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        <title>Die neuere Entwicklung des Petroleumhandels in Deutschland</title>
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            <forname>Franz</forname>
            <surname>Gehrke</surname>
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        </author>
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          <msIdentifier>
            <idno>883967979</idno>
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        ZEITSCHRIFT
FÜR  DIE
GESAMTE  STAATSWISSEASCHAET

Herausgegeben  von
Dr.  K.  Bücher.
o.  Professor  an  der  Universität  Leipzig.

ErrjänzungsJieft  XX.

Die  neuere  Entwicklung

des
Petroleumhandels
in  Deutschland.

Von

Dr.  Franz  Gehrke.

TÜBINGEN.
VERLAG  DER  H.  LAUPP’SCHEN  BUCHHANDLUNG
1906.
Preis  im  Einzelverkauf  M.  3.  —  .
Preis  für  die  Abonnenten  der  „Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft“ ­
  oder  der  „Ergänzungshefte“  M.  2.60.
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        Verlag  der  H.  Laupp’schen  Buchhandlung  in  Tübingen.

Der
Petroleumhandel.
*
Von

Dr.  Rudolf  Schneider.
8.  1902.  M.  2.75.

(Ergänzungsheft  III  zur  Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft.
Abonnementspreis  M.  2.10.)

„Eine  sorgfältig  ausgearbeitete  Studie  über  Natur,  Fundstätten,  Gewinnung
und  Raffinierung  des  Petroleums,  sowie  der  Entwickelung  des  Gross-  und
Kleinhandels  in  demselben,  die  viele  interessante  Gesichtspunkte  darbietet.“
Bayerisches  Börsen-  und  IIandelsblatt.  X.  Jahrg.  Nr.  28.,  14.  Juli  1002.
*  *
*
„Eine  recht  lehrreiche  und  bei  der  Bedeutung  des  Petroleums  und  der
Handelskonkurrenz  zwischen  amerikanischer  und  russischer  Einfuhr  für  die
deutsche  Volkswirtschaft  nützliche  Schrift.“
Soziale  Praxis.  XI.  Jahrgang.  Nr.  39.
*  *
*
„Ce  traite  du  commerce  du  petrole  est  confu  avec  une  clarte  et  une
methode  qui  permettront,  meine  au  profane,  de  s’y  reconnaitre  dans  une
question  des  plus  compliquees.“
Journal  du  Petrole  et  des  Industries  qui  s’y  rattachent.  II.  Jahrg.  Nr.  16.
        <pb n="3" />
        ZEITSCHRIFT

FÜR  DIE  GESAMTE
STAATSWISSENSCHAFT
In  Verbindung  mit

Oberbürgermeister  Dr  F.  ADICKES  in  Frankfurt  a./M.,  Prof.  Dr  G.  COHN  in
Göttingen,  Prof.  Dr  K.  V.  FRICKER  in  Leipzig,  Oberbürgermeister  a.  D.  Dr
v.  HACK  in  Urach,  Ober-Verw.-Ger.-Rat  Prof.  Dr  F.  v.  MARTITZ  in  Berlin,
Kaiserl.  Unterstaatssekretär  z.  D.,  Prof.  Dr  G.v.  MAYR  in  München,  Prof.  Dr  Fr.
J.  v.  NEUMANN  in  Tübingen,  Minister  d.  Innern  Dr  K.  SCHENKEL  in  Karlsruhe,
Staatsrat  Kanzler  Prof.  Dr  G.  v.  SCHÖNBERG  in  Tübingen,  Prof.  Dr  A.  VOIGT
in  Frankfurt  a.  M.,  Geh.  Reg.Rat  Prof.  Dr  A.  WAGNER  in  Berlin,  Dr  Freiherr
v.  WEICHS  bei  d.  Direkt,  d.  k.  k.  Staatsbahnen  in  Innsbruck

HERAUSGEGEBEN
VON
Dr  K.  BÜCHER,
o.  Professor  an  der  Universität  Leipzig.

Ergänzungsheft  XX.
Die  neuere  Entwicklung  des  Petroleumhandels  in
Deutschland.
Von
Dr.  Franz  Gehrke.

TÜBINGEN
VERLAG  DER  H.  LAUPP’SCHEN  BUCHHANDLUNG
igoß.
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        Die

neuere  Entwicklung
des
Petroleumhandels

in
Deutschland.

Von

Dr.  Franz  Gehrke.

Tübingen.
VERLAG  DER  H.  LAUPP’SCHEN  BUCHHANDLUNG
1906.
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        Alle  Rechte  Vorbehalten.

DRUCK  VON  H.  LAUPP  JR  IN  TÜBINGEN.
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        V

Inhaltsübersicht:

Seite
Einleitung  I
I.  Fundstätten.
a)  Amerika  3
b)  Russland  14
c)  Galizien  27
d)  Rumänien  32
e)  Deutschland  42
Ueberblick  48
II.  Die  Verhältnisse  in  Deutschland.
a)  Bis  zur  Aufnahme  des  Strassenwagenbetriebes  51
b)  Der  Strassenwagenbetrieb  64
c)  Für  und  Wider  68
d)  Die  einzelnen  Gesellschaften  73
Zusammenfassung  85
III.  Preisgestaltung.
a)  Vorgeschlagene  Kampfmassregeln  92
1.  Erhöhung  des  fire-test-Punktes  92
2.  Zolländerungen  95
3.  Differentielle  Tarifierung  und  regierungsseitige  Bevorzugung
ausseramerikanischer  Oele  98
4.  Verweigerung  von  Plätzen  103
5.  Ersetzung  des  Massverkaufs  durch  Gewichtsverkauf  .  .  .  103
6.  Errichtung  staatlicher  Tanks  104
b)  Gründe,  warum  die  Preise  niedrig  sein  müssen  106
1.  Im  Petroleumhandel  selbst  106
2.  In  der  Konkurrenz  der  Beleuchtungsindustrie  liegende  Gründe  113
Schluss  118
Anhang  120
        <pb n="7" />
        VII

Benutzte  Literatur:
H.  D.  Lloyd,  Wealth  against  Commonwealth,  New  York  1894.
Dr.  Oswald  Frhr.  v.  Brackei  und  Jos.  Leis,  Der  dreissigjährige  Petroleumkrieg.
Berlin,  1903  (bei  Guttentag).
Curt  Proessdorf,  Physikalisch-Photometrische  Untersuchungen.  Altenburg,  1904.
Zeitschriften  »Plutus«,  1905,  Nr.  37—43  und  »Petroleum«.
Vorschriften,  betreffend  den  Abelschen  Petroleumprober  und  seine  Anwendung
Berlin,  1883.
R.  Schneider,  Der  Petroleumhandel,  Tübingen,  1902.
Jul.  Swoboda,  Die  Entwicklung  der  Petroleumindustrie  in  volkswirtschaftlicher  Beleuchtung. ­
  Tübingen,  1895.
Katalog  der  Ausstellung  für  Gärungsgewerbe  zu  Berlin,  1903,  herausgegeben  von
der  Zentrale  für  Spiritusverwertung.
Sturdza,  La  question  du  Petroie  en  Roumanie.  Berlin,  1906.
Handbuch  der  Deutschen  Aktien-Gesellschaften.
Nachrichten  für  Handel  und  Industrie,  Jahrgänge  1905  und  1906.
Uebersicht  über  die  Bakuer  Petroleumindustrie  für  1903,  I.  Teil  Baku,  1905.  Herausgegeben ­
  vom  Ausschuss  der  Petroleum-Industriellen,
H.  Woiß,  Die  russische  Naphtha-Industrie  und  der  deutsche  Petroleummarkt.  Tübingen ­
  und  Leipzig,  1902.
Mertens,  im  Archiv  für  Eisenbahnwesen,  1900:  Die  Naphthaindustrie  in  Baku.
United  States  Geological  Survey:  Mineral  Resources  of  the  United  States.  Washington, ­
  1904  und  1905.
Offizielle  Statistiken.  (Vierteljahrshefte;  Statistik  des  Deutschen  Reiches;  monatliche
Nachweise.)
Zeitung  snotizen.
        <pb n="8" />
        I

Einleitung.
Die  letzten  Jahrzehnte  sind  eine  Zeit  der  Konzentration  auf
sehr  vielen  Gebieten  des  Wirtschaftslebens,  der  Urproduktion  wie
der  Handelsbetriebe,  gewesen.  Die  überlieferten  Formen  waren
oft  für  die  gewaltig  gesteigerten  Ansprüche  der  modernen  Volkswirtschaft ­
  nicht  gross,  nicht  elastisch  genug;  sie  mussten  fallen
und  machten  vollkommeneren  oder  wenigstens  umfassenderen
Schöpfungen  Platz.  Besonders  die  neue  Welt  war  der  Boden,
auf  dem  weltbeherrschende  Monopole  erwuchsen.  Es  entstanden
die  der  älteren  Volkswirtschaft  ganz  unbekannten  Gebilde,  die  wir
jetzt  als  Interessengemeinschaften,  Kartelle,  Syndikate,  endlich  in
ihrer  höchsten  und  festesten  Form  als  Trusts  bezeichnen.
Diese  Entwicklung  finden  wir  auf  allen  Gebieten  des  Wirtschaftslebens ­
  wieder.  Man  denke,  um  nur  einiges  herauszugreifen,
an  die  grossartigen  Zusammenschlüsse  in  der  Elektrizitätsindustrie, ­
  an  die  immer  weiter  durchgeführte  Konzentration  im  Bankgewerbe, ­
  an  die  neuerdings  erfolgten  riesenhaften  Kartellierungen
und  Syndizierungen  im  Montangewerbe  (Stahl,  Kupfer,  Kohlen,
Kali  u.  s.  w.);  man  denke,  um  wirkliche  Trusts  zu  nennen,  an  den
Sugar  Trust,  den  Cotton  Oil  Trust  u.  a.  m.
Neben  anderen  nimmt  die  hervorragendste  Stelle  unter  diesen
Formen  modernen  Grossbetriebes  der  Standard  Oil  Trust  ein.
Er  ist  der  erste  eigentliche  »Trust«  und  für  die  späteren  ähnlichen
Bestrebungen  vorbildlich  gewesen.  Er  ist  es  auch,  der  noch  jetzt
wohl  die  vollkommenste  Organisation  dieser  Art  darstellt.  Begünstigt, ­
  besonders  in  seiner  Entstehungszeit,  durch  eine  lokal
beschränkte  Produktionsmöglichkeit,  dann,  als  andere  von  ihm
nicht  beherrschte  Gebiete  als  Produzenten  auftraten,  durch  die
bessere  Qualität  der  von  ihm  vertriebenen  Ware,  hat  er  es  verstanden, ­
  länger  als  ein  Vierteljahrhundert  hindurch  nicht  nur  in
dem  ersten  und  hauptsächlichsten  Produktionslande  selbst  die
Zeitschrift  für  die  ges.  Staatswissensch.  Ergänzungsheft  20.  I
        <pb n="9" />
        2

unbestritten  erste  Stelle  im  Petroleumhandel  einzunehmen,  sondern, ­
  immer  weiter  fortschreitend,  den  Konsum  fast  aller  Erdteile
trotz  seiner  weitgehenden  Dezentralisation  in  hohem  Masse  von
sich  abhängig  zu  machen  und  ihn  in  dieser  Abhängigkeit  zu  erhalten.
Wohl  haben  ihn  in  erbittertem  Kampfe  die  grössten  Kapitalisten ­
  der  alten  Welt  (Rothschild)  und  die  Riesenkapitalien  deutscher
Grossbanken  in  einzelnen  Gebieten  des  Weltmarktes  verdrängt  und
sich  dort  eine  feste  Position  geschaffen.  Aber  alles  in  allem  genommen ­
  sind  es  nur  Inseln  im  Ozean:  der  Trust  besitzt  noch  immer
die  Vorherrschaft  und  reguliert  den  Weltmarktpreis.
Dieser  Gegensatz  zwischen  einer  äussersten  Zersplitterung  im
Konsum  auf  der  einen  und  der  fast  absoluten  Herrschaft  einer
einzigen  Zentrale  auf  der  anderen  Seite  drückt  dem  Petroleumhandel ­
  sein  eigenartiges  Gepräge  auf.
Es  ist  klar,  dass  es  keiner  Regierung  gleichgültig  sein  kann,
dass  ihre  Untertanen  der  Willkür  einiger  weniger  und  noch  dazu
ausländischer  Kapitalistengruppen  schutzlos  überliefert  sind,  und
dass  sie  auf  Abwehrmassregeln  sinnen  muss.  Ebenso  klar  ist  aber,
dass  die  unter  der  Ausbreitung  des  Geschäftsbereiches  des  Trusts
unmittelbar  Leidenden  —  in  diesem  Falle  die  Händler  —  mit
allen  Mitteln  ihre  Stellung  zu  behaupten  oder  sie  wenigstens
möglichst  teuer  zu  verkaufen  suchen.  Neben  vielen  unberufenen
Kämpfern  leiten  sie  besonders  aus  der  eigenartigen  Konstellation
das  Recht  her,  die  Zukunft  des  Petroleumhandels  möglichst  grau
in  grau  zu  malen  und  dem  Konsumenten  Jeremiaslieder  vorzusingen.
Es  fragt  sich,  ob  und  wie  weit  diese  Klagen  berechtigt  sind;
welches  Prognostikon  man  dem  Detailhandel  und  in  letzter  Linie
dem  Verbraucher  stellen  kann,  ob  überhaupt  noch  Mittel  und
Wege  vorhanden  sind,  die  Macht  Rockefellers  zu  brechen  oder
wenigstens  einzudämmen,  und  worin  diese  bestehen.  Zu  besserem
Verständnis  muss  dabei  ein  kurzer  Ueberblick  über  die  Entstehung
des  Petroleumhandels  gegeben  werden.  Es  sind  die  Umstände
klarzulegen,  die  es  dem  Trust  ermöglichten,  dem  Konsumenten
die  Pistole  auf  die  Brust  zu  setzen,  und  zum  Schluss  ist  auf  den
Kampf  der  grösseren  Produzenten  und  wichtigeren  Gesellschaften
im  Welt-,  besonders  aber  im  deutschen  Markt  einzugehen.  —
        <pb n="10" />
        3

I.  Fundstätten.
Ueber  die  Anfänge  und  die  Entwicklung  des  Petroleumhandels,
besonders  in  Amerika,  dessen  Verhältnisse  für  die  anderen  Länder
typisch  sind,  ist  schon  viel  geschrieben  worden.  Ich  verweise  hier
auf  die  umfangreiche  einschlägige  Literatur,  aus  der  in  neuerer
Zeit  vor  allen  Jul.  Swoboda  und  später,  wenn  auch  nicht  so  systematisch-wissenschaftlich, ­
  Brackei  -  Leis  übersichtliche  Exzerpte
gegeben  haben.  Es  erübrigt  hier  nur  eine  kurze  Zusammenfassung
zur  Erleichterung  des  Verständnisses  der  späteren  Ausführungen
und  Folgerungen.
So  weit  zurück  die  Kenntnis  des  Petroleums  reicht,  so  kurz
ist  die  Geschichte  des  Petroleum  h  and  eis  im  modernen  Sinne.
Petroleumquellen  werden  zwar  schon  bei  Herodot  erwähnt;  die
von  Petroleumgasen  gespeisten  heiligen  Feuer  der  Feueranbeter
in  den  Tempeln  von  Surakhani  brannten  während  eines  Zeitraumes
von  mehreren  tausend  Jahren,  aber  heute  noch  lebt  der  Mann,
mit  dessen  Wirksamkeit  der  ganze  Petroleumhandel  so  eng  verknüpft ­
  ist,  der  der  ganzen  Produktion  und  dem  ganzen  Vertriebe
von  Beginn  die  Richtung  gegeben  hat,  der  ihn  gross  gemacht  hat
und  noch  heute  an  seiner  Spitze  steht.
a)  Amerika.
Das  Geburtsjahr  der  Erdölindustrie  ist  1859.  In  diesem  Jahre,
am  27.  August,  wurde  nach  längeren  Versuchen  in  Pennsylvanien
bei  Titusville  der  erste  flowing  well  erbohrt.  Dies  Ereignis  hatte
ungeahnte  Folgen.  Nachdem  schon  einige  Jahre  vorher  von  Gelehrten ­
  darauf  aufmerksam  gemacht  worden  war,  dass  das  Erdöl,
destilliert,  sich  zu  Beleuchtungszwecken  vorzüglich  eigne,  und  da
bei  dem  intensiver  gewordenen  Betrieb  der  Industrie  sowie  bei  dem
in  gleichem  Masse  mit  dem  Steigen  der  Kultur  und  des  Wohlstands
wachsenden  Bedürfnisse  auch  der  Privathaushaltungen  sich  ein
1  *
        <pb n="11" />
        4

drückender  Mangel  an  geeigneten  Beleuchtungsstoffen  geltend
machte,  war  es  natürlich,  dass  das  Auffinden  eines  in  solcher
Menge  und  Güte  vorhandenen  Brennstoffes  den  Anstoss  dazu  gab,
dass  sich  schnell  Tausende  von  Existenzen  und  grosse  Kapitalien
auf  die  neue  hoffnungsreiche  und  mühelose  Erwerbsquelle  warfen.
Das  »Oelfieber«  begann,  wie  Pilze  schossen  die  Bohrtürme  aus
der  Erde.  Die  Produktion  stieg  ausserordentlich  rasch,  allerdings
auf  Kosten  der  gesunden  Entwicklung.  Raubbau  und  zweckloses,
unfachmännisches  Abteufen  standen  in  voller  Blüte.
Ein  kleiner  Rückschlag  kam  bald.  Der  Konsum  hatte  sich
der  rapid  steigenden  Produktion  nicht  schnell  genug  angepasst,
weil  das  Oel  noch  ziemlich  teuer  und  auch  noch  nicht  allzu  gut
und  gleichmässig  raffiniert  war.  Da  brachten  die  Erfindung  neuer
Raffinationsmethoden,  die  Erschliessung  überaus  ergiebiger  Fundstätten ­
  und  nicht  zum  mindesten  auch  die  Verbesserung  der  Transportmittel ­
  (zuerst  Holzfässer,  doch  schon  in  den  60  er  Jahren  Rohrleitungen, ­
  dann  (von  1871  ab)  eiserne  Zisternenwagen)  einen  neuen
Anstoss  und  bewirkten  einen  abermaligen,  diesmal  geradezu  riesenhaften ­
  Aufschwung  der  jungen  Industrie,  der  noch  dadurch  unterstützt ­
  wurde,  dass  1867  C.  D.  Angell  seine  Belt-Theorie  aufstellte,
nach  der  das  Erdöl  in  langen,  schmalen  Gürteln,  von  Südwest
nach  Nordost  streichend,  vorkommt.  Jetzt  bohrte  man  nicht  mehr
blind  darauf  los,  sondern  konnte  die  Abteufung  mit  grösserer
Gewissheit  auf  Erfolg  vornehmen.
Weitaus  die  ergiebigsten  und  qualitativ  besten  Quellen  wurden ­
  ,im  Staate  Pennsylvanien  erbohrt.  Lima,  Ohio  etc.  waren
zwar  auch  damals  schon  als  ölführende  Gegenden  bekannt,  traten
aber  gegen  Pennsylvanien  ganz  in  den  Hintergrund.  In  Kalifornien ­
  und  Texas,  die  jetzt  die  Hauptmenge  der  gewonnenen
Oele  liefern,  begann  die  Grossproduktion  erst  sehr  viel  später.
War  so  im  ersten  Jahrzehnt  die  Oelgewinnung  auf  ein  relativ
kleines  Gebiet  beschränkt,  so  befanden  sich  doch  die  Unternehmer
von  vornherein  in  oft  unglückseligen  Verhältnissen.  Jeder  durfte
frei  bohren,  ein  Recht,  von  dem  der  weitgehendste  Gebrauch  gemacht ­
  wurde.  Hundertfach  waren  die  Beispiele,  dass  ein  Unternehmer, ­
  ein  Abenteurer,  über  Nacht,  durch  eine  einzige  Quelle,  sehr
häufig  auch  nur  durch  Grundstücksspekulationen,  zum  reichen  Manne
wurde.  Aber  unendlich  viel  zahlreicher  waren  die  fruchtlosen
Bohrversuche,  und  mancher,  der  einen  ergiebigen  well  erbohrt
hatte,  sah  sich  um  die  Früchte  seiner  Arbeit  gebracht  dadurch,
        <pb n="12" />
        5

dass  irgend  ein  Konkurrent  direkt  neben  dem  seinen  ein  Bohrloch ­
  niederbrachte  und  seinen  well  dadurch  trocken  legte.
Diese  Zustände  waren  unhaltbar  und  mussten  zu  einer  grundlegenden ­
  Aenderung  führen.  Diese  liess  auch  nicht  lange  auf
sich  warten.
Schon  um  1870  merkte  man,  dass  aus  unerklärlichen  Ursachen ­
  einige  unter  einander  in  Verbindung  stehende  Unternehmungen ­
  glänzend  gediehen  und  sich  ausserordentlich  schnell  vergrösserten,
  während  die  sämtlichen  anderen  Produzenten  über  Verluste ­
  zu  klagen  hatten,  in  Armut,  oft  in  Elend  versanken,  ihre
Reservoire  und  Raffinerien  aufgeben  mussten.  Dieser  kleinen
Oelclique  gelang  es,  ohne  dass  über  ihr  Treiben  vorher  irgend
etwas  in  die  Oeffentlichkeit  drang,  die  ganze  Entwicklung  in  eine
bestimmte  Richtung  zu  drängen  und  binnen  weniger  Jahre  einen
massgebenden  Einfluss  auf  die  ganze  vielverzweigte  Produktion
zu  erlangen.  Es  dauerte  lange,  bis  man  den  Urhebern  dieser
Bewegung  auf  die  Spur  kam.  Aber  als  man  sie  klarer  erkannte,
war  es  bereits  zu  spät.  Die  Gruppe,  deren  leitender  Geist  der
aus  ganz  einfachen  Verhältnissen  hervorgegangene  John  D.  Rockefeiler ­
  war,  sass  bereits  so  fest  im  Sattel,  dass  die  grössten  Anstrengungen ­
  der  unter  dem  Zwange  der  Not  sich  zeitweise  zusammenschliessenden
  Produzenten,  dass  Volksaufstände,  selbst
staatliche  Untersuchungen  und  Machtsprüche  sie  nicht  mehr  herauszuheben ­
  vermochten.  Ihr  gelang  es,  indem  sie  sich  zwischen
die  Produzenten  und  die  Abnehmer  schob  (ebenso  machte  es
später  Rothschild  in  Baku!),  ohne  einen  Hektar  ölführenden  Landes
zu  besitzen,  auf  Grund  geheimer  Verträge  mit  den  das  Oel  nach
den  Raffinerien  an  der  Küste  führenden  Bahnen  (die  berüchtigten
geheimen  Rabatte  des  South  Improvement  Cy  Contract)  den
ganzen  Handel  auf  Gnade  und  Ungnade  von  sich  abhängig  zu
machen.  Schon  1875  hatte  sie  das  tatsächliche  Monopol  in  Händen.
Einen  gegen  den  andern  ausspielend,  mit  allen  paktierend,  zwang
sie  durch  die  Bahnen  erst  die  Raffinerien,  dann  die  Rohrleitungsgesellschaften ­
  nieder,  durch  diese  wieder  die  Bahnen,  die  sie  sich
gleichzeitig  durch  mörderische  Tarifkriege  zerfleischen  liess.
Man  könnte  Rockefeller  jetzt  auch  den  »Eisenbahnkönig«  Amerikas ­
  nennen;  denn  er  soll  150  000  Meilenlängen  kontrollieren,
d.  i.  ca.  '^/ 3  des  gesamten  Schienennetzes  der  Vereinigten  Staaten!
Wie  bereits  kurz  erwähnt,  wurde  das  Oel  in  den  ersten  Jahren
in  Holzfässern  befördert,  von  den  Quellen  durch  Fuhrwerke  nach
        <pb n="13" />
        6

den  Eisenbahnstationen,  von  dort  mit  der  Bahn  nach  den  Raffinerien, ­
  die  meist  an  einem  Seeufer  oder  an  der  Küste  lagen
(Cleveland,  New  York).
Da  kam  ein  unternehmender  Kopf  auf  den  Gedanken,  das
Rohöl  einfach  in  mehrzölligen  Röhrenleitungen  (pipe  lines)  unter
vollständiger  Ausschaltung  der  andern  beiden  Transportmittel  von
den  Gruben  direkt  nach  den  Raffinerien  zu  pumpen.  Nach  vielen
Schwierigkeiten  führte  er  seinen  Plan  aus.  Der  Erfolg  war  so
glänzend,  dass  über  die  alte  Art  der  Beförderung  der  Stab  gebrochen ­
  war,  und  der  ganze  Oeldistrikt  war  bald  mit  unzähligen,
meist  aber  planlos  angelegten  pipe  lines  überzogen.  Denn  jede
Raffinerie  wollte  ihre  eigene  Leitung  haben,  um  »unabhängig«
zu  sein.
Diese  pipe  lines,  die  oft  eine  Länge  von  500,  ja  700  km
hatten,  beförderten  das  Oel  natürlich  erheblich  billiger,  als  es
bei  Bahnversandt  möglich  war.  Sie  stellten  also  eine  grosse  Gefahr ­
  für  die  Standard  Oil  Co.  (St.  O.  C.),  Rockefellers  Gründung
und  die  mit  ihr  verbündeten  Bahnen  dar.  Es  musste  zum  Kampf,
kommen;  die  St.  O.  C.  zögerte  nicht,  ihn  aufzunehmen.  Unter
der  Hand  verschaffte  sie  sich  die  Kontrolle  über  die  United  pipe
line,  schloss  sie  1874  neue  Verträge  mit  den  drei  beteiligten,
ihr  unterworfenen  Bahnen,  und  in  einem  unerhörten  Tarifkriege
und  gedeckt  durch  beispiellose  Refaktien  brachte  sie  innerhalb
Jahresfrist  das  ganze  Rohrleitungsgeschäft  in  ihre  Hand  und
schaffte  sich  dadurch  eine  festere  Stellung  als  je  zuvor.
Soweit  gekommen,  hielt  sie  unter  den  pipe  lines  zunächst
fürchterliche  Musterung,  räumte  unter  dem  Chaos  gehörig  auf  und
verschmolz  die  vielen  kleinen  Einzelleitungen  zu  einigen  wenigen
grossartigen  Systemen.  Jetzt  ist  sie  imstande,  ihren  gesamten
Oeltransport  durch  sie  zu  bewerkstelligen.  Die  Kosten  sollen
sich  auf  nur  5—7  Cents  per  Fass  belaufen.
Auch  der  überseeische  Transport  erhielt  durch  die  St.  O.  C.
eine  neue  Grundlage.  Während  das  Oel  früher  auf  Seglern  in
Fässern  nach  Europa  geschafft  wurde,  begann  man  Anfang  der
80  er  Jahre  nach  dem  Vorgehen  Nobels  in  Russland  (erster  Tankdampfer ­
  1879)  mit  dem  Bau  von  Seetankdampfern,  die  das  Oel
lose  aufnahmen  und  über  das  Meer  brachten.  Die  Minderkosten
gegen  die  frühere  Art  der  Beförderung  stellen  sich  nach  Brackel-Leis
  (S.  350)  auf  Mk.  3.11  per  100  kg.  Die  Differenz  ist  aber
wohl  wesentlich  grösser,  da  die  St.  O.  C.  mit  vollständig  amorti ­
        <pb n="14" />
        7

siertem  Schiffspark  fährt,  ihre  ganzen  Anlagen  schon  abgeschrieben
hat  und  sämtliche  Arbeiten  in  eigener  Regie  betreibt.
Inzwischen  gingen  die  Rohölpreise  immer  weiter  herab.  Mehrmals ­
  machten  die  zur  Verzweiflung  getriebenen  Produzenten  die
grössten  Anstrengungen,  den  eisernen  Ring  zu  sprengen,  sich  durch
die  Legung  einer  eigenen  Leitung  einen  Durchgang  zur  Küste  zu
bahnen,  in  der  Hoffnung,  auf  diese  Weise  höhere  Preise  zu  erzielen. ­
  Doch  erfolgreich  trat  ihnen  die  St.  O.  C.  entgegen  und
vermochte  es,  alle  Konkurrenten  niederzuhalten.  Eine  einzige
nominell  unabhängige  Leitung  führt  jetzt  das  Oel  der  pennsylvanischen
  Outsiders  zur  Küste,  allein  auch  über  sie  soll  sich  die
St.  O.  C.  schon  die  Kontrolle  verschafft  haben.
Seine  äussere  Krönung  erhielt  das  Werk  Rockefellers  1882
durch  die  Gründung  des  Standard  Oil  Trust.  —  In  den  einzelnen
Staaten  (Ohio,  Indiana,  Kentucky  etc.)  bestanden  Standard  Oil
Companies  schon  seit  Ende  der  60  er  Jahre.  Sie  waren  nach  dem
Prinzip  der  Arbeitsteilung  organisiert  und  pflegten  ganz  bestimmte,
scharf  getrennte  Zweige  des  Geschäfts:  so  befassten  sich  einige
nur  mit  dem  Transportgeschäft,  andere  nur  mit  der  Raffination,
wieder  andere  mit  dem  Vertrieb.  Alle  aber  gravitierten  finanziell
und  geschäftspolitisch  nach  einem  gemeinsamen  Schwerpunkte,
eben  Rockefeller.  Tatsächlich  änderte  sich  an  diesen  Verhältnissen ­
  durch  die  Gründung  des  Trusts  gar  nichts,  und  als  dieser
einige  Jahre  später  gesetzlich  für  ungültig  erklärt  wurde  und  sich
auf  lösen  musste,  trat  ohne  weiteres  das  alte  Verhältnis  wieder  in
Kraft.  Die  neun  trustees  hatten  in  jeder  der  Untergesellschaften
die  Aktienmajorität,  und  der  Name  tat  ihnen  wenig.  Einige  Jahre
nach  der  Auflösung  (1892)  schlug  die  Antitrustpolitik  wieder  in
ihr  Gegenteil  um;  so  wurde  der  Trust  1899  in  New  Jersey  mit
einem  Nominalkapital  von  $  110  Millionen  wieder  inkorporiert  und
besteht  in  seiner  damaligen  Fassung  noch  heute.
Es  ist  selten  oder  nie  eine  Interessenvereinigung  mit  solcher
Schärfe  angegriffen  worden,  wie  der  Rockefellersche  Trust;  zum
Teil  mit  Recht,  zum  Teil  aber  auch  mit  Unrecht.
Dass  Rockefeiler  sich  nur  durch  eiserne,  oft  an  Brutalität
grenzende  Energie  die  Herrschaft  errungen  hat,  ist  nicht  zu  bestreiten. ­
  In  dieser  Hinsicht  ist  er  gewiss  nicht  als  Unschuldslamm
hinzustellen;  wohl  aber  darf  im  Gegensatz  zu  den  meisten  bekannten ­
  Autoren  —  m.  W.  macht  nur  Schneider,  der  auch  schon
die  rationelle  Organisation  des  Trusts  und  die  dadurch  hervor ­
        <pb n="15" />
        8

gerufene  Ersparnis  an  Kosten  als  einen  Hauptgrund  seiner  schnellen
und  grossen  Erfolge  ansieht,  eine  Ausnahme  —  auf  etwas  hingewiesen ­
  werden,  das  der  Hass  gegen  ihn  meist  übersehen  lässt
und  das  beweist,  dass  nicht  so  sehr  der  Mensch  Rockefeller  als
vielmehr  die  elementare  Macht  der  Verhältnisse  die  Entwicklung
in  eine  bestimmte  Richtung  hineinzwang.  Wirtschaftliche  Unzweckmässigkeit ­
  ist  auf  die  Dauer  wirtschaftliche  Unmöglichkeit.  Dieser
alte  einfache  Satz  bildet  das  feste  Fundament,  das  die  Säulen  des
Riesentrusts  trägt.  Das  Muss  war  gegeben.  Rockefeller  hatte
nur  Einfluss  auf  das  Wie,  auf  die  Form  der  notwendig  gewordenen ­
  Konzentration.  Und  da  muss  man  sagen,  dass  er  diese
Frage  in  einer  Art  gelöst  hat,  die,  wenn  man  unparteiisch  sein
will,  geradezu  Bewunderung  herausfordert.  —  Er  ist  masslos  angegriffen ­
  worden.  Aber  er  hat  sich  nie  verteidigt,  und  das  mag
mit  ein  Grund  gewesen  sein,  dass  jeder  sich  das  Recht  anmasste,.
seine  geschäftliche  Moral  in  den  Staub  zu  ziehen,  berechtigte  und
ebenso  oft  unberechtigte  Vorwürfe  und  Anklagen  immer  wieder
aufzuwärmen  und  sein  Verdammungsurteil  auszusprechen,  ohne
sich  der  Mühe  einer  genaueren  und  objektiven  Kritik  zu  unterziehen.
Ein  Mann  von  ausserordentlichem  Scharfblick,  von  kalter  Kühnheit ­
  und  eiserner  Energie,  warf  er  sich  auf  das  Petroleumgeschäft,
wagte  alles  und  —  gewann!  Hundert  andere  wagten  dasselbe  —
er  blieb,  vom  Glück  begünstigt,  Meister.  Einmal  oben,  war  es  sein
gutes  Recht,  sich  den  Platz,  den  er  errungen  hatte,  zu  erhalten.
Angriff  vergalt  er  mit  Gegenangriff.  Das  ist  verständlich,  weil
es  natürlich  ist.  Sein  Glück  und  sein  Genie  drängte  andere  zurück.
Und  auch  das  ist  verständlich,  dass  die  Zurückgedrängten  ihrem
Unmut  Luft  machten,  oft  in  sehr  gehässiger  Weise.  Tausende
neideten  ihm  sein  Glück,  trugen  die  Behauptungen  und  Verleumdungen ­
  weiter  und  erreichten  es,  dass  der  Petroleumkönig
der  Welt  stets  nur  als  ein  Vampyr  erscheint,  der  in  seiner  Gier
das  Blut  seiner  Opfer  bis  auf  den  letzten  Tropfen  aussaugt.
Vor  Rockefellers  Eingreifen  waren  die  Zustände  in  dem
damals  allein  in  Betracht  kommenden  pennsylvanischen  Oeldistrikt
  einfach  unhaltbar.  Wilde  Spekulationen  trieben  die  Preise  für
Grundstücke  in  die  Höhe;  die  zweifelhaftesten  Existenzen  warfen
sich  auf  Oelbohrungen;  die  P'uhrleute  fühlten  sich  als  Herren  der
Lage,  forderten  unverschämte  Preise  und  Hessen,  falls  man  diese
nicht  bewilligte,  die  befrachteten  Wagen  einfach  im  Morast  stecken;
Reservoire  fehlten,  um  die  Erträge  der  Quellen  aufzunehmen;  die
        <pb n="16" />
        9

Destillation  und  Raffination  war  häufig  ungenügend,  jedenfalls
nicht  gleichmässig  genug:  kurz,  es  herrschte  vollständige  Anarchie.
Die  Verhältnisse  konnten  nur  gesunden,  wenn  die  teils  schädlichen,
teils  überflüssigen  Elemente  eliminiert,  die  Auswüchse  beseitigt
wurden,  kurz,  wenn  alles  von  Grund  aus  auf  eine  solide  Basis
gestellt  wurde.  Dieses  Ziel  Hess  sich  aber  nur  durch  weitgehende
Zentralisation  erreichen.  Durch  sie  konnte  man  an  Unkosten
sparen,  diese  auf  den  inneren  Aufbau  des  Geschäfts,  mehr  noch
aber  auf  bessere  Bearbeitung  der  Ware  verwenden  und  dieser
dadurch  einen  grösseren  Markt  gewinnen.
Auf  dieser  Basis  operierte  der  Trust.  Binnen  kurzem  gelang
es  ihm,  die'  zerfahrenen  Verhältnisse  zu  ordnen.  Waren  die  Mittel,
die  er  ergriff,  bisweilen  auch  nicht  einwandfrei  (Bestechungen!),
so  waren  andere,  wie  die  Stilllegung  der  kleinen  Raffinerien,
direkt  notwendig,  und  das  Geschrei,  das  sich  ihretwegen  erhoben
hat,  ist  nicht  berechtigt.
Vor  allem  brachte  der  Trust  Beständigkeit  sowohl  in  die
Produktion  wie  in  die  Preisgestaltung:  er  verpflichtete  sich  nämlich, ­
  stets  jedes  ihm  angebotene  Quantum  zum  »offiziellen  Preise«
abzunehmen.
Dieser  »offizielle  Preis«  richtete  sich  nach  den  allgemeinen
Absatzverhältnissen.  Selbst  die  Gegner  des  Trusts  haben  zugeben
müssen,  dass  er  die  Einkaufspreise  nicht  möglichst  niedrig  hielt,
sondern  eher  hoch,  um  die  Fördertätigkeit  anzuspornen.  Der
Trust  soll  dabei  in  der  Weise  verfahren,  dass  er  von  dem  Marktpreis ­
  für  raffiniertes  Oel,  den  er  nach  sorgfältigster  Berechnung
festsetzt,  eine  bestimmte  Quote,  nach  Brackel-Leis  (S.  103)  62 1 /2%,
absetzt  und  den  Rest  für  das  Rohöl  an  die  Produzenten  zahlt.
Diese  sind  auch,  weil  sie  die  Gerechtigkeit  dieses  Verfahrens
anerkennen,  damit  zufrieden.  Mit  der  Eigenproduktion  scheint
sich  der  Trust,  trotzdem  er  in  den  letzten  Jahren  ausgedehnte
ölführende  Terrains  in  seine  Hand  gebracht  hat,  deshalb  nicht
zu  befassen,  weil  ihm  das  spekulative  und  immerhin  riskante
Element  der  Bohrtätigkeit  nicht  zusagt.  Selbst  die  grösseren
Produzenten  schweben  jetzt  bei  Erbohrung  eines  ergiebigen
wells  nicht  mehr  in  der  Gefahr,  wegen  Mangels  an  Reservoiren ­
  und  Behältern  das  Oel  einfach  in  den  Sand  laufen
lassen  zu  müssen,  sie  haben  keine  Ausgaben  für  Cisternenwagen
und  dergl.  mehr.  Jedes  beliebige  kleinste  Quantum  wird  glatt
aufgenommen,  ein  Umstand,  der  für  die  kleineren  Grubenbesitzer
        <pb n="17" />
        IO

ausserordentlich  ins  Gewicht  fällt.  Kurz,  der  ganze  Betrieb  wurde
von  Grund  auf  saniert.
Der  einzige  Grund  hierfür  war  die  Verbilligung  des  Transports ­
  !  Nur  durch  seine  grossartige  Aus-  und  Umgestaltung  konnte
die  St.  O.  C.  das  werden,  was  sie  ist.  Nur  durch  sie  konnte  sie
die  Einstandskosten  der  Ware  verringern,  billiger  verkaufen  als
die  Konkurrenz,  die  über  gar  keine  oder  doch  über  weniger  gute
Transportmittel  verfügte,  dadurch  ihren  Absatz  wie  den  Konsum
überhaupt  steigern  und  dem  Petroleum  einen  immer  ausgedehnteren ­
  Markt  erobern.
Aus  diesem  Gesichtspunkte  heraus  erfolgte  die  planvoll  vereinfachte ­
  Legung  der  pipe  lines,  der  Bau  der  grossen  Tankanlagen, ­
  der  tank-cars,  dann  weiter  das  Verschmelzen  vieler  Dutzende
kleiner  Raffinerien  zu  zwei  riesigen  Exportraffinerien  (Chicago  und
Bayonne),  die  durch  alles  dies  ermöglichte  ununterbrochene  und
vollständige  Ausnützung  eines  Minimums  von  Transportmitteln
und  Raffinerieanlagen,  die  Schaffung  einer  einzigen  zentralen  Verwaltung, ­
  infolge  davon  wieder  grossartige  Betriebsvereinigung  und
Verwertung  von  Nebenprodukten.  Alles  dies  sind  natürliche
Folgen  der  notwendigen  und  zielbewussten  Zentralisation.  Die
vielen  einzelnen,  auf  sich  allein  gestellten  Brunnenbesitzer  waren
wirtschaftlich  viel  zu  schwach  zu  ähnlichem  Vorgehen,  auch  wenn
sie  noch  so  ergiebige  wells  erbohrt  hatten:  sie  waren  eben  nicht
auch  gleichzeitig  Transporteure  und  Raffineure  und  infolgedessen
gegen  den  Trust  unbedingt  im  Nachteil.
Als  sie  endlich  sich  zu  grösseren  Verbänden  zusammenzuschliessen
  versuchten,  um,  als  geschlossene  Masse  auftretend,
ihre  Interessen  besser  zu  wahren,  war  es  bereits  zu  spät:  zwischen
ihnen  und  den  Raffinerien  stand  der  Trust  und  hatte  beide  in  der
Hand.  Seitdem  er  (Anfang  der  8oer  Jahre)  den  Ausbau  seiner
von  vornherein  gross  angelegten  Organisation  vollendet  hat,  ist
seine  Macht  in  Amerika  nicht  mehr  zu  brechen.
Die  gigantische  Grösse  des  Rockefellerschen  Unternehmens
mögen  einige  Zahlen  illustrieren.  1872  offiziell  als  St.  O.  C.  ein
Kapital  von  $  2^2  Millionen  aufweisend,  wurde  der  »Trust«  1882
mit  einem  Kapital  von  $  70  Millionen  und  nach  seiner  Neugründung ­
  im  Jahr  1899  mit  $  110  Millionen  inkorporiert,  obwohl ­
  der  abgeschätzte  wirkliche  Wert  der  20  ihn  bildenden  Gesellschaften ­
  über  $  120  Millionen  war.  Die  Aktien  dieser  20
Gesellschaften  wurden  einem  Komitee  von  neun  »trustees«  über ­
        <pb n="18" />
        geben,  das  für  sie  trust-certificates  anteilig  herausgab.  Von
diesen  trust-certificates  besitzt  den  kontrollierenden  Teil,  also
die  absolute  Gewalt  über  sämtliche  Untergesellschaften,  John
D.  Rockefeiler!  Schon  1883  stellten  die  Anlagen  des  Trusts  einen
Wert  von  $  148  Millionen  dar.  Von  1882  bis  1895  zahlte  der
Trust  an  Dividenden  mehr  als  das  Doppelte  seines  Kapitalvermögens ­
  im  Jahr  1882,  im  Zeitraum  von  1900  bis  1904  gar  mehr
als  200%  des  1899  erhöhten  Kapitals.  Die  Dividendenausschüttungen ­
  betrugen  1882—1890  je  5 1  /  *  %,  1891  —1895  je  12%,  1896
31%,  1897  33°/ 0 ,  1898  30%,  1899  33%,  1900—1901  je  48%,
1902  45  %,  190344%,  190436%.  Und  dabei  hat  der  Trust  keine
Schulden,  keine  Hypotheken,  daher  keine  laufenden  Zinsen  zu
tragen!  Wahrlich  ein  Koloss  auf  stählernen  Füssen!
Das  unbedingte  Monopol,  das  der  Trust  sich  vor  nunmehr
30  Jahren  in  Amerika  errang,  besitzt  er  noch  immer,  trotz  der
bestehenden  Gegenorganisationen.  Ich  meine  die  Shell  Transport
and  Trading  Co.,  (1904/05  :  5%  Dividende)  mit  einem  Kapital
von  60  Millionen  Mk.,  die  in  Texas  weite  Oelgebiete  besitzt,  und
die  mit  einer  Anzahl  Rohölproduzenten  in  Ohio  und  Pennsylvanien
  in  Verbindung  stehende  Pure  Oil  Co.  Von  ersterer
Gesellschaft  ist  zu  bemerken,  dass  sie  hauptsächlich  das  Oel  niederländischer ­
  in  Sumatra,  Java  u.  s.  w.  arbeitender  Gesellschaften  vertreibt. ­
  In  Amerika  macht  sie  dem  Trust  weniger  Konkurrenz  als  z.  B.
in  Deutschland,  wovon  später  die  Rede  sein  wird.  Die  Pure  Oil  Co.
kann  man  schwerlich  noch  als  »unabhängig«  ansehen.  WennRockefeller
  sie  auch  noch  nicht  zu  kontrollieren  scheint,  so  hat  er  durch
seinen  grossen  Besitz  von  Aktien  dieser  Gesellschaft  immerhin  einen
nicht  zu  unterschätzenden  Einfluss  auf  ihre  Geschäftspolitik.
Sobald  der  Trust  seine  Plauptgegner  niedergerungen  und  sich
die  herrschende  Stellung  erkämpft  hatte,  richtete  er  sein  Augenmerk ­
  auch  auf  den  Export.  Er  pflegte  dabei  in  der  Weise  vorzugehen, ­
  dass  er  ausländische  Firmen  zum  Vertrieb  der  Ware  ermunterte, ­
  mit  ihnen  langfristige  Verträge  abschloss  und  sie  dann
später  —  als  alleiniger  Lieferant  hatte  er  ja  die  Macht  dazu  —
unter  Umwandlung  in  Aktiengesellschaften  in  eine  immer  grössere
Abhängigkeit  von  sich  brachte  und  zuletzt  völlig  aufsaugte.  Das
typische  Beispiel  dafür  ist  Deutschland.  Ausser  in  diesem  Lande
hat  der  Trust  jetzt  fast  in  jedem  europäischen  Lande  eine  Tochtergesellschaft. ­
  Dabei  scheint  sein  England  bearbeitender  Abzweig,
die  Anglo  American  Oil  Company,  den  anderen  Gesellschaften
        <pb n="19" />
        12

in  gewissem  Grade  übergeordnet  zu  sein.
Für  lange  Jahre  war  das  .erstentdeckte  Oelgebiet,  Pennsylvanien,
  ganz  abgesehen  von  seiner  unbestrittenen  qualitativen
Ueberlegenheit,  auch  hinsichtlich  der  geförderten  Mengen  das  bei
weitem  wichtigste.  Allmählich  aber  erschöpfte  sich  der  scheinbar
unermessliche  Reichtum.  Viele  neue  Bohrungen  blieben  trocken,
die  alten  Quellen  flössen  spärlicher;  das  appalachische  Bassin
(Pennsylvanien,  westl.  Virginien,  Kentucky,  Tennessee  und  Südostohio), ­
  das  1892  noch  über  66%,  1896  noch  56%  der  gesamten
Ausbeute  geliefert  hatte,  gab  5  Jahre  später  nur  noch  48%,  1904
gar  nur  noch  ungefähr  26 s / 4 %  her.  In  Pennsylvanien  selbst  wurden
1891  :  33  Millionen;  1901  :  14  Millionen,  1904  gar  nur  iV/a  Millionen ­
  Fass  Rohöl  produziert.
Dieser  Ausfall  wurde  nur  halb  wett  gemacht  durch  die  steigende
Produktion  in  anderen  Gebieten.  Im  ganzen  genommen  stieg  sie
quantitativ  bisher  noch  immer,  aber  qualitativ  reicht  das  Oel  nicht
an  das  pennsylvanische  heran.  Texanisches  sowohl  wie  kalifornisches ­
  Oel  haben  einen  sehr  hohen  Prozentsatz  an  Schmieröl,
und  nur  Kansas  liefert  ein  den  minder  guten  Sorten  der  östlichen
Staaten  ähnliches  Oel.
Im  Jahre  1904  waren  die  einzelnen  Länder  (die  Zahlen  sind
den  Mineral  Resources  of  the  U.  S.,  S.  680  ff.,  entnommen)  an
der  Produktion  wie  folgt  beteiligt:

dem  Werte  nach
Ohio  23,46  %
W.  Virginia  20,35  °/ 0
Pennsylvan.  18,29  °/ 0
Indiana  12,09  %
74U9  %

der  Menge  nach
16,13  %
10,80  %
9,65  °/o
9,69  %
46,27  %

Texas  8,06  %
California  8,17  0/ 0

19,00  %
2 5,33  %

Die  Gesamtrohölproduktion  der  Vereinigten  Staaten  seit  1859
betrug  nach  der  oben  erwähnten  Quelle  (S.  685)  in  den  einzelnen
Jahren:  (Tabelle  siehe  nächste  Seite).
Demnach  ist,  wenn  man  das  letzte  Jahrzehnt  betrachtet,  von
1896—1899  ein  Rückgang  der  Produktion  zu  verzeichnen,  während ­
  gerade  in  diesen  Jahren  Russlands  Oelgewinnung  ausserordentlich ­
  stieg.  Man  glaubte  damals  schon,  ein  in  nicht  allzu
ferner  Zeit  eintretendes  Versiegen  der  amerikanischen  Quellen
prophezeien  zu  müssen.  Die  Befürchtungen  erwiesen  sich  aber
        <pb n="20" />
        13

als  grandios;  schon  heute  hat  Amerika  die  1896  erreichte  Ziffer
(die  höchste  bis  dahin)  um  das  Doppelte  überholt  und  produziert
um  die  Hälfte  mehr  Rohöl  als  Russland  (1904  ca.  15  gegen  ca.  10
Millionen  tons).  Die  reichen  Aufschlüsse  (in  Wyoming  und  Louisiana ­
  z.  B.)  der  letzten  Zeit  lassen  die  Annahme  als  wahrscheinlich ­
  erscheinen,  dass  manchen  Territorien  noch  eine  Oelgewinnung
in  bisher  ungeahnter  Höhe  bevorsteht,  und  dass  demnach  die
Vereinigten  Staaten  noch  für  längere  Zeit  den  ersten  Platz  unter
den  Produktionsländern  des  wichtigen  Beleuchtungsstoffes  behaupten ­
  werden.

