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        <title>Die deutschen Getreidezölle</title>
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            <forname>Georg</forname>
            <surname>Hohmann</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>883961350</idno>
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        Volkswirtschaftliche  Zeitfragen
Vorträge  und  Abhandlungen
herausgegeben  von
der  Volkswirtschaftlichen  Gesellschaft  in  Berlin
QÖb  Jahrgang  33.  Nr.  261/62  Heft  5/6  UÜQ
□

Die
deutschen  Getreidezölle

Von

Dr.  Georg  Hohmann.

BERLIN
VERLAG  VON  LEONHARD  S1MION  NF.
1911

Jährlich  erscheinen  8  Hefte  zum  Abonnementspreise  von  6  Mark.
_i  i'n-rAlrkfAic  für  IoHpc  Hpff  1  Mark  TVmn^llipff  9  Mark  !-!
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        Verlag  von  Leonhard  Simion  Nf.,  Berlin  SW.,  Wilhelmstrafse  121-Volkswirtschaftliche

  Zeitfragen.
Vorträge  und  Abhandlungen
herausgegeben  von
der  Volkswirtschaftlichen  Gesellschaft  in  Berlin,

1.  Das  Schreiben  des  Reichskanzlers  an  den  Bundesrat
vom  15.  December  1878  betreffend  die  Revision  des
Zolltarifs.  Von  Dr.  Ludwig  Bamberger.
2.  Der  Staat  und  die  Volkswirtschaft.  YonDr.KBr  aun.
3.  Aus  der  Geschichte  der  englischen  Kornzölle.  Von
Dr.  H.  B.  Oppenheim.
4.  Der  Schutz  in  der  Weltwirtschaft.  Von  Prof.  Dr.  E.
X.  v.  Neumann-Spallart.
5.  Zur  Entwickelungsgeschichte  der  heutigen  reactionären
Wirtschaftspolitik.  Von  Dr.  Th.  Barth.
6.  Die  Bettelplage.  Von  A.  Lammers.
7.  Gegen  d»e  Verstaatlichung  der  Preufsischen  Privatbahnen. ­
  Von  Dr.  Marcus.
8.  Der  Volkswirtschaftliche  Senat.  Von  Dr.  Max
Weigert.
9.  Die  handelspolitische  Stellung  der  Deutschen  Seestädte. ­
  Von  Dr.  Th.  Barth.
10.  Die  Entlastung  der  Kulturarbeit  durch  den  Dienst  der
physikalischen  Kräfte.  Von  M.  M.v.  Weber.
11.  Die  Reichstagsverhandlungen  über  Münzreform  und
Bankwesen.  (24.  u.  25.  Februar  1880.)  Herausgegeben ­
  und  eingeleitet  ypn  Dr.  Ludwig  Bamberger. ­

12.  /13.  Lieber  Colonisation.  Von  F.  0.  Philippson.
14.  Die  Amerikanische  Weizenproduktion.  Von  Fr.
Kapp.
15.  Das  Faustpfandrecht  und  die  Hypotheken-Banken.  Von
Julius  Basch.
16.  Staats-Armenpflege.  Von  A.  Lammers.
17.  /18.  Der  Steuerreformplan  in  seiner  neuesten  Form.
Von  E.  Fitger.
19.  Die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  der  Vereinigten
Staaten  von  Amerika  in  ihrer  Rückwirkung  auf  diejenigen ­
  Europas.  Von  A.  v.  Totis.
20/21.  Die  Männer  des  Zollvereins.  Von  Dr.  K.  Braun.
22.  Deutschlands  Getreideproduktion,  Brodbedarf  und
Brodbeschaffung.  Von  Oh.  Lorenz.
23.  Sparen  und  Versichern.  Von  A.  Lammers.
24.  Das  Rechnungsbuch  der  Hausfrau  und  dessen  Bedeutung ­
  im  Wirtschaftsleben  der  Nation.  Von  Dr.Ernst
Engel.

41/42.  Gegen  den  Staatssocialismus.  Drei  Abhandlung#?
von  Ludwig  Bamberger/Th.  Barth,
Broemel.
43/44.  Die  bäuerlichen  Zustände  in  Deutschland.  V oXl
N.  M.  Witt.

45.  Der  Modeteufel.  Vortrag  von  Julius  Lessi* 1 »'
46.  Die  Capitalrentensteuer.  Von  Max  Broemel*
47/48.  Ueber  Lebensmittelversorgung  von  Grolsstädten*
Von  E.  Eberti.

49.  Friedrich  Kapp.  Gedächtnisrede  von  Georg  v0p
B  unsen.
50/51.  Was  Ist  ein  altes  Kunstwerk  werth?  Von  D r -
Lessing.
52.  Oeffentliche  Kinder-Fürsorge.  Von  A.  Lamm® 1 ^
63.  Die  Krisis  des  Zwischenhandels.  Von  Dr.
Weigert.
54.  Der  Normal-Arbeitstag.  Von  Karl  Banmbac  •

55/56-  Die  Seehäfen  Englands  und  ihre  Ausrüstung

mit

Rücksicht  auf  die  Hafenbauten  beim  Zollanscld^ 5
Hamburgs  und  Bremens.  Von  E.  Fitger.
57.  Das  Branntwein-Monopol.  Von  Dr.  Wolfg.  Er a f
58.  Die  Kolonisations-Bestrebungen  der  modernen  europä*'
sehen  Völker  und  Staaten.  Von  Dr.  Karl  Bra u

59.  Die  socialistische  Gefahr.  Von  L.  Bamberg 6 *;'
60.  Die  Seehäfen  im  heutigen  Weltverkehr.  Von  D*.
Marcus.
61/62.  Der  wirtschaftliche  Wert  des  Geschmacks.
Alexander  Dorn.
63/64.  Ueber  Welthandelsstrassen  des  Abendlandes.
Dr.  J.  Jastrow.
65.  Armenrecht  und  Armenwesen.  Von  A  dolf  L  ass 01 '
66.  Die  Organisation  des  Binnenschifffahrts-Betriebe 8 '
Von  Dr.  W.  Eras.

67.  Handarbeit.  Von  Dr.  J.  Lessing.
68.  Amerikanisches  Wirthschaftsleben.  Von  Dr.  *
Barth.  ^
69.  Zünftlertum.  Ein  Gutachten  des  Freiherrn  v°\
Patow.  Von  Karl  Baumbach,  Mitglied  a
Reichstags.
70.  Erhöhung  der  Kraft  in  Menschen  und  Völkern.
A.  Lammers.

25.  Zur  Reform  des  Actlengesellschaflsrechts.  Von  Dr.
F.  Hecht.
26.  Das  Irische  Landgesetz  vom  Jahre  1881.  Von  Dr.
Eduard  Wiss.
27.  Wandlungen  im  Welthandel.  Von  Dr.  Th.  Barth.
28.  Ziele  und  Bahnen  der  deutschen  Armenpflege.  Von
A  Lammers.
29.  Unsere  Binnenschifffahrt.  Von  Dr.  A,  v.  Studnitz.

30.  Branntwein-u.  Kaffeeschenken.  Von  A.  Lammers.
31.  Die  Buchdruckerkunst  und  der  Kulturfortschritt  der
Menschheit.  Von  Dr.  Karl  von  Scherzen
32.  Die  praktischen  Versuche  zur  Lösung  der  socialen
Probleme.  Von  Dr.  jur.  Victor  Böhmert.
33.  Der  Colportaqebuchhandel  und  die  Gewerbenovelle.
Von  Dr.  K.  Baumbach.
34/35.  Der  Währungsstreit  1879-1883.  VonDr.Wolfi
  gang  Eras.
36.  Die  Vagabundenfrage.  Von  Karl  Braun.
37/38.  Der  Werth  des  Menschen.  Von  Dr.  E.  Engel.
I.'D’er  Köstenweft  des  Menschen.
39.  Bemerkungen  zu  dem  Entwurf  eines  Gesetzes  betr.
Commandifgesellschaften  auf  Actien  und  Actiengesellschaften.
  Von  Adelb.  Delbrück.
40.  Armen-Beschäftigung.  Von  A.  Lamm  ers...-71/72.

  Volkswirtschaft  und  Unterricht.  V.  Dr.  E.  He 1 *
mann.
73.  Scheinbare  und  wirkliche  Socialreform.  Von  V
Th.  Barth.
74.  Ueber  Altersversicherung  der  Arbeiter.  Von  P r -
Meyer.
75/76.  Staatsbürgertum  oder  eine  neue  ständische
Seilschaft  in  Deutschland.  Von  E.  P.  Seem al
77/78.  Deutschlands  Waarenhandel  mit  dem  Auslande
den  Jahren  1872—1887  nach  den  Ergebnissen
deutschen  Reichsstatistik.  Von  Prof.  M.  Di
mann.  .  .  „
79.  Die  Präsidentenwahl  und  die  Zollpolitik  der  VereiniQ
Staaten  von  Amerika.  Von  Dr.  Th.  Barth.
80.  Die  Familie  vom  Standpunkte  der  Gesammtwirthscha
Von  Dr.  Emanuel  Herrmann.
81.  Frauenarbeit  und  Frauenschutz.  Von  K.
-  hach.
82/83.  Unserer  Väter  Werke.  Von  Jul.  Lessing*
84.  Zur  Beurteilung  des  Verbrauchs  und  der  pr-Abgaben
  bei  verschiedenem  Einkommen,  »on
Karl.  E.?
85/86.  Der  Kreuzzug  wider  den  Terminhandel,  von
87/88.  Das  Interesse  des  Kaufmannsstandes  an  dem
fiprlirhon  flpcofrhiirb  Vnn  T  _T  q  a  +.t*o»——
        <pb n="3" />
        Die  deutschen  Getreidezolle

Von

Dr.  Georg  Hohmann.

BERLIN  SW  48
Verlag  Ton  Leonhard  Simion  Nf.

1911.
        <pb n="4" />
        Inhalt

Seite
Vorwort  6
Vom  Freihandel  zum  Schutzzoll  9
Die  Bismarokschen  Getreidezölle  11
Die  Zeit  Caprivis  16
Der  Zolltarif  von  1902  18
Wer  trägt  den  Zoll?  21
Wem  nützen  die  hohen  Preise?  23
Die  Getreidezölle  und  die  Reiohsfinanzen  32
Die  Belastung  der  Konsumenten  35
•Soziale  Wirkungen  38
Zölle  und  Wehrkraft  39
Zölle  und  Löhne  41
Kann  die  deutsche  Landwirtschaft  das  deutsche  Volk  allein  ernähren?  42
Die  Not  der  Landwirtschaft  48
Anhang  2  Tabellen  .  .  .  58
        <pb n="5" />
        Vorwort.

ln  die  kommende  Reichstagsperiode  fällt  die  Neuregelung  der
deutschen  Zoll-  und  Handelspolitik.  Die  nachteiligen  Wirkungen
der  besteh  enden  fühlt  heute  j  eder,  der  nicht  am  Getreide  verkauf  als
Großgrundbesitzer  oder  nicht  an  der  Schwerenindustrie  interessiert
ist,  an  seinem  Geldbeutel.  Er  fühlt  sie  um  so  mehr,  je  weniger  er
imstande  ist,  sich  durch  eine  der  eingetretenen  Teuerung  entsprechende ­
  Steigerung  seiner  Einnahmen  schadlos  zu  halten
für  das,  was  ihm  und  den  Seinen  an  Lebensgenuß  genommen
oder  vorenthalten  wird.  Vor  allem  also  der  mit  festem  Gehalt
Angestellte,  der  Beamte  und  der  Lohnarbeiter  jedweden  Erwerbszweiges. ­
  Selbst  der  Bauer,  dessen  angebliche  Interessen
zur  Begründung  der  agrarischen  Forderungen  herhalten  mußten,
fühlt  angesichts  der  Verteuerung,  welche  die  Futtermittel
und  damit  seinen  Haupterwerbszweig,  die  Viehzucht,  getroffen
hat,  die  Unwahrheit  der  Argumente,  mittels  deren  man  ihn
als  Vorspann  für  das  Interesse  des  Großgrundbesitzes  benutzt
hat.  Angesichts  dieses  allgemeinen  Unbehagens  wird  es  denn
auch  dem  Bunde  der  Landwirte  unbehaglich,  und  bereits
rüstet  er,  um  mit  dem  abgebrauchten  Schlagwort  des  „Schutzes
der  nationalen  Arbeit“  aufs  neue  diejenigen  zu  betören,  die
ihm  das  Fortbestehen  der  geltenden  Zölle  und  vielleicht  sogar
ihre  weitere  Erhöhung  sichern  sollen.
Nun  soll  nicht  bestritten  werden,  daß  die  zurzeit  bestehende
Teuerung  sich  nicht  bloß  in  Deutschland  findet,  sondern  eine
allgemeine  ist,  und,  soweit  dies  der  Fall  ist,  nicht  in  Zollver ­
        <pb n="6" />
        6

hältnissen,  sondern  in  veränderten  Geld-  und  Kreditverhältnissen
  ihre  Ursache  hat.  Aber  eben,  weil  schon  ohne  die  Zölle
eine  allgemeine  Steigerung  der  Preise  stattgefunden  hat,
wirkt  die  weitere  Steigerung  derselben  um  den  vollen  Betrag
der  Zölle  über  den  Weltmarktpreis  um  so  drückender  für  die
deutsche  Bevölkerung.  Eine  Umkehr  von  dieser  Hochschutzzollpolitik ­
  ist  deshalb  nötig.  Wenn  ich  von  Umkehr  rede,
denke  ich  aber  selbstverständlich  nicht  an  eine  plötzliche  Beseitigung ­
  der  bestehenden  Zölle.  Denn  das  eben  ist  das  Verhängnis ­
  der  Zölle,  daß  sie  künstliche  Wertsteigerungen  hervorrufen.
  Beseitigt  man  nun  die  Zölle,  die  Ursache  dieser  Wertsteigerungen, ­
  plötzlich  wieder,  so  kommt  es  zu  großen  Entwertungen ­
  bestehender  Vermögen.  Die  dann  unausbleiblichen
Katastrophen  müssen  selbstverständlich  verhindert  werden.
Anderseits  aber  führen  die  Agrarzölle  zu  Wertsteigerungen, ­
  die  mit  Notwendigkeit  zu  der  Forderung  weiterer
Zollerhöhung  veranlassen.  Bestreitet  doch  selbst  der  wissenschaftliche ­
  Berater  des  Bundes  der  Landwirte  Dr.  Ruhland
auch  heute  nicht,  daß  Getreidezölle  die  Mittel  zur  Behebung
einer  Not  der  Landwirte,  wo  von  einer  solchen  gesprochen
werden  kann,  nicht  sein  können,  daß  sie  nichts  sind  als  eine
Schraube  ohne  Ende  und  daher  auf  die  Dauer  unvereinbar
mit  dem  Volkswohl.
Eben  deshalb  wird  in  der  folgenden  Schrift  auch  nicht
die  plötzliche  Beseitigung,  sondern  nur  eine  allmähliche  Herabsetzung ­
  der  Getreidezölle  gefordert,  um  der  Landwirtschaft
Gelegenheit  und  Zeit  zur  Anpassung  an  die  veränderten  Verhältnisse ­
  zu  geben.  Aber  trotzdem  die  Wirkungen  der  Zölle
sich  heute  einem  Jeden  empfindlich  bemerkbar  machen,  gibt
es  noch  viele,  die  sich  völlig  unklar  sind  über  die  Ursachen
des  Übelstandes,  unter  dem  sie  leiden.  Daher  stehen  selbst
noch  viele  Gebildete  den  Zollfragen  gleichgültig  gegenüber
oder,  in  Unklarheit  versetzt  durch  die  gewissenlose  Propa-
        <pb n="7" />
        —  7  —

KW*-ganda

  der  Interessenten,  unterstützen  sie  sogar  die  bestehende
Zollpolitik  aus  einer  an  sich  lobenswerten  Gesinnung  heraus.
Ihnen  besonders  sei  das  vorhegende  Schriftchen  gewidmet.
Es  ist  geschrieben  auf  Grund  der  wissenschaftlichen  Arbeiten
von  Lu  j  o  Brentano:  Die  deutschen  Getreidezölle ­
  (2.  Auflage  1911),  Bruno  Heinrich
Roncador:  Wesen  und  Wirkung  der  Agrarzölle ­
  (1911)  und  W  a  11  e  r  Rothkegel;  Die  Kaufpreise ­
  für  ländliche  Besitzungen  im  Königreiche ­
  Preußen  189  5—1  9  0  6  (1910)  und  einer  Anzahl ­
  anderer  Autoren.
Möge  es  eine  weite  Verbreitung  finden  und  seine  Leser
veranlassen,  den  darin  angeregten  Fragen  tiefer  nachzugehen
und  sich  ein  wohlbegründetes  Urteil  zu  bilden.

Dr.  Georg  Hohmann  (München).

Oktober  1911.
        <pb n="8" />
        Vom  Freihandel  zum  Schutzzoll.
Das  19.  Jahrhundert  sah  die  Umwandlung  Deutschlands
v on  einem  überwiegenden  Agrarland  zum  überwiegenden
Industriestaat.  1816  waren  noch  %  der  Bevölkerung  des
heutigen  deutschen  Reichsgebietes  in  der  Landwirtschaft
beschäftigt,  18,6  Millionen  von  24,8  Millionen  Bevölkerung.
Im  Jahre  1907  lebten  wenig  mehr  als  ein  Viertel,  nämlich
16,9  Millionen  von  der  Landwirtschaft,  bei  einer  Gesamtbevölkerung ­
  von  61,7  Millionen.  Obwohl  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts ­
  sowohl  die  bebaute  Ackerfläche  als  auch  der  Ernteertrag ­
  pro  Hektar  außerordentlich  wuchs,  genügte  die  Getreideproduktion ­
  immer  weniger  der  steigenden  Nachfrage.
Das  ehemalige  Getreideexportland  wurde  immer  mehr  zum
Importland;  schon  seit  1852  betrug  seine  Roggeneinfuhr  mehr
als  die  Ausfuhr;  seit  1876  überstieg  auch  die  Weizeneinfuhr
die  Weizenausfuhr.
Dieser  Umschwung  veränderte  auch  die  handelspolitische ­
  Stellung  der  deutschen  Landwirte  vollständig.  Solange
sie  exportierten,  bis  1876,  waren  sie  Freihändler,  Bismarck
ebenso,  wie  die  heutigen  Führer  der  süddeutschen  Agrarier.
In  den  50er  Jahren  erklärte  die  „Kreuzzeitung“  die  Handelsfreiheit ­
  sogar  als  eine  Konsequenz  der  christlichen  Religion
and  im  Plane  der  göttlichen  Weltordnung  begründet,  während
der  Schutzzoll  ein  menschliches  Machwerk  sei,  ein  Götzenbild, ­
  welches  die  Menge  bezahle  und  die  Priester  dann  unter
sich  verteilten;  Hungerseuchen,  Zunahme  der  Verbrechen,
Staatsbankerotte  erzählten,  was  dieser  Götze  leiste.  Im  Laufe
        <pb n="9" />
        10

der  Zeit  legte  man  sich  allerdings  die  göttliche  Weltordnung,
den  inzwischen  veränderten  Interessen  entsprechend,  umgekehrt ­
  zurecht.  —
Der  Zollverein  hatte  nur  sehr  niedrige  Getreidezölle
erhoben,  die  er  1865  sogar  ganz  fallen  ließ.  Den  Anfang
der  Rückkehr  zum  Schutzzoll  machte  die  Industrie,  die
nach  dem  Krach  von  1873  laut  nach  Zöllen  rief,  um  die
Preise  auf  dem  heimischen  Markte  zu  erhöhen.  Noch  waren
die  Landwirte  Gegner  der  Schutzzölle.  Da  trat  Amerika  als
ernsthafter  Konkurrent  in  Getreide  auf  dem  Weltmärkte
auf,  nachdem  infolge  der  amerikanischen  Industriekrisis  die
arbeitslosen  Industriearbeiter  massenhaft  nach  dem  Westen
gezogen  waren,  um  jungfräuliches  Land  in  Anbau  zu  nehmen,
unterstützt  durch  eine  großzügige  Yerkehrspolitik,  billige
Frachten  usw.  Das  gleiche  geschah  in  Rußland  und  Indien,
die  ebenfalls  mit  Getreide  auf  dem  Weltmärkte  erschienen.
Die  Folge  der  jetzt  eintretenden  Einfuhr  nach  Europa  war
ein  Sinken  des  Getreidepreises  auf  den  europäischen  Märkten;
die  deutsche  Getreideausfuhr  hörte  auf;  es  fand  sogar  eine
steigende  Getreideeinfuhr  nach  Deutschland  statt.  Viele
Landwirte  wurden  bankerott,  nämlich  alle,  welche  nach  dem
deutsch-französischen  Kriege  zu  teuer  gekauft  hatten  und
jetzt  die  hohen  Zinsbeträge  bei  den  sinkenden  Preisen  nicht
mehr  aufbringen  konnten.  Jetzt  wurden  die  deutschen  Landwirte ­
  aus  Freihändlern  plötzlich  Schutzzöllner,  um  sich  den
heimischen  Markt  zu  sichern.  Bismarck,  der  damals  eine  neue
parlamentarische  Mehrheit  suchte,  kam  ihren  Wünschen  aus  politischen ­
  Erwägungen  entgegen.  Auf  Grundlage  des  Schutzzolles
kam  ein  Bund  zwischen  Industriellen  und  Agrariern  zustande;
die  einen  bewilligten  den  anderen  die  von  ihnen  begehrten
Zölle,  damit  diese  ihnen  ihre  Zölle  bewilligten,  und  auch  zwischen
diesen  kartellierten  Interessenten  und  der  Regierung  fand  ein
Bündnis  auf  gleicher  Grundlage  statt.  Der  Reichskanzler  konnte
        <pb n="10" />
        11

