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        <title>Die neuere Entwicklung des Petroleumhandels in Deutschland</title>
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            <forname>Franz</forname>
            <surname>Gehrke</surname>
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            <idno>883967979</idno>
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        ﻿
        <pb n="2" />
        ﻿ZEITSCHRIFT

FÜR DIE

GESAMTE STAATSWISSEASCHAET

Herausgegeben von

Dr. K. Bücher.

o. Professor an der Universität Leipzig.

ErrjänzungsJieft XX.

Die neuere Entwicklung

des

Petroleumhandels

in Deutschland.

Von

Dr. Franz Gehrke.

TÜBINGEN.

VERLAG DER H. LAUPP’SCHEN BUCHHANDLUNG

1906.

Preis im Einzelverkauf M. 3. — .

Preis für die Abonnenten der „Zeitschrift für die gesamte Staats-
wissenschaft“ oder der „Ergänzungshefte“ M. 2.60.
        <pb n="3" />
        ﻿Verlag der H. Laupp’schen Buchhandlung in Tübingen.

Der

Petroleumhandel.

*

Von

Dr. Rudolf Schneider.

8.	1902. M. 2.75.

(Ergänzungsheft III zur Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft.

Abonnementspreis M. 2.10.)

„Eine sorgfältig ausgearbeitete Studie über Natur, Fundstätten, Gewinnung
und Raffinierung des Petroleums, sowie der Entwickelung des Gross- und
Kleinhandels in demselben, die viele interessante Gesichtspunkte darbietet.“
Bayerisches Börsen- und IIandelsblatt. X. Jahrg. Nr. 28., 14. Juli 1002.

*	*

*

„Eine recht lehrreiche und bei der Bedeutung des Petroleums und der
Handelskonkurrenz zwischen amerikanischer und russischer Einfuhr für die
deutsche Volkswirtschaft nützliche Schrift.“

Soziale Praxis. XI. Jahrgang. Nr. 39.

*	*

*

„Ce traite du commerce du petrole est confu avec une clarte et une
methode qui permettront, meine au profane, de s’y reconnaitre dans une
question des plus compliquees.“

Journal du Petrole et des Industries qui s’y rattachent. II. Jahrg. Nr. 16.
        <pb n="4" />
        ﻿ZEITSCHRIFT

FÜR DIE GESAMTE

STAATSWISSENSCHAFT

In Verbindung mit

Oberbürgermeister Dr F. ADICKES in Frankfurt a./M., Prof. Dr G. COHN in
Göttingen, Prof. Dr K. V. FRICKER in Leipzig, Oberbürgermeister a. D. Dr
v. HACK in Urach, Ober-Verw.-Ger.-Rat Prof. Dr F. v. MARTITZ in Berlin,
Kaiserl. Unterstaatssekretär z. D., Prof. Dr G.v. MAYR in München, Prof. Dr Fr.
J. v. NEUMANN in Tübingen, Minister d. Innern Dr K. SCHENKEL in Karlsruhe,
Staatsrat Kanzler Prof. Dr G. v. SCHÖNBERG in Tübingen, Prof. Dr A. VOIGT
in Frankfurt a. M., Geh. Reg.Rat Prof. Dr A. WAGNER in Berlin, Dr Freiherr
v. WEICHS bei d. Direkt, d. k. k. Staatsbahnen in Innsbruck

HERAUSGEGEBEN

VON

Dr K. BÜCHER,

o. Professor an der Universität Leipzig.

Ergänzungsheft XX.

Die neuere Entwicklung des Petroleumhandels in

Deutschland.

Von

Dr. Franz Gehrke.

TÜBINGEN

VERLAG DER H. LAUPP’SCHEN BUCHHANDLUNG

igoß.
        <pb n="5" />
        ﻿Die

neuere Entwicklung

des

Petroleumhandels

in

Deutschland.

Von

Dr. Franz Gehrke.

Tübingen.

VERLAG DER H. LAUPP’SCHEN BUCHHANDLUNG

1906.
        <pb n="6" />
        ﻿Alle Rechte Vorbehalten.

DRUCK VON H. LAUPP JR IN TÜBINGEN.
        <pb n="7" />
        ﻿V

Inhaltsübersicht:

Seite

Einleitung.................................................. I

I.	Fundstätten.

a)	Amerika......................................................... 3

b)	Russland....................................................... 14

c)	Galizien......................................................  27

d)	Rumänien....................................................... 32

e)	Deutschland ................................................... 42

Ueberblick....................................................... 48

II.	Die Verhältnisse in Deutschland.

a)	Bis zur Aufnahme des Strassenwagenbetriebes.................... 51

b)	Der Strassenwagenbetrieb....................................... 64

c)	Für und Wider ................................................. 68

d)	Die einzelnen Gesellschaften................................... 73

Zusammenfassung.................................................. 85

III.	Preisgestaltung.

a)	Vorgeschlagene Kampfmassregeln................................. 92

1.	Erhöhung des fire-test-Punktes............................... 92

2.	Zolländerungen.............................................. 95

3.	Differentielle Tarifierung und regierungsseitige Bevorzugung

ausseramerikanischer Oele..................................... 98

4.	Verweigerung von Plätzen................................... 103

5.	Ersetzung des Massverkaufs durch	Gewichtsverkauf .	.	.	103

6.	Errichtung staatlicher Tanks............................... 104

b)	Gründe, warum die Preise niedrig	sein	müssen.................. 106

1.	Im Petroleumhandel selbst................................... 106

2.	In der Konkurrenz der Beleuchtungsindustrie liegende Gründe	113

Schluss......................................................... 118

Anhang.......................................................... 120
        <pb n="8" />
        ﻿VII

Benutzte Literatur:

H. D. Lloyd, Wealth against Commonwealth, New York 1894.

Dr. Oswald Frhr. v. Brackei und Jos. Leis, Der dreissigjährige Petroleumkrieg.
Berlin, 1903 (bei Guttentag).

Curt Proessdorf, Physikalisch-Photometrische Untersuchungen. Altenburg, 1904.

Zeitschriften »Plutus«, 1905, Nr. 37—43 und »Petroleum«.

Vorschriften, betreffend den Abelschen Petroleumprober und seine Anwendung
Berlin, 1883.

R. Schneider, Der Petroleumhandel, Tübingen, 1902.

Jul. Swoboda, Die Entwicklung der Petroleumindustrie in volkswirtschaftlicher Be-
leuchtung. Tübingen, 1895.

Katalog der Ausstellung für Gärungsgewerbe zu Berlin, 1903, herausgegeben von
der Zentrale für Spiritusverwertung.

Sturdza, La question du Petroie en Roumanie. Berlin, 1906.

Handbuch der Deutschen Aktien-Gesellschaften.

Nachrichten für Handel und Industrie, Jahrgänge 1905 und 1906.

Uebersicht über die Bakuer Petroleumindustrie für 1903, I. Teil Baku, 1905. Heraus-
gegeben vom Ausschuss der Petroleum-Industriellen,

H. Woiß, Die russische Naphtha-Industrie und der deutsche Petroleummarkt. Tü-
bingen und Leipzig, 1902.

Mertens, im Archiv für Eisenbahnwesen, 1900: Die Naphthaindustrie in Baku.

United States Geological Survey: Mineral Resources of the United States. Wa-
shington, 1904 und 1905.

Offizielle Statistiken. (Vierteljahrshefte; Statistik des Deutschen Reiches; monatliche
Nachweise.)

Zeitung snotizen.
        <pb n="9" />
        ﻿I

Einleitung.

Die letzten Jahrzehnte sind eine Zeit der Konzentration auf
sehr vielen Gebieten des Wirtschaftslebens, der Urproduktion wie
der Handelsbetriebe, gewesen. Die überlieferten Formen waren
oft für die gewaltig gesteigerten Ansprüche der modernen Volks-
wirtschaft nicht gross, nicht elastisch genug; sie mussten fallen
und machten vollkommeneren oder wenigstens umfassenderen
Schöpfungen Platz. Besonders die neue Welt war der Boden,
auf dem weltbeherrschende Monopole erwuchsen. Es entstanden
die der älteren Volkswirtschaft ganz unbekannten Gebilde, die wir
jetzt als Interessengemeinschaften, Kartelle, Syndikate, endlich in
ihrer höchsten und festesten Form als Trusts bezeichnen.

Diese Entwicklung finden wir auf allen Gebieten des Wirt-
schaftslebens wieder. Man denke, um nur einiges herauszugreifen,
an die grossartigen Zusammenschlüsse in der Elektrizitätsindu-
strie, an die immer weiter durchgeführte Konzentration im Bank-
gewerbe, an die neuerdings erfolgten riesenhaften Kartellierungen
und Syndizierungen im Montangewerbe (Stahl, Kupfer, Kohlen,
Kali u. s. w.); man denke, um wirkliche Trusts zu nennen, an den
Sugar Trust, den Cotton Oil Trust u. a. m.

Neben anderen nimmt die hervorragendste Stelle unter diesen
Formen modernen Grossbetriebes der Standard Oil Trust ein.
Er ist der erste eigentliche »Trust« und für die späteren ähnlichen
Bestrebungen vorbildlich gewesen. Er ist es auch, der noch jetzt
wohl die vollkommenste Organisation dieser Art darstellt. Be-
günstigt, besonders in seiner Entstehungszeit, durch eine lokal
beschränkte Produktionsmöglichkeit, dann, als andere von ihm
nicht beherrschte Gebiete als Produzenten auftraten, durch die
bessere Qualität der von ihm vertriebenen Ware, hat er es ver-
standen, länger als ein Vierteljahrhundert hindurch nicht nur in
dem ersten und hauptsächlichsten Produktionslande selbst die

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 20.	I
        <pb n="10" />
        ﻿2

unbestritten erste Stelle im Petroleumhandel einzunehmen, son-
dern, immer weiter fortschreitend, den Konsum fast aller Erdteile
trotz seiner weitgehenden Dezentralisation in hohem Masse von
sich abhängig zu machen und ihn in dieser Abhängigkeit zu erhalten.

Wohl haben ihn in erbittertem Kampfe die grössten Kapitali-
sten der alten Welt (Rothschild) und die Riesenkapitalien deutscher
Grossbanken in einzelnen Gebieten des Weltmarktes verdrängt und
sich dort eine feste Position geschaffen. Aber alles in allem ge-
nommen sind es nur Inseln im Ozean: der Trust besitzt noch immer
die Vorherrschaft und reguliert den Weltmarktpreis.

Dieser Gegensatz zwischen einer äussersten Zersplitterung im
Konsum auf der einen und der fast absoluten Herrschaft einer
einzigen Zentrale auf der anderen Seite drückt dem Petroleum-
handel sein eigenartiges Gepräge auf.

Es ist klar, dass es keiner Regierung gleichgültig sein kann,
dass ihre Untertanen der Willkür einiger weniger und noch dazu
ausländischer Kapitalistengruppen schutzlos überliefert sind, und
dass sie auf Abwehrmassregeln sinnen muss. Ebenso klar ist aber,
dass die unter der Ausbreitung des Geschäftsbereiches des Trusts
unmittelbar Leidenden — in diesem Falle die Händler — mit
allen Mitteln ihre Stellung zu behaupten oder sie wenigstens
möglichst teuer zu verkaufen suchen. Neben vielen unberufenen
Kämpfern leiten sie besonders aus der eigenartigen Konstellation
das Recht her, die Zukunft des Petroleumhandels möglichst grau
in grau zu malen und dem Konsumenten Jeremiaslieder vorzusingen.

Es fragt sich, ob und wie weit diese Klagen berechtigt sind;
welches Prognostikon man dem Detailhandel und in letzter Linie
dem Verbraucher stellen kann, ob überhaupt noch Mittel und
Wege vorhanden sind, die Macht Rockefellers zu brechen oder
wenigstens einzudämmen, und worin diese bestehen. Zu besserem
Verständnis muss dabei ein kurzer Ueberblick über die Entstehung
des Petroleumhandels gegeben werden. Es sind die Umstände
klarzulegen, die es dem Trust ermöglichten, dem Konsumenten
die Pistole auf die Brust zu setzen, und zum Schluss ist auf den
Kampf der grösseren Produzenten und wichtigeren Gesellschaften
im Welt-, besonders aber im deutschen Markt einzugehen. —
        <pb n="11" />
        ﻿3

I.	Fundstätten.

Ueber die Anfänge und die Entwicklung des Petroleumhandels,
besonders in Amerika, dessen Verhältnisse für die anderen Länder
typisch sind, ist schon viel geschrieben worden. Ich verweise hier
auf die umfangreiche einschlägige Literatur, aus der in neuerer
Zeit vor allen Jul. Swoboda und später, wenn auch nicht so syste-
matisch-wissenschaftlich, Brackei - Leis übersichtliche Exzerpte
gegeben haben. Es erübrigt hier nur eine kurze Zusammenfassung
zur Erleichterung des Verständnisses der späteren Ausführungen
und Folgerungen.

So weit zurück die Kenntnis des Petroleums reicht, so kurz
ist die Geschichte des Petroleum h and eis im modernen Sinne.
Petroleumquellen werden zwar schon bei Herodot erwähnt; die
von Petroleumgasen gespeisten heiligen Feuer der Feueranbeter
in den Tempeln von Surakhani brannten während eines Zeitraumes
von mehreren tausend Jahren, aber heute noch lebt der Mann,
mit dessen Wirksamkeit der ganze Petroleumhandel so eng ver-
knüpft ist, der der ganzen Produktion und dem ganzen Vertriebe
von Beginn die Richtung gegeben hat, der ihn gross gemacht hat
und noch heute an seiner Spitze steht.

a) Amerika.

Das Geburtsjahr der Erdölindustrie ist 1859. In diesem Jahre,
am 27. August, wurde nach längeren Versuchen in Pennsylvanien
bei Titusville der erste flowing well erbohrt. Dies Ereignis hatte
ungeahnte Folgen. Nachdem schon einige Jahre vorher von Ge-
lehrten darauf aufmerksam gemacht worden war, dass das Erdöl,
destilliert, sich zu Beleuchtungszwecken vorzüglich eigne, und da
bei dem intensiver gewordenen Betrieb der Industrie sowie bei dem
in gleichem Masse mit dem Steigen der Kultur und des Wohlstands
wachsenden Bedürfnisse auch der Privathaushaltungen sich ein

1 *
        <pb n="12" />
        ﻿4

drückender Mangel an geeigneten Beleuchtungsstoffen geltend
machte, war es natürlich, dass das Auffinden eines in solcher
Menge und Güte vorhandenen Brennstoffes den Anstoss dazu gab,
dass sich schnell Tausende von Existenzen und grosse Kapitalien
auf die neue hoffnungsreiche und mühelose Erwerbsquelle warfen.
Das »Oelfieber« begann, wie Pilze schossen die Bohrtürme aus
der Erde. Die Produktion stieg ausserordentlich rasch, allerdings
auf Kosten der gesunden Entwicklung. Raubbau und zweckloses,
unfachmännisches Abteufen standen in voller Blüte.

Ein kleiner Rückschlag kam bald. Der Konsum hatte sich
der rapid steigenden Produktion nicht schnell genug angepasst,
weil das Oel noch ziemlich teuer und auch noch nicht allzu gut
und gleichmässig raffiniert war. Da brachten die Erfindung neuer
Raffinationsmethoden, die Erschliessung überaus ergiebiger Fund-
stätten und nicht zum mindesten auch die Verbesserung der Trans-
portmittel (zuerst Holzfässer, doch schon in den 60 er Jahren Rohr-
leitungen, dann (von 1871 ab) eiserne Zisternenwagen) einen neuen
Anstoss und bewirkten einen abermaligen, diesmal geradezu riesen-
haften Aufschwung der jungen Industrie, der noch dadurch unter-
stützt wurde, dass 1867 C. D. Angell seine Belt-Theorie aufstellte,
nach der das Erdöl in langen, schmalen Gürteln, von Südwest
nach Nordost streichend, vorkommt. Jetzt bohrte man nicht mehr
blind darauf los, sondern konnte die Abteufung mit grösserer
Gewissheit auf Erfolg vornehmen.

Weitaus die ergiebigsten und qualitativ besten Quellen wur-
den ,im Staate Pennsylvanien erbohrt. Lima, Ohio etc. waren
zwar auch damals schon als ölführende Gegenden bekannt, traten
aber gegen Pennsylvanien ganz in den Hintergrund. In Kali-
fornien und Texas, die jetzt die Hauptmenge der gewonnenen
Oele liefern, begann die Grossproduktion erst sehr viel später.

War so im ersten Jahrzehnt die Oelgewinnung auf ein relativ
kleines Gebiet beschränkt, so befanden sich doch die Unternehmer
von vornherein in oft unglückseligen Verhältnissen. Jeder durfte
frei bohren, ein Recht, von dem der weitgehendste Gebrauch ge-
macht wurde. Hundertfach waren die Beispiele, dass ein Unter-
nehmer, ein Abenteurer, über Nacht, durch eine einzige Quelle, sehr
häufig auch nur durch Grundstücksspekulationen, zum reichen Manne
wurde. Aber unendlich viel zahlreicher waren die fruchtlosen
Bohrversuche, und mancher, der einen ergiebigen well erbohrt
hatte, sah sich um die Früchte seiner Arbeit gebracht dadurch,
        <pb n="13" />
        ﻿5

dass irgend ein Konkurrent direkt neben dem seinen ein Bohr-
loch niederbrachte und seinen well dadurch trocken legte.

Diese Zustände waren unhaltbar und mussten zu einer grund-
legenden Aenderung führen. Diese liess auch nicht lange auf
sich warten.

Schon um 1870 merkte man, dass aus unerklärlichen Ur-
sachen einige unter einander in Verbindung stehende Unterneh-
mungen glänzend gediehen und sich ausserordentlich schnell ver-
grösserten, während die sämtlichen anderen Produzenten über Ver-
luste zu klagen hatten, in Armut, oft in Elend versanken, ihre
Reservoire und Raffinerien aufgeben mussten. Dieser kleinen
Oelclique gelang es, ohne dass über ihr Treiben vorher irgend
etwas in die Oeffentlichkeit drang, die ganze Entwicklung in eine
bestimmte Richtung zu drängen und binnen weniger Jahre einen
massgebenden Einfluss auf die ganze vielverzweigte Produktion
zu erlangen. Es dauerte lange, bis man den Urhebern dieser
Bewegung auf die Spur kam. Aber als man sie klarer erkannte,
war es bereits zu spät. Die Gruppe, deren leitender Geist der
aus ganz einfachen Verhältnissen hervorgegangene John D. Rocke-
feiler war, sass bereits so fest im Sattel, dass die grössten An-
strengungen der unter dem Zwange der Not sich zeitweise zu-
sammenschliessenden Produzenten, dass Volksaufstände, selbst
staatliche Untersuchungen und Machtsprüche sie nicht mehr her-
auszuheben vermochten. Ihr gelang es, indem sie sich zwischen
die Produzenten und die Abnehmer schob (ebenso machte es
später Rothschild in Baku!), ohne einen Hektar ölführenden Landes
zu besitzen, auf Grund geheimer Verträge mit den das Oel nach
den Raffinerien an der Küste führenden Bahnen (die berüchtigten
geheimen Rabatte des South Improvement Cy Contract) den
ganzen Handel auf Gnade und Ungnade von sich abhängig zu
machen. Schon 1875 hatte sie das tatsächliche Monopol in Händen.
Einen gegen den andern ausspielend, mit allen paktierend, zwang
sie durch die Bahnen erst die Raffinerien, dann die Rohrleitungs-
gesellschaften nieder, durch diese wieder die Bahnen, die sie sich
gleichzeitig durch mörderische Tarifkriege zerfleischen liess.
Man könnte Rockefeller jetzt auch den »Eisenbahnkönig« Ame-
rikas nennen; denn er soll 150 000 Meilenlängen kontrollieren,
d. i. ca. '^/3 des gesamten Schienennetzes der Vereinigten Staaten!

Wie bereits kurz erwähnt, wurde das Oel in den ersten Jahren
in Holzfässern befördert, von den Quellen durch Fuhrwerke nach
        <pb n="14" />
        ﻿6

den Eisenbahnstationen, von dort mit der Bahn nach den Raf-
finerien, die meist an einem Seeufer oder an der Küste lagen
(Cleveland, New York).

Da kam ein unternehmender Kopf auf den Gedanken, das
Rohöl einfach in mehrzölligen Röhrenleitungen (pipe lines) unter
vollständiger Ausschaltung der andern beiden Transportmittel von
den Gruben direkt nach den Raffinerien zu pumpen. Nach vielen
Schwierigkeiten führte er seinen Plan aus. Der Erfolg war so
glänzend, dass über die alte Art der Beförderung der Stab ge-
brochen war, und der ganze Oeldistrikt war bald mit unzähligen,
meist aber planlos angelegten pipe lines überzogen. Denn jede
Raffinerie wollte ihre eigene Leitung haben, um »unabhängig«
zu sein.

Diese pipe lines, die oft eine Länge von 500, ja 700 km
hatten, beförderten das Oel natürlich erheblich billiger, als es
bei Bahnversandt möglich war. Sie stellten also eine grosse Ge-
fahr für die Standard Oil Co. (St. O. C.), Rockefellers Gründung
und die mit ihr verbündeten Bahnen dar. Es musste zum Kampf,
kommen; die St. O. C. zögerte nicht, ihn aufzunehmen. Unter
der Hand verschaffte sie sich die Kontrolle über die United pipe
line, schloss sie 1874 neue Verträge mit den drei beteiligten,
ihr unterworfenen Bahnen, und in einem unerhörten Tarifkriege
und gedeckt durch beispiellose Refaktien brachte sie innerhalb
Jahresfrist das ganze Rohrleitungsgeschäft in ihre Hand und
schaffte sich dadurch eine festere Stellung als je zuvor.

Soweit gekommen, hielt sie unter den pipe lines zunächst
fürchterliche Musterung, räumte unter dem Chaos gehörig auf und
verschmolz die vielen kleinen Einzelleitungen zu einigen wenigen
grossartigen Systemen. Jetzt ist sie imstande, ihren gesamten
Oeltransport durch sie zu bewerkstelligen. Die Kosten sollen
sich auf nur 5—7 Cents per Fass belaufen.

Auch der überseeische Transport erhielt durch die St. O. C.
eine neue Grundlage. Während das Oel früher auf Seglern in
Fässern nach Europa geschafft wurde, begann man Anfang der
80 er Jahre nach dem Vorgehen Nobels in Russland (erster Tank-
dampfer 1879) mit dem Bau von Seetankdampfern, die das Oel
lose aufnahmen und über das Meer brachten. Die Minderkosten
gegen die frühere Art der Beförderung stellen sich nach Brackel-
Leis (S. 350) auf Mk. 3.11 per 100 kg. Die Differenz ist aber
wohl wesentlich grösser, da die St. O. C. mit vollständig amorti-
        <pb n="15" />
        ﻿7

siertem Schiffspark fährt, ihre ganzen Anlagen schon abgeschrieben
hat und sämtliche Arbeiten in eigener Regie betreibt.

Inzwischen gingen die Rohölpreise immer weiter herab. Mehr-
mals machten die zur Verzweiflung getriebenen Produzenten die
grössten Anstrengungen, den eisernen Ring zu sprengen, sich durch
die Legung einer eigenen Leitung einen Durchgang zur Küste zu
bahnen, in der Hoffnung, auf diese Weise höhere Preise zu er-
zielen. Doch erfolgreich trat ihnen die St. O. C. entgegen und
vermochte es, alle Konkurrenten niederzuhalten. Eine einzige
nominell unabhängige Leitung führt jetzt das Oel der pennsyl-
vanischen Outsiders zur Küste, allein auch über sie soll sich die
St. O. C. schon die Kontrolle verschafft haben.

Seine äussere Krönung erhielt das Werk Rockefellers 1882
durch die Gründung des Standard Oil Trust. — In den einzelnen
Staaten (Ohio, Indiana, Kentucky etc.) bestanden Standard Oil
Companies schon seit Ende der 60 er Jahre. Sie waren nach dem
Prinzip der Arbeitsteilung organisiert und pflegten ganz bestimmte,
scharf getrennte Zweige des Geschäfts: so befassten sich einige
nur mit dem Transportgeschäft, andere nur mit der Raffination,
wieder andere mit dem Vertrieb. Alle aber gravitierten finanziell
und geschäftspolitisch nach einem gemeinsamen Schwerpunkte,
eben Rockefeller. Tatsächlich änderte sich an diesen Verhält-
nissen durch die Gründung des Trusts gar nichts, und als dieser
einige Jahre später gesetzlich für ungültig erklärt wurde und sich
auf lösen musste, trat ohne weiteres das alte Verhältnis wieder in
Kraft. Die neun trustees hatten in jeder der Untergesellschaften
die Aktienmajorität, und der Name tat ihnen wenig. Einige Jahre
nach der Auflösung (1892) schlug die Antitrustpolitik wieder in
ihr Gegenteil um; so wurde der Trust 1899 in New Jersey mit
einem Nominalkapital von $ 110 Millionen wieder inkorporiert und
besteht in seiner damaligen Fassung noch heute.

Es ist selten oder nie eine Interessenvereinigung mit solcher
Schärfe angegriffen worden, wie der Rockefellersche Trust; zum
Teil mit Recht, zum Teil aber auch mit Unrecht.

Dass Rockefeiler sich nur durch eiserne, oft an Brutalität
grenzende Energie die Herrschaft errungen hat, ist nicht zu be-
streiten. In dieser Hinsicht ist er gewiss nicht als Unschuldslamm
hinzustellen; wohl aber darf im Gegensatz zu den meisten be-
kannten Autoren — m. W. macht nur Schneider, der auch schon
die rationelle Organisation des Trusts und die dadurch hervor-
        <pb n="16" />
        ﻿8

gerufene Ersparnis an Kosten als einen Hauptgrund seiner schnellen
und grossen Erfolge ansieht, eine Ausnahme — auf etwas hin-
gewiesen werden, das der Hass gegen ihn meist übersehen lässt
und das beweist, dass nicht so sehr der Mensch Rockefeller als
vielmehr die elementare Macht der Verhältnisse die Entwicklung
in eine bestimmte Richtung hineinzwang. Wirtschaftliche Unzweck-
mässigkeit ist auf die Dauer wirtschaftliche Unmöglichkeit. Dieser
alte einfache Satz bildet das feste Fundament, das die Säulen des
Riesentrusts trägt. Das Muss war gegeben. Rockefeller hatte
nur Einfluss auf das Wie, auf die Form der notwendig gewor-
denen Konzentration. Und da muss man sagen, dass er diese
Frage in einer Art gelöst hat, die, wenn man unparteiisch sein
will, geradezu Bewunderung herausfordert. — Er ist masslos an-
gegriffen worden. Aber er hat sich nie verteidigt, und das mag
mit ein Grund gewesen sein, dass jeder sich das Recht anmasste,.
seine geschäftliche Moral in den Staub zu ziehen, berechtigte und
ebenso oft unberechtigte Vorwürfe und Anklagen immer wieder
aufzuwärmen und sein Verdammungsurteil auszusprechen, ohne
sich der Mühe einer genaueren und objektiven Kritik zu unterziehen.

Ein Mann von ausserordentlichem Scharfblick, von kalter Kühn-
heit und eiserner Energie, warf er sich auf das Petroleumgeschäft,
wagte alles und — gewann! Hundert andere wagten dasselbe —
er blieb, vom Glück begünstigt, Meister. Einmal oben, war es sein
gutes Recht, sich den Platz, den er errungen hatte, zu erhalten.
Angriff vergalt er mit Gegenangriff. Das ist verständlich, weil
es natürlich ist. Sein Glück und sein Genie drängte andere zurück.
Und auch das ist verständlich, dass die Zurückgedrängten ihrem
Unmut Luft machten, oft in sehr gehässiger Weise. Tausende
neideten ihm sein Glück, trugen die Behauptungen und Ver-
leumdungen weiter und erreichten es, dass der Petroleumkönig
der Welt stets nur als ein Vampyr erscheint, der in seiner Gier
das Blut seiner Opfer bis auf den letzten Tropfen aussaugt.

Vor Rockefellers Eingreifen waren die Zustände in dem
damals allein in Betracht kommenden pennsylvanischen Oeldi-
strikt einfach unhaltbar. Wilde Spekulationen trieben die Preise für
Grundstücke in die Höhe; die zweifelhaftesten Existenzen warfen
sich auf Oelbohrungen; die P'uhrleute fühlten sich als Herren der
Lage, forderten unverschämte Preise und Hessen, falls man diese
nicht bewilligte, die befrachteten Wagen einfach im Morast stecken;
Reservoire fehlten, um die Erträge der Quellen aufzunehmen; die
        <pb n="17" />
        ﻿9

Destillation und Raffination war häufig ungenügend, jedenfalls
nicht gleichmässig genug: kurz, es herrschte vollständige Anarchie.
Die Verhältnisse konnten nur gesunden, wenn die teils schädlichen,
teils überflüssigen Elemente eliminiert, die Auswüchse beseitigt
wurden, kurz, wenn alles von Grund aus auf eine solide Basis
gestellt wurde. Dieses Ziel Hess sich aber nur durch weitgehende
Zentralisation erreichen. Durch sie konnte man an Unkosten
sparen, diese auf den inneren Aufbau des Geschäfts, mehr noch
aber auf bessere Bearbeitung der Ware verwenden und dieser
dadurch einen grösseren Markt gewinnen.

Auf dieser Basis operierte der Trust. Binnen kurzem gelang
es ihm, die' zerfahrenen Verhältnisse zu ordnen. Waren die Mittel,
die er ergriff, bisweilen auch nicht einwandfrei (Bestechungen!),
so waren andere, wie die Stilllegung der kleinen Raffinerien,
direkt notwendig, und das Geschrei, das sich ihretwegen erhoben
hat, ist nicht berechtigt.

Vor allem brachte der Trust Beständigkeit sowohl in die
Produktion wie in die Preisgestaltung: er verpflichtete sich näm-
lich, stets jedes ihm angebotene Quantum zum »offiziellen Preise«
abzunehmen.

Dieser »offizielle Preis« richtete sich nach den allgemeinen
Absatzverhältnissen. Selbst die Gegner des Trusts haben zugeben
müssen, dass er die Einkaufspreise nicht möglichst niedrig hielt,
sondern eher hoch, um die Fördertätigkeit anzuspornen. Der
Trust soll dabei in der Weise verfahren, dass er von dem Markt-
preis für raffiniertes Oel, den er nach sorgfältigster Berechnung
festsetzt, eine bestimmte Quote, nach Brackel-Leis (S. 103) 621/2%,
absetzt und den Rest für das Rohöl an die Produzenten zahlt.
Diese sind auch, weil sie die Gerechtigkeit dieses Verfahrens
anerkennen, damit zufrieden. Mit der Eigenproduktion scheint
sich der Trust, trotzdem er in den letzten Jahren ausgedehnte
ölführende Terrains in seine Hand gebracht hat, deshalb nicht
zu befassen, weil ihm das spekulative und immerhin riskante
Element der Bohrtätigkeit nicht zusagt. Selbst die grösseren
Produzenten schweben jetzt bei Erbohrung eines ergiebigen
wells nicht mehr in der Gefahr, wegen Mangels an Reser-
voiren und Behältern das Oel einfach in den Sand laufen
lassen zu müssen, sie haben keine Ausgaben für Cisternenwagen
und dergl. mehr. Jedes beliebige kleinste Quantum wird glatt
aufgenommen, ein Umstand, der für die kleineren Grubenbesitzer
        <pb n="18" />
        ﻿IO

ausserordentlich ins Gewicht fällt. Kurz, der ganze Betrieb wurde
von Grund auf saniert.

Der einzige Grund hierfür war die Verbilligung des Trans-
ports ! Nur durch seine grossartige Aus- und Umgestaltung konnte
die St. O. C. das werden, was sie ist. Nur durch sie konnte sie
die Einstandskosten der Ware verringern, billiger verkaufen als
die Konkurrenz, die über gar keine oder doch über weniger gute
Transportmittel verfügte, dadurch ihren Absatz wie den Konsum
überhaupt steigern und dem Petroleum einen immer ausgedehn-
teren Markt erobern.

Aus diesem Gesichtspunkte heraus erfolgte die planvoll ver-
einfachte Legung der pipe lines, der Bau der grossen Tankan-
lagen, der tank-cars, dann weiter das Verschmelzen vieler Dutzende
kleiner Raffinerien zu zwei riesigen Exportraffinerien (Chicago und
Bayonne), die durch alles dies ermöglichte ununterbrochene und
vollständige Ausnützung eines Minimums von Transportmitteln
und Raffinerieanlagen, die Schaffung einer einzigen zentralen Ver-
waltung, infolge davon wieder grossartige Betriebsvereinigung und
Verwertung von Nebenprodukten. Alles dies sind natürliche
Folgen der notwendigen und zielbewussten Zentralisation. Die
vielen einzelnen, auf sich allein gestellten Brunnenbesitzer waren
wirtschaftlich viel zu schwach zu ähnlichem Vorgehen, auch wenn
sie noch so ergiebige wells erbohrt hatten: sie waren eben nicht
auch gleichzeitig Transporteure und Raffineure und infolgedessen
gegen den Trust unbedingt im Nachteil.

Als sie endlich sich zu grösseren Verbänden zusammen-
zuschliessen versuchten, um, als geschlossene Masse auftretend,
ihre Interessen besser zu wahren, war es bereits zu spät: zwischen
ihnen und den Raffinerien stand der Trust und hatte beide in der
Hand. Seitdem er (Anfang der 8oer Jahre) den Ausbau seiner
von vornherein gross angelegten Organisation vollendet hat, ist
seine Macht in Amerika nicht mehr zu brechen.

Die gigantische Grösse des Rockefellerschen Unternehmens
mögen einige Zahlen illustrieren. 1872 offiziell als St. O. C. ein
Kapital von $ 2^2 Millionen aufweisend, wurde der »Trust« 1882
mit einem Kapital von $ 70 Millionen und nach seiner Neu-
gründung im Jahr 1899 mit $ 110 Millionen inkorporiert, ob-
wohl der abgeschätzte wirkliche Wert der 20 ihn bildenden Ge-
sellschaften über $ 120 Millionen war. Die Aktien dieser 20
Gesellschaften wurden einem Komitee von neun »trustees« über-
        <pb n="19" />
        ﻿geben, das für sie trust-certificates anteilig herausgab. Von
diesen trust-certificates besitzt den kontrollierenden Teil, also
die absolute Gewalt über sämtliche Untergesellschaften, John
D. Rockefeiler! Schon 1883 stellten die Anlagen des Trusts einen
Wert von $ 148 Millionen dar. Von 1882 bis 1895 zahlte der
Trust an Dividenden mehr als das Doppelte seines Kapitalver-
mögens im Jahr 1882, im Zeitraum von 1900 bis 1904 gar mehr
als 200% des 1899 erhöhten Kapitals. Die Dividendenausschüt-
tungen betrugen 1882—1890 je 51 / * %, 1891 —1895 je 12%, 1896
31%, 1897 33°/0, 1898 30%, 1899 33%, 1900—1901 je 48%,
1902 45 %, 190344%, 190436%. Und dabei hat der Trust keine
Schulden, keine Hypotheken, daher keine laufenden Zinsen zu
tragen! Wahrlich ein Koloss auf stählernen Füssen!

Das unbedingte Monopol, das der Trust sich vor nunmehr
30 Jahren in Amerika errang, besitzt er noch immer, trotz der
bestehenden Gegenorganisationen. Ich meine die Shell Transport
and Trading Co., (1904/05 : 5% Dividende) mit einem Kapital
von 60 Millionen Mk., die in Texas weite Oelgebiete besitzt, und
die mit einer Anzahl Rohölproduzenten in Ohio und Pennsyl-
vanien in Verbindung stehende Pure Oil Co. Von ersterer
Gesellschaft ist zu bemerken, dass sie hauptsächlich das Oel nieder-
ländischer in Sumatra, Java u. s. w. arbeitender Gesellschaften ver-
treibt. In Amerika macht sie dem Trust weniger Konkurrenz als z. B.
in Deutschland, wovon später die Rede sein wird. Die Pure Oil Co.
kann man schwerlich noch als »unabhängig« ansehen. WennRocke-
feller sie auch noch nicht zu kontrollieren scheint, so hat er durch
seinen grossen Besitz von Aktien dieser Gesellschaft immerhin einen
nicht zu unterschätzenden Einfluss auf ihre Geschäftspolitik.

Sobald der Trust seine Plauptgegner niedergerungen und sich
die herrschende Stellung erkämpft hatte, richtete er sein Augen-
merk auch auf den Export. Er pflegte dabei in der Weise vor-
zugehen, dass er ausländische Firmen zum Vertrieb der Ware er-
munterte, mit ihnen langfristige Verträge abschloss und sie dann
später — als alleiniger Lieferant hatte er ja die Macht dazu —
unter Umwandlung in Aktiengesellschaften in eine immer grössere
Abhängigkeit von sich brachte und zuletzt völlig aufsaugte. Das
typische Beispiel dafür ist Deutschland. Ausser in diesem Lande
hat der Trust jetzt fast in jedem europäischen Lande eine Tochter-
gesellschaft. Dabei scheint sein England bearbeitender Abzweig,
die Anglo American Oil Company, den anderen Gesellschaften
        <pb n="20" />
        ﻿12

in gewissem Grade übergeordnet zu sein.

Für lange Jahre war das .erstentdeckte Oelgebiet, Pennsyl-
vanien, ganz abgesehen von seiner unbestrittenen qualitativen
Ueberlegenheit, auch hinsichtlich der geförderten Mengen das bei
weitem wichtigste. Allmählich aber erschöpfte sich der scheinbar
unermessliche Reichtum. Viele neue Bohrungen blieben trocken,
die alten Quellen flössen spärlicher; das appalachische Bassin
(Pennsylvanien, westl. Virginien, Kentucky, Tennessee und Südost-
ohio), das 1892 noch über 66%, 1896 noch 56% der gesamten
Ausbeute geliefert hatte, gab 5 Jahre später nur noch 48%, 1904
gar nur noch ungefähr 26s/4% her. In Pennsylvanien selbst wurden
1891 : 33 Millionen; 1901 : 14 Millionen, 1904 gar nur iV/a Mil-
lionen Fass Rohöl produziert.

Dieser Ausfall wurde nur halb wett gemacht durch die steigende
Produktion in anderen Gebieten. Im ganzen genommen stieg sie
quantitativ bisher noch immer, aber qualitativ reicht das Oel nicht
an das pennsylvanische heran. Texanisches sowohl wie kalifor-
nisches Oel haben einen sehr hohen Prozentsatz an Schmieröl,
und nur Kansas liefert ein den minder guten Sorten der östlichen
Staaten ähnliches Oel.

Im Jahre 1904 waren die einzelnen Länder (die Zahlen sind
den Mineral Resources of the U. S., S. 680 ff., entnommen) an
der Produktion wie folgt beteiligt:

dem Werte nach
Ohio	23,46	%

W. Virginia 20,35 °/0
Pennsylvan. 18,29 °/0
Indiana 12,09 %

74U9 %

der Menge nach

16,13 %

10,80 %
9,65 °/o
9,69 %

46,27 %

Texas	8,06 %

California 8,17 0/0

19,00 %
25,33 %

Die Gesamtrohölproduktion der Vereinigten Staaten seit 1859
betrug nach der oben erwähnten Quelle (S. 685) in den einzelnen
Jahren: (Tabelle siehe nächste Seite).

Demnach ist, wenn man das letzte Jahrzehnt betrachtet, von
1896—1899 ein Rückgang der Produktion zu verzeichnen, wäh-
rend gerade in diesen Jahren Russlands Oelgewinnung ausser-
ordentlich stieg. Man glaubte damals schon, ein in nicht allzu
ferner Zeit eintretendes Versiegen der amerikanischen Quellen
prophezeien zu müssen. Die Befürchtungen erwiesen sich aber
        <pb n="21" />
        ﻿13

als grandios; schon heute hat Amerika die 1896 erreichte Ziffer
(die höchste bis dahin) um das Doppelte überholt und produziert
um die Hälfte mehr Rohöl als Russland (1904 ca. 15 gegen ca. 10
Millionen tons). Die reichen Aufschlüsse (in Wyoming und Loui-
siana z. B.) der letzten Zeit lassen die Annahme als wahrschein-
lich erscheinen, dass manchen Territorien noch eine Oelgewinnung
in bisher ungeahnter Höhe bevorsteht, und dass demnach die
Vereinigten Staaten noch für längere Zeit den ersten Platz unter
den Produktionsländern des wichtigen Beleuchtungsstoffes be-
haupten werden.

Amerikas Rohölproduktion.

1859	2	000	Brls.

1860	500	000	»

1861	2113	609	»

1862	3 056 690	»

1863	2611	309	»

1864	2116	109	»

1865	2	497 700	»

1866	3	597 700	»

1867	3	347 3°°	2

1868	3	646 117	»

1869	4215000	»

1870	5	260 745	»

1871	5	205 234	»

1872	6	293 194	»

1873	9	893 786	*

1874	10926945	»

1875	12 162 514 »

1876	9132669	»

1877	I3 3S0363	2

1878	15396868	»

1879	19	914 146	»

1880	26	286 123	»

1881	27 661 238	»

1882	30510830	Brls.
1883	23 449 633	»
1884	24 218 438	»
1885	21 858 785	»
1886	28 064 84 t	3&gt;
1887	28 283 483	
I8S8	27 612 025	»
1889	35 163 513	»
1890	45 823 572	»
1891	54292 655	»
1892	5° 509657	x&gt;
1893	48 431 066	»
1894	49 344 516	»
i895	52 892 276	
1896	60 960 361	»
1897	60 475 516	»
1898	55 364 233	»
1899	57 070 850	»
1900	63 620 529	»
1901	69 389 194	»
1902	88766916	»
1903	100461 337	»
1904	117 063 421	»

zusammen 1 382 815 006 *)
im Gesamtwerte von $ 1 362 781 879.

1) Einen Begriff von der Menge der von 1859 bis 1904 geförderten Erdöle
kann man sich machen, wenn man sie sich alle in einem kreisförmigen See ver-
einigt denkt. Bei einem Durchmesser von 2 km würde dieser eine Tiefe von ca.
79Ü4 m&gt; bei einem solchen von 10 km eine Tiefe von ca. 31/6 m haben! Und
dabei sind die gewaltigen Mengen Oel noch gar nicht einmal berücksichtigt, die,
besonders in den ersten Jahren in den Sand flössen, weil man die Erträge der
Quellen nicht aufzufangen vermochte!
        <pb n="22" />
        ﻿14

Auf die einzelnen Distrikte entfielen:

		190s  ungefähr		1904				1903	
Kalifornien	35	000 000 Brls.	29	649	434	Brls.	24	382 472	Brls.
Texas	30	OOO 000	»	22	241	413	»	17	955 572	&gt;
Ohio		?	18	876	631	»	20	480 286	&gt;
Westvirginien		?	12	644	686	»	12	899 39s	
New York und Pennsylvanien		?	12	239	026	»	12	Si8 134	»
Indiana		f	II	339	124	»	9	186 411	»
Louisiana	IO	000 000 »	2	941	419			917 77i	»
Kansas, Oklahoma etc.	12	000 000 »	5	617	527		I	071 12t;	
Kentucky und Tennessee		?		998	284	»		554 286	
Kolorado		?		Soi	763			483 925	&gt;
Wyoming etc.		?		14	114	X&gt;		11960	»
			1x7 063 421			Brls.	100 461 337		Brls.

Wie aus dieser Zusammenstellung- ersichtlich, ist Kalifornien
augenblicklich von überragender Bedeutung. Seine Gesamtpro-
duktion betrug 1879 nur 20000 Fass, stieg 1900 auf 4^2 Millionen
Fass und scheint mit seiner jetzigen Produktion von ca. 35000000
Barrels, die, beiläufig gesagt, einen Tagesdurchschnitt von ca.
95 000 Fass ergibt, den Höhepunkt noch nicht erreicht zu haben.

Auch Texas hat eine ähnlich rapide Steigerung der Produk-
tion aufzuweisen. Es wurden an Rohöl gewonnen:

1895	50 Fass		1901	4 393 658 Fass
1896	145°	»	1902	18083658	»
1897	65 975	•	1903	17 955 572	»
1898	546 070	»	1904	22 24I 413	»
1899	669 013	»	1905	ca. 30 000 000	»
1900	836039	»		

In Prozenten ausgedrückt, stellte sich der Anteil der einzelnen
Oelgebiete an der Gesamtförderung wie folgt:

	1898 :	1904:
Appalachische Felder	57.3 °/o \ Q, 0/„  36,7 %/94 /0	26,8 o/o
Lima (Indiana)		21.1 %
Texas	%	19.0 %
California	4.0 %	25.3 %
Rest	!.° %	7.8 %

b)	Russland.

Die Geschichte der Entwicklung der russischen Petroleumin-
dustrie ist rasch erzählt.

Petroleumlager finden sich in verschiedenen Gebieten des
russischen Reiches; von weitaus überragender Bedeutung sind je-
doch die Fundstätten am Südabhang des Kaukasus, die sich bis ins
Kaspische Meer erstrecken. Wiederum die Hauptgewinnungsstätte
dieses lokal doch nur sehr beschränkten Gebietes ist die kleine Halb-
insel Apscheron, die etwas südlich vom Kaukasus ins Kaspische
        <pb n="23" />
        ﻿IS

Meer hineinragtJ). Sie umfasst im ganzen ein Areal von nur
2500 qkm, von welchem bis jetzt aber erst der bei weitem kleinste
Teil — 1900 noch nicht 1000 ha — ausgebeutet wird. Allein
die Oelfelder in Pennsylvanien und von Lima sind 90mal grösser,
denn sie erstrecken sich über 900 qkm. Das Zentrum der ganzen
Industrie ist die »schwarze Stadt« Baku. Von ihr führen Röhren-
leitungen von mehreren hundert Kilometern Länge nach dem
Hafen Batum am Schwarzen Meer, über den ungefähr 80 % des
Leuchtöl-Exports gehen.

In dieser Gegend waren das Petroleum oder wenigstens die
der Erde entsteigenden brennbaren Gase schon im Altertum be-
kannt. Zeichen dafür sind die heiligen Feuer von Surakhani, die,
schon lange vor Christo angezündet, ununterbrochen Jahrtausende
hindurch brannten und erst in den letzten Jahren von der russi-
schen Regierung aus religiösen Gründen gelöscht wurden. Die
eigentliche Oelproduktion begann erst sehr viel später als in
Amerika, da die Oelgewinnung Staatsmonopol war und die öl-
führenden Terrains an einen Unternehmer langfristig verpachtet
waren. Dieses Generalpachtverhältnis legte der jungen aufstre-
benden Industrie schwere Fesseln an und machte es ihr zur Un-
möglichkeit, sich in wünschenswerter Weise zu entwickeln. Erst
nach dem Erlöschen der Konzession und dem freien Verkauf der
Parzellen, 1873, war ein Aufblühen möglich, das wesentlich auch
durch den Uebergang vom Schöpfbrunnen zum Bohrbetrieb unter-
stützt wurde. Wie schnell sich dieser Uebergang vollzog, ist aus
einer von Mertens gegebenen Tabelle ersichtlich1 2).

Darnach waren vorhanden:

1872	2	Bohrlöcher	und	415	Handbrunnen
1873	17	»	»	258	»
1874	50	»	»	185	
1875	66	»	V	170	»
1876	IOI	»	»	62	»
1878	301	»	»	0	»

Als dann auch 1883 die transkaukasische Eisenbahn in Be-
trieb genommen wurde, nahm die Förderung schnell ungeahnte
Dimensionen an. Von 86000 dz. raffinierten Oels im Jahre 1872
stieg sie 1877 auf 773 000 dz. 1888 wurden bereits 30 Millionen

1)	Eine anschauliche durch Kartenskizzen unterstützte Schilderung findet man
bei Carl Schmidt, Ein Besuch in der Petroleumstadt Baku, in der Geogr. Zeitschr. IV.
1898, S. 320—335.

2)	A. f. E. W., 1900, S. 429.
        <pb n="24" />
        ﻿i6

dz. Rohöl gewonnen, 1897 7° Millionen dz., 1900 fast 100 Mil-
lionen dz. (600 Millionen Pud). Für die letzten Jahre ergeben
sich folgende Zahlen (das Pud zu 16,38 kg gerechnet)1):

Es wurden an Rohöl gefördert:	davon entfielen auf

insgesamt	Brunnen	Fontänen

1900: 600,7 Mill. Pud =	98,4 Mill. dz.

1901: 671,2	»	—	110,0	»

1902: 636,5	»	=	104,3	»

1903: S96.5	»	=	97.7	»

1904: 614,6	»	=	100,6	»

1905: 4io,3	»	=	67,2	»

87,3 Mill. dz.

93,9	»

88,8 »

89,0	»

94.7	»

64.8	»

11.1	Mill. dz.

16.1	»

15,5 »

8,7 »

5,9	»

2,4	»

Wenn demnach ein absoluter Rückgang der russischen Roh-
ölproduktion im letzten Jahrfünft (abgesehen von der in äusseren
Umständen begründeten anormalen Produktion des Jahres 1905)

auch nicht zu verzeichnen ist, so haben sich die Ziffern relativ doch

sehr zu gunsten Amerikas verschoben. Während Russland in den
Jahren 1898 bis 1901 bei weitem mehr produzierte als Amerika, ist
es seitdem erheblich gegen dieses zurückgeblieben; 1904 war das Ver-
hältnis : Amerika 15, Russland 10 Millionen tons ; 1905: Amerika über
17, Russland nur 63/4 Millionen tons.

Auffallend sind auch die schnellen und intensiven Verschie-
bungen unter den einzelnen Bezirken. Während z. B. der Distrikt
Balakhany 1897 ungefähr die Hälfte der ganzen Ausbeute lieferte,
und zwar allein aus spouting wells, gab er 1902 durch solche
überhaupt nichts mehr her, und das heraufgepumpte Rohöl stellte
in diesem Jahre 1/6, 1904 noch nicht mehr J/7 der gesamten Roh-
ölausbeute dar. Jetzt liefert Sabuntschy das meiste Oel, nächst-
dem der mächtig aufstrebende neuere Oelbezirk Bibi-Eibat. Also
eine ähnliche Verschiebung wie in Amerika, nur dass das Oel
der verschiedenen Bezirke hier fast gleichwertig ist, während dort
grosse Qualitätsdifferenzen bestehen. — Zahlenmässig stellt sich
diese Bewegung folgendermassen dar2):

	Balachany		Sabuntschy		Romany		Bibi-Eibat	
	Zahl d.	Mill. Pud	Za d.	Mill. Pud	Zahl d.	Mill. Pud	Zahl d.	Mill. Pud
	Bohr.	Rohöl	Bohr.	Rohöl	Bohr.	Rohöl	Bohr.	Rohöl
1900	736	124,68	665	251,63	185	114,83	112	109,20
1901	775	117,78	780	295,25	213	124,15	143	133,61
1902	720	101,50	751	267,15	219	139,94	135	127,43
1903	693	88,65	747	230,45	221	”9,95	174	157,28
1904	732	82,01	792	218,12	253	133,44	222	181,09

Alte Distrikte.

1)	Zusammengestellt aus den »Nachrichten für Handel und Industrie« und den
Baku Oil Fields Statistics.

2)	Aus Nachrichten für Handel und Industrie.
        <pb n="25" />
        ﻿Insgesamt stellt sich also die Rohölausbeute für

die alten Distrikte

1900	auf	491	Mill.	Pud

1901	»	537	»

1902	»	5®9	*	»

1903	»	439	&gt;	»

1904	»	434	,	»

Bibi-Eibat allein

109	Mill. Pud (=	22&gt;/4 %)
134	» » (==	2 5 %)
127	» » (=	25 %)
157	» » (=	35 7* %)
181	» » (=	4i74 o/0)

Differieren Russland und Amerika schon in der Ausdehnung
des als ölführend erkannten und bis jetzt ausgebeuteten Terrains
in erheblichem Masse 1), so wird die Verschiedenheit noch augen-
fälliger, wenn man die Zahl der Bohrlöcher und ihre Ergiebigkeit
gegeneinander hält.

Zunächst ist hervorzuheben, dass das kaukasische Erdöl unter
viel stärkerem Druck steht und sehr oft in Fontänen mit unge-
heurer Gewalt emporstrudelt, während selbstfliessende Quellen in
Amerika äusserst selten geworden sind. Im Jahre 1902 entstammte
der siebente Teil der Bakuer Produktion spouting wells. Ein
einziger solcher well ergab pro Tag oft mehr als sämtliche Bohr-
löcher Amerikas zusammengenommen. Sodann ist die Zahl der
Bohrlöcher sehr viel geringer, ihre Durchschnittsergiebigkeit sehr
viel grösser als in Amerika, Dort gab es allein im appalachischen
Gebiet 1897 bereits ca. 6000, im Lima-Indiana-Gebiet ca. 5000,
insgesamt ca. 35 000; für 1903 wurde die Zahl (Mineral Resources,
1903; S. 648) auf 133500 geschätzt. In Russland waren dagegen
nach der offiziellen Statistik 1901: 1710, 1902: 2039 (davon 43
spouting wells), 1903: 1877 (davon 33 spouting wells), 1904:

1 555 Betriebe. Dazu kommt, dass die Bohrlöcher im Kau-
kasus im Durchschnitt nur ca. 400 m tief sind, während man in
Pennsylvanien etc. schon auf mehr als das Doppelte hinabgehen
muss.

Schon diese kurzen Darlegungen lassen erkennen, dass die
Gestehungskosten des kaukasischen Rohöls viel geringere sind als
die des amerikanischen. Die Zeitschrift »Plutus«2) berechnet 5
Kop. per Pud für Russland gegen 20 Kop. in den Vereinigten

1)	Allerdings scheint die ganze Umgebung des Kaspischen Meeres ölhaltig zu
sein. Bis jetzt findet aber — ausser in der Nähe von Baku — eine nur sehr un-
erhebliche Oelgewinnung auf einigen Feldern des Kaukasus statt. Dass die Zu-
kunft reichere Aufschlüsse bringt, ist sehr wohl möglich. Für die Gegenwart
kommt fast nur die Produktion auf der Halbinsel Apscheron in Betracht.

2)	Jahrgang 1905 Nr. 40, S. 775.

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 20.

2
        <pb n="26" />
        ﻿—	18 —

Staaten. Eine solche Durchschnittsziffer hat zwar nur einen sehr
problematischen Wert, und es lässt sich überhaupt bezweifeln,
dass die Zahlen richtig sind. Immerhin ist ein grosser Unter-
schied in den Förderkosten zweifelsohne vorhanden. Dieser wird
aber so ziemlich aufgehoben durch die schlechtere Qualität des
russischen Erdöls und durch die jämmerlichen Aufspeicherungs-
mittel und Fabrikations-, teilweise auch Absatzverhältnisse. In
Amerika sahen wir eine hochentwickelte, leistungsfähige Raffinier-
industrie, ein ausgedehntes, planvoll angelegtes Netz von Röhren-
leitungen, die das Rohprodukt möglichst rasch den Fabriken zur
Veredelung zuführen und einen relativ sehr schnellen Kapitalum-
schlag bewirken. In Baku wird die Hälfte der ganzen Produktion
monatelang in offenen Erdtanks aufgespeichert, während ein Um-
schlag der Rohstoffzufuhr in 2—3 Wochen normal wäre! Schuld
daran sind wohl zumeist die schlechten Absatzeinrichtungen und
die beschränkte Durchlassfähigkeit der transkaukasischen Bahn.
Ueber die Zahl und die Aufnahmefähigkeit der Reservoire gibt
Wolff (S. 22) nach russischen Quellen folgende Tabelle:

Eisentanks :	1758 Stück	6372 Mill. Pud Kapazität

Steintanks:	76 offene,	48	gedeckte,	351 * */4	»	»	»

Erdreservoire 70	»	25	»	133*74	»	»	»

Raffiniertes Oel wird nur in Eisentanks aufbewahrt, Rohöl
in meist offenen Erdreservoiren, wo es unter dem Einfluss der
Witterung erheblich einbüsst1).

Eine Eigentümlichkeit der russischen Petroleumindustrie ist*
dass sie im Gegensatz zu der der anderen Länder (ausgenommen
Deutschland) sich nicht so sehr auf die Erzeugung von Leucht-
ölen als auf die Fabrikation und Verwertung von Rückständen
— »Masut« — legt. Im Jahre 1904 wurden 302,5 Millionen Pud
Masut, aber nur 153,5 Millionen Pud Leuchtöl hergestellt.

Am 1. Januar 1904 betrugen die Vorräte in Baku an

Rohöl	39 144609 Pud = 6411 887 dz.

Leuchtöl	23135286 » — 3789560 »

Schmieröl 346 995 » —	56 691 »

Rückstände 57186336	»	= 9367123 »

Der Vorrat an Residuen machte also das ca. z'^fache des-
jenigen an Leuchtöl aus.

1) Zu bemerken ist hier, dass ‘/s der Reservoire in den Händen der sechs

grössten Firmen ist, die sich dadurch also eine Art Monopol — ein allerdings be-

schränktes Fabrikationsmonopol — geschaffen haben. Ich komme hierauf noch zurück.
        <pb n="27" />
        ﻿19

Diese Richtung der Produktion beruht auf verschiedenen Ur-
sachen.

Erstens und besonders darauf, dass das russische Erdöl einen
relativ recht geringen Prozentsatz Leuchtöl enthält. Während
das pennsylvanische 70—75, Ohio-Oel 60—65, das galizische
50—65, das rumänische 40—6o, das elsässische Rohöl ca. 35 bis
40 % Leuchtöl ergibt, beträgt der Leuchtölprozentsatz des russi-
schen Rohöls nur zwischen 30 und 35. In Wirklichkeit wird
aber ein noch erheblich geringerer Teil Leuchtöl herausdestilliert,
nämlich (nach Wolff, S. 26) in den Jahren

1891	nur	27,1	0/0	1896	nur	22,8 °/0

1892	»	27,4	%	1897	»	21,3 %

1893	&gt;	26,3	%	i898	*	i8’9 %*)

1894	»	22,2	0/0	1899	»	21,0 %’)

1895	»	23,3	o/o	1900	&gt;	21,350/0

Hiernach wurden zur Herstellung von 1 kg Leuchtöl

1889: 2,99	i899 : 3)26

1894: 4,14	1900: 3,22

1898: 4,32

kg Rohöl verwandt.

Zu diesem in der Natur des Produkts selbst liegenden Grunde
gesellte sich von aussen ein zweiter: Baku liegt in einer auf hun-
derte von Kilometern im Umkreis durchaus Steinkohlen- und so-
gar holzarmen Gegend. Am nächsten liegen wohl die Kohlen-
flöze des Ural; doch diese harren noch der Ausbeutung, auch
ist noch keine Transportmöglichkeit vorhanden. Man war also
auf das flüssige Heizmaterial angewiesen, das in schier unermess-
licher Fülle zu Gebote stand. Als das Masut hielt, was man sich
von ihm versprach, bemächtigte sich seit Anfang der 90er Jahre
die auf blühende Industrie seiner immer mehr. Ohne Masut könnten
jetzt die transkaukasischen Eisenbahnen (schon 1897 wurden 36 %
aller Lokomotiven mit Rückständen geheizt) ihren Betrieb nicht
aufrecht erhalten, müssten die Dampfer der Wolga, des kaspischen
und des schwarzen Meeres stillliegen, müssten die grossen Eisen-
werke des Ural feiern. Dass sich bei der steigenden Nachfrage
und den fast noch stärker steigenden Preisen das Hauptinteresse
der russischen Petroleumindustrie jetzt und wohl für immer auf
die Erzeugung von Masut konzentriert, ist naturgemäss. Ist die-
sem doch stets ein ausgedehntes und finanziell zufriedenstellendes
Absatzfeld, auch über das kaspische Meer hinüber und die Wolga
hinauf eine gute Transportmöglichkeit gewiss. Jetzt führt man

*) Infolge Steigerung der Weltmarktpreise für Petroleum.

2*
        <pb n="28" />
        ﻿20

die Verschlechterung der Leuchtölquote künstlich herbei, indem
man einfach weniger sorgfältig raffiniert (vgl. die obenstehende
Tabelle). Diese Tatsachen sind wichtig für die Beantwortung der
später zur Besprechung kommenden Frage, ob und inwieweit das
russische Leuchtpetroleum dem amerikanischen im gegebenen
Augenblicke ernsthafte Konkurrenz machen könnte und würde.

Wie die Erdölindustrie der Vereinigten Staaten, so wurde
auch diejenige Russlands durch das Genie eines Mannes in die
Höhe gebracht. Aber während Rockefeller Kaufmann war,
verdankten die Bodenschätze des Kaukasus ihre Erschliessung und
Verwertung dem schöpferischen Geiste eines Ingenieurs:
Ludwig Nobel und den von ihm ausgehenden technischen Ver-
besserungen. Nobel war der erste, der, veranlasst durch die
Holzarmut des Landes, zur Verwendung eiserner Emballagen, er
war es, der schon Mitte der 70er Jahre zum Bau eiserner Zister-
nenwagen, wenig später, 1879, zudem eiserner Tankschiffe über-
ging; er war es, der nach dem Vorbilde Amerikas (van Syckle)
auf eigene Kosten und eigenes Risiko die erste Röhrenleitung von
Baku nach Batum bauen Hess. Jetzt bewältigen die pipe lines
fast ausschliesslich den Leuchtöltransport, während die Bahn bei-
nahe nur noch für die Beförderung von Schmieröl benutzt wird
und trotzdem wegen ihrer häufigen Verkehrsstockungen und ihrer
ganz ungenügenden Durchlassfähigkeit ein arges Verkehrshindernis
für diesen wichtigen Exportartikel bildet.

In Baku wiederholt sich zwar die ursprüngliche grosse Zer-
splitterung der Produktion aus örtlichen Gründen nicht ganz in
dem Masse wie in Amerika, aber auch hier drängte die ganze
Entwicklung naturnotwendig auf Zentralisation hin. Hier wie
dort mussten die vielen kleineren Betriebe wenigen grossen wei-
chen. Hier wie dort vollzog sich derselbe schmerzhafte Elimi-
nierungsprozess, nur mit dem Unterschiede, dass er hier nicht
ganz so unerfreuliche Formen annahm und — weniger in der
Presse breitgetreten wurde. Dass Nobel dasselbe tat wie Rocke-
feller, fremde Reservoire zu teuren Preisen pachtete, sie füllte,
obgleich seine eigenen leer standen, und seine Konkurrenten da-
durch zwang, ihm ihre Ware zu verkaufen, weil sie sie sonst über-
haupt nicht unterbringen konnten; dass Rothschild ebenso wie
die Standardleute den Transport an sich riss, monatelang Hun-
derte von Zisternenwagen unter Bezahlung horrender Standgelder
auf den Geleisen stehen Hess, nur um anderen Firmen Verladungen
        <pb n="29" />
        ﻿21

unmöglich zu machen, kam wenig über einen engen Kreis hinaus.
Als Pendant zum Trust sei aber darauf hingewiesen.

Aber während sich aus dem Chaos der amerikanischen Erd-
ölindustrie das wunderbar feste Gebilde einer überragenden
Unternehmung zusammenballte, entstanden im Bakuer Oelbezirk
mehrere Grossfirmen, von denen jedoch wiederum zwei die
weitaus bedeutendsten sind: die Naphthaproduktionsgesellschaft
Gebr. Nobel in St. Petersburg und die Kaspi-Schwarzmeergesell-
schaft, hinter der die Pariser Rothschilds stehen. Als drittgrösste
unter den ca. 170 bestehenden Firmen wären Mantaschew &amp; Co.
zu nennen. Ueber das ungefähre Grössenverhältnis der namhaf-
teren Firmen zu einander gibt die folgende dem (russischen) Be-
richte der Bakuindustriellen (S. 462 f.) entnommene Tabelle (siehe
S. 22) Auskunft, die die Ausfuhr aus Batum im Jahrei903 spezifiziert.
Die Tabelle gewährt insofern kein richtiges Bild, als der Export
über Novorossisk und über das Kaspische Meer garnicht berück-
sichtigt ist; und als deshalb z. B. eine so bedeutende Firma wie
Tagieff fehlt. Sie ist aber übersichtlich und lässt, worauf es hier
besonders ankommt, das Uebergewicht der drei grossen auch
sonst meist Hand in Hand gehenden Firmen deutlich erkennen,
die zusammen ziemlich genau 2/3 der Ausfuhr in Händen haben.
Für die Leuchtölausfuhr nach Russland selbst kommt in erster
Linie die Nobelsche Gesellschaft in Frage, die lange Zeit in
Russland das unbestrittene Monopol hatte.

Ueber die Anlage fremden Kapitals in russischen Petroleum-
unternehmungen ist Sicheres nicht zu erfahren. Die Tabelle, die
Mertens (S. 427) gibt, ist. sicher ganz falsch, zum mindesten aber
sehr unvollständig. Die enorme Summe von 155 Millionen Rubel,
mit der englisches Kapital beteiligt sein soll, ist bestimmt nicht
richtig. Dass das Ausland an der Spitze steht, ist sicher, doch
ist der Schwerpunkt durch Rothschilds Gründungen (die Vertriebs-
gesellschaften »Kaspi-Schwarzmeergesellschaft« und »Masut«) so-
wie duich seinen enormen Besitz an ölführenden lerrains nach
Frankreich gerückt worden. Auch sind andere französische so-
wie belgische Kapitalisten an kaukasischen Erdölunternehmungen
mit grossen Summen beteiligt. Der Standard Oil Trust, der in
den letzten Jahren in Baku festen Fuss fasste, soll gleichfalls
wesentliche Fortschritte gemacht haben.

Die Uebersicht wird besonders durch den Umstand erschwert,
dass die Firmen so oft ihren Namen ändern. Noch häufig ent-
        <pb n="30" />
        ﻿Ausfuhr aus Batum 1903, nach den Firmen geordnet, in Pud.

	Firma	Kerosin	Destillate	Solaröl	Gasolin	Total lam-	Schmieröl	Uebrige Produkte		Total	Pro-  zent-  satz
					etc.	panes Oel		Residuen j	Rohöl		
J	Kaspi-Schwarzmeer-Gesellschaft	13 274 468	1 789532	192955	76518	17 070 077	1 658550	459 516	—	19 188 143	27,842
2	Gebr. Nobel	9549080	1 880 612	115438	—	12 584 075	3 801 427	94 53i	—	16 480 033	23,913
3	A. Mantaschew &amp; Co.	8 682 481	747 720	incl.Gasöl	z	9 430 201	978727	_	_	10 408 928	15,104
4	Kaspische Gesellschaft	3 336 49‘	776 175	—	—	4 112 666	—	—	—	4112 666	5,968
5	Siderides	3 381 829	—	—		3 381 829		—	—	3 381 829	4,907
6	Gesellschaft zur Erwerbung von russischem Petroleum u. Masut	2 544283		691517	_	3 235 800	570582			_	3 806 382	5,523
7	J. Tumajew &amp; Co.	794 327	328 946	1 374 091	—	2 497 364	—	—	—	2 497 364	3,624
8	Schibajew &amp; Co.	922 686	—	—	—	922 686	1 054 397	—	625	1 977 70S	2,870
9	Lianosow &amp; Co.	—	—	1 201 834	—	1 201 834	463 648	—	—	1 665 482	2,416
10	Gehlig, .Wachenheim &amp; Co.	814140	—		—	814 140	193 410	—	—	1 007 550	1,462
11	Wagstaf &amp; Blei	540751	—		—	540 751	446 711	6 464	—	993 926	1,442
12	Chaschatarujanz	785921	—	—	—	785 921	9 630	—	—	795 551	1,154
13	Russisch-Kaukasische P.-G.	137	—	—	—	137	650 738	—	—	650 875	0,944
	J. Risky Erben	631304	—	—	—	631 304	—	—	—	631 304	0,917
15	Burkhardt	584 736	—	—	—	584 736	27 108	—	—	611 844	0,887
16	Mallar	38	—	100	—	138	226 849	27 416	—	254 403	0,369
17	Aramian	398	250	250	—	898	138 311	2 687	—	141 896	0,206
18	Schutz &amp; Zimmermann	135	—	1875	—	2 010	113 501	i5 74i	2 312	133 564	0,194
19	Schchianz	63	—	—	—	63	112 388	438	—	112 889	0,164
20	Schabanian	—	—	—	—	—	59 326	4 812	—	64 138	0,093
21	Nanonian	—	—	1 —	—	—	I 000	—	—	I 000	0,001
		45 843 268	5 523 235	6 353609	76518	57 79663°	10 506 303 | 611 605		2 937	68917475	| 100
        <pb n="31" />
        ﻿23

stehen neue Unternehmungen, alte gehen ein oder werden ver-
schmolzen. Die russische Statistik versagt in diesem Punkte völlig,
und so ist das Resultat, dass über die Verteilung der hier inve-
stierten Milliardenwerte nur wenige unmittelbar Beteiligte genauere
Kenntnis haben. Man ist hier lediglich auf Zeitungsnotizen an-
gewiesen.

An Kartellierungsversuchen hat es in der russischen Petroleum-
industrie nicht gefehlt. Schon 1886 kam unter Führung Nobels
das erste Syndikat zu stände. Es zerfiel einige Jahre später mit
dem Tode Ludwig Nobels. 1893 gelang es dann dem schnell
mächtig gewordenen und durch keinen ebenbürtigen Gegner mehr
gehinderten Rothschild, ein zweites Syndikat zu gründen, in dem
er — wenigstens für den Export — ausschlaggebend war. Auch
dieses Syndikat bestand nur einige Jahre. 1895 wurde ein Fabrik-
kartell ins Leben gerufen, das aber 1899 wegen Anziehens der
Weltmarktpreise von den sich benachteiligt glaubenden kleineren
Fabriken wieder aufgelöst wurde.

1904 kam nach langen Bemühungen ein neues Exportsyndi-
kat unter der Führung von Mantaschew zu stände. Es ist aber
weniger von Bedeutung, weil Nobel und Rothschild ausserhalb
desselben blieben — letzterer, weil er seine Sonderinteressen nicht
aufgeben wollte, ersterer, weil er schon 1899 in ein festes Ver-
tragsverhältnis zum Standard Oil Trust getreten war (zu dem
höchst wahrscheinlich auch Rotschild schon in engeren Bezie-
hungen stand). Dieses Verhältnis wurde allerdings Mitte 1905
wieder gelöst.

Die Voraussage, die man der russischen Erdölindustrie stellen
kann, ist keine allzu gute. Wegen der übermächtigen Konkurrenz
der Amerikaner wäre eine das ganze kaukasische Oelgebiet um-
fassende Fabrikations- und Absatzorganisation ohne Zweifel die
beste Lösung der heiklen Frage. Ein solches Monopol ist aber
kaum mehr möglich. Mangel an Unternehmungsgeist, Energie
und Kapital haben den Russen nicht wieder zu heilende Wunden
geschlagen.

1.	Ein Produktionsmonopol ist nicht möglich, weil die guten
bekannten Oelterrains alle in festen Fländen sind und z. T. Firmen
gehören, deren widerstreitende Interessen (Uebermacht Rothschilds)
sich nicht unter einen Hut bringen lassen.

2.	Ein Transportmonopol im Oelgebiet selbst und infolge-
dessen ein Absatzmonopol ist nicht möglich, da die Bahnen im
        <pb n="32" />
        ﻿24

Besitz der Regierung sind und auch ein grosser Teil wichtiger
Röhrenleitungen in Staatsverwaltung steht. Rothschilds früheres
Transportmonopol ist durch die Regierung gebrochen. Dagegen
ist die Verfrachtung der Naphthaprodukte die Wolga hinauf (Haupt-
umschlagshafen Zaritzyn) allerdings monopolisiert und zwar durch
Nobel.

3.	Da kein Absatzmonopol errichtet werden kann, entfallen
die Gründe zur Schaffung eines Fabrikationsmonopols, das übrigens
wegen der grossen Zahl selbständiger Fabriken (allein 52 Gross-
betriebe, die 87 % des Rohöls raffinieren) auch nur unter den
grössten Schwierigkeiten zustande gebracht und aufrecht erhalten
werden könnte.

Zu allen diesen Gründen kommt noch der hinzu, dass die
Amerikaner durch Geheimverträge, durch Paktieren und Liebäugeln
mit einzelnen Gesellschaften, auch durch eigenes Kapital (Ameri-
can Baku Consolidated Co.) es verstanden haben, einen festen
Keil in den Konzentrationsprozess hineinzutreiben.

Die jetzige Gestaltung der Dinge kann man allerdings noch
keinesfalls als endgültig ansehen, und grössere Zusammenschlüsse
der Beteiligten werden, wenn auch unter harten Kämpfen und
grossen Opfern, eintreten müssen. Den Weg, den diese Ent-
wicklung nehmen wird, wird man aber jetzt noch kaum vorzeichnen
können. Die jetzigen Verhältnisse sind jedenfalls auf die Dauer
unhaltbar, das zeigen deutlich die trotz der im allgemeinen nicht
gesunkenen, sondern eher gestiegenen Rohölproduktion und trotz
des sich immer mehr erweiternden Absatzfeldes für die früher
fast garnicht verwertbaren Rückstände nicht günstig, oft direkt
schlecht ausgefallenen Abschlüsse der verschiedenen Gesellschaften.

So verteilte die grösste russische Petroleumfirma, die in Roth-
schilds Besitz befindliche Kaspi-Schwarzmeer-Gesellschaft, 1901
und 1902 gar keine, 1903 nur 5 % Dividende.

Die Naphthaproduktionsgesellschaft Gebr. Nobel, die hier,
weil auch für den deutschen Markt in Betracht kommend, etwas
ausführlicher besprochen wird, schüttete an Dividenden in den
Jahren 1899—1905: 18, 20, 15, 10, 12, 10, 12% aus. Ge-
gründet wurde sie 1879 mit 3 Millionen Rubel Kapital, das 1880
um i, 1881 um 2, 1882 um 4 und 1883 um 5 Millionen Rubel
auf nunmehr 15 Millionen Rubel erhöht wurde. Mit der zur Ver-
grösserung des Betriebes im Jahre 1905 aufgenommenen Hypothek
von Mk. 32400000 hat sie rund 52 Millionen Mark Obligationen-
        <pb n="33" />
        ﻿25

schulden! Von der Gesamtrohölproduktion entfällt auf sie nur
ca. 1/io) an der Gesamtleuchtölproduktion dürfte ihr Anteil gut
*/4 ausmachen. Von ihrer Leuchtölproduktion exportierte sie im
Jahre 1904: 16 Millionen Pud, verkaufte im Inlande 24 Millionen
Pud und an Masut 97 Millionen Pud. 1884 gründete sie zur Or-
ganisation ihres Exports nach Deutschland die Deutsch-Russische
Naphtha-Import-Gesellschaft, von der 1905 Mk. 2333000 Aktien
in ihrem Besitz waren.

Der bei weitem grösste Teil der Naphthawaren, im Durch-
schnitt zwischen 75 und 80 %, verlässt Baku auf dem Wasserwege
und wird durch Tankdampfer über das Kaspische Meer befördert.
Auch Tankbarken verkehren dort, nahmen aber 1900 nur 5,24%
mit, während auf die Tankdampfer (1./1. 1901 : 126 an Zahl) 94,76 %
entfielen. Im ganzen wurden 1895 — 1900 (nach Wolff, S. 42)
aus Baku ausgeführt:

	über den Kaspi-See	mit der Bahn
	Mill. Pud	Mill. Pud
1895	216,1 = 76,00 o/0	68,2 = 24,00 °/0
1896	244,8 = 79,77 %	62,0 — 20,20 °/0
1897	266,6 = 77,03 %	79,3 = 22,90 o/0
1898	309,3 = 78,70 o/o	83,5 — 21,25 %
1899	301,7 = 78,26 o/0	83,6 = 21,69 %
1900	352,9 = 79,64 %	88,8 = 20,04 o/0

Der unerhebliche Rest verliess Baku per Achse. Diese Zahlen
stellen die Gesamtausfuhr von Naphthawaren dar. Speziell von
der Leuchtölausfuhr ist zu bemerken, dass fast 3/5 über Batum
ins Ausland gehen, während nur etwa 2/B in Russland selbst ver-
braucht werden. Bei der gewaltigen Grösse des russischen Reiches
ist dies auffallend, erklärt sich aber daraus, dass Petroleum in
Russland mit einer ausserordentlich hohen Verbrauchssteuer1) be-
legt ist. Dadurch wird es für viele, besonders bäuerliche Haus-
haltungen zu teuer. Im Durchschnitt werden pro Kopf der Be-
völkerung nur etwas über 5 kg pro Jahr verbraucht, gegenüber
dem ungefähr 31)2 fachen in Deutschland. M. a. W.: steigt der
Eigenverbrauch des russischen Volkes, was sehr leicht möglich
und über kurz oder lang zu erwarten ist, um das Doppelte, so
kann Russland, wenn nicht noch neue ergiebige Oelfelder er-
schlossen werden, was allerdings wohl anzunehmen ist, überhaupt
kein Petroleum mehr exportieren!

Die Absatzverhältnisse des russischen Leuchtöles haben sich

1) Im Gegensatz dazu ist Masut steuerfrei.
        <pb n="34" />
        ﻿26

im Laufe der Jahre in bemerkenswerter Weise verschoben. Der
grosse Einfluss, den der Ausbau der Transport- und Absatzein-
richtungen für den asiatischen Markt hatte, ist deutlich zu er-
kennen. (Nach Mertens, (S. 453) betrug die Leuchtölausfuhr (in
1000 Pud)

1889 nach Europa 24 202 = 73,2 °/0	nach Asien nur 8 839 = 26,8 °/0

1893 *	»	26854 = 55,80/0	» » » 21 283 = 44,2 o/0	dagegen

1897»	&gt;	23624 = 48,30/0	» »	25220=51,70/0

In den folgenden Jahren ging die Ausfuhr nach aussereuropäischen
Ländern infolge der Konkurrenz des Standard Oil Trust und
der asiatischen Petroleumfelder (Hinterindien, Japan etc.) wieder
entschieden zurück. Die vom Verein der russischen Naphthain-
dustriellen herausgegebene Statistik gibt folgende Zahlen für die
Leuchtölausfuhr aus Batum und Novorossisk:

Gesamtausfuhr aller Pe-

nach Europa	nach Asien und Afrika troleumprodukte;

Wert in 1000 Rubel

1900	33 876 798 Pud (=53,500/0)	29 443	691.	(=46,50 0/0)	45	9°4

190136910803	»	(=49,640/0)	37 447	563	(=S0.36 %)	52	289

190244684710	»	(=62,410/0)	26 919	018	(= 37,59 0/0)	42077

1903	56 193 757	»	(= 69,69 0/0)	24 443	223	(= 30,31 O/o)

Nach Ländern geordnet, verteilt sich die Ausfuhr des Bakuer

Distrikts nach einigen europäischen Ländern wie folgtx):
Es gingen nach

1902	1904	1905

England 21 413 000 Pud
Frankreich 8 231 000	»

Deutschland 5 762 000	»

20 504 000 Pud
11 763 000	»

2 704 000	»

13 022 000 Pud
4 532 000	»

2815 000	»

Ein grosser Nachteil, unter dem die russische Erdölindustrie zu
leiden hat, ist die Unzuverlässigkeit des Menschenmaterials, auf
das sie angewiesen ist, und die Unsicherheit der Zustände, unter
denen sie arbeitet. Streiks sind an der Tagesordnung und ver-
ursachen oft enormen Schaden. So berechnet man die durch

Arbeitseinstellungen allein im Dezember 1904 verursachte Minder-
ausbeute auf 23 Millionen Pud. Die Streiks setzten sich in der
ganzen ersten Hälfte 1905 fort, sodass die Förderung bis Juni um
weitere 35 Millionen Pud hinter dem unter normalen Verhältnissen
zu erwartenden Ertrag zurückgeblieben war.

In den Herbst eben dieses Jahres fallen dann die tartarisch-
armenischen Unruhen, die einen grossen Teil der Bohranlagen
und der Reservoire vernichteten. Diese Schäden waren so gross,
dass im Auslande abgeschlossene Kontrakte zu einem grossen

1) Zusammengestellt aus den Nachrichten für Handel und Industrie.
        <pb n="35" />
        ﻿2 7

Teile nicht erfüllt werden konnten. Ja sogar die Versorgung der
Bahnen und der inländischen Industrie mit Masut begegnete den
grössten Schwierigkeiten. Man musste sogar auf die Einfuhr
fremden, galizischen Rohöles bedacht sein. Aus diesem Grunde
wurde im Dezember 1905 vom Ministerrate die zeitweise Auf-
hebung des Rohölzolles beschlossen x).

Zur Unterstützung der schwergetroffenen Industrie bewilligte
die Regierung im November 1905 den geschädigten Firmen einen
mit 5 % zu verzinsenden Vorschuss von 20 Millionen Rubeln auf
10 Jahre, der nach der Höhe der erlittenen Schäden unter sie
verteilt werden sollte. Diese Massnahme ist durchaus anzuer-
kennen und trug auch sehr zur Kräftigung der Verhältnisse bei,
doch werden die Folgen der Revolten sich noch jahrelang in der
Handelsbilanz Russlands unliebsam fühlbar machen.

c)	Galizien.

Das galizische Oelgebiet ist eins der grössten der Erde, denn
es umfasst nach vorsichtigen Schätzungen nicht weniger als 15 bis
20 000 qkm. Allerdings ist erst der kleinste Teil aufgeschlossen,
so besonders die Bezirke Drohobycz, Boryslaw, Schodnica und
Jaslo, daneben die Bukowina. Die in anderen Gegenden erbohrten
Quellen scheinen nicht ergiebig genug zu sein.

Dem Alter nach geht die galizische Erdöl-Gewinnung und
-Verwertung ihren Konkurrenten weit voran. Schon 1836 machte
man den Versuch, die Strassen von Prag mit destilliertem Petro-
leum zu beleuchten. Allein die Raffination war noch ungenügend,
sodass das PIxperiment bald als zu gefährlich verboten und wieder
aufgegeben werden musste.

1) Nach »Petroleum«, 1906, Nr. 20, S. 717 stellt sich die Totalausfuhr aus
Baku in den beiden letzten Jahren wie folgt:

1904

Raff. Petroleum (in Dampfern lose) 32 617 167 Pud

*	* *	(in	Barrels)	4 665	»

»	_	*	(in	Kisten)	12370629	»

Schmieröl (in Dampfern lose)	9023540 »

Residuen (»	»	» )	1 099 324 »

Destillate u. Rohöl (in Dampfern lose) 7 356 892	»

Nach Nr. 95 der N. f. H. u. J., Jahrgang 1906, wurden aus
führt an Petroleumprodukten:

&gt;9°5

22 764 734 Pud
3 522	»

3 193 026	»

7 195 347	»

309 627	»

2230693	»

Russland ausge-

I9°4 :	492,1 Mill. Pud

1905: nur 375,2	«	»

Die Ausfuhr von Leucht öl aus Baku ging nach derselben Quelle

von 61,5 Mill. Pud im Jahre 1904

auf 27,6 »	,	»	»	1905 zurück!
        <pb n="36" />
        ﻿28

Mehr als zwei Jahrzehnte hindurch verharrte dann die Pro-
duktion in völliger Stagnation und erhielt einen neuen Anstoss
erst wieder durch die amerikanischen Oelfunde von 1859 ab.
Als es dann auch gelang, die Raffinationsmethoden etwas zu
verbessern, hob sie sich zwar stetig, aber infolge ungünstiger
zollgesetzlicher, Transport- und Absatzverhältnisse überaus lang-
sam : von

219000 dz. i. J. 1873 auf
510 000 »	» » 1883 und

1 600 000 »	» » 1893.

Dann langsam weiter steigend, betrug sie

1895	— 2 148 000 dz.

1896	— 3 397 650 »

1897	— 3 096 263 »

1898	— 3 231 420 »

1899	— 3216810 »

1900	— 3 253 340 »

1901	— 4522000 dz.1)

1902	— 5760000 »

1903	— 7 133 300	»

1904	— 8 271 167 »

1905	— 8 017 964 »

Von der Gesamtproduktion entfielen 1904 auf Boryslaw al-
lein 66%, 1905 über 68 %, während die Produktion von Schod-
nica von 1 079 700 dz. im Jahre 1903 auf 726273 dz. (= 83/4 %
der Gesamtproduktion) im Jahre 1904 und 602018 (= 71/2% der
Gesamtproduktion) im Jahre 1905 zurückging.

Von Anfang an stand die junge Industrie unter einem un-
günstigen Stern. Vor allem waren schon die Gestehungskosten
an sich hoch. Die Bohrlöcher hatten eine Tiefe von 900—1100 m
und vergalten das aufgewendete Kapital nicht durch eine ent-
sprechende Ergiebigkeit: in die Produktion teilen sich 342 Unter-
nehmungen, die über 400 Bohrlöcher im Betriebe unterhielten2).
Sodann wirkten eine falsche Zollpolitik der Regierung, die den
Absatz nach dem Auslande erschwerte, ohne das Inlandsgeschäft
zu kräftigen, die übergrosse Anzahl neu entstandener Fabriken
und die weichende Tendenz der Preise (Rohöl kostete 1873
fl. 11.— per 100 kg. loco Grube, 1893 nur noch fl. 3,12; in den
letzten Jahren ist infolge der Kartellierung die Notierung um
mehrere fl. höher) ungünstig ein. Schon 1888 hatte sich die Lage
so bedenklich gestaltet, dass viele Raffinerien sich in diesem und
dem folgenden Jahre zur Einstellung des Betriebes gezwungen
sahen. Der Rest musste einen modus vivendi suchen und
fand ihn, wenigstens vorläufig, nach grossen Schwierigkeiten den
1. Mai 1893 durch Gründung des »Verbandes der österreichisch-

1)	Nach »Nachrichten für Handel und Industrie«, 1905 Nr. 34 vom 27. März.

2)	Zeitschrift »Petroleum«, 1906, Bd, 19, S. 698.
        <pb n="37" />
        ﻿29

ungarischen Raffinerien«, dem fast sämtliche Unternehmer bei-
traten. Zunächst auf zwei Jahre geschlossen, wurde er auf mehrere
Jahre verlängert.

Da er jedoch auf die Dauer den Erwartungen nicht entsprach
und immer mehr Outsiders auftraten, wurde er 1897 aufgehoben.
Jahrelang herrschte dann völlige Anarchie mit ihren ruinösen
Folgen, bis sich aus dem Wirrwarr im Juli 1902 das »Export-
verkaufsbureau österreichischer Petroleum-Raffinerien« heraushob,
dem folgende fünf grösseren Firmen angehörten:

Galizische Karpathen-Petroleum-A.-G., Maryampole (16 Mil-
lionen Kronen).

Schodnica, A.-G. für Petroleumindustrie, Dzieditz (10 Mil-
lionen Kronen).

Mineralölraffinerie David Fanto &amp; Co., Pardubitz.

Ostrauer Mineralölraffinerie Max Böhm &amp; Co., Mähr.-Ostrau.

Gartenberg &amp; Schreier, Jaslo.

Einen grossen Fortschritt zeitigte dieser Zusammenschluss
insofern, als die grössten Qualitätsdifferenzen jetzt endlich be-
seitigt wurden und an ihre Stelle die »Garantie absolut gleich-
mässiger Qualität« trat, die in Wirklichkeit allerdings noch immer
nicht erreicht ist. An Kurzlebigkeit war die neue Organisation
jedoch eine würdige Nachfolgerin der ersten Konzentrationsbe-
strebungen. Schon nach zweijährigem Bestehen wurde auch sie
aufgelöst, bez. umgewandelt in die »A.-G. für österreichische
und ungarische Mineralölprodukte«. Sie hat sich zur Aufgabe
gestellt, die von den sog. Exportraffinerien (d. h. Raffinerien, die
zwecks besserer Ausnutzung ihrer grossen Anlagen ausser für
den Inlandsbedarf auch für Export arbeiten) produzierte Raffinade
im Auslande abzusetzen. In Deutschland besitzt sie ungefähr ein
Dutzend kleiner Tankanlagen.

Die dem Kartell angehörenden Raffinerien beziehen das von
ihnen für Exportzwecke verwendete Petroleum zu Vorzugspreisen
nebst anderen Vergünstigungen (ca. 19% der Raffinade werden
ihnen für den Verkauf im Inlande gelassen) von der »Petrolea«.
Diese ist eine Genossenschaft, die unter Mitwirkung der öster-
reichischen Kreditanstalt 1903 (mit 2 Millionen Kronen) von den
Produzenten-Raffinerien als Kommissionär und Magazineur der mit
ihnen liierten Produzenten gegründet wurde und die Regelung des
Rohölverkehrs bezweckte. Infolge zu hoher Vorschüsse und zu
niedriger Einlagerungsgebühren sammelten sich bei ihr rasch so
        <pb n="38" />
        ﻿30

enorme Vorräte an (40000 Zisternen = ca. 2 s/4 Millionen Fass
Rohöl) dass die vorhandenen Lagerräume kaum mehr genügten.
Dadurch wurde der Bestand der »Petrolea« und auch der des
Exportkartells bereits Ende 1904 so gefährdet, dass ihre Auf-
lösung und damit die Wiederkehr der alten anarchischen Zustände
zu befürchten war. Unter dem Drange der Verhältnisse liess die
»Petrolea« eine Reduktion des Vorschusses von 2 */2 auf 2 kr per
100 kg Rohöl eintreten und setzte gleichzeitig die Einlagerungs-
gebühr herauf. Diese Massregel erfolgte aber zu spät und war
daher wirkungslos. Ueberdies erbitterte sie die ohnehin schon
durch die einseitige Begünstigung, die die »Petrolea« den Export-
raffinerien zu teil werden liess, erregten Reinproduzenten nur noch
mehr. Infolge vergrösserten Absatzes hat sich die Situation für
die »Petrolea« wohl zeitweilig etwas gebessert, doch ist sie noch
immer kritisch. Das Kartell läuft am I. Mai 1907 ab. Aller
Wahrscheinlichkeit nach wird es nicht, wenigstens in seiner jetzigen
Form, erneuert werden. Im Frühjahr 1906 stand die Auflösung
infolge gegenseitiger Reibungen der Mitglieder wieder einmal zu be-
fürchten, doch gelang es, noch einmal den Sturm zu beschwichtigen.

Als eine seit ca. 25 Jahren bestehende freie Vereinigung
sämtlicher Interessenten der galizischen Petroleumindustrie ist
der »Landes-Naphtha-Verein« zu nennen. Er befasst sich mit allen
einschlägigen Fragen theoretisch, vertritt die Gesamtindustrie der
Regierung gegenüber und hat auch verschiedene seiner Forde-
rungen mit Geschick durchzudrücken verstanden. Im allgemeinen
steht auch er mehr auf der Seite der Raffinerien.

Eine Vereinigung der Reinproduzenten besteht noch nicht.
Ueber das ganze Petroleumgebiet zerstreut, unter sich uneinig,
waren sie eine leichte Beute der weniger zahlreichen und sich
zusammenschliessenden Raffinerien, die ihre Uebermacht nach
Kräften dazu benutzten, Vorteile für sich herauszuschlagen. Doch
sind jetzt Bestrebungen im Gange, eine Organisation von aus-
schliesslich Reinproduzenten zu gründen. Der Anfang hierzu ist
gemacht durch die Gründung der »Naphtabank« in Drohobycz.
Wünschenswert wäre im Interesse der Produzenten und auch wohl
der ganzen Industrie, dass eine Vereinigung ersterer bald zustande
käme. In dem jetzigen Zustande sind die Verhältnisse unhaltbar.

Also auch in Galizien finden wir die Zentralisationsbestre-
bungen, deren Notwendigkeit und gute Folgen uns schon bei der
Betrachtung der amerikanischen Erdölindustrie entgegentraten.
        <pb n="39" />
        ﻿3i

Aber während Amerika den kritischen Punkt schon vor Jahr-
zehnten überwunden hat, befindet sich Galizien noch in den Ge-
burtswehen. Das neue Kartell (A.-G. f. ö. u. u. M. P.) kann man
ebensowenig als dauernde und genügende Zusammenfassung der
widerstrebenden Interessen ansehen wie die früheren. Es besteht
zwar noch, ein längeres Fortwursteln ist aber ausgeschlossen.
Immerhin haben die Zusammenschlüsse wenigstens den Erfolg
gehabt, dass die verlustbringenden Preise während der Zeit ihres
Bestehens einigen Gewinn lassenden Preisen Platz machten — ein
Zeichen dafür, dass die ganze Bewegung an sich gesund ist. Man
kann den Galiziern nur den Rat geben, dass sie auf diesem Wege
fortschreiten: ernstliche Schritte werden durch erhöhte Produktion
und durch die Konsolidation aller Verhältnisse belohnt werden.

Die zerfahrene Lage der galizischen Petroleumindustrie machte
den Amerikanern ein Eindringen leicht. Ihre Interessen vertritt
in Oesterreich die Vacuum Oil Co. in Dzieditz. Zurzeit lässt
sie zwei grosse Raffinerien bauen und hat es erreicht, dass
die Galizier, dadurch beunruhigt, sich einer Verständigung mit
ihr geneigt zeigen. Das Abkommen ist 1905 gültig geworden
und dadurch die galizische Industrie, noch ehe sie Rockefeller
gefährlich werden konnte, lahm gelegt, um nicht zu sagen: ihm
befreundet. Nach Zeitungsberichten darf die Vacuum Oil Co.
allerdings nicht nach Deutschland exportieren, doch war dies
vielleicht nicht einmal beabsichtigt. Auf jeden Fall kann sie diese
Bedingung, wenn sie es will, leicht umgehen.

Auch direkt importiert die ST.O.C. trotz des Einfuhrzolles
von 13 kr. per 100 kg durch die D.A.P.G. nach Oesterreich jähr-
lich ca. 15000 P'ass (meist hochtestiges Salonöl), um das Kartell
zu beunruhigen und ihm an der ganzen Grenze die Preise zu ver-
derben — eine Art Repressivmassregel gegen den billigen Import
galizischen Oeles nach Deutschland.

Die Beteiligung deutschen Kapitals in Galizien ist eine gering-
fügige. Die Deutsche Bank ist an der »Schodnica« mit 1 350000
Kronen interessiert, ausserdem sind Delbrück, Leo &amp; Co., Berlin,
mit ca. i1/2 Millionen Mark und kleineres Berliner Kapital mit
höchstens 500 000 Mark vertreten. Anfang 1906 emittierten dann noch
W. Mertens &amp; Co., Berlin 4 30000 der neu gegründeten »Siriuswerke«
(mit bei Oderberg auf deutschem Boden zu erbauender Raffinerie).
Insgesamt stellt sich also die Beteiligung deutschen Kapitals auf
nur ca. 7 Millionen Mark. Auch ausserdeutsche Interessen sind
        <pb n="40" />
        ﻿32

neben den oben erwähnten der St.O.C. kaum vorhanden: die
galizische Erdölindustrie ist national.

d)	Rumänien.

Wenn auch uns das galizische Oelgebiet räumlich viel näher
liegt, so konzentriert sich unser Interesse doch viel mehr auf
Rumänien, obwohl dieses Land bis jetzt noch bei weitem weniger
produziert, also für die Bedarfsdeckung des deutschen Marktes
noch weniger in Betracht kommt. Der Grund hierfür liegt darin,
dass gerade in der rumänischen Erdölindustrie grosse Summen
deutschen Kapitals angelegt sind. —

Auch in Rumänien kann man von einer Einheitlichkeit der
Produktion und des Betriebes noch nicht sprechen. Beide machen
noch einen, man möchte sagen unfertigen Eindruck. Der Karren,
der sich im Sumpf der Stagnation festgefahren hatte, ist erst in
den allerletzten Jahren durch deutsche Hilfe wieder auf den festen
Boden gesunder Entwicklung gebracht worden. Jetzt ist ein guter
Anfang gemacht; es scheint fast so, als wenn auch das Ende
gut werden wollte. Zu wünschen wäre es jedenfalls — für die Aktio-
näre unserer Banken sowohl als auch für die Leuchtölkonsumenten.

Obwohl Rumänien, besonders im Distrikt Prahova mit den
Werken von Campina und Bustenari, ein ergiebiges und aus-
gedehntes Oelgebiet besitzt und obwohl schon seit Anfang der
6oer Jahre Oelbohrungen veranstaltet wurden, fand doch bis vor
wenigen Jahren keine regelrechte und technisch durchgebildete
Förderung statt. Zwar grassierte auf die Kunde von grösseren
Petroleumfunden auch hier das Oelfieber, und die Höherbewertung
des Bodens brachte den glücklichen Besitzern binnen wenigen
Wochen oft Millionen ein, aber bei diesen Terrainspekulationen
blieb es. Teils hatte man kein Geld, um eine geregelte und
zweckmässige Bohrtätigkeit einzurichten und durchzuführen, teils
glaubte man westeuropäische und amerikanische Technik überhaupt
entbehren zu können. Wohl brachten die Grundbesitzer Handbrun-
nen in grosser Menge nieder, aber meist in mangelhafter Ausführung
und mehr auf gut Glück als nach genauer Feststellung des besten
Abteufungsplatzes, und waren mit den geringen Mengen Oel, die sie
förderten, zufrieden — solange dieses hoch genug im Preise stand.

Nun ist allerdings gerade Rumänien ein Land, in dem im
Gegensätze zu allen anderen Oelproduktionsländern der Hand-
brunnenbetrieb als die zweckentsprechendste Art der Oelgewinnung
        <pb n="41" />
        ﻿33

erscheint. Denn die Oelhorizonte liegen nicht so tief wie in Russ-
land und Amerika oder gar in Galizien, wo die Anwendung von
Maschinenkraft eine conditio sine qua non ist und sich demgemäss
die Fördertätigkeit sehr viel teurer stellt. Vielmehr kann man in
Rumänien das Oel sehr wohl noch mittels Handbrunnen (die auch
schon bis zu 220 m Teufe gehen) unter viel geringeren Kosten
schöpfen. Gerade Gesellschaften wie die Arnheemsche Petroleum-
Maatsch., die Olandeza Romäna und andere, besonders hollän-
dische Gesellschaften, die zwecks intensiverer Bearbeitung der
von ihnen erpachteten Terrains kostspielige Maschinenschächte
angelegt hatten, haben schlechte Erfahrungen damit gemacht.
Deshalb sind auch die Deutsche Bank wie die Diskonto-Gesell-
schaft, obgleich sie das Petroleumgeschäft mit aller Energie auf-
nahmen, in richtiger Erkenntnis der vorliegenden Verhältnisse beim
Handbrunnenbetriebe geblieben. Immerhin waren bis vor wenigen
Jahren die meist von kapitalschwachen Unternehmern unter Lei-
tung einheimischer Ingenieure abgeteuften Handschächte in der
überwiegenden Mehrzahl planlos und unzweckmässig angelegt,
und die junge Industrie konnte es deshalb lange zu keinem rech-
ten Aufschwung bringen.

Hieran konnten auch die schon früh (besonders stark 1893)
einsetzenden Einigungsbestrebungen nichts ändern. Die Dinge
gerieten erst in Fluss, als die pennsylvanischen Quellen spärlicher
zu fliessen begannen, als sich infolgedessen die Standard Oil
Company, von einer empfindlichen Schwächung ihres Lebensnervs
bedroht, nach neuen Produktionsgebieten umsehen musste und als
ungefähr gleichzeitig auch deutsches Kapital sich der rumänischen
Ihrdölindustrie zuwandte.

Die Bestrebungen der Standard Oil Company, in Rumänien
festen Fuss zu fassen, nahmen im Jahre 1900 festere Formen an
mit dem Versuch, die Ausbeutung und den Betrieb der gesamten
staatlichen Petroleumgruben durch Pachtung auf längere Zeit zu
übernehmen. Der Zeitpunkt des Einreichens der Offerte war inso-
fern gut gewählt, als Rumänien gerade damals eine finanzielle
Krise durchzumachen hatte und die Regierung nach Mitteln suchte,
das im Verhältnis zu den Einnahmen enorm angewachsene jähr-
liche Defizit zu verringern. Naturgemäss wandte sich die Auf-
merksamkeit den reichen Bodenschätzen des Landes zu, und es
wurden Stimmen laut, die denVerkauf oder die Verpachtung der
staatlichen Petroleumterrains anrieten und durch die Eröffnung

Zeitschrift für die ges. Staatstvissensch. Ergänzungsheft 20.	3
        <pb n="42" />
        ﻿34

dieser neuen Einnahmequelle das Defizit innerhalb weniger Jahre
zum grossen Teil decken zu können hofften.

Diese Stimmung war die unmittelbare Veranlassung zum Ein-
schreiten der Standard Oil Company. Im November 1900 machte
sie dem damaligen Ministerium Carp durch Vermittelung der Dis-
konto-Gesellschaft den Vorschlag, die gesamten staatlichen sich
als petroleumhaltig erweisenden Terrains auf 50 Jahre zu pachten
und dem rumänischen Staate zur späteren Anrechnung auf die
jährlichen Abgaben einen Vorschuss von 10 Millionen Lei (= ca.
8 Millionen Mark) zu geben. Ferner wollte sie sich zur genauen
Untersuchung des ganzen voraussichtlichen Oelgebietes — ca.
15000 ha — verpflichten, in den ersten 8 Jahren mindestens
7 Millionen Lei für die Niederbringung von Bohrlöchern anlegen,.
auf 30 Jahre konzessionierte pipe lines bauen u. s. w.

Wie oben kurz erwähnt, wurde dieser Vorschlag der rumä-
nischen Regierung durch die Vermittelung der Diskonto-Gesell-
schaft unterbreitet. Sturdzas Darstellung ist in diesem Punkte
nicht ganz richtig. Die Bank wollte nicht etwa mit dem Trust
zusammen die Konzession erwerben, sondern spielte aus Anlass
ihrer langjährigen Beziehungen zu Rumänien lediglich auf Wunsch
der rumänischen Regierung die Vermittlerrolle.

Die Vorschläge der Standard Oil Company gelangten jedoch,,
vielleicht zum Glück für Rumänien, nicht zur Annahme. Der
Regierung war das Gebot nicht hoch genug; andrerseits »schien
das rumänische Volk«, wie Sturdza (S. 3 seiner Broschüre) sagt,
»die Gefahr zu fühlen, die ihm durch das Eindringen eines
amerikanischen Trusts drohe.« Die Verhandlungen zogen sich bis
1903 hin und zerschlugen sich dann.

Jetzt ging die Diskonto-Gesellschaft auf eigene Hand vor, und
bald gelang es ihr denn auch, sich an verschiedenen bereits be-
stehenden Unternehmungen zu beteiligen und so in der Erdöl-
industrie des Landes festen Fuss zu fassen. Der wichtigste Er-
folg war der, dass sie sich die Kontrolle über die ursprünglich
mit englischem Gelde gegründete Telega Oil Company verschaffte.
Auch die Bustenarii-Petroleum-Gesellschaft und mehrere kleinere
Gesellschaften wie den Conduct National gelang es ihr, von sich
abhängig zu machen.

Auch die Deutsche Bank wendete der aufstrebenden Industrie
ihr Interesse jetzt mehr zu. Sie hatte sich in den letzten Jahren
in dem aufnahmefähigen und kapitalbedürftigen Lande stärker
        <pb n="43" />
        ﻿35

engagiert, u. a. die (1895 gegründete) Petroleumgesellschaft
»Steaua Romäna« finanziell unterstützt. Bei den weichenden
Preisen, deren Wirkung sich durch keine entsprechend erhöhte
Produktion aufhob, wurde diese Forderung »notleidend«, wie
die Bank sich in ihrem Jahresbericht für 1904 ausdrückt. Um
sich zu sichern, sah sich die Deutsche Bank zur Schaffung der
Kontrolle über die Steaua Romäna und zu einer durchgreifenden,
aber jetzt wohl noch nicht ganz durchgeführten Reorganisation
genötigt. — Die Steaua, z. Zt. die grösste rumänische Petroleum-
gesellschaft, hatte 1904 an der Gesamtproduktion zu reichlich 2/s
Anteil. Sie produzierte in den Jahren

1902/03:	132400	tons	Rohöl

1903/04:	184608	»	»

1904/05:	209797	»	»

1905/06:	214490	»	»

An Dividenden verteilte sie in den beiden letzten Jahren je 8 % •
Das Aktienkapital ist von 17 auf 24 Millionen Fr., die Obliga-
tionen sind von 11 auf lö1^ Millionen Fr. erhöht worden — in
Anbetracht der nicht besonders günstigen Ergebnisse der letzten
Jahre eine wohl etwas zu scharfe Anspannung.

Von der Frage der Verpachtung der staatlichen Petroleum-
felder hatte man längere Zeit nichts wieder gehört. Sie war
jedoch keineswegs erledigt. Waren 1900 die Bemühungen der
Standard Oil Company erfolglos gewesen, so wurden sie 1904
von anderer Seite wieder aufgenommen. Und zwar war es dies-
mal ein aus der Banque de Paris et des Pays-Bas und der Deut-
schen Bank bestehendes Syndikat, dessen Vorschläge, Mai 1905
genauer formuliert, darauf hinausgingen, insgesamt höchstens
20000 ha ölführenden Terrains auf fünfzig Jahre zu pachten.
Aber auch dieses Projekt fand nicht die Billigung der rumäni-
schen Regierung, da die Finanzlage des Staates sich inzwischen
gebessert hatte und im Lande die Ansicht zur Geltung gelangte,
man dürfe die staatlichen Oelländereien überhaupt keiner aus-
ländischen Gesellschaft zur Ausbeutung überlassen, sondern müsse
sie entweder mit rumänischem Kapital zu erschliessen suchen oder
aber, um ein Monopol zu verhindern, parzellenweise verpachten.
Unter dem Eindruck dieser Bewegung gelangte am 21. Dezember
1905 auf Antrag der Regierung mit grosser Mehrheit ein Gesetz
zur Annahme, das in seinen Hauptpunkten folgendes bestimmt:
Es werden für einen Zeitraum von höchstens 50 Jahren Parzellen
von je 100 ha erforschter zusammen mit je 1000 ha noch uner-

3*
        <pb n="44" />
        ﻿36

forschter Petroleumterrains verpachtet; auf dem erforschten sowohl
als auf dem unerforschten Terrain ist innerhalb eines bestimmten
Zeitraumes eine bestimmte Anzahl Sonden niederzubringen; ein
Konzessionär darf höchstens drei Parzellen erpachten, jede auf
Umgehung dieser Bestimmung gerichtete offene oder geheime Ab-
machung soll null und nichtig sein. — Damit ist allen Monopoli-
sierungsgelüsten ein Riegel vorgeschoben, wenngleich zu bemerken
ist, dass sich das Gesetz nur auf die zur Zeit seiner Annahme
noch nicht verpachteten staatlichen Oelländereien erstreckt;
die Verfügungsmacht der Privateigentümer bleibt von ihm unberührt.

Ein weiterer Schritt auf diesem Wege ist die Gründung der
nationalrumänischen Gesellschaft »Romania« in der zweiten Hälfte
des Jahres 1905 mit einem eingezahlten Anfangskapital von ca. 2
Millionen Lei, das bis auf 30 Millionen Lei erhöht werden soll.

Die Standard Oil Company liess sich natürlich durch die Ab-
lehnung ihrer Vorschläge nicht abschrecken, sondern versuchte,
auf andere W'eise in Rumänien einzudringen. Infolge der ihr
feindlichen Gesinnung der Volksvertretung gelang ihr dies jedoch
erst Ende Juni 1904, in welchem Monat die von ihr gegründete
Societate Anonima Romäno-Americana vom rumänischen Appel-
lationsgerichtshof anerkannt wurde. Die Gesellschaft legte sich
gleich sehr ins Zeug, beschäftigte sich schon Ende 1904 mit den
Vorbereitungen zum Bau einer grossen Raffinerie und erwarb —
alles bei einem Kapital von 5 Millionen Frcs ! — durch Aufkauf
der »Sperantza« umfangreiche Oelterrains. Auch mit der Legung
eines Rohrleitungsnetzes und mit dem Aufschliessen der erwor-
benen Gerechtsame ist sie schon eifrig beschäftigt.

Ueber die jetzige Gruppierung des Kapitals in der rumänischen
Petroleumindustrie gibt Sturdza auf S. 91 eine übersichtliche Zu-
sammenstellung, die ich S. 40 folgen lasse. Wie aus ihr hervor-
geht, entfallen ca. 63 % der investierten Summen und die vier
grössten Gesellschaften auf Deutschland. Wir haben demgemäss ein
ausserordentliches Interesse daran, dass sich Petroleumproduktion
und -Handel Rumäniens in zufriedenstellender Weise entwickeln.

Dieses Interesse verlangt aber, dass die das deutsche Kapital
vertretenden beiden Grossbanken sich nicht bekämpfen, denn dabei
verliert jeder Teil. Gerade bei einem Handelszweige, der, wie das
Petroleumgeschäft, in übermächtiger Weise von einer fremden
Kapitalistengruppe beherrscht wird, die auch die wenigen noch
nicht für die Oelgewinnung herangezogenen und von ihr abhängigen
        <pb n="45" />
        ﻿37

Länder in ihre Herrschaft zu bringen trachtet, ist es notwendig,
dass die unabhängigen und auf ein Zusammenarbeiten geradezu
angewiesenen Firmen die Basis für ein freundschaftliches Zu-
sammengehen schaffen.

Erwägungen dieser Art waren es auch, die die Geschäfts-
politik der beiden deutschen Banken bestimmten. Sie standen sich
jahrelang feindlich gegenüber, da sich die Diskonto-Gesellschaft
durch die Schwesterbank in ihrer eigentlichen Machtsphäre be-
droht glaubte, sind jetzt aber in richtiger Erkenntnis der Verhält-
nisse zu einem freundschaftlichen Nebeneinander gelangt. Nur
sie haben die Amerikaner bis jetzt gehindert, auch die südost-
europäischen Produktionsgebiete unter ihre Macht zu beugen.

Zur Zusammenfassung ihrer gesamten Petroleuminteressen
gründete die Deutsche Bank Anfang 1904 die Deutsche Petro-
leum-Aktiengesellschaft (»D.P.A.G.«) mit einem Kapital von 20
Millionen Mark, von dem sie selbst 11 100 000 Mk. übernahm.
In den Rest teilten sich der Wiener Bankverein (5 Millionen), die
Darmstädter Bank (1 250 000 Mk.),, die Nationalbank für Deutsch-
land (1 Million), die Mitteldeutsche Kreditbank (900 000 Mk.) und
Jakob S. H. Stern (750000 Mk.). In der D.P.A.G. ruhen, bei-
läufig gesagt, neben der Beteiligung an der Steaua auch Aktien
der galizischen »Schodnica« (1 350000 Kr.) und einiger kleinerer
Unternehmungen in Wietze (Erdölwerke Wietzerdorf G. m. b. H.
mit einem Kapital von 11/2 Millionen Mark) und Russland (Kasbek
Syndikate Ltd., London), an denen die Bank beteiligt ist. Mit
dem Petroleumvertrieb in Deutschland betraute sie die als Nach-
folgerin der in Bankerott geratenen russischen Importfirma Gehlig,
Machenheim &amp; Co. 1902 gegründete und von der Shell Trans-
port and Trading Company, London, kontrollierte, 1904 von der
Deutschen Bank finanzierte Petroleum-Produkte Aktiengesellschaft
(»P.P.A.G.«), über die später noch ausführlich zu sprechen sein
wird. Von dem jetzt 12 Millionen Mark betragenden Aktienkapital
dieser Gesellschaft besitzt die Deutsche Bank direkt und durch
die Steaua Romäna ca. 9 Millionen Mk. — Die D.P.A.G. und die
P.P.A.G. verteilten für 1904 und 1905 je 5% Dividende.

In ähnlicher Weise fasste die Diskontogesellschaft Mitte 1905
die von ihr und dem Hause S. Bleichröder abhängigen Petroleum-
unternehmungen in der Allgemeinen Petroleum-Industrie Aktien-
Gesellschaft zusammen. Diese Gesellschaft kontrolliert die »Buste-
narii« Petroleum-Industrie A.-G., Bukarest, Telega Oil Company,
        <pb n="46" />
        ﻿33

Ltd. London, »Vega«, Rumänische Petroleumraffinerie A.-G.,
Bukarest, »Credit Petrolifer«, Gesellschaft zur Förderung und Ent-
wicklung der rumänischen Petroleum-Industrie, Bukarest, während
sie an der Compagnie Industrielle des Petroles, Paris, und der
Internationale Rumeensche Petroleum Maatschappy, Amsterdam,
lediglich eine finanzielle Beteiligung genommen hat. Das Gesamt-
kapital der »Aurora« ist, was Sturdza übersehen hat, in der
Bilanz der Internationalen Rumeenschen P. M. enthalten.

Das Anfangskapital der Allgemeinen Petroleum-Industrie A.-G.
betrug 12 Millionen Mk.; Januar 1906 wurde es auf 17 Millionen
Mk. erhöht. Für 1905 wurde eine Dividende von 5% ausgeschüttet.
Die »Bustenarii« verteilte für 1904/05 : 5% auf die Stamm-, 20%
auf die Prioritätsaktien, 1905/06 wieder 20% auf die Prioritäts-
und 8% auf die Stammaktien. Das Kapital der Telega musste
von £ 400000 = ca. 10 Millionen Lei auf 81/2 Millionen Lei
herabgesetzt werden. Gleichzeitig wurde die Firma in »Sylva«,
Societate Anonima Romäna pentru Industria Peti'olului (= rumä-
nische A.-G. für Petroleum-Industrie) umgetauft. Dividenden wur-
den noch nicht verteilt, doch hat die Beteiligung des Grosskapi-
tals auch hier schon einen entschiedenen Wandel zum Besseren
hervorgerufen, und wenn die beabsichtigte Reorganisation voll-
ständig durchgeführt sein wird, darf man dieser Gesellschaft eine
gute Zukunft Voraussagen. — Die Aktionäre des Credit Petro-
lifer erhielten 1905/06, dem ersten Geschäftsjahr, 8% auf 3 Mil-
lionen Lei Kapital pro rata temporis seiner Einzahlung. Mitte
1906 wurde eine Kapitalerhöhung um 2 Millionen Lei beschlossen.
— Die »Compagnie Industrielle des Petroles«, die Sturdza in
seiner Aufstellung nicht berücksichtigt, hat ein Kapital von IH'rs.
10500000. — Die Dividende für 1904/05 betrug 5%.

. Was die Stellungnahme der beiden deutschen Banken im
internationalen Petroleumhandel anlangt, so ist, wie oben schon
kurz erwähnt, die Deutsche Bank auf der Brücke über die P.P.A.G.
zu der Shell in ein Freundschaftsverhältnis getreten1). Nach viel-
fachen Zeitungsberichten soll es auch gelungen sein, eine Ver-
ständigung zwischen der Diskonto-Gesellschaft und der P.P.A.G.,
bez. also der Shell, herzustellen — eine Tatsache, die, wenn sie
sich bewahrheitet, nur mit Freude zu begrüssen wäre.

Dass eine Einigung tatsächlich stattgefunden hat, lässt sich
mit ziemlicher Sicherheit daraus schliessen, dass laut einem Ar-

1) Die P.P.A.G. vertreibt das Texasöl der Shell in Deutschland.
        <pb n="47" />
        ﻿39

tikel der Kolonialwarenzeitung vom 28. April 1903 die »Aurora«,
also eine von der Diskontogesellschaft abhängige Gesellschaft,
mitteilt, »dass sie gemäss ihrem Kontrakt mit der Shell Transport
and Trading Co. durch dieses letztere zum Vertreter für deren
Petroleumgeschäfte in Rumänien bestellt worden sei.«

Betrachtet man die Entwicklung der rumänischen Petroleum-
industrie in den letzten Jahren, so zeigt sich hier mit voller Deut-
lichkeit dasselbe Prinzip, das in grösstem Massstabe in Amerika,
weniger ausgebildet in Russland zur Geltung gelangte und dessen
später auch bei der Besprechung derVertriebsverhältnisse inDeutsch-
land Erwähnung getan werden muss: die kapitalschwächeren Ele-
mente werden mehr und mehr ausgeschaltet und gehen im Gross-
kapital auf, da dieses allein den ausserordentlichen Anforderungen
hinsichtlich der Investitionen für die zweckmässige Einrichtung
von Produktion, Raffination und Handel gerecht werden kann.

Gehen wir aber diesem Grosskapital nach, so finden wir
1) den Standard Oil Trust, 2) das mit dessen hauptsächlichster
Gegnerin, der Shell, verbündete deutsche Grosskapital — letzteres
in Rumänien allerdings vorherrschend, wenngleich das Kapital
der rumänischen Tochtergesellschaft des Trusts wohl nur mit Ab-
sicht so niedrig angesetzt ist. Gegebenenfalls stehen ihr natür-
lich die Millionen des Trusts zur Verfügung. Also trotz vieler
kleinerer Gesellschaften nur zwei von den drei grossen Gruppen,
die sich auf dem ganzen Weltmarkt und, wie später zu zeigen ist,
auch in Deutschland letzten Endes allein gegenüberstehen, wenn
sie gleich, um ihre Identität möglichst zu verschleiern, unter ver-
schiedenen Namen auftreten.

Eine zweite interessante Erscheinung, auf die hier nur kurz
hingewiesen sei, ist die Verschiedenheit des Arbeitsbereiches der
einzelnen Gesellschaften. Instruktiv dafür sind die Unternehmungen
der Diskontogesellschaft. Während die Bustenarii und die Telega
Oil Co. Produktionsgesellschaften sind, dient die Vega den Zwecken
der Raffination; der Credit Petrolifer befasst sich nur mit dem
Transport des Rohöls und dem Handel. In ähnlicher Weise sind
in Amerika die Untergesellschaften des Standard Oil Trusts tätig.
Durch diese Regelung — eine Art Arbeitsteilung — gewinnt einmal
die Uebersicht, sodann aber wird vor allem an Kosten gespart
dadurch, dass jede Gesellschaft sich mit voller Kraft auf ihr be-
sonderes Gebiet werfen und dies bearbeiten kann, sich mit nicht
ganz in der speziellen Richtung ihres Betriebes liegenden An-
        <pb n="48" />
        ﻿40

Schaffungen und Geschäften nicht zu befassen braucht und trotz-
dem nicht von der Willkür anderer Gesellschaften, auf die sie
hinsichtlich der Uebernahme oder des Weitervertriebes der Ware
angewiesen ist, abhängig ist.

Zum Schluss folgt eine gleichfalls dem Buche von S tu r dz a
(Seite 89) entstammende Tabelle über Petroleum-Produktion und
-Export Rumäniens.

Die Zahlen steigen zwar stetig, aber ausserordentlich langsam,
obschon nicht verkannt werden soll, dass ungefähr seit 1900 die
Produktion ein entschieden schnelleres Wachstum aufweist.

Das Leuchtöl wird in der Hauptsache nach Frankreich ver-
schifft (1904: 25 089 tons), auch England bezieht erhebliche Posten
(15 588 tons). Deutschland und Holland importieren weniger rumä-
nisches Oel.

In der rumänischen Petroleum-Industrie investierte Kapitalien.

Gesellschaften

Deutsche Gesellschaften:
Deutsche Bank (Steaua Romäna)
Disconto-Gesellschaft
Bustenarii

Telega Oil Co. Ltd.

Credit Petrolifere

Aurora

Vega

Internationala

Dresdner Bank-Schaafhausen
Cämpina Moreni

Rumänische Gesellschaften:
Hagianoff-Cämpeanu
Ruzica, Elias, Taubes

Societatea Romäna pentru industria Petrolului
Verschiedene kleinere Gesellschaften
Holländische Gesellschaften:
Nederlandsche Petrol. Maatsch.

Arnheemsche	do.

Cämpina Poiäna (Amsterdam)

Olandezä Romäna

Italienische Gesellschaften:

Societatea Romäno-Italianä
Französische Gesellschaften:

Petroie de Prahova
Aquila Franco-Romänä
Englische Gesellschaften:

Berca Petroleum Cy.

Rumanian United P. Cy.

European Petroleum Cy.

Amerikanische Gesellschaften:
Societatea Romäno-Americanä

Kapital i. Lei.	Total
40 377 500	
IO 000 000  IO 000 000  3 000 000  7 450 000  3 75° 000  12 480 000	92 057 500
46 680 000	
5 000 000	
5 000 000 ' 5 000 000  1 637 500 1  10 000 000	21637 500
2 500 000 . 2 000 000 1 2 000 000 | 1 500 000 "	8 000 000
7 500 000	7 500 000
3 500 000 1 3 000 000 /	6 500 000
3 250 000 ) 1 000 000 [ 1 000 000 J	5 250 000
5 000 000	S 000 000
Total	'45 945 000
        <pb n="49" />
        ﻿41

Petroleum-Produktion und -Export Rumäniens.

Jahr	Ges.-Rohöl- Produktion in Tonnen	Davon im Bezirk Prahova	Export (in Tonnen) von			
			Rohöl	Leuchtöl	Benzin	Schmieröl
t857	275	220				
1858	495	330				
&gt;859	605	330				
1860	1188	385				
1861	2403	440				
1862	3226	550				
1863	3886	660				
1864	4591	825				
1865	5426	1100				
1866	5915	1100				
1867	6465	1320				
1868	7062	1650				
1869	6782	1320				
1870	11 649	1100				
1871	11 572	1760				
1872	11 878	1650				
1873	14 468	2750				
1874	14 35°	155°				
&gt;875	15 100	1600				
1876	15 100	1500				
1877	15 100	1800				
1878	15 100	2100				
1879	15 3oo	2500	3674			
1880	15 900	2900	9759			
1881	16 900	3500	10 378			
1882	19 OOO	5400	12 230	1922		
1883	19 400	5700	17 550	74		
1884	29 300	15 600	21724	529		
188.S	26 900	13 500	19919	1068		
1886	23 450	8800	14 413	686		
1887	25 300	9500	16 094	38	121	
1888	30 400	8900	18 126	4	163	
1889	41 400	9500	18657	11	104	
1890	53 3oo	10 300	11773	7b	35	
1891	67 900	II500	18 072	35	3	
1892	82 500	16 000	19 715	59	2	2
1893	74 500	17 000	17 083	42	3	0,6
1894	7o 550	26 000	16 632	607	13	0,4
1895	80 000	37 140	15 718	2	16	17
1896	75 57o	36 880	17 269	529	I IO	2
1897	79 400	56900	21335	48	26	4
1898	106 570	58 800	27 325	4253	33	155
1899	198 300	!35 400	47 828	14 283	5160	280
1900	226 500	149 500	48 782	24 612	4759	”7
1901	233 100	190 900	25 797	16 819	15 023	15
1902	286 500	236 000	28 964	39 817	6910	17
1903	384 300	345 9io	57015	46947	22 249	8
1904	496 870	455 35°	48499	78553	37 213	3°
i9°5l)	614 870					

I) Nachrichten für Handel und Industrie, 1906, Nr. 51.
        <pb n="50" />
        ﻿42

e)	Deutschland.

Zum Schluss der kurzen Uebersicht über die Erdöl produ-
zierenden und als solche für Deutschland in Betracht kommenden
Länder — die asiatischen Oelgebiete, wie Japan, Hinterindien,
Java, Borneo, setzen ihre Leuchtöle in Asien selbst ab und kom-
men für uns nur für den Benzinimport in Frage — kommt Deutsch-
land selbst an die Reihe. Obgleich durch Inlandsproduktion nur
ein verschwindend geringer Prozentsatz unseres jährlichen Be-
darfs gedeckt werden kann, muss doch näher auf diese einge-
gangen werden.

An die Erdölvorkommen in Deutschland hat man zeitweise
die grössten Hoffnungen geknüpft und tut dies vielfach auch
noch jetzt. Ich muss gestehen, dass ich in dieser Hinsicht ziem-
lich schwarz sehe und mir, so wie die Sachen jetzt stehen, hin-
sichtlich der L e u c h t ö Igewinnung nicht allzu viel verspreche.
Die Zukunft kann ja noch angenehme Ueberraschungen bringen,
vorderhand aber muss man die Dinge in dem Lichte betrachten,
in dem sie sich unserm Auge darbieten.

Als Oelproduktionsgebiete kommen für Deutschland in Frage:
Eisass, die Lüneburger Heide und der Halle-Zeitz-Weissenfelser
Braunkohlenbezirk, letzterer nur als Solarölproduzent.

Zunächst muss man sich vor Augen halten, dass in sämt-
lichen drei Bezirken die Schmierölproduktion diejenige von Leucht-
öl bei weitem übersteigt. In der oberen Zone (bis ca. ioo m)
der Lüneburger Heide stellt sich das Verhältnis wie folgt:

etwa 0,5 °/0 Benzin (0,725 spez. Gew., also ziemlich schwer)
nur »	6	%	Petroleum	im	»	»	von 0,800

»	6	0/q	»	»	»	»	»	0,840 (eine	Art Solaröl)

»	64	0/0 Schmieröl.

Der Rest sind ziemlich wertlose Rückstände. — Die Aus-
beute des zweiten Oelhorizontes (bis zu etwa 350 m Tiefe), der
ein leichteres, helleres Rohöl liefert, ergibt bei der Raffination

3 — 4	% Benzin (0,701)

28—35 % Naphtha und Petroleum
40—47 0/0 Schmieröle

17 % Rückstände, der Rest (4—5 0/0) Verlust.

Im Eisass ist das Verhältnis so ziemlich dasselbe; es ver-
sorgt vorzugsweise die mittelrheinische Textilindustrie mit Schmier-
ölen. Im Solarölbezirk stellt sich die Leuchtölquote noch un-
günstiger.

Wenngleich sowohl die »Teerkuhlen« bei Wietze als auch
        <pb n="51" />
        ﻿43

das Vorkommen im Eisass schon seit Jahrhunderten bekannt waren
und für medizinische Zwecke ausgebeutet wurden, kam es zu
einer regelrechten zielbewussten Fördertätigkeit doch erst sehr
spät. — Als Begründer der elsässischen Petroleumindustrie kann
man A. le Bel bezeichnen, der im ersten Viertel des vorigen
Jahrhunderts schon ca. ioo Leute mit dem Einsammeln des zu
Tage tretenden Oeles beschäftigte. Seine Familie übertrug die
Ausbeutung der ihr verliehenen Konzession 1889 an die »Pechel-
bronner Oelbergwerke«, die noch jetzt bestehen und weitaus die
grösste elsässische Petroleumgesellschaft sind. Neben ihr ent-
standen, als einige ergiebige Oellager angebohrt wurden, in rascher
Folge mehrere Dutzend Unternehmungen, die aber meistenteils
nur ein Eintagsdasein fristen konnten. Nichtsdestoweniger stieg
die Produktion von 8530 dz. Rohöl im Jahre 1874 auf 156 320
dz. 20 Jahre später und auf über 220000 dz. im Jahre 1904.

Während die Oelgewinnung im Eisass ihre ruhigen Bahnen
ging und sozusagen in der Verborgenheit blühte, machte das
zweite Fundgebiet, Oelheim-Wietze, um so mehr von sich reden;
nicht immer rühmlich.

Die Fundstätten liegen zu beiden Seiten des kleinen Flusses
Wietze, bis zu seiner Mündung in die Aller. In den ersten Jahren
bohrte man nur an seiner linken Seite, 16—20 km westlich von
Celle. Die ölführenden Tonschichten streichen von Südwest nach
Nordost, die Bohrlöcher hatten eine Tiefe von 40—100 m. In
der zweiten Oelzone, auf der rechten Seite der Wietze, wo man
1900 fündig geworden ist, muss man schon auf 200 m hinabgehen,
um die Oelschicht anzutreffen. Der dritte Oelhorizont wurde 1904
bei 650 m Tiefe erreicht. Welche Ergiebigkeit er hat, ist mir
nicht bekannt. Die zweite Oelzone ist, wie qualitativ, so auch
quantitativ bis jetzt die beste.

Nachdem in dieser Gegend 1862 von der Hannoverschen
Regierung in uneigennütziger Weise ein Versuchsschacht nieder-
gebracht war, folgte eine langsame Bohrtätigkeit, die aber 1883,
als Mohr die erste springende Quelle mit grösserem Ertrage er-
bohrte, einem wilden von Spekulanten künstlich genährten Oel-
fieber, ähnlich dem pennsylvanischen, dem sog. »Oelheimer Rum-
mel«, Platz machte. Dutzende von Gesellschaften entstanden über
Nacht, unternehmende »Gründer«, wie August Sternberg in Berlin,
mischten sich hinein. Doch der Erfolg zeigte sich nicht in der
erwarteten Weise, und der Rückschlag kam bald und kräftig.
        <pb n="52" />
        ﻿44

Die meisten Gesellschaften stellten ihre Tätigkeit wieder ein;
viele, ohne überhaupt produktiv gewesen zu sein. 1882: 3127 dz.
betragend, stieg die Produktion 1887 und 1888 auf je IO080 dz.,
um schon 1892 wieder auf 3681 dz. zu sinken. Seitdem hob sie
sich wieder, machte aber 1898 nur erst ca. 10 % der deutschen
Rohölproduktion aus, während auf den Eisass ca. 90 % entfielen.
1899/1900 änderte sich jedoch das Bild, als mit Hilfe genügenden
soliden Kapitals (Deutsche Bank) ein neues, ergiebigeres Oelfeld,
eben die zweite Zone rechts der Wietze, aufgeschlossen wurde.
1903 betrug die Rohölproduktion von Wietze etwa 400000 dz. im
Gesamtwerte von 3,2 Millionen Mark, das sind rund 2/3, 1904
etwa 680000 dz., das sind rund 3/4 der gesamten Rohölausbeute
Deutschlands. 1905 ging die Produktion allerdings auf rund 580000
dz. zurück, während die des Eisass sich ziemlich auf der Höhe
von 1904 hielt.

Neben den Aufschlüssen bei Wietze sind noch an anderen
Orten der Provinz Hannover und des Herzogtums Braunschweig
Oelvorkommen konstatiert worden, aber von weit geringerer
Mächtigkeit. Vielleicht sind tiefere Bohrungen von grösserem
Erfolge begleitet. Das Oelgebiet ist aber wahrscheinlich noch
grösser, als man bis jetzt annimmt.

Wenn man die Produktionsverhältnisse des Eisass und der
Lüneburger Pleide einander gegenüberstellt, so ergibt sich, dass
letztere trotz ihrer bedeutend grösseren Ergiebigkeit mit viel un-
günstigeren äusseren Bedingungen zu ringen hat als die elsäs-
sische Industrie. Denn während z. B. dort die Oelgerechtsame
dem Berggesetz unterstehen, also verliehen werden, ist dies in
Hannover nicht der Fall. Oel kann hier nicht gemutet werden,
sondern gehört ähnlich wie Kali und Salz dem Grundeigentümer.
Dieser Mangel der Gesetzgebung verschaffte den Bauern eine sehr
günstige Stellung; sie forderten für die Abgabe ihrer Oelländereien
übermässig hohe Preise und Hessen sich ausserdem ein sehr hohes
»Fassgeld« bezahlen (bis zu 5 Mk. für jedes geförderte Fass).
Es ist klar, dass diese Umstände auf die Gestehungskosten sehr
ungünstig einwirken und der jungen Industrie schwere Fesseln
anlegen. Die preussische Regierung erliess zwar zur Abstellung
der grössten Missstände 1904 ein Gesetz, das die Erdölgewinnung
der Kontrolle der Bergbehörden unterstellt. Da jedoch das Ver-
fügungsrecht des Grundeigentümers dadurch in keiner Weise be-
schränkt wird, so kann man es nur als eine halbe Massregel an-
        <pb n="53" />
        ﻿45

sehen. Ehe nicht eine durchgreifende Sanierung erfolgt, ist eine
Fortentwicklung der Oelgewinnung in wünschenswerter Weise
leider ausgeschlossen.

Die Gesamtrohölproduktion Deutschlands betrug:

1880 —	1309	tons	i.

1885 — 5815 »	»

1890 — 15 226	»	»

1895	— 17 051 »	»

1900	— 50 375 »	»

1901	— 44 095 »	»

1902	— 49 725 »	»

1903	— 62 680 »	»

1904	— 89 620 »	»

1905	— 78 869 »	»

W. von 159 000 M.
»	»	471000	»

»	»	1242000	»

»	»	962 000	»

»	» 3 726 000	»

»	»2 940 000	»

»	» 3 3.51 000	»

»	»	4 334ooo	»

»	»5 805 000	»

»	»	5 207 OOO	»

Davon entfielen auf

1902

1903

1904	1905

Prov. Hannover:	29 520 tons

Eisass:	20205 »

41 733 tons 67 604 tons
20 947	»	22 016	»

57 74i
21 128

Nachstehend folgen einige Daten über die hauptsächlichsten auf
Oel bohrenden deutschen Gesellschaften, damit man sich einen
Begriff machen kann von ihrer Bedeutung (oder Bedeutungslosig-
keit, wie man will), sowie gleichzeitig von der inneren Zerrissen-
heit dieses ganzen Produktionszweiges. Von der Erwähnung der
zahlreichen, meist herzlich unbedeutenden Privatunternehmungen
ist ganz abgesehen.

Von den ungefähr 30 in Hannover mit einem Kapital von
schätzungsweise 20 Millionen Mark arbeitenden Gesellschaften ist
mit die älteste und an erster Stelle zu erwähnen die niederlän-
dische »Gesellschaft zum Betrieb von Oelbrunnen in Hannover«,
die 1904: 22 % verteilte. Sie gewann in diesem Jahre 71 359
Fass Rohöl, gegen 53255 Fass im Jahre 1903.	1905 fusionierte

sie sich mit den »Deutschen Erdölwerken« in Wilhelmsburg.

Nächst ihr ist zu nennen die »Celle-Wietze, A.-G. für Erdöl-
gewinnung«, Hannover, 8. März bez. 24. November 1900 mit 1
Million Mark gegründet; das Kapital wurde 1903 um 250000 Mark
(ä 140 %) und 1905 um 500000 Mark (von der National-
bank für Deutschland zu 150 % übernommen) auf jetzt 1 s/4 Mil-
lionen Mark erhöht. Die Rohölausbeute ist für längere Jahre bis
zu jährlich 60000 Brl. fest verschlossen; an wen, war zu erfahren
nicht möglich. An Dividenden verteilte die Gesellschaft 1900 (10 Mo-
nate) — 1905 : 10, 7, 7, 10 und 15 %. Sie arbeitet mit drei Bohr-
        <pb n="54" />
        ﻿46

türmen, besitzt auch eine Raffinerie und ist an mehreren kleineren
Gesellschaften finanziell beteiligt.

Ein Sorgenkind ihrer Aktionäre sind die »Vereinigten
Deutschen Petroleumwerke A.-G.« Peine i. H., eine der blutigsten
Gründungen Sternbergs. Entstanden sind sie Ende 1881 aus der
»Petroleum-Land-Gesellschaft in Peine«, der »Deutschen Petroleum-
bohrgesellschaft in Bremen« (Adolf M. Mohr) und der »Oelheimer
Petroleum-Industrie-Gesellschaft«. An Rohöl förderten sie

1891	— 731 tons

1892	— 408	»

1893	— 185	»

1894	— 185	»

i&amp;95 — 376	»

1896	— 427 tons

1897	— 597	»

1898	— 463	»

1899	— 525	»

1900	— 463	»

1901	— 502 tons

1902	— 439	»

1903	— 75* »

1904	— 751	»

Das Anfangskapital von 2771000 Mark wurde wiederholt redu-
ziert, eine durchgreifende Sanierung erfolgte aber erst 1903 durch
Zusammenlegung der Aktien auf I 006 000 Mark und ausserordent-
liche Abschreibungen in Flöhe von 305 159 Mark. Nachdem seit
1886 keine Dividende verteilt worden war, konnten 1904 bei
ganzen 5012 Mark Abschreibungen 41/2% ausgeschüttet werden.
Für 1905 wurden wieder 4 J/ä % verteilt. Die Aktien, die bis
auf wenige Prozent entwertet waren, werden jetzt annähernd pari
notiert.

Nicht zu unterschätzen ist, dass in letzter Zeit auch der
Standard Oil Trust sein Augenmerk auf die Wietzer Erdölindu-
strie gerichtet hat. Durch die von ihm abhängige Vacuum Oil
Company lässt er eine grosse Raffinerie bei Schulau bauen, die
schon jetzt mit verschiedenen Produzenten langfristige Verträge
abgeschlossen haben soll.

Die bedeutendste im Eisass arbeitende Gesellschaft sind die
»Pechelbronner Oelbergwerke«, Schiltigheim. Sie wurden 22.
Februar 1889 auf 50 Jahre gegründet. Ihr Anfangskapital von
3 Millionen Mark wurde 1899 auf 1Millionen Mark herabgesetzt;
dafür wurden Genussscheine ausgegeben. Sie prosperieren ver-
hältnismässig sehr gut, denn 1889/1890—1904/1905 verteilten sie
3,88; 14; 16; 5 ; 7; 12; 16; 17; 20; 15; 17; 28; 28; 28; 30; 30%.
Zu bemerken ist, dass die günstigen Ergebnisse nicht etwa auf
das Leuchtölgeschäft, sondern in erster Linie auf die verhältnis-
mässig hohen für Schmieröle erzielten Preise zurückzuführen sind.
1899 betrug die Rohölproduktion ca. 16 Millionen kg, das sind
ca. 114000 Fass (ä 140 kg). — Die nächstgrössere Gesellschaft,
die »Elsässische Petroleumgesellschaft Walburg« (Sitz in Amsterdam)
        <pb n="55" />
        ﻿4 7

war ebenfalls nur auf 50 Jahre gegründet worden, ihre Konzession
erlischt 1946. Ihr Aktienkapital betrug 2 Millionen fl. Im Ver-
ein mit den »Pechelbronner Oelbergwerken« und kraft eines
mit der »Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft« ge-
troffenen Uebereinkommens begann sie zur Sicherung und Erhö-
hung ihres Absatzes 1903 mit dem Strassenwagenbetrieb. Es
stehen also die beiden bedeutendsten elsässischen Gesellschaften
mit den Amerikanern in enger Verbindung! An Dividenden ver-
teilte die »Walburg« 1897'—1904: 7, 5, 5, 6, o, o, o, 0%. Sie
förderte 1898: 6815 tons, 1899: 5651 tons, 1901 : 4606 tons,
1902 : 4598 tons, 1903 : 4023 tons Rohöl.

Im Dezember 1905 wurde die Gesellschaft für den Preis
von 1950000 Mark oder 1 170000 fl. verkauft, sodass die
Aktionäre (es waren 1600000 fl. begeben, während ausserdem
eine Obligationsanleihe von 500000 fl. bestand) etwa 45 % zu-
rückerhalten. Die Käuferin ist die »Deutsche Tiefbohrgesellschaft«
A.-G. in Nordhausen. Mitte Juli 1906 gingen auch die Pechel-
bronner Oelbergwerke durch Kauf in den Besitz der Deutschen
Tiefbohrgesellschaft über, die also jetzt die gesamte Oelproduktion
des Eisass in ihrer Hand vereinigt.

Was endlich den Halle-Zeitz-Weissenfelser Braunkohlenbezirk
anlangt, so produziert er, wie schon kurz erwähnt, ausschliesslich
»Solaröl« — ein schweres, auf den gebräuchlichen Lampen schlecht
oder garnicht brennendes, aus Braunkohlenteer destilliertes Oel.
Der Teer selbst wird aus bituminösen Erden gewonnen. In Frage
kommen für die Industrie 9 Unternehmungen mit zusammen 35
Schwelereien und 13 P'abriken, die sich zu einem Verkaufssyndi-
kat mit dem Sitz in Halle zusammengeschlossen haben. Je nach
der Ergiebigkeit der gewonnenen Teere schwankt die Produktion
von Solaröl in den einzelnen Jahren naturgemäss sehr, geht aber,
wie es scheint, im grossen und ganzen erheblich zurück. Nach
von befreundeter Seite gewordenen Mitteilungen soll der P'ett-
gehalt der bearbeiteten Braunkohlenflöze ausserordentlich zurück-
gegangen sein, und zwar von rund 38% vor 10—15 Jahren auf
jetzt 5—6 %. Die »Dörstewitz-Rattmannsdorfer Braunkohlen-Ges.«
produzierte

1903/04 aus 19030 dz. Teer 789 dz. Solaröl u. Photogen (= ca. 4V7 %)

1904/05 » 18 366 »	» 973 ,	»	(= » s1/* %)

Die A. Riebeck’schen Montanwerke, die weitaus wichtigste Solar-
ölproduzentin des Bezirks, gewannen 1902 aus 27305 tons Teer
        <pb n="56" />
        ﻿48

nur 1006 tons Solaröl. Die Gesamtproduktion des Bezirkes be-
rechnet sich, wenn das obige Ergebnis der Gesamtproduktion zu-
grunde gelegt wird (etwa 65 400 tons), auf nur rund 2400 tons
im Jahre 1902, d. s. etwa 167000 Fass oder ungefähr dreimal so
viel, als Leipzig Bedarf hat. Für 1903 taxiere ich die Gesamt-
solarölproduktion auf rund 2200 tons, für 1904 bei einer Teer-
produktion von etwa 80300 tons auf rund 3150 tons.

Als Leuchtöl hat das Solaröl nur einen lokal sehr beschränkten
Markt — ausser in der Produktionsgegend selbst nur noch das
Erzgebirge und das Vogtland. Weitaus am meisten wird es als
Motorenöl verwendet. Die Preise, die im Einkauf beim Syndikat
1902/1903 durchschnittlich noch Mark 15.25 per IOO kg betrugen,
flauten im Laufe des Jahres 1903 bis auf Mark 13.78 ab und
gingen seitdem noch etwas weiter herunter — teilweise unter dem
Einfluss der sich vergrössernden Industrie der Lüneburger Heide.

Die deutsche Solarölindustrie kann sich rühmen, vom Trust
nicht umworben und vollständig »unabhängig« zu sein. Das hat
seinen guten Grund. Sie ist eben nicht berufen, eine irgendwie
entscheidende Rolle auf dem deutschen Markte zu spielen oder
gar, wie man gehofft hat, ein Vorkämpfer im Kampf gegen die
St.O.C. zu sein. Selbst gesetzt den Fall, es würden grosse neue
fetthaltige Kohlenflöze entdeckt. (NB.! Früher wurde Tagebau
betrieben, die Gestehungskosten waren also niedriger, während
man jetzt schon fast überall in die Tiefe gehen muss), so hätte
der Trust es doch stets in der Hand, im geeigneten, d. h. für
ihn gefahrdrohenden Augenblick durch Werfen der Preise die
Produktion unrentabel zu gestalten und die P'abriken dadurch zu
entwerten.

Ueberblick.

Nachstehende Aufstellung über die Gesamtrohölproduktion
der Welt ist für die Jahre bis einschliesslich 1904 der Zeitschrift
»Plutus« (1905, 39, S. 756) entnommen. Die Zahlen bedeuten
Millionen Tonnen.

	1902	1903	1904	1905
Vereinigte Staaten	10,980	12,557	*5	über 17
Russland	10,950	Io,32o	10,6	6,72
Niederländisch Indien	o.732	0,830	1,0	
Galizien	0,576	0,7*4	0,827	0,802
Rumänien	0,310	0,384	0,496	0,615
Brit. Indien	0,209	0,325	0,404	
Andere Länder	0,270	0,250	0,250	
	24,027	25,380	28,577
        <pb n="57" />
        ﻿— 49 —

Der prozentuale Anteil der einzelnen Länder betrug:

	1900	1901	1902	1903	1904
Vereinigt. Staaten	42,41	42,23	48,25	51,74	52,50
Russland	5L38	5L49	43,5°	38,73	37,12
Nieder-Indien	1,83	1,84	3U5	3,4°	3,50
Galizien	1,97	1,96	2,24	2,67	2,90
Rumänien	0,85	0,85	I , I I	1,42	1,74
Britisch-Indien	0,87	0,86	0,87	1,29	1,40
Japan	0,36	0,67	0,64	0,49	! 0,82
Deutschland	0,l8	0,19	0,20	0,23	
Andere Länder	0,04	0,02	0,02	0,03	j

Bemerkenswert ist das dauernde Abfallen der russischen und
das Wachsen der Produktion sämtlicher anderer Länder. Im
einzelnen ist noch Folgendes zu erwähnen:

In Amerika sind 85—90% der gesamten Produktion in
den Händen des Trusts. Berücksichtigt man, dass sich dieser eine
ausgezeichnet eingerichtete und funktionierende Absatzorganisation
in fast allen Teilen der Welt geschaffen hat, und dass das ameri-
kanische Rohöl durchschnittlich einen relativ weit höheren Prozent-
satz an Leuchtöl enthält als sein hauptsächlichster Konkurrent,
das kaukasische Oel, so tritt die absolute Ueberlegenheit Amerikas
und insbesondere des Trusts noch viel klarer hervor, als die Zahlen
auf den ersten Blick erkennen lassen.

Russlands Produktion hat sich in den letzten Jahren
nicht vergrössert, ist 1905 sogar merklich zurückgegangen. Infolge
der chemischen Zusammensetzung seines Erdöls ist es besonders
auf die Erzeugung von Masut angewiesen. Die Leuchtöl-
produktion steht erst an zweiter Stelle. Es ist jedoch zu be-
merken, dass erst der kleinste Teil des als petroleumhaltig er-
kannten Terrains ausgebeutet ist. Die Zukunft kann noch grosse
Ueberraschungen bringen.

bür Galizien ist bemerkenswert die verhältnismässig ausser-
ordentlich langsame Steigerung der Oelgewinnung. Die Oel-
horizonte liegen sehr tief, die Produktion ist zersplittert, die Raf-
fination noch nicht gleichmässig genug, die Exportorganisation
noch nicht ausgebaut und beruht auf unsicherer Grundlage — alles
in allem: die Aussichten sind einstweilen noch recht schlecht. —

In Rumänien hat die Beteiligung soliden deutschen Kapitals
eine entschiedene Wandlung zum Besseren hervorgerufen. Die Pro-
duktion ist noch gering, doch ist die Absatzorganisation gesund
und ausbaufähig.

Die anderen Erdölproduktionsländer kommen für Europa nicht

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 20.	4
        <pb n="58" />
        ﻿5°

in Betracht oder aber ihre Produktion ist zu minimal, als dass sie
irgend welchen Einfluss auf die Gesamtheit haben könnte.

Mitte 1906 haben sich die unabhängigen amerikanischen Roh-
ölproduzenten (Shell), die Russen und die Rumänen geeinigt.
Das Kartell kontrolliert also ungefähr 2/5 der Weltproduktion
an Rohöl. Dass dieser Zusammenschluss dem bis jetzt all-
mächtigen Trust gefährlich werden kann, dürfte kaum zu bezwei-
feln sein.
        <pb n="59" />
        ﻿5i

II.	Die Verhältnisse in Deutschland.

a)	Bis zur Aufnahme des Strassenwagenbetriebes.

Der Petroleumhandel zeigt vermöge der Eigenart der von ihm
vertriebenen Ware kaufmännisch und volkswirtschaftlich ein ganz
anderes Gesicht als der Handel in andern Produkten. Bei ihm
handelt es sich nicht so sehr wie bei anderen Artikeln um eine
durch Verschiedenheit der Preise zum Ausdruck gebrachte wirk-
liche grössere Qualitätsdifferenz. Mag das Oel amerikanischer,
russischer, österreichischer oder was sonst für welcher Herkunft
sein, immer wird die Beurteilung in der Hauptsache auf nur wenige
Punkte sich richten; besonders auf das spezifische Gewicht, denn
meist wird das Petroleum im Detailhandel nach Litern verkauft,
während es oft noch jetzt und bis vor wenigen Jahren stets nach
Gewicht eingekauft wurde.

Wie aus untenstehender Tabelle ersichtlich, ist das spezifische
Gewicht bei den verschiedenen Handelsmarken ziemlich gleich und
differiert höchstens um etwa 25 g. Bei einem Barometerstände
von 760 mm und einer Temperatur von -j- 150 C wiegt

gewöhnl. amerikanisches Oel (D.-A.-P.-G., P.-O.C.) ca. 800 g

gewöhnl. russisches Oel
russisches Meteor-Oel
galizisches Oel
rumänisches Oel
Mischöl

Texasöl (P.P. a.G)

» 825 »

» 800—810 g

» 810 g

» 805—810 g
* 805—815 g
» 820 g

Im Winter ist das Gewicht um ca. 10 g höher. Zumeist ist
es abhängig von dem molekularen Aufbau der Oele, d. h. in der
einen Sorte sind mehr »Kernöle« enthalten als in der andern;
weniger von der mehr oder minder geringen Beimischung von
Fremdstoffen. Aber ein grosser Teil des Handels und des Kon-
sums nimmt hierauf wenigjRücksicht, meist deshalb, weil — er
nichts davon versteht. Die meisten Händler sind überhaupt nicht

4*
        <pb n="60" />
        ﻿52

imstande, den Kilopreis, zu dem sie abgeschlossen haben, genau
in den Literpreis umzurechnen. Der Vollständigkeit halber gebe
ich hier ein Schema:

Der Detaillist möge geschlossen haben

p. ioo kg inkl. Fass ab Leipzig, per September	Mk. 23.50

Frachtkosten und Rollgeld	»	1.50

Monatl. Aufschlag v. 20 Pfg., durchschnittl. p. Dez. gerechnet »	—,60

Mk. 25.60

Fasspreis (Mk. 5.— p. Fass v. 180 kg brutto; per 100 kg,

ca. 2/s = Mk. 3.50
Mk. 22.10

Dieser Netto-Kilopreis wird, um den Literpreis zu erhalten, mit
dem spezifischen Gewicht multipliziert. Da das am meisten ge-
handelte amerikanische Standard white ein solches von ca. 800 g
besitzt, kommt man auf einen Literpreis von 17.68 Pfg. Handelt
es sich aber um ein schweres Oel, wie russisches oder Mischöl,
so muss der Netto-Kilopreis statt mit 0.8 mit 0.82 multipliziert
werden, so dass sich ein Literpreis von 18.12 Pfg., also ein um
1/2 Pfg. per Liter höherer Preis, herausstellen würde. Aber das
schwerere spezifische Gewicht dieser Sorten wird meist gar nicht
berücksichtigt; obendrein sind viele Händler der Ansicht, sie
erhielten das Fass einfach geschenkt. Sie bedenken dabei nicht,
dass es in den Kilopreis schon hineinkalkuliert ist und dass sie
im Einzelverkauf bei weitem nicht die in Berechnung gezogenen
5 Mk., den Engrospreis, sondern viel weniger erhalten, so dass
sich ihre Rechnung also noch schlechter stellt. Ein Temperatur-
unterschied von i° C macht eine Differenz des spezifischen Ge-
wichts von 0,0007 aus. Wiegt also ein Oel bei -f- io° C z. B.
810 g, so würde es bei —150 C 8o6'/2 g, bei + 180 C ca. 804^2 g
wiegen.

Ein zweiter Bewertungsgrund ist natürlich die Brennfähigkeit
(gleichmässige, gelbe Flamme ohne Flackern, Geruch und Docht-
verkohlung) des Petroleums. Aber hierbei ist darauf hinzuweisen,
dass man mit vollem Rechte jedes Oel als das beste erklären
kann. Tatsächlich operieren die verschiedenen Gesellschaften mit
Analysen vereideter Chemiker, nach denen gerade i h r Oel das
vorzüglichste ist. So besitze ich u. a. eine vergleichende Analyse
von Dr. Ad. Langfurth, Altona (27/9. 02), die zu Ehren des gali-
zischen Petroleums angefertigt wurde. Er schreibt: »Sämtliche
von mir untersuchten österreichischen Petroleumsorten sind dem
mir übergebenen Vergleichspetroleum auch an Leuchtkraft über-
        <pb n="61" />
        ﻿53

legen, sie verbrauchen pro Stunde und Kerze weniger Material . . .
Gehalt an eigentlichen Brennölen (zwischen I 50 und 300° siedend)
bei drei Mustern 6i1/2 resp. 65 resp. 66 cm3, bei zwei amerikani-
schen Mustern nur 39J/2 resp. 33 cm3«. Und dabei ist galizisches
Petroleum, unvermischt, auf den in Deutschland gebräuchlichen
Brennern in der Regel einfach nicht zu gebrauchen! Auf solche
Analysen kann man überhaupt nichts geben. Es kommt da meist
nur auf die Lampe selbst (Luftzufuhr) und auf den Zylinder an.
Der Kuriosität halber füge ich noch einen Auszug aus der Broschüre:
&gt;Physikalisch-photometrische Untersuchungen« von Curt Prcessdorf,
Altenburg, bei, die er veröffentlichte in der ausgesprochenen Ab-
sicht, die Minderwertigkeit des amerikanischen Standard white dar-
zutun. Allerdings, »beweist« er, dass es »nicht das beste« ist,
auf einer Lampe. Vergleicht man aber die Beobachtungen
desselben Verfassers auf einer andern nach seinen eigenen An-
gaben in Deutschland weitverbreiteten Lampe, so
wird das Resultat gerade umgekehrt.

	14"" Rundbrenner »Cosmos« W. &amp; W.		14"" Patent Reform Rund- brenner S. &amp; B.	
	Hefnerkerze	Verbrauch pro Hefnerlicht- stunde	Hefnerkerze	Verbrauch pro Hefnerlicht- stunde
»Amer. Family Oil«	12,28	3,48 g	14,55	3,26 g
Rein Pennsylvan. Oel	13,54	3,26 »	13,14	3.20 »
V2 Pennsylvania ‘/2 Texas	13,49	3,13 »	12,18	3,3° »
Vs	»	V2 Galizv	12,73	3,49 »	14,12	3,24 »
V2	»	Vs Russ.	13,10	3,— »	n,6o	3,16 »
Russisches »Meteor«r 0,810	11,62	3,19 »	11,51	3,24 .
»	»	0,799	11,44	3,46 -	10,49	3,38 »
»	»Nobel« 0,824	9.97	3,45 »	9,97	3,75 »
Galizisches Oel	i°.53	3,60 »	9,56	3,73 »
Rumänisches (leicht)	11,76	3,43 .	10,92	3,55 »
*	(schwer)	1 o,3S	3,48 »	9,34	3,89 »
Texas Oel	8,54	4,o3 »	9,06	3,89 »

Die Gele, die sich nach Lichtstärke oder Oelverbrauch besser
stellen als das »American Lamily Oil«, sind durch stärkeren Druck
hervorgehoben.

Bei jeder anderen Warengattung, nehmen wir Kaffee, Tabak,
Wolle oder was wir wollen, wird jede einzelne Lieferung besonders
und differentiell bewertet. Da spricht das Aussehen, der persön-
liche Geschmack, die Verwendbarkeit zu einem bestimmten Zwecke,
das momentane Bevorzugtsein einer bestimmten Nuanzierung (Perl-
kaffee, mausgraue Tabake!), da sprechen ausserdem eine ganze
        <pb n="62" />
        ﻿54

Menge subtiler und subtilster Bewertungsgründe mit. So entstehen
manchmal ausserordentlich hohe Preisunterschiede.

Beim Petroleum nichts dergleichen. Man kauft einfach »Petro-
leum« und kümmert sich wenig darum, woher es kommt, wenn es
nur brennt und vor allem billig ist. Ob es weiss aussieht, wie
das russische oder schön blau fluoresziert wie das amerikanische,
ist dem Verbraucher einerlei. Oft wird das amerikanische Oel im
Kleinhandel nur deshalb bevorzugt, weil es »amerikanischen« Ur-
sprungs, also etwas P'eines, Besonderes ist! Gerade dieser Um-
stand hat dem Import amerikanischer Leuchtöle ungeheuer genützt.

Diese Indifferenz des Konsumenten blieb nicht ohne Einfluss
auf den Pländler. Was die Grosshändler anlangt, so waren sie
meist durch langfristige Verträge der Gesellschaft, von der sie
bezogen, verpflichtet und genossen dafür längeres Ziel und Vor-
zugspreise. Andererseits hatten sie dann wieder die Detaillisten
durch mannigfache Geschäftsverbindungen, oft auch durch Vor-
schüsse, Hypotheken etc. fest an der Hand. Da obendrein die
Qualität der gelieferten Ware, besonders seit der Annahme des
fire-test-Punktes, ziemlich gleich blieb und Preistreibereien zu den
Ausnahmen gehörten, so gewöhnten sich die kleineren Händler,
stets nur bei einem Grossisten zu kaufen und im Herbst friedlich
den Winterbedarf abzuschliessen, um für die Hauptbedarfszeit einen
festen Preis zu haben. Im Sommer, wo die Preise herabzugehen
pflegten, kaufte man dann wieder loko.

Ein zweiter Umstand, der dem Petroleumhandel seine eigen-
tümliche Signatur auf drückt, ist die wegen der Feuergefährlichkeit
umständliche und wegen der bituminösen Bestandteile wenig rein-
liche Lagerung und Behandlung des Artikels. Besonders erst-
genannter Umstand fällt sehr ins Gewicht und hat veranlasst, dass
Aufbewahrung und Handel mit Petroleum mannigfachen scharfen,
oft zu scharfen feuer- und gesundheitspolizeilichen Bestimmungen
unterliegen, mehr als irgend ein anderer Konsumartikel. Ganz
natürlich, denn jede Regierung hat die Pflicht, ihre Untertanen
vor Schaden möglichst zu bewahren.

Nicht zum mindesten sind es diese gesetzlichen Vorschriften,
die den jetzt im Aussterben begriffenen Gross- und Zwischenhandel
seinerzeit grossgemacht haben. Andere Waren, selbst wenn sie
leicht Feuer fangen können, wie Tabak, Getreide, Baumwolle,
Kohle können überall in beliebigen Quantitäten ohne besondere
Sicherungsmassregeln gelagert werden, Petroleum dagegen nicht.
        <pb n="63" />
        ﻿SS

Die Beschränkungen beginnen schon bei der Einfuhr, wo ein
bestimmter Entflammungspunkt »fire-test« (210 C bei 760 mm
Barometerstand) gefordert ist. Jede ankommende Ladung wird
vor der Freigabe zur Entlöschung genau daraufhin untersucht.
Dies ist eine nur zu billigende Massnahme, und man hat durch
sie die Einfuhr von leicht explodierbaren Oelen, die vor Fest-
setzung des »Testpunktes« (1882) zum Schaden von Menschen-
leben und Gut sehr im Schwange war, unmöglich gemacht. Seit
der Zeit sind Explosionen von Petroleumlampen nur noch Aus-
nahmen. Sie kommen zwar noch häufig genug vor, liegen aber
nicht so sehr in der Feuergefährlichkeit der Ware als solcher als
vielmehr in unvorsichtiger Behandlung und im Zufall begründet.

Einer scharfen feuerpolizeilichen Ueberwachung sind die
grossen Lager (»Verladestellen«) unterworfen. Wenn schon in-
folge des spezifisch geringen Eigenwertes des Petroleums ein aus-
gedehnter Lagerplatz zur Aufnahme einer grösseren, verhältnis-
mässig aber garnicht so wertvollen Menge nötig ist und infolge-
dessen nur auf billigem Gelände und von kapitalkräftigen Firmen
angelegt werden kann, so sind vollends wegen der unbedingt not-
wendigen Sicherungsbestimmungen, die die Anlage noch mehr
verteuern, nur wenige Plätze hierfür geeignet. Bei Lagerung von
über 5000 kg findet jetzt fast stets Aufbewahrung in Tanks statt.
Sind diese, wie die Tanks von mehr als 50 tons Inhalt immer,
oberirdisch, »so darf die Lagerung nur auf besonderen Lagerhöfen
ausserhalb der geschlossenen Ortslage erfolgen«. Um diese La-
gerhöfe muss ein feuersicherer Erdwall aufgeschüttet werden, der
in seiner Umwallung »mindestens drei Viertel der grössten ge-
nehmigten Lagermengen aufnehmen kann«. Ferner müssen sie
auf allen Seiten von einer 50 m breiten Schutzzone umgeben sein,
die als Teil des Lagerhofes gilt und deren Fortbestand rechtlich
sicher zu stellen ist. Die Tanks selbst sind mit Blitzableitern zu
versehen. Ausserdem sind natürlich detaillierte Vorschriften über
den Gebrauch von Licht, über das Bauen von Arbeitsräumen
innerhalb des Lagerhofes, das Ableiten der Dämpfe aus den
Tanks durch kleine Schornsteine, vorrätig zu haltende Atmungs-
apparate u. s. w. zu beachten. Die grossen Verladestellen, wie
Nordenham , Geestemünde (der Kaiserhafen in Bremerhafen —
Geestemünde war ursprünglich nur als Petroleumhafen projektiert),
Hamburg (besonderer, gut 120 000 qm grosser Petroleumhafen —
(die D.-A. P.-G. hat in ihm allein 13 Tanks mit einer Gesamtfassungs-
        <pb n="64" />
        ﻿56

menge von 167000 Fass stehen) u. s. w., wo eine ganze Anzahl
Tanks — ä je ca. 14000 Fass Inhalt! — zusammensteht, erfor-
dern demgemäss ein Areal, das nach Zehntausenden von qm
misst.

Auf diesen dem übrigen Warenverkehr entzogenen Plätzen
pflegen übrigens auch die grossen Fasslager, Fassfabriken und
Reparaturwerkstätten zu liegen, sodass eine solche Anlage mit-
unter eine imposante Grösse erreicht.

Aber auch schon die Fassläger der lokalen Grosshändler
mussten eine relativ erhebliche Ausdehnung haben, umsomehr,
da für die Hauptbedarfszeit, während der eine Zufuhr oft nur
unter Schwierigkeiten möglich war, immer genügend Vorrat da-
sein musste. Da ausserdem bei diesen Lägern hohe Leckage un-
vermeidlich war, stellte sich die Lagerung schon an sich sehr
teuer, jedenfalls verhältnismässig viel teurer als diejenige in
Tanks.

Alle diese eben erwähnten Umstände wirkten zusammen,
um den Petroleumhandel in der Hand verhältnismässig weniger
Grossisten zu konzentrieren, zunächst in der der Importfirmen.

Als die Amerikaner daran dachten, ihr Produkt auf dem
deutschen Markte einzuführen, stiessen sie zuerst auf grosse
Schwierigkeiten. Niemand wollte sich mit dem feuergefährlichen
und ekelhaften Steinöl, dessen Absatzfähigkeit man damals noch
nicht entfernt ahnte, befassen. Erst nach längerem Zaudern ent-
schlossen sich der Geestemünder Spediteur Wilh. A. Riedemann
und die Bremer Firma Alb. Nie. Schütte &amp; Sohn, Inhaber die
Brüder Franz Ernst und Karl Schütte , die Vertretung zu über-
nehmen. Der Versuch glückte, und Millionen auf Millionen
rollten den glücklichen Mitbegründern und genialen Leitern der
Deutsch-Amerikanischen-Petroleum-Gesellschaft in den Schoss.
Bald darauf kamen noch einige andere Firmen, Bremer und Plam-
burger, hinzu.

Der ganze Handel beschränkte sich naturgemäss zuerst nur
auf das Fassengrosgeschäft. Die gefüllten Fässer kamen auf
Seglern herüber, wurden im Hamburger und Bremer Hafen ein-
gelagert und in Quantitäten von meist je mehreren hundert Fass
an die grösseren binnenländischen Grossisten abgesetzt, die ihrer-
seits nicht immer schon direkt an die Detaillisten, oft erst noch
wieder an kleinere Platzgrossisten ladungs- oder fassweise ab-
setzten. Aus den Holzfässern in den Läden der Detaillisten
        <pb n="65" />
        ﻿— 57 -

wurde das Oel dann endlich in die von den Kunden mitgebrac
Gefässe gefüllt.

Dies ist in rohen Umrissen das Petroleumgeschäft vor kau
20 Jahren! Wie ganz anders jetzt! Radikale Aenderungen ha-
ben den Erwerb sehr vieler Existenzen ganz vernichtet oder doch
erheblich geschmälert, ein ganzer blühender Handelszweig ist
nahem Untergange geweiht, aber das Geschäft als solches nimmt
von Jahr zu Jahr riesenhaftere Dimensionen an, trotz Gas, Elek-
trizität und Spiritusglühlicht. Die Gesamteinfuhr stieg beständig,
von 320731 tons im Jahre 1880 auf 1106282 tons im Jahre 1903,
also während dieser Zeit auf über das Dreifache. Auch der Be-
darf pro Kopf steigt noch immer. Er betrug im Durchschnitt der
Jahre

1866/70 :	1,87	kg	1896/1900	16,97	kg
1871/75 :	3,75	»	1901	16,89	»
1876/80 :	5,4°	»	1902	16,87	»
1881/85 =	8,54	»	1903	17,37	»
1886/90 :	I I,6l		1904	17,35	»
1891/95 :	14,82	»			

Petroleum ist ein Massenartikel xax’ e^oX'fyv. Grosse Quali-
tätsunterschiede sind, wie bereits eingangs erwähnt, nicht vor-
handen. Reklame wäre bei der eigentümlichen Gestaltung des
Zwischengrosshandels zwecklos gewesen. So blieb beim Zusam-
menprall der mächtigen Interessentengruppen im Kampfe um den
Markt nichts anderes übrig, als möglichst billig zu verkaufen.
An der Ware selbst konnte man aber wegen ihres sehr geringen
spezifischen Eigenwertes unter normalen Verhältnissen nichts
verdienen. Es blieb also nur ein Weg: Verbilligung des Trans-
ports durch Verkürzung des Weges vom Importeur zum Detail-
listen. Durch den Zwischenhandel wurde die Ware übermässig
verteuert. Seine Ausschaltung war einfach ein Gebot der Zweck-
mässigkeit, ja der Notwendigkeit. Die Marksteine auf dem Wege
von dem eben geschilderten Verhältnis bis zum heutigen sind
also die folgenden: Verbilligung des Transports an sich, Vermin-
derung der Leckage, Ausschaltung des Zwischenhandels. Zu-
nächst musste man sein Augenmerk auf ersteren richten, um sich
erst einmal eine geeignete Operationsbasis zu schaffen.

Wie man, zuerst in Amerika, den Transport des Oeles in
Holzfässern verliess und diese durch eiserne Emballagen ersetzte,
wie man Tanks, Tankschiffe, Röhrenleitungen baute, ist schon
kurz erwähnt worden. In Deutschland machte man sich die drü-
ben gemachten Erfahrungen bald zu nutze: schon 1886 liefen die
        <pb n="66" />
        ﻿58

ersten eisernen Kesselwagen, die Riedemann und Schütte hatten
erbauen lassen. Ein grosser Ausbau ihres Wagenparkes erfolgte
1890 nach ihrem Eintritt in die Deutsch-Amerikanische Petroleum-
Gesellschaft. Sodann wurden im Binnenlande an grösseren gün-
stig gelegenen Handelsplätzen grosse Reservoire erbaut, eiserne,
zylindrisch geformte Behälter, die ein Quantum von 14000 Bar-
rels fassen konnten. In diese wurde jetzt das durch die rund
7500 tons fassenden Seetankdampfer herübergeschaffte Oel, nach-
dem es durch Flusstankschiffe oder Leichter stromaufwärts trans-
portiert war, durch Maschinenkraft hineingepumpt. Solche grössere
Niederlagen bestehen jetzt in allen Hauptumschlagsplätzen, in
Stettin, Küstrin, Posen, Neusalz a. O., Breslau, Stralsund, an der
Elbe ausser in Hamburg in Harburg, Magdeburg, Rosslau, Riesa
und Dresden, in Berlin, in Geestemünde, Nordenham, Duisburg,
Düsseldorf, Bendorf, Mannheim, Frankfurt a. M., Strassburg,
Basel, Hüningen. Der Transport geschieht während des ganzen
Jahres, meist jedoch im Sommer und Herbst, wo die Flüsse eis-
frei sind und die Zeit des geringeren Konsums ist, die Arbeits-
kräfte also anderweitig nicht so in Anspruch genommen sind.
Gegen Oktober hin sind die Tanks dann alle möglichst gefüllt.

Einen wie enormen Vorteil dieses System gegenüber einer
nicht durch ein leistungsfähiges Netz von Inlandslägern gestützten
Gesellschaft bietet, war besonders 1904 ersichtlich. Wie erinner-
lich, zeichnete sich dies Jahr durch eine früh einsetzende und un-
gewöhnlich lange dauernde Periode grosser Trockenheit und nie-
drigen Wasserstandes aus. Die Binnenschiffahrt wurde in wei-
testem Umfange lahmgelegt. Als hiervon mit am schwersten ge-
troffen, greife ich Sachsen heraus. Die Läger der Deutsch-Ame-
rikanischen-Petroleum-Gesellschaft (»D.-A. P.-G.«) in Rosslau und
Riesa waren infolge weitsichtiger Transportpolitik zum Bersten
gefüllt, während die derzeit schärfste Konkurrenz, die Pure Oil Co.,
ihr kleines Riesaer Lager vollständig geräumt hatte und sich nun
vor die Notwendigkeit gestellt sah, sich Oel aus den Hafenplätzen
zu verschaffen. Der Leichterverkehr auf der Elbe hatte einge-
stellt werden müssen, der Landtransport blieb der einzige Weg.
Tausende von Fässern gingen leer nach Stettin und wurden von
dort aus (25% Tarafracht!) gefüllt wieder versandt, und ihre Zi-
sternen holten das Oel aus Stettin, Plamburg, Ludwigshafen und
gingen von dort wieder nach Leipzig, Chemnitz etc. zurück. Wie
grosse Frachtdifferenzen in Frage kommen, möge folgende Zu-
        <pb n="67" />
        ﻿59

sammenstellung zeigen.

Nach freundlicher Mitteilung einer grossen Binnenschiffahrts-
gesellschaft beträgt die Kahnfracht für Petroleum (in Tankkähnen)
von Hamburg nach Rosslau 12, nach Dresden 15 Pfg. p. IOO kg.
Dazu kommen noch etwa 15 bez. 25 Pfg. p. IOO kg Schlepp-
lohn. Also käme eine Gesamtfracht von 27 Pfg. p. IOO kg von
Hamburg nach Rosslau heraus, welcher Satz sich jedoch für die
D.-A. P.-G. noch etwas ermässigen dürfte, da diese eigene Kähne
besitzt. Demgegenüber beträgt die

Zisternenfracht (10000 lcg) Hamburg/Rosslau Mk. 1.96 p. 100 kg
Fässerfracht bei Doppelladungen (56 Fass)	» 2.45 » » »

»	»	»	(28 t&gt; )	»	2.82 » »	»

Die Pure Oil Co. musste also pro IO tons — Zisterne meh-
rere hundert Mark Mehrkosten an Fracht bezahlen! Aber nur
so war es ihr möglich, die Abforderungen auf laufende Schlüsse,
wenigstens in der Hauptsache, zu befriedigen. Lokoverkäufe
konnten überhaupt nicht gemacht werden, Schlüsse nur auf späte
Lieferung. Mehrfach kaufte sie durch Strohmänner von der D.-
A. P.-G. Diese Kalamität dauerte bis in den Winter hinein und
hatte natürlich für die Pure Oil Co. die nachteiligsten Folgen.

Nachdem einmal die grossen Binnenläger errichtet waren,
waren die Inlandsgrosshändler auf Bezug von diesen angewiesen.
Ab Seehafen konnten sie oft nicht mehr kaufen, weil ihnen die
billige Transportmöglichkeit nicht zu Gebote stand, da die Fracht-
differenz die Einstandkosten so sehr in die Höhe schraubte, dass
eine Konkurrenz gegen ab einem solchen Inlandslager kaufende
Händler meist ausgeschlossen war. Der Bau von eigenen Kessel-
wagen oder gar Tankkähnen verbot sich von selbst. Auch wenn
der Grosshändler die Fässer auf dem Wasserwege gehen lässt,
kommt er schlechter weg als die Gesellschaft. Denn einmal
muss er die von den Schiffahrtsgesellschaften geforderten Sätze
bezahlen, sodann findet er nicht immer rechtzeitig einen Leichter,
der Petroleum mitnimmt, denn die gesetzlichen Bestimmungen
über den Wassertransport grösserer Petroleummengen sind ziem-
lich peinlich. Aber wenn er auch ein Schiff findet, so muss er doch
immer mehr Räume mieten, als er eigentlich gebraucht, aus dem
einfachen Grunde, weil Petroleum nicht nahe an andere Güter
verstaut werden darf. Diese ziehen entweder den Geruch an
oder leiden unter der unausbleiblichen Leckage. Die D.-A. P.-G.
dagegen kann als alleinige Verfrachterin den ihr zur Verfügung
        <pb n="68" />
        ﻿6o

stehenden Schiffsraum voll ausnutzen und ist durch ihren eigenen
Schiffs- und Wagenpark in den Stand gesetzt, nach und nach
in den Sommer- und Herbstmonaten die grossen Binnenläger und
aus diesen, auch immer rechtzeitig, die kleineren Läger an den
einzelnen Tankbetriebsstationen zu füllen. Im Winter werden die
Zisternen mehr für Grossisten gebraucht. Die Auffüllung der in
den kleinen Tanks für den eigenen Betrieb lagernden Mengen
kann aber unter diesen Umständen dann meist so lange hinaus-
geschoben werden, bis die Zisternen wieder frei sind. So kommt
die D.-A. P.-G. mit einem verhältnismässig sehr kleinen Wagen-
park aus — etwa eine Zisterne für jede Tankbetriebsstelle, im
ganzen etwa 750 Stück (nach freundlicher Angabe der D.-A. P.-G.).

Von grossem Einfluss ist ferner die Leckage. Auch die
bestgearbeiteten B'ässer leiden durch die Witterung. Die Reifen
springen, die Fugen lockern sich, und ein oft sehr hoher Pro-
zentsatz des Inhalts geht verloren. Die D.-A. P.-G. dagegen ist
durch den Transport in Tankkähnen vor solchen Verlusten ge-
schützt. Auf jeden Fall ist das Untergewicht unverhältnismässig
viel kleiner und dürfte, bei einem Transport von Hamburg nach
Dresden z. B., nicht mehr als höchstens 1/2 % betragen gegen
das Mehrfache beim Fassversand. Durch längeres Lagern in
Fässern löst sich auch häufig der Leim. Das Oel wird trübe.
Es klärt sich zwar grösstenteils durch Lagern wieder, ein nicht
unerheblicher Prozentsatz bleibt hierbei jedoch stets verloren.

Was zuletzt die Ausschaltung der Grosshändler anbelangt,
so wurde die D.-A. P.-G. auf einem ganz natürlichen Wege dazu
gedrängt. Sie ist wohl eine künstlich beschleunigte, davon ab-
gesehen aber eine geradezu notwendige Folge der Entwicklung.

Im grossen und ganzen hatte die Gesellschaft das übermässig
teure Plolzfassgeschäft schon abgeschafft: sie hatte die Segler durch
Tankdampfer ersetzt (bezog also keine Holzfässer mehr aus Ame-
rika), hatte eiserne Kesselwagen gebaut, errichtete überall Tanks.
Andererseits füllten auch schon vielfach die Kleinhändler das
fassweise gekaufte Oel in eigene eiserne Pumpbehälter. Die
einzigen, die also noch Holzfässer gebrauchten, waren die lokalen
Grosshändler. Nun war die D.-A. P.-G. die einzige Gesellschaft,
die eigene Fassfabriken hatte. Die Herstellungskosten eines
Fasses sollen sich auf rund 5.50 Mk. stellen. Durch den Ver-
kauf von Fassöl ging das Fass in das Eigentum des Käufers über.
Die andern Gesellschaften waren also in der Lage, es von diesem
        <pb n="69" />
        ﻿6i

zu erwerben, und zwar zu einem billigeren Preise (Mk. 475 bis
höchstens Mk. 5.40 im Durchschnitt), obwohl es jetzt besser war
als neu. Denn neue Fässer halten beim ersten Transport schlecht;
erst nach zwei-, dreimaliger Verfrachtung und Verböttcherung
kann man sie als »gut« bezeichnen. Also hatte die D.-A.-P.-G.
ausser der Mühe der Herstellung, aus§er ihren tatsächlichen Ver-
lusten an den Fässern selbst noch die höhere Leckage zu tragen.
Ganz natürlich war es, dass sie auf Abhilfe sann. Jetzt hat sie
ihre Geestemünder Fassfabrik schon seit längeren Jahren still-
liegen und kauft die Fässer grossenteils nur noch auf dem Markte
zusammen.

Dass der selbständige Inlandsgrossist gegen den oben ge-
schilderten grossartig funktionierenden und rationell arbeitenden
Betrieb der D.-A.-P.-G. nicht aufkommen konnte, ist klar. Er
machte deshalb aus der Not eine Tugend und kaufte nur mehr
ab einem der grossen Inlandsläger. Dadurch geriet er allerdings
in ein ziemlich festes Abhängigkeitsverhältnis zur D.-A.-P.-G. oder
richtiger gesagt, lieferte sich ihr auf Gnade und Ungnade aus.
Denn wenn er, wie der sächsische Grossist, z. B. »ab Rosslau,
Riesa, Dresden« kaufte, so brauchte er naturgemäss kleinere
Quanten abzunehmen, als er bei direktem Bezüge »ab Bremen—
Hamburg« abgenommen haben würde. Er kaufte nicht mehr so
viel Ware auf Vorrat, sondern rief sie nach Bedarf ab. Bald
war er garnicht mehr auf grössere Bezüge eingerichtet, bezog in
geliehenen Zisternenwagen, geliehenen Eisenfässern, kurz, gab
seine selbständige Stellung ganz unmerklich auf. Wenn die D.-
A.-P.-G. ihn nicht schon vorher in ein bestimmtes festes Verhält-
nis zu sich gebracht hatte, so hatte sie jetzt gewonnenes Spiel;
wie die Entwicklung der Tatsachen gezeigt hat, hat sie sich diese
Blösse der Grosshändler auch nutzbar gemacht. Hatte sie doch
jetzt eine Waffe in der Hand, der jene nicht gewachsen waren.

Zur Kaltstellung der sich ihr geneigter zeigenden Grosshändler
standen der D.-A.-P.-G. zwei Wege offen. — Handelte es sich
um grosse, alteingeführte Firmen, so kaufte sie diese oder we-
nigstens deren Petroleumgeschäft in nicht seltenen Fällen einfach
auf, wie dies z. B. bei einem bedeutenden früheren Leipziger
Grosshändler geschah. Der Absatz der aufgekauften Firmen ging
natürlich, weil absichtlich herbeigeführt und der D.-A.-P.-G. zu-
geschoben, rapid zurück. Andererseits war es dieser möglich,
durch die aufgekaufte Firma, deren Name vorläufig bestehen
        <pb n="70" />
        ﻿62

blieb, auch mit solchen Händlern Geschäfte zu machen, die von
ihr selbst nichts wissen wollten.

Mit den kleineren Zwischenhändlern machte man weniger
Umstände. Man liess ihnen die Wahl, ob sie einen Vertrag ein-
gehen wollten oder nicht. Verhielten sie sich ablehnend, so
mussten sie ihren Absatz, hoffnungslos schwinden sehen, ohne
irgend eine Entschädigung dafür zu erhalten. Die Einsichtigeren
entschlossen sich daher meist zu einem Vertrag, der ihnen we-
nigstens für einige Jahre eine angemessene Ausfallentschädigung
bot und ihnen obendrein gewisse kleine Vorteile beim Einkauf
sicherte. Die Mindestverkaufspreise waren ihnen vorgeschrieben,
Mehrforderungen durften sie stellen. Das Resultat solcher Ab-
machungen liegt auf der Hand : die Grosshändler wurden zu einem
willenlosen Werkzeug der D.-A.-P.-G. Versuchten sie wirklich
einmal die Fesseln abzustreifen, so wurden sie durch eine bru-
tale Preispolitik bald mürbe gemacht. Ein Kampf ist für sie, da
sie keinen festen Rückhalt haben und ihr Absatzgebiet beschränkt
ist, auf die Dauer aussichtslos. Um so mehr, da ihn die D.-A.-
P.-G., wenn auch unter augenblicklichen eigenen Verlusten, aus-
fechten muss. Hat sie doch an der Vernichtung des Zwischen-
handels ein vitales Interesse.

Bislang war immer nur von der D.-A.-P.-G. die Rede. Sie
ist bei weitem die bedeutendste in Deutschland arbeitende Pe-
troleumgesellschaft, operierte am ersten mit solchen Verträgen,
und ihr Vorgehen ist für die andern Gesellschaften typisch. Das
Verhältnis dieser Gesellschaften zu einander ist später noch zu
besprechen.

In ausgedehnter Weise brachte auch die Schwestergesellschaft
der D.-A. P.-G., die Mannheim-Bremer-Petroleum-Aktiengesell-
schaft, solche Verträge zur Anwendung. Sie erregten s. Zt., als zu-
erst etwas darüber in die Oeffentlichkeit drang, einen solchen
Sturm der Entrüstung, dass sie — 1897 — sogar zu einer Inter-
pellation im Reichstage Veranlassung gaben. Die Folge war,
dass einige verfängliche Klauseln beseitigt wurden, sonst aber
alles beim alten blieb.

Bemerkenswert ist, dass die Fesselung des freien Handels
nicht allein von den beiden eben erwähnten Gesellschaften, son-
dern in ganz ähnlicher Weise auch von den anderen grossen Im-
portfirmen angestrebt wird. Selbst die Pure Oil Company, die,
weil »unabhängig«, von den enragierten »Monopolgegnern« ge-
        <pb n="71" />
        ﻿63

wohnlich als der weisse Rabe hingestellt wird, verpflichtet die
von ihr kaufenden Grossisten durch Geheimverträge. Im § I eines
solchen Vertrages heisst es: »Die Firma N. N. verpflichtet sich,
Petroleum nur von der Pure Oil Co. zu beziehen . . . sowie
weder direkt noch indirekt ausser mit der Pure Oil Co. mit Pe-
troleum zu handeln«. Der § 6 enthält folgende Bestimmung:
»Die Firma N. N. hat an allen Plätzen zum gleichen Literpreise
zu verkaufen, den die Konkurrenz in H. für Lieferung ex Strassen-
tankwagen notiert. Unter keinen Umständen darf die Firma
N. N. ohne die schriftliche Genehmigung der Pure Oil Co. unter
diesem Literpreise verkaufen«. Als Aequivalent erhält N. N.
90/120 Mk. pro Zisterne ä ca. 10 000 kg.

In sozial-ethischer Hinsicht ist dieses Verschwinden eines
ehemals blühenden Handelszweiges gewiss sehr bedauerlich, aber
objektiv volkswirtschaftlich betrachtet ist es nur das Abschneiden
eines überflüssigen und unnütz Säfte verzehrenden Astes vom
Stamm. Jeder Zwischenhandel verteuert die Ware. Dieser Uebel-
stand spricht besonders bei einem Massenkonsumartikel, der auch
dem kleinsten Haushalt unentbehrlich ist, mit. Schon deshalb
ist er theoretisch sehr angreifbar. Dass er es auch in der Praxis
ist, beweist die ganze moderne Entwicklungsgeschichte; man
denke nur an den Reis- und Kohlenhandel. Die Ausmerzung
tut weh, kann aber nicht umgangen werden. Der vielverteidigte
und vielbeklagte Petroleumzwischenhandel steht nur wegen der
eigenartigen Verhältnisse des Artikels im Vordergrund des Inter-
esses, ist aber für viele andere Zweige des Zwischenhandels ty-
pisch. Ja, es ist leider Tatsache, dass aus denselben Gründen
nicht nur die »zweite Hand«, sondern der ganze Handel bei der
jetzigen Gestaltung des Wirtschaftslebens zurückgehen muss.

Dass es bei den bedeutenderen Firmen, die sich der D.-A.-P.-G.
nicht so ohne weiteres ergeben wollten, ohne harten Kampf nicht
abging, ist selbstverständlich. Der schärfste Kampf dieser Art
fand in der ersten Hälfte der 90er Jahre gegen den mit den we-
nigen Outsiders in Amerika in Verbindung stehenden Mannheimer
Importeur Philipp Poth und gegen die gleichfalls mit den noch
unabhängigen amerikanischen Produzenten arbeitenden Bremer
Grosshändler Rassow, Jung &amp; Co. statt. Doch auch diese beiden
Firmen mussten, wenn auch erst nach verzweifelter Gegenwehr,
1896 die Waffen strecken und gingen in der Mannheim-Bremer-
Petroleum-A.-G- (»M.-B.-P.-A.-G.«) auf, deren Hauptaktienstock
        <pb n="72" />
        ﻿64

und damit Kontrolle die St.-O.-C. übernahm. Zwar führte die
M.-B.-P.-A.-G. noch mehrere Jahre gegen die D.-A.-P.-G. einen
»Kampf«; nach den Flugblättern äusserst erbittert, war er in
Wirklichkeit nur ein Scheinkampf. Denn beide Gesellschaften
hatten genau abgegrenzte Verkaufsgebiete , verständigten sich
genau über die Preise etc., arbeiteten auch sonst nach einem
durchaus einheitlichen Plane. Die führende Rolle hierbei fiel der
D.-A.-P.-G. zu.

Mit der Angliederung dieser letzten grossen deutschen Im-
porteure bekam die D.-A.-P.-G. fast das ganze Geschäft in die
Hand und besass damals unbestritten das »Monopol«.

b)	Der Strassenwagenbetrieb.

Nachdem der Grosshandel im grossen und ganzen nieder-
geworfen war, entbrannte der Kampf schärfer gegen andere Gegner.

Als solche kamen damals in erster Linie die Russen in Be-
tracht. Nobel und Rothschild waren 1893 zu einer Verständi-
gung gekommen und suchten nun, durch innere Kämpfe nicht
mehr behindert, ihre Ueberproduktion auf den deutschen Markt
zu werfen. Nobel hatte schon 1884 zur Organisation seines Ex-
portgeschäfts in Deutschland die Deutsch-Russische Naphta-Im-
port-Gesellschaft (»D.-R.-N.-J.-G.«) gegründet. Dieser gelang es
Mitte der 90er Jahre, durch billige Offerten der D.-A.-P.-G. ein
grosses Gebiet zu entreissen. Machte diese 1897 noch 710 des
ganzen Geschäfts, so änderte sich das Bild seit diesem Jahre
völlig. Gegen 469447 tons 1897, sank ihr Absatz bis 1903 auf
353945 tons, ging also um 115 502 tons = rund 25 % zurück,
während in der gleichen Zeit der Absatz der andern Gesell-
schaften von 55891 auf 263 124 tons, d. h. um rund 500 %, stieg.
Den Löwenanteil hieran hatte die D.-R.-N.-J.-G.; die Oesterreicher
und die Rumänen importierten nur wenig, von der geringen
deutschen Produktion ganz zu schweigen.

Das Gegenmittel, zu dem die D.-A.-P.-G. griff, um das Ge-
schäft wieder an sich zu reissen, war ein eigenartiges und bei-
spiellos kühnes: sie fasste den Entschluss, die Zwischenhändler
jetzt ganz zu übergehen und direkt an die Detaillisten zu ver-
kaufen. Zu dem Zwecke wurden überall auf den Eisenbahnsta-
tionen unterirdische Tanks von 25 oder 50 tons Inhalt einge-
bettet, in die hinein das von Eisenbahnkesselwagen aus den
grossen Tanks an den Verladestellen geholte Oel entleert wird.
        <pb n="73" />
        ﻿65

Ein Ueberpumpen ist nicht nötig, denn die Zisternen bleiben auf
dem Geleise stehen, und innerhalb einer halben Stunde entleert
sich ihr Inhalt durch einen Verbindungsschlauch ohne einen
Tropfen Verlust durch eigenes Gefälle in den tiefer liegenden
Tank. Aus diesem wird das Oel durch eine Handpumpe in die
1500 bis 3000 Liter fassenden Strassentankwagen übergepumpt,
die es den Händlern im Umkreise von etwa 20 km regelmässig
zufahren und es in die in ihren Läden gegen eine geringe Mon-
tagegebühr, oft ganz gratis aufgestellten eisernen Pumpbehälter
{125 bis 1000 Liter Inhalt) schütten. Das Mindestquantum, das
abgegeben wird, ist 20 Liter. Der genau justierte automatische
Kontrollapparat des Wagens und die geaichten Transportkannen
gewährleisten eine fast absolute Massgenauigkeit. — Ganz Deutsch-
land wurde in genau abgegrenzte Bezirke eingeteilt und für einen
jeden am liebsten ein früherer mit der Kundschaft bekannter
Grosshändler, sonst ein Spediteur, als »Provisionsvertreter« be-
stellt. Er erhält von seiner Hauptstelle die genauesten Direktiven
über Preise, Verkaufsmodus u. s. w. und muss sich, bei hoher
Konventionalstrafe für jeden Kontraventionsfall, verpflichten, ohne
Genehmigung der D.-A. P.-G. nicht über seinen Rayon hinaus zu
verkaufen. Um ihn mehr für das Geschäft zu interessieren, er-
hält er keinen festen Satz, sondern eine kleine Vergütung für
jedes verkaufte Liter, wogegen er sämtliche direkte Unkosten
nach Anlieferung des Oeles zu tragen hat. Als Provisionssatz
geben Brackel-Leis (S. 378) J/6—*/4 Pfg. pro Liter an. Meine
Erkundigungen bei mehreren solchen Provisionsvertretern ergaben
dagegen, dass sie 3/4—I Pfg. auf jedes in der Stadt bez. dem
Wohnorte selbst, 1 */4—U/2 auf jedes in der Umgegend abgelieferte
Liter Petroleum erhalten. Da die Bezirke alle eine gewisse Grösse
haben, so erscheint dieser Satz ganz angemessen.

Immer je 40—50 solcher Bezirke sind einer Hauptstation (in
Sachsen sind es Dresden, Chemnitz und Leipzig, dann im wei-
teren Umkreis Breslau, Berlin, Magdeburg, Erfurt, Kassel und
Nürnberg) unterstellt, die ihrerseits wieder straff und einheitlich
von Hamburg, der Zentralstelle für ganz Deutschland, geleitet
werden. So ist das ganze Reich von einem starken, engmaschigen
Netz überspannt, und eine Hand bestimmt die Politik vieler
Hunderte von Unterstellen. Noch 1902 hatte Schneider (»Der
Petroleumhandel«, S. 83) den direkten Verkauf an die Detail-
listen für eine Unmöglichkeit erklärt. Die Tatsachen haben glän-

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 20,	5
        <pb n="74" />
        ﻿66

zend das Gegenteil bewiesen. Nach Schätzung von Fachleuten
werden in Sachsen etwa 75 % des Gesamtabsatzes aus Strassen-
wagen verkauft. Für Nordwestdeutschland dürfte eine höhere
Quote sich ergeben, während sich in den Gegenden, wo der
»Tankbetrieb« noch nicht lange eingerichtet ist, das Verhältnis
auf etwa 6 : 4 zugunsten des Tankbetriebes stellen wird.

Die Einführung des Tankbetriebs begegnete naturgemäss.
zuerst manchen Schwierigkeiten, die teils auf der Skepsis, um
nicht zu sagen Antipathie, der Behörden, teils auf engherziger
Auslegung veralteter, aus der Zeit des Anfangs des Petroleum-
handels stammender gesetzlicher Bestimmungen beruhten. Letz-
tere waren, z. T. bis in die neueste Zeit, wie u. a. in Sachsen-
Altenburg, wo das Gesetz von 1866 bis Mitte 1904 gültig war,
mehr auf den Verkauf eines gefährlichen Medizinalartikels als auf
den eines notwendigen Massenverbrauchsgutes zugeschnitten. Be-
stimmten sie doch z. B., dass in Verkaufslokalen Petroleum nur
in Quantitäten bis höchstens 50 Pfd., in feuersicheren, durch
hohe steinerne Schwellen geschützten Kellern nur in Mengen bis.
400 Pfd. gelagert und aufbewahrt werden durfte. Solche Be-
stimmungen — in anderen Ländern waren sie ähnlich — waren
bei dem rasch steigenden Konsum bald einfach nicht mehr ein-
zuhalten und mussten durch zweckentsprechendere ersetzt werden..
So setzte Preussen 1902/03 das für Verkaufsräume zulässige
Höchstquantum auf 600 kg hinauf »bei Verwendung metallener
mit Hahn versehener Abfüllvorrichtungen, die durch Pumpvor-
richtung mit Vorratsfässern in Verbindung stehen«. Sachsen-
Weimar und andere mitteldeutsche Staaten erliessen kurz darauf
ähnliche Bestimmungen. Mitte 1904 folgte das lange rückständig
gebliebene Sachsen-Altenburg; März 1905 wurden die neuen Vor-
schriften für das Königreich Sachsen publiziert, die in den Ver-
kaufsräumen die Aufbewahrung eines Quantums von höchstens
750 kg gestatten. Bei Verwendung »von mit explosionssicheren
Verschlüssen und Abfüllvorrichtungen versehenen Behältern«
dürfen insgesamt bis zu 1200 kg vorrätig gehalten werden.

Im grossen und ganzen sind die Verordnungen den modernen
Verhältnissen jetzt angepasst, doch wäre ihre Erweiterung, be-
sonders die Erleichterung des Kleinverkaufs, noch dringend zu
wünschen. Denn grosse Geschäfte, wie z. B. einige Geschäfts-
stellen des Konsum-Vereines Leipzig-Plagwitz, kommen zu Zeiten
mit einem Vorrat von 750 kg vom einen bis zum nächsten regu-
        <pb n="75" />
        ﻿6 7

lären Bedienungstage nicht aus. Allerdings geht die Feuerpolizei,
was anzuerkennen ist, nicht rigoros vor. Soviel mir bekannt, ist
diese Angelegenheit übrigens dem deutschen Feuerwehrtage unter-
breitet worden; die Regierungen stellen jetzt Erhebungen darüber
an, wie eine einheitliche Regelung der Lagerverhältnisse unter
Hinaufsetzung der Höchstmengen und unter Erleichterung der
Bedingungen erfolgen kann.

Mannigfachen Schwierigkeiten anderer Art begegnete die Ein-
führung des Tankbetriebes bei der Gewerbepolizei. So kon-
struierte man aus dem zwecks Vermeidung der Klippe des
Hausiergesetzes von den Händlern vor dem ersten Bezug zu unter-
schreibenden Formular (bei der D.-A. P.-G.: »Ich ersuche Sie,
auf Ihren Tankwagentouren bei mir vorzufahren und mir meinen
jedesmaligen Bedarf an losem Petroleum in Ihren bei mir aufge-
stellten Lagerbehälter zu liefern«) einen »Gewerbebetrieb im Um-
herziehen« (G.O. § 55, 2), dessen Ausübung, Petroleum betreffend,
reichsgesetzlich verboten ist. Die höhere Instanz (2. Strafkammer,
Dresden, 6. Dezember 1902) kam jedoch in richtigerer Auslegung
des § SS, 1 G.O. zu einem anderen Resultat und erklärte die
Ablieferungen aus Strassenwagen als Ausführung einer allge-
meinen vorgängigen Bestellung.

Im Königreich SachsenJ), verschiedentlich auch anderswo
(Bayern) hat man den eigentlichen Tankwagenbetrieb als zu feuer-
gefährlich, den Strassenverkehr hindernd und die Strassen ver-
unreinigend überhaupt verboten. Diese Massregel ist wohl ledig-
lich gegen die D.-A. P.-G. gerichtet, die als die erste den Strassen-
wagenbetrieb in Sachsen einrichtete. Hätte eine andere Gesell-
schaft damit begonnen, so würde diese Bestimmung schwerlich
ergangen sein. Der Vertrieb geschieht hier jetzt durch soge-
nannte »Ambulanzwagen«, d. h. das Oel wird nicht wie anders-
wo aus dem Strassenkesselwagen vor dem Verkaufslokal der
Händler abgefüllt, sondern die geaichten 20 Liter fassenden Kannen
werden schon auf der Anlage gefüllt, plombiert und dann durch
Kannenwagen den Händlern ins Haus gebracht. Wieso diese
Art des Vertriebes reinlicher sein soll als die verbotene, ist eigent-
lich nicht klar. Im Gegenteil verlieren die Kannen durch das
Schütteln häufig etwas Oel und müssen vom Kutscher auf der
Strasse nachgefüllt werden.

1) Verfügung der Kgl. Kreishauptmannschaft Leipzig vom 2. Sept. 1903

5*
        <pb n="76" />
        ﻿68

Ende 1905 wurde übrigens im Süden des Königreichs Sachsen,
in der Amtshauptmannschaft Schwarzenberg, und Anfang 1906 auch
in andern Bezirken das Verbot des Fahrens mit Tankwagen wieder
aufgehoben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dies auf die Vor-
stellungen der Petroleum-Produkte A.-G., der Gegnerin der D.-A.
P.-G., oder der P.O.G. hin geschah, da diese Gesellschaften schon
damals sich rüsteten, mit dem Strassenwagenbetrieb in jener
Gegend gleichfalls vorzugehen. 1906 nahmen ihre Absichten feste
Formen an.

c)	Für und Wider.

Die Einführung des Tankbetriebes war der Todesstoss für
die wenigen noch im Petroleumhandel tätigen Grossisten. Die
den Kleinhändlern gebotenen Vorteile gegenüber dem früheren
Bezug in Fässern lagen so klar auf der Hand, dass schon eine
tüchtige Dosis geschäftlicher Kurzsichtigkeit oder Hass gegen
Neuerungen dazu gehörte, sie zu übersehen.

Insbesondere hatten die Detaillisten jetzt die Sicherheit, nicht
übervorteilt zu werden. Ganz abgesehen davon, dass sie früher
»rein amerikanisches Oel« kauften und in nicht seltenen Fällen
anstatt dessen in Wirklichkeit ein Mischöl erhielten, gaben ihnen
der direkte Bezug, die automatische Kontrolluhr des Tankwagens
und die geaichten plombierten Kannen beim Kannenwagen-Be-
triebe die Gewähr, das gekaufte Quantum reines Oel auch tat-
sächlich zu erhalten. Beim Fasshandel war dies ganz anders ge-
wesen. Da steckte der Gewinn des Zwischenhändlers nur zum
Teil in der Differenz zwischen Ein- und Verkaufspreis; zum Teil
steckte er auch in der Art der Berechnung. Besonders wenn
das Fass über Land transportiert werden musste, krähte kein
Hahn darnach, ob das fakturierte mit dem wirklichen Gewichte
auch übereinstimmte. Untergewicht entstand eben auf dem Trans-
port. Sodann war die Füllung des Fasses von Pfinfluss. Die zum
Abzug gebrachte Tara betrug stets 20 % des Bruttogewichts. Die
vollen Passer haben ein Durchschnittsgewicht von etwa 180 kg
brutto, also von 144 kg netto. Wurde aber, was häufig vorkam,
das Fass, dessen Eigengewicht ja leicht festzustellen ist und in
diesem Falle mit 40 kg angenommen sei, genau bis zu z. B.
180 kg gefüllt, so war das zur Berechnung gelangende Netto-
gewicht 144 kg, während der wirkliche Inhalt nur 140 kg war.
Die Differenz von 4 kg war Reinverdienst des Verkäufers.
        <pb n="77" />
        ﻿6g

Als weitere Vorteile des Tankbetriebes gegenüber dem früher
üblichen Fassgeschäft sind zu erwähnen, dass die Leckage, die,
besonders im Sommer, oft viele Prozent ausmachte, ganz fortfiel,
desgleichen die Verunreinigung und Trübung des Oeles durch
den zur Verböttcherung der Fässer gebrauchten Leim. Ferner
brauchten die Händler sich keinen Abfüllapparat auf eigene Kosten
mehr anzuschaffen, sondern dieser wurde ihnen gratis gestellt.
Die Anlieferung erfolgte in kurzen Zwischenräumen, in jeder ge-
wünschten Menge und durchaus regelmässig. Kleinere Händler
hatten nicht wie früher nötig, ein ganzes P'ass, womit sie vielleicht
den ganzen Sommer reichten, auf einmal zu nehmen, sondern
brauchten sich nur 20 Liter einschütten zu lassen. Ausserdem
wickelte sich der Detailverkauf an die Kundschaft viel reinlicher
und pünktlicher (»ich möchte fast sagen: elegant« — Posadowsky
im Reichstag in der Sitzung vom 10. Dezember 1897) ab.

Da so die Aufnahme des Petroleumverkaufs ganz wesentlich
erleichtert wurde, hat sich die interessante Folgeerscheinung ge-
zeigt, dass sich seit einigen Jahren die Zahl der Petroleum führen-
den Krämer ganz ausserordentlich vermehrt hat. Klempner, Grün-
warenhändler, ja selbst Bäcker und Fleischer verkaufen jetzt
Petroleum. In Leipzig wurden im Juli 1904, zwei Monate nach
Eröffnung des Tankbetriebes, etwa 1750 Händler festgestellt. Be-
reits im Herbst des Jahres 1905 war die Zahl um rund 300 ge-
wachsen ! Viele davon verkaufen pro Jahr ganze eins, drei, fünf
Fass, verdienen also kaum den Namen »Händler«. Sie alle
werden direkt bedient. Sie alle haben etwas Privatkundschaft,
die den grösseren Detaillisten verloren geht. Obwohl Anhänger
der Gewerbefreiheit, halte ich es, wenngleich es vom Standpunkte
der Gesellschaften aus wohl richtig ist, für ungesund, solche
Kellerhändler kleinsten Kalibers zum Einführen des Petroleums
zu ermuntern. An jedem Quartalswechsel tauchen Dutzende
neuer Geschäfte auf, während fast ebensoviele »das Geschäft auf-
geben«. — Das Wachstum der Zahl gerade der kleineren Händler
mag neben dem Umstand, dass die Aufnahme des Petroleum-
verkaufs überhaupt keine Installationskosten mehr erfordert, auch
darauf zurückzuführen sein, dass die Reisenden jetzt, wo alles
»eingerichtet« ist, nicht mehr so viel neue Kunden gewinnen
können wie früher und dass sie, um überhaupt mit »Anschlüssen«
aufwarten zu können, solche Elöker zur Einführung des Oeles zu
bewegen suchen.
        <pb n="78" />
        ﻿7°

Als Durchschnittsbedarf eines Petroleumhändlers sind etwa
20 Fass jährlich anzunehmen. Die grössten Händler brauchen
für ihr Ladengeschäft 200—300 Fass, Konsumvereine natürlich
mehr, so der Leipzig-Plagwitzer Verein • über 8000 Fass. Im
grossen und ganzen konnte man sonst rechnen, dass auf je 200
Einwohner ein Petroleumhändler kam. Jetzt dürfte man die Zahl
schon verringern müssen (190: I?)1).

Ein volkswirtschaftlicher Vorteil anderer Art, den die Auf-
nahme des direkten Verkaufs an die Detaillisten mit sich brachte,
ist die Beseitigung des Borgunwesens. Während es früher häufig
genug vorkam, dass die Grossisten ihren Kunden 4 Monat Ziel
einräumten und sich dann erst noch mit einem Wechsel begnügen
mussten, verlangen jetzt sämtliche Gesellschaften cash down. Nur
in Ausnahmefällen wird bis zur nächsten Lieferung gestundet.
Eine sehr gesunde Praxis.

Bei Einrichtung des Tankbetriebes wurden mit den noch
existierenden Grossisten — ich gebrauche dies Wort für Zwischen-
händler, weil es ein petroleumtechnischer Ausdruck ist — Ver-
träge geschlossen, derart, dass sie das Oel mindestens zu den
von der Gesellschaft an den einzelnen Plätzen offiziell geforderten
Preisen verkaufen mussten und darauf als Vergütung für den er-
littenen Minderabsatz drei Jahre lang eine kleine Ausfallent-
schädigung erhielten ; also Verträge in ganz ähnlicher Weise wie
die S. 62 oben geschilderten, nur auf den Tankbetrieb bezogen.

Aus den angeführten Gründen fand der Strassenwagenbe-
trieb so schnellen und allgemeinen Anklang, dass der Zwischen-
handel, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, jetzt aus-
geschaltet ist.

Nun hat man oft behauptet, nach Niederwerfung der Gros-
sisten werde die D.-A. P.-G. an die Ausschaltung auch des Klein-
händlers gehen, den Verkauf an die Konsumenten unmittelbar
bewerkstelligen und so den sogenannten »Vertrieb von der Quelle
bis zur Lampe« in ihrer Hand vereinigen, ja sie habe dies schon
von vornherein im Auge gehabt. Die Behauptung erscheint in
dieser Form nicht richtig. Als Grund für Aufnahme des Tank-
betriebes überhaupt gibt die Gesellschaft, wohl mit Recht, den

1) Bemerkenswert ist, dass die Zahl der Händler auf dem Lande und in klei-
neren Städten prozentual viel höher ist als in grösseren Städten. So kommen in
kleineren Städten auf einen Petroleumhändler ungefähr 150—175 Einwohner, in
Dessau ungefähr 200, in Halle 225, in Leipzig 250.
        <pb n="79" />
        ﻿71

Rückgang ihres Absatzes an. Sonst hatte sie eigentlich auch
keine Veranlassung, eine solche fundamentale, äusserst kostspielige
und dabei zu Anfang noch nicht einmal sichere Aussicht
auf Erfolg bietende Aenderung zu treffen. Dass natürlich die
höheren Kosten des Fassgeschäfts (nachträglich, als man schon
Erfahrungen gesammelt hatte, berechneten Brackel-Leis (S. 380)
eine Differenz von Mk. 2.22 per IOO kg zugunsten des Tankbe-
triebes) und seine Umständlichkeit auch mit zu diesem Entschluss
beitrugen, ist selbstverständlich. Vollends den direkten Verkauf
an die Konsumenten hat die D.-A. P.-G. mehrmals öffentlich mit
aller Bestimmtheit als nicht in ihrer Absicht liegend erklärt. Es
ist wohl anzunehmen, dass sie dies nicht gewagt haben würde,
wenn sie sich doch mit dem Hintergedanken der Uebergehung
und Ausschaltung auch der Kleinhändler trüge. Am genauesten
hat sie m. W. ihre Gründe und Absichten präzisiert in einer
unterm 7. März 1904 an das Königlich Sächsische Ministerium
des Innern gerichteten Eingabe. Die betreffende Stelle ist sehr
interessant und möge hier folgen: »Der Grund für den Rückgang
unseres Absatzes liegt vornehmlich in der seit Jahren in stets
gesteigertem Masse gegen uns geübten unlauteren Konkurrenz.
Ein grosser Teil der Zwischenhändler mischt amerikanisches
Petroleum mit russischem, galizischem oder rumänischem, verkauft
diese Mischung ohne Herkunftsbezeichnung, als »Prima Petroleum«
oder gar als »Amerikanisches Petroleum« .... Der Detaillist
und Konsument befindet sich dann im Glauben, wie wir oft fest-
gestellt haben, bestes amerikanisches Petroleum zu erhalten, und
bezahlt auch vielfach den vollen Preis für solches, sodass in diesen
Fällen der Zwischenhändler allein den Vorteil zum Schaden der
Konsumenten in die Tasche steckt.«

»Hiergegen können wir uns nur dadurch schützen, dass wir
den Verkauf an die Detaillisten mittels Strassenwagen selbst be-
sorgen, was, soweit möglich, durch Vermittelung der lokalen
Grossisten geschieht. Wir schaffen dadurch uns die Garantie
dass unser Petroleum unverfälscht bis zum Detaillisten gelangt,
und geben zugleich diesem die Sicherheit, dass er wirklich die
Ware erhält, für die er bezahlt.«

»Wir betonen ausdrücklich, dass es nicht der Fall ist, dass
wir den Grossisten an uns binden, nur von uns zu kaufen. Eben-
so ausdrücklich betonen wir, dass wir nicht an Konsumenten (aus-
genommen Eisenbahnen, Garnison-Verwaltungen und einige grosse
        <pb n="80" />
        ﻿72

industrielle Unternehmungen wie z. B. die Werke von Krupp in
Essen) verkaufen, noch auch, dass wir es anstreben, zu dieser
Art des Verkaufes überzugehen. Wir haben stets Mühe genommen,
gegenteiligen unrichtigen Behauptungen entgegenzutreten . . .«

Nach diesen Ausführungen ist wohl nicht daran zu zweifeln,
dass es vorläufig nicht in der Absicht der D.-A. P.-G. liegt, mit
dem direkten Verschleiss des Oeles an die Konsumenten vorzu-
gehen. Wenn man aber berücksichtigt, dass sich der direkte
Kannenvertrieb, im grossen aufgenommen, billiger stellt als selbst
der Tankbetrieb (nach Berechnung von Brackel-Leis, S. 387 ihres
bereits öfter zitierten Buches um 27 Pfg. per 100 kg), so drängt
sich einem die Ansicht auf, dass das Todesurteil über den Petro-
leumdetailhandel gesprochen und dass es nur eine Frage der Zeit
ist, wann es vollstreckt wird. Und in der Tat scheint der Zeit-
punkt einer abermaligen grossen Umwälzung des ganzen Handels
nicht mehr gar zu fern zu liegen.

Ich besitze die Abschrift eines Briefes der von der Deutschen
Bank finanzierten Petroleum-Produkte A.-G. Berlin, an eine süd-
deutsche Firma, die ein Kannengeschäft errichten wollte. Der eine
Passus lautet wörtlich: »Sofern es notwendig ist, sind wir bereit,
Ihnen gegen eine 5%ige Verzinsung und entsprechende Sicher-
heit auch etwas Kapital zur Verfügung zu stellen, im Falle Ihr
eigenes nicht ausreichen würde!« Auch die Russen sollen Kannen-
geschäfte finanziell unterstützen. Die D.-A. P.-G. steht zwar
gleichfalls mit Kannenhändlern in vertraglicher Verbindung, unter-
stützt sie aber m. W. nicht mit Geld, sondern gewährt ihnen
lediglich kleine Preis Vergünstigungen. Doch scheint auch sie sich
schon auf den allmählichen Uebergang zum direkten Kannenver-
trieb vorzubereiten. Denn nach einer Anfang Februar 1906 durch
die Zeitungen gegangenen Notiz hat die neu gegründete »Rhei-
nische Petroleum A.-G.«, Köln, deren Gründer fast durchweg Be-
amte bez. Vertreter der American Petroleum Co. in Rotterdam
bez. der Societe Anme pour la vente des petroles ci-devant
H. Rieth &amp; Co. in Antwerpen sind, den Kannenvertrieb direkt
an die Haushaltungen bereits aufgenommen. Allerdings handelt
es sich hierbei nicht um die D.-A. P.-G., wohl aber um eine
Tochtergesellschaft der gemeinschaftlichen Mutter, der Standard
Oil Co.

Jedenfalls lassen schon diese mehr oder weniger tastenden
Versuche den Weg, den der Petroleumhandel einschlagen wird,
        <pb n="81" />
        ﻿73

deutlich erkennen. Augenscheinlich scheut sich jede Gesellschaft,
den Anfang zu machen, um nicht das Odium auf sich laden.
Aber ebenso sicher ist es, dass, wenn erst von der einen Gesell-
schaft, der direkte Verkauf offiziell oder in grösserem Umfange
indirekt aufgenommen ist, die andern Gesellschaften in ihrem
eigenen Interesse folgen müssen, nachdem sie vielleicht die be-
treffende Konkurrenzgesellschaft aus Politik zuerst öffentlich weid-
lich heruntergemacht haben werden, um die Krämer für sich
günstig zu stimmen und sie dann doch — »gezwungen, nicht
freiwillig« — übergehen.

Mit der Einführung des Strassenwagenbetriebes begann die
D.-A. P.-G. im Jahre 1893, und zwar zuerst in Bremen, Kassel
und Dortmund, 1894 im Ruhrkohlenrevier. Dann folgte, als 1895
die Niederwerfung Poths gelungen war, bis 1901 eine Zeit der
Ruhe. Erst im letzteren Jahre, speziell in Sachsen 1902/1903,
ging sie aus Konkurrenzrücksichten wieder lebhaft mit der »Einrich-
tung« vor und hat jetzt das ganze Reich mit einem ausgedehnten
Filialnetz überzogen. Die einzige grosse Stadt, in der sie noch
keinen Tankbetrieb hat, ist Berlin.

Das Vorgehen der Amerikaner zwang die Konkurrenz zu
gleichen Schritten. Jetzt fährt jede grössere Gesellschaft mit
Strassenwagen, ja sogar einzelne Grossisten. Zuerst folgten die
Russen, dann die Galizier (1903 in Frankfurt a. M.) und die Pure
Oil Co., zuletzt die Petroleum-Produkte A.-G. (Mitte 1904 zuerst
in Bayern, dann schnell weiter greifend).

d)	Die einzelnen Gesellschaften.

Um einen Ueberblick über die jetzige Phase des Konkurrenz-
kampfes in Deutschland zu geben, müssen die einzelnen Gesell-
schaften kurz besprochen werden.

An Alter und insbesondere an überragender Bedeutung steht
weitaus an erster Stelle die Deutsch-Amerikanische-Petroleuin-
Gesellschaft (»D.-A. P.-G.«). Sie entstand am 25. Februar 1890
durch Verschmelzung mehrerer Petroleumfirmen und deren teil-
weise Uebernahme durch die St.O.C. Die betreffenden Firmen
hatten jahrelang das ganze deutsche Geschäft in Händen gehabt,
mussten aber 1890 dem Wunsche der St.O.C., mehr unmittelbaren
Einfluss auf dasselbe zu erlangen, nachgeben und vereinigten sich
mit dieser zur D.-A. P.-G. Nach dem Handelsregister fungierten
als Gründer die Standard Oil Company of Newyork, Wilh. A.
        <pb n="82" />
        ﻿74

Riedemann in Geestemünde, die Brüder Franz Ernst und Karl
Schütte in Bremen und der Rechtsanwalt Dr. Wiegand, Bremen.
Letzterer scheint bald ausgeschieden zu sein, denn schon nach
kurzer Zeit werden die Hamburger Firmen Sanders und Siemers
als an der D.-A. P.-G. beteiligt angeführt. Das Anfangskapital
war 9 Millionen Mark, ausserdem wurden schon bald nach der
Gründung für 11 Millionen Mark Genussscheine ausgegeben.
Diese 20 Millionen Mark verteilten sich (Swoboda S. 136) folgen-
dennassen :

7 750 000 Standard Oil Company of Newyork

3 875 000 Wilh. A. Riedemann, Geestemünde

1 937 5°° F. E. Schütte | i. F. Alb. Nie. Schütte &amp; Sohn,

1	937 5°o Karl Schütte j	Bremen

2	500 OOO G. J. H. Siemers &amp; Co., Hamburg

2 500 OOO Aug. Sanders &amp; Cie, Hamburg.

Die Aktien der beiden letztgenannten Firmen waren aber
nicht stimmberechtigt, wahrscheinlich deshalb nicht, weil diese
etwas später eintraten. Der eigentliche Aktienstock ist bis jetzt
unverändert geblieben, dagegen wurden bis Ende 1904 Genuss-
scheine im Gesamtbeträge von 21 Millionen Mark ausgegeben.
Sitz der Gesellschaft war zuerst Bremen, doch wurde der Schwer-
punkt, besonders seitdem Riedemann nach dem günstiger ge-
legenen Hamburg übergesiedelt war, immer mehr nach diesem
Platze verlegt, und seit 1. Juli 1904 ist der Sitz offiziell Hamburg.
Direktoren waren von 1890—1904 ununterbrochen die beiden
Brüder Schütte und Riedemann. Im Aufsichtsrat sassen 5 Stan-
dardleute. Die Majorität der Stimmen in der Generalversamm-
lung dagegen besass die St.O.C. bis 1. Juli 1904 nicht. Erst
an diesem Tage trat sie aus der Versenkung, in der sie wohl-
weislich bis dahin geblieben war, heraus, nachdem ihr die geniale
geschäftliche Tüchtigkeit der den Vorstand bildenden deutschen
Herren den Weg geebnet hatte: der Zwischenhandel war nieder-
geworfen, der Tankbetrieb im grossen und ganzen eingeführt.
Jetzt brauchte die D.-A. P.-G. die Maske nicht mehr. Am 1. Juli
1904 hörte sie auf, eine deutsche Gesellschaft zu sein, und ist nur
noch eine Filiale der St.O.C. Während diese noch im Früh-
sommer 1904 von dem 30 Millionen Mark betragenden Gesamt-
kapital nur etwa 11 Millionen Mark besass, der Rest von fast
19 Millionen aber in den Händen von 55 deutschen Kaufleuten
war (nach Angabe der D.-A. P.-G. !), übernahm sie an dem ge-
        <pb n="83" />
        ﻿75

nannten Datum das Aktienkapital ganz und setzte sich in den
nächsten Monaten auch in den Besitz des weitaus grössten Teiles
der Genussscheine. Ende 1904 hatte sie letztere schon bis auf
etwa I Million Mark aufgekauft. Die bisherigen Direktoren traten
aus dem Vorstand aus, dem seitdem Dr. Riedemann, Heinrich
Riedemann sowie die drei Amerikaner Howard Page, (dieser nur
bis Mitte 1906, wo er durch W. E. Bemis ersetzt wurde), William
Donald und Walter C. Teagle angehören. Den Aufsichtsrat bil-
den gleichfalls drei Amerikaner: Livingston Roe, Walter Miller
Mc. Gee und William E. Bemis.

Man hat viel darüber gestritten, welches der Grund war, der
die St.O.C. zu dieser durchgreifenden Aenderung veranlasste. —
Wenn man die Entwicklung des Konkurrenzkampfes auf dem
Petroleummarkte überschaut, so zeigt sich, dass sich die Konstel-
lation in den letzten zwei Jahren gegen früher völlig verschoben
hatte. Das Freundschaftsverhältnis zu den Russen hatte einer
Spannung Platz gemacht. Der Vertrag bestand zwar noch, doch
machten sich schon Vorzeichen demnächstiger Auflösung, also
erneuten offenen Kampfes bemerkbar. Vor allem aber war eine
neue starke Konkurrenz erschienen : die die Produktion der asia-
tischen und eines grossen Teils der texanischen Oelfelder vertrei-
bende Shell Transport and Trading Co., London, finanziell eine eben-
bürtige Rivalin des Trusts, schickte sich nach Herstellung einer In-
teressengemeinschaft mit dem Concern der Deutschen Bank und der
Diskontogesellschaft zu einem Angriff auf der ganzen Linie an. Eins
der am heissesten umstrittenen Gebiete ist Deutschland — für die
St.O.C. nächst England der Hauptabnehmer, für die Shell ein
Preis, des Kampfes wert.

Die St.O.C. hatte diesen Kampf lange vorausgesehen und
sich dafür gerüstet. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch m. E.
der Aufkauf der D.-A. P.-G. zu betrachten. Sie musste voll-
ständig freie Hand haben, konnte aber bei dem bevorstehenden
entscheidenden Ringen, bei dem Millionen auf dem Spiele standen,
der Willfährigkeit der deutschen Aktionäre nicht so sicher sein,
wie sie es wünschen musste. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass
sie mit Sperrung der Zufuhr drohte. Nur so ist die im Umtausch
gegen St.O.C.-Aktien, meist aber im glatten Verkauf zu stände
gekommene Uebernahme der Genussscheine zu dem in Anbe-
tracht der hohen Gewinnquote der letzten Jahre (30—40% und
mehr) lächerlich geringen Kurs von 267% zu erklären. Hätte
        <pb n="84" />
        ﻿;6

es sich nur um die Befürchtung einer vorübergehenden Dividen-
denschmälerung gehandelt, so hätten die deutschen Firmen un-
bedingt einen höheren Uebernahmekurs durchdrücken können,
falls sie nicht überhaupt vorgezogen hätten, den Kampf an der
Seite des Trusts auszufechten.

.Ebenso wie die St.O.C. ist die D.-A. P.-G. auf sehr solider
Grundlage aufgebaut und zeichnet sich dadurch vorteilhaft vor
sehr vielen andern ähnlichen Unternehmungen aus. Nach der
Bilanz pro 1904 betrug das Guthaben in bar, Wechseln, Effekten
15 877 004 Mark. Der Wert der Vorräte an Petroleum und leeren
P'ässern bezifferte sich auf 13959797 Mark. Die Assekuranz-
Reserve ist mit 2 Millionen Mark, der Reservefonds mit 3 Mil-
lionen Mark dotiert.

Die Transportmittel standen zu Buch

1896 mit 11 819112 Mk.

1899 »	9219587	»

1902	»	8880190	»

und 1904	»	93*8437	*

bei jährlichen Abschreibungen von durchschnittlich mehr als einer
Million! Es betrugen

Reingewinn		Abschreibungen auf  Gebäude u. Anlagen | Transportmittel	
1896	Mk. 2311 366  1897	»	2515703  1898	»	4074495  1899	»	4 054 726		Mk. 961 325	r	  Mk. 1 168 564
1900	»	2 733 801		» ?	» ?
1901	»	3409216		»	856 206	»	1 110 383
1902	»	2 913 798		» 79384*	»	1 135 766
1903	»	2 253 525	&gt;	657 723	»	620974
1904	»	828 184	» 550533	»	1 181 234
1905	»	905 084	Mk. 2 105 241	
zus. » 25 999 898		für 10 Jahre!	

Das weniger gute Resultat der letzten beiden Jahre ist eine Folge
des erwähnten Kampfes gegen die Shell Co.

18 Tankdampfer von zusammen ca. 830000 tons Inhalt (also
durchschnittlich je ungefähr 75°° tons) bringen die Oelmengen in
pro Jahr 8—9maligen Reisen über den Ozean, eine ganze Flotte von
Leichtern und durchschnittlich ungefähr 700 tons fassenden Fluss-
tankschiffen und ein Park von etwa 750 Eisenbahnkesselwagen
bewältigen die Verteilung im Inlande. Ueber die grossartige
Verkaufsorganisation habe ich schon gesprochen.
        <pb n="85" />
        ﻿77

Ebenso wie die Geschäftspraxis der St.O.C. hat die der D.-
A. P.-G. viele und heftige Angriffe erfahren. Wenn man aber
das Für und Wider objektiv betrachtet, so muss man sich sagen,
dass die erhobenen Beschuldigungen grösstenteils haltlos sind.
Sie gingen von Personen aus, die durch das Vordringen der D.-
A. P.-G. verloren, und da diese nie öffentlich dagegen auftrat,
so fanden die Klagen immer weiteren Glauben. Allerdings ist
nicht zu bestreiten, dass die Ausschaltung der Grossisten mit
manchen Härten verbunden war: aber sie blieb stets innerhalb
der Grenzsteine erlaubter Konkurrenz und tritt zurück vor den
unbestreitbar grossen Verdiensten, die die Gesellschaft sich er-
worben hat.

Eine Schwestergesellschaft der D.-A. P.-G. ist die Mannheim-
Bremer Petroleum A.-G. (»M.-B. P. A.-G.«), am 7. September 1896
mit 3 Mill. Mk. Kapital gegründet. Ihre Entstehung verdankt sie
einem jahrelangen erbitterten Kampf der D.-A. P.-G. gegen die
trustfreies Oel vertreibenden Firmen Philipp Poth in Mannheim
und Rassow, Jung &amp; Co. in Bremen. Schliesslich unterworfen,
gingen sie in einer Aktiengesellschaft, eben der neugegründeten
M.-B. P. A.-G. auf, deren Hauptaktienteil die Amerikaner über-
nahmen. Im Aufsichtsrat sitzen 4 Standardleute. — Der Status
der M.-B. P. A.-G. ist womöglich noch glänzender als der der
D.-A. P.-G. Ihr Reingewinn betrug 1896—1902: 605 934; 1 343 774;
1 S9S 29J1 1 841 973; 1 336 394 und 996 327 Mk. An Dividenden
schüttete sie 1896—1904: 20, 443/4, 47. 60, 34. 44 Va« 33. 2°,
i4°/0 aus, das sind in 9 Jahren 317°/0 des Aktienkapitals! Der
Reservefonds ist mit 300000 dotiert.

Wie bereits erwähnt, nahm die M.-B. P. A.-G. der D.-A. P.-G.
gegenüber zum Zwecke der Irreführung des Publikums in der
ersten Zeit offiziell eine feindselige Stellung ein. Allmählich aber
machte das schroffe Gegenüber auch in der Oeffentlichkeit einem
Neben- und Miteinander Platz (vgl. S. 64). Jedenfalls aber wird
es hierbei nicht bleiben. Eine völlige Verschmelzung wäre kauf-
männisch das einzig Richtige, da durch sie an Arbeitskräften
gespart würde. Die Brotlosmachung einzelner wird die Amerikaner
sicher nicht davon abhalten; da es sich um eine nur sehr be-
schränkte Anzahl handelt, ist sie auch volkswirtschaftlich irre-
levant.

Aehnlich wie mit der M.-B. P. A.-G. steht es mit der Petroleum-
Raffinerie vorm. August Korff in Bremen. Auch Korff war früher
        <pb n="86" />
        ﻿;s

(seit 1865) selbständig. Sein Geschäft wurde aber 1887 von den
Amerikanern aufgekauft, wenigstens ist die Mehrheit der Aktien
in deren Händen. Das Kapital beträgt I */2 Millionen Mark, die
den damaligen ungefähren Gegenwert der übernommenen Anlagen
(Mk. 1441 611) darstellen. Die Firma verteilte 1887—1899: 91/3,
10, 10, 12, 14, 14, 14, 91I2, 13, 10, 10, 22, 41 (Gewinn für Januar—
März 1900 vorgetragen); 1900/01— 1905/06: 62 (für 15 Mt.), 51,
391/ä&gt; 31, tä1/? und 25°/0 Dividende. Die Bassinanlage Norden-
ham, die 1896 noch mit 118339 Mk. zu Buche stand, ist jetzt bis
auf 1 Mk. abgeschrieben. Bis 1904 sass F. E. Schütte im Auf-
sichtsrat ; statt seiner kam H. Riedemann hinein, ausserdem 1905
W. Donald und W. Teagle, die gleichzeitig mit den Vorstand der
D.-A. P.-G. bilden. Korff besitzt Zweigniederlassungen in Berlin,
Breslau, Braunschweig, Dresden, Frankfurt a. M., Hannover, Leipzig
und Magdeburg.

Auch die Königsberger Handels-Kompagnie in Königsberg
ist den Interessen Rockefellers dienstbar gemacht. Ihr Verkaufs-
rayon ist der Osten (Königsberg, Danzig, Bromberg); eingerichtet
und geleitet ist sie im selben Geiste wie die bereits erwähnten
drei Gesellschaften (von früheren Beamten der D.-A. P.-G.).	1872

von einigen Grosshändlern, die unabhängig bleiben wollten, mit
2 Millionen Mark Kapital, das 1904 um 300000 Mk. erhöht wurde,
gegründet, wurde sie Anfang der 90er Jahre aufgekauft, und zwar
soll sich etwas über die Hälfte des Kapitals im Besitz der D.-A.
P.-G. befinden. Von 1896/97—1903/04 verteilte sie 30, 30, 32,
29 (für II Mt.), 32, 41, 37 und 30% Dividende. Der Reingewinn
1904/05 betrug 326015 Mk. gegen 586091 im Vorjahr. Mit dem
Strassenwagenbetrieb begann sie 1902. Sie besitzt im ganzen
8 grosse Tanks mit Anlagen und Böttchereien und 3 Tankkähne.

Als kleinere Untergesellschaft der St.O.C. wäre noch zu
nennen die American Petroleum Company, Rotterdam, mit einer
Zweigniederlassung in Neuss a. Rh. unter der Firma »Amerikanische
Petroleum-Anlagen«*). Das Kapital dieser letzteren beträgt nur
200000 Mk. Als Verkaufsgebiet ist ihr das linksrheinische Deutsch-
land Vorbehalten, woselbst sie ein ganz belangreiches Geschäft
macht. Der Strassenwagenbetrieb, den auch sie eingerichtet hat,
steht unter der Leitung der D.-A. P.-G.

Ziemlich unbedeutend ist die Westfälische Petroleum-Gesell-

1) H. Woljf; (»Die russische Naphtha-Industrie und der Deutsche Petroleum-
markt, S. 8) führt beide irrtümlich als zwei getrennte selbständige Gesellschaften auf.
        <pb n="87" />
        ﻿79

schaft in Münster, die an einigen Plätzen in Westfalen mit
Strassenwagen fährt. Ursprünglich wie die Königsberger Handels-
Kompagnie eine Vereinigung von der D.-A. P.-G. feindlichen
Grossisten, musste sie sich letzterer beugen. Ihr Kapital ist zu
mehr als der Hälfte in amerikanischen Händen. Im Aufsichtsrat
sitzt ein Angestellter der D.-A. P.-G.

Die erste und lange Zeit bedeutendste Konkurrentin der
Amerikaner auf dem ganzen deutschen Markte ist die Anfang 1884
von Nobel gegründete Deutsch-Russische Naphtha-Import-Gesell-
schaft (»D.-R. N.-I.-G.«) mit dem Sitz in Berlin. Von vornherein
gross, vielleicht zu gross angelegt, machte sie der D.-A. P.-G.
zwar ernstliche Konkurrenz und nahm ihr ein grosses Absatzgebiet
fort, reicht aber in ihrer Entwicklung bei weitem nicht an ihre
Nebenbuhlerin heran. Die Garantie der satzungsgemässen Mindest-
abschreibungen, die Nobel ihren Aktionären geboten hatte, musste
mehrmals in Anspruch genommen werden. Das Kapital betrug
von 1884—1903 nur i1/2 Millionen Mark, wurde jedoch am 10. II.
1903 auf 61/2 Millionen Mark erhöht. Die Dividenden, die sie
verteilte, waren nur recht mässig, nämlich 1888/89—1905/06: 7,
6, o, o, 5x/2, 5, o, o, 4, o, 8, 12, 6, 6, \2X\2, 12, o und 0%. 1899,
nach 15 jährigem Bestehen, wies der Reservefonds 6736 Mk. auf,
1904/05 war er erst auf 581 104 Mk. angewachsen, um 1905/06
schon wieder zur Deckung des Verlustes von 231676 Mk. in
Anspruch genommen zu werden.

Bis Ende der 90er Jahre trat die D.-R. N.-I.-G. als direkte
Konkurrentin der D.-A. P.-G. auf. Dann machten sich langsam
Anzeichen geltend, dass der Kampf an Heftigkeit nachliess. Die
Preisdifferenz, die vorher oft sehr gross gewesen war, verringerte
sich und blieb konstant, die frühere Feindschaft machte einem
fast freundschaftlichen Verhältnisse Platz. Und in der Tat war
zwischen Rockefeller und Nobel eine Verständigung zustande ge-
kommen. Mit anderen Worten, das »Petroleum-Monopol«, das
man so oft als blutigen Teufel an die Wand gemalt hatte, war
da! Der Unterschied war nur der, dass dieser Teufel ein ziem-
lich harmloser Geselle war.

Ursprünglich scheint die Schaffung zweier scharf begrenzten
Interessensphären ins Auge gefasst worden zu sein: eine Teilung der
Welt zwischen zwei der Grössten im Reiche des Kapitals. Darnach
sollten Nobel-Rothschild Russland und das übrige Osteuropa
sowie Asien als Machtgebiet erhalten, während der Westen und
        <pb n="88" />
        ﻿8o

Süden Europas ausser Griechenland und die übrigen Erdteile den
Amerikanern Vorbehalten bleiben sollten. Eingehende Unter-
handlungen fanden Ende der 90er Jahre in Petersburg (unter
Wittes Mitwirkung) statt, zerschlugen sich aber. Später, um 1900,
einigte man sich bezüglich Deutschlands dahin, dass der Status
quo bestehen blieb und nur eine Preiskonvention getroffen wurde.
Die genaue Natur dieses Uebereinkommens war mir nicht mög-
lich in Erfahrung zu bringen, doch ist so viel sicher, dass beide
Kontrahenten sich verpflichteten, stets eine bestimmte Preisspanne
— bei Strassenwagenverkäufen 1/2 Pf. pro Liter — einzuhalten. —
Wie eng das Verhältnis war, geht u. a. daraus hervor, dass in
Mannheim die D.-A. P.-G. auf Verlangen russisches Oel lieferte,
in Stuttgart den Alleinverkauf des Nobel-Petroleums hatte1).

Auf seiten der St.O.C. handelte es sich bei dem Vertrags-
schluss zweifelsohne um eine Abwehrmassregel, was schon daraus
hervorgeht, dass sie die Verständigung suchte. Deutschland be-
trachtete sie als ihre Domäne, da sie nach Besiegung bez. An-
gliederung ihrer Konkurrenten schon die unbestrittene Oberherr-
schaft errungen hatte. Durch die Russen fühlte sie diese letztere
bedroht, und da sie keinen massgebenden Einfluss auf die Pro-
duktion der Bakufelder erlangen, ebensowenig aber die unbequeme
Konkurrenz durch das von ihr sonst so gern angewendete Mittel
rücksichtsloser Preispolitik totmachen konnte, verlegte sie sich
aufs Paktieren.

Ganz entgegengesetzte Motive waren es natürlich, die für die
Russen bestimmend waren. Sie riskierten nicht so viel wie die
St.O.C., da ihr Absatz bei weitem geringer war. Sie mussten
ihre Ueberproduktion abstossen und konnten dies am leichtesten
ausser in England auf dem aufnahmefähigen deutschen Markte.
Jeder Fortschritt war für sie ein Gewinn, während andererseits
Verluste infolge ihres viel geringeren Absatzes für sie weniger
fühlbar waren. Ausserdem hatten sie das Fortschreiten der
Technik für sich. Russisches Oel russt und stinkt auf den eigens
für amerikanisches Oel eingerichteten und in Deutschland fast
allgemein üblichen Brennern, aber jede Verbesserung der Lampen-
konstruktion sowohl als auch des Raffinationsverfahrens macht es
konkurrenzfähiger. Als freilich ungewolltes später zu Tage ge-
tretenes Moment fiel für die D.-R. N.-I.-G. noch vorteilhaft ins
Gewicht, dass im Detailverkauf russisches Oel fast stets zum selben

1) Nach »Plutus«, 1905, 43, S. 832.
        <pb n="89" />
        ﻿8i

Preise wie das amerikanische verkauft wird, dass den Detaillisten
bei ersterem also ein um 1/2 Pf. pro Liter höherer Gewinn bleibt.
Im Juli 1904 schwankte z. B. im Königreich Sachsen bei einem
Einkaufspreise von 15a/2—161 /2 Pfg. der Verkaufspreis zwischen 18
und 22 Pfg., dabei wurde aber nur sehr selten ein Preisunterschied
zwischen den verschiedenen Oelsorten gemacht.

Seit Mitte 1905 existiert dieses Freundschaftsverhältnis nicht
mehr. Der Vertrag wurde, wie es heisst, von den Russen nicht
erneuert. Die Einzelheiten entziehen sich meiner Kenntnis. Es
ist aber zu konstatieren, dass seit Juli 1905 das Preisverhältnis
anfing zu schwanken, bisweilen recht erheblich. So notierte
russisches Oel z. B. am 11. Okt. 1905 an der Hamburger Börse
nur 10 Pfg. pro 100 kg unter amerikanischem Oel — eine Folge
der durch die Bakuer Wirren verursachten Oelknappheit —, während
es zur Zeit des Vertrags stets um 1.— Mk. bis 1.20 Mk. pro IOO kg
billiger war; andererseits ist, seitdem die Produktion wieder ge-
regelt ist, die Preisdifferenz im Detailverkauf aus Konkurrenz-
rücksichten häufig grösser als J/2 Pfg.

Der Kampf hat also wieder begonnen. In den tatsächlichen
Verhältnissen ändert sich dadurch aber wenig. Die D.-R. N.-I.-G.,
die ohnehin schon keine Dividende zur Verteilung bringen konnte,
wird ihre Detailpreise auch weiterhin denen der Amerikaner
möglichst anpassen und ohne zwingende Gründe nicht herabgehen.
Nur werden die Amerikaner wohl noch mehr aggressiv vorgehen
als bisher. Schon der Vertrag hinderte sie nicht, dem durch den
Krieg in Bedrängnis geratenen russischen Handel weite Absatz-
gebiete in Asien wegzunehmen1). Der Oelmangel der Russen
gab ihnen die Möglichkeit, dasselbe in Deutschland zu tun.

Eine zweite Tochtergesellschaft Nobels ist die Deutsch-
Oesterreichische Naphtha-Import-Gesellschaft in Wien, die in Süd-
Deutschland bis zur Donau verkauft. Man hört nur sehr wenig
von ihr; ihr Absatz scheint nur gering zu sein.

Die dritte Gesellschaft, die russisches Oel in Deutschland

1) Nach »Petroleum«, 1906, Nr. 20, S. 716 stellte sich die Ausfuhr aus Batum
■nach Ost- und Südasien in den beiden letzten Jahren wie folgt:

1904	1905

nach Ostindien	2 338 216 Kisten	77 480 Kisten

» China	2 543 576 »	589 924

» Japan	722340	»	136360	»

dagegen stieg der Export Amerikas nach Ostindien z. B. von 825 222 Kisten i. J.
J904 auf 1 213 539 Kisten i. J. 1905.

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 20.

6
        <pb n="90" />
        ﻿82

vertreibt, ist die in Breslau domizilierte »Gesellschaft für russische
Naphthaprodukte, m. b. H.« Ihr Kapital beträgt 270 OOO Mk. Sie
hat nur in Ostdeutschland einen unbedeutenden Absatz. Mit
Nobel bez. Rothschild steht sie nicht in Verbindung.

Ein weit gefährlicherer Gegner, als die Russen es waren bez.
sind, ist der D.-A. P.-G. in der Petroleum Produkte A.-G. (»P. P.
A.-G.«) entstanden. Ihre Entstehung ist schon kurz im Abschnitt
über Rumänien berührt. 1902 wurde sie von der Shell Transport
and Trading Co. unter der Maske ihres Vertreters Rudeloff durch
Uebernahme der russischen Importfirma Gehlig, Wachenheim &amp; Co.
mit 3 Millionen Mark gegründet; Anfang 1904 wurde ihr Kapital
unter Mitwirkung der Deutschen Bank auf 9 Millionen Mark, 1905
auf 12 Millionen Mark erhöht1). Die Bank hoffte, durch diese
Finanzierung den Absatz ihrer rumänischen Oele in Deutschland
zu heben, und	übertrug der P. P. A.-G.	den Alleinverkauf der

Produktion der	Steaua Romänä,	hat	aber	nicht viel Glück damit

gehabt. Der Import aus Rumänien ging rapid zurück und kommt
fast nur noch für Bayern und einen Teil von Nordwestdeutschland
in Frage. Den Hauptprozentsatz ihres Absatzes deckt die P. P.
A.-G. mit dem Texasöl der Shell	Co.	Sie	mischt dieses ca. 820 g

schwere, billige	Oel zu etwa 2/s	mit	pennsylvanischem der Pure

Oil Co., bringt die Mischung als »amerikanisches« Petroleum in
den Handel und macht mit ihm der D.-A. P.-G. gefährliche Kon-
kurrenz. Sie hat sich öffentlich verpflichtet, stets */a Pfg. pro
Liter billiger zu liefern als die D.-A. P.-G., ist stellenweise aber
noch billiger. Auch in den Provisionsverträgen ist ein derartiger
Passus eingefügt. Die betreffende interessante Stelle lautet wört-
lich: ». . . doch ist die P. P. A.-G. verpflichtet, die Literverkaufs-
preise ex Strassentankwagen stets so zu stellen, dass sie unter
normalen Verhältnissen */2 Pfg. pro Liter unter den entsprechen-
den Forderungen der D.-A. P.-G. bez. der M.-B. P. A.-G. . . .
auskommen, jedenfalls aber konkurrenzfähig sind.« — Dass die
Preise, wenigstens in Mitteldeutschland, vom Sommer 1904 bis
zum Sommer 1905 um durchschnittlich 3 Pfg. pro Liter, d. h. um
etwa 15—20%, gesunken sind, ist vornehmlich der P. P. A.-G.
zuzuschreiben, denn die D.-A. P.-G. war zu Preisherabsetzungen
genötigt, um sich ihren Kundenstand zu erhalten. Infolge der

1) Von den letzten 3 Millionen Mark übernahmen die Deutsche Petroleum-Ak-

tiengesellschaft und die Steaua Romänä (beides Gesellschaften der Deutschen Bank),
je die Hälfte.
        <pb n="91" />
        ﻿83

veränderten Marktlage aber haben beide Gesellschaften ihre Preise
seitdem wieder erhöht, und zwar durchaus gleichmässig.

Mit der Einrichtung des Tankbetriebes begann die P. P. A.-G.
im Sommer 1904 zuerst in Bayern. Ihr Verhalten ist etwas eigen-
tümlich zu nennen. Denn während sie sich in Nord- und Mittel-
deutschland als den Rettungsengel hinstellte, der die vom Strassen-
wagenbetriebe der D.-A. P.-G. um ihren Absatz gebrachten
Grossisten schützend in seine Arme nahm, begann sie dasselbe
Spiel, das sie bei ihrer Konkurrentin so verdammte, in Süd-
deutschland zuerst! C’est la guerre! Auch dies ist ein Beweis
dafür, dass für den Zwischenhandel kein Kraut gewachsen ist,
dass er sich überlebt hat und mitleidslos zerrieben wird im Zu-
sammenprall der Mächtigeren. Von Bayern aus griff die P. P.-
A.-G. dann nach Mitteldeutschland, besonders nach Thüringen
und Sachsen, über und führt jetzt überall einen erbitterten Kampf
gegen die D.-A. P.-G.

Bemerkenswert ist, dass die P. P. A.-G. und die Russen Mitte
1906 zu einer Verständigung gelangt sind. Sie scheint in der
Hauptsache dem Wunsche entsprungen zu sein, die Vertriebs-
unkosten zu verringern. Diese bleiben im grossen und ganzen
dieselben, einerlei, ob der Absatz hoch oder niedrig ist. Da aber
die Tankbetriebsstellen beider Gesellschaften in der überwiegenden
Mehrzahl einen nur geringen Absatz hatten, die Unkosten für
jedes zur Ablieferung kommende Liter also unverhältnismässig
hoch waren, suchte man hier Abhilfe zu schaffen, indem man
den Vertrieb in die Hände eines Vertreters legte und den
Vertrag mit den andern kündigte.

Ob noch weitergehende Abmachungen zwischen den beiden
Gesellschaften existieren, ist mir nicht bekannt. Einstweilen wird
man dem Vertrag für Deutschland eine grössere Wichtigkeit wohl
nicht zusprechen können, umso weniger, da in dem P r e i s v er-
hält nis schwerlich eine Aenderung getroffen werden kann.
Beide Gesellschaften müssen die D.-A. P.-G. wegen der geringeren
Qualität der von ihnen vertriebenen Oele unterbieten (meist 1/2 Pfg.
pro Liter), müssen aber unter sich, wie bisher, gleichpreisig sein1).

1) Zu bemerken ist hier jedoch, dass die P.P. A.-G. seit Mitte 1906 ihr texa-
nisches Oel nicht mehr mit pennsylvanischem mischt, sondern (wenigstens ist mir
dies für Mitteldeutschland bekannt) eine Mischung von ,/2 texanischem und */s
rumänischem Petroleum in den Handel bringt. Wahrscheinlich ist dies darauf zu-
rückzuführen, dass es jetzt gelungen ist, das rumänische Rohöl besser zu raffinieren.

6*
        <pb n="92" />
        ﻿84

Von den galizischen nach Deutschland exportierenden Ge-
sellschaften und der eigenen deutschen Produktion habe ich bereits
gesprochen. Zu erwähnen wäre nur noch, dass das galizische
Kartell im Mai 1906 die Ostdeutsche Petroleumgesellschaft m. b. H.
Breslau, und die Sächsische Petroleum-Importgesellschaft m. b. H.
Dresden (letztere mit nur 25 000 Mk. Anfangskapital, im Juli auf
50000 Mk. erhöht) gründete. Dies sind nur Notwehrmassregeln,
da die D.-A. P.-G. um diese Zeit eine grosse Dresdner Firma,
die bisher den Vertrieb des galizischen Oeles besorgt hatte, dazu
vermocht hatte, die Verbindung mit den Galiziern abzubrechen
und zu ihr in Beziehungen zu treten.

Als letzte der Petroleumimporteure bleibt hier die mit der
Refiners Co., der Producers Oil Co. und der United States Pipe
Line Co. in Verbindung stehende Pure Oil Co. zu erwähnen.
Welche Stellung sie eigentlich einnimmt, ist nicht ganz klar.
Sie selbst behauptet zwar, völlig »unabhängig« zu sein, doch
dürfte diese Behauptung nicht zutreffen. Im Gegenteil lässt die
ganze Art ihres Vorgehens darauf schliessen, dass sie nur mehr
eine Scheinorganisation gegen die St.O.C. bez. deren Tochter-
gesellschaften ist. Dieser Schluss liegt um so näher, als notorisch
grosse Posten ihrer Aktien in Rockefellers Besitz sind.

Die Pure Oil Co. leidet infolge des Rückgangs der Produktion
Pennsylvaniens an chronischem Oelmangel. Sie soll auch finanziell
schwach sein, kann deshalb mit den Preisen der Konkurrenzge-
sellschaften oft nicht Schritt halten und verliert aus diesen beiden
Gründen mehr und mehr an Boden. Neuerdings soll sie sich dem
galizischen Kartell genähert haben. Auffallend ist es, dass sie
seit Frühjahr 1906 eifrig mit der Einrichtung des Tankbetriebes
vorgeht, trotzdem dessen Einrichtung grosse Kosten erfordert.
Sollte vielleicht gar Rockefeller dahinterstecken?

und die Raffinade für die in Deutschland gebräuchlichen Lampen geeigneter zu ma-
chen. Die Folge wird sein, dass sich die Einfuhr rumänischen Oeles nach Deutsch-
land jetzt wohl ziemlich beträchtlich heben wird. Ob die P.P. A.-G. mit dieser
Mischung durchkommt, bleibt abzuwarten. Doch hat sie den grossen Vorteil für
sich, dass sie wegen geringerer Einstandskosten jetzt billiger verkaufen, also eine
grössere Preisspanne gegen die D.-A. P.-G. als */2 Pfg. per Liter einhalten kann.
Dies ist für sehr viele Händler ausschlaggebend, die bei einer Preisspanne von nur
V2 Pfg« iFre Bezugsquelle nicht wechseln würden.
        <pb n="93" />
        ﻿85

Zusammenfassung.

Betrachtet man die in den vorigen Kapiteln beschriebene
Gestaltung der Dinge und den Konkurrenzkampf in Deutschland
mit dem Auge des Laien, so zeigt sich eine beängstigende Fülle
von Gesellschaften. Darnach sollte es scheinen, als ob an freiem
Wettbewerb wahrlich kein Mangel sei. Dem schärferen Blick des
Kundigen stellt sich die Lage aber in ganz anderem Lichte dar.
Da erkennen wir, dass es sich nicht um eine Vielheit selbständiger,
nach ihren eigenen Gesichtspunkten und Interessen sich befehden-
der Importfirmen handelt, sondern — von der minimalen deut-
schen Produktion und den, im Verhältnis zum ganzen wenigstens,
gleichfalls herzlich unbedeutenden (1905 nur ca. 51 /2 % der Einfuhr)
galizischen Importeuren abgesehen — letzten Endes allein um die
drei grossen Gruppen, die den ganzen Weltmarkt beherrschen
und die uns schon bei der Besprechung der Produktionsgebiete
Amerika, Russland und Rumänien entgegentraten.

Es sind dies

X. Der Standard Oil Trust (Vereinigte Staaten mit Ausnahme von
Texas, in das er sich mit der Shell teilt);

2.	Die Gruppe Nobel-Rothschild-Mantaschew (Russland).

3.	Die Interessengemeinschaft Shell Transport and Trading Co. —
Deutsche Bank — Diskontogesellschaft (Texas, Rumänien,
asiatische Produktionsgebiete)*).

Allen drei Gruppen stehen ungeheure Kapitalien zur Ver-
fügung.

Für den Standard ist aber der Umstand von Vorteil, dass er
speziell das Petroleumgeschäft pflegt und nur in dessen Erwei-
terung auch auf andere Gebiete übergegriffen hat, während Roth-
schilds Interesse sich auch auf eine grosse Anzahl anderer Unter-
nehmungen gerichtet hat. Noch mehr ist dies von der dritten
Gruppe zu sagen; die Shell betreibt das Petroleumgeschäft mehr
als Verfrachterin als für eigene Rechnung, und die deutschen Ban-
ken sind in das Petroleumgeschäft mehr hineingedrängt, als dass
sie es freiwillig im grossen Massstabe aufgenommen haben.

Ferner ist zu berücksichtigen, dass der amerikanische Trust
durch die gewaltige Produktion, die er beherrscht, und durch

1) Wenn das auf S. 84 kurz besprochene nach Fertigstellung dieser Arbeit
zustande gekommene Kartell Bestand hat, würden sich also im Ganzen nur zwei
Gruppen gegenüberstehen.
        <pb n="94" />
        ﻿86

seine weitverzweigte, musterhafte Organisation, nicht zum wenigsten
auch durch die Qualität seines Oeles ein entschiedenes Ueber-
gewicht über seine Konkurrenten hat, die nur langsam und unter
den grössten Anstrengungen ihre Stellung gegen ihn verstärken
konnten. Allerdings haben sie während des letzten Jahrzehnts
bemerkenswerte Fortschritte gemacht und das Monopol, das der
Trust besass, in mehr als einem Lande vernichtet. Doch bedeutet
das letztvergangene Jahr, 1905, wieder einen entschiedenen Um-
schwung. Die schweren Schäden, die die russische Erdölindustrie
durch die Brände in Baku erlitt, ermöglichten dem Trust, trotz
der Shell und der unabhängigen Oelgebiete in Hinterindien
(Burmah Oil Co.) und Japan, in Asien, welcher Erdteil bis jetzt
am wenigsten von ihm abhängig war, erobernd vorzudringen.
Auch Europa scheint seinem Einfluss wieder mehr anheim zu
fallen. Der Streit tobt jetzt in allen Kulturländern, am heissesten
natürlich da, wo es einen hohen Preis gilt.

Ein solches Land ist eben Deutschland, und um die Herr-
schaft gerade in diesem bis jetzt zweitgrössten Konsumtionsgebiete
der Welt spielt sich jetzt ein besonders erbitterter Kampf ab,
dessen einzelne Phasen oben kurz geschildert worden sind.

Aber die grossen Finanzgruppen treten, wie schon erwähnt,
nicht direkt, mit offenem Visier, als Kämpfer auf, sondern sie
agieren, um ihre Identität zu verbergen, unter verschiedenen
Masken. Reisst man diese jedoch herab, so schmilzt die Zahl
der Gesellschaften zusammen. Dem kritischen Blick erscheinen
dann nur die wohlbekannten drei Gesichter, die einzelnen Firmen
als das, was sie in Wirklichkeit sind: als Vertriebsgesellschaften.

Dass diese Absonderung manche Vorteile für sich hat, ist
nicht zu verkennen. U. a. wird das Risiko dadurch beschränkt.
Dies ist besonders wichtig für die deutschen Banken, die selbst
im schlimmsten Falle nicht über ihre tatsächliche finanzielle Be-
teiligung bei der betreffenden Gesellschaft hinaus in Anspruch
genommen werden können. Beim Standard Oil Trust spricht
dieser Umstand weniger mit. Die von ihm abhängigen Gesell-
schaften verdanken auch besonderen Gründen (Aufkauf bestehen-
der Firmen, deren Angliederung an das Hauptgeschäft, meist
allerdings aus Konkurrenzrücksichten, erst allmählich erfolgte) ihre
Entstehung.

Der besseren Uebersicht halber gebe ich nachstehend unter
        <pb n="95" />
        ﻿- 8; -

Ausserachtlassung der P.O.C. eine nach diesen Gesichtspunkten
zusammengestellte Tabelle.

I. Der Trust.	II. Die Russenfirmen.	III. Die Rumänengruppe.
Akt. Kap.	Akt. Kap.	
ohne Res.		
1) D.-A. P.-G.	30 Milk	D.R.N.I.G.	6’/a Mill.	1) Shell, 2) A.P.I.G. (17
2) M.B.P.A.G.	3	»	D.Oest. unbedeut.	Mill.) 3) D.P.A.G. (20
3)	K.H.C.	2l/i »  4)	Amer. Petr. Anl. 1/4	»	N.I.G.	Mill.) »).  P.P.A.G; 12 Mill.
5)	P.R. v. A.Korff i*/2	»  6)	Westfäl.P.-Ges. unbedeut.		
37 Mill.	672 Mill.	12 Mill.
ca. 67 %	ca. 12 0/fl	ca. 21 0/0

Hierzu ist noch zu bemerken, dass die amerikanischen Ge-
sellschaften über reich dotierte Reservefonds verfügen und stets
gut, oft geradezu glänzend angeschnitten haben. Obwohl sie
ganz Deutschland mit dem Strassenwagenbetriebe überzogen
haben, dessen Einrichtung riesige Opfer erforderte, blieb ihr
Grundkapital doch unverändert, ja sämtliche Neuanschaffungen
wurden bez. werden im Laufe weniger Jahre abgeschrieben.

Wie ganz anders zeigt sich z. B. die Vertreterin der russi-
schen Gruppe, die in den 22 Jahren ihres Bestehens siebenmal
gar keine, im Durchschnitt seit 1888 bei ausserordentlich schwachen
Reserven und geringen Abschreibungen ca. 5 % Dividenden ver-
teilte !

Auch die Geschäftsergebnisse der P. P. A.-G. sind bis jetzt
nicht allzu günstig. Nicht ohne Grund hat sie »infolge der Aus-
dehnung ihres Geschäftsbetriebes« erst 1905 ihr Kapital wieder
um 3 Millionen Mark erhöht. Die anderen Gesellschaften der
dritten Gruppe — man könnte sie Portefeuille-Gesellschaften
nennen —, die A. P. I. A.-G. und die D. P. A.-G., sind noch zu
jung, als dass sie schon grössere Reserven angesammelt haben
könnten und als dass man über sie schon ein endgültiges Urteil
fällen könnte.

Aus Vorstehendem geht also die unbedingte Ueberlegenheit
des Trusts hervor.

Nun darf man aber nicht glauben, dass ihm der deutsche
Markt deshalb auf Gnade und Ungnade überlassen sei. Ich sprach
vorhin nur von den finanziellen Resultaten, die sich allerdings auf

1) 2 und 3 sind keine Vertriebsgesellschaften, sondern nur Zusammenfassungen
von Petroleuminteressen.
        <pb n="96" />
        ﻿88

seiten der Amerikaner viel günstiger stellen. Aber schon deshalb,
weil auch die andern Gruppen, besonders der Rumänenconcern,
so grosse Summen im Petroleumgeschäft festgelegt haben, müssen
sie alles aufbieten, um diese nicht zu verlieren; d. h. mit anderen
Worten, sie müssen den einmal aufgenommenen Kampf ausfechten.
Wie in den folgenden Kapiteln dargelegt werden wird, ist ihre
Konkurrenz stark genug, um ein »Monopol« des Trusts in Deutsch-
land und eine einseitig durch ihn erfolgende Festsetzung und
erheblichere Hinaufschraubung der Preise zu verhindern.

Nachfolgende Tabellen mögen das in den vorstehenden
Kapiteln zu schildern versuchte Machtverhältnis der einzelnen
Gesellschaften zu einander und seine Verschiebung im Laufe der
letzten Jahre veranschaulichen.

Es betrug die Einfuhr von Petroleum (roh, raffiniert
und leichte Destillate) nach der Reichsstatistik im Gesamt-
eigenhandel:

			Wert in 1000 Mk.	via Bremen		Hamburg	Mannheim
1880	320731	tons	58 538	208 000 tons		77 000	
1885	477 614	»	69254	103 OOO		140 OOO	
1890	690 81g	»	78 062	181 OOO		116 OOO	35 o°°
1891	736 433	»	71 287	I 40 OOO	»	79 OOO	66 000
1892	749 673		61 248	I 04 OOO	»	69 OOO	113 000
1893	784 449		48 479	131 OOO	»	80 OOO	125 000
1894	824 397	»	47 815	1 39 000	»	95 OOO	117 000
1895	783 654	s&gt;	59 588	121 OOO		131OOO	112 000
1896	836 921	»	58710	I 15 OOO	»	146 OOO	119 000
1897	849 02 5	»	43 995	93 000	»	208 OOO	118 000
1898	874 039	»	59 785	94 OOO	»	305 OOO	124 000
1899	916 077		75 081	87 OOO		312 OOO	109 OOO
1900	847 466		7i 37i	80 OOO	»	294 OOO	
1901	931 466	»	65 951	89 OOO	»	315 OOO	
1902	971 082	»	68 373	75 000		349 000	
1903	1 106 282		93 073	54000		322 OOO	
1904  1905	1 082 188	»	80 623	50 OOO 45 5°°		296 OOO	

NB. Die Zahlen für die Einfuhrhäfen entstammen deren
statistischen Jahrbüchern!
        <pb n="97" />
        ﻿Deutschlands Einfuhr im Spezialhandel.

Jahr	Rohöl			Leuchtöl			Leichte Destillate			Insgesamt	Wert in 1000  Mark
	aus	dz	tot. dz	aus	dz	total dz	aus	dz	total dz	dz	
1896  1897  1898  1899  1900	*		ISI442 103914 57853 88 461	■		82x1 590 8 741 754  8	896 747 8971750  9	227 099			52 917 56239  81085  61667	8946 113  9 056 900 9110 688  9 377 227	46 220 61 984 74 336 78 775
1901	Oest.-Ungarn  Rumänien  Russland  Amerika	633 5381 93 236 524	101 028	Oest.-Ungarn  Rumänien  Russland  Amerika	44128 42 466  1 i67 5x5 7813990	9117 946	Oestr.-Ungarn  Rumänien  Niederl.-Indien  Amerika	32 4°3  4 477  2 286  11 429	55 655	9 274 629	65 518
1902	Oest.-Ungarn  Rumänien  Russland  Amerika	202  65 939 134	67 210	Oest.-Ungarn  Rumänien  Russland  Amerika	168 377 80 778  1 366 808  7 521 550	9 265 616	Oestr.-Ungarn  Rumänien  Niederl.-Indien  Amerika	28 354  7 197  6 210  11 319	58 468	9391 294	66 500
1903	Oest.-Ungarn  Rumänien  Russland  Amerika	8  12  32 241 147	32445	Oest.-Ungarn  Rumänien  Russland  Amerika	356 515 116 656  1 419927  7 631 637	9 704 288	Oestr.-Ungarn  Rumänien  Niederl.-Indien  Amerika	27 884 9619  16 243  3 922	64 980	9 801 713	82 764
1904	Oest.-Ungarn  Rumänien  Russland  Amerika	S&amp;  21 561 143	21 780	Oest.-Ungarn  Rumänien  Russland  Amerika	428 098 70 208  1 313 383  7 77i 404	9 7°5 966	Oestr.-Ungarn  Rumänien  Niederl.-Indien  Amerika	24 500  7 609  13 790  11 936	68 437	9 796 183	73 101
1905	Russland	10 225	10 812	Oest.-Ungarn  Rumänien  Russland  Amerika	508 920 19 042  1 188 783  7 708 291	9 484 780	Oestr.-Ungarn  Niederl.-Indien	13 133  6 767	97 487	9 593 079	71 667
        <pb n="98" />
        ﻿90

Stellt man die Einfuhrzahlen der einzelnen Länder zusammen,
so ergibt sich folgendes Bild (die Zahlen bedeuten tons).

Herkunft	P	Rohöl	Raff. Oel	Destill.  leicht	Insgesamt	Prozent der Leuchtöl- einfuhr
	1901	52	781 399	1143	782 594	85 74
	1902	13	752 155	1132	753 300	8l 75
Amerika	1903	15	763 164	392	763 571	782/3
	1904	14	777 140	1194	778 348	80
	1905		770 329	•		8l 74
	1901	9324	116 752	15	126 091	12 3/i
	1902	6594	136 681	89	143 364	14 7s
Russland	1903	3224	141 993	8	145 225	14 Vs
	1904	2156	131 338	27	133 521	1372
	1905	1023	118 878			12 72
	1901	63	4 4R3	3340	7 716	73
	1902	20	16838	2835	19693	175
Oestr.-Ungarn	1903		35 652	2788	38 440	373
	1904	6	42 810	2450	45 266	4 73
	1905		50893	1313		5 7»
	1901	538	4 247	448	5 233	7»
	1902		8078	720	8 798	75
Rumänien	1903	I	11 666	962	12 629	i7«
	1904		7 021	761	7 782	7i
	1905		1904			74

Die anderen Länder hatten Anteil an der Leuchtöleinfuhr
mit zusammen

1901 :	4984	tons	=	ca.	‘/2	%

1903 :	12 810	»	=	»	1 a/e	»

1903:	17 954	»	=	»	l6/s	»

1904:	13 288	»	=	»	I1/*	»

I905:	5975	»	—	»	7*	»

In diesen Zusammenstellungen fällt besonders die andauernde
Steigerung der Einfuhrzahlen Oesterreichs auf, dessen Leuchtöl-
import nach Deutschland in den letzten fünf Jahren um das rund
zwölffache gestiegen ist. Dass sie den stattgehabten Zusammen-
schlüssen und der Schaffung der Exportorganisation zuzuschreiben
ist, ist unbestreitbar. Doch ist hierbei zu bemerken, dass ein
grosser Teil der Mehreinfuhr für Lieferungen an die Bahnen be-
stimmt ist. In den Weichenlaternen kann galizisches Oel gar
wohl gebrannt werden, für Hausbeleuchtung ist es ungemischt
infolge mangelhafter Raffination noch recht ungeeignet. Meist
wird es deshalb, mit pennsylvanischem Oel vermischt, gebrannt.
Wenn keine besseren Raffinationsmethoden angewendet werden,
so wird m. E. der Absatz bald wieder zurückgehen und die Ein-
        <pb n="99" />
        ﻿9i

fuhr demgemäss sinken, ähnlich wie die aus Rumänien, die trotz
der Anstrengungen der grössten deutschen Banken nach einer
kurzen Periode glänzenden Aufschwungs wieder in einer scharfen
Kurve nach unten ging.

Sie ist m. W. besonders durch den Rückgang des Absatzes
der P. P. A.-G. in Bayern hervorgerufen. Hier hatte diese Ge-
sellschaft als erste mit der Einrichtung des Tankwagenbetriebes
begonnen, erreichte damit aber nur, dass sie fast das ganze Ge-
schäft in rumänischem Oel verlor, während gerade in diesen Ge-
bieten die D.-A. P.-G. ihren Absatz sehr steigern konnte — ein
Beweis, dass rumänisches Oel in seiner jetzigen Beschaffenheit
mit dem amerikanischen noch nicht konkurrieren kann1).

Bei Russland ist seit 1903 ein bemerkenswertes Abfallen zu
konstatieren. Absolut hat die Einfuhr während der letzten Jahre
zwar immer noch etwas zugenommen (gegen 1901). Nach der
Begünstigung, die dem russischen Oel regierungsseitig zu Teil
wird, müsste man eigentlich eine weit erheblichere Steigerung
erwarten. Der Mehrabsatz an Behörden, insbesondere die Eisen-
bahnen, wird aber durch Minderabsatz im freien Verkehr an die
Händler aufgehoben.

Was endlich die Einfuhr Amerikas anlangt, so ist sie in den
letzten Jahren ziemlich konstant geblieben, ja seit 1902 wieder
gewachsen. An ihren gewichtigen Zahlen prallt der Ansturm
der kleineren Konkurrenten bis jetzt wirkungslos ab. Es ist an-
zunebmen, dass sie für die nächsten Jahre infolge des Minder-
ertrags des kaukasischen Produktionsgebietes einen noch höheren
Prozentsatz der Gesamteinfuhr Deutschlands ausmachen wird.

I) Vgl. hierzu jedoch die Anmerkung auf S. 83.
        <pb n="100" />
        ﻿92

III.	Preisgestaltung.

Die vorangegangenen Darlegungen haben die gewaltige
Uebermacht des Rockefeller’schen Trusts in Deutschland er-
kennen lassen.

Wenn die St.O.C. plötzlich die Zufuhr sperren würde, so sässe
Deutschland trotz der Russen, Galizier und Rumänen schon nach
wenigen Monaten im wahrsten Sinne des Wortes »im Dunkeln«.
Bei diesen Verhältnissen drängt sich von selbst die Frage auf,
ob man dieser Eventualität nicht schon bei Zeiten Vorbeugen
könne, m. a. W. ob und wie es möglich ist, die Macht des
Petroleumtrusts zu brechen. Im Anschluss daran taucht eine
zweite, nicht minder wichtige Frage auf: Wie werden sich unter
dem Einfluss dieser Vorbeugungs- und Kampfmassregeln die
Preise gestalten? Die Beantwortung dieser Frage steht im Brenn-
punkt jeder volkswirtschaftlichen Untersuchung des Petroleum-
handels. Handelt es sich doch darum zu verhindern, dass der
Allgemeinheit ungezählte Millionen von einer übermächtigen frem-
den Kapitalistengruppe entzogen werden.

a) Vorgeschlagene Kampfmassregeln.

Um dies Ziel zu erreichen, hat man eine ganze Anzahl Mittel
und Wege vorgeschlagen, die teils direkt gegen die D.-A. P.-G.
gerichtet sind, teils nur die Stärkung ihrer Konkurrenz im Auge
haben. Die wichtigsten von diesen muss ich kurz besprechen,

i.	Erhöhung des fire-test-Punktes.

Wohl am meisten agitiert man für die Heraufsetzung des
2&gt;fire-test«-Punktes von 21 auf 23°C, da man dadurch das ameri-
kanische Petroleum der D.-A. P.-G., das in seiner jetzigen Raf-
fination einen verhältnismässig niedrigen Entflammungspunkt be-
sitzt, konkurrenzunfähiger machen zu können hofft. Dieser Er-
folg würde auch wohl eintreten ; die Nachteile wären aber anderer-
        <pb n="101" />
        ﻿93

seits so schwerwiegend, dass man sich ernstlich mit dem
Gedanken einer Testpunkterhöhung wohl nicht befassen darf.

Vorweg möchte ich hier auf die amtliche und auf umfassende
und genaue Untersuchungen gestützte Begründung der Wahl des
Testpunktes in den »Vorschriften, betreffend den Abelschen
Petroleumprober und seine Anwendung«, herausgegeben von der
Kaiserlichen Normal-Aichungs-Kommission (Berlin, 1883) hinweisen,
da diese Untersuchungen den Vorzug grösserer Zuverlässigkeit
vor den von den einzelnen Konkurrenzgesellschaften veranlassten,
oft etwas gefärbt in die Oeffentlichkeit gebrachten haben. Denn
bei ihnen handelt es sich nicht um den Beweis grösster Leucht-
kraft, vielmehr sind bei der Festsetzung des fire-test lediglich,
sagen wir sanitäre und in viel höherem Masse objektive, volks-
wirtschaftliche Gesichtspunkte massgebend gewesen. Gerade weil
alle Sorten diesen Bestimmungen unterworfen sind, verdienen
sie Beachtung. Erkennt man die in der »Begründung« enthaltenen
Ausführungen als richtig an, so ist über die vorgeschlagene Er-
höhung des Testpunktes der Stab gebrochen. Und m. E. muss
man sie anerkennen.

Die Verordnung bestimmt, dass nur Petroleum, das bei einem
Barometerstand von 760 mm und einer Temperatur von +21 0 C.
noch keine entflammbaren Dämpfe aufsteigen lässt, ohne weiteres
im Detailhandel verkauft werden darf. Leichtere (Benzin) oder
infolge sorgloserer Raffination explosivere Destillate dürfen, wie
es so schön im Amtsstil heisst, »nur aus mit einer besonderen
auf ihre Feuergefährlichkeit hinweisenden Etikette versehenen
Gefässen verkauft werden«, können auch nur auf besonders kon-
struierten Lampen gefahrlos zu Beleuchtungszwecken verwandt
werden. Dieser »Testpunkt« wurde eingeführt, um zu verhüten,
dass Deutschland mit minderwertigen und leichter explodierbaren
Oelen überschwemmt wurde. Dies war 1878—1882 tatsächlich
der Fall infolge Mischung des Petroleums mit der damals im Ver-
hältnis zu ihm niedriger als jetzt bewerteten Naphtha. Mannigfache
Unglücksfälle waren die Folge. Sie sollten durch Flinführung
eines reichsgesetzlich festgelegten Mindestentflammungspunktes
vermieden werden.

Die Bestimmungen haben den angestrebten Zweck erfüllt und
vollständige Sicherheit geschaffen. Die eigentliche Gefahrtempera-
tur liegt noch 8—100 C. höher als der für die betreffende Petro-
leumsorte auf dem Abelschen Prober ermittelte Entflammungs-
        <pb n="102" />
        ﻿94

punkt. Die Denkschrift erklärt auf Seite 61 ausdrücklich: »Wie
gegenüber weit verbreiteten Missverständnissen scharf hervorge-
hoben werden muss, ist demnach die Temperatur, bei welcher
sich im Behälter einer Petroleumlampe Gasgemenge bilden, die bei
Berührung mit einer Flamme explodieren, ganz erheblich höher
als der für das benutzte Oel mit Hilfe des Abelschen Probers
ermittelte Entflammungspunkt«. Also das konsumierende Publi-
kum ist ausreichend geschützt.

Nun hat man gegen die Festsetzung des Testpunktes auf nur
21° C. den Einwand erhoben, es werde, da einige andere Länder
(wie z. B. England einen um 1,8° C.) höheren Entflammungspunkt
verlangten, das anderswo unverkäufliche schlechte Petroleum nach
Deutschland abgeschoben. Diesem Einwand ist, wie sich auch
die schon zitierte Denkschrift auslässt, entgegenzuhalten, dass der
bei uns niedriger angesetzte Testpunkt sich als vollständig aus-
reichend erweist. Auch das Verlangen nach dem Vorhandensein
bestimmter »Herzeigenschaften« des Petroleums, das man
öfter gestellt hat, ist, wie Graf Posadowsky am 9. Dezember
1897 im Reichstag erklärte, nach Ermittelungen des Reichsgesund-
heitsamtes nicht gerechtfertigt, da die Verschiedenheit der Herz-
eigenschaften der einzelnen Sorten nicht wesentlich genug ist, um
daraufhin irgend welche Massregeln gegen ein bestimmtes Petro-
leum zu ergreifen.

Sodann aber — und das ist ein äusserst gewichtiges volks-
wirtschaftliches Moment — würde schon die Erhöhung des Test-
punktes um 20, also auf 23 °, wie man, zumeist von interessierter
Seite, als Kampfmassregel gegen den Trust empfohlen hat, eine
fühlbare dauernde Verteuerung des Petroleums im Gefolge haben.
Amerika könnte infolge der sich notwendig machenden sorg-
fältigeren Raffination nicht mehr so billig liefern wie bisher und
müsste höhere Preise fordern. Die trustfeindlichen Gesellschaften
könnten zwar, wie wohl anzunehmen ist, ihre jetzige Raffinations-
art bestehen lassen, denn ihre Oele zeigen auch jetzt schon wegen
der besonderen Art ihrer Zusammensetzung einen durchweg weit
höheren Entflammungspunkt, als ihn das von der D.-A. P.-G. ver-
triebene Oel besitzt. Wie ich aber in den vorstehenden Kapiteln
gezeigt habe, reicht ihre Leuchtölproduktion noch bei weitem
nicht zur Deckung des deutschen Bedarfs aus. Also wäre man
nach wie vor auf Bezug von der St.O.C. bez. der D.-A. P.-G.
angewiesen. Nun haben aber die letzten Jahre den Gesellschaften
        <pb n="103" />
        ﻿95

sehr wenig Verdienst gelassen, in nicht seltenen Fällen ihnen so-
gar Verluste gebracht. Wenn also die St.O.C. gezwungenermassen
die Preise heraufsetzen würde, so würden die ausseramerika-
nischen Produzenten, auch die P. P. A.-G., ihr, von einem schweren
Banne halb erlöst, auf jeden Fall sofort in gleichem Schritte
folgen, wie sie dies auch schon bei den Preiserhöhungen im Flerbst
1905 getan haben. Das Verhältnis bliebe also das gleiche. Der
erhöhte Preis müsste gezahlt werden, und wenn die Preise auch
nur um 2 Pfg. per Liter stiegen, hätte Deutschland alles in allem ge-
nommen für dieses Experiment jährlich etwa 23—24 Millionen Mark
mehr zu bezahlen! Diese ungeheure Summe würde allein dem Aus-
lande zugute kommen. Ob sie aber von den Amerikanern oder von
ihren Gegnern in die Tasche gesteckt wird, ist für uns gleichgültig.

Ferner kommt hinzu, dass solche Oele einen höheren Prozent-
satz an »Kernölen« besitzen. Da diese Kernöle aber infolge ihrer
geringeren Kapillaraktion im Docht weniger gut steigen und des-
halb verhältnismässig leicht russen und qualmen, verlangen sie
eine ganz besondere Lampenkonstruktion. Durch die notwendig
werdenden Neuanschaffungen würden jedoch gerade die ärmeren
Schichten der Bevölkerung prozentual am meisten belastet wer-
den, ganz abgesehen von dem höheren Preise für das Oel selbst.

Aus dem Gesagten erhellt, dass eine so einschneidende Mass-
regel wie die Erhöhung des Testpunktes sich nur würde recht-
fertigen lassen, wenn der jetzige ungenügend wäre und der vor-
geschlagene eine Gewähr für eine nennenswerte grössere Sicher-
heit gegen Explosionsgefahr böte. Dies ist nicht der Fall. Sie
aber als Mittel gegen das Vordringen der St.O.C. anwenden zu
wollen, wäre schlechterdings verfehlt.

2.	Zolländerungen.

Als ein weiteres Mittel zur Zurückdämmung der Macht des
Trusts hat man Zolländerungen vorgeschlagen. — Gegenwärtig
beträgt der Zoll auf Leuchtöl 6 Mark pro 100 kg brutto und
unter Berücksichtigung der allgemein üblichen Fässertara von
20% 7-5° Mark netto. Die Vorschläge gehen nun dahin:

a) amerikanisches Oel einem höheren Zollsätze zu unterwerfen
als solches anderen Ursprungs. Dies könnte sich aber Amerika
keineswegs gefallen lassen. Wenngleich jetzt ein scharfer Wind
gegen die Trustleute weht und viele Staaten samt dem Präsi-
denten (wieder einmal) offenen und unerbittlichen Kampf gegen
sie proklamiert haben, so dürfen sie eine Zollbenachteiligung ihres
        <pb n="104" />
        ﻿96

drittwichtigsten Exportartikels doch nicht zugeben. Aus dem
einfachen Grunde nicht, weil infolge des grossen Minderabsatzes
und des dadurch hervorgerufenen Preissturzes in den Oelpro-
duktionsgebieten eine Krisis ausbrechen würde, die zu einer
schweren Schädigung des Nationalwohlstandes führen müsste,
ganz abgesehen von der Verschlechterung der Handelsbilanz als
solcher. Könnte man aber trotzdem das amerikanische Oel mit
einem höheren Zollsatz belegen, so würde voraussichtlich Russ-
land ohne weiteres an die Stelle Amerikas treten, d. h. der Teufel
hätte sich in Beelzebub verwandelt, wenn Russland überhaupt so
viel Leuchtöl nach Deutschland exportieren könnte. Ausserdem
ist zu bedenken, dass die ausseramerikanischen Gesellschaften ihre
Preise, wenn auch wohl nicht um den ganzen, so doch sicher um
den annähernden Betrag der Zolldifferenz erhöhen würden. Da-
mit wäre die Preissteigerung zu einer dauernden gemacht. Die
Rechnung hätte wieder das Publikum zu bezahlen. — Oder

b) einen Differentialzoll auf rohes und raffiniertes Petroleum
einzuführen. Auch dies würde ein Schlag ins Wasser sein. Wenn
die Differenz gross genug wäre, um die Errichtung von Raffi-
nerien im Inlande rentabel erscheinen zu lassen, so hätten doch
wieder die Amerikaner den meisten Nutzen davon. Nur ihnen
stehen Kapital und technische Arbeitskräfte sofort und in solchem
Masse zur Verfügung, dass sie auch im Raffinieren gleich das
Monopol an sich reissen würden und es in der Hand hätten,
Gegner durch fortgesetztes Unterbieten bald mürbe zu machen.
Dass sie dies auf jeden Fall tun würden, ja dass vielleicht eine
Drohung, es zu tun, schon genügen würde, Konkurrenzunterneh-
mungen zu ersticken, zeigt das Beispiel Frankreichs. Hier hatte
sich infolge der Zollgesetzgebung von 1863 und 1892/93 eine
blühende Raffinierindustrie entwickelt, die ihr Rohprodukt von
den unabhängigen amerikanischen Produzenten bezog. Alle Be-
mühungen des Trusts, diese auszustechen, fruchteten nichts. Da
begann er mit dem Bau zweier Raffinerien, drohte die bestehen-
den Fabriken durch rücksichtslose Preiskämpfe zu entwerten und
erreichte dadurch, dass die Raffineure sich ihm fast sämtlich ver-
traglich verpflichteten, was ihm eine fast unbeschränkte Herrschaft
errang. Jetzt ist, da der Import besonders russischer Rohöle nach
Frankreich sehr zugenommen hat, die interessante Tatsache fest-
zustellen, dass amerikanische Firmen auf französischem Boden
russisches Oel raffinieren!
        <pb n="105" />
        ﻿97

Die Einführung eines Differentialzolles Hesse sich nur in der
Weise denken, dass der Zoll für raffiniertes Oel bestehen bliebe
und der für Rohöl ermässigt würde.

Schwierig wäre hier schon, das richtige Verhältnis zu finden.
Denn wie schon S. 19 erwähnt, weisen die einzelnen Rohöle er-
heblich verschiedene Leuchtölquoten auf; die höchste das ameri-
kanische (ausser dem texanischen), dessen Inlandsrafifination sich
also relativ am meisten rentieren würde. Aber dessen Produktion
ist durchaus vom Trust abhängig, so dass also das Verhältnis
tatsächlich dasselbe bleiben würde.

Der Zollausfall wird dadurch wettgemacht, behauptet man,
dass die Raffination im Inlande geschieht, inländische Arbeits-
kräfte also lohnende Beschäftigung finden. Dem ist entgegenzu-
halten, dass der ganze Reinigungsprozess nur ein Minimum von
menschlichen Arbeitskräften erfordert und dass ferner der ev. Ge-
winn der Fabriken in die Tasche ihrer ausländischen Besitzer
fliesst. Hinzukommen würde, dass durch eine grössere inländische
Rohölverarbeitungsindustrie (Rückstände, Schmieröle!) eine neue
unliebsame Konkurrenz der deutschen Braunkohlen- und auch der
eigenen deutschen Petroleumindustrie geschaffen würde, die so-
wieso schon infolge höherer Gestehungskosten nur schwer mit der
ausserdeutschen Industrie in Wettbewerb treten kann.

Andererseits würde der Zollertrag ganz bedeutend zurückgehen.
Als dem Einfuhrzoll unterliegender Artikel rangiert Petroleum nur
hinter Weizen und Kaffee und steht weit über dem viertbedeutendsten
Artikel, dem Tabak1). Die Zollgefälle betrugen in Millionen Mark:

1880	16,0	1893 :	46,3	Prozente der
1881	21,9	1894 :	47,4	Gesamt-Zoll-
1882  1883	20,6  22,2	1S95 : 1896 :	49,0  51,1	Einnahmen.
1884	27,8	1897 :	55,3	11,6
1885	28,9	1898:	56,4	10,9
1886	26,4	1899 :	56,8	11,2
1887	30,6	1900 :	58,3	11,2
1888	33,9	1901 :	57,8	10,8
1889	37,9	1902 :	S»,7	10,9
1890	39,3	1903:	61,3	11,0
1891	42,0	1904:	62,1	n,3
1892 :	45 &gt;3			

l) Es betrugen die Zollerträge von

Weizen	Kaffee	Tabak

1901	:	75,0	Mill.	68,6	Mill.	52,2	Mill.

1902	:	72,7	»	68,3	»	52,4	»

1903	:	67,9	»	72,4	»	53,9	»

1904	:	71,0	»	71,6	»	56,1	»

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 20.
        <pb n="106" />
        ﻿98

Wenn Deutschland einen Differentialzoll einführen sollte, so
ist wohl anzunehmen, dass, ebenso wie es in Frankreich geschieht,
nicht ein wirkliches »Rohöl«, sondern ein sogenanntes »Kunstöl«
importiert würde, d. h. durch Zusatz von schwereren Destillaten
(Teer z. B.) soviel spezifisch schwerer gemachtes Oel, dass es
den Anforderungen, die das Gesetz an Rohöl stellt, entspricht.
Da solche Kunstöle oft einen hohen Prozentsatz an Leuchtöl
enthalten (nach Swoboda S. 66 wurden in Oesterreich Kunstöle
mit einem Leuchtölgehalt bis zu 90% importiert!), so liegt es auf
der Hand, dass die durch den Erlass eines solchen Gesetzes ge-
wollten Folgen bestimmt nicht eintreten werden.

Der Zollausfall würde sich nach vielen Millionen berechnen
diese Summe durch Mehrbesteuerung zu decken, würde viel
schwieriger und vor allem dem Publikum fühlbarer sein.

Neuerdings trägt sich übrigens eine Berliner Gründerfirma,.
W. Mertens &amp; Co., mit dem Projekt, österreichisches Rohöl auf
deutschem Boden in einer eigenen Raffinerie zu verarbeiten. Die
im Dezember 1905 erschienene Denkschrift rechnet allerlei Vor-
teile heraus, doch bleibe ich dem Plane skeptisch gegenüberstehen.
Jedenfalls sind von vornherein zwei wichtige Voraussetzungen
nicht sicher:

1.	Der Preis: der Trust kann ihn in der Einflusssphäre der
Fabrik werfen und diese dadurch unrentabel machen, seine eigenen
Verluste aber durch höhere Preise im übrigen Deutschland wieder
wettmachen.

2.	Ein sehr unsicherer Faktor ist die in Aussicht genommene
Verwendung des galizischen Rohöls: mit dem Absatz und der
Produktion gerade Galiziens steht es — ich verweise auf meine
früheren Ausführungen — noch sehr im Argen.

Eine kleine Konzession, die man dem russischen Oel gemacht
hat, ist die Zulässigkeit der Volumenverzollung. Da es, ebenso
wie die österreichischen, rumänischen und texanischen Oele,
schwerer ist als das gewöhnliche amerikanische Standard white,
so kommt letzteres etwas schlechter weg. Doch ist dieser Nach-
teil so gering, dass er für die Preisbestimmung nicht ins Gewicht
fällt.

3.	Differentielle Tarifierung und regierungs-
seitige Bevorzugung a u s s e ramerikanischer Oele.

Für amerikanisches Petroleum sind bei Bahnversand die für
die »Allgemeine Wagenladungsklasse« geltenden Frachtsätze zu
        <pb n="107" />
        ﻿99

zahlen. Russisches Petroleum geniesst einen Ausnahmetarif, und
es wird dafür agitiert, auch die andern ausseramerikanischen üele,
die zwar auch schon besonders, aber nicht in der bevorzugten
Weise wie das russische, tarifiert werden, des Genusses dieses
Ausnahmetarifs gleichfalls teilhaftig werden zu lassen.

Die Schaffung dieses Tarifs scheint eine Konzession mehr
politischer Art an Russland zu sein, wie denn überhaupt die
Bahnen im allgemeinen den Bezug von russischem Oel vorziehen.
So beschaffte die Kgl. Eisenbahndirektion Berlin für die Direktionen
Berlin, Bromberg, Danzig, Halle, Königsberg, Magdeburg und
Stettin folgende Mengen.

Russ. Petrol.	Oesterr. Petrol.

1903:	4845 tons

1904:	5538 »

1905:	4848 »

210 tons
I KO »

850	»

1906 fielen von insgesamt ausgeschriebenen 5680 tons zu der

D.-R. N.-I.-G.	1800	tons

D.-A. P.-G.	842	»

Königsb. Hdls. Comp.	200	»

den Galiziern	2 6 so »

?	188	»

5680 tons

Die Kgl. Eisenbahndirektion Kattowitz beschaffte für die
Direktionen Posen, Breslau und Kattowitz im Jahre 1902 nur
russisches Oel. In den beiden folgenden Jahren wurden Ver-
suche mit österreichischem Petroleum gemacht. Vom Gesamt-
verbrauch entfielen auf diese Provenienz 1903:	1,29%, 1904:

0,95 %• Für das Etatsjahr 1905 waren folgende Quanten ausge-
schrieben :

Posen

Russ. Petroleum 520 000 kg
Oesterr. Petroleum 200 000 »
total also russ. Petroleum :

österr. Petroleum :

Breslau	Kattowitz

1	100000 kg	I 000000 kg

200 000 »	200 000 »

2	620 000 »

600 000 » = ,9 22%.

Die in der folgenden Tabelle gemachten Angaben über Be-
darf und Bedarfsdeckung der deutschen Bahnen entstammen
z. T. dem »Bericht über die Ergebnisse des Betriebes der Ver-
einigten Preussischen und Hessischen Staats-Eisenbahnen«, zum
andern Teil freundlichen Mitteilungen der Ministerien und Eisen-
bahndirektionen.
        <pb n="108" />
        ﻿IOO

Petroleumverbrauch der deutschen Bahnen.

Land	Jahr	Menge in kg	Durchschnitts-I  !preisp. 100 kg  1	Herkunftsland		Gesamt-  preis  Mark
Preussen-Hessen	1895/96	12 153 433	19,72			2 396 683
	1896/97	12 970 524	17,64			2 287 381
	1897/98	14 581 204	16,32			2 379166
	1898/99	16 266 809	16,44			2 664 IOI
	1899	17 217 736	16,76			2 885 815
	1900	17 811 053	18,54			3 302 054
	1I901	17 913 422	17,49			3 132 584
	1902	18 583 463	14,74			2 739 796
	1903	19 869 504	16,30			3 238 267
	1904	21 081 147	18,30			3 858 780
Württemberg						126 047
p. 1906 sind ca.	1901	575 939	2 2,04			125 205
60 °/0 den Oester-	1902	638 159	19,27			103 865
reichern zugefall.	1903	631 239	16,32			
Sachsen	1901	I 500 OOO		Amerika	700 000 kg	
				Russland	800 000 »	
	1902	I 380 000		Russland	1 380 000 »	
	1903	1 450 000		Oesterreich	220 OOO »	
				Russland	i 230 OOO »	
	1904	1 320 000		Oesterreich	600 000 »	
				Russland	720 OOO »	
Bayern	1900	2 330 OOO	19,80	Amerika	1 930 OOO »	
			19,30	Russland	400 OOO »	
	1901	2 49O OOO	20,20	Amerika	2 090 OOO »	
			19,30	Russland	400 OOO »	
	1902	2 420 OOO	18,70	Amerika	1 420 OOO »	
			16,50	Russland	I OOO OOO »	
	1903	2 460 000	17,30	Amerika	1 230 OOO »	
			15,90	Russland	1 230 OOO »	
	1904	2 47O OOO	17,50	Russland		
Mecklenburg	I902 je			Amerika und Russland		
	^ca.	212 4OO		ie ca. zur Hälfte		
	1904					
Elsass-Loth-	1902	1 600 000	14,54	Russland		
ringen	1903	I 600 OOO	17,23	Russland	800 000 kg	
			16,05	Eisass	800 OOO »	
	1904	1 700 OOO	20,40	Russland	1 300 OOO »	
			20,10	Eisass	400 OOO »	
	1905	2 200 OOO	15,05	Oesterreich		
Baden	1900	728 403	17,50			
	1901	844375	18,60			
	1902	929 542	15,25	Russland		
	1903	1 029 018	!5,40			
	1904	1 046 041	15,71			
Oldenburg	1902	171 620	14,—	Russland		
	1903	170 OOO	17,66	Amerika		
	1904	160 OOO	19,05	Amerika
        <pb n="109" />
        ﻿— IOI —

Danach war der Gesamtverbrauch der deutschen Bahnen

1901	: 25 305 000 kg

1902	:	25 935 000 »

1903	:	27 422 000 » (= ca. 190 000 Brls.)

Hiervon fielen allein der D.-R. N.-I.-G. nach deren Angaben in
den drei Jahren

1900/01:	9 594 000 kg

1901/02: 13359000 »

1902/03 : 18 305 000 »,

im ersten Jahre also bei weitem noch nicht die Hälfte, zwei Jahre
später schon 2/b zu. Der Rest von 65—70000 Fass verteilt sich
auf die übrigen Gesellschaften.

Zu bemerken ist hier, dass an den Bahnlieferungen auch
Galizien in steigendem Masse beteiligt ist. Der in der General-
versammlung vom 9. November 1905 des »Vereins der österreichi-
schen Petroleumraffinerien« erstattete Jahresbericht enthält folgen-
den Passus: »Die unserseits bei dem k. k. Handelsministerium
und dem Ministerium des Aeussern erbetene Intervention nach
der Richtung, dass die deutschen Bahnverwaltungen bei ihren
Lieferungsausschreibungen auch österreichisches Petroleum berück-
sichtigen, war von dankenswertem Erfolge begleitet, so dass unsere
Raffinerien seither an der Alimentierung des Petroleumbedarfes
der deutschen Bahnen in wesentlich steigendem Masse beteiligt
sind.« Nach einem Flugblatt vom März 1906 wurden in diesem
Jahre insgesamt 13010000 kg (= etwa 45%) an deutsche Bahnen
verschlossen; das Quantum verteilt sich folgendermassen:

Sächsische Bahnen	600 000	kg

Preussische Bahnen	10860000	»

Württembergische Bahnen	430 000	»

Elsass-Lothringische Bahnen	870 000	»

Pfälzische Bahnen	250 000	»

Der steigende Konsum des galizischen Oeles geschah wohl
meist auf Kosten des russischen *).

Den anfänglich günstigsten, in seiner jetzigen Gestaltung seit
1. Oktober 1904 gültigen Tarif (»Ausnahmetarif 12 C im nieder-
ländisch-deutsch-russischen Grenzverkehr«) geniesst raffiniertes
russisches Petroleum, wenn in Wagenladungen zu 10 000 kg von
(elf) Grenzstationen aus befördert. Frachtsatz für die ersten 100 kg
ist 28 Pfg. pro IOO kg, für jede weiteren IOO kg 22 Pfg. pro
100 kg mehr. Die Fracht von Alexandrowo nach Leipzig beträgt
nach diesem Tarif 1,21 Mk. pro 100 kg. Nach dem gewöhnlichen

1) Siehe Anhang.
        <pb n="110" />
        ﻿102

Tarif würde die zur Berechnung kommende Fracht für diese Strecke
(516 km) 3,22 Mk. pro 100 kg sein, also ungefähr 23/i mal so viel.
Nach Spezialtarif III, dem billigsten deutschen Tarif, wären da-
gegen 1,26 Mk. zu bezahlen.

Für österreichisches Oel existierte ein billigerer Tarif (»Nord-
deutscher Güterverkehr mit Galizien und der Bukowina«) von den
Oeldistrikten (Borislaw, Drohobycz u. a.) aus über die vier ober-
schlesischen Grenzstationen Myslowitz, Dzieditz, Oderberg und Os-
wiecim. Nach diesem Tarif würde die Fracht von Boryslaw nach
Leipzig 2,23 Mk. pro 100 kg betragen, während nach dem ge-
wöhnlichen Tarif allein die Beförderung auf der deutschen Strecke
(542 km) 3,37 Mk. pro 100 kg kosten würde. Auf Betreiben
des Vereins der österreichischen Petroleumraffinerien setzte dann
die österreichische Regierung durch, dass ab I. Mai 1906 ein noch
günstigerer Tarif (Ausnahmetarif 32 B) in Geltung tritt. Unter
Berücksichtigung der Refaktie beträgt die Fracht von Boryslaw
nach Leipzig jetzt nur noch 212 Pfg. für 100 kg.

Auch für rumänisches Petroleum besteht ein Ausnahmetarif
(»rumänisch-deutscher Eisenbahnverband. Verkehr mit Nord-
deutschland«). Die Fracht für die 1763 km lange Strecke von
Bukarest nach Leipzig beträgt 672 Cts = etwa 5,41 Mk. pro
100 kg. Da aber Rumänien meist auf dem Seewege von Braila
oder Constanza aus über Antwerpen, Rotterdam, Amsterdam, Ham-
burg nach Deutschland exportiert, so kommt dieser Tarif selten
in Anwendung. Ueber Regensburg gehen infolge der schlechteren
Schiffahrtsverhältnisse und der um vieles längeren Fahrtdauer nur
geringere Mengen.

Das Bestreben der von Rumänien importierenden Firmen geht
nun dahin, auch für diese Länder den Russland eingeräumten
billigeren Frachtsatz zu erhalten. Dieses Streben ist erklärlich.
Denn dann würden sie ihre Angriffsbasis weiter gegen Mittel-
deutschland vorschieben und auch dort mit dem amerikanischen
Oel in erfolgreichere Konkurrenz treten können.

Dass Frachtvorteile der geschilderten Art die Konkurrenz-
fähigkeit günstig beeinflussen, ist nicht zu verkennen. Ihnen ist
es auch zuzuschreiben, dass z. B. galizisches Oel überhaupt nach
Mitteldeutschland geliefert werden kann. Man darf aber nicht
glauben, dass sie gross genug sind, der D.-A. P. G. ernstlich
Schaden zuzufügen. Denn diese Tarife gelten nur für Wagen-
ladungen ab Grenzstationen ; nach Umladung, im internen deut-
        <pb n="111" />
        ﻿103

sehen Verkehr, dagegen nicht. Da keine Tanks vorhanden sind,
muss auch das Standgeld in Berechnung gezogen werden. Ferner,
dass in Oesterreich wie in Rumänien die ST.O.C. schon Fuss ge-
fasst hat und infolgedessen bei etwaiger Aufnahme des Exports
nach Deutschland ebenfalls des Genusses dieser Ausnahmetarife
teilhaftig werden würde. Für Russland liegen die Verhältnisse
seiner grösseren Produktion und fortgeschritteneren Exportorgani-
sation halber etwas günstiger.

Alles in allem genommen ist die Ermässigung der Fracht-
sätze für ausseramerikanische Oele nur zu begrüssen. Als ernst-
liche Kampfmassregel gegen den Trust hat sie aber, wie noch-
mals wiederholt sein mag, eine untergeordnete Bedeutung, schon
■deshalb, weil sie auf die gleichfalls amerikanisches Oel vertreibende
P. P. A.-G. und auf die Pure Oil Co. nicht angewendet werden
könnte. Sie gewinnt sie erst in Verbindung mit andern Massregeln.

4.	Verweigerung von Plätzen.

Nur kurz will ich die Verweigerung von Plätzen von seiten
der Bahnen für Tankanlagen, die von der D.-A. P.-G. auf fis-
kalischem Terrain projektiert sind, erwähnen, wie sie von ver-
schiedenen Handelskammern empfohlen worden ist und vom
Königreich Sachsen auch ausgeübt wird. Dass ein solches Ver-
halten der Behörden wirkungslos ist, braucht eigentlich nicht erst
gesagt zu werden. Denn es wird einfach ein Privatgrundstück
zur Einbettung des Tanks gepachtet; die Bahn geht nur des
Pachtpreises verlustig, den sie sonst erhalten haben würde. Des-
halb geht man in Preussen weniger schroff vor und gestattet die
Anlagen überall da, wo noch Platz genug für eine zweite An-
lage ist.

5.	Ersetzung des Mas s Verkaufs durch Gewichts-
verkauf.

Mehr der Kuriosität halber erwähne ich noch einen von Wolff
in seinem Buche »Die russische Naphtha-Industrie und der deutsche
Petroleummarkt« gemachten Vorschlag. Er agitiert dafür, zugunsten
fies russischen Petroleums reichsgesetzlich den Massverkauf zu
verbieten und ihn durch den Gewichtsverkauf zu ersetzen. Er will
auch den Kunden, um sie für den Bezug von russischem Oel zu
begeistern, gratis Brenner und Zylinder mitgegeben wissen. Ich
halte es nicht für erforderlich, auf diese Vorschläge näher einzu-
gehen; sie wurzeln eben nicht in der Wirklichkeit1).

1) Wolffs Arbeit leidet überhaupt an manchen Flüchtigkeiten. So behauptet er
        <pb n="112" />
        ﻿— 104 —

6.	Errichtung staatlicher Tanks.

Zu den vorstehend besprochenen häufig, besonders in der
Presse, empfohlenen Vorschlägen gesellte sich in letzter Zeit ein
neuer. Er ist niedergelegt in Bi'ackel-Leis »Der dreissigjährige
Petroleumkrieg«, S. 429 ff., wird auch von Wolff empfohlen und
geht kurz gesagt dahin, überall grosse staatliche Tanks zu bauen,
diese mit trustfreiem Petroleum zu füllen und sich so von dem
Einflüsse Rockefellers zu emanzipieren. Auf den ersten Blick hat
dieser Vorschlag etwas Bestechendes. Bei näherer Prüfung steigen
jedoch allerlei schwerwiegende Bedenken auf.

Zunächst krankt er von vornherein an der grossen Schwäche,
dass jedem gestattet sein soll bez. muss, Oel auf eigene Rechnung
in den staatlichen Tanks zu lagern. Nun bestehen aber zwischen
einzelnen Sorten, z. B. dem guten 798 gr schweren pennsylvani-
schen und dem 820 gr schweren Texasöl oder gar den noch
schwereren russischen und rumänischen Oelen oft ziemlich erheb-
liche Qualitätsunterschiede. In den Tanks aber kann keine Schei-
dung gemacht werden. Also würde jemand, der vielleicht Pure
Oil zur Einlagerung brächte, bei Präsentation seines Lagerscheines
ein minderwertiges Gemisch aller möglichen Sorten erhalten. Es
läge im Interesse eines jeden, nur möglichst schlechtes Oel einzu-
lagern. Unreines Brennen und hygienische Nachteile wären die
Folge davon. Wenn der Trust Rohöl aufkauft und es unter-
schiedslos in seine pipe lines pumpt, kann er ruhig certificates
darüber ausgeben, weil die Qualität ziemlich gleich bleibt, etwaige
Unterschiede auch durch die Raffination noch aufgehoben werden.
Für Deutschland aber liegt die Sache wesentlich anders. Und
Tanks für jede einzelne Provenienz bauen wollen, wäre wohl viel
zu kostspielig. Sie würden sich auch, ganz abgesehen hiervon,
gar nicht rentieren, da der Zwischenhandel durch den Strassen-
wagenbetrieb ausgeschaltet ist und die Kleinhändler ihr Oel aus klar
auf der Hand liegenden Gründen nicht in ihnen einlagern würden.

Brackel-Leis sind der Ansicht, die Errichtung eigener Tanks
sei für den Staat geradezu eine Notwendigkeit. Einmal, damit
bei einer eventuellen Sperrung des überseeischen Zufuhrweges in
Kriegszeiten immer genügend Oel vorhanden sei, um wenigstens
den Weiterbetrieb der Bahnen zu ermöglichen; sodann aus dem
privatwirtschaftlichen Grunde der besseren Ausnützungsmöglich-

u. a. auf S. 86, das water wliite koste 15 Pfg. per Liter mehr als das Standard
white. Der Preisunterschied ist jedoch nur 2 — 2V2 Pfg. per Liter!
        <pb n="113" />
        ﻿105

keit günstiger Konjunkturen. Ich behaupte im Gegenteil: der Bau
staatlicher Tanks für diese Zwecke wäre eine grosse Torheit.
Ich verweise auf meine Zusammenstellung auf Seite IOO. Darnach
beträgt — berücksichtigen wir der Einfachheit halber einmal nur
das preussisch-hessische Bahnsystem — der Gesamtverbrauch
rund 20 OOO 000 kg. Die grossen Binnenlagertanks der D.-A. P.-G.
fassen 13—14 000 Fass, also rund 1 800 000 kg. Um die Gesamt-
menge von 20 000 000 kg aufzunehmen, wären also 11 Tanks not-
wendig. Ein solcher Tank, vollständig feuersicher ausgerüstet,
kostet etwa 18 000 Mk., sodass eine Gesamtsumme von ungefähr
200000 Mk. herauskäme. Hierauf 4% Zinsen und 4% Amor-
tisation	rund 15000 Mk. p. a.

Das Oel kostet ca. 3 Mill. Mk., ä 4%	120 000 Mk. p. a.

135000 Mk. p. a.

Preussen müsste also jährlich eine Summe von 135 000 Mk.
hinauswerfen nur auf die Möglichkeit einer Sperrung der Zufuhr hin.
Dies wäre immerhin nicht zu viel, wenn die Gefahr, dass die Bahnen
aus Mangel an Leuchtöl den Betrieb einstellen oder wenigstens
einschränken müssten, wirklich eintreten könnte. Das erscheint
aber ausgeschlossen. Wenn uns auch Amerika nicht direkt liefern
könnte, so stehen doch die Wege über Frankreich, Italien, Skandi-
navien und besonders die Niederlande offen, wo gleichfalls Tochter-
gesellschaften der ST.O.C. arbeiten, so würden Russland, Gali-
zien u. a. mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, auf Kosten ihres
Absatzes nach anderen Ländern ihren Export nach Deutschland
zu erhöhen. Ausserdem könnten die vorhandenen Oelvorräte im
Falle der Not einfach beschlagnahmt werden, was den Bedarf
schon auf Monate hinaus decken würde.

Auch die Möglichkeit, billig einzukaufen und das Oel dann
(dadurch verdirbt es ja nicht) lagern zu lassen und zu Zeiten hoher
Preise zu verbrauchen, bietet nur sehr problematische Vorteile.
1900 war der Durchschnittspreis, den die Bahnen anlegen mussten,
18,54 Mk. pro 100 kg, 1903 nur 16,30 Mk. Gesetzt den Fall, der
Staat hätte die Tanks i. J. 1900 gefüllt.

Der Gesamtpreis war	3 302 054 Mk.

Jetzt wartet er auf höhere Preise.

Allein noch 1903 legte er trotz eines

Mehrverbrauchs von ca. 2 Mill. kg nur 3238267 Mk. an,

also	63 787 Mk.
        <pb n="114" />
        ﻿— io6 —

weniger. Dazu kämen an Zinsen

(3 X 135000 Mk.)	405000 Mk.

sodass ein Verlust von ca. 470 000 Mk. herauskäme. Und solche
Möglichkeiten können immer eintreten.

Endlich beruht eine wichtige Voraussetzung von Brackel-Leis
auf schwacher Grundlage: die Möglichkeit, sich genügend »trust-
freies« Petroleum zu verschaffen. Der Trust selbst und seine
Verbündeten würden Oel in grösseren Mengen einfach nicht ab-
geben; auch an den Staat nicht, falls Grund zu der Annahme
vorläge, dass er es weiter verkaufte. Die Pure Oil Co. hat nicht
Oel genug. Die Russen und die P. P. A.-G., die ihr Geschäfts-
gebahren genau nach den von der D.-A. P.-G. aufgestellten und
befolgten Prinzipien eingerichtet haben, würden jedenfalls ebenso
handeln wie der Standard, da sie sich mit ihrem eigenen Oel
keine Konkurrenz machen dürfen. Auf Galizien und Rumänien
kann man nicht rechnen.

Ist also dem deutschen Händler und auch dem Staat
die Möglichkeit zur Einlagerung genügend grosser Mengen für
eigene Rechnung verschlossen, so fallen damit sämtliche Folge-
rungen von Brackel-Leis und Wolff zusammen, vornehmlich auch
die »günstige Einwirkung auf die Preisgestaltung«.

b) Gründe, warum die Preise niedrig sein müssen.

Vorstehende Erörterungen könnten die Befürchtung entstehen
lassen, gegen den Trust sei überhaupt kein Kraut mehr gewachsen,
und Deutschland sei den Aussaugungsgelüsten dieses »Vampyrs«
schutzlos preisgegeben. Diese Befürchtung hat oft lauten Wieder-
hall erweckt. Sie veranlasste Interpellationen im Reichstag und
Dutzende von Protestresolutionen von Handelskammern und an-
deren kaufmännischen Verbänden. Man ruft nach Staatshilfe, man
gerät ausser sich vor Entrüstung über die »Aussaugung des deut-
schen Volkes durch eine herz- und gewissenlose Kapitalisten-
gruppe«. Gewiss, Kapital ist gefühllos, oft grausam — aber es
ist auch ein klarer, kalter Rechner. Und seine kalte Berechnung
hat es dahin geführt, das deutsche Volk nicht auszusaugen:
Dies soll im Folgenden gezeigt werden.

I. Im Petroleumhandel selbst liegende Gründe.

Die Möglichkeit einer absoluten Herrschaft über die Preis-
gestaltung setzt voraus, dass der preisbestimmende Faktor tat-
sächlich die Macht besitzt, die Preise autokratisch zu bestimmen,
        <pb n="115" />
        ﻿und dass das konsumierende Publikum gezwungen ist, die erh&amp;flt&amp;p
Preise zu bezahlen. Mit anderen Worten: es muss ein wirkliches
Monopol vorhanden sein. Ein solches nun spricht man dem Trust
zu und stellt dabei die Behauptung auf, er werde, sobald er die
Zeit für gekommen erachte, die Preise sofort fühlbar heraufsetzen.
Ich muss gestehen, dass ich in dieser Hinsicht nicht so schwarz
sehe wie die meisten Autoren.

Mitte der 90er Jahre, nach der Niederwerfung von Poth, hatte
der Trust das tatsächliche Monopol in Händen. Nun betrachte
man aber einmal die folgende Tabelle. Die Preise sind stets
gesunken, auch unter der Herrschaft des Trusts. Vorher aller-
dings schneller, doch ist dies mit der riesig zunehmenden Pro-
duktion genügend erklärt. Bei einer weiteren Verbilligung in
demselben sprungweisen Tempo würden sie, wie Schneider (S. 37
seines Buches) richtig bemerkt, bald auf Null angelangt sein.
1897, also immer noch zur Zeit des Monopols, waren sie niedriger
als je. Seitdem stiegen sie etwas ; doch war z. B. im ganzen Sommer
1905 der Zoll fast ebenso hoch wie der Preis der unverzollten
Ware: ersterer nämlich 7,50 Mk., letzterer 7,80 Mk. pro IOO kg
netto.

Nach der Reichsstatistik stellen sich die

Preise für amerikanisches Oel per ioo kg inkl. Fass, unver-
zollt, loco Bremen:

1866	Mk.	59,8
1870	»	44,3
1875	»	22,2
1880	»	17,2
1881	»	15.8
1882	»	14,3
1883	»	15.5
1884	»	15.2
1885	*	14,5

1886	Mk.	I3&gt;i
1887	»	12,5
188S	»	14,7
1889	»	13,7
1890	»	i3,3
1891		12,6
1892	»	11,1
1893	»	9,5
1894		9,7

Die ausserordentlich billigen Preise dieser letzten Jahre sind
eine Folge des Konkurrenzkampfes gegen die noch unabhängigen
Bremer und Mannheimer Händler. 1895 ist allerdings eine scharfe
Steigerung zu verzeichnen, die aber durch Oelmangel hervor-
gerufen war. (Gleichzeitig stiegen die pipe line certificates von
2,67 Cts. i. J. 1S94 auf 4,32 Cts. i. J. 1895). Innerhalb eines
Vierteljahres zogen die Preise um fast IOO Prozent an (April);
doch schon im folgenden Monat waren sie wieder ca. 5 Mk.
billiger und flauten dann stetig weiter ab.

Tabelle siehe nächste Seite.

Seit Mai 1901 sind die Börsennotierungen in Bremen einge-
        <pb n="116" />
        ﻿Jahr

1895

1896

1897

1898

1899

1900

1901

1902

1903

1904

1905

1906

Preise pro 100 kg inkl. Fass, unverzollt, loco Bremen/Hamburg.

Januar	Febr.	März	April	Mai	Juni	Juli	August	Sept.	Okt.	Novbr.	Dez.	Jahresdurchschnitt		
10,62	11,05	12,62	19,—	14,89	14,27	13,70	12,39	12,28	12,45	14,47	14,06	13,48	1	
13,05	”,95	11,78	ii,33	I 1,42	12,02	13,60	12,81	13,36	13,63	13,25	11,81	12,42		
”,45	11,58	11,40	10,91	11,07	11,17	10,40	10,10	10,05	10,02	9,90	9,90	10,66		
9,90	10,05	10,65	10,50	n,68	12,10	12,47	12,84	I3A3	13,78	13,92	13,97	12,08		
13,98	13,89	13,68	12,70	12,48	I2,90	13,52	14,11	15,32	15,94	16,36	16,83	14,31		1901.
16,90	16,90	16,38	15,34	14,31	13,33	13,63	14,80	14,80	13,95	13,76	13,74	14,82		
13,75	14,02	14,21	i3,4i	12,93	12,85	13,11	13,80	13,85	13,90	13,90	13,62	13,61		
13,40	13,40	13,07	13,20	13,40	13,40	13,34	13,20	13,20	13,26	13,55	13,95	13,36		
14,03	13,90	13,90	14,05	14,70	14,80	14,90	15,-	15,10	15,59	16,—	16,20	14,85	Aus Börsen-	
15,80	15,69	14,73	13,99	13,60	13,37	12,86	12,60	12,60	12,60	12,60	12,50	13,58		notizen
12,21	12,—	11,80	11,80	11,69	u,6o	11,60	II, 60	12,32	14,09	14,75	14,80	12,52		
14,55	14,20	14,20	14,20	14,20	14,20	14,20
        <pb n="117" />
        ﻿109

stellt, da das Platzgeschäft dort schon seit Jahren nahezu aufge-
hört hatte und Petroleum von den Importeuren an der Börse
überhaupt nicht mehr angeboten wurde1). Die ab 1901 ange-
gebenen Preise sind die Hamburger Börsenpreise. — Die rapide
Steigerung seit September 1905 erklärt sich durch die Katastrophen
in Baku. Nicht nur der Trust bez. die D.-A- P.-G., sondern
alle Gesellschaften haben ihre Forderungen in gleichem Masse,
teilweise sogar noch mehr, erhöht. Dass Amerika in dieser Auf-
wärtsbewegung die Führung übernahm, ist durch die plötzlichen
unerwartet grossen Abforderungen gerade amerikanischen Oeles
zur Genüge erklärt. Im Dezember 1905 war aber der Höhepunkt
bereits erreicht; mit Beginn des neuen Jahres flauten die Preise
schon wieder ab.

Seit einem Jahrzehnt haben sich die Verhältnisse auf dem
Petroleummarkt wesentlich verschoben. Die D.-A. P.-G. hat das
»Monopol«, das sie Mitte der 90er Jahre besass, verloren und ist
trotz der grössten Anstrengungen, die sie machte und noch macht,
es wieder zu gewinnen, jetzt weiter davon entfernt denn je. Ihre
Gegner sind zu stark geworden. Es will viel heissen, wenn eine
Körperschaft wie die Leipziger Handelskammer, der man Trust-
freundlichkeit nicht gerade nachsagen kann, 1904 in einem von Dr.
Rossbach erstatteten Bericht sagt: »Von einem Monopol, das sich
die Gesellschaft (gemeint ist die D.-A. P.-G.) bis zu einem ge-
wissen Grade sicher hat erkämpfen wollen, nämlich insoweit, als sie
einen ausschlaggebenden Einfluss auf den Petroleummarkt auszu-
üben bemüht war und noch ist, kann nach dem Laufe der Dinge
jetzt keine Rede mehr sein«. Und wenn die Wormser Handels-
kammer im Mai 1904 in einer Resolution an das Hessische Mini-
sterium und an das Kaiserliche Reichsamt des Innern behauptet:
»Das Kohlensyndikat hat dieselbe monopolisierende Wirtschafts-
form zu finden gewusst, welche bei der Behandlung des Petro-
leumgeschäftes schon lange beklagt wurde; die Gewerbetreibenden
die Konsumenten aller Art und insbesondere auch die Arbeiter
werden durch diese Massnahmen auf das schwerste geschädigt . . .«,
so ist dies eine Behauptung, die durch die Tatsachen direkt
widerlegt wird. Die einzigen, die durch die Entwicklung des
Petroleumhandels verloren haben, sind die relativ wenigen, ganz
gut entbehrlichen, streng genommen sogar schmarotzenden Zwi-

1) Statist. Mitteilungen betr. Bremens Handel und Schiffahrt. Jahrgang 1901
S. 32.
        <pb n="118" />
        ﻿I IO

schenhändler. Die Konsumenten haben im allgemeinen bis jetzt
zu Klagen keinen Anlass gehabt.

An dieser Stelle sei mir eine kurze Zwischenbemerkung ge-
stattet. — Wie aus der Tabelle auf Seite 108 ersichtlich, sind
mit geringen Ausnahmen die Preise sehr stabil geblieben und aus
natürlichen Gründen nur im Winter etwas gestiegen. Im Strassen-
wagenverkauf erscheinen die Schwankungen der Engrospreise
weniger plötzlich, oft überhaupt nicht. In der folgenden Tabelle
(S. IIi) sind die Engros- und die Detailverkaufspreise der D.-A.
P.-G. für die letzten anderthalb Jahre für verschiedene Städte
einander gegenüberstellt.

Dieses Moment der Preisstabilität ist eine der vielen guten
Erscheinungen, die die Geschäftspolitik der D.-A. P.-G. hervor-
gerufen hat. Würde der Kleinhändler diesen von ihm selbst be-
zahlten Preisen beim Wiederverkauf immer folgen, so würde viel
weniger Beunruhigung ins Publikum getragen werden. So aber
ändern die Detaillisten aus Konkurrenzrücksichten die Preise oft
ganz willkürlich. Ein Beispiel. Im Juli 1905 war der Einkaufs-
preis in Cottbus 14^2 Pfg., der Verkaufspreis 20 Pfg. pro Ltr., in
Freiwaldau der Einkaufspreis 15 Pfg., der Verkaufspreis 16—18 Pfg.
pro Ltr. In Freiwaldau sollte eben ein neugegründeter Kon-
sumverein totgemacht werden. Mir ist nicht bekannt, ob der
beabsichtigte Erfolg eintrat. Jedenfalls werden die Preise bald
wieder erhöht sein. Die Detaillisten waren natürlich unschuldig
daran — das machte das »Monopol der Amerikaner«.

Da die D.-A. P.-G. weit über die Hälfte des deutschen Kon-
sums deckt, so ist es natürlich, dass sie für die Preisgestaltung,
wenn auch nicht allein massgebend, so doch immerhin tonan-
gebend ist. Aber ihrer Willkür sind mancherlei Grenzen gezogen.

Der Kleinhandel wendet sich, wenn ihm die gebotenen Vor-
teile gleich erscheinen, naturgemäss immer der billigeren Quelle
zu. Sind die Preise niedrig, so hat er wenig Ursache, zu wechseln.
Sein Verdienst bleibt unter normalen Verhältnissen immer hoch
genug, so dass ihm der Preisunterschied von Pfg., der z. B.
zwischen dem Oel der D.-A. P.-G. und dem der Russen und der
P. P. A.-G. besteht, nicht so in die Augen sticht. Ziehen aber
die Preise an, so ändert sich das Bild. Der Kleinhändler wird
sich zu einer Erhöhung nur schwer verstehen, denn Petroleum
ist ein Lockartikel wie wenig andere, und der Händler muss
befürchten, dass sein Konkurrent die Preise noch länger niedrig
        <pb n="119" />
        ﻿III

Vergleichende Gegenüberstellung der Hamburger Engrospreise der D.-A. P.G.
und ihrer Literverkaufspreise in einigen deutschen Städten ').

] Datum d. Engros- Preisveränderungen	Loco ab Hamburg per 100 kg incl. unverzollt.	Literverkaufspreis (Pfennig) in					
		Dresden	Leipzig	Chemnitz	Breslau	Magdeburg	Bremen
1904							
2. Mai	13,60	1 SVa (30/4) 16V2 (21/4)			&gt;6	(9/5)	1672(23/3)	&gt;6 (10/5)
			16	(13/5)			&gt;6	(9/5)	
8. Juni	13.40					1572(22/6)	
20. »	13,20						
xx. Juli	13 —						1572(16/7)
14.	»	12,80					&gt;5	(3i/lo)	
19.	»	12,60	15 (21/7)	1572(22/7)	&gt;5 (28/7)		1472(17/11)	
		&gt;472(27 7)					
17. Dez.	12,40						
1905							
3- Jan.	12,20	&gt;4	(9/&gt;)			I572(l6/i)	&gt;4	(9/&gt;)	&gt;5	(&gt;/&gt;)
21. x&gt;	12,—		&gt;5	(6/2)	1472 (6/2)			14	(2/2)
2. März 11,80			1472(13/3)				
15. Mai	11,60				&gt;5 (28/4)		
i2.Sept.	12,10				1472 (6/6)		&gt;5	(9/9)
16. »	12,40						
19.	»	12,90	&gt;5 (20/9)	1572(20/9)	i572(2o/9)	&gt;5	(28/4)	&gt;5 (20/9)	
26. »	13,10						
28. »	13,30						
4. Okt.	13,50						
7. »	13,70						
9. »	13,90	16 (9/10)	&gt;672(9/1°)	1672(9/10	16	(9/10)	16 (9/10)	
12. »	14,10						16 (12/10)
17. &gt;	14,30						
20. »	14,50						
1. Nov.	14,60						
8. »	14,80				1672(13/11)		
1906							
6. Jan.	14,70						
13- »	14,60					I572(i5/i)	
22. »	14,40						
29.	&gt;	14,20						

hält als er und ihm dadurch die Kunden auch in anderen Waren
abspenstig macht. In diesem Falle gewinnt die kleine Preisspanne

l) Die Zahlen in Klammern (30/4) bedeuten das Datum der Literpreisverän-
derung.
        <pb n="120" />
        ﻿I 12

für ihn mehr an Bedeutung und veranlasst ihn leichter, seine
Bezugsquelle zu wechseln, umsomehr, als er dadurch gar keine
Unkosten hat. Ein Verkaufsapparat wird ihm kostenlos gestellt,
in nicht seltenen Fällen ihm sogar die der D.-A. P.-G. für Auf-
stellung des Behälters gezahlte Montagegebühr zurückvergütet.
Ausserdem ist zu berücksichtigen, dass die Kundschaft auch bei
unerheblichen Preiserhöhungen dazu neigt, die Güte der gelieferten
Ware zu bemäkeln und dadurch einen Druck auf den Verkäufer
auszuüben.

Je höher die Preise steigen, um so stärker treten alle diese
Tendenzen in die Erscheinung. Jeder verlorene Kunde bedeutet
für die Gesellschaften aber eine Verringerung des Absatzes, eine
Stärkung der Konkurrenz und eine Schmälerung des Gewinns.
Ist ein Kunde erst einmal »abgesprungen«, so hält es sehr schwer,
ihn wiederzugewinnen. Wenn er auch mit dem fremden Oel nicht
so ganz zufrieden sein sollte, so hindert ihn doch ein gewisses
Gefühl der Scham oder ein falscher Trotz und Stolz, zur alten
Bezugsquelle zurückzukehren.

Bis 1904 hatte die D.-A. P.-G. ernstlich nur mit der Kon-
kurrenz der Russen zu rechnen. Die Schaffung der Preiskonvention
hatte den bisher offenen Kampf nur etwas verdeckt. Im geheimen
tobte er weiter, und die einzuhaltende Preisdifferenz brachte der
D.-A. P.-G. den Verlust manches Kunden. Jetzt, wo das Ab-
kommen nicht mehr besteht, ist der Kampf wieder in alter Heftig-
keit entbrannt.

1904 erstand der D.-A. P.-G. ein weit gefährlicherer Gegner
in der P. P. A.-G., deren Stellungnahme gegenüber der D.-A. P.-G.
und Geschäftspraxis ich schon auf S. 82 gekennzeichnet habe.

Es ist zwar als sicher anzunehmen, dass beide Gesellschaften
über kurz oder lang zu einem modus vivendi kommen werden.
Aber einerlei: die P. P. A.-G. muss stets billiger sein als die
D.-A. P.-G., da sie weniger gutes Oel vertreibt; das gibt ihr
einen ungeheuren Vorteil. Ihre Konkurrenz wird immer ein so
hemmendes Moment sein, dass die D.-A. P.-G. eine rücksichtslose
Verteuerungspolitik nicht durchführen kann. Sollte sie dies den-
noch versuchen, so hätte sie auch mehr als bisher mit der Kon-
kurrenz der Galizier und der Rumänen zu rechnen.

Ein weiterer Grund für die St.O.C. , ihr Absatzgebiet in
Deutschland nicht durch zu hohe Preisforderungen aufs Spiel zu
setzen, ist der Umstand, dass, wie schon der Abgeordnete Dr. Barth
        <pb n="121" />
        ﻿vor Jahren (io./12. 1897) gelegentlich der erwähnten Interpellation
im Reichstag ausführte, gerade die Qualität, die hier gekauft wird,
das Standard white Petroleum, in den Vereinigten Staaten und
in England, also auf zweien der Hauptmärkte, kein rechtes Ab-
satzfeld findet. Deutschland ist deshalb für die St.O.C. ein unge-
heuer wichtiger Markt, an dessen Erweiterung oder wenigstens
Erhaltung sie ein grosses Interesse hat. Dies Ziel kann sie aber
nur durch niedrige Preise erreichen. —

2. In der Konkurrenz der Beleuchtungsindustrie
liegende Gründe.

Lassen also schon die Verhältnisse im Petroleumhandel selbst
ein allzu scharfes Vorgehen der Amerikaner als nicht sehr wahr-
scheinlich erscheinen, so liegt ein weiteres äusserst gewichtiges
hemmendes Moment in der immer mehr zunehmenden Konkurrenz
der übrigen Beleuchtungsmittel. In ihrer Stärkung sehe ich auch
die beste Waffe, die man sich gegen die vom Trust drohende
Gefahr schmieden kann.

Dass bei einer starken Erhöhung der Petroleumpreise der
Konsum sich sofort durch andere Beleuchtungsstoffe zu befriedigen
sucht und infolgedessen der Petroleumverbrauch in demselben
Masse zurückgeht, ist bewiesene Tatsache. Ich verweise hier auf
den »Bericht der Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft« vom
Jahre 1895. In ihm wird ausgeführt: »Infolge der im Jahre 1895
in ganz erheblichem Masse erfolgten Verbreitung des Gasglüh-
lichts, welche durch die Preisermässigung der Brenner und durch
plötzliche grosse Preissteigerung von Petroleum hervorgerufen
wurde, ist der Konsum von letzterem nicht unerheblich zurtick-
gegangen.« (Schon im Januar um ca. 1 Mk. auf 19.80 Mk. per
IOO kg verzollt loco Berlin steigend, erreichten die Preise im April
ihren Höhepunkt (34 Mk.), flauten dann wieder ab und standen
ultimo Dezember auf 22.30 Mk.) Allerdings hat, wie schon der
Bericht des nächsten Jahres ausführt, mit den wieder gesunkenen
Preisen für Petroleum der Gasverbrauch nachgelassen. Doch ist
daraus nicht zu entnehmen, dass der vermehrte Konsum dieses
Beleuchtungsmittels auf ungesunder Basis beruhte. Im Gegenteil
beweist diese Gestaltung der Dinge die Gefährlichkeit des Ex-
periments scharfer Preiserhöhungen. Dass der Petroleumkonsum
im Berichtsjahre 1896 wieder zunahm, liegt lediglich an der Herab-
setzung der Preise, die bald ihren vorigen Tiefstand erreichten,
ja noch darunter gingen; unter diesen Umständen waren Gas etc.

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 20.	8
        <pb n="122" />
        ﻿nicht mehr, besser gesagt noch nicht konkurrenzfähig. Aber wie
es gelang, die einfache Petroleumlampe immer besser zu kon-
struieren, wie man den Brenner verbesserte, Höhe, Weite und
Gestalt des Cylinders ins beste Verhältnis zu Brenner und Docht
setzte, so arbeitet auch die Industrie der übrigen Beleuchtungs-
arten rastlos und mit Erfolg an deren Vervollkommnung und —
Verbilligung.

Würde der Trust eine grössere allgemeine Hinaufsetzung der
Preise diktieren, so würde allerdings in der ersten Zeit die übrige
Beleuchtungsindustrie einfach unfähig sein, der riesenmässig ge-
steigerten Nachfrage zu genügen. Sie ist eben noch nicht auf
einen so schnell auftretenden Massenkonsum eingerichtet. Man
würde trotz allen Sträubens einfach gezwungen sein, beim Trust
zu kaufen, und dieser würde ungezählte Millionen in seine Tasche
stecken. Aber nur kurze Zeit, denn bald hätte sich die Industrie
den veränderten Verhältnissen angepasst. Die Folge davon wäre,
dass der Trust einen grossen Teil seines Absatzgebietes unwieder-
bringlich verlöre. Die Erbitterung wäre zu gross, als dass einer,
der es irgend vermöchte, anderswo, wenn auch etwas teurer, zu
kaufen, wieder auf das Petroleum zurückgreifen sollte, wenngleich
der Trust die Preise vielleicht wieder beträchtlich herabgesetzt
hätte. Er liefe Gefahr, zu seinem Schaden über kurz oder lang
eine Erneuerung des Experiments zu erfahren. Damit wären aber
die ungeheuren in Schiffen, Tanks, Wagen, Behältern und sonstigen
Anlagen investierten Kapitalien des Trusts hoffnungslos entwertet.
Dessen leitende Kräfte sind aber zu weitblickende Kaufleute, um
durch einen wenn auch immensen Augenblicksgewinn sich die
Ernte für lange Jahre der Zukunft zu zerstören.

Als Konkurrent des Petroleums kommt zunächst das Spiri-
tusglühlicht in Frage. Seine Vorteile gegenüber dem Petroleum
sind in erster Linie eine grössere Lichtstärke, die es zur Verwen-
dung gerade in grösseren Zimmern geeigneter macht. Zweitens
erzeugt es so gut wie gar keine Wärmewirkung, die beim Petro-
leum häufig als sehr störend empfunden wird. Es verunreinigt
auch, was hygienisch sehr wichtig ist, die Zimmerluft in weit ge-
ringerem Masse. Nach Professor Wittelshöfer (in einem von der
Zentrale für Spiritusverwertung herausgegebenen Katalog) gibt
eine Spiritusglühlichtlampe von 25 Kerzen pro Stunde 86 g
(schädlicher!) Kohlensäure an den Raum ab, während eine gleich
starke Petroleumlampe 234 g, also fast dreimal so viel, abgibt.
        <pb n="123" />
        ﻿Minder ins Gewicht fallend ist die einfachere Behandlung, da das
regelmässige Putzen der Dochte und Cylinder fortlällt.

Diesen Vorteilen stehen aber schwerwiegende Nachteile gegen-
über, besonders der Preis. Nach Brackel-Leisy) stellt sich Spiri-
tusglühlicht jetzt noch ca. 23/Bmal teurer als Petroleumlicht, kann
deshalb also nur von den besser situierten Klassen gebrannt
werden. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass die Preise ausser-
ordentlich rasch und heftig schwanken. Wenn Brackel-Leis 1903
mit einem Preise von 24 Pfg. per Liter rechnen konnten, so stellte
er sich Herbst 1905 auf ca. 40 Pfg. per Liter! Die Handels-
kammer Bielefeld sah sich (nach ihrem Jahresbericht pro 1905,

1.	Teil, S. 91) veranlasst, folgenden Bericht an das preussische
Handelsministerium zu richten:

»Zur Kennzeichnung der Preispolitik der Zentrale möge dienen,
dass dieselbe die Preise für Spiritus willkürlich herauf- und herab-
setzt. So hat sie beispielsweise den an sich schon ausserordent-
lich hohen Spirituspreis im August 1904 um weitere 5 Mk. erhöht,
nur weil die Ernte in Kartoffeln voraussichtlich nicht gut ausfallen
würde. In diesem Jahre dagegen, als die Aussichten für die Kar-
toffelernte glänzend waren, wartete die Zentrale mit der Herabsetz-
ung des sehr hohen Preises bis Oktober und setzte dann denselben
nur zögernd um 3 Mark und weiter noch zweimal um 4 Mk. herab.«

Da Spiritus vorläufig nur auf grossen Lampen mit entsprechend
grossem Verbrauch gebrannt werden kann, während Petroleum
in der Hauptsache gerade in kleinen Haushaltungen und in kleinen
Lampen verwendet wird; da in der Qualität der gelieferten Ware
noch grosse Ungleichmässigkeit herrscht, da ferner allein der
Brenner für eine Spirituslampe mehr kostet als eine vollständige
mittelgrosse Petroleumlampe, so ist für absehbare Zeit die Er-
setzung des Petroleums durch Spiritus in den ärmeren Schichten
der Bevölkerung ausgeschlossen. Nun ist zwar anzunehmen, dass
bei steigendem Spirituskonsum auch die Lampen billiger werden.
Solange aber die Verwendung von Spiritus auch in kleinen, ein-
fach konstruierten Lampen von vielleicht 4—15 Normalkerzen
Leuchtkraft nicht möglich ist1 2), kann an eine ernstliche Konkur-

1)	Der dreissigjährige Petroleumkrieg 1903, S. 30, 400.

2)	Die preussischen Landwirtschaftskammern hatten einen Preis für die Kon-
struktion einer einfachen Spiritusglühlichtlampe von niedriger Lichtstärke ausgesetzt,
doch konnte dieser 1904 noch nicht zur Verteilung gelangen und wurde wieder aus-
geschrieben.

8*
        <pb n="124" />
        ﻿renz gegen Petroleum nicht gedacht werden. Bis jetzt ist die
Spirituslampe nur ein Luxusartikel trotz aller Anstrengungen der
Zentrale für Spiritusverwertung. Das einzige Gebiet, wo sie sich
wirklich Terrain erobert hat, dürfte die Ladenbeleuchtung sein.

Was die Elektrizität als Lichtquelle anlangt, so wird sie
wohl noch für lange Zeit für den Detailverbrauch zu teuer und den
besser situierten Klassen Vorbehalten bleiben.

Es ist ja nicht zu verkennen, dass der Verbrauch von elek-
trischem Licht ungeheuer gestiegen ist und noch immer steigt.
Im grossen und ganzen werden aber nur solche Gebiete berührt,
die die Petroleumbeleuchtung überhaupt noch nicht kannten oder
sie schon durch Gas etc. ersetzt hatten — man denke an die
grossen elektrischen Bogenlampen auf öffentlichen Plätzen, an Saal-
und Ladenbeleuchtung, an die Verwendung im Grubenbetrieb und
auf grossen Werken. Elektrische Lichtanlagen können unter
normalen Verhältnissen auch nur in grösseren Orten rentieren.
Die Errichtung in Dörfern verbietet sich wegen des zu be-
schränkten Absatzkreises von selbst, falls nicht aussergewöhnlich
günstige Entstehungsbedingungen (Wasserkraft z. B. — Alpen-
länder!) vorhanden sind. Auch in den Städten sind der Aus-
breitung des elektrischen Lichts hohe Schranken gezogen: es
stellt sich, pro Stunde und Kerze gerechnet, viel teurer als Pe-
troleum und selbst Gas. Des ferneren spricht der Umstand mit,
dass es wenig transportabel ist, dass man in jedem Zimmer eine
oder einige Lampen anbringen muss, während die meisten Ar-
beiterfamilien für alle Zimmer überhaupt nur eine Petroleumlampe
haben.

Eine wesentlich günstigere Position im Kampfe gegen das
Petroleum hat sich, besonders seit der Erfindung des Gasglüh-
lichts durch Auer, das Gas erringen können. Wenn die Wahr-
scheinlichkeit nicht trügt, ist es berufen, in Zukunft eine noch weit
wichtigere Rolle zu spielen als schon jetzt. Erfindungen und
Verbesserungen gehen Hand in Hand mit zwar langsamer, aber
stetiger Verbilligung.

Gerade letztere kommt dem Gasverbrauch ausserordentlich
zu statten. Ist die Preisdifferenz doch schon jetzt nur so gering,
dass eine Hausse im Petroleum wie 1895 das oben besprochene
bemerkenswerte Resultat zeitigte, dass der Konsum von Gas sich
auf Kosten desjenigen von Petroleum schnell erheblich ver-
grösserte. Wenn Gas seitdem dem Petroleum keinen allzu grossen
        <pb n="125" />
        ﻿Abbruch getan hat, so kommt das daher, dass auch letzteres
stets billiger wurde, also keinen Anlass zum Wechsel gab. Es
ist jedoch erwiesen, dass überall da, wo eine Gasanstalt neu er-
öffnet ist, der Verbrauch von Leuchtöl sofort zurückgeht.

Auch die Gasbeleuchtung hat das Petroleum im internen,
häuslichen Verbrauch noch nicht sehr zurückdrängen können. Die
Gebiete, in denen es siegreich vordrang, sind vor allem die
Strassenbeleuchtung, nächstdem wohl die Beleuchtung öffentlicher
Gebäude. Wegen seiner grösseren Billigkeit hat es aber vor dem
elektrischen Licht den Vorzug, dass es viel weiter als dieses ins
Volk dringen kann, infolgedessen eine weit ausgedehntere Absatz-
möglichkeit hat. Ferner spricht der Umstand zu seinen Gunsten,
dass es, im Gegensatz besonders zum Spiritusglühlicht, nicht an
grosse Lampen bez. Brenner mit dementsprechend grossem Ver-
brauch gebunden ist, sondern in seiner Lichtstärke beliebig redu-
ziert werden kann.

Ein Uebelstand ist allerdings, dass Gasflammen nicht trans-
portabel sind, und dass in jedem Zimmer Gasrohre gelegt und
Gasarme angebracht werden müssen. Dazu kommt noch, dass
die Installationskosten relativ hohe sind — nach Angabe eines
befreundeten Fachmannes 15—20 Mk. pro Flamme. Doch ist zu
bemerken, dass die neueren Häuser, wenigstens in den Städten,
fast sämtlich bereits von vornherein auf Gasbeleuchtung einge-
richtet sind. Und andererseits gibt es schon jetzt Automaten-
gesellschaften, die die ganze Einrichtung kostenlos leihweise auf-
stellen. Meist wird dann dem Konsumenten solange ein etwas
höherer Gaspreis berechnet, bis dieser Ueberpreis die Installations-
kosten gedeckt und der Gesellschaft darüber hinaus einen ent-
sprechenden Gewinn gelassen hat, wogegen die ganze Anlage
dann in das freie Eigentum des Konsumenten übergeht. Diese
Art der Amortisation ist, eben weil nach und nach und in klein-
sten Beträgen erhoben, sehr geeignet, dieser Einrichtung Freunde
zu erwerben. Es steht zu wünschen, dass sich solche Automaten-
gesellschaften weiter ausbreiten. Sie würden gewiss auf ihre
Kosten kommen, und andererseits würde sich der Gaskonsum
dadurch in erheblichem Masse vergrössern.

Nun ist zwar zuzugeben, dass die Gasanstalten bislang nur für
eine beschränkte Produktion eingerichtet sind. Ganz natürlich, denn
wenn man einem Artikel erst Eingang verschaffen will, muss man
sich den Verhältnissen anpassen und mit ihnen fortschreiten und
        <pb n="126" />
        ﻿— 118 —

darf nicht gleich mit Riesenbetrieben den Himmel stürmen wollen.
Doch sie können leicht, steigendem Verbrauch sich anpassend,
vergrössert werden. Jede Ausdehnung ihrer Betriebe aber und
jede neu gegründete Gasanstalt bedeutet für die Petroleumbe-
leuchtung eine nur äusserst schwer wieder zu erobernde Position.
Darum haben die Petroleumgesellschaften allen Grund, die Pe-
troleumpreise möglichst niedrig zu halten, um dem Gas möglichst
wenig Angriffspunkte zu bieten.

Schluss.

Ich komme zu folgenden Ergebnissen:

1.	Ein Monopol Rockefellers in Deutschland ist, so wie die
Dinge jetzt liegen, einfach unmöglich. Im Gegenteil stärkt jede
Verbesserung der Lampenkonstruktion, jede von den ausser-
amerikanischen und auch von den texanischen Produzenten zur
Anwendung gebrachte bessere Raffinationsmethode die Stellung
der Trustgegner.

2.	Beim Nichtbestehen eines Monopols ist auch keine absolute
Herrschaft über die Preise möglich. Eine ungerechtfertigte oder
einseitig erfolgte dauernde starke Preissteigerung verbietet schon
die freie Konkurrenz, die notwendig möglichst billige Preise im
Gefolge hat. Dass diese Notwendigkeit sich auch im Petroleum-
handel in die Tatsache umgesetzt hat, beweist die Preistabelle
auf Seite 107/108, beweist die ganze Entwicklung im letzten De-
zennium.

3.	Der Grosshandel musste verschwinden, da er unzweck-
mässig war. Sein Gebiet okkupierten die importierenden Ge-
sellschaften selbst und drangen dadurch bis zum Detaillisten vor.

4.	Der nächste Schritt wäre das Vordringen bis unmittelbar
zu den Verbrauchern selbst, also Betriebsvereinigung in geradezu
idealer Weise, Produktion, Veredelung, der gesamte Handel in
einer Hand zusammengefasst.

Dass der direkte Vertrieb an die Konsumenten für die grossen
Gesellschaften Vorteile mit sich bringen würde, steht ausser Frage.
Abgesehen davon, dass sich der Betrieb an sich billiger stellt,
würde ein Teil des bis jetzt noch dem Händler zufallenden nicht
unbeträchtlichen Zwischennutzens in ihre Tasche fliessen. Aber
der Kampf ist gefährlicher als der, der s. Z. gegen die Gross-
händler geführt wurde. Er tangiert einen vieltausendköpfigen
Stand und dessen Erwerbsverhältnisse in weit höherem Masse;
        <pb n="127" />
        ﻿der getroffene Körper des Angegriffenen könnte noch durch seine
Todeszuckungen den Angreifer vernichten.

Dies ist auch der Grund, weshalb die grossen Importgesell-
schaften den unmittelbaren Verkauf an die Konsumenten bis jetzt
offen aufzunehmen sich gescheut haben, obgleich Kapital und
auch wohl der Wille vorhanden sind. Aber ich bin überzeugt,
dass er in nicht allzu ferner Zeit doch noch durchgeführt werden
wird. Hat erst eine Gesellschaft damit begonnen, so haben die
anderen ein vitales Interesse daran, ihr zu folgen. Damit wäre
das Todesurteil der Detaillisten besiegelt. — Wie früher bemerkt,
werden in versteckter Weise schon die ersten Schritte hierzu
getan.

Dem Publikum könnte diese Entwicklung eigentlich nur will-
kommen sein. Sind die Preise durch das Verschwinden der
Zwischenhändler und die Einführung des Strassenwagenbetriebes
beträchtlich und dauernd gesunken, so wird die Ausschaltung
der Kleinhändler ähnliche Resultate zeitigen. Dieser dem ganzen
Volke gebotene und besonders für die ärmeren Schichten der
Bevölkerung ins Gewicht fallende Vorteil dürfte den Nachteil der
Schmälerung des Einkommens einzelner wohl aufwiegen. Mit
dieser Verbilligung wird ein weiteres Steigen des Konsums Hand
in Hand gehen. Dass er noch sehr ausdehnungsfähig ist, be-
sonders auf dem Lande und in Arbeiterwohnungen, ist allgemein
anerkannt, und trotz Gas, Spiritus und Elektrizität bleibt dem
Petroleum als Lichtquelle noch lange eine grosse Zukunft ge-
sichert.
        <pb n="128" />
        ﻿120

Anhang.

Im Anschluss an die Tabelle auf S. IOO gebe ich nachstehend
für die Jahre 1902, 1903 und 1904 die Zahlen J) über den
Petroleumverbrauch des deutschen Heeres.

Korps	kg	Herkunftsland	kg	Herkunftsland	kg	Herkunftsland
I	351 000	Amerika	341 000	Amerika	346 000	Amerika
II	240 000	?	240 000	&gt;	245 000	?
III	296 000	Russland	239 000	Russland	262 000	Russland
IV	225 000	Amerika	220 000	Amerika	210 000	Amerika
V	286 000	»	315 000	»	312 OOO	»
VI	267 000	Russland  Oesterreich  Amerika	269 000	Russland  Oesterreich  Amerika	276 000	Russland  Oesterreich  Amerika
VII	198 000		208 000		212 OOO	»
VIII	390 000	hauptsächlich  Amerika	390 000	hauptsächlich  Amerika	390 OOO	hauptsächlich  Amerika
IX	232 000	Amerika	232 000	Amerika	232 OOO	Amerika 160000 Russland 72000
X	197 000		212 000		209 OOO	Amerika
XI	165 000	&gt;	167 000	»	166 000	»
XII	138 000	?	138 000	?	138 000	}
XIII	210 OOO	?	209 000	Russland  Amerika	211 OOO	Russland
XIV	255 000	Russland	253 000	Russld. 211 000 Amerika 42 000	244 OOO	Russld. 205 000 Amerika 39 000
XV	325 000	Amerika  Russland  Eisass	331 000	Russland  Eisass  Amerika	333 000	Russland  Eisass  Amerika
XVI	361 000	Amerika	414 000	Russland 3/i Amerika 1/i	411 OOO	Amerika 81 ooo Russld. 330 ooo
XVII	371 000	Amerika 301 000 Russland 70 000	368 000	Amerika 297 000 Russland 71 000	372 OOO	Amerika 297 ooo Russland 71 ooo Oesterreich 4000
XVIII	250 000	Amerika	244 000	Amerika	241 OOO	Amerika
XIX	136 000	Amerika 126 000 Russland 10 000	133 000	Amerika 118000 Russland 15000	135 OOO	?
Garde-  korps	374 000	Amerika	380 000	Amerika	370 OOO	Amerika
Bayern  I	295 000	Russland	295 000	Russland	297 OOO	Russland
II	150 000	?	160 000	?	155 OOO	Amerika
III	229 000	}	229 000	i	229 OOO	Russld. 125000 Amerika 32 ooo Mischöl 72 ooo
	5 94i 000		5 987 000		5 996 000	

1) Obige Zahlen verdanke ich der Liebenswürdigkeit der Korpsintendanturen.
        <pb n="129" />
        ﻿121

Hiervon entfallen also auf den Konsum von russischem Oel:

1902	rund. 1250 000 kg = ca. 21 %

1903	» 1600 000 » — » 27 »

1904	» 1675000 s = » 28 »

Das Verhältnis stellt sich also ganz anders als bei den Bahnen,
die in ihren zahllosen Weichenlaternen das russische Oel wohl
brennen können, während die Militärindentanturen im Interesse
der Hygiene ein höheren Anforderungen genügendes Beleuchtungs-
mittel haben müssen. Als solches ist das gewöhnliche russische
Oel, wie eine Korpsintendantur mir als Resultat eingehender Ver -
suche mitteilte, aber noch so wenig tauglich, dass selbst sein
niedriger Preis die Qualitätsdifferenz nicht wett macht.
        <pb n="130" />
        ﻿Verlag der H. Laupp’schen Buchhandlung in Tübingen.

Bernhard Harms:

Professor an der Universität Jena

Hrbeifskcinunern und KauJnxannskammern,

©esetzliche Snferessenmfrefungeii
der Unternehmer, Eingestellten und Arbeiter.

8. 1906. Einzelnes Expl. 80 Pfg.

Deutsche Arbeitskammern.

Untersuchungen zur Frage einer gemeinsamen gesetzlichen Interessen-
vertretung der Unternehmer und Arbeiter in Deutschland.

Gross 8. 1904. M. 1.80.

Unter der Presse:

Der mcmmal=flrbeifsfcig.

ca. SR. —.60.

Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck:) in Tübingen.

Bernhard llarms:

Die

holländischen Arbeitskaminern.

Ihre Entstehung, Organisation und Wirksamkeit.

Gross 8. 1903. M. 5.—.

Zur Entwickelungsgeschieilte

der

Deutschen Buchbinderei

in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Te ehrlich. — Statistisch — Volkswirtschaftlich.

Mit 6 Tabellen.

Lex. 8. 1902. M. 7.60. Geb. M. 8.60.
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        ﻿Veklag von J. C. B. Mo hb (Paul Siebeck) in Tübingen._

Darum gibt r# in bru Bmuuiateu
Staaten keturu Boilalmnm?

SSoit Dr. 'gSerneir fomßarf,

Sßrofeffor tit SÖerlin.

8. 1906. Wl. 1.50, geb. 59?. 2.25.

Zur Beurteilung

der

gegenwärtigen politischen Entwicklung

Russlands.

Von

S. J. Giwago und Max Weber.

Gross 8.	1906. Einzeln M. 1.60.

Beilage z.„Arehivf.Sozialwissensehaftu. Sozialpolitik“ Bd.XXII Heftl

Für die Abonnenten des „Archivs“ unberechnet.

Russlands Uebergang

zum

S c li e i n k o n stitutionalis m u s.

Von

Max Weber,

Professor in Heidelberg.

Gross 8. 1906. Einzeln M. 8.—.

Beilage znm „Archiv f. Sozialwissenschaft n. Sozialpolitik“
Band XXIII. Heft 1.

Für die Abonnenten des „Archivs“ unberechnet.

Druck von H. Lau pp jr in Tübingen.
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        ﻿the scale towards document

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—	117 —

jtbbruch

getan hat, so kommt das daher, dass auch letzteres
tets billiger wurde, also keinen Anlass zum Wechsel gab. Es
it jedoch erwiesen, dass überall da, wo eine Gasanstalt neu er-
| ffnet ist, der Verbrauch von Leuchtöl sofort zurückgeht.

Auch die Gasbeleuchtung hat das Petroleum im internen,
äuslichen Verbrauch noch nicht sehr zurückdrängen können. Die
iebiete, in denen es siegreich vordrang, sind vor allem die
sh'trassenbeleuchtung, nächstdem wohl die Beleuchtung öffentlicher
iebäude. Wegen seiner grösseren Billigkeit hat es aber vor dem
lektrischen Licht den Vorzug, dass es viel weiter als dieses ins
rolk dringen kann, infolgedessen eine weit ausgedehntere Absatz-
löglichkeit hat. Ferner spricht der Umstand zu seinen Gunsten,
ass es, im Gegensatz besonders zum Spiritusglühlicht, nicht an
rosse Lampen bez. Brenner mit dementsprechend grossem Ver-
rauch gebunden ist, sondern in seiner Lichtstärke beliebig redu-
iert werden kann.

Ein Uebelstand ist allerdings, dass Gasflammen nicht trans-
ortabel sind, und dass in jedem Zimmer Gasrohre gelegt und
iasarme angebracht werden müssen. Dazu kommt noch, dass
| ie Installationskosten relativ hohe sind — nach Angabe eines
efreundeten Fachmannes 15—20 Mk. pro Flamme. Doch ist zu
emerken, dass die neueren Häuser, wenigstens in den Städten,
ist sämtlich bereits von vornherein auf Gasbeleuchtung einge-
chtet sind. Und andererseits gibt es schon jetzt Automaten-
esellschaften, die die ganze Einrichtung kostenlos leihweise auf-
§b :ellen. Meist wird dann dem Konsumenten solange ein etwas
v öherer Gaspreis berechnet, bis dieser Ueberpreis die Installations-
osten gedeckt und der Gesellschaft darüber hinaus einen ent-
:• ?rechenden Gewinn gelassen hat, wogegen die ganze Anlage
ann in das freie Eigentum des Konsumenten übergeht. Diese
irt der Amortisation ist, eben weil nach und nach und in klein-
:en Beträgen erhoben, sehr geeignet, dieser Einrichtung Freunde
j erwerben. Es steht zu wünschen, dass sich solche Automaten-
esellschaften weiter ausbreiten. Sie würden gewiss auf ihre
.osten kommen, und andererseits würde sich der Gaskonsum
adurch in erheblichem Masse vergrössern.

Nun ist zwar zuzugeben, dass die Gasanstalten bislang nur für
ine beschränkte Produktion eingerichtet sind. Ganz natürlich, denn
’enn man einem Artikel erst Eingang verschaffen will, muss man
ch den Verhältnissen anpassen und mit ihnen fortschreiten und
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