Amerikas  Rohölproduktion.

1859  2  000  Brls.
1860  500  000  »
1861  2113  609  »
1862  3  056  690  »
1863  2611  309  »
1864  2116  109  »
1865  2  497  700  »
1866  3  597  700  »
186 7  3  347  3°°  2
1868  3  646  117  »
1869  4215000  »
1870  5  260  745  »
1871  5  205  234  »
1872  6  293  194  »
1 8 73  9  893  786  *
1874  10926945  »
1875  12  162  514  »
1876  9132669  »
18 77  I3  3S 0 363  2
18 78  15396868  »
1879  19  914  146  »
1880  26  286  123  »
1881  27  661  238  »

1882

30510830

Brls.

1883

23  449  633

»

1884

24  218  438

»

1885

21  858  785

»

1886

28  064  84  t

3&amp;gt;

1887

28  283  483

I8S8

27  612  025

»

1889

35  163  513

»

1890

45  823  572

»

1891

54292  655

»

1892

5°  509657

x&amp;gt;

1893

48  431  066

»

1894

49  344  5 16

»

i8 95

52  892  276

1896

60  960  361

»

1897

60  475  516

»

1898

55  364  233

»

1899

57  070  850

»

1900

63  620  529

»

1901

69  389  194

»

1902

88766916

»

1903

100461  337

»

1904

117  063  421

»

zusammen  1  382  815  006  *)
im  Gesamtwerte  von  $  1  362  781  879.

1)  Einen  Begriff  von  der  Menge  der  von  1859  bis  1904  geförderten  Erdöle
kann  man  sich  machen,  wenn  man  sie  sich  alle  in  einem  kreisförmigen  See  vereinigt ­
  denkt.  Bei  einem  Durchmesser  von  2  km  würde  dieser  eine  Tiefe  von  ca.
79Ü4  m &amp;gt;  bei  einem  solchen  von  10  km  eine  Tiefe  von  ca.  31/6  m  haben!  Und
dabei  sind  die  gewaltigen  Mengen  Oel  noch  gar  nicht  einmal  berücksichtigt,  die,
besonders  in  den  ersten  Jahren  in  den  Sand  flössen,  weil  man  die  Erträge  der
Quellen  nicht  aufzufangen  vermochte!
        <pb n="21" />
        14

Auf  die  einzelnen  Distrikte  entfielen:

190s
ungefähr

1904

1903

Kalifornien

35

000  000  Brls.

29

649

434

Brls.

24

382  472

Brls.

Texas

30

OOO  000  »

22

241

413

»

17

955  572

&amp;gt;

Ohio

?

18

876

631

»

20

480  286

&amp;gt;

Westvirginien

?

12

644

686

»

12

899  39s

New  York  und  Pennsylvanien

?

12

239

026

»

12

Si8  134

»

Indiana

f

II

339

124

»

9

186  411

»

Louisiana

IO

000  000  »

2

941

419

917  77i

»

Kansas,  Oklahoma  etc.

12

000  000  »

5

617

5 2 7

I

071  12t;

Kentucky  und  Tennessee

?

998

284

»

554  286

Kolorado

?

Soi

763

483  925

&amp;gt;

Wyoming  etc.

?

14

114

X&amp;gt;

11960

»

1x7  063  421

Brls.

100  461  337

Brls.

Wie  aus  dieser  Zusammenstellung-  ersichtlich,  ist  Kalifornien
augenblicklich  von  überragender  Bedeutung.  Seine  Gesamtproduktion ­
  betrug  1879  nur  20000  Fass,  stieg  1900  auf  4^2  Millionen
Fass  und  scheint  mit  seiner  jetzigen  Produktion  von  ca.  35000000
Barrels,  die,  beiläufig  gesagt,  einen  Tagesdurchschnitt  von  ca.
95  000  Fass  ergibt,  den  Höhepunkt  noch  nicht  erreicht  zu  haben.
Auch  Texas  hat  eine  ähnlich  rapide  Steigerung  der  Produktion ­
  aufzuweisen.  Es  wurden  an  Rohöl  gewonnen:

1895

50  Fass

1901

4  393  658  Fass

1896

145°

»

1902

18083658  »

1897

65  975

•

1903

17  955  572  »

1898

546  070

»

1904

22  24I  413  »

1899

669  013

»

1905

ca.  30  000  000  »

1900

836039

»

In  Prozenten  ausgedrückt,  stellte  sich  der  Anteil  der  einzelnen
Oelgebiete  an  der  Gesamtförderung  wie  folgt:

1898  :

1904:

Appalachische  Felder

57.3  °/o  \  Q ,  0/„
36,7  %/ 94  /0

26,8  o /o

Lima  (Indiana)

21.1  %

Texas

%

19.0  %

California

4.0  %

25.3  %

Rest

!.°  %

7.8  %

b)  Russland.
Die  Geschichte  der  Entwicklung  der  russischen  Petroleumindustrie ­
  ist  rasch  erzählt.
Petroleumlager  finden  sich  in  verschiedenen  Gebieten  des
russischen  Reiches;  von  weitaus  überragender  Bedeutung  sind  jedoch ­
  die  Fundstätten  am  Südabhang  des  Kaukasus,  die  sich  bis  ins
Kaspische  Meer  erstrecken.  Wiederum  die  Hauptgewinnungsstätte
dieses  lokal  doch  nur  sehr  beschränkten  Gebietes  ist  die  kleine  Halbinsel ­
  Apscheron,  die  etwas  südlich  vom  Kaukasus  ins  Kaspische
        <pb n="22" />
        IS

Meer  hineinragt J ).  Sie  umfasst  im  ganzen  ein  Areal  von  nur
2500  qkm,  von  welchem  bis  jetzt  aber  erst  der  bei  weitem  kleinste
Teil  —  1900  noch  nicht  1000  ha  —  ausgebeutet  wird.  Allein
die  Oelfelder  in  Pennsylvanien  und  von  Lima  sind  90mal  grösser,
denn  sie  erstrecken  sich  über  900  qkm.  Das  Zentrum  der  ganzen
Industrie  ist  die  »schwarze  Stadt«  Baku.  Von  ihr  führen  Röhrenleitungen ­
  von  mehreren  hundert  Kilometern  Länge  nach  dem
Hafen  Batum  am  Schwarzen  Meer,  über  den  ungefähr  80  %  des
Leuchtöl-Exports  gehen.
In  dieser  Gegend  waren  das  Petroleum  oder  wenigstens  die
der  Erde  entsteigenden  brennbaren  Gase  schon  im  Altertum  bekannt. ­
  Zeichen  dafür  sind  die  heiligen  Feuer  von  Surakhani,  die,
schon  lange  vor  Christo  angezündet,  ununterbrochen  Jahrtausende
hindurch  brannten  und  erst  in  den  letzten  Jahren  von  der  russischen ­
  Regierung  aus  religiösen  Gründen  gelöscht  wurden.  Die
eigentliche  Oelproduktion  begann  erst  sehr  viel  später  als  in
Amerika,  da  die  Oelgewinnung  Staatsmonopol  war  und  die  ölführenden ­
  Terrains  an  einen  Unternehmer  langfristig  verpachtet
waren.  Dieses  Generalpachtverhältnis  legte  der  jungen  aufstrebenden ­
  Industrie  schwere  Fesseln  an  und  machte  es  ihr  zur  Unmöglichkeit, ­
  sich  in  wünschenswerter  Weise  zu  entwickeln.  Erst
nach  dem  Erlöschen  der  Konzession  und  dem  freien  Verkauf  der
Parzellen,  1873,  war  ein  Aufblühen  möglich,  das  wesentlich  auch
durch  den  Uebergang  vom  Schöpfbrunnen  zum  Bohrbetrieb  unterstützt ­
  wurde.  Wie  schnell  sich  dieser  Uebergang  vollzog,  ist  aus
einer  von  Mertens  gegebenen  Tabelle  ersichtlich 1  2 ).
Darnach  waren  vorhanden:

1872

2

Bohrlöcher

und

415

Handbrunnen

1873

17

»

»

258

»

1874

50

»

»

185

1875

66

»

V

170

»

1876

IOI

»

»

62

»

1878

301

»

»

0

»

Als  dann  auch  1883  die  transkaukasische  Eisenbahn  in  Betrieb ­
  genommen  wurde,  nahm  die  Förderung  schnell  ungeahnte
Dimensionen  an.  Von  86000  dz.  raffinierten  Oels  im  Jahre  1872
stieg  sie  1877  auf  773  000  dz.  1888  wurden  bereits  30  Millionen

1)  Eine  anschauliche  durch  Kartenskizzen  unterstützte  Schilderung  findet  man
bei  Carl  Schmidt,  Ein  Besuch  in  der  Petroleumstadt  Baku,  in  der  Geogr.  Zeitschr.  IV.
1898,  S.  320—335.
2)  A.  f.  E.  W.,  1900,  S.  429.
        <pb n="23" />
        i6

dz.  Rohöl  gewonnen,  1897  7°  Millionen  dz.,  1900  fast  100  Millionen ­
  dz.  (600  Millionen  Pud).  Für  die  letzten  Jahre  ergeben
sich  folgende  Zahlen  (das  Pud  zu  16,38  kg  gerechnet) 1 ):
Es  wurden  an  Rohöl  gefördert:  davon  entfielen  auf
insgesamt  Brunnen  Fontänen

1900:  600,7  Mill.  Pud  =  98,4  Mill.  dz.
1901:  671,2  »  —  110,0  »
1902:  636,5  »  =  104,3  »
1903:  S9 6 .5  »  =  97.7  »
1904:  614,6  »  =  100,6  »
1905:  4io,3  »  =  67,2  »

87,3  Mill.  dz.
93,9  »
88,8  »
89,0  »
94.7  »
64.8  »

11.1  Mill.  dz.
16.1  »
15,5  »
8,7  »
5,9  »
2,4  »

Wenn  demnach  ein  absoluter  Rückgang  der  russischen  Rohölproduktion ­
  im  letzten  Jahrfünft  (abgesehen  von  der  in  äusseren
Umständen  begründeten  anormalen  Produktion  des  Jahres  1905)

auch  nicht  zu  verzeichnen  ist,  so  haben  sich  die  Ziffern  relativ  doch

sehr  zu  gunsten  Amerikas  verschoben.  Während  Russland  in  den
Jahren  1898  bis  1901  bei  weitem  mehr  produzierte  als  Amerika,  ist
es  seitdem  erheblich  gegen  dieses  zurückgeblieben;  1904  war  das  Verhältnis ­
  :  Amerika  15,  Russland  10  Millionen  tons  ;  1905:  Amerika  über
17,  Russland  nur  6 3 / 4  Millionen  tons.

Auffallend  sind  auch  die  schnellen  und  intensiven  Verschiebungen ­
  unter  den  einzelnen  Bezirken.  Während  z.  B.  der  Distrikt
Balakhany  1897  ungefähr  die  Hälfte  der  ganzen  Ausbeute  lieferte,
und  zwar  allein  aus  spouting  wells,  gab  er  1902  durch  solche
überhaupt  nichts  mehr  her,  und  das  heraufgepumpte  Rohöl  stellte
in  diesem  Jahre  1 / 6 ,  1904  noch  nicht  mehr  J / 7  der  gesamten  Rohölausbeute ­
  dar.  Jetzt  liefert  Sabuntschy  das  meiste  Oel,  nächstdem
  der  mächtig  aufstrebende  neuere  Oelbezirk  Bibi-Eibat.  Also
eine  ähnliche  Verschiebung  wie  in  Amerika,  nur  dass  das  Oel
der  verschiedenen  Bezirke  hier  fast  gleichwertig  ist,  während  dort
grosse  Qualitätsdifferenzen  bestehen.  —  Zahlenmässig  stellt  sich
diese  Bewegung  folgendermassen  dar 2 ):

Balachany

Sabuntschy

Romany

Bibi-Eibat

Zahl  d.

Mill.  Pud

Za  d.

Mill.  Pud

Zahl  d.

Mill.  Pud

Zahl  d.

Mill.  Pud

Bohr.

Rohöl

Bohr.

Rohöl

Bohr.

Rohöl

Bohr.

Rohöl

1900

736

124,68

665

251,63

185

114,83

112

109,20

1901

775

117,78

780

295,25

213

124,15

143

133,61

1902

720

101,50

751

267,15

219

139,94

135

127,43

1903

693

88,65

747

230,45

221

”9,95

174

157,28

1904

73 2

82,01

792

218,12

253

133,44

222

181,09

Alte  Distrikte.

1)  Zusammengestellt  aus  den  »Nachrichten  für  Handel  und  Industrie«  und  den
Baku  Oil  Fields  Statistics.
2)  Aus  Nachrichten  für  Handel  und  Industrie.
        <pb n="24" />
        Insgesamt  stellt  sich  also  die  Rohölausbeute  für

die  alten  Distrikte
1900  auf  491  Mill.  Pud
1901  »  537  »
1902  »  5®9  *  »
1903  »  439  &amp;gt;  »
1904  »  434  ,  »

Bibi-Eibat  allein

109

Mill.  Pud  (=22&amp;gt;/4

  %)

134

»  »  (==2

  5  %)

127

»  »  (=25

  %)

157

»  »  (=35

  7*  %)

181

»  »  (=4i74

  o/ 0 )

Differieren  Russland  und  Amerika  schon  in  der  Ausdehnung
des  als  ölführend  erkannten  und  bis  jetzt  ausgebeuteten  Terrains
in  erheblichem  Masse  1 ),  so  wird  die  Verschiedenheit  noch  augenfälliger, ­
  wenn  man  die  Zahl  der  Bohrlöcher  und  ihre  Ergiebigkeit
gegeneinander  hält.
Zunächst  ist  hervorzuheben,  dass  das  kaukasische  Erdöl  unter
viel  stärkerem  Druck  steht  und  sehr  oft  in  Fontänen  mit  ungeheurer ­
  Gewalt  emporstrudelt,  während  selbstfliessende  Quellen  in
Amerika  äusserst  selten  geworden  sind.  Im  Jahre  1902  entstammte
der  siebente  Teil  der  Bakuer  Produktion  spouting  wells.  Ein
einziger  solcher  well  ergab  pro  Tag  oft  mehr  als  sämtliche  Bohrlöcher ­
  Amerikas  zusammengenommen.  Sodann  ist  die  Zahl  der
Bohrlöcher  sehr  viel  geringer,  ihre  Durchschnittsergiebigkeit  sehr
viel  grösser  als  in  Amerika,  Dort  gab  es  allein  im  appalachischen
Gebiet  1897  bereits  ca.  6000,  im  Lima-Indiana-Gebiet  ca.  5000,
insgesamt  ca.  35  000;  für  1903  wurde  die  Zahl  (Mineral  Resources,
1903;  S.  648)  auf  133500  geschätzt.  In  Russland  waren  dagegen
nach  der  offiziellen  Statistik  1901:  1710,  1902:  2039  (davon  43
spouting  wells),  1903:  1877  (davon  33  spouting  wells),  1904:
1  555  Betriebe.  Dazu  kommt,  dass  die  Bohrlöcher  im  Kaukasus ­
  im  Durchschnitt  nur  ca.  400  m  tief  sind,  während  man  in
Pennsylvanien  etc.  schon  auf  mehr  als  das  Doppelte  hinabgehen
muss.

Schon  diese  kurzen  Darlegungen  lassen  erkennen,  dass  die
Gestehungskosten  des  kaukasischen  Rohöls  viel  geringere  sind  als
die  des  amerikanischen.  Die  Zeitschrift  »Plutus« 2 )  berechnet  5
Kop.  per  Pud  für  Russland  gegen  20  Kop.  in  den  Vereinigten

1)  Allerdings  scheint  die  ganze  Umgebung  des  Kaspischen  Meeres  ölhaltig  zu
sein.  Bis  jetzt  findet  aber  —  ausser  in  der  Nähe  von  Baku  —  eine  nur  sehr  unerhebliche ­
  Oelgewinnung  auf  einigen  Feldern  des  Kaukasus  statt.  Dass  die  Zukunft ­
  reichere  Aufschlüsse  bringt,  ist  sehr  wohl  möglich.  Für  die  Gegenwart
kommt  fast  nur  die  Produktion  auf  der  Halbinsel  Apscheron  in  Betracht.
2)  Jahrgang  1905  Nr.  40,  S.  775.
Zeitschrift  für  die  ges.  Staatswissensch.  Ergänzungsheft  20.

2
        <pb n="25" />
        —  18  —

Staaten.  Eine  solche  Durchschnittsziffer  hat  zwar  nur  einen  sehr
problematischen  Wert,  und  es  lässt  sich  überhaupt  bezweifeln,
dass  die  Zahlen  richtig  sind.  Immerhin  ist  ein  grosser  Unterschied ­
  in  den  Förderkosten  zweifelsohne  vorhanden.  Dieser  wird
aber  so  ziemlich  aufgehoben  durch  die  schlechtere  Qualität  des
russischen  Erdöls  und  durch  die  jämmerlichen  Aufspeicherungsmittel ­
  und  Fabrikations-,  teilweise  auch  Absatzverhältnisse.  In
Amerika  sahen  wir  eine  hochentwickelte,  leistungsfähige  Raffinierindustrie, ­
  ein  ausgedehntes,  planvoll  angelegtes  Netz  von  Röhrenleitungen, ­
  die  das  Rohprodukt  möglichst  rasch  den  Fabriken  zur
Veredelung  zuführen  und  einen  relativ  sehr  schnellen  Kapitalumschlag ­
  bewirken.  In  Baku  wird  die  Hälfte  der  ganzen  Produktion
monatelang  in  offenen  Erdtanks  aufgespeichert,  während  ein  Umschlag ­
  der  Rohstoffzufuhr  in  2—3  Wochen  normal  wäre!  Schuld
daran  sind  wohl  zumeist  die  schlechten  Absatzeinrichtungen  und
die  beschränkte  Durchlassfähigkeit  der  transkaukasischen  Bahn.
Ueber  die  Zahl  und  die  Aufnahmefähigkeit  der  Reservoire  gibt
Wolff  (S.  22)  nach  russischen  Quellen  folgende  Tabelle:
Eisentanks  :  1758  Stück  6372  Mill.  Pud  Kapazität
Steintanks:  76  offene,  48  gedeckte,  35 1  *  * / 4  »  »  »
Erdreservoire  70  »  25  »  133*74  »  »  »
Raffiniertes  Oel  wird  nur  in  Eisentanks  aufbewahrt,  Rohöl
in  meist  offenen  Erdreservoiren,  wo  es  unter  dem  Einfluss  der
Witterung  erheblich  einbüsst 1 ).
Eine  Eigentümlichkeit  der  russischen  Petroleumindustrie  ist*
dass  sie  im  Gegensatz  zu  der  der  anderen  Länder  (ausgenommen
Deutschland)  sich  nicht  so  sehr  auf  die  Erzeugung  von  Leuchtölen ­
  als  auf  die  Fabrikation  und  Verwertung  von  Rückständen
—  »Masut«  —  legt.  Im  Jahre  1904  wurden  302,5  Millionen  Pud
Masut,  aber  nur  153,5  Millionen  Pud  Leuchtöl  hergestellt.
Am  1.  Januar  1904  betrugen  die  Vorräte  in  Baku  an
Rohöl  39  144609  Pud  =  6411  887  dz.
Leuchtöl  23135286  »  —  3789560  »
Schmieröl  346  995  »  —  56  691  »
Rückstände  57186336  »  =  9367123  »
Der  Vorrat  an  Residuen  machte  also  das  ca.  z'^fache  desjenigen ­
  an  Leuchtöl  aus.

1)  Zu  bemerken  ist  hier,  dass  ‘/s  der  Reservoire  in  den  Händen  der  sechs
grössten  Firmen  ist,  die  sich  dadurch  also  eine  Art  Monopol  —  ein  allerdings  beschränktes ­
  Fabrikationsmonopol  —  geschaffen  haben.  Ich  komme  hierauf  noch  zurück.
        <pb n="26" />
        19

Diese  Richtung  der  Produktion  beruht  auf  verschiedenen  Ursachen. ­

Erstens  und  besonders  darauf,  dass  das  russische  Erdöl  einen
relativ  recht  geringen  Prozentsatz  Leuchtöl  enthält.  Während
das  pennsylvanische  70—75,  Ohio-Oel  60—65,  das  galizische
50—65,  das  rumänische  40—6o,  das  elsässische  Rohöl  ca.  35  bis
40  %  Leuchtöl  ergibt,  beträgt  der  Leuchtölprozentsatz  des  russischen ­
  Rohöls  nur  zwischen  30  und  35.  In  Wirklichkeit  wird
aber  ein  noch  erheblich  geringerer  Teil  Leuchtöl  herausdestilliert,
nämlich  (nach  Wolff,  S.  26)  in  den  Jahren
1891  nur  27,1  0/ 0  1896  nur  22,8  °/ 0
1892  »  27,4  %  1897  »  21,3  %
1893  &amp;gt;  26,3  %  i8 9 8  *  i8 ’9  %*)
1894  »  22,2  0/ 0  1899  »  21,0  %’)
1895  »  23,3  o/o  1900  &amp;gt;  21,350/0
Hiernach  wurden  zur  Herstellung  von  1  kg  Leuchtöl
1889:  2,99  i8 99  :  3)26
1894:  4,14  1900:  3,22
1898:  4,32
kg  Rohöl  verwandt.
Zu  diesem  in  der  Natur  des  Produkts  selbst  liegenden  Grunde
gesellte  sich  von  aussen  ein  zweiter:  Baku  liegt  in  einer  auf  hunderte ­
  von  Kilometern  im  Umkreis  durchaus  Steinkohlen-  und  sogar ­
  holzarmen  Gegend.  Am  nächsten  liegen  wohl  die  Kohlenflöze ­
  des  Ural;  doch  diese  harren  noch  der  Ausbeutung,  auch
ist  noch  keine  Transportmöglichkeit  vorhanden.  Man  war  also
auf  das  flüssige  Heizmaterial  angewiesen,  das  in  schier  unermesslicher ­
  Fülle  zu  Gebote  stand.  Als  das  Masut  hielt,  was  man  sich
von  ihm  versprach,  bemächtigte  sich  seit  Anfang  der  90er  Jahre
die  auf  blühende  Industrie  seiner  immer  mehr.  Ohne  Masut  könnten
jetzt  die  transkaukasischen  Eisenbahnen  (schon  1897  wurden  36  %
aller  Lokomotiven  mit  Rückständen  geheizt)  ihren  Betrieb  nicht
aufrecht  erhalten,  müssten  die  Dampfer  der  Wolga,  des  kaspischen
und  des  schwarzen  Meeres  stillliegen,  müssten  die  grossen  Eisenwerke ­
  des  Ural  feiern.  Dass  sich  bei  der  steigenden  Nachfrage
und  den  fast  noch  stärker  steigenden  Preisen  das  Hauptinteresse
der  russischen  Petroleumindustrie  jetzt  und  wohl  für  immer  auf
die  Erzeugung  von  Masut  konzentriert,  ist  naturgemäss.  Ist  diesem ­
  doch  stets  ein  ausgedehntes  und  finanziell  zufriedenstellendes
Absatzfeld,  auch  über  das  kaspische  Meer  hinüber  und  die  Wolga
hinauf  eine  gute  Transportmöglichkeit  gewiss.  Jetzt  führt  man
*)  Infolge  Steigerung  der  Weltmarktpreise  für  Petroleum.
2*
        <pb n="27" />
        20

die  Verschlechterung  der  Leuchtölquote  künstlich  herbei,  indem
man  einfach  weniger  sorgfältig  raffiniert  (vgl.  die  obenstehende
Tabelle).  Diese  Tatsachen  sind  wichtig  für  die  Beantwortung  der
später  zur  Besprechung  kommenden  Frage,  ob  und  inwieweit  das
russische  Leuchtpetroleum  dem  amerikanischen  im  gegebenen
Augenblicke  ernsthafte  Konkurrenz  machen  könnte  und  würde.
Wie  die  Erdölindustrie  der  Vereinigten  Staaten,  so  wurde
auch  diejenige  Russlands  durch  das  Genie  eines  Mannes  in  die
Höhe  gebracht.  Aber  während  Rockefeller  Kaufmann  war,
verdankten  die  Bodenschätze  des  Kaukasus  ihre  Erschliessung  und
Verwertung  dem  schöpferischen  Geiste  eines  Ingenieurs:
Ludwig  Nobel  und  den  von  ihm  ausgehenden  technischen  Verbesserungen. ­
  Nobel  war  der  erste,  der,  veranlasst  durch  die
Holzarmut  des  Landes,  zur  Verwendung  eiserner  Emballagen,  er
war  es,  der  schon  Mitte  der  70er  Jahre  zum  Bau  eiserner  Zisternenwagen, ­
  wenig  später,  1879,  zudem  eiserner  Tankschiffe  überging; ­
  er  war  es,  der  nach  dem  Vorbilde  Amerikas  (van  Syckle)
auf  eigene  Kosten  und  eigenes  Risiko  die  erste  Röhrenleitung  von
Baku  nach  Batum  bauen  Hess.  Jetzt  bewältigen  die  pipe  lines
fast  ausschliesslich  den  Leuchtöltransport,  während  die  Bahn  beinahe ­
  nur  noch  für  die  Beförderung  von  Schmieröl  benutzt  wird
und  trotzdem  wegen  ihrer  häufigen  Verkehrsstockungen  und  ihrer
ganz  ungenügenden  Durchlassfähigkeit  ein  arges  Verkehrshindernis
für  diesen  wichtigen  Exportartikel  bildet.
In  Baku  wiederholt  sich  zwar  die  ursprüngliche  grosse  Zersplitterung ­
  der  Produktion  aus  örtlichen  Gründen  nicht  ganz  in
dem  Masse  wie  in  Amerika,  aber  auch  hier  drängte  die  ganze
Entwicklung  naturnotwendig  auf  Zentralisation  hin.  Hier  wie
dort  mussten  die  vielen  kleineren  Betriebe  wenigen  grossen  weichen. ­
  Hier  wie  dort  vollzog  sich  derselbe  schmerzhafte  Eliminierungsprozess, ­
  nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  er  hier  nicht
ganz  so  unerfreuliche  Formen  annahm  und  —  weniger  in  der
Presse  breitgetreten  wurde.  Dass  Nobel  dasselbe  tat  wie  Rockefeller, ­
  fremde  Reservoire  zu  teuren  Preisen  pachtete,  sie  füllte,
obgleich  seine  eigenen  leer  standen,  und  seine  Konkurrenten  dadurch ­
  zwang,  ihm  ihre  Ware  zu  verkaufen,  weil  sie  sie  sonst  überhaupt ­
  nicht  unterbringen  konnten;  dass  Rothschild  ebenso  wie
die  Standardleute  den  Transport  an  sich  riss,  monatelang  Hunderte ­
  von  Zisternenwagen  unter  Bezahlung  horrender  Standgelder
auf  den  Geleisen  stehen  Hess,  nur  um  anderen  Firmen  Verladungen
        <pb n="28" />
        21

unmöglich  zu  machen,  kam  wenig  über  einen  engen  Kreis  hinaus.
Als  Pendant  zum  Trust  sei  aber  darauf  hingewiesen.
Aber  während  sich  aus  dem  Chaos  der  amerikanischen  Erdölindustrie ­
  das  wunderbar  feste  Gebilde  einer  überragenden
Unternehmung  zusammenballte,  entstanden  im  Bakuer  Oelbezirk
mehrere  Grossfirmen,  von  denen  jedoch  wiederum  zwei  die
weitaus  bedeutendsten  sind:  die  Naphthaproduktionsgesellschaft
Gebr.  Nobel  in  St.  Petersburg  und  die  Kaspi-Schwarzmeergesellschaft,
  hinter  der  die  Pariser  Rothschilds  stehen.  Als  drittgrösste
unter  den  ca.  170  bestehenden  Firmen  wären  Mantaschew  &amp;amp;  Co.
zu  nennen.  Ueber  das  ungefähre  Grössenverhältnis  der  namhafteren ­
  Firmen  zu  einander  gibt  die  folgende  dem  (russischen)  Berichte ­
  der  Bakuindustriellen  (S.  462  f.)  entnommene  Tabelle  (siehe
S.  22)  Auskunft,  die  die  Ausfuhr  aus  Batum  im  Jahrei903  spezifiziert.
Die  Tabelle  gewährt  insofern  kein  richtiges  Bild,  als  der  Export
über  Novorossisk  und  über  das  Kaspische  Meer  garnicht  berücksichtigt ­
  ist;  und  als  deshalb  z.  B.  eine  so  bedeutende  Firma  wie
Tagieff  fehlt.  Sie  ist  aber  übersichtlich  und  lässt,  worauf  es  hier
besonders  ankommt,  das  Uebergewicht  der  drei  grossen  auch
sonst  meist  Hand  in  Hand  gehenden  Firmen  deutlich  erkennen,
die  zusammen  ziemlich  genau  2 / 3  der  Ausfuhr  in  Händen  haben.
Für  die  Leuchtölausfuhr  nach  Russland  selbst  kommt  in  erster
Linie  die  Nobelsche  Gesellschaft  in  Frage,  die  lange  Zeit  in
Russland  das  unbestrittene  Monopol  hatte.
Ueber  die  Anlage  fremden  Kapitals  in  russischen  Petroleumunternehmungen ­
  ist  Sicheres  nicht  zu  erfahren.  Die  Tabelle,  die
Mertens  (S.  427)  gibt,  ist.  sicher  ganz  falsch,  zum  mindesten  aber
sehr  unvollständig.  Die  enorme  Summe  von  155  Millionen  Rubel,
mit  der  englisches  Kapital  beteiligt  sein  soll,  ist  bestimmt  nicht
richtig.  Dass  das  Ausland  an  der  Spitze  steht,  ist  sicher,  doch
ist  der  Schwerpunkt  durch  Rothschilds  Gründungen  (die  Vertriebsgesellschaften ­
  »Kaspi-Schwarzmeergesellschaft«  und  »Masut«)  sowie ­
  duich  seinen  enormen  Besitz  an  ölführenden  lerrains  nach
Frankreich  gerückt  worden.  Auch  sind  andere  französische  sowie ­
  belgische  Kapitalisten  an  kaukasischen  Erdölunternehmungen
mit  grossen  Summen  beteiligt.  Der  Standard  Oil  Trust,  der  in
den  letzten  Jahren  in  Baku  festen  Fuss  fasste,  soll  gleichfalls
wesentliche  Fortschritte  gemacht  haben.
Die  Uebersicht  wird  besonders  durch  den  Umstand  erschwert,
dass  die  Firmen  so  oft  ihren  Namen  ändern.  Noch  häufig  ent-
        <pb n="29" />
        Ausfuhr  aus  Batum  1903,  nach  den  Firmen  geordnet,  in  Pud.

Firma

Kerosin

Destillate

Solaröl

Gasolin

Total  lam-Schmieröl



Uebrige  Produkte

Total

Prozent ­
 ­


etc.

panes  Oel

Residuen  j

Rohöl

J

Kaspi-Schwarzmeer-Gesellschaft

13  274  468

1  789532

192955

76518

17  070  077

1  658550

459  516

—

19  188  143

27,842

2

Gebr.  Nobel

9549080

1  880  612

115438

—

12  584  075

3  801  427

94  53i

—

16  480  033

23,913

3

A.  Mantaschew  &amp;amp;  Co.

8  682  481

747  720

incl.Gasöl

z

9  430  201

978727

_

_

10  408  928

15,104

4

Kaspische  Gesellschaft

3  336  49‘

776  175

—

—

4  112  666

—

—

—

4112  666

5,968

5

Siderides

3  381  829

—

—

3  381  829

—

—

3  381  829

4,907

6

Gesellschaft  zur  Erwerbung  von
russischem  Petroleum  u.  Masut

2  544283

691517

_

3  235  800

570582

_

3  806  382

5,523

7

J.  Tumajew  &amp;amp;  Co.

794  327

328  946

1  374  091

—

2  497  364

—

—

—

2  497  364

3,624

8

Schibajew  &amp;amp;  Co.

922  686

—

—

—

922  686

1  054  397

—

625

1  977  70S

2,870

9

Lianosow  &amp;amp;  Co.

—

—

1  201  834

—

1  201  834

463  648

—

—

1  665  482

2,416

10

Gehlig,  .Wachenheim  &amp;amp;  Co.

814140

—

—

814  140

193  410

—

—

1  007  550

1,462

11

Wagstaf  &amp;amp;  Blei

540751

—

—

540  751

446  711

6  464

—

993  926

1,442

12

Chaschatarujanz

785921

—

—

—

785  921

9  630

—

—

795  551

1,154

13

Russisch-Kaukasische  P.-G.

137

—

—

—

137

650  738

—

—

650  875

0,944

J.  Risky  Erben

631304

—

—

—

631  304

—

—

—

631  304

0,917

15

Burkhardt

584  736

—

—

—

584  736

27  108

—

—

611  844

0,887

16

Mallar

38

—

100

—

138

226  849

27  416

—

254  403

0,369

17

Aramian

398

250

250

—

898

138  311

2  687

—

141  896

0,206

18

Schutz  &amp;amp;  Zimmermann

135

—

1875

—

2  010

113  501

i5  74i

2  312

133  564

0,194

19

Schchianz

63

—

—

—

63

112  388

438

—

112  889

0,164

20

Schabanian

—

—

—

—

—

59  326

4  812

—

64  138

0,093

21

Nanonian

—

—

1  —

—

—

I  000

—

—

I  000

0,001

45  843  268

5  523  235

6  353609

76518

57  79663°

10  506  303  |  611  605

2  937

68917475

|  100
        <pb n="30" />
        23

stehen  neue  Unternehmungen,  alte  gehen  ein  oder  werden  verschmolzen. ­
  Die  russische  Statistik  versagt  in  diesem  Punkte  völlig,
und  so  ist  das  Resultat,  dass  über  die  Verteilung  der  hier  investierten ­
  Milliardenwerte  nur  wenige  unmittelbar  Beteiligte  genauere
Kenntnis  haben.  Man  ist  hier  lediglich  auf  Zeitungsnotizen  angewiesen. ­

An  Kartellierungsversuchen  hat  es  in  der  russischen  Petroleumindustrie ­
  nicht  gefehlt.  Schon  1886  kam  unter  Führung  Nobels
das  erste  Syndikat  zu  stände.  Es  zerfiel  einige  Jahre  später  mit
dem  Tode  Ludwig  Nobels.  1893  gelang  es  dann  dem  schnell
mächtig  gewordenen  und  durch  keinen  ebenbürtigen  Gegner  mehr
gehinderten  Rothschild,  ein  zweites  Syndikat  zu  gründen,  in  dem
er  —  wenigstens  für  den  Export  —  ausschlaggebend  war.  Auch
dieses  Syndikat  bestand  nur  einige  Jahre.  1895  wurde  ein  Fabrikkartell
  ins  Leben  gerufen,  das  aber  1899  wegen  Anziehens  der
Weltmarktpreise  von  den  sich  benachteiligt  glaubenden  kleineren
Fabriken  wieder  aufgelöst  wurde.
1904  kam  nach  langen  Bemühungen  ein  neues  Exportsyndikat ­
  unter  der  Führung  von  Mantaschew  zu  stände.  Es  ist  aber
weniger  von  Bedeutung,  weil  Nobel  und  Rothschild  ausserhalb
desselben  blieben  —  letzterer,  weil  er  seine  Sonderinteressen  nicht
aufgeben  wollte,  ersterer,  weil  er  schon  1899  in  ein  festes  Vertragsverhältnis ­
  zum  Standard  Oil  Trust  getreten  war  (zu  dem
höchst  wahrscheinlich  auch  Rotschild  schon  in  engeren  Beziehungen ­
  stand).  Dieses  Verhältnis  wurde  allerdings  Mitte  1905
wieder  gelöst.
Die  Voraussage,  die  man  der  russischen  Erdölindustrie  stellen
kann,  ist  keine  allzu  gute.  Wegen  der  übermächtigen  Konkurrenz
der  Amerikaner  wäre  eine  das  ganze  kaukasische  Oelgebiet  umfassende ­
  Fabrikations-  und  Absatzorganisation  ohne  Zweifel  die
beste  Lösung  der  heiklen  Frage.  Ein  solches  Monopol  ist  aber
kaum  mehr  möglich.  Mangel  an  Unternehmungsgeist,  Energie
und  Kapital  haben  den  Russen  nicht  wieder  zu  heilende  Wunden
geschlagen.
1.  Ein  Produktionsmonopol  ist  nicht  möglich,  weil  die  guten
bekannten  Oelterrains  alle  in  festen  Fländen  sind  und  z.  T.  Firmen
gehören,  deren  widerstreitende  Interessen  (Uebermacht  Rothschilds)
sich  nicht  unter  einen  Hut  bringen  lassen.
2.  Ein  Transportmonopol  im  Oelgebiet  selbst  und  infolgedessen ­
  ein  Absatzmonopol  ist  nicht  möglich,  da  die  Bahnen  im
        <pb n="31" />
        24

Besitz  der  Regierung  sind  und  auch  ein  grosser  Teil  wichtiger
Röhrenleitungen  in  Staatsverwaltung  steht.  Rothschilds  früheres
Transportmonopol  ist  durch  die  Regierung  gebrochen.  Dagegen
ist  die  Verfrachtung  der  Naphthaprodukte  die  Wolga  hinauf  (Hauptumschlagshafen ­
  Zaritzyn)  allerdings  monopolisiert  und  zwar  durch
Nobel.
3.  Da  kein  Absatzmonopol  errichtet  werden  kann,  entfallen
die  Gründe  zur  Schaffung  eines  Fabrikationsmonopols,  das  übrigens
wegen  der  grossen  Zahl  selbständiger  Fabriken  (allein  52  Grossbetriebe, ­
  die  87  %  des  Rohöls  raffinieren)  auch  nur  unter  den
grössten  Schwierigkeiten  zustande  gebracht  und  aufrecht  erhalten
werden  könnte.
Zu  allen  diesen  Gründen  kommt  noch  der  hinzu,  dass  die
Amerikaner  durch  Geheimverträge,  durch  Paktieren  und  Liebäugeln
mit  einzelnen  Gesellschaften,  auch  durch  eigenes  Kapital  (American ­
  Baku  Consolidated  Co.)  es  verstanden  haben,  einen  festen
Keil  in  den  Konzentrationsprozess  hineinzutreiben.
Die  jetzige  Gestaltung  der  Dinge  kann  man  allerdings  noch
keinesfalls  als  endgültig  ansehen,  und  grössere  Zusammenschlüsse
der  Beteiligten  werden,  wenn  auch  unter  harten  Kämpfen  und
grossen  Opfern,  eintreten  müssen.  Den  Weg,  den  diese  Entwicklung ­
  nehmen  wird,  wird  man  aber  jetzt  noch  kaum  vorzeichnen
können.  Die  jetzigen  Verhältnisse  sind  jedenfalls  auf  die  Dauer
unhaltbar,  das  zeigen  deutlich  die  trotz  der  im  allgemeinen  nicht
gesunkenen,  sondern  eher  gestiegenen  Rohölproduktion  und  trotz
des  sich  immer  mehr  erweiternden  Absatzfeldes  für  die  früher
fast  garnicht  verwertbaren  Rückstände  nicht  günstig,  oft  direkt
schlecht  ausgefallenen  Abschlüsse  der  verschiedenen  Gesellschaften.
So  verteilte  die  grösste  russische  Petroleumfirma,  die  in  Rothschilds ­
  Besitz  befindliche  Kaspi-Schwarzmeer-Gesellschaft,  1901
und  1902  gar  keine,  1903  nur  5  %  Dividende.
Die  Naphthaproduktionsgesellschaft  Gebr.  Nobel,  die  hier,
weil  auch  für  den  deutschen  Markt  in  Betracht  kommend,  etwas
ausführlicher  besprochen  wird,  schüttete  an  Dividenden  in  den
Jahren  1899—1905:  18,  20,  15,  10,  12,  10,  12%  aus.  Gegründet ­
  wurde  sie  1879  mit  3  Millionen  Rubel  Kapital,  das  1880
um  i,  1881  um  2,  1882  um  4  und  1883  um  5  Millionen  Rubel
auf  nunmehr  15  Millionen  Rubel  erhöht  wurde.  Mit  der  zur  Vergrösserung
  des  Betriebes  im  Jahre  1905  aufgenommenen  Hypothek
von  Mk.  32400000  hat  sie  rund  52  Millionen  Mark  Obligationen ­
        <pb n="32" />
        25

schulden!  Von  der  Gesamtrohölproduktion  entfällt  auf  sie  nur
ca.  1 /io )  an  der  Gesamtleuchtölproduktion  dürfte  ihr  Anteil  gut
*/ 4  ausmachen.  Von  ihrer  Leuchtölproduktion  exportierte  sie  im
Jahre  1904:  16  Millionen  Pud,  verkaufte  im  Inlande  24  Millionen
Pud  und  an  Masut  97  Millionen  Pud.  1884  gründete  sie  zur  Organisation ­
  ihres  Exports  nach  Deutschland  die  Deutsch-Russische
Naphtha-Import-Gesellschaft,  von  der  1905  Mk.  2333000  Aktien
in  ihrem  Besitz  waren.
Der  bei  weitem  grösste  Teil  der  Naphthawaren,  im  Durchschnitt ­
  zwischen  75  und  80  %,  verlässt  Baku  auf  dem  Wasserwege
und  wird  durch  Tankdampfer  über  das  Kaspische  Meer  befördert.
Auch  Tankbarken  verkehren  dort,  nahmen  aber  1900  nur  5,24%
mit,  während  auf  die  Tankdampfer  (1./1.  1901  :  126  an  Zahl)  94,76  %
entfielen.  Im  ganzen  wurden  1895  —  1900  (nach  Wolff,  S.  42)
aus  Baku  ausgeführt:

über  den  Kaspi-See

mit  der  Bahn

Mill.  Pud

Mill.  Pud

1895

216,1  =  76,00  o/ 0

68,2  =  24,00  °/ 0

1896

244,8  =  79,77  %

62,0  —  20,20  °/ 0

1897

266,6  =  77,03  %

79,3  =  22,90  o/ 0

1898

309,3  =  78,70  o /o

83,5  —  21,25  %

1899

301,7  =  78,26  o/ 0

83,6  =  21,69  %

1900

352,9  =  79,64  %

88,8  =  20,04  o/ 0

Der  unerhebliche  Rest  verliess  Baku  per  Achse.  Diese  Zahlen
stellen  die  Gesamtausfuhr  von  Naphthawaren  dar.  Speziell  von
der  Leuchtölausfuhr  ist  zu  bemerken,  dass  fast  3 / 5  über  Batum
ins  Ausland  gehen,  während  nur  etwa  2 / B  in  Russland  selbst  verbraucht ­
  werden.  Bei  der  gewaltigen  Grösse  des  russischen  Reiches
ist  dies  auffallend,  erklärt  sich  aber  daraus,  dass  Petroleum  in
Russland  mit  einer  ausserordentlich  hohen  Verbrauchssteuer 1 )  belegt ­
  ist.  Dadurch  wird  es  für  viele,  besonders  bäuerliche  Haushaltungen ­
  zu  teuer.  Im  Durchschnitt  werden  pro  Kopf  der  Bevölkerung ­
  nur  etwas  über  5  kg  pro  Jahr  verbraucht,  gegenüber
dem  ungefähr  3 1 ) 2  fachen  in  Deutschland.  M.  a.  W.:  steigt  der
Eigenverbrauch  des  russischen  Volkes,  was  sehr  leicht  möglich
und  über  kurz  oder  lang  zu  erwarten  ist,  um  das  Doppelte,  so
kann  Russland,  wenn  nicht  noch  neue  ergiebige  Oelfelder  erschlossen ­
  werden,  was  allerdings  wohl  anzunehmen  ist,  überhaupt
kein  Petroleum  mehr  exportieren!
Die  Absatzverhältnisse  des  russischen  Leuchtöles  haben  sich

1)  Im  Gegensatz  dazu  ist  Masut  steuerfrei.
        <pb n="33" />
        26

1)  Zusammengestellt  aus  den  Nachrichten  für  Handel  und  Industrie.

im  Laufe  der  Jahre  in  bemerkenswerter  Weise  verschoben.  Der
grosse  Einfluss,  den  der  Ausbau  der  Transport-  und  Absatzeinrichtungen ­
  für  den  asiatischen  Markt  hatte,  ist  deutlich  zu  erkennen. ­
  (Nach  Mertens,  (S.  453)  betrug  die  Leuchtölausfuhr  (in
1000  Pud)
1889  nach  Europa  24  202  =  73,2  °/ 0  nach  Asien  nur  8  839  =  26,8  °/ 0
1893  *  »  26854  =  55,80/0  »  »  »  21  283  =  44,2  o/ 0  dagegen
1897»  &amp;gt;  23624  =  48,30/0  »  »  25220=51,70/0
In  den  folgenden  Jahren  ging  die  Ausfuhr  nach  aussereuropäischen
Ländern  infolge  der  Konkurrenz  des  Standard  Oil  Trust  und
der  asiatischen  Petroleumfelder  (Hinterindien,  Japan  etc.)  wieder
entschieden  zurück.  Die  vom  Verein  der  russischen  Naphthaindustriellen ­
  herausgegebene  Statistik  gibt  folgende  Zahlen  für  die
Leuchtölausfuhr  aus  Batum  und  Novorossisk:

Gesamtausfuhr  aller  Penach
  Europa  nach  Asien  und  Afrika  troleumprodukte;
Wert  in  1000  Rubel

1900  33  876  798  Pud  (=53,500/0)  29  443  691.  (=46,50  0/ 0 )  45  9°4
190136910803  »  (=49,640/0)  37  447  563  (=S 0 .36  %)  5 2  28 9
190244684710  »  (=62,410/0)  26  919  018  (=  37,59  0/0)  42077
1903  56  193  757  »  (=  69,69  0/ 0 )  24  443  223  (=  30,31  O/o)

Nach  Ländern  geordnet,  verteilt  sich  die  Ausfuhr  des  Bakuer

Distrikts  nach  einigen  europäischen  Ländern  wie  folgt x ):
Es  gingen  nach
1902  1904  1905

England  21  413  000  Pud
Frankreich  8  231  000  »
Deutschland  5  762  000  »

20  504  000  Pud
11  763  000  »
2  704  000  »

13  022  000  Pud
4  532  000  »
2815  000  »

Ein  grosser  Nachteil,  unter  dem  die  russische  Erdölindustrie  zu
leiden  hat,  ist  die  Unzuverlässigkeit  des  Menschenmaterials,  auf
das  sie  angewiesen  ist,  und  die  Unsicherheit  der  Zustände,  unter
denen  sie  arbeitet.  Streiks  sind  an  der  Tagesordnung  und  verursachen ­
  oft  enormen  Schaden.  So  berechnet  man  die  durch

Arbeitseinstellungen  allein  im  Dezember  1904  verursachte  Minderausbeute ­
  auf  23  Millionen  Pud.  Die  Streiks  setzten  sich  in  der
ganzen  ersten  Hälfte  1905  fort,  sodass  die  Förderung  bis  Juni  um
weitere  35  Millionen  Pud  hinter  dem  unter  normalen  Verhältnissen
zu  erwartenden  Ertrag  zurückgeblieben  war.
In  den  Herbst  eben  dieses  Jahres  fallen  dann  die  tartarischarmenischen
  Unruhen,  die  einen  grossen  Teil  der  Bohranlagen
und  der  Reservoire  vernichteten.  Diese  Schäden  waren  so  gross,
dass  im  Auslande  abgeschlossene  Kontrakte  zu  einem  grossen
        <pb n="34" />
        2  7

Teile  nicht  erfüllt  werden  konnten.  Ja  sogar  die  Versorgung  der
Bahnen  und  der  inländischen  Industrie  mit  Masut  begegnete  den
grössten  Schwierigkeiten.  Man  musste  sogar  auf  die  Einfuhr
fremden,  galizischen  Rohöles  bedacht  sein.  Aus  diesem  Grunde
wurde  im  Dezember  1905  vom  Ministerrate  die  zeitweise  Aufhebung ­
  des  Rohölzolles  beschlossen  x ).
Zur  Unterstützung  der  schwergetroffenen  Industrie  bewilligte
die  Regierung  im  November  1905  den  geschädigten  Firmen  einen
mit  5  %  zu  verzinsenden  Vorschuss  von  20  Millionen  Rubeln  auf
10  Jahre,  der  nach  der  Höhe  der  erlittenen  Schäden  unter  sie
verteilt  werden  sollte.  Diese  Massnahme  ist  durchaus  anzuerkennen ­
  und  trug  auch  sehr  zur  Kräftigung  der  Verhältnisse  bei,
doch  werden  die  Folgen  der  Revolten  sich  noch  jahrelang  in  der
Handelsbilanz  Russlands  unliebsam  fühlbar  machen.

c)  Galizien.