verlangen,  was  er  wollte,  die  Reichstagsmehrheit  bewilligte  es  um
der  wirtschaftlichen  Vorteile  willen,  die  ihr  dafür  zuteil  wurden.
Die  Bismarcksch§n  Getreidezölle.
Der  Zolltarif  von  1879  brachte  mäßige  Getreidezölle,
e ine  Mark  pro  100  kg  Weizen  und  Roggen.  Angesichts  des
Weiteren  Sinkens  der  Frachtkosten  im  Ausland  nützte  dieser
Zoll  nichts  —  die  Preise  sanken.
Obwohl  Bismarck  einige  Jahre  zuvor  zur  Beschwichtigung
von  Bedenken  gesagt  hatte,  daß  „auch  der  verrückteste
Agrarier  nie  an  einen  Getreidezoll  von  3  Mark  denken  werde“,
Wurden  1885  bereits  die  Zollsätze  verdreifacht.  Allein  immer
neue  Getreideländer  des  Auslandes  wurden  erschlossen,  ausgezeichnete ­
  Ernten  fanden  im  In-  und  Auslände  statt,  und
unaufhaltsam  sanken  die  Frachtkosten  im  Seeverkehr.  Die
Getreidepreise  gingen  weiter  herunter.  Im  Jahre  1887  kam
eine  neue  Erhöhung  der  Zölle  auf  5  Mk.
Nun  erfolgte  ein  Rückschlag.  Die  Getreideausfuhrländer,
di®  Vereinigten  Staaten,  Rußland  und  Österreich-Ungarn
griffen  zu  Gegenmaßregeln.
Die  Zölle  vermochten  die  Einfuhr  von  Getreide  nicht
a uf  zuhalten.  Denn  mit  der  zunehmenden  Industrieentwicklung
Deutschlands  ging  ein  in  der  deutschen  Geschichte  unerhörtes
Anwachsen  der  Bevölkerung  einher,  eine  Vermehrung  von
1  %  im  Jahre,  1900  sogar  1,5  %,  1905  1,46  %,  1910  1,36  %.
Hunderttausende,  die  sonst  auswanderten,  fanden  in  der  Industrie ­
  Beschäftigung  und  blieben  dem  Lande  erhalten.  Während ­
  1816  die  Bevölkerung  24,8  Millionen  betrug,  wuchs  sie
au f  56  Millionen  im  Jahre  1900  und  auf  64,7  Millionen  im
Jahre  1910.
Die  Industrieentwicklung  veränderte  und  steigerte  auch
außerordentlich  die  Bedürfnisse  des  Menschen.
        <pb n="11" />
        12

Die  äußeren  Lebensbedingungen,  unter  denen  der  Feldarbeiter
  lebt  und  arbeitet,  sind  grundverschieden  von  denen
des  städtischen  Fabrikarbeiters,  der  im  engen  Raume  intensiv
an  der  Maschine  schafft.  Deshalb  veränderte  sich  vor  allem
auch  die  Zusammensetzung  der  täglichen  Nahrung  der  Bevölkerung ­
  ganz  erheblich.
Einmal  verzehrte  die  städtische  Bevölkerung  mehr  und
mehr  anstatt  Roggenbrot  das  schmackhaftere  Weizenbrot,
und  ferner  stieg  der  Fleischverbrauch  des  Volkes  ganz  bedeutend.
Während  z.  B.  in  überwiegend  landwirtschaftlichen  Gegenden,
wie  Niederbayern,  1907  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  37,64  kg
Fleisch  kamen,  zeigte  Mittelfranken  mit  überwiegender  Industriebevölkerung ­
  57,58  kg  Fleischverbrauch  pro  Kopf.
Der  wirtschaftliche  Charakter  der  deutschen  Bevölkerung ­
  hatte  sich  eben  völlig  verändert:
1816  bei  24,8  Millionen  Bevölkerung  18,6  Millionen  Landwirtschaft, ­

1882:  18  704  038  Menschen,  die  von  der  Landwirtschaft
lebten,  gegenüber  26  518  095  Nichtlandwirten,
1895  waren  es  nur  noch  17  815  187  Landwirte  und
1907:  16  920  671  Landwirte  inmitten  der  anderen  Erwerbsklassen ­
  des  Volkes.
Aus  den  6,2  Millionen  Nicht  landwirten  des  Jahres
1816  waren  1895  33,9  Millionen  und  1907  44,8  Millionen  geworden. ­

Diese  Änderungen  in  der  Zahl  und  dem  wirtschaftlichen
Charakter  der  Bevölkerung  erklären  es  zur  Genüge,  weshalb
die  Einfuhr  von  Getreide  auch  durch  die  5  Mark-Zölle  nicht
gehindert  werden  konnte.  Das  wachsende  Volk  brauchte
Brot  und  Futtermittel  und  die  heimische  Landwirtschaft
konnte  ihren  Bedarf  nicht  mehr  allein  decken.  Infolge  der
Ausdehnung  der  Städte,  der  Bahn-  und  Straßenbauten,  infolge ­
  von  Aufforstungen,  Ausdehnung  von  Gemeinde-  und
        <pb n="12" />
        13

Staatswaldungen  und  Ansiedlung  gewerblicher  Unternehmungen,
y or  allem  aber  infolge  des  Wachstums  der  Bevölkerung  nahm
die  landwirtschaftlich  benutzte  Fläche  pro  Kopf  immer  mehr
ab.  Nach  der  Anbaustatistik  kamen  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung ­
  von  der  landwirtschaftlich  benutzten  Fläche  im
Jahre  1878  noch  0,83  ha,  1883  0,77  ha,  1893  0,69  ha,  1900
0,62  ha  und  nach  den  genaueren  Berechnungen  der  Betriebs-Zahlungen
  fielen  im  Jahre  1895  0,62  ha  und  1907  nur  0,51  ha,
im  Jahre  1910  gar  nur  0,49  ha  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung.
Zwar  nimmt  das  Getreideland  innerhalb  der  landwirtschaftlich ­
  benutzten  Fläche  absolut  zu,  jedoch  erfährt  es  pro
Kopf  der  Bevölkerung  eine  stetige  Abnahme,  um  0,204  a  im
Durchschnitt  der  Jahre  1878/1883  und  um  0,336  a  im  Durchschnitt ­
  der  Jahre  1900/1909.
Allerdings  stiegen  die  Durchschnittserträge  pro  Flächene
 inheit  in  den  letzten  3  Jahrzehnten  ganz  erheblich,  vor  allem
durch  die  Entwicklung  der  Technik  und  besonders  der  landwirtschaftlichen ­
  Chemie,  die  künstliche  Düngerstoffe  zu  immer
billigeren  Preisen  lieferte.  Allein  man  würde  sehr  fehl  gehen,
Wenn  man  diese  unleugbaren  Fortschritte  der  landwirtschaftlichen ­
  Kultur  den  Agrarzöllen  zuschreiben  wollte.  Die  Gefreidepreise
  sind  ja  von  1876—1905  trotz  aller  Zölle  gesunken
u ud  niedrig  geblieben.  Auch  zeigt  ein  Blick  auf  das  zollfreie
Dänemark,  wie  dort  die  Ernteerträge  in  gleichem  Maße  gestiegen ­
  sind,  wie  bei  uns.

So  wurde  jährlich  geerntet  pro  Hektar  Doppelzentner  von

“

Weizen

Roggen

Gerste

Hafer

81/85

01/05

o
GO_
00

01/05

81/85

01/05

81/85

01/05

1,1  Deutschland  .  .
ln  Dänemark  .  .

14,5

18,4

11,6

15,6

15,3

18,4

13,2

16,9

21,8

29,6

16,1

17,1

15,6

19,10

13,4

15,6

Also  nicht  die  hohen  Preise  der  sechziger  und  siebziger
Jahre  brachten  diesen  Fortschritt  hervor,  sondern  die  sinken ­
        <pb n="13" />
        14

den  Preise  waren  offenbar  der  Ansporn  zur  Verbesserung  der
Bodenkultur  und  Entwicklung  der  landwirtschaftlichen  Technik.
Wenn  hier  eingewendet  werden  sollte,  daß  die  Landwirtschaft
nicht  in  der  Lage  sei,  viel  Geld  für  Verbesserungen  der  Betriebe
aufzuwenden,  so  sei  daran  erinnert,  daß  nicht  immer  zur  Erzielung ­
  solcher  Mehrerträge  die  Aufwendung  erheblicher  Mehrkosten ­
  notwendig  ist.  Entwässerungskosten  trugen  zum  großen
Teil  die  Landeskultur-Rentenanstalten,  teils  Staatszuschüsse.
Ferner  wurden  die  künstlichen  Düngemittel  allmählich  ganz
erheblich  verbilligt.  Die  Phosphorsäure  kostet  heute  etwa
ein  Drittel  des  Preises  vor  30  Jahren,  und  durch  die  Thomasschlacke, ­
  die  bei  der  Entphosphorung  des  Eisens  gewonnen
wird,  sank  die  Phosphorsäure  noch  mehr  im  Preise,  sodaß  sie  in
derZeit  von  1880—1897  um  45—48  °/ 0  verbilligt  wurde.  Die  Kalisalze, ­
  ehemals  sehr  kostbar,  sanken  in  den  letzten  30  Jahren  um
41  %  im  Preise,  ihre  Verwendung  stieg  deshalb  von  77  Doppelzentner ­
  auf  100  ha  im  Jahre  1890  auf  439  Doppelzentner  im  Jahre
1903.  Der  Stickstoff,  früher  nur  im  Chilisalpeter  enthalten,  sank
als  industrielles  Abfallprodukt  als  schwefelsaurer  Ammoniak  um
58  %  im  Preise.  Allerdings  stieg  der  Geldlohn  der  ländlichen  Arbeiter ­
  in  dieser  Zeit,  gleichzeitig  aber  auch  die  Produktivität
der  Arbeit.  Teils  durch  Steigerung  der  persönlichen  Arbeitsleistung, ­
  teils  durch  Verbilligung  der  Arbeit  durch  zweckmäßigere ­
  Arbeitsteilung,  Ersparnis  von  menschlichen  Arbeitskräften ­
  durch  Maschinen  und  tierische  Arbeitskräfte.  Verrichteten ­
  doch  im  Jahre  1907  nur  mehr  7  109  168  in  der  Landwirtschaft ­
  tätige  Arbeiter  die  Arbeit,  welche  1882  von  9  721  456
Arbeitern  geleistet  worden  war.
Auch  die  Kapitalbeschaffung  wurde  erleichtert  durch
Verbilligung  des  hypothekarischen  Zinsfußes,  der  auf  3%  %
herabging,  während  die  landwirtschaftlichen  Genossenschaften
auch  Personalkredit  zu  billigem  Zinse  gewährten.  Was  die
ländlichen  Genossenschaften  durch  Beschaffung  künstlichen
        <pb n="14" />
        15

Düngers  für  ihre  Mitglieder,  Benützung  von  Maschinen,  Anschaffung ­
  von  Vieh  und  Betriebsinventar  zu  billigen  Kosten
und  Verwertung  der  Produkte  zu  guten  Preisen  geleistet  haben,
ist  bekannt.  Kostenersparnisse  wurden  ferner  durch  Zusammenlegung ­
  von  Grundstücken  und  Feldwegregulierung  erzielt;
die  Werterhöhung  allein  durch  die  bayrische  Flurbereinigung
in  der  Zeit  1886  bis  1909  wird  auf  12  %  Millionen  Mark  beziffert. ­

Es  stiegen  die  Erträge  von  Roggen  zwischen  1882  und
1909  um  55  %,  von  Weizen  um  35  %,  Gerste  24  %  und  Hafer
um  38,5  %.  Die  Bevölkerung  aber  wuchs  in  dieser  Zeit  um
39,7  %  und  gleichzeitig  stiegen  ihre  Bedürfnisse.  Die  Getreidefläche ­
  aber  sehen  wir  in  dieser  Zeit  um  7,49  a  pro  Kopf  der
Bevölkerung  abnehmen.  Darum  mußte  trotz  der
Zölle  ein  großer  Bruchteil  unseres  Getreidebedarfes ­
  nach  wie  vor  aus  dem  Auslande ­
  bezogen  werden,  zwar  nicht  für  alle  Arten
Getreide  gleichmäßig.
Der  Bedarf  wurde  vom  Inland  gedeckt  19G9/10
in  Roggen  zu  100%,  in  Weizen  zu  6  1,9%,
in  Spelz  zu  100%,  in  Gerste  zu  5  4,7  %  und
Hafer  zu  100%.  Vom  Ausland  wurde  bezogen ­
  Weizen  3  8,1  %  des  Bedarfes,  Gerste  4  5,3  %.
Also  wird  nur  der  Roggen-  und  Haferbedarf  heute  auf
deutschem  Boden  erzeugt,  der  Weizen  zu  ungefähr
einem  Drittel  und  die  Gerste  in  noch  größerem ­
  Maße  aus  dem  Ausland  bezogen.  Die  deutsche
Landwirtschaft  kann  also  den  heutigen
Bedarf  des  Volkes  an  Nahrungsmitteln
n  1  c  h  t  mehr  decken,  außer  man  kehrte  wieder  zum
überwiegenden  Agrarstaat  zurück.  Wie  aber  in  diesem  die
®L7  Millionen  des  heutigen  Deutschland  leben  sollen,  ist  ein
Rätsel,  das  uns  die  Hochschutzzöllner  erst  noch  lösen  sollen.
        <pb n="15" />
        16

Die  schon  erwähnten  von  Rußland,  Österreich-Ungarn
und  den  Vereinigten  Staaten  gegen  die  deutsche  Zollpolitik
und  die  Erhöhung  der  deutschen  Getreidezölle  auf  5  Mk.  ergriffenen ­
  Repressalien  fielen  mit  schlechten  Ernten  zusammen.
Als  Folge  einerseits  Arbeitslosigkeit  und  sinkende  Löhne,
anderseits  steigende  Brotpreise.  Die  Getreidepreise  stiegen
1891  der  Roggen  auf  211,2,  der  Weizen  auf  224,2  Mk.  die  Tonne
auf  dem  Berliner  Markte,  d.  h.  auf  die  Höhe  der  Preise  von
1871—1875.

Die  Zeit  Caprivis.
Da  erfolgte  beim  Abschluß  neuer  Handelsverträge  durch
den  Reichskanzler  Grafen  von  Caprivi  eine  Herabsetzung
der  Zölle  von  5  auf  3,50  Mark  pro  Doppelzentner,  die  der  Kaiser  als
„rettende  Tat“  und  der  Zentrumsführer  Lieber  als  „Großtat
der  neuen  Ära“  begrüßte.
Die  Wirkung  der  Herabsetzung  aber  erfuhr  eine  erhebliche ­
  Einschränkung  durch  die  1894  erfolgte  Aufhebung
des  Identitätsnachweises.  Im  Osten  und  Nordosten ­
  Deutschlands  hatten  die  Bismarckschen  Getreidezölle
zur  Zeit  des  Identitätsnachweises  den  Getreidepreis  nicht
um  den  vollen  Zollbetrag  steigern  können,  während  dies  im
Süden  und  Westen  durchaus  eintrat.  Die  Ursache  war
die  Bestimmung,  daß  derjenige,  der  eingeführtes  Getreide
wieder  ausführen  wollte,  den  Zoll  nur  dann  zurückerstattet
erhielt,  wenn  er  den  Nachweis  erbrachte,  daß  das  auszuführende
Getreide  mit  dem  eingeführten  identisch  sei.  Das  gelang  nur
selten,  weil  das  eingeführte  Getreide  meist  mit  heimischem
gemischt  wurde,  um  dieses  marktfähig  zu  machen.  War  nun
Getreide  über  den  Bedarf  eingeführt  worden,  so  war  infolge
des  bei  seiner  Einfuhr  bezahlten  Zolls  seine  Wiederausfuhr
nur  mit  Verlust  möglich;  als  Folge  sank  der  Inlandpreis  unter
den  Satz,  den  er  unter  Zuschlag  des  Zolls  nach  dem  Stande
        <pb n="16" />
        17

der  Weltmarktpreise  hätte  betragen  müssen.  Nur  in  den
schlechten  Erntejahren  1890,  1891,  1892  stieg  auch  im  Nordosten ­
  der  Preis  fast  ganz  um  die  Zollhöhe  über  den  Weltmarktpreis. ­
  Die  Aufhebung  des  Identitätsnachweises  hatte  die
Wirkung,  daß  erst  jetzt  auch  auf  den  Märkten  des  Nordens
und  Nordostens  der  Zoll  im  Inlandpreis  ganz  zum  Ausdruck
kam.  Das  Gesetz  vom  27.  April  1894,  das  den  Identitätsnachweis ­
  aufhob,  tat  aber  noch  mehr.  Es  bestimmte  nämlich
nicht  bloß,  daß  die  bei  Ausfuhr  von  Getreide  zu  erteilenden
Einfuhrscheine  bei  der  Zollzahlung  für  eingeführtes  Getreide
ungerechnet  werden  sollten,  sie  sollten  auch  bei  der  Zollzahlung
für  eingeführten  Kaffee  und  Petroleum  Verwendung  finden
können.  Ursprünglich  war  Rickert  für  das  System  der  Einfuhrscheine ­
  im  Interesse  des  Getreidehandels  der  Ostseestädte
cingetreten,  die  unter  der  durch  die  Getreidezölle  unterbundenen ­
  Ausfuhr  litten.  Später  zogen  die  Agrarier  von
dieser  Einrichtung  reichlichen  Vorteil.  Die  Bestimmung,  daß
die  Einfuhrscheine  auch  für  Kaffee  und  Petroleum  Verwendung ­
  finden  konnten,  schuf  für  sie  eine  Nachfrage  seitens
der  Importeure  von  Kaffee  und  Petroleum.  Wer  solche  Waren
umführen  will,  sucht  Einfuhrscheine  zu  kaufen.  Die  Nachfrage ­
  hält  ihren  Preis  hoch,  und  dies  muß  wie  eine  Getreideuusfuhrprämie
  wirken.
Sinkt  nämlich  der  Inlandpreis  unter  den  Satz,  der  sich
a us  der  Hinzurechnung  des  Zolls  zum  Weltmarktpreis  ergibt,
80  macht  der  Getreidehändler,  wenn  er  Getreide  ausführl,
Gewinn;  er  erhält  im  Ausland  den  Weltmarktpreis  und  außerdem ­
  bei  der  Ausfuhr  einen  Einfuhrschein  im  Werte  des  Zolls,
der  bei  Einfuhr  auf  der  von  ihm  ausgeführten  Gattung
*md  Menge  Getreide  liegt.  Diesen  Schein  verkauft  er  an  diejenigen, ­
  welche  Kaffee  oder  Petroleum  einführen  wollen.  Er
Wird  mit  der  Ausfuhr  von  Getreide  solange  fortfahren,  bis
der  Preis  auf  dem  Inlandmarkt  infolge  seiner  Ausfuhr  so  hoch
'2
        <pb n="17" />
        18

gestiegen  ist,  daß  die  Ausfuhr  nicht  mehr  Gewinn  bringt,
d.  h.  bis  der  Inlandpreis  dem  Weltmarktpreis  unter  Hinzurechnung ­
  des  Zolls  entspricht.  Die  Beseitigung  des  Identitätsnachweises ­
  bedeutete  also  die  Einführung  einer  Prämie  für
die  Ausfuhr  von  Getreide  mit  der  Tendenz  den  Inlandpreis
um  den  vollen  Zollbetrag  zu  steigern.  Das  ist  auch  im  großen
und  ganzen  so  eingetreten.  Die  Aufhebung  des  Identitätsnachweises ­
  hatte  die  Wirkung,  daß  die  Inlandpreise  bei  Roggen
und  Weizen  unter  dem  Caprivischen  3,50  Mk.-Zoll  tatsächlich ­
  höher  über  dem  Weltmarktpreis  standen,  als  beim  alten
5  Mk.-Zoll.  Aber  die  wenigsten  verstanden  dies;  die  meisten
sahen  nur  die  Herabsetzung  des  Zolles  von  5  Mk.  auf  3,50  Mk.;
und  der  größte  Agitator  Deutschlands  nach  Martin  Luther  und
Friedrich  List,  Fürst  Bismarck,  nahm  diese  Parole  in  die
Hand,  um  Rache  an  seinem  Nachfolger  zu  nehmen.  Es  entstand ­
  der  Bund  der  Landwirte,  von  Bismarck  unterstützt.
Caprivi  fiel.  _
Der  Zolltarif  von  190  2.
Es  entbrannte  jetzt  im  ganzen  deutschen  Lande  die  rücksichtsloseste ­
  Agitation  des  Bundes  der  Landwirte  für  Wiedererhöhung ­
  der  Getreidezölle.  Sie  war  erfolgreich.  Am  25.  Dezember ­
  1902  erhielt  das  deutsche  Volk  zum  Weihnachtsgeschenk
das  unter  Vergewaltigung  der  Geschäftsordnung  vom  Reichstag ­
  beschlossene  Zolltarifgesetz,  das  einen  Mindestzoll  für
Weizen  von  5,50  Mk.,  Roggen  von  5  Mk.,  Malzgerste  von  4  Mk.,
Futtergerste  von  1,50  Mk.  und  Hafer  von  5  Mk.  vom  1.  März
1906  ab  einführte.  Die  Mehrheitspartei  des  Reichstags,  das
Zentrum,  sah  sich  genötigt,  zur  Beruhigung  der  über  die  drohende
Zollbelastung  murrenden  katholischen  Arbeiter  etwas  zu  tun
und  setzte  den  §  15  des.  Zollgesetzes  durch,  nach  welchem
die  Mehrerträge  der  erhöhten  Zölle  auf  Weizen,  Roggen,  Rindvieh, ­
  Schafe,  Schweine,  Schweinespeck,  Mehl  über  die  Erträge
        <pb n="18" />
        19

der  Jahre  1898  bis  1903  hinaus  zur  Einführung  einer  Witwenund
  Waisenversicherung  verwendet  werden  sollten.  Bestenfalls ­
  sollten  100  Millionen  jährlich  für  diesen  Zweck  verwendet
werden,  wogegen  sich  die  Arbeiter  die  Verteuerung  ihres  Lebensunterhalts ­
  durch  die  Zölle  um  etwa  eine  Milliarde  Mark  (bei
loggen  und  Weizen  allein  betrug  1908  die  Verteuerung  für
die  Bevölkerung  605  750  020  Mk.!)  gefallen  lassen  sollten.
Der  Erfolg  hat  gezeigt,  daß  das  Zentrum  die  Unfähigkeit  der
dirn.  anhängenden  Arbeiter  zu  rechnen  richtig  eingeschätzt
hat.  Aber  infolge  der  Steigerung  der  Zölle  und  der  Aufhebung ­
  des  Identitätsnachweises  stieg  die  Ausfuhr  von
loggen  und  Hafer  und  damit  die  Ausfuhrprämie  so  sehr,
daß  Mehrerträge  der  Lebensmittelzölle  zur  Begründung  einer
Witwen-  und  Waisenversorgung  nur  unzureichend,  in  ein-Ze
 lnen  Jahren  gar  nicht  zur  Verfügung  standen.  Alle  Versuchungen, ­
  durch  welche  das  Zentrum  seine  Anhänger
Wegen  der  durch  die  Zollerhöhungen  verursachten  Erschwerun
 g  des  Lebens  zu  trösten  versucht  hatte,  wurden  also  zu
8 chanden.
Die  Wirkung  der  Zollerhöhung  war  eine  weitere  Verteuerung
der  Lebensmittel.  Durch  eine  Mißernte  in  Rußland  1907  und
0l nen  Rückgang  der  Welternte  von  Weizen  in  den  Jahren
W07/08,  den  Corner  des  Chicagoer  Weizenkönigs  Patten  und
Xr
v  Wanderungen  in  den  Geld-  und  Kreditverhältnissen  stieg
der  Weltmarktpreis.  In  Deutschland  waren  befriedigende
hh'nteerträgc  gewesen.  Bei  den  steigenden  Weltmarktpreisen
und  der  erhöhten  Ausfuhrprämie  führte  Deutschland  sogar
wieder  Getreide  aus,  ja  in  Roggen  betrug  die  Ausfuhr  1908/09
rrie hr  wie  die  Einfuhr.  Durch  die  Ausfuhrprämie  stieg  trotz
^ er  guten  deutschen  Ernten  der  Inlandpreis  ebenso  wie  in
^ en  Ländern  mit  schlechter  Ernte.  Die  deutschen
0  g  g  e  n  -  und  Weizen  preise  erhöhten  sich
101  den,  vollen  Betrag  des  Zolles  über  die
2*
        <pb n="19" />
        20

gestiegenen  Weltmarktpreise;  sie  standen
und  stehen  wieder  so  hoch,  wie  zur  Zeit
der  höchsten  Getreidepreise  im  19.  Jahrhundert, ­
  wie  in  den  50er  und  im  Anfang  der  70er  Jahre.
Am  9.  September  1911  kostete  nach  den  Preisfeststellungen
des  Deutschen  Landwirtschaftsrates  eine  Tonne  Weizen

in  Berlin

.  .  211,50  Mark

-  New  York  .  .  .

.  .  153,80  -

-  Chicago  .  .  .  .

.  .  143,00  -

-  Liverpool.  .  .  .

.  .  166,20  -

-  Paris

.  .  206,40  -

-  Budapest  .  .  .

.  .  202,40  -

-  Odessa  .  .  .  .

.  .  163,40  -

Dabei  ist  zu  berücksichtigen,  daß  die  Qualität  des  Weizens
in  Paris  und  Budapest,  sowie  an  anderen  Plätzen,  besser  ist
als  in  Berlin,  so  daß  in  Wirklichkeit  die  Preisdifferenz  zwischen
Berlin  und  den  anderen  Plätzen  des  Weltmarkts  noch  viel
größer  ist.  Auch  ist  zu  beachten,  daß  Frankreich  einen  höheren
Weizenzoll  hat  als  Deutschland,  daß  aber  trotzdem  der  Weizenpreis ­
  in  Paris  niedriger  ist  als  in  Berlin.  Der  Grund  ist:  Frankreich ­
  hat  keine  Ausfuhrprämien  für  Getreide.
Noch  toller  zeigen  sich  die  Wirkungen  der  letzteren  angesichts ­
  der  Tatsache,  daß  ungeachtet  unserer  glänzenden
diesjährigen  Roggenernte  die  Preise  für  Roggen  im  September
d.  J.  enorm  gestiegen  sind.  Infolge  unserer  Ausfuhrprämie
und  billiger  Exporttarife  verschleudern  wir  den  deutschen
Roggen  nach  Dänemark  und  Finnland  als  Schweinefutter ;
während  wir  selbst  im  Inland  Not  leiden.  Nach  den  Mitteilungen
eines  Getreidehändlers  wurde  im  September  in  Deutschland
an  der  deutsch-russischen  Grenze  derselbe  Roggen  mit  175  Mkpro
  Tonne  bezahlt,  den  der  Russe  vom  deutschen  Händler
für  125  Mk.  kauft.  Der  Russe  ist  also  in  der  Lage,  den  deutschen
        <pb n="20" />
        21

Roggen  als  Schweinefutter  zu  verwenden,  während  er  für  viele
Gegenden  Deutschlands  als  Brotstoff  schon  zu  teuer  ist.  Ja
wir  liefern  sogar  dem  Russen  unseren  Brotstoff  billiger,  als  uns
der  Russe  das  Viehfutter.  Russische  Gerste  kostete,  nach  dem
Berliner  Tageblatt  vom  12.  September  1911,  zu  dieser  Zeit  an  der
Grenze  135  Mk.,  also  10  Mk.  mehr  als  unser  deutscher  Roggen.
Bür  Kleie,  also  das  Abfallprodukt,  zahlen  wir  140  Mk.,  d.  h.
15  Mk.  pro  Tonne  mehr,  als  der  Russe  für  unseren  Brotstoff.
Das  ist  im  kurzen  die  Geschichte  vom  Freihandel  bis
z um  Bülowschen  Zolltarif,  vermöge  dessen  wir  der  russischen,
dänischen,  skandinavischen,  holländischen  und  englischen  Bevölkerung ­
  die  Lebenshaltung  um  fast  ein  Drittel  verbilligen,
während  uns  durch  dieses  Verschleudern  an  das  Ausland  die  zur
Verfügung  stehende  Menge  an  Nahrungsmitteln  verringert  wird.
Wer  trägt  den  Zoll?
Die  größte  Rolle  unter  den  Einwänden  von  agrarischer
Seite  gegenüber  den  Gegnern  hoher  Getreidezölle  spielte  bisher
immer  das  Bismarcksche  Wort:  Das  Ausland  trägt  den  Zoll;
Ein  Wort,  das  Bismarck  als  Fechtargument  prägte,  als  er
®einen  Zolltarif  durchsetzen  wollte  und  das  heute  noch  getreulich
v °n  den  Agitatoren  des  Bundes  der  Landwirte  landauf,  landab
Uachgesagt  wird.  Schon  eine  Frage  dürfte  genügen,  diesen
Einwand  zu  beseitigen:  Weshalb  ersehnt  man  denn  überhaupt
die  Zölle  so  leidenschaftlich,  wenn  sie  nicht  den  Zweck  verfolgen ­
  sollen,  die  Inlandpreise  um  ihren  Betrag  zu  erhöhen?
Es  ist  ja  nichts  Neues,  daß  es  bisweilen  Umstände  geben  kann,
die  einen  Einfuhrzoll  teilweise  oder  ganz  vom  Auslande  tragen
lassen.  Deutschlands  Erfahrungen  mit  den  Getreidezöllen
Sln d  aber  andere.  Zunächst  sinkt  wohl  der  Weltmarktpreis
e Gvas,  weil  das  ausländische  Getreide  sich  auf  dem  Weltmarkt
s taut.  Das  geschah  bisher  aber  stets  nur  ganz  vorübergehend.
fo' lc h  der  Roggenzoll  wurde  von  dem  an  Deutschland  ver ­
        <pb n="21" />
        22

schuldeten  Rußland  vorübergehend  dadurch  teilweise:  getragen,
daß  der  russische  Staat  seine  Eisenbahnfrachttarife  herabsetzte ­
  und  auch  der  russische  Bauer  seinen  Roggen  unter  dem
Druck  des  Steuererhebers  dem  Getreidehändler  billiger  geben
mußte.  Im  Süden  Deutschlands  kamen  die  Bismaroksohen
Zölle  von  Anfang  an  ganz  zur  Geltung,  während  dies  in  den
ostelbischen  Provinzen  Preußens,  wie  schon  bemerkt,  vor
Aufhebung  des  Identitätsnachweises  nicht  vollständig  der
Fall  war.
Auch  bei  der  Gerste  war  der  Inlandpreis  unter  den  Bismaroksohen ­
  Zöllen  stets  um  den  ganzen  Zollbetrag  höher  als
der  Weltmarktpreis,  vor  allem,  weil  die  deutsche  Brauindustrie
und  die  deutschen  Viehzüchter  die  ausländische  Gerste  nicht
entbehren  können.
Bei  Hafer  stieg  der  Preis  sogar  noch  höher  als  der  Zollbetrag ­
  infolge  des  großen  Haferbedarfs  der  Armee.  —
Den  Getreidezoll  haben  wir  also  fast
vollständig  getragen.  Das  hindert  allerdings  die
bündlerische  Agitation  nicht,  unentwegt  weiter  zu  behaupten,
den  Zoll  trägt  das  Ausland.  Deshalb  sei  hier  daran  erinnert,
daß  auch  Dr.  Rußland,  der  Gelehrte  des  Bundes  der
Landwirte,  1887  erklärte 1 ):  „Die  Regel  wird  also  sein,  daß
der  Importeur  auswärts  den  vollen  Kurs  zahlt  und  im  Inland
diesen  mit  dem  Zollaufschlag  fordert.“  Und  Freiherr  von
Getto,  der  bekannte  Führer  der  bayrischen  Agrarier,
machte  am  5.  März  1895  im  Deutschen  Landwirtschaftsrat *  2 )
folgendes  interessante  Geständnis:  „Es  hat  eine  Zeit  gegeben,
in  der  man  nicht  den  Mut  hatte,  offen  zu  sagen,  daß  die
Getreidepreise  verteuert  werden  sollen.  Es  ist  nicht  lange
*)  Ruh  1  and,  Zeitschrift  des  Landwirtschaftlichen  Vereins  in  Bayer 11
1887.  S.  619.
2 )  Archiv  des  Deutschen  Landwirtsohaftsrates  1806,  S.  166.
        <pb n="22" />
        23

her,  daß  man  auf  Umwegen  dem  Publikum  begreiflich  zu
machen  suchte,  daß  durch  die  Einführung  höherer  Zölle  das
einheimische  Getreide  eigentlich  gar  nicht  sonderlich  verteuert
würde,  daß  die  Lebensmittel  ihren  gleichen  Preis  nach  wie
vor  behalten.“  Wir  sind  begierig,  ob  man  in  Zukunft  ebenso
offen  sein  wird.

Wem  nützen  die  hohen  Preise?
Leider  besitzen  wir  für  das  Deutsche  Reich  keine  amtliche
Untersuchung  über  diese  Frage.  Nur  in  Baden  sind  Erhebungen
über  den  Verkauf  von  Brotfrucht  in  den  einzelnen  Gemeinden
aus  freien  Stücken  durch  die  Oberamtmänner  im  Jahre  1902
vorgenommen  worden.  E  s  i  s  t  aber  klar,  daß  direkte
Vorteile  von  den  Zöllen  nur  die  Landwirte ­
  haben  können,  die  auch  Getreide
z u  verkaufen  haben.
Welche  waren  das?
In  Bayern  führte  1883  im  Landwirtschaftlichen  Verein
der  2.  Vorsitzende  aus,  daß  die  Landwirte  in  der  Pfalz,  Unterund
  Oberfranken  und  die  Mehrzahl  derselben  in  Mittelfranken
und  Oberpfalz  Getreide  zukaufen  müßten.  Prinz  Ludwig
fügte  hinzu,  dasselbe  gälte  auch  für  die  südlichen  Teile  Oberbayerns
  und  Schwabens,  in  denen  die  Viehzucht  überwiege.
Und  bei  der  Vorbereitung  des  späteren  Bülowschen  Zolltarif  es
hat  der  bayerische  Waldbauernbund  1901  an
die  bayerische  Staatsregierung  eine  Eingabe  gerichtet,  in  der
er  betont,  daß  im  weitaus  größten  Teil  der  für  Getreidebau
geeigneten  Gegenden  Deutschlands  die  „selbstschaffenden  Landete, ­
  d.  h.  d  i  e  wirklichen  Bauern,  wenigstens
^ie  Hälfte  ihres  Einkommens  aus  der  Viehhaltung ­
  und  aus  tierischen  Erzeugnissen
z  0  g  e  n.  In  den  äußeren  Gebirgs-  und  Waldgegenden  Süd-  und
        <pb n="23" />
        Mitteldeutschlands  sinkt  der  Beitragsanteil  des  Getreides  zum
bäuerlichen  Gesamteinkommen  gegenüber  der  Viehhaltung
auf  ein  Minimum,  in  vielen  Gegenden  auf  Null  herab.  Von
den  Bauern  des  bayerischen  Hochgebirges  erzeugen  nur
die  in  den  besten  Lagen  begüterten  zirka
ein  Drittel  des  Bedarfes  an.solchem,  b  z  w.
Mehl.  Fast  den  ganzen  bedeutenden
Bedarf  für  das  Vieh  müssen  sie  kaufen.
Ähnlich  —  in  verschiedenen  Abstufungen  liegen  die  Verhältnisse
in  der  Mehrzahl  der  deutschen  Gebirgsländer  —,  auf  einem
großen  Teil  der  schwäbisch-bayerischen  Hochebene,  ja  selbst
in  weit  ausgedehnten  Distrikten  der  norddeutschen  Tiefebene
den  gar  kein  oder  nur  wenig  Getreide  produzierenden
Landwirten  aber  legen  schon  die  vorgeschlagenen  Tarif  zolle
für  Getreide-,  Mehl-  und  Futtermittel  —  ohne  irgend  welche
Garantie  für  Schutz  ihrer  Produkte  und  für  dauernde  Berücksichtigung ­
  ihrer  eigenen  Produktionsverhältnisse  —  unerschwingliche ­
  Opfer  auf.  Einheitliche  Zollsätze  von
6  Mk.  per  Doppelzentner  für  Roggen,  Gerste,  Weizen  und
Hafer,  d.  h.  bei  Roggen  und  Hafer  beinahe  das  doppelte,  bei
Gerste  das  dreifache  des  bisherigen  Vertragszolles,  oder  gar
von  7,50  Mk.  pro  Doppelzentner,  wie  der  Bund  der  Landwirte ­
  will,  müßten  ohne  dauernd  gesicherte  Äquivalente  durch
entsprechende  Viehzölle  und  förderliche  Einfuhrordnung  u  n  -
fehlbar  zu  rascher  Verarmung  und  binnen
kurzem  zu  völligem  Ruine  der  betroffenen
Bevölkerungsgruppen  führen.  Die  bayerischen
Gebirgs-  und  Waldbauern  werden  bei  solcher  Gestaltung  der
Dinge  unter  erhöhten  Getreide-,  Mehl-  und  Futterpreisen
schwerer  zu  leiden  haben,  als  die  Industriearbeiter  in  den
Städten.“  —  So  der  bayerische  Waldbauernbund.  —
Sehr  lehrreich  ist  auch  die  Schrift  eines  christlich-sozialen
österreichischen  Abgeordneten,  des  Reichsritters  vonPantz:
        <pb n="24" />
        —  25

&amp;gt;  ,I)ic  Hoohsohutzzollpolitik  Hohenblums  und  der  österreichische
Bauernstand.  Wien  1910.“  Pantz  weist  nach,  daß  90—95  %
des  österreichischen  Bauernstandes  durchaus  kein  Interesse
an  hohen  Getreidepreisen  haben,  vielmehr'durch  hohe  Getreidepreise ­
  in  ihrer  Viehzucht  erheblich  geschädigt  werden.  Die
österreichische  Statistik  zeigt  auch,  daß  hohe  Getreidepreise ­
  niedrige  Viehpreise  nach  sich  ziehen,
besonders,  wenn  die  Heuernte  schwach  ausfällt,  weil  der  Bauer
gezwungen  wird,  sein  Vieh  um  jeden  Preis  loszuschlagen.
Selbst  in  eigentlichen  Getreidegegenden,  wie  Niederösterreich,
fließt  die  Haupteinkommensquelle  der  bäuerlichen  Wirtschaft
aus  der  Viehzucht.
Für  Württemberg  sagt  Marqirard 1 )  auf  Grund  seiner
Berechnungen;  „Wirklich  greifbare  Vorteile  von  höheren
Zöllen  haben  nur  die  Güter  mit  über  50  ha  Besitz“,  d.  h.  0,19  %
sämtlicher  Betriebe.  -—  In  Baden  haben  nach  Ruhland
(1884) 1  2 )  nicht  mehr  als  2  %  der  landwirtschaftlichen  Betriebe
Gn  Interesse  an  den  Getreidezöllen.  Nach  der  Erhebung  der
öadischen  Oberamtmänner 3 )  1902  haben  kein  Interne ­
  an  Zöllen  14,6  %  der  Bevölkerung,  ein  geringes  Interesse
%,  ein  mäßiges  Interesse  6,2  %,  ein  erhebliches  0,6  %  und
direkten  Nachteil  von  ihnen  erwarten
%  aller  Familien  des  Landes.  In  diesem
Lande  mit  durchgehendem  Kleingrundbesitz,  mit  günstigem
Klima  und  Boden,  in  welchem  50,8  %  aller  Familien  Brotfrueht
  bauen,  erzeugen  doch  nur  28,7  %  von  ihnen  ihren
Jahresbedarf  an  Brotfrucht.  Erst  bei  einer  Betriebsfläche  von
0  ha  etwa  beginnt  der  Verkauf  von  Brotfrucht.
1 )  Marquard,  Württemberg  und  der  Brotgetreidezoll.  Stuttgart
1902.
a )  Zeitschrift  des  Landwirtschaftlichen  Vereins  für  Bayern  1884,  S.  438.
3 )  Nach  Moritz  Hecht:  Die  bayrische  Landwirtschaft  am  Ausgang
des  XX.  Jahrhunderts,  Karlsruhe  1903.
        <pb n="25" />
        26

Auch  die  Provinz  Hannover  ist  weit  mehr  an  der
Vieh  Wirtschaft  interessiert  als  am  Getreidebau.  Nach  einer
Enquete  des  früheren  nationalliberalcn  Parteisekretärs  F  1  a  t  h  -
mann 1 )  hatte  die  überwiegende  Anzahl  der  befragten  Landwirte ­
  kein  Interesse  für  Getreidezölle,  lehnte  sie  vielfach  direkt
ab  und  nur  gelegentlich  wurde  eine  Erhöhung  der  Viehzölle
verlangt.  Dasselbe  gilt  für  die  Bauern  in  Pommern *  2 ).  Der
Reichskanzler  Fürst  Hohenlohe  stellte  in  seiner  Reichstagsrede ­
  vom  25.  März  1895  fest,  daß  im  ganzen  Reich  nur
21  %  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung  an  hohen  Getreidezöllen ­
  interessiert  seien.  Nach  einer  Privatarbeit  von  Rudolf
König 3 )  sollen  im  Großherzogtum  Hessen  von  28501  kleinbäuerlichen ­
  Betrieben  16  809  Betriebe  von  2—5  ha  Getreide
über  den  eigenen  Bedarf  erzeugt  haben.  Allerdings  in  so  geringfügigen ­
  Mengen,  daß  es  fraglich  ist,  ob  der  Nutzen  durch  den
erhöhten  Getreidepreis  durch  andere  Mehrausgaben  infolge
der  allgemeinen  Zollerhöhung  nicht  mehr  als  aufgewogen  wird.
Aus  allen  diesen  Zeugnissen  geht  deutlich  hervor,  daß  der
Schwerpunkt  der  Interessen  des  eigentlichen  Bauerntums
längst  nicht  mehr  im  Getreidebau  liegt,  sondern  in  der  Viehzucht ­
  begründet  ist  und  in  ihr  gute  Aussicht  auf  steigende
Einnahmen  hat.  Ganz  anders  ist  der  Großgrundbesitz  am
Getreidebau  interessiert.  Das  zeigen  auch  die  neueren  Untersuchungen ­
  Roncadors 4 ),  des  Sohnes  eines  preußischen  Rittergutsbesitzers: ­
  Die  Betriebe  unter  2  ha  erzeugen  meist  nicht
x )  Flat  h  mann,  Die  Landbevölkerung  der  Provinz  Hannover
und  die  Agrarzölle.  (Berlin  1902  bei  Alex.  Duncker.)
2 )  W.  Euboff,  Die  hinterpommersche  Landgemeinde  Schwessin,
die  Lage  ihrer  Landwirte  und  ihr  Interesse  an  den  Getreidezöllen.  (Berlin  1903.)
3 )  Rudolf  König,  Statist.  Mitteilungen  aus  62  kleinbäuerlichen
Betrieben  über  Erzeugung,  Verbrauch,  Verkauf  und  Zukauf  von  Getreide
(Gießener  Doktordissertation.  Jena  1901.)
4 )  Bruno  Heinrich  Roncador,  Wesen  und  Wirkung  der
Agrarzölle.  (Jena,  Gustav  Fischer  1911.)
        <pb n="26" />
        27

das  Maß  von  Brotgetreide,  das  für  die  Familie  zur  Ernährung
notwendig  ist,  sie  sind  gezwungen,  zuzukaufen.  Nach  der
Betriebszählung  1907  sind  dies  2  585  217  Betriebe  mit  Ackerland. ­
  Die  größeren  Betriebe  von  2—5  ha  =  985  613  Betriebe
erzeugen  wohl  einige  Doppelzentner  Getreide  mehr,  als  die
Familie  zum  Lebensunterhalt  braucht,  sie  verfüttern  aber  meist
rationellerweise  diesen  kleinen  Überschuß  in  der  Viehwirtschaft.
Ihr  Geldgewinn  durch  erhöhten  Getreidepreis  ist  also  bestenfalls ­
  ein  ganz  geringer  und  wird  durch  die  allgemeine  Teuerung
des  lückenlosen  Zolltarif  es  mehr  wie  aufgehoben.  Auch  bei
den  mittleren  bäuerlichen  Betrieben  von  5—20  ha  (Anzahl
1  050  696  Betriebe)  ist  die  Menge  des  verkäuflichen  Getreides
verhältnismäßig  gering,  weil  außer  der  Familie  noch  mehrere
Arbeitskräfte  als  Brotesser  in  Betracht  kommen,  sie  beträgt
im  Durchschnitt  bei  einer  Ernte  von  45,3  Doppelzentnern  etwa
30  Doppelzentner.  (Normalgetreidebedarf  einer  Familie  etwa
10  Doppelzentner).  Bei  dieser  Betriebsgröße  beginnt  aber
schon  ein  direkter  Vorteil  von  den  Zöllen.  Ganz  erheblich
jedoch  steigt  der  Nutzen  durch  die  Brotgetreidezölle  bei
den  höheren  Betriebsklassen  20—100  ha  (Zahl  259  475  Betriebe)
und  mehr  als  100  ha  Fläche  =  23  262  Betriebe,  beim  großen
Grundbesitz.
Auch  das  Interesse  an  den  Zöllen  auf  Futtergetreide
ist  sehr  geteilt,  geringer  beim  Bauern,  größer
beim  Großgrundbesitzer.  Und  man  versteht  deshalb
auch,  warum  sich  die  führenden  agrarischen  Kreise  jeder
Herabsetzung  auch  der  Futtermittelzölle,  die  im  Interesse  der
Vieh  Wirtschaft  und  der  Fleischversorgung  des  Volkes  gelegen
wäre,  aufs  heftigste  wider  setzen.  Der  Bauer  verkauft  die  Futtergerste ­
  nur  in  sehr  geringen  Mengen;  er  verbraucht  sie  meist
m  der  eigenen  Wirtschaft.  Für  den  Verkauf  kommt  eigentlich
mir  der  Hafer  in  Betracht.  Wenn  man  das  Durchschnittsquantum ­
  an  Hafer,  mit  dem  der  Bauer  das  Pferd  füttert,  auf
        <pb n="27" />
        28

18,25  Doppelzentner  pro  Jahr  und  Pferd  ansetzt  und  den
Durchsohnittsertrag  des  Hafers  pro  ha  auf  19,16  Doppelzentner, ­
  so  beträgt  der  Überschuß  des  verkäuflichen  Hafers
bei  den  2  585  716  Parzellenbetrieben  unter  2  ha  mit
116666  ha  Hafer  und  71  369  Pferden  pro  Betrieb  nicht
ganz  ein  Drittel  Doppelzentner,  bei  den
985  613  kleinbäuerlichen  Betrieben  von  2—5  ha  mit  371  046  ha
Hafer  und  241  636  Pferden  pro  Betrieb  rund  2%  Doppelzentner, ­
  bei  den  1  050  696  mittelbäuerlichen  Betrieben
von  5—20  ha  mit  1  473  212  ha  Hafer  und  1  323  290  Pferden
pro  Betrieb  rund  2%  Doppelzentner,  bei  den  259  475
großbäuerlichen  Betrieben  von  20—100  ha  mit  1  384  181  ha
Hafer  und  1202176  Pferden  pro  Betrieb  rund  13,4  Doppelzentner, ­
  bei  den  23  262  Großbetrieben  über  100  ha
mit  865  713  ha  Hafer  und  652  536  Pferden  pro  Betrieb  rund
175,6  Doppelzentner.
Den  Hauptnutzen  von  den  Zöllen  hat  also  auch  hier  nur
der  Großgrundbesitz.
Der  Schwerpunkt  der  Bareinnahmen  einer  mittleren
Bauernwirtschaft  liegt  heute  schon  in  der  Viehzucht.  Das
zeigt  auch  deutlich  eine  Untersuchung  L.  Rudloffs 1 )
über  die  Wirtsohaftsergebnisse  eines  mittleren  Bauernhofes
im  hessischen  Bergland  in  den  Jahren  1888—1909.  Der  Betrieb
ist  31,15  ha  groß,  also  ein  ansehnlicher  Bauernbetrieb  und
typisch  für  die  meisten  mittleren  und  großen  Bauernhöfe
des  hessischen  Berglandes.  Im  Durchschnitt  der  letzten
22  Jahre  flössen  mehr  als  die  Hälfte  aller  Bareinnahmen ­
  (55,29  %)  aus  dem  Verkauf  von
Vieh  und  Viehprodukten,  während  nur  31,15%
der  Bareinnahmen  aus  Getreideverkauf,
13,56  %  aus  sonstigen  Einnahmen  bestanden.

x )  R  u  d  I  o  f  f  ,  Schmollers  Jahrbuch  XXXV,  Seite  251  ff.
        <pb n="28" />
        29

Nach  der  Betriebszählung  von  1907  gab  es  4  384  786
Betriebe  bis  zu  5  ha;  rechnet  man  dazu  die  17  982  Betriebe
über  6  ha,  welche  kein  Ackerland  haben,  so  sind  es  4  402  768
Betriebe  von  5  736  082  im  ganzen  —  76,75  %.  Von  diesen
76,75  %  aller  Landwirtschaftsbetriebe  kann  man  also  sagen,
daß  sie  meist  gezwungen  sind,  Getreide  zuzukaufen.
  Nur  23,35  %  der  deutschen  Landwirtschaftsbetriebe ­
  sind  deshalb  an  hohen
Getreidepreisen  interessiert,  am  meisten  unter
ihnen  der  ostelbische  Grundbesitz.
Von  jeher  ist  ein  deutliches  Erkennungszeichen  für  die
Wirkung  der  Getreidezölle  die  Steigerung  der  Bodenpreise ­
  gewesen,  auf  die  wir  im  übrigen  später  noch  kommen
werden.  Sehr  interessant  ist  es  nun  zu  sehen,  wie  Rothk
  e  g  e  1 x )  dargestellt  hat,  daß  seit  der  letzten  Zollerhöhung
eine  erhebliche  Bodenpreissteigerung  edngetreten  ist,  wie  wir
sie  ja  vorausgesagt  haben.  Die  Bodenpreissteigerung  unter
der  Wirkung  des  Bülowschen  Zolltarifs  1901/03  bis  1907/09
übertrifft  die  Bodenpreissteigerung  der  vorangegangenen
Periode  1895/97  bis  1901/03,  die  unter  den  Caprivischen  Zöllen
verlief,  beinahe  um  das  doppelte.  Ganz  besonders
aber  fällt  die  Bodenpreissteigerung  dem  großen  Grundbesitz  zu.
Das  zeigen  folgende  Ziffern:  1895/97  bis  1901/03  stiegen
die  Bodenpreise  bei  Landgütern  um  17  %,  bei  Stückländereien
um  10  %.  1901/03  bis  1907/09  stiegen  die  Bodenpreise  bei
Landgütern  um  33  %,  bei  Stückländereien  um  21  %.
Die  Steigerung  des  Bodenpreises  war  also  in  der  zweiten
^eitperiode  größer  als  in  der  ersten,  und  zwar  bei  den  Grundstücken ­
  unter  2  ha  um  12  %,  von  2—5  ha  um  11  %,  von
1 )  W.  Rothkegel,  Die  Bewegung  der  Kaufpreise  für  ländliche
Besitzungen  und  die  Entwickelung  der  Getreidepreise  im  Königreich  Preußen
Von  1895  bis  1909.  (Vgl.  Beilage  Nr.  1  im  Anhang.)
        <pb n="29" />
        X

—  30  —
5—20  ha  um  13  %,  von  20—-100  ha  um  23  %,  von  100—500  ha
um  36  %,  von  500  ha  und  mehr  um  34  %.
Die  vermehrte  Steigerung  bei  den  Besitzungen  unter
20  ha  ist  also  nicht  sehr  bedeutend  =  11  bis  13  %,  sie  steigt
zwischen  20  und  100  ha  auf  23  %  und  beträgt  bei  100  bis  500
und  mehr  ha  34  bis  36  %.
Je  größer  die  Getreidefläche  und  damit
der  Getreideverkauf  des  Betriebes  ist,
um  so  höher  steigt  der  Preis  und  auch  die
Beleihungsfähigkeit  des  Bodens.  Eine  wertvolle ­
  Bestätigung  unserer  Anschauung,  daß  Getreidezollpolitik
Großgrundbesitzerpolitik  ist. 1 )
An  dieser  Tatsache  ändern  auch  die  Stimmen  nichts,  die
ein  indirektes  Interesse  der  nicht  Getreide  verkaufenden
Bauern  an  den  Getreidezöllen  dartun  wollen.  Da  gibt  es  einige,
die  da  sagen,  daß  steigende  Getreidepreise  steigende  Viehpreise ­
  im  Gefolge  hätten  usw.  Selbst  wenn  die  Bewegung  der
Viehpreise  nicht  von  mehr  Faktoren  als  vom  Preise  des  Getreides
abhinge,  würde  dabei  übersehen,  daß  eben  die  Teuerung  des
Getreides  dem  Viehzüchter  das  Futtermittel  verteuert  um  einen
Betrag,  der  höher  als  die  Steigerung  des  Viehpreises  ist,  und
zweitens  sieht  man  sehr  oft,  daß  steigende  Getreidepreise  sinkende
Viehpreise  im  Gefolge  haben.  Das  ist  teils  die  Folge  davon,
daß,  je  teurer  das  Brot  ist,  um  so  geringer  die  Zahlungsfähigkeit
der  Bevölkerung  für  animalische  Nahrungsmittel  wird,  teils
davon,  daß  der  Bauer  infolge  hoher  Futtermittelpreise,  namentlich ­
  bei  schlechter  Heuernte,  vielfach  gezwungen  ist,  sein  Vieh
um  jeden  Preis  zu  verkaufen.  Auch  jene  Meinung  ist  irrig,
welche  von  einer  Ermäßigung  der  Getreidezölle  die  Wirkung
1 )  So  schon  der  heutige  wissenschaftliehe  Beirat  des  Bundes  der  Landwirte, ­
  Dr.  G.  Buhl  and  in  der  Wißschen  Vierteljahrsschrift  für  Volkswirtschaft, ­
  84.  Band,  1884,  und  in  der  Zeitschrift  des  Landwirtschaftlichen
Vereins  in  Bayern,  1884,  S.  438.
        <pb n="30" />
        31

befürchtet,  daß  sich  größere  Kreise  der  Getreideproduzenten
dann  der  Viehzucht  zuwenden  und  den  Viehzüchtern  schwere
Konkurrenz  machen  würden.  Denn  einmal  genügt,  wie
später  noch  betont  wird,  die  heimische  Viehproduktion  keineswegs ­
  dem  Bedarf  des  Volkes  und  zweitens  wird  unser  wachsendes ­
  Volk  in  immer  steigendem  Maße  am  Fleischverbrauch
teilnehmen,  sodaß  nur  eine  bedeutende  Ausdehnung  unserer
Viehzucht  imstande  sein  wird,  in  absehbarer  Zeit  uns  genügend ­
  mit  Fleisch  zu  versehen.
Der  Nachteil  der  Getreidezölle  für  diese  Schichten  ist
also  offensichtlich  und  wird  auch  von  diesen  Kreisen  selbst
richtig  erkannt.  Das  beweist  die  schon  erwähnte  Eingabe
dos  bayerischen  Waldbauernbundes;  das  zeigen  deutlich  die
Keden  des  christlich-sozialen  Abgeordneten  Ferdinand  Reichsritter ­
  von  Pantz 1 )  im  österreichischen  Hause  der  Abgeordneten
a m  30.  November  1910  und  27.  Juli  1911  und  in  der  Gegenwart ­
  wieder  die  stürmischen  Klagen  vieler  deutscher  Bauern
über  die  hohen  Futtermittelpreise.  Hat  doch  selbst  die  Vorstandschaft ­
  der  christlichen  Bauernorganisation  jüngst  unter  dem
Vorsitze  des  Dr.  Georg  Heim  die  Suspendierung  der  Maiszölle
Ve rlangt.  Und  auch  die  Teuerungsdebatte  des  bayr.  Landtages
Anfang  Oktober  dieses  Jahres  brachte  manches  wertvolle  Zugeständnis ­
  der  Schutzzöllner  über  die  nachteiligen  Wirkungen
der  Getreidezollpolitik.  Dr.  Heim  erwärmte  sich  nicht  bloß  für
vorübergehende  Einfuhr  gefrorenen  argentinischen  Fleisches
Un d  für  Rückvergütung  des  Maiszolles  an  die  Konsumenten,
sondern  trat  auch  für  eine  „Korrigierung  des  Futtergerstenz
 olles“  in  der  Weise  ein,  daß  die  Einfuhr  geschroteter  Gerste
zollfrei  bleiben  solle.  Zur  Begründung  dieses  Vorschlages
mgnete  er  sich  völlig  die  Gründe  der  Zollgegner  an,  daß  durch
*)  Vergl.  auch  Ferdinand  Reichsritter  von  Pantz,  _  Die  Frage
'Er  Agrarzölle  in  der  kommenden  handelspolitischen  Ära.  Vortrag  gehalten
1111  Vederösterroichischen  Gewerbeverein  am  17.  März  1911.  Wien  1911.
        <pb n="31" />
        32

die  Verteuerung  der  Futtermittel  die  Produktionskosten  der
Fleisohproduzenten  sich  ungebührlich  erhöhen  müssen.  Auch  der
Bauernbündler  Abg.  Dirr  gab  zu,  daß  unter  den  gegenwärtigen ­
  Teuerungsverhältnissen  die  Landwirte  nicht  an  den
hohen  Schutzzöllen  festhalten  dürften.  Die  Phalanx  der
extremen  Zöllner  ist  also  schon  durchbrochen.
Die  Getreidezölle  und  die  Reichsfinanzen.
Der  Umschwung  in  der  Zollpolitik  im  Jahre  1877  hatte
seine  erste  Ursache  darin,  daß  die  Reichseinnahmen  im  Gefolge
der  Krisis  von  1873  zurückgegangen  waren.  Um  die  Mehrheit
zu  erhalten,  welche  ihm  neue  Steuern  bewilligte,  schuf  Fürst
Bismarck  damals,  wie  schon  dargelegt,  das  Bündnis  zwischen
Agrariern  und  Industriellen  auf  Grundlage  des  Schutzzolls.
Was  waren  die  Folgen  der  von  ihm  eingeführten  Getreidezllöe?
Da  trotz  derselben  Getreide  fortdauernd  eingeführt  wurde,
wuchsen  die  Zolleinnahmen  des  Reichs;  immerhin  war  das
Maximalerträgnis  der  Bismarckschen  Getreidezölle  nicht  höher
als  111,4  Millionen  Mark  im  Jahre  1890.  Erst  unter  Caprivi,
als  die  Bevölkerung  um  10  Millionen  Seelen  gestiegen  ■war,
im  Jahre  1896  wurde  das  Erträgnis  trotz  der  Herabsetzung
der  Getreidezölle  größer.  Es  bewegte  sich  in  der  Zeit  von  1896
bis  1905  zwischen  128,8  und  180,8  Millionen  Mark  im  Jahr.  Seit
der  Erhöhung  der  Zölle  durch  Bülow  ist  es  bis  auf  257  928  000
Mark  im  Jahre  1907  gestiegen.  Aber  nicht  alles,  was  das  deutsche
Volk  infolge  der  Getreidezölle  hat  zahlen  müssen,  ist  dem  Reiche
zu  gut  gekommen.
Denn  einmal  hat  das  Reich  von  dem,  was  es  an  Getreidezöllen ­
  erhob,  einen  großen  Teil  in  Ausfuhrprämien  wieder
herauszahlen  müssen.  In  dem  Rechnungsjahre  1908  betrug  dies
102,2,  in  1909  100,4,  in  1910  123,5,  in  den  letzten  drei  Jahren
zusammen  also  nicht  weniger  als  325  Millionen  Mark,  und  die
£
Zentrumsarbeiter,  die  betört  durch  die  Aussicht  auf  eine  am
        <pb n="32" />
        33

