geschickte,  liebevolle  Bedienung 6 .  Alle  diese
Einrichtungen  vermindern  die  toten  Zeiten  für  Einspannen
der  Werkzeuge  und  Arbeitsstücke.  Besonders  sind  die  Amerikaner ­
  darauf  bedacht,  diese  Zeitverluste  durch  spezielle
Wechselaufspannvorrichtungen,  Schnellverschlüsse  und  magnetische ­
  Aufspannvorrichtungen  möglichst  auszuschalten.  Einen
gewissen  Abschluß  stellen  in  dieser  Richtung  Bohrvorrichtungen
(jigs)  dar,  die  das  Arbeitsstück  wie  eine  Form  umschließen
und  bei  denen  die  Werkzeuge  von  außen  durch  Öffnungen
eindringen 6 .
Diese  Andeutungen  bezwecken  nur,  auf  gewisse  technisch-1
  R.  Grimshaw,  S.  142.
2  Z.  d.  V.  d.  1.,  1891,  S.  491.
3  P.  Möller,  S.  8,_  92.
*  K.  Haller,  Fabrikationsgrundsätze  des  amerikanischen  Maschinenbaues, ­
  Z.  d.  V.  d  I.,  1*95,  S.  989.  —  P.  Möller,  S.  6—8.
6  Z  d.  V  d.  I.,  1903,  S.  288.
6  P.  Möller,  S.  8—9,  23.
        <pb n="48" />
        38

138.

sachliche  Voraussetzungen,  von  denen  höhere  Arbeitsintensität
bedingt  wird,  aufmerksam  zu  machen.  Die  Produktionsmittel
müssen  eine  bestimmte  Höhe  technischer  Kultur  erreicht  haben,
ehe  der  Arbeiter  imstande  ist,  seine  Leistung  bei  kürzerer
Arbeitszeit  zu  steigern.  Dieses  Niveau  hat  die  handwerksmäßige ­
  Produktion  noch  Dicht  überschritten.  Sie  kann,  wie
sich  später  zeigen  wird,  ihren  Intensitätsgrad  nicht  wesentlich
erhöhen.

Drittes  Kapitel.
Die  Intensivierung  der  Arbeit  durch  Vereinigung  mehrerer
Maschinen  in  einer  Hand.
ln  dem  vorigen  Abschnitt  wurde  die  Möglichkeit  höherer
Arbeitsintensität  durch  zeitliche  Verdichtung  der  Produktionsakte ­
  erörtert.  Dieser  Oberbegriff  umfaßt  eine  Fülle  von  Erscheinungen, ­
  aus  der  sich  eine  Gruppe  absondern  läßt:  die
Vereinigung  mehrerer  Maschinen  in  einer  Hand.  Bei  diesem
Sondertypus  intensiverer  Arbeit  kehrt  durchgehend  der  Zug
wieder,  daß  der  zeitlichen  Zusammenfassung  der  Arbeitsprozesse ­
  eine  räumliche  der  Arbeitsinstrumente  parallel
geht.
Die  Vereinigung  mehrerer  Maschinen  in  einer  Hand  kann
sich  erst  bei  einem  gewissen  technischen  Niveau  durchsetzen.
Sie  tritt  umso  stärker  in  den  Vordergrund,  je  mehr  sich  die
Tendenz  zu  automatischer  Gestaltung  der  Maschine  in  der
technischen  Entwicklung  aufringt.  —  Wenn  die  Tätigkeit  des
englischen  Webers  in  den  letzten  siebzig  Jahren  zwölfmal,
die  des  Spinners  sechsmal  ergiebiger  geworden  ist 1 ,  so  strengt
sich  der  Arbeiter  nicht  sechs-  oder  zehnmal  mehr  an.  Die
persönliche  Leistung  steigt  freilich,  sie  gewinnt  aber  einen
anderen  Inhalt.  Wie  höhere  Geschwindigkeit,  so  stellt  auch
die  durch  den  technischen  Fortschritt  bedingte  Übernahme
einer  größerem  Zahl  Maschinen  an  den  Arbeiter  höhere  Anforderungen ­
  1  2 .  Die  Steigerung  der  Arbeitsleistung  von  der
persönlichen  Seite  her  ist  untrennbar  mit  den  technisch-sach-1
  Ellison,  Cotton  Trade  of  England  nach  Marshall,  Hdb.  d.  Volkswirtschaftslehre, ­
  1905,  S.  287.
2  „Ein  Handweber“,  schreibt  Schulze-Gävernitz  (Großbetrieb,  S.  167),
„kann  13  Stunden  den  Tag  arbeiten;  einen  Sechsstuhlweber  13  Stunden
arbeiten  zu  lassen,  ist  eine  physische  Unmöglichkeit.  Wer  den  Mulespinner ­
  zu  Oldham  beobachtet  hat,  umschwirrt  von  2Vs  Tausend  Spindeln, ­
  oder  die  Weberin  zu  Burnley,  umtost  von  4,  ja  6  Webeschiffchen,
weiß,  welch  hoher  Grad  geistiger  Anspannung  hier  erfordert  wird.“  —
Vgl.  ferner:  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  S.  144,  150,  221.  —
Zu  den  Ausführungen  dieses  Kapitels  ist  auch  auf  den  Abschnitt  „Intensifikation
  der  Arbeit“  in  Marx’  Kapital  I,  1872,  S.  428—439,  zu  verweisen. ­
        <pb n="49" />
        138.

39

liehen  Veränderungen  verwebt.  „Beide  Entwicklungen  bedingen ­
  sich  so  sehr,  daß  in  bezug  auf  die  Mehrproduktion
nicht  zu  sagen  ist,  wie  viel  auf  die  Rechnung  des  einen  oder
des  anderen  Faktors  kommt 1 .“
Die  Zusammenfassung  mehrerer  Maschinen  in  einer  Hand
regt  den  Arbeiter  zu  intensiverer  Ausnutzung  seiner  Kräfte
an;  auf  der  anderen  Seite  wird  kürzere  Arbeitszeit  geradezu
Bedingung  so  gesteigerter  Arbeit.  Vor  allem  eröffnet  sich  dem
individuellen  Können  ein  Feld  der  Betätigung.  Je  nach
Fähigkeit,  Aufmerksamkeit  und  Schnelligkeit  wird  die  Zahl
der  bedienten  Maschinen  schwanken.  Selbst  bei  den  ununterbrochen ­
  laufenden  Maschinen  kann  auf  diesem  Wege  eine
Steigerung  der  persönlichen  Leistung  eintreten.  Martin  führt
an,  daß  eine  nicht  durch  lange  Arbeitszeit  überanstrengte
Arbeiterin  viel  mehr  Krempelmaschinen  bedient,  als  eine  des
Denkens  unfähige,  körperlich  zurückgebliebene 1  2  3 .  In  England
bedient  ein  Mann  sieben  bis  acht,  in  Oldham  sogar  neun
Krempelmaschinen  8 .
Der  englische  Spinner  bedient  mit  einem  Gehilfen  zwei
Rahmen  zu  je  800  oder  einen  Selfaktor  von  3000  Spindeln.
Der  chinesische  und  japanische  Arbeiter  bringt  es  bis  jetzt
nur  auf  2—300.  Dem  Elsässer  gegenüber  bedient  der  Engländer ­
  160  °/o  mehr  Spindeln,  die  70°/o  schneller  laufen  und
verliert  10  °/o  weniger  Arbeitszeit 4 .  Auf  jede  in  der  Baumwollindustrie ­
  überhaupt  beschäftigte  Person  kommen  in  England ­
  78,  in  Frankreich  nur  60  Spindeln 5  6 .  Schulze-Gävernitz
hat  berechnet,  wieviel  Arbeiter  im  Jahresmittel  von  1887  bis
1892  auf  je  1000  Spindeln  kommen:  in  England  3;  in
Oldham  bloß  2,4;  in  Mülhausen  5,8;  in  der  Schweiz,  Baden
und  Württemberg  6,2;  im  Elsaß  8,9  und  in  Bombay  25®.
Atkinson  hat  für  Massachusets  gezeigt,  daß  die  Zahl  der  von
einem  Arbeiter  an  einem  Tage  verarbeiteten  Pfund  Baumwolle ­
  1840  bis  1880  um  190  °/o  (von  10,76  auf  31,2  Pfd  )  stieg,
während  die  Arbeitszeit  um  15°/o  gesunken  war.  Die  Mehrleistung ­
  rührt  vor  allem  von  der  größeren  Zahl  Spindeln  in
einer  Hand  her;  aber  auch  pro  Spindel  vermehrte  sich  die
Leistung  um  22  °/o 7 .  —  Nach  Berechnungen  desselben  Autors
kommen  für  die  Baumwollindustrie  Amerikas  auf  zwei  Arbeiter
in  den  Südstaaten  einer  in  Neu-F.ngland.
1  Schulze-Gävernitz,  Der  Großbetrieb,  S.  54.
2  Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.  VIII,  S.  258.
3  Schulze-Gävernitz,  a.  a.  O.,  S.  123.
*  A.  Tille,  Der  Wettbewerb  weißer  und  gelber  Arbeit  in  der
industriellen  Produktion.  1904,  S.  56.  —  J.  Rae,  S.  152.
B  Brassey,  Work  and  Wages,  1894,  S.  167.
6  Schulze-Gävernitz,  S.  121.  —  Eine  ähnliche  Zusammenstellung
bei  Marx,  Kapital  I,  S.  576.
7  J.  St.  Jeans,  Labour  in  relation  to  wages,  hours  of  work  and
efficiency.  Journ.  of  the  Royal  Stat.  Soc.  Vol.  55,  1892,  S.  641.
        <pb n="50" />
        40

138.

Die  gleiche  Tendenz  kommt  auf  der  ganzen  Breite  der
Textilindustrie  zum  Durchbruch.  Der  englische  Weher
versieht  3—4,  in  neuerer  Zeit  sogar  6—8  Stühle;  ein
Italiener  meist  einen,  ein  Deutscher  durchschnittlich  zwei
Stühle  *.  —  Die  Textilindustrien  von  Lancashire  und  Glasgow
konkurrieren  ernsthaft  miteinander.  Abgesehen  von  einigen
Spezialitäten  schlägt  Lancashire  Glasgow  stets,  sobald  es  auf
die  Quantität  ankommt.  Der  von  Glasgow  abgesandte  Kommissar ­
  führt  in  seinem  Bericht  aus,  daß  die  Webekosten  in
Schottland  höher  sind  als  in  Lancashire,  obgleich  der  Schotte
nur  den  halben  Lohn  bezieht.  Er  leistet  dafiir  weniger,  bedient ­
  nur  zwei  Webstühle,  während  der  Lancashiremann
mindestens  vier  übernimmt 1  2  3 .
Die  amerikanische  Industrie  stellt  bekanntlich  bei  hohen
Löhnen  und  relativ  kurzen  Arbeitszeiten  an  ihre  Arbeiter
hohe  Anforderungen.  1893  werden  in  den  Merrimack  Mills
(Massachusets)  8  Stühle  von  einer  Person  übernommen;  in
Nashua  (New-Hampshire)  je  nach  Gewebeart  und  Geschicklichkeit ­
  2,  4,  6  Stulile.  In  einem  Etablissement  überwachen
15  Weber  oder  Weberinnen  4  Stühle,  17  haben  5,  126  6,
1  hat  7  und  18  haben  8  unter  sich 8 .  Diese  Verhältnisse
setzten  französische  VV'eber,  die  als  Delegierte  auf  die  Ausstellung ­
  von  Chicago  gesandt  waren,  in  Staunen.  Nach  französischem ­
  Brauch  bedient  ein  Weber  nur  zwei  Stühle.
In  dem  neusten  Stadium  der  amerikanischen  Textilindustrie ­
  kommt  das  Prinzip  „mehr  Maschinen  in  einer  Hand“
wieder  deutlich  zur  Geltung.  Je  vollendeter  die  Maschine,
desto  mehr  Stühle.  Der  amerikanische  Northropstuhl  automatisiert ­
  den  Spulenwechsel.  Statt  8  erhält  ein  Weber
jetzt  16—20  Stühle  zur  Aufsicht 4 .  Er  hat  vor  allem  die
Spulentrommel  zu  füllen  und  zerrissene  Kettenfäden  anzuknüpfen. ­
  In  amerikanischen  Webereien  gibt  es  Leute,  die
ihre  Arbeit  in  eine  Hetzjagd  verwandeln.  Sie  bedienen  bis
zu  30  und  40  Stühlen,  indem  sie  in  einem  Rennen  bleiben 5  *  * .
Solche  Auswüchse  können  natürlich  zu  Schädigungen  des
Nervensystems  führen.
W r ährend  die  Arbeitszeit  allmählich  sinkt  und  die  Produktion ­
  steigt,  nimmt  in  allen  Zentren  des  Textilgewerbes  die
Gesamtzahl  der  Spindeln  und  Webstiihle  weit  stärker  zu,  als
die  Zahl  der  Arbeiter.  Die  englische  Entwicklung  weist
1856—1885  folgenden  Verlauf  auf 0 :
1  Vgl.  E.  Müller,  Hdb.  d.  Weberei,  1896,  S.  713.
2  J.  Rae,  8.  155.
3  E.  Levasseur,  L’ouvrier  americain,  1898,  I,  S.  97.
4  E.  Levasseur,  1,  S.  98,  137.  —  E.  Müller,  Hdb.  d.  Weberei,  S.  1117.
5  Der  Northropwebstuhl,  Deutsche  Technische  Rundschau,  1905,
Nr.  23.
8  Schulze-Gävernitz,  Zum  soz.  Frieden,  1890,  II,  S.  276.
        <pb n="51" />
        138.

41

Spindeln  Webstühle  Arbeiter
1856  .  .  .  28010217  298  847  379329
1885  .  .  .  44348  921  560955  504069
Zunahme  .  .  58,3  %  87,7%  32,9%
Die  Zahl  der  Spindeln  und  Webstühle  steigt  um  58,3
und  87,7  %,  die  der  Arbeiter  nur  um  32,9%.  —  Die  amerikanische ­
  Baum  Wollindustrie  zeigt  einen  parallelen  Gang 1 :
Spindeln  Webstühle  Arbeiter
1830  .  .  .  1246703  33433  62208
1890  .  .  .  11088103  324866  221585
Zunahme  .  .  1:  8,9  1:9,7  1:  3,6

Einer  Vermehrung  der  Arbeiter  um  das  3,6fache  steht
hier  ein  Anwachsen  der  Spindeln  und  Webstühle  um  8,9  und
9,7  gegenüber.  —  Ein  räumlich  enger  begrenztes  Beobachtungsfeld ­
  bilden  die  Produktionszahlen  von  acht  großen  Werken
aus  Lowell,  einem  Mittelpunkt  der  amerikanischen  Textilindustrie. ­
  Von  1835—1893  vermehren  sich  hier  die  Spindeln
um  8,1,  die  Webstühle  um  5,7,  die  Arbeiter  nur  um  3,2 1  2 .  —
Schließlich  sei  noch  ein  deutsches  Zeugnis  angeführt.  Die
Zahl  der  im  Rheinland  arbeitenden  Spindeln  beträgt  1887
435  000;  1905  arbeiten  ungefähr  1350  000  Spindeln  in  dieser
Gegend.  An  Webstühlen  sind  ohne  Leinen-,  Seide-  und
Samtindustrie  20000  vorhanden.  Die  Zahl  der  Spindeln  steigt
1887—1905  von  1  auf  3,  die  der  beschäftigten  Arbeiter  nur
von  1  auf  1,6,  nämlich  von  25000  auf  41000.  Dementsprechend
hebt  sich  der  Verdienst  im  Durchschnitt  für  jeden  Arbeiter
von  600  auf  800  Mk.  jährlich 3 .  —  Interessant  ist  die  Tatsache,
daß  in  Ostindien  die  persönliche  Leistungsfähigkeit  bei  Vermehrung ­
  der  Arbeitsinstrumente  nicht  wächst 4 .

Spindeln
1876/77  1  100112
1891/92  3272988
Zunahme  1  :  3

Webstühle  Arbeiter
9139  39537
24670  117  922
1:  2,7  1:3

Im  allgemeinen  durchdringt  dieser  Typus  intensiver  Arbeit
die  Industrie  in  dem  Maße,  wie  die  Automatisierung  des  Betriebes ­
  um  sich  greift.  Die  Wirkungssphäre  persönlicher  und
maschineller  Arbeit  ist  dann  so  geteilt,  daß  die  Maschine
mehr  und  mehr  alle  physische  Formarbeit  aufsaugt,  der  Mensch
dagegen  die  leitend-dispositive  Seite  des  Produktionsprozesses
auf  sich  nimmt.  Seine  Arbeit  erhält  einen  neuen  Inhalt:  er

1  E.  Levasseur,  I,  S.  41.  Die  Zahlen  stammen  aus  dem  11.  Zensus.
2  Berechnet  nach  den  „Annual  statistics  of  manufactures  in  Lowell
and  nei"hbouring  towns.  Jan.  1893“,  hei  Levasseur  I,  S.  72.
»  Z.  d.  V.  d.  I.,  1906,  S.  1680.
4  Neumann-Spallart,  Übersichten  der  Weltwirtschaft,  herausgeg.
v.  Juraschek,  1885—1896,  S.  458.
        <pb n="52" />
        42

138.

gibt  die  geistigen  Direktiven  des  Arbeitsvorganges  Die
Funktion  der  Hand  wird  durch  eine  mehr  leitende,  überwachende ­
  Tätigkeit  abgelöst.  Die  Vereinigung  mehrerer
Maschinen  in  einer  Hand  ist  eine  Möglichkeit  höherer  Arbeitsintensität, ­
  die  durch  eine  allein  von  seiten  des  Arbeiters  ausgehende ­
  Veränderung  nur  in  beschränktem  Maße  zu  verwirklichen ­
  ist.  Verbesserung  oder  Einführung  neuer  Maschinen
ist  wiederum  eine  Bedingung,  die  von  dem  Stande  der
Maschinenbautechnik,  von  Kapitalkraft  und  Geschäftsgang  der
Unternehmungen,  von  der  geistigen  Blickweite  der  Leiter  abhängt. ­

In  modernen  Fabriken  bedienen  schon  Dui’chschnittsarbeiter
  etwa  2  Schnelldrehbänke  oder  Fräsmaschinen,  3  Kreissägen, ­
  5—6  Rundfräsmaschinen.  In  den  Werkstätten  von
Ludwig  Löwe  &amp;amp;  Co.  überwacht  ein  Mann  z.  B.  2  automatische
Fassondrehbänke,  von  denen  jede  in  40  Stunden  3000  Drahtstifte ­
  dreht.  In  den  Hamburg-Amerikanischen  Uhrenfabriken
werden  mehr  als  1000  Sondermaschinen  benutzt,  um  die
Einzelteile  herzustellen.  Auf  einen  Arbeiter  kommen  vielfach
4—5  Stück.  Solche  Einrichtungen  sind  vorzüglich  hei  der
Massenherstellung  gewisser  Artikel,  wie  Schrauben-  oder
anderer  Einzelteile,  möglich,  wie  sie  in  der  Maschinen-  und
Uhrenindustrie,  in  Fahrrad-,  Nähmaschinen-,  Gewehr-  und
Munitionsfabriken  Vorkommen.  Diese  Arbeit  übernehmen
Revolverbänke  und  Ganzautomaten,  die  durch  besondere  Vorrichtungen ­
  zum  Einstellen,  Zentrieren,  Messen  (Supporte)  die
Handtätigkeit  mehr  und  mehr  ausschalten.
Auch  in  der  Arbeitskategorie  „mehr  Maschinen  in  einer
Hand“  scheinen  die  Amerikaner  besonders  hohe  Leistungen
zu  entwickeln.  Fast  allen  Reisenden  fällt  das  auf.  So  berichtet ­
  ein  englischer  Industrieller,  daß  in  einer  Werkstätte
ein  Arbeiter  mit  Hilfe  eines  Jungen  nicht  weniger  als  15  automatische ­
  Maschinen  zur  Schraubenfabrikation  bediene.  Schleifmaschinen ­
  würden  oft  in  Gruppen  von  10  Stück  zusammengesetzt, ­
  während  in  einer  englischen  Werkstatt  20  Arbeiter
auf  40  Schleifmaschinen  kämen 1  2  * .  Selbst  in  der  Feinschleiferei
versieht  der  geübte  Mann  unter  Umständen  2  Maschinen 8 .
Ein  amerikanischer  Fabrikant,  der  mehrere  Jahre  in  Europa
zugebracht  hat,  behauptet,  daß  in  Deutschland  12  gelernte
Arbeiter  an  12  schraubenschneidenden  Maschmen  stehen,  eine
Arbeit,die  in  Amerika  ein  tüchtiger  Mann  mit  Hilfe  von  5  bis
6  Mädchen  oder  Jungen,  die  Material  heranschaffen,  verrichten
würde 4 .  Wie  dem  auch  sei:  Tatsache  ist,  daß  in  amerikani-1
  Vgl.  hierzu:  G.  Schlesinger,  Die  Entwicklung  der  Werkzeugmaschine ­
  und  ihr  wirtschaftlicher  Einfluß.  Z.  d.  V.  a.  I.,  1908,  S.  424.
2  G.  H.  ßeiswitz,  Ca’canny,  1902,  S.  72.
8  P.  Möller,  S.  43.
4  E.  Schalck,  Der  Wettkampf  der  Völker,  S.  90.
        <pb n="53" />
        138.

43

sehen  Werkstätten  ein  Mann  vielfach  4—6  Revolverdrehbänke
übernimmt,  was  in  Deutschland  wohl  nur  vereinzelt  vorkommt ­
  *.

Viertes  Kapitel.
Die  Ordnung  der  Pausen.
Die  Tendenz,  den  Produktionsprozeß  bei  kürzerer  Arbeitszeit ­
  durch  Verminderung  der  toten  Zeiten  zu  komprimieren,
führt  in  natürlicher  Konsequenz  dahin,  die  eigentlichen  Betriebspausen, ­
  die  offiziellen  Ruhezeiten  zu  vermindern,  ja  teilweise ­
  zu  beseitigen.  —  In  hygienischer  und  psychologischer
Hinsicht  ist  der  Gewinn  einer  in  der  Fabrik  verbrachten
Ruhepause  ungleich  weniger  vorteilhaft  als  die  gleiche  Erholungszeit ­
  nach  Schluß  der  Arbeit.  Arbeitsstätten,  die  z.  B.
so  warm  und  staubig  sind,  wie  die  der  Eisenindustrie,  bieten
schon  eine  körperlich  recht  fragwürdige  Erholung,  von  der
seelischen  zu  schweigen.  Noch  zittert  der  eherne  Rhythmus
der  Fabrik  in  den  Nerven  nach,  und  schon  winkt  von  fern
das  strenge  Zepter  der  Arbeit  zu  neuer  Tätigkeit.  Räume,
auf  denen  stets  die  Atmosphäre  des  Werkstatttreibens  lagert,
entlassen  die  Seele  nicht  wirklich  aus  ihrer  Stimmung,  sondern
halten  den  Geist  auch  während  der  Pause  in  ihrem  Bann.
Für  den  Eintritt  irgendeines  Erfolges  ist  nicht  allein
die  absolute  Größe  der  angreifenden  Kräfte  maßgebend.  Auch
ihre  Verteilung  stellt  ein  wesentliches  Moment  des  Erfolges
dar.  Man  kann  etwa  die  gleiche  Last  in  rasch  oder  langsam
folgenden  Zügen  um  kleine  oder  große  Strecken  bewegen.
Die  kräftesparendste  Verteilung  ist  je  nachdem  verschieden.
Auch  beim  güterproduzierenden  Betrieb  muß  es  die  „günstigste
Pause“  Kräpelins  geben,  die  die  vorteilhafteste  Kombination
von  Lage  und  Dauer  der  Ruhezeit  in  bezug  auf  die  Länge
des  Arbeitstages  ergibt.  Wenn  die  Forschung  diese  Verhältnisse ­
  mehr  aufgehellt  hat,  wird  die  Volkswirtschaft  und  ihre
Lehre  davon  vielleicht  einigen  Nutzen  ziehen  können.  Eine
Analogie  zeigen  verwandte  Gebiete,  wie  etwa  die  Frage  der
besten  Volksernährung.
In  der  Industrie  ist  die  zeitliche  Verteilung  der  Kräfte
in  großen  Zügen  durch  die  Wirtschaftsorganisation,  im  engeren
Sinn  durch  die  Arbeitsordnung  vorgezeichnet.  Sie  bestimmt
die  Ruhepausen,  schreibt  Beginn  und  Schluß  des  Arbeitsprozesses ­
  vor;  sie  beeinflußt  mehr  oder  minder  die  Arbeitsintensität. ­
  —  Die  Veränderungen,  die  die  Maschinenbauanstalt
von  Johnson  einführte,  als  die  Arbeitsdauer  von  neun  auf
acht  Stunden  sank,  sind  in  dieser  Hinsicht  charakteristisch 1  2 .
1  Z.  d.  V.  d.  I.,  1903,  S.  868.
.  2  Bei  Kae,  8.  56.
        <pb n="54" />
        44

138.

Bei  gleichen  Zeitlöhnen  steigt  der  Rohertrag,  ohne  daß  Wandlungen ­
  in  Technik,  Geschwindigkeit  der  Maschinen  und  Selbstkosten ­
  eintreten.  Statt  von  6—5  Uhr  mit  zwei  Pausen,  lauft
der  Betrieb  von  8—5  Uhr  mit  einer.  Die  erste  Pause  konnte
ausfallen,  da  die  Leute  schon  gefrühstückt  hatten.  Jede  Unterbrechung ­
  bringt  den  Verlust  einer  Viertelstunde  mit  sich,  der
aus  dem  Fertigmachen  zum  Aufhören  und  mit  den  Vorbereitungen ­
  beim  Wiederbeginn  der  Arbeit  entspringt.  Ferner
steigt  die  Arbeitsfähigkeit  in  den  Morgenstunden.  Früher
wurde  vor  dem  Frühstück  wenig  getan,  die  Leistung  war
50°/o  weniger  wert.  Schließlich  wird  ein  Weg  nach  Hause
gespart.  —  Übrigens  mißt  auch  Mather  der  Verlegung  des
Frühstücks  vor  die  Arbeit  einen  bedeutenden  Einfluß  auf  die
Steigerung  der  Arbeitsleistung  zu.  Nach  der  Mahlzeit  ist  die
Muskelleistung,  wie  experimentell  festgestellt  wurde,  höher
als  vorher;  Nahrungsaufnahme  begünstigt  die  geistige  Leistungsfähigkeit ­
  1 .
Der  Inhaber  einer  Offenbacher  Schuhfabrik  erklärt:  „Der
Neunstundentag  bewährt  sich  vorzüglich.  Ich  habe  damit
erreicht,  daß  die  Frühstücks-  und  Vesperpausen  mit  dem
unvermeidlichen  Biertrinken  wegfallen.  Die  Arbeiter  sind
und  bleiben  nüchtern,  leisten  dadurch  mindestens  dasselbe  wie
in  10  Stunden,  was  ich  durch  mehrwöchentliche  Versuche
genau  feststellte“ 1  2 .  —  Auch  das  Dejeuner  des  französischen
Arbeiters  bedeutet  nicht  nur  einen  unverhältnismäßig  großen
Zeitverlust,  sondern  hat  noch  den  Nachteil,  gewöhnlich  in  der
Kneipe  mit  Alkoholgenuß  eingenommen  zu  werden.  Nach
den  Versuchen  Aschaffcnburgs  setzt  schon  mäßiger  Alkoholgenuß ­
  die  Leistungsfähigkeit  bei  praktischer  Arbeit  um  1,1,2  °/o
herab 3 .  In  solchen  Fällen  könnte  eine  zweckmäßige  Änderung
der  Arbeitsordnung  erzieherisch  wirken  und  die  Leistung
trotz  kürzerer  Arbeitszeit  auf  der  Höhe  halten.
England  und  Amerika  haben  im  allgemeinen  bei  relativ
kurzem  Arbeitstag  eine  einzige  Mittagspause 4 .  Die  sogenannte

1  Römer,  Versuche  über  Nahrungsaufnahme  und  geistige  Leistungsfähigkeit. ­
  Psychologische  Arbeiten,  heran-geg.  v.  Kraepelin,  It.  S  695.
—  vgl.  Kraepelin,  Zur  Hygiene  der  Arbeit.  Neue  Heidelberger  Jahrbücher, ­
  1896,  S.  242.  —  Die  Steigerung  der  Leistungsfähigkeit  ist  sehr
wohl  mit  der  Tatsache  vereinbar,  dal!  sich  nach  gröberen  Mahlzeiten
während  einer  kleinen  Spanne  Zeit  eine  gewisse  Indisposition  zur  Arbeit
einstellt.  Die  körperlichen  Energien  werden  nämlich  während  dieser
kurzen  Periode  in  bedeutendem  Maße  durch  den  Verdauungsprozeß  absorbiert. ­

2  Soz.  Praxis,  1905,  S.  33.  —  Ähnlicher  Erfolg  z.  B.  Jahresbericht
d.  Großherzogi.  Bad  Fabrikinspektion,  1905,  S.  42.
3  G.  Asehaff'enburg,  Praktische  Arbeit  unter  Alkoholgenuß,  psych.
Arb.,  herausgeg.  v.  Kraepelin,  Bd.  1,  8.  626.
4  P.  Möller,  S  164.  —  Shadwell  (England,  Deutschland  und  Amerika,
S.  333;  erwähnt  übrigens  auch  für  englische  Verhältnisse  eine  Frühstückspause. ­
        <pb n="55" />
        138.

45

englische  Arbeitszeit  beruht  auf  frühem  Schluß  und  acht-,
höchstens  neunstündiger  Dauer  der  Arbeit  bei  möglichster
Verkürzung  oder  Beseitigung  aller  Pausen,  ln  den  deutschen
Tarifverträgen  betragen  diese  bei  zehnstündiger  Arbeitszeit
in  der  Regel  2  Stunden,  wovon  1 / 2  Stunde  auf  die  Frühstücks-,
eine  Stunde  auf  die  Mittags-  und  1 / 2  Stunde  auf  die  Vesperpause ­
  gerechnet  wird 1 .  Die  altmodische  Sitte  dreier  Ruhezeiten, ­
  die  bis  vor  kurzem  in  Deutschland  herrschte,  hat  vornehmlich ­
  die  langen  Arbeitstage  der  früheren  Zeit  begünstigt,
teilweise  vielleicht  verschuldet.  Heute  macht  die  englische
Arbeitszeit  auch  bei  uns  beständige  Fortschritte.  §  136  der
deutschen  Gewerbeordnung  gestattet  auch  bei  Jugendlichen
Wegfall  der  Vor-  und  Nachmittagspausen,  sofern  die  Arbeitszeit ­
  8  Stunden  nicht  übersteigt.
Wenn  die  Arbeitszeit  in  den  Tarifverträgen  neu  geregelt
wird,  fällt  zunächst  die  Vesper  vielfach  fort,  und  der  Betrieb
wird  ty g  Stunde  früher  geschlossen 1  2  3 .  Auf  Grund  des  §  139
erhält  z.  B.  eine  Schuhwarenfabrik  die  Genehmigung,  Vorund
  Nachmittagspause  fallen  zu  lassen.  Die  Mittagsruhe  sinkt
auf  eine  halbe  Stunde,  während  der  Schluß  auf  4  Uhr  festgesetzt ­
  wird 8 .  Nach  dem  Jahresbericht  für  1906  erhalten
zehn  Fabriken  im  Regierungsbezirk  Potsdam  die  Erlaubnis,
die  Nachmittagspause  zu  beseitigen.  Drei  von  ihnen  hatten
eine  Arbeitszeit  von  7%  Stunden,  eine  von  8%,  drei  von  8V2
und  zwei  von  9  Stunden  4 .  In  Berlin  wurde  1902  in  460  Betrieben ­
  (etwa  10%)  mit  9100  Arbeiterinnen  (etwa  14%)  bei
höchstens  neunstündiger  Arbeitsdauer  eine  nur  halbstündige
Mittagspause  eingehalten 5 .  Parallele  Zeugnisse,  die  das  Aufkommen ­
  kürzerer  Arbeitszeiten  unter  Verminderung  der  Pausen
bestätigen,  anderwärts 6 .
Das  Ideal  eines  kurzen  Arbeitstages  mit  möglichst  wenig
Pausen  ist  in  der  sogenannten  englischen  Tischzeit  verwirklicht ­
 7 .  Sie  verlegt  die  Mittagsruhe  an  das  Ende  der  Arbeitszeit ­
  und  schaltet  alle  Pausen  aus.  Im  allgemeinen  läßt  sich
diese  Einrichtung  nur  bei  der  körperlich  nicht  so  anstrengenden
Tätigkeit  geistiger  Arbeiter  in  den  Bureaus  der  Verwaltungsbehörden ­
  und  Fabriken,  in  Bank-  und  Handelshäusern  durchführen. ­
  —  Der  Industriearbeiter  kann  auch  bei  kurzem  Arbeits1 ­
  Der  Tarifvertrag  im  Deutschen  Reich,  1906,  II,  S.  26.
2  Reichsarbeitsblatt,  1907.  S.  1125.
3  Jahresbericht  d.  Kgl.  Preuß.  Regierungs-  u.  Gewerberäte,  1906,
S.  52.
4  Preußische  Jahresberichte  für  1906,  S.  52.
B  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  1905,  S.  91
6  Vgl.  Preußische  Jahresberichte  für  1905,  S.  40;  1906,  S.  56,  98,
194,  337;  1907,  S.  4.  Badische  Jahresberichte  für  1905,  S.  64.  Bayrische
Jahresberichte  für  1907.  S.  161  usw.
7  Vgl.  hierzu  Stanticus,  Deutsche  und  englische  Arbeitszeit.
„Gegenwart“,  Bd.  48,  Nr.  35.
        <pb n="56" />
        46

138.

tag  die  Mittagsruhe  nicht  entbehren.  Darauf  weist  die  gegen
Mittag  anwachsende  Unfallhäufigkeit  eindringlich  hin.  Auch
Kraepelin  hält  auf  Grund  seiner  Versuchserfahrungen  die
Verlegung  der  Hauptmahlzeit  in  die  Mitte  des  Tages  für  vorteilhafter ­
  als  die  Verschiebung  derselben  an  das  Ende  der
Arbeit 1 .  Die  Muskelleistung  ist  nach  der  Mahlzeit  höher  als
am  Vormittag 1  2 .  Auf  dem  internationalen  Kongreß  für  Arbeiterkrankheiten ­
  hat  Pieracini  gezeigt,  daß  die  Produktionskurve
bei  Hand-  und  geistigen  Arbeitern  in  der  letzten  Stunde  vor
Mittag  und  Abend  beträchtlich  abnehme 3 .  Überhaupt  vertragen ­
  nur  kräftige  Arbeiter  —  Frauen  dagegen  schon  weniger
leicht  —  die  Beseitigung  der  anderen  kleinen  Pausen 4  5  6 .
Die  Dauer  der  Mittagsruhe  ist  von  lokalen  Einflüssen
abhängig.  In  der  Großstadt  und  auf  dem  Lande  kommen
andere  Bedürfnisse  zur  Geltung  als  in  der  Mittel-  und  Kleinstadt®. ­
  In  der  Enquete  von  1902  erklären  4 /s  der  deutschen
Aufsichtsbeamten  eine  allgemeine  Verlängerung  der  Mittagspause ­
  von  1  auf  Vh  Stunden  für  unnötig®.  Eine  halbe  Stunde,
wie  sie  in  Amerika  vielfach,  bei  uns  vereinzelt  vorkommt,
dürfte  das  hygienische  Minimum  bilden,  das  in  einzelnen  Fällen
schon  überschritten  wird 7 .  Nur  unter  besonders  günstigen
Umständen  kann  die  Mittagspause  an  das  Ende  der  eigentlichen ­
  Arbeit  gelegt  werden.  Zwei  Spinnereien  führen  englische ­
  Arbeitszeit  auf  folgendem  Wege  ein.  In  der  einen  läuft
der  Betrieb  für  alle  Erwachsenen  ununterbrochen  von  6V2  bis
1  Uhr.  Nach  einstündiger  Mittagspause  findet  die  Reinigung
statt;  um  2 3 /4  Uhr  verlassen  die  Arbeiter  die  Fabrik.  Bei
der  anderen  wird  von  6  bis  2  mit  halbstündiger  Ruhe  um
12  durchgearbeitet;  auch  hier  ist  alles  um  2 a U  fertig.  „In
beiden  Spinnereien  sind  Arbeiter  und  Arbeitgeber  mit  der
Neueinrichtung  durchaus  zufrieden.  Produktions-  und  Lohnausfälle ­
  sind  bis  jetzt  nicht  eingetreten.  Auch  ist  von  mißbräuchlicher ­
  Benutzung  der  gewährten  freien  Zeit  nichts  bemerkt ­
  worden 8 .“
Im  ganzen  hat  der  Arbeiter  tale  quäle  natürlich  keinen

1  Kraepelin,  Zur  Hygiene  der  Arbeit,  Neue  Heidelberger  Jahrbücher, ­
  ls96,  S.  242.  —  Vgl.  ferner  G.  Heilig,  Fabrikarbeit  und  Nervenleiden. ­
  Berliner  Dissertation  1908,  8.  23.
2  Psychologische  Arbeiten,  herausgeg.  v.  Kraepelin,  III,  S.  689.
8  Soziale  Praxis,  1906,  S.  1054.
4  J.  Rae,  S.  37.  —  Schüler,  Schriften,  S.  112.
5  Es  kommt  auf  die  Entfernung  der  Wohnung  von  der  Betriebsstätte ­
  an.  Vgl.  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  S.  90,  302.
6  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  S.  302,  327.
7  Morgener  (Die  englische  Arbeitszeit.  „Konkordia“,  Zeitschrift
der  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt,  1908,  S.  134)  weist  auf  Fälle
sinkender  Leistung  bei  zu  kurzer  Mittagspause  hin.  M.  Rubner
(Lehrb.  d.  Hygiene,  1907,  S.  738)  betont,  daß  die  Ernährung  der  Arbeiter
vielfach  leidet,  weil  die  Mittagspause  zu  kurz  ist.
8  Preußische  Jahresberichte,  1904,  S.  307.
        <pb n="57" />
        138.

47

Einfluß  auf  die  Regelung  der  Pausen;  im  einzelnen  kommt  es
aber  sehr  darauf  an,  ob  er  sich  seine  Zeit  beim  Beginn  und
während  der  Arbeit  gut  oder  schlecht  einteilt.  Bei  Verkürzung
des  Arbeitstages  kommt  oft  ein  neuer  Geist  der  Pünktlichkeit
zur  Herrschaft.  Eine  frischere  Atmosphäre  von  Arbeitsfreude
zieht  in  die  Werkstatt  ein.  Besonders  die  Akkordlöhnen
passen  beim  Beginn  und  während  der  Arbeit  mehr  auf,  da
sie  wissen,  daß  ihnen  keine  Überstunden  bleiben,  um  Versäumtes ­
  nachzuholen.  Alle  sind  pünktlicher 1 .  Eine  Schiffsbaufirma ­
  findet  etwa,  daß  die  Arbeiter  nach  Fierabsetzung  der
wöchentlichen  Arbeitszeit  von  53  auf  48  Stunden  nicht  soviel
Zeit  vergeuden  und  mehr  als  früher  leisten.  Bei  dem  alten
System  fingen  15—20°/o  der  Leute  erst  nach  Verlust  einer
Viertelstunde  wirklich  an  zu  arbeiten 1  2  3  *  * .
Das  Trödeln  am  Nachmittage  hört  auf,  während  vorher
„die  Natur  ihr  Recht  gefordert  hatte“.  Freese  stellt  eine
Verringerung  der  Strafgelder  wegen  Verspätung  fest.  Bei
langer  Arbeitszeit  ist  der  gesamte  Produktionsprozeß,  trotz  der
größeren  Pausen,  von  einem  gewissen  laisser-aller  durchsetzt.
Von  der  Arbeitsintensität  der  Überstunden  wurde  schon  früher
gesprochen.  —  In  gegebener  Spanne  Zeit  nützt  vielleicht  allein
der  amerikanische  Arbeiter,  soweit  es  an  ihm  liegt,  seinen
Arbeitstag  richtig  aus,  während  der  ebenbürtige  deutsche  Arbeiter ­
  infolge  der  verfehlten  Akkord-  und  Prämienpolitik  von
oben  sein  Können  bei  weitem  nicht  auf  das  Höchstmaß  steigert 8 .

Fünftes  Kapitel.
Die  Betriebsorganisation  als  Voraussetzung  höherer
Arbeitsintensität.
Die  durch  die  Arbeitsordnung  gegebene  allgemeine  Verteilung ­
  von  Ruhe  und  Tätigkeit  stellt  nur  eine,  gewissermaßen ­
  äußerliche  und  leicht  zu  fassende  Seite  des  Einflusses
dar,  den  die  Betriebsorganisation  auf  die  Arbeitsintensität  übt.
Dieser  geht  noch  weiter,  umfaßt  wichtige  Faktoren  anderer
Art.  Die  Betriebsorganisation  ist  nicht  nur  Arbeitsordnung
im  engeren  Sinn,  sondern  auch  die  Form,  die  allen  Vorgängen
der  Fabrik  die  Bahn  vorzeichnet.  Sie  ist  Rahmen  des  gesamten ­
  Produktionsprozesses,  die  zusammenfassende  Einheit
aller  Betriebselemente,  deren  Ablauf  sie  regelt  und  ordnet.
1  Vgl.  J.  Rae,  S.  114—115.  —  Derselbe,  Neue  Fortschritte  zur
Achtstundenbewegung  in  England,  Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.,
1898,  S.  18/19.  —  H.  v.  Nostiz,  Das  Aufsteigen  des  Arbeiterstandes  in
England,  S.  512.  —  ßayr.  Jahresber.,  1907,  S.  195  usw.
3  Soz.  Praxis,  1898,  S.  1371.
3  Dieser  wichtige  Punkt  gut  hervorgehoben  bei  J.  H.  West,  Verfehlte ­
  Akkordpolitik,  Deutsche  Industriezeitung,  1905,  S.  162—163.
        <pb n="58" />
        48

188.

Welche  Bedeutung  hat  die  Wirtschaftsordnung  in  dieser  Hinsicht ­
  für  das  Tempo  des  Arbeitsganges?  —  So  schwierig  die
Aufgabe  ist,  so  wenig  sich  genaueres  darüber  in  abgekürzter
Darstellung  sagen  läßt,  wenigstens  angedeutet  müssen  diese
Zusammenhänge  werden 1 .  Es  liegt  im  Wesen  der  Sache,  daß
der  einzelne  Arbeiter  von  sich  aus  diese  Faktoren  nicht  beeinflußt. ­
  Sie  stellen  objektive  Bedingungen  dar,  denen  er
sich  unterordnet.  Ein  Beispiel  soll  zeigen,  um  was  es  sich
etwa  handelt.
Bessere  Maschinen  garantieren  noch  keine  höhöre  Produktivität, ­
  wenn  der  sie  benutzende  Mann  nicht  regelmäßig  mit
Arbeit  versehen  wird.  Das  hängt  nicht  von  ihm,  sondern  von
komplementären  Leistungen  anderer  Betriebsglieder,  von  der
Übersicht  und  Fähigkeit  des  Werkmeisters  oder  -leiters  ab.
In  schlecht  organisierten  Betrieben  wird  nur  50  %  der  Arbeitszeit ­
  auf  die  eigentliche  Produktion  verwendet;  die  andere
Hälfte  geht  durch  Vorbereitungen  aller  Art  verloren.  Man
fragt  bei  dem  Meister  nach  neuer  Arbeit.  Dieser  überlegt.
Die  Zeichnung  wird  gesucht,  je  nachdem  schnell  oder  langsam ­
  verstanden.  Beim  Einspannen  des  Arbeitsstückes  fehlt
es  an  Klammern  und  Bolzen,  an  Scheiben  und  Muttern,  oder
diese  passen  nicht.  Gelegentlich  wird  nach  einem  Bolzen  so
lange  gesucht,  wie  die  Arbeit  selbst  dauert.  In  erstklassigen
Anlagen  kann  davon  natürlich  keine  Rede  sein.  „Tatsächlich
geht  es  so  in  den  allermeisten  Werken  zu“,  heißt  es  in  einem
in  der  „Machinery“  erschienenen  Aufsatz,  der  zu  obiger
Schilderung  benutzt  wurde 1  2 .
Wie  dem  auch  sei:  solche  Verhältnisse  hellen  die  Beziehung ­
  von  Arbeitstempo  und  Werkstattorganisation  auf.  —
Als  Mather  die  Arbeitswoche  in  seiner  Maschinenbauanstalt
von  53  auf  48  Stunden  herabsetzte,  ging  an  die  Meister  und
Vorarbeiter  der  verschiedenen  Abteilungen  die  Mahnung,  Voraussicht ­
  und  Wachsamkeit  zu  üben,  das  Material  gut  und
richtig  im  voraus  zu  beschaffen  und  für  kleine  Erleichterungen
in  der  Werkstatt  zur  Vermeidung  von  Zeitverlusten  zu  sorgen 3 .
In  den  Nostizschen  Eisenwerken  verdienen  die  Arbeiter  bei
gleichen  Akkordsätzen  ebensoviel,  ja  mehr,  wiewohl  der
zwölfstündige  Arbeitstag  durch  eine  Achtstundenschicht  abgelöst ­
  ist.  Von  der  Betriebsleitung  werden  freilich  gewisse
Einrichtungen  getroffen,  um  den  Arbeitern  die  Möglichkeit
1  Die  Literatur  über  Betriebsorganisation  ist  größtenteils  zusammengestellt ­
  in  dem  Aufsatz  von  E.  Pfuhl,  Technisch-wirtschaftliche  Betrachtungen, ­
  „Werkstattstechnik“,  1907,  S.  148.  —  Zeitschriften:  Die
Werkstattstechnik,  herausgeg.  v.  G.  Schlesinger,  und  deren  internationale ­
  Zeitschriftenschau,  I.  Jahrg.,  1907.  —  Ferner  Aufsätze  in  der  Z.
d.  V.  d.  I.  u.  d.  „Gewerblich-technische  Ratgeber“.
2  Nach  dem  „Gewerblich-technischen  Ratgeber“,  1907,  S.  314.
3  Verhandl.,  Bei'.,  Mitt.  des  Zentralverb,  deutscher  Industr.,  Nr.  62,
S.  78.
        <pb n="59" />
        138.

49

zu  geben,  eine  höhere  Intensität  zu  entfalten.  Die  gleichen
Ofen  und  Walzwerke,  Dampfmaschinen  und  Kessel  müssen
sich  den  vermehrten  Ansprüchen  gewachsen  zeigen  h
Die  Betriebsorganisation  wird  je  nach  den  technischen
Zuständen  mehr  oder  weniger  in  den  Vordergrund  treten 2  —
im  Maschinenbau  spielt  sie  eine  größere  Rolle  als  in  der
Textilindustrie  —,  sie  wird  je  nach  der  Eigenart  der  Betriebe
eine  wechselnde  Gestalt  annehmen.  Die  prinzipielle  Schwierigkeit ­
  einer  Erörterung  liegt  nicht  nur  darin,  daß  das  geeignete
Material  weit  verstreut  liegt,  teils  noch  nicht  existiert.  Vor
allen  Dingen  ist  die  wirtschaftliche  Organisation  ein  individuelles ­
  Gebilde,  das  sich,  wie  ein  Kleid  der  Körperform,
den  betrieblichen  und  natürlichen  Verhältnissen  in  ihrer
Eigenart  anzuschmiegen  hat.  Oft  entspringt  an  diesem  Punkt
das  Geheimnis  des  Erfolges.  Nicht  alle  Industrielle  sind
gleich  fähig  zu  intensiver  Betriebsführung.  Hier  liegt  ein  Gebiet, ­
  auf  dem  die  spezifische  Tätigkeit  des  Unternehmers  erscheint, ­
  auf  dem  der  organisatorischen  Intelligenz  und  Geschicklichkeit ­
  des  Betriebsleiters  ein  weites  Feld  offensteht.  Je
nachdem  die  Glieder  und  Elemente  des  wirtschaftlichen  Organismus ­
  richtig  ineinandergreifen,  verläuft  der  Produktionsprozeß
glatt  oder  gehemmt.  Die  verschiedenen  Abteilungen  einer
Maschinenfabrik  —  Modelltischlerei,  Gießerei,  Schmiede,
Maschinenwerkstatt  —  müssen,  aufeinander  abgestimmt,  sich
gut  in  die  Hand  arbeiten.  Innerhalb  der  Maschinenwerkstatt
sind  wieder  je  nachdem  Dreherei,  Hoblerei,  Fräserei,  Schleiferei
als  Unterabteilungen  aufeinander  angewiesen.
Die  Meister,  deren  Tüchtigkeit  den  Ertrag  nicht  wenig
beeinflußt,  sorgen  dafür,  daß  keine  Abteilung  auf  die  andere
wartet,  und  daß  das  Material  schon  in  Bereitschaft  liegt.  Die
fähige  Leitung  weiß  die  Arbeit  der  richtigen  Maschine  zu
übertragen,  und  wenn  diese  frei  wird,  rechtzeitig  für  passende
Aufgaben  zu  sorgen.  Bei  schlecht  organisierten  Betrieben
kommt  die  falsche  Arbeit  an  die  unpassende  Maschine  —  etwa
kleine  Stücke  auf  große  Bänke  —  oder  an  einen  Mann,  der
nicht  eingearbeitet  ist.
Auch  das  Textilgewerbe  kann,  nach  der  Ansicht  des  Ge-1

  Sozialpolitisches  Zentralblatt,  1894,  S.  92.
3  In  groben  Umrissen  kann  die  Größe  des  Verwaltungsapparates
eine  Vorstellung  von  der  Bedeutung  der  Betriebsorganisation  geben.
Eine  Umfrage  Öchelhäusers  (Technische  Arbeit  einst  und  jetzt,  1906,
8.  28)  bei  einer  Anzahl  von  Werken,  die  als  Muster  und  Typen  gelten,
ergab  folgendes  Verhältnis  von  Arbeitern  und  Beamten:
Es  kommt  für
Stahl-  u.  Hüttenwerke  auf  etwa  30—26  Arbeiter  ein  Beamter
Spinnereien  „  „  18—15
Webereien  „  „  12—10
Schiffswerften.  „  „  16—  8
Maschinenfabriken  „  „  12—  4
Forschungen  138.  —  Bernhard.

4
        <pb n="60" />
        50

138.

Werbeinspektors  für  Potsdam,  durch  bessere  Disposition  des
Zusammenarbeiten  eine  höhere  Arbeitsintensität  entfalten,
indem  das  Warten  eines  Arbeiters  auf  den  anderen  oder  auf
Arbeitsmaterial,  wie  es  zur  Zeit  noch  häufig  vorkommt,  vermieden ­
  wird 1 .  —  Weber,  welche  abgewebt  haben,  müssen
oft  warten,  weil  die  neue  Kette  nicht  sogleich  in  den  Stuhl
gebracht  wird.  Besonders  in  der  Holzindustrie  und  Töpferei
erleiden  die  Akkordarbeiter  häufig  Verluste,  weil  sie  auf
Material  warten  müssen 1  2 .  Von  hier  erklären  sich  gewisse
Bestimmungen  in  den  Tarifverträgen  wie:  „Es  soll  genügendes
und  brauchbares  Material  für  die  Former  gestellt  werden“,
oder  bei  Schlossern  und  Schmieden:  „Die  Akkordarbeit  darf
keine  Unterbrechung  durch  fehlendes  Material  erleiden“  3 .  Die
markantesten  Beispiele  bilden  jene  Fälle,  wo  Akkordarbeiter
aus  solchen  Motiven  vor  den  Gewerbegerichten  Entschädigungsansprüche ­
  durchsetzten.  So  ein  Tischlergeselle,  der  bei  Herstellung ­
  einer  Garnitur  längere  Zeit  stillliegen  muß,  weil  der
Drechsler  nicht  rechtzeitig  die  passenden  Füße  geliefert  hat.
So  ein  Akkordweber,  der  aus  Mangel  an  Garn  nicht  weiter
arbeiten  kann 4 .
Auch  diesen  organisatorischen  Fragen  haben  zuerst  die  Amerikaner ­
  größere  Aufmerksamkeit  zugewendet.  Ein  einzelnes
Beispiel  aus  der  Werkstattpraxis  genügt,  um  die  allgemeine
Tendenz  aufzuzeigen.  Viel  Zeit  geht  verloren,  wenn  sich  der
Arbeiter  seine  Werkzeuge  oder  andere  Dinge  selbst  holt.  In
Amerika  sind  hierzu  Laufjungen  da,  die  ein  Klingelzeichen
herbeiruft.  „Die  Gänge  werden  von  den  billigen  Arbeitskräften ­
  gemacht,  und  für  den  Arbeiter  fällt  die  Verlockung
fort,  von  seiner  Maschine  zu  gehen  und  sich  mit  seinen  Genossen ­
  zu  unterhalten 5 .“  Ebenso  hat  der  Arbeiter  nichts  mehr
mit  dem  Schleifen,  Verfertigen,  Zurichten  der  Werkzeuge  zu
tun,  was  Spezialisten  besorgen.  „II  en  r6sulte  une  meilleure
utilisation  du  temps,  beaucoup  d’ordre  .  .  .“  sagt  ein  französischer ­
  Ingenieur  von  diesen  Einrichtungen 6 .  Man  geht  auf
der  ganzen  Linie  zu  einer  schärferen  Differenzierung  der
Funktionen  Uber,  vermehrt  vor  allem  die  „unproduktiven“
Arbeiter,  denen  die  gesamte  Vorbereitung,  Vermittlung  und
Beförderung  der  Arbeit  zwischen  den  produktiven  Arbeitskräften ­
  übergeben  wird.  Diese  werden  für  ihre  eigentliche
1  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  S.  152.
2  L.  Bernhard,  Die  Akkordarbeit  in  Deutschland,  1903,  S.  104,  223.
2  Der  Tarifvertrag  im  Deutschen  Reich,  1906,  III,  S.  151,  157.  —
Ähnliche  Vereinbarungen  bei  Schuhmachern,  ibid.  S.  205,  Maurern,
S.  33,  Stukkateuren,  S.  72.
4  Das  Gewerbegericht,  1897,  S.  98;  1906,  S.  354.
5  P.  Möller,  S.  8,  117.
6  Levasseur,  L’Ouvrier  americain  I,  S.  236.  —  Über  amerikanische
Spezialisation  vgl.  ferner:  J.  H.  West,  Hie  Deutschland,  hie  Amerika,
1908,  S.  46.  —  Kassel,  Amerikanisches  Geschäftsleben,  1908,  S.  23.
        <pb n="61" />
        138.

51

Aufgabe  völlig  frei,  können  sich  ihr  mit  voller  Kraft  widmen.
Auf  dieser  Basis  ist  das  System  Taylor  aufgebaut,  das  die
Leistung  jedes  Arbeiters  um  100—3ü0°/o  steigern  soll 1 .  —
Die  führenden  Werke  Deutschlands  haben  sich  in  neuerer
Zeit  eine  auf  ähnlichen  Grundsätzen  beruhende  Organisation
geschaffen.  Nach  dem  Vorgang  der  Amerikaner  wurden  besondere ­
  Betriebsbureaus  eingerichtet,  die  Arbeitsverfahren  und
Arbeitsfolge  eines  jeden  Werkstücks  festzulegen  haben.
Den  Grundsatz  „Spezialisierung  der  Funktionen“  berücksichtigt ­
  eine  gute  Organisation  schon  bei  der  Einstellung
der  Arbeitskräfte.  „The  right  man  in  the  right  place,“  ist
die  Devise  eines  intensiven  Betriebs.  Taylor,  der  Direktor
des  Bethlehem  Steel-Works  fordert  individuelle  Berücksichtigung ­
  jedes  Arbeiters.  Jeder  soll,  um  das  Höchstmögliche
leisten  zu  können,  eine  Arbeit  erhalten,  für  die  seine  Kräfte,
Kenntnisse  und  Geschicklichkeit  gerade  noch  ausreichen.  Besonders, ­
  wo  man  sich  gegenseitig  in  die  Hände  arbeitet,
können  unfähige  oder  gleichgültige  Arbeiter  ein  Hemmnis  für
jede  Beschleunigung  der  Produktion  werden.  Sie  müssen,  wie
Schüler  betont,  entfernt  werden,  damit  die  guten  Arbeiter
nicht  geschädigt  werden 1  2 .  West  wirft  den  deutschen  Werkzeugmaschinenfabrikanten ­
  vor,  daß  sie  außer  stände  seien,  die
einzelnen  Arbeiter  entsprechend  ihrer  individuellen  Anlage  zu
verwenden 3 .
Auf  Einzelheiten  der  Betriebsorganisation  brauchen  wir
nicht  einzugehen.  Nur  kurz  sei  noch  auf  ein  paar  Momente
hingewiesen,  die  das  Arbeitstempo  beeinflussen  können.  Es
versteht  sich  von  selbst,  daß  eine  gut  organisierte  Werkstatt
mit  allen  notwendigen  Betriebsmitteln  versehen  ist  und  rechtzeitig ­
  für  deren  Ersatz  sorgt 4 .  Von  der  Art  und  Weise,  wie

1  Das  System  Taylor  benutzt  ferner  sorgfältige  Kontroll-  und
Zettelsysteme,  die  genaue  Selbstkostenbereehnung  gestatten,  Dinge,  die
uns  hier  nichts  mehr  angehen...
Literatur:  0.  Eicliberg,  Über  eine  Art  amerikanischer  Werkstattorganisation ­
  (System  Taylor),  Werkstattstechnik,  1907,  S.  461.  —
J.  H.  West,  Moderne  Gesichtspunkte  f.  d.  Verbesserung  d.  Org.  u.  d.
Arbeitsmeth.  in  Fabrikbetrieben,  Z.  d.  V.  d.  1.,  1906,  S.  141.  —  Gewerblich-technischer ­
  Ratgeber,  1907,  S.  316.  —  H.  K.  Hashaway,  The  value
of  „nonproducers“  in  manufacturing  plants.  Machinery.  Nov.  1906,  S.  133  f.
3  Schüler,  Schriften,  S.  108.
3  J.  H.  West,  Zur  Lage  der  deutschen  Werkzeugmaschinenfabriken,
Deutsche  Technische  Rundschau,  1905,  S.  355.
4  Auf  dem  Wege  der  Tarifverträge  —  auch  einer  ihrer  Vorzüge
—  beeinflussen  die  Arbeiter  gelegentlich  die  technischen  Zustände  und
die  Arbeitsmethoden.  So  heißt  es  für  die  Nadler  z.  B.:  „Werkzeuge
und  Maschinen  sind  in  brauchbarem  Zustand  zu  liefern  und  zu  erhalten“
(Der  Tarifvertrag  im  Deutschen  Reich,  1906,  III,  S.  153).  Es  finden
sich  ferner  Bestimmungen  wie:  Der  Unternehmer  verpflichtet  sich,  „für
die  Arbeiter  kleine  Zwingen  vorrätig  zu  halten“,  oder:  „Die  Akkordsätze ­
  gelten  unter  der  Bedingung,  daß  der  Unternehmer  im  oberen
Arbeitssaal  aufstellen  läßt:  zwei  große  Schraubböcke  usw.,  im  unteren
4  *
        <pb n="62" />
        52

138.

Werkzeuge  und  Materialien  ausgegeben  und  befördert  werden,
wurde  schon  gesprochen.  Die  moderne  Werkstattpraxis  verlangt ­
  ferner,  daß  die  Maße  in  der  Zeichnung  so  angegeben
werden,  daß  der  Arbeiter  seine  Zeit  nicht  durch  Suchen  oder
Umrechnen  zu  verlieren  braucht 1 .  Die  praktische  Zeichnung
mit  sorgfältiger  Angabe  der  Maße  spart  zeitraubende  Rückfragen ­
  und  verhindert  Fehler  bei  der  Bearbeitung.  „Drawing
must  be  foolproof,“  heißt  es  in  Amerika;  das  will  besagen:
Auch  der  Dummkopf  hat  die  Zeichnung  zu  begreifen.
Die  Werkstattdisziplin  ist  ein  unmittelbarer  Ausdruck  für
den  Geist,  der  die  Betriebsorganisation  beherrscht.  Sie  spiegelt
deren  Gesamttenor  wie  in  einem  Brennpunkt  wieder.  Rauchen,
Trinken  und  Sprechen  läßt  sich  bei  kurzer  Arbeitszeit  leichter
unterdrücken,  als  bei  langer.  Durchaus  charakteristisch  ist
die  Stimmung  der  amerikanischen  Werkstatt.  „La  vie  des
ateliers  am4ricains  est  toute  difförente  de  celle  de  la  plupart
des  ateliers  frangais.  On  ne  parle  pas,  on  ne  chante  pas,  le
silence  le  plus  rigoureux  regne,  on  entre  et  on  sort  ä  la
cloche  .  .  .  Partisan  am&amp;amp;ricain  est  dans  son  Element;  le  bruit
des  rires  et  des  conversations  le  ddrangerait.“  So  sprechen
französische  Metallarbeiter,  die  zur  Ausstellung  von  Chicago
abgeordnet  waren  2 .
Zur  Wirtschaftsorganisation  im  weiteren  Sinn  gehören
auch  die  lokalen  Voraussetzungen  der  Produktion.  Hygienische
Zustände,  Licht  und  Luft  bedingen  mehr  oder  minder  die
Arbeitsintensität  und  deren  Beschleunigung.  Gute  Beleuchtungsverhältnisse ­
  begünstigen  schnelleres  Arbeiten,  besonders  bei
der  Durchführung  schwieriger  Aufgaben.  Auch  dieser  Punkt
wird  gelegentlich  in  Tarifverträgen  berücksichtigt 3 .  In  welchem
Maße  er  den  Ertrag  beeinflußen  kann,  zeigt  eine  Seidenweberei, ­
  die  in  einem  mangelhaft  erleuchteten  Hochbau  ein
um  16°/o  geringeres  Ergebnis  zu  verzeichnen  hatte,  als  in
einem  neuen,  hellen  Shedbau,  der  mit  den  gleichen  Webstühlen
ausgerüstet  war 4 .
Ein  guter  Arbeitsraum  regt  suggestiv  zur  Arbeit  an.
„Es  gibt  Fabriken  von  einer  Helligkeit  durchflutet,  die  den

Saal  einen  Schraubbock  usw.“  In  der  Textilindustrie  kommt  z.  B.  die
Forderung  vor  „keine  geleimten  Ketten  zur  Verarbeitung  zu  geben
bzw.  bei  geleimten  Ketten  die  Akkordsätze  zu  erhöhen“  (L.  Bernhard,
Die  Akkordarbeit  in  Deutschland,  S.  146).
1  Kuppert,  Aufgaben  und  Fortschritte  des  deutschen  Werkzeugmaschinenbaues, ­
  Z.  d.  V.  d.  I.,  1906,  S.  574.
2  Levasseur,  S.  233.  —  Vgl.  ferner  Shadwell,  S,  340.
3  In  einem  Tarifvertrag  der  Former  und  Gießereiarbeiter  findet
sich  etwa  folgender  Passus:  „Die  Arbeitsplätze  sollen  vom  Unternehmer
genügend  beleuchtet  werden“  (Der  Tarifvertrag  im  Deutschen  Reich,
4  Schüler,  Schriften,  S.  110.  —  Vgl.  über  diesen  Punkt  noch:
Shadwell,  S.  293;  P.  Möller,  S.  81.
        <pb n="63" />
        138.

53

Willen  elektrisiert,  von  einer  Bauart,  so  energisch,  so  übersichtlich ­
  ,  daß  Unordnung  und  Faulheit  dort  keine  Statt
haben  können“ 1 .  Solche  Werkstätten  sind  und  bleiben
vorläufig  Ausnahmen  wie  z.  B.  die  Einrichtungen  der  bekannten ­
  Cash-Register-Company  in  Dayton  (Ohio).
Da  die  Analyse  der  Faktoren  höherer  Arbeitsintensität  mit
diesem  Punkt  die  wesentlichen  Momente  erschöpft  hat,  können
wir  zusammenfassen  und  Folgerungen  ziehen.  Um  die
Grenzen,  die  diesem  Teil  durch  seine  analytische  Aufgabe  gesetzt ­
  waren,  nicht  zu  überschreiten,  beginnen  wir  einen  neuen
Abschnitt.

1  „Arbeitsfreude“,  Das  Werkblatt,  Dezember  1907.
        <pb n="64" />
        Dritter  Teil.

Die  Eigenart  der  technisch-organisatorischen  Faktoren
und  die  Schranken  einer  Verdichtung  der  Produktionsprozesse. ­


Aus  den  vorangehenden  Darlegungen  erhellt,  daß  das
Tempo  der  Produktion  von  mannigfaltigen  Faktoren  verschiedener ­
  Herkunft  beeinflußt  wird.  Imponderabilien,  deren
genaue  Wirkung  im  einzelnen  nicht  festzulegen  ist,  spielen
herein.  Im  ganzen  stellt  die  Intensität  der  Arbeit  eine
komplexe  Größe  dar,  die  sich  aus  personalen  und  technischsachlichen ­
  Elementen  konstituiert.  Der  persönliche  Faktor
kommt  zur  Geltung  in  den  durch  die  Natur  des  technischen
Vorgangs  gegebenen  toten  Zeiten,  die  je  nachdem  durch  unwillkürliche, ­
  von  der  Produktionszeit  abbröckelnde  Sonderpausen ­
  erweitert  werden.  —  Die  objektiv-sachlichen  Prämissen
höherer  Arbeitsintensität  sind  durch  technisch-organisatorische
Tatsachen  gegeben.  Als  derartige  Momente  wären  im  einzelnen
etwa  zu  nennen:  die  Methode  und  das  technische  Niveau  der
Produktionsprozesse,  die  Betriebsorganisation  als  ihre  übergreifende ­
  und  regelnde  Einheit,  der  arbeitsteilige  Zuschnitt
der  einzelnen  technischen  Funktion,  die  individuelle  Beschaffenheit ­
  der  Roh-  und  Hilfsstoffe,  der  Werkzeuge,  Maschinen  und
Transporteinrichtungen.
Die  Steigerung  der  Leistung  bei  kürzerer  Arbeitszeit
wird  von  technisch  -  organisatorischen,  d.  h.  unpersönlichen
Voraussetzungen  getragen.  Dem  entsprechen  die  zu  Beginn
dieser  Arbeit  angeführten  Erfahrungen,  die  auf  die  Möglichkeit ­
  höherer  Arbeitsintensität  bei  verkürzter  Arbeitszeit  hinwiesen. ­
  Im  großen  ganzen  waren  nur  Großbetriebe  mit  entwickelter ­
  Organisation  und  vorgeschrittenen  Produktionsraethoden
  zu  nennen.  Anderseits  ist  die  Intensivierung  und
Verdichtung  des  Produktionsprozesses  unmittelbar  dem  persönlichen ­
  Arbeitsfaktor  zuzurechnen.  Unerklärlich  wäre
sonst  die  Tatsache,  daß  zahlreiche  Werke  auf  der  gleichen
Produktionsbasis,  d.  h.  mit  denselben  Maschinen,  Betriebskräften, ­
  Rohstoffen,  Gebäuden  und  unter  gleicher  Organisation
        <pb n="65" />
        138.

55

eine  höhere  Leistung  entfalten  konnten.  Es  sei  nur  an  die
von  Abbe,  Freese,  Fromont  und  Mather  beigebrachten  Zeugnisse ­
  erinnert.  Der  Erfolg  steht  hier,  wie  bei  Textilfabriken
fest,  deren  Rohstoffe,  Maschinen  und  Garnnummern  gleichbleiben.
Wundt  bezeichnet  als  Ursache  eines  Erfolges  diejenige
seiner  Bedingungen,  die  Uber  Größe  und  Beschaffenheit  der
Wirkung  Rechenschaft  gibt.  In  diesem  Sinne  weist  auch  das
vielfach  beobachtete,  allmähliche  Steigen  der  Leistung  auf
das  frühere  Niveau,  während  sie  anfangs  zurückbleibt,  deutlich
auf  die  kausale  Rolle  des  persönlichen  Faktors  hin.  —  Auf
der  einen  Seite  steht  die  menschliche  Arbeit  als  Träger  höherer
Arbeitsintensität  bei  kürzerer  Arbeitszeit,  auf  der  anderen  die
technisch-organisatorischen  Faktoren  als  eine  Bedingung  ihrer
Möglichkeit.  Dies  sind  die  Daten,  um  den  Anteil  von  Technik
und  Arbeit  festzulegen.  Das  Resultat  einer  begrifflichen
Trennung  kann  nur  folgendermaßen  lauten.  Jede  Erklärung
für  Gleichbleiben  oder  Vermehrung  des  Ertrages  bei  kürzerer
Arbeitsdauer  hat  auf  den  personalen  Faktor  der  Produktion
als  unmittelbare  Ursache  zurückzugehen.
Der  Technik  muß  gegeben  werden,  was  der  Technik  ist.
Sie  stellt  eine  allgemeine  Bedingung  dar,  die  das  Inkrafttreten
und  die  Wirksamkeit  des  persönlichen  Faktors  ermöglicht.
Obwohl  integrierender  Bestandteil  der  Ereignisse,  erscheint
sie  in  dem  eben  entwickelten  Sinn  innerhalb  der  Zusammenhänge ­
  von  Arbeitszeit  und  Arbeitsintensität  als  ein  konditionaler, ­
  nicht  als  kausaler  Faktor.  Logisch,  wie  in  der
Natur  der  Dinge,  ist  sie  so  das  Prius  einer  Mehrleistung;  wohlgemerkt: ­
  das  Prius,  aber  nicht  deren  unmittelbarer  Träger.
Diese  begriffliche  Klärung  tritt  in  keiner  Weise  der  fundamentalen ­
  Bedeutung  der  technisch-organisatorischen  Faktoren  zu
nahe.  Im  Gegenteil.
Sobald  ein  gewisses  technisch-organisatorisches  Niveau
von  vornherein  zugrunde  liegt,  kann  die  durch  eine  Mehrleistung ­
  sich  anzeigende  höhere  Intensität  der  Arbeit  rein  als
funktionelle  Abhängige  verkürzter  Arbeitszeit  hervortreten.
Das  ist  der  Fall  bei  jenen  hochentwickelten  Betrieben,  wo
die  Produktion  trotz  Verminderung  des  Arbeitstages  nicht
sinkt,  ja  steigt,  während  alles  übrige  unverändert  bleibt.  In
manchen  Fällen,  etwa  bei  gesetzlichem  Zwang,  geht  dagegen
die  kürzere  Arbeitszeit  voran.  Hier  können  ihre  günstigen
Wirkungen  bezüglich  der  Leistung  erst  hervortreten,  wenn
die  technisch-organisatorischen  Bedingungen  post  festum  erfüllt ­
  werden.
Verbesserung  der  Arbeitsbedingungen  befördert  so  den
wirtschaftlichen  Fortschritt,  eine  Tatsache,  die  auch  Unternehmer ­
  zuweilen  anerkennen  k  Nordamerika  bildet  das  groß-1
  So  der  österreichische  Großindustrielle  Wittgenstein  (Z.  d  V.  d.
        <pb n="66" />
        56

138.

artigste  Beispiel.  Kapitalschwache,  Klein-  und  Zwergbetriebe
können  diese  Veränderung  nur  schwer  mitmachen.  Eine  Verkürzung ­
  der  Arbeitszeit  unter  das  hygienische  Maximum  würde
ihnen  nach  und  nach  die  Existenzbasis  abgraben.  Der  Erörterung ­
  dieser  Verhältnisse  und  Zustände  sind  die  nun  folgenden ­
  Darlegungen  gewidmet.
Im  großen  ganzen  stellt  das  Handwerk  am  besten  den
charakteristischen  Typus  einer  Technik  und  Arbeitsweise  dar,
bei  der  eine  Verdichtung  der  Produktionsakte  auf  eine  kürzere
Spanne  Zeit  sehr  beschränkt  ist.  Beispiele  folgen  hernach.
Der  Gegenstand  wäre  an  sich  bedeutsam  genug,  um  eine  genauere ­
  Betrachtung  zu  verdienen.  Dazu  fällt  von  diesem
Gegenbild  noch  einmal  ein  helles  Licht  auf  gewisse,  der  industriellen ­
  Produktion  eigene  Züge,  die  die  Grundlage  höherer
Arbeitsintensität  bilden *  1 .
Der  Handwerker  nimmt  an  seinem  Material  Veränderungen
aller  Art  vor,  als  da  sind:  Schlagen,  Hauen,  Stoßen,  Strecken,
Quetschen,  Stanzen,  Hämmern,  Sägen,  Bohren,  Drehen,  Hobeln,
Stemmen,  Pressen,  Schleifen.  Er  benutzt  zur  Bearbeitung
seiner  Rohstoffe  einfache  Werkzeuge,  wie:  Hammer,  Säge,
Axt,  Bohrer,  Zange,  Meißel,  Stemmeisen.  Wenn  der  Handwerker ­
  Kapital  und  Kenntnisse  besitzt,  kommen  hierzu  einfache ­
  Handwerksmaschinen,  wie  Drehbank  oder  Sickenmaschine,
ein  Fall  der  zunächst  ausgeschieden  werden  soll.  Das  Handwerk
ist  trotz  einzelner  maschineller  Einrichtungen  der  wichtigste,
freilich  nicht  der  einzige  Vertreter  der  Handarbeit.  Die
Eigenart  des  Handwerks  besteht  darin,  daß  der  Arbeiter  zugleich ­
  Motor  und  Direktor  der  Bewegung  ist.  Er  vereinigt
physische  und  intellektuelle  Tätigkeit,  im  Gegensatz  zum  Industriearbeiter, ­
  dem  die  Kraftmaschine  den  motorisch-physischen
Antrieb  abnimmt.  Dieser  kann  offenbar  sein  Tempo  mit
L,  1899,  S.  137).  —  Schon  Babbage  konstatiert  1832,  daß  die  Erfindung
und  Einführung  neuer  Methoden  für  das  Schmieden  und  Schweißen  von
Gewehrläufen  direkt  durch  die  Forderung  besserer  Arbeitsbedingungen
verursacht  wurde  (S.  u.  B.  Webb,  Theorie  und  Praxis  der  englischen
Gewerkvereine,  1898,  II,  S.  245—254).  Hohe  Löhne  mögen  den  industriellen ­
  Fortschritt  noch  mehr  anspornen  als  kurze  Arbeitszeiten.  In  der
englischen  Baumwollindustrie  haben  sich  erst  an  Lohnerhöhungen  viele
technische  Fortschritte  geknüpft  (Schulze-Gävernitz,  Zum  sozialen
Frieden,  1890,  II,  S.  274).  —  Vgl.  ferner  Brassey,  Work  and  Wages,
1872,  Chap.  V,  besonders  S  136  f.  —  Brentano,  S.  36.  —  Schönhofif,  S.  276.
1  Benutzte  Literatur:  G.  Müller,  Handwerkszeug  und  Handwerksmaschine. ­
  Ein  wirtschaftswissenschaftlicher  Vergleich,  1906.  —  E.  Herrmann, ­
  Technische  Fragen  und  Probleme  der  Volkswirtschaft,  189i;  derselbe: ­
  Prinzipien  der  Wirtschaft,  1873.  —  G.  Zöpfl,  Nationalökonomie  der
technischen  ßetriebskraft,  1903.  —  Das  im  folgenden  entworfene  Bild
des  Handwerkers  kann  nur  eine  methodisch  vereinfachende  Konstruktion
darstellen,  die  das  Wesentliche  schärfer  hervortreten  läßt.  Die  Wirklichkeit ­
  muß  Abweichungen  und  Übergänge  aufweisen,  die  nicht  berührt
werden  können,  zumal  da  sie  die  Ergebnisse  keineswegs  verändern
würden.
        <pb n="67" />
        188.

57

weniger  Kraftaufwand  beschleunigen,  als  jener.  Allein  die
manuell-körperliche  Anstrengung  ist  bei  vielen  Handarbeiten
schon  recht  beträchtlich.  Beim  Feilen  beginnt  je  nach  Gewohnheit ­
  und  Kraft  die  Arbeitsintensität  in  der  dritten  bis
vierten  Stunde  abzunehmen  und  sinkt  mindestens  auf  drei
Viertel  der  anfänglichen  Leistungsfähigkeit  *.  Bei  einem  Zimmermann ­
  in  London  nahm  man  seinerzeit  nur  eine  achtjährige
Dauer  der  Vollkraft  an 1  2 .  Als  Gegenbild  braucht  man  nur
an  den  mit  höchster  Intensität  tätigen  amerikanischen  Arbeiter
zu  erinnern,  dem  eine  besondere  Gabe,  sich  die  Arbeit  zu  erleichtern, ­
  eignet:  „He  is  encouraged  to  use  his  brain  and  to
save  his  muscle  for  his  old  age  .  .  .  Economy  of  muscular
effort  is  the  keynote  of  American  industry 3 “.
Die  physische  Anstrenguug  würde  an  sich  eine  Intensivierung ­
  noch  nicht  ausschließen.  Erst  durch  das  Zusammentreffen ­
  mit  anderen  Momenten  wird  auch  dieser  Umstand  bedeutsam. ­
  Der  Handwerker  liefert  ja  nicht  nur  den  mechanischen
Antrieb,  er  hat  auch  zu  gleicher  Zeit  auf  die  Präzision  zu
achten.  Er  selbst,  nicht  das  Werkzeug  ist  Träger  der  Arbeit.
Er  gibt  nicht  einer  außerhalb  seiner  ablaufenden  Kette  von
Vorgängen  durch  seine  Eingriffe  die  geistige  Direktive,  sondern
der  Formgebungsprozeß  passiert  unmittelbar  sein  Muskel-  und
Nervensystem.  Im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  hat  er  die
Qualität  der  Arbeit  in  der  Hand.  Die  eindringende  Analyse
G.  Müllers  zeigt,  daß  in  dieser  Hinsicht  feine  Verschiedenheiten ­
  bestehen,  je  nachdem  die  Funktion  des  Handwerkers
trennenden,  verbindenden,  transformierenden  Charakter  hat 4  * .
Darauf  kann  natürlich  nicht  eingegangen  werden.  Die  aller
Handarbeit  gemeinsamen  Züge  faßt  Emanuel  Herrmann
folgendermaßen  zusammen  :
„Der  Handarbeiter  begleitet  seine  technische  Funktion  .  .  .  stets
mit  einem  zweiten  willkürlichen  und  ununterbrochenen  Denk-  und
flandelsprozeß,  der  technischen  Aktion:  er  erwägt  dabei  die  Raumund ­
  Zeitverhältnisse,  mißt  die  Distanzen,  beobachtet  alle  Zwischenfälle,
korrigiert  gewisse  Differenzen  in  den  Raum-  und  Zeitmaßen,  er  beschleunigt ­
  oder  verlangsamt  je  nach  seinen  technischen  Endabsichten
die  Akte,  er  mäßigt  oder  verstärkt  die  Kraft,  er  behandelt  die  Rohund
  Hilfsstoffe,  er  formt  und  wirkt,  er  versucht  und  reguliert“ 8 .
Hände,  Augen,  Beine  —  der  ganze  Körper  haben  daran  mehr
oder  minder  wesentlichen  Anteil.  Ein  solches  Zusammentreffen ­
  körperlicher  und  intellektueller  Tätigkeit  ist  unverhältnismäßig ­
  ermüdend,  würde  bei  intensiver  Durchführung

1  G.  Müller,  S.  54.
2  A.  Smith,  Wealtli  of  Nations,  Ed.  Routledge,  1893,  S.  63.
3  W  R  Lawson,  American  Industrial  Problems,  1903,  S.  82—84,  92.
4  G.'  Müller,  S.  122  f.
8  E.  Herrmann,  Technische  Fragen  und  Probleme,  S.  63.
        <pb n="68" />
        58

138.

clas  Nervensystem  schädigen 1 .  Das  Handwerk  ist  schon  durch
die  besondere  Verwebung  qualifizierter  und  physisch-mechanischer ­
  Leistungen  an  einer  wesentlichen  Steigerung  seiner
Intensität  gehindert.  Tritt  die  Qualität  des  Werks  als  wesentlicher ­
  Zweck  der  Arbeit  in  den  Vordergrund  —  am  entschiedensten ­
  im  Kunstgewerbe  —  so  wird  eine  angemessen
kurze  Arbeitszeit  geradezu  Postulat  des  Erfolges.
Schon  der  einzelne  technische  Akt  widersteht  an  sich,
wie  wir  fanden,  einer  Verdichtung  auf  eine  kürzere  Spanne
Zeit.  Die  Aneinanderreihung  dieser  Akte  im  eigentlichen
Arbeitsprozeß  bringt  ein  neues,  noch  wichtigeres  Moment  an
die  Frage  heran.  Der  Handwerker  wechselt  stetig  mit  seinen
Werkzeugen,  je  nachdem  sich  das  Arbeitsstück  in  einem
früheren  oder  späteren  Stadium  der  Formgebung  befindet.
Er  behandelt  jedes  Stück  für  sich.  Der  Büchsenmacher  alten
Stils,  der  die  50  Teile  eines  Magazingewehres  einzeln  anfertigt ­
  und  dann  zusammenpaßt,  ist  ein  typischer  Vertreter
dieser  Produktionsmethode.  Damit  wird  das  Handwerk
durch  eine  in  seinem  Wesen  liegende  Bestimmung  getroffen, ­
  die  für  eine  Beschleunigung  des  Arbeitstempos  maßgebend ­
  ist.
Der  Handwerker  geht  gewissermaßen  nach  allen  Dimensionen ­
  langsam  um  eine  Kugelform  herum,  während  der
arbeitsteilige  Spezialist  sich  schnell  an  einer  geraden  Linie
entlang  bewegt.  Die  Muskelbewegungen  des  Handwerkers
verlaufen  nicht  einförmig,  rhythmisch-gleichmäßig  genug,  um
die  Verdichtung  der  Produktionsakte  der  Mehranstrengung
gegenüber  lohnend  zu  machen.  Im  Gegenteil.  —  Der  Wechsel
der  je  nach  dem  individuellen  Zweck  koordinierten  Bewegungen
kann  solcher  Tätigkeit  unter  Umständen  eine  Art  künstlerischen
Reiz  verschaffen,  der  damit  erkauft  wird,  daß  eine  Beschleunigung ­
  nur  auf  Kosten  der  persönlichen  Spannkraft  und  sachlichen ­
  Qualität  vor  sich  gehen  könnte.
Die  Fabrik  arbeitet  ihrem  Wesen  nach  auf  Vorrat;  das
Handwerk  im  alten  Sinn  ist  auf  Kundenproduktion  und  Bestellung ­
  angewiesen.  Der  Großbetrieb  erzeugt  Massenartikel,
der  typische  Kleinmeister  leistet  individuelle  Arbeit,  muß  sich
den  Aufträgen  von  Fall  zu  Fall  anpassen.  Die  Schwierigkeit,
den  Produktionsprozeß  bei  kürzerer  Arbeitszeit  zu  verdichten,
liegt  so  implicite  im  Wesen  des  handwerklichen  Kleinbetriebs 1  2 .
1  Körperliche  Anstrengung  im  Verein  mit  geistiger  wirkt  besonders
ermüdend  und  schädigend.  Vgl.  zu  diesem  Punkt  A.  Mosso,  Die  Ermüdung, ­
  deutsch,  1892,  S.  150,  280.  —  P.  Sehönhals,  Über  die  Ursachen
der  Neurasthenie  und  Hysterie  bei  Arbeitern,  Berliner  Diss.,  1906,
8.  24—25.  —  S.  Bettmann,  Psychische  Arbt.,  herausgeg.  v.  Kraepelin,
I,  S.  193,  208.
2  Der  scharfe  Beobachter  Adam  Smith  bringt  diesen  Zug  gut
heraus.  „Es  ist  unmöglich,  sehr  schnell  von  einer  Art  Arbeit  zur  andern
überzugehen,  wenn  sie  an  einer  andern  Stelle  und  mit  ganz  andern
        <pb n="69" />
        138.

59

Um  den  ganzen  Unterschied  hervortreten  zu  lassen,  halte  man
gegen  diese  Produktionsmethode  die  Tätigkeit  des  Maschinenarbeiters, ­
  der  mit  Hilfe  von  Schablonen  und  Lehren  nach
Normalien  und  Standards  arbeitet.  Wenn  ein  Handwerker
einmal  bei  sogenannter  Dutzendware  mehrere  Exemplare  zugleich ­
  herstellen  kann,  so  Stellt  sich  dies  schon  oft  um  die  Hälfte
billiger  als  Einzelstückarbeit 1 .  Im  großen  ganzen  wechselt  die
Arbeit  innerhalb  und  außerhalb  der  Werkstatt  beständig,  weil
der  Kleinmeister  seine  Tätigkeit  nach  Zeit,  Ort,  Güte  und
Dauer  den  Wünschen  des  Kunden  unterordnen  muß.  Ganz
deutlich  zeigt  sich  dies  auf  dem  wichtigsten  Gebiet,  das  dem
Handwerk  verblieben  ist,  den  Reparatur-  und  Anbringungsgewerben. ­

Diese  Verhältnisse  ändern  sich  nicht  wesentlich,  wenn
einfache  Handwerksmaschinen  angewendet  werden.  Die
physische  Leistungsfähigkeit  bleibt  begrenzt,  da  der  Handwerker ­
  meist  nicht  Motorkraft,  sondern  Hand-  oder  Fußbetrieb
benutzt.  Erst  die  Kraftmaschine  macht  wirklich  Muskelenergie
frei,  während  die  einfache  Handwerksmaschine  erst  eine  Ersparnis ­
  an  Nervenkraft  bedeutet.  Der  Handstuhl  stellt  etwa
eine  solche  Maschine  dar,  als  deren  Motor  der  Mensch  fungiert *  1  2 .
Bei  Minderung  der  Arbeitszeit  ist  der  Verlust  am  Handstuhl ­
  meist  ein  voller.  In  der  Schweizer  Stickereiindustrie

Werkzeugen  ausgeführt  wird.  ...  In  der  Regel  schlendert  man  ein
wenig,  wenn  man  seine  Hand  von  einer  Art  Beschäftigung  auf  eine
andere  wendet.  Wenn  man  zuerst  an  die  neue  Arbeit  geht,  ist  man
selten  recht  rührig  und  herzhaft.  Der  Geist  ist,  wie  man  zu  sagen
pflegt,  noch  nicht  bei  der  Sache,  und  eine  Zeitlang  trödelt  man  mehr,
als  daß  man  die  Zeit  zu  Rat  hält  (A.  Smith,  a.  a.  0.,  S.  7).  Vgl.  auch
G.  Müller,  a.  a.  0.,  S.  154.
1  E.  Herrmann,  Prinzipien  der  Wirtschaft,  S.  269.  —•  Dementsprechend ­
  wird  auch  in  der  Industrie  die  Anzahl  der  Arbeitsstücke
berücksichtigt  und  Einzelstückarbeit  höher  bezahlt  (L.  Bernhard,  Die
Akkordarbeit  usw.,  S.  146).
2  Folgende  Schilderung  zeigt  deutlich,  wie  große  körperliche  Anforderungen ­
  die  Bedienung  des  Handstuhls  mit  sich  brachte.  „Die
Arbeit  auf  dem  Handstuhl  war  mit  sehr  großen  körperlichen  Beschwerden ­
  und  Anstrengungen  verbunden.  Der  Handweber  saß  eigentlich ­
  kaum  an  seinem  Webstuhl,  sondern  er  lag  mehr  vor  dem  Baum,
er  arbeitete  sozusagen  hängend  mit  Händen  und  Füßen  zugleich.  Diese
Art  der  Arbeit  griff  seinen  Körper  so  sehr  an,  daß  einzelne  Teile  desselben ­
  bei  langandauernder  Arbeit  wund  wurden;  empfindliche  Schmerzen
an  den  Knöcheln  und  Spitzen  der  Finger  infolge  des  Werfens  und
Auffangens  der  Schützen,  sowie  des  Zurückschiebens  der  Lade,  waren
die  Folgen  der  Arbeit  des  Handwebers;  an  der  Geschwulst  auf  den
Fingerknöcheln  war  der  Handweber  zu  erkennen.  Eine  solche  Arbeitsleistung ­
  war  schwer,  insbesondere  bei  der  Samtweberei  und  stellte  hohe
Anforderungen  an  die  körperliche  Leistungsfähigkeit  der  Arbeiter,  wenn
auch  die  Muskelkraft  dabei  nicht  so  sehr  m  Anspruch  genommen  wurde,
wie  bei  manchen  anderen  Gewerben.“  (H.  Brauns,  Der  Übergang  von
der  Handweberei  zum  Fabrikbetrieb  in  der  Niederrheinischen  Samtund
  Seidenindustrie,  Forschungen,  herausgeg.  v.  Schmollet-  u.  Sering,
1906,  S.  184.)
        <pb n="70" />
        60

138.

ist  es  bei  Handbetrieb  nicht  möglich,  in  11  Stunden  die  gleiche
Leistung  wie  in  12  zu  erzielen,  obgleich  die  Intensität  ein
wenig  steigt.  So  stellt  ein  Betrieb  fest,  daß  sechs  Arbeiter  statt
2648  nur  2629  Stiche  machen.  Dagegen  hat  eine  größere
Stickerei  mit  Motorbetrieb  unter  den  gleichen  Bedingungen
eine  Mehrleistung  von  7,7  °/o  zu  verzeichnen  1 .  —
Die  Rückständigkeit  der  Kleinmeister  geht  freilich  so  weit,
daß  durchaus  rentable  Handwerksmaschinen  aus  Unkenntnis,
Eigensinn  oder  Geldmangel  nicht  angeschafft  werden 1  2 .  Zu
alledem  kommt  noch  der  alte  Schlendrian  des  Handwerks.
Es  wird  gebummelt  und  geht  gemütlicher  her  als  in  der  großen
Industrie.  Adam  Smith  sucht  nachzuweisen,  daß  der  Handwerker, ­
  der  seine  Verrichtungen  und  Werkzeuge  alle  halben
Stunden  wechselt,  und  seine  Hände  jeden  Tag  auf  zwanzigerlei
Art  braucht,  notwendigerweise  der  Gewohnheit  des
Schlenderns,  des  gleichgültigen,  lässigen  Arbeitens  anheimfallen ­
  muß.  Wie  dem  auch  sei:  durch  größere  Regelmäßigkeit, ­
  Pünktlichkeit,  Zuverlässigkeit  ließe  sich  vielleicht  doch
etwas  erreichen.  Der  eigentliche  Grund  dafür,  daß  keine
höhere  Arbeitsintensität  eintreten  kann,  liegt  freilich,  wie  zu
zeigen  versucht  wurde,  in  den  technischen  Zuständen.  Dies
muß  Sombart  gegenüber  gesagt  werden,  wenn  er  glaubt,  daß
der  Handwerker  keinen  prinzipiellen  Hinderungsgrund  hat,
seine  Leistung  wie  ein  Lohnarbeiter  zu  intensivieren 3 .
Während  veraltete  Handwerksmethoden  einer  Verdichtung
der  Produktionsakte  auf  eine  kürzere  Zeitperiode  widerstehen,
läßt  sich  diese  Beschränkung  keineswegs  auf  jede  Handtätigkeit ­
  schlechthin  ausdehnen.  Es  gibt  Fälle  spezifischer  Handarbeit, ­
  wie  die  anstrengende  Tätigkeit  der  Häuer  im  Bergbau, ­
  deren  Arbeit  mehr  auf  Kraft  und  Ausdauer  als  auf  Berufsgeschicklichkeit ­
  und  Spezialkönnen  beruht.  Die  Häuer
von  Northumberland  haben  z.  B.  einen  sprichwörtlich  schnellen
Schlag.  Eigentliche  Abbaumaschinen  sind  ja  noch  ziemlich
sporadisch.  Das  Arbeitsprodukt  weist  keine  vom  Arbeiter
abhängigen  Qualitätsdifferenzen  auf.  Jeder  eventuelle  Zuwachs
an  Energie  und  Spannkraft  kann  sofort  in  mehr  Leistung

1  Schüler,  Schriften,  S.  99—100;  ders.:  Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.
Stat.,  Bd.  IV,  S.  92  f.
2  Dem  Kleinbinder  fehlt  so  die  Bindemaschine,  dem  Glaser  die
Rundschneidemaschine,  dem  Schlosser  Blechschere  und  Lochstanze.
Viele  Schuhmacher  sind  ohne  Nähmaschine,  zahlreiche  Bäcker  ohne
Teigteilmaschine  (G.  Müller,  S.  161).  Ferner  gibt  es  Meister,  die  eine
Handwerksmaschine  unbenutzt  stehen  lassen,  weil  sie  starrköpfig  an
dem  alten  Verfahren  hängen.  —  Im  großen  und  ganzen  müssen,  wie
Zöpfl,  Nationalök.  d.  techn.  Betriebskraft,  S.  193,  hervorhebt,  die
Arbeitsmaschinen  des  Großbetriebs  dem  Handwerk  fehlen,  so  lange  es
Handwerk  bleiben  und  nicht  die  Massenartikel  der  Arbeitsmaschinen,
sondern  individuelle  Arbeitsleistungen  liefern  will.
3  W.  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus,  1902,  II,  S.  509—510.
        <pb n="71" />
        138.

61

investiert  werden.  Dieser  Erfolg  wird  bei  kürzerer  Arbeitszeit ­
  eintreten,  wenn  der  Kräftegewinn  durch  längere  Ruhezeit ­
  größer  ist,  als  der  Kräfteverlust  durch  Beschleunigung
des  Arbeitstempos.  Das  aber  ist  möglich  bei  einer  Tätigkeit,
die  infolge  einer  erzwungenen  Haltung  besonders  anstrengt
und  im  großen  ganzen  mehr  rhythmisch  gleichförmig  verläuft,
als  eine  Sonderbehandlung  von  Fall  zu  Fall  erforderlich  macht.
Die  rein  manuellen  Operationen  eines  Zigarrenarbeiters
sind  ein  weiteres  Beispiel  für  eine  Verrichtung,  die  fast  automatisch ­
  gleichmäßig  abrollt 1 .  In  diesem  Punkte  treffen  sonst
so  verschiedene  Formen  der  Handarbeit,  wie  Zigarrenfabrikation ­
  und  Bergbau  zusammen.  Bei  beiden  ermöglicht  Minderung
der  Arbeitszeit  Gleichbleiben,  ja  Steigerung  der  Produktion.
Um  die  Darstellung  nicht  allzu  sehr  zu  beschweren,  können
die  Belege  und  Zeugnisse  hierfür  nur  unter  dem  Text  angedeutet ­
  werden 1  2 .
Der  durchschnittliche  Kleinbetrieb  mit  stabiler,  veralteter

1  Die  Arbeit  besteht  in  der  Herstellung  der  sogenannten  Wickel
aus  Einlage  und  Umblatt,  sowie  Decken  des  Wickels  mit  dem  Deckblatt. ­
  Sie  verläuft  so  rhythmisch,  daß  sie  unter  Arbeitsgesängen  vor
sich  gehen  kann.  Für  fabrikmäßigen  Betrieb  ein  ganz  exzeptioneller
Fall  (vgl.  Bücher,  Arbeit  und  Rhythmus,  1902,  S.  232—233).
2  Günstige  Erfolge  kürzerer  Arbeitszeit  in  Zigarrenfabriken:
8.  Webb  and  H.  Cox,  The  Eight-Hours-Day,  1891,  S.  104.  —  J.  Rae,
Eight  Hours  for  Work,  S.  30,  43.  —  B.  Rost,  Der  achtstündige  Normalarbeitstag, ­
  S.  96.  —  Pringsheim,  Arch  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.,  VI,
S.  14.  —  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  1906,  S.  144,  160,  236,
263.  —  Preuß.  Jahresberichte,  1903,  S.  295.  —  Badische  Jahresberichte,
1902,  S.  29  usw.  —
Steigende  Leistung  bei  kürzerer  Arbeitsschicht  in  Bergwerken:
J.  Rae,  S.  49,  54.  —Ders.:  Neue  Fortschritte  der  Achtstundenbewegung
in  England,  Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.,  1898,  S.  10.  ■—  Brassey,
Work  and  Wages,  1872,  S.  144.  —  J.  St.  Jeans,  Labour  in  relation  to
wages,  hours  of  work  and  efficiency,  Journ.  of  the  Royal  Stat.  Soc.,
vol.  55,  1892,  p.  629,  653.  —  Erhöhung  der  Produktion  durch  Verkürzung
der  Arbeitszeit  in  den  „Segen-Gottesgruben“  bei  Rossitz  in  Mähren,
Jahresbericht  der  Briinner  Handelskammer  für  das  Jahr  1896,  angeführt  .-Neue
  Zeit,  1897,  S.  97.  —  Brentano,  Über  das  Verhältnis  von  Arbeitszeit ­
  und  Lohn  zur  Arbeitsleistung,  S.  8,  9.  —  L.  Sinzheimer,  Über  die
Wirkung  des  Neunstundentages  bei  17  Kohlengruben  des  Ostrauer
Reviers,  Soz.  Praxis,  1906,  Nr.  20.  —  K.  Oldenberg,  Studien  über  die
rheinisch-westfälische  Bergarbeiterbewegung.  Jahrb.  f.  Gesetzgeb.  u.
Verw.,  XIV,  S.  656.  —  C.  A.  Schmidt,  Beiträge  zur  Geschichte  der  gewerblichen ­
  Arbeit  in  England,  1896,  S.  37.
Die  Verhältnisse  beim  Bergbau  sind  sehr  schwierig  zu  beurteilen,
da  die  natürlichen  Flözverhältnisse  die  Ausbringung,  unabhängig  von
der  Arbeitsschicht,  teils  günstig,  teils  abschwächend  beeinflussen  und
so  die  persönliche  Leistung  verschleiern.  Dies  wird  hervorgehoben:
Reichsarbeitsblatt,  1907,  S.  232  (Die  Entwicklung  der  Arbeitslöhne  und
Arbeitsleistungen  im  preußischen  Steinkohlenbergbau  in  den  letzten
20  Jahren),  vgl.  ferner  L.  Bernhard,  Die  Akkordarbeit  in  Deutschland,
$  j  7()  Herbig,  Das  Verhältnis  des  Lohns  zur  Leistung  unter  besonderer ­
  Berücksichtigung  des  Bergbaus,  Jahrb.  f.  Gesetzgeb.  u.  Verw.,
1908,  S.  633—634,  643—644.
        <pb n="72" />
        62

138.

Technik  hat  dagegen  die  gleiche  Existenzbasis,  wie  Handspinner ­
  und  -weher:  lange  Arbeitszeiten  und  niedrige  Löhne.
Bei  allen  Handstühlen  entspricht  der  Produktionsverlust  vielfach ­
  genau  dem  Ausfall  an  Arbeitszeit,  eine  Tatsache,  die
auch  durch  die  Erfahrungen  der  irischen  Flachsspinnerei  bestätigt ­
  wurde 1 .  Die  alten  Tuchmachermeister  waren  aus  diesem
Grunde  so  einsichtsvoll,  für  die  Zeit  von  Michaelis  bis  Weihnachten ­
  zwei  Pfennig  mehr  Stücklohn  zu  geben.  In  diesen
Monaten  sank  nämlich  die  Arbeitszeit  auf  sieben  Stunden,  da
das  Weben  bei  Kerzenlicht  verboten  war 1  2  3 .  Die  gesetzliche
Normierung  eines  kürzeren  Arbeitstages,  die  den  größeren
Unternehmungen  mindestens  nicht  schadet,  würde  den  kleinen
an  einem  gewissen  Punkt  den  Lebensfaden  abschneiden.  „Die
praktische  Wirkung  der  Neunstundenbewegung  war  der  Ruin
der  kleinen  Unternehmer.“  —  Diesen  Eindruck  hat  ein  Fabrikant
bei  einem  Rückblick  auf  die  26jährige  Wiederkehr  des  neunstündigen ­
  Normalarbeitstages  im  englischen  Maschinenbau 8 .
In  der  Schweiz  leisten  die  kleinen  Werkstätten  schon  hartnäckigen ­
  Widerstand,  als  sie  sich  einem  Maximalarbeitstag
von  11  Stunden  unterwerfen  sollen.
Kleine  Betriebe  arbeiten  länger  als  größere:  das  ist  eine
häutig  festzustellende  Regel,  die  der  Gewerbeinspektor  von
Erfurt  in  die  Worte  kleidet:  „Je  kleiner  der  Betrieb,  desto
länger  die  Arbeitszeit“ 4 .  Durchgehend  wird  diese  Tatsache
z.  B.  in  den  Werkstätten  der  wiener  Spenglerei  bestätigt 5  6 .
In  Prag  haben  1893  von  136  beobachteten  Kleinbetrieben
nicht  weniger  als  65,  d.  h.  rund  die  Hälfte,  regelmäßig  eine
die  normale  elfstündige  überschreitende  Arbeitszeit,  eine  geringere ­
  nur  27 8 .
„Kein  Industriezweig“,  sagt  Marx,  „hat  eine  so  altertümliche, ­
  ja  wie  man  aus  den  Dichtern  der  römischen  Kaiserzeit
ersehen  kann,  vorchristliche  Produktionsweise  beibehalten,
wie  die  Bäckerei 7 .“  Ungefähr  40000  Teigteilmaschinen  werden
1  Brentano,  S.  35,  81.
"  R.  Martin,  Zur  Verkürzung  der  Arbeitszeit  in  der  mech.  Textilindustrie, ­
  Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.,  VIII,  S.  241.
3  S.  u.  B.  Webb,  Theorie  und  Praxis  der  englischen  Gewerkvereine, ­
  1898,  II,  S.  252.
4  Jahresbericht  der  Gewerbeaufsichtsbeamten  für  1896,  S.  193.  —
Ebenso  Jahresbericht  d.  Großherzogi.  bad.  Fabrikinspekt.  f.  1898,  S.  30.
—  Lange  Arbeitszeiten  im  Kleingewerbe  und  Widerstand  gegen  Kürzung
derselben,  siehe  St.  Bauer,  Die  Entwicklung  zum  Zehnstundentag,  Arch.
f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.,  1904,  S.  209,  210.
6  Die  Arbeits-  und  Lebensyerhältnisse  der  Wiener  Lohnarbeiterinnen, ­
  1897,  S.  423.
0  H.  Wäntig,  Gewerbliche  Mittelstandspolitik,  1898,  S.  267.  —
Vgl.  hierzu  S.  266—268  die  weiteren  zahlreichen  Belege  aus  den  Berichten ­
  der  österreichischen  Gewerbeinspektoren  und  Enqueten,  sowie
S.  264  den  Nachweis,  daß  das  Kleingewerbe  beständig  die  Sonntagsruhe ­
  durchlöchert.
7  Marx,  Kapital,  1872,  I,  S.  242.
        <pb n="73" />
        138.

63

in  Deutschland  benutzt,  während  es  über  80  000  Bäckereien
gibt 1 .  Von  dieser  wichtigsten  Hilfsmaschine  der  Weißbäckerei
kommen  außerdem  auf  größere  Betriebe  wahrscheinlich  mehrere
Exemplare.  Unter  diesen  Umständen  sind  die  Schwierigkeiten,
eine  Arbeitszeitreduktion  durch  eine  Mehrleistung  auszugleichen,
für  einen  kleinen  Bäckereihetrieb  außerordentlich 1  2  * .  Im  Gegensatz ­
  zu  anderen  Gewerben  findet  in  Australien  nach  Einführung ­
  des  Achtstundentags  ein  Drittel  der  Arbeitslosen  bei
den  Bäckern  Beschäftigung 8 .
Allen  Betrieben,  die  in  irgend  einer  Hinsicht  des  technischorganisatorischen ­
  Fundaments  höherer  Arbeitsintensität  ermangeln, ­
  droht  bei  kürzerer  Arbeitszeit  ein  Produktionsausfall. ­
  Hierher  gehören  jene  kapitalschwachen  Unternehmungen, ­
  die  hei  stabiler  Technik  und  ungenügender
Organisation  dahinvegetieren  und  den  Konkurrenzkampf  durch
Verschlechterung  der  Arbeitsbedingungen  aufrechterhalten
müssen,  denen  jede  ungünstige  Schwankung  der  Konjunktur
sowieso  eine  Art  Damoklesschwert  bedeutet.  Der  Gewerbeinspektor ­
  von  Hildesheim  ist  der  Meinung,  daß  zehnstündige
Arbeitszeit  allen  den  Betrieben  schadet,  die  auch  bei  elfstündiger
auf  die  Dauer  nicht  lebensfähig  geblieben  wären  4 .  Die  schweizer
Fabrikinspektoren  berichten,  daß  in  einigen  schlechteingerichteten ­
  und  veralteten  Textilbetrieben  der  Elfstundentag  einen
leichten  Rückgang  der  Produktion  verursachte 5 .  Mit  diesen
Beobachtungen  steht  vielleicht  die  Tatsache  in  Zusammenhang,
daß  in  dem  australischen  Staate  Viktoria  nach  Durchführung
des  Achtstundentags  bei  einigen  Gewerben  eine  kleine,  aber
anomale  Verminderung  der  Betriebszahlen  auftrat 6 .  So  bei
Brauern,  Sattlern,  Schuhmachern.  Die  Gesamtproduktion  dieser
Industrien  blieb  indessen  auf  alter  Höhe.
Fabrik  und  Handwerk,  Groß-  und  Kleinbetrieb  stehen
in  einem  Verhältnis,  das  in  mehr  oder  weniger  großer  Annäherung ­
  dasjenige  von  höherer  und  niederer  Technik  widerspiegelt. ­
  Der  Übergang  zu  verbesserten  Produktionsmethoden
hängt  von  der  Intelligenz  der  Leitung,  vor  allem  von  der
Kapitalkraft  einer  Unternehmung  ab,  die  sich  wieder  in  der
Größe  der  Betriebe  dokumentiert.  —  Die  wirkliche  Länge
der  Arbeitszeit  wird  von  dem  ganzen  Getriebe  historischer
und  politisch-sozialer  Strömungen  her  beeinflußt.  Sie  wird
den  technisch-organisatorischen  Faktoren  nur  in  großen  Linien

1  G.  Müller,  S.  106.
2  K  Oldenberg,  Der  Maximaiarbeitstag  im  Bäckerei-  und  Konditoreigewerbe- ­
  Jahrb.  f.  Gesetzgeb.  u.  Verw.,  Bd.  18,  Teil  II,  8.  120—121.
&amp;amp;  3  8t  Bauer,  Arbeiterfragen  und  Lohnpolitik  in  Australasien,
Jahrb.  f.  Nationalök.  u.  Stat.,  1891,  S.  690.
4  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  b.  15J;  auch  8.  211.
6  Schüler,  Der  Normälarbeitstag  in  seinen  Wirkungen  auf  die
Produktion,  Arch.  f.  Gesetzgeb.  u.  Stat,  IV,  S.  88,  95.
6  J.  Eae,  S.  292.
        <pb n="74" />
        04

138.

und  groben  Umrissen  folgen  können.  Bedenkt  man  ferner,
daß  in  der  Betriebsgröße  ein  relativ  äußerliches  Merkmal
vorliegt,  das  durch  die  Zahl  der  beschäftigten  Personen  nicht
einmal  erschöpfend  dargestellt  wird,  so  ist  den  folgenden
statistischen  Angaben  lediglich  ein  illustrativer  Wert  beizumessen. ­

In  den  österreichischen  Erhebungen  von  1906  zeigt  der
Maschinenbau  noch  am  klarsten  Beziehungen  von  Betriebsgröße ­
  und  Arbeitszeit.  Bei  dieser  Industrie  bilden  freilich
qualifizierte  Arbeit,  sowie  auf  der  Höhe  bleibende  Maschinerie
und  Organisation  besonders  vitale  Punkte.  Die  österreichischen
Zahlen  ergeben  folgendes  Bild 1 :

er  100

Betrieben

hatten  eine

A  rb  e

itszeit  v

Betriebsgröße:
Arbeiter

9  StÜ.  U.  y
weniger

-10  Std.

10—11  Std.

1--20

  ...  .

•  4,1

72,3

23,6

21-50

  ...  .

.  10,6

67,8

21,9

51—

100  ...

.  14,5

72,7

13,4

101—

300  ...

.  13,8

77

9,2

301—

1000  .  .  .

.  30,4

58.9

12,5

über

1000  .  .  .

.  45,5

45^5

9

In  der  Maschinenindustrie  haben  also  45,5  %  der  Großbetriebe ­
  und  nur  4,1  %  der  kleinen  eine  Arbeitszeit  von
9  Stunden  und  weniger,  während  die  gleichen  Verhältniszahlen
bei  10—11  Stunden  9  und  23,6%  betragen.  Mit  steigender
Betriebsgröße  sinkt  dieArbeitszeit.  —  In  der  Berliner
Metallindustrie  haben  0,59  °/o  der  kleinen  Betriebe  von  1  bis
100  Mann,  aber  24%  der  großen  von  500  Mann  und  mehr
den  achtstündigen  Arbeitstag 1  2  3  * .
Weniger  vernehmlich  ist  die  Antwort,  die  die  Statistik
auf  weitere  Fragen  erteilt.  Es  ist  daran  zu  erinnern,  daß  der
Grad  der  Spezialisation  und  die  Qualifikation  der  Arbeit,  unabhängig ­
  von  der  Betriebsgröße,  die  Arbeitszeit  zu  bestimmen
vermag.  Kleinere  Betriebe  können  technisch  und  organisatorisch
auf  höherem  Niveau  stehen  als  größere,  können  durch  Spezialisierung ­
  auf  gewisse  Artikel  den  Grund  für  einen  intensiven
Schnellbetrieb  mit  kurzem  Arbeitstag  legen.  Einige  der  in
England  mit  kurzer  Arbeitszeit  vorangehenden  Firmen  waren
z.  B.  verhältnismäßig  klein 8 .  —  Aus  diesen  Gründen  zeigt
die  alle  übrigen  Differenzen  nivellierende  Statistik  erst  einen
allgemeineren  Zusammenhang  von  Arbeitszeit  auf  der  einen
und  Betriebsgröße,  d.  h.  Technik  und  Organisation,  auf  der
1  Die  Arbeitszeit  in  den  Fabrikbetrieben  Österreichs,  1907,  S.  LXVI.
2  Nach  dem  „Ergebnis  der  statistischen  Erhebungen  über  Arbeitsund ­
  Lohnverhältnisse  in  der  Metallindustrie  in  Berlin“,  1903,  S.  11—12.
3  J.  Bae,  Neue  Fortschritte  der  Achtstundenbewegung  in  England,
Arch.  f.  soz.  G-esetzgeb.  u.  Stat.,  1898,  S.  16.
        <pb n="75" />
        138.

65

anderen  Seite,  wenn  man  den  Gegensatz  von  Groß-  und  Kleinbetrieb ­
  zu  einer  gewissen  Weite  spannt.
In  Frankreich  haben  1897  durchschnittlich  Betriebe  von
1000  und  mehr  Arbeitern  einen  Arbeitstag  von  9 1 U  Stunden,
die  von  25  und  weniger  dagegen  elfstündige  Arbeitszeit.  Für
die  mittleren  Größen  ergibt  sich  10 8 /4  Stunden  als  Durchschnittszeit. ­
  Diese  Zahlen,  sagt  Biermer,  bestätigen  den  auch
anderswo  gemachten  Erfahrungssatz,  daß  mit  der  Größe  der
Betriebe  die  soziale  Lage  der  Arbeiter  sich  bessert 1 .  —  In
den  folgenden  Angaben,  die  aus  der  österreichischen  Enquete
von  1906  znsammengestellt  sind,  werden  die  kleinen  Betriebe
von  1—20  Personen  mit  dem  Durchschnitt  aller  Grössenklassen
in  Hinsicht  auf  eine  Arbeitszeit  von  9  Stunden  und  weniger
verglichen  2 .

Von  100  Personen  arbeiten9  Stunden  und  weniger:

Gewerbearten

Kleinbetriebe  von

Durchschnitt  aller

1—20  Personen

Größenklassen

Urproduktion

—

4  °/o

Industrie  in  Steinen  und  Erden

7,7  o/o

3,9  „

Maschinenindustrie

44  „

25,1  „

Holzwarenindustrie

6,3  „

9,7  „

Kautschukindustrie  .....

—

0,6  „

Tapeziergewerbe
Bekleidungsindustrie  ....

26,7  „
1,7  „

67,2  „
6,3  „

Papierindustrie

8,9  „

12  „

Graphische  Gewerbe  ....

92,2  „

95,2  „

Die  Kleinbetriebe  stehen  mehr  oder  minder  hinter  dem  Durchschnitt ­
  aller  Größenklassen  in  bezug  auf  kürzere  Arbeitszeit
zurück.  Die  Zahlen  der  Metallverarbeitung,  Leder-  und
Textilindustrie,  der  Nahrungsmittel-  und  chemischen  Industrie
gehören  nicht  dazu  und  sind  nicht  mit  aufgeführt.
Die  Großbetriebe  über  1000  Mann  zeigen  das  Gegenbild.
Sie  haben  im  großen  und  ganzen  kürzere  Arbeitstage  als  der
Durchschnitt  aller  Größenklassen.
Mit  Ausnahme  der  nicht  erwähnten  Metallverarbeitung
und  Hüttenwerke  stehen  die  großen  Betriebe  günstiger  da,
als  der  Durchschnitt  aller  Größenklassen  (Tabelle  siehe  folgende
Seite).  Bei  der  Hälfte  aller  Industrien  haben  sie  die  Kategorie
der  io  11  Stunden  arbeitenden  Betriebe  überhaupt  völlig
verlassen.  Für  die  Gesamtheit  der  großen  Betriebe  beträgt  der
Prozentsatz  der  länger  als  10  Stunden  beschäftigten  Arbeiter
21  4  0 /o  während  diese  Zahl  für  den  Gesamtdurchschnitt  auf
43,8  °/o  ansteigt.

1  Snlflirp  et  duree  du  travail  dans  l’industrie  franfjaise,  1897,  IV,
u  121  -  Biermer,  Hdb.  d.  St,  1,  S.  1024.
1  2’Die  Arbeitszeit  in  den  Fabrikbetrieben  Österreichs,  1907,  S.
LXVI/LXVII.
Forschungen  138.  -  Bernhard.  5
        <pb n="76" />
        06

138.

Von  100  Personen  arbeiten  10  Stunden  und  mehr:

Gewerbearten

Großbetriebe  über
1000  Personen

Durchschnitt  aller
Größenklassen

Industrie  der  Steine  und  Erden

16,1  °/o

45,3  %

Urproduktion

—

6,5  „

Maschinenindustrie

8,5  „

12  „

Holzwarenindustrie

53,9  „

Kautschukindustrie

—

4,9  ,,

Lederindustrie

—

26,1  „

Textilindustrie

38,7  „

59  „

Bekleidungsindustrie  ....

28,3  „

Papierindustrie

45,7  „

46,5  „

Nahrungsmittelindustrie  .  .  .

56,5  „

Chemische  Industrie  ....

50  „

50,1  „

Graphische  Gewerbe  ....

0,2  „

Stadt  und  Land  bilden  in  großen  Umrissen  entsprechende
technisch-organisatorische  Gegensätze.  Vorzüglich  die  Großstadt ­
  ist  Standort  für  Qualitätswaren  und  Spezialartikel,
während  der  industriellen  Produktion  ländlicher  Gebiete  das
Odium  „billig  und  schlecht“  anhaftet 1 .  Ausnahmen  gibt  es
je  nach  den  Umständen  sicher  für  beide  Fälle.  —  Das  Steigen
der  städtischen  Grundrente,  die  hohen  Arbeitslöhne  und  Kosten
für  Verwaltung,  Aufsicht,  Beleuchtung  und  Gebäudeabnutzung
bilden  einen  beständigen  Ansporn,  Technik  und  Organisation
auf  der  Höhe  zu  halten,  ein  Fortschritt,  der  kürzere  Arbeitszeiten ­
  möglich,  ja  erforderlich  macht.  Die  höhere  Bildung
und  straffere  Vereinsdisziplin,  die  den  qualifizierten  Arbeitskräften ­
  der  städtischen  Gewerbe  eignet,  begünstigt  offenbar
die  Durchführung  einer  Arbeitszeitreduktion.
In  der  folgenden  Zusammenstellung  werden  die  sechs
Städte  Wien,  Graz,  Triest,  Prag,  Brünn  und  Lemberg  mit
den  entsprechenden  Handelskammerbezirken  ohne  Städte  konfrontiert ­
  1  2 .

Zahl  der

A

rbeitszeit:

Arbeiter

8—9  Std.

9—10  Std.

10-11  Std.

Die  sechs  Städte
Die  Ilk.-Bezirke

203318

30,6  %

58,2  °/o

10,9  °/o

ohne  die  Städte

194846

2,6  „

37,4  „

56,2  „

Trotz  höherer  Löhne  arbeiten  in  den  Städten  30,6  °/o,  in  der
Provinz  nur  2,6  °/o  aller  Arbeiter  weniger  als  9  Stunden;
10,9  und  56,2  °/o  dagegen  10—11  Stunden.
Aus  den  gleichen  Motiven  findet  in  der  Richtung  vom
1  O.  Schwarzschild,  Die  Großstadt  als  Standort  der  Gewerbe,
Jahrb.  f.  Nationalök.  u.  Stat.,  1907,  S.  745,  781  —  782.
2  Die  Arbeitszeit  in  den  Fabrikbetrieben  Österreichs,  S.  LXVIfl.
        <pb n="77" />
        138.

67

5*

westlichen  nach  dem  östlichen  Deutschland  eine  Zunahme  der
Arbeitszeiten  statt.  Ebenso  berichten  die  Gewerbeinspektoren
von  Ostpreußen,  Hildesheim  und  Wiesbaden  in  der  Enquete
von  1902,  daß  der  elfstündige  Arbeitstag  vor  allem  noch  in  den
ländlichen  Gegenden  herrscht.  Kopenhagen  hat  kürzere  Arbeitszeiten, ­
  als  die  dänische  Provinz 1 .

8  Stunden  und  weniger  arbeiten:

in  Kopenhagen
in  der  Provinz

11

in  Kopenhagen
in  der  Provinz

1902

1903

1904

.  6,1  °/o

6,4  %

4,8%

.  1,1  °/o

1,1  °/o

1,2  %

arbeiten:

1902

1903

1904

.  0,2  °/o

0,2  %

0,1  o/o

.  8,0  °/o

7,5  o/o

6,9  °/o

1  Die  Arbeitszeit  in  Dänemark.  Soz.  Rundschau,  herausgeg.  vom
k.  k.  Arbeitsstat.  Amt,  1906,  S.  6.  —■  Die  Verminderung  der  Zahl  der
Arbeiter  mit  achtstündiger  Arbeitszeit  ist  weniger  einer  tatsächlichen
Erhöhung  der  Arbeitszeit  als  einer  genaueren  Erhebung  zuzuschreiben.
        <pb n="78" />
        Vierter  Teil.

Die  persönlichen  Ursachen  höherer  Arbeitsintensität
bei  kürzerer  Arbeitszeit.

Wir  fanden,  daß  der  unmittelbare  Träger  höherer  Arbeitsintensität ­
  bei  kürzerer  Arbeitszeit  auf  der  subjektiv-persönlichen ­
  Seite  des  Produktionsprozesses  zu  suchen  ist  (vgl.
S.  54—55  dieser  Arbeit),  daß  die  Technik  als  eine  conditio
sine  qua  non  fungiere.  Wenn  dem  so  ist,  müssen  die  im
Wesen  der  menschlichen  Arbeitskraft  liegenden  Ursachen
aufgesucht  werden,  die  trotz  kürzerer  Arbeitszeit  gleiche,
ja  vermehrte  Leistungsfähigkeit  bewirken.  Man  kann  diese
Faktoren  allgemein  beschreiben  als  Folge  größerer  Erfrischung ­
  durch  längere  Erholungszeit,  geringere  Anstrengung
bei  kürzerer  Dauer  der  Arbeit,  Gewinn  an  physischer  und
intellektueller  Energie.
Nun  ist  keineswegs  selbstverständlich,  daß  bei  Kürzung
des  Arbeitstages  irgendeine  Kräfteersparnis  eintreten  muß.
Nach  dem  Prinzip  von  der  Erhaltung  der  Energie  erfordert
die  auf  eine  kürzere  Spanne  Zeit  verdichtete  Arbeitsleistung
mindestens  den  gleichen  Kraftaufwand.  Physikalisch  ist
etwa  die  geleistete  Arbeit,  abgesehen  von  der  Reibung  gleich
groß:  ob  man  ein  Gewicht  langsam  eine  schiefe  Ebene  entlang ­
  aufwärtsschiebt,  oder  es  schnell  die  Höhe  hinaufzieht.
Ja,  aus  der  physiologischen  Sphäre  kennt  jeder  genug  Fälle,
wie  Laufen,  Bergsteigen,  Gewichtheben,  bei  denen  das  Zusammendrängen ­
  der  Leistung  auf  weniger  Zeit  eine  Mehranstrengung ­
  hervorruft 1 .  Es  bliebe  nur  der  Gewinn  längerer
Erholungszeit,  der  durch  die  größere  Erschöpfung  eines  beschleunigten ­
  Arbeitstempos  wieder  getilgt  würde.  —  Worauf

1  Wie  sich  diese  Verhältnisse  vom  Standpunkt  der  experimentellen
Physiologie  darstellen,  zeigt  eine  Tabelle  bei  Tigerstadt,  Physiologie
des  Mensehen,  1908.  II,  S.  44.  Hier  werden  verschiedene  Formen
physiologischer  Arbeit,  wie  Berg-  und  Treppensteigen,  Lasttragen,
Kurbeln  mit  der  Hand,  Kudern,  Ziehen  und  Treten  miteinander  verglichen. ­
  Durchgehend  ist  die  pro  Sekunde  berechnete  Arbeitsleistung
um  so  größer,  je  kürzer  die  Arbeitsdauer  gewesen  ist.
        <pb n="79" />
        138.

69

es  bei  der  industriellen  Arbeit  eigentlich  ankommt,  hat  erst
Ernst  Abbe  deutlich  gesehen.  Er  begnügt  sich  nicht,  die
ebenso  allgemeine  wie  unbestreitbare  Tatsache  größerer  Erfrischung ­
  festzustellen,  sondern  gibt  eine  im  Wesen  des
Arbeitsprozesses  selbst  liegende  Erklärung.  Als  Physiker  findet
er  ein  Problem  vor:  wie  kann  gleiche  oder  mehr  Arbeitsleistung ­
  in  kürzerer  Zeit  eine  Ersparnis  ergeben?  Als  Naturforscher ­
  fragt  er  nicht  nach  den  allgemeinen  Ursachen,  sondern ­
  nach  der  quantitativen  Größe  der  Kräfteersparnis 1 .
Der  Kräfteverbrauch  des  Fabrikarbeiters  läßt  sich  in
zwei  Teile,  den  ordentlichen  und  den  außerordentlichen  Verbrauch ­
  zerlegen.  Der  ordentliche  entsteht  bei  der  eigentlichen
Arbeitsverrichtung.  Er  wird  hervorgerufen  durch  eine  Summe
zweckmäßig  kombinierter  Handgriffe  und  Körperbewegungen,
durch  die  für  Korrektur  und  Überwachung  verausgabte
psychische  Energie.  Der  außerordentliche  Kräfteaufwand
findet  außerhalb  des  Arbeitsaktes  statt.  Infolge  der  Sinnesreize ­
  und  der  vertikalen  Körperhaltung  bedarf  schon  der
Müßiggang  der  Erholung  durch  den  Schlaf.  Dieser  Faktor
steigert  sich  außerordentlich  bei  industrieller  Arbeit.  Die
außerhalb  des  eigentlichen  Arbeitsaktes  entstehende  Ermüdung
könnte  jemand  verspüren,  der  ohne  Tätigkeit  einen  Tag  lang
die  Haltung  eines  Arbeiters  in  der  Fabrik  einnehmen  würde.
Abbe  findet,  daß  bei  der  Verdichtung  der  Leistung  auf
kürzere  Zeit  keine  Ersparnis  an  ordentlichem  Verbrauch,  an
Arbeitsenergie  erster  Art  eintritt 1  2 .  Dies  läßt  sich  zahlenmäßig
durch  die  vermehrte  Inanspruchnahme  der  Maschinen  nachweisen.
  Bei  Herabsetzung  der  Arbeitszeit  von  neun  auf  acht
Stunden  wird  nicht  eine  Stunde  Aktionszeit  gewonnen,  sondern
nur  jener  „außerordentliche“  Verbrauch  an  Muskel-  und
Nervenenergie  gespart,  der  da  während  einer  Stunde  entsteht:
durch  das  Bereitstehen  am  Werkzeug,  durch  eine  erzwungene
stehende  oder  sitzende  Haltung,  die  wegen  ihrer  Dauer  ermüdet, ­
  durch  den  Aufenthalt  in  einem  Fabrikraum,  der  von
Lärm  erdröhnt,  von  Staub-  und  Ölpartikelcheu  geschwängert
ist.  „Das  Surren  und  Rasseln,  das  Quietschen  und  Knirschen,
das  Stampfen  und  Pochen  vieler  Maschinen  betäubt  die  Ohren
und  zerrüttet  die  Nerven“  (Herkner).  Diesen  außerordentlichen
Kraftaufwand  nennt  Abbe  analog  dem  der  leerlaufenden
Maschine  den  Leergang  der  Arbeit.  Der  Industriearbeiter
gewinnt  diesen  Betrag  bei  kürzerer  Arbeitszeit,  weil  die  Beschleunigung ­
  des  Arbeitstempos  bei  arbeitsteiliger  Tätigkeit
viel  weniger  Kraft  kostet,  als  jener  außerordentliche  Verbrauch
1  Ernst  Abbe,  Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  einer  Verkürzung
des  industriellen  Arbeitstages,  Sozialpol.  Schriften  (Gesammelte  Abhandl.,
Bd.  III),  1906.  L&amp;gt;ie  folgende  Darstellung  bringt  nur  den  Hauptgedanken
und  in  veränderter  Fassung.
2  Abbe,  S.  215.
        <pb n="80" />
        70

138.

durch  das  bloße  Verweilen  an  der  Arbeitsstätte,  den  Leergang'
der  Arbeit.
Bei  dem  Übergang  vom  neun-  zum  achtstündigen  Arbeitstag ­
  wird  die  Leistung  der  letzten  Stunde  auf  die  früheren
acht  verteilt  und  so  der  Leergang  einer  Stunde  gewonnen 1 .
Der  Gewinn  kürzerer  Arbeitszeit  setzt  sich  zusammen  aus
der  Ersparnis  des  Leergangs  und  dem  Genuß  längerer  Erholung. ­
  Zusammenfassend  kann  man  mit  Abbes  Worten  sagen:
„Verkürzung  der  Arbeitszeit  muß  so  lange  noch  Erhöhung
der  Tagesleistung  zur  Folge  haben,  als  der  Gewinn  aus  der
verlängerten  Ruhezeit  und  der  Ersparnis  an  Kraftverbrauch
für  den  Leergang  noch  größer  sind,  als  der  Kraftverbrauch
für  Beschleunigung  des  Arbeitstempos.“
Von  einem  bestimmten  Punkt  an  muß  die  Intensivierung
der  Arbeit  bei  zunehmender  Verkürzung  ihrer  Dauer  diesen
Gewinn  illusorisch  machen.  Daher  besteht  ein  Optimum  der
Leistung,  das  nach  Abbes  Meinung  für  drei  Viertel  der  deutschen ­
  Industrie  bei  9  Stunden  noch  nicht  erreicht  und  bei
8  Stunden  noch  nicht  überschritten  ist.  Er  steht  nicht  allein.
Schon  Anfang  der  sechziger  Jahre  schreibt  Eugene  Veron:
„Ich  habe  im  Elsaß  Leute  kennen  gelernt,  die  mitten  in
industriellen  Bezirken  leben  und  mit  den  Arbeitsgewohnheiten
und  Bedürfnissen  der  Industriearbeiter  vollkommen  vertraut
sind,  Leute,  die  völlig  beurteilen  können,  wie  weit  man  auf
diesem  Gebiet  mit  Reformen  gehen  kann.  Sie  gehen  so  weit,
zu  behaupten,  daß  in  der  Industrie  ein  Maximum  von  siebenbis
  achtstündiger  Tagesarbeit  die  vorteilhafteste  Kombination
sein  würde 1  2 .“
Wie  dem  auch  sei:  nur  die  Erfahrungen  der  Praxis  können
die  Optimalintensität  der  einzelnen  Industrien  festlegen.  Das
Textilgewerbe  wird  nach  den  bisherigen  Erfahrungen  nicht
so  weit  gehen  können,  wie  die  Feinmechanik.  Die  Baumwollarbeiter
  von  Lancashire  haben  sich  wenigstens  im  Interesse ­
  der  englischen  Konkurrenzfähigkeit  vorläufig  noch  gegen
den  Achtstundentag  ausgesprochen 3 .  Die  Optimalintensität
wird  nicht  nur  nach  technisch-organisatorischen  Zuständen,
sondern  auch  mit  den  Qualitäten  des  Arbeiterstandes
schwanken  4 .

1  Abbe,  8.  230.  —  Dieser  Punkt  ist  z.  B.  Marx  völlig  entgangen.
Das  beweist  folgender  Satz:  „Die  intensivere  Stunde  des  zehnstündigen
Arbeitstages  enthält  jetzt  so  viel  oder  mehr  Arbeit,  d.  h.  verausgabte
Arbeitskraft  als  die  porösere  Stunde  des  zwölfstündigen  Arbeitstages“
(Marx,  Kapital  I,  1872,  S.  430).
2  Les  institutions  ouvriftres  de  Mulhouse,  S.  288,  zitiert  bei  Emminghaus,
  Gewerkslehre,  S.  78.
3  Auf  dem  Gewerkschaftskongreß  1905,  nach  Shadwell,  England,
Deutschland  und  Amerika,  S.  337.
4  Wenn  etwa  der  oberschlesischen  Arbeiterbevölkerung  die  Qualitäten, ­
  deren  eine  intensive  Betriebsführung  bedarf,  abgesprochen  werden
        <pb n="81" />
        138.

71

Die  tägliche  Kraftersparnis  durch  Gewinn  des  Leergangs
und  längere  Ruhezeit  kann  sich  bei  ihrem  kleinen  Betrage
erst  auf  die  Dauer  bemerkbar  machen.  Sie  geht  als  physiologischer ­
  Vorgang  automatisch-unbewußt  vor  sich,  kann  sich
unabhängig  von  bewußten  Willensimpulsen  durchsetzen.  Der
Effekt  tritt  eben  nicht  nur  bei  Akkordarbeitern  ein,  wo  ein
begreiflicher  Anreiz  besteht,  jeden  Zuwachs  an  Spannkraft
auch  in  mehr  Produkt  zu  investieren,  sondern  auch  bei  Zeitlohnern. ­
  Diese  bedeutsame  Tatsache,  die  das  Wesen  der  in
Frage  stehenden  Vorgänge  gut  beleuchtet,  wird  durch  die  Erfahrungen ­
  in  den  englischen  und  österreichischen  Staatsbetrieben ­
  bestätigt.  Weitere  Belege  bilden  die  Zeugnisse  der
Maschinenbauer  Allan  &amp;amp;  Co.  und  Johnson,  zwei  Werke,  die
nach  Zeitlöhnen  arbeiten  h  Bei  Mather  standen  zwei  Drittel
der  Leute  in  Zeitlohn.  Übrigens  haben  auch  die  australischeif
Maurer  in  Viktoria,  deren  schneidiges  Draufgehen  das  Erstaunen ­
  aller  Reisenden  erregt,  keine  Stücklöhne.
Gewiß  wird  ein  bequemer  Zeitlöhner  nicht  immer  einen
Kraftzuwachs  so  ausnutzen,  wie  ein  Akkordarbeiter.  Aber
auch  bei  ihnen  droht,  soweit  es  in  ihrer  Macht  steht,  kein
Sinken  der  Leistung,  wenn  die  Betriebsleitung  an  die  Ehre
ihrer  Arbeiter  appellierend,  die  Einführung  kürzerer  Arbeitszeit ­
  von  der  Erwartung  „that  every  man  will  do  his  duty“
abhängig  macht.  So  bei  Mather,  den  österreichischen  Staatsbetrieben ­
  und  anderwärts.  Die  chemische  Fabrik  Burroughs,
Wellcome  &amp;amp;  Co.  hat  bei  Einführung  des  Achtstundentages
keine  Erhöhung  der  Produktionskosten  oder  Verminderung
des  Ertrages  zu  verzeichnen.  Der  Chef  schreibt  von  seinen

(Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  S.  157,  166),  so  ist  dagegen  zu
sagen,  daß  kürzere  Arbeitszeit  durch  Hebung  der  physischen  Spannkraft
diese  Qualitäten  allmählich  schafft  und  auf  die  Dauer  auch  die  geistigen
Fähigkeiten  entwickelt.  Oft  läßt  sich  schon  unmittelbar  nach  Einführung ­
  kürzerer  Arbeitszeit  ein  Mehr  an  Intelligenz  feststellen  (J.  Rae,
8.  137).  —  Außer  Alter,  Konstitution  und  Lebensführung  ist  die  Ernährung ­
  von  entscheidender  Bedeutung  für  die  Leistungsfähigkeit  und
Qualität  des  Arbeiters.  Die  Versuche  am  Ergographen  haben  den  Zusammenhang ­
  von  Nahrungsaufnahme  und  Arbeitsleistung  klargestellt.
Nach  der  Mahlzeit  ist  die  Muskelleistung  höher  als  am  Vormittage.
(E.  Roth,  Ermüdung  durch  Berufsarbeit,  Ärztl.  Sachverständigen  Zeitung,
1907,  S.  390;  Römer,  Versuche  über  Nahrungsaufnahme  und  geistige
Leistungsfähigkeit.  Psychologische  Arbt.,  herausgeg.  v.  Kraepelin,  II,
S.  695,  ferner  III,  S.  689).  —AVer  intensiv  arbeiten  soll,  muß  sich  entsprechend ­
  ernähren.  Der  amerikanische  Arbeiter  genießt  in  Massachusets
  täglich:  127  g  Eiweiß,  186  g  Fett,  531  g  Kohlehydrate;  der
belgische  70  .g  Eiweiß,  26  g  Fett,  461  g  Kohlehydrate.  (L.  v.  Buch,
El.  d.  pol.  Ök.,  S.  7.)  Australien  mit  Achtstundentag  ist  zugleich  das
relativ  am  meisten  fleischkonsumierende  Land  der  Welt.  (St.  Bauer,
Arbeiterfr.  u.  Lohnpol.  in  Austral-Asien,  Jahrb.  f.  Nationalök.  u.  Stat.,
1891,  S.  687.)
&amp;gt;  J.  Rae,  8-  97.
        <pb n="82" />
        72

138.

Arbeitern:  „Wir  vertrauen  ihrer  Ehre,  daß  sie  während  des
Achtstundentages  für  unsern  Betrieb  ihr  Bestes  tun 1 .“
Auch  die  an  Akkordarbeitern  gemachten  Beobachtungen
tun  dar,  wie  wenig  der  Grad  der  Intensivierung  von  bewußten
Willensimpulsen  abhängt.  Im  Zeißwerk  stieg  die  Leistung
der  Stücklöhner  bei  kürzerer  Dauer  der  Arbeit  zuerst  weit
über  das  Durchschnittsniveau,  indem  alle  Kräfte  aufs  Äußerste
angespannt  wurden.  Diese  Übertreibung  erschöpfte  die  Leute
in  zwei  bis  drei  Wochen.  Die  Leistung  sank,  um  auf  einer
kleinen,  aber  dauernden  Steigerung  von  3,3%  zu  verharren.
Die  Anpassung  vollzog  sich  automatisch,  denn  die  Arbeiter
selbst  hatten  geglaubt,  nur  die  stündliche  Durchschnittsleistung
des  früheren  Neunstundentages  zu  entwickeln 1  2  3 .
Abbe  sagt  deshalb  in  zugespitzter  Formulierung,  daß  sich
die  Beschleunigung  des  Arbeitstempos  unabhängig  von  dem
guten  oder  bösen  Willen  der  Arbeiter  vollzieht 8 .  Das  ist  nur
cum  grano  salis  richtig,  wenn  die  allgemeine  Disposition,  der
Wille  „zur  Arbeit  schlechthin“  stillschweigend  schon  vorausgesetzt ­
  wird.  Bei  den  Arbeitern  des  Zeißwerks  brauchte  diese
Voraussetzung  freilich  nicht  erwähnt  zu  werden.  —  Leistungsfähigkeit ­
  und  Leistungswilligkeit  sind  indessen  nicht  identisch
zu  setzen,  wie  Herbig  mit  Recht  jüngst  wieder  betont  hat 4 .
Die  psychologische  Analyse  des  Arbeitsvorgangs  ergibt,  daß
die  Ärbeitskurve  beständigen  Schwankungen  unterliegt,  die
von  einsetzenden  und  abflauenden  Willensimpulsen,  d.  h.  apperzeptiven
  Antrieben  herrühren  5 .
Welche  Bedeutung  eine  das  erlaubte  Maß  überschreitende
Diskrepanz  von  Leistungsfähigkeit  und  Leistungswilligkeit  annehmen ­
  kann,  zeigt  hier  und  da  der  Versuch  englischer  und
amerikanischer  Gewerkvereine,  eine  go-easy-Politik  einzubürgern ­
 6  * .  —  Jene  Fälle,  in  denen  kürzere  Arbeitszeit  einen
1  S.  Webb  and  H.  Cox,  The  Eight-Hours-Day,  S.  255.
2  Abbe,  S.  219.
3  Abbe,  S.  220—221.
4  Herbig,  Das  Verhältnis  des  Lohns  zur  Leistung  mit  besonderer
Berücksichtigung  des  Bergbaus,  Jahrb.  f.  Gesetzgeb.  u.  Verw.,  1908,
S.  621  f.
5  Vgl.  Kraepelin,  Die  Arbeitskurve,  Philosophische  Studien,  herausgegeben ­
  v.  Wundt,  Bd.  19,  S.  472—474.  —  Die  bei  geistiger  Tätigkeit
gewonnenen  Versuchsergebnisse  lassen  in  einem  gewissem  Grade  eine
Übertragung  auf  industrielle  Arbeit  zu;  und  zwar  aus  drei  Gründen:
1.  Das  Ermüdungsphänomen  ist  viel  mehr,  als  man  bisher  glaubte,
psychologischer  Natur  und  nicht  bloß  Erschöpfung  der  Muskelsubstanz!
2.  Industrielle  Arbeit  ist  überhaupt  nur  nach  gewissen  Seiten  körperliche ­
  Tätigkeit,  wird  es  zusehends  immer  weniger.  Diese  Behauptung
ist  später  in  anderem  Zusammenhang  zu  rechtfertigen.  3.  Zwischen
den  Gesetzen  körperlicher  und  geistiger  Arbeit  besteht  eine  auffällige
Analogie,  die  auf  eine  zugrundeliegende,  allgemeinere  Gesetzmäßigkeit
der  lebendigen  Substanz  überhaupt  hinweist.
6  Regulation  and  restriction  of  Output,  11  th.  Rep.  of  the  Comm.
of  Labor,  Wash.  1905.  —  Die  Darstellung  von  Reiswitz,  Ca’canny  1902,
        <pb n="83" />
        138.

73

Produktionsausfall  nach  sich  zog 1 ,  sind  also  folgenden  drei
Ursachenreihen  zuzurechnen,  die  zum  Teil  ineinandergreifen:
1.  Mangelnde  Technik  oder  Organisation,
2.  mangelnder  Eifer  der  Arbeiter,
3.  die  Optimalintensität  ist  überschritten.
Anderseits  wird  höhere  Intensität  der  Arbeit  überall  da  eintreten,
  wo  die  früher  erörterten  technisch-organisatorischen
Prämissen  gegeben  sind,  wo  vor  allem  die  einzelne  technische
Funktion  arbeitsteilig  zugeschnitten  ist,  und  wo  die  Arbeiterschaft ­
  die  erforderlichen  Qualitäten  besitzt  oder  entwickeln
kann.
Für  die  „automatisch-unbewußt“  vor  sich  gehende  Beschleunigung ­
  des  Produktionsganges  muß  auch  ein  psychologischer ­
  Faktor  in  Anspruch  genommen  werden.  Er  entspringt ­
  aus  der  kooperativen  Arbeitsweise,  der  ganzen  gesellschaftlichen ­
  Verfassung  der  Fabrik.  Ein  lässiger  Industriearbeiter ­
  wird  als  Rädchen  im  Getriebe  eines  Ganzen  auch
ohne  besondere  Aufsicht  und  ohne  Antrieb  viel  eher  angespornt
werden,  als  etwa  ein  isolierter,  träger  Landarbeiter.  —  Bei
einem  Dauermarsch  ist  es  für  den  isolierten  Geher  bekanntlich ­
  viel  schwieriger,  ein  bestimmtes  Tempo  durchzuhalten,
als  für  zwei  oder  mehr.  Da  unwillkürliches  Nachlassen  bei
mehreren  nie  auf  den  gleichen  Zeitpunkt  fällt,  wirkt  das  unveränderte ­
  Tempo  der  anderen  ermunternd  und  regulierend.
Eventuell  wird  diese  Funktion  einem  besonderen  Schrittmacher
übertragen.
Bücher  weist  auf  die  gleichen  Zusammenhänge  bei  rhythmisch ­
  ausgeführter  Handarbeit  hin.  Der  einzelne  Arbeiter
gönnt  sich  Ruhepausen.  Mit  Hilfe  mehrerer  Arbeiter  läßt
sich  ein  schnellerer  Takt  erzielen.  Die  gemeinsame  Arbeit
regt  zu  Wetteifer  an;  keiner  will  hinter  dem  anderen  an
Kraft  und  Ausdauer  zurückstehen  2 .  —  Auch  in  der  modernen
Werkstatt  werden  persönliche  Differenzen  der  Körperkraft
und  des  Arbeitstemperaments  durch  den  beschleunigten  Puls,
die  schnellere  Rhythmik  des  Ganzen  ausgeglichen,  die  anreizend ­
  auf  die  Individuen  zurückwirkt.  Eine  suggestive
Wechselwirkung,  eine  unbewußte  gegenseitige  Nachahmung
greift  um  sich;  sie  erfaßt  auch  ohne  eigentliches  Indiehandarbeiten
  den  ganzen  Betrieb.
schmeckt  zu  sehr  nach  Tendenz,  um  irgendwelchen  Anspruch  auf
objektive  Beweiskraft  erheben  zu  können.
1  Über  derartige  Fälle  vgl.:  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen, ­
  S.  213—214;  Preuß.  Jahrcsber.  für  1904,  S.  502.  —  1893—1896
müssen  von  56223  Arbeitern  10°/o  den  Achtstundentag  aus  teilweise
unbekannten  Gründen  wieder  aufgeben  (J.  Rae,  Neue  Fortschritte  der
Achtstundenbewegung  in  England,  Arch.  f.  soz.  Gesetzgeb.  u.  Stat.,
1898,  S.  16,  27).
2  K.  Bücher,  Arbeit  und  Rhythmus,  1902,  S.  27.  Weitere  zahlreiche ­
  Beispiele  S.  27—29.
        <pb n="84" />
        74

138.

Einem  Marx  ist  dieser  Zug  bei  der  Charakteristik  des
kapitalistischen  Betriebs  natürlich  nicht  entgangen:  „Abgesehen
von  der  neuen  Kraftpotenz,  die  aus  der  Verschmelzung  vieler
Kräfte  in  eine  Gesamtkraft  entspringt,  erzeugt  bei  den  meisten
produktiven  Arbeiten  der  bloße  gesellschaftliche  Kontakt  einen
Wetteifer  und  eine  eigene  Erregung  der  Lebensgeister,  welche
die  individuelle  Leistungsfähigkeit  der  einzelnen  erhöhen 1 .“
Eine  psychologisch  gleiche  Konstellation  kehrt  für  viele
Lebensgebiete  an  allen  Brennpunkten  der  Kultur  wieder,
nämlich  überall  da,  wo  die  Gesamtstimmung  des  Milieus  das
Individuum  zu  ungewöhnlichen  Leistungen  anregt.  Hierfür
läßt  sich  z.  B.  die  Erfinderluft  anführen,  die  in  amerikanischen
Werkstätten  zu  wehen  pflegt.  —  Die  Kunstzentren  der
Renaissance,  wie  Florenz  und  Venedig  erfüllte  eine  Atmosphäre, ­
  die  auf  jeden  mehr  oder  weniger  abfärbte,  und  die
auch  geringeren  Talenten  eine  gewisse  Höhe  des  Stils  aufprägte, ­
  welche  vielen  ohne  diese  Einflüsse  unzugänglich  geblieben ­
  wäre.  Das  moderne  Pariser  Kunstleben  weist  ähnliche
Phänomene  in  internationaler  Ausdehnung  auf.
„II  est  curieux  de  constater  comment  les  ouvriers  nouvellement
  arrives  subissent,  äleurinsu,  la  contagion  de  Pexemple,
de  ce  que  nous  oserions  appeler  ,1’esprit  de  la  maison*  et
combien  rapide  est  leur  adaptation  aux  habitudes  nouvelles.“
—  Das  ist  eine  Beobachtung  Fromonts,  nachdem  zwölfstündige
Schichten  durch  achtstündige  ersetzt  worden  waren 1  2  3  *  *  *  * .
In  vielen  Betrieben  ist  eine  Erhöhung  der  individuellen
Produktion  an  die  komplementären  Leistungen  anderer  gebunden. ­
  In  der  Hutfabrikation  treibt  z.  B.  die  Akkordarbeiterin ­
  an  der  Konusmaschine  das  Krempelmädchen  noch
durch  besonderes  Klopfen  an,  ein  Zeichen,  daß  ihr  Material
fehlt.  Es  liegt  in  der  Natur  der  Dinge,  daß  diese  gegenseitige ­
  Anregung  bei  Gruppenarbeiten  deutlicher  und  bewußter
hervortritt.  Schon  das  Fehlen  eines  einzigen  Mitglieds  lähmt
die  Arbeit  der  Anwesenden.  Im  Handbuch  der  Entlöhnungsmethoden
  heißt  es  Uber  diese  Arbeitsweise:  „Die  einzelnen
Mitglieder  der  Gruppe  feuern  sich  gegenseitig  an,  ihre  besten
Kräfte  anzuspannen,  damit  sich  der  gemeinsame  Verdienst  so
hoch  wie  möglich  stelle.  In  dieser  Weise  erhalten  die  langsameren ­
  Arbeiter  einen  beständigen  Ansporn  durch  die
Leistungsfähigkeit,  die  ihre  energischeren  Nachbarn  betätigen 8 .“
1  Marx,  Das  Kapital  I,  1872,  S.  334.
2  L.  G.  Fromont,  Une  Experience  Industrielle  de  Reduetion  de  la
Journee  de  Travail,  1906,  S.  86.
3  Schloß-Bernhard,  Handbuch  der  Entlöhnungsmethoden,  1906,
S.  117.  —  Bücher  entwirft  von  der  Gruppenarbeit  folgendes  Bild:  „Die
gemeinsame  Arbeit  regt  zum  Wetteifer  an;  keiner  will  an  Kraft  und
Ausdauer  hinter  dem  andern  zurückstehen,  und  überdies  tönt  der  laute
Pulsschlag  der  Arbeit  in  die  Obren  der  Nachbarn,  deren  Spott  bei  zu
häufiger  Unterbrechung  oder  zu  lässigem  Gang  der  Schläge  nicht  zu
säumen  pflegt“.  (Arbeit  und  Rhythmus,  S.  29.)
        <pb n="85" />
        138.

75

Als  Beleg  sei  die  Kolonnenarbeit  der  Maurer  angeführt.  Hier
spielt  die  ausgespannte  Leine,  die  die  Leistung  der  Kameraden
deutlich  anzeigt,  eine  gewisse  Rolle.  In  dieser  Hinsicht
scheinen  sich  die  italienischen  Bruchsteinmaurer  durch  besonders ­
  gutes  Zusammenarbeiten  und  geschickte  Gruppenorganisation ­
  auszuzeichnen.  Solche  Verknüpftheit  der  Leistungen
und  wechselweise  Anregung  von  Person  zu  Person  kann  gelegentlich ­
  mißbräuchlich  ausgebeutet  werden.  Diesen  Zweck
verfolgte  das  Buttymeistersystem,  bei  dem  der  stücklohnarbeitende
  „Buttymeister“  die  in  Zeitlöhnen  beschäftigten
Kohlenhäuer  in  ein  schnelleres  Tempo  hineinriß.  Hierher
gehören  ferner  die  im  englischen  Baugewerbe  „bell  horses“
—  Leitpferde  —  genannten  Arbeiter:  bestochene  Leute,  deren
schnellerer  Arbeitstakt  die  ganze  Gruppe  zur  Nachfolge  zwingen
sollte  *.
Unter  Umständen  kann  ebenso  der  umgekehrte  Effekt
eintreten.  Auch  die  Trägheit  wirkt  „ansteckend“,  wird  zur
Gewohnheit,  sobald  die  Schwelle  einer  gewissen  Teilnehmerzahl ­
  überschritten  wird.  —  Ein  Praktiker  verlangt,  daß  das
Interesse  an  der  Arbeit  beständig  rege  erhalten  werden  müsse.
„Denn  es  darf  nicht  verkannt  werden,  daß  ein  träger  Beamter
oder  Arbeiter  leider  sehr  häufig  viele  Nachahmer  findet,  und
somit  die  Leistungen  bei  der  Arbeit  bedeutend  vermindert 2 .“
Wenn  man  daher  behauptet  hat,  daß  die  Montagsleistung  bei
uns  häufig  einen  Rückgang  der  Produktion  bis  zu  20  °/o  aufweist, ­
  so  ist  damit  keineswegs  eine  schlechte  Ausnutzung  des
Sonntags  bei  allen  Arbeitern  angezeigt.  —  Gelegentlich  wird
festgestellt,  daß  eine  Arbeitszeitreduktion  der  Frauen  auch  die
Tätigkeit  der  Männer  lähmt.  Den  Leuten  beginnt  der  rechte
Arbeitseifer  zu  fehlen,  nachdem  die  Arbeiterinnen  die  Fabrik
verlassen  haben 8 .
Im  großen  und  ganzen  ist  das  psychologische  Moment
der  suggestiven  Wechselwirkung  mehr  ein  nebenherwirkender,
ausgleichender  und  regulierender  Faktor  höherer  Arbeitsintensität ­
  als  einer  ihrer  spezifisch  kausalen  Träger,  wie  die
Ersparnis  des  Leergangs  und  der  Gewinn  längerer  Ruhezeit.
Auf  ihnen  beruht  doch  vor  allem  die  Steigerung  der  Leistung.
Der  aus  dem  Fortfall  des  Leergangs  entspringende  Gewinn ­
  läßt  sich  indirekt  durch  Daten  beleuchten,  die  die  aus
dem  bloßen  Verweilen  an  der  Arbeitsstätte  entstehenden
Schädigungen  anzeigen.  Tritt  an  Stelle  ein-  bis  zweistündiger
Fabrikarbeit  der  Aufenthalt  in  besserer  Luft,  so  erwächst  der
körperlichen  Spannkraft,  der  Gesamtvitalität  ein  nicht  un-1
  S.  u.  B.  Webb,  Theorie  und  Praxis  der  englischen  Gewerkvereine, ­
  1898,  I,  8.  258,  267,  273.
2  Chr.  Cremer,  Durchschnittspreise  für  Akkordarbeiten  in  Maschinen-
        <pb n="86" />
        76

138.

bedeutender  Gewinn.  Wäre  der  Organismus  doch  in  dieser
Zeit  sonst  schädigenden  Reizen  und  Einwirkungen  ausgesetzt,
als  da  sind:  eine  von  Rauch-,  Staub-,  Ölpartikelchen  erfüllte
Atmosphäre,  Trockenheit  und  Hitze,  bedeutende  Temperaturschwankungen ­
  oder  erhöhter  Luftdruck,  Nässe  und  Feuchtigkeit ­
  bei  einigen,  grelles  Licht  und  strahlende  Wärme  bei
anderen  Gewerben 1 .  Je  nach  der  Betriebsweise  wirken  diese
Reize  einzeln  oder  verschieden  kombiniert.  Alle  betriebstechnischen ­
  Fortschritte,  die  zur  Verbesserung  der  hygienischen
Zustände  beitragen,  vermindern  die  Abnutzung  durch  den
Leergang.  In  einer  Weberei  nimmt  die  Arbeitsleistung  bedeutend ­
  zu,  nachdem  Temperatur  und  Feuchtigkeit,  die  auf
29 0  C  und  80  °/o  gestiegen  waren,  auf  ein  gesünderes  Maß
sinken  1  2  3 .
Man  hat  sagen  können,  daß  die  Sterblichkeit  in  der  Industrie ­
  der  Staubentwicklung  proportional  ist 8 .  Nach  Sommerfeld ­
  sterben  von  1000  Lebenden  an  Schwindsucht 4 :
bei  Berufen  ohne  Staubentwicklung  2,39
„  „  mit  „  5,42.
In  Lancashire  wie  anderwärts  haben  die  Textilarbeiter  eine
höhere  Sterbeziffer  als  die  Bergleute.  Zwischen  Tätigkeiten
im  Freien  und  solchen  in  geschlossenen  Räumen  besteht  ein
auffälliger  Unterschied  in  bezug  auf  Erkrankungen  an  Schwindsucht ­
 5 .
Die  Kräfteersparnis  durch  die  anderen  Teile  des  Leergangs ­
  wurde  schon  erwähnt.  In  einem  Raum,  wo  40  Webemaschinen ­
  arbeiten,  herrscht  ein  ununterbrochenes  donnerähnliches ­
  Getöse,  das  das  gesprochene  Wort  fast  unhörbar
macht.  Ein  Teil  der  älteren  Leute  wird  in  Maschinenfabriken
durch  das  Dröhnen  der  Hämmer  regelmäßig  schwerhörig.  Auf
der  anderen  Seite  entsteht  pathologische  Geräuschempfindlichkeit. ­
  Bei  einer  auf  575  Fälle  sich  erstreckenden  Untersuchung ­
  scheint  in  66  d.  h.  11,5  °/o  der  Lärm  Ursache  von
Arbeiterneurosen  gewesen  zu  sein 6 .  —  Jede  erzwungene
Haltung  des  Körpers,  die  an  sich  nicht  anstrengt,  wirkt  auf
die  Dauer  ermüdend.  Fortgesetztes  Stehen  oder  Sitzen  hat
schädigende  Wirkungen  und  verursacht  gewisse  spezifische
Arbeiterkrankheiten,  zumal  wenn  es,  wie  etwa  beim  Maschinennähen ­
  mit  vorgebeugter  Haltung  des  Oberkörpers  verbunden
ist.  Besonders  ungesund  ist  in  dieser  Hinsicht  die  sitzende
1  Handbuch  der  Hygiene,  herausgeg.  v.  Wyl,  lid.  VIII,  1894,  Gewerbehygiene, ­
  S.  27.  —  G.  Heilig,  Fabrikarbeit  und  Nervenleiden,
Berliner  Diss.,  1908,  S.  9  f.
2  Schüler,  Ausgew.  Schriften,  S.  110.
3  Gewerbehygiene,  S.  1208.
4  M.  Kühner,  Lehrbuch  der  Hygiene,  1907,  S.  742.
5  J.  Kae,  S.  102;  Kubner,  S.  741.
6  G.  Heilig,  Fabrikarbeit  und  Nervenleiden,  1908,  'S.  8—12.
        <pb n="87" />
        2EST  .

138.

77

Arbeitsweise  der  Feilenhauer,  bei  deren  vornübergebeugter
Haltung  die  Brust  und  Baucheingeweide  zusammengedrückt
werden,  so  daß  die  Atmung  ungenügend  wird 1 .
In  der  folgenden  Schilderung  Paul  Göhres  kommt  deutlich
zum  Ausdruck,  daß  der  „außerordentliche“  Kraftverbrauch,
der  Leergang  der  Arbeit  mehr  Anstrengung  kostet,  als  der
Ablauf  der  eigentlichen  Produktionsakte.  „Nicht  eigentlich
die  meist  schweren  Handgriffe  und  Arbeitsleistungen,  sondern
dieses  Zusammenleben,  Zusammenatmen,  Zusammenschwitzen
vieler  Menschen,  diese  dadurch  entstehende  ermüdende  Druckluft, ­
  das  nie  verstummende,  nervenabstumpfende,  gewaltige
quietschende,  dröhnende,  ratschende  Geräusch  und  das  unausgesetzte ­
  elfstündige  Stehen  in  ewigem  Einerlei,  oft  an  ein
und  derselben  Stelle  —  dies  alles  zusammen  macht  unsere
Fabrikarbeit  zu  einer  alle  Kräfte  anspannenden,  aufreibenden
Tätigkeit 1  2 .  “
Die  Unfallstatistik  der  gewerblichen  und  landwirtschaftlichen ­
  Berufsgenossenschaften  weist  deutlich  auf  das  Abflauen
der  Spannkraft  im  Laufe  des  Tages  hin.  Hier  tritt  die
psychologische  Seite  der  Ermüdung  als  Schwächung  der  apperzeptiven
  Vorgänge,  d.  h.  in  dem  Nachlassen  der  Aufmerksamkeits-
  und  Willensspannung  hervor.  Nach  den  Tagesstunden
betrachtet,  erreicht  die  Unfallhäufigkeit  vormittags  zwischen
9  und  12  Uhr,  nachmittags  zwischen  3  und  6  Uhr  ein  Maximum 3 .
Die  Berichte  der  Fabrikinspektoren  betonen  vielfach,  daß  sich
die  Unfälle  besonders  in  den  1  et  zten  Stunden  ereignen,  daß
sich  ihre  Zahl  bei  kürzerer  Arbeitszeit  vermindert  hat 4  5 .
Aus  allen  diesen  Gründen  bringt  eine  Verminderung  der
Arbeitszeit  Morbidität  wie  Mortalität  mehr  oder  weniger  schnell
zum  Sinken.  Maschinenbauanstalten  wie  Allan  &amp;amp;  Co.,  Baumwollfabriken
  nach  Einführung  der  Zehnstundenbill,  sowie
andere  Werke  konstatieren  die  bessere  Gesundheit  ihrer
Arbeiter s .  Eine  große  deutsche  Textilfabrik,  die  längere  Zeit
mit  wesentlich  verkürzter  Arbeitszeit  arbeitet,  findet,  daß  die
Zahl  der  Krankheitsfälle  „in  bemerkenswertem  Grad“  zurückgeht ­
 6 .  —  Fromont  führt  1892  bei  der  Verhüttung  der  Zinkblende ­
  eine  Achtstundenschicht  ein.  Seit  1893  weist  die

1  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  S.  108—109.  —  Calm,
Die  Berufskrankheiten  der  Metallarbeiter.  Deutsche  technische  Rundschau
  1904,  8.  180.  —  M.  Rubner,  S.  737.
o  ,  ^re,  Drei  Monate  als  Fabrikarbeiter,  1891,  S.  74.
J  Keichsarbeitsblatt,  1906,  S.  737.  —  Ein  auf  eine  einzelne  Industrie
beschranktes  Beobachtungsfeld  bringt  diese  Tatsache  am  besten  in
19*068  15'  16**  »ArbeiterunfUIle  an  den  Holzbearbeitungsmaschinen“,
’ 4  Hdb  d  Staatswiss.  I  S  1015.  -  Jahresber.  1907,  S.  493.  -
Jahresber.  d.  Grroßherzogl.  Bad.  Fabrikinspekt.  f.  1903,  S  65
5  J.  Rae,  S.  59,  119.
«  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen,  S.  109.
        <pb n="88" />
        78

138.

Fabrikkrankenkasse  bei  jedem  Abschluß  steigende  Überschüsse
auf,  während  vor  1892  ein  beständiges  Defizit  geherrscht  hatte 1 .
Die  andauernde  Abnahme  der  Sterbeziffer  bei  den  englischen ­
  Bergleuten  ist  teilweise  sicher  der  Arheitszeitreduktion
zuzurechnen 1  2 .  In  Northhumberland  beträgt  die  Arbeitszeit
H  fit*  H  Ö  n  pr  *
1850  1860  1870  1880  1890
wöchentlich  66  54  45V2  45Va  44  Stunden.
Die  Sterblichkeit  bei  der  Northhumberland-  und  Durham-Unterstützungskasse
  zeigt  pro  Mille  folgenden  Verlauf:
1862-67  1867—72  1872-77  1877—82  1882—86  1886—90
3,83  2,98  1,96  2,64  2,00  1,60
In  South-Yorkshire  vermindern  sich  die  Erkrankungen
1889,  seitdem  bei  den  Bergleuten  Achtstundenschicht  herrscht,
um  28,32  °/o.  —  Das  Durchschnittsalter  der  englischen  Maschinenbauer ­
  hat  sich  von  38 1 /*  Jahr  1871  auf  48 1 /*  Jahr  1889
gehoben.  Seit  1872  haben  sie  den  Neunstundentag.  „Ein
Teil  dieser  Hebung,“  sagt  Schulze-Gävernitz,  „ist  unzweifelhaft
den  allgemeinen  sanitären  Verbesserungen  zu  danken,  aber
höchstens  die  Hälfte.  Die  andere  Hälfte  kommt  auf  die  Abkürzung ­
  des  Arbeitstages 3 .“
Jede  Verminderung  des  Arbeitstages  kann  auf  diesem
Wege  die  wirtschaftlichen  und  intellektuellen  Kräfte  der
Nation  steigern.  Der  Kräftegewinn  des  Individuums  wirkt
der  Abnutzung  durch  die  Arbeit  entgegen;  er  stärkt  die
Widerstandsfähigkeit  und  verlängert  das  Leben.  Der  Arbeiter
kann  die  auf  ihn  verwandten  Ernährungs-  und  Erziehungskosten ­
  der  Volkswirtschaft  durch  mehr  Leistung  vergüten.
Die  Betriebe  machen  Ersparnisse  an  Kohlen,  Beleuchtung,
Heizung,  Verschleiß  der  Maschinen,  Putz-  und  Schmiermitteln 4 .
Für  diesen  Betrag  rechnet  Abbe  unter  der  Voraussetzung,  daß
die  Arbeitszeit  von  10  auf  8  Stunden  sinkt,  in  Hinsicht  auf
Deutschland  30—40  Millionen  Mark  aus.  —  Am  bedeutsamsten
ist  indessen  der  moralisch-intellektuelle  Gewinn  eines  kürzeren
Arbeitstages.  Die  Intelligenz  der  Bevölkerung  stellt  Produktivkräfte ­
  ersten  Ranges  dar,  „ein  Kapital,  das  zum  großen  Teil
brach  liegen  bleibt,  weil  die  Bedingungen  abgeschnitten  sind,
unter  denen  diese  Intelligenz  voll  zur  Geltung  kommen  könnte“
(Abbe).  Vor  allem  bedarf  dieses  Kapitals  eine  technisch  aufsteigende ­
  Industrie,  die  auf  geistig  und  moralisch  höher
stehende  Menschen  angewiesen  ist.  Dieser  schon  öfters  gestreifte ­
  Punkt  soll  in  dem  folgenden  Abschnitt  besonders  gewürdigt ­
  werden.
1  Fromont,  Une  Expörience  Industrielle,  p.  82.
2  C.  A.  Sehmid,  Beiträge  zur  Geschichte  der  gewerblichen  Arbeit
in  England,  S.  34,  36.
8  Schulze-Gävernitz,  Zum  sozialen  Frieden,  1890,  II,  S.  269.
4  H.  Frankel,  Die  Länge  der  Arbeitszeit  in  Industrie  und  Landwirtschaft, ­
  1882,  S.  48.  —  Sozialpol.  Zentralbl.,  1894,  S.  92.  —  Abbe,  S.  236.
        <pb n="89" />
        Fünfter  Teil.
Kürzere  Arbeitszeit  —  ein  technisches  Postulat.

Die  schweren  Schädigungen,  die  von  der  modernen  industriellen ­
  Arbeit  ausgehen  und  die  daraus  entspringenden
Motive  zur  Verkürzung  der  Arbeitszeit  sind  in  den  vorangehenden ­
  Ausführungen  zur  Sprache  gekommen.  Die  hier
untersuchte  Tendenz  kreuzt  sich  nun  in  Wechselwirkung  mit
der  anderen  Reihe,  daß  höhere  Technik  von  sich  aus  wieder
kürzere  Arbeitszeiten  erforderlich  macht.  —  Wenn  es  sich
auch  um  eine  von  zahlreichen  Gegentendenzen  gehemmte
Strömung  handeln  mag,  diese  überall  hereinspielende  Frage
muß  einmal  in  systematischer  Form  mit  allen  ihren  Konsequenzen ­
  in  den  Brennpunkt  der  Betrachtung  gerückt  werden.
Die  technisch-soziale  Entwicklung  läßt  sich  schon  lange
nicht  mehr  der  von  Sismondi,  Chevalier,  Marx,  Reuleaux  und
anderen  aufgestellten  Formel:  „Zunehmende  Entgeistigung
der  Arbeit  durch  die  Maschine“  unterordnen.  —  Damit  ist
nun  keineswegs  ausgeschlossen,  daß  die  gegenwärtige  Industrie,
besonders  die  technisch  rückständige,  eine  mehr  oder  minder
große  Zahl  mechanisch  geistloser  Hilfsarbeiten  aufzuweisen
hat.  Hier  erscheint  kürzere  Arbeitszeit  als  ethisches,  nicht
als  technisches  Postulat.
Zunächst  verstärkt  die  Einführung  verbesserter  und
arbeitsparender  Maschinen  die  Differenzierung  des  Personals
in  qualitativ  hochstehende  Maschinenführer  und  ungelernte
Hilfsarbeiter 1 .  Es  liegt  aber  in  der  Natur  des  technischen
Fortschritts,  daß  die  Maschine  mehr  und  mehr  alle  grobe  und
mechanische  Arbeit  aufsaugt.  U.  Wendt  sieht  die  gesamte
bisherige  Entwicklung  von  dem  Leitmotiv  getragen:  „Durch
die  Technik  wird  die  menschliche  Arbeitskraft  fortschreitend
vergeistigt 1  2 .“  Wendt  stützt  seine  These  durch  ein  gewichtiges

1  Vel  zu  diesem  Punkt  A.  Du  Bois-Reymond,  Erfindung  und  Erfinder ­
  1906  8.  261.  —  P.  Möller,  Aus  der  amerikanischen  Werkstattpraxis' ­
  S  7  —  H.  Eevy,  Die  Stahlindustrie  der  Vereinigten  Staaten  von
Amerika  190h,  8*  657.  .  _
2  Tj  Wendt,  Die  Technik  als  Kulturmacht  in  sozialer  und  geistiger
Beziehung,  1906,’S.  34,  284.  —  In  der  Tat  hat  diese  Formel  viel  für
        <pb n="90" />
        80

138.

Tatsachenmaterial.  Heute  sei  es  falsch,  immer  auf  einige
Hilfsarbeiten  an  der  Maschine  hinzuweisen,  die  noch  im  Takt
durch  Menschenhand  vollzogen  werden  müßten,  und  die  man
von  jeher  so  gern  als  ein  Beispiel  der  Verdummung  der
Arbeiterschaft  durch  die  Maschine  hinstelle.  Diese  Hilfsarbeiten
verschwänden  schon  heute  in  dem  großen  Getriebe;  die  ganze
Entwicklung  dränge  dahin,  diese  Arbeiten  dem  Organismus
der  Maschine  einzufügen 1 .
Für  den  jetzigen  Stand  der  Dinge  mag  diese  Auffassung
viel  zu  optimistisch  gefärbt  sein;  im  ganzen  ist  die  Entscheidung ­
  dieser  Fragen  für  die  folgenden  Erörterungen
keineswegs  wesentlich.  Gerade  weil  sich  die  von  sinkender
Arbeitszeit  begleitete  Tendenz  steigender  geistiger  Anforderung
zunächst  an  die  qualifizierten  Arbeitskräfte  wendet,  werden
diese  eigentlichen  führenden  Träger  der  Produktion  den  Ausschlag ­
  geben.  Diese  Arbeitskräfte  sind  knapp  und  stellen
einen  wichtigen  Faktor  im  internationalen  Konkurrenzkampf
dar.  Sie  sind  umsomehr  maßgebend,  als  der  industrielle  Fortschritt ­
  in  steigendem  Grade  auf  ein  höherstehendes  Menschenmaterial ­
  angewiesen  ist.
Noch  einmal  sei  es  gesagt:  ob  diese  Tendenz  heute  nur
einer  mehr  oder  minder  großen  Elite  zugute  kommt,  ob  und
in  welchem  Maße  ein  anderer  Teil  zu  einem  Stück  toter
Maschine  herabgedrückt  wird  —  diese  Frage  in  dieser  Allgemeinheit ­
  aufzuwerfen  und  gar  zu  beantworten,  hält  sich  der
Verfasser  wirklich  nicht  für  kompetent 2 .  Die  folgenden  Darlegungen ­
  haben  ihren  methodisch  festen  Rückhalt,  indem  sie
sich  darauf  beschränken,  die  Motive  und  Grundzüge  einer
bedeutsamen  und  zweifellos  bestehenden  Bewegung  zu  analysieren ­
  und  herauszuarbeiten.  Nach  diesen  Vorbemerkungen
können  wir  der  Sache  selbst  näher  treten.
Schon  früher  (S.  25  u.  38  dieser  Arbeit)  wurde  darauf  hingewiesen, ­
  daß  die  Arbeit  mit  dem  technischen  Fortschritt

sich,  wenn  man  die  Gesamtaspekte  großer  technischer  Epochen  einander
gegenüberstellt.  Primitive,  antike,  mittelalterliche  und  moderne  Technik
spiegeln  den  Fortschritt  von  grob-physischer  zu  geistig-leitender  Arbeit
wieder.  Die  Arbeit  der  Naturvölker  beruht  überwiegend  auf  roher
Kraftanstrengung  (vgl.  Bücher,  Arbeit  und  Rhythmus,  1902,  S.  10).
Auf  die  physische  Anstrengung,  die  handwerkliche  Technik  beansprucht,
wurde  schon  S.  57  u.  59  dieser  Arbeit  hingewiesen.
’  U.  Wendt,  S.  28.
2  Was  den  Einfluß  der  modernen  Industrie  auf  Seelenleben  und
Kulturniveau  der  arbeitenden  Klassen  betrifft,  so  soll  dieses  noch  recht
dunkle  Problem  der  Gesellschaftswissenschaften  —  prinzipiell  wenigstens
—  im  Text  nicht  berührt  werden.  Es  fehlt  auch  dazu  vollkommen  an
empirischem  Material,  vor  allem  an  exakten  und  mit  psychologisch
fundamentierten  Methoden  gewonnenen  Beobachtungen.  Hierin  wird
vielleicht  eine  künftige  „differenzielle“  Psychologie  Wandel  schaffen.
Im  Grunde  beruhen  bisher  die  meisten  allgemeinen  Urteile  dieser  Art
zu  einem  guten  Teil  auf  reinen  Impressionen.
        <pb n="91" />
        138.

81

vielfach  einen  neuen  Inhalt  gewinnt,  daß  sie  trotz  zunehmender
Automatisierung  der  Maschine  erhöhte  Ansprüche  an  die
individuellen  Fähigkeiten  stellt.  In  der  Technik  älteren  Stils
sind  personale  und  maschinelle  Tätigkeit  ineinander  verwoben.
Die  Entwicklung  schreitet  zu  einer  schärferen  Differenzierung
der  Funktionen.  Die  Maschine  übernimmt  mehr  und  mehr
die  mechanische  Formgebung,  die  gesamte  physische  Seite  des
Produktionsprozesses;  der  Arbeiter  investiert  immer  weniger
persönliche  Energie  an  dem  Produkt  selbst.  Auf  der  einen
Seite  durchdringt  die  Emanzipation  von  der  manuellen  Tätigkeit ­
  die  Technik,  auf  der  anderen  tritt  die  geistige  Leitung
und  Überwachung  von  seiten  des  Menschen  um  so  bedeutsamer
in  den  Vordergrund.  Seine  geistige  Direktive  der  Arbeit,
seine  verantwortliche  und  bestimmende  Tätigkeit,  die  technische
Aktion  im  Sinne  Emanuel  Herrmanns  bleibt  und  nimmt  zu.
„Man  ist  aber  nicht  berechtigt  zu  glauben,  daß  etwa  mit
wachsender  technischer  Kultur  die  technische  Aktion  an  Boden
verliere.  Im  Gegenteil  .  .  .“  1  Auch  Bourdeau,  Li  esse,  Kraft,
Ochelhäuser,  Marshall,  Wendt  und  andere  betonen  die  allgemeine ­
  Tendenz  steigender  geistiger  Anforderungen  an  den
Arbeiter  bei  zunehmender  Automatisierung  der  Maschine 1  2  3  *  *  * .
Immer  mehr  muß  sich  der  Maschinenführer  dem  Arbeitsinstrument ­
  anschmiegen,  um  es  dann  zu  meistern.  Dies  Verhältnis ­
  von  Unterordnen  und  Herrschen  wiederholt  gewissermaßen ­
  die  Gesamthaltung  der  Technik  gegenüber  der  Natur.
Die  teuren  kunstvollen  Gebilde  des  modernen  Maschinenbaues ­
  bedürfen  aufmerksamer,  ja  liebevoller  Wartung,  die  nur
intelligente  und  gebildete  Leute  während  einer  nicht  zu  langen
Dauer  leisten  können.  „Je  großartiger  die  Technik  sich  entwickelt,“ ­
  so  sagt  ein  Kenner  der  Gewerbehygiene,  „je  komplizierter ­
  die  Maschinen  werden,  je  rascher  der  Gang  derselben, ­
  um  so  größer  werden  die  an  den  Arbeiter  zu  stellenden
Anforderungen,  und  um  so  mehr  wird  die  Verkürzung  der
Arbeitszeit  zu  einer  physiologischen  Notwendigkeit 8 “.  —  Zunächst ­
  sollen  einige  Beispiele  diese  gesteigerten  Anforderungen
unmittelbarer  charakterisieren.
1  E.  Herrmann,  Technische  Fragen  und  Probleme  der  modernen
Volkswirtschaft,  1891,  S.  64.
2  L.  Bourdeau,  Les  Forces  de  l’Industrie,  1884,  S.  241,  248—249.
—  A.  Liesse,  Le  Travail  aux  points  de  vue  scientifique,  industriel  et
social,  1899,  S.  102—144,  besonders  S.  109—111.  —  M.  Kraft,  Das  System
der  technischen  Arbeit,  1902,  S.  119  f.  —  W.  v.  Öchelhäuser,  Technische
Arbeit  einst  und  jetzt,  1906,  S.  24.  —  Marshall,  Handbuch  der  Volkswirtschaftslehre, ­
  Bd.  1,  1905,  S.  283  f.  —  Vgl.  ferner  K.  Diehl,  Die
sozialpolitische  Bedeutung  des  technischen  Fortschritts,  Jahrb.  f.  Nat.-Ok.
  u.  Stat.,  1908,  S.  174—175,  und  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen, ­
  S.  142.
3  E.  Koth,  Gewerbehygiene  (Handbuch  d.  Hygiene,  hcrausgeg.  v.
Weyl,  Bd.  8),  S.  27.  —  Derselbe,  Ermüdung  durch  Berufsarbeit,  Ärztliche ­
  Sachverständigen  Zeitung,  1907,  S.  390.
Forschungen  138.  —  Bernhard.

6
        <pb n="92" />
        82

138.

In  der  Spitzenindustrie  von  Nottingham  hat  die  Einführung ­
  neuer  Maschinen  die  Löhne  bis  zu  100  °lo  gehoben.
Auch  die  alten  Arbeiter  hätten  die  neuen  Maschinen  bedienen
können.  Statt  dessen  stellen  die  Fabrikanten  sorgfältig  ausgesuchte, ­
  hochgelöhnte  Leute  an,  da  ihnen  bei  der  Größe  der
neuen  Kapitalanlage  eine  Beschädigung  der  Maschine  durch
Ungeschicklichkeit  oder  Trunkenheit  sehr  peinlich  gewesen
wäre 1 .  —  Der  Buchdrucker,  der  die  Schnellpresse,  eine  komplizierte ­
  teure  Maschine,  bedient,  wird  besser  bezahlt  als  der
Setzer,  dessen  Tätigkeit  schon  ehemals  als  eine  Art  Zwischenstufe ­
  von  Handwerk  und  Wissenschaft  galt 1  2  3 .  —  Die  maschinell
betriebene  Uhrenfabrikation  in  Amerika  beansprucht  höhere
Fähigkeiten  als  das  alte  System;  die  Verdienste  sind  größer 8 .  —
Ob  es  sich  nun  um  die  große  Foudriniere  in  der  Papierfabrikation, ­
  eine  Maschine  von  etwa  7  m  Weite  und  2  m
Geschwindigkeit,  oder  um  einen  Automaten,  der  sich  mit
Stahldraht  speist  uud  fertige  Schrauben  abliefert,  handelt,  ob
die  Bedienung  von  Setz-  oder  Sohlennähmaschine  in  Frage
steht,  in  allen  Fällen  kommt  es  auf  hochentwickelte  Intelligenz
und  ein  ausgebildetes  Verantwortlichkeitsbewußtsein  an.  Ähnliche ­
  Eigenschaften  setzt  die  Bedienung  moderner  Revolverbänke ­
  voraus.  Die  Arbeiter  einer  italienischen  Maschinenfabrik ­
  sind  zum  großen  Teil  unfähig,  derartig  verbesserte
Maschinen  zu  leiten 4 .
„Die  richtige  Bedienung  einer  Maschine,“  so  schrieb  jüngst
der  Techniker  Du  Bois-Reymond,  „erfordert  verhältnismäßig
hohe  intellektuelle  Funktionen,  sie  verlangt  im  allgemeinen
ein  Wissen  und  Nachdenken,  welches  über  das  bei  den  gewöhnlichen ­
  Handwerken  angewendete  oft  wesentlich  hinausgeht ­
 5 .“  Mit  Recht  bezeichnet  Wendt  die  Vorstellung,  daß
zur  Bedienung  einer  Maschine  keine  Vorkenntnisse  gehören,
als  laienhaft 6  * .  In  seiner  Rede  vom  26.  Januar  1903  kenn-1

  D.  A.  Wells,  Recent  Economy  Changes,  1891,  S.  371.
^  U.  Wendt,  S.  28.
3  A.  Marshall,  Hdb.  d.  Volkswirtschaftslehre,  S.  283.
4  A.  Graziadei,  II  Lavoro  Umano  e  la  Macchina.  Giornale  degli
Economisti,  1899,  S.  330.  —  Hülle,  Schnellbetrieb  im  Werkzeugmaschinenbau, ­
  Werkstattstechnik,  1907,  S.  480.  —  G.  Schlesinger,  Die  Entwicklung
der  Werkzeugmaschinen  und  ihr  wirtschaftlicher  Einfluß,  Z.  d.  V.  d.  I.,
1908,  S.  424.
5  A.  du  Bois-Reymond,  Erfindung  und  Erfinder,  1906,  S.  26.  —-Vgl.
  ferner  Jahresberichte  der  Kgl.  Preuß.  Reg.-  u.  Gew.-Räte,  1906,
S.  160.
6  U.  Wendt,  S.  240.  —  Geistiges  Verständnis  der  Maschine  tritt
an  Stelle  der  Handgeschicklichkeit,  Der  gelernte  Arbeiter  „verliert
zwar  einen  Teil  der  Künstlerschaft,  die  in  der  alten  Handarbeit  beruhte, ­
  aber  er  gewinnt  an  Maschinenkunde,  an  Dispositionsvermögen,
an  schnellem  Blick,  an  raschem  Urteil,  an  höheren  Gesichtspunkten.
Auch  mit  Analphabeten  ist  dem  industriellen  Betrieb  heute  nicht  mehr
geholfen.“  A.  a.  O.  S.  28.
        <pb n="93" />
        138.

83

zeichnet  Professor  Kämmerer  die  Entwicklung  der  modernen
Maschinenbaukunst.  Sie  sei  bestrebt,  allen  Handlangerdienst,
alle  Transportbewegungen  der  Maschine  selbst  aufzubürden,
so  daß  der  Mensch  nur  überlegende  und  regelnde  Tätigkeit
auszuüben  habe,  etwa  wie  der  Steuermann  eines  Schiffes.  Die
gewaltige  Maschine  eines  modernen  Walzwerks  mit  allen  ihren
selbsttätigen  Hilfsvorrichtungen  werde  mittels  Fernsteuerung
von  einem  einzigen  Menschen  beherrscht,  der  keinerlei  körperliche ­
  Arbeit  zu  verrichten  habe,  aber  mit  Anspannung,  Überlegung ­
  und  Geistesgegenwart  sein  Reich  regieren  müsse 1 .
Die  Tätigkeit  des  modernen  Maschinenarbeiters  strengt
im  ganzen  mehr  die  Aufmerksamkeit,  die  Nerven  und  Zentralorgane ­
  an  als  die  Muskeln.  Sie  reibt  bei  gleicher  Dauer
stärker  auf  als  mechanische  Handarbeit,  ermüdet  den  ganzen
Organismus 2 .  Unter  diesen  Umständen  wird  kürzere  Arbeitszeit ­
  eine  Bedingung  des  technischen  Fortschritts,  der,  wie
Wörrishofer 8  ausführt,  dazu  zwingt,  die  Arbeitsdauer  zu  vermindern, ­
  um  die  Qualität  auf  der  Höhe  zu  halten.  Die  unter
dem  Text  gegebenen  Hinweise  sollen  diesen  wichtigen  Punkt
noch  etwas  mehr  herausstellen 4 .  —  Bei  dem  großen  Streik

1  In  dem  neuesten  Walzwerk  von  Krupp,  der  Priedrieh-Alfred-Hütte
  in  Rheinhausen  befindet  sich  ein  solches  Ungetüm  von  16  000  PS,
das  Blöcke  von  4—5  t  verwalzt.
2  Vgl.  dazu  Mosso,  Die  Ermüdung,  S.  280.
3  Zeitschr.  f.  d.  gesamte  Staatswissenscbaft,  1893,  S.  500.
4  Jede  qualifizierte  Arbeit  muß  mit  Lust  und  Liebe  vorgenommen
werden;  sie  bedarf  einer  genügend  langen  Erholung,  kurzer  Arbeitszeit.
Was  im  schlimmsten  Fall  an  Menge  verloren  geht,  wird  an  Güte  gewonnen ­
  (vgl.  H.  Frankel,  S.  30).  Jede  Ermüdung  äußert  sich  nicht  nur
in  einem  quantitativen  Sinken,  sondern  in  einer  regelmäßigen  qualitativen ­
  Verschlechterung  der  Leistung.  Der  psychologische  versuch
zeigt,  daß  der  Gedankengang  verflacht  und  die  Spannung  der  Aufmerksamkeit ­
  nachläßt  (Kraepelin,  Zur  Hygiene  der  Arbeit.  Neue
Heidelberger  Jahrb.,  1896,  S.  226—227).
Ein  Fabrikant  behauptet,  daß  in  der  letzten  Stunde  eines  Zwölfstundentages ­
  mehr  unbrauchbare  Arbeit  geleistet  würde  als  in  zwei
normalen  Stunden  (J.  Rae,  S.  121);  ein  anderer  findet,  daß  die  Fehler
nach  Einführung  des  Achtstundentages  um  60  °/o  abnehmen  (Gewerbl.-techn.
  Ratgeber,  1903/4,  S.  3.69).  —  Der  Direktor  eines  Werkes  sagte
zu  Inspektor  Horner,  daß  gewöhnlich  die  erste  Stunde  des  Tages  davon
in  Anspruch  genommen  würde,  die  Verfehlungen  der  letzten  Stunde
des  vorigen  in  Ordnung  zu  bringen.  —  In  der  Textilindustrie,  besonders
in  den  Webereien  erhalten  die  Arbeiter  für  fehlerfreie  Leistungen
Qualitätsprämien  (L.  Bernhard,  Die  Akkordarbeit  in  Deutschland,  S.  127).
Einem  Spinner  können  zahlreiche  Fehler,  wie  Schleifen  im  Garn,  verstrecktes ­
  Garn,  schlechte  Aufwindung  passieren  (H.  Fritz,  Baumwollspinnerei, ­
  S.  32).  —  Deshalb  hat  diejenige  Massenfabrikation,  die  unter
der  Flagge  „billig  und  schlecht“  auf  den  Weltmarkt  segelt,  am  ehesten
einigen  Grund,  eine  Schwächung  der  Konkurrenzfähigkeit  durch  kürzere
Arbeitszeit  zu  befürchten.  Die  englische  Textilindustrie  hat  erst  bei
den  hohen  Garnnummern,  den  Qualitätswaren,  ihre  Überlegenheit  gegen
den  indischen  Wettbewerb  durchsetzen  können  (Schulze-Gävernitz,  Der
Großbetrieb,  S.  160).

6
        <pb n="94" />
        84

138.

der  Maschinenbauer  von  1897—1898  wird  festgestellt,  daß  die
Londoner  Arbeiter,  die  qualifizierte  Arbeit  verrichten,
die  48stündige,  einzelne  sogar  die  44stündige  Arbeitswoche
haben,  und  daß  die  Arbeitszeit  um  so  länger,  bis  zu  54  und
56  Stunden  die  Woche,  dauert,  je  gröber  und  niedriger  die
Arbeit  im  Maschinenbau  ist,  wie  dies  bei  den  Fabriken  der
Provinz  vielfach  vorkommt 1 .  Auch  aus  der  großen  österreichischen ­
  Erhebung  über  „die  Arbeitszeit  in  den  Fabrikbetrieben“ ­
  erhellt,  daß  die  Qualifikation  einen  wesentlichen
Einfluß  auf  die  Dauer  der  Arbeitsschicht  übt 2 .  Wie  früher
gezeigt  wurde,  haben  die  Städte  aus  diesem  Grunde  allenthalben ­
  kürzere  Arbeitszeiten  als  die  ländlichen  Gebiete.
Kürzere  Arbeitszeit  involviert  nicht  nur  einen  Zuwachs
an  Vitalität  und  Spannkraft;  sie  macht  zugleich  ein  Mehr  an
Willen  und  Intellekt  frei,  dessen  die  moderne  technische
Arbeit  bedarf.  Zu  den  von  ihr  gestellten  Aufgaben  gehört,
wie  Ochelhäuser  darlegt,  vor  allem  die  schwierige  Bedienung
und  Instandhaltung  der  Kraft-  und  Arbeitsmaschinen.  An
Stelle  der  manuellen  Ausbildung  tritt  eine  Entwicklung  der
geistigen  Fähigkeiten.  In  dieser  Hinsicht  drängt  sich  ein
bedeutsamer  Unterschied  auf,  wenn  man  die  Wartung  der
Wasserräder,  Windräder  und  Göpel  in  älterer  Zeit  gegen  die
Tätigkeit  eines  Maschinisten  im  Elektrizitätswerk,  die  Führung
einer  Fördermaschine  bei  den  Bergwerken  oder  die  der  riesigen
Reversiermaschine  in  den  Walzwerken  hält 8 .
Während  das  Arbeitsinstrument  immer  kunstvoller  und
teurer  wird,  ist  die  auf  den  Kopf  des  Arbeiters  kommende
Produktmenge  ungeheuer  gestiegen.  In  gleichem  Maße  werden
an  Intelligenz  und  Verantwortlichkeitsgefühl  steigende  Anforderungen ­
  gestellt,  die  nur  ein  aufmerksamer,  zuverlässiger
Mann  während  einer  nicht  zu  langen  Zeit  erfüllen  kann.
Schulze-Gävernitz  stellt  den  Puddler  alten  Stils  dem  Manne
gegenüber,  der  für  den  Inhalt  eines  riesigen  Siemens-Konverters
verantwortlich  ist.  1871—1900  steigt  die  Zahl  der  deutschen
Arbeiter  beim  Roheisenprozeß  von  23191  auf  34743  Mann,
d.  h.  um  die  Hälfte.  Die  Produktion  aber  um  das  Fünffache
von  1,6  auf  8,5  Millionen  Tonnen.  Die  langsamere  Zunahme
der  Arbeiter  weist,  wie  Wendt  anführt,  darauf  hin,  daß  ein
zunehmender  Teil  der  Arbeiterschaft  eine  mechanische  Tätigkeit ­
  mit  der  mehr  geistigen  Tätigkeit  der  Aufsicht  vertauscht
hat 4 .
1  A.  Tille,  Verh.,  Mitt.  u.  JBer.  d.  Zentralverb,  deutscher  Ind.,
Nr.  101,  S.  55.
2  Die  Arbeitszeit  in  den  Fabrikbetrieben  Österreichs,  1907,  S.  LXV.
3  W.  von  Ochelhäuser,  Technische  Arbeit  einst  und  jetzt,  1906,
S.  21.  —  Eine  zweite  neue  Kategorie  gelernter  Arbeiter  hat  ferner
Auswahl,  Pflege  und  Nacharbeit  der  feinen  in  den  Maschinen  tätigen
Werkzeuge  zu  besorgen  libid.).
4  U.  Wendt,  S.  241.
        <pb n="95" />
        138.

85

•  Das  Spezialkönnen,  die  Berufsgeschicklichkeit  tritt  vor
Qualitäten,  wie  Einsicht,  Willenskraft,  konzentrierter  Aufmerksamkeit ­
  zurück.  Du  Bois-Reymond  spricht  in  diesem
Sinne  von  einer  Despezialisierung  der  Arbeit:  „Die  Menschen
müssen  sich  immer  mehr  despezialisieren,  um  sich  den  Forderungen ­
  des  modernen  Lebens  anzupassen,  während  sich  die
Maschinen  immer  mehr  spezialisieren 1 .“  Der  neue  Typus  des
„zuverlässigen  Arbeiters“  entsteht,  der  pünktlich  und  genau
seine  Pflicht  erfüllt 1  2 .
ln  den  Mersey-Eisenwerken  verdienen  die  ersten  Hammerschmiede* ­
  7—900  Pfd.  St.  jährlich,  weil  ein  mißlungener
Schlag  des  von  ihnen  geleiteten  Dampfhammers  ein  Stück
im  Werte  von  2500—3000  Pfd.  St.  verderben  kann 3 .  —
Der  Maschinenspinner  erzeugt  ein  2000  mal,  der  Weber
am  Kraftstuhl  ein  40  mal  größeres  Produkt  als  der  Handspinner ­
  oder  -weber.  Ersichtlich  hat  ein  Fehler,  der  Betriebsstörungen ­
  nach  sich  zieht,  bei  beiden  Kategorien  total
verschiedene  Bedeutung 4 .  Die  Arbeiterin  an  der  Krempelmaschine ­
  trägt  für  Maschinen  von  zusammen  rund  22  500  Mk.
die  Verantwortung.
Der  Wärter  einer  Dampfmaschine  produziert  überhaupt
nur  Sicherheit.  Von  seiner  Zuverlässigkeit  und  seinen  richtigen ­
  Eingriffen  hängt  der  Gang  der  Fabrik,  ja  das  Leben
der  Arbeiter  ab.  Von  den  13  Dampfkesselexplosionen,  die
infolge  Wassermangels  1906  in  Deutschland  stattfanden,  waren
7  auf  Nachlässigkeit  der  Bedienung  zurückzuführen 5 .  Die
hohe  Verantwortlichkeit,  die  die  Tätigkeit  in  der  modernen
Industrie  vielfach  mit  sich  bringt,  kann  sogar  Ursache  neurasthenischer
  Erkrankungen  werden 6 .  Graziadei  stellt  als
1  A.  du  Bois-Reymond,  Erfindung  und  Erfinder,  1906,  S.  260.  —
Übrigens  macht  auch  Liesse  auf  diesen  interessanten  Punkt  aufmerksam:
„Mais  le  machinisme  moderne,  tendant  ä  exiger  de  l’ouvrier  une  surveiilance
  qui  implique  des  connaissances  g6n4rales  et  une  plus  grande
extension  intellectuelle,  il  s’ensuivrait  que  l’ouvrier  aurait,  en  realite,
une  spdcialisation  moins  etroite,  que  ne’  l’('tait,  celie  de  l’ouvrier  d’autrefois
  usant  des  outils  primitifs“  (Liesse,  a.  a.  O.  S.  141).
2  H.  Ehrenberg,  Die  Eisenhüttentechnik  und  der  deutsche  Hüttenarbeiter, ­
  1906,  S.  100,  101,  120.
3  Roscher,  Syst.  d.  Volkswirtsch.,  Bd.  3,  1899,  S.  775.
4  „Die  Kontrolle  des  mechanischen  Webstuhls  erfordert  eine
unausgesetzte  angestrengte  Aufmerksamkeit,  jede  Korrektur  muß  geschickt ­
  und  schleunigst  vollzogen  werden,  der  mechanische  Stuhl  darf
in  der  beschränkten  Arbeitszeit  nicht  lange  stillstelien.  .  .  .  Die  Muskelkraft ­
  des  mechanischen  Webers  wird  weniger  angestrengt  als  die  des
Handwebers;  aber  ihr  Nervensystem  um  so  viel  mehr“  (PI.  Brauns,  Der
Übergang  v.  d.  Handweberei  z.  Fabrikbetrieb  i.  d  niederrhein.  Samtu.
  Seidenindustrie.  Forschungen,  herausgeg.  v.  Schmoller  u.  Sering,
1906,  S.  184.
3  Z.  d.  V.  d.  1.,  1907,  S.  1558.
«  G.  Heilig,  Fabrikarbeit  und  Nervenleiden,  S.  26.  —  Hellpach
(Grenzwissenschaften  der  Psychologie,  S.  192)  macht  auf  den  gleichen
Umstand  als  ätiologisches  Moment  von  Neurosen  bei  Beamtentätigkeit
        <pb n="96" />
        8ti

138.

typisches  Beispiel  den  Postkutscher  alten  Stils  dem  Führer
eines  modernen  Schnellzugs  gegenüber 1 .  Jener  trottet  in
schläfrigem  Tempo  die  Straße  entlang;  die  Pferde  finden  den
Weg  fast  von  allein.  Der  Mann  ist  für  wenig  Menschen  und
kleine  Kapitalien  verantwortlich,  er  flucht  und  trinkt.  Der
Lokomotivführer  hat  bei  rasender  Fahrgeschwindigkeit  angespannt ­
  Signale  und  Schienenstrang  zu  kontrollieren,  sowie
den  Gang  der  Maschine  ständig  zu  beobachten.  Er  trägt  für
eine  hundertfach  gesteigerte  Zahl  von  Menschenleben  und
Kapitalanlagen  die  Verantwortung.  Er  repräsentiert  den
modernen  Maschinenarbeiter.
Vorzüglich  in  Amerika  hat  die  moderne  Maschinentechnik
einerseits  die  ungelernte  Arbeit  vermehrt,  auf  der  anderen
aber  eine  Nachfrage  nach  ausgebildeten,  qualitativ  hochstehenden
Arbeitern  erzeugt.  Lawson  charakterisiert  den  Einfluß  der
arbeitsparenden  Maschine  auf  den  amerikanischen  Arbeiter
mit  den  Worten:  „lt  has  raised  his  character  and  enlarged
his  mind“  s .  Amerika,  England  und  Deutschland  besitzen  die
intelligenteste  Arbeiterschaft,  wiewohl  bei  allen  die  arbeitsparende ­
  Maschine  machtvoll  dominiert.  In  der  englischen
Baumwollindustrie  feiert  sie  die  größten  Triumphe,  und  doch
haben  deren  Arbeiter  die  Verfassungs-  und  Organisationsprobleme ­
  des  Gewerkvereinswesens  am  besten  gelöst.  -  Auch
in  der  Landwirtschaft  hat  die  Maschine  den  Arbeiter  geistig
und  materiell  vielfach  gehoben *  1  2  3 .  „Die  Fähigkeit,  vielerlei  zu
gleicher  Zeit  im  Kopf  und  alles  in  Bereitschaft  zu  halten,
wenn  man’s  braucht,  das  prompte  Zugreifen  und  die  schnelle
Abhilfe,  wenn  etwas  schief  gegangen  ist,  die  rasche  Anpassungsfähigkeit ­
  an  Änderungen  im  Detail  der  Arbeit,  Ausdauer  und
Zuverlässigkeit,  beständiger  Uberschuß  an  Kraft  für  den  Fall
der  Not“  —,  so  zeichnet  Marshall  die  Eigenschaften,  die  die
moderne  technische  Arbeit  von  ihren  Dienern  verlangt 4  5 .
Wie  sehr  gerade  lange  Arbeitszeiten  die  Aufmerksamkeit
abstumpfen,  darauf  weist  eindringlich  die  schon  öfter  erwähnte
Tatsache  hin,  daß  die  Unfälle  besonders  in  den  letzten  Stunden
eintreten,  daß  sich  ihre  Zahl  bei  Reduktion  der  Arbeitsdauer
vermindert  hat 6 .  Die  eine  Ermüdung  begleitende  geistige

aufmerksam,  „wo  mit  mechanischer,  interesseloser  Tätigkeit  eine  hohe
Verantwortlichkeit  verknüpft  ist“.
1  A.  Graziadei,  TI  Lavoro  Umano  e  la  Macchina.  Giornale  degli
Economisti,  1899,  S.  830.
2  VV.  R.  Lawson,  American  Industrial  Problems,  1903,  S.  86,  87.
—  H.  Levy,  Die  Stahlindustrie  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,
1905,  S.  309-310,  357.
3  Fr.  Bensing,  Der  Einfluß  der  landwirtschaftlichen  Maschinen  auf
Volks-  und  Privatwirtschaft,  1897,  S.  62,  75,  76.
4  A.  Marshall,  Handbuch  der  Volkswirtschaftslehre,  S.  241.
5  Siehe  S.  77  dieser  Arbeit.  —  In  der  letzten  Resolution  des
Christlichen  Metallarbeiterverbandes  heißt  es  mit  übertriebenem  Aus-
        <pb n="97" />
        138.

87

Lähmung  äußert  sich  in  der  Verflachung  des  Gedankenganges
und  dem  Abflauen  von  Wille  und  Aufmerksamkeit,  d.  h.  alle
apperzeptiven  Prozesse  sind  gehemmt.  Im  einzelnen  kündigt
sich  diese  Lähmung  an  in  einer  Verlängerung  der  Erkennung^-,
Wahl-  und  Assoziationszeiten,  in  der  Schwächung  des  Gedächtnisses ­
  und  der  Herabsetzung  der  Übungsfähigkeit 1 .
Das  schwere  Eisenbahnunglück  von  Thirsk  veranlaßte  die
Midland-Railway-Company  die  Arbeitszeit  ihrer  Angestellten
zu  verkürzen *  1  2 .  Bei  Leuten,  deren  Beruf  ununterbrochene
Anspannung  der  Aufmerksamkeit  mit  sich  bringt,  wie  dies
bei  Schriftsetzern,  besonders  aber  bei  den  Führern  der  Automobildroschken ­
  der  Fall  ist,  hat  zu  lang  ausgedehnte  Tätigkeit
schwere  Neurasthenien  herbeigeführt 3 .
Kürzere  Arbeitstage  gewähren  die  Möglichkeit,  technische
und  allgemeine  Kenntnisse  zu  erwerben.  Bei  übermüdeten
Leuten  sind  die  Erfolge  der  Fachkurse  minimal.  Schon  die
englische  Zehnstunden-Bill  hatte  eine  erstaunliche  Vermehrung
der  Abendschulen  im  Gefolge.  Hier  entsprang  die  höhere
technische  Bildung  des  englischen  Arbeiters,  die  die  Größe
der  britischen  Baumwollindustrie  begründen  half.  Die  hohen
Garnnummern  wurden  schon  in  den  dreißiger  Jahren  außer
in  Indien  nur  in  England  gesponnen,  weil  ganz  Europa  sonst
nicht  über  die  erforderlichen  gelernten  Arbeiter  verfügte 4 .
Auch  unter  europäischer  Leitung  vermögen  chinesische  Spinner
nur  die  gröbsten  Garnnummern  herzustellen.  Besonders  der
Weber  bedarf  eigenartiger  Vorkenntnisse.  Werden  doch  in
der  Weberei  je  nach  dem  Artikel  außer  besonderen  Qualitätsprämien ­
  verschiedene  Lohnsätze  zugrunde  gelegt,  denn  einzelne ­
  Waren  erfordern  mehr  Wissen  und  Geschicklichkeit  als

druck,  aber  wohl  nicht  ohne  sachliche  Berechtigung:  „Infolge  des
forcierten  Produktionsprozesses  und  der  hastenden  Arbeitsweise,  bedingt
durch  die  neuere  Hütten-  und  Walzwerkstechnik,  sind  die  Unfälle  ins
Ungeheuerliche  gestiegen.“  In  dem  rheinisch-westfälischen  Gebiet
kommen  auf  1000  Vollarbeiter  an  Unfällen:  1902  13,6,  1903  14,2,  1904
15,2,  1905  14,6,  1906  16  (Reichsarbeitsblatt,  1908,  S.  162.  —  In  dem
Feinblechbetriebe  des  Rothauer  Eisenwerkes  bessert  sich  nach  dem
Bericht  des  Direktors  mit  dem  Achtstundensystem  die  Qualität,  „weil
die  Arbeitslust  und  die  Aufmerksamkeit  nicht  derart  ermüdet,  wie  bei
zwölfstündiger  Schicht“  (Soz.-Pol.  Zentralblatt,  1894,  S.  91).
1  S.  ßettmann,  Über  die  Beeinflussung  einfacher  psychischer  Vorgänge ­
  durch  körperliche  und  geistige  Arbeit,  Psychol.  Arbt.,  herausgeg.
v.  Kraepelin,  I,  iS.  171,  194,  208.
8  Soz.-Pol.  Zentralblatt,  1892,  Nr.  12.
3  Nicht  nur  bei  Schriftsetzern,  sondern  auch  bei  Tischlern,
Schlossern  und  Mechanikern  zeitigt  die  aufreibende  Arbeit  in  der
modernen  Industrie  öfters  derartige  Krankheiten  (vgl.  P.  Leubuscher
u.  W.  Bibrowicz,  Die  Neurasthenie  in  Arbeiterkreisen,  Deutsche  Medizinische ­
  Wochenschrift,  1905,  S.  821).
4  Schulze-Gävernitz,  Der  Großbetrieb,  S.  58.  Vgl.  ferner  Brassey,
Work  and  Wages,  1872,  S.  121.
        <pb n="98" />
        88

138.

andere 1 .  „Warum,“  sagt  Barrows,  Direktor  der  Willimantic-Garnfabrik
  in  Connecticut,  „warum  ist  Willimantic-Garn
weicher  und  hat  mehr  Gewicht?  Jeder  Fabrikant  kann  die
gleiche  Wolle  und  Maschine  kaufen.  Woher  stammt  die  Überlegenheit ­
  unserer  Fabrikate?  Nur  weil  sie  von  Leuten  gemacht ­
  werden,  die  mehr  wissen  .  .  .  tliey  put  more  brains  into
their  work  than  others  do 1  2 .“  —  Schließlich  hat  ein  intelligenter
Arbeiter  weniger  Abfälle  und  schont  die  Maschinen,  wie  denn
ihr  Verschleiß  in  Indien  den  in  England  übertrifft.  Er  braucht
weniger  Aufsicht.  Nach  Schulze-Gävernitz  kommt  in  England ­
  ein  Aufseher  auf  60—80000  Spindeln,  in  Deutschland
auf  10—20000.
Die  Erkenntnis,  daß  die  technische  Hochkultur  geistig
höher  stehender  Menschen  bedarf,  hat  die  Praxis  schon  lange
durchdrungen.  P.  Möller,  der  Kenner  des  amerikanischen
Maschinenbaues,  Levasseur  und  andere  betonen,  daß  die
amerikanische  Industrie  einen  großen  Teil  ihrer  Erfolge  der
qualifizierten  Arbeiterschaft  verdanke,  deren  weiterer  Ausbildung ­
  man  große  Aufmerksamkeit  zu  wendet 3 .  Gerade
Deutschland  hat  allen  Grund,  das  in  der  Intelligenz  seiner
Bevölkerung  brachliegende  Kapital  auf  jede  Weise  zu  pflegen.
Ist  doch  unsere  Industrie  durch  ihre  natürlichen  Verhältnisse
in  steigendem  Maße  darauf  angewiesen,  die  Fertigfabrikation
in  den  Vordergrund  zu  rücken 4 .  Nicht  unter  dem  Schutze
1  Belgische  Fabrikanten  behaupten,  daß  in  ihren  Betrieben  stets
eine  halbe  Stunde  verloren  ginge,  um  eine  Betriebsstörung  zu  beseitigen,
während  die  englischen  Arbeiter  diese  wegen  ihrer  größeren  Kenntnisse
sofort  auffinden  (J.  Bae,  S.  156).  „Eine  bessere  und  allseitigere  Schulung
der  mechanischen  Weber  würde  die  Produktion  verbessern  und  vermehren. ­
  Ein  Weber,  der  seine  Arbeitsmaschine  genau  kennt,  der  insbesondere ­
  auch  die  Bindung  der  Gewebe  versteht,  wird  sein  Werk  viel
besser  übersehen,  er  wird  sich  bei  Behandlung  und  Vorrichtung  des
Stuhls  und  des  Werkes  viel  leichter  helfen,  er  wird  vorkommendc
Fadenbrüche  schneller  reparieren  können  als  ein  Weber,  der  nur  einseitig ­
  ausgebildet  ist“  (H.  Brauns,  Der  Übergang  von  der  Handweberei
zum  Fabrikbetrieb  in  der  Niederrheinischen  Samt-  und  Seidenindustrie,
Staats-  u.  sozialwiss.  Forschungen,  herausgeg.  v.  Schmoller  u.  Serins,
1906.  S.  182).
-  J.  Rae,  S.  187.
3  P.  Möller,  Aus  der  amerikanischen  Werkstattpraxis,  1904,  S.  11.
—  Levasseur,  L’Ouvrier  arnericain  II,  S.  427.  --  L.  Friedländer,  Der
Nachwuchs  gelernter  Arbeitskräfte  in  Amerika.  Werkstattstechnik
1907,  S.  123.
4  Brentano,  Die  beabsichtigte  Neuorganisation  der  deutschen
Volkswirtschaft.  Süddeutsche  Monatshefte,  1904,  S.  277.  —  F.  Naumann,
Neudeutsche  Wirtschaftspolitik,  1907,  S.  111—112.  —  H.  Schacht,  Inhalt
und  Kritik  des  Zolltarifentwurfs.  .Jahrb.  f.  Gesetzgeb.  u.  Verw.,  1902,
Bd.  26,  S.  791,  805.
In  der  amerikanischen  Stahlindustrie  ist  z.  B.  die  Qualität  der
Arbeiter  die  Hauptursache  für  die  erfolgreiche  Entwicklung  der  Fertigfabrikation ­
  des  Ostens  gegenüber  dem  Westen  gewesen  (H.  Levy,  Die
Stahlindustrie  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  1905,  S.  314).
Großbritannien  erblickt  in  dem  Besitz  derartig  geschulter  Arbeitskräfte
die  wesentlichste  Garantie  einer  zukünftigen  industriellen  Suprematie.
        <pb n="99" />
        138.

89

besonders  günstiger  Rohstoffbedingungen,  sondern  allein  mit
geistigen  Waffen,  durch  die  Herstellung  von  Qualitätswaren
allerersten  Ranges  wird  Deutschland  der  internationalen
Konkurrenz,  vor  allem  der  amerikanischen  Massenfabrikation
auf  die  Dauer  ein  Paroli  bieten  können.  Abgesehen  von
einigen  Spezialartikeln  scheint  ja  dieser  eine  gewisse  Vollendung ­
  zu  fehlen,  deren  allerbeste  Qualitätswaren  bedürfen 1 .
Eine  Fertigfabrikation  in  großem  Stil  wird  wieder  von  allgemein ­
  technischer  Kultur  und  einer  fortschreitenden  Maschinenbaukunst ­
  getragen.
Gewiß  trägt  unmittelbar  die  Fähigkeit  der  Techniker  und
„captains  of  industry“  den  Sieg  im  Konkurrenzkampf  davon.
Ebenso  sicher  ist  aber,  daß  die  Generäle  der  Industrie  nichts
ohne  gutes  Rekrutenmaterial,  ausgebildete  Mannschaften  und
intelligente  Unteroffiziere  ausrichten  können.  An  diesen
herrscht  kein  Überfluß,  wie  denn  regelmäßig,  'besonders  in
Zeiten  guten  Geschäftsganges  die  Klagen  über  den  Mangel
an  wirklich  gelernten  Arbeitern  wiederkehren *  1  2  3 .—-  „Der  Sieg
im  Konkurrenzkampf  muß  doch  schließlich  dem  Lande  verhleiben,
  das  die  technisch  vollkommensten  Produktionsmittel
in  die  Hände  der  leistungsfähigsten  Arbeiterschaft  legt“
(v.  Halle).  Unter  diesem  Gesichtspunkt  wird  die  soziale
Reform  eine  wirtschaftspolitische  Notwendigkeit 8 .  „In  der
intelligenten  Ausbildung  des  Arbeiters,“  so  erklärt  der  Ingenieur
Bach,  „liegt  unter  den  heutigen  Verhältnissen  die  Kraft  der
deutschen  Industrie  —  viel  mehr  als  der  flüchtige  Blick  glaubt“  4 .
Die  führenden  deutschen  Werke  haben  in  der  Erkenntnis
dieser  Zusammenhänge  eigene  Fachschulen  gegründet,  um  sich
einen  leistungsfähigen  Arbeiterstamm  zu  erziehen 5  &amp;amp;  * .

—•  Ein  deutscher  Stahlindustrieller  äußert  sich  folgendermaßen  :  „Unsere
deutschen  Arbeiter  leisten  vielfach  in  der  Großwalzerei  heute  ebensoviel, ­
  eher  mehr  als  die  englischen,  aber  in  den  feineren  Arbeiten  wie
sie  in  der  Feinblechherstellung  Vorkommen  und  in  der  Weiterverarbeitung
des  Feinblechs  zu  Weißblech  ist  ihnen  der  Engländer  immer  noch  über“
(H.  Levy,  a.  a.  O.  8.  357).
1  Levasseur,  Bd.  I,  S.  114  f.  —  A.  Shadwell,  England,  Deutschland
und  Amerika,  1908,  S.  315,  341.
2  Jahresberichte  der  Potsdamer  Handelskammer,  Sitz  Berlin,  1905,
S.  63,  111,  124,  132;  1906,  8.  111,  116,  122,  125;  1907,  S.  51,  85,  105.
3  E.  v.  Halle,  Weltpolitik  und  Sozialreform,  Volks-  und  Seewirtschaft, ­
  1902,  II,  S.  227.  —  Ygl.  ferner  Philippovich,  Volkswirtschaftspolitik ­
  I,  1905,S.238  —239.  Ähnliche  Postulate  bei  A.  Tille  (Deutsche
Industriezeitung,  1901,  S.  182,  281)  ohne  die  sozialpolitische  Wendung.
4  W.  H.  Bach,  Werkstattorganisation  —  „amerikanisch“.  Werkstattstechnik, ­
  1907,  S.  223.
5  Ochelhäuser,  Technische  Arbeit  einst  und  jetzt,  S.  22,  46.  —
Über  ein  einzelnes  Beispiel  vgl.  J.  Lilienthal,  Fabrikorganisation,
Fabrikbuchführung  und  Selbstkostenberechnung  der  Firma  Ludw.  Loewe
&amp;amp;  Co.,  1907,  S.  209—220.  —  Hier  soll  unter  anderem  das  zeichnerische
Verständnis  entwickelt  werden,  einer  der  vielen  Punkte,  in  dem  die
handwerksmäßige  Ausbildung  völlig  versagt  (Jahresber.  d.  Kgl.  Preuß.
Reg.-  u.  Gew.-Räte,  1906,  S.  160).
        <pb n="100" />
        Sechster  Teil.

Die  ethischen  Voraussetzungen  kurzer  Arbeitstage.

Den  Gegenstand  der  abschließenden  Betrachtung,  der  wir
uns  hiermit  -zuwenden,  bildet  eine  der  wichtigsten  Voraussetzungen ­
  für  die  günstigen  physisch  geistigen  Wirkungen
kürzerer  Arbeitstage.  Es  handelt  sich  um  den  richtigen  Gebrauch ­
  der  freien  Zeit.  Für  den  Lohn  liegt  eine  analoge
Sachlage  vor.  Finden  steigende  Verdienste  eine  kulturell
wertvolle  Verwendung?  Beide  Fragen  hängen  eng  zusammen
und  stehen  in  Wechselbeziehung,  denn  die  Verbesserung  der
Arbeitsbedingungen  geht  pari  passu  auf  der  ganzen  Linie  vor.
Bessere  Lebenshaltung  und  kurze  Arbeitszeiten,  langer  Arbeitstag ­
  und  niedrige  Löhne  begleiten  einander  in  der  Realität,
sind  zwei  Seiten  einer  und  derselben  Erscheinung,  die  auch
theoretisch  zusammengehören.  Die  Frage,  ob  die  Verbesserung
der  Arbeitsbedingungen  richtig  ausgenutzt  wird,  ob  ihr  ein
entsprechendes  Aufsteigen  der  arbeitenden  Klassen  folgt,  ist
für  beide  Seiten  des  Problems  stets  in  gleichem  Sinn  zu  beantworten. ­
  So  mündet  die  Darstellung  wieder  in  die  allgemeinen ­
  Zusammenhänge  von  Arbeitsbedingungen  und  Arbeitsleistung ­
  ein,  von  denen  diese  Arbeit  anfänglich  ausging.
Je  nach  Volkscharakter  und  Umständen  muß  die  Wirklichkeit ­
  ein  wechselndes  Bild  bieten.  Bedürfnislose  Hindu
oder  träge  Neger  werden  durch  bessere  Arbeitsbedingungen
keineswegs  auf  eine  höhere  Stufe  der  Kultur  gehoben  1 .  Im
18.  Jahrhundert  treten  in  England  Männer  wie  Petty,  Temple,
Hougbton,  Child,  Postletwhait,  Foster  für  lange  Arbeitszeiten,
niedrige  Löhne  und  hohe  Preise  ein 1  2 .  Hohe  Verdienste  sind
kein  Sporn  zur  Arbeit;  jeder  Zuwachs  über  das  Existenzminimum ­
  hat  nur  mehr  Biergenuß  und  Rausch  zu  bedeuten.
Nach  A.  Young  sind  die  Kaufleute  von  Manchester  der
Meinung,  daß  die  Tuchmacherei  bei  niedrigen  Getreidepreisen
verfallen  müßte.

1  Th.  Brassey,  On  Work  and  Wages,  1872,  S.  88.  —  S.  v.  Waltershausen, ­
  Hdwb.  d.  St.  Art.  Negerfrage  V,  S.  793.
2  Schulze-Gävernitz,  Der  Großbetrieb,  S.  2  f.
        <pb n="101" />
        138.

oi

Brentano  hat  die  Erklärung  für  diese  pessimistischen
Anschauungen  gegeben.  Sie  stellen  die  Kehrseite  der  Medaille ­
  den  tatsächlichen  Zuständen  gegenüber  dar,  trafen  für
die  Trägheit  und  Bedürfnislosigkeit,  die  physische  und  moralische ­
  Verkommenheit  der  damaligen  Arbeiter  vollkommen
zu.  Für  die  entsprechenden  Verhältnisse  auf  dem  Kontinent
sei  nur  auf  Schmollers  Charakteristik  der  Arbeiter  von  1750
bis  1800  verwiesen x .  Erst  eine  andauernde  Hebung  der
unteren  Klassen  konnte  hier  einen  Umschwung  herbeiführen.
Anfangs  werden  viele  höhere  Löhne  und  kürzere  Arbeitszeiten
mißbrauchen;  einzelne  werden  sie  niemals  zweckmäßig  verwenden. ­
  Auf  die  Dauer  überwiegen  immer  bei  weitem  die
günstigen  Folgen 1  2  * .
Schon  bei  Tucker,  dann  vornehmlich  bei  Adam  Smith
ist  eine  Wendung  der  Ansichten  eingetreten.  Smith  ist  für
hohe  Löhne  und  niedrige  Preise,  da  gutgenährte,  frohlaunige
und  gesunde  Menschen  besser  arbeiten  als  schlecht  ernährte,
mürrische,  kranke 8 .  Ihren  systematischen  Ausbau  und  empirische ­
  Begründung  fanden  diese  Gesichtspunkte  später  bekanntlich ­
  in  den  Schriften  des  Lord  Brassey 4  * .  Die  günstigen
Wirkungen  von  Lohnsteigerungen  treten  erst  in  allmählichen
Etappen  von  Person  zu  Person  ein;  sie  sind  weniger  leicht
kontrollierbar.  Da  sie  den  kürzeren  Arbeitszeiten  voranzugehen ­
  pflegen,  sind  die  Erfolge  dieser  um  so  spürbarer.
Schon  1849  führt  die  Zehnstunden-Bill  zu  einer  erstaunlichen ­
  Vermehrung  der  abendlichen  Fachkurse.  In  Leeds
steigt  ihre  Zahl  um  50,  sie  wächst  in  Manchester  und  Blackburn ­
  ;  in  Bolton  und  Stockford  verdoppelt  sich  die  Besucherzahl ­
  6  * .  Diese  Resultate  sind  um  so  erfreulicher,  als  der  englische ­
  Arbeiter  früher  wegen  seiner  Trunksucht  und  rüpelhaften
Aufführung  berüchtigt  war.  Übrigens  berichtet  schon  Young
gelegentlich  1771,  daß  die  Bergleute  von  Yorkshire  einen
halben  Tag  frei  hatten,  den  sie  im  Wirtshaus  zubrachten,  bis
der  Arbeitgeber  jedem  ein  Stück  Land  gab.  Das  verwandelte
sie  in  häusliche  und  fleißige  Leute 6 .
Gerade  die  durch  lange  Arbeitszeiten  herbeigeführte  Erschöpfung ­
  treibt  dazu,  die  Nerven  durch  scharfe  sinnliche

1  Schmollen,  Grundriß  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre  II,
1904,  S.  267.
-  Vgl.  F.  A.  Lange,  Die  Arbeiterfrage,  3.  Auf!.,  1875,  S.  155.
:1  A  Smith,  Wealth  of  Nations,  Ed.  Routledge,  1893,  S.  63—64.
*  „High  wages  and  short  hours  of  work  may  not  be  found  incompatible
  with  a  diminished  cost  of  production;  and  low  wages  and
long  hours  may  sometimes  prove  less  advantageous  to  the  employer
than  shorter  hours  of  labour  and  a  higher  rate  of  wages  (Brassey,  S.  95).
6  J.  Rae,  S.  136.  —  H.  v.  Nostiz,  Das  Aufsteigen  des  Ärbeiterstandes
  in  England,  1900,  S.  509.
«  J.  Rae,  S.  11.
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        92

138.

Reize,  vor  allem  Alkohol,  anzuregen 1 .  Zahlreiche  Zeugenaussagen ­
  vor  der  „Royal  Commission  on  the  Relations  of
Capital  and  Labour  in  Cannada  1889“  betonen,  daß  der  überanstrengte ­
  Arbeiter  mehr  dazu  neigt,  den  Körper  durch
alkoholische  Getränke  zu  beleben,  als  der  Mann,  der  die  Arbeit
verläßt,  bevor  seine  Kräfte  erschöpft  sind 1  2 .  Die  Erhebungen
der  Royal  Commission  on  Labour  1891  bestätigen,  daß  der
Achtstundentag  den  Temperenzvereinen  neue  Mitglieder  zuführt. ­
  Viele  Arbeitgeber,  besonders  aus  dem  Textilgewerbe
und  Bergwerk  berichten,  daß  die  freie  Zeit  gut  ausgenützt
wird.  An  den  Hochöfen  von  Westcumberland  erhöht  z,  B.
die  Verkürzung  der  Arbeitszeit  die  Mitglieder  des  Temperenzlervereins ­
  um  50  °/o.  Lesebibliotheken  werden  begründet 3 .
Fromont  stellt  fest,  daß  mit  dem  "Eintritt  des  Achtstundentages ­
  der  Alkoholgenuß  innerhalb  und  außerhalb  der  Fabrik
verschwindet.  „Ses  habitudes  repröhensibles  ont  fait  place  ä
la  sobriötö,  ä  l’ord2’e,  a  la  bonne  tenue  et  ä  la  proprete.
L’esprit  de  nos  ouvriers  s’est  notablement  modifid.“  Die  mit
dem  Achtstundentag  1892  begründete  Fabriksparkasse  hat  bis
1904  eine  steigende  Zahl  von  Teilnehmern  und  Beträgen  pro
Kopf  zu  verzeichnen 4 .  —  Trotz  hoher  Löhne  und  kurzer
Arbeitszeiten  sinkt  der  Alkoholismus  beständig  in  Australien.
Dies  geht  aus  dem  Verbrauch  an  Getränken,  wie  aus  der
Statistik  der  Schankläden  und  der  Verhaftungen  wegen  Trunkenheit ­
  hervor.  Dagegen  steigt  der  Bücherkonsum,  während  die
Zahl  der  Polizisten  pro  Kopf  abnimmt 5 .  Nach  der  Reduktion
der  Arbeitszeit  in  den  australischen  Baugewerben  wurde
erwartet,  daß  der  Achtstundentag  den  Trinkhäusern  von
Sidney  zugute  kommen  würde.  Dies  trat  nicht  ein.  „Dagegen
hatte  die  Kunstschule,  in  welcher  mechanisches  und  Freihandzeichnen, ­
  Modellieren,  Malen  u.  dergl.  gelehrt  wurde,  die  Zahl
ihrer  Zimmer  zu  verdoppeln;  die  Arbeiten  wurden  von  da  an
kunstvoller  und  intelligenter  ausgeführt 6 .“
K.  Oldenberg  macht  gelegentlich  der  Arbeitszeitverkürzung
im  Bäckereigewerbe  auf  die  schlechten  Erfahrungen  der  Sonntagsruhe ­
  und  die  Gewohnheit  des  blauen  Montags  aufmerksam.
Er  nennt  die  Fiktion,  daß  sich  die  jungen  Arbeiter  in  ihren
Mußestunden  Kunstgenüssen  oder  der  Fortbildung  widmen,
1  Vgl.  A.  Kolb,  Als  Arbeiter  in  Amerika,  1904,  S.  75.  —  H.  v.
Nostiz,  S.  508.
2  S.  Webb  and  H.  Cox,  The  Eight-Hours-Day,  S.  148.
3  Royal  Comm.  on  Labour,  1891,  Group  A,  vol.  II,  p.  258.  —
H.  v.  Nostiz,  S.  509.
4  Fromont,  Une  Experience  Industrielle,  S.  82,  85,  86.
6  St.  Bauer,  Arbeiterfragen  und  Lohnpolitik  in  Australasien,  Jahrb.
f.  Nat-Ök.  u.  Stat.,  1891,  S.  668.  —  J.  Rae,  S.  304—308.
6  Auszug  aus  einem  amtlichen  Bericht  im  „Volksstaat“,  Jahrg.
1873,  Nr.  31.  Zitat  nach  H.  Frankel,  Die  tägliche  Arbeitszeit  in  Industrie ­
  und  Landwirtschaft,  1882,  S.  72.
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        138.

93

eine  „grausame  Ironie“.  Oldenbergs  Urteil  wird  in  keiner
Weise  den  höheren  Schichten  der  gelernten  Arbeiter  gerecht,
wenn  es  für  einzelne  Fälle  und  gewisse  Gewerbe  auch  zutreffen ­
  mag.  Übrigens  kommt  es  nicht  gerade  auf  „Kunstgenuß“, ­
  sondern  auf  eine  vernünftige  Ausspannung  und  Erholung ­
  der  Kräfte  an.
Ein  Sachkenner  wie  Stieda  tritt  dafür  ein,  daß  der  deutsche ­
  Arbeiter  bei  weiterer  Kürzung  der  Arbeitszeit  seine  freie
Zeit  gut  ausnutzen  -wird  h  Gerade  die  instinktive  Sehnsucht
nach  höherer  Kultur  liegt  zu  einem  guten  Teil  der  großen
Bewegung,  die  auf  Minderung  der  Arbeitszeit  gerichtet  ist,
zugrunde 2 .  —  Tille  vergleicht  die  Ergebnisse  der  großen
Industrieenquete  von  1878,  die  Textil-  und  Eisenindustrie
umfaßte,  mit  den  heutigen  Zuständen  in  bezug  auf  die
Leistungsfähigkeit  der  Arbeiter 3 .  Die  Fortschritte  sind  überwältigend, ­
  während  zugleich  die  Dauer  des  Arbeitstages  seit
1878  ganz  bedeutend  gesunken  ist.
Als  der  Fabrikant  Freese  den  Achtstundentag  einführte,
haben  die  Frauen  der  Arbeiter  Angst  vor  dem  Kneipengehen
der  Männer.  Dies  hat  sich  nicht  bestätigt.  Die  Leute  füllen
ihre  freie  Zeit  mit  Spazierengehen,  Arbeit  in  Laubenkolonien
u.  dergl.  aus.  Die  Leserzahl  der  Bibliothek  ist  gestiegen  4 .  Die
Gewerbeinspektoren  berichten,  daß  von  mißbräuchlicher  Benutzung ­
  der  vermehrten  freien  Zeit  nichts  zu  bemerken  ist,  daß
sich  die  Leute  der  Familie,  dem  Ackerbau  oder  Haus-  und
Gartenarbeiten  widmen 5 .  Auch  das  Blaumachen  hört  mehr  und
mehr  auf,  besonders  nach  Kürzung  des  Arbeitstages s .  Ebenso
trifft  die  Behauptung,  daß  die  Arbeitsleistung  an  den  Montagen
um  20—25  °lo  sinkt,  vielfach  nicht  mehr  zu.  Wo  dies  dennoch ­
  der  Fall  ist,  wird,  wie  früher  angedeutet  wurde,  noch
lange  nichts  für  alle  Arbeiter  bewiesen  (siehe  S.  75  dieser
Arbeit).
Übrigens  spielt  auch  das  Wohnungsproblem  in  die  in
Frage  stehenden  Verhältnisse  herein.  Ein  Mann,  dessen
Wohnstätte  alles  andere  als  ein  „freundliches  Heim“  bedeutet,
ist  der  Versuchung  des  Wirtshauses  weit  mehr  ausgesetzt
als  der,  auf  dessen  Behausung  ein  Schimmer  von  Daseinsfreude
1  Stieda,  Hdwb.  d.  St,  V,  Art.  Normalarbeitstag,  S.  989.
2  V.  Böhmert,  Die  zweckmäßige  Verwendung  der  Sonntags-  und
freien  Zeit.  Schriften  der  Zentralstelle  für  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen, ­
  Nr.  2,  S.  23.  —  ßrassey,  Work  and  Wages,  S.  148.  —  H.  v.
Nostiz,  S.  505  -506.
3  A.  Tille,  Verhandl.,  Mitt.,  Ber.  d.  Zentralverb,  deutsch.  Industr.
Nr.  101,  S.  56.
4  H.  Freese,  Fabrikantensorgen,  1896,  S.  20—21.
8  Ber.  d.  Kgl.  Preuß.  Reg.-  u.  Gew.-Räte  für  1902,  S.  196;  1904,
S.  307;  1905,  S.  361;  1907,  S.  95.  —  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeiterinnen, ­
  S.  llö—116,  318.
0  Jahresber.  für  1904,  S.  72.  —  Diese  erfreuliche  Tatsache  wurde
dem  Verfasser  durch  persönliche  Auskünfte  bestätigt.

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138.

und  Gemütlichkeit  ruht.  Obgleich  sich  allmählich  eine  Besserung ­
  anbahnt,  lassen  die  deutschen  Zustände  bekanntlich  noch
viel  zu  wünschen  übrig  h  In  moralischer  wie  hygienischer
Hinsicht  werden  bessere  Wohnungsverhältnisse  die  Ausnutzung
der  Ruhezeit  künftig  ergiebiger  gestalten  und  die  segensreichen
Folgen  kürzerer  Arbeitszeiten  weiter  verstärken.
Die  Verbesserung  der  »Arbeitsbedingungen  ist  unter
ethischen,  ökonomischen  und  sozialen  Gesichtspunkten  gleich
bedeutsam.  Sittlicher  und  wirtschaftlicher  Fortschritt  stehen
in  Wechselbeziehung;  sie  sind  als  zwei  Seiten  des  gleichen
Kulturprozesses  einander  unentbehrlich.  —  Die  englische  Entwicklung ­
  bleibt  das  lehrreichste  und  anziehendste  Beispiel
einer  solchen  Hebung  der  arbeitenden  Klassen.  In  ihrem
neuesten  Stadium  scheinen  gewisse  dunkle  Punkte  aufzutauchen, ­
  deren  Bedeutung  und  Tragweite  zurzeit  wohl  niemand
richtig  abzuschätzen  vermag.  Derartige  historische  Prozesse
verlaufen  wohl  selten  ohne  Gegentendenzen,  Schwankungen,
Haltepunkte,  gelegentliche  Rückschläge.  Sie  gleichen  mehr
der  Spirale  als  der  geraden  Linie.  Im  Geistigen  ist  es  eben,
wie  Lessing  einmal  schön  sagt,  nicht  wahr,  daß  die  kürzeste
Linie  immer  die  gerade  ist.
So  stellen  die  zurzeit  in  England  auftretenden  Symptome
aller  Wahrscheinlichkeit  nach  mehr  vorübergehende,  unvermeidliche ­
  Störungen  als  Zeichen  der  Zersetzung  und  des  Verfalls ­
  dar.  Ob  und  wie  weit  die  Vorwürfe  der  go-easy-Politik,
des  Müßiggangs,  der  Pflichtvergessenheit  und  Bequemlichkeit,
der  Verschwendung  und  physischen  Degeneration  wirklich  berechtigt ­
  sind,  kann  erst  die  Zukunft  lehren 1  2 .  In  dem  Leben
der  Völker  —  eindringlich  haben  das  wieder  die  Japaner  gezeigt ­
  —  garantieren  letzten  Endes  allein  die  ethischen  Qualitäten
den  Fortschritt.  Eine  Nation,  die  dieser  Fähigkeiten  ermangelt,
ist  dem  Niedergang  geweiht,  ob  die  Arbeitstage  nun  etwas  länger
oder  kürzer,  die  Arbeitsbedingungen  etwas  mehr  oder  weniger
gut  sind.
1  Fachs,  Art.  Wohnungsfrage,  Hdwb.  d.  St.  VII.  —  A.  Shadwell,
England,  Deutschland  und  Amerika,  S.  412  f.,  421—422.  —  Philippovich,
Volkswirtsehaftspolitik  II,  S.  337.  —  Herkner,  Die  Arbeiterfrage,  1905,
S.  629  f.
2  A.  Shadwell,  S.  600.  —  Schulze-Gävernitz,  Britischer  Imperialismus ­
  und  englischer  Freihandel  zu  Beginn  des  20.  Jahrhunderts,  1906,
S.  361,  390.
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,ch  einen  neuen  Inhalt  gewinnt,  daß  sie  trotz  zunehmender
matisierung  der  Maschine  erhöhte  Ansprüche  an  die
iduellen  Fähigkeiten  stellt.  In  der  Technik  älteren  Stils
»personale  und  maschinelle  Tätigkeit  ineinander  verwoben.
Entwicklung  schreitet  zu  einer  schärferen  Differenzierung
Funktionen.  Die  Maschine  übernimmt  mehr  und  mehr
lechanische  Formgebung,  die  gesamte  physische  Seite  des
-  iktionsprozesses  •,  der  Arbeiter  investiert  immer  weniger
aliche  Energie  an  dem  Produkt  selbst.  Auf  der  einen
:  durchdringt  die  Emanzipation  von  der  manuellen  Tätigdie
  Technik,  auf  der  anderen  tritt  die  geistige  Leitung
Iberwachung  von  seiten  des  Menschen  um  so  bedeutsamer
n  Vordergrund.  Seine  geistige  Direktive  der  Arbeit,
verantwortliche  und  bestimmende  Tätigkeit,  die  technische
n  im  Sinne  Emanuel  Herrmanns  bleibt  und  nimmt  zu.
F  ist  aber  nicht  berechtigt  zu  glauben,  daß  etwa  mit
ender  technischer  Kultur  die  technische  Aktion  an  Boden
re.  Im  Gegenteil  .  .  .“  1  Auch  Bourdeau,  Liesse,  Kraft,
^häuser,  Marshall,  Wendt  und  andere  betonen  die  all-:
  ne  Tendenz  steigender  geistiger  Anforderungen  an  den
ter  bei  zunehmender  Automatisierung  der  Maschine 2 ,
mmer  mehr  muß  sich  der  Maschinenführer  dem  Arbeitsment ­
  anschmiegen,  um  es  dann  zu  meistern.  Dies  Vers
  von  Unterordnen  und  Herrschen  wiederholt  gewisseri
  die  Gesamthaltung  der  Technik  gegenüber  der  Natur.
“&amp;gt;ie  teuren  kunstvollen  Gebilde  des  modernen  Maschinenbedürfen
  aufmerksamer,  ja  liebevoller  Wartung,  die  nur
jente  und  gebildete  Leute  während  einer  nicht  zu  langen
leisten  können.  „Je  großartiger  die  Technik  sich  entt,“
  so  sagt  ein  Kenner  der  Gewerbehygiene,  „je  komter
  die  Maschinen  werden,  je  rascher  der  Gang  der-,
  um  so  größer  werden  die  an  den  Arbeiter  zu  stellenden
-„lerungen,  und  um  so  mehr  wird  die  Verkürzung  der
j;  szeit  zu  einer  physiologischen  Notwendigkeit 8 “.  —  Zusollen ­
  einige  Beispiele  diese  gesteigerten  Anforderungen
eibarer  charakterisieren.
ä ;;  E.  Herrmann,  Technische  Fragen  und  Probleme  der  modernen
irtschaft,  1891,  S.  64.
L.  Bourdeau,  Les  Forces  de  l’Industrie,  1884,  S.  241,  248—249.
^Liesse,  Le  Travail  aux  points  de  vue  seientifique,  industriel  et
1899,  S.  102—144,  besonders  S.  109—111.  —  M.  Kraft,  Das  System
hnischen  Arbeit,  1902,  S.  119  f.  —  W.  v.  Öchelhäuser,  Technische
einst  und  jetzt,  1906,  S.  24.  —  Marshall,  Handbuch  der  Volksaftslehre, ­
  ßd.  1,  1905,  8.  288  f.  —  Vgl.  ferner  K.  Diehl,  Die
ditische  Bedeutung  des  technischen  Fortschritts,  Jahrb.  f.  Nat.-Stat.,
  1908,  S.  174—175,  und  Die  Arbeitszeit  der  Fabrikarbeitert
  S.  142.
E.  Roth,  Gewerbehygiene  (Handbuch  d.  Hygiene,  herausgeg.  v.
:-^Bd.  8),  S.  27.  —  Derselbe,  Ermüdung  durch  Berufsarbeit,  Ärztj.
  ichverständigen  Zeitung,  1907,  S.  390.
hungen  138.  —  Bernhard.  6

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