Das  galizische  Oelgebiet  ist  eins  der  grössten  der  Erde,  denn
es  umfasst  nach  vorsichtigen  Schätzungen  nicht  weniger  als  15  bis
20  000  qkm.  Allerdings  ist  erst  der  kleinste  Teil  aufgeschlossen,
so  besonders  die  Bezirke  Drohobycz,  Boryslaw,  Schodnica  und
Jaslo,  daneben  die  Bukowina.  Die  in  anderen  Gegenden  erbohrten
Quellen  scheinen  nicht  ergiebig  genug  zu  sein.
Dem  Alter  nach  geht  die  galizische  Erdöl-Gewinnung  und
-Verwertung  ihren  Konkurrenten  weit  voran.  Schon  1836  machte
man  den  Versuch,  die  Strassen  von  Prag  mit  destilliertem  Petroleum ­
  zu  beleuchten.  Allein  die  Raffination  war  noch  ungenügend,
sodass  das  PIxperiment  bald  als  zu  gefährlich  verboten  und  wieder
aufgegeben  werden  musste.
1)  Nach  »Petroleum«,  1906,  Nr.  20,  S.  717  stellt  sich  die  Totalausfuhr  aus
Baku  in  den  beiden  letzten  Jahren  wie  folgt:

1904
Raff.  Petroleum  (in  Dampfern  lose)  32  617  167  Pud
*  *  *  (in  Barrels)  4  665  »
»  _  *  (in  Kisten)  12370629  »
Schmieröl  (in  Dampfern  lose)  9023540  »
Residuen  (»  »  »  )  1  099  324  »
Destillate  u.  Rohöl  (in  Dampfern  lose)  7  356  892  »
Nach  Nr.  95  der  N.  f.  H.  u.  J.,  Jahrgang  1906,  wurden  aus
führt  an  Petroleumprodukten:

&amp;gt;9°5
22  764  734  Pud
3  522  »
3  193  026  »
7  195  347  »
309  627  »
2230693  »
Russland  ausge-I

 9°4  :  492,1  Mill.  Pud
1905:  nur  375,2  «  »
Die  Ausfuhr  von  Leucht  öl  aus  Baku  ging  nach  derselben  Quelle
von  61,5  Mill.  Pud  im  Jahre  1904
auf  27,6  »  ,  »  »  1905  zurück!
        <pb n="35" />
        28

Mehr  als  zwei  Jahrzehnte  hindurch  verharrte  dann  die  Produktion ­
  in  völliger  Stagnation  und  erhielt  einen  neuen  Anstoss
erst  wieder  durch  die  amerikanischen  Oelfunde  von  1859  ab.
Als  es  dann  auch  gelang,  die  Raffinationsmethoden  etwas  zu
verbessern,  hob  sie  sich  zwar  stetig,  aber  infolge  ungünstiger
zollgesetzlicher,  Transport-  und  Absatzverhältnisse  überaus  langsam ­
  :  von
219000  dz.  i.  J.  1873  auf
510  000  »  »  »  1883  und
1  600  000  »  »  »  1893.
Dann  langsam  weiter  steigend,  betrug  sie

1895  —  2  148  000  dz.
1896  —  3  397  650  »
1897  —  3  096  263  »
1898  —  3  231  420  »
1899  —  3216810  »
1900  —  3  253  340  »

1901  —  4522000  dz. 1 )
1902  —  5760000  »
1903  —  7  133  300  »
1904  —  8  271  167  »
1905  —  8  017  964  »

Von  der  Gesamtproduktion  entfielen  1904  auf  Boryslaw  allein ­
  66%,  1905  über  68  %,  während  die  Produktion  von  Schodnica
  von  1  079  700  dz.  im  Jahre  1903  auf  726273  dz.  (=  8 3 / 4  %
der  Gesamtproduktion)  im  Jahre  1904  und  602018  (=  7 1 / 2 %  der
Gesamtproduktion)  im  Jahre  1905  zurückging.
Von  Anfang  an  stand  die  junge  Industrie  unter  einem  ungünstigen ­
  Stern.  Vor  allem  waren  schon  die  Gestehungskosten
an  sich  hoch.  Die  Bohrlöcher  hatten  eine  Tiefe  von  900—1100  m
und  vergalten  das  aufgewendete  Kapital  nicht  durch  eine  entsprechende ­
  Ergiebigkeit:  in  die  Produktion  teilen  sich  342  Unternehmungen, ­
  die  über  400  Bohrlöcher  im  Betriebe  unterhielten 2 ).
Sodann  wirkten  eine  falsche  Zollpolitik  der  Regierung,  die  den
Absatz  nach  dem  Auslande  erschwerte,  ohne  das  Inlandsgeschäft
zu  kräftigen,  die  übergrosse  Anzahl  neu  entstandener  Fabriken
und  die  weichende  Tendenz  der  Preise  (Rohöl  kostete  1873
fl.  11.—  per  100  kg.  loco  Grube,  1893  nur  noch  fl.  3,12;  in  den
letzten  Jahren  ist  infolge  der  Kartellierung  die  Notierung  um
mehrere  fl.  höher)  ungünstig  ein.  Schon  1888  hatte  sich  die  Lage
so  bedenklich  gestaltet,  dass  viele  Raffinerien  sich  in  diesem  und
dem  folgenden  Jahre  zur  Einstellung  des  Betriebes  gezwungen
sahen.  Der  Rest  musste  einen  modus  vivendi  suchen  und
fand  ihn,  wenigstens  vorläufig,  nach  grossen  Schwierigkeiten  den
1.  Mai  1893  durch  Gründung  des  »Verbandes  der  österreichisch1) ­

  Nach  »Nachrichten  für  Handel  und  Industrie«,  1905  Nr.  34  vom  27.  März.
2)  Zeitschrift  »Petroleum«,  1906,  Bd,  19,  S.  698.
        <pb n="36" />
        29

ungarischen  Raffinerien«,  dem  fast  sämtliche  Unternehmer  beitraten. ­
  Zunächst  auf  zwei  Jahre  geschlossen,  wurde  er  auf  mehrere
Jahre  verlängert.
Da  er  jedoch  auf  die  Dauer  den  Erwartungen  nicht  entsprach
und  immer  mehr  Outsiders  auftraten,  wurde  er  1897  aufgehoben.
Jahrelang  herrschte  dann  völlige  Anarchie  mit  ihren  ruinösen
Folgen,  bis  sich  aus  dem  Wirrwarr  im  Juli  1902  das  »Exportverkaufsbureau ­
  österreichischer  Petroleum-Raffinerien«  heraushob,
dem  folgende  fünf  grösseren  Firmen  angehörten:
Galizische  Karpathen-Petroleum-A.-G.,  Maryampole  (16  Millionen ­
  Kronen).
Schodnica,  A.-G.  für  Petroleumindustrie,  Dzieditz  (10  Millionen ­
  Kronen).
Mineralölraffinerie  David  Fanto  &amp;amp;  Co.,  Pardubitz.
Ostrauer  Mineralölraffinerie  Max  Böhm  &amp;amp;  Co.,  Mähr.-Ostrau.
Gartenberg  &amp;amp;  Schreier,  Jaslo.
Einen  grossen  Fortschritt  zeitigte  dieser  Zusammenschluss
insofern,  als  die  grössten  Qualitätsdifferenzen  jetzt  endlich  beseitigt ­
  wurden  und  an  ihre  Stelle  die  »Garantie  absolut  gleichmässiger
  Qualität«  trat,  die  in  Wirklichkeit  allerdings  noch  immer
nicht  erreicht  ist.  An  Kurzlebigkeit  war  die  neue  Organisation
jedoch  eine  würdige  Nachfolgerin  der  ersten  Konzentrationsbestrebungen. ­
  Schon  nach  zweijährigem  Bestehen  wurde  auch  sie
aufgelöst,  bez.  umgewandelt  in  die  »A.-G.  für  österreichische
und  ungarische  Mineralölprodukte«.  Sie  hat  sich  zur  Aufgabe
gestellt,  die  von  den  sog.  Exportraffinerien  (d.  h.  Raffinerien,  die
zwecks  besserer  Ausnutzung  ihrer  grossen  Anlagen  ausser  für
den  Inlandsbedarf  auch  für  Export  arbeiten)  produzierte  Raffinade
im  Auslande  abzusetzen.  In  Deutschland  besitzt  sie  ungefähr  ein
Dutzend  kleiner  Tankanlagen.
Die  dem  Kartell  angehörenden  Raffinerien  beziehen  das  von
ihnen  für  Exportzwecke  verwendete  Petroleum  zu  Vorzugspreisen
nebst  anderen  Vergünstigungen  (ca.  19%  der  Raffinade  werden
ihnen  für  den  Verkauf  im  Inlande  gelassen)  von  der  »Petrolea«.
Diese  ist  eine  Genossenschaft,  die  unter  Mitwirkung  der  österreichischen ­
  Kreditanstalt  1903  (mit  2  Millionen  Kronen)  von  den
Produzenten-Raffinerien  als  Kommissionär  und  Magazineur  der  mit
ihnen  liierten  Produzenten  gegründet  wurde  und  die  Regelung  des
Rohölverkehrs  bezweckte.  Infolge  zu  hoher  Vorschüsse  und  zu
niedriger  Einlagerungsgebühren  sammelten  sich  bei  ihr  rasch  so
        <pb n="37" />
        30

enorme  Vorräte  an  (40000  Zisternen  =  ca.  2  s / 4  Millionen  Fass
Rohöl)  dass  die  vorhandenen  Lagerräume  kaum  mehr  genügten.
Dadurch  wurde  der  Bestand  der  »Petrolea«  und  auch  der  des
Exportkartells  bereits  Ende  1904  so  gefährdet,  dass  ihre  Auflösung ­
  und  damit  die  Wiederkehr  der  alten  anarchischen  Zustände
zu  befürchten  war.  Unter  dem  Drange  der  Verhältnisse  liess  die
»Petrolea«  eine  Reduktion  des  Vorschusses  von  2  */ 2  auf  2  kr  per
100  kg  Rohöl  eintreten  und  setzte  gleichzeitig  die  Einlagerungsgebühr ­
  herauf.  Diese  Massregel  erfolgte  aber  zu  spät  und  war
daher  wirkungslos.  Ueberdies  erbitterte  sie  die  ohnehin  schon
durch  die  einseitige  Begünstigung,  die  die  »Petrolea«  den  Exportraffinerien ­
  zu  teil  werden  liess,  erregten  Reinproduzenten  nur  noch
mehr.  Infolge  vergrösserten  Absatzes  hat  sich  die  Situation  für
die  »Petrolea«  wohl  zeitweilig  etwas  gebessert,  doch  ist  sie  noch
immer  kritisch.  Das  Kartell  läuft  am  I.  Mai  1907  ab.  Aller
Wahrscheinlichkeit  nach  wird  es  nicht,  wenigstens  in  seiner  jetzigen
Form,  erneuert  werden.  Im  Frühjahr  1906  stand  die  Auflösung
infolge  gegenseitiger  Reibungen  der  Mitglieder  wieder  einmal  zu  befürchten, ­
  doch  gelang  es,  noch  einmal  den  Sturm  zu  beschwichtigen.
Als  eine  seit  ca.  25  Jahren  bestehende  freie  Vereinigung
sämtlicher  Interessenten  der  galizischen  Petroleumindustrie  ist
der  »Landes-Naphtha-Verein«  zu  nennen.  Er  befasst  sich  mit  allen
einschlägigen  Fragen  theoretisch,  vertritt  die  Gesamtindustrie  der
Regierung  gegenüber  und  hat  auch  verschiedene  seiner  Forderungen ­
  mit  Geschick  durchzudrücken  verstanden.  Im  allgemeinen
steht  auch  er  mehr  auf  der  Seite  der  Raffinerien.
Eine  Vereinigung  der  Reinproduzenten  besteht  noch  nicht.
Ueber  das  ganze  Petroleumgebiet  zerstreut,  unter  sich  uneinig,
waren  sie  eine  leichte  Beute  der  weniger  zahlreichen  und  sich
zusammenschliessenden  Raffinerien,  die  ihre  Uebermacht  nach
Kräften  dazu  benutzten,  Vorteile  für  sich  herauszuschlagen.  Doch
sind  jetzt  Bestrebungen  im  Gange,  eine  Organisation  von  ausschliesslich ­
  Reinproduzenten  zu  gründen.  Der  Anfang  hierzu  ist
gemacht  durch  die  Gründung  der  »Naphtabank«  in  Drohobycz.
Wünschenswert  wäre  im  Interesse  der  Produzenten  und  auch  wohl
der  ganzen  Industrie,  dass  eine  Vereinigung  ersterer  bald  zustande
käme.  In  dem  jetzigen  Zustande  sind  die  Verhältnisse  unhaltbar.
Also  auch  in  Galizien  finden  wir  die  Zentralisationsbestrebungen, ­
  deren  Notwendigkeit  und  gute  Folgen  uns  schon  bei  der
Betrachtung  der  amerikanischen  Erdölindustrie  entgegentraten.
        <pb n="38" />
        3i

Aber  während  Amerika  den  kritischen  Punkt  schon  vor  Jahrzehnten ­
  überwunden  hat,  befindet  sich  Galizien  noch  in  den  Geburtswehen. ­
  Das  neue  Kartell  (A.-G.  f.  ö.  u.  u.  M.  P.)  kann  man
ebensowenig  als  dauernde  und  genügende  Zusammenfassung  der
widerstrebenden  Interessen  ansehen  wie  die  früheren.  Es  besteht
zwar  noch,  ein  längeres  Fortwursteln  ist  aber  ausgeschlossen.
Immerhin  haben  die  Zusammenschlüsse  wenigstens  den  Erfolg
gehabt,  dass  die  verlustbringenden  Preise  während  der  Zeit  ihres
Bestehens  einigen  Gewinn  lassenden  Preisen  Platz  machten  —  ein
Zeichen  dafür,  dass  die  ganze  Bewegung  an  sich  gesund  ist.  Man
kann  den  Galiziern  nur  den  Rat  geben,  dass  sie  auf  diesem  Wege
fortschreiten:  ernstliche  Schritte  werden  durch  erhöhte  Produktion
und  durch  die  Konsolidation  aller  Verhältnisse  belohnt  werden.
Die  zerfahrene  Lage  der  galizischen  Petroleumindustrie  machte
den  Amerikanern  ein  Eindringen  leicht.  Ihre  Interessen  vertritt
in  Oesterreich  die  Vacuum  Oil  Co.  in  Dzieditz.  Zurzeit  lässt
sie  zwei  grosse  Raffinerien  bauen  und  hat  es  erreicht,  dass
die  Galizier,  dadurch  beunruhigt,  sich  einer  Verständigung  mit
ihr  geneigt  zeigen.  Das  Abkommen  ist  1905  gültig  geworden
und  dadurch  die  galizische  Industrie,  noch  ehe  sie  Rockefeller
gefährlich  werden  konnte,  lahm  gelegt,  um  nicht  zu  sagen:  ihm
befreundet.  Nach  Zeitungsberichten  darf  die  Vacuum  Oil  Co.
allerdings  nicht  nach  Deutschland  exportieren,  doch  war  dies
vielleicht  nicht  einmal  beabsichtigt.  Auf  jeden  Fall  kann  sie  diese
Bedingung,  wenn  sie  es  will,  leicht  umgehen.
Auch  direkt  importiert  die  ST.O.C.  trotz  des  Einfuhrzolles
von  13  kr.  per  100  kg  durch  die  D.A.P.G.  nach  Oesterreich  jährlich ­
  ca.  15000  P'ass  (meist  hochtestiges  Salonöl),  um  das  Kartell
zu  beunruhigen  und  ihm  an  der  ganzen  Grenze  die  Preise  zu  verderben ­
  —  eine  Art  Repressivmassregel  gegen  den  billigen  Import
galizischen  Oeles  nach  Deutschland.
Die  Beteiligung  deutschen  Kapitals  in  Galizien  ist  eine  geringfügige. ­
  Die  Deutsche  Bank  ist  an  der  »Schodnica«  mit  1  350000
Kronen  interessiert,  ausserdem  sind  Delbrück,  Leo  &amp;amp;  Co.,  Berlin,
mit  ca.  i 1 /2  Millionen  Mark  und  kleineres  Berliner  Kapital  mit
höchstens  500  000  Mark  vertreten.  Anfang  1906  emittierten  dann  noch
W.  Mertens  &amp;amp;  Co.,  Berlin  4  30000  der  neu  gegründeten  »Siriuswerke«
(mit  bei  Oderberg  auf  deutschem  Boden  zu  erbauender  Raffinerie).
Insgesamt  stellt  sich  also  die  Beteiligung  deutschen  Kapitals  auf
nur  ca.  7  Millionen  Mark.  Auch  ausserdeutsche  Interessen  sind
        <pb n="39" />
        32

neben  den  oben  erwähnten  der  St.O.C.  kaum  vorhanden:  die
galizische  Erdölindustrie  ist  national.
d)  Rumänien.
Wenn  auch  uns  das  galizische  Oelgebiet  räumlich  viel  näher
liegt,  so  konzentriert  sich  unser  Interesse  doch  viel  mehr  auf
Rumänien,  obwohl  dieses  Land  bis  jetzt  noch  bei  weitem  weniger
produziert,  also  für  die  Bedarfsdeckung  des  deutschen  Marktes
noch  weniger  in  Betracht  kommt.  Der  Grund  hierfür  liegt  darin,
dass  gerade  in  der  rumänischen  Erdölindustrie  grosse  Summen
deutschen  Kapitals  angelegt  sind.  —
Auch  in  Rumänien  kann  man  von  einer  Einheitlichkeit  der
Produktion  und  des  Betriebes  noch  nicht  sprechen.  Beide  machen
noch  einen,  man  möchte  sagen  unfertigen  Eindruck.  Der  Karren,
der  sich  im  Sumpf  der  Stagnation  festgefahren  hatte,  ist  erst  in
den  allerletzten  Jahren  durch  deutsche  Hilfe  wieder  auf  den  festen
Boden  gesunder  Entwicklung  gebracht  worden.  Jetzt  ist  ein  guter
Anfang  gemacht;  es  scheint  fast  so,  als  wenn  auch  das  Ende
gut  werden  wollte.  Zu  wünschen  wäre  es  jedenfalls  —  für  die  Aktionäre ­
  unserer  Banken  sowohl  als  auch  für  die  Leuchtölkonsumenten.
Obwohl  Rumänien,  besonders  im  Distrikt  Prahova  mit  den
Werken  von  Campina  und  Bustenari,  ein  ergiebiges  und  ausgedehntes ­
  Oelgebiet  besitzt  und  obwohl  schon  seit  Anfang  der
6oer  Jahre  Oelbohrungen  veranstaltet  wurden,  fand  doch  bis  vor
wenigen  Jahren  keine  regelrechte  und  technisch  durchgebildete
Förderung  statt.  Zwar  grassierte  auf  die  Kunde  von  grösseren
Petroleumfunden  auch  hier  das  Oelfieber,  und  die  Höherbewertung
des  Bodens  brachte  den  glücklichen  Besitzern  binnen  wenigen
Wochen  oft  Millionen  ein,  aber  bei  diesen  Terrainspekulationen
blieb  es.  Teils  hatte  man  kein  Geld,  um  eine  geregelte  und
zweckmässige  Bohrtätigkeit  einzurichten  und  durchzuführen,  teils
glaubte  man  westeuropäische  und  amerikanische  Technik  überhaupt
entbehren  zu  können.  Wohl  brachten  die  Grundbesitzer  Handbrunnen ­
  in  grosser  Menge  nieder,  aber  meist  in  mangelhafter  Ausführung
und  mehr  auf  gut  Glück  als  nach  genauer  Feststellung  des  besten
Abteufungsplatzes,  und  waren  mit  den  geringen  Mengen  Oel,  die  sie
förderten,  zufrieden  —  solange  dieses  hoch  genug  im  Preise  stand.
Nun  ist  allerdings  gerade  Rumänien  ein  Land,  in  dem  im
Gegensätze  zu  allen  anderen  Oelproduktionsländern  der  Handbrunnenbetrieb ­
  als  die  zweckentsprechendste  Art  der  Oelgewinnung
        <pb n="40" />
        33

erscheint.  Denn  die  Oelhorizonte  liegen  nicht  so  tief  wie  in  Russland ­
  und  Amerika  oder  gar  in  Galizien,  wo  die  Anwendung  von
Maschinenkraft  eine  conditio  sine  qua  non  ist  und  sich  demgemäss
die  Fördertätigkeit  sehr  viel  teurer  stellt.  Vielmehr  kann  man  in
Rumänien  das  Oel  sehr  wohl  noch  mittels  Handbrunnen  (die  auch
schon  bis  zu  220  m  Teufe  gehen)  unter  viel  geringeren  Kosten
schöpfen.  Gerade  Gesellschaften  wie  die  Arnheemsche  Petroleum-Maatsch.,
  die  Olandeza  Romäna  und  andere,  besonders  holländische ­
  Gesellschaften,  die  zwecks  intensiverer  Bearbeitung  der
von  ihnen  erpachteten  Terrains  kostspielige  Maschinenschächte
angelegt  hatten,  haben  schlechte  Erfahrungen  damit  gemacht.
Deshalb  sind  auch  die  Deutsche  Bank  wie  die  Diskonto-Gesellschaft, ­
  obgleich  sie  das  Petroleumgeschäft  mit  aller  Energie  aufnahmen,
  in  richtiger  Erkenntnis  der  vorliegenden  Verhältnisse  beim
Handbrunnenbetriebe  geblieben.  Immerhin  waren  bis  vor  wenigen
Jahren  die  meist  von  kapitalschwachen  Unternehmern  unter  Leitung ­
  einheimischer  Ingenieure  abgeteuften  Handschächte  in  der
überwiegenden  Mehrzahl  planlos  und  unzweckmässig  angelegt,
und  die  junge  Industrie  konnte  es  deshalb  lange  zu  keinem  rechten ­
  Aufschwung  bringen.
Hieran  konnten  auch  die  schon  früh  (besonders  stark  1893)
einsetzenden  Einigungsbestrebungen  nichts  ändern.  Die  Dinge
gerieten  erst  in  Fluss,  als  die  pennsylvanischen  Quellen  spärlicher
zu  fliessen  begannen,  als  sich  infolgedessen  die  Standard  Oil
Company,  von  einer  empfindlichen  Schwächung  ihres  Lebensnervs
bedroht,  nach  neuen  Produktionsgebieten  umsehen  musste  und  als
ungefähr  gleichzeitig  auch  deutsches  Kapital  sich  der  rumänischen
Ihrdölindustrie  zuwandte.
Die  Bestrebungen  der  Standard  Oil  Company,  in  Rumänien
festen  Fuss  zu  fassen,  nahmen  im  Jahre  1900  festere  Formen  an
mit  dem  Versuch,  die  Ausbeutung  und  den  Betrieb  der  gesamten
staatlichen  Petroleumgruben  durch  Pachtung  auf  längere  Zeit  zu
übernehmen.  Der  Zeitpunkt  des  Einreichens  der  Offerte  war  insofern
  gut  gewählt,  als  Rumänien  gerade  damals  eine  finanzielle
Krise  durchzumachen  hatte  und  die  Regierung  nach  Mitteln  suchte,
das  im  Verhältnis  zu  den  Einnahmen  enorm  angewachsene  jährliche ­
  Defizit  zu  verringern.  Naturgemäss  wandte  sich  die  Aufmerksamkeit ­
  den  reichen  Bodenschätzen  des  Landes  zu,  und  es
wurden  Stimmen  laut,  die  denVerkauf  oder  die  Verpachtung  der
staatlichen  Petroleumterrains  anrieten  und  durch  die  Eröffnung
Zeitschrift  für  die  ges.  Staatstvissensch.  Ergänzungsheft  20.  3
        <pb n="41" />
        34

dieser  neuen  Einnahmequelle  das  Defizit  innerhalb  weniger  Jahre
zum  grossen  Teil  decken  zu  können  hofften.
Diese  Stimmung  war  die  unmittelbare  Veranlassung  zum  Einschreiten ­
  der  Standard  Oil  Company.  Im  November  1900  machte
sie  dem  damaligen  Ministerium  Carp  durch  Vermittelung  der  Diskonto-Gesellschaft ­
  den  Vorschlag,  die  gesamten  staatlichen  sich
als  petroleumhaltig  erweisenden  Terrains  auf  50  Jahre  zu  pachten
und  dem  rumänischen  Staate  zur  späteren  Anrechnung  auf  die
jährlichen  Abgaben  einen  Vorschuss  von  10  Millionen  Lei  (=  ca.
8  Millionen  Mark)  zu  geben.  Ferner  wollte  sie  sich  zur  genauen
Untersuchung  des  ganzen  voraussichtlichen  Oelgebietes  —  ca.
15000  ha  —  verpflichten,  in  den  ersten  8  Jahren  mindestens
7  Millionen  Lei  für  die  Niederbringung  von  Bohrlöchern  anlegen,.
auf  30  Jahre  konzessionierte  pipe  lines  bauen  u.  s.  w.
Wie  oben  kurz  erwähnt,  wurde  dieser  Vorschlag  der  rumänischen ­
  Regierung  durch  die  Vermittelung  der  Diskonto-Gesellschaft ­
  unterbreitet.  Sturdzas  Darstellung  ist  in  diesem  Punkte
nicht  ganz  richtig.  Die  Bank  wollte  nicht  etwa  mit  dem  Trust
zusammen  die  Konzession  erwerben,  sondern  spielte  aus  Anlass
ihrer  langjährigen  Beziehungen  zu  Rumänien  lediglich  auf  Wunsch
der  rumänischen  Regierung  die  Vermittlerrolle.
Die  Vorschläge  der  Standard  Oil  Company  gelangten  jedoch,,
vielleicht  zum  Glück  für  Rumänien,  nicht  zur  Annahme.  Der
Regierung  war  das  Gebot  nicht  hoch  genug;  andrerseits  »schien
das  rumänische  Volk«,  wie  Sturdza  (S.  3  seiner  Broschüre)  sagt,
»die  Gefahr  zu  fühlen,  die  ihm  durch  das  Eindringen  eines
amerikanischen  Trusts  drohe.«  Die  Verhandlungen  zogen  sich  bis
1903  hin  und  zerschlugen  sich  dann.
Jetzt  ging  die  Diskonto-Gesellschaft  auf  eigene  Hand  vor,  und
bald  gelang  es  ihr  denn  auch,  sich  an  verschiedenen  bereits  bestehenden ­
  Unternehmungen  zu  beteiligen  und  so  in  der  Erdölindustrie ­
  des  Landes  festen  Fuss  zu  fassen.  Der  wichtigste  Erfolg ­
  war  der,  dass  sie  sich  die  Kontrolle  über  die  ursprünglich
mit  englischem  Gelde  gegründete  Telega  Oil  Company  verschaffte.
Auch  die  Bustenarii-Petroleum-Gesellschaft  und  mehrere  kleinere
Gesellschaften  wie  den  Conduct  National  gelang  es  ihr,  von  sich
abhängig  zu  machen.
Auch  die  Deutsche  Bank  wendete  der  aufstrebenden  Industrie
ihr  Interesse  jetzt  mehr  zu.  Sie  hatte  sich  in  den  letzten  Jahren
in  dem  aufnahmefähigen  und  kapitalbedürftigen  Lande  stärker
        <pb n="42" />
        35

3*

engagiert,  u.  a.  die  (1895  gegründete)  Petroleumgesellschaft
»Steaua  Romäna«  finanziell  unterstützt.  Bei  den  weichenden
Preisen,  deren  Wirkung  sich  durch  keine  entsprechend  erhöhte
Produktion  aufhob,  wurde  diese  Forderung  »notleidend«,  wie
die  Bank  sich  in  ihrem  Jahresbericht  für  1904  ausdrückt.  Um
sich  zu  sichern,  sah  sich  die  Deutsche  Bank  zur  Schaffung  der
Kontrolle  über  die  Steaua  Romäna  und  zu  einer  durchgreifenden,
aber  jetzt  wohl  noch  nicht  ganz  durchgeführten  Reorganisation
genötigt.  —  Die  Steaua,  z.  Zt.  die  grösste  rumänische  Petroleumgesellschaft, ­
  hatte  1904  an  der  Gesamtproduktion  zu  reichlich  2 / s
Anteil.  Sie  produzierte  in  den  Jahren
1902/03:  132400  tons  Rohöl
1903/04:  184608  »  »
1904/05:  209797  »  »
1905/06:  214490  »  »
An  Dividenden  verteilte  sie  in  den  beiden  letzten  Jahren  je  8  %  •
Das  Aktienkapital  ist  von  17  auf  24  Millionen  Fr.,  die  Obligationen ­
  sind  von  11  auf  lö 1 ^  Millionen  Fr.  erhöht  worden  —  in
Anbetracht  der  nicht  besonders  günstigen  Ergebnisse  der  letzten
Jahre  eine  wohl  etwas  zu  scharfe  Anspannung.
Von  der  Frage  der  Verpachtung  der  staatlichen  Petroleumfelder ­
  hatte  man  längere  Zeit  nichts  wieder  gehört.  Sie  war
jedoch  keineswegs  erledigt.  Waren  1900  die  Bemühungen  der
Standard  Oil  Company  erfolglos  gewesen,  so  wurden  sie  1904
von  anderer  Seite  wieder  aufgenommen.  Und  zwar  war  es  diesmal ­
  ein  aus  der  Banque  de  Paris  et  des  Pays-Bas  und  der  Deutschen ­
  Bank  bestehendes  Syndikat,  dessen  Vorschläge,  Mai  1905
genauer  formuliert,  darauf  hinausgingen,  insgesamt  höchstens
20000  ha  ölführenden  Terrains  auf  fünfzig  Jahre  zu  pachten.
Aber  auch  dieses  Projekt  fand  nicht  die  Billigung  der  rumänischen ­
  Regierung,  da  die  Finanzlage  des  Staates  sich  inzwischen
gebessert  hatte  und  im  Lande  die  Ansicht  zur  Geltung  gelangte,
man  dürfe  die  staatlichen  Oelländereien  überhaupt  keiner  ausländischen ­
  Gesellschaft  zur  Ausbeutung  überlassen,  sondern  müsse
sie  entweder  mit  rumänischem  Kapital  zu  erschliessen  suchen  oder
aber,  um  ein  Monopol  zu  verhindern,  parzellenweise  verpachten.
Unter  dem  Eindruck  dieser  Bewegung  gelangte  am  21.  Dezember
1905  auf  Antrag  der  Regierung  mit  grosser  Mehrheit  ein  Gesetz
zur  Annahme,  das  in  seinen  Hauptpunkten  folgendes  bestimmt:
Es  werden  für  einen  Zeitraum  von  höchstens  50  Jahren  Parzellen
von  je  100  ha  erforschter  zusammen  mit  je  1000  ha  noch  uner ­
        <pb n="43" />
        36

forschter  Petroleumterrains  verpachtet;  auf  dem  erforschten  sowohl
als  auf  dem  unerforschten  Terrain  ist  innerhalb  eines  bestimmten
Zeitraumes  eine  bestimmte  Anzahl  Sonden  niederzubringen;  ein
Konzessionär  darf  höchstens  drei  Parzellen  erpachten,  jede  auf
Umgehung  dieser  Bestimmung  gerichtete  offene  oder  geheime  Abmachung ­
  soll  null  und  nichtig  sein.  —  Damit  ist  allen  Monopolisierungsgelüsten ­
  ein  Riegel  vorgeschoben,  wenngleich  zu  bemerken
ist,  dass  sich  das  Gesetz  nur  auf  die  zur  Zeit  seiner  Annahme
noch  nicht  verpachteten  staatlichen  Oelländereien  erstreckt;
die  Verfügungsmacht  der  Privateigentümer  bleibt  von  ihm  unberührt.
Ein  weiterer  Schritt  auf  diesem  Wege  ist  die  Gründung  der
nationalrumänischen  Gesellschaft  »Romania«  in  der  zweiten  Hälfte
des  Jahres  1905  mit  einem  eingezahlten  Anfangskapital  von  ca.  2
Millionen  Lei,  das  bis  auf  30  Millionen  Lei  erhöht  werden  soll.
Die  Standard  Oil  Company  liess  sich  natürlich  durch  die  Ablehnung ­
  ihrer  Vorschläge  nicht  abschrecken,  sondern  versuchte,
auf  andere  W'eise  in  Rumänien  einzudringen.  Infolge  der  ihr
feindlichen  Gesinnung  der  Volksvertretung  gelang  ihr  dies  jedoch
erst  Ende  Juni  1904,  in  welchem  Monat  die  von  ihr  gegründete
Societate  Anonima  Romäno-Americana  vom  rumänischen  Appellationsgerichtshof ­
  anerkannt  wurde.  Die  Gesellschaft  legte  sich
gleich  sehr  ins  Zeug,  beschäftigte  sich  schon  Ende  1904  mit  den
Vorbereitungen  zum  Bau  einer  grossen  Raffinerie  und  erwarb  —
alles  bei  einem  Kapital  von  5  Millionen  Frcs  !  —  durch  Aufkauf
der  »Sperantza«  umfangreiche  Oelterrains.  Auch  mit  der  Legung
eines  Rohrleitungsnetzes  und  mit  dem  Aufschliessen  der  erworbenen ­
  Gerechtsame  ist  sie  schon  eifrig  beschäftigt.
Ueber  die  jetzige  Gruppierung  des  Kapitals  in  der  rumänischen
Petroleumindustrie  gibt  Sturdza  auf  S.  91  eine  übersichtliche  Zusammenstellung, ­
  die  ich  S.  40  folgen  lasse.  Wie  aus  ihr  hervorgeht, ­
  entfallen  ca.  63  %  der  investierten  Summen  und  die  vier
grössten  Gesellschaften  auf  Deutschland.  Wir  haben  demgemäss  ein
ausserordentliches  Interesse  daran,  dass  sich  Petroleumproduktion
und  -Handel  Rumäniens  in  zufriedenstellender  Weise  entwickeln.
Dieses  Interesse  verlangt  aber,  dass  die  das  deutsche  Kapital
vertretenden  beiden  Grossbanken  sich  nicht  bekämpfen,  denn  dabei
verliert  jeder  Teil.  Gerade  bei  einem  Handelszweige,  der,  wie  das
Petroleumgeschäft,  in  übermächtiger  Weise  von  einer  fremden
Kapitalistengruppe  beherrscht  wird,  die  auch  die  wenigen  noch
nicht  für  die  Oelgewinnung  herangezogenen  und  von  ihr  abhängigen
        <pb n="44" />
        37

Länder  in  ihre  Herrschaft  zu  bringen  trachtet,  ist  es  notwendig,
dass  die  unabhängigen  und  auf  ein  Zusammenarbeiten  geradezu
angewiesenen  Firmen  die  Basis  für  ein  freundschaftliches  Zusammengehen ­
  schaffen.
Erwägungen  dieser  Art  waren  es  auch,  die  die  Geschäftspolitik ­
  der  beiden  deutschen  Banken  bestimmten.  Sie  standen  sich
jahrelang  feindlich  gegenüber,  da  sich  die  Diskonto-Gesellschaft
durch  die  Schwesterbank  in  ihrer  eigentlichen  Machtsphäre  bedroht ­
  glaubte,  sind  jetzt  aber  in  richtiger  Erkenntnis  der  Verhältnisse ­
  zu  einem  freundschaftlichen  Nebeneinander  gelangt.  Nur
sie  haben  die  Amerikaner  bis  jetzt  gehindert,  auch  die  südosteuropäischen ­
  Produktionsgebiete  unter  ihre  Macht  zu  beugen.
Zur  Zusammenfassung  ihrer  gesamten  Petroleuminteressen
gründete  die  Deutsche  Bank  Anfang  1904  die  Deutsche  Petroleum-Aktiengesellschaft ­
  (»D.P.A.G.«)  mit  einem  Kapital  von  20
Millionen  Mark,  von  dem  sie  selbst  11  100  000  Mk.  übernahm.
In  den  Rest  teilten  sich  der  Wiener  Bankverein  (5  Millionen),  die
Darmstädter  Bank  (1  250  000  Mk.),,  die  Nationalbank  für  Deutschland ­
  (1  Million),  die  Mitteldeutsche  Kreditbank  (900  000  Mk.)  und
Jakob  S.  H.  Stern  (750000  Mk.).  In  der  D.P.A.G.  ruhen,  beiläufig ­
  gesagt,  neben  der  Beteiligung  an  der  Steaua  auch  Aktien
der  galizischen  »Schodnica«  (1  350000  Kr.)  und  einiger  kleinerer
Unternehmungen  in  Wietze  (Erdölwerke  Wietzerdorf  G.  m.  b.  H.
mit  einem  Kapital  von  1 1 / 2  Millionen  Mark)  und  Russland  (Kasbek
Syndikate  Ltd.,  London),  an  denen  die  Bank  beteiligt  ist.  Mit
dem  Petroleumvertrieb  in  Deutschland  betraute  sie  die  als  Nachfolgerin ­
  der  in  Bankerott  geratenen  russischen  Importfirma  Gehlig,
Machenheim  &amp;amp;  Co.  1902  gegründete  und  von  der  Shell  Transport ­
  and  Trading  Company,  London,  kontrollierte,  1904  von  der
Deutschen  Bank  finanzierte  Petroleum-Produkte  Aktiengesellschaft
(»P.P.A.G.«),  über  die  später  noch  ausführlich  zu  sprechen  sein
wird.  Von  dem  jetzt  12  Millionen  Mark  betragenden  Aktienkapital
dieser  Gesellschaft  besitzt  die  Deutsche  Bank  direkt  und  durch
die  Steaua  Romäna  ca.  9  Millionen  Mk.  —  Die  D.P.A.G.  und  die
P.P.A.G.  verteilten  für  1904  und  1905  je  5%  Dividende.
In  ähnlicher  Weise  fasste  die  Diskontogesellschaft  Mitte  1905
die  von  ihr  und  dem  Hause  S.  Bleichröder  abhängigen  Petroleumunternehmungen ­
  in  der  Allgemeinen  Petroleum-Industrie  Aktien-Gesellschaft
  zusammen.  Diese  Gesellschaft  kontrolliert  die  »Bustenarii«
  Petroleum-Industrie  A.-G.,  Bukarest,  Telega  Oil  Company,
        <pb n="45" />
        33

Ltd.  London,  »Vega«,  Rumänische  Petroleumraffinerie  A.-G.,
Bukarest,  »Credit  Petrolifer«,  Gesellschaft  zur  Förderung  und  Entwicklung ­
  der  rumänischen  Petroleum-Industrie,  Bukarest,  während
sie  an  der  Compagnie  Industrielle  des  Petroles,  Paris,  und  der
Internationale  Rumeensche  Petroleum  Maatschappy,  Amsterdam,
lediglich  eine  finanzielle  Beteiligung  genommen  hat.  Das  Gesamtkapital ­
  der  »Aurora«  ist,  was  Sturdza  übersehen  hat,  in  der
Bilanz  der  Internationalen  Rumeenschen  P.  M.  enthalten.
Das  Anfangskapital  der  Allgemeinen  Petroleum-Industrie  A.-G.
betrug  12  Millionen  Mk.;  Januar  1906  wurde  es  auf  17  Millionen
Mk.  erhöht.  Für  1905  wurde  eine  Dividende  von  5%  ausgeschüttet.
Die  »Bustenarii«  verteilte  für  1904/05  :  5%  auf  die  Stamm-,  20%
auf  die  Prioritätsaktien,  1905/06  wieder  20%  auf  die  Prioritätsund ­
  8%  auf  die  Stammaktien.  Das  Kapital  der  Telega  musste
von  £  400000  =  ca.  10  Millionen  Lei  auf  8 1 / 2  Millionen  Lei
herabgesetzt  werden.  Gleichzeitig  wurde  die  Firma  in  »Sylva«,
Societate  Anonima  Romäna  pentru  Industria  Peti'olului  (=  rumänische ­
  A.-G.  für  Petroleum-Industrie)  umgetauft.  Dividenden  wurden ­
  noch  nicht  verteilt,  doch  hat  die  Beteiligung  des  Grosskapitals ­
  auch  hier  schon  einen  entschiedenen  Wandel  zum  Besseren
hervorgerufen,  und  wenn  die  beabsichtigte  Reorganisation  vollständig ­
  durchgeführt  sein  wird,  darf  man  dieser  Gesellschaft  eine
gute  Zukunft  Voraussagen.  —  Die  Aktionäre  des  Credit  Petrolifer ­
  erhielten  1905/06,  dem  ersten  Geschäftsjahr,  8%  auf  3  Millionen ­
  Lei  Kapital  pro  rata  temporis  seiner  Einzahlung.  Mitte
1906  wurde  eine  Kapitalerhöhung  um  2  Millionen  Lei  beschlossen.
—  Die  »Compagnie  Industrielle  des  Petroles«,  die  Sturdza  in
seiner  Aufstellung  nicht  berücksichtigt,  hat  ein  Kapital  von  I H 'rs.
10500000.  —  Die  Dividende  für  1904/05  betrug  5%.
.  Was  die  Stellungnahme  der  beiden  deutschen  Banken  im
internationalen  Petroleumhandel  anlangt,  so  ist,  wie  oben  schon
kurz  erwähnt,  die  Deutsche  Bank  auf  der  Brücke  über  die  P.P.A.G.
zu  der  Shell  in  ein  Freundschaftsverhältnis  getreten 1 ).  Nach  vielfachen ­
  Zeitungsberichten  soll  es  auch  gelungen  sein,  eine  Verständigung ­
  zwischen  der  Diskonto-Gesellschaft  und  der  P.P.A.G.,
bez.  also  der  Shell,  herzustellen  —  eine  Tatsache,  die,  wenn  sie
sich  bewahrheitet,  nur  mit  Freude  zu  begrüssen  wäre.
Dass  eine  Einigung  tatsächlich  stattgefunden  hat,  lässt  sich
mit  ziemlicher  Sicherheit  daraus  schliessen,  dass  laut  einem  Ar1) ­

  Die  P.P.A.G.  vertreibt  das  Texasöl  der  Shell  in  Deutschland.
        <pb n="46" />
        39

tikel  der  Kolonialwarenzeitung  vom  28.  April  1903  die  »Aurora«,
also  eine  von  der  Diskontogesellschaft  abhängige  Gesellschaft,
mitteilt,  »dass  sie  gemäss  ihrem  Kontrakt  mit  der  Shell  Transport
and  Trading  Co.  durch  dieses  letztere  zum  Vertreter  für  deren
Petroleumgeschäfte  in  Rumänien  bestellt  worden  sei.«
Betrachtet  man  die  Entwicklung  der  rumänischen  Petroleumindustrie ­
  in  den  letzten  Jahren,  so  zeigt  sich  hier  mit  voller  Deutlichkeit ­
  dasselbe  Prinzip,  das  in  grösstem  Massstabe  in  Amerika,
weniger  ausgebildet  in  Russland  zur  Geltung  gelangte  und  dessen
später  auch  bei  der  Besprechung  derVertriebsverhältnisse  inDeutschland
  Erwähnung  getan  werden  muss:  die  kapitalschwächeren  Elemente ­
  werden  mehr  und  mehr  ausgeschaltet  und  gehen  im  Grosskapital ­
  auf,  da  dieses  allein  den  ausserordentlichen  Anforderungen
hinsichtlich  der  Investitionen  für  die  zweckmässige  Einrichtung
von  Produktion,  Raffination  und  Handel  gerecht  werden  kann.
Gehen  wir  aber  diesem  Grosskapital  nach,  so  finden  wir
1)  den  Standard  Oil  Trust,  2)  das  mit  dessen  hauptsächlichster
Gegnerin,  der  Shell,  verbündete  deutsche  Grosskapital  —  letzteres
in  Rumänien  allerdings  vorherrschend,  wenngleich  das  Kapital
der  rumänischen  Tochtergesellschaft  des  Trusts  wohl  nur  mit  Absicht ­
  so  niedrig  angesetzt  ist.  Gegebenenfalls  stehen  ihr  natürlich ­
  die  Millionen  des  Trusts  zur  Verfügung.  Also  trotz  vieler
kleinerer  Gesellschaften  nur  zwei  von  den  drei  grossen  Gruppen,
die  sich  auf  dem  ganzen  Weltmarkt  und,  wie  später  zu  zeigen  ist,
auch  in  Deutschland  letzten  Endes  allein  gegenüberstehen,  wenn
sie  gleich,  um  ihre  Identität  möglichst  zu  verschleiern,  unter  verschiedenen ­
  Namen  auftreten.
Eine  zweite  interessante  Erscheinung,  auf  die  hier  nur  kurz
hingewiesen  sei,  ist  die  Verschiedenheit  des  Arbeitsbereiches  der
einzelnen  Gesellschaften.  Instruktiv  dafür  sind  die  Unternehmungen
der  Diskontogesellschaft.  Während  die  Bustenarii  und  die  Telega
Oil  Co.  Produktionsgesellschaften  sind,  dient  die  Vega  den  Zwecken
der  Raffination;  der  Credit  Petrolifer  befasst  sich  nur  mit  dem
Transport  des  Rohöls  und  dem  Handel.  In  ähnlicher  Weise  sind
in  Amerika  die  Untergesellschaften  des  Standard  Oil  Trusts  tätig.
Durch  diese  Regelung  —  eine  Art  Arbeitsteilung  —  gewinnt  einmal
die  Uebersicht,  sodann  aber  wird  vor  allem  an  Kosten  gespart
dadurch,  dass  jede  Gesellschaft  sich  mit  voller  Kraft  auf  ihr  besonderes ­
  Gebiet  werfen  und  dies  bearbeiten  kann,  sich  mit  nicht
ganz  in  der  speziellen  Richtung  ihres  Betriebes  liegenden  An-
        <pb n="47" />
        40

Schaffungen  und  Geschäften  nicht  zu  befassen  braucht  und  trotzdem ­
  nicht  von  der  Willkür  anderer  Gesellschaften,  auf  die  sie
hinsichtlich  der  Uebernahme  oder  des  Weitervertriebes  der  Ware
angewiesen  ist,  abhängig  ist.
Zum  Schluss  folgt  eine  gleichfalls  dem  Buche  von  S  tu  r  dz  a
(Seite  89)  entstammende  Tabelle  über  Petroleum-Produktion  und
-Export  Rumäniens.
Die  Zahlen  steigen  zwar  stetig,  aber  ausserordentlich  langsam,
obschon  nicht  verkannt  werden  soll,  dass  ungefähr  seit  1900  die
Produktion  ein  entschieden  schnelleres  Wachstum  aufweist.
Das  Leuchtöl  wird  in  der  Hauptsache  nach  Frankreich  verschifft ­
  (1904:  25  089  tons),  auch  England  bezieht  erhebliche  Posten
(15  588  tons).  Deutschland  und  Holland  importieren  weniger  rumänisches ­
  Oel.

In  der  rumänischen  Petroleum-Industrie  investierte  Kapitalien.

Gesellschaften
Deutsche  Gesellschaften:
Deutsche  Bank  (Steaua  Romäna)
Disconto-Gesellschaft
Bustenarii
Telega  Oil  Co.  Ltd.
Credit  Petrolifere
Aurora
Vega
Internationala

Dresdner  Bank-Schaafhausen
Cämpina  Moreni
Rumänische  Gesellschaften:
Hagianoff-Cämpeanu
Ruzica,  Elias,  Taubes
Societatea  Romäna  pentru  industria  Petrolului
Verschiedene  kleinere  Gesellschaften
Holländische  Gesellschaften:
Nederlandsche  Petrol.  Maatsch.
Arnheemsche  do.
Cämpina  Poiäna  (Amsterdam)
Olandezä  Romäna
Italienische  Gesellschaften:
Societatea  Romäno-Italianä
Französische  Gesellschaften:
Petroie  de  Prahova
Aquila  Franco-Romänä
Englische  Gesellschaften:
Berca  Petroleum  Cy.
Rumanian  United  P.  Cy.
European  Petroleum  Cy.
Amerikanische  Gesellschaften:
Societatea  Romäno-Americanä

Kapital  i.  Lei.

Total

40  377  500

IO  000  000
IO  000  000
3  000  000
7  450  000
3  75°  000
12  480  000

92  057  500

46  680  000

5  000  000

5  000  000  '
5  000  000
1  637  500  1
10  000  000

21637  500

2  500  000  .
2  000  000  1
2  000  000  |
1  500  000  "

8  000  000

7  500  000

7  500  000

3  500  000  1
3  000  000  /

6  500  000

3  250  000  )
1  000  000  [
1  000  000  J

5  250  000

5  000  000

S  000  000

Total

'45  945  000
        <pb n="48" />
        41

I)  Nachrichten  für  Handel  und  Industrie,  1906,  Nr.  51.

Petroleum-Produktion  und  -Export  Rumäniens.

Jahr

Ges.-Rohöl-Produktion
  in
Tonnen

Davon  im
Bezirk
Prahova

Export  (in  Tonnen)  von

Rohöl

Leuchtöl

Benzin

Schmieröl

t857

275

220

1858

495

330

&amp;gt;859

605

330

1860

1188

385

1861

2403

440

1862

3226

550

1863

3886

660

1864

4591

825

1865

5426

1100

1866

5915

1100

1867

6465

1320

1868

7062

1650

1869

6782

1320

1870

11  649

1100

1871

11  572

1760

1872

11  878

1650

1873

14  468

2750

1874

14  35°

1 55°

&amp;gt;875

15  100

1600

1876

15  100

1500

1877

15  100

1800

1878

15  100

2100

1879

15  3oo

2500

3674

1880

15  900

2900

9759

1881

16  900

3500

10  378

1882

19  OOO

5400

12  230

1922

1883

19  400

5700

17  550

74

1884

29  300

15  600

21724

529

188.S

26  900

13  500

19919

1068

1886

23  450

8800

14  413

686

1887

25  300

9500

16  094

38

121

1888

30  400

8900

18  126

4

163

1889

41  400

9500

18657

11

104

1890

53  3oo

10  300

11773

7b

35

1891

67  900

II500

18  072

35

3

1892

82  500

16  000

19  715

59

2

2

1893

74  500

17  000

17  083

42

3

0,6

1894

7o  550

26  000

16  632

607

13

0,4

1895

80  000

37  140

15  718

2

16

17

1896

75  57o

36  880

17  269

529

I  IO

2

1897

79  400

56900

21335

48

26

4

1898

106  570

58  800

27  325

4253

33

155

1899

198  300

! 35  400

47  828

14  283

5160

280

1900

226  500

149  500

48  782

24  612

4759

”7

1901

233  100

190  900

25  797

16  819

15  023

15

1902

286  500

236  000

28  964

39  817

6910

17

1903

384  300

345  9io

57015

46947

22  249

8

1904

496  870

455  35°

48499

78553

37  213

3°

i9°5 l )

614  870
        <pb n="49" />
        42

e)  Deutschland.
Zum  Schluss  der  kurzen  Uebersicht  über  die  Erdöl  produzierenden ­
  und  als  solche  für  Deutschland  in  Betracht  kommenden
Länder  —  die  asiatischen  Oelgebiete,  wie  Japan,  Hinterindien,
Java,  Borneo,  setzen  ihre  Leuchtöle  in  Asien  selbst  ab  und  kommen ­
  für  uns  nur  für  den  Benzinimport  in  Frage  —  kommt  Deutschland ­
  selbst  an  die  Reihe.  Obgleich  durch  Inlandsproduktion  nur
ein  verschwindend  geringer  Prozentsatz  unseres  jährlichen  Bedarfs ­
  gedeckt  werden  kann,  muss  doch  näher  auf  diese  eingegangen ­
  werden.
An  die  Erdölvorkommen  in  Deutschland  hat  man  zeitweise
die  grössten  Hoffnungen  geknüpft  und  tut  dies  vielfach  auch
noch  jetzt.  Ich  muss  gestehen,  dass  ich  in  dieser  Hinsicht  ziemlich ­
  schwarz  sehe  und  mir,  so  wie  die  Sachen  jetzt  stehen,  hinsichtlich ­
  der  L  e  u  c  h  t  ö  Igewinnung  nicht  allzu  viel  verspreche.
Die  Zukunft  kann  ja  noch  angenehme  Ueberraschungen  bringen,
vorderhand  aber  muss  man  die  Dinge  in  dem  Lichte  betrachten,
in  dem  sie  sich  unserm  Auge  darbieten.
Als  Oelproduktionsgebiete  kommen  für  Deutschland  in  Frage:
Eisass,  die  Lüneburger  Heide  und  der  Halle-Zeitz-Weissenfelser
Braunkohlenbezirk,  letzterer  nur  als  Solarölproduzent.
Zunächst  muss  man  sich  vor  Augen  halten,  dass  in  sämtlichen ­
  drei  Bezirken  die  Schmierölproduktion  diejenige  von  Leuchtöl ­
  bei  weitem  übersteigt.  In  der  oberen  Zone  (bis  ca.  ioo  m)
der  Lüneburger  Heide  stellt  sich  das  Verhältnis  wie  folgt:
etwa  0,5  °/ 0  Benzin  (0,725  spez.  Gew.,  also  ziemlich  schwer)
nur  »  6  %  Petroleum  im  »  »  von  0,800
»  6  0/q  »  »  »  »  »  0,840  (eine  Art  Solaröl)
»  64  0/ 0  Schmieröl.
Der  Rest  sind  ziemlich  wertlose  Rückstände.  —  Die  Ausbeute ­
  des  zweiten  Oelhorizontes  (bis  zu  etwa  350  m  Tiefe),  der
ein  leichteres,  helleres  Rohöl  liefert,  ergibt  bei  der  Raffination
3  —  4  %  Benzin  (0,701)
28—35  %  Naphtha  und  Petroleum
40—47  0/ 0  Schmieröle
17  %  Rückstände,  der  Rest  (4—5  0/ 0 )  Verlust.
Im  Eisass  ist  das  Verhältnis  so  ziemlich  dasselbe;  es  versorgt ­
  vorzugsweise  die  mittelrheinische  Textilindustrie  mit  Schmierölen. ­
  Im  Solarölbezirk  stellt  sich  die  Leuchtölquote  noch  ungünstiger. ­

Wenngleich  sowohl  die  »Teerkuhlen«  bei  Wietze  als  auch
        <pb n="50" />
        43

das  Vorkommen  im  Eisass  schon  seit  Jahrhunderten  bekannt  waren
und  für  medizinische  Zwecke  ausgebeutet  wurden,  kam  es  zu
einer  regelrechten  zielbewussten  Fördertätigkeit  doch  erst  sehr
spät.  —  Als  Begründer  der  elsässischen  Petroleumindustrie  kann
man  A.  le  Bel  bezeichnen,  der  im  ersten  Viertel  des  vorigen
Jahrhunderts  schon  ca.  ioo  Leute  mit  dem  Einsammeln  des  zu
Tage  tretenden  Oeles  beschäftigte.  Seine  Familie  übertrug  die
Ausbeutung  der  ihr  verliehenen  Konzession  1889  an  die  »Pechelbronner
  Oelbergwerke«,  die  noch  jetzt  bestehen  und  weitaus  die
grösste  elsässische  Petroleumgesellschaft  sind.  Neben  ihr  entstanden, ­
  als  einige  ergiebige  Oellager  angebohrt  wurden,  in  rascher
Folge  mehrere  Dutzend  Unternehmungen,  die  aber  meistenteils
nur  ein  Eintagsdasein  fristen  konnten.  Nichtsdestoweniger  stieg
die  Produktion  von  8530  dz.  Rohöl  im  Jahre  1874  au f  156  3 20
dz.  20  Jahre  später  und  auf  über  220000  dz.  im  Jahre  1904.
Während  die  Oelgewinnung  im  Eisass  ihre  ruhigen  Bahnen
ging  und  sozusagen  in  der  Verborgenheit  blühte,  machte  das
zweite  Fundgebiet,  Oelheim-Wietze,  um  so  mehr  von  sich  reden;
nicht  immer  rühmlich.
Die  Fundstätten  liegen  zu  beiden  Seiten  des  kleinen  Flusses
Wietze,  bis  zu  seiner  Mündung  in  die  Aller.  In  den  ersten  Jahren
bohrte  man  nur  an  seiner  linken  Seite,  16—20  km  westlich  von
Celle.  Die  ölführenden  Tonschichten  streichen  von  Südwest  nach
Nordost,  die  Bohrlöcher  hatten  eine  Tiefe  von  40—100  m.  In
der  zweiten  Oelzone,  auf  der  rechten  Seite  der  Wietze,  wo  man
1900  fündig  geworden  ist,  muss  man  schon  auf  200  m  hinabgehen,
um  die  Oelschicht  anzutreffen.  Der  dritte  Oelhorizont  wurde  1904
bei  650  m  Tiefe  erreicht.  Welche  Ergiebigkeit  er  hat,  ist  mir
nicht  bekannt.  Die  zweite  Oelzone  ist,  wie  qualitativ,  so  auch
quantitativ  bis  jetzt  die  beste.
Nachdem  in  dieser  Gegend  1862  von  der  Hannoverschen
Regierung  in  uneigennütziger  Weise  ein  Versuchsschacht  niedergebracht ­
  war,  folgte  eine  langsame  Bohrtätigkeit,  die  aber  1883,
als  Mohr  die  erste  springende  Quelle  mit  grösserem  Ertrage  erbohrte,
  einem  wilden  von  Spekulanten  künstlich  genährten  Oelfieber,
  ähnlich  dem  pennsylvanischen,  dem  sog.  »Oelheimer  Rummel«, ­
  Platz  machte.  Dutzende  von  Gesellschaften  entstanden  über
Nacht,  unternehmende  »Gründer«,  wie  August  Sternberg  in  Berlin,
mischten  sich  hinein.  Doch  der  Erfolg  zeigte  sich  nicht  in  der
erwarteten  Weise,  und  der  Rückschlag  kam  bald  und  kräftig.
        <pb n="51" />
        44

Die  meisten  Gesellschaften  stellten  ihre  Tätigkeit  wieder  ein;
viele,  ohne  überhaupt  produktiv  gewesen  zu  sein.  1882:  3127  dz.
betragend,  stieg  die  Produktion  1887  und  1888  auf  je  IO080  dz.,
um  schon  1892  wieder  auf  3681  dz.  zu  sinken.  Seitdem  hob  sie
sich  wieder,  machte  aber  1898  nur  erst  ca.  10  %  der  deutschen
Rohölproduktion  aus,  während  auf  den  Eisass  ca.  90  %  entfielen.
1899/1900  änderte  sich  jedoch  das  Bild,  als  mit  Hilfe  genügenden
soliden  Kapitals  (Deutsche  Bank)  ein  neues,  ergiebigeres  Oelfeld,
eben  die  zweite  Zone  rechts  der  Wietze,  aufgeschlossen  wurde.
1903  betrug  die  Rohölproduktion  von  Wietze  etwa  400000  dz.  im
Gesamtwerte  von  3,2  Millionen  Mark,  das  sind  rund  2 / 3 ,  1904
etwa  680000  dz.,  das  sind  rund  3 / 4  der  gesamten  Rohölausbeute
Deutschlands.  1905  ging  die  Produktion  allerdings  auf  rund  580000
dz.  zurück,  während  die  des  Eisass  sich  ziemlich  auf  der  Höhe
von  1904  hielt.
Neben  den  Aufschlüssen  bei  Wietze  sind  noch  an  anderen
Orten  der  Provinz  Hannover  und  des  Herzogtums  Braunschweig
Oelvorkommen  konstatiert  worden,  aber  von  weit  geringerer
Mächtigkeit.  Vielleicht  sind  tiefere  Bohrungen  von  grösserem
Erfolge  begleitet.  Das  Oelgebiet  ist  aber  wahrscheinlich  noch
grösser,  als  man  bis  jetzt  annimmt.
Wenn  man  die  Produktionsverhältnisse  des  Eisass  und  der
Lüneburger  Pleide  einander  gegenüberstellt,  so  ergibt  sich,  dass
letztere  trotz  ihrer  bedeutend  grösseren  Ergiebigkeit  mit  viel  ungünstigeren ­
  äusseren  Bedingungen  zu  ringen  hat  als  die  elsässische
  Industrie.  Denn  während  z.  B.  dort  die  Oelgerechtsame
dem  Berggesetz  unterstehen,  also  verliehen  werden,  ist  dies  in
Hannover  nicht  der  Fall.  Oel  kann  hier  nicht  gemutet  werden,
sondern  gehört  ähnlich  wie  Kali  und  Salz  dem  Grundeigentümer.
Dieser  Mangel  der  Gesetzgebung  verschaffte  den  Bauern  eine  sehr
günstige  Stellung;  sie  forderten  für  die  Abgabe  ihrer  Oelländereien
übermässig  hohe  Preise  und  Hessen  sich  ausserdem  ein  sehr  hohes
»Fassgeld«  bezahlen  (bis  zu  5  Mk.  für  jedes  geförderte  Fass).
Es  ist  klar,  dass  diese  Umstände  auf  die  Gestehungskosten  sehr
ungünstig  einwirken  und  der  jungen  Industrie  schwere  Fesseln
anlegen.  Die  preussische  Regierung  erliess  zwar  zur  Abstellung
der  grössten  Missstände  1904  ein  Gesetz,  das  die  Erdölgewinnung
der  Kontrolle  der  Bergbehörden  unterstellt.  Da  jedoch  das  Verfügungsrecht ­
  des  Grundeigentümers  dadurch  in  keiner  Weise  beschränkt ­
  wird,  so  kann  man  es  nur  als  eine  halbe  Massregel  an ­
        <pb n="52" />
        45

sehen.  Ehe  nicht  eine  durchgreifende  Sanierung  erfolgt,  ist  eine
Fortentwicklung  der  Oelgewinnung  in  wünschenswerter  Weise
leider  ausgeschlossen.
Die  Gesamtrohölproduktion  Deutschlands  betrug:

1880  —  1309  tons  i.
1885  —  5815  »  »
1890  —  15  226  »  »
1895  —  17  051  »  »
1900  —  50  375  »  »
1901  —  44  095  »  »
1902  —  49  725  »  »
1903  —  62  680  »  »
1904  —  89  620  »  »
1905  —  78  869  »  »

W.  von  159  000  M.
»  »  471000  »
»  »  1242000  »
»  »  962  000  »
»  »  3  726  000  »
»  »2  940  000  »
»  »  3  3.51  000  »
»  »  4  334ooo  »
»  »5  805  000  »
»  »  5  207  OOO  »

Davon  entfielen  auf

1902

1903

1904  1905

Prov.  Hannover:  29  520  tons
Eisass:  20205  »

41  733  tons  67  604  tons
20  947  »  22  016  »

57  74i
21  128

Nachstehend  folgen  einige  Daten  über  die  hauptsächlichsten  auf
Oel  bohrenden  deutschen  Gesellschaften,  damit  man  sich  einen
Begriff  machen  kann  von  ihrer  Bedeutung  (oder  Bedeutungslosigkeit, ­
  wie  man  will),  sowie  gleichzeitig  von  der  inneren  Zerrissenheit ­
  dieses  ganzen  Produktionszweiges.  Von  der  Erwähnung  der
zahlreichen,  meist  herzlich  unbedeutenden  Privatunternehmungen
ist  ganz  abgesehen.
Von  den  ungefähr  30  in  Hannover  mit  einem  Kapital  von
schätzungsweise  20  Millionen  Mark  arbeitenden  Gesellschaften  ist
mit  die  älteste  und  an  erster  Stelle  zu  erwähnen  die  niederländische ­
  »Gesellschaft  zum  Betrieb  von  Oelbrunnen  in  Hannover«,
die  1904:  22  %  verteilte.  Sie  gewann  in  diesem  Jahre  71  359
Fass  Rohöl,  gegen  53255  Fass  im  Jahre  1903.  1905  fusionierte
sie  sich  mit  den  »Deutschen  Erdölwerken«  in  Wilhelmsburg.
Nächst  ihr  ist  zu  nennen  die  »Celle-Wietze,  A.-G.  für  Erdölgewinnung«, ­
  Hannover,  8.  März  bez.  24.  November  1900  mit  1
Million  Mark  gegründet;  das  Kapital  wurde  1903  um  250000  Mark
(ä  140  %)  und  1905  um  500000  Mark  (von  der  Nationalbank ­
  für  Deutschland  zu  150  %  übernommen)  auf  jetzt  1  s / 4  Millionen ­
  Mark  erhöht.  Die  Rohölausbeute  ist  für  längere  Jahre  bis
zu  jährlich  60000  Brl.  fest  verschlossen;  an  wen,  war  zu  erfahren
nicht  möglich.  An  Dividenden  verteilte  die  Gesellschaft  1900  (10  Monate) ­
  —  1905  :  10,  7,  7,  10  und  15  %.  Sie  arbeitet  mit  drei  Bohr ­
        <pb n="53" />
        46

türmen,  besitzt  auch  eine  Raffinerie  und  ist  an  mehreren  kleineren
Gesellschaften  finanziell  beteiligt.
Ein  Sorgenkind  ihrer  Aktionäre  sind  die  »Vereinigten
Deutschen  Petroleumwerke  A.-G.«  Peine  i.  H.,  eine  der  blutigsten
Gründungen  Sternbergs.  Entstanden  sind  sie  Ende  1881  aus  der
»Petroleum-Land-Gesellschaft  in  Peine«,  der  »Deutschen  Petroleumbohrgesellschaft ­
  in  Bremen«  (Adolf  M.  Mohr)  und  der  »Oelheimer
Petroleum-Industrie-Gesellschaft«.  An  Rohöl  förderten  sie

1891  —  731  tons
1892  —  408  »
1893  —  185  »
1894  —  185  »
i &amp;amp; 95  —  376  »

1896  —  427  tons
1897  —  597  »
1898  —  463  »
1899  —  525  »
1900  —  463  »

1901  —  502  tons
1902  —  439  »
1903  —  75*  »
1904  —  751  »

Das  Anfangskapital  von  2771000  Mark  wurde  wiederholt  reduziert, ­
  eine  durchgreifende  Sanierung  erfolgte  aber  erst  1903  durch
Zusammenlegung  der  Aktien  auf  I  006  000  Mark  und  ausserordentliche ­
  Abschreibungen  in  Flöhe  von  305  159  Mark.  Nachdem  seit
1886  keine  Dividende  verteilt  worden  war,  konnten  1904  bei
ganzen  5012  Mark  Abschreibungen  4 1 /2%  ausgeschüttet  werden.
Für  1905  wurden  wieder  4  J / ä  %  verteilt.  Die  Aktien,  die  bis
auf  wenige  Prozent  entwertet  waren,  werden  jetzt  annähernd  pari
notiert.
Nicht  zu  unterschätzen  ist,  dass  in  letzter  Zeit  auch  der
Standard  Oil  Trust  sein  Augenmerk  auf  die  Wietzer  Erdölindustrie ­
  gerichtet  hat.  Durch  die  von  ihm  abhängige  Vacuum  Oil
Company  lässt  er  eine  grosse  Raffinerie  bei  Schulau  bauen,  die
schon  jetzt  mit  verschiedenen  Produzenten  langfristige  Verträge
abgeschlossen  haben  soll.
Die  bedeutendste  im  Eisass  arbeitende  Gesellschaft  sind  die
»Pechelbronner  Oelbergwerke«,  Schiltigheim.  Sie  wurden  22.
Februar  1889  auf  50  Jahre  gegründet.  Ihr  Anfangskapital  von
3  Millionen  Mark  wurde  1899  auf  1Millionen  Mark  herabgesetzt;
dafür  wurden  Genussscheine  ausgegeben.  Sie  prosperieren  verhältnismässig ­
  sehr  gut,  denn  1889/1890—1904/1905  verteilten  sie
3, 88 ;  14;  16;  5  ;  7;  12;  16;  17;  20;  15;  17;  28;  28;  28;  30;  30%.
Zu  bemerken  ist,  dass  die  günstigen  Ergebnisse  nicht  etwa  auf
das  Leuchtölgeschäft,  sondern  in  erster  Linie  auf  die  verhältnismässig ­
  hohen  für  Schmieröle  erzielten  Preise  zurückzuführen  sind.
1899  betrug  die  Rohölproduktion  ca.  16  Millionen  kg,  das  sind
ca.  114000  Fass  (ä  140  kg).  —  Die  nächstgrössere  Gesellschaft,
die  »Elsässische  Petroleumgesellschaft  Walburg«  (Sitz  in  Amsterdam)
        <pb n="54" />
        4  7

war  ebenfalls  nur  auf  50  Jahre  gegründet  worden,  ihre  Konzession
erlischt  1946.  Ihr  Aktienkapital  betrug  2  Millionen  fl.  Im  Verein ­
  mit  den  »Pechelbronner  Oelbergwerken«  und  kraft  eines
mit  der  »Deutsch-Amerikanischen  Petroleum-Gesellschaft«  getroffenen ­
  Uebereinkommens  begann  sie  zur  Sicherung  und  Erhöhung ­
  ihres  Absatzes  1903  mit  dem  Strassenwagenbetrieb.  Es
stehen  also  die  beiden  bedeutendsten  elsässischen  Gesellschaften
mit  den  Amerikanern  in  enger  Verbindung!  An  Dividenden  verteilte ­
  die  »Walburg«  1897'—1904:  7,  5,  5,  6,  o,  o,  o,  0%.  Sie
förderte  1898:  6815  tons,  1899:  5651  tons,  1901  :  4606  tons,
1902  :  4598  tons,  1903  :  4023  tons  Rohöl.
Im  Dezember  1905  wurde  die  Gesellschaft  für  den  Preis
von  1950000  Mark  oder  1  170000  fl.  verkauft,  sodass  die
Aktionäre  (es  waren  1600000  fl.  begeben,  während  ausserdem
eine  Obligationsanleihe  von  500000  fl.  bestand)  etwa  45  %  zurückerhalten. ­
  Die  Käuferin  ist  die  »Deutsche  Tiefbohrgesellschaft«
A.-G.  in  Nordhausen.  Mitte  Juli  1906  gingen  auch  die  Pechelbronner
  Oelbergwerke  durch  Kauf  in  den  Besitz  der  Deutschen
Tiefbohrgesellschaft  über,  die  also  jetzt  die  gesamte  Oelproduktion
des  Eisass  in  ihrer  Hand  vereinigt.
Was  endlich  den  Halle-Zeitz-Weissenfelser  Braunkohlenbezirk
anlangt,  so  produziert  er,  wie  schon  kurz  erwähnt,  ausschliesslich
»Solaröl«  —  ein  schweres,  auf  den  gebräuchlichen  Lampen  schlecht
oder  garnicht  brennendes,  aus  Braunkohlenteer  destilliertes  Oel.
Der  Teer  selbst  wird  aus  bituminösen  Erden  gewonnen.  In  Frage
kommen  für  die  Industrie  9  Unternehmungen  mit  zusammen  35
Schwelereien  und  13  P'abriken,  die  sich  zu  einem  Verkaufssyndikat ­
  mit  dem  Sitz  in  Halle  zusammengeschlossen  haben.  Je  nach
der  Ergiebigkeit  der  gewonnenen  Teere  schwankt  die  Produktion
von  Solaröl  in  den  einzelnen  Jahren  naturgemäss  sehr,  geht  aber,
wie  es  scheint,  im  grossen  und  ganzen  erheblich  zurück.  Nach
von  befreundeter  Seite  gewordenen  Mitteilungen  soll  der  P'ettgehalt
  der  bearbeiteten  Braunkohlenflöze  ausserordentlich  zurückgegangen
  sein,  und  zwar  von  rund  38%  vor  10—15  Jahren  auf
jetzt  5—6  %.  Die  »Dörstewitz-Rattmannsdorfer  Braunkohlen-Ges.«
produzierte
1903/04  aus  19030  dz.  Teer  789  dz.  Solaröl  u.  Photogen  (=  ca.  4V7  %)
1904/05  »  18  366  »  »  973  ,  »  (=  »  s 1 /*  %)
Die  A.  Riebeck’schen  Montanwerke,  die  weitaus  wichtigste  Solarölproduzentin ­
  des  Bezirks,  gewannen  1902  aus  27305  tons  Teer
        <pb n="55" />
        4 8

nur  1006  tons  Solaröl.  Die  Gesamtproduktion  des  Bezirkes  berechnet ­
  sich,  wenn  das  obige  Ergebnis  der  Gesamtproduktion  zugrunde ­
  gelegt  wird  (etwa  65  400  tons),  auf  nur  rund  2400  tons
im  Jahre  1902,  d.  s.  etwa  167000  Fass  oder  ungefähr  dreimal  so
viel,  als  Leipzig  Bedarf  hat.  Für  1903  taxiere  ich  die  Gesamtsolarölproduktion ­
  auf  rund  2200  tons,  für  1904  bei  einer  Teerproduktion ­
  von  etwa  80300  tons  auf  rund  3150  tons.
Als  Leuchtöl  hat  das  Solaröl  nur  einen  lokal  sehr  beschränkten
Markt  —  ausser  in  der  Produktionsgegend  selbst  nur  noch  das
Erzgebirge  und  das  Vogtland.  Weitaus  am  meisten  wird  es  als
Motorenöl  verwendet.  Die  Preise,  die  im  Einkauf  beim  Syndikat
1902/1903  durchschnittlich  noch  Mark  15.25  per  IOO  kg  betrugen,
flauten  im  Laufe  des  Jahres  1903  bis  auf  Mark  13.78  ab  und
gingen  seitdem  noch  etwas  weiter  herunter  —  teilweise  unter  dem
Einfluss  der  sich  vergrössernden  Industrie  der  Lüneburger  Heide.
Die  deutsche  Solarölindustrie  kann  sich  rühmen,  vom  Trust
nicht  umworben  und  vollständig  »unabhängig«  zu  sein.  Das  hat
seinen  guten  Grund.  Sie  ist  eben  nicht  berufen,  eine  irgendwie
entscheidende  Rolle  auf  dem  deutschen  Markte  zu  spielen  oder
gar,  wie  man  gehofft  hat,  ein  Vorkämpfer  im  Kampf  gegen  die
St.O.C.  zu  sein.  Selbst  gesetzt  den  Fall,  es  würden  grosse  neue
fetthaltige  Kohlenflöze  entdeckt.  (NB.!  Früher  wurde  Tagebau
betrieben,  die  Gestehungskosten  waren  also  niedriger,  während
man  jetzt  schon  fast  überall  in  die  Tiefe  gehen  muss),  so  hätte
der  Trust  es  doch  stets  in  der  Hand,  im  geeigneten,  d.  h.  für
ihn  gefahrdrohenden  Augenblick  durch  Werfen  der  Preise  die
Produktion  unrentabel  zu  gestalten  und  die  P'abriken  dadurch  zu
entwerten.
Ueberblick.
Nachstehende  Aufstellung  über  die  Gesamtrohölproduktion
der  Welt  ist  für  die  Jahre  bis  einschliesslich  1904  der  Zeitschrift
»Plutus«  (1905,  39,  S.  756)  entnommen.  Die  Zahlen  bedeuten
Millionen  Tonnen.

1902

1903

1904

1905

Vereinigte  Staaten

10,980

12,557

*5

über  17

Russland

10,950

Io ,32o

10,6

6,72

Niederländisch  Indien

o.732

0,830

1,0

Galizien

0,576

0,7*4

0,827

0,802

Rumänien

0,310

0,384

0,496

0,615

Brit.  Indien

0,209

0,325

0,404

Andere  Länder

0,270

0,250

0,250

24,027

25,380

28,577
        <pb n="56" />
        —  49  —

Der  prozentuale  Anteil  der  einzelnen  Länder  betrug:

1900

1901

1902

1903

1904

Vereinigt.  Staaten

42,41

42,23

48,25

51,74

52,50

Russland

5L38

5L49

43,5°

38,73

37,12

Nieder-Indien

1,83

1,84

3U5

3,4°

3,50

Galizien

1,97

1,96

2,24

2,67

2,90

Rumänien

0,85

0,85

I  ,  I  I

1,42

1,74

Britisch-Indien

0,87

0,86

0,87

1,29

1,40

Japan

0,36

0,67

0,64

0,49

!  0,82

Deutschland

0,l8

0,19

0,20

0,23

Andere  Länder

0,04

0,02

0,02

0,03

j

Bemerkenswert  ist  das  dauernde  Abfallen  der  russischen  und
das  Wachsen  der  Produktion  sämtlicher  anderer  Länder.  Im
einzelnen  ist  noch  Folgendes  zu  erwähnen:
In  Amerika  sind  85—90%  der  gesamten  Produktion  in
den  Händen  des  Trusts.  Berücksichtigt  man,  dass  sich  dieser  eine
ausgezeichnet  eingerichtete  und  funktionierende  Absatzorganisation
in  fast  allen  Teilen  der  Welt  geschaffen  hat,  und  dass  das  amerikanische ­
  Rohöl  durchschnittlich  einen  relativ  weit  höheren  Prozentsatz ­
  an  Leuchtöl  enthält  als  sein  hauptsächlichster  Konkurrent,
das  kaukasische  Oel,  so  tritt  die  absolute  Ueberlegenheit  Amerikas
und  insbesondere  des  Trusts  noch  viel  klarer  hervor,  als  die  Zahlen
auf  den  ersten  Blick  erkennen  lassen.
Russlands  Produktion  hat  sich  in  den  letzten  Jahren
nicht  vergrössert,  ist  1905  sogar  merklich  zurückgegangen.  Infolge
der  chemischen  Zusammensetzung  seines  Erdöls  ist  es  besonders
auf  die  Erzeugung  von  Masut  angewiesen.  Die  Leuchtölproduktion ­
  steht  erst  an  zweiter  Stelle.  Es  ist  jedoch  zu  bemerken, ­
  dass  erst  der  kleinste  Teil  des  als  petroleumhaltig  erkannten ­
  Terrains  ausgebeutet  ist.  Die  Zukunft  kann  noch  grosse
Ueberraschungen  bringen.
bür  Galizien  ist  bemerkenswert  die  verhältnismässig  ausserordentlich ­
  langsame  Steigerung  der  Oelgewinnung.  Die  Oelhorizonte
  liegen  sehr  tief,  die  Produktion  ist  zersplittert,  die  Raffination ­
  noch  nicht  gleichmässig  genug,  die  Exportorganisation
noch  nicht  ausgebaut  und  beruht  auf  unsicherer  Grundlage  —  alles
in  allem:  die  Aussichten  sind  einstweilen  noch  recht  schlecht.  —
In  Rumänien  hat  die  Beteiligung  soliden  deutschen  Kapitals
eine  entschiedene  Wandlung  zum  Besseren  hervorgerufen.  Die  Produktion ­
  ist  noch  gering,  doch  ist  die  Absatzorganisation  gesund
und  ausbaufähig.
Die  anderen  Erdölproduktionsländer  kommen  für  Europa  nicht
Zeitschrift  für  die  ges.  Staatswissensch.  Ergänzungsheft  20.  4
        <pb n="57" />
        5°

in  Betracht  oder  aber  ihre  Produktion  ist  zu  minimal,  als  dass  sie
irgend  welchen  Einfluss  auf  die  Gesamtheit  haben  könnte.
Mitte  1906  haben  sich  die  unabhängigen  amerikanischen  Rohölproduzenten ­
  (Shell),  die  Russen  und  die  Rumänen  geeinigt.
Das  Kartell  kontrolliert  also  ungefähr  2 / 5  der  Weltproduktion
an  Rohöl.  Dass  dieser  Zusammenschluss  dem  bis  jetzt  allmächtigen ­
  Trust  gefährlich  werden  kann,  dürfte  kaum  zu  bezweifeln ­
  sein.
        <pb n="58" />
        4*

5i

II.  Die  Verhältnisse  in  Deutschland.
a)  Bis  zur  Aufnahme  des  Strassenwagenbetriebes.
Der  Petroleumhandel  zeigt  vermöge  der  Eigenart  der  von  ihm
vertriebenen  Ware  kaufmännisch  und  volkswirtschaftlich  ein  ganz
anderes  Gesicht  als  der  Handel  in  andern  Produkten.  Bei  ihm
handelt  es  sich  nicht  so  sehr  wie  bei  anderen  Artikeln  um  eine
durch  Verschiedenheit  der  Preise  zum  Ausdruck  gebrachte  wirkliche ­
  grössere  Qualitätsdifferenz.  Mag  das  Oel  amerikanischer,
russischer,  österreichischer  oder  was  sonst  für  welcher  Herkunft
sein,  immer  wird  die  Beurteilung  in  der  Hauptsache  auf  nur  wenige
Punkte  sich  richten;  besonders  auf  das  spezifische  Gewicht,  denn
meist  wird  das  Petroleum  im  Detailhandel  nach  Litern  verkauft,
während  es  oft  noch  jetzt  und  bis  vor  wenigen  Jahren  stets  nach
Gewicht  eingekauft  wurde.
Wie  aus  untenstehender  Tabelle  ersichtlich,  ist  das  spezifische
Gewicht  bei  den  verschiedenen  Handelsmarken  ziemlich  gleich  und
differiert  höchstens  um  etwa  25  g.  Bei  einem  Barometerstände
von  760  mm  und  einer  Temperatur  von  -j-  15 0  C  wiegt
gewöhnl.  amerikanisches  Oel  (D.-A.-P.-G.,  P.-O.C.)  ca.  800  g

gewöhnl.  russisches  Oel
russisches  Meteor-Oel
galizisches  Oel
rumänisches  Oel
Mischöl
Texasöl  (P.P.  a.G)

»  825  »
»  800—810  g

»  810  g

»  805—810  g
*  805—815  g
»  820  g

Im  Winter  ist  das  Gewicht  um  ca.  10  g  höher.  Zumeist  ist
es  abhängig  von  dem  molekularen  Aufbau  der  Oele,  d.  h.  in  der
einen  Sorte  sind  mehr  »Kernöle«  enthalten  als  in  der  andern;
weniger  von  der  mehr  oder  minder  geringen  Beimischung  von
Fremdstoffen.  Aber  ein  grosser  Teil  des  Handels  und  des  Konsums ­
  nimmt  hierauf  wenigjRücksicht,  meist  deshalb,  weil  —  er
nichts  davon  versteht.  Die  meisten  Händler  sind  überhaupt  nicht
        <pb n="59" />
        52

imstande,  den  Kilopreis,  zu  dem  sie  abgeschlossen  haben,  genau
in  den  Literpreis  umzurechnen.  Der  Vollständigkeit  halber  gebe
ich  hier  ein  Schema:
Der  Detaillist  möge  geschlossen  haben
p.  ioo  kg  inkl.  Fass  ab  Leipzig,  per  September  Mk.  23.50
Frachtkosten  und  Rollgeld  »  1.50
Monatl.  Aufschlag  v.  20  Pfg.,  durchschnittl.  p.  Dez.  gerechnet  »  —,60
Mk.  25.60
Fasspreis  (Mk.  5.—  p.  Fass  v.  180  kg  brutto;  per  100  kg,
ca.  2 /s  =  Mk.  3.50
Mk.  22.10
Dieser  Netto-Kilopreis  wird,  um  den  Literpreis  zu  erhalten,  mit
dem  spezifischen  Gewicht  multipliziert.  Da  das  am  meisten  gehandelte ­
  amerikanische  Standard  white  ein  solches  von  ca.  800  g
besitzt,  kommt  man  auf  einen  Literpreis  von  17.68  Pfg.  Handelt
es  sich  aber  um  ein  schweres  Oel,  wie  russisches  oder  Mischöl,
so  muss  der  Netto-Kilopreis  statt  mit  0.8  mit  0.82  multipliziert
werden,  so  dass  sich  ein  Literpreis  von  18.12  Pfg.,  also  ein  um
1 / 2  Pfg.  per  Liter  höherer  Preis,  herausstellen  würde.  Aber  das
schwerere  spezifische  Gewicht  dieser  Sorten  wird  meist  gar  nicht
berücksichtigt;  obendrein  sind  viele  Händler  der  Ansicht,  sie
erhielten  das  Fass  einfach  geschenkt.  Sie  bedenken  dabei  nicht,
dass  es  in  den  Kilopreis  schon  hineinkalkuliert  ist  und  dass  sie
im  Einzelverkauf  bei  weitem  nicht  die  in  Berechnung  gezogenen
5  Mk.,  den  Engrospreis,  sondern  viel  weniger  erhalten,  so  dass
sich  ihre  Rechnung  also  noch  schlechter  stellt.  Ein  Temperaturunterschied ­
  von  i°  C  macht  eine  Differenz  des  spezifischen  Gewichts ­
  von  0,0007  aus.  Wiegt  also  ein  Oel  bei  -f-  io°  C  z.  B.
810  g,  so  würde  es  bei  —15 0  C  8o6'/2  g,  bei  +  18 0  C  ca.  804^2  g
wiegen.
Ein  zweiter  Bewertungsgrund  ist  natürlich  die  Brennfähigkeit
(gleichmässige,  gelbe  Flamme  ohne  Flackern,  Geruch  und  Dochtverkohlung) ­
  des  Petroleums.  Aber  hierbei  ist  darauf  hinzuweisen,
dass  man  mit  vollem  Rechte  jedes  Oel  als  das  beste  erklären
kann.  Tatsächlich  operieren  die  verschiedenen  Gesellschaften  mit
Analysen  vereideter  Chemiker,  nach  denen  gerade  i  h  r  Oel  das
vorzüglichste  ist.  So  besitze  ich  u.  a.  eine  vergleichende  Analyse
von  Dr.  Ad.  Langfurth,  Altona  (27/9.  02),  die  zu  Ehren  des  galizischen
  Petroleums  angefertigt  wurde.  Er  schreibt:  »Sämtliche
von  mir  untersuchten  österreichischen  Petroleumsorten  sind  dem
mir  übergebenen  Vergleichspetroleum  auch  an  Leuchtkraft  über-
        <pb n="60" />
        53

legen,  sie  verbrauchen  pro  Stunde  und  Kerze  weniger  Material  .  .  .
Gehalt  an  eigentlichen  Brennölen  (zwischen  I  50  und  300°  siedend)
bei  drei  Mustern  6i 1 / 2  resp.  65  resp.  66  cm 3 ,  bei  zwei  amerikanischen ­
  Mustern  nur  39 J / 2  resp.  33  cm 3 «.  Und  dabei  ist  galizisches
Petroleum,  unvermischt,  auf  den  in  Deutschland  gebräuchlichen
Brennern  in  der  Regel  einfach  nicht  zu  gebrauchen!  Auf  solche
Analysen  kann  man  überhaupt  nichts  geben.  Es  kommt  da  meist
nur  auf  die  Lampe  selbst  (Luftzufuhr)  und  auf  den  Zylinder  an.
Der  Kuriosität  halber  füge  ich  noch  einen  Auszug  aus  der  Broschüre:
&amp;gt;Physikalisch-photometrische  Untersuchungen«  von  Curt  Prcessdorf,
Altenburg,  bei,  die  er  veröffentlichte  in  der  ausgesprochenen  Absicht, ­
  die  Minderwertigkeit  des  amerikanischen  Standard  white  darzutun. ­
  Allerdings,  »beweist«  er,  dass  es  »nicht  das  beste«  ist,
auf  einer  Lampe.  Vergleicht  man  aber  die  Beobachtungen
desselben  Verfassers  auf  einer  andern  nach  seinen  eigenen  Angaben ­
  in  Deutschland  weitverbreiteten  Lampe,  so
wird  das  Resultat  gerade  umgekehrt.

14""  Rundbrenner
»Cosmos«  W.  &amp;amp;  W.

14""  Patent  Reform  Rundbrenner ­
  S.  &amp;amp;  B.

Hefnerkerze

Verbrauch  pro
Hefnerlichtstunde


Hefnerkerze

Verbrauch  pro
Hefnerlichtstunde


»Amer.  Family  Oil«

12,28

3,48  g

14,55

3,26  g

Rein  Pennsylvan.  Oel

13,54

3,26  »

13,14

3.20  »

V2  Pennsylvania  ‘/2  Texas

13,49

3,13  »

12,18

3,3°  »

Vs  »  V 2  Galizv

12,73

3,49  »

14,12

3,24  »

V 2  »  Vs  Russ.

13,10

3,—  »

n,6o

3,16  »

Russisches  »Meteor«r  0,810

11,62

3,19  »

11,51

3,24  .

»  »  0,799

11,44

3,46  -

10,49

3,38  »

»  »Nobel«  0,824

9.97

3,45  »

9,97

3,75  »

Galizisches  Oel

i°.53

3,60  »

9,56

3,73  »

Rumänisches  (leicht)

11,76

3,43  .

10,92

3,55  »

*  (schwer)

1  o,3S

3,48  »

9,34

3,89  »

Texas  Oel

8,54

4,o3  »

9,06

3,89  »

Die  Gele,  die  sich  nach  Lichtstärke  oder  Oelverbrauch  besser
stellen  als  das  »American  Lamily  Oil«,  sind  durch  stärkeren  Druck
hervorgehoben.
Bei  jeder  anderen  Warengattung,  nehmen  wir  Kaffee,  Tabak,
Wolle  oder  was  wir  wollen,  wird  jede  einzelne  Lieferung  besonders
und  differentiell  bewertet.  Da  spricht  das  Aussehen,  der  persönliche ­
  Geschmack,  die  Verwendbarkeit  zu  einem  bestimmten  Zwecke,
das  momentane  Bevorzugtsein  einer  bestimmten  Nuanzierung  (Perlkaffee, ­
  mausgraue  Tabake!),  da  sprechen  ausserdem  eine  ganze
        <pb n="61" />
        54

Menge  subtiler  und  subtilster  Bewertungsgründe  mit.  So  entstehen
manchmal  ausserordentlich  hohe  Preisunterschiede.
Beim  Petroleum  nichts  dergleichen.  Man  kauft  einfach  »Petroleum« ­
  und  kümmert  sich  wenig  darum,  woher  es  kommt,  wenn  es
nur  brennt  und  vor  allem  billig  ist.  Ob  es  weiss  aussieht,  wie
das  russische  oder  schön  blau  fluoresziert  wie  das  amerikanische,
ist  dem  Verbraucher  einerlei.  Oft  wird  das  amerikanische  Oel  im
Kleinhandel  nur  deshalb  bevorzugt,  weil  es  »amerikanischen«  Ursprungs, ­
  also  etwas  P'eines,  Besonderes  ist!  Gerade  dieser  Umstand ­
  hat  dem  Import  amerikanischer  Leuchtöle  ungeheuer  genützt.
Diese  Indifferenz  des  Konsumenten  blieb  nicht  ohne  Einfluss
auf  den  Pländler.  Was  die  Grosshändler  anlangt,  so  waren  sie
meist  durch  langfristige  Verträge  der  Gesellschaft,  von  der  sie
bezogen,  verpflichtet  und  genossen  dafür  längeres  Ziel  und  Vorzugspreise. ­
  Andererseits  hatten  sie  dann  wieder  die  Detaillisten
durch  mannigfache  Geschäftsverbindungen,  oft  auch  durch  Vorschüsse, ­
  Hypotheken  etc.  fest  an  der  Hand.  Da  obendrein  die
Qualität  der  gelieferten  Ware,  besonders  seit  der  Annahme  des
fire-test-Punktes,  ziemlich  gleich  blieb  und  Preistreibereien  zu  den
Ausnahmen  gehörten,  so  gewöhnten  sich  die  kleineren  Händler,
stets  nur  bei  einem  Grossisten  zu  kaufen  und  im  Herbst  friedlich
den  Winterbedarf  abzuschliessen,  um  für  die  Hauptbedarfszeit  einen
festen  Preis  zu  haben.  Im  Sommer,  wo  die  Preise  herabzugehen
pflegten,  kaufte  man  dann  wieder  loko.
Ein  zweiter  Umstand,  der  dem  Petroleumhandel  seine  eigentümliche ­
  Signatur  auf  drückt,  ist  die  wegen  der  Feuergefährlichkeit
umständliche  und  wegen  der  bituminösen  Bestandteile  wenig  reinliche ­
  Lagerung  und  Behandlung  des  Artikels.  Besonders  erstgenannter ­
  Umstand  fällt  sehr  ins  Gewicht  und  hat  veranlasst,  dass
Aufbewahrung  und  Handel  mit  Petroleum  mannigfachen  scharfen,
oft  zu  scharfen  feuer-  und  gesundheitspolizeilichen  Bestimmungen
unterliegen,  mehr  als  irgend  ein  anderer  Konsumartikel.  Ganz
natürlich,  denn  jede  Regierung  hat  die  Pflicht,  ihre  Untertanen
vor  Schaden  möglichst  zu  bewahren.
Nicht  zum  mindesten  sind  es  diese  gesetzlichen  Vorschriften,
die  den  jetzt  im  Aussterben  begriffenen  Gross-  und  Zwischenhandel
seinerzeit  grossgemacht  haben.  Andere  Waren,  selbst  wenn  sie
leicht  Feuer  fangen  können,  wie  Tabak,  Getreide,  Baumwolle,
Kohle  können  überall  in  beliebigen  Quantitäten  ohne  besondere
Sicherungsmassregeln  gelagert  werden,  Petroleum  dagegen  nicht.
        <pb n="62" />
        SS

Die  Beschränkungen  beginnen  schon  bei  der  Einfuhr,  wo  ein
bestimmter  Entflammungspunkt  »fire-test«  (21 0  C  bei  760  mm
Barometerstand)  gefordert  ist.  Jede  ankommende  Ladung  wird
vor  der  Freigabe  zur  Entlöschung  genau  daraufhin  untersucht.
Dies  ist  eine  nur  zu  billigende  Massnahme,  und  man  hat  durch
sie  die  Einfuhr  von  leicht  explodierbaren  Oelen,  die  vor  Festsetzung ­
  des  »Testpunktes«  (1882)  zum  Schaden  von  Menschenleben ­
  und  Gut  sehr  im  Schwange  war,  unmöglich  gemacht.  Seit
der  Zeit  sind  Explosionen  von  Petroleumlampen  nur  noch  Ausnahmen. ­
  Sie  kommen  zwar  noch  häufig  genug  vor,  liegen  aber
nicht  so  sehr  in  der  Feuergefährlichkeit  der  Ware  als  solcher  als
vielmehr  in  unvorsichtiger  Behandlung  und  im  Zufall  begründet.
Einer  scharfen  feuerpolizeilichen  Ueberwachung  sind  die
grossen  Lager  (»Verladestellen«)  unterworfen.  Wenn  schon  infolge ­
  des  spezifisch  geringen  Eigenwertes  des  Petroleums  ein  ausgedehnter ­
  Lagerplatz  zur  Aufnahme  einer  grösseren,  verhältnismässig ­
  aber  garnicht  so  wertvollen  Menge  nötig  ist  und  infolgedessen ­
  nur  auf  billigem  Gelände  und  von  kapitalkräftigen  Firmen
angelegt  werden  kann,  so  sind  vollends  wegen  der  unbedingt  notwendigen ­
  Sicherungsbestimmungen,  die  die  Anlage  noch  mehr
verteuern,  nur  wenige  Plätze  hierfür  geeignet.  Bei  Lagerung  von
über  5000  kg  findet  jetzt  fast  stets  Aufbewahrung  in  Tanks  statt.
Sind  diese,  wie  die  Tanks  von  mehr  als  50  tons  Inhalt  immer,
oberirdisch,  »so  darf  die  Lagerung  nur  auf  besonderen  Lagerhöfen
ausserhalb  der  geschlossenen  Ortslage  erfolgen«.  Um  diese  Lagerhöfe ­
  muss  ein  feuersicherer  Erdwall  aufgeschüttet  werden,  der
in  seiner  Umwallung  »mindestens  drei  Viertel  der  grössten  genehmigten ­
  Lagermengen  aufnehmen  kann«.  Ferner  müssen  sie
auf  allen  Seiten  von  einer  50  m  breiten  Schutzzone  umgeben  sein,
die  als  Teil  des  Lagerhofes  gilt  und  deren  Fortbestand  rechtlich
sicher  zu  stellen  ist.  Die  Tanks  selbst  sind  mit  Blitzableitern  zu
versehen.  Ausserdem  sind  natürlich  detaillierte  Vorschriften  über
den  Gebrauch  von  Licht,  über  das  Bauen  von  Arbeitsräumen
innerhalb  des  Lagerhofes,  das  Ableiten  der  Dämpfe  aus  den
Tanks  durch  kleine  Schornsteine,  vorrätig  zu  haltende  Atmungsapparate ­
  u.  s.  w.  zu  beachten.  Die  grossen  Verladestellen,  wie
Nordenham  ,  Geestemünde  (der  Kaiserhafen  in  Bremerhafen  —
Geestemünde  war  ursprünglich  nur  als  Petroleumhafen  projektiert),
Hamburg  (besonderer,  gut  120  000  qm  grosser  Petroleumhafen  —
(die  D.-A.  P.-G.  hat  in  ihm  allein  13  Tanks  mit  einer  Gesamtfassungs-
        <pb n="63" />
        56

menge  von  167000  Fass  stehen)  u.  s.  w.,  wo  eine  ganze  Anzahl
Tanks  —  ä  je  ca.  14000  Fass  Inhalt!  —  zusammensteht,  erfordern ­
  demgemäss  ein  Areal,  das  nach  Zehntausenden  von  qm
misst.
Auf  diesen  dem  übrigen  Warenverkehr  entzogenen  Plätzen
pflegen  übrigens  auch  die  grossen  Fasslager,  Fassfabriken  und
Reparaturwerkstätten  zu  liegen,  sodass  eine  solche  Anlage  mitunter ­
  eine  imposante  Grösse  erreicht.
Aber  auch  schon  die  Fassläger  der  lokalen  Grosshändler
mussten  eine  relativ  erhebliche  Ausdehnung  haben,  umsomehr,
da  für  die  Hauptbedarfszeit,  während  der  eine  Zufuhr  oft  nur
unter  Schwierigkeiten  möglich  war,  immer  genügend  Vorrat  dasein
  musste.  Da  ausserdem  bei  diesen  Lägern  hohe  Leckage  unvermeidlich ­
  war,  stellte  sich  die  Lagerung  schon  an  sich  sehr
teuer,  jedenfalls  verhältnismässig  viel  teurer  als  diejenige  in
Tanks.
Alle  diese  eben  erwähnten  Umstände  wirkten  zusammen,
um  den  Petroleumhandel  in  der  Hand  verhältnismässig  weniger
Grossisten  zu  konzentrieren,  zunächst  in  der  der  Importfirmen.
Als  die  Amerikaner  daran  dachten,  ihr  Produkt  auf  dem
deutschen  Markte  einzuführen,  stiessen  sie  zuerst  auf  grosse
Schwierigkeiten.  Niemand  wollte  sich  mit  dem  feuergefährlichen
und  ekelhaften  Steinöl,  dessen  Absatzfähigkeit  man  damals  noch
nicht  entfernt  ahnte,  befassen.  Erst  nach  längerem  Zaudern  entschlossen ­
  sich  der  Geestemünder  Spediteur  Wilh.  A.  Riedemann
und  die  Bremer  Firma  Alb.  Nie.  Schütte  &amp;amp;  Sohn,  Inhaber  die
Brüder  Franz  Ernst  und  Karl  Schütte  ,  die  Vertretung  zu  übernehmen. ­
  Der  Versuch  glückte,  und  Millionen  auf  Millionen
rollten  den  glücklichen  Mitbegründern  und  genialen  Leitern  der
Deutsch-Amerikanischen-Petroleum-Gesellschaft  in  den  Schoss.
Bald  darauf  kamen  noch  einige  andere  Firmen,  Bremer  und  Plamburger,
  hinzu.
Der  ganze  Handel  beschränkte  sich  naturgemäss  zuerst  nur
auf  das  Fassengrosgeschäft.  Die  gefüllten  Fässer  kamen  auf
Seglern  herüber,  wurden  im  Hamburger  und  Bremer  Hafen  eingelagert ­
  und  in  Quantitäten  von  meist  je  mehreren  hundert  Fass
an  die  grösseren  binnenländischen  Grossisten  abgesetzt,  die  ihrerseits ­
  nicht  immer  schon  direkt  an  die  Detaillisten,  oft  erst  noch
wieder  an  kleinere  Platzgrossisten  ladungs-  oder  fassweise  absetzten. ­
  Aus  den  Holzfässern  in  den  Läden  der  Detaillisten
        <pb n="64" />
        —  57  -
wurde  das  Oel  dann  endlich  in  die  von  den  Kunden  mitgebrac
Gefässe  gefüllt.
Dies  ist  in  rohen  Umrissen  das  Petroleumgeschäft  vor  kau
20  Jahren!  Wie  ganz  anders  jetzt!  Radikale  Aenderungen  haben ­
  den  Erwerb  sehr  vieler  Existenzen  ganz  vernichtet  oder  doch
erheblich  geschmälert,  ein  ganzer  blühender  Handelszweig  ist
nahem  Untergange  geweiht,  aber  das  Geschäft  als  solches  nimmt
von  Jahr  zu  Jahr  riesenhaftere  Dimensionen  an,  trotz  Gas,  Elektrizität ­
  und  Spiritusglühlicht.  Die  Gesamteinfuhr  stieg  beständig,
von  320731  tons  im  Jahre  1880  auf  1106282  tons  im  Jahre  1903,
also  während  dieser  Zeit  auf  über  das  Dreifache.  Auch  der  Bedarf ­
  pro  Kopf  steigt  noch  immer.  Er  betrug  im  Durchschnitt  der
Jahre

1866/70  :

1,87

kg

1896/1900

16,97

kg

1871/75  :

3,75

»

1901

16,89

»

1876/80  :

5,4°

»

1902

16,87

»

1881/85  =

8,54

»

1903

17,37

»

1886/90  :

I  I,6l

1904

17,35

»

1891/95  :

14,82

»

Petroleum  ist  ein  Massenartikel  xax’  e^oX'fyv.  Grosse  Qualitätsunterschiede ­
  sind,  wie  bereits  eingangs  erwähnt,  nicht  vorhanden. ­
  Reklame  wäre  bei  der  eigentümlichen  Gestaltung  des
Zwischengrosshandels  zwecklos  gewesen.  So  blieb  beim  Zusammenprall ­
  der  mächtigen  Interessentengruppen  im  Kampfe  um  den
Markt  nichts  anderes  übrig,  als  möglichst  billig  zu  verkaufen.
An  der  Ware  selbst  konnte  man  aber  wegen  ihres  sehr  geringen
spezifischen  Eigenwertes  unter  normalen  Verhältnissen  nichts
verdienen.  Es  blieb  also  nur  ein  Weg:  Verbilligung  des  Transports ­
  durch  Verkürzung  des  Weges  vom  Importeur  zum  Detaillisten. ­
  Durch  den  Zwischenhandel  wurde  die  Ware  übermässig
verteuert.  Seine  Ausschaltung  war  einfach  ein  Gebot  der  Zweckmässigkeit, ­
  ja  der  Notwendigkeit.  Die  Marksteine  auf  dem  Wege
von  dem  eben  geschilderten  Verhältnis  bis  zum  heutigen  sind
also  die  folgenden:  Verbilligung  des  Transports  an  sich,  Verminderung ­
  der  Leckage,  Ausschaltung  des  Zwischenhandels.  Zunächst ­
  musste  man  sein  Augenmerk  auf  ersteren  richten,  um  sich
erst  einmal  eine  geeignete  Operationsbasis  zu  schaffen.
Wie  man,  zuerst  in  Amerika,  den  Transport  des  Oeles  in
Holzfässern  verliess  und  diese  durch  eiserne  Emballagen  ersetzte,
wie  man  Tanks,  Tankschiffe,  Röhrenleitungen  baute,  ist  schon
kurz  erwähnt  worden.  In  Deutschland  machte  man  sich  die  drüben ­
  gemachten  Erfahrungen  bald  zu  nutze:  schon  1886  liefen  die
        <pb n="65" />
        58

ersten  eisernen  Kesselwagen,  die  Riedemann  und  Schütte  hatten
erbauen  lassen.  Ein  grosser  Ausbau  ihres  Wagenparkes  erfolgte
1890  nach  ihrem  Eintritt  in  die  Deutsch-Amerikanische  Petroleum-Gesellschaft.
  Sodann  wurden  im  Binnenlande  an  grösseren  günstig ­
  gelegenen  Handelsplätzen  grosse  Reservoire  erbaut,  eiserne,
zylindrisch  geformte  Behälter,  die  ein  Quantum  von  14000  Barrels ­
  fassen  konnten.  In  diese  wurde  jetzt  das  durch  die  rund
7500  tons  fassenden  Seetankdampfer  herübergeschaffte  Oel,  nachdem ­
  es  durch  Flusstankschiffe  oder  Leichter  stromaufwärts  transportiert ­
  war,  durch  Maschinenkraft  hineingepumpt.  Solche  grössere
Niederlagen  bestehen  jetzt  in  allen  Hauptumschlagsplätzen,  in
Stettin,  Küstrin,  Posen,  Neusalz  a.  O.,  Breslau,  Stralsund,  an  der
Elbe  ausser  in  Hamburg  in  Harburg,  Magdeburg,  Rosslau,  Riesa
und  Dresden,  in  Berlin,  in  Geestemünde,  Nordenham,  Duisburg,
Düsseldorf,  Bendorf,  Mannheim,  Frankfurt  a.  M.,  Strassburg,
Basel,  Hüningen.  Der  Transport  geschieht  während  des  ganzen
Jahres,  meist  jedoch  im  Sommer  und  Herbst,  wo  die  Flüsse  eisfrei ­
  sind  und  die  Zeit  des  geringeren  Konsums  ist,  die  Arbeitskräfte ­
  also  anderweitig  nicht  so  in  Anspruch  genommen  sind.
Gegen  Oktober  hin  sind  die  Tanks  dann  alle  möglichst  gefüllt.
Einen  wie  enormen  Vorteil  dieses  System  gegenüber  einer
nicht  durch  ein  leistungsfähiges  Netz  von  Inlandslägern  gestützten
Gesellschaft  bietet,  war  besonders  1904  ersichtlich.  Wie  erinnerlich, ­
  zeichnete  sich  dies  Jahr  durch  eine  früh  einsetzende  und  ungewöhnlich ­
  lange  dauernde  Periode  grosser  Trockenheit  und  niedrigen ­
  Wasserstandes  aus.  Die  Binnenschiffahrt  wurde  in  weitestem ­
  Umfange  lahmgelegt.  Als  hiervon  mit  am  schwersten  getroffen, ­
  greife  ich  Sachsen  heraus.  Die  Läger  der  Deutsch-Amerikanischen-Petroleum-Gesellschaft
  (»D.-A.  P.-G.«)  in  Rosslau  und
Riesa  waren  infolge  weitsichtiger  Transportpolitik  zum  Bersten
gefüllt,  während  die  derzeit  schärfste  Konkurrenz,  die  Pure  Oil  Co.,
ihr  kleines  Riesaer  Lager  vollständig  geräumt  hatte  und  sich  nun
vor  die  Notwendigkeit  gestellt  sah,  sich  Oel  aus  den  Hafenplätzen
zu  verschaffen.  Der  Leichterverkehr  auf  der  Elbe  hatte  eingestellt ­
  werden  müssen,  der  Landtransport  blieb  der  einzige  Weg.
Tausende  von  Fässern  gingen  leer  nach  Stettin  und  wurden  von
dort  aus  (25%  Tarafracht!)  gefüllt  wieder  versandt,  und  ihre  Zisternen ­
  holten  das  Oel  aus  Stettin,  Plamburg,  Ludwigshafen  und
gingen  von  dort  wieder  nach  Leipzig,  Chemnitz  etc.  zurück.  Wie
grosse  Frachtdifferenzen  in  Frage  kommen,  möge  folgende  Zu ­
        <pb n="66" />
        59

sammenstellung  zeigen.
Nach  freundlicher  Mitteilung  einer  grossen  Binnenschiffahrtsgesellschaft ­
  beträgt  die  Kahnfracht  für  Petroleum  (in  Tankkähnen)
von  Hamburg  nach  Rosslau  12,  nach  Dresden  15  Pfg.  p.  IOO  kg.
Dazu  kommen  noch  etwa  15  bez.  25  Pfg.  p.  IOO  kg  Schlepplohn.
  Also  käme  eine  Gesamtfracht  von  27  Pfg.  p.  IOO  kg  von
Hamburg  nach  Rosslau  heraus,  welcher  Satz  sich  jedoch  für  die
D.-A.  P.-G.  noch  etwas  ermässigen  dürfte,  da  diese  eigene  Kähne
besitzt.  Demgegenüber  beträgt  die
Zisternenfracht  (10000  lcg)  Hamburg/Rosslau  Mk.  1.96  p.  100  kg
Fässerfracht  bei  Doppelladungen  (56  Fass)  »  2.45  »  »  »
»  »  »  (28  t&amp;gt;  )  »  2.82  »  »  »
Die  Pure  Oil  Co.  musste  also  pro  IO  tons  —  Zisterne  mehrere ­
  hundert  Mark  Mehrkosten  an  Fracht  bezahlen!  Aber  nur
so  war  es  ihr  möglich,  die  Abforderungen  auf  laufende  Schlüsse,
wenigstens  in  der  Hauptsache,  zu  befriedigen.  Lokoverkäufe
konnten  überhaupt  nicht  gemacht  werden,  Schlüsse  nur  auf  späte
Lieferung.  Mehrfach  kaufte  sie  durch  Strohmänner  von  der  D.-A.
  P.-G.  Diese  Kalamität  dauerte  bis  in  den  Winter  hinein  und
hatte  natürlich  für  die  Pure  Oil  Co.  die  nachteiligsten  Folgen.
Nachdem  einmal  die  grossen  Binnenläger  errichtet  waren,
waren  die  Inlandsgrosshändler  auf  Bezug  von  diesen  angewiesen.
Ab  Seehafen  konnten  sie  oft  nicht  mehr  kaufen,  weil  ihnen  die
billige  Transportmöglichkeit  nicht  zu  Gebote  stand,  da  die  Frachtdifferenz ­
  die  Einstandkosten  so  sehr  in  die  Höhe  schraubte,  dass
eine  Konkurrenz  gegen  ab  einem  solchen  Inlandslager  kaufende
Händler  meist  ausgeschlossen  war.  Der  Bau  von  eigenen  Kesselwagen ­
  oder  gar  Tankkähnen  verbot  sich  von  selbst.  Auch  wenn
der  Grosshändler  die  Fässer  auf  dem  Wasserwege  gehen  lässt,
kommt  er  schlechter  weg  als  die  Gesellschaft.  Denn  einmal
muss  er  die  von  den  Schiffahrtsgesellschaften  geforderten  Sätze
bezahlen,  sodann  findet  er  nicht  immer  rechtzeitig  einen  Leichter,
der  Petroleum  mitnimmt,  denn  die  gesetzlichen  Bestimmungen
über  den  Wassertransport  grösserer  Petroleummengen  sind  ziemlich ­
  peinlich.  Aber  wenn  er  auch  ein  Schiff  findet,  so  muss  er  doch
immer  mehr  Räume  mieten,  als  er  eigentlich  gebraucht,  aus  dem
einfachen  Grunde,  weil  Petroleum  nicht  nahe  an  andere  Güter
verstaut  werden  darf.  Diese  ziehen  entweder  den  Geruch  an
oder  leiden  unter  der  unausbleiblichen  Leckage.  Die  D.-A.  P.-G.
dagegen  kann  als  alleinige  Verfrachterin  den  ihr  zur  Verfügung
        <pb n="67" />
        6o

stehenden  Schiffsraum  voll  ausnutzen  und  ist  durch  ihren  eigenen
Schiffs-  und  Wagenpark  in  den  Stand  gesetzt,  nach  und  nach
in  den  Sommer-  und  Herbstmonaten  die  grossen  Binnenläger  und
aus  diesen,  auch  immer  rechtzeitig,  die  kleineren  Läger  an  den
einzelnen  Tankbetriebsstationen  zu  füllen.  Im  Winter  werden  die
Zisternen  mehr  für  Grossisten  gebraucht.  Die  Auffüllung  der  in
den  kleinen  Tanks  für  den  eigenen  Betrieb  lagernden  Mengen
kann  aber  unter  diesen  Umständen  dann  meist  so  lange  hinausgeschoben ­
  werden,  bis  die  Zisternen  wieder  frei  sind.  So  kommt
die  D.-A.  P.-G.  mit  einem  verhältnismässig  sehr  kleinen  Wagenpark ­
  aus  —  etwa  eine  Zisterne  für  jede  Tankbetriebsstelle,  im
ganzen  etwa  750  Stück  (nach  freundlicher  Angabe  der  D.-A.  P.-G.).
Von  grossem  Einfluss  ist  ferner  die  Leckage.  Auch  die
bestgearbeiteten  B'ässer  leiden  durch  die  Witterung.  Die  Reifen
springen,  die  Fugen  lockern  sich,  und  ein  oft  sehr  hoher  Prozentsatz ­
  des  Inhalts  geht  verloren.  Die  D.-A.  P.-G.  dagegen  ist
durch  den  Transport  in  Tankkähnen  vor  solchen  Verlusten  geschützt. ­
  Auf  jeden  Fall  ist  das  Untergewicht  unverhältnismässig
viel  kleiner  und  dürfte,  bei  einem  Transport  von  Hamburg  nach
Dresden  z.  B.,  nicht  mehr  als  höchstens  1 / 2  %  betragen  gegen
das  Mehrfache  beim  Fassversand.  Durch  längeres  Lagern  in
Fässern  löst  sich  auch  häufig  der  Leim.  Das  Oel  wird  trübe.
Es  klärt  sich  zwar  grösstenteils  durch  Lagern  wieder,  ein  nicht
unerheblicher  Prozentsatz  bleibt  hierbei  jedoch  stets  verloren.
Was  zuletzt  die  Ausschaltung  der  Grosshändler  anbelangt,
so  wurde  die  D.-A.  P.-G.  auf  einem  ganz  natürlichen  Wege  dazu
gedrängt.  Sie  ist  wohl  eine  künstlich  beschleunigte,  davon  abgesehen ­
  aber  eine  geradezu  notwendige  Folge  der  Entwicklung.
Im  grossen  und  ganzen  hatte  die  Gesellschaft  das  übermässig
teure  Plolzfassgeschäft  schon  abgeschafft:  sie  hatte  die  Segler  durch
Tankdampfer  ersetzt  (bezog  also  keine  Holzfässer  mehr  aus  Amerika), ­
  hatte  eiserne  Kesselwagen  gebaut,  errichtete  überall  Tanks.
Andererseits  füllten  auch  schon  vielfach  die  Kleinhändler  das
fassweise  gekaufte  Oel  in  eigene  eiserne  Pumpbehälter.  Die
einzigen,  die  also  noch  Holzfässer  gebrauchten,  waren  die  lokalen
Grosshändler.  Nun  war  die  D.-A.  P.-G.  die  einzige  Gesellschaft,
die  eigene  Fassfabriken  hatte.  Die  Herstellungskosten  eines
Fasses  sollen  sich  auf  rund  5.50  Mk.  stellen.  Durch  den  Verkauf ­
  von  Fassöl  ging  das  Fass  in  das  Eigentum  des  Käufers  über.
Die  andern  Gesellschaften  waren  also  in  der  Lage,  es  von  diesem
        <pb n="68" />
        6i

zu  erwerben,  und  zwar  zu  einem  billigeren  Preise  (Mk.  475  bis
höchstens  Mk.  5.40  im  Durchschnitt),  obwohl  es  jetzt  besser  war
als  neu.  Denn  neue  Fässer  halten  beim  ersten  Transport  schlecht;
erst  nach  zwei-,  dreimaliger  Verfrachtung  und  Verböttcherung
kann  man  sie  als  »gut«  bezeichnen.  Also  hatte  die  D.-A.-P.-G.
ausser  der  Mühe  der  Herstellung,  aus§er  ihren  tatsächlichen  Verlusten ­
  an  den  Fässern  selbst  noch  die  höhere  Leckage  zu  tragen.
Ganz  natürlich  war  es,  dass  sie  auf  Abhilfe  sann.  Jetzt  hat  sie
ihre  Geestemünder  Fassfabrik  schon  seit  längeren  Jahren  stillliegen ­
  und  kauft  die  Fässer  grossenteils  nur  noch  auf  dem  Markte
zusammen.
Dass  der  selbständige  Inlandsgrossist  gegen  den  oben  geschilderten ­
  grossartig  funktionierenden  und  rationell  arbeitenden
Betrieb  der  D.-A.-P.-G.  nicht  aufkommen  konnte,  ist  klar.  Er
machte  deshalb  aus  der  Not  eine  Tugend  und  kaufte  nur  mehr
ab  einem  der  grossen  Inlandsläger.  Dadurch  geriet  er  allerdings
in  ein  ziemlich  festes  Abhängigkeitsverhältnis  zur  D.-A.-P.-G.  oder
richtiger  gesagt,  lieferte  sich  ihr  auf  Gnade  und  Ungnade  aus.
Denn  wenn  er,  wie  der  sächsische  Grossist,  z.  B.  »ab  Rosslau,
Riesa,  Dresden«  kaufte,  so  brauchte  er  naturgemäss  kleinere
Quanten  abzunehmen,  als  er  bei  direktem  Bezüge  »ab  Bremen—
Hamburg«  abgenommen  haben  würde.  Er  kaufte  nicht  mehr  so
viel  Ware  auf  Vorrat,  sondern  rief  sie  nach  Bedarf  ab.  Bald
war  er  garnicht  mehr  auf  grössere  Bezüge  eingerichtet,  bezog  in
geliehenen  Zisternenwagen,  geliehenen  Eisenfässern,  kurz,  gab
seine  selbständige  Stellung  ganz  unmerklich  auf.  Wenn  die  D.-A.-P.-G.
  ihn  nicht  schon  vorher  in  ein  bestimmtes  festes  Verhältnis ­
  zu  sich  gebracht  hatte,  so  hatte  sie  jetzt  gewonnenes  Spiel;
wie  die  Entwicklung  der  Tatsachen  gezeigt  hat,  hat  sie  sich  diese
Blösse  der  Grosshändler  auch  nutzbar  gemacht.  Hatte  sie  doch
jetzt  eine  Waffe  in  der  Hand,  der  jene  nicht  gewachsen  waren.
Zur  Kaltstellung  der  sich  ihr  geneigter  zeigenden  Grosshändler
standen  der  D.-A.-P.-G.  zwei  Wege  offen.  —  Handelte  es  sich
um  grosse,  alteingeführte  Firmen,  so  kaufte  sie  diese  oder  wenigstens ­
  deren  Petroleumgeschäft  in  nicht  seltenen  Fällen  einfach
auf,  wie  dies  z.  B.  bei  einem  bedeutenden  früheren  Leipziger
Grosshändler  geschah.  Der  Absatz  der  aufgekauften  Firmen  ging
natürlich,  weil  absichtlich  herbeigeführt  und  der  D.-A.-P.-G.  zugeschoben, ­
  rapid  zurück.  Andererseits  war  es  dieser  möglich,
durch  die  aufgekaufte  Firma,  deren  Name  vorläufig  bestehen
        <pb n="69" />
        62

blieb,  auch  mit  solchen  Händlern  Geschäfte  zu  machen,  die  von
ihr  selbst  nichts  wissen  wollten.
Mit  den  kleineren  Zwischenhändlern  machte  man  weniger
Umstände.  Man  liess  ihnen  die  Wahl,  ob  sie  einen  Vertrag  eingehen
  wollten  oder  nicht.  Verhielten  sie  sich  ablehnend,  so
mussten  sie  ihren  Absatz,  hoffnungslos  schwinden  sehen,  ohne
irgend  eine  Entschädigung  dafür  zu  erhalten.  Die  Einsichtigeren
entschlossen  sich  daher  meist  zu  einem  Vertrag,  der  ihnen  wenigstens ­
  für  einige  Jahre  eine  angemessene  Ausfallentschädigung
bot  und  ihnen  obendrein  gewisse  kleine  Vorteile  beim  Einkauf
sicherte.  Die  Mindestverkaufspreise  waren  ihnen  vorgeschrieben,
Mehrforderungen  durften  sie  stellen.  Das  Resultat  solcher  Abmachungen ­
  liegt  auf  der  Hand  :  die  Grosshändler  wurden  zu  einem
willenlosen  Werkzeug  der  D.-A.-P.-G.  Versuchten  sie  wirklich
einmal  die  Fesseln  abzustreifen,  so  wurden  sie  durch  eine  brutale ­
  Preispolitik  bald  mürbe  gemacht.  Ein  Kampf  ist  für  sie,  da
sie  keinen  festen  Rückhalt  haben  und  ihr  Absatzgebiet  beschränkt
ist,  auf  die  Dauer  aussichtslos.  Um  so  mehr,  da  ihn  die  D.-A.-P.-G.,
  wenn  auch  unter  augenblicklichen  eigenen  Verlusten,  ausfechten ­
  muss.  Hat  sie  doch  an  der  Vernichtung  des  Zwischenhandels ­
  ein  vitales  Interesse.
Bislang  war  immer  nur  von  der  D.-A.-P.-G.  die  Rede.  Sie
ist  bei  weitem  die  bedeutendste  in  Deutschland  arbeitende  Petroleumgesellschaft, ­
  operierte  am  ersten  mit  solchen  Verträgen,
und  ihr  Vorgehen  ist  für  die  andern  Gesellschaften  typisch.  Das
Verhältnis  dieser  Gesellschaften  zu  einander  ist  später  noch  zu
besprechen.
In  ausgedehnter  Weise  brachte  auch  die  Schwestergesellschaft
der  D.-A.  P.-G.,  die  Mannheim-Bremer-Petroleum-Aktiengesellschaft, ­
  solche  Verträge  zur  Anwendung.  Sie  erregten  s.  Zt.,  als  zuerst ­
  etwas  darüber  in  die  Oeffentlichkeit  drang,  einen  solchen
Sturm  der  Entrüstung,  dass  sie  —  1897  —  sogar  zu  einer  Interpellation ­
  im  Reichstage  Veranlassung  gaben.  Die  Folge  war,
dass  einige  verfängliche  Klauseln  beseitigt  wurden,  sonst  aber
alles  beim  alten  blieb.
Bemerkenswert  ist,  dass  die  Fesselung  des  freien  Handels
nicht  allein  von  den  beiden  eben  erwähnten  Gesellschaften,  sondern ­
  in  ganz  ähnlicher  Weise  auch  von  den  anderen  grossen  Importfirmen ­
  angestrebt  wird.  Selbst  die  Pure  Oil  Company,  die,
weil  »unabhängig«,  von  den  enragierten  »Monopolgegnern«  ge-
        <pb n="70" />
        63

wohnlich  als  der  weisse  Rabe  hingestellt  wird,  verpflichtet  die
von  ihr  kaufenden  Grossisten  durch  Geheimverträge.  Im  §  I  eines
solchen  Vertrages  heisst  es:  »Die  Firma  N.  N.  verpflichtet  sich,
Petroleum  nur  von  der  Pure  Oil  Co.  zu  beziehen  .  .  .  sowie
weder  direkt  noch  indirekt  ausser  mit  der  Pure  Oil  Co.  mit  Petroleum ­
  zu  handeln«.  Der  §  6  enthält  folgende  Bestimmung:
»Die  Firma  N.  N.  hat  an  allen  Plätzen  zum  gleichen  Literpreise
zu  verkaufen,  den  die  Konkurrenz  in  H.  für  Lieferung  ex  Strassentankwagen
  notiert.  Unter  keinen  Umständen  darf  die  Firma
N.  N.  ohne  die  schriftliche  Genehmigung  der  Pure  Oil  Co.  unter
diesem  Literpreise  verkaufen«.  Als  Aequivalent  erhält  N.  N.
90/120  Mk.  pro  Zisterne  ä  ca.  10  000  kg.
In  sozial-ethischer  Hinsicht  ist  dieses  Verschwinden  eines
ehemals  blühenden  Handelszweiges  gewiss  sehr  bedauerlich,  aber
objektiv  volkswirtschaftlich  betrachtet  ist  es  nur  das  Abschneiden
eines  überflüssigen  und  unnütz  Säfte  verzehrenden  Astes  vom
Stamm.  Jeder  Zwischenhandel  verteuert  die  Ware.  Dieser  Uebelstand
  spricht  besonders  bei  einem  Massenkonsumartikel,  der  auch
dem  kleinsten  Haushalt  unentbehrlich  ist,  mit.  Schon  deshalb
ist  er  theoretisch  sehr  angreifbar.  Dass  er  es  auch  in  der  Praxis
ist,  beweist  die  ganze  moderne  Entwicklungsgeschichte;  man
denke  nur  an  den  Reis-  und  Kohlenhandel.  Die  Ausmerzung
tut  weh,  kann  aber  nicht  umgangen  werden.  Der  vielverteidigte
und  vielbeklagte  Petroleumzwischenhandel  steht  nur  wegen  der
eigenartigen  Verhältnisse  des  Artikels  im  Vordergrund  des  Interesses, ­
  ist  aber  für  viele  andere  Zweige  des  Zwischenhandels  typisch. ­
  Ja,  es  ist  leider  Tatsache,  dass  aus  denselben  Gründen
nicht  nur  die  »zweite  Hand«,  sondern  der  ganze  Handel  bei  der
jetzigen  Gestaltung  des  Wirtschaftslebens  zurückgehen  muss.
Dass  es  bei  den  bedeutenderen  Firmen,  die  sich  der  D.-A.-P.-G.
nicht  so  ohne  weiteres  ergeben  wollten,  ohne  harten  Kampf  nicht
abging,  ist  selbstverständlich.  Der  schärfste  Kampf  dieser  Art
fand  in  der  ersten  Hälfte  der  90er  Jahre  gegen  den  mit  den  wenigen ­
  Outsiders  in  Amerika  in  Verbindung  stehenden  Mannheimer
Importeur  Philipp  Poth  und  gegen  die  gleichfalls  mit  den  noch
unabhängigen  amerikanischen  Produzenten  arbeitenden  Bremer
Grosshändler  Rassow,  Jung  &amp;amp;  Co.  statt.  Doch  auch  diese  beiden
Firmen  mussten,  wenn  auch  erst  nach  verzweifelter  Gegenwehr,
1896  die  Waffen  strecken  und  gingen  in  der  Mannheim-Bremer-Petroleum-A.-G-
  (»M.-B.-P.-A.-G.«)  auf,  deren  Hauptaktienstock
        <pb n="71" />
        6 4

und  damit  Kontrolle  die  St.-O.-C.  übernahm.  Zwar  führte  die
M.-B.-P.-A.-G.  noch  mehrere  Jahre  gegen  die  D.-A.-P.-G.  einen
»Kampf«;  nach  den  Flugblättern  äusserst  erbittert,  war  er  in
Wirklichkeit  nur  ein  Scheinkampf.  Denn  beide  Gesellschaften
hatten  genau  abgegrenzte  Verkaufsgebiete  ,  verständigten  sich
genau  über  die  Preise  etc.,  arbeiteten  auch  sonst  nach  einem
durchaus  einheitlichen  Plane.  Die  führende  Rolle  hierbei  fiel  der
D.-A.-P.-G.  zu.
Mit  der  Angliederung  dieser  letzten  grossen  deutschen  Importeure ­
  bekam  die  D.-A.-P.-G.  fast  das  ganze  Geschäft  in  die
Hand  und  besass  damals  unbestritten  das  »Monopol«.
b)  Der  Strassenwagenbetrieb.
Nachdem  der  Grosshandel  im  grossen  und  ganzen  niedergeworfen ­
  war,  entbrannte  der  Kampf  schärfer  gegen  andere  Gegner.
Als  solche  kamen  damals  in  erster  Linie  die  Russen  in  Betracht. ­
  Nobel  und  Rothschild  waren  1893  zu  einer  Verständigung ­
  gekommen  und  suchten  nun,  durch  innere  Kämpfe  nicht
mehr  behindert,  ihre  Ueberproduktion  auf  den  deutschen  Markt
zu  werfen.  Nobel  hatte  schon  1884  zur  Organisation  seines  Exportgeschäfts ­
  in  Deutschland  die  Deutsch-Russische  Naphta-Import-Gesellschaft
  (»D.-R.-N.-J.-G.«)  gegründet.  Dieser  gelang  es
Mitte  der  90er  Jahre,  durch  billige  Offerten  der  D.-A.-P.-G.  ein
grosses  Gebiet  zu  entreissen.  Machte  diese  1897  noch  710  des
ganzen  Geschäfts,  so  änderte  sich  das  Bild  seit  diesem  Jahre
völlig.  Gegen  469447  tons  1897,  sank  ihr  Absatz  bis  1903  auf
353945  tons,  ging  also  um  115  502  tons  =  rund  25  %  zurück,
während  in  der  gleichen  Zeit  der  Absatz  der  andern  Gesellschaften ­
  von  55891  auf  263  124  tons,  d.  h.  um  rund  500  %,  stieg.
Den  Löwenanteil  hieran  hatte  die  D.-R.-N.-J.-G.;  die  Oesterreicher
und  die  Rumänen  importierten  nur  wenig,  von  der  geringen
deutschen  Produktion  ganz  zu  schweigen.
Das  Gegenmittel,  zu  dem  die  D.-A.-P.-G.  griff,  um  das  Geschäft ­
  wieder  an  sich  zu  reissen,  war  ein  eigenartiges  und  beispiellos ­
  kühnes:  sie  fasste  den  Entschluss,  die  Zwischenhändler
jetzt  ganz  zu  übergehen  und  direkt  an  die  Detaillisten  zu  verkaufen. ­
  Zu  dem  Zwecke  wurden  überall  auf  den  Eisenbahnstationen ­
  unterirdische  Tanks  von  25  oder  50  tons  Inhalt  eingebettet, ­
  in  die  hinein  das  von  Eisenbahnkesselwagen  aus  den
grossen  Tanks  an  den  Verladestellen  geholte  Oel  entleert  wird.
        <pb n="72" />
        65

Ein  Ueberpumpen  ist  nicht  nötig,  denn  die  Zisternen  bleiben  auf
dem  Geleise  stehen,  und  innerhalb  einer  halben  Stunde  entleert
sich  ihr  Inhalt  durch  einen  Verbindungsschlauch  ohne  einen
Tropfen  Verlust  durch  eigenes  Gefälle  in  den  tiefer  liegenden
Tank.  Aus  diesem  wird  das  Oel  durch  eine  Handpumpe  in  die
1500  bis  3000  Liter  fassenden  Strassentankwagen  übergepumpt,
die  es  den  Händlern  im  Umkreise  von  etwa  20  km  regelmässig
zufahren  und  es  in  die  in  ihren  Läden  gegen  eine  geringe  Montagegebühr, ­
  oft  ganz  gratis  aufgestellten  eisernen  Pumpbehälter
{125  bis  1000  Liter  Inhalt)  schütten.  Das  Mindestquantum,  das
abgegeben  wird,  ist  20  Liter.  Der  genau  justierte  automatische
Kontrollapparat  des  Wagens  und  die  geaichten  Transportkannen
gewährleisten  eine  fast  absolute  Massgenauigkeit.  —  Ganz  Deutschland ­
  wurde  in  genau  abgegrenzte  Bezirke  eingeteilt  und  für  einen
jeden  am  liebsten  ein  früherer  mit  der  Kundschaft  bekannter
Grosshändler,  sonst  ein  Spediteur,  als  »Provisionsvertreter«  bestellt. ­
  Er  erhält  von  seiner  Hauptstelle  die  genauesten  Direktiven
über  Preise,  Verkaufsmodus  u.  s.  w.  und  muss  sich,  bei  hoher
Konventionalstrafe  für  jeden  Kontraventionsfall,  verpflichten,  ohne
Genehmigung  der  D.-A.  P.-G.  nicht  über  seinen  Rayon  hinaus  zu
verkaufen.  Um  ihn  mehr  für  das  Geschäft  zu  interessieren,  erhält ­
  er  keinen  festen  Satz,  sondern  eine  kleine  Vergütung  für
jedes  verkaufte  Liter,  wogegen  er  sämtliche  direkte  Unkosten
nach  Anlieferung  des  Oeles  zu  tragen  hat.  Als  Provisionssatz
geben  Brackel-Leis  (S.  378)  J / 6 —*/ 4  Pfg.  pro  Liter  an.  Meine
Erkundigungen  bei  mehreren  solchen  Provisionsvertretern  ergaben
dagegen,  dass  sie  3 / 4 —I  Pfg.  auf  jedes  in  der  Stadt  bez.  dem
Wohnorte  selbst,  1  */ 4 —U/2  auf  jedes  in  der  Umgegend  abgelieferte
Liter  Petroleum  erhalten.  Da  die  Bezirke  alle  eine  gewisse  Grösse
haben,  so  erscheint  dieser  Satz  ganz  angemessen.
Immer  je  40—50  solcher  Bezirke  sind  einer  Hauptstation  (in
Sachsen  sind  es  Dresden,  Chemnitz  und  Leipzig,  dann  im  weiteren ­
  Umkreis  Breslau,  Berlin,  Magdeburg,  Erfurt,  Kassel  und
Nürnberg)  unterstellt,  die  ihrerseits  wieder  straff  und  einheitlich
von  Hamburg,  der  Zentralstelle  für  ganz  Deutschland,  geleitet
werden.  So  ist  das  ganze  Reich  von  einem  starken,  engmaschigen
Netz  überspannt,  und  eine  Hand  bestimmt  die  Politik  vieler
Hunderte  von  Unterstellen.  Noch  1902  hatte  Schneider  (»Der
Petroleumhandel«,  S.  83)  den  direkten  Verkauf  an  die  Detaillisten ­
  für  eine  Unmöglichkeit  erklärt.  Die  Tatsachen  haben  glän-Zeitschrift
  für  die  ges.  Staatswissensch.  Ergänzungsheft  20,  5
        <pb n="73" />
        66

zend  das  Gegenteil  bewiesen.  Nach  Schätzung  von  Fachleuten
werden  in  Sachsen  etwa  75  %  des  Gesamtabsatzes  aus  Strassenwagen
  verkauft.  Für  Nordwestdeutschland  dürfte  eine  höhere
Quote  sich  ergeben,  während  sich  in  den  Gegenden,  wo  der
»Tankbetrieb«  noch  nicht  lange  eingerichtet  ist,  das  Verhältnis
auf  etwa  6  :  4  zugunsten  des  Tankbetriebes  stellen  wird.
Die  Einführung  des  Tankbetriebs  begegnete  naturgemäss.
zuerst  manchen  Schwierigkeiten,  die  teils  auf  der  Skepsis,  um
nicht  zu  sagen  Antipathie,  der  Behörden,  teils  auf  engherziger
Auslegung  veralteter,  aus  der  Zeit  des  Anfangs  des  Petroleumhandels ­
  stammender  gesetzlicher  Bestimmungen  beruhten.  Letztere ­
  waren,  z.  T.  bis  in  die  neueste  Zeit,  wie  u.  a.  in  Sachsen-Altenburg,
  wo  das  Gesetz  von  1866  bis  Mitte  1904  gültig  war,
mehr  auf  den  Verkauf  eines  gefährlichen  Medizinalartikels  als  auf
den  eines  notwendigen  Massenverbrauchsgutes  zugeschnitten.  Bestimmten ­
  sie  doch  z.  B.,  dass  in  Verkaufslokalen  Petroleum  nur
in  Quantitäten  bis  höchstens  50  Pfd.,  in  feuersicheren,  durch
hohe  steinerne  Schwellen  geschützten  Kellern  nur  in  Mengen  bis.
400  Pfd.  gelagert  und  aufbewahrt  werden  durfte.  Solche  Bestimmungen ­
  —  in  anderen  Ländern  waren  sie  ähnlich  —  waren
bei  dem  rasch  steigenden  Konsum  bald  einfach  nicht  mehr  einzuhalten ­
  und  mussten  durch  zweckentsprechendere  ersetzt  werden..
So  setzte  Preussen  1902/03  das  für  Verkaufsräume  zulässige
Höchstquantum  auf  600  kg  hinauf  »bei  Verwendung  metallener
mit  Hahn  versehener  Abfüllvorrichtungen,  die  durch  Pumpvorrichtung ­
  mit  Vorratsfässern  in  Verbindung  stehen«.  Sachsen-Weimar
  und  andere  mitteldeutsche  Staaten  erliessen  kurz  darauf
ähnliche  Bestimmungen.  Mitte  1904  folgte  das  lange  rückständig
gebliebene  Sachsen-Altenburg;  März  1905  wurden  die  neuen  Vorschriften ­
  für  das  Königreich  Sachsen  publiziert,  die  in  den  Verkaufsräumen ­
  die  Aufbewahrung  eines  Quantums  von  höchstens
750  kg  gestatten.  Bei  Verwendung  »von  mit  explosionssicheren
Verschlüssen  und  Abfüllvorrichtungen  versehenen  Behältern«
dürfen  insgesamt  bis  zu  1200  kg  vorrätig  gehalten  werden.
Im  grossen  und  ganzen  sind  die  Verordnungen  den  modernen
Verhältnissen  jetzt  angepasst,  doch  wäre  ihre  Erweiterung,  besonders ­
  die  Erleichterung  des  Kleinverkaufs,  noch  dringend  zu
wünschen.  Denn  grosse  Geschäfte,  wie  z.  B.  einige  Geschäftsstellen ­
  des  Konsum-Vereines  Leipzig-Plagwitz,  kommen  zu  Zeiten
mit  einem  Vorrat  von  750  kg  vom  einen  bis  zum  nächsten  regu ­
        <pb n="74" />
        6  7

lären  Bedienungstage  nicht  aus.  Allerdings  geht  die  Feuerpolizei,
was  anzuerkennen  ist,  nicht  rigoros  vor.  Soviel  mir  bekannt,  ist
diese  Angelegenheit  übrigens  dem  deutschen  Feuerwehrtage  unterbreitet ­
  worden;  die  Regierungen  stellen  jetzt  Erhebungen  darüber
an,  wie  eine  einheitliche  Regelung  der  Lagerverhältnisse  unter
Hinaufsetzung  der  Höchstmengen  und  unter  Erleichterung  der
Bedingungen  erfolgen  kann.
Mannigfachen  Schwierigkeiten  anderer  Art  begegnete  die  Einführung ­
  des  Tankbetriebes  bei  der  Gewerbepolizei.  So  konstruierte ­
  man  aus  dem  zwecks  Vermeidung  der  Klippe  des
Hausiergesetzes  von  den  Händlern  vor  dem  ersten  Bezug  zu  unterschreibenden ­
  Formular  (bei  der  D.-A.  P.-G.:  »Ich  ersuche  Sie,
auf  Ihren  Tankwagentouren  bei  mir  vorzufahren  und  mir  meinen
jedesmaligen  Bedarf  an  losem  Petroleum  in  Ihren  bei  mir  aufgestellten ­
  Lagerbehälter  zu  liefern«)  einen  »Gewerbebetrieb  im  Umherziehen« ­
  (G.O.  §  55,  2),  dessen  Ausübung,  Petroleum  betreffend,
reichsgesetzlich  verboten  ist.  Die  höhere  Instanz  (2.  Strafkammer,
Dresden,  6.  Dezember  1902)  kam  jedoch  in  richtigerer  Auslegung
d es  §  SS,  1  G.O.  zu  einem  anderen  Resultat  und  erklärte  die
Ablieferungen  aus  Strassenwagen  als  Ausführung  einer  allgemeinen ­
  vorgängigen  Bestellung.
Im  Königreich  Sachsen J ),  verschiedentlich  auch  anderswo
(Bayern)  hat  man  den  eigentlichen  Tankwagenbetrieb  als  zu  feuergefährlich, ­
  den  Strassenverkehr  hindernd  und  die  Strassen  verunreinigend ­
  überhaupt  verboten.  Diese  Massregel  ist  wohl  lediglich ­
  gegen  die  D.-A.  P.-G.  gerichtet,  die  als  die  erste  den  Strassenwagenbetrieb
  in  Sachsen  einrichtete.  Hätte  eine  andere  Gesellschaft ­
  damit  begonnen,  so  würde  diese  Bestimmung  schwerlich
ergangen  sein.  Der  Vertrieb  geschieht  hier  jetzt  durch  sogenannte ­
  »Ambulanzwagen«,  d.  h.  das  Oel  wird  nicht  wie  anderswo ­
  aus  dem  Strassenkesselwagen  vor  dem  Verkaufslokal  der
Händler  abgefüllt,  sondern  die  geaichten  20  Liter  fassenden  Kannen
werden  schon  auf  der  Anlage  gefüllt,  plombiert  und  dann  durch
Kannenwagen  den  Händlern  ins  Haus  gebracht.  Wieso  diese
Art  des  Vertriebes  reinlicher  sein  soll  als  die  verbotene,  ist  eigentlich ­
  nicht  klar.  Im  Gegenteil  verlieren  die  Kannen  durch  das
Schütteln  häufig  etwas  Oel  und  müssen  vom  Kutscher  auf  der
Strasse  nachgefüllt  werden.

1)  Verfügung  der  Kgl.  Kreishauptmannschaft  Leipzig  vom  2.  Sept.  1903
5*
        <pb n="75" />
        68

Ende  1905  wurde  übrigens  im  Süden  des  Königreichs  Sachsen,
in  der  Amtshauptmannschaft  Schwarzenberg,  und  Anfang  1906  auch
in  andern  Bezirken  das  Verbot  des  Fahrens  mit  Tankwagen  wieder
aufgehoben.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  dass  dies  auf  die  Vorstellungen ­
  der  Petroleum-Produkte  A.-G.,  der  Gegnerin  der  D.-A.
P.-G.,  oder  der  P.O.G.  hin  geschah,  da  diese  Gesellschaften  schon
damals  sich  rüsteten,  mit  dem  Strassenwagenbetrieb  in  jener
Gegend  gleichfalls  vorzugehen.  1906  nahmen  ihre  Absichten  feste
Formen  an.

c)  Für  und  Wider.
Die  Einführung  des  Tankbetriebes  war  der  Todesstoss  für
die  wenigen  noch  im  Petroleumhandel  tätigen  Grossisten.  Die
den  Kleinhändlern  gebotenen  Vorteile  gegenüber  dem  früheren
Bezug  in  Fässern  lagen  so  klar  auf  der  Hand,  dass  schon  eine
tüchtige  Dosis  geschäftlicher  Kurzsichtigkeit  oder  Hass  gegen
Neuerungen  dazu  gehörte,  sie  zu  übersehen.
Insbesondere  hatten  die  Detaillisten  jetzt  die  Sicherheit,  nicht
übervorteilt  zu  werden.  Ganz  abgesehen  davon,  dass  sie  früher
»rein  amerikanisches  Oel«  kauften  und  in  nicht  seltenen  Fällen
anstatt  dessen  in  Wirklichkeit  ein  Mischöl  erhielten,  gaben  ihnen
der  direkte  Bezug,  die  automatische  Kontrolluhr  des  Tankwagens
und  die  geaichten  plombierten  Kannen  beim  Kannenwagen-Betriebe
  die  Gewähr,  das  gekaufte  Quantum  reines  Oel  auch  tatsächlich ­
  zu  erhalten.  Beim  Fasshandel  war  dies  ganz  anders  gewesen. ­
  Da  steckte  der  Gewinn  des  Zwischenhändlers  nur  zum
Teil  in  der  Differenz  zwischen  Ein-  und  Verkaufspreis;  zum  Teil
steckte  er  auch  in  der  Art  der  Berechnung.  Besonders  wenn
das  Fass  über  Land  transportiert  werden  musste,  krähte  kein
Hahn  darnach,  ob  das  fakturierte  mit  dem  wirklichen  Gewichte
auch  übereinstimmte.  Untergewicht  entstand  eben  auf  dem  Transport. ­
  Sodann  war  die  Füllung  des  Fasses  von  Pfinfluss.  Die  zum
Abzug  gebrachte  Tara  betrug  stets  20  %  des  Bruttogewichts.  Die
vollen  Passer  haben  ein  Durchschnittsgewicht  von  etwa  180  kg
brutto,  also  von  144  kg  netto.  Wurde  aber,  was  häufig  vorkam,
das  Fass,  dessen  Eigengewicht  ja  leicht  festzustellen  ist  und  in
diesem  Falle  mit  40  kg  angenommen  sei,  genau  bis  zu  z.  B.
180  kg  gefüllt,  so  war  das  zur  Berechnung  gelangende  Nettogewicht ­
  144  kg,  während  der  wirkliche  Inhalt  nur  140  kg  war.
Die  Differenz  von  4  kg  war  Reinverdienst  des  Verkäufers.
        <pb n="76" />
        6g

Als  weitere  Vorteile  des  Tankbetriebes  gegenüber  dem  früher
üblichen  Fassgeschäft  sind  zu  erwähnen,  dass  die  Leckage,  die,
besonders  im  Sommer,  oft  viele  Prozent  ausmachte,  ganz  fortfiel,
desgleichen  die  Verunreinigung  und  Trübung  des  Oeles  durch
den  zur  Verböttcherung  der  Fässer  gebrauchten  Leim.  Ferner
brauchten  die  Händler  sich  keinen  Abfüllapparat  auf  eigene  Kosten
mehr  anzuschaffen,  sondern  dieser  wurde  ihnen  gratis  gestellt.
Die  Anlieferung  erfolgte  in  kurzen  Zwischenräumen,  in  jeder  gewünschten ­
  Menge  und  durchaus  regelmässig.  Kleinere  Händler
hatten  nicht  wie  früher  nötig,  ein  ganzes  P'ass,  womit  sie  vielleicht
den  ganzen  Sommer  reichten,  auf  einmal  zu  nehmen,  sondern
brauchten  sich  nur  20  Liter  einschütten  zu  lassen.  Ausserdem
wickelte  sich  der  Detailverkauf  an  die  Kundschaft  viel  reinlicher
und  pünktlicher  (»ich  möchte  fast  sagen:  elegant«  —  Posadowsky
im  Reichstag  in  der  Sitzung  vom  10.  Dezember  1897)  ab.
Da  so  die  Aufnahme  des  Petroleumverkaufs  ganz  wesentlich
erleichtert  wurde,  hat  sich  die  interessante  Folgeerscheinung  gezeigt, ­
  dass  sich  seit  einigen  Jahren  die  Zahl  der  Petroleum  führenden ­
  Krämer  ganz  ausserordentlich  vermehrt  hat.  Klempner,  Grünwarenhändler, ­
  ja  selbst  Bäcker  und  Fleischer  verkaufen  jetzt
Petroleum.  In  Leipzig  wurden  im  Juli  1904,  zwei  Monate  nach
Eröffnung  des  Tankbetriebes,  etwa  1750  Händler  festgestellt.  Bereits ­
  im  Herbst  des  Jahres  1905  war  die  Zahl  um  rund  300  gewachsen ­
  !  Viele  davon  verkaufen  pro  Jahr  ganze  eins,  drei,  fünf
Fass,  verdienen  also  kaum  den  Namen  »Händler«.  Sie  alle
werden  direkt  bedient.  Sie  alle  haben  etwas  Privatkundschaft,
die  den  grösseren  Detaillisten  verloren  geht.  Obwohl  Anhänger
der  Gewerbefreiheit,  halte  ich  es,  wenngleich  es  vom  Standpunkte
der  Gesellschaften  aus  wohl  richtig  ist,  für  ungesund,  solche
Kellerhändler  kleinsten  Kalibers  zum  Einführen  des  Petroleums
zu  ermuntern.  An  jedem  Quartalswechsel  tauchen  Dutzende
neuer  Geschäfte  auf,  während  fast  ebensoviele  »das  Geschäft  aufgeben«. ­
  —  Das  Wachstum  der  Zahl  gerade  der  kleineren  Händler
mag  neben  dem  Umstand,  dass  die  Aufnahme  des  Petroleumverkaufs ­
  überhaupt  keine  Installationskosten  mehr  erfordert,  auch
darauf  zurückzuführen  sein,  dass  die  Reisenden  jetzt,  wo  alles
»eingerichtet«  ist,  nicht  mehr  so  viel  neue  Kunden  gewinnen
können  wie  früher  und  dass  sie,  um  überhaupt  mit  »Anschlüssen«
aufwarten  zu  können,  solche  Elöker  zur  Einführung  des  Oeles  zu
bewegen  suchen.
        <pb n="77" />
        7°

Als  Durchschnittsbedarf  eines  Petroleumhändlers  sind  etwa
20  Fass  jährlich  anzunehmen.  Die  grössten  Händler  brauchen
für  ihr  Ladengeschäft  200—300  Fass,  Konsumvereine  natürlich
mehr,  so  der  Leipzig-Plagwitzer  Verein  •  über  8000  Fass.  Im
grossen  und  ganzen  konnte  man  sonst  rechnen,  dass  auf  je  200
Einwohner  ein  Petroleumhändler  kam.  Jetzt  dürfte  man  die  Zahl
schon  verringern  müssen  (190:  I?) 1 ).
Ein  volkswirtschaftlicher  Vorteil  anderer  Art,  den  die  Aufnahme ­
  des  direkten  Verkaufs  an  die  Detaillisten  mit  sich  brachte,
ist  die  Beseitigung  des  Borgunwesens.  Während  es  früher  häufig
genug  vorkam,  dass  die  Grossisten  ihren  Kunden  4  Monat  Ziel
einräumten  und  sich  dann  erst  noch  mit  einem  Wechsel  begnügen
mussten,  verlangen  jetzt  sämtliche  Gesellschaften  cash  down.  Nur
in  Ausnahmefällen  wird  bis  zur  nächsten  Lieferung  gestundet.
Eine  sehr  gesunde  Praxis.
Bei  Einrichtung  des  Tankbetriebes  wurden  mit  den  noch
existierenden  Grossisten  —  ich  gebrauche  dies  Wort  für  Zwischenhändler, ­
  weil  es  ein  petroleumtechnischer  Ausdruck  ist  —  Verträge ­
  geschlossen,  derart,  dass  sie  das  Oel  mindestens  zu  den
von  der  Gesellschaft  an  den  einzelnen  Plätzen  offiziell  geforderten
Preisen  verkaufen  mussten  und  darauf  als  Vergütung  für  den  erlittenen ­
  Minderabsatz  drei  Jahre  lang  eine  kleine  Ausfallentschädigung ­
  erhielten  ;  also  Verträge  in  ganz  ähnlicher  Weise  wie
die  S.  62  oben  geschilderten,  nur  auf  den  Tankbetrieb  bezogen.
Aus  den  angeführten  Gründen  fand  der  Strassenwagenbetrieb
  so  schnellen  und  allgemeinen  Anklang,  dass  der  Zwischenhandel, ­
  von  verschwindenden  Ausnahmen  abgesehen,  jetzt  ausgeschaltet ­
  ist.
Nun  hat  man  oft  behauptet,  nach  Niederwerfung  der  Grossisten ­
  werde  die  D.-A.  P.-G.  an  die  Ausschaltung  auch  des  Kleinhändlers ­
  gehen,  den  Verkauf  an  die  Konsumenten  unmittelbar
bewerkstelligen  und  so  den  sogenannten  »Vertrieb  von  der  Quelle
bis  zur  Lampe«  in  ihrer  Hand  vereinigen,  ja  sie  habe  dies  schon
von  vornherein  im  Auge  gehabt.  Die  Behauptung  erscheint  in
dieser  Form  nicht  richtig.  Als  Grund  für  Aufnahme  des  Tankbetriebes ­
  überhaupt  gibt  die  Gesellschaft,  wohl  mit  Recht,  den
1)  Bemerkenswert  ist,  dass  die  Zahl  der  Händler  auf  dem  Lande  und  in  kleineren ­
  Städten  prozentual  viel  höher  ist  als  in  grösseren  Städten.  So  kommen  in
kleineren  Städten  auf  einen  Petroleumhändler  ungefähr  150—175  Einwohner,  in
Dessau  ungefähr  200,  in  Halle  225,  in  Leipzig  250.
        <pb n="78" />
        71

Rückgang  ihres  Absatzes  an.  Sonst  hatte  sie  eigentlich  auch
keine  Veranlassung,  eine  solche  fundamentale,  äusserst  kostspielige
und  dabei  zu  Anfang  noch  nicht  einmal  sichere  Aussicht
auf  Erfolg  bietende  Aenderung  zu  treffen.  Dass  natürlich  die
höheren  Kosten  des  Fassgeschäfts  (nachträglich,  als  man  schon
Erfahrungen  gesammelt  hatte,  berechneten  Brackel-Leis  (S.  380)
eine  Differenz  von  Mk.  2.22  per  IOO  kg  zugunsten  des  Tankbetriebes) ­
  und  seine  Umständlichkeit  auch  mit  zu  diesem  Entschluss
beitrugen,  ist  selbstverständlich.  Vollends  den  direkten  Verkauf
an  die  Konsumenten  hat  die  D.-A.  P.-G.  mehrmals  öffentlich  mit
aller  Bestimmtheit  als  nicht  in  ihrer  Absicht  liegend  erklärt.  Es
ist  wohl  anzunehmen,  dass  sie  dies  nicht  gewagt  haben  würde,
wenn  sie  sich  doch  mit  dem  Hintergedanken  der  Uebergehung
und  Ausschaltung  auch  der  Kleinhändler  trüge.  Am  genauesten
hat  sie  m.  W.  ihre  Gründe  und  Absichten  präzisiert  in  einer
unterm  7.  März  1904  an  das  Königlich  Sächsische  Ministerium
des  Innern  gerichteten  Eingabe.  Die  betreffende  Stelle  ist  sehr
interessant  und  möge  hier  folgen:  »Der  Grund  für  den  Rückgang
unseres  Absatzes  liegt  vornehmlich  in  der  seit  Jahren  in  stets
gesteigertem  Masse  gegen  uns  geübten  unlauteren  Konkurrenz.
Ein  grosser  Teil  der  Zwischenhändler  mischt  amerikanisches
Petroleum  mit  russischem,  galizischem  oder  rumänischem,  verkauft
diese  Mischung  ohne  Herkunftsbezeichnung,  als  »Prima  Petroleum«
oder  gar  als  »Amerikanisches  Petroleum«  ....  Der  Detaillist
und  Konsument  befindet  sich  dann  im  Glauben,  wie  wir  oft  festgestellt ­
  haben,  bestes  amerikanisches  Petroleum  zu  erhalten,  und
bezahlt  auch  vielfach  den  vollen  Preis  für  solches,  sodass  in  diesen
Fällen  der  Zwischenhändler  allein  den  Vorteil  zum  Schaden  der
Konsumenten  in  die  Tasche  steckt.«
»Hiergegen  können  wir  uns  nur  dadurch  schützen,  dass  wir
den  Verkauf  an  die  Detaillisten  mittels  Strassenwagen  selbst  besorgen, ­
  was,  soweit  möglich,  durch  Vermittelung  der  lokalen
Grossisten  geschieht.  Wir  schaffen  dadurch  uns  die  Garantie
dass  unser  Petroleum  unverfälscht  bis  zum  Detaillisten  gelangt,
und  geben  zugleich  diesem  die  Sicherheit,  dass  er  wirklich  die
Ware  erhält,  für  die  er  bezahlt.«
»Wir  betonen  ausdrücklich,  dass  es  nicht  der  Fall  ist,  dass
wir  den  Grossisten  an  uns  binden,  nur  von  uns  zu  kaufen.  Ebenso ­
  ausdrücklich  betonen  wir,  dass  wir  nicht  an  Konsumenten  (ausgenommen ­
  Eisenbahnen,  Garnison-Verwaltungen  und  einige  grosse
        <pb n="79" />
        72

industrielle  Unternehmungen  wie  z.  B.  die  Werke  von  Krupp  in
Essen)  verkaufen,  noch  auch,  dass  wir  es  anstreben,  zu  dieser
Art  des  Verkaufes  überzugehen.  Wir  haben  stets  Mühe  genommen,
gegenteiligen  unrichtigen  Behauptungen  entgegenzutreten  .  .  .«
Nach  diesen  Ausführungen  ist  wohl  nicht  daran  zu  zweifeln,
dass  es  vorläufig  nicht  in  der  Absicht  der  D.-A.  P.-G.  liegt,  mit
dem  direkten  Verschleiss  des  Oeles  an  die  Konsumenten  vorzugehen. ­
  Wenn  man  aber  berücksichtigt,  dass  sich  der  direkte
Kannenvertrieb,  im  grossen  aufgenommen,  billiger  stellt  als  selbst
der  Tankbetrieb  (nach  Berechnung  von  Brackel-Leis,  S.  387  ihres
bereits  öfter  zitierten  Buches  um  27  Pfg.  per  100  kg),  so  drängt
sich  einem  die  Ansicht  auf,  dass  das  Todesurteil  über  den  Petroleumdetailhandel ­
  gesprochen  und  dass  es  nur  eine  Frage  der  Zeit
ist,  wann  es  vollstreckt  wird.  Und  in  der  Tat  scheint  der  Zeitpunkt ­
  einer  abermaligen  grossen  Umwälzung  des  ganzen  Handels
nicht  mehr  gar  zu  fern  zu  liegen.
Ich  besitze  die  Abschrift  eines  Briefes  der  von  der  Deutschen
Bank  finanzierten  Petroleum-Produkte  A.-G.  Berlin,  an  eine  süddeutsche ­
  Firma,  die  ein  Kannengeschäft  errichten  wollte.  Der  eine
Passus  lautet  wörtlich:  »Sofern  es  notwendig  ist,  sind  wir  bereit,
Ihnen  gegen  eine  5%ige  Verzinsung  und  entsprechende  Sicherheit ­
  auch  etwas  Kapital  zur  Verfügung  zu  stellen,  im  Falle  Ihr
eigenes  nicht  ausreichen  würde!«  Auch  die  Russen  sollen  Kannengeschäfte ­
  finanziell  unterstützen.  Die  D.-A.  P.-G.  steht  zwar
gleichfalls  mit  Kannenhändlern  in  vertraglicher  Verbindung,  unterstützt ­
  sie  aber  m.  W.  nicht  mit  Geld,  sondern  gewährt  ihnen
lediglich  kleine  Preis  Vergünstigungen.  Doch  scheint  auch  sie  sich
schon  auf  den  allmählichen  Uebergang  zum  direkten  Kannenvertrieb ­
  vorzubereiten.  Denn  nach  einer  Anfang  Februar  1906  durch
die  Zeitungen  gegangenen  Notiz  hat  die  neu  gegründete  »Rheinische ­
  Petroleum  A.-G.«,  Köln,  deren  Gründer  fast  durchweg  Beamte ­
  bez.  Vertreter  der  American  Petroleum  Co.  in  Rotterdam
bez.  der  Societe  An me  pour  la  vente  des  petroles  ci-devant
H.  Rieth  &amp;amp;  Co.  in  Antwerpen  sind,  den  Kannenvertrieb  direkt
an  die  Haushaltungen  bereits  aufgenommen.  Allerdings  handelt
es  sich  hierbei  nicht  um  die  D.-A.  P.-G.,  wohl  aber  um  eine
Tochtergesellschaft  der  gemeinschaftlichen  Mutter,  der  Standard
Oil  Co.
Jedenfalls  lassen  schon  diese  mehr  oder  weniger  tastenden
Versuche  den  Weg,  den  der  Petroleumhandel  einschlagen  wird,
        <pb n="80" />
        73

deutlich  erkennen.  Augenscheinlich  scheut  sich  jede  Gesellschaft,
den  Anfang  zu  machen,  um  nicht  das  Odium  auf  sich  laden.
Aber  ebenso  sicher  ist  es,  dass,  wenn  erst  von  der  einen  Gesellschaft, ­
  der  direkte  Verkauf  offiziell  oder  in  grösserem  Umfange
indirekt  aufgenommen  ist,  die  andern  Gesellschaften  in  ihrem
eigenen  Interesse  folgen  müssen,  nachdem  sie  vielleicht  die  betreffende ­
  Konkurrenzgesellschaft  aus  Politik  zuerst  öffentlich  weidlich ­
  heruntergemacht  haben  werden,  um  die  Krämer  für  sich
günstig  zu  stimmen  und  sie  dann  doch  —  »gezwungen,  nicht
freiwillig«  —  übergehen.
Mit  der  Einführung  des  Strassenwagenbetriebes  begann  die
D.-A.  P.-G.  im  Jahre  1893,  und  zwar  zuerst  in  Bremen,  Kassel
und  Dortmund,  1894  im  Ruhrkohlenrevier.  Dann  folgte,  als  1895
die  Niederwerfung  Poths  gelungen  war,  bis  1901  eine  Zeit  der
Ruhe.  Erst  im  letzteren  Jahre,  speziell  in  Sachsen  1902/1903,
ging  sie  aus  Konkurrenzrücksichten  wieder  lebhaft  mit  der  »Einrichtung« ­
  vor  und  hat  jetzt  das  ganze  Reich  mit  einem  ausgedehnten
Filialnetz  überzogen.  Die  einzige  grosse  Stadt,  in  der  sie  noch
keinen  Tankbetrieb  hat,  ist  Berlin.
Das  Vorgehen  der  Amerikaner  zwang  die  Konkurrenz  zu
gleichen  Schritten.  Jetzt  fährt  jede  grössere  Gesellschaft  mit
Strassenwagen,  ja  sogar  einzelne  Grossisten.  Zuerst  folgten  die
Russen,  dann  die  Galizier  (1903  in  Frankfurt  a.  M.)  und  die  Pure
Oil  Co.,  zuletzt  die  Petroleum-Produkte  A.-G.  (Mitte  1904  zuerst
in  Bayern,  dann  schnell  weiter  greifend).
d)  Die  einzelnen  Gesellschaften.
Um  einen  Ueberblick  über  die  jetzige  Phase  des  Konkurrenzkampfes ­
  in  Deutschland  zu  geben,  müssen  die  einzelnen  Gesellschaften ­
  kurz  besprochen  werden.
An  Alter  und  insbesondere  an  überragender  Bedeutung  steht
weitaus  an  erster  Stelle  die  Deutsch-Amerikanische-Petroleuin-Gesellschaft
  (»D.-A.  P.-G.«).  Sie  entstand  am  25.  Februar  1890
durch  Verschmelzung  mehrerer  Petroleumfirmen  und  deren  teilweise ­
  Uebernahme  durch  die  St.O.C.  Die  betreffenden  Firmen
hatten  jahrelang  das  ganze  deutsche  Geschäft  in  Händen  gehabt,
mussten  aber  1890  dem  Wunsche  der  St.O.C.,  mehr  unmittelbaren
Einfluss  auf  dasselbe  zu  erlangen,  nachgeben  und  vereinigten  sich
mit  dieser  zur  D.-A.  P.-G.  Nach  dem  Handelsregister  fungierten
als  Gründer  die  Standard  Oil  Company  of  Newyork,  Wilh.  A.
        <pb n="81" />
        74

Riedemann  in  Geestemünde,  die  Brüder  Franz  Ernst  und  Karl
Schütte  in  Bremen  und  der  Rechtsanwalt  Dr.  Wiegand,  Bremen.
Letzterer  scheint  bald  ausgeschieden  zu  sein,  denn  schon  nach
kurzer  Zeit  werden  die  Hamburger  Firmen  Sanders  und  Siemers
als  an  der  D.-A.  P.-G.  beteiligt  angeführt.  Das  Anfangskapital
war  9  Millionen  Mark,  ausserdem  wurden  schon  bald  nach  der
Gründung  für  11  Millionen  Mark  Genussscheine  ausgegeben.
Diese  20  Millionen  Mark  verteilten  sich  (Swoboda  S.  136)  folgendennassen ­
  :
7  750  000  Standard  Oil  Company  of  Newyork
3  875  000  Wilh.  A.  Riedemann,  Geestemünde
1  937  5°°  F.  E.  Schütte  |  i.  F.  Alb.  Nie.  Schütte  &amp;amp;  Sohn,
1  937  5°o  Karl  Schütte  j  Bremen
2  500  OOO  G.  J.  H.  Siemers  &amp;amp;  Co.,  Hamburg
2  500  OOO  Aug.  Sanders  &amp;amp;  Cie,  Hamburg.
Die  Aktien  der  beiden  letztgenannten  Firmen  waren  aber
nicht  stimmberechtigt,  wahrscheinlich  deshalb  nicht,  weil  diese
etwas  später  eintraten.  Der  eigentliche  Aktienstock  ist  bis  jetzt
unverändert  geblieben,  dagegen  wurden  bis  Ende  1904  Genussscheine ­
  im  Gesamtbeträge  von  21  Millionen  Mark  ausgegeben.
Sitz  der  Gesellschaft  war  zuerst  Bremen,  doch  wurde  der  Schwerpunkt, ­
  besonders  seitdem  Riedemann  nach  dem  günstiger  gelegenen ­
  Hamburg  übergesiedelt  war,  immer  mehr  nach  diesem
Platze  verlegt,  und  seit  1.  Juli  1904  ist  der  Sitz  offiziell  Hamburg.
Direktoren  waren  von  1890—1904  ununterbrochen  die  beiden
Brüder  Schütte  und  Riedemann.  Im  Aufsichtsrat  sassen  5  Standardleute. ­
  Die  Majorität  der  Stimmen  in  der  Generalversammlung ­
  dagegen  besass  die  St.O.C.  bis  1.  Juli  1904  nicht.  Erst
an  diesem  Tage  trat  sie  aus  der  Versenkung,  in  der  sie  wohlweislich ­
  bis  dahin  geblieben  war,  heraus,  nachdem  ihr  die  geniale
geschäftliche  Tüchtigkeit  der  den  Vorstand  bildenden  deutschen
Herren  den  Weg  geebnet  hatte:  der  Zwischenhandel  war  niedergeworfen, ­
  der  Tankbetrieb  im  grossen  und  ganzen  eingeführt.
Jetzt  brauchte  die  D.-A.  P.-G.  die  Maske  nicht  mehr.  Am  1.  Juli
1904  hörte  sie  auf,  eine  deutsche  Gesellschaft  zu  sein,  und  ist  nur
noch  eine  Filiale  der  St.O.C.  Während  diese  noch  im  Frühsommer ­
  1904  von  dem  30  Millionen  Mark  betragenden  Gesamtkapital ­
  nur  etwa  11  Millionen  Mark  besass,  der  Rest  von  fast
19  Millionen  aber  in  den  Händen  von  55  deutschen  Kaufleuten
war  (nach  Angabe  der  D.-A.  P.-G.  !),  übernahm  sie  an  dem  ge ­
        <pb n="82" />
        75

nannten  Datum  das  Aktienkapital  ganz  und  setzte  sich  in  den
nächsten  Monaten  auch  in  den  Besitz  des  weitaus  grössten  Teiles
der  Genussscheine.  Ende  1904  hatte  sie  letztere  schon  bis  auf
etwa  I  Million  Mark  aufgekauft.  Die  bisherigen  Direktoren  traten
aus  dem  Vorstand  aus,  dem  seitdem  Dr.  Riedemann,  Heinrich
Riedemann  sowie  die  drei  Amerikaner  Howard  Page,  (dieser  nur
bis  Mitte  1906,  wo  er  durch  W.  E.  Bemis  ersetzt  wurde),  William
Donald  und  Walter  C.  Teagle  angehören.  Den  Aufsichtsrat  bilden ­
  gleichfalls  drei  Amerikaner:  Livingston  Roe,  Walter  Miller
Mc.  Gee  und  William  E.  Bemis.
Man  hat  viel  darüber  gestritten,  welches  der  Grund  war,  der
die  St.O.C.  zu  dieser  durchgreifenden  Aenderung  veranlasste.  —
Wenn  man  die  Entwicklung  des  Konkurrenzkampfes  auf  dem
Petroleummarkte  überschaut,  so  zeigt  sich,  dass  sich  die  Konstellation ­
  in  den  letzten  zwei  Jahren  gegen  früher  völlig  verschoben
hatte.  Das  Freundschaftsverhältnis  zu  den  Russen  hatte  einer
Spannung  Platz  gemacht.  Der  Vertrag  bestand  zwar  noch,  doch
machten  sich  schon  Vorzeichen  demnächstiger  Auflösung,  also
erneuten  offenen  Kampfes  bemerkbar.  Vor  allem  aber  war  eine
neue  starke  Konkurrenz  erschienen  :  die  die  Produktion  der  asiatischen ­
  und  eines  grossen  Teils  der  texanischen  Oelfelder  vertreibende ­
  Shell  Transport  and  Trading  Co.,  London,  finanziell  eine  ebenbürtige ­
  Rivalin  des  Trusts,  schickte  sich  nach  Herstellung  einer  Interessengemeinschaft ­
  mit  dem  Concern  der  Deutschen  Bank  und  der
Diskontogesellschaft  zu  einem  Angriff  auf  der  ganzen  Linie  an.  Eins
der  am  heissesten  umstrittenen  Gebiete  ist  Deutschland  —  für  die
St.O.C.  nächst  England  der  Hauptabnehmer,  für  die  Shell  ein
Preis,  des  Kampfes  wert.
Die  St.O.C.  hatte  diesen  Kampf  lange  vorausgesehen  und
sich  dafür  gerüstet.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  ist  auch  m.  E.
der  Aufkauf  der  D.-A.  P.-G.  zu  betrachten.  Sie  musste  vollständig ­
  freie  Hand  haben,  konnte  aber  bei  dem  bevorstehenden
entscheidenden  Ringen,  bei  dem  Millionen  auf  dem  Spiele  standen,
der  Willfährigkeit  der  deutschen  Aktionäre  nicht  so  sicher  sein,
wie  sie  es  wünschen  musste.  Nicht  ausgeschlossen  ist  auch,  dass
sie  mit  Sperrung  der  Zufuhr  drohte.  Nur  so  ist  die  im  Umtausch
gegen  St.O.C.-Aktien,  meist  aber  im  glatten  Verkauf  zu  stände
gekommene  Uebernahme  der  Genussscheine  zu  dem  in  Anbetracht ­
  der  hohen  Gewinnquote  der  letzten  Jahre  (30—40%  und
mehr)  lächerlich  geringen  Kurs  von  267%  zu  erklären.  Hätte
        <pb n="83" />
        ;6

es  sich  nur  um  die  Befürchtung  einer  vorübergehenden  Dividendenschmälerung ­
  gehandelt,  so  hätten  die  deutschen  Firmen  unbedingt ­
  einen  höheren  Uebernahmekurs  durchdrücken  können,
falls  sie  nicht  überhaupt  vorgezogen  hätten,  den  Kampf  an  der
Seite  des  Trusts  auszufechten.
.Ebenso  wie  die  St.O.C.  ist  die  D.-A.  P.-G.  auf  sehr  solider
Grundlage  aufgebaut  und  zeichnet  sich  dadurch  vorteilhaft  vor
sehr  vielen  andern  ähnlichen  Unternehmungen  aus.  Nach  der
Bilanz  pro  1904  betrug  das  Guthaben  in  bar,  Wechseln,  Effekten
15  877  004  Mark.  Der  Wert  der  Vorräte  an  Petroleum  und  leeren
P'ässern  bezifferte  sich  auf  13959797  Mark.  Die  Assekuranz-Reserve
  ist  mit  2  Millionen  Mark,  der  Reservefonds  mit  3  Millionen ­
  Mark  dotiert.
Die  Transportmittel  standen  zu  Buch
1896  mit  11  819112  Mk.
1899  »  9219587  »
1902  »  8880190  »
und  1904  »  93*8437  *

bei  jährlichen  Abschreibungen  von  durchschnittlich  mehr  als  einer
Million!  Es  betrugen

Reingewinn

Abschreibungen  auf
Gebäude  u.  Anlagen  |  Transportmittel

1896  Mk.  2311  366
1897  »  2515703
1898  »  4074495
1899  »  4  054  726

Mk.  961  325

r
Mk.  1  168  564

1900  »  2  733  801

»  ?

»  ?

1901  »  3409216

»  856  206

»  1  110  383

1902  »  2  913  798

»  79384*

»  1  135  766

1903  »

2  253  525

&amp;gt;  657  723

»  620974

1904  »

828  184

»  550533

»  1  181  234

1905  »

905  084

Mk.  2  105  241

zus.  »  25  999  898

für  10  Jahre!

Das  weniger  gute  Resultat  der  letzten  beiden  Jahre  ist  eine  Folge
des  erwähnten  Kampfes  gegen  die  Shell  Co.

18  Tankdampfer  von  zusammen  ca.  830000  tons  Inhalt  (also
durchschnittlich  je  ungefähr  75°°  tons)  bringen  die  Oelmengen  in
pro  Jahr  8—9maligen  Reisen  über  den  Ozean,  eine  ganze  Flotte  von
Leichtern  und  durchschnittlich  ungefähr  700  tons  fassenden  Flusstankschiffen ­
  und  ein  Park  von  etwa  750  Eisenbahnkesselwagen
bewältigen  die  Verteilung  im  Inlande.  Ueber  die  grossartige
Verkaufsorganisation  habe  ich  schon  gesprochen.
        <pb n="84" />
        77

Ebenso  wie  die  Geschäftspraxis  der  St.O.C.  hat  die  der  D.-A.
  P.-G.  viele  und  heftige  Angriffe  erfahren.  Wenn  man  aber
das  Für  und  Wider  objektiv  betrachtet,  so  muss  man  sich  sagen,
dass  die  erhobenen  Beschuldigungen  grösstenteils  haltlos  sind.
Sie  gingen  von  Personen  aus,  die  durch  das  Vordringen  der  D.-A.
  P.-G.  verloren,  und  da  diese  nie  öffentlich  dagegen  auftrat,
so  fanden  die  Klagen  immer  weiteren  Glauben.  Allerdings  ist
nicht  zu  bestreiten,  dass  die  Ausschaltung  der  Grossisten  mit
manchen  Härten  verbunden  war:  aber  sie  blieb  stets  innerhalb
der  Grenzsteine  erlaubter  Konkurrenz  und  tritt  zurück  vor  den
unbestreitbar  grossen  Verdiensten,  die  die  Gesellschaft  sich  erworben ­
  hat.
Eine  Schwestergesellschaft  der  D.-A.  P.-G.  ist  die  Mannheim-Bremer
  Petroleum  A.-G.  (»M.-B.  P.  A.-G.«),  am  7.  September  1896
mit  3  Mill.  Mk.  Kapital  gegründet.  Ihre  Entstehung  verdankt  sie
einem  jahrelangen  erbitterten  Kampf  der  D.-A.  P.-G.  gegen  die
trustfreies  Oel  vertreibenden  Firmen  Philipp  Poth  in  Mannheim
und  Rassow,  Jung  &amp;amp;  Co.  in  Bremen.  Schliesslich  unterworfen,
gingen  sie  in  einer  Aktiengesellschaft,  eben  der  neugegründeten
M.-B.  P.  A.-G.  auf,  deren  Hauptaktienteil  die  Amerikaner  übernahmen. ­
  Im  Aufsichtsrat  sitzen  4  Standardleute.  —  Der  Status
der  M.-B.  P.  A.-G.  ist  womöglich  noch  glänzender  als  der  der
D.-A.  P.-G.  Ihr  Reingewinn  betrug  1896—1902:  605  934;  1  343  774;
1  S9S  2 9 J 1  1  841  973;  1  336  394  und  996  327  Mk.  An  Dividenden
schüttete  sie  1896—1904:  20,  44 3 / 4 ,  47.  60,  34.  44  Va«  33.  2 °,
i4°/ 0  aus,  das  sind  in  9  Jahren  317°/ 0  des  Aktienkapitals!  Der
Reservefonds  ist  mit  300000  dotiert.
Wie  bereits  erwähnt,  nahm  die  M.-B.  P.  A.-G.  der  D.-A.  P.-G.
gegenüber  zum  Zwecke  der  Irreführung  des  Publikums  in  der
ersten  Zeit  offiziell  eine  feindselige  Stellung  ein.  Allmählich  aber
machte  das  schroffe  Gegenüber  auch  in  der  Oeffentlichkeit  einem
Neben-  und  Miteinander  Platz  (vgl.  S.  64).  Jedenfalls  aber  wird
es  hierbei  nicht  bleiben.  Eine  völlige  Verschmelzung  wäre  kaufmännisch ­
  das  einzig  Richtige,  da  durch  sie  an  Arbeitskräften
gespart  würde.  Die  Brotlosmachung  einzelner  wird  die  Amerikaner
sicher  nicht  davon  abhalten;  da  es  sich  um  eine  nur  sehr  beschränkte ­
  Anzahl  handelt,  ist  sie  auch  volkswirtschaftlich  irrelevant. ­

Aehnlich  wie  mit  der  M.-B.  P.  A.-G.  steht  es  mit  der  Petroleum-Raffinerie
  vorm.  August  Korff  in  Bremen.  Auch  Korff  war  früher
        <pb n="85" />
        ;s

(seit  1865)  selbständig.  Sein  Geschäft  wurde  aber  1887  von  den
Amerikanern  aufgekauft,  wenigstens  ist  die  Mehrheit  der  Aktien
in  deren  Händen.  Das  Kapital  beträgt  I  */ 2  Millionen  Mark,  die
den  damaligen  ungefähren  Gegenwert  der  übernommenen  Anlagen
(Mk.  1441  611)  darstellen.  Die  Firma  verteilte  1887—1899:  9 1 / 3 ,
10,  10,  12,  14,  14,  14,  9 1 I 2 ,  13,  10,  10,  22,  41  (Gewinn  für  Januar—
März  1900  vorgetragen);  1900/01—  1905/06:  62  (für  15  Mt.),  51,
39 1 /ä&amp;gt;  31,  tä 1 /?  und  25°/ 0  Dividende.  Die  Bassinanlage  Nordenham, ­
  die  1896  noch  mit  118339  Mk.  zu  Buche  stand,  ist  jetzt  bis
auf  1  Mk.  abgeschrieben.  Bis  1904  sass  F.  E.  Schütte  im  Aufsichtsrat ­
  ;  statt  seiner  kam  H.  Riedemann  hinein,  ausserdem  1905
W.  Donald  und  W.  Teagle,  die  gleichzeitig  mit  den  Vorstand  der
D.-A.  P.-G.  bilden.  Korff  besitzt  Zweigniederlassungen  in  Berlin,
Breslau,  Braunschweig,  Dresden,  Frankfurt  a.  M.,  Hannover,  Leipzig
und  Magdeburg.
Auch  die  Königsberger  Handels-Kompagnie  in  Königsberg
ist  den  Interessen  Rockefellers  dienstbar  gemacht.  Ihr  Verkaufsrayon ­
  ist  der  Osten  (Königsberg,  Danzig,  Bromberg);  eingerichtet
und  geleitet  ist  sie  im  selben  Geiste  wie  die  bereits  erwähnten
drei  Gesellschaften  (von  früheren  Beamten  der  D.-A.  P.-G.).  1872
von  einigen  Grosshändlern,  die  unabhängig  bleiben  wollten,  mit
2  Millionen  Mark  Kapital,  das  1904  um  300000  Mk.  erhöht  wurde,
gegründet,  wurde  sie  Anfang  der  90er  Jahre  aufgekauft,  und  zwar
soll  sich  etwas  über  die  Hälfte  des  Kapitals  im  Besitz  der  D.-A.
P.-G.  befinden.  Von  1896/97—1903/04  verteilte  sie  30,  30,  32,
29  (für  II  Mt.),  32,  41,  37  und  30%  Dividende.  Der  Reingewinn
1904/05  betrug  326015  Mk.  gegen  586091  im  Vorjahr.  Mit  dem
Strassenwagenbetrieb  begann  sie  1902.  Sie  besitzt  im  ganzen
8  grosse  Tanks  mit  Anlagen  und  Böttchereien  und  3  Tankkähne.
Als  kleinere  Untergesellschaft  der  St.O.C.  wäre  noch  zu
nennen  die  American  Petroleum  Company,  Rotterdam,  mit  einer
Zweigniederlassung  in  Neuss  a.  Rh.  unter  der  Firma  »Amerikanische
Petroleum-Anlagen«*).  Das  Kapital  dieser  letzteren  beträgt  nur
200000  Mk.  Als  Verkaufsgebiet  ist  ihr  das  linksrheinische  Deutschland ­
  Vorbehalten,  woselbst  sie  ein  ganz  belangreiches  Geschäft
macht.  Der  Strassenwagenbetrieb,  den  auch  sie  eingerichtet  hat,
steht  unter  der  Leitung  der  D.-A.  P.-G.
Ziemlich  unbedeutend  ist  die  Westfälische  Petroleum-Gesell1) ­

  H.  Woljf;  (»Die  russische  Naphtha-Industrie  und  der  Deutsche  Petroleummarkt, ­
  S.  8)  führt  beide  irrtümlich  als  zwei  getrennte  selbständige  Gesellschaften  auf.
        <pb n="86" />
        79

schaft  in  Münster,  die  an  einigen  Plätzen  in  Westfalen  mit
Strassenwagen  fährt.  Ursprünglich  wie  die  Königsberger  Handels-Kompagnie
  eine  Vereinigung  von  der  D.-A.  P.-G.  feindlichen
Grossisten,  musste  sie  sich  letzterer  beugen.  Ihr  Kapital  ist  zu
mehr  als  der  Hälfte  in  amerikanischen  Händen.  Im  Aufsichtsrat
sitzt  ein  Angestellter  der  D.-A.  P.-G.
Die  erste  und  lange  Zeit  bedeutendste  Konkurrentin  der
Amerikaner  auf  dem  ganzen  deutschen  Markte  ist  die  Anfang  1884
von  Nobel  gegründete  Deutsch-Russische  Naphtha-Import-Gesellschaft
  (»D.-R.  N.-I.-G.«)  mit  dem  Sitz  in  Berlin.  Von  vornherein
gross,  vielleicht  zu  gross  angelegt,  machte  sie  der  D.-A.  P.-G.
zwar  ernstliche  Konkurrenz  und  nahm  ihr  ein  grosses  Absatzgebiet
fort,  reicht  aber  in  ihrer  Entwicklung  bei  weitem  nicht  an  ihre
Nebenbuhlerin  heran.  Die  Garantie  der  satzungsgemässen  Mindestabschreibungen, ­
  die  Nobel  ihren  Aktionären  geboten  hatte,  musste
mehrmals  in  Anspruch  genommen  werden.  Das  Kapital  betrug
von  1884—1903  nur  i 1 / 2  Millionen  Mark,  wurde  jedoch  am  10.  II.
1903  auf  6 1 / 2  Millionen  Mark  erhöht.  Die  Dividenden,  die  sie
verteilte,  waren  nur  recht  mässig,  nämlich  1888/89—1905/06:  7,
6,  o,  o,  5 x / 2 ,  5,  o,  o,  4,  o,  8,  12,  6,  6,  \2 X \ 2 ,  12,  o  und  0%.  1899,
nach  15  jährigem  Bestehen,  wies  der  Reservefonds  6736  Mk.  auf,
1904/05  war  er  erst  auf  581  104  Mk.  angewachsen,  um  1905/06
schon  wieder  zur  Deckung  des  Verlustes  von  231676  Mk.  in
Anspruch  genommen  zu  werden.
Bis  Ende  der  90er  Jahre  trat  die  D.-R.  N.-I.-G.  als  direkte
Konkurrentin  der  D.-A.  P.-G.  auf.  Dann  machten  sich  langsam
Anzeichen  geltend,  dass  der  Kampf  an  Heftigkeit  nachliess.  Die
Preisdifferenz,  die  vorher  oft  sehr  gross  gewesen  war,  verringerte
sich  und  blieb  konstant,  die  frühere  Feindschaft  machte  einem
fast  freundschaftlichen  Verhältnisse  Platz.  Und  in  der  Tat  war
zwischen  Rockefeller  und  Nobel  eine  Verständigung  zustande  gekommen. ­
  Mit  anderen  Worten,  das  »Petroleum-Monopol«,  das
man  so  oft  als  blutigen  Teufel  an  die  Wand  gemalt  hatte,  war
da!  Der  Unterschied  war  nur  der,  dass  dieser  Teufel  ein  ziemlich ­
  harmloser  Geselle  war.
Ursprünglich  scheint  die  Schaffung  zweier  scharf  begrenzten
Interessensphären  ins  Auge  gefasst  worden  zu  sein:  eine  Teilung  der
Welt  zwischen  zwei  der  Grössten  im  Reiche  des  Kapitals.  Darnach
sollten  Nobel-Rothschild  Russland  und  das  übrige  Osteuropa
sowie  Asien  als  Machtgebiet  erhalten,  während  der  Westen  und
        <pb n="87" />
        1)  Nach  »Plutus«,  1905,  43,  S.  832.

8o

Süden  Europas  ausser  Griechenland  und  die  übrigen  Erdteile  den
Amerikanern  Vorbehalten  bleiben  sollten.  Eingehende  Unterhandlungen ­
  fanden  Ende  der  90er  Jahre  in  Petersburg  (unter
Wittes  Mitwirkung)  statt,  zerschlugen  sich  aber.  Später,  um  1900,
einigte  man  sich  bezüglich  Deutschlands  dahin,  dass  der  Status
quo  bestehen  blieb  und  nur  eine  Preiskonvention  getroffen  wurde.
Die  genaue  Natur  dieses  Uebereinkommens  war  mir  nicht  möglich ­
  in  Erfahrung  zu  bringen,  doch  ist  so  viel  sicher,  dass  beide
Kontrahenten  sich  verpflichteten,  stets  eine  bestimmte  Preisspanne
—  bei  Strassenwagenverkäufen  1 / 2  Pf.  pro  Liter  —  einzuhalten.  —
Wie  eng  das  Verhältnis  war,  geht  u.  a.  daraus  hervor,  dass  in
Mannheim  die  D.-A.  P.-G.  auf  Verlangen  russisches  Oel  lieferte,
in  Stuttgart  den  Alleinverkauf  des  Nobel-Petroleums  hatte 1 ).
Auf  seiten  der  St.O.C.  handelte  es  sich  bei  dem  Vertragsschluss ­
  zweifelsohne  um  eine  Abwehrmassregel,  was  schon  daraus
hervorgeht,  dass  sie  die  Verständigung  suchte.  Deutschland  betrachtete ­
  sie  als  ihre  Domäne,  da  sie  nach  Besiegung  bez.  Angliederung ­
  ihrer  Konkurrenten  schon  die  unbestrittene  Oberherrschaft ­
  errungen  hatte.  Durch  die  Russen  fühlte  sie  diese  letztere
bedroht,  und  da  sie  keinen  massgebenden  Einfluss  auf  die  Produktion ­
  der  Bakufelder  erlangen,  ebensowenig  aber  die  unbequeme
Konkurrenz  durch  das  von  ihr  sonst  so  gern  angewendete  Mittel
rücksichtsloser  Preispolitik  totmachen  konnte,  verlegte  sie  sich
aufs  Paktieren.
Ganz  entgegengesetzte  Motive  waren  es  natürlich,  die  für  die
Russen  bestimmend  waren.  Sie  riskierten  nicht  so  viel  wie  die
St.O.C.,  da  ihr  Absatz  bei  weitem  geringer  war.  Sie  mussten
ihre  Ueberproduktion  abstossen  und  konnten  dies  am  leichtesten
ausser  in  England  auf  dem  aufnahmefähigen  deutschen  Markte.
Jeder  Fortschritt  war  für  sie  ein  Gewinn,  während  andererseits
Verluste  infolge  ihres  viel  geringeren  Absatzes  für  sie  weniger
fühlbar  waren.  Ausserdem  hatten  sie  das  Fortschreiten  der
Technik  für  sich.  Russisches  Oel  russt  und  stinkt  auf  den  eigens
für  amerikanisches  Oel  eingerichteten  und  in  Deutschland  fast
allgemein  üblichen  Brennern,  aber  jede  Verbesserung  der  Lampenkonstruktion ­
  sowohl  als  auch  des  Raffinationsverfahrens  macht  es
konkurrenzfähiger.  Als  freilich  ungewolltes  später  zu  Tage  getretenes ­
  Moment  fiel  für  die  D.-R.  N.-I.-G.  noch  vorteilhaft  ins
Gewicht,  dass  im  Detailverkauf  russisches  Oel  fast  stets  zum  selben
        <pb n="88" />
        8i

Preise  wie  das  amerikanische  verkauft  wird,  dass  den  Detaillisten
bei  ersterem  also  ein  um  1 / 2  Pf.  pro  Liter  höherer  Gewinn  bleibt.
Im  Juli  1904  schwankte  z.  B.  im  Königreich  Sachsen  bei  einem
Einkaufspreise  von  15 a / 2 —16 1  / 2  Pfg.  der  Verkaufspreis  zwischen  18
und  22  Pfg.,  dabei  wurde  aber  nur  sehr  selten  ein  Preisunterschied
zwischen  den  verschiedenen  Oelsorten  gemacht.
Seit  Mitte  1905  existiert  dieses  Freundschaftsverhältnis  nicht
mehr.  Der  Vertrag  wurde,  wie  es  heisst,  von  den  Russen  nicht
erneuert.  Die  Einzelheiten  entziehen  sich  meiner  Kenntnis.  Es
ist  aber  zu  konstatieren,  dass  seit  Juli  1905  das  Preisverhältnis
anfing  zu  schwanken,  bisweilen  recht  erheblich.  So  notierte
russisches  Oel  z.  B.  am  11.  Okt.  1905  an  der  Hamburger  Börse
nur  10  Pfg.  pro  100  kg  unter  amerikanischem  Oel  —  eine  Folge
der  durch  die  Bakuer  Wirren  verursachten  Oelknappheit  —,  während
es  zur  Zeit  des  Vertrags  stets  um  1.—  Mk.  bis  1.20  Mk.  pro  IOO  kg
billiger  war;  andererseits  ist,  seitdem  die  Produktion  wieder  geregelt ­
  ist,  die  Preisdifferenz  im  Detailverkauf  aus  Konkurrenzrücksichten ­
  häufig  grösser  als  J / 2  Pfg.
Der  Kampf  hat  also  wieder  begonnen.  In  den  tatsächlichen
Verhältnissen  ändert  sich  dadurch  aber  wenig.  Die  D.-R.  N.-I.-G.,
die  ohnehin  schon  keine  Dividende  zur  Verteilung  bringen  konnte,
wird  ihre  Detailpreise  auch  weiterhin  denen  der  Amerikaner
möglichst  anpassen  und  ohne  zwingende  Gründe  nicht  herabgehen.
Nur  werden  die  Amerikaner  wohl  noch  mehr  aggressiv  vorgehen
als  bisher.  Schon  der  Vertrag  hinderte  sie  nicht,  dem  durch  den
Krieg  in  Bedrängnis  geratenen  russischen  Handel  weite  Absatzgebiete ­
  in  Asien  wegzunehmen 1 ).  Der  Oelmangel  der  Russen
gab  ihnen  die  Möglichkeit,  dasselbe  in  Deutschland  zu  tun.
Eine  zweite  Tochtergesellschaft  Nobels  ist  die  Deutsch-Oesterreichische
  Naphtha-Import-Gesellschaft  in  Wien,  die  in  Süd-Deutschland
  bis  zur  Donau  verkauft.  Man  hört  nur  sehr  wenig
von  ihr;  ihr  Absatz  scheint  nur  gering  zu  sein.
Die  dritte  Gesellschaft,  die  russisches  Oel  in  Deutschland
1)  Nach  »Petroleum«,  1906,  Nr.  20,  S.  716  stellte  sich  die  Ausfuhr  aus  Batum
■nach  Ost-  und  Südasien  in  den  beiden  letzten  Jahren  wie  folgt:
1904  1905
nach  Ostindien  2  338  216  Kisten  77  480  Kisten
»  China  2  543  576  »  589  924
»  Japan  722340  »  136360  »
dagegen  stieg  der  Export  Amerikas  nach  Ostindien  z.  B.  von  825  222  Kisten  i.  J.
J904  auf  1  213  539  Kisten  i.  J.  1905.
Zeitschrift  für  die  ges.  Staatswissensch.  Ergänzungsheft  20.

6
        <pb n="89" />
        82

vertreibt,  ist  die  in  Breslau  domizilierte  »Gesellschaft  für  russische
Naphthaprodukte,  m.  b.  H.«  Ihr  Kapital  beträgt  270  OOO  Mk.  Sie
hat  nur  in  Ostdeutschland  einen  unbedeutenden  Absatz.  Mit
Nobel  bez.  Rothschild  steht  sie  nicht  in  Verbindung.
Ein  weit  gefährlicherer  Gegner,  als  die  Russen  es  waren  bez.
sind,  ist  der  D.-A.  P.-G.  in  der  Petroleum  Produkte  A.-G.  (»P.  P.
A.-G.«)  entstanden.  Ihre  Entstehung  ist  schon  kurz  im  Abschnitt
über  Rumänien  berührt.  1902  wurde  sie  von  der  Shell  Transport
and  Trading  Co.  unter  der  Maske  ihres  Vertreters  Rudeloff  durch
Uebernahme  der  russischen  Importfirma  Gehlig,  Wachenheim  &amp;amp;  Co.
mit  3  Millionen  Mark  gegründet;  Anfang  1904  wurde  ihr  Kapital
unter  Mitwirkung  der  Deutschen  Bank  auf  9  Millionen  Mark,  1905
auf  12  Millionen  Mark  erhöht 1 ).  Die  Bank  hoffte,  durch  diese
Finanzierung  den  Absatz  ihrer  rumänischen  Oele  in  Deutschland
zu  heben,  und  übertrug  der  P.  P.  A.-G.  den  Alleinverkauf  der
Produktion  der  Steaua  Romänä,  hat  aber  nicht  viel  Glück  damit
gehabt.  Der  Import  aus  Rumänien  ging  rapid  zurück  und  kommt
fast  nur  noch  für  Bayern  und  einen  Teil  von  Nordwestdeutschland
in  Frage.  Den  Hauptprozentsatz  ihres  Absatzes  deckt  die  P.  P.
A.-G.  mit  dem  Texasöl  der  Shell  Co.  Sie  mischt  dieses  ca.  820  g
schwere,  billige  Oel  zu  etwa  2 /s  mit  pennsylvanischem  der  Pure
Oil  Co.,  bringt  die  Mischung  als  »amerikanisches«  Petroleum  in
den  Handel  und  macht  mit  ihm  der  D.-A.  P.-G.  gefährliche  Konkurrenz. ­
  Sie  hat  sich  öffentlich  verpflichtet,  stets  */ a  Pfg.  pro
Liter  billiger  zu  liefern  als  die  D.-A.  P.-G.,  ist  stellenweise  aber
noch  billiger.  Auch  in  den  Provisionsverträgen  ist  ein  derartiger
Passus  eingefügt.  Die  betreffende  interessante  Stelle  lautet  wörtlich: ­
  ».  .  .  doch  ist  die  P.  P.  A.-G.  verpflichtet,  die  Literverkaufspreise ­
  ex  Strassentankwagen  stets  so  zu  stellen,  dass  sie  unter
normalen  Verhältnissen  */ 2  Pfg.  pro  Liter  unter  den  entsprechenden ­
  Forderungen  der  D.-A.  P.-G.  bez.  der  M.-B.  P.  A.-G.  .  .  .
auskommen,  jedenfalls  aber  konkurrenzfähig  sind.«  —  Dass  die
Preise,  wenigstens  in  Mitteldeutschland,  vom  Sommer  1904  bis
zum  Sommer  1905  um  durchschnittlich  3  Pfg.  pro  Liter,  d.  h.  um
etwa  15—20%,  gesunken  sind,  ist  vornehmlich  der  P.  P.  A.-G.
zuzuschreiben,  denn  die  D.-A.  P.-G.  war  zu  Preisherabsetzungen
genötigt,  um  sich  ihren  Kundenstand  zu  erhalten.  Infolge  der
1)  Von  den  letzten  3  Millionen  Mark  übernahmen  die  Deutsche  Petroleum-Aktiengesellschaft ­
  und  die  Steaua  Romänä  (beides  Gesellschaften  der  Deutschen  Bank),
je  die  Hälfte.
        <pb n="90" />
        83

veränderten  Marktlage  aber  haben  beide  Gesellschaften  ihre  Preise
seitdem  wieder  erhöht,  und  zwar  durchaus  gleichmässig.
Mit  der  Einrichtung  des  Tankbetriebes  begann  die  P.  P.  A.-G.
im  Sommer  1904  zuerst  in  Bayern.  Ihr  Verhalten  ist  etwas  eigentümlich ­
  zu  nennen.  Denn  während  sie  sich  in  Nord-  und  Mitteldeutschland ­
  als  den  Rettungsengel  hinstellte,  der  die  vom  Strassenwagenbetriebe
  der  D.-A.  P.-G.  um  ihren  Absatz  gebrachten
Grossisten  schützend  in  seine  Arme  nahm,  begann  sie  dasselbe
Spiel,  das  sie  bei  ihrer  Konkurrentin  so  verdammte,  in  Süddeutschland ­
  zuerst!  C’est  la  guerre!  Auch  dies  ist  ein  Beweis
dafür,  dass  für  den  Zwischenhandel  kein  Kraut  gewachsen  ist,
dass  er  sich  überlebt  hat  und  mitleidslos  zerrieben  wird  im  Zusammenprall ­
  der  Mächtigeren.  Von  Bayern  aus  griff  die  P.  P.-A.-G.
  dann  nach  Mitteldeutschland,  besonders  nach  Thüringen
und  Sachsen,  über  und  führt  jetzt  überall  einen  erbitterten  Kampf
gegen  die  D.-A.  P.-G.
Bemerkenswert  ist,  dass  die  P.  P.  A.-G.  und  die  Russen  Mitte
1906  zu  einer  Verständigung  gelangt  sind.  Sie  scheint  in  der
Hauptsache  dem  Wunsche  entsprungen  zu  sein,  die  Vertriebsunkosten ­
  zu  verringern.  Diese  bleiben  im  grossen  und  ganzen
dieselben,  einerlei,  ob  der  Absatz  hoch  oder  niedrig  ist.  Da  aber
die  Tankbetriebsstellen  beider  Gesellschaften  in  der  überwiegenden
Mehrzahl  einen  nur  geringen  Absatz  hatten,  die  Unkosten  für
jedes  zur  Ablieferung  kommende  Liter  also  unverhältnismässig
hoch  waren,  suchte  man  hier  Abhilfe  zu  schaffen,  indem  man
den  Vertrieb  in  die  Hände  eines  Vertreters  legte  und  den
Vertrag  mit  den  andern  kündigte.
Ob  noch  weitergehende  Abmachungen  zwischen  den  beiden
Gesellschaften  existieren,  ist  mir  nicht  bekannt.  Einstweilen  wird
man  dem  Vertrag  für  Deutschland  eine  grössere  Wichtigkeit  wohl
nicht  zusprechen  können,  umso  weniger,  da  in  dem  P  r  e  i  s  v  erhält ­
  nis  schwerlich  eine  Aenderung  getroffen  werden  kann.
Beide  Gesellschaften  müssen  die  D.-A.  P.-G.  wegen  der  geringeren
Qualität  der  von  ihnen  vertriebenen  Oele  unterbieten  (meist  1 / 2  Pfg.
pro  Liter),  müssen  aber  unter  sich,  wie  bisher,  gleichpreisig  sein 1 ).
1)  Zu  bemerken  ist  hier  jedoch,  dass  die  P.P.  A.-G.  seit  Mitte  1906  ihr  texanisches
  Oel  nicht  mehr  mit  pennsylvanischem  mischt,  sondern  (wenigstens  ist  mir
dies  für  Mitteldeutschland  bekannt)  eine  Mischung  von  , /2  texanischem  und  */s
rumänischem  Petroleum  in  den  Handel  bringt.  Wahrscheinlich  ist  dies  darauf  zurückzuführen, ­
  dass  es  jetzt  gelungen  ist,  das  rumänische  Rohöl  besser  zu  raffinieren.
6*
        <pb n="91" />
        8 4

Von  den  galizischen  nach  Deutschland  exportierenden  Gesellschaften ­
  und  der  eigenen  deutschen  Produktion  habe  ich  bereits
gesprochen.  Zu  erwähnen  wäre  nur  noch,  dass  das  galizische
Kartell  im  Mai  1906  die  Ostdeutsche  Petroleumgesellschaft  m.  b.  H.
Breslau,  und  die  Sächsische  Petroleum-Importgesellschaft  m.  b.  H.
Dresden  (letztere  mit  nur  25  000  Mk.  Anfangskapital,  im  Juli  auf
50000  Mk.  erhöht)  gründete.  Dies  sind  nur  Notwehrmassregeln,
da  die  D.-A.  P.-G.  um  diese  Zeit  eine  grosse  Dresdner  Firma,
die  bisher  den  Vertrieb  des  galizischen  Oeles  besorgt  hatte,  dazu
vermocht  hatte,  die  Verbindung  mit  den  Galiziern  abzubrechen
und  zu  ihr  in  Beziehungen  zu  treten.
Als  letzte  der  Petroleumimporteure  bleibt  hier  die  mit  der
Refiners  Co.,  der  Producers  Oil  Co.  und  der  United  States  Pipe
Line  Co.  in  Verbindung  stehende  Pure  Oil  Co.  zu  erwähnen.
Welche  Stellung  sie  eigentlich  einnimmt,  ist  nicht  ganz  klar.
Sie  selbst  behauptet  zwar,  völlig  »unabhängig«  zu  sein,  doch
dürfte  diese  Behauptung  nicht  zutreffen.  Im  Gegenteil  lässt  die
ganze  Art  ihres  Vorgehens  darauf  schliessen,  dass  sie  nur  mehr
eine  Scheinorganisation  gegen  die  St.O.C.  bez.  deren  Tochtergesellschaften ­
  ist.  Dieser  Schluss  liegt  um  so  näher,  als  notorisch
grosse  Posten  ihrer  Aktien  in  Rockefellers  Besitz  sind.
Die  Pure  Oil  Co.  leidet  infolge  des  Rückgangs  der  Produktion
Pennsylvaniens  an  chronischem  Oelmangel.  Sie  soll  auch  finanziell
schwach  sein,  kann  deshalb  mit  den  Preisen  der  Konkurrenzgesellschaften ­
  oft  nicht  Schritt  halten  und  verliert  aus  diesen  beiden
Gründen  mehr  und  mehr  an  Boden.  Neuerdings  soll  sie  sich  dem
galizischen  Kartell  genähert  haben.  Auffallend  ist  es,  dass  sie
seit  Frühjahr  1906  eifrig  mit  der  Einrichtung  des  Tankbetriebes
vorgeht,  trotzdem  dessen  Einrichtung  grosse  Kosten  erfordert.
Sollte  vielleicht  gar  Rockefeller  dahinterstecken?
und  die  Raffinade  für  die  in  Deutschland  gebräuchlichen  Lampen  geeigneter  zu  machen. ­
  Die  Folge  wird  sein,  dass  sich  die  Einfuhr  rumänischen  Oeles  nach  Deutschland ­
  jetzt  wohl  ziemlich  beträchtlich  heben  wird.  Ob  die  P.P.  A.-G.  mit  dieser
Mischung  durchkommt,  bleibt  abzuwarten.  Doch  hat  sie  den  grossen  Vorteil  für
sich,  dass  sie  wegen  geringerer  Einstandskosten  jetzt  billiger  verkaufen,  also  eine
grössere  Preisspanne  gegen  die  D.-A.  P.-G.  als  */2  Pfg.  per  Liter  einhalten  kann.
Dies  ist  für  sehr  viele  Händler  ausschlaggebend,  die  bei  einer  Preisspanne  von  nur
V 2  Pfg«  iF re  Bezugsquelle  nicht  wechseln  würden.
        <pb n="92" />
        85

Zusammenfassung.
Betrachtet  man  die  in  den  vorigen  Kapiteln  beschriebene
Gestaltung  der  Dinge  und  den  Konkurrenzkampf  in  Deutschland
mit  dem  Auge  des  Laien,  so  zeigt  sich  eine  beängstigende  Fülle
von  Gesellschaften.  Darnach  sollte  es  scheinen,  als  ob  an  freiem
Wettbewerb  wahrlich  kein  Mangel  sei.  Dem  schärferen  Blick  des
Kundigen  stellt  sich  die  Lage  aber  in  ganz  anderem  Lichte  dar.
Da  erkennen  wir,  dass  es  sich  nicht  um  eine  Vielheit  selbständiger,
nach  ihren  eigenen  Gesichtspunkten  und  Interessen  sich  befehdender ­
  Importfirmen  handelt,  sondern  —  von  der  minimalen  deutschen ­
  Produktion  und  den,  im  Verhältnis  zum  ganzen  wenigstens,
gleichfalls  herzlich  unbedeutenden  (1905  nur  ca.  5 1  /2  %  der  Einfuhr)
galizischen  Importeuren  abgesehen  —  letzten  Endes  allein  um  die
drei  grossen  Gruppen,  die  den  ganzen  Weltmarkt  beherrschen
und  die  uns  schon  bei  der  Besprechung  der  Produktionsgebiete
Amerika,  Russland  und  Rumänien  entgegentraten.
Es  sind  dies
X.  Der  Standard  Oil  Trust  (Vereinigte  Staaten  mit  Ausnahme  von
Texas,  in  das  er  sich  mit  der  Shell  teilt);
2.  Die  Gruppe  Nobel-Rothschild-Mantaschew  (Russland).
3.  Die  Interessengemeinschaft  Shell  Transport  and  Trading  Co.  —
Deutsche  Bank  —  Diskontogesellschaft  (Texas,  Rumänien,
asiatische  Produktionsgebiete)*).
Allen  drei  Gruppen  stehen  ungeheure  Kapitalien  zur  Verfügung. ­

Für  den  Standard  ist  aber  der  Umstand  von  Vorteil,  dass  er
speziell  das  Petroleumgeschäft  pflegt  und  nur  in  dessen  Erweiterung ­
  auch  auf  andere  Gebiete  übergegriffen  hat,  während  Rothschilds ­
  Interesse  sich  auch  auf  eine  grosse  Anzahl  anderer  Unternehmungen ­
  gerichtet  hat.  Noch  mehr  ist  dies  von  der  dritten
Gruppe  zu  sagen;  die  Shell  betreibt  das  Petroleumgeschäft  mehr
als  Verfrachterin  als  für  eigene  Rechnung,  und  die  deutschen  Banken ­
  sind  in  das  Petroleumgeschäft  mehr  hineingedrängt,  als  dass
sie  es  freiwillig  im  grossen  Massstabe  aufgenommen  haben.
Ferner  ist  zu  berücksichtigen,  dass  der  amerikanische  Trust
durch  die  gewaltige  Produktion,  die  er  beherrscht,  und  durch
1)  Wenn  das  auf  S.  84  kurz  besprochene  nach  Fertigstellung  dieser  Arbeit
zustande  gekommene  Kartell  Bestand  hat,  würden  sich  also  im  Ganzen  nur  zwei
Gruppen  gegenüberstehen.
        <pb n="93" />
        86

seine  weitverzweigte,  musterhafte  Organisation,  nicht  zum  wenigsten
auch  durch  die  Qualität  seines  Oeles  ein  entschiedenes  Uebergewicht
  über  seine  Konkurrenten  hat,  die  nur  langsam  und  unter
den  grössten  Anstrengungen  ihre  Stellung  gegen  ihn  verstärken
konnten.  Allerdings  haben  sie  während  des  letzten  Jahrzehnts
bemerkenswerte  Fortschritte  gemacht  und  das  Monopol,  das  der
Trust  besass,  in  mehr  als  einem  Lande  vernichtet.  Doch  bedeutet
das  letztvergangene  Jahr,  1905,  wieder  einen  entschiedenen  Umschwung. ­
  Die  schweren  Schäden,  die  die  russische  Erdölindustrie
durch  die  Brände  in  Baku  erlitt,  ermöglichten  dem  Trust,  trotz
der  Shell  und  der  unabhängigen  Oelgebiete  in  Hinterindien
(Burmah  Oil  Co.)  und  Japan,  in  Asien,  welcher  Erdteil  bis  jetzt
am  wenigsten  von  ihm  abhängig  war,  erobernd  vorzudringen.
Auch  Europa  scheint  seinem  Einfluss  wieder  mehr  anheim  zu
fallen.  Der  Streit  tobt  jetzt  in  allen  Kulturländern,  am  heissesten
natürlich  da,  wo  es  einen  hohen  Preis  gilt.
Ein  solches  Land  ist  eben  Deutschland,  und  um  die  Herrschaft ­
  gerade  in  diesem  bis  jetzt  zweitgrössten  Konsumtionsgebiete
der  Welt  spielt  sich  jetzt  ein  besonders  erbitterter  Kampf  ab,
dessen  einzelne  Phasen  oben  kurz  geschildert  worden  sind.
Aber  die  grossen  Finanzgruppen  treten,  wie  schon  erwähnt,
nicht  direkt,  mit  offenem  Visier,  als  Kämpfer  auf,  sondern  sie
agieren,  um  ihre  Identität  zu  verbergen,  unter  verschiedenen
Masken.  Reisst  man  diese  jedoch  herab,  so  schmilzt  die  Zahl
der  Gesellschaften  zusammen.  Dem  kritischen  Blick  erscheinen
dann  nur  die  wohlbekannten  drei  Gesichter,  die  einzelnen  Firmen
als  das,  was  sie  in  Wirklichkeit  sind:  als  Vertriebsgesellschaften.
Dass  diese  Absonderung  manche  Vorteile  für  sich  hat,  ist
nicht  zu  verkennen.  U.  a.  wird  das  Risiko  dadurch  beschränkt.
Dies  ist  besonders  wichtig  für  die  deutschen  Banken,  die  selbst
im  schlimmsten  Falle  nicht  über  ihre  tatsächliche  finanzielle  Beteiligung ­
  bei  der  betreffenden  Gesellschaft  hinaus  in  Anspruch
genommen  werden  können.  Beim  Standard  Oil  Trust  spricht
dieser  Umstand  weniger  mit.  Die  von  ihm  abhängigen  Gesellschaften ­
  verdanken  auch  besonderen  Gründen  (Aufkauf  bestehender ­
  Firmen,  deren  Angliederung  an  das  Hauptgeschäft,  meist
allerdings  aus  Konkurrenzrücksichten,  erst  allmählich  erfolgte)  ihre
Entstehung.
Der  besseren  Uebersicht  halber  gebe  ich  nachstehend  unter
        <pb n="94" />
        -  8;  -

Ausserachtlassung  der  P.O.C.  eine  nach  diesen  Gesichtspunkten
zusammengestellte  Tabelle.

I.  Der  Trust.

II.  Die  Russenfirmen.

III.  Die  Rumänengruppe.

Akt.  Kap.

Akt.  Kap.

ohne  Res.

1)  D.-A.  P.-G.  30  Milk

D.R.N.I.G.  6’/a  Mill.

1)  Shell,  2)  A.P.I.G.  (17

2)  M.B.P.A.G.  3  »

D.Oest.  unbedeut.

Mill.)  3)  D.P.A.G.  (20

3)  K.H.C.  2 l /i  »
4)  Amer.  Petr.  Anl.  1 / 4  »

N.I.G.

Mill.)  »).
P.P.A.G;  12  Mill.

5)  P.R.  v.  A.Korff  i*/ 2  »
6)  Westfäl.P.-Ges.  unbedeut.

37  Mill.

672  Mill.

12  Mill.

ca.  67  %

ca.  12  0/ fl

ca.  21  0/ 0

Hierzu  ist  noch  zu  bemerken,  dass  die  amerikanischen  Gesellschaften ­
  über  reich  dotierte  Reservefonds  verfügen  und  stets
gut,  oft  geradezu  glänzend  angeschnitten  haben.  Obwohl  sie
ganz  Deutschland  mit  dem  Strassenwagenbetriebe  überzogen
haben,  dessen  Einrichtung  riesige  Opfer  erforderte,  blieb  ihr
Grundkapital  doch  unverändert,  ja  sämtliche  Neuanschaffungen
wurden  bez.  werden  im  Laufe  weniger  Jahre  abgeschrieben.
Wie  ganz  anders  zeigt  sich  z.  B.  die  Vertreterin  der  russischen ­
  Gruppe,  die  in  den  22  Jahren  ihres  Bestehens  siebenmal
gar  keine,  im  Durchschnitt  seit  1888  bei  ausserordentlich  schwachen
Reserven  und  geringen  Abschreibungen  ca.  5  %  Dividenden  verteilte ­
  !
Auch  die  Geschäftsergebnisse  der  P.  P.  A.-G.  sind  bis  jetzt
nicht  allzu  günstig.  Nicht  ohne  Grund  hat  sie  »infolge  der  Ausdehnung ­
  ihres  Geschäftsbetriebes«  erst  1905  ihr  Kapital  wieder
um  3  Millionen  Mark  erhöht.  Die  anderen  Gesellschaften  der
dritten  Gruppe  —  man  könnte  sie  Portefeuille-Gesellschaften
nennen  —,  die  A.  P.  I.  A.-G.  und  die  D.  P.  A.-G.,  sind  noch  zu
jung,  als  dass  sie  schon  grössere  Reserven  angesammelt  haben
könnten  und  als  dass  man  über  sie  schon  ein  endgültiges  Urteil
fällen  könnte.
Aus  Vorstehendem  geht  also  die  unbedingte  Ueberlegenheit
des  Trusts  hervor.
Nun  darf  man  aber  nicht  glauben,  dass  ihm  der  deutsche
Markt  deshalb  auf  Gnade  und  Ungnade  überlassen  sei.  Ich  sprach
vorhin  nur  von  den  finanziellen  Resultaten,  die  sich  allerdings  auf
1)  2  und  3  sind  keine  Vertriebsgesellschaften,  sondern  nur  Zusammenfassungen
von  Petroleuminteressen.
        <pb n="95" />
        88

seiten  der  Amerikaner  viel  günstiger  stellen.  Aber  schon  deshalb,
weil  auch  die  andern  Gruppen,  besonders  der  Rumänenconcern,
so  grosse  Summen  im  Petroleumgeschäft  festgelegt  haben,  müssen
sie  alles  aufbieten,  um  diese  nicht  zu  verlieren;  d.  h.  mit  anderen
Worten,  sie  müssen  den  einmal  aufgenommenen  Kampf  ausfechten.
Wie  in  den  folgenden  Kapiteln  dargelegt  werden  wird,  ist  ihre
Konkurrenz  stark  genug,  um  ein  »Monopol«  des  Trusts  in  Deutschland ­
  und  eine  einseitig  durch  ihn  erfolgende  Festsetzung  und
erheblichere  Hinaufschraubung  der  Preise  zu  verhindern.
Nachfolgende  Tabellen  mögen  das  in  den  vorstehenden
Kapiteln  zu  schildern  versuchte  Machtverhältnis  der  einzelnen
Gesellschaften  zu  einander  und  seine  Verschiebung  im  Laufe  der
letzten  Jahre  veranschaulichen.
Es  betrug  die  Einfuhr  von  Petroleum  (roh,  raffiniert
und  leichte  Destillate)  nach  der  Reichsstatistik  im  Gesamteigenhandel: ­


Wert  in
1000  Mk.

via  Bremen

Hamburg

Mannheim

1880

320731

tons

58  538

208  000  tons

77  000

1885

477  614

»

69254

103  OOO

140  OOO

1890

690  81g

»

78  062

181  OOO

116  OOO

35  o°°

1891

736  433

»

71  287

I  40  OOO

»

79  OOO

66  000

1892

749  673

61  248

I  04  OOO

»

69  OOO

113  000

1893

784  449

48  479

131  OOO

»

80  OOO

125  000

1894

824  397

»

47  815

1  39  000

»

95  OOO

117  000

1895

783  654

s&amp;gt;

59  588

121  OOO

131OOO

112  000

1896

836  921

»

58710

I  15  OOO

»

146  OOO

119  000

1897

849  02  5

»

43  995

93  000

»

208  OOO

118  000

1898

874  039

»

59  785

94  OOO

»

305  OOO

124  000

1899

916  077

75  081

87  OOO

312  OOO

109  OOO

1900

847  466

7i  37i

80  OOO

»

294  OOO

1901

931  466

»

65  95 1

89  OOO

»

315  OOO

1902

971  082

»

68  373

75  000

349  000

1903

1  106  282

93  073

54000

322  OOO

1904
1905

1  082  188

»

80  623

50  OOO
45  5°°

296  OOO

NB.  Die  Zahlen  für  die  Einfuhrhäfen  entstammen  deren
statistischen  Jahrbüchern!
        <pb n="96" />
        Deutschlands  Einfuhr  im  Spezialhandel.

Jahr

Rohöl

Leuchtöl

Leichte  Destillate

Insgesamt

Wert  in
1000
Mark

aus

dz

tot.  dz

aus

dz

total  dz

aus

dz

total  dz

dz

1896
1897
1898
1899
1900

*

ISI442
103914
57853
88  461

■

82x1  590
8  741  754
8  896  747
8971750
9  227  099

52  917
56239
81085
61667

8946  113
9  056  900
9110  688
9  377  227

46  220
61  984
74  336
78  775

1901

Oest.-Ungarn
Rumänien
Russland
Amerika

633
5381
93  236
524

101  028

Oest.-Ungarn
Rumänien
Russland
Amerika

44128
42  466
1  i6 7  5 x 5
7813990

9117  946

Oestr.-Ungarn
Rumänien
Niederl.-Indien
Amerika

32  4°3
4  477
2  286
11  429

55  655

9  274  629

65  518

1902

Oest.-Ungarn
Rumänien
Russland
Amerika

202
65  939
134

67  210

Oest.-Ungarn
Rumänien
Russland
Amerika

168  377
80  778
1  366  808
7  521  550

9  265  616

Oestr.-Ungarn
Rumänien
Niederl.-Indien
Amerika

28  354
7  197
6  210
11  319

58  468

9391  294

66  500

1903

Oest.-Ungarn
Rumänien
Russland
Amerika

8
12
32  241
147

32445

Oest.-Ungarn
Rumänien
Russland
Amerika

356  515
116  656
1  419927
7  631  637

9  704  288

Oestr.-Ungarn
Rumänien
Niederl.-Indien
Amerika

27  884
9619
16  243
3  922

64  980

9  801  713

82  764

1904

Oest.-Ungarn
Rumänien
Russland
Amerika

S&amp;amp;
21  561
143

21  780

Oest.-Ungarn
Rumänien
Russland
Amerika

428  098
70  208
1  313  383
7  77i  404

9  7°5  966

Oestr.-Ungarn
Rumänien
Niederl.-Indien
Amerika

24  500
7  609
13  790
11  936

68  437

9  796  183

73  101

1905

Russland

10  225

10  812

Oest.-Ungarn
Rumänien
Russland
Amerika

508  920
19  042
1  188  783
7  708  291

9  484  780

Oestr.-Ungarn
Niederl.-Indien

13  133
6  767

97  487

9  593  079

71  667
        <pb n="97" />
        90

Stellt  man  die  Einfuhrzahlen  der  einzelnen  Länder  zusammen,
so  ergibt  sich  folgendes  Bild  (die  Zahlen  bedeuten  tons).

Herkunft

P

Rohöl

Raff.  Oel

Destill.
leicht

Insgesamt

Prozent  der
Leuchtöleinfuhr ­


1901

5 2

781  399

1143

782  594

85  74

1902

13

752  155

1132

753  300

8l  75

Amerika

1903

15

763  164

392

763  571

78 2 /3

1904

14

777  140

1194

778  348

80

1905

770  329

•

8l  74

1901

9324

116  752

15

126  091

12  3 /i

1902

6594

136  681

89

143  364

14  7s

Russland

1903

3224

141  993

8

145  225

14  Vs

1904

2156

131  338

27

133  521

1372

1905

1023

118  878

12  72

1901

63

4  4R3

3340

7  716

73

1902

20

16838

2835

19693

175

Oestr.-Ungarn

1903

35  652

2788

38  440

373

1904

6

42  810

2450

45  266

4  73

1905

50893

1313

5  7»

1901

538

4  247

448

5  233

7»

1902

8078

720

8  798

75

Rumänien

1903

I

11  666

962

12  629

i7«

1904

7  021

761

7  782

7i

1905

1904

74

Die  anderen  Länder  hatten  Anteil  an  der  Leuchtöleinfuhr
mit  zusammen
1901  :  4984  tons  =  ca.  ‘/ 2  %
1903  :  12  810  »  =  »  1  a / e  »
1903:  17  954  »  =  »  l 6 /s  »
1904:  13  288  »  =  »  I 1 /*  »
I9 0 5:  5975  »  —  »  7*  »
In  diesen  Zusammenstellungen  fällt  besonders  die  andauernde
Steigerung  der  Einfuhrzahlen  Oesterreichs  auf,  dessen  Leuchtölimport ­
  nach  Deutschland  in  den  letzten  fünf  Jahren  um  das  rund
zwölffache  gestiegen  ist.  Dass  sie  den  stattgehabten  Zusammenschlüssen ­
  und  der  Schaffung  der  Exportorganisation  zuzuschreiben
ist,  ist  unbestreitbar.  Doch  ist  hierbei  zu  bemerken,  dass  ein
grosser  Teil  der  Mehreinfuhr  für  Lieferungen  an  die  Bahnen  bestimmt ­
  ist.  In  den  Weichenlaternen  kann  galizisches  Oel  gar
wohl  gebrannt  werden,  für  Hausbeleuchtung  ist  es  ungemischt
infolge  mangelhafter  Raffination  noch  recht  ungeeignet.  Meist
wird  es  deshalb,  mit  pennsylvanischem  Oel  vermischt,  gebrannt.
Wenn  keine  besseren  Raffinationsmethoden  angewendet  werden,
so  wird  m.  E.  der  Absatz  bald  wieder  zurückgehen  und  die  Ein-
        <pb n="98" />
        9i

fuhr  demgemäss  sinken,  ähnlich  wie  die  aus  Rumänien,  die  trotz
der  Anstrengungen  der  grössten  deutschen  Banken  nach  einer
kurzen  Periode  glänzenden  Aufschwungs  wieder  in  einer  scharfen
Kurve  nach  unten  ging.
Sie  ist  m.  W.  besonders  durch  den  Rückgang  des  Absatzes
der  P.  P.  A.-G.  in  Bayern  hervorgerufen.  Hier  hatte  diese  Gesellschaft ­
  als  erste  mit  der  Einrichtung  des  Tankwagenbetriebes
begonnen,  erreichte  damit  aber  nur,  dass  sie  fast  das  ganze  Geschäft ­
  in  rumänischem  Oel  verlor,  während  gerade  in  diesen  Gebieten ­
  die  D.-A.  P.-G.  ihren  Absatz  sehr  steigern  konnte  —  ein
Beweis,  dass  rumänisches  Oel  in  seiner  jetzigen  Beschaffenheit
mit  dem  amerikanischen  noch  nicht  konkurrieren  kann 1 ).
Bei  Russland  ist  seit  1903  ein  bemerkenswertes  Abfallen  zu
konstatieren.  Absolut  hat  die  Einfuhr  während  der  letzten  Jahre
zwar  immer  noch  etwas  zugenommen  (gegen  1901).  Nach  der
Begünstigung,  die  dem  russischen  Oel  regierungsseitig  zu  Teil
wird,  müsste  man  eigentlich  eine  weit  erheblichere  Steigerung
erwarten.  Der  Mehrabsatz  an  Behörden,  insbesondere  die  Eisenbahnen, ­
  wird  aber  durch  Minderabsatz  im  freien  Verkehr  an  die
Händler  aufgehoben.
Was  endlich  die  Einfuhr  Amerikas  anlangt,  so  ist  sie  in  den
letzten  Jahren  ziemlich  konstant  geblieben,  ja  seit  1902  wieder
gewachsen.  An  ihren  gewichtigen  Zahlen  prallt  der  Ansturm
der  kleineren  Konkurrenten  bis  jetzt  wirkungslos  ab.  Es  ist  anzunebmen,
  dass  sie  für  die  nächsten  Jahre  infolge  des  Minderertrags ­
  des  kaukasischen  Produktionsgebietes  einen  noch  höheren
Prozentsatz  der  Gesamteinfuhr  Deutschlands  ausmachen  wird.

I)  Vgl.  hierzu  jedoch  die  Anmerkung  auf  S.  83.
        <pb n="99" />
        92

III.  Preisgestaltung.
Die  vorangegangenen  Darlegungen  haben  die  gewaltige
Uebermacht  des  Rockefeller’schen  Trusts  in  Deutschland  erkennen ­
  lassen.
Wenn  die  St.O.C.  plötzlich  die  Zufuhr  sperren  würde,  so  sässe
Deutschland  trotz  der  Russen,  Galizier  und  Rumänen  schon  nach
wenigen  Monaten  im  wahrsten  Sinne  des  Wortes  »im  Dunkeln«.
Bei  diesen  Verhältnissen  drängt  sich  von  selbst  die  Frage  auf,
ob  man  dieser  Eventualität  nicht  schon  bei  Zeiten  Vorbeugen
könne,  m.  a.  W.  ob  und  wie  es  möglich  ist,  die  Macht  des
Petroleumtrusts  zu  brechen.  Im  Anschluss  daran  taucht  eine
zweite,  nicht  minder  wichtige  Frage  auf:  Wie  werden  sich  unter
dem  Einfluss  dieser  Vorbeugungs-  und  Kampfmassregeln  die
Preise  gestalten?  Die  Beantwortung  dieser  Frage  steht  im  Brennpunkt ­
  jeder  volkswirtschaftlichen  Untersuchung  des  Petroleumhandels. ­
  Handelt  es  sich  doch  darum  zu  verhindern,  dass  der
Allgemeinheit  ungezählte  Millionen  von  einer  übermächtigen  fremden ­
  Kapitalistengruppe  entzogen  werden.
a)  Vorgeschlagene  Kampfmassregeln.
Um  dies  Ziel  zu  erreichen,  hat  man  eine  ganze  Anzahl  Mittel
und  Wege  vorgeschlagen,  die  teils  direkt  gegen  die  D.-A.  P.-G.
gerichtet  sind,  teils  nur  die  Stärkung  ihrer  Konkurrenz  im  Auge
haben.  Die  wichtigsten  von  diesen  muss  ich  kurz  besprechen,
i.  Erhöhung  des  fire-test-Punktes.
Wohl  am  meisten  agitiert  man  für  die  Heraufsetzung  des
2&amp;gt;fire-test«-Punktes  von  21  auf  23°C,  da  man  dadurch  das  amerikanische ­
  Petroleum  der  D.-A.  P.-G.,  das  in  seiner  jetzigen  Raffination ­
  einen  verhältnismässig  niedrigen  Entflammungspunkt  besitzt, ­
  konkurrenzunfähiger  machen  zu  können  hofft.  Dieser  Erfolg ­
  würde  auch  wohl  eintreten  ;  die  Nachteile  wären  aber  anderer ­
        <pb n="100" />
        93

seits  so  schwerwiegend,  dass  man  sich  ernstlich  mit  dem
Gedanken  einer  Testpunkterhöhung  wohl  nicht  befassen  darf.
Vorweg  möchte  ich  hier  auf  die  amtliche  und  auf  umfassende
und  genaue  Untersuchungen  gestützte  Begründung  der  Wahl  des
Testpunktes  in  den  »Vorschriften,  betreffend  den  Abelschen
Petroleumprober  und  seine  Anwendung«,  herausgegeben  von  der
Kaiserlichen  Normal-Aichungs-Kommission  (Berlin,  1883)  hinweisen,
da  diese  Untersuchungen  den  Vorzug  grösserer  Zuverlässigkeit
vor  den  von  den  einzelnen  Konkurrenzgesellschaften  veranlassten,
oft  etwas  gefärbt  in  die  Oeffentlichkeit  gebrachten  haben.  Denn
bei  ihnen  handelt  es  sich  nicht  um  den  Beweis  grösster  Leuchtkraft, ­
  vielmehr  sind  bei  der  Festsetzung  des  fire-test  lediglich,
sagen  wir  sanitäre  und  in  viel  höherem  Masse  objektive,  volkswirtschaftliche ­
  Gesichtspunkte  massgebend  gewesen.  Gerade  weil
alle  Sorten  diesen  Bestimmungen  unterworfen  sind,  verdienen
sie  Beachtung.  Erkennt  man  die  in  der  »Begründung«  enthaltenen
Ausführungen  als  richtig  an,  so  ist  über  die  vorgeschlagene  Erhöhung ­
  des  Testpunktes  der  Stab  gebrochen.  Und  m.  E.  muss
man  sie  anerkennen.
Die  Verordnung  bestimmt,  dass  nur  Petroleum,  das  bei  einem
Barometerstand  von  760  mm  und  einer  Temperatur  von  +21  0  C.
noch  keine  entflammbaren  Dämpfe  aufsteigen  lässt,  ohne  weiteres
im  Detailhandel  verkauft  werden  darf.  Leichtere  (Benzin)  oder
infolge  sorgloserer  Raffination  explosivere  Destillate  dürfen,  wie
es  so  schön  im  Amtsstil  heisst,  »nur  aus  mit  einer  besonderen
auf  ihre  Feuergefährlichkeit  hinweisenden  Etikette  versehenen
Gefässen  verkauft  werden«,  können  auch  nur  auf  besonders  konstruierten ­
  Lampen  gefahrlos  zu  Beleuchtungszwecken  verwandt
werden.  Dieser  »Testpunkt«  wurde  eingeführt,  um  zu  verhüten,
dass  Deutschland  mit  minderwertigen  und  leichter  explodierbaren
Oelen  überschwemmt  wurde.  Dies  war  1878—1882  tatsächlich
der  Fall  infolge  Mischung  des  Petroleums  mit  der  damals  im  Verhältnis ­
  zu  ihm  niedriger  als  jetzt  bewerteten  Naphtha.  Mannigfache
Unglücksfälle  waren  die  Folge.  Sie  sollten  durch  Flinführung
eines  reichsgesetzlich  festgelegten  Mindestentflammungspunktes
vermieden  werden.
Die  Bestimmungen  haben  den  angestrebten  Zweck  erfüllt  und
vollständige  Sicherheit  geschaffen.  Die  eigentliche  Gefahrtemperatur ­
  liegt  noch  8—10 0  C.  höher  als  der  für  die  betreffende  Petroleumsorte ­
  auf  dem  Abelschen  Prober  ermittelte  Entflammungs ­
        <pb n="101" />
        94

punkt.  Die  Denkschrift  erklärt  auf  Seite  61  ausdrücklich:  »Wie
gegenüber  weit  verbreiteten  Missverständnissen  scharf  hervorgehoben ­
  werden  muss,  ist  demnach  die  Temperatur,  bei  welcher
sich  im  Behälter  einer  Petroleumlampe  Gasgemenge  bilden,  die  bei
Berührung  mit  einer  Flamme  explodieren,  ganz  erheblich  höher
als  der  für  das  benutzte  Oel  mit  Hilfe  des  Abelschen  Probers
ermittelte  Entflammungspunkt«.  Also  das  konsumierende  Publikum ­
  ist  ausreichend  geschützt.
Nun  hat  man  gegen  die  Festsetzung  des  Testpunktes  auf  nur
21°  C.  den  Einwand  erhoben,  es  werde,  da  einige  andere  Länder
(wie  z.  B.  England  einen  um  1,8°  C.)  höheren  Entflammungspunkt
verlangten,  das  anderswo  unverkäufliche  schlechte  Petroleum  nach
Deutschland  abgeschoben.  Diesem  Einwand  ist,  wie  sich  auch
die  schon  zitierte  Denkschrift  auslässt,  entgegenzuhalten,  dass  der
bei  uns  niedriger  angesetzte  Testpunkt  sich  als  vollständig  ausreichend ­
  erweist.  Auch  das  Verlangen  nach  dem  Vorhandensein
bestimmter  »Herzeigenschaften«  des  Petroleums,  das  man
öfter  gestellt  hat,  ist,  wie  Graf  Posadowsky  am  9.  Dezember
1897  im  Reichstag  erklärte,  nach  Ermittelungen  des  Reichsgesundheitsamtes ­
  nicht  gerechtfertigt,  da  die  Verschiedenheit  der  Herzeigenschaften ­
  der  einzelnen  Sorten  nicht  wesentlich  genug  ist,  um
daraufhin  irgend  welche  Massregeln  gegen  ein  bestimmtes  Petroleum ­
  zu  ergreifen.
Sodann  aber  —  und  das  ist  ein  äusserst  gewichtiges  volkswirtschaftliches ­
  Moment  —  würde  schon  die  Erhöhung  des  Testpunktes ­
  um  2 0 ,  also  auf  23  °,  wie  man,  zumeist  von  interessierter
Seite,  als  Kampfmassregel  gegen  den  Trust  empfohlen  hat,  eine
fühlbare  dauernde  Verteuerung  des  Petroleums  im  Gefolge  haben.
Amerika  könnte  infolge  der  sich  notwendig  machenden  sorgfältigeren ­
  Raffination  nicht  mehr  so  billig  liefern  wie  bisher  und
müsste  höhere  Preise  fordern.  Die  trustfeindlichen  Gesellschaften
könnten  zwar,  wie  wohl  anzunehmen  ist,  ihre  jetzige  Raffinationsart ­
  bestehen  lassen,  denn  ihre  Oele  zeigen  auch  jetzt  schon  wegen
der  besonderen  Art  ihrer  Zusammensetzung  einen  durchweg  weit
höheren  Entflammungspunkt,  als  ihn  das  von  der  D.-A.  P.-G.  vertriebene ­
  Oel  besitzt.  Wie  ich  aber  in  den  vorstehenden  Kapiteln
gezeigt  habe,  reicht  ihre  Leuchtölproduktion  noch  bei  weitem
nicht  zur  Deckung  des  deutschen  Bedarfs  aus.  Also  wäre  man
nach  wie  vor  auf  Bezug  von  der  St.O.C.  bez.  der  D.-A.  P.-G.
angewiesen.  Nun  haben  aber  die  letzten  Jahre  den  Gesellschaften
        <pb n="102" />
        95

sehr  wenig  Verdienst  gelassen,  in  nicht  seltenen  Fällen  ihnen  sogar ­
  Verluste  gebracht.  Wenn  also  die  St.O.C.  gezwungenermassen
die  Preise  heraufsetzen  würde,  so  würden  die  ausseramerikanischen
  Produzenten,  auch  die  P.  P.  A.-G.,  ihr,  von  einem  schweren
Banne  halb  erlöst,  auf  jeden  Fall  sofort  in  gleichem  Schritte
folgen,  wie  sie  dies  auch  schon  bei  den  Preiserhöhungen  im  Flerbst
1905  getan  haben.  Das  Verhältnis  bliebe  also  das  gleiche.  Der
erhöhte  Preis  müsste  gezahlt  werden,  und  wenn  die  Preise  auch
nur  um  2  Pfg.  per  Liter  stiegen,  hätte  Deutschland  alles  in  allem  genommen ­
  für  dieses  Experiment  jährlich  etwa  23—24  Millionen  Mark
mehr  zu  bezahlen!  Diese  ungeheure  Summe  würde  allein  dem  Auslande ­
  zugute  kommen.  Ob  sie  aber  von  den  Amerikanern  oder  von
ihren  Gegnern  in  die  Tasche  gesteckt  wird,  ist  für  uns  gleichgültig.
Ferner  kommt  hinzu,  dass  solche  Oele  einen  höheren  Prozentsatz ­
  an  »Kernölen«  besitzen.  Da  diese  Kernöle  aber  infolge  ihrer
geringeren  Kapillaraktion  im  Docht  weniger  gut  steigen  und  deshalb ­
  verhältnismässig  leicht  russen  und  qualmen,  verlangen  sie
eine  ganz  besondere  Lampenkonstruktion.  Durch  die  notwendig
werdenden  Neuanschaffungen  würden  jedoch  gerade  die  ärmeren
Schichten  der  Bevölkerung  prozentual  am  meisten  belastet  werden, ­
  ganz  abgesehen  von  dem  höheren  Preise  für  das  Oel  selbst.
Aus  dem  Gesagten  erhellt,  dass  eine  so  einschneidende  Massregel
  wie  die  Erhöhung  des  Testpunktes  sich  nur  würde  rechtfertigen
  lassen,  wenn  der  jetzige  ungenügend  wäre  und  der  vorgeschlagene ­
  eine  Gewähr  für  eine  nennenswerte  grössere  Sicherheit ­
  gegen  Explosionsgefahr  böte.  Dies  ist  nicht  der  Fall.  Sie
aber  als  Mittel  gegen  das  Vordringen  der  St.O.C.  anwenden  zu
wollen,  wäre  schlechterdings  verfehlt.
2.  Zolländerungen.
Als  ein  weiteres  Mittel  zur  Zurückdämmung  der  Macht  des
Trusts  hat  man  Zolländerungen  vorgeschlagen.  —  Gegenwärtig
beträgt  der  Zoll  auf  Leuchtöl  6  Mark  pro  100  kg  brutto  und
unter  Berücksichtigung  der  allgemein  üblichen  Fässertara  von
20%  7-5°  Mark  netto.  Die  Vorschläge  gehen  nun  dahin:
a)  amerikanisches  Oel  einem  höheren  Zollsätze  zu  unterwerfen
als  solches  anderen  Ursprungs.  Dies  könnte  sich  aber  Amerika
keineswegs  gefallen  lassen.  Wenngleich  jetzt  ein  scharfer  Wind
gegen  die  Trustleute  weht  und  viele  Staaten  samt  dem  Präsidenten ­
  (wieder  einmal)  offenen  und  unerbittlichen  Kampf  gegen
sie  proklamiert  haben,  so  dürfen  sie  eine  Zollbenachteiligung  ihres
        <pb n="103" />
        96

drittwichtigsten  Exportartikels  doch  nicht  zugeben.  Aus  dem
einfachen  Grunde  nicht,  weil  infolge  des  grossen  Minderabsatzes
und  des  dadurch  hervorgerufenen  Preissturzes  in  den  Oelproduktionsgebieten
  eine  Krisis  ausbrechen  würde,  die  zu  einer
schweren  Schädigung  des  Nationalwohlstandes  führen  müsste,
ganz  abgesehen  von  der  Verschlechterung  der  Handelsbilanz  als
solcher.  Könnte  man  aber  trotzdem  das  amerikanische  Oel  mit
einem  höheren  Zollsatz  belegen,  so  würde  voraussichtlich  Russland ­
  ohne  weiteres  an  die  Stelle  Amerikas  treten,  d.  h.  der  Teufel
hätte  sich  in  Beelzebub  verwandelt,  wenn  Russland  überhaupt  so
viel  Leuchtöl  nach  Deutschland  exportieren  könnte.  Ausserdem
ist  zu  bedenken,  dass  die  ausseramerikanischen  Gesellschaften  ihre
Preise,  wenn  auch  wohl  nicht  um  den  ganzen,  so  doch  sicher  um
den  annähernden  Betrag  der  Zolldifferenz  erhöhen  würden.  Damit ­
  wäre  die  Preissteigerung  zu  einer  dauernden  gemacht.  Die
Rechnung  hätte  wieder  das  Publikum  zu  bezahlen.  —  Oder
b)  einen  Differentialzoll  auf  rohes  und  raffiniertes  Petroleum
einzuführen.  Auch  dies  würde  ein  Schlag  ins  Wasser  sein.  Wenn
die  Differenz  gross  genug  wäre,  um  die  Errichtung  von  Raffinerien ­
  im  Inlande  rentabel  erscheinen  zu  lassen,  so  hätten  doch
wieder  die  Amerikaner  den  meisten  Nutzen  davon.  Nur  ihnen
stehen  Kapital  und  technische  Arbeitskräfte  sofort  und  in  solchem
Masse  zur  Verfügung,  dass  sie  auch  im  Raffinieren  gleich  das
Monopol  an  sich  reissen  würden  und  es  in  der  Hand  hätten,
Gegner  durch  fortgesetztes  Unterbieten  bald  mürbe  zu  machen.
Dass  sie  dies  auf  jeden  Fall  tun  würden,  ja  dass  vielleicht  eine
Drohung,  es  zu  tun,  schon  genügen  würde,  Konkurrenzunternehmungen ­
  zu  ersticken,  zeigt  das  Beispiel  Frankreichs.  Hier  hatte
sich  infolge  der  Zollgesetzgebung  von  1863  und  1892/93  eine
blühende  Raffinierindustrie  entwickelt,  die  ihr  Rohprodukt  von
den  unabhängigen  amerikanischen  Produzenten  bezog.  Alle  Bemühungen ­
  des  Trusts,  diese  auszustechen,  fruchteten  nichts.  Da
begann  er  mit  dem  Bau  zweier  Raffinerien,  drohte  die  bestehenden ­
  Fabriken  durch  rücksichtslose  Preiskämpfe  zu  entwerten  und
erreichte  dadurch,  dass  die  Raffineure  sich  ihm  fast  sämtlich  vertraglich ­
  verpflichteten,  was  ihm  eine  fast  unbeschränkte  Herrschaft
errang.  Jetzt  ist,  da  der  Import  besonders  russischer  Rohöle  nach
Frankreich  sehr  zugenommen  hat,  die  interessante  Tatsache  festzustellen, ­
  dass  amerikanische  Firmen  auf  französischem  Boden
russisches  Oel  raffinieren!
        <pb n="104" />
        97

Zeitschrift  für  die  ges.  Staatswissensch.  Ergänzungsheft  20.

Die  Einführung  eines  Differentialzolles  Hesse  sich  nur  in  der
Weise  denken,  dass  der  Zoll  für  raffiniertes  Oel  bestehen  bliebe
und  der  für  Rohöl  ermässigt  würde.
Schwierig  wäre  hier  schon,  das  richtige  Verhältnis  zu  finden.
Denn  wie  schon  S.  19  erwähnt,  weisen  die  einzelnen  Rohöle  erheblich ­
  verschiedene  Leuchtölquoten  auf;  die  höchste  das  amerikanische ­
  (ausser  dem  texanischen),  dessen  Inlandsrafifination  sich
also  relativ  am  meisten  rentieren  würde.  Aber  dessen  Produktion
ist  durchaus  vom  Trust  abhängig,  so  dass  also  das  Verhältnis
tatsächlich  dasselbe  bleiben  würde.
Der  Zollausfall  wird  dadurch  wettgemacht,  behauptet  man,
dass  die  Raffination  im  Inlande  geschieht,  inländische  Arbeitskräfte ­
  also  lohnende  Beschäftigung  finden.  Dem  ist  entgegenzuhalten, ­
  dass  der  ganze  Reinigungsprozess  nur  ein  Minimum  von
menschlichen  Arbeitskräften  erfordert  und  dass  ferner  der  ev.  Gewinn ­
  der  Fabriken  in  die  Tasche  ihrer  ausländischen  Besitzer
fliesst.  Hinzukommen  würde,  dass  durch  eine  grössere  inländische
Rohölverarbeitungsindustrie  (Rückstände,  Schmieröle!)  eine  neue
unliebsame  Konkurrenz  der  deutschen  Braunkohlen-  und  auch  der
eigenen  deutschen  Petroleumindustrie  geschaffen  würde,  die  sowieso ­
  schon  infolge  höherer  Gestehungskosten  nur  schwer  mit  der
ausserdeutschen  Industrie  in  Wettbewerb  treten  kann.
Andererseits  würde  der  Zollertrag  ganz  bedeutend  zurückgehen.
Als  dem  Einfuhrzoll  unterliegender  Artikel  rangiert  Petroleum  nur
hinter  Weizen  und  Kaffee  und  steht  weit  über  dem  viertbedeutendsten
Artikel,  dem  Tabak 1 ).  Die  Zollgefälle  betrugen  in  Millionen  Mark:

1880

16,0

1893  :

46,3

Prozente  der

1881

21,9

1894  :

47,4

Gesamt-Zoll-1882


1883

20,6
22,2

1S95  :
1896  :

49,0
51,1

Einnahmen.

1884

27,8

1897  :

55,3

11,6

1885

28,9

1898:

56,4

10,9

1886

26,4

1899  :

56,8

11,2

1887

30,6

1900  :

58,3

11,2

1888

33,9

1901  :

57,8

10,8

1889

37,9

1902  :

S»,7

10,9

1890

39,3

1903:

61,3

11,0

1891

42,0

1904:

62,1

n,3

1892  :

45  &amp;gt;3

l)  Es  betrugen  die  Zollerträge  von
Weizen  Kaffee  Tabak
1901  :  75,0  Mill.  68,6  Mill.  52,2  Mill.
1902  :  72,7  »  68,3  »  52,4  »
1903  :  67,9  »  72,4  »  53,9  »
1904  :  71,0  »  71,6  »  56,1  »
        <pb n="105" />
        98

Wenn  Deutschland  einen  Differentialzoll  einführen  sollte,  so
ist  wohl  anzunehmen,  dass,  ebenso  wie  es  in  Frankreich  geschieht,
nicht  ein  wirkliches  »Rohöl«,  sondern  ein  sogenanntes  »Kunstöl«
importiert  würde,  d.  h.  durch  Zusatz  von  schwereren  Destillaten
(Teer  z.  B.)  soviel  spezifisch  schwerer  gemachtes  Oel,  dass  es
den  Anforderungen,  die  das  Gesetz  an  Rohöl  stellt,  entspricht.
Da  solche  Kunstöle  oft  einen  hohen  Prozentsatz  an  Leuchtöl
enthalten  (nach  Swoboda  S.  66  wurden  in  Oesterreich  Kunstöle
mit  einem  Leuchtölgehalt  bis  zu  90%  importiert!),  so  liegt  es  auf
der  Hand,  dass  die  durch  den  Erlass  eines  solchen  Gesetzes  gewollten ­
  Folgen  bestimmt  nicht  eintreten  werden.
Der  Zollausfall  würde  sich  nach  vielen  Millionen  berechnen
diese  Summe  durch  Mehrbesteuerung  zu  decken,  würde  viel
schwieriger  und  vor  allem  dem  Publikum  fühlbarer  sein.
Neuerdings  trägt  sich  übrigens  eine  Berliner  Gründerfirma,.
W.  Mertens  &amp;amp;  Co.,  mit  dem  Projekt,  österreichisches  Rohöl  auf
deutschem  Boden  in  einer  eigenen  Raffinerie  zu  verarbeiten.  Die
im  Dezember  1905  erschienene  Denkschrift  rechnet  allerlei  Vorteile ­
  heraus,  doch  bleibe  ich  dem  Plane  skeptisch  gegenüberstehen.
Jedenfalls  sind  von  vornherein  zwei  wichtige  Voraussetzungen
nicht  sicher:
1.  Der  Preis:  der  Trust  kann  ihn  in  der  Einflusssphäre  der
Fabrik  werfen  und  diese  dadurch  unrentabel  machen,  seine  eigenen
Verluste  aber  durch  höhere  Preise  im  übrigen  Deutschland  wieder
wettmachen.
2.  Ein  sehr  unsicherer  Faktor  ist  die  in  Aussicht  genommene
Verwendung  des  galizischen  Rohöls:  mit  dem  Absatz  und  der
Produktion  gerade  Galiziens  steht  es  —  ich  verweise  auf  meine
früheren  Ausführungen  —  noch  sehr  im  Argen.
Eine  kleine  Konzession,  die  man  dem  russischen  Oel  gemacht
hat,  ist  die  Zulässigkeit  der  Volumenverzollung.  Da  es,  ebenso
wie  die  österreichischen,  rumänischen  und  texanischen  Oele,
schwerer  ist  als  das  gewöhnliche  amerikanische  Standard  white,
so  kommt  letzteres  etwas  schlechter  weg.  Doch  ist  dieser  Nachteil ­
  so  gering,  dass  er  für  die  Preisbestimmung  nicht  ins  Gewicht
fällt.
3.  Differentielle  Tarifierung  und  regierungsseitige ­
  Bevorzugung  a  u  s  s  e  ramerikanischer  Oele.
Für  amerikanisches  Petroleum  sind  bei  Bahnversand  die  für
die  »Allgemeine  Wagenladungsklasse«  geltenden  Frachtsätze  zu
        <pb n="106" />
        99

zahlen.  Russisches  Petroleum  geniesst  einen  Ausnahmetarif,  und
es  wird  dafür  agitiert,  auch  die  andern  ausseramerikanischen  üele,
die  zwar  auch  schon  besonders,  aber  nicht  in  der  bevorzugten
Weise  wie  das  russische,  tarifiert  werden,  des  Genusses  dieses
Ausnahmetarifs  gleichfalls  teilhaftig  werden  zu  lassen.
Die  Schaffung  dieses  Tarifs  scheint  eine  Konzession  mehr
politischer  Art  an  Russland  zu  sein,  wie  denn  überhaupt  die
Bahnen  im  allgemeinen  den  Bezug  von  russischem  Oel  vorziehen.
So  beschaffte  die  Kgl.  Eisenbahndirektion  Berlin  für  die  Direktionen
Berlin,  Bromberg,  Danzig,  Halle,  Königsberg,  Magdeburg  und
Stettin  folgende  Mengen.
Russ.  Petrol.  Oesterr.  Petrol.

1903:  4845  tons
1904:  5538  »
1905:  4848  »

210  tons
I  KO  »
850  »

1906  fielen  von  insgesamt  ausgeschriebenen  5680  tons  zu  der

D.-R.  N.-I.-G.  1800  tons
D.-A.  P.-G.  842  »
Königsb.  Hdls.  Comp.  200  »
den  Galiziern  2  6  so  »
?  188  »
5680  tons

Die  Kgl.  Eisenbahndirektion  Kattowitz  beschaffte  für  die
Direktionen  Posen,  Breslau  und  Kattowitz  im  Jahre  1902  nur
russisches  Oel.  In  den  beiden  folgenden  Jahren  wurden  Versuche ­
  mit  österreichischem  Petroleum  gemacht.  Vom  Gesamtverbrauch ­
  entfielen  auf  diese  Provenienz  1903:  1,29%,  1904:
0,95  %•  Für  das  Etatsjahr  1905  waren  folgende  Quanten  ausgeschrieben ­
  :

Posen
Russ.  Petroleum  520  000  kg
Oesterr.  Petroleum  200  000  »
total  also  russ.  Petroleum  :
österr.  Petroleum  :

Breslau  Kattowitz
1  100000  kg  I  000000  kg
200  000  »  200  000  »
2  620  000  »
600  000  »  =  ,9  22%.

Die  in  der  folgenden  Tabelle  gemachten  Angaben  über  Bedarf ­
  und  Bedarfsdeckung  der  deutschen  Bahnen  entstammen
z.  T.  dem  »Bericht  über  die  Ergebnisse  des  Betriebes  der  Vereinigten ­
  Preussischen  und  Hessischen  Staats-Eisenbahnen«,  zum
andern  Teil  freundlichen  Mitteilungen  der  Ministerien  und  Eisenbahndirektionen. ­
        <pb n="107" />
        IOO

Petroleumverbrauch  der  deutschen  Bahnen.

Land

Jahr

Menge  in  kg

Durchschnitts-I
!preisp.  100  kg
1

Herkunftsland

Gesamtpreis ­

Mark

Preussen-Hessen

1895/96

12  153  433

19,72

2  396  683

1896/97

12  970  524

17,64

2  287  381

1897/98

14  581  204

16,32

2  379166

1898/99

16  266  809

16,44

2  664  IOI

1899

17  217  736

16,76

2  885  815

1900

17  811  053

18,54

3  302  054

1I901

17  913  422

17,49

3  132  584

1902

18  583  463

14,74

2  739  796

1903

19  869  504

16,30

3  238  267

1904

21  081  147

18,30

3  858  780

Württemberg

126  047

p.  1906  sind  ca.

1901

575  939

2  2,04

125  205

60  °/ 0  den  Oester-1902



638  159

19,27

103  865

reichern  zugefall.

1903

631  239

16,32

Sachsen

1901

I  500  OOO

Amerika

700  000  kg

Russland

800  000  »

1902

I  380  000

Russland

1  380  000  »

1903

1  450  000

Oesterreich

220  OOO  »

Russland

i  230  OOO  »

1904

1  320  000

Oesterreich

600  000  »

Russland

720  OOO  »

Bayern

1900

2  330  OOO

19,80

Amerika

1  930  OOO  »

19,30

Russland

400  OOO  »

1901

2  49O  OOO

20,20

Amerika

2  090  OOO  »

19,30

Russland

400  OOO  »

1902

2  420  OOO

18,70

Amerika

1  420  OOO  »

16,50

Russland

I  OOO  OOO  »

1903

2  460  000

17,30

Amerika

1  230  OOO  »

15,90

Russland

1  230  OOO  »

1904

2  47O  OOO

17,50

Russland

Mecklenburg

I 9 02  je

Amerika  und  Russland

^ca.

212  4OO

ie  ca.  zur  Hälfte

1904

Elsass-Loth-1902



1  600  000

14,54

Russland

ringen

1903

I  600  OOO

17,23

Russland

800  000  kg

16,05

Eisass

800  OOO  »

1904

1  700  OOO

20,40

Russland

1  300  OOO  »

20,10

Eisass

400  OOO  »

1905

2  200  OOO

15,05

Oesterreich

Baden

1900

728  403

17,50

1901

844375

18,60

1902

929  542

15,25

Russland

1903

1  029  018

!5,40

1904

1  046  041

15,71

Oldenburg

1902

171  620

14,—

Russland

1903

170  OOO

17,66

Amerika

1904

160  OOO

19,05

Amerika
        <pb n="108" />
        —  IOI  —
Danach  war  der  Gesamtverbrauch  der  deutschen  Bahnen
1901  :  25  305  000  kg
1902  :  25  935  000  »
1903  :  27  422  000  »  (=  ca.  190  000  Brls.)
Hiervon  fielen  allein  der  D.-R.  N.-I.-G.  nach  deren  Angaben  in
den  drei  Jahren
1900/01:  9  594  000  kg
1901/02:  13359000  »
1902/03  :  18  305  000  »,
im  ersten  Jahre  also  bei  weitem  noch  nicht  die  Hälfte,  zwei  Jahre
später  schon  2 /b  zu.  Der  Rest  von  65—70000  Fass  verteilt  sich
auf  die  übrigen  Gesellschaften.
Zu  bemerken  ist  hier,  dass  an  den  Bahnlieferungen  auch
Galizien  in  steigendem  Masse  beteiligt  ist.  Der  in  der  Generalversammlung ­
  vom  9.  November  1905  des  »Vereins  der  österreichischen ­
  Petroleumraffinerien«  erstattete  Jahresbericht  enthält  folgenden ­
  Passus:  »Die  unserseits  bei  dem  k.  k.  Handelsministerium
und  dem  Ministerium  des  Aeussern  erbetene  Intervention  nach
der  Richtung,  dass  die  deutschen  Bahnverwaltungen  bei  ihren
Lieferungsausschreibungen  auch  österreichisches  Petroleum  berücksichtigen, ­
  war  von  dankenswertem  Erfolge  begleitet,  so  dass  unsere
Raffinerien  seither  an  der  Alimentierung  des  Petroleumbedarfes
der  deutschen  Bahnen  in  wesentlich  steigendem  Masse  beteiligt
sind.«  Nach  einem  Flugblatt  vom  März  1906  wurden  in  diesem
Jahre  insgesamt  13010000  kg  (=  etwa  45%)  an  deutsche  Bahnen
verschlossen;  das  Quantum  verteilt  sich  folgendermassen:
Sächsische  Bahnen  600  000  kg
Preussische  Bahnen  10860000  »
Württembergische  Bahnen  430  000  »
Elsass-Lothringische  Bahnen  870  000  »
Pfälzische  Bahnen  250  000  »
Der  steigende  Konsum  des  galizischen  Oeles  geschah  wohl
meist  auf  Kosten  des  russischen  *).
Den  anfänglich  günstigsten,  in  seiner  jetzigen  Gestaltung  seit
1.  Oktober  1904  gültigen  Tarif  (»Ausnahmetarif  12  C  im  niederländisch-deutsch-russischen ­
  Grenzverkehr«)  geniesst  raffiniertes
russisches  Petroleum,  wenn  in  Wagenladungen  zu  10  000  kg  von
(elf)  Grenzstationen  aus  befördert.  Frachtsatz  für  die  ersten  100  kg
ist  28  Pfg.  pro  IOO  kg,  für  jede  weiteren  IOO  kg  22  Pfg.  pro
100  kg  mehr.  Die  Fracht  von  Alexandrowo  nach  Leipzig  beträgt
nach  diesem  Tarif  1,21  Mk.  pro  100  kg.  Nach  dem  gewöhnlichen

1)  Siehe  Anhang.
        <pb n="109" />
        102

Tarif  würde  die  zur  Berechnung  kommende  Fracht  für  diese  Strecke
(516  km)  3,22  Mk.  pro  100  kg  sein,  also  ungefähr  2 3 / i  mal  so  viel.
Nach  Spezialtarif  III,  dem  billigsten  deutschen  Tarif,  wären  dagegen ­
  1,26  Mk.  zu  bezahlen.
Für  österreichisches  Oel  existierte  ein  billigerer  Tarif  (»Norddeutscher ­
  Güterverkehr  mit  Galizien  und  der  Bukowina«)  von  den
Oeldistrikten  (Borislaw,  Drohobycz  u.  a.)  aus  über  die  vier  oberschlesischen ­
  Grenzstationen  Myslowitz,  Dzieditz,  Oderberg  und  Oswiecim.
  Nach  diesem  Tarif  würde  die  Fracht  von  Boryslaw  nach
Leipzig  2,23  Mk.  pro  100  kg  betragen,  während  nach  dem  gewöhnlichen ­
  Tarif  allein  die  Beförderung  auf  der  deutschen  Strecke
(542  km)  3,37  Mk.  pro  100  kg  kosten  würde.  Auf  Betreiben
des  Vereins  der  österreichischen  Petroleumraffinerien  setzte  dann
die  österreichische  Regierung  durch,  dass  ab  I.  Mai  1906  ein  noch
günstigerer  Tarif  (Ausnahmetarif  32  B)  in  Geltung  tritt.  Unter
Berücksichtigung  der  Refaktie  beträgt  die  Fracht  von  Boryslaw
nach  Leipzig  jetzt  nur  noch  212  Pfg.  für  100  kg.
Auch  für  rumänisches  Petroleum  besteht  ein  Ausnahmetarif
(»rumänisch-deutscher  Eisenbahnverband.  Verkehr  mit  Norddeutschland«). ­
  Die  Fracht  für  die  1763  km  lange  Strecke  von
Bukarest  nach  Leipzig  beträgt  672  Cts  =  etwa  5,41  Mk.  pro
100  kg.  Da  aber  Rumänien  meist  auf  dem  Seewege  von  Braila
oder  Constanza  aus  über  Antwerpen,  Rotterdam,  Amsterdam,  Hamburg ­
  nach  Deutschland  exportiert,  so  kommt  dieser  Tarif  selten
in  Anwendung.  Ueber  Regensburg  gehen  infolge  der  schlechteren
Schiffahrtsverhältnisse  und  der  um  vieles  längeren  Fahrtdauer  nur
geringere  Mengen.
Das  Bestreben  der  von  Rumänien  importierenden  Firmen  geht
nun  dahin,  auch  für  diese  Länder  den  Russland  eingeräumten
billigeren  Frachtsatz  zu  erhalten.  Dieses  Streben  ist  erklärlich.
Denn  dann  würden  sie  ihre  Angriffsbasis  weiter  gegen  Mitteldeutschland ­
  vorschieben  und  auch  dort  mit  dem  amerikanischen
Oel  in  erfolgreichere  Konkurrenz  treten  können.
Dass  Frachtvorteile  der  geschilderten  Art  die  Konkurrenzfähigkeit ­
  günstig  beeinflussen,  ist  nicht  zu  verkennen.  Ihnen  ist
es  auch  zuzuschreiben,  dass  z.  B.  galizisches  Oel  überhaupt  nach
Mitteldeutschland  geliefert  werden  kann.  Man  darf  aber  nicht
glauben,  dass  sie  gross  genug  sind,  der  D.-A.  P.  G.  ernstlich
Schaden  zuzufügen.  Denn  diese  Tarife  gelten  nur  für  Wagenladungen ­
  ab  Grenzstationen  ;  nach  Umladung,  im  internen  deut-
        <pb n="110" />
        103

sehen  Verkehr,  dagegen  nicht.  Da  keine  Tanks  vorhanden  sind,
muss  auch  das  Standgeld  in  Berechnung  gezogen  werden.  Ferner,
dass  in  Oesterreich  wie  in  Rumänien  die  ST.O.C.  schon  Fuss  gefasst ­
  hat  und  infolgedessen  bei  etwaiger  Aufnahme  des  Exports
nach  Deutschland  ebenfalls  des  Genusses  dieser  Ausnahmetarife
teilhaftig  werden  würde.  Für  Russland  liegen  die  Verhältnisse
seiner  grösseren  Produktion  und  fortgeschritteneren  Exportorganisation ­
  halber  etwas  günstiger.
Alles  in  allem  genommen  ist  die  Ermässigung  der  Frachtsätze ­
  für  ausseramerikanische  Oele  nur  zu  begrüssen.  Als  ernstliche ­
  Kampfmassregel  gegen  den  Trust  hat  sie  aber,  wie  nochmals ­
  wiederholt  sein  mag,  eine  untergeordnete  Bedeutung,  schon
■deshalb,  weil  sie  auf  die  gleichfalls  amerikanisches  Oel  vertreibende
P.  P.  A.-G.  und  auf  die  Pure  Oil  Co.  nicht  angewendet  werden
könnte.  Sie  gewinnt  sie  erst  in  Verbindung  mit  andern  Massregeln.
4.  Verweigerung  von  Plätzen.
Nur  kurz  will  ich  die  Verweigerung  von  Plätzen  von  seiten
der  Bahnen  für  Tankanlagen,  die  von  der  D.-A.  P.-G.  auf  fiskalischem ­
  Terrain  projektiert  sind,  erwähnen,  wie  sie  von  verschiedenen ­
  Handelskammern  empfohlen  worden  ist  und  vom
Königreich  Sachsen  auch  ausgeübt  wird.  Dass  ein  solches  Verhalten ­
  der  Behörden  wirkungslos  ist,  braucht  eigentlich  nicht  erst
gesagt  zu  werden.  Denn  es  wird  einfach  ein  Privatgrundstück
zur  Einbettung  des  Tanks  gepachtet;  die  Bahn  geht  nur  des
Pachtpreises  verlustig,  den  sie  sonst  erhalten  haben  würde.  Deshalb ­
  geht  man  in  Preussen  weniger  schroff  vor  und  gestattet  die
Anlagen  überall  da,  wo  noch  Platz  genug  für  eine  zweite  Anlage ­
  ist.
5.  Ersetzung  des  Mas  s  Verkaufs  durch  Gewichtsverkauf. ­

Mehr  der  Kuriosität  halber  erwähne  ich  noch  einen  von  Wolff
in  seinem  Buche  »Die  russische  Naphtha-Industrie  und  der  deutsche
Petroleummarkt«  gemachten  Vorschlag.  Er  agitiert  dafür,  zugunsten
fies  russischen  Petroleums  reichsgesetzlich  den  Massverkauf  zu
verbieten  und  ihn  durch  den  Gewichtsverkauf  zu  ersetzen.  Er  will
auch  den  Kunden,  um  sie  für  den  Bezug  von  russischem  Oel  zu
begeistern,  gratis  Brenner  und  Zylinder  mitgegeben  wissen.  Ich
halte  es  nicht  für  erforderlich,  auf  diese  Vorschläge  näher  einzugehen; ­
  sie  wurzeln  eben  nicht  in  der  Wirklichkeit 1 ).

1)  Wolffs  Arbeit  leidet  überhaupt  an  manchen  Flüchtigkeiten.  So  behauptet  er
        <pb n="111" />
        —  104  —

6.  Errichtung  staatlicher  Tanks.
Zu  den  vorstehend  besprochenen  häufig,  besonders  in  der
Presse,  empfohlenen  Vorschlägen  gesellte  sich  in  letzter  Zeit  ein
neuer.  Er  ist  niedergelegt  in  Bi'ackel-Leis  »Der  dreissigjährige
Petroleumkrieg«,  S.  429  ff.,  wird  auch  von  Wolff  empfohlen  und
geht  kurz  gesagt  dahin,  überall  grosse  staatliche  Tanks  zu  bauen,
diese  mit  trustfreiem  Petroleum  zu  füllen  und  sich  so  von  dem
Einflüsse  Rockefellers  zu  emanzipieren.  Auf  den  ersten  Blick  hat
dieser  Vorschlag  etwas  Bestechendes.  Bei  näherer  Prüfung  steigen
jedoch  allerlei  schwerwiegende  Bedenken  auf.
Zunächst  krankt  er  von  vornherein  an  der  grossen  Schwäche,
dass  jedem  gestattet  sein  soll  bez.  muss,  Oel  auf  eigene  Rechnung
in  den  staatlichen  Tanks  zu  lagern.  Nun  bestehen  aber  zwischen
einzelnen  Sorten,  z.  B.  dem  guten  798  gr  schweren  pennsylvanischen
  und  dem  820  gr  schweren  Texasöl  oder  gar  den  noch
schwereren  russischen  und  rumänischen  Oelen  oft  ziemlich  erhebliche ­
  Qualitätsunterschiede.  In  den  Tanks  aber  kann  keine  Scheidung ­
  gemacht  werden.  Also  würde  jemand,  der  vielleicht  Pure
Oil  zur  Einlagerung  brächte,  bei  Präsentation  seines  Lagerscheines
ein  minderwertiges  Gemisch  aller  möglichen  Sorten  erhalten.  Es
läge  im  Interesse  eines  jeden,  nur  möglichst  schlechtes  Oel  einzulagern. ­
  Unreines  Brennen  und  hygienische  Nachteile  wären  die
Folge  davon.  Wenn  der  Trust  Rohöl  aufkauft  und  es  unterschiedslos ­
  in  seine  pipe  lines  pumpt,  kann  er  ruhig  certificates
darüber  ausgeben,  weil  die  Qualität  ziemlich  gleich  bleibt,  etwaige
Unterschiede  auch  durch  die  Raffination  noch  aufgehoben  werden.
Für  Deutschland  aber  liegt  die  Sache  wesentlich  anders.  Und
Tanks  für  jede  einzelne  Provenienz  bauen  wollen,  wäre  wohl  viel
zu  kostspielig.  Sie  würden  sich  auch,  ganz  abgesehen  hiervon,
gar  nicht  rentieren,  da  der  Zwischenhandel  durch  den  Strassenwagenbetrieb
  ausgeschaltet  ist  und  die  Kleinhändler  ihr  Oel  aus  klar
auf  der  Hand  liegenden  Gründen  nicht  in  ihnen  einlagern  würden.
Brackel-Leis  sind  der  Ansicht,  die  Errichtung  eigener  Tanks
sei  für  den  Staat  geradezu  eine  Notwendigkeit.  Einmal,  damit
bei  einer  eventuellen  Sperrung  des  überseeischen  Zufuhrweges  in
Kriegszeiten  immer  genügend  Oel  vorhanden  sei,  um  wenigstens
den  Weiterbetrieb  der  Bahnen  zu  ermöglichen;  sodann  aus  dem
privatwirtschaftlichen  Grunde  der  besseren  Ausnützungsmöglichu.

  a.  auf  S.  86,  das  water  wliite  koste  15  Pfg.  per  Liter  mehr  als  das  Standard
white.  Der  Preisunterschied  ist  jedoch  nur  2  —  2V2  Pfg.  per  Liter!
        <pb n="112" />
        105

keit  günstiger  Konjunkturen.  Ich  behaupte  im  Gegenteil:  der  Bau
staatlicher  Tanks  für  diese  Zwecke  wäre  eine  grosse  Torheit.
Ich  verweise  auf  meine  Zusammenstellung  auf  Seite  IOO.  Darnach
beträgt  —  berücksichtigen  wir  der  Einfachheit  halber  einmal  nur
das  preussisch-hessische  Bahnsystem  —  der  Gesamtverbrauch
rund  20  OOO  000  kg.  Die  grossen  Binnenlagertanks  der  D.-A.  P.-G.
fassen  13—14  000  Fass,  also  rund  1  800  000  kg.  Um  die  Gesamtmenge ­
  von  20  000  000  kg  aufzunehmen,  wären  also  11  Tanks  notwendig. ­
  Ein  solcher  Tank,  vollständig  feuersicher  ausgerüstet,
kostet  etwa  18  000  Mk.,  sodass  eine  Gesamtsumme  von  ungefähr
200000  Mk.  herauskäme.  Hierauf  4%  Zinsen  und  4%  Amortisation ­
  rund  15000  Mk.  p.  a.
Das  Oel  kostet  ca.  3  Mill.  Mk.,  ä  4%  120  000  Mk.  p.  a.
135000  Mk.  p.  a.
Preussen  müsste  also  jährlich  eine  Summe  von  135  000  Mk.
hinauswerfen  nur  auf  die  Möglichkeit  einer  Sperrung  der  Zufuhr  hin.
Dies  wäre  immerhin  nicht  zu  viel,  wenn  die  Gefahr,  dass  die  Bahnen
aus  Mangel  an  Leuchtöl  den  Betrieb  einstellen  oder  wenigstens
einschränken  müssten,  wirklich  eintreten  könnte.  Das  erscheint
aber  ausgeschlossen.  Wenn  uns  auch  Amerika  nicht  direkt  liefern
könnte,  so  stehen  doch  die  Wege  über  Frankreich,  Italien,  Skandinavien ­
  und  besonders  die  Niederlande  offen,  wo  gleichfalls  Tochtergesellschaften ­
  der  ST.O.C.  arbeiten,  so  würden  Russland,  Galizien ­
  u.  a.  mit  Freuden  die  Gelegenheit  ergreifen,  auf  Kosten  ihres
Absatzes  nach  anderen  Ländern  ihren  Export  nach  Deutschland
zu  erhöhen.  Ausserdem  könnten  die  vorhandenen  Oelvorräte  im
Falle  der  Not  einfach  beschlagnahmt  werden,  was  den  Bedarf
schon  auf  Monate  hinaus  decken  würde.
Auch  die  Möglichkeit,  billig  einzukaufen  und  das  Oel  dann
(dadurch  verdirbt  es  ja  nicht)  lagern  zu  lassen  und  zu  Zeiten  hoher
Preise  zu  verbrauchen,  bietet  nur  sehr  problematische  Vorteile.
1900  war  der  Durchschnittspreis,  den  die  Bahnen  anlegen  mussten,
18,54  Mk.  pro  100  kg,  1903  nur  16,30  Mk.  Gesetzt  den  Fall,  der
Staat  hätte  die  Tanks  i.  J.  1900  gefüllt.
Der  Gesamtpreis  war  3  302  054  Mk.
Jetzt  wartet  er  auf  höhere  Preise.
Allein  noch  1903  legte  er  trotz  eines
Mehrverbrauchs  von  ca.  2  Mill.  kg  nur  3238267  Mk.  an,
also  63  787  Mk.
        <pb n="113" />
        —  io6  —
weniger.  Dazu  kämen  an  Zinsen
(3  X  135000  Mk.)  405000  Mk.
sodass  ein  Verlust  von  ca.  470  000  Mk.  herauskäme.  Und  solche
Möglichkeiten  können  immer  eintreten.
Endlich  beruht  eine  wichtige  Voraussetzung  von  Brackel-Leis
auf  schwacher  Grundlage:  die  Möglichkeit,  sich  genügend  »trustfreies« ­
  Petroleum  zu  verschaffen.  Der  Trust  selbst  und  seine
Verbündeten  würden  Oel  in  grösseren  Mengen  einfach  nicht  abgeben; ­
  auch  an  den  Staat  nicht,  falls  Grund  zu  der  Annahme
vorläge,  dass  er  es  weiter  verkaufte.  Die  Pure  Oil  Co.  hat  nicht
Oel  genug.  Die  Russen  und  die  P.  P.  A.-G.,  die  ihr  Geschäftsgebahren
  genau  nach  den  von  der  D.-A.  P.-G.  aufgestellten  und
befolgten  Prinzipien  eingerichtet  haben,  würden  jedenfalls  ebenso
handeln  wie  der  Standard,  da  sie  sich  mit  ihrem  eigenen  Oel
keine  Konkurrenz  machen  dürfen.  Auf  Galizien  und  Rumänien
kann  man  nicht  rechnen.
Ist  also  dem  deutschen  Händler  und  auch  dem  Staat
die  Möglichkeit  zur  Einlagerung  genügend  grosser  Mengen  für
eigene  Rechnung  verschlossen,  so  fallen  damit  sämtliche  Folgerungen ­
  von  Brackel-Leis  und  Wolff  zusammen,  vornehmlich  auch
die  »günstige  Einwirkung  auf  die  Preisgestaltung«.
b)  Gründe,  warum  die  Preise  niedrig  sein  müssen.
Vorstehende  Erörterungen  könnten  die  Befürchtung  entstehen
lassen,  gegen  den  Trust  sei  überhaupt  kein  Kraut  mehr  gewachsen,
und  Deutschland  sei  den  Aussaugungsgelüsten  dieses  »Vampyrs«
schutzlos  preisgegeben.  Diese  Befürchtung  hat  oft  lauten  Wiederhall ­
  erweckt.  Sie  veranlasste  Interpellationen  im  Reichstag  und
Dutzende  von  Protestresolutionen  von  Handelskammern  und  anderen ­
  kaufmännischen  Verbänden.  Man  ruft  nach  Staatshilfe,  man
gerät  ausser  sich  vor  Entrüstung  über  die  »Aussaugung  des  deutschen ­
  Volkes  durch  eine  herz-  und  gewissenlose  Kapitalistengruppe«. ­
  Gewiss,  Kapital  ist  gefühllos,  oft  grausam  —  aber  es
ist  auch  ein  klarer,  kalter  Rechner.  Und  seine  kalte  Berechnung
hat  es  dahin  geführt,  das  deutsche  Volk  nicht  auszusaugen:
Dies  soll  im  Folgenden  gezeigt  werden.
I.  Im  Petroleumhandel  selbst  liegende  Gründe.
Die  Möglichkeit  einer  absoluten  Herrschaft  über  die  Preisgestaltung ­
  setzt  voraus,  dass  der  preisbestimmende  Faktor  tatsächlich ­
  die  Macht  besitzt,  die  Preise  autokratisch  zu  bestimmen,
        <pb n="114" />
        und  dass  das  konsumierende  Publikum  gezwungen  ist,  die  erh&amp;amp;flt&amp;amp;p
Preise  zu  bezahlen.  Mit  anderen  Worten:  es  muss  ein  wirkliches
Monopol  vorhanden  sein.  Ein  solches  nun  spricht  man  dem  Trust
zu  und  stellt  dabei  die  Behauptung  auf,  er  werde,  sobald  er  die
Zeit  für  gekommen  erachte,  die  Preise  sofort  fühlbar  heraufsetzen.
Ich  muss  gestehen,  dass  ich  in  dieser  Hinsicht  nicht  so  schwarz
sehe  wie  die  meisten  Autoren.
Mitte  der  90er  Jahre,  nach  der  Niederwerfung  von  Poth,  hatte
der  Trust  das  tatsächliche  Monopol  in  Händen.  Nun  betrachte
man  aber  einmal  die  folgende  Tabelle.  Die  Preise  sind  stets
gesunken,  auch  unter  der  Herrschaft  des  Trusts.  Vorher  allerdings ­
  schneller,  doch  ist  dies  mit  der  riesig  zunehmenden  Produktion ­
  genügend  erklärt.  Bei  einer  weiteren  Verbilligung  in
demselben  sprungweisen  Tempo  würden  sie,  wie  Schneider  (S.  37
seines  Buches)  richtig  bemerkt,  bald  auf  Null  angelangt  sein.
1897,  also  immer  noch  zur  Zeit  des  Monopols,  waren  sie  niedriger
als  je.  Seitdem  stiegen  sie  etwas  ;  doch  war  z.  B.  im  ganzen  Sommer
1905  der  Zoll  fast  ebenso  hoch  wie  der  Preis  der  unverzollten
Ware:  ersterer  nämlich  7,50  Mk.,  letzterer  7,80  Mk.  pro  IOO  kg
netto.
Nach  der  Reichsstatistik  stellen  sich  die

Preise  für  amerikanisches  Oel  per  ioo  kg  inkl.  Fass,  unverzollt, ­
  loco  Bremen:

1866

Mk.

59,8

1870

»

44,3

1875

»

22,2

1880

»

17,2

1881

»

15.8

1882

»

14,3

1883

»

15.5

1884

»

15. 2

1885

*

14,5

1886

Mk.

I3&amp;gt;i

1887

»

12,5

188S

»

14,7

1889

»

13,7

1890

»

i3,3

1891

12,6

1892

»

11,1

1893

»

9,5

1894

9,7

Die  ausserordentlich  billigen  Preise  dieser  letzten  Jahre  sind
eine  Folge  des  Konkurrenzkampfes  gegen  die  noch  unabhängigen
Bremer  und  Mannheimer  Händler.  1895  ist  allerdings  eine  scharfe
Steigerung  zu  verzeichnen,  die  aber  durch  Oelmangel  hervorgerufen ­
  war.  (Gleichzeitig  stiegen  die  pipe  line  certificates  von
2,67  Cts.  i.  J.  1S94  auf  4,32  Cts.  i.  J.  1895).  Innerhalb  eines
Vierteljahres  zogen  die  Preise  um  fast  IOO  Prozent  an  (April);
doch  schon  im  folgenden  Monat  waren  sie  wieder  ca.  5  Mk.
billiger  und  flauten  dann  stetig  weiter  ab.
Tabelle  siehe  nächste  Seite.

Seit  Mai  1901  sind  die  Börsennotierungen  in  Bremen  einge-
        <pb n="115" />
        Jahr
1895
1896
1897
1898
1899
1900
1901
1902
1903
1904
1905
1906

Preise  pro  100  kg  inkl.  Fass,  unverzollt,  loco  Bremen/Hamburg.

Januar

Febr.

März

April

Mai

Juni

Juli

August

Sept.

Okt.

Novbr.

Dez.

Jahresdurchschnitt

10,62

11,05

12,62

19,—

14,89

14,27

13,70

12,39

12,28

12,45

14,47

14,06

13,48

1

13,05

”,95

11,78

ii,33

I  1,42

12,02

13,60

12,81

13,36

13,63

13,25

11,81

12,42

”,45

11,58

1 1,40

10,91

11,07

11 ,17

10,40

10,10

10,05

10,02

9,90

9,90

10,66

9,90

10,05

10,65

10,50

n,68

12,10

12,47

12,84

I3A3

13,78

13,92

13,97

12,08

13,98

13,89

13,68

12,70

12,48

I 2,90

13,52

14,11

15,32

15,94

16,36

16,83

14,31

1901.

16,90

16,90

16,38

15,34

14,31

13,33

13,63

14,80

14,80

13,95

13,76

13,74

14,82

13,75

14,02

14,21

i3,4i

12,93

12,85

13,11

13,80

13,85

13,90

13,90

13,62

13,61

13,40

13,40

13,07

13,20

13,40

13,40

13,34

13,20

13,20

13,26

13,55

13,95

13,36

14,03

13,90

13,90

14,05

14,70

14,80

14,90

15,-15,

 10

15,59

16,—

16,20

14,85

Aus  Börsen-15,80



15,69

14,73

13,99

13,60

13,37

12,86

12,60

12,60

12,60

12,60

12,50

13,58

notizen

12,21

12,—

11,80

11,80

11,69

u,6o

11,60

II,  60

12,32

14,09

14,75

14,80

12,52

14,55

14,20

14,20

14,20

14,20

14,20

14,20
        <pb n="116" />
        109

stellt,  da  das  Platzgeschäft  dort  schon  seit  Jahren  nahezu  aufgehört ­
  hatte  und  Petroleum  von  den  Importeuren  an  der  Börse
überhaupt  nicht  mehr  angeboten  wurde 1 ).  Die  ab  1901  angegebenen ­
  Preise  sind  die  Hamburger  Börsenpreise.  —  Die  rapide
Steigerung  seit  September  1905  erklärt  sich  durch  die  Katastrophen
in  Baku.  Nicht  nur  der  Trust  bez.  die  D.-A-  P.-G.,  sondern
alle  Gesellschaften  haben  ihre  Forderungen  in  gleichem  Masse,
teilweise  sogar  noch  mehr,  erhöht.  Dass  Amerika  in  dieser  Aufwärtsbewegung ­
  die  Führung  übernahm,  ist  durch  die  plötzlichen
unerwartet  grossen  Abforderungen  gerade  amerikanischen  Oeles
zur  Genüge  erklärt.  Im  Dezember  1905  war  aber  der  Höhepunkt
bereits  erreicht;  mit  Beginn  des  neuen  Jahres  flauten  die  Preise
schon  wieder  ab.
Seit  einem  Jahrzehnt  haben  sich  die  Verhältnisse  auf  dem
Petroleummarkt  wesentlich  verschoben.  Die  D.-A.  P.-G.  hat  das
»Monopol«,  das  sie  Mitte  der  90er  Jahre  besass,  verloren  und  ist
trotz  der  grössten  Anstrengungen,  die  sie  machte  und  noch  macht,
es  wieder  zu  gewinnen,  jetzt  weiter  davon  entfernt  denn  je.  Ihre
Gegner  sind  zu  stark  geworden.  Es  will  viel  heissen,  wenn  eine
Körperschaft  wie  die  Leipziger  Handelskammer,  der  man  Trustfreundlichkeit ­
  nicht  gerade  nachsagen  kann,  1904  in  einem  von  Dr.
Rossbach  erstatteten  Bericht  sagt:  »Von  einem  Monopol,  das  sich
die  Gesellschaft  (gemeint  ist  die  D.-A.  P.-G.)  bis  zu  einem  gewissen ­
  Grade  sicher  hat  erkämpfen  wollen,  nämlich  insoweit,  als  sie
einen  ausschlaggebenden  Einfluss  auf  den  Petroleummarkt  auszuüben ­
  bemüht  war  und  noch  ist,  kann  nach  dem  Laufe  der  Dinge
jetzt  keine  Rede  mehr  sein«.  Und  wenn  die  Wormser  Handelskammer ­
  im  Mai  1904  in  einer  Resolution  an  das  Hessische  Ministerium ­
  und  an  das  Kaiserliche  Reichsamt  des  Innern  behauptet:
»Das  Kohlensyndikat  hat  dieselbe  monopolisierende  Wirtschaftsform ­
  zu  finden  gewusst,  welche  bei  der  Behandlung  des  Petroleumgeschäftes ­
  schon  lange  beklagt  wurde;  die  Gewerbetreibenden
die  Konsumenten  aller  Art  und  insbesondere  auch  die  Arbeiter
werden  durch  diese  Massnahmen  auf  das  schwerste  geschädigt  .  .  .«,
so  ist  dies  eine  Behauptung,  die  durch  die  Tatsachen  direkt
widerlegt  wird.  Die  einzigen,  die  durch  die  Entwicklung  des
Petroleumhandels  verloren  haben,  sind  die  relativ  wenigen,  ganz
gut  entbehrlichen,  streng  genommen  sogar  schmarotzenden  Zwi-1)
  Statist.  Mitteilungen  betr.  Bremens  Handel  und  Schiffahrt.  Jahrgang  1901
S.  32.
        <pb n="117" />
        I  IO

schenhändler.  Die  Konsumenten  haben  im  allgemeinen  bis  jetzt
zu  Klagen  keinen  Anlass  gehabt.
An  dieser  Stelle  sei  mir  eine  kurze  Zwischenbemerkung  gestattet. ­
  —  Wie  aus  der  Tabelle  auf  Seite  108  ersichtlich,  sind
mit  geringen  Ausnahmen  die  Preise  sehr  stabil  geblieben  und  aus
natürlichen  Gründen  nur  im  Winter  etwas  gestiegen.  Im  Strassenwagenverkauf
  erscheinen  die  Schwankungen  der  Engrospreise
weniger  plötzlich,  oft  überhaupt  nicht.  In  der  folgenden  Tabelle
(S.  IIi)  sind  die  Engros-  und  die  Detailverkaufspreise  der  D.-A.
P.-G.  für  die  letzten  anderthalb  Jahre  für  verschiedene  Städte
einander  gegenüberstