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        <title>Die deutschen Getreidezölle</title>
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            <forname>Georg</forname>
            <surname>Hohmann</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>883961350</idno>
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        <pb n="1" />
        ﻿Volkswirtschaftliche Zeitfragen

Vorträge und Abhandlungen

herausgegeben von

der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Berlin

QÖb Jahrgang 33.	Nr. 261/62	Heft 5/6 UÜQ

□

Die

deutschen Getreidezölle

Von

Dr. Georg Hohmann.

BERLIN

VERLAG VON LEONHARD S1MION NF.
1911

Jährlich erscheinen 8 Hefte zum Abonnementspreise von 6 Mark.

_i i'n-rAlrkfAic für IoHpc Hpff 1 Mark TVmn^llipff 9 Mark !-!
        <pb n="2" />
        ﻿Verlag von Leonhard Simion Nf., Berlin SW., Wilhelmstrafse 121-

Volkswirtschaftliche Zeitfragen.

Vorträge und Abhandlungen

herausgegeben von

der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Berlin,

1.	Das Schreiben des Reichskanzlers an den Bundesrat
vom 15. December 1878 betreffend die Revision des
Zolltarifs. Von Dr. Ludwig Bamberger.

2.	Der Staat und die Volkswirtschaft. YonDr.KBr aun.

3.	Aus der Geschichte der englischen Kornzölle. Von
Dr. H. B. Oppenheim.

4.	Der Schutz in der Weltwirtschaft. Von Prof. Dr. E.
X. v. Neumann-Spallart.

5.	Zur Entwickelungsgeschichte der heutigen reactionären
Wirtschaftspolitik. Von Dr. Th. Barth.

6.	Die Bettelplage. Von A. Lammers.

7.	Gegen d»e Verstaatlichung der Preufsischen Privat-
bahnen. Von Dr. Marcus.

8.	Der Volkswirtschaftliche Senat. Von Dr. Max
Weigert.

9.	Die handelspolitische Stellung der Deutschen See-
städte. Von Dr. Th. Barth.

10.	Die Entlastung der Kulturarbeit durch den Dienst der
physikalischen Kräfte. Von M. M.v. Weber.

11.	Die Reichstagsverhandlungen über Münzreform und
Bankwesen. (24. u. 25. Februar 1880.) Herausge-
geben und eingeleitet ypn Dr. Ludwig Bam-
berger.

12.	/13. Lieber Colonisation. Von F. 0. Philippson.

14.	Die Amerikanische Weizenproduktion. Von Fr.

Kapp.

15.	Das Faustpfandrecht und die Hypotheken-Banken. Von

Julius Basch.

16.	Staats-Armenpflege. Von A. Lammers.

17.	/18. Der Steuerreformplan in seiner neuesten Form.

Von E. Fitger.

19. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Vereinigten
Staaten von Amerika in ihrer Rückwirkung auf die-
jenigen Europas. Von A. v. Totis.

20/21. Die Männer des Zollvereins. Von Dr. K. Braun.

22.	Deutschlands Getreideproduktion, Brodbedarf und
Brodbeschaffung. Von Oh. Lorenz.

23.	Sparen und Versichern. Von A. Lammers.

24.	Das Rechnungsbuch der Hausfrau und dessen Bedeu-
tung im Wirtschaftsleben der Nation. Von Dr.Ernst
Engel.

41/42. Gegen den Staatssocialismus. Drei Abhandlung#?
von Ludwig Bamberger/Th. Barth,
Broemel.

43/44. Die bäuerlichen Zustände in Deutschland. VoXl
N. M. Witt.

45.	Der Modeteufel. Vortrag von Julius Lessi*1»'

46.	Die Capitalrentensteuer. Von Max Broemel*
47/48. Ueber Lebensmittelversorgung von Grolsstädten*

Von E. Eberti.

49. Friedrich Kapp. Gedächtnisrede von Georg v0p
B unsen.

50/51. Was Ist ein altes Kunstwerk werth? Von Dr-
Lessing.

52. Oeffentliche Kinder-Fürsorge. Von A. Lamm®1^
63. Die Krisis des Zwischenhandels. Von Dr.
Weigert.

54. Der Normal-Arbeitstag. Von Karl Banmbac •

55/56- Die Seehäfen Englands und ihre Ausrüstung

mit

Rücksicht auf die Hafenbauten beim Zollanscld^5
Hamburgs und Bremens. Von E. Fitger.

57.	Das Branntwein-Monopol. Von Dr. Wolfg. Eraf

58.	Die Kolonisations-Bestrebungen der modernen europä*'
sehen Völker und Staaten. Von Dr. Karl Brau

59.	Die socialistische Gefahr. Von L. Bamberg6*;'

60.	Die Seehäfen im heutigen Weltverkehr. Von D*.

Marcus.

61/62. Der wirtschaftliche Wert des Geschmacks.

Alexander Dorn.

63/64. Ueber Welthandelsstrassen des Abendlandes.

Dr. J. Jastrow.

65.	Armenrecht und Armenwesen. Von A dolf L ass01'

66.	Die Organisation des Binnenschifffahrts-Betriebe8'

Von Dr. W. Eras.

67.	Handarbeit. Von Dr. J. Lessing.

68.	Amerikanisches Wirthschaftsleben. Von Dr. *

Barth.	^

69.	Zünftlertum. Ein Gutachten des Freiherrn v°\
Patow. Von Karl Baumbach, Mitglied a
Reichstags.

70.	Erhöhung der Kraft in Menschen und Völkern.

A. Lammers.

25.	Zur Reform des Actlengesellschaflsrechts. Von Dr.

F. Hecht.

26.	Das Irische Landgesetz vom Jahre 1881. Von Dr.
Eduard Wiss.

27.	Wandlungen im Welthandel. Von Dr. Th. Barth.

28.	Ziele und Bahnen der deutschen Armenpflege. Von
A Lammers.

29.	Unsere Binnenschifffahrt. Von Dr. A, v. Stud-
nitz.

30.	Branntwein-u. Kaffeeschenken. Von A. Lammers.

31.	Die Buchdruckerkunst und der Kulturfortschritt der
Menschheit. Von Dr. Karl von Scherzen

32.	Die praktischen Versuche zur Lösung der socialen
Probleme. Von Dr. jur. Victor Böhmert.

33.	Der Colportaqebuchhandel und die Gewerbenovelle.
Von Dr. K. Baumbach.

34/35. Der Währungsstreit 1879-1883. VonDr.Wolf-
i gang Eras.

36. Die Vagabundenfrage. Von Karl Braun.

37/38. Der Werth des Menschen. Von Dr. E. Engel.
I.'D’er Köstenweft des Menschen.

39.	Bemerkungen zu dem Entwurf eines Gesetzes betr.
Commandifgesellschaften auf Actien und Actiengesell-
schaften. Von Adelb. Delbrück.

40.	Armen-Beschäftigung. Von A. Lamm ers...--------------

71/72. Volkswirtschaft und Unterricht. V. Dr. E. He1*
mann.

73.	Scheinbare und wirkliche Socialreform. Von V
Th. Barth.

74.	Ueber Altersversicherung der Arbeiter. Von Pr-

Meyer.

75/76. Staatsbürgertum oder eine neue ständische
Seilschaft in Deutschland. Von E. P. Seemal

77/78. Deutschlands Waarenhandel mit dem Auslande
den Jahren 1872—1887 nach den Ergebnissen
deutschen Reichsstatistik. Von Prof. M. Di
mann.	. . „

79.	Die Präsidentenwahl und die Zollpolitik der VereiniQ
Staaten von Amerika. Von Dr. Th. Barth.

80.	Die Familie vom Standpunkte der Gesammtwirthscha
Von Dr. Emanuel Herrmann.

81.	Frauenarbeit und Frauenschutz. Von K.

- hach.

82/83. Unserer Väter Werke. Von Jul. Lessing*

84. Zur Beurteilung des Verbrauchs und der pr-
Abgaben bei verschiedenem Einkommen, »on
Karl.	E.?

85/86. Der Kreuzzug wider den Terminhandel, von
87/88. Das Interesse des Kaufmannsstandes an dem

fiprlirhon flpcofrhiirb Vnn T _T q a +.t*o»——
        <pb n="3" />
        ﻿Die deutschen Getreidezolle

Von

Dr. Georg Hohmann.

BERLIN SW 48

Verlag Ton Leonhard Simion Nf.

1911.
        <pb n="4" />
        ﻿
        <pb n="5" />
        ﻿Inhalt

Seite

Vorwort .............................................................. 6

Vom Freihandel zum Schutzzoll.........................................  9

Die Bismarokschen Getreidezölle....................................... 11

Die Zeit Caprivis .................................................... 16

Der Zolltarif von 1902 ............................................... 18

Wer trägt den Zoll?..................................................  21

Wem nützen die hohen Preise?..........................................23

Die Getreidezölle und die Reiohsfinanzen..............................32

Die Belastung der Konsumenten.........................................35

•Soziale Wirkungen....................................................38

Zölle und Wehrkraft...................................................39

Zölle und Löhne....................................................... 41

Kann die deutsche Landwirtschaft das deutsche Volk allein ernähren? 42

Die Not der Landwirtschaft ...........................................48

Anhang 2 Tabellen . . . ..............................................58
        <pb n="6" />
        ﻿Vorwort.

ln die kommende Reichstagsperiode fällt die Neuregelung der
deutschen Zoll- und Handelspolitik. Die nachteiligen Wirkungen
der besteh enden fühlt heute j eder, der nicht am Getreide verkauf als
Großgrundbesitzer oder nicht an der Schwerenindustrie interessiert
ist, an seinem Geldbeutel. Er fühlt sie um so mehr, je weniger er
imstande ist, sich durch eine der eingetretenen Teuerung ent-
sprechende Steigerung seiner Einnahmen schadlos zu halten
für das, was ihm und den Seinen an Lebensgenuß genommen
oder vorenthalten wird. Vor allem also der mit festem Gehalt
Angestellte, der Beamte und der Lohnarbeiter jedweden Er-
werbszweiges. Selbst der Bauer, dessen angebliche Interessen
zur Begründung der agrarischen Forderungen herhalten mußten,
fühlt angesichts der Verteuerung, welche die Futtermittel
und damit seinen Haupterwerbszweig, die Viehzucht, getroffen
hat, die Unwahrheit der Argumente, mittels deren man ihn
als Vorspann für das Interesse des Großgrundbesitzes benutzt
hat. Angesichts dieses allgemeinen Unbehagens wird es denn
auch dem Bunde der Landwirte unbehaglich, und bereits
rüstet er, um mit dem abgebrauchten Schlagwort des „Schutzes
der nationalen Arbeit“ aufs neue diejenigen zu betören, die
ihm das Fortbestehen der geltenden Zölle und vielleicht sogar
ihre weitere Erhöhung sichern sollen.

Nun soll nicht bestritten werden, daß die zurzeit bestehende
Teuerung sich nicht bloß in Deutschland findet, sondern eine
allgemeine ist, und, soweit dies der Fall ist, nicht in Zollver-
        <pb n="7" />
        ﻿6

hältnissen, sondern in veränderten Geld- und Kreditverhält-
nissen ihre Ursache hat. Aber eben, weil schon ohne die Zölle
eine allgemeine Steigerung der Preise stattgefunden hat,
wirkt die weitere Steigerung derselben um den vollen Betrag
der Zölle über den Weltmarktpreis um so drückender für die
deutsche Bevölkerung. Eine Umkehr von dieser Hochschutz-
zollpolitik ist deshalb nötig. Wenn ich von Umkehr rede,
denke ich aber selbstverständlich nicht an eine plötzliche Be-
seitigung der bestehenden Zölle. Denn das eben ist das Ver-
hängnis der Zölle, daß sie künstliche Wertsteigerungen hervor-
rufen. Beseitigt man nun die Zölle, die Ursache dieser Wert-
steigerungen, plötzlich wieder, so kommt es zu großen Ent-
wertungen bestehender Vermögen. Die dann unausbleiblichen
Katastrophen müssen selbstverständlich verhindert werden.

Anderseits aber führen die Agrarzölle zu Wertsteige-
rungen, die mit Notwendigkeit zu der Forderung weiterer
Zollerhöhung veranlassen. Bestreitet doch selbst der wissen-
schaftliche Berater des Bundes der Landwirte Dr. Ruhland
auch heute nicht, daß Getreidezölle die Mittel zur Behebung
einer Not der Landwirte, wo von einer solchen gesprochen
werden kann, nicht sein können, daß sie nichts sind als eine
Schraube ohne Ende und daher auf die Dauer unvereinbar
mit dem Volkswohl.

Eben deshalb wird in der folgenden Schrift auch nicht
die plötzliche Beseitigung, sondern nur eine allmähliche Herab-
setzung der Getreidezölle gefordert, um der Landwirtschaft
Gelegenheit und Zeit zur Anpassung an die veränderten Ver-
hältnisse zu geben. Aber trotzdem die Wirkungen der Zölle
sich heute einem Jeden empfindlich bemerkbar machen, gibt
es noch viele, die sich völlig unklar sind über die Ursachen
des Übelstandes, unter dem sie leiden. Daher stehen selbst
noch viele Gebildete den Zollfragen gleichgültig gegenüber
oder, in Unklarheit versetzt durch die gewissenlose Propa-
        <pb n="8" />
        ﻿— 7 —

KW*-



ganda der Interessenten, unterstützen sie sogar die bestehende
Zollpolitik aus einer an sich lobenswerten Gesinnung heraus.

Ihnen besonders sei das vorhegende Schriftchen gewidmet.
Es ist geschrieben auf Grund der wissenschaftlichen Arbeiten
von Lu j o Brentano: Die deutschen Ge-
treidezölle (2. Auflage 1911), Bruno Heinrich
Roncador: Wesen und Wirkung der Agrar-
zölle (1911) und W a 11 e r Rothkegel; Die Kauf-
preise für ländliche Besitzungen im König-
reiche Preußen 189 5—1 9 0 6 (1910) und einer An-
zahl anderer Autoren.

Möge es eine weite Verbreitung finden und seine Leser
veranlassen, den darin angeregten Fragen tiefer nachzugehen
und sich ein wohlbegründetes Urteil zu bilden.

Dr. Georg Hohmann (München).

Oktober 1911.
        <pb n="9" />
        ﻿Vom Freihandel zum Schutzzoll.

Das 19. Jahrhundert sah die Umwandlung Deutschlands
von einem überwiegenden Agrarland zum überwiegenden
Industriestaat. 1816 waren noch % der Bevölkerung des
heutigen deutschen Reichsgebietes in der Landwirtschaft
beschäftigt, 18,6 Millionen von 24,8 Millionen Bevölkerung.
Im Jahre 1907 lebten wenig mehr als ein Viertel, nämlich
16,9 Millionen von der Landwirtschaft, bei einer Gesamt-
bevölkerung von 61,7 Millionen. Obwohl im Laufe des 19. Jahr-
hunderts sowohl die bebaute Ackerfläche als auch der Ernte-
ertrag pro Hektar außerordentlich wuchs, genügte die Ge-
treideproduktion immer weniger der steigenden Nachfrage.
Das ehemalige Getreideexportland wurde immer mehr zum
Importland; schon seit 1852 betrug seine Roggeneinfuhr mehr
als die Ausfuhr; seit 1876 überstieg auch die Weizeneinfuhr
die Weizenausfuhr.

Dieser Umschwung veränderte auch die handelspoli-
tische Stellung der deutschen Landwirte vollständig. Solange
sie exportierten, bis 1876, waren sie Freihändler, Bismarck
ebenso, wie die heutigen Führer der süddeutschen Agrarier.

In den 50er Jahren erklärte die „Kreuzzeitung“ die Handels-
freiheit sogar als eine Konsequenz der christlichen Religion
and im Plane der göttlichen Weltordnung begründet, während
der Schutzzoll ein menschliches Machwerk sei, ein Götzen-
bild, welches die Menge bezahle und die Priester dann unter
sich verteilten; Hungerseuchen, Zunahme der Verbrechen,
Staatsbankerotte erzählten, was dieser Götze leiste. Im Laufe
        <pb n="10" />
        ﻿10

der Zeit legte man sich allerdings die göttliche Weltordnung,
den inzwischen veränderten Interessen entsprechend, um-
gekehrt zurecht. —

Der Zollverein hatte nur sehr niedrige Getreidezölle
erhoben, die er 1865 sogar ganz fallen ließ. Den Anfang
der Rückkehr zum Schutzzoll machte die Industrie, die
nach dem Krach von 1873 laut nach Zöllen rief, um die
Preise auf dem heimischen Markte zu erhöhen. Noch waren
die Landwirte Gegner der Schutzzölle. Da trat Amerika als
ernsthafter Konkurrent in Getreide auf dem Weltmärkte
auf, nachdem infolge der amerikanischen Industriekrisis die
arbeitslosen Industriearbeiter massenhaft nach dem Westen
gezogen waren, um jungfräuliches Land in Anbau zu nehmen,
unterstützt durch eine großzügige Yerkehrspolitik, billige
Frachten usw. Das gleiche geschah in Rußland und Indien,
die ebenfalls mit Getreide auf dem Weltmärkte erschienen.
Die Folge der jetzt eintretenden Einfuhr nach Europa war
ein Sinken des Getreidepreises auf den europäischen Märkten;
die deutsche Getreideausfuhr hörte auf; es fand sogar eine
steigende Getreideeinfuhr nach Deutschland statt. Viele
Landwirte wurden bankerott, nämlich alle, welche nach dem
deutsch-französischen Kriege zu teuer gekauft hatten und
jetzt die hohen Zinsbeträge bei den sinkenden Preisen nicht
mehr aufbringen konnten. Jetzt wurden die deutschen Land-
wirte aus Freihändlern plötzlich Schutzzöllner, um sich den
heimischen Markt zu sichern. Bismarck, der damals eine neue
parlamentarische Mehrheit suchte, kam ihren Wünschen aus po-
litischen Erwägungen entgegen. Auf Grundlage des Schutzzolles
kam ein Bund zwischen Industriellen und Agrariern zustande;
die einen bewilligten den anderen die von ihnen begehrten
Zölle, damit diese ihnen ihre Zölle bewilligten, und auch zwischen
diesen kartellierten Interessenten und der Regierung fand ein
Bündnis auf gleicher Grundlage statt. Der Reichskanzler konnte
        <pb n="11" />
        ﻿11

verlangen, was er wollte, die Reichstagsmehrheit bewilligte es um
der wirtschaftlichen Vorteile willen, die ihr dafür zuteil wurden.

Die Bismarcksch§n Getreidezölle.

Der Zolltarif von 1879 brachte mäßige Getreidezölle,
eine Mark pro 100 kg Weizen und Roggen. Angesichts des
Weiteren Sinkens der Frachtkosten im Ausland nützte dieser
Zoll nichts — die Preise sanken.

Obwohl Bismarck einige Jahre zuvor zur Beschwichtigung
von Bedenken gesagt hatte, daß „auch der verrückteste
Agrarier nie an einen Getreidezoll von 3 Mark denken werde“,
Wurden 1885 bereits die Zollsätze verdreifacht. Allein immer
neue Getreideländer des Auslandes wurden erschlossen, aus-
gezeichnete Ernten fanden im In- und Auslände statt, und
unaufhaltsam sanken die Frachtkosten im Seeverkehr. Die
Getreidepreise gingen weiter herunter. Im Jahre 1887 kam
eine neue Erhöhung der Zölle auf 5 Mk.

Nun erfolgte ein Rückschlag. Die Getreideausfuhrländer,
di® Vereinigten Staaten, Rußland und Österreich-Ungarn
griffen zu Gegenmaßregeln.

Die Zölle vermochten die Einfuhr von Getreide nicht
auf zuhalten. Denn mit der zunehmenden Industrieentwicklung
Deutschlands ging ein in der deutschen Geschichte unerhörtes
Anwachsen der Bevölkerung einher, eine Vermehrung von
1 % im Jahre, 1900 sogar 1,5 %, 1905 1,46 %, 1910 1,36 %.
Hunderttausende, die sonst auswanderten, fanden in der In-
dustrie Beschäftigung und blieben dem Lande erhalten. Wäh-
rend 1816 die Bevölkerung 24,8 Millionen betrug, wuchs sie
auf 56 Millionen im Jahre 1900 und auf 64,7 Millionen im
Jahre 1910.

Die Industrieentwicklung veränderte und steigerte auch
außerordentlich die Bedürfnisse des Menschen.
        <pb n="12" />
        ﻿12

Die äußeren Lebensbedingungen, unter denen der Feld-
arbeiter lebt und arbeitet, sind grundverschieden von denen
des städtischen Fabrikarbeiters, der im engen Raume intensiv
an der Maschine schafft. Deshalb veränderte sich vor allem
auch die Zusammensetzung der täglichen Nahrung der Be-
völkerung ganz erheblich.

Einmal verzehrte die städtische Bevölkerung mehr und
mehr anstatt Roggenbrot das schmackhaftere Weizenbrot,
und ferner stieg der Fleischverbrauch des Volkes ganz bedeutend.
Während z. B. in überwiegend landwirtschaftlichen Gegenden,
wie Niederbayern, 1907 auf den Kopf der Bevölkerung 37,64 kg
Fleisch kamen, zeigte Mittelfranken mit überwiegender In-
dustriebevölkerung 57,58 kg Fleischverbrauch pro Kopf.

Der wirtschaftliche Charakter der deutschen Bevölke-
rung hatte sich eben völlig verändert:

1816 bei 24,8 Millionen Bevölkerung 18,6 Millionen Land-
wirtschaft,

1882: 18 704 038 Menschen, die von der Landwirtschaft
lebten, gegenüber 26 518 095 Nichtlandwirten,

1895 waren es nur noch 17 815 187 Landwirte und

1907: 16 920 671 Landwirte inmitten der anderen Erwerbs-
klassen des Volkes.

Aus den 6,2 Millionen Nicht landwirten des Jahres
1816 waren 1895 33,9 Millionen und 1907 44,8 Millionen ge-
worden.

Diese Änderungen in der Zahl und dem wirtschaftlichen
Charakter der Bevölkerung erklären es zur Genüge, weshalb
die Einfuhr von Getreide auch durch die 5 Mark-Zölle nicht
gehindert werden konnte. Das wachsende Volk brauchte
Brot und Futtermittel und die heimische Landwirtschaft
konnte ihren Bedarf nicht mehr allein decken. Infolge der
Ausdehnung der Städte, der Bahn- und Straßenbauten, in-
folge von Aufforstungen, Ausdehnung von Gemeinde- und
        <pb n="13" />
        ﻿13

Staatswaldungen und Ansiedlung gewerblicher Unternehmungen,
yor allem aber infolge des Wachstums der Bevölkerung nahm
die landwirtschaftlich benutzte Fläche pro Kopf immer mehr
ab. Nach der Anbaustatistik kamen auf den Kopf der Be-
völkerung von der landwirtschaftlich benutzten Fläche im
Jahre 1878 noch 0,83 ha, 1883 0,77 ha, 1893 0,69 ha, 1900
0,62 ha und nach den genaueren Berechnungen der Betriebs-
Zahlungen fielen im Jahre 1895 0,62 ha und 1907 nur 0,51 ha,
im Jahre 1910 gar nur 0,49 ha auf den Kopf der Bevölkerung.

Zwar nimmt das Getreideland innerhalb der landwirt-
schaftlich benutzten Fläche absolut zu, jedoch erfährt es pro
Kopf der Bevölkerung eine stetige Abnahme, um 0,204 a im
Durchschnitt der Jahre 1878/1883 und um 0,336 a im Durch-
schnitt der Jahre 1900/1909.

Allerdings stiegen die Durchschnittserträge pro Flächen-
einheit in den letzten 3 Jahrzehnten ganz erheblich, vor allem
durch die Entwicklung der Technik und besonders der land-
wirtschaftlichen Chemie, die künstliche Düngerstoffe zu immer
billigeren Preisen lieferte. Allein man würde sehr fehl gehen,
Wenn man diese unleugbaren Fortschritte der landwirtschaft-
lichen Kultur den Agrarzöllen zuschreiben wollte. Die Ge-
freidepreise sind ja von 1876—1905 trotz aller Zölle gesunken
uud niedrig geblieben. Auch zeigt ein Blick auf das zollfreie
Dänemark, wie dort die Ernteerträge in gleichem Maße ge-
stiegen sind, wie bei uns.

So wurde jährlich geerntet pro Hektar Doppelzentner von

“		Weizen		Roggen		Gerste		Hafer	
	81/85	01/05	o  GO_  00	01/05	81/85	01/05	81/85	01/05
1,1 Deutschland . . ln Dänemark . .	14,5	18,4	11,6	15,6	15,3	18,4	13,2	16,9
	21,8	29,6	16,1	17,1	15,6	19,10	13,4	15,6

Also nicht die hohen Preise der sechziger und siebziger
Jahre brachten diesen Fortschritt hervor, sondern die sinken-
        <pb n="14" />
        ﻿14

den Preise waren offenbar der Ansporn zur Verbesserung der
Bodenkultur und Entwicklung der landwirtschaftlichen Technik.
Wenn hier eingewendet werden sollte, daß die Landwirtschaft
nicht in der Lage sei, viel Geld für Verbesserungen der Betriebe
aufzuwenden, so sei daran erinnert, daß nicht immer zur Er-
zielung solcher Mehrerträge die Aufwendung erheblicher Mehr-
kosten notwendig ist. Entwässerungskosten trugen zum großen
Teil die Landeskultur-Rentenanstalten, teils Staatszuschüsse.
Ferner wurden die künstlichen Düngemittel allmählich ganz
erheblich verbilligt. Die Phosphorsäure kostet heute etwa
ein Drittel des Preises vor 30 Jahren, und durch die Thomas-
schlacke, die bei der Entphosphorung des Eisens gewonnen
wird, sank die Phosphorsäure noch mehr im Preise, sodaß sie in
derZeit von 1880—1897 um 45—48 °/0 verbilligt wurde. Die Kali-
salze, ehemals sehr kostbar, sanken in den letzten 30 Jahren um
41 % im Preise, ihre Verwendung stieg deshalb von 77 Doppel-
zentner auf 100 ha im Jahre 1890 auf 439 Doppelzentner im Jahre
1903. Der Stickstoff, früher nur im Chilisalpeter enthalten, sank
als industrielles Abfallprodukt als schwefelsaurer Ammoniak um
58 % im Preise. Allerdings stieg der Geldlohn der ländlichen Ar-
beiter in dieser Zeit, gleichzeitig aber auch die Produktivität
der Arbeit. Teils durch Steigerung der persönlichen Arbeits-
leistung, teils durch Verbilligung der Arbeit durch zweck-
mäßigere Arbeitsteilung, Ersparnis von menschlichen Arbeits-
kräften durch Maschinen und tierische Arbeitskräfte. Ver-
richteten doch im Jahre 1907 nur mehr 7 109 168 in der Land-
wirtschaft tätige Arbeiter die Arbeit, welche 1882 von 9 721 456
Arbeitern geleistet worden war.

Auch die Kapitalbeschaffung wurde erleichtert durch
Verbilligung des hypothekarischen Zinsfußes, der auf 3% %
herabging, während die landwirtschaftlichen Genossenschaften
auch Personalkredit zu billigem Zinse gewährten. Was die
ländlichen Genossenschaften durch Beschaffung künstlichen
        <pb n="15" />
        ﻿15

Düngers für ihre Mitglieder, Benützung von Maschinen, An-
schaffung von Vieh und Betriebsinventar zu billigen Kosten
und Verwertung der Produkte zu guten Preisen geleistet haben,
ist bekannt. Kostenersparnisse wurden ferner durch Zusammen-
legung von Grundstücken und Feldwegregulierung erzielt;
die Werterhöhung allein durch die bayrische Flurbereinigung
in der Zeit 1886 bis 1909 wird auf 12 % Millionen Mark be-
ziffert.

Es stiegen die Erträge von Roggen zwischen 1882 und
1909 um 55 %, von Weizen um 35 %, Gerste 24 % und Hafer
um 38,5 %. Die Bevölkerung aber wuchs in dieser Zeit um
39,7 % und gleichzeitig stiegen ihre Bedürfnisse. Die Getreide-
fläche aber sehen wir in dieser Zeit um 7,49 a pro Kopf der
Bevölkerung abnehmen. Darum mußte trotz der
Zölle ein großer Bruchteil unseres Ge-
treidebedarfes nach wie vor aus dem Aus-
lande bezogen werden, zwar nicht für alle Arten
Getreide gleichmäßig.

Der Bedarf wurde vom Inland gedeckt 19G9/10
in Roggen zu 100%, in Weizen zu 6 1,9%,
in Spelz zu 100%, in Gerste zu 5 4,7 % und
Hafer zu 100%. Vom Ausland wurde be-
zogen Weizen 3 8,1 % des Bedarfes, Gerste 4 5,3 %.

Also wird nur der Roggen- und Haferbedarf heute auf
deutschem Boden erzeugt, der Weizen zu ungefähr
einem Drittel und die Gerste in noch größe-
rem Maße aus dem Ausland bezogen. Die deutsche
Landwirtschaft kann also den heutigen
Bedarf des Volkes an Nahrungsmitteln
n 1 c h t mehr decken, außer man kehrte wieder zum
überwiegenden Agrarstaat zurück. Wie aber in diesem die
®L7 Millionen des heutigen Deutschland leben sollen, ist ein
Rätsel, das uns die Hochschutzzöllner erst noch lösen sollen.
        <pb n="16" />
        ﻿16

Die schon erwähnten von Rußland, Österreich-Ungarn
und den Vereinigten Staaten gegen die deutsche Zollpolitik
und die Erhöhung der deutschen Getreidezölle auf 5 Mk. er-
griffenen Repressalien fielen mit schlechten Ernten zusammen.
Als Folge einerseits Arbeitslosigkeit und sinkende Löhne,
anderseits steigende Brotpreise. Die Getreidepreise stiegen
1891 der Roggen auf 211,2, der Weizen auf 224,2 Mk. die Tonne
auf dem Berliner Markte, d. h. auf die Höhe der Preise von
1871—1875.

Die Zeit Caprivis.

Da erfolgte beim Abschluß neuer Handelsverträge durch
den Reichskanzler Grafen von Caprivi eine Herabsetzung
der Zölle von 5 auf 3,50 Mark pro Doppelzentner, die der Kaiser als
„rettende Tat“ und der Zentrumsführer Lieber als „Großtat
der neuen Ära“ begrüßte.

Die Wirkung der Herabsetzung aber erfuhr eine erheb-
liche Einschränkung durch die 1894 erfolgte Aufhebung
des Identitätsnachweises. Im Osten und Nord-
osten Deutschlands hatten die Bismarckschen Getreidezölle
zur Zeit des Identitätsnachweises den Getreidepreis nicht
um den vollen Zollbetrag steigern können, während dies im
Süden und Westen durchaus eintrat. Die Ursache war
die Bestimmung, daß derjenige, der eingeführtes Getreide
wieder ausführen wollte, den Zoll nur dann zurückerstattet
erhielt, wenn er den Nachweis erbrachte, daß das auszuführende
Getreide mit dem eingeführten identisch sei. Das gelang nur
selten, weil das eingeführte Getreide meist mit heimischem
gemischt wurde, um dieses marktfähig zu machen. War nun
Getreide über den Bedarf eingeführt worden, so war infolge
des bei seiner Einfuhr bezahlten Zolls seine Wiederausfuhr
nur mit Verlust möglich; als Folge sank der Inlandpreis unter
den Satz, den er unter Zuschlag des Zolls nach dem Stande
        <pb n="17" />
        ﻿17

der Weltmarktpreise hätte betragen müssen. Nur in den
schlechten Erntejahren 1890, 1891, 1892 stieg auch im Nord-
osten der Preis fast ganz um die Zollhöhe über den Weltmarkt-
preis. Die Aufhebung des Identitätsnachweises hatte die
Wirkung, daß erst jetzt auch auf den Märkten des Nordens
und Nordostens der Zoll im Inlandpreis ganz zum Ausdruck
kam. Das Gesetz vom 27. April 1894, das den Identitäts-
nachweis aufhob, tat aber noch mehr. Es bestimmte nämlich
nicht bloß, daß die bei Ausfuhr von Getreide zu erteilenden
Einfuhrscheine bei der Zollzahlung für eingeführtes Getreide
ungerechnet werden sollten, sie sollten auch bei der Zollzahlung
für eingeführten Kaffee und Petroleum Verwendung finden
können. Ursprünglich war Rickert für das System der Ein-
fuhrscheine im Interesse des Getreidehandels der Ostseestädte
cingetreten, die unter der durch die Getreidezölle unter-
bundenen Ausfuhr litten. Später zogen die Agrarier von
dieser Einrichtung reichlichen Vorteil. Die Bestimmung, daß
die Einfuhrscheine auch für Kaffee und Petroleum Ver-
wendung finden konnten, schuf für sie eine Nachfrage seitens
der Importeure von Kaffee und Petroleum. Wer solche Waren
umführen will, sucht Einfuhrscheine zu kaufen. Die Nach-
frage hält ihren Preis hoch, und dies muß wie eine Getreide-
uusfuhrprämie wirken.

Sinkt nämlich der Inlandpreis unter den Satz, der sich
aus der Hinzurechnung des Zolls zum Weltmarktpreis ergibt,
80 macht der Getreidehändler, wenn er Getreide ausführl,
Gewinn; er erhält im Ausland den Weltmarktpreis und außer-
dem bei der Ausfuhr einen Einfuhrschein im Werte des Zolls,
der bei Einfuhr auf der von ihm ausgeführten Gattung
*md Menge Getreide liegt. Diesen Schein verkauft er an die-
jenigen, welche Kaffee oder Petroleum einführen wollen. Er
Wird mit der Ausfuhr von Getreide solange fortfahren, bis
der Preis auf dem Inlandmarkt infolge seiner Ausfuhr so hoch

'2
        <pb n="18" />
        ﻿18

gestiegen ist, daß die Ausfuhr nicht mehr Gewinn bringt,
d. h. bis der Inlandpreis dem Weltmarktpreis unter Hinzu-
rechnung des Zolls entspricht. Die Beseitigung des Identitäts-
nachweises bedeutete also die Einführung einer Prämie für
die Ausfuhr von Getreide mit der Tendenz den Inlandpreis
um den vollen Zollbetrag zu steigern. Das ist auch im großen
und ganzen so eingetreten. Die Aufhebung des Identitäts-
nachweises hatte die Wirkung, daß die Inlandpreise bei Roggen
und Weizen unter dem Caprivischen 3,50 Mk.-Zoll tat-
sächlich höher über dem Weltmarktpreis standen, als beim alten
5 Mk.-Zoll. Aber die wenigsten verstanden dies; die meisten
sahen nur die Herabsetzung des Zolles von 5 Mk. auf 3,50 Mk.;
und der größte Agitator Deutschlands nach Martin Luther und
Friedrich List, Fürst Bismarck, nahm diese Parole in die
Hand, um Rache an seinem Nachfolger zu nehmen. Es ent-
stand der Bund der Landwirte, von Bismarck unterstützt.
Caprivi fiel. _

Der Zolltarif von 190 2.