den  Getreidezollüberschüssen  aufgebaute  Witwen-  und  Waisenversorgung ­
  die  Politik  ihrer  Partei  gutgeheißen  hatten,  sahen
ihre  Felle  davonschwimmen.
Dieser  durch  die  Äusfuhrscheine  verursachte  Ausfall
im  Zollertrag  war  aber  noch  die  geringste  Schädigung,  welche
unser  Schutzsystem  den  öffentlichen  Finanzen  gebracht
hat.  Weit  schädlicher  ist,  daß  es  die  Leistungsfähigkeit  der
Steuerzahler  in  Reich,  Einzelstaaten,  Gemeinden  erschöpft.
Daher  beschäftigen  wir  uns  seit  Jahren  vergeblich  mit  Finanzreformen, ­
  welche  die  ordentlichen  Einnahmen  der  öffentlichen
Körperschaften  mit  deren  Ausgaben  ins  Gleichgewicht  bringen
sollen.  Man  hat  die  direkten  Steuern  erhöht  und  einen  Verhrauchsgegenstand
  nach  dem  andern  mit  indirekten  Steuern
belegt,  so  daß  wir  vom  ersten  Schritt  aus  dem  Bette  am  Morgen,
big  w i r  uns  wieder  niederlegen,  nichts  genießen,  ohne  Tribut
zu  zahlen.  Dem  darüber  Seufzenden  wird  dann  regelmäßig
vorgerechnet,  er  zahle  pro  Kopf  der  Bevölkerung  an  Reich
und  Einzelstaaten  doch  noch  lange  nicht  so  viel  Steuer  wie
z -  B.  der  englische  Steuerzahler  dem  englischen  Staate  und
dabei  stellt  man  nur  gegenüber,  was  in  Deutschland  und  England
der  Staat  wirklich  einnimmt.  Als  ob  der  Steuerzahler  nur  durch
das  belastet  würde,  was  Reich  und  Einzelstaaten  von  dem,
w as  er  infolge  der  Steuern  mehr  zahlen  muß,  wirklich  erhalten,
und  nicht  vielmehr  durch  den  ganzen  Betrag,  den  er  infolge  der
Erhebung  einer  Steuer  mehr  als  sonst  opfern  muß,  auch  durch
den,  von  dem  keine  öffentliche  .Kasse  etwas  zu  sehen
bekommt!
Da  brachten  z.  B.  die  Zölle  auf  Roggen,  Weizen,  Gerste
und  Hafer  in  den  drei  Jahren  1907/09  dem  Reiche  377  013  163
Mark,  in  jedem  derselben  durchschnittlich  125  671  054  Mk.
Kber  der  eingeführte  Roggen  betrug  nur  1,6  %  des  deutschen
Roggenbedarfs;  im  Jahre  1909  wurde  dieser  ganz  durch  den
Ui  Deutschland  gebauten  Roggen  gedeckt.  Ähnlich  war  es
3
        <pb n="33" />
        34

mit  dem  Hafer;  der  eingeführte  Hafer  betrug  nur  0,71  %
des  deutschen  Haferbedarfs  und  im  Jahre  1908  wurde  dieser
ganz  durch  heimischen  Hafer  befriedigt.  Nur  zur  Deckung
des  Weizen-  und  Gerstenbedarfs  war  in  den  genannten  drei
Jahren  eine  Zufuhr  aus  dem  Auslande  im  Betrag  von  etwas
mehr  als  einem  Drittel  desselben  notwendig.  Wir  haben  aber
gesehen,  daß  seit  Aufhebung  des  Indentitätsnachweises  der
Inlandpreis  fast  um  den  ganzen  Betrag  des  Zolls  über
dem  Weltmarktpreis  steht.  Es  läßt  sich  ferner  behaupten,
daß  nach  der  landwirtschaftlichen  Betriebszählung  von  1907
bestenfalls  19  %  der  63  219  000  Bewohner  des  deutschen  Zollgebiets ­
  selbst  gebautes  Getreide  verbrauchten.  Unter  Zugrundelegung ­
  dieses  Prozentsatzes,  der  viel  zu  hoch  ist,  mußten  die
übrigen  81  %  in  den  drei  Jahren  3  059  329  702  Mk.  mehr  ausgeben, ­
  wovon  2  682  316  537  Mk.,  in  jedem  Jahr  durchschnittlich
894  105  512  Mk.  in  die  Taschen  Privater  geflossen  sind.  Das,
was  die  Zölle  auf  Roggen,  Weizen,  Gerste  und  Hafer  in  den
Jahren  1907/09  dem  Reiche  gebracht  haben,  hat  den  Steuerzahler ­
  allerdings  nur  mit  7,36  Mk.  pro  Kopf  der  Getreide  kaufenden ­
  Bevölkerung,  in  jedem  der  drei  Jahre  durchschnittlich
mit  2,45  Mk.  belastet,  das  aber,  was  er  infolge  derselben  hat
mehr  zahlen  müssen,  beziffert  sich  auf  59,74  Mk.  oder  im  Jahresdurchschnitt ­
  19,91  Mk.  pro  Kopf  der  Getreide  kaufenden
Bevölkerung.  Vergl.  die  2-  Beilage  im  Anhang.
Dem  Reiche  aber  haben  diese  Zölle  nicht  nur  nicht
genug  eingebracht,  sie  haben  es  geradezu  geschädigt,  indem ­
  die  Leistung  von  mehr  als  2  y 2  Milliarden  Mark
welche  die  Steuerzahler  in  drei  Jahren  infolge  nur  dieser
vier  Zölle  an  Private  haben  zahlen  müssen,  ihre  Fähigkeit
zur  Zahlung  anderer  Steuern  vermindert  hat.  Die  deutschen
Einanzminister  würden'  in  Gold  schwimmen,  wenn  sie  diese
Beträge  in  ihre  Kassen  hätten  leiten  können.  Statt  dessen
wird  durch  die  hohen  Preise,  welche  die  Masse  des  Volke  infolge
        <pb n="34" />
        35

dieser  und  anderer  Schutzzölle  zu  zahlen  hat,  ihre  Leistungsfähigkeit ­
  an  den  Staat  erschöpft,  und  das  unausbleibliche
Ergebnis  ist,  daß  es  stets  schwerer  wird,  dem  steigenden
Staatserfordernis  mittelst  Steuern  zu  genügen.  Es  bleibt
dann  nichts  anderes  übrig,  als  Schulden  machen.  Während
cs  den  Engländern  gelungen  ist,  auf  Grund  ihres  den
Prinzipien  des  Freihandels  entsprechenden  Budgets  trotz
enorm  gestiegener  Ausgaben  für  Heer  und  Marine  die  einst
als  fabelhaft  geltende  englische  Staatsschuld  so  zu  mindern,
daß  19ÖB  die  Schulden  von  Staat  und  Gemeinden  in  Großbritannien ­
  und  Irland  nur  mehr  24  082  Millionen  Mark  betragen,
ist  in  Deutschland  bei  einem  dem  Schutzzoll  entsprechenden
Einanzsystem  die  Schuldenlast  von  Reich,  Staaten  und  Gemeinden ­
  von  1871—1909  auf  26,2  Milliarden  Mark  angewachsen. ­

Die  Belastung  der  Konsumenten.
Hohe  Getreidepreise  bedeuten  hohe  Brotpreise.  Das
ist  ziffernmäßig  von  Hirschberg 1 )  an  den  Berliner  Brotpreisen ­
  gezeigt  worden.  Die  Familien,  die  viel  Brot  verbrauchen,
tragen  also  die  Hauptlast  der  Verteuerung.  Je  ärmer  eine
Familie,  um  so  größer  ist  ihr  Brotkonsum.  Und  je  kinderreicher ­
  eine  ist,  um  so  mehr  Brot  braucht  sie  und  um  so  viel
mehr  wächst  die  Last,  die  auf  dem  Brote  liegt.  Am  schwersten
und  drückendsten  ist  also  die  Zollbelastung  gerade  für  die
untersten  Schichten,  die  ärmsten  und  kinderreichsten.
Wie  hoch  ist  sie?
Roncador  berechnet  den  jährlichen  Durchschnitts-Verbrauch
  an  Getreide  bzw.  Mehl  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung
auf  2  Doppelzentner,  für  eine  normale  5  köpfige  Familie  be1 ­

 )  Dr.  Hirse  hberg  (bei  Conrad  Bd.  XC.  der  Schriften  des  Vereins
für  Sozialpolitik,  Seite  111).

3*
        <pb n="35" />
        36

deutet  also  nach  dieser  Berechnung  die  jährliche  Mehrausgabe ­
  für  Brot  und  Mehl  über  50  Mk.
Und  wenn  wir  den  sorgfältigen  Berechnungen  M  o  info
  e  r  t  s  *)  folgen,  so  beträgt  bei  75  Familien  im  Durchschnitt
die  Belastung
bei  einem  Zoll  von  Mk.  5,—  Mk.  45,40  =  5,20%  des  Einkommens
5,50  Mk.  49,90  =  6,72%  -
Da  das  Einkommen  dieser  Familien  im  Durchschnitt
1136,8  Mk.  beträgt,  der  tägliche  Arbeitsverdienst  also  bei
300  Arbeitstagen  3,8  Mk.,  so  muß  der  Arbeiter  bei  einem
Zollvonö  Mk.  12Tage,beieinemZollvon  5,50  Mk.
13,1  Tage  arbeiten,  um  allein  den  Zoll  aufzubringen. ­

Die  nächste  Folge  dieser  Belastung  ist  die  Minderung  der
Kaufkraft  einmal  für  andere  Nahrungsmittel,  Fleisch,  Eier,
Butter,  Gemüse,  Obst,  anderseits  für  gewerbliche  Gebrauchsgegenstände. ­
  Von  der  Einschränkung  der  Kaufkraft  für  andere
Lebensmittel  hat  der  Bauer  einen  direkten  Nachteil,  für  gewerbliche ­
  Gegenstände  der  Handwerker,  hier  namentlich  das
Schneider-  und  Schuhmachergewerbe.  Und  wie  der  kleine
Mann  an  Schuhen  oder  Kleidern  sparen  muß,  schränkt  er  in
Zeiten  der  Teuerung  auch  sein  Wohnungsbedürfnis  ein,  soweit ­
  er  kann.  Heute  schon  sind  z.  B.  in  München  26,4  %  aller
Wohnungen  Teilwohnungen,  d.  h.  über  %  aller  Wohnungen
gehört  nicht  einer  Familie  allein,  Sondern  mehrere  teilen  sich
darein,  und  zwar  besteht  die  Mehrzahl  dieser  Teilwohnungen
aus  nur  einem  Raum.  Welche  tief  schädigenden  Wirkungen
dieses  Gedrängtwohnen  in  physischer  und  moralischer  Beziehung
ausübt,  braucht  nicht  erst  ausgeführt  zu  werden.

b  Mombert,  Die  Belastung  des  Arbeitereinkommens  durch  die
Kornzölle.  (Jena  1901.)
        <pb n="36" />
        37

Als  Folge  der  Teuerung  sehen  wir  allenthalben  Lohnbewegungen ­
  der  Arbeiter  entstehen,  die  sich  für  die  Belastung
ihres  Lebensunterhalts  schadlos  zu  halten  suchen.  Vielfach
ist  es  zu  Arbeitseinstellungen  gekommen.  Nicht  alle  Streiks
waren  aber  erfolgreich,  und  nicht  in  allen  Gewerben.  So  ist
namentlich  im  Bergbau  mit  seinen  Hunderttausenden  von
Arbeitern  der  Durchschnittslohn  des  Arbeiters  nicht  entsprechend ­
  der  Teuerung  gestiegen.  Nach  der  amtlichen  Lohnstatistik ­
  sind  die  Bergarbeiterlöhne  des  Oberbergamtsbezirks ­
  Dortmund  zwischen  1908  und  1910  heruntergegangen. ­
  Der  Jahresarbeitsverdienst  eines  Arbeiters  (Gesamtbelegschaft) ­
  betrug  nach  dem  Jahresbericht  des  Vereins  für
die  bergbaulichen  Interessen  im  Oberbergamtsbezirk  Dortmund

1906;  1402  Mk
1907:1562  -
1908:1494  -
1909;  1350  -
1910:1382  -

1900:  1332  Mk.
1901:  1224  -
1902:1131  -
1903:  1205  -
1904:1208  -
1905:  1186  -

Der  Lohn  stieg  und  fiel  je  nach  der  Konjunktur,  um  die
Teuerung  kümmerte  er  sich  wenig.  Augenblicklich  zeigt  er
wieder  etwas  steigende  Tendenz.  Und  sehen  wir  die  Festbesoldeten ­
  an,  die  Beamten  in  Staat  und  Gemeinde!  Ihre
Gehälter  wurden  erhöht  mit  Rücksicht  auf  die  Teuerung,
a ber  diese  Gehaltserhöhungen  wurden  wieder  verschlungen
durch  die  Steuererhöhungen,  die  nötig  wurden,  um  die  Beamtengehälter ­
  aufzubessern  und  durch  das  weitere  Steigen  der  Warenpreise. ­
  So  dreht  sich  alles  in  einem  circulus  vitiosus  bei  dem
Unseligen  Wirtschaftssystem  des  Schutzzolles  für  Alle.  Bekommt
der  Eine  zu  essen,  dann  schreien  die  Andern,  und  damit  diese
den  Einen  essen  lassen,  bekommen  auch  sie  den  Mund  gestopft;
und  schließlich  muß  der  wirtschaftlich  Schwächere  für  den
        <pb n="37" />
        38

Stärkeren  zahlen.  Bemerkenswert  ist,  daß  die  Erhöhung  der
Zivilliste  des  Königs  von  Preußen  mit  einem  Hinweis  auf  die
allgemeine  Teuerung  begründet  wurde.
Soziale  Wirkungen.
Daß  zwischen  der  Höhe  der  Getreidepreise
und  der  Kriminalität  ein  Zusammenhang  besteht,  hat
der  Statistiker  GeorgvonMayr 1 )  schon  1867  für  Bayern
inbezug  auf  die  Roggenpreise  dargetan.  Er  sagte:  „Die  Linien
sind  so  überraschend  parallel,  daß  man  nicht  anstehen  kann,
zu  bekennen,  daß  in  der  Periode  1835  bis  1861  so  ziemlich
jeder  Sechser  (=  17  Pf.  heutiger  Reiohswährung),  um  den
das  Getreide  im  Preis  gestiegen  ist,  auf  je  100  000  Einwohner
in  Bayern  diesseits  des  Rheins  einen  Diebstahl  mehr  hervorgerufen ­
  hat,  während  anderseits  das  Fallen  des  Getreidepreises
um  einen  Sechser  je  einen  Diebstahl  bei  der  gleichen  Zahl  von
Einwohnern  verhütet  hat.“  Infolge  der  Industrieentwicklung
haben  sich  die  Verhältnisse  indessen  etwas  geändert.  Einmal
ist  an  Stelle  des  Roggenkonsums  ein  steigender  Weizenkonsum
getreten,  so  daß  man  bei  Anstellung  neuer  Vergleiche  nicht
mehr  allein  die  Roggenpreise  berücksichtigen  darf,  sondern
Roggen-  und  Weizenpreise  zusammenfassen  muß.  Ferner
sind  die  Schwankungen  der  Erwerbsgelegenheit  heute  weit
stärker  als  früher,  was  natürlich  einen  nicht  unerheblichen
Einfluß  auf  die  Ziffer  der  Eigentumsvergehen  hat.  Bei  steigenden ­
  Getreidepreisen  sehen  wir  aber  im  allgemeinen  auch  heute
noch  Diebstahl  und  Hehlerei  zunehmen,  aber  sie  nehmen
nicht  zu  und  ab  ganz  genau  in  demselben  Maße,  da  durch  die
größere  oder  geringere  Arbeitsgelegenheit  Ausgleichungen  oder
x )  Statistik  der  gerichtlichen  Polizei  im  Königreich  Bayern  und  einigen
anderen  Ländern.  München  1867,  Seite  42,  56,  und  G.  Mayr,  Die  Gesetzmäßigkeit ­
  im  Gesellschaftsleben.  München  1877,  Seite  344  bis  347.
        <pb n="38" />
        39

Verschärfungen  erfolgen  können.  Als  Ausnahmen  von  der
Regel  kommen  auch  Zeiten  vor,  wo  trotz  niedriger  Preise  die
Eigentumsvergehen  zunehmen  und  umgekehrt,  weil  im  ersten
Eall  eine  niedergehende  Konjunktur,  im  letzteren  eine  steigende
einen  mächtigen  Einfluß  auszuüben  imstande  war.  Am  stärksten
aber  zeigt  sich  der  Einfluß  der  Getreidepreise  auf  die  Zunahme
dieser  Vergehen,  wenn  sie  mit  einer  industriellen  Rückwärtsbewegung ­
  zusammenfallen  wie  1908.  Dann  wirken  die  hohen
Lebensmittelpreise  im  besonderen  Maße  unheilvoll.  —
Die  Beziehungen  zwischen  Unterernährung  und
Alkoholismus  sind  durch  die  Untersuchungen  unserer
ersten  Hygieniker  längst  nachgewiesen.  So  schreibt  G  r  o  t  j  a  h  n 1 )
1898:  „Bei  sinkender  Yolksernährung  stellen  sich  Branntwein ­
  und  Kaffee  als  regelmäßige  Begleiter  der  Mahlzeiten  ein.
Der  Schnaps  wirkt  hier  um  so  deletärer,  als  er  ja  in  unterernährten ­
  Organismen  seine  Wirksamkeit  entfaltet  “
Zölle  und  We  h  r  kraft.
h  I
Auch  mit  politisch-patriotischen  Gründen  hat  man  die
Notwendigkeit  hoher  Getreidezölle  zu  beweisen  gesucht.  Man
behauptete,  die  deutsche  Landwirtschaft  sei  die  Grundlage  der
deutschen  Wehrkraft;  ohne  Getreidezölle  aber  sei  die  Landwirtschaft ­
  dem  Untergang  geweiht,  folglich  seien  die  Getreidezölle ­
  unentbehrlich  zur  Aufrechterhaltung  der  deutschen  Wehrkraft. ­
  Diese  Beweisführung  ist  völlig  unzutreffend.  Denn
erstens  liefert  heute  die  deutsche  Landwirtschaft  nur  mehr
ein  Drittel  der  Rekruten  für  die  Armee  und  Marine.  Selbst  in
«inem  so  stark  landwirtschaftlichen  Lande  wie  Bayern  stammt
die  Mehrzahl  der  Rekruten  von  nicht  landwirtschaftlich  tätigen
l )  Gr  o  t  j  ahn  ,  Der  Alkoholismus  nach  Wesen,  Wirkung  und  Verbreitung ­
  1898.
        <pb n="39" />
        40

Eltern.  Und  zweitens  haben  nur  23  %  der  landwirtschaftlichen
und  ein  noch  viel  geringerer  Prozentsatz  der  Gesamtbevölkerung
des  Deutschen  Reiches  ein  wirkliches  Interesse  an  hohen  Getreidepreisen. ­
  Ferner  malt  man  uns  das  Gespenst  des  Aushungerns
  im  Kriegsfall  an  die  Wand,  wenn  Deutschland  seinen
ganzen  Getreidebedarf  nicht  selbst  erzeugen  könne.  Das  ist
gänzlich  hinfällig.  Denn  schon  in  Friedenszeiten  haben  wir
nicht  genug  Arbeiter,  um  unsere  Felder  zu  bestellen,  namentlich
in  den  eigentlichen  deutschen  Getreidebaugegenden.  Nach
der  Mitteilung  des  Generalsekretärs  der  Landwirtschaftskammer ­
  von  Pommern,  Dr.  von  Stojentin,  sind  gemäß  dem
Bericht  der  Feldarbeiterzentrale  vom  1.  Januar  bis  1.  Oktober
1909  565  000  legitimierte  ausländische  Arbeiter  aus  dem  Osten
mit  der  Bestellung  der  Felder  in  Deutschland  beschäftigt  gewesen. ­
  Das  ist  eine  Zahl,  größer  als  diejenige,  auf  welche  im
Laufe  des  Jahres  1915  die  Ziffer  der  Gemeinen,  Gefreiten  und
Obergefreiten  im  deutschen  Heere  erhöht  werden  soll.  Auch
der  agrarische  Professor  Max  Sering  muß  zugeben,  daß
wir  selbst  im  Frieden  vom  guten  Willen  unserer  östlichen  Nachbarn ­
  abhängen,  ob  wir  unsere  Felder  bestellen  und  ernten
können.
Wie  aber  soll  es  erst  in  einem  großen  Kriege  werden,
wenn  sämtliche  Männer,  die  nach  den  bestehenden  Gesetzen
irgendwie  dienstpflichtig  sind,  gleichviel  ob  wir  sie  mit
Oberst  von  Renauld  auf  10,2  oder  mit  anderen  auf  4—5
Millionen  beziffern,  eingestellt  würden?  Wer  sollte  dann  unseren
Getreidebedarf  erzeugen?  Schwächlinge,  Frauen  und  Greise,
wie  es  zu  Tacitus  Zeiten  bei  den  alten  Germanen  üblich  war.
Die  64,7  Millionen  des  heutigen  Deutschlands  aber  müßten  bei
dieser  Methode  einfach  verhungern.  Und  eben  mit  der  Notwendigkeit, ­
  die  Zufuhr  des  von  uns  benötigten  Getreides  im
Kriegsfall  zu  sichern,  hat  man  seinerzeit  die  Vermehrung  unserer
Flotte  begründet.
        <pb n="40" />
        41

Zölle  und  Löhne.
Neuerdings  rechnen  die  Agrarier  dem  deutschen  Volke
mit  Vorliebe  die  Opfer  vor,  die  die  Landwirtschaft  des  Ostens
für  die  Industrie  bringe,  dadurch  daß  sie  jährlich  den  Überschuß ­
  ihrer  Bevölkerung  an  die  Städte  abgebe.  Das  seien  jährlich ­
  200  000  Menschen.  Und  wenn  man  die  Erziehungskosten
eines  ungelernten  Arbeiters  bis  zum  Alter  von  15  Jahren  auf
4000  Mk.  schätze,  so  würde  durch  den  Geldwert  dieser  vom
Lande  gelieferten  Menschen  die  Leistung  der  Städte  und  der
Industrie  für  die  Landwirtschaft  ausgeglichen  werden.  Nur
nebenbei  sei  bemerkt,  daß  nach  einer  in  Thiels  Jahrbüchern
veröffentlichten  Arbeit  das  Einkommen  eines  erwachsenen
pommerschen  Landarbeiters  400—450  Mk.  beträgt,  so  daß  die
Summe  von  4000  Mk.  recht  willkürlich  hoch  gegriffen  ist.
Normalerweise  würde  man  entsprechend  dem  Einkommen
u nd  den  Lebensbedingungen  dieser  Kreise  die  Erziehungskosten
bis  zum  15.  Jahr  auf  höchstens  1500  Mk.  veranschlagen  dürfen.
Doch  das  nebenbei.  Warum  wandern  denn  die  Leute
Vom  Lande  ab  ?  Weil  ihnen  diese  Löhnung  für  ihre  Existenz
nicht  genügt,  und  die  Stadt  ihnen  mehr  Aussicht  vorwärts
Zu  kommen  bietet.  Auch  hat  diese  Abwanderung
z ur  Zeit  hoher  Getreidepreise  in  weit  größerem  Maße
stattgefunden  als  heute,  und  zwar  zu  einer  Zeit,  ehe
diese  Leute  sich  der  Stadt  und  der  Industrie  zuwandten.  Vor
deren  Aufblühen  wanderten  im  Jahre  1881  nicht  weniger  als
2 10  547  Menschen  über  See  aus,  und  erst  unter  dem  Einfluß
Ares  Aufblühens  ist  die  Auswandererzahl  auf  19  883  im  Jahre
1908  gesunken.  Jene  Auswanderung  war  ein  großer  Verlust,
den  die  deutsche  Volkswirtschaft  alljährlich  erlitten  hat;  wenn
diese  Auswanderer  seit  dem  Aufblühen  der  Industrie  in  Deutschland ­
  bleiben,  ist  es  daher  nicht  die  Industrie,  welche  der  Landwirtschaft ­
  Kräfte  entzieht,  sondern  welche  dem  Vaterlande
        <pb n="41" />
        42

die  Menschen  erhält,  denen  die  Landwirtschaft  keine  genügenden ­
  Existenzbedingungen  zu  bieten  vermag.
Auch  das  ist  nicht  richtig,  daß  die  niedrigen  Getreidepreise ­
  schuld  an  den  niedrigen  Löhnen  seien.  Denn  solange  die
Getreidepreise  hoch  waren,  wurden  niedrigere  ländliche  Löhne
gezahlt  und  erst  durch  die  Konkurrenz  der  aufblühenden  Industrie ­
  auf  dem  Arbeitsmarkte  stiegen  auch  die  ländlichen
Löhne.  Will  man  freilich  durch  Hochsohutzzollpolitik  die
Industrie  in  ihrem  Export  ins  Ausland  schädigen,  dann  folgen,
wie  wir  schon  erlebt  haben,  Arbeiterentlassungen.  Dadurch
steigt  das  Angebot  von  Arbeitskräften  auf  dem  Arbeitsmarkte
und  ein  Sinken  der  industriellen  Löhne  ist  die  Folge.  Daran
schließt  sich  dann  unfehlbar  ein  Sinken  der  ländlichen  Löhne.
Es  wäre  frevelhaft,  derartige  wirtschaftliche  Folgen  herbeiführen ­
  zu  wollen.
*
Kann  die  deutsche  Landwirtschaft  das
deutsche  Volk  allein  ernähren?
Als  der  neue  Zolltarif  in  Kraft  trat,  waren  die  Weltmarktpreise ­
  gerade  im  Steigen.  Die  Zölle  erhöhten  aber  den  Inlandpreis ­
  noch  ein  Viertel  über  diese  Weltmarktpreise.  Ferner
führt  die  Landwirtschaft,  wie  wir  gesehen  haben,  wieder  Roggen
und  Hafer  aus,  und  sie  sieht  darin  eine  Bestätigung  ihrer  Behauptung, ­
  daß  sie  bei  entsprechenden  Preisen  ihre  Erträge  leicht
so  steigern  könne,  um  den  deutschen  Bedarf  ganz  zu  decken.
Die  Durchsohnittserträge  pro  Hektar  sind  folgendermaßen
gestiegen  (in  kg):

für  Roggen

für  Weizen

für  Gerste

für  Hafer

1882—1891

1162  '

1487

1576

1414

1893—1897

1390

1694

1630

1446

1898—1902

1476

1844

1806

1706
        <pb n="42" />
        43

für  Roggen  für  Weizen  für  Gerste  für  Hafer
1903—4907  .  1610  1978  1900  1892
1908—1909  .  1800  2000  1950  1960
Das  ist  gewiß  eine  außerordentliche  Leistung  und  ist  mehr
a k  die  Steigerung,  die  der  verdienstvolle  Leiter  des  preußischen
Landwirtschaftsministeriums  Thiel 1 )  im  Jahre  1894  für
nötig  hielt,  damit  Deutschland  seinen  ganzen  Getreidebedarf
selbst  decke.  Aber  trotz  dieser  Ertragssteigerungen,  die  in
einer  Periode  sinkender  Getreidepreise  1876—1905  eintraten
u nd  also  nicht  hohen  Preisen,  sondern  vielmehr  dem  Fortschritt ­
  der  Technik  und  der  dadurch  bedingten  Verbilligung
mancher  Kosten  zuzuschreiben  sind,  konnten  wir  unsern
Heizen-  und  Gerstenbedarf  im  Inland  nicht  decken;
e m  Drittel  des  benötigten  Weizens  und  etwa  40  %  der  benötigten ­
  Gerste  mußten  wir  einführen,  obwohl,  wie  gesagt,  auch
hier  die  Durchschnittserträge  weit  mehr  gestiegen  sind,  als
Thiel  für  genügend  erklärt  hatte.  Nur  bei  Roggen  und  Hafer
w ar  es  möglich,  unsern  Bedarf  zu  decken,  teils,  weil  durch  das
Steigen  der  Preise  der  Landwirtschaft  der  Anstoß  gegeben
"'Urde,  auch  die  schlechtesten  Böden  mit  diesen  anspruchsloseren ­
  Getreidearten  zn  bestellen,  teils,  weil  die  Bevölkerung
Weniger  Roggen  und  mehr  Weizen  konsumiert.
An  5  2,6  Tagen  des  Jahres  lebt  also
Deutschland  noch  immer  von  fremdem  Getreide. ­
  Auch  Thiels  Berechnung  der  Zahl  von  Pferden,
Rindvieh  und  Schweinen,  die  nötig  wäre,  um  den  deutschen
Bedarf  zu  decken,  hat  sich  nicht  als  richtig  erwiesen.  Denn
Oach  ihr  hätten  wir  1894  nur  64  000  Pferde,  30  000  Stück
J  Kann  die  deutsche  Landwirtschaft  das  deutsche  Volk  ernähren?
®ntzel  von  Lengerkes  landwirtschaftl.  Hilfs-  und  Schreibkalender
l89 L  S.  68.
        <pb n="43" />
        44

Rindvieh,  350  000  Schweine  mehr  erzeugen  müssen,  um  unseren
Bedarf  zu  decken.  Die  Zunahme  des  Viehbestandes  aber  war
eine  weit  größere.  Der  Bestand  war:

Pferde

Rindvieh  Schweine

1892  3  836  273
1907  4  345  043

17  555  834  12  174  442
20  630  544  22  146  532

Trotz  dieser  viel  bedeutenderen  Steigerung  wurden  1909
nach  Deutschland  114  369  Pferde  mehr  ein-  als  ausgeführt,
Rindvieh  193  074  Stück  und  Schweine  121  604  Stück.  Seit
Thiel  seine  Berechnungen  im  Jahre  1894  anstellte, ­
  ist  eben  unser  Bedarf  an  Getreide
und  Vieh  außerordentlich  gewachsen.
Ebenso  unhaltbar  sind  die  Berechnungen  anderer  in
dieser  Sache.  Max  Delbrüc  k 1 )  und  Schumacher 1  2 )
halten  es  für  möglich,  die  landwirtschaftliche  Produktion
noch  einmal  zu  verdoppeln,  nachdem  im  letzten  Jahrzehnt
des  19.  Jahrhunderts  die  Erzeugung  von  Roggen  um  19  %,
von  Weizen  um  10  %,  von  Gerste  um  3  %  und  von  Kartoffeln
um  25  %  gestiegen  sei.  Eine  jährliche  Steigerung  des  Durchschnittsertrages ­
  um  10,48  kg  pro  ha  soll  nach  Schumacher
leicht  zu  erzielen  sein.  Das  reiche  aus,  wenn  die  Bevölkerung
sich  bis  zum  Jahre  2000  verdoppeln  sollte.
Aber  den  Berechnungen  Delbrücks  liegen  große  Fehler
zugrunde.  Der  landwirtschaftlichen  Produktion  um  das  Jahr
1800  hat  er  nur  die  deutsche  Bevölkerung  gegenübergestelltwelche
  sie  damals  versorgte,  statt  ihr  die  auswärtige  Bevölkerung ­
  hinzuzuzählen,  welche  damals  aus  Deutschland  Getreide
1 )  Max  Delbrück',  Die  deutsche  Landwirtschaft  an  der  Jahrhundertwende. ­
  Berlin  1900.  S.  10,31  ff.
2 )  Schumacher,  Uber  Körnererträge  in  der  Landwirtschaft-Berlin
  1901.
        <pb n="44" />
        45

bezog.  Die  Bevölkerung,  welche  damals  von  Deutschland
mit  Getreide  versorgt  Avurde,  war  also  weit  größer  als  Delbrück
sie  angibt.  Die  deutsche  Getreideproduktion  hat  aber  mit
dem  Wachstum  dieser  Bevölkerung  nicht  Schritt  gehalten,
a uch  in  den  Zeiten  nicht,  als  Avir  sehr  hohe  Getreidepreise
hatten;  denn  schon  seit  1852  führen  wir  mehr  Roggen  und
seit  1876  auch  mehr  Weizen  ein  als  aus.  Und  erst  in  den
letzten  Jahren  durch  den  Rückgang  des  Roggenkonsums  und
stärkeren  Weizenkonsum  in  Verbindung  mit  der  Politik  der
Getreideexportprämien  sehen  wir  wieder  eine  Roggenausfuhr.
Auch  die  Anbaufläche,  die  Delbrück  für  seine  Berechnungen ­
  heranzieht,  ist  nicht  richtig.  Denn  vor  100  Jahren
gab  es  in  Deutschland  Gegenden,  in  denen  mehr  als  ein  Drittel
hes  Bodens  unbebaut  war  und  bis  1878  kommt  die  Steiger
 ung  seiner  Produktion  wesentlich  auf  Rechnung  der  Ausdehnung ­
  der  Ackerfläche.  Erst  seitdem  sehen  wir  eine  Steigerung ­
  der  Erträge  pro  Hektar  durch  rationellere  Bewirtschaftung. ­
  Für  die  Berechnung  der  Ertragssteigerung  aber
kann  nur  die  Ertragssteigerung  pro  Hektar  in  Frage
kommen.  Und  auch  das  hat  Delbrück  nicht  berücksichtigt,
daß  der  Bedarf  der  Bevölkerung  in  den  letzten  100  Jahren
a ußerordentlich  gewachsen  ist,  daß  die  deutsche  Bevölkerung ­
  heute  nicht  nur  durchschnittlich  besser  ernährt  ist,
sondern  auch  besser  ernährt  sein  muß,  weil  ihre  heutige
Tätigkeit  einen  weit  größeren  Nervenverbrauch  mit  sich  bringt
Un d  deshalb  einen  hochwertigeren  Ersatz  der  verbrauchten
Kräfte  verlangt.  Es  steigt  also  notwendig  der  Verbrauch
a uimalischer  und  auch  landwirtschaftlicher  Produkte  pro  Kopf.
Außerdem  aber  ist  der  Bedarf  an  Bodenfrüchten  für  andere
as  Nahrungszwecke,  für  Verwendung  in  der  Industrie  im
Laufe  des  19.  Jahrhunderts  außerordentlich  gestiegen,  und
a Uch  dieser  Bedarf  muß  befriedigt  werden,  wenn  das  deutsche
^  olk  fortbestehen  und  sich  weiter  entwickeln  soll.
        <pb n="45" />
        46

Und  endlich  fehlt  in  diesen  Arbeiten  die  Berücksichtigung ­
  der  Tatsache,  daß  die  landwirtschaftlich
genutzte  Fläche  des  Deutschen  Reiches  in  fortwährendem ­
  Abnehmen  begriffen  ist.

Sie  betrug  im  Jahre  1878
1883
1893
1900

3  672  601  540  a
3  564  041  900  a
3  516  459  680  a
3  505  539  760  a

Für  später  haben  wir  leider  keine  statistischen  Angaben.
Während  also  von  der  landwirtschaftlich  genutzten  Fläche
im  Jahre  1878  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  noch  83  a  kamen,
waren  es  1883  nur  mehr  77  a,  im  Jahre  1893  nur  mehr  69  a,
im  Jahre  1900  nur  mehr  62  a  pro  Kopf.  Sie  nahm  also
jedes  Jahr  um  0,95  apro  Kopf  ab.  Man  denke
weiter,  daß  nur  wenig  mehr  als  ein  Drittel  der  landwirtschaftlich ­
  genutzten  Fläche  dem  Getreidebau ­
  dient  und  nahezu  zwei  Drittel  mit  Hülsenfrüohten,
  Hackfrüchten,  Gemüse,  Handelsgewächsen  und
Futterpflanzen  bestellt  sind.
Die  Getreideanbaufläche  aber  hat  pro  K  o  p  f
abgenommen,  und  zwar  von
1878—1883  im  Jahresdurchschnitt  um  0,240  a
1883—1893  -  -  -  0,219  a
1893—1900  -  -  -  0,314  a
1900—1909  -  -  -  0,336  a.
Selbst,  wenn  die  dem  Getreidebau  dienende  Fläche  nicht
weiter  abnehmen  sollte,  sondern  um  die  Mitte  des  20.  Jahrhunderts, ­
  was  ja  nicht  wahrscheinlich  ist,  immer  noch  so  groß
wäre  wie  1909,  nämlich  14  217  712  ha,  selbst  dann  betrüg 6
sie  n  u  r  mehr  1  4,2  laauf  den  Kopf  der  Bevölkerung, ­
  denn  die  deutsche  Bevölkerung  wächst,  und  aus  den
        <pb n="46" />
        47

65  Millionen,  die  sie  1910  zählte,  sind  bis  1950  wahrscheinlich
100  Millionen  geworden.  Und  wenn  dann  nur  mehr  14,21  a,
das  ist  wenig  mehr  als  ein  halber  preußischer
Morgen  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung
kommen,  wollen  da  die  Agrarier  behaupten,
daß  auch  dann  noch  der  gesamte  deutsche
Getreidebedarf  auf  deutschem  Boden  erzeugt ­
  werden  kann?
Gewiß  lassen  sich  noch  weite  Moorstrecken  urbar
machen  und  in  Getreideland  verwandeln,  aber  nach  den  Berechnungen ­
  Dr.  H  offarths 1 ),  der  für  die  Urbarmachung
der  Moore  eintritt,  würden  die  urbar  gemachten  650  000  ha
Moore  nur  1  170  000  Tonnen  Getreide  liefern.  Dahingegen
bat  schon  im  Jahre  1909  die  Einfuhr  der  vier  Hauptgetreidearten ­
  um  4  643  184  Tonnen  mehr  als  die  Ausfuhr  betragen.
Auch  wenn  man  einen  Teil  des  Wiesen-  und  Kartoffellandes
z um  Getreidebau  verwendete,  würde  es  nur  für  kurze  Zeit
ausreichen,  um  den  Getreidebedarf  zu  decken,  ganz  abgesehen
davon,  daß  dies  wirtschaftlich  sehr  töricht  sein  würde;  denn
Warum  werden  denn  diese  Ländereien  heute  nicht  mit  Getreide
bestellt?  Doch  offenbar  nur,  weil  die  jetzige  Art  der  Bodenbenutzung ­
  rentabler  ist.  Auch  läßt  sich  das  Getreideland
uicht  auf  Kosten  des  Waldbodens  vergrößern,  denn  die  Einfuhr
von  Holz  übersteigt  in  jährlich  wachsendem  Maße  die  Ausfuhr,
*md  der  ausgezeichnete  Sachverständige  Prof.  E  n  d  r  e  s 1  2 )
sa gt,  daß  noch  etwa  10,7  Millionen  Hektar  notwendig  seien,
u m  den  fehlenden  deutschen  Holzbedarf  zu  decken.
1 )  Hoffarth,  Die  bisherige  Getreideeinfuhr,  der  Wiederbeginn
Ut &amp;gt;d  das  Ende  der  Selbstproduktion  des  erforderlichen  Getreides  auf  deutschem
h°den.  Leipziger  Dissertation.  Münster,  Westfalen  1910.  S.  62  ff.
2 )  E  n  d  r  e  s  ,  Handwörterbuch  der  Staatswissensohaften.  3.  Auflage.
S.  427.
        <pb n="47" />
        48

Die  Agrarier  verweisen  schließlich  auf  die  internationale ­
  Erntestatistik,  die  ergibt,  daß  die
in  England,  Belgien,  Holland  und  Dänemark  pro  Flächeneinheit ­
  erzielten  Erträge  die  deutschen  Ernteerträge  erheblich
übertreffen.  Sie  meinen,  wir  müßten  ebenso  weit  kommen.
Sie  übersehen  aber,  daß  der  Boden  Deutschlands  durchschnittlich ­
  schlechter  und  sein  Klima  ungünstiger  ist,  als  das
der  genannten  Länder.  Und  zweitens,  daß  dort  nur  das  für
Getreidebau  vorzüglich  geeignete  Land  für  Getreidebau  verwendet ­
  wurde.  Auf  Böden  gleicher  Güte  wie
der  genannten  Länder  haben  wir  heute
schon  die  gl  eichen,  wenn  nicht  größere
Durchschnittserträge  als  diese  Länder.  Was
bei  uns  die  Ziffer  der  jährlichen  Durchschnittserträge  drückt,
ist  das  unfruchtbare  Land,  das  bei  uns  mit  Getreide  bestellt
wird.  Die  Erträge  des  unfruchtbaren  Landes  also  müßten
bei  uns  vor  allem  gesteigert  werden,  wollen  wir  unseren  gesamten
Getreidebedarf  auf  deutschem  Boden  erzeugen.  Hierzu
wären  aber  außerordentlich  hohe  Eruchtpreise  nötig,  um  Mehrerträge ­
  zu  erzielen.  Eine  solche  Wirtschaftspolitik  ist  jedoch
im  volkswirtschaftlichen  Gesamtinteresse  nicht  wünschenswert.
Die  Not  der  Landwirtschaft.
Warum  sind  unsere  Landwirte  im  Getreidebau  mit  den
Landwirten  Amerikas,  Rußlands,  Argentiniens  und  anderer
Länder  nicht  konkurrenzfähig  und  warum  können  sie  es  auch
mit  Hilfe  der  Getreidezölle  nicht  werden  ?
Die  Ursachen  liegen  in  den  größeren  Kosten  des  deutschen ­
  Getreidebaues.  Die  Kosten  des  Getreidebaues
bestehen  aus  Verzinsung  des  Bodenwertes,  Kapitalzins,  Arbeitslohn, ­
  Steuern.
Wie  verhalten  sich  diese  Kosten  in  Deutschland  zu  denen
in  seinen  Konkurrenzländern  ?
        <pb n="48" />
        49

Die  Steuern,  welche  die  Landwirtschaft  zu  tragen  hat,
sind  in  den  beiden  letzten  Dezennien  in  allen  deutschen  Staaten
erheblich  herabgesetzt  worden.  Ein  Beispiel  hierfür  ist
namentlich  Bayern.  Hier  sehen  wir  eine  fortgesetzte  Ermäßigung ­
  der  Grundsteuer,  die  durch  die  Steuerreform  von
1910  wieder  fast  um  die  Hafte  herabgesetzt  wurde.  Wenn
wir  den  Angaben  des  Ministers  v.  Brettreich  folgen,
stiegen  umgekehrt  die  Aufwendungen  des  Staates  für  die
Landwirtschaft  von  1  847  229  Mark  in  den  Jahren  1880/81
auf  g  061  356  Mark  i.  J.  1904.  An  den  Steuerverhältnissen
kann  es  also  nicht  liegen.
Auch  in  den  Arbeitslöhnen  kann  die  Überlegenheit ­
  der  Konkurrenzländer  nicht  begründet  sein.  Denn  der
Lohn  in  den  Vereinigten  Staaten  und  Argentinien  beträgt
soviel  Dollars  wie  bei  uns  Mark,  und  der  russische  Arbeitslohn,
der  nominell  etwas  niedriger  wie  der  unsere  ist,  ist  in  Wahrheit ­
  durch  die  geringere  Arbeitsleistung  des  russischen  Arbeiters ­
  kaum  von  den  unseren  unterschieden.
Auch  der  Zinsfuß  ist  bei  uns  erheblich  niedriger  als  in
Hu  Bland  und  Amerika.  Der  Hypothekenzinsfuß  der  Landschaften ­
  und  Hypothekenbanken  war  in  den  letzten  Dezennien
m  Deutschland  3%  %  bis  4  %,  und  die  landwirtschaftlichen
Zentralgenossenschaften  haben  selbst  zu  der  Zeit,  da  der
Diskontsatz  der  Reichsbank  auf  7,5  %  stieg,  Personalkredit
gegen  einen  Zins  von  4—6  %  gewährt.  In  Rußland  beträgt
der  Hypothekenzinsfuß  angeblich  4  %,  der  Zinsfuß  bei  Personarkredit ­
  aber  24—200  %  pro  Jahr,  bei  Genossenschaftskredit
8  12  °/ 0  pro  Jahr;  jeder  Rubel,  den  der  Bauer  an  Steuern
zahlt,  kostet  ihm  2  oder  3.  In  Amerika  betrug  der  Zinsfuß
1880—90  ^  in  den  Getreide  ausführenden  Staaten  zwischen
8  und  9  %.
Wo  also  liegt  der  Vorteil  der  Konkurrenzländer?  Ausschließlich ­
  im  niedrigen  Bodenwert,  dessen  not-4
        <pb n="49" />
        50

wendige  F  olge  die  extensivste  Bewirtschaftung  ist.  In  den  Getreide
ausführenden  Gouvernements  Rußlands  kostet  der  Hektar
zwischen  19  und  224  Mark,  in  Argentinien  zwischen
17  und  80  Mark,  in  den  Vereinigten  Staaten  zwischen
64  und  690  Mark,  in  Deutschland  dagegen
kostete  gleichzeitig  der  Boden,  selbst  in  den  billigsten  Gegenden
das  drei-  bis  hundertfache.  Hier  liegt  die  Ursache ­
  der  mangelnden  Konkurrenzfähigkeit  der  deutschen
Landwirtschaft  mit  dem  Ausland.  Wie  aber  wirkt  der  Getreidezoll ­
  ?  Indem  er  den  Getreidepreis  steigert,  was  er  j a
soll,  steigt  die  Geldrente,  welche  der  Boden  abwirft,  und  entsprechend ­
  steigt  der  Bodenwert.  Der  Landwirt,  der  jetzt
verkauft,  —  und  je  höher  einer  verschuldet  ist,  um  so  größer
ist  die  Versuchung  für  ihn,  zu  verkaufen  —  hat  jetzt  vom
Getreidezoll  sicherlich  einen  großen  Nutzen  gezogen;  sein
Nachfolger  aber,  sei  es  der  Käufer  oder  der  Sohn,  ist  alsbald
wieder  in  der  nämlichen  Notlage,  wie  der  Vorgänger,  ehe  es
einen  Zoll  gab,  denn  er  hat  den  Boden  zu  teuer  gekauft  oder
übernommen  und  gerät  bei  sinkenden  Getreidepreisen  in
Schwierigkeiten,  die  Zinsen  des  gesteigerten  Bodenpreises
her  auszu  wirtschaften.  Der  Getreidezoll  hat  also  dem  geholfen,
der  den  landwirtschaftlichen  Beruf  aufgab.  Dem  aber,  der
in  diesem  Beruf  arbeiten  will  oder  muß,  hat  er  die  Existenzbedingungen ­
  erschwert.  Er  befindet  sich  alsbald  wieder  in
Not.  Dann  werden  abermals  höhere  Zölle  gefordert  und  so
fort.  Es  ist  eine  Schraube  ohne  Ende.  Oder  wie  Dr.  R  u  h  1  a  n  d
1886  geschrieben  hat:  „Bringt  der  Schutzzoll...  wirklich
eine  Besserung  des  landwirtschaftlichen  Einkommens  zuwege»
so  wird  diese  Hilfe  zunächst  von  dem  steigenden  Grundpreise
und  danach  von  der  steigenden  Grundversohuldung  aufgesogen-Die
  kritische  Lage  des  Grundbesitzes  ist  aber  nachher  dieselbe
wie  vorher.  Soll  also  z.  B.  das  Mittel  des  Schutzzolls  nur  fortgesetzte ­
  Linderung  bringen,  so  muß  notwendigerweise  ein
        <pb n="50" />
        51

Skalazoll  ohne  Ende  zur  Anwendung  gelangen,  und  zwar  so,
daß  mit  dem  niedrigsten  Satze  begonnen  wird.  Ist  dieser  von
der  Verschuldung  auf  gesogen,  so  muß  etwa  eine  Verdoppelung
eintreten.  Ist  auch  diese  Quote  von  dem  Grundpreise  und
seinen  Verpflichtungen  verschluckt,  eine  Verdreifachung  des
ursprünglichen  Satzes  usw.  ohne  Ende/'  Diese  Wahrheit
wird  auch  heute  von  Dr.  ß  u  h  1  a  n  d  ,  nachdem  er  der  wissenschaftliche ­
  Beirat  des  Bundes  der  Landwirte  geworden  ist,
nicht  bestritten.  Und  in  der  Tat  ist  es  unbestreitbar,  wie  die
Tatsachen  zeigen.  Und  diese  Tatsachen  sind  gerade  unter
der  Wirkung  des  Zolltarifs  von  1902  so  zahlreich  zutage  getreten, ­
  daß  es  notwendig  ist,  eine  Anzahl  derselben  mitzuteilen:
In  der  klerikalen  „Schlesischen  Volkszeitung“  hieß  es
Tnde  Dezember  1908:
Das  Gut  Quirren,  etwa  1000  Morgen  groß,  wurde  im  Jahre
1891  für  den  Preis  von  70  000  Mk.  verkauft.  1907  erstanden
~  Herren  aus  Allenstein  genanntes  Gut  für  19(’i  000  Mk.  und
überließen  es  endlich  1909  an  einen  Herrn  v.  Rogowski  für
240  000  Mk.,  der  es  vor  wenigen  Wochen  mit  einem  weiteren
Aufschlag  von  einigen  tausend  Mark  losgeschlagen  haben  soll.
Innerhalb  17  Jahren  hat  also  in  diesem  Falle  eine  Preissteigerung
  von  mehr  als  170  000  Mk.  stattgefunden  oder  um  das
Zweieinhalbfache.
..Das  Gut  Windeck,  1050  Morgen  groß,  kaufte  im  Jahre
1891  ein  Herr  Marx  für  76  000  Mk.
Nach  verschiedenen  Weiterverkäufen  erzielte  der  letzte
Inhaber  330  000  Mk.  Das  Gut  ist  also  seit  1891  um  nicht  weniger
al «  254  000  Mk.  gestiegen.“
Oder  um  neuere  Mitteilungen  hier  wiederzugeben:  Das
^berliner  Tageblatt“  vom  27.  Juni  1910  berichtet:  „Das
bittergut  Odin  im  Kreise  Luckau  wurde  vor  12  Jahren  für
2~0  000  Mk.  verkauft;  vor  1%  Jahren  ging  es  für  500  000  Mk.
ln  ändere  Hände  über,  und  jetzt  vor  kurzer  Zeit  ist  es  abermals
4*
        <pb n="51" />
        52

für  750  000  Mk.  verkauft  worden.  Also  in  12  Jahren  eine  Preissteigerung ­
  auf  fast  das  Dreifache.“
In  der  „Frankfurter  Zeitung“  (viertes  Morgenblatt  Nr.  314
vom  13.  November  1910)  berichtet  Paul  Belgard  über
den  im  letzten  Jahrfünft  so  gewaltig  angestiegenen  und  mit
so  gewaltigen  Wertsteigerungen  verbundenen  Besitzwechsel,
„daß  man  geradezu  von  einem  Verkauf-  und  Kauftaumel
im  ganzen  Osten  des  Reiches  sprechen  muß“.  Es  ist  gar  nicht
möglich,  alle  die  Belege  wiederzugeben,  die  Belgard  anführt.
In  Ostpreußen  hätten  sich,  seit  der  Zolltarif  seine  Wirkung
ausübt,  die  Bodenpreise  nahezu  verdoppelt.  In  Ostpreußen,
könne  man  sagen;  „Jeder  ländliche  Besitz  ist  käuflich,  mit
Ausnahme  natürlich  der  Fideikommisse  und  einigen  wenigen,
gewissen  Familien  seit  lange  gehörigen  Besitzungen.“
Nicht  bloß  Zeitungen  haben  über  solche  Steigerungen
der  Bodenwerte  im  Gefolge  der  Zollerhöhungen  berichtet;
es  wird  darüber  an  maßgebenden  Stellen  geklagt,  weil  sie
die  Kolonisation  der  Ostmark  erschweren;
und  eben  die  Steigerungen  der  Bodenpreise,  sowohl  durch
die  hohen  Getreidezölle  wie  durch  die  Tätigkeit  der  Ansiedlungskommission, ­
  wurden  seinerzeit  von  vielen  Seiten  als
ein  Grund  geltend  gemacht,  warum  ein  Enteignungsgesetz ­
  für  die  Provinzen  Posen  und  Westpreußen  erlassen
werden  müßte.
Im  Durchschnitt  des  Jahrfünfts  1903—1907  haben  nach
der  Statistischen  Korrespondenz  vom  Juli  1910  in  Preußen
137  964  ländliche  Grundstücke  (über  2  ha  groß)  den  Besitzer
gewechselt.  Die  Zahl  ist  von  Jahr  zu  Jahr  gewachsen:
1903  122  733
1904  131  087
1905  141  923
1906  145  131
1907  148  962
        <pb n="52" />
        53

In  diesen  5  Jahren  zusammen  also  haben  689  826  ländliche
Grundstücke  einen  neuen  Besitzer  erhalten,  ein  Teil  von  ihnen,
allerdings  nur  ein  kleiner,  ist  natürlich  von  Todes  wegen  in
a ndere  Hände  übergegangen.  Die  Besitzwechsel  innerhalb
derselben  Familie  (durch  Erbgang,  Vermächtnis  und  Schenkung
von  Todes  wegen  oder  durch  Gutsüberlassung  bei  Lebzeiten
an  Kinder  oder  Schwiegerkinder)  betragen  aber  nur  22,4  %
der  Gesamtzahl.  Alle  übrigen  77,6  %  sind  durch  Kauf,  Tausch
USW.  an  Fremde  übergegangen.  Sehr  oft  sehen  wir  sogar  einen
2-—Smaligen,  ja  noch  öfteren  Besitzwechsel  ein  und  desselben
Grundstücks  innerhalb  dieser  Zeit,  woraus  hervorgeht,  in
welchem  Maße  der  Boden  zu  einem  Spekulationsobjekt,  statt
zu  dauernder  Grundlage  einer  Familienexistenz  geworden  ist.
In  den  westlichen  Landesteilen  wurde  bei  weitem  diese
Verkaufsziffer  nicht  erreicht.  Während  die  Jahreswechselziffer ­
  im  Durchschnitt  für  ganz  Preußen  64,4  vom  Tausend
beträgt,  stellt  sie  sich  für  die  Rheinprovinz  auf  23,9,  für  Hessen-Nassau
  auf  35,8  und  für  Westfalen  auf  38,1.  In  den  östlichen
Landesteilen,  mit  Ausnahme  der  Provinz  Schlesien  und  ebenso
in  Schleswig-Holstein  übertrifft  der  Besitzwechsel  sehr  stark
den  preußischen  Durchschnitt.  In  der  Provinz  Posen  haben
jährlich  99,9  vom  Tausend  den  Besitzer  gewechselt,  in  Ostpreußen ­
  100,1,  in  Schleswig-Holstein  112,2,  in  Westpreußen
119,6.
Das  sind  verhängnisvolle  Wirkungen  der  Getreidezölle,
die  auch  von  landwirtschaftlichen  Autoritäten  durchaus  anurkannt
  werden.  Der  ostpreußische  Generallandschaftsdirektor, ­
  Geh.  Oberregierungsrat  Dr.  Kapp 1 )  begründete
die  Entschuldungsvorlage  vor  dem  Generallandtag  der  Ost-Preußischen
  Landschaft  u.  a.  mit  der  Steigerung  der  Zinslasten
1 )  Ordentl.  47.  Generallandtag  der  ostpreußischen  Landschaft.  Vorige ­
  22.  S.  6,  27.
        <pb n="53" />
        54

,i  n  f  o  1  g  e  einer  volkswirtschaftlich  recht
bedenklichen  Steigerung  der  Güterpreise“.
Er  sagt  weiter:  „Bei  Erlaß  des  neuen  Zolltarifs  ist  von
den  Gegnern  der  Landwirtschaft  mit  Vorliebe  darauf  hingewiesen, ­
  daß  die  Erhöhung  der  landwirtschaftlichen ­
  Zölle  nur  den  jeweiligen  Besitzern
zugute  kommen  würde.  Es  ist  dies  der  gefährlichste ­
  und  am  schwersten  zu  widerlegende ­
  Einwand  gegen  unsere  neuen  Agrarzölle“,  und
da  Kapp  ihn  nicht  zu  widerlegen  vermag,  beantragt  er  die
Festsetzung  einer  Verschuldungsgrenze,  um  der  mit  den
steigenden  Güterpreisen  Hand  in  Hand  gehenden  höheren
Verschuldung  vorzubeugen.  Um  dieselbe  Zeit  sagte  der
preußische  L  a  n  d  w  i  r  t  s  o  h  a  f  t  s  m  i  n  i  s  t  e  r  Herr
von  Arnim  im  Abgeordnetenhause:  „Zweifellos  bringt
die  Zollgesetzgebung  den  jetzt  lebenden  Landwirten  nicht
unerhebliche  Vorteile.  (Sehr  richtig  links.  Heiterkeit.)  Sicher
ist,  daß  diese  Vorteile  in  gewisser  Zeit,
meist  schon  in  einer  Generation,  in  Gestalt ­
  von  höheren  Schulden,  eskomptiert
sein  werden,  so  daß  dann  die  Landwirtschaft ­
  sich  wieder  auf  demselben  Standpunkt ­
  befinden  wird,  auf  dem  sie  heute
steht.  (Sehr  richtig  links.)  Die  Zollgesetzgebung  hätte
dann  also  gar  nichts  genützt;  sie  hätte  vielmehr  geschadet.
Denn  fände  je  eine  Verminderung  oder  Aufhebung  der  Zölle
statt,  —  und  wer  wollte  die  Möglichkeit  dafür  leugnen?  —
Dann,  meine  Herren,  werden  Katastrophen  der  allerschlimmsten
Art  eintreten.  Unsere  Zollgesetzgebung  ist  nur  dann  zu  rechtfertigen,
  wenn  wir  auch  Maßregeln  ergreifen,  um  die  nicht
gewollten  ungünstigen  Begleiterscheinungen  zu  bekämpfen.“
Nun  dürften  allerdings  die  im  übrigen  sehr  beachtenswerten,
auch  von  Herrn  v.  Arnim  empfohlenen  Vorschläge  Dr.  Kapps
        <pb n="54" />
        56

zur  Entschuldung  des  Grundbesitzes  die  vom  Minister  in  Aussicht ­
  gestellte  Katastrophe  nicht  abzuwenden  vermögen,  wenn
die  Forderung  des  Organs  des  Bundes  der  Landwirte  in
seiner  übellaunigen  Erwiderung  an  den  Minister  zur  Erfüllung
käme,  daß  der  Zollschutz  unvermindert  aufreohterhalten
würde.  Vielmehr  dürfte  dann  diese  Katastrophe  mit  Schrecken
hereinbrechen.  Man  erwäge,  daß  die  landwirtschaftlich
benutzte  Fläche  des  Deutschen  Reiches  jährlich  um  0,95  a
pro  Kopf  der  Bevölkerung  abgenommen  hat,  so  daß  bei
fortschreitender  Bevölkerung  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts ­
  wenig  mehr  als  ein  halber  preußischer  Morgen  auf
den  Kopf  der  Bevölkerung  kommen  wird,  auf  dem  nach  der
schutzzöllnerischen  Forderung  der  gesamte  Bedarf  des  deutschen
Volkes  an  Bodenfrüchten  erzeugt  werden  soll.  Trotz  aller
Steigerung  der  Erträge  pro  Flächeneinheit  ist  der  Gedanke
absurd.  Je  mehr  wir  uns  aber  dem  Zeitpunkt  nähern,  werden
Jahr  für  Jahr  die  Lebensmittelpreise  und  als  Folge  die  Bodenpreise
die  Tendenz  haben  zu  steigen.  Und  wenn  auch  der  jährlich
wachsende  Prozentsatz  des  deutschen  Volkes,  der  nicht
von  der  Landwirtschaft  lebt,  eben  deshalb  von  den
Agrariern  als  eine  nicht  in  Betracht  kommende,  verächtliche
Masse  behandelt  zu  werden  pflegt,  so  dürfte  der  von  Herrn
v -  Arnim  in  Aussicht  gestellte  Tag,  an  dem  die  Getreidezölle
wieder  beseitigt  werden,  unaufhaltsam  herannahen.  Je  höher
dann  die  Bodenpreise  durch  die  Zölle  getrieben  sein  werden,
desto  furchtbarer  wird  der  Zusammenbruch  sein.  Gerade  vom
Standpunkt  der  Landwirtschaft  also  müssen  alle  wahren  Freunde
derselben  auf  die  allmähliche  Herabminderung  der  Zölle  bedacht ­
  sein.  Das  ist  das  einzige  Mittel,  ohne  verhängnisvolle ­
  Wirkungen  für  den  landwirtschaffliehen  Grundbesitz
die  Rückkehr  von  den  gegenwärtigen  ungesunden,  verkünstelten,
gefährlichen  zu  gesunden,  natürlichen,  ruhigen  Verhältnissen
herbeizuführen.
        <pb n="55" />
        Anhang.
        <pb n="56" />
        Beilage  Nr.  I.  (aus  Brentano:  Die  deutschen  Getreidezölle.  2.  Auflage  S.  120,  121).
Steigerung  der  Kaufpreise  für  Landgüter  und  Stückländerelen  ln  Prozenten  ausgedrttckt,  bezogen
auf  die  Preise  der  Periode  1895—97,
innerhalb  der  Stufen  des  durchschnittlichen  Grundsteuerreinertrags  bei  Zusammenfassung  aller  Größenklassen.
(Aus  Walther  Rothkegel,  Die  Bewegung  der  Kaufpreise  für  ländliche  Besitzungen  und  die  Entwickelung  der  Getreidepreise  im
Königreich  Preußen  von  1895  bis  1909.  Sohmollers  Jahrbuch  für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft  i.  D.  R.

Steigerung  der  Kaufpreise  für  Landgüter.

Regierungsbezirk ­


Stufe  des

durchschnittlichen  Grundsteuerreinertrags  für  1  ha

Alle  5  Stufen
zusammengefaßt

I.  unter
2  Taler

II.  von
2—5  Taler

III.  von
5—10  Taler

IV.  von
10—20  Taler

V.  von
20  Tabu,  mehr

Anzahl
der  verwendeten

Kaufpreise ­


Steigerung  in
Prozenten

von
1895/97
bis
1901/03
%

von
11901/03
bis
1907/09
%

von
1895/97
bis
1901/03
%

von
1901/03
bis
1907/09
•/.

von
1895/97
bis
1901/03
%

von
1901/03
bis
1907/09
•/.

von  j  von
1895/97  1901/03
bis  bis
1901/03  11907/09
%  i  "/.

von
1895/97
bis
1901/03
°/o

von
1901/03
bis
1907/09
%

von
1895/97
bis
1901/03
°/o

von
1901/03
bis
1907/09
°/o

1

2

3

4

5

6

7

8  1  9

10

n

12

13

14

Königsberg
Allenstein
Gumbinnen
Danzig
Marienwerder
Potsdam
Frankfurt
Stettin
Köslin
Stralsund
Posen

13
25
31
15
28
12
19
17
25
—  2
27

54
52
45
56
49
24
19
24
30
41
56

17
19
16
12
26
9
16
10
25
-6
32

47
42
26
36
50
21
12
21
30
30
54

14
15
18
24
6
1
8
15
—  5
27

30
45
36
44
17
16
10
25
28
49

21
10
—  3

33
39
11

—

—

10219
7  939
14  481
5  963
17291
5  060
10310
4  734
8  179
1  469
21  900

16
29
22
16
26
9
13
11
24
—  5
30

47
61
35
43
49
21
14
19
30
30
54

Bromberg  .  .  .
Breslau  ....
Liegnitz  .  .  .
Oppeln  ....
Magdeburg  Nord
Magdeburg  Süd  .
Merseburg  .  .  .
Erfurt  ....
Schleswig  .  .  .
Hannover  .  .  .
Hildesheim  Nord
Hildesheim  Süd  .
Lüneburg  .  .  .
Stade  ....
Osnabrück.  .  .
Aurioh  ....
Münster  Nord  .
Münster  Süd  .  .
Minden  ....
Arnsberg  .  .  .
Kassel  ....
Wiesbaden  .  .
Koblenz  .  .  .
Düsseldorf.  .  .
Cöln
Trier
Aachen

Staat  (ohne  Sigmaringen)  ....
Gesamtsteigerung
von  1895/97—1907/09
Unterschiede  zwischen  der  Steigerung
von  1895/97—1901/03  und  der  von
1901/03—1907/09

30

41

24

46

17

42

1

—

—

—

11  419

26

44

10

30

4

25

0

14

1

11

—

—

16  263

2

18

7  1

25

8

15

3

7

0

9

—

—

15  184

5

12

14

32

15  !

32

8

15

10

6

—

—

12  384

13

26

4

12

0

19

-7

16

—

—

—

—

3  299

—  1

17

—

—

—

—

—

: —

—

—

3

16

14

8

0

11

—

—

1  633

4

10

4

2

5

12

—

—

1

17

715

5

7

36

33

21

27

10

12

13

16

—

—

14819

18

28

11

15

11

26

6

—  5

—

—

—

—

1  815

10

16

—

—

—

—

—

116

1

7

—

—

1

7

—

—

—

—

—

22

43

8

15

—  2

30

—

—

—

—

1  099

12

27

24

51

27

44

—  5

35

7

5

—

'

2  631

23

45

18

23

29

7

—

—

—

—

—

—

645

22

17

50

48

27

38

—

—

11

14

—

—

2  719

40

42

14

78

8

60

—  5

32

—

—

—

—

1  868

6

57

—

.

—

—

—

—

—

29

34

22

16

7

11

5

8

—

—

3  766

16

16

48

14

0

26

18

5

—

—

—

—

1  920

14

6

20

18

20

23

—

—

—

—

846

20

19

—

—

—

—

—

—

—

—

—

—

—

—

—

—

—

—

—

23

15

24

10

9

21

—

—

2  999

18

16

18

10

4

22

8

:  25

—

—

—

•—

1  796

7

20

!

—

—

—

—

—

—

.  '

—

1

0

:  22

—

—

—

—

—

—

192

0

22

t  25

,  42

18

34

8

18

7

15

1

17

205  773

17

33

67%

52%

26%

22%

00

50%

17%

16%
i

10%

ß%

zu  wenig
Preise

16%
        <pb n="57" />
        Steigerung  der  Kaufpreise  für  Stückländereien.

Regierungsbezirk ­


Stufe  de

s  durchschnittlichen  Grundsteuerreinertrags  für  I

ha

Alle  5  Stufen
zusammengestellt

I.  unter
2  Taler

II.  von
2—5  Taler

III.  von
5—10  Taler

TV.  von
10—20  Taler

V.  von
20  Tal.u.mehi

Anzahl
der  verwendeten ­

Kaufpreise ­


Steigerung  in
Prozenten

von
1895/97
bis
1901/03
%

von
1901/03
bis
1907/09
%

von
1895/97
bis
1901/03
%

von
1901/03
bis
1907/09
°/.

von
1895/97
bis
1901/03
•/.

von
1901/03
bis
1907/09
%

von
1895/97
bis
1901/03
°/o

von
1901/03
bis
1907/09
V.

von
1895/97
bis
1901/03
°/o

von
1901/03
bis
1907/09
%

von
1895/97
bis
1901/03
%

1  von
'1901/03
j  bis
I1907/09
°/o

15

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

1  27

Königsberg

29

51

34

!  30

24

18

7  931

31

34

Allenstein

40

40

22

34

32

0

11  875

35

38

Gumbinnen  .  .  .

39

38

27

17

17

28

3

17

—

10  970

30

27

Danzig  ....

18

1  50

25

52

11

32

14

35

3  272

19

4Q

Marienwerder

24

55

15

39

21

34

32

1

10540

21

45

Potsdam

26

9

18

8

11

7

0

15

27  128

19

9

Frankfurt

11

25

10

10

5

6

—  6

3

33  585

8

13

Stettin

8

15

9

11

4

5

3

—  6

-1-12

  108

7

10

Köslin  ....

26

29

20

22

16

14

—  3

6

■

15  543

21

23

Stralsund  ,  .

-27

29

-8

37

0

18

—18

36

2  222

—  9

28

Posen

36

35

36

35

34

27

'

—,  '

21  266

36

34

Bromberg  .

30

51

29

39

14

22

—  7

11

10  991

25

40

Breslau  .  .  .

22

17

0

21

5

11

1

10

16  888

3

15

Liegnitz

—  1

32

5  :

9

—  6

12

—  3

6

17  485

—  1

13

Oppeln  ....

9

43

13

27

8

13

4

12

29  000

10

24

Magdeburg  Nord  .  .

1

16

—  4  i

20

—  1

17

4

14

17  204

2

18

Magdeburg  Süd  ....

—

—

—  4

0

—  9

6

0  i

4

-  4

7

9  151

—  2

5

Merseburg

18

26

-8

18

-14

20

—  5

8

—  4  !

13

13  208

—  7

14

Erfurt  ....

13

—  1

1

13

—  1

16

—  1

21

6

9

17  142

—  1

17

Schleswig  ....

24

36

16

28

13

11

7

15

4

15

28  973

15  1

21

Hannover  \

7

43

6

18

4

13

3

9

-

—

11  77.'v

*

oo

Ol
o

►

üildesbeim  Nord
Hildesheim  Süd  .
Lüneburg  .  .  .
Stade  ....
Osnabrück.  .  .
Aurich  ....
Münster  Nord
Münster  Süd  .  ...
Minden  .
Arnsberg
Kassel  .
Wiesbaden  .
Koblenz
Düsseldorf  ,
Cöln  .  .
Trier  .  .
Aachen  .

Staat  (ohne  Sigmaringen)  .
Gesamtsteigerung
von  1895/97—1907/09  .  .
Unterschiede  zwischen  der  Steigerung
von  1895/97—1901/03  und  der  von
1901/03—1907/09

3
17
27
9
89
11
15
25
33
—  6
17
47
15
20
39

4
I  50
55
33
34
51
31
11
54
37
37
55
49
13
37

20

—  I
—  2
9
16
16
36
13
6
34
35
26
8
11
15
19
21
19

37

15

18
15
36
31
14
58
44
61
7
6
46
19
19
21
22
14
25

22

57%
17%

37%
7%

—  7
5
14
10
—  1
19
6
0
20
6
17
—  4
3
21
20
20
17

6
15
20
21
17
29
27
40
10
19
37
12
14
—  4
27
18
28

8

I

17

25%
9%

-5
8
6
6
-2
19
-3
1
15
10
11
—  7
—  4
12
9
—  5
11

-  1
11
1
10
14
21
18
56
6
13
18
17
6
4
25
3
13

1

11

12%
10%

2
8
20

33
10
-24
-12
4
6
-5
0

-5
8

—  4
10
14
9
3
7
21
10

5%
13%

4
13
13
27
18
4
20
4
16
29
83
144
393
36
83
72
78

671
766
598
434
182
053
181
201
670
960
716
806
281
038
797
388
416

1  373  422

—  5
4
13
19
8
50
8
3
23
28
20
—  2
5
17
14
14
18

10

2
13
34
37
26
39
39
50
11
12
37
20
17
11
25
13
23

21

31  %
11  %

Erläuterungen:  Bei  der  Zusammenfassung  der  Grössenklassen  für  die  Ermittelung  der  Durchsohnittssteigerung
in  den  einzelnen  Reinertragsstufen  ist  die  Anzahl  der  Kauffälle  dadurch  mitberüoksichtigt  worden,  dass  sie  als  „Gewicht“  in  die
Rechnung  eingeführt  sind.
Die  Durchschnittssteigerung  der  I.  Reinertragsstufe  des  Regierungsbezirks  Königsberg  von  1895/97  bis  1901/03  z.  B.
ergibt  sich  mit  Hilfe  der  Zahlen  der  Tafel  A  aus  folgender  Berechnung:  583  X  uM+tbf 7  X ~'  =  13  ° / -  Zur  Vereinfachung  der
Rechnung  ist  an  Stelle  der  Anzahl  der  Preise  jeder  Sammelperiode  jedesmal  die  Gesamtanzahl  der  Preise  aus  der  Zeit  von  1895
bis  1900  als  „Gewicht“  eingeführt  worden.  Dieses  Verfahren  war  unbedenklich,  da  in  jeder  Sammelperiode  annähernd  die  gleiche
Anzahl  von  Kauffällen  gesammelt  worden  ist.
        <pb n="58" />
        Beilage  (Nr.  2
(aus  Brentano;  Die  deutschen  Getreidezölle,  2.  Auflage  S.  115)
Die  Belastung  des  Steuerzahlers  durch  die  Zölle  auf  Roggen,  Weizen,  Gerste  und  Hafer.

Jahr

Bevölkerung*) ­

des  deutschen ­
  Zollgebietes ­

um  die
Mitte  des
Jahres

Davon
kauften
81%
Getreide,
d.  h.  Personen ­


Getreideart

Verfügbar**)  für
den  Verbrauch
|  pro
I  Kopf
Tonnen  {  der
ä  1000  kg  Bevölkerung ­

kg

Davon
wurden  gedeckt ­
  zu
Prozent
vom
Aus-  Inland ­
  1  land

|s  Zollsatz  p.  Tonne

Gesamtbetrag
der  Verteuerung ­
  für  die
kaufende  Bevölkerung ­

(Zollsatz  x  0,81
von  Spalte  5)
Jl

Davon  flössen
in  die
„  .  ,  ,  i  Taschen
Reichskasse  p rivater
M  M

Belastung  pro
Kopf  der  Getreide ­
  kaufenden ­
  Bevölkerung ­

zugunsten
Cfi  I
Privater
|
M  M

1

2

3

4

5  |  6

7

8

9

10

11  12

13  14

1907

62  318  000

50  477  580

Roggen

8  844  040  143,5

2,9

97,1

50

358  183  620

10  387  314  347  796  306

0,20  '  6,89

Weizen

5  815  236  94,4

33,4

66,6

55

258  903  370

86  573  7251172  329  645

1,71  3,41

Braugerste

1  823  923,4  ;  29

23,3

76,7

40

59  095  118,1

13  769  162  45  325  956

0,27  0,90

andere  Gerste]

3  890  408,2|  62,4

46,0

54,0

13

40  965  998,3

18  844  359  22  121  639

0,37  0,44

Hafer

7  786  414  |  126,3

0,4

99,6

50

315  350  767

I  261  403(314  089  364

0;02[  6.22

Zusammen

1  032  498  873

130  835  963  901  662  910

2,57  17,86

1908

63  219  000

51  207  390

Roggen

8  902  180  1  142,4

1,9

98,1

50

360  538  290

6  850  227  (353  688  063

0,13  6,90

Weizen

5  674155  90,7

39,8

60,2

55

252  783  605

100  607  874,152  175  731

1,96  2,97

Braugerste

1  735  361,2  27,4

20,7

79,3

40

56  225  702,9

11  638  7201  44  586  982

0,23!  0,86

andere  Gerste

3  400  297,41  53,8

50,5

49.5

13

35  805  131,6

18  081  5911  17  723  540

0,35  0.34

Hafer

8  222  131  |  131,5

0,0

100,0

50

332  996  305

—  1332  996  305

6,50

Zusammen

1  038  349  034

137  178  412  901  170  621

2,68  17,59

1909

64  126  000

51  942  066

Roggen

8  961  665  1141,3

0,0

100,0

50

362  947  432

—  (362  947  432

—  1  6,99

Weizen

5  300  319  83,6

29,9

70,1

55

236  129  190

70  602  628  165  526  562

1,36  3.19

Braugerste

1  622  577,4  i  25,3

15,08

84,92

40

52  571  507,7

7  927  783  44  643  724

0,15  0,84

andere  Gerste

4  508  420,31  70,3

53,02

46,98

13

47  473  665,7

25  170  537  22  303  128

0,48  !  0,43

Hafer

7  144  692  |  112,6

1,9

98,1

50

289  360  000

5  297  8401284  062  160

0,10  1  5,47

Zusammen

988  481  795

108  998  788  879  483  006

2,10  1  16,93

Zusammen  in  den  3  Jahren

1907--1909



3  059  329  702

377  013  163  2682316537)7,36  52,38

Im  Durchschnitt  der  3  Jahre  1907

—1909

1  019  776  567

125  671  054  894  105  512)2,45  17,46

*)  Vgl.  Statist.  Jahrb.  für  das  Deutsche  Reich  1910,  S.  2.  **)  Vgl.Vierteljahrshefte  z.  Statistik  d.  Deutsch.  Reichs  1910,  I,  87.
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        Leonhard  Simion  Nf.,  Verlagsbuchhandlung-Berlin
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Oie  wirtschaftliche  Selbstgenügsamkeit
Joseph  Chamberlains
Ein  historischer  Entwickelungsversuch
Von
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8°  364  Seiten.  Preis  broschiert  M.  5,—,  gebunden  M.  6,—
Zur  Reform  des  preußischen  Einkommenuni)
  Ergänzungssieuergcsetzes
Von
Hermann  Schöler
8°  103  Seiten.  Preis  broschiert  M.  1,80
Sch  Ölers  Schrift  läßt  alle  schwebenden  Fragen,  insbesondere  der
Veranlagungsreform,  im  wesentlichen  unerörtert  und  geht  ausschließlich
aufs  Ganze:  die  Tarifgestaltung.  Nur  eine  Ausnahme  macht  er  von  dieser
Regel.  Er  erklärt  gute  Finanzen  ohne  gute  Finanzverfassung  für  unmöglich
und  tritt  daher  im  ersten  Kapitel  mit  Lebhaftigkeit  für  bewegliche  Gestaltung ­
  des  Steuerwesens  ein,  wobei  er  gegen  die  Abgeordnetenhausrede
des  Herrn  Finanzministers  vom  24.  Februar  1911  polemisiert.  Für  seine
übrigen  Reformvorschläge  gewinnt  er  die  Basis  in  einer  Untersuchung  über
die  jetzt  geltende  Verteilung  der  Steuerlast.  Seine  Vorschläge  dürften  beachtlich ­
  gefunden  werden,  denn  seine  Darlegungen  und  Beweisführungen
sind  sehr  instruktiv  und  auf  reiches  Material  gestützt.  Auch  wer  dem
Verfasser  nicht  in  allen  Hinsichten  folgen  kann,  wird  sein  lehrreiches  Buch
mit  großem  Gewinn  lesen.
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Der  Munjtsstaal
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Inhaltsübersicht.
1.  Kapitel:  Im  Lande  der  Schlaraffen.
2.  Kapitel:  Der  tatsächliche  Verlauf  der  Volkswirtschaft  in  der
Neuzeit:  Im  Mittelalter  —  Der  Merkantilismus  —
Das  Gebrechen  der  liberalen  Zeit  —  Strömungen
über  den  Liberalismus  hinaus.
3.  Kapitel:  Betrachtung  der  liberalen  Volkswirtschaft:  Freiheit
in  der  Bevölkertmgszahl  —  Ausländische  Politik:
Freihandel  —  Inländische  Politik;  Gewerbefreiheit.
4.  Kapitel:  Der  Zukunftsstaat:  Äußere  Politik:  Freihandel  und
Weltfriede  —  Innere  Politik:  Erbschaftsverstaatlichung.
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jog.  Die  Bevölkerung,  welche  damals  von  Deutschland
Getreide  versorgt  wurde,  war  also  weit  größer  als  Delbrück
angibt.  Die  deutsche  Getreideproduktion  hat  aber  mit
ti  Wachstum  dieser  Bevölkerung  nicht  Schritt  gehalten,
h  in  den  Zeiten  nicht,  als  wir  sehr  hohe  Getreidepreise
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ten;  denn  schon  seit  1852  führen  wir  mehr  Roggen  und
|  1876  auch  mehr  Weizen  ein  als  aus.  Und  erst  in  den
ften  Jahren  durch  den  Rückgang  des  Roggenkonsums  und
dreren  Weizenkonsum  in  Verbindung  mit  der  Politik  der
ireideexportprämien  sehen  wir  wieder  eine  Roggenausfuhr,
’h  die  Anbaufläche,  die  Delbrück  für  seine  Berechnen ­
  heranzieht,  ist  nicht  richtig.  Denn  vor  100  Jahren
1  es  in  Deutschland  Gegenden,  in  denen  mehr  als  ein  Drittel
Bodens  unbebaut  war  und  bis  1878  kommt  die  Steigeg
  seiner  Produktion  wesentlich  auf  Rechnung  der  Ausnung
  der  Ackerfläche.  Erst  seitdem  sehen  wir  eine  Steiung
  der  Erträge  pro  Hektar  durch  rationellere  Bewirtaftung.
  Für  die  Berechnung  der  Ertragssteigerung  aber
m  nur  die  Ertragssteigerung  pro  Hektar  in  Frage
amen.  Und  auch  das  hat  Delbrück  nicht  berücksichtigt,
jLj  der  Bedarf  der  Bevölkerung  in  den  letzten  100  Jahren
'^'ordentlich  gewachsen  ist,  daß  die  deutsche  Bevölkeg
  heute  nicht  nur  durchschnittlich  besser  ernährt  ist,
dem  auch  besser  ernährt  sein  muß,  weil  ihre  heutige
agkeit  einen  weit  größeren  Nervenverbrauch  mit  sich  bringt
l  deshalb  einen  hochwertigeren  Ersatz  der  verbrauchten
dte  verlangt.  Es  steigt  also  notwendig  der  Verbrauch
'malischer  und  auch  landwirtschaftlicher  Produkte  pro  Kopf.
Werdern  aber  ist  der  Bedarf  an  Bodenfrüchten  für  andere
Nahrungszwecke,  für  Verwendung  in  der  Industrie  im
de  des  19.  Jahrhunderts  außerordentlich  gestiegen,  und
h  dieser  Bedarf  muß  befriedigt  werden,  wenn  das  deutsche
k  fortbestehen  und  sich  weiter  entwickeln  soll.
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