Es entbrannte jetzt im ganzen deutschen Lande die rück-
sichtsloseste Agitation des Bundes der Landwirte für Wieder-
erhöhung der Getreidezölle. Sie war erfolgreich. Am 25. De-
zember 1902 erhielt das deutsche Volk zum Weihnachtsgeschenk
das unter Vergewaltigung der Geschäftsordnung vom Reichs-
tag beschlossene Zolltarifgesetz, das einen Mindestzoll für
Weizen von 5,50 Mk., Roggen von 5 Mk., Malzgerste von 4 Mk.,
Futtergerste von 1,50 Mk. und Hafer von 5 Mk. vom 1. März
1906 ab einführte. Die Mehrheitspartei des Reichstags, das
Zentrum, sah sich genötigt, zur Beruhigung der über die drohende
Zollbelastung murrenden katholischen Arbeiter etwas zu tun
und setzte den § 15 des. Zollgesetzes durch, nach welchem
die Mehrerträge der erhöhten Zölle auf Weizen, Roggen, Rind-
vieh, Schafe, Schweine, Schweinespeck, Mehl über die Erträge
        <pb n="19" />
        ﻿19

der Jahre 1898 bis 1903 hinaus zur Einführung einer Witwen-
und Waisenversicherung verwendet werden sollten. Besten-
falls sollten 100 Millionen jährlich für diesen Zweck verwendet
werden, wogegen sich die Arbeiter die Verteuerung ihres Lebens-
unterhalts durch die Zölle um etwa eine Milliarde Mark (bei
loggen und Weizen allein betrug 1908 die Verteuerung für
die Bevölkerung 605 750 020 Mk.!) gefallen lassen sollten.
Der Erfolg hat gezeigt, daß das Zentrum die Unfähigkeit der
dirn. anhängenden Arbeiter zu rechnen richtig eingeschätzt
hat. Aber infolge der Steigerung der Zölle und der Auf-
hebung des Identitätsnachweises stieg die Ausfuhr von
loggen und Hafer und damit die Ausfuhrprämie so sehr,
daß Mehrerträge der Lebensmittelzölle zur Begründung einer
Witwen- und Waisenversorgung nur unzureichend, in ein-
Zelnen Jahren gar nicht zur Verfügung standen. Alle Ver-
suchungen, durch welche das Zentrum seine Anhänger
Wegen der durch die Zollerhöhungen verursachten Erschwe-
rung des Lebens zu trösten versucht hatte, wurden also zu

8chanden.

Die Wirkung der Zollerhöhung war eine weitere Verteuerung
der Lebensmittel. Durch eine Mißernte in Rußland 1907 und
0lnen Rückgang der Welternte von Weizen in den Jahren
W07/08, den Corner des Chicagoer Weizenkönigs Patten und

Xr

v Wanderungen in den Geld- und Kreditverhältnissen stieg
der Weltmarktpreis. In Deutschland waren befriedigende
hh'nteerträgc gewesen. Bei den steigenden Weltmarktpreisen
und der erhöhten Ausfuhrprämie führte Deutschland sogar
wieder Getreide aus, ja in Roggen betrug die Ausfuhr 1908/09
rriehr wie die Einfuhr. Durch die Ausfuhrprämie stieg trotz
^er guten deutschen Ernten der Inlandpreis ebenso wie in
^en Ländern mit schlechter Ernte. Die deutschen
0 g g e n - und Weizen preise erhöhten sich
101 den, vollen Betrag des Zolles über die

2*
        <pb n="20" />
        ﻿20

gestiegenen Weltmarktpreise; sie standen
und stehen wieder so hoch, wie zur Zeit
der höchsten Getreidepreise im 19. Jahr-
hundert, wie in den 50er und im Anfang der 70er Jahre.
Am 9. September 1911 kostete nach den Preisfeststellungen
des Deutschen Landwirtschaftsrates eine Tonne Weizen

in Berlin		. .	211,50 Mark
- New York . . .	. .	153,80	-
- Chicago . . . .	. .	143,00	-
- Liverpool. . . .	. . 166,20 -
- Paris		. .	206,40	-
- Budapest . . .	. .	202,40	-
- Odessa . . . .	. .	163,40	-

Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Qualität des Weizens
in Paris und Budapest, sowie an anderen Plätzen, besser ist
als in Berlin, so daß in Wirklichkeit die Preisdifferenz zwischen
Berlin und den anderen Plätzen des Weltmarkts noch viel
größer ist. Auch ist zu beachten, daß Frankreich einen höheren
Weizenzoll hat als Deutschland, daß aber trotzdem der Weizen-
preis in Paris niedriger ist als in Berlin. Der Grund ist: Frank-
reich hat keine Ausfuhrprämien für Getreide.

Noch toller zeigen sich die Wirkungen der letzteren an-
gesichts der Tatsache, daß ungeachtet unserer glänzenden
diesjährigen Roggenernte die Preise für Roggen im September
d. J. enorm gestiegen sind. Infolge unserer Ausfuhrprämie
und billiger Exporttarife verschleudern wir den deutschen
Roggen nach Dänemark und Finnland als Schweinefutter;
während wir selbst im Inland Not leiden. Nach den Mitteilungen
eines Getreidehändlers wurde im September in Deutschland
an der deutsch-russischen Grenze derselbe Roggen mit 175 Mk-
pro Tonne bezahlt, den der Russe vom deutschen Händler
für 125 Mk. kauft. Der Russe ist also in der Lage, den deutschen
        <pb n="21" />
        ﻿21

Roggen als Schweinefutter zu verwenden, während er für viele
Gegenden Deutschlands als Brotstoff schon zu teuer ist. Ja
wir liefern sogar dem Russen unseren Brotstoff billiger, als uns
der Russe das Viehfutter. Russische Gerste kostete, nach dem
Berliner Tageblatt vom 12. September 1911, zu dieser Zeit an der
Grenze 135 Mk., also 10 Mk. mehr als unser deutscher Roggen.
Bür Kleie, also das Abfallprodukt, zahlen wir 140 Mk., d. h.
15 Mk. pro Tonne mehr, als der Russe für unseren Brotstoff.

Das ist im kurzen die Geschichte vom Freihandel bis
zum Bülowschen Zolltarif, vermöge dessen wir der russischen,
dänischen, skandinavischen, holländischen und englischen Be-
völkerung die Lebenshaltung um fast ein Drittel verbilligen,
während uns durch dieses Verschleudern an das Ausland die zur
Verfügung stehende Menge an Nahrungsmitteln verringert wird.

Wer trägt den Zoll?

Die größte Rolle unter den Einwänden von agrarischer
Seite gegenüber den Gegnern hoher Getreidezölle spielte bisher
immer das Bismarcksche Wort: Das Ausland trägt den Zoll;
Ein Wort, das Bismarck als Fechtargument prägte, als er
®einen Zolltarif durchsetzen wollte und das heute noch getreulich
v°n den Agitatoren des Bundes der Landwirte landauf, landab
Uachgesagt wird. Schon eine Frage dürfte genügen, diesen
Einwand zu beseitigen: Weshalb ersehnt man denn überhaupt
die Zölle so leidenschaftlich, wenn sie nicht den Zweck ver-
folgen sollen, die Inlandpreise um ihren Betrag zu erhöhen?
Es ist ja nichts Neues, daß es bisweilen Umstände geben kann,
die einen Einfuhrzoll teilweise oder ganz vom Auslande tragen
lassen. Deutschlands Erfahrungen mit den Getreidezöllen
Slnd aber andere. Zunächst sinkt wohl der Weltmarktpreis
eGvas, weil das ausländische Getreide sich auf dem Weltmarkt
staut. Das geschah bisher aber stets nur ganz vorübergehend.
fo'lch der Roggenzoll wurde von dem an Deutschland ver-
        <pb n="22" />
        ﻿22

schuldeten Rußland vorübergehend dadurch teilweise: getragen,
daß der russische Staat seine Eisenbahnfrachttarife herab-
setzte und auch der russische Bauer seinen Roggen unter dem
Druck des Steuererhebers dem Getreidehändler billiger geben
mußte. Im Süden Deutschlands kamen die Bismaroksohen
Zölle von Anfang an ganz zur Geltung, während dies in den
ostelbischen Provinzen Preußens, wie schon bemerkt, vor
Aufhebung des Identitätsnachweises nicht vollständig der
Fall war.

Auch bei der Gerste war der Inlandpreis unter den Bis-
maroksohen Zöllen stets um den ganzen Zollbetrag höher als
der Weltmarktpreis, vor allem, weil die deutsche Brauindustrie
und die deutschen Viehzüchter die ausländische Gerste nicht
entbehren können.

Bei Hafer stieg der Preis sogar noch höher als der Zoll-
betrag infolge des großen Haferbedarfs der Armee. —

Den Getreidezoll haben wir also fast
vollständig getragen. Das hindert allerdings die
bündlerische Agitation nicht, unentwegt weiter zu behaupten,
den Zoll trägt das Ausland. Deshalb sei hier daran erinnert,
daß auch Dr. Rußland, der Gelehrte des Bundes der
Landwirte, 1887 erklärte1): „Die Regel wird also sein, daß
der Importeur auswärts den vollen Kurs zahlt und im Inland
diesen mit dem Zollaufschlag fordert.“ Und Freiherr von
Getto, der bekannte Führer der bayrischen Agrarier,
machte am 5. März 1895 im Deutschen Landwirtschaftsrat* 2)
folgendes interessante Geständnis: „Es hat eine Zeit gegeben,
in der man nicht den Mut hatte, offen zu sagen, daß die
Getreidepreise verteuert werden sollen. Es ist nicht lange

*) Ruh 1 and, Zeitschrift des Landwirtschaftlichen Vereins in Bayer11
1887. S. 619.

2)	Archiv des Deutschen Landwirtsohaftsrates 1806, S. 166.
        <pb n="23" />
        ﻿23

her, daß man auf Umwegen dem Publikum begreiflich zu
machen suchte, daß durch die Einführung höherer Zölle das
einheimische Getreide eigentlich gar nicht sonderlich verteuert
würde, daß die Lebensmittel ihren gleichen Preis nach wie
vor behalten.“ Wir sind begierig, ob man in Zukunft ebenso
offen sein wird.

Wem nützen die hohen Preise?

Leider besitzen wir für das Deutsche Reich keine amtliche
Untersuchung über diese Frage. Nur in Baden sind Erhebungen
über den Verkauf von Brotfrucht in den einzelnen Gemeinden
aus freien Stücken durch die Oberamtmänner im Jahre 1902
vorgenommen worden. E s i s t aber klar, daß direkte
Vorteile von den Zöllen nur die Land-
wirte haben können, die auch Getreide
zu verkaufen haben.

Welche waren das?

In Bayern führte 1883 im Landwirtschaftlichen Verein
der 2. Vorsitzende aus, daß die Landwirte in der Pfalz, Unter-
und Oberfranken und die Mehrzahl derselben in Mittelfranken
und Oberpfalz Getreide zukaufen müßten. Prinz Ludwig
fügte hinzu, dasselbe gälte auch für die südlichen Teile Ober-
bayerns und Schwabens, in denen die Viehzucht überwiege.
Und bei der Vorbereitung des späteren Bülowschen Zolltarif es
hat der bayerische Waldbauernbund 1901 an
die bayerische Staatsregierung eine Eingabe gerichtet, in der
er betont, daß im weitaus größten Teil der für Getreidebau
geeigneten Gegenden Deutschlands die „selbstschaffenden Land-
ete, d. h. d i e wirklichen Bauern, wenigstens
^ie Hälfte ihres Einkommens aus der Vieh-
haltung und aus tierischen Erzeugnissen
z 0 g e n. In den äußeren Gebirgs- und Waldgegenden Süd- und
        <pb n="24" />
        ﻿Mitteldeutschlands sinkt der Beitragsanteil des Getreides zum
bäuerlichen Gesamteinkommen gegenüber der Viehhaltung
auf ein Minimum, in vielen Gegenden auf Null herab. Von
den Bauern des bayerischen Hochgebirges erzeugen nur
die in den besten Lagen begüterten zirka
ein Drittel des Bedarfes an.solchem, b z w.
Mehl. Fast den ganzen bedeutenden
Bedarf für das Vieh müssen sie kaufen.
Ähnlich — in verschiedenen Abstufungen liegen die Verhältnisse
in der Mehrzahl der deutschen Gebirgsländer —, auf einem
großen Teil der schwäbisch-bayerischen Hochebene, ja selbst
in weit ausgedehnten Distrikten der norddeutschen Tiefebene

........den gar kein oder nur wenig Getreide produzierenden

Landwirten aber legen schon die vorgeschlagenen Tarif zolle
für Getreide-, Mehl- und Futtermittel — ohne irgend welche
Garantie für Schutz ihrer Produkte und für dauernde Berück-
sichtigung ihrer eigenen Produktionsverhältnisse — uner-
schwingliche Opfer auf. Einheitliche Zollsätze von
6 Mk. per Doppelzentner für Roggen, Gerste, Weizen und
Hafer, d. h. bei Roggen und Hafer beinahe das doppelte, bei
Gerste das dreifache des bisherigen Vertragszolles, oder gar
von 7,50 Mk. pro Doppelzentner, wie der Bund der Land-
wirte will, müßten ohne dauernd gesicherte Äquivalente durch
entsprechende Viehzölle und förderliche Einfuhrordnung u n -
fehlbar zu rascher Verarmung und binnen
kurzem zu völligem Ruine der betroffenen
Bevölkerungsgruppen führen. Die bayerischen
Gebirgs- und Waldbauern werden bei solcher Gestaltung der
Dinge unter erhöhten Getreide-, Mehl- und Futterpreisen
schwerer zu leiden haben, als die Industriearbeiter in den
Städten.“ — So der bayerische Waldbauernbund. —

Sehr lehrreich ist auch die Schrift eines christlich-sozialen
österreichischen Abgeordneten, des Reichsritters vonPantz:
        <pb n="25" />
        ﻿— 25

&gt; ,I)ic Hoohsohutzzollpolitik Hohenblums und der österreichische
Bauernstand. Wien 1910.“ Pantz weist nach, daß 90—95 %
des österreichischen Bauernstandes durchaus kein Interesse
an hohen Getreidepreisen haben, vielmehr'durch hohe Getreide-
preise in ihrer Viehzucht erheblich geschädigt werden. Die
österreichische Statistik zeigt auch, daß hohe Getreide-
preise niedrige Viehpreise nach sich ziehen,
besonders, wenn die Heuernte schwach ausfällt, weil der Bauer
gezwungen wird, sein Vieh um jeden Preis loszuschlagen.
Selbst in eigentlichen Getreidegegenden, wie Niederösterreich,
fließt die Haupteinkommensquelle der bäuerlichen Wirtschaft
aus der Viehzucht.

Für Württemberg sagt Marqirard1) auf Grund seiner
Berechnungen; „Wirklich greifbare Vorteile von höheren
Zöllen haben nur die Güter mit über 50 ha Besitz“, d. h. 0,19 %
sämtlicher Betriebe. -— In Baden haben nach Ruhland
(1884)1 2) nicht mehr als 2 % der landwirtschaftlichen Betriebe
Gn Interesse an den Getreidezöllen. Nach der Erhebung der
öadischen Oberamtmänner3) 1902 haben kein Inter-
ne an Zöllen 14,6 % der Bevölkerung, ein geringes Interesse
%, ein mäßiges Interesse 6,2 %, ein erhebliches 0,6 % und
direkten Nachteil von ihnen erwarten
% aller Familien des Landes. In diesem
Lande mit durchgehendem Kleingrundbesitz, mit günstigem
Klima und Boden, in welchem 50,8 % aller Familien Brot-
frueht bauen, erzeugen doch nur 28,7 % von ihnen ihren
Jahresbedarf an Brotfrucht. Erst bei einer Betriebsfläche von
0 ha etwa beginnt der Verkauf von Brotfrucht.

1)	Marquard, Württemberg und der Brotgetreidezoll. Stuttgart

1902.

a) Zeitschrift des Landwirtschaftlichen Vereins für Bayern 1884, S. 438.

3)	Nach Moritz Hecht: Die bayrische Landwirtschaft am Ausgang
des XX. Jahrhunderts, Karlsruhe 1903.
        <pb n="26" />
        ﻿26

Auch die Provinz Hannover ist weit mehr an der
Vieh Wirtschaft interessiert als am Getreidebau. Nach einer
Enquete des früheren nationalliberalcn Parteisekretärs F 1 a t h -
mann1) hatte die überwiegende Anzahl der befragten Land-
wirte kein Interesse für Getreidezölle, lehnte sie vielfach direkt
ab und nur gelegentlich wurde eine Erhöhung der Viehzölle
verlangt. Dasselbe gilt für die Bauern in Pommern* 2). Der
Reichskanzler Fürst Hohenlohe stellte in seiner Reichs-
tagsrede vom 25. März 1895 fest, daß im ganzen Reich nur
21 % der landwirtschaftlichen Bevölkerung an hohen Getreide-
zöllen interessiert seien. Nach einer Privatarbeit von Rudolf
König3) sollen im Großherzogtum Hessen von 28501 klein-
bäuerlichen Betrieben 16 809 Betriebe von 2—5 ha Getreide
über den eigenen Bedarf erzeugt haben. Allerdings in so gering-
fügigen Mengen, daß es fraglich ist, ob der Nutzen durch den
erhöhten Getreidepreis durch andere Mehrausgaben infolge
der allgemeinen Zollerhöhung nicht mehr als aufgewogen wird.

Aus allen diesen Zeugnissen geht deutlich hervor, daß der
Schwerpunkt der Interessen des eigentlichen Bauerntums
längst nicht mehr im Getreidebau liegt, sondern in der Vieh-
zucht begründet ist und in ihr gute Aussicht auf steigende
Einnahmen hat. Ganz anders ist der Großgrundbesitz am
Getreidebau interessiert. Das zeigen auch die neueren Unter-
suchungen Roncadors4), des Sohnes eines preußischen Ritter-
gutsbesitzers: Die Betriebe unter 2 ha erzeugen meist nicht

x) Flat h mann, Die Landbevölkerung der Provinz Hannover
und die Agrarzölle. (Berlin 1902 bei Alex. Duncker.)

2)	W. Euboff, Die hinterpommersche Landgemeinde Schwessin,
die Lage ihrer Landwirte und ihr Interesse an den Getreidezöllen. (Berlin 1903.)

3)	Rudolf König, Statist. Mitteilungen aus 62 kleinbäuerlichen
Betrieben über Erzeugung, Verbrauch, Verkauf und Zukauf von Getreide
(Gießener Doktordissertation. Jena 1901.)

4)	Bruno Heinrich Roncador, Wesen und Wirkung der
Agrarzölle. (Jena, Gustav Fischer 1911.)
        <pb n="27" />
        ﻿27

das Maß von Brotgetreide, das für die Familie zur Ernährung
notwendig ist, sie sind gezwungen, zuzukaufen. Nach der
Betriebszählung 1907 sind dies 2 585 217 Betriebe mit Acker-
land. Die größeren Betriebe von 2—5 ha = 985 613 Betriebe
erzeugen wohl einige Doppelzentner Getreide mehr, als die
Familie zum Lebensunterhalt braucht, sie verfüttern aber meist
rationellerweise diesen kleinen Überschuß in der Viehwirtschaft.
Ihr Geldgewinn durch erhöhten Getreidepreis ist also besten-
falls ein ganz geringer und wird durch die allgemeine Teuerung
des lückenlosen Zolltarif es mehr wie aufgehoben. Auch bei
den mittleren bäuerlichen Betrieben von 5—20 ha (Anzahl
1 050 696 Betriebe) ist die Menge des verkäuflichen Getreides
verhältnismäßig gering, weil außer der Familie noch mehrere
Arbeitskräfte als Brotesser in Betracht kommen, sie beträgt
im Durchschnitt bei einer Ernte von 45,3 Doppelzentnern etwa
30 Doppelzentner. (Normalgetreidebedarf einer Familie etwa
10 Doppelzentner). Bei dieser Betriebsgröße beginnt aber
schon ein direkter Vorteil von den Zöllen. Ganz erheblich
jedoch steigt der Nutzen durch die Brotgetreidezölle bei
den höheren Betriebsklassen 20—100 ha (Zahl 259 475 Betriebe)
und mehr als 100 ha Fläche = 23 262 Betriebe, beim großen
Grundbesitz.

Auch das Interesse an den Zöllen auf Futtergetreide
ist sehr geteilt, geringer beim Bauern, größer
beim Großgrundbesitzer. Und man versteht deshalb
auch, warum sich die führenden agrarischen Kreise jeder
Herabsetzung auch der Futtermittelzölle, die im Interesse der
Vieh Wirtschaft und der Fleischversorgung des Volkes gelegen
wäre, aufs heftigste wider setzen. Der Bauer verkauft die Futter-
gerste nur in sehr geringen Mengen; er verbraucht sie meist
m der eigenen Wirtschaft. Für den Verkauf kommt eigentlich
mir der Hafer in Betracht. Wenn man das Durchschnitts-
quantum an Hafer, mit dem der Bauer das Pferd füttert, auf
        <pb n="28" />
        ﻿28

18,25 Doppelzentner pro Jahr und Pferd ansetzt und den
Durchsohnittsertrag des Hafers pro ha auf 19,16 Doppel-
zentner, so beträgt der Überschuß des verkäuflichen Hafers
bei den 2 585 716 Parzellenbetrieben unter 2 ha mit
116666 ha Hafer und 71 369 Pferden pro Betrieb nicht
ganz ein Drittel Doppelzentner, bei den
985 613 kleinbäuerlichen Betrieben von 2—5 ha mit 371 046 ha
Hafer und 241 636 Pferden pro Betrieb rund 2% Doppel-
zentner, bei den 1 050 696 mittelbäuerlichen Betrieben
von 5—20 ha mit 1 473 212 ha Hafer und 1 323 290 Pferden
pro Betrieb rund 2% Doppelzentner, bei den 259 475
großbäuerlichen Betrieben von 20—100 ha mit 1 384 181 ha
Hafer und 1202176 Pferden pro Betrieb rund 13,4 Doppel-
zentner, bei den 23 262 Großbetrieben über 100 ha
mit 865 713 ha Hafer und 652 536 Pferden pro Betrieb rund
175,6 Doppelzentner.

Den Hauptnutzen von den Zöllen hat also auch hier nur
der Großgrundbesitz.

Der Schwerpunkt der Bareinnahmen einer mittleren
Bauernwirtschaft liegt heute schon in der Viehzucht. Das
zeigt auch deutlich eine Untersuchung L. Rudloffs1)
über die Wirtsohaftsergebnisse eines mittleren Bauernhofes
im hessischen Bergland in den Jahren 1888—1909. Der Betrieb
ist 31,15 ha groß, also ein ansehnlicher Bauernbetrieb und
typisch für die meisten mittleren und großen Bauernhöfe
des hessischen Berglandes. Im Durchschnitt der letzten
22 Jahre flössen mehr als die Hälfte aller Bar-
einnahmen (55,29 %) aus dem Verkauf von
Vieh und Viehprodukten, während nur 31,15%
der Bareinnahmen aus Getreideverkauf,
13,56 % aus sonstigen Einnahmen bestanden.

x) R u d I o f f , Schmollers Jahrbuch XXXV, Seite 251 ff.
        <pb n="29" />
        ﻿29

Nach der Betriebszählung von 1907 gab es 4 384 786
Betriebe bis zu 5 ha; rechnet man dazu die 17 982 Betriebe
über 6 ha, welche kein Ackerland haben, so sind es 4 402 768
Betriebe von 5 736 082 im ganzen — 76,75 %. Von diesen
76,75 % aller Landwirtschaftsbetriebe kann man also sagen,
daß sie meist gezwungen sind, Getreide zuzu-
kaufen. Nur 23,35 % der deutschen Land-
wirtschaftsbetriebe sind deshalb an hohen
Getreidepreisen interessiert, am meisten unter
ihnen der ostelbische Grundbesitz.

Von jeher ist ein deutliches Erkennungszeichen für die
Wirkung der Getreidezölle die Steigerung der Boden-
preise gewesen, auf die wir im übrigen später noch kommen
werden. Sehr interessant ist es nun zu sehen, wie Roth-
k e g e 1x) dargestellt hat, daß seit der letzten Zollerhöhung
eine erhebliche Bodenpreissteigerung edngetreten ist, wie wir
sie ja vorausgesagt haben. Die Bodenpreissteigerung unter
der Wirkung des Bülowschen Zolltarifs 1901/03 bis 1907/09
übertrifft die Bodenpreissteigerung der vorangegangenen
Periode 1895/97 bis 1901/03, die unter den Caprivischen Zöllen
verlief, beinahe um das doppelte. Ganz besonders
aber fällt die Bodenpreissteigerung dem großen Grundbesitz zu.

Das zeigen folgende Ziffern: 1895/97 bis 1901/03 stiegen
die Bodenpreise bei Landgütern um 17 %, bei Stückländereien
um 10 %.	1901/03 bis 1907/09 stiegen die Bodenpreise bei

Landgütern um 33 %, bei Stückländereien um 21 %.

Die Steigerung des Bodenpreises war also in der zweiten
^eitperiode größer als in der ersten, und zwar bei den Grund-
stücken unter 2 ha um 12 %, von 2—5 ha um 11 %, von

1) W. Rothkegel, Die Bewegung der Kaufpreise für ländliche
Besitzungen und die Entwickelung der Getreidepreise im Königreich Preußen
Von 1895 bis 1909. (Vgl. Beilage Nr. 1 im Anhang.)
        <pb n="30" />
        ﻿X

— 30 —

5—20 ha um 13 %, von 20—-100 ha um 23 %, von 100—500 ha
um 36 %, von 500 ha und mehr um 34 %.

Die vermehrte Steigerung bei den Besitzungen unter
20 ha ist also nicht sehr bedeutend = 11 bis 13 %, sie steigt
zwischen 20 und 100 ha auf 23 % und beträgt bei 100 bis 500
und mehr ha 34 bis 36 %.

Je größer die Getreidefläche und damit
der Getreideverkauf des Betriebes ist,
um so höher steigt der Preis und auch die
Beleihungsfähigkeit des Bodens. Eine wert-
volle Bestätigung unserer Anschauung, daß Getreidezollpolitik
Großgrundbesitzerpolitik ist.1)

An dieser Tatsache ändern auch die Stimmen nichts, die
ein indirektes Interesse der nicht Getreide verkaufenden
Bauern an den Getreidezöllen dartun wollen. Da gibt es einige,
die da sagen, daß steigende Getreidepreise steigende Vieh-
preise im Gefolge hätten usw. Selbst wenn die Bewegung der
Viehpreise nicht von mehr Faktoren als vom Preise des Getreides
abhinge, würde dabei übersehen, daß eben die Teuerung des
Getreides dem Viehzüchter das Futtermittel verteuert um einen
Betrag, der höher als die Steigerung des Viehpreises ist, und
zweitens sieht man sehr oft, daß steigende Getreidepreise sinkende
Viehpreise im Gefolge haben. Das ist teils die Folge davon,
daß, je teurer das Brot ist, um so geringer die Zahlungsfähigkeit
der Bevölkerung für animalische Nahrungsmittel wird, teils
davon, daß der Bauer infolge hoher Futtermittelpreise, nament-
lich bei schlechter Heuernte, vielfach gezwungen ist, sein Vieh
um jeden Preis zu verkaufen. Auch jene Meinung ist irrig,
welche von einer Ermäßigung der Getreidezölle die Wirkung

1) So schon der heutige wissenschaftliehe Beirat des Bundes der Land-
wirte, Dr. G. Buhl and in der Wißschen Vierteljahrsschrift für Volks-
wirtschaft, 84. Band, 1884, und in der Zeitschrift des Landwirtschaftlichen
Vereins in Bayern, 1884, S. 438.
        <pb n="31" />
        ﻿31

befürchtet, daß sich größere Kreise der Getreideproduzenten
dann der Viehzucht zuwenden und den Viehzüchtern schwere
Konkurrenz machen würden. Denn einmal genügt, wie
später noch betont wird, die heimische Viehproduktion keines-
wegs dem Bedarf des Volkes und zweitens wird unser wachsen-
des Volk in immer steigendem Maße am Fleischverbrauch
teilnehmen, sodaß nur eine bedeutende Ausdehnung unserer
Viehzucht imstande sein wird, in absehbarer Zeit uns ge-
nügend mit Fleisch zu versehen.

Der Nachteil der Getreidezölle für diese Schichten ist
also offensichtlich und wird auch von diesen Kreisen selbst
richtig erkannt. Das beweist die schon erwähnte Eingabe
dos bayerischen Waldbauernbundes; das zeigen deutlich die
Keden des christlich-sozialen Abgeordneten Ferdinand Reichs-
ritter von Pantz1) im österreichischen Hause der Abgeordneten
am 30. November 1910 und 27. Juli 1911 und in der Gegen-
wart wieder die stürmischen Klagen vieler deutscher Bauern
über die hohen Futtermittelpreise. Hat doch selbst die Vorstand-
schaft der christlichen Bauernorganisation jüngst unter dem
Vorsitze des Dr. Georg Heim die Suspendierung der Maiszölle
Verlangt. Und auch die Teuerungsdebatte des bayr. Landtages
Anfang Oktober dieses Jahres brachte manches wertvolle Zu-
geständnis der Schutzzöllner über die nachteiligen Wirkungen
der Getreidezollpolitik. Dr. Heim erwärmte sich nicht bloß für
vorübergehende Einfuhr gefrorenen argentinischen Fleisches
Und für Rückvergütung des Maiszolles an die Konsumenten,
sondern trat auch für eine „Korrigierung des Futtergersten-
zolles“ in der Weise ein, daß die Einfuhr geschroteter Gerste
zollfrei bleiben solle. Zur Begründung dieses Vorschlages
mgnete er sich völlig die Gründe der Zollgegner an, daß durch

*) Vergl. auch Ferdinand Reichsritter von Pantz, _ Die Frage
'Er Agrarzölle in der kommenden handelspolitischen Ära. Vortrag gehalten
1111 Vederösterroichischen Gewerbeverein am 17. März 1911. Wien 1911.
        <pb n="32" />
        ﻿32

die Verteuerung der Futtermittel die Produktionskosten der
Fleisohproduzenten sich ungebührlich erhöhen müssen. Auch der
Bauernbündler Abg. Dirr gab zu, daß unter den gegen-
wärtigen Teuerungsverhältnissen die Landwirte nicht an den
hohen Schutzzöllen festhalten dürften. Die Phalanx der
extremen Zöllner ist also schon durchbrochen.

Die Getreidezölle und die Reichsfinanzen.

Der Umschwung in der Zollpolitik im Jahre 1877 hatte
seine erste Ursache darin, daß die Reichseinnahmen im Gefolge
der Krisis von 1873 zurückgegangen waren. Um die Mehrheit
zu erhalten, welche ihm neue Steuern bewilligte, schuf Fürst
Bismarck damals, wie schon dargelegt, das Bündnis zwischen
Agrariern und Industriellen auf Grundlage des Schutzzolls.
Was waren die Folgen der von ihm eingeführten Getreidezllöe?

Da trotz derselben Getreide fortdauernd eingeführt wurde,
wuchsen die Zolleinnahmen des Reichs; immerhin war das
Maximalerträgnis der Bismarckschen Getreidezölle nicht höher
als 111,4 Millionen Mark im Jahre 1890. Erst unter Caprivi,
als die Bevölkerung um 10 Millionen Seelen gestiegen ■war,
im Jahre 1896 wurde das Erträgnis trotz der Herabsetzung
der Getreidezölle größer. Es bewegte sich in der Zeit von 1896
bis 1905 zwischen 128,8 und 180,8 Millionen Mark im Jahr. Seit
der Erhöhung der Zölle durch Bülow ist es bis auf 257 928 000
Mark im Jahre 1907 gestiegen. Aber nicht alles, was das deutsche
Volk infolge der Getreidezölle hat zahlen müssen, ist dem Reiche
zu gut gekommen.

Denn einmal hat das Reich von dem, was es an Getreide-
zöllen erhob, einen großen Teil in Ausfuhrprämien wieder
herauszahlen müssen. In dem Rechnungsjahre 1908 betrug dies
102,2, in 1909 100,4, in 1910 123,5, in den letzten drei Jahren

zusammen also nicht weniger als 325 Millionen Mark, und die

£

Zentrumsarbeiter, die betört durch die Aussicht auf eine am
        <pb n="33" />
        ﻿33

den Getreidezollüberschüssen aufgebaute Witwen- und Waisen-
versorgung die Politik ihrer Partei gutgeheißen hatten, sahen
ihre Felle davonschwimmen.

Dieser durch die Äusfuhrscheine verursachte Ausfall
im Zollertrag war aber noch die geringste Schädigung, welche
unser Schutzsystem den öffentlichen Finanzen gebracht
hat. Weit schädlicher ist, daß es die Leistungsfähigkeit der
Steuerzahler in Reich, Einzelstaaten, Gemeinden erschöpft.
Daher beschäftigen wir uns seit Jahren vergeblich mit Finanz-
reformen, welche die ordentlichen Einnahmen der öffentlichen
Körperschaften mit deren Ausgaben ins Gleichgewicht bringen
sollen. Man hat die direkten Steuern erhöht und einen Ver-
hrauchsgegenstand nach dem andern mit indirekten Steuern
belegt, so daß wir vom ersten Schritt aus dem Bette am Morgen,
big wir uns wieder niederlegen, nichts genießen, ohne Tribut
zu zahlen. Dem darüber Seufzenden wird dann regelmäßig
vorgerechnet, er zahle pro Kopf der Bevölkerung an Reich
und Einzelstaaten doch noch lange nicht so viel Steuer wie
z- B. der englische Steuerzahler dem englischen Staate und
dabei stellt man nur gegenüber, was in Deutschland und England
der Staat wirklich einnimmt. Als ob der Steuerzahler nur durch
das belastet würde, was Reich und Einzelstaaten von dem,
was er infolge der Steuern mehr zahlen muß, wirklich erhalten,
und nicht vielmehr durch den ganzen Betrag, den er infolge der
Erhebung einer Steuer mehr als sonst opfern muß, auch durch
den, von dem keine öffentliche .Kasse etwas zu sehen
bekommt!

Da brachten z. B. die Zölle auf Roggen, Weizen, Gerste
und Hafer in den drei Jahren 1907/09 dem Reiche 377 013 163
Mark, in jedem derselben durchschnittlich 125 671 054 Mk.
Kber der eingeführte Roggen betrug nur 1,6 % des deutschen
Roggenbedarfs; im Jahre 1909 wurde dieser ganz durch den
Ui Deutschland gebauten Roggen gedeckt. Ähnlich war es

3
        <pb n="34" />
        ﻿34

mit dem Hafer; der eingeführte Hafer betrug nur 0,71 %
des deutschen Haferbedarfs und im Jahre 1908 wurde dieser
ganz durch heimischen Hafer befriedigt. Nur zur Deckung
des Weizen- und Gerstenbedarfs war in den genannten drei
Jahren eine Zufuhr aus dem Auslande im Betrag von etwas
mehr als einem Drittel desselben notwendig. Wir haben aber
gesehen, daß seit Aufhebung des Indentitätsnachweises der
Inlandpreis fast um den ganzen Betrag des Zolls über
dem Weltmarktpreis steht. Es läßt sich ferner behaupten,
daß nach der landwirtschaftlichen Betriebszählung von 1907
bestenfalls 19 % der 63 219 000 Bewohner des deutschen Zoll-
gebiets selbst gebautes Getreide verbrauchten. Unter Zugrunde-
legung dieses Prozentsatzes, der viel zu hoch ist, mußten die
übrigen 81 % in den drei Jahren 3 059 329 702 Mk. mehr aus-
geben, wovon 2 682 316 537 Mk., in jedem Jahr durchschnittlich
894 105 512 Mk. in die Taschen Privater geflossen sind. Das,
was die Zölle auf Roggen, Weizen, Gerste und Hafer in den
Jahren 1907/09 dem Reiche gebracht haben, hat den Steuer-
zahler allerdings nur mit 7,36 Mk. pro Kopf der Getreide kaufen-
den Bevölkerung, in jedem der drei Jahre durchschnittlich
mit 2,45 Mk. belastet, das aber, was er infolge derselben hat
mehr zahlen müssen, beziffert sich auf 59,74 Mk. oder im Jahres-
durchschnitt 19,91 Mk. pro Kopf der Getreide kaufenden
Bevölkerung. Vergl. die 2- Beilage im Anhang.

Dem Reiche aber haben diese Zölle nicht nur nicht
genug eingebracht, sie haben es geradezu geschädigt, in-
dem die Leistung von mehr als 2 y2 Milliarden Mark
welche die Steuerzahler in drei Jahren infolge nur dieser
vier Zölle an Private haben zahlen müssen, ihre Fähigkeit
zur Zahlung anderer Steuern vermindert hat. Die deutschen
Einanzminister würden' in Gold schwimmen, wenn sie diese
Beträge in ihre Kassen hätten leiten können. Statt dessen
wird durch die hohen Preise, welche die Masse des Volke infolge
        <pb n="35" />
        ﻿35

dieser und anderer Schutzzölle zu zahlen hat, ihre Leistungs-
fähigkeit an den Staat erschöpft, und das unausbleibliche
Ergebnis ist, daß es stets schwerer wird, dem steigenden
Staatserfordernis mittelst Steuern zu genügen. Es bleibt
dann nichts anderes übrig, als Schulden machen. Während
cs den Engländern gelungen ist, auf Grund ihres den
Prinzipien des Freihandels entsprechenden Budgets trotz
enorm gestiegener Ausgaben für Heer und Marine die einst
als fabelhaft geltende englische Staatsschuld so zu mindern,
daß 19ÖB die Schulden von Staat und Gemeinden in Groß-
britannien und Irland nur mehr 24 082 Millionen Mark betragen,
ist in Deutschland bei einem dem Schutzzoll entsprechenden
Einanzsystem die Schuldenlast von Reich, Staaten und Ge-
meinden von 1871—1909 auf 26,2 Milliarden Mark ange-
wachsen.

Die Belastung der Konsumenten.

Hohe Getreidepreise bedeuten hohe Brotpreise. Das
ist ziffernmäßig von Hirschberg1) an den Berliner Brot-
preisen gezeigt worden. Die Familien, die viel Brot verbrauchen,
tragen also die Hauptlast der Verteuerung. Je ärmer eine
Familie, um so größer ist ihr Brotkonsum. Und je kinder-
reicher eine ist, um so mehr Brot braucht sie und um so viel
mehr wächst die Last, die auf dem Brote liegt. Am schwersten
und drückendsten ist also die Zollbelastung gerade für die
untersten Schichten, die ärmsten und kinderreichsten.

Wie hoch ist sie?

Roncador berechnet den jährlichen Durchschnitts-
Verbrauch an Getreide bzw. Mehl auf den Kopf der Bevölkerung
auf 2 Doppelzentner, für eine normale 5 köpfige Familie be-

1) Dr. Hirse hberg (bei Conrad Bd. XC. der Schriften des Vereins
für Sozialpolitik, Seite 111).

3*
        <pb n="36" />
        ﻿36

deutet also nach dieser Berechnung die jährliche Mehr-
ausgabe für Brot und Mehl über 50 Mk.

Und wenn wir den sorgfältigen Berechnungen M o in-
fo e r t s *) folgen, so beträgt bei 75 Familien im Durchschnitt
die Belastung

bei einem Zoll von Mk. 5,— Mk. 45,40 = 5,20% des Einkommens
...............5,50 Mk. 49,90 = 6,72% -

Da das Einkommen dieser Familien im Durchschnitt
1136,8 Mk. beträgt, der tägliche Arbeitsverdienst also bei
300 Arbeitstagen 3,8 Mk., so muß der Arbeiter bei einem
Zollvonö Mk. 12Tage,beieinemZollvon 5,50 Mk.
13,1 Tage arbeiten, um allein den Zoll auf-
zubringen.

Die nächste Folge dieser Belastung ist die Minderung der
Kaufkraft einmal für andere Nahrungsmittel, Fleisch, Eier,
Butter, Gemüse, Obst, anderseits für gewerbliche Gebrauchs-
gegenstände. Von der Einschränkung der Kaufkraft für andere
Lebensmittel hat der Bauer einen direkten Nachteil, für ge-
werbliche Gegenstände der Handwerker, hier namentlich das
Schneider- und Schuhmachergewerbe. Und wie der kleine
Mann an Schuhen oder Kleidern sparen muß, schränkt er in
Zeiten der Teuerung auch sein Wohnungsbedürfnis ein, so-
weit er kann. Heute schon sind z. B. in München 26,4 % aller
Wohnungen Teilwohnungen, d. h. über % aller Wohnungen
gehört nicht einer Familie allein, Sondern mehrere teilen sich
darein, und zwar besteht die Mehrzahl dieser Teilwohnungen
aus nur einem Raum. Welche tief schädigenden Wirkungen
dieses Gedrängtwohnen in physischer und moralischer Beziehung
ausübt, braucht nicht erst ausgeführt zu werden.

b Mombert, Die Belastung des Arbeitereinkommens durch die
Kornzölle. (Jena 1901.)
        <pb n="37" />
        ﻿37

Als Folge der Teuerung sehen wir allenthalben Lohn-
bewegungen der Arbeiter entstehen, die sich für die Belastung
ihres Lebensunterhalts schadlos zu halten suchen. Vielfach
ist es zu Arbeitseinstellungen gekommen. Nicht alle Streiks
waren aber erfolgreich, und nicht in allen Gewerben. So ist
namentlich im Bergbau mit seinen Hunderttausenden von
Arbeitern der Durchschnittslohn des Arbeiters nicht ent-
sprechend der Teuerung gestiegen. Nach der amtlichen Lohn-
statistik sind die Bergarbeiterlöhne des Oberberg-
amtsbezirks Dortmund zwischen 1908 und 1910 herunter-
gegangen. Der Jahresarbeitsverdienst eines Arbeiters (Gesamt-
belegschaft) betrug nach dem Jahresbericht des Vereins für
die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund

1906; 1402 Mk
1907:1562	-

1908:1494	-

1909; 1350	-

1910:1382	-

1900: 1332 Mk.
1901: 1224	-

1902:1131	-

1903: 1205	-

1904:1208	-

1905: 1186	-

Der Lohn stieg und fiel je nach der Konjunktur, um die
Teuerung kümmerte er sich wenig. Augenblicklich zeigt er
wieder etwas steigende Tendenz. Und sehen wir die Fest-
besoldeten an, die Beamten in Staat und Gemeinde! Ihre
Gehälter wurden erhöht mit Rücksicht auf die Teuerung,
aber diese Gehaltserhöhungen wurden wieder verschlungen
durch die Steuererhöhungen, die nötig wurden, um die Beamten-
gehälter aufzubessern und durch das weitere Steigen der Waren-
preise. So dreht sich alles in einem circulus vitiosus bei dem
Unseligen Wirtschaftssystem des Schutzzolles für Alle. Bekommt
der Eine zu essen, dann schreien die Andern, und damit diese
den Einen essen lassen, bekommen auch sie den Mund gestopft;
und schließlich muß der wirtschaftlich Schwächere für den
        <pb n="38" />
        ﻿38

Stärkeren zahlen. Bemerkenswert ist, daß die Erhöhung der
Zivilliste des Königs von Preußen mit einem Hinweis auf die
allgemeine Teuerung begründet wurde.

Soziale Wirkungen.

Daß zwischen der Höhe der Getreidepreise
und der Kriminalität ein Zusammenhang besteht, hat
der Statistiker GeorgvonMayr1) schon 1867 für Bayern
inbezug auf die Roggenpreise dargetan. Er sagte: „Die Linien
sind so überraschend parallel, daß man nicht anstehen kann,
zu bekennen, daß in der Periode 1835 bis 1861 so ziemlich
jeder Sechser (= 17 Pf. heutiger Reiohswährung), um den
das Getreide im Preis gestiegen ist, auf je 100 000 Einwohner
in Bayern diesseits des Rheins einen Diebstahl mehr hervor-
gerufen hat, während anderseits das Fallen des Getreidepreises
um einen Sechser je einen Diebstahl bei der gleichen Zahl von
Einwohnern verhütet hat.“ Infolge der Industrieentwicklung
haben sich die Verhältnisse indessen etwas geändert. Einmal
ist an Stelle des Roggenkonsums ein steigender Weizenkonsum
getreten, so daß man bei Anstellung neuer Vergleiche nicht
mehr allein die Roggenpreise berücksichtigen darf, sondern
Roggen- und Weizenpreise zusammenfassen muß. Ferner
sind die Schwankungen der Erwerbsgelegenheit heute weit
stärker als früher, was natürlich einen nicht unerheblichen
Einfluß auf die Ziffer der Eigentumsvergehen hat. Bei steigen-
den Getreidepreisen sehen wir aber im allgemeinen auch heute
noch Diebstahl und Hehlerei zunehmen, aber sie nehmen
nicht zu und ab ganz genau in demselben Maße, da durch die
größere oder geringere Arbeitsgelegenheit Ausgleichungen oder

x) Statistik der gerichtlichen Polizei im Königreich Bayern und einigen
anderen Ländern. München 1867, Seite 42, 56, und G. Mayr, Die Gesetz-
mäßigkeit im Gesellschaftsleben. München 1877, Seite 344 bis 347.
        <pb n="39" />
        ﻿39

Verschärfungen erfolgen können. Als Ausnahmen von der
Regel kommen auch Zeiten vor, wo trotz niedriger Preise die
Eigentumsvergehen zunehmen und umgekehrt, weil im ersten
Eall eine niedergehende Konjunktur, im letzteren eine steigende
einen mächtigen Einfluß auszuüben imstande war. Am stärksten
aber zeigt sich der Einfluß der Getreidepreise auf die Zunahme
dieser Vergehen, wenn sie mit einer industriellen Rückwärts-
bewegung zusammenfallen wie 1908. Dann wirken die hohen
Lebensmittelpreise im besonderen Maße unheilvoll. —

Die Beziehungen zwischen Unterernährung und
Alkoholismus sind durch die Untersuchungen unserer
ersten Hygieniker längst nachgewiesen. So schreibt G r o t j a h n1)
1898: „Bei sinkender Yolksernährung stellen sich Brannt-
wein und Kaffee als regelmäßige Begleiter der Mahlzeiten ein.
Der Schnaps wirkt hier um so deletärer, als er ja in unter-
ernährten Organismen seine Wirksamkeit entfaltet ..“

Zölle und We h r kraft.

h	I

Auch mit politisch-patriotischen Gründen hat man die
Notwendigkeit hoher Getreidezölle zu beweisen gesucht. Man
behauptete, die deutsche Landwirtschaft sei die Grundlage der
deutschen Wehrkraft; ohne Getreidezölle aber sei die Land-
wirtschaft dem Untergang geweiht, folglich seien die Getreide-
zölle unentbehrlich zur Aufrechterhaltung der deutschen Wehr-
kraft. Diese Beweisführung ist völlig unzutreffend. Denn
erstens liefert heute die deutsche Landwirtschaft nur mehr
ein Drittel der Rekruten für die Armee und Marine. Selbst in
«inem so stark landwirtschaftlichen Lande wie Bayern stammt
die Mehrzahl der Rekruten von nicht landwirtschaftlich tätigen

l) Gr o t j ahn , Der Alkoholismus nach Wesen, Wirkung und Ver-
breitung 1898.
        <pb n="40" />
        ﻿40

Eltern. Und zweitens haben nur 23 % der landwirtschaftlichen
und ein noch viel geringerer Prozentsatz der Gesamtbevölkerung
des Deutschen Reiches ein wirkliches Interesse an hohen Ge-
treidepreisen. Ferner malt man uns das Gespenst des Aus-
hungerns im Kriegsfall an die Wand, wenn Deutschland seinen
ganzen Getreidebedarf nicht selbst erzeugen könne. Das ist
gänzlich hinfällig. Denn schon in Friedenszeiten haben wir
nicht genug Arbeiter, um unsere Felder zu bestellen, namentlich
in den eigentlichen deutschen Getreidebaugegenden. Nach
der Mitteilung des Generalsekretärs der Landwirtschafts-
kammer von Pommern, Dr. von Stojentin, sind gemäß dem
Bericht der Feldarbeiterzentrale vom 1. Januar bis 1. Oktober
1909 565 000 legitimierte ausländische Arbeiter aus dem Osten
mit der Bestellung der Felder in Deutschland beschäftigt ge-
wesen. Das ist eine Zahl, größer als diejenige, auf welche im
Laufe des Jahres 1915 die Ziffer der Gemeinen, Gefreiten und
Obergefreiten im deutschen Heere erhöht werden soll. Auch
der agrarische Professor Max Sering muß zugeben, daß
wir selbst im Frieden vom guten Willen unserer östlichen Nach-
barn abhängen, ob wir unsere Felder bestellen und ernten
können.

Wie aber soll es erst in einem großen Kriege werden,
wenn sämtliche Männer, die nach den bestehenden Gesetzen
irgendwie dienstpflichtig sind, gleichviel ob wir sie mit
Oberst von Renauld auf 10,2 oder mit anderen auf 4—5
Millionen beziffern, eingestellt würden? Wer sollte dann unseren
Getreidebedarf erzeugen? Schwächlinge, Frauen und Greise,
wie es zu Tacitus Zeiten bei den alten Germanen üblich war.
Die 64,7 Millionen des heutigen Deutschlands aber müßten bei
dieser Methode einfach verhungern. Und eben mit der Not-
wendigkeit, die Zufuhr des von uns benötigten Getreides im
Kriegsfall zu sichern, hat man seinerzeit die Vermehrung unserer
Flotte begründet.
        <pb n="41" />
        ﻿41

Zölle und Löhne.

Neuerdings rechnen die Agrarier dem deutschen Volke
mit Vorliebe die Opfer vor, die die Landwirtschaft des Ostens
für die Industrie bringe, dadurch daß sie jährlich den Über-
schuß ihrer Bevölkerung an die Städte abgebe. Das seien jähr-
lich 200 000 Menschen. Und wenn man die Erziehungskosten
eines ungelernten Arbeiters bis zum Alter von 15 Jahren auf
4000 Mk. schätze, so würde durch den Geldwert dieser vom
Lande gelieferten Menschen die Leistung der Städte und der
Industrie für die Landwirtschaft ausgeglichen werden. Nur
nebenbei sei bemerkt, daß nach einer in Thiels Jahrbüchern
veröffentlichten Arbeit das Einkommen eines erwachsenen
pommerschen Landarbeiters 400—450 Mk. beträgt, so daß die
Summe von 4000 Mk. recht willkürlich hoch gegriffen ist.
Normalerweise würde man entsprechend dem Einkommen
und den Lebensbedingungen dieser Kreise die Erziehungskosten
bis zum 15. Jahr auf höchstens 1500 Mk. veranschlagen dürfen.

Doch das nebenbei. Warum wandern denn die Leute
Vom Lande ab ? Weil ihnen diese Löhnung für ihre Existenz
nicht genügt, und die Stadt ihnen mehr Aussicht vorwärts
Zu kommen bietet. Auch hat diese Abwanderung
zur Zeit hoher Getreidepreise in weit größerem Maße
stattgefunden als heute, und zwar zu einer Zeit, ehe
diese Leute sich der Stadt und der Industrie zuwandten. Vor
deren Aufblühen wanderten im Jahre 1881 nicht weniger als
210 547 Menschen über See aus, und erst unter dem Einfluß
Ares Aufblühens ist die Auswandererzahl auf 19 883 im Jahre
1908 gesunken. Jene Auswanderung war ein großer Verlust,
den die deutsche Volkswirtschaft alljährlich erlitten hat; wenn
diese Auswanderer seit dem Aufblühen der Industrie in Deutsch-
land bleiben, ist es daher nicht die Industrie, welche der Land-
wirtschaft Kräfte entzieht, sondern welche dem Vaterlande
        <pb n="42" />
        ﻿42

die Menschen erhält, denen die Landwirtschaft keine genügen-
den Existenzbedingungen zu bieten vermag.

Auch das ist nicht richtig, daß die niedrigen Getreide-
preise schuld an den niedrigen Löhnen seien. Denn solange die
Getreidepreise hoch waren, wurden niedrigere ländliche Löhne
gezahlt und erst durch die Konkurrenz der aufblühenden In-
dustrie auf dem Arbeitsmarkte stiegen auch die ländlichen
Löhne. Will man freilich durch Hochsohutzzollpolitik die
Industrie in ihrem Export ins Ausland schädigen, dann folgen,
wie wir schon erlebt haben, Arbeiterentlassungen. Dadurch
steigt das Angebot von Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkte
und ein Sinken der industriellen Löhne ist die Folge. Daran
schließt sich dann unfehlbar ein Sinken der ländlichen Löhne.
Es wäre frevelhaft, derartige wirtschaftliche Folgen herbei-
führen zu wollen.

*

Kann die deutsche Landwirtschaft das
deutsche Volk allein ernähren?

Als der neue Zolltarif in Kraft trat, waren die Weltmarkt-
preise gerade im Steigen. Die Zölle erhöhten aber den Inland-
preis noch ein Viertel über diese Weltmarktpreise. Ferner
führt die Landwirtschaft, wie wir gesehen haben, wieder Roggen
und Hafer aus, und sie sieht darin eine Bestätigung ihrer Be-
hauptung, daß sie bei entsprechenden Preisen ihre Erträge leicht
so steigern könne, um den deutschen Bedarf ganz zu decken.

Die Durchsohnittserträge pro Hektar sind folgendermaßen
gestiegen (in kg):

	für Roggen	für Weizen	für Gerste	für Hafer
1882—1891	1162 '	1487	1576	1414
1893—1897	1390	1694	1630	1446
1898—1902	1476	1844	1806	1706
        <pb n="43" />
        ﻿43

für Roggen für Weizen für Gerste für Hafer

1903—4907	.	1610	1978	1900	1892

1908—1909	.	1800	2000	1950	1960

Das ist gewiß eine außerordentliche Leistung und ist mehr
ak die Steigerung, die der verdienstvolle Leiter des preußischen
Landwirtschaftsministeriums Thiel1) im Jahre 1894 für
nötig hielt, damit Deutschland seinen ganzen Getreidebedarf
selbst decke. Aber trotz dieser Ertragssteigerungen, die in
einer Periode sinkender Getreidepreise 1876—1905 eintraten
und also nicht hohen Preisen, sondern vielmehr dem Fort-
schritt der Technik und der dadurch bedingten Verbilligung
mancher Kosten zuzuschreiben sind, konnten wir unsern
Heizen- und Gerstenbedarf im Inland nicht decken;
em Drittel des benötigten Weizens und etwa 40 % der be-
nötigten Gerste mußten wir einführen, obwohl, wie gesagt, auch
hier die Durchschnittserträge weit mehr gestiegen sind, als
Thiel für genügend erklärt hatte. Nur bei Roggen und Hafer
war es möglich, unsern Bedarf zu decken, teils, weil durch das
Steigen der Preise der Landwirtschaft der Anstoß gegeben
"'Urde, auch die schlechtesten Böden mit diesen anspruchs-
loseren Getreidearten zn bestellen, teils, weil die Bevölkerung
Weniger Roggen und mehr Weizen konsumiert.

An 5 2,6 Tagen des Jahres lebt also
Deutschland noch immer von fremdem Ge-
treide. Auch Thiels Berechnung der Zahl von Pferden,
Rindvieh und Schweinen, die nötig wäre, um den deutschen
Bedarf zu decken, hat sich nicht als richtig erwiesen. Denn
Oach ihr hätten wir 1894 nur 64 000 Pferde, 30 000 Stück

J Kann die deutsche Landwirtschaft das deutsche Volk ernähren?
®ntzel von Lengerkes landwirtschaftl. Hilfs- und Schreibkalender
l89L S. 68.
        <pb n="44" />
        ﻿44

Rindvieh, 350 000 Schweine mehr erzeugen müssen, um unseren
Bedarf zu decken. Die Zunahme des Viehbestandes aber war
eine weit größere. Der Bestand war:

Pferde

Rindvieh Schweine

1892	3 836 273

1907	4 345 043

17 555 834	12 174 442

20 630 544	22 146 532

Trotz dieser viel bedeutenderen Steigerung wurden 1909
nach Deutschland 114 369 Pferde mehr ein- als ausgeführt,
Rindvieh 193 074 Stück und Schweine 121 604 Stück. Seit
Thiel seine Berechnungen im Jahre 1894 an-
stellte, ist eben unser Bedarf an Getreide
und Vieh außerordentlich gewachsen.

Ebenso unhaltbar sind die Berechnungen anderer in
dieser Sache. Max Delbrüc k1) und Schumacher1 2)
halten es für möglich, die landwirtschaftliche Produktion
noch einmal zu verdoppeln, nachdem im letzten Jahrzehnt
des 19. Jahrhunderts die Erzeugung von Roggen um 19 %,
von Weizen um 10 %, von Gerste um 3 % und von Kartoffeln
um 25 % gestiegen sei. Eine jährliche Steigerung des Durch-
schnittsertrages um 10,48 kg pro ha soll nach Schumacher
leicht zu erzielen sein. Das reiche aus, wenn die Bevölkerung
sich bis zum Jahre 2000 verdoppeln sollte.

Aber den Berechnungen Delbrücks liegen große Fehler
zugrunde. Der landwirtschaftlichen Produktion um das Jahr
1800 hat er nur die deutsche Bevölkerung gegenübergestellt-
welche sie damals versorgte, statt ihr die auswärtige Bevölke-
rung hinzuzuzählen, welche damals aus Deutschland Getreide

1)	Max Delbrück', Die deutsche Landwirtschaft an der Jahr-
hundertwende. Berlin 1900. S. 10,31 ff.

2)	Schumacher, Uber Körnererträge in der Landwirtschaft-
Berlin 1901.
        <pb n="45" />
        ﻿45

bezog. Die Bevölkerung, welche damals von Deutschland
mit Getreide versorgt Avurde, war also weit größer als Delbrück
sie angibt. Die deutsche Getreideproduktion hat aber mit
dem Wachstum dieser Bevölkerung nicht Schritt gehalten,
auch in den Zeiten nicht, als Avir sehr hohe Getreidepreise
hatten; denn schon seit 1852 führen wir mehr Roggen und
seit 1876 auch mehr Weizen ein als aus. Und erst in den
letzten Jahren durch den Rückgang des Roggenkonsums und
stärkeren Weizenkonsum in Verbindung mit der Politik der
Getreideexportprämien sehen wir wieder eine Roggenausfuhr.
Auch die Anbaufläche, die Delbrück für seine Berech-
nungen heranzieht, ist nicht richtig. Denn vor 100 Jahren
gab es in Deutschland Gegenden, in denen mehr als ein Drittel
hes Bodens unbebaut war und bis 1878 kommt die Steige-
rung seiner Produktion wesentlich auf Rechnung der Aus-
dehnung der Ackerfläche. Erst seitdem sehen wir eine Stei-
gerung der Erträge pro Hektar durch rationellere Bewirt-
schaftung. Für die Berechnung der Ertragssteigerung aber
kann nur die Ertragssteigerung pro Hektar in Frage
kommen. Und auch das hat Delbrück nicht berücksichtigt,
daß der Bedarf der Bevölkerung in den letzten 100 Jahren
außerordentlich gewachsen ist, daß die deutsche Bevölke-
rung heute nicht nur durchschnittlich besser ernährt ist,
sondern auch besser ernährt sein muß, weil ihre heutige
Tätigkeit einen weit größeren Nervenverbrauch mit sich bringt
Und deshalb einen hochwertigeren Ersatz der verbrauchten
Kräfte verlangt. Es steigt also notwendig der Verbrauch
auimalischer und auch landwirtschaftlicher Produkte pro Kopf.
Außerdem aber ist der Bedarf an Bodenfrüchten für andere
as Nahrungszwecke, für Verwendung in der Industrie im
Laufe des 19. Jahrhunderts außerordentlich gestiegen, und
aUch dieser Bedarf muß befriedigt werden, wenn das deutsche
^ olk fortbestehen und sich weiter entwickeln soll.
        <pb n="46" />
        ﻿46

Und endlich fehlt in diesen Arbeiten die Berück-
sichtigung der Tatsache, daß die landwirtschaftlich
genutzte Fläche des Deutschen Reiches in fort-
währendem Abnehmen begriffen ist.

Sie betrug im Jahre 1878
1883
1893
1900

3 672 601 540 a
3 564 041 900 a
3 516 459 680 a
3 505 539 760 a

Für später haben wir leider keine statistischen Angaben.
Während also von der landwirtschaftlich genutzten Fläche
im Jahre 1878 auf den Kopf der Bevölkerung noch 83 a kamen,
waren es 1883 nur mehr 77 a, im Jahre 1893 nur mehr 69 a,
im Jahre 1900 nur mehr 62 a pro Kopf. Sie nahm also
jedes Jahr um 0,95 apro Kopf ab. Man denke
weiter, daß nur wenig mehr als ein Drittel der land-
wirtschaftlich genutzten Fläche dem Ge-
treidebau dient und nahezu zwei Drittel mit Hülsen-
früohten, Hackfrüchten, Gemüse, Handelsgewächsen und
Futterpflanzen bestellt sind.

Die Getreideanbaufläche aber hat pro K o p f
abgenommen, und zwar von

1878—1883	im Jahresdurchschnitt um	0,240	a

1883—1893	-	-	-	0,219	a

1893—1900	-	-	-	0,314	a

1900—1909	-	-	-	0,336	a.

Selbst, wenn die dem Getreidebau dienende Fläche nicht
weiter abnehmen sollte, sondern um die Mitte des 20. Jahr-
hunderts, was ja nicht wahrscheinlich ist, immer noch so groß
wäre wie 1909, nämlich 14 217 712 ha, selbst dann betrüg6
sie n u r mehr 1 4,2 laauf den Kopf der Bevölke-
rung, denn die deutsche Bevölkerung wächst, und aus den
        <pb n="47" />
        ﻿47

65 Millionen, die sie 1910 zählte, sind bis 1950 wahrscheinlich
100 Millionen geworden. Und wenn dann nur mehr 14,21 a,
das ist wenig mehr als ein halber preußischer
Morgen auf den Kopf der Bevölkerung
kommen, wollen da die Agrarier behaupten,
daß auch dann noch der gesamte deutsche
Getreidebedarf auf deutschem Boden er-
zeugt werden kann?

Gewiß lassen sich noch weite Moorstrecken urbar
machen und in Getreideland verwandeln, aber nach den Be-
rechnungen Dr. H offarths1), der für die Urbarmachung
der Moore eintritt, würden die urbar gemachten 650 000 ha
Moore nur 1 170 000 Tonnen Getreide liefern. Dahingegen
bat schon im Jahre 1909 die Einfuhr der vier Hauptgetreide-
arten um 4 643 184 Tonnen mehr als die Ausfuhr betragen.
Auch wenn man einen Teil des Wiesen- und Kartoffellandes
zum Getreidebau verwendete, würde es nur für kurze Zeit
ausreichen, um den Getreidebedarf zu decken, ganz abgesehen
davon, daß dies wirtschaftlich sehr töricht sein würde; denn
Warum werden denn diese Ländereien heute nicht mit Getreide
bestellt? Doch offenbar nur, weil die jetzige Art der Boden-
benutzung rentabler ist. Auch läßt sich das Getreideland
uicht auf Kosten des Waldbodens vergrößern, denn die Einfuhr
von Holz übersteigt in jährlich wachsendem Maße die Ausfuhr,
*md der ausgezeichnete Sachverständige Prof. E n d r e s1 2)
sagt, daß noch etwa 10,7 Millionen Hektar notwendig seien,
um den fehlenden deutschen Holzbedarf zu decken.

1)	Hoffarth, Die bisherige Getreideeinfuhr, der Wiederbeginn
Ut&gt;d das Ende der Selbstproduktion des erforderlichen Getreides auf deutschem
h°den. Leipziger Dissertation. Münster, Westfalen 1910. S. 62 ff.

2)	E n d r e s , Handwörterbuch der Staatswissensohaften. 3. Auflage.
S. 427.
        <pb n="48" />
        ﻿48

Die Agrarier verweisen schließlich auf die inter-
nationale Erntestatistik, die ergibt, daß die
in England, Belgien, Holland und Dänemark pro Flächen-
einheit erzielten Erträge die deutschen Ernteerträge erheblich
übertreffen. Sie meinen, wir müßten ebenso weit kommen.
Sie übersehen aber, daß der Boden Deutschlands durch-
schnittlich schlechter und sein Klima ungünstiger ist, als das
der genannten Länder. Und zweitens, daß dort nur das für
Getreidebau vorzüglich geeignete Land für Getreidebau ver-
wendet wurde. Auf Böden gleicher Güte wie
der genannten Länder haben wir heute
schon die gl eichen, wenn nicht größere
Durchschnittserträge als diese Länder. Was
bei uns die Ziffer der jährlichen Durchschnittserträge drückt,
ist das unfruchtbare Land, das bei uns mit Getreide bestellt
wird. Die Erträge des unfruchtbaren Landes also müßten
bei uns vor allem gesteigert werden, wollen wir unseren gesamten
Getreidebedarf auf deutschem Boden erzeugen. Hierzu
wären aber außerordentlich hohe Eruchtpreise nötig, um Mehr-
erträge zu erzielen. Eine solche Wirtschaftspolitik ist jedoch
im volkswirtschaftlichen Gesamtinteresse nicht wünschenswert.

Die Not der Landwirtschaft.

Warum sind unsere Landwirte im Getreidebau mit den
Landwirten Amerikas, Rußlands, Argentiniens und anderer
Länder nicht konkurrenzfähig und warum können sie es auch
mit Hilfe der Getreidezölle nicht werden ?

Die Ursachen liegen in den größeren Kosten des deut-
schen Getreidebaues. Die Kosten des Getreidebaues
bestehen aus Verzinsung des Bodenwertes, Kapitalzins, Ar-
beitslohn, Steuern.

Wie verhalten sich diese Kosten in Deutschland zu denen
in seinen Konkurrenzländern ?
        <pb n="49" />
        ﻿49

Die Steuern, welche die Landwirtschaft zu tragen hat,
sind in den beiden letzten Dezennien in allen deutschen Staaten
erheblich herabgesetzt worden. Ein Beispiel hierfür ist
namentlich Bayern. Hier sehen wir eine fortgesetzte Er-
mäßigung der Grundsteuer, die durch die Steuerreform von
1910 wieder fast um die Hafte herabgesetzt wurde. Wenn
wir den Angaben des Ministers v. Brettreich folgen,
stiegen umgekehrt die Aufwendungen des Staates für die
Landwirtschaft von 1 847 229 Mark in den Jahren 1880/81
auf g 061 356 Mark i. J. 1904. An den Steuerverhältnissen
kann es also nicht liegen.

Auch in den Arbeitslöhnen kann die Überlegen-
heit der Konkurrenzländer nicht begründet sein. Denn der
Lohn in den Vereinigten Staaten und Argentinien beträgt
soviel Dollars wie bei uns Mark, und der russische Arbeitslohn,
der nominell etwas niedriger wie der unsere ist, ist in Wahr-
heit durch die geringere Arbeitsleistung des russischen Ar-
beiters kaum von den unseren unterschieden.

Auch der Zinsfuß ist bei uns erheblich niedriger als in
Hu Bland und Amerika. Der Hypothekenzinsfuß der Land-
schaften und Hypothekenbanken war in den letzten Dezennien
m Deutschland 3% % bis 4 %, und die landwirtschaftlichen
Zentralgenossenschaften haben selbst zu der Zeit, da der
Diskontsatz der Reichsbank auf 7,5 % stieg, Personalkredit
gegen einen Zins von 4—6 % gewährt. In Rußland beträgt
der Hypothekenzinsfuß angeblich 4 %, der Zinsfuß bei Per-
sonarkredit aber 24—200 % pro Jahr, bei Genossenschaftskredit
8	12 °/0 pro Jahr; jeder Rubel, den der Bauer an Steuern

zahlt, kostet ihm 2 oder 3. In Amerika betrug der Zinsfuß
1880—90 ^ in den Getreide ausführenden Staaten zwischen
8 und 9 %.

Wo also liegt der Vorteil der Konkurrenzländer? Aus-
schließlich im niedrigen Bodenwert, dessen not-

4
        <pb n="50" />
        ﻿50

wendige F olge die extensivste Bewirtschaftung ist. In den Getreide
ausführenden Gouvernements Rußlands kostet der Hektar
zwischen 19 und 224 Mark, in Argentinien zwischen
17 und 80 Mark, in den Vereinigten Staaten zwischen
64 und 690 Mark, in Deutschland dagegen
kostete gleichzeitig der Boden, selbst in den billigsten Gegenden
das drei- bis hundertfache. Hier liegt die Ur-
sache der mangelnden Konkurrenzfähigkeit der deutschen
Landwirtschaft mit dem Ausland. Wie aber wirkt der Ge-
treidezoll ? Indem er den Getreidepreis steigert, was er ja
soll, steigt die Geldrente, welche der Boden abwirft, und ent-
sprechend steigt der Bodenwert. Der Landwirt, der jetzt
verkauft, — und je höher einer verschuldet ist, um so größer
ist die Versuchung für ihn, zu verkaufen — hat jetzt vom
Getreidezoll sicherlich einen großen Nutzen gezogen; sein
Nachfolger aber, sei es der Käufer oder der Sohn, ist alsbald
wieder in der nämlichen Notlage, wie der Vorgänger, ehe es
einen Zoll gab, denn er hat den Boden zu teuer gekauft oder
übernommen und gerät bei sinkenden Getreidepreisen in
Schwierigkeiten, die Zinsen des gesteigerten Bodenpreises
her auszu wirtschaften. Der Getreidezoll hat also dem geholfen,
der den landwirtschaftlichen Beruf aufgab. Dem aber, der
in diesem Beruf arbeiten will oder muß, hat er die Existenz-
bedingungen erschwert. Er befindet sich alsbald wieder in
Not. Dann werden abermals höhere Zölle gefordert und so
fort. Es ist eine Schraube ohne Ende. Oder wie Dr. R u h 1 a n d
1886 geschrieben hat: „Bringt der Schutzzoll... wirklich
eine Besserung des landwirtschaftlichen Einkommens zuwege»
so wird diese Hilfe zunächst von dem steigenden Grundpreise
und danach von der steigenden Grundversohuldung aufgesogen-
Die kritische Lage des Grundbesitzes ist aber nachher dieselbe
wie vorher. Soll also z. B. das Mittel des Schutzzolls nur fort-
gesetzte Linderung bringen, so muß notwendigerweise ein
        <pb n="51" />
        ﻿51

Skalazoll ohne Ende zur Anwendung gelangen, und zwar so,
daß mit dem niedrigsten Satze begonnen wird. Ist dieser von
der Verschuldung auf gesogen, so muß etwa eine Verdoppelung
eintreten. Ist auch diese Quote von dem Grundpreise und
seinen Verpflichtungen verschluckt, eine Verdreifachung des
ursprünglichen Satzes usw. ohne Ende/' Diese Wahrheit
wird auch heute von Dr. ß u h 1 a n d , nachdem er der wissen-
schaftliche Beirat des Bundes der Landwirte geworden ist,
nicht bestritten. Und in der Tat ist es unbestreitbar, wie die
Tatsachen zeigen. Und diese Tatsachen sind gerade unter
der Wirkung des Zolltarifs von 1902 so zahlreich zutage ge-
treten, daß es notwendig ist, eine Anzahl derselben mitzuteilen:

In der klerikalen „Schlesischen Volkszeitung“ hieß es
Tnde Dezember 1908:

Das Gut Quirren, etwa 1000 Morgen groß, wurde im Jahre
1891 für den Preis von 70 000 Mk. verkauft. 1907 erstanden
~ Herren aus Allenstein genanntes Gut für 19(’i 000 Mk. und
überließen es endlich 1909 an einen Herrn v. Rogowski für
240 000 Mk., der es vor wenigen Wochen mit einem weiteren
Aufschlag von einigen tausend Mark losgeschlagen haben soll.
Innerhalb 17 Jahren hat also in diesem Falle eine Preissteige-
rung von mehr als 170 000 Mk. stattgefunden oder um das
Zweieinhalbfache.

..Das Gut Windeck, 1050 Morgen groß, kaufte im Jahre
1891 ein Herr Marx für 76 000 Mk.

Nach verschiedenen Weiterverkäufen erzielte der letzte
Inhaber 330 000 Mk. Das Gut ist also seit 1891 um nicht weniger
al« 254 000 Mk. gestiegen.“

Oder um neuere Mitteilungen hier wiederzugeben: Das
^berliner Tageblatt“ vom 27. Juni 1910 berichtet: „Das
bittergut Odin im Kreise Luckau wurde vor 12 Jahren für
2~0 000 Mk. verkauft; vor 1% Jahren ging es für 500 000 Mk.
ln ändere Hände über, und jetzt vor kurzer Zeit ist es abermals

4*
        <pb n="52" />
        ﻿52

für 750 000 Mk. verkauft worden. Also in 12 Jahren eine Preis-
steigerung auf fast das Dreifache.“

In der „Frankfurter Zeitung“ (viertes Morgenblatt Nr. 314
vom 13. November 1910) berichtet Paul Belgard über
den im letzten Jahrfünft so gewaltig angestiegenen und mit
so gewaltigen Wertsteigerungen verbundenen Besitzwechsel,
„daß man geradezu von einem Verkauf- und Kauftaumel
im ganzen Osten des Reiches sprechen muß“. Es ist gar nicht
möglich, alle die Belege wiederzugeben, die Belgard anführt.
In Ostpreußen hätten sich, seit der Zolltarif seine Wirkung
ausübt, die Bodenpreise nahezu verdoppelt. In Ostpreußen,
könne man sagen; „Jeder ländliche Besitz ist käuflich, mit
Ausnahme natürlich der Fideikommisse und einigen wenigen,
gewissen Familien seit lange gehörigen Besitzungen.“

Nicht bloß Zeitungen haben über solche Steigerungen
der Bodenwerte im Gefolge der Zollerhöhungen berichtet;
es wird darüber an maßgebenden Stellen geklagt, weil sie
die Kolonisation der Ostmark erschweren;
und eben die Steigerungen der Bodenpreise, sowohl durch
die hohen Getreidezölle wie durch die Tätigkeit der Ansied-
lungskommission, wurden seinerzeit von vielen Seiten als
ein Grund geltend gemacht, warum ein Enteignungs-
gesetz für die Provinzen Posen und Westpreußen erlassen
werden müßte.

Im Durchschnitt des Jahrfünfts 1903—1907 haben nach
der Statistischen Korrespondenz vom Juli 1910 in Preußen
137 964 ländliche Grundstücke (über 2 ha groß) den Besitzer
gewechselt. Die Zahl ist von Jahr zu Jahr gewachsen:

1903	122	733

1904	131	087

1905	141	923

1906	145	131

1907	148	962
        <pb n="53" />
        ﻿53

In diesen 5 Jahren zusammen also haben 689 826 ländliche
Grundstücke einen neuen Besitzer erhalten, ein Teil von ihnen,
allerdings nur ein kleiner, ist natürlich von Todes wegen in
andere Hände übergegangen. Die Besitzwechsel innerhalb
derselben Familie (durch Erbgang, Vermächtnis und Schenkung
von Todes wegen oder durch Gutsüberlassung bei Lebzeiten
an Kinder oder Schwiegerkinder) betragen aber nur 22,4 %
der Gesamtzahl. Alle übrigen 77,6 % sind durch Kauf, Tausch
USW. an Fremde übergegangen. Sehr oft sehen wir sogar einen
2-—Smaligen, ja noch öfteren Besitzwechsel ein und desselben
Grundstücks innerhalb dieser Zeit, woraus hervorgeht, in
welchem Maße der Boden zu einem Spekulationsobjekt, statt
zu dauernder Grundlage einer Familienexistenz geworden ist.

In den westlichen Landesteilen wurde bei weitem diese
Verkaufsziffer nicht erreicht. Während die Jahreswechsel-
ziffer im Durchschnitt für ganz Preußen 64,4 vom Tausend
beträgt, stellt sie sich für die Rheinprovinz auf 23,9, für Hessen-
Nassau auf 35,8 und für Westfalen auf 38,1. In den östlichen
Landesteilen, mit Ausnahme der Provinz Schlesien und ebenso
in Schleswig-Holstein übertrifft der Besitzwechsel sehr stark
den preußischen Durchschnitt. In der Provinz Posen haben
jährlich 99,9 vom Tausend den Besitzer gewechselt, in Ost-
preußen 100,1, in Schleswig-Holstein 112,2, in Westpreußen
119,6.

Das sind verhängnisvolle Wirkungen der Getreidezölle,
die auch von landwirtschaftlichen Autoritäten durchaus an-
urkannt werden. Der ostpreußische Generallandschafts-
direktor, Geh. Oberregierungsrat Dr. Kapp1) begründete
die Entschuldungsvorlage vor dem Generallandtag der Ost-
Preußischen Landschaft u. a. mit der Steigerung der Zinslasten

1) Ordentl. 47. Generallandtag der ostpreußischen Landschaft. Vor-
ige 22. S. 6, 27.
        <pb n="54" />
        ﻿54

,i n f o 1 g e einer volkswirtschaftlich recht
bedenklichen Steigerung der Güterpreise“.

Er sagt weiter: „Bei Erlaß des neuen Zolltarifs ist von
den Gegnern der Landwirtschaft mit Vorliebe darauf hin-
gewiesen, daß die Erhöhung der landwirtschaft-
lichen Zölle nur den jeweiligen Besitzern
zugute kommen würde. Es ist dies der ge-
fährlichste und am schwersten zu wider-
legende Einwand gegen unsere neuen Agrarzölle“, und
da Kapp ihn nicht zu widerlegen vermag, beantragt er die
Festsetzung einer Verschuldungsgrenze, um der mit den
steigenden Güterpreisen Hand in Hand gehenden höheren
Verschuldung vorzubeugen. Um dieselbe Zeit sagte der
preußische L a n d w i r t s o h a f t s m i n i s t e r Herr
von Arnim im Abgeordnetenhause: „Zweifellos bringt
die Zollgesetzgebung den jetzt lebenden Landwirten nicht
unerhebliche Vorteile. (Sehr richtig links. Heiterkeit.) Sicher
ist, daß diese Vorteile in gewisser Zeit,
meist schon in einer Generation, in Ge-
stalt von höheren Schulden, eskomptiert
sein werden, so daß dann die Landwirt-
schaft sich wieder auf demselben Stand-
punkt befinden wird, auf dem sie heute
steht. (Sehr richtig links.) Die Zollgesetzgebung hätte
dann also gar nichts genützt; sie hätte vielmehr geschadet.
Denn fände je eine Verminderung oder Aufhebung der Zölle
statt, — und wer wollte die Möglichkeit dafür leugnen? —
Dann, meine Herren, werden Katastrophen der allerschlimmsten
Art eintreten. Unsere Zollgesetzgebung ist nur dann zu recht-
fertigen, wenn wir auch Maßregeln ergreifen, um die nicht
gewollten ungünstigen Begleiterscheinungen zu bekämpfen.“
Nun dürften allerdings die im übrigen sehr beachtenswerten,
auch von Herrn v. Arnim empfohlenen Vorschläge Dr. Kapps
        <pb n="55" />
        ﻿56

zur Entschuldung des Grundbesitzes die vom Minister in Aus-
sicht gestellte Katastrophe nicht abzuwenden vermögen, wenn
die Forderung des Organs des Bundes der Landwirte in
seiner übellaunigen Erwiderung an den Minister zur Erfüllung
käme, daß der Zollschutz unvermindert aufreohterhalten
würde. Vielmehr dürfte dann diese Katastrophe mit Schrecken
hereinbrechen. Man erwäge, daß die landwirtschaftlich
benutzte Fläche des Deutschen Reiches jährlich um 0,95 a
pro Kopf der Bevölkerung abgenommen hat, so daß bei
fortschreitender Bevölkerung um die Mitte des Jahr-
hunderts wenig mehr als ein halber preußischer Morgen auf
den Kopf der Bevölkerung kommen wird, auf dem nach der
schutzzöllnerischen Forderung der gesamte Bedarf des deutschen
Volkes an Bodenfrüchten erzeugt werden soll. Trotz aller
Steigerung der Erträge pro Flächeneinheit ist der Gedanke
absurd. Je mehr wir uns aber dem Zeitpunkt nähern, werden
Jahr für Jahr die Lebensmittelpreise und als Folge die Bodenpreise
die Tendenz haben zu steigen. Und wenn auch der jährlich
wachsende Prozentsatz des deutschen Volkes, der nicht
von der Landwirtschaft lebt, eben deshalb von den
Agrariern als eine nicht in Betracht kommende, verächtliche
Masse behandelt zu werden pflegt, so dürfte der von Herrn
v- Arnim in Aussicht gestellte Tag, an dem die Getreidezölle
wieder beseitigt werden, unaufhaltsam herannahen. Je höher
dann die Bodenpreise durch die Zölle getrieben sein werden,
desto furchtbarer wird der Zusammenbruch sein. Gerade vom
Standpunkt der Landwirtschaft also müssen alle wahren Freunde
derselben auf die allmähliche Herabminderung der Zölle be-
dacht sein. Das ist das einzige Mittel, ohne verhängnis-
volle Wirkungen für den landwirtschaffliehen Grundbesitz
die Rückkehr von den gegenwärtigen ungesunden, verkünstelten,
gefährlichen zu gesunden, natürlichen, ruhigen Verhältnissen
herbeizuführen.
        <pb n="56" />
        ﻿Anhang.
        <pb n="57" />
        ﻿Beilage Nr. I. (aus Brentano: Die deutschen Getreidezölle. 2. Auflage S. 120, 121).

Steigerung der Kaufpreise für Landgüter und Stückländerelen ln Prozenten ausgedrttckt, bezogen

auf die Preise der Periode 1895—97,

innerhalb der Stufen des durchschnittlichen Grundsteuerreinertrags bei Zusammenfassung aller Größenklassen.

(Aus Walther Rothkegel, Die Bewegung der Kaufpreise für ländliche Besitzungen und die Entwickelung der Getreidepreise im
Königreich Preußen von 1895 bis 1909. Sohmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft i. D. R.

Steigerung der Kaufpreise für Landgüter.

Regierungs-  bezirk	Stufe des		durchschnittlichen Grundsteuerreinertrags für 1 ha								Alle 5 Stufen zusammengefaßt		
	I. unter  2 Taler		II. von  2—5 Taler		III. von 5—10 Taler		IV. von  10—20 Taler		V. von  20 Tabu, mehr		Anzahl der ver- wendeten Kauf- preise	Steigerung in Prozenten	
	von  1895/97  bis  1901/03  %	von  11901/03 bis  1907/09  %	von  1895/97  bis  1901/03  %	von  1901/03  bis  1907/09  •/.	von  1895/97  bis  1901/03  %	von  1901/03  bis  1907/09  •/.	von j von 1895/97 1901/03 bis	bis  1901/03 11907/09 % i "/.		von  1895/97  bis  1901/03  °/o	von  1901/03  bis  1907/09  %		von  1895/97  bis  1901/03  °/o	von  1901/03  bis  1907/09  °/o
1	2	3	4	5	6	7	8	1	9		10	n	12	13	14
Königsberg	  Allenstein	  Gumbinnen	  Danzig	  Marienwerder	  Potsdam	  Frankfurt	  Stettin		  Köslin	  Stralsund	  Posen		13  25  31  15  28  12  19  17  25 — 2  27	54  52  45  56  49  24  19  24  30  41  56	17  19  16  12  26  9  16  10  25  -6  32	47  42  26  36  50  21  12  21  30  30  54	14  15  18  24  6  1  8  15 — 5  27	30  45  36  44  17  16  10  25  28  49	21  10  — 3	33  39  11	—	—	10219  7	939 14 481  5 963 17291  5 060 10310  4 734  8	179  1 469  21 900	16  29  22  16  26  9  13  11  24 — 5  30	47  61  35  43  49  21  14  19  30  30  54

Bromberg .	.	.

Breslau ....
Liegnitz .	.	.

Oppeln ....
Magdeburg Nord
Magdeburg Süd .
Merseburg .	.	.

Erfurt ....
Schleswig .	.	.

Hannover .	.	.

Hildesheim Nord
Hildesheim Süd .
Lüneburg .	.	.

Stade ....
Osnabrück.	.	.

Aurioh ....
Münster Nord .
Münster Süd .	.

Minden ....
Arnsberg .	.	.

Kassel ....
Wiesbaden .	.

Koblenz .	.	.

Düsseldorf.	.	.

Cöln...........

Trier..........

Aachen.........

Staat (ohne Sigmaringen) ....
Gesamtsteigerung

von 1895/97—1907/09 ..........

Unterschiede zwischen der Steigerung
von 1895/97—1901/03 und der von
1901/03—1907/09	..............

30	41	24	46	17	42		1	—	—	—	11 419	26	44
10	30	4	25	0	14	1	11	—	—	16 263	2	18
7 1	25	8	15	3	7	0	9	—	—	15 184	5	12
14	32	15 !	32	8	15	10	6	—	—	12 384	13	26
4	12	0	19	-7	16	—	—	—	—	3 299	— 1	17
								—	—	—	—	—	:—	—	—	
		3	16	14	8	0	11	—	—	1 633	4	10
		4	2	5	12	—	—	1	17	715	5	7
36	33	21	27	10	12	13	16	—	—	14819	18	28
11	15	11	26	6	— 5	—	—	—	—	1 815	10	16
				—	—	—	—	—				116	1	7
				—	—	1	7	—	—	—	—	—
22	43	8	15	— 2	30	—	—	—	—	1 099	12	27
24	51	27	44	— 5	35	7	5	—	'		2 631	23	45
18	23	29	7	—	—	—	—	—	—	645	22	17
50	48	27	38	—	—	11	14	—	—	2 719	40	42
14	78	8	60	— 5	32	—	—	—	—	1 868	6	57
								—		.	—	—	—	—	—
29	34	22	16	7	11	5	8	—	—	3 766	16	16
48	14	0	26	18	5	—	—	—	—	1 920	14	6
		20	18	20	23	—	—	—	—	846	20	19
				—	—	—	—	—	—	—	—	—	—	
								—	—	—	—	—	—	—
		23	15	24	10	9	21	—	—	2 999	18	16
18	10	4	22	8	: 25	—	—	—	•—	1 796	7	20
			! 		—	—	—	—	—	—		. '	—	
		1 		0	: 22	—	—	—	—	—	—	192	0	22
t 25	, 42	18	34	8	18	7	15	1	17	205 773	17	33
67%		52%		26%		22%		00			50%	
17%		16%  i		10%		ß%		zu wenig Preise			16%
        <pb n="58" />
        ﻿

Steigerung der Kaufpreise für Stückländereien.

Regierungs-  bezirk	Stufe de		s durchschnittlichen Grundsteuerreinertrags für I							ha	Alle 5 Stufen zusammengestellt		
	I. unter  2 Taler		II. von  2—5 Taler		III. von  5—10 Taler		TV. von 10—20 Taler		V. von  20 Tal.u.mehi		Anzahl der ver- wendeten Kauf- preise	Steigerung in Prozenten	
	von  1895/97  bis  1901/03  %	von  1901/03  bis  1907/09  %	von  1895/97  bis  1901/03  %	von  1901/03  bis  1907/09  °/.	von  1895/97  bis  1901/03  •/.	von  1901/03  bis  1907/09  %	von  1895/97  bis  1901/03  °/o	von  1901/03  bis  1907/09  V.	von  1895/97  bis  1901/03  °/o	von  1901/03  bis  1907/09  %		von  1895/97  bis  1901/03  %	1 von '1901/03 j bis  I1907/09 °/o
15	15	16	17	18	19	20	21	22	23	24	25	26	1 27
Königsberg		29	51	34	! 30	24	18					7 931	31	34
Allenstein		40	40	22	34	32	0								11 875	35	38
Gumbinnen . . .	39	38	27	17	17	28	3	17	—			10 970	30	27
Danzig ....	18	1 50	25	52	11	32	14	35					3 272	19	4Q
Marienwerder		24	55	15	39	21	34	32	1					10540	21	45
Potsdam		26	9	18	8	11	7	0	15					27 128	19	9
Frankfurt		11	25	10	10	5	6	— 6	3					33 585	8	13
Stettin 		8	15	9	11	4	5	3	— 6	-1-			12 108	7	10
Köslin ....	26	29	20	22	16	14	— 3	6				 ■	15 543	21	23
Stralsund	 ,	.	-27	29	-8	37	0	18	—18	36					2 222	— 9	28
Posen		36	35	36	35	34	27		 '	—, '					21 266	36	34
Bromberg .	30	51	29	39	14	22	— 7	11					10 991	25	40
Breslau .	.	.	22	17	0	21	5	11	1	10					16 888	3	15
Liegnitz		— 1	32	5 :	9	— 6	12	— 3	6					17 485	— 1	13
Oppeln ....	9	43	13	27	8	13	4	12					29 000	10	24
Magdeburg Nord .	.	1	16	— 4 i	20	— 1	17	4	14				17 204	2	18
Magdeburg Süd ....	—	—	— 4	0	— 9	6	0 i	4	- 4	7	9 151	— 2	5
Merseburg		18	26	-8	18	-14	20	— 5	8	— 4 !	13	13 208	— 7	14
Erfurt ....	13	— 1	1	13	— 1	16	— 1	21	6	9	17 142	— 1	17
Schleswig ....	24	36	16	28	13	11	7	15	4	15	28 973	15 1	21
Hannover	 \	7	43	6	18	4	13	3	9	-	—	11 77.'v	*	oo

Ol

o

►

üildesbeim Nord
Hildesheim Süd .
Lüneburg .	.	.

Stade ....
Osnabrück.	.	.

Aurich ....
Münster Nord
Münster Süd . ...
Minden .
Arnsberg
Kassel .
Wiesbaden .
Koblenz
Düsseldorf ,

Cöln .	.

Trier . .

Aachen .

Staat (ohne Sigmaringen) .

Gesamtsteigerung
von 1895/97—1907/09 . .

Unterschiede zwischen der Steigerung
von 1895/97—1901/03 und der von
1901/03—1907/09

3

17

27

9

89

11

15
25
33
— 6
17
47
15
20
39

4

I 50
55

33

34
51

31

11

54
37
37

55
49
13
37

20

— I
— 2
9
16
16
36
13
6

34

35
26

8

11

15

19

21

19

37

15

18

15

36

31

14

58

44

61

7

6

46

19

19

21

22

14

25

22

57%

17%

37%

7%

—	7

5
14
10

—	1

19

6
0

20
6

17
— 4
3
21
20
20
17

6

15

20

21

17
29
27
40
10
19
37
12
14

— 4

27

18

28

8

I

17

25%

9%

-5

8

6

6

-2

19

-3

1

15

10

11

—	7

—	4
12

9

—	5

11

- 1
11
1

10

14

21

18

56

6

13

18

17

6

4

25

3

13

1

11

12%

10%

2

8

20

33

10

-24

-12

4

6

-5

0

-5

8

— 4

10

14

9

3

7

21

10

5%

13%

4

13

13

27

18

4

20

4

16

29

83

144

393

36

83

72

78

671

766

598

434

182

053

181

201

670

960

716

806

281

038

797

388

416

1 373 422

—	5

4

13

19
8

50

8

3

23

28

20

—	2

5

17

14
14

18

10

2

13

34

37

26

39

39

50

11

12

37

20

17

11

25

13

23

21

31 %

11 %

Erläuterungen: Bei der Zusammenfassung der Grössenklassen für die Ermittelung der Durchsohnittssteigerung

in den einzelnen Reinertragsstufen ist die Anzahl der Kauffälle dadurch mitberüoksichtigt worden, dass sie als „Gewicht“ in die
Rechnung eingeführt sind.

Die Durchschnittssteigerung der I. Reinertragsstufe des Regierungsbezirks Königsberg von 1895/97 bis 1901/03 z. B.
ergibt sich mit Hilfe der Zahlen der Tafel A aus folgender Berechnung: 583 X uM+tbf7 X~' = 13 °/- Zur Vereinfachung der
Rechnung ist an Stelle der Anzahl der Preise jeder Sammelperiode jedesmal die Gesamtanzahl der Preise aus der Zeit von 1895
bis 1900 als „Gewicht“ eingeführt worden. Dieses Verfahren war unbedenklich, da in jeder Sammelperiode annähernd die gleiche

Anzahl von Kauffällen gesammelt worden ist.
        <pb n="59" />
        ﻿Beilage (Nr. 2

(aus Brentano; Die deutschen Getreidezölle, 2. Auflage S. 115)

Die Belastung des Steuerzahlers durch die Zölle auf Roggen, Weizen, Gerste und Hafer.

Jahr	Bevölke- rung*) des deut- schen Zoll- gebietes um die Mitte des Jahres	Davon  kauften  81%  Getreide, d. h. Per- sonen	Getreideart	Verfügbar**) für den Verbrauch  | pro  I Kopf Tonnen { der ä 1000 kg Bevöl- kerung kg	Davon wurden ge- deckt zu Prozent vom  Aus- In- land 1 land		|s Zollsatz p. Tonne	Gesamtbetrag der Verteue- rung für die kaufende Be- völkerung (Zollsatz x 0,81 von Spalte 5) Jl	Davon flössen in die  „ . , ,	i Taschen  Reichskasse privater  M	M	Belastung pro Kopf der Ge- treide kaufen- den Bevölke- rung  zugunsten  Cfi I  Privater  |  M	M
1	2	3	4	5	|	6	7	8	9	10	11 12	13	14
1907	62 318 000	50 477 580	Roggen	8 844 040	143,5	2,9	97,1	50	358 183 620	10 387 314 347 796 306	0,20 ' 6,89
			Weizen	5 815 236	94,4	33,4	66,6	55	258 903 370	86 573 7251172 329 645	1,71	3,41
			Braugerste	1 823 923,4 ; 29	23,3	76,7	40	59 095 118,1	13 769 162 45 325 956	0,27	0,90
			andere Gerste]	3 890 408,2| 62,4	46,0	54,0	13	40 965 998,3	18 844 359 22 121 639	0,37	0,44
			Hafer	7 786 414 | 126,3	0,4	99,6	50	315 350 767	I 261 403(314 089 364	0;02[ 6.22
					Zusammen			1 032 498 873	130 835 963 901 662 910	2,57 17,86
1908	63 219 000	51 207 390	Roggen	8 902 180 1 142,4	1,9	98,1	50	360 538 290	6 850 227 (353 688 063	0,13	6,90
			Weizen	5 674155	90,7	39,8	60,2	55	252 783 605	100 607 874,152 175 731	1,96	2,97
			Braugerste	1 735 361,2	27,4	20,7	79,3	40	56 225 702,9	11 638 7201 44 586 982	0,23! 0,86
			andere Gerste	3 400 297,41 53,8	50,5	49.5	13	35 805 131,6	18 081 5911 17 723 540	0,35	0.34
			Hafer	8 222 131	| 131,5	0,0	100,0	50	332 996 305	—	1332 996 305	6,50
					Zusammen			1 038 349 034	137 178 412 901 170 621	2,68 17,59
1909	64 126 000	51 942 066	Roggen	8 961 665 1141,3	0,0	100,0	50	362 947 432	—	(362 947 432	— 1 6,99
			Weizen	5 300 319	83,6	29,9	70,1	55	236 129 190	70 602 628 165 526 562	1,36	3.19
			Braugerste	1 622 577,4 i 25,3	15,08	84,92	40	52 571 507,7	7 927 783 44 643 724	0,15	0,84
			andere Gerste	4 508 420,31 70,3	53,02	46,98	13	47 473 665,7	25 170 537 22 303 128	0,48 ! 0,43
			Hafer	7 144 692 | 112,6	1,9	98,1	50	289 360 000	5 297 8401284 062 160	0,10 1 5,47
					Zusammen			988 481 795	108 998 788 879 483 006	2,10 1 16,93
			Zusammen in den 3 Jahren		1907-	-1909		3 059 329 702	377 013 163 2682316537)7,36 52,38	
			Im Durchschnitt der 3 Jahre 1907			—1909		1 019 776 567	125 671 054 894 105 512)2,45 17,46	

*) Vgl. Statist. Jahrb. für das Deutsche Reich 1910, S. 2.	**) Vgl.Vierteljahrshefte z. Statistik d. Deutsch. Reichs 1910, I, 87.
        <pb n="60" />
        ﻿Leonhard Simion Nf., Verlagsbuchhandlung-
Berlin SW 48, Wilhelmstraße 121.

Soeben sind in unserem Verlag erschienen:

Oie wirtschaftliche Selbstgenügsamkeit

Joseph Chamberlains

Ein historischer Entwickelungsversuch

Von

Waldtraut Schubart

8° 364 Seiten. Preis broschiert M. 5,—, gebunden M. 6,—

Zur Reform des preußischen Einkommen-
uni) Ergänzungssieuergcsetzes

Von

Hermann Schöler

8° 103 Seiten. Preis broschiert M. 1,80

Sch Ölers Schrift läßt alle schwebenden Fragen, insbesondere der
Veranlagungsreform, im wesentlichen unerörtert und geht ausschließlich
aufs Ganze: die Tarifgestaltung. Nur eine Ausnahme macht er von dieser
Regel. Er erklärt gute Finanzen ohne gute Finanzverfassung für unmöglich
und tritt daher im ersten Kapitel mit Lebhaftigkeit für bewegliche Ge-
staltung des Steuerwesens ein, wobei er gegen die Abgeordnetenhausrede
des Herrn Finanzministers vom 24. Februar 1911 polemisiert. Für seine
übrigen Reformvorschläge gewinnt er die Basis in einer Untersuchung über
die jetzt geltende Verteilung der Steuerlast. Seine Vorschläge dürften be-
achtlich gefunden werden, denn seine Darlegungen und Beweisführungen
sind sehr instruktiv und auf reiches Material gestützt. Auch wer dem
Verfasser nicht in allen Hinsichten folgen kann, wird sein lehrreiches Buch
mit großem Gewinn lesen.
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        ﻿Leonhard Simion Nf., Verlagsbuchhandlung
Berlin SW 48, Wilhelmstraße 121.

Soeben ist in unserem Verlag erschienen:

Der Munjtsstaal
des Liberalismus

Von

Carl Wigand und Heinrich Ludolf

8° 50 Seiten. Preis M. 1.—

Inhaltsübersicht.

1.	Kapitel: Im Lande der Schlaraffen.

2.	Kapitel: Der tatsächliche Verlauf der Volkswirtschaft in der

Neuzeit: Im Mittelalter — Der Merkantilismus —
Das Gebrechen der liberalen Zeit — Strömungen
über den Liberalismus hinaus.

3.	Kapitel: Betrachtung der liberalen Volkswirtschaft: Freiheit

in der Bevölkertmgszahl — Ausländische Politik:
Freihandel — Inländische Politik; Gewerbefreiheit.

4.	Kapitel: Der Zukunftsstaat: Äußere Politik: Freihandel und

Weltfriede — Innere Politik: Erbschaftsverstaat-
lichung.

Druck von Leonhard Simion Nf. in Berlin SW, 48
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jog. Die Bevölkerung, welche damals von Deutschland
Getreide versorgt wurde, war also weit größer als Delbrück
angibt. Die deutsche Getreideproduktion hat aber mit
ti Wachstum dieser Bevölkerung nicht Schritt gehalten,
h in den Zeiten nicht, als wir sehr hohe Getreidepreise

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ten; denn schon seit 1852 führen wir mehr Roggen und
| 1876 auch mehr Weizen ein als aus. Und erst in den
ften Jahren durch den Rückgang des Roggenkonsums und
dreren Weizenkonsum in Verbindung mit der Politik der
ireideexportprämien sehen wir wieder eine Roggenausfuhr,
’h die Anbaufläche, die Delbrück für seine Berech-
nen heranzieht, ist nicht richtig. Denn vor 100 Jahren
1 es in Deutschland Gegenden, in denen mehr als ein Drittel
Bodens unbebaut war und bis 1878 kommt die Steige-
g seiner Produktion wesentlich auf Rechnung der Aus-
nung der Ackerfläche. Erst seitdem sehen wir eine Stei-
ung der Erträge pro Hektar durch rationellere Bewirt-
aftung. Für die Berechnung der Ertragssteigerung aber
m nur die Ertragssteigerung pro Hektar in Frage
amen. Und auch das hat Delbrück nicht berücksichtigt,
jLj der Bedarf der Bevölkerung in den letzten 100 Jahren
'^'ordentlich gewachsen ist, daß die deutsche Bevölke-
g heute nicht nur durchschnittlich besser ernährt ist,
dem auch besser ernährt sein muß, weil ihre heutige
agkeit einen weit größeren Nervenverbrauch mit sich bringt
l deshalb einen hochwertigeren Ersatz der verbrauchten
dte verlangt. Es steigt also notwendig der Verbrauch
'malischer und auch landwirtschaftlicher Produkte pro Kopf.
Werdern aber ist der Bedarf an Bodenfrüchten für andere
Nahrungszwecke, für Verwendung in der Industrie im
de des 19. Jahrhunderts außerordentlich gestiegen, und
h dieser Bedarf muß befriedigt werden, wenn das deutsche
k fortbestehen und sich weiter entwickeln soll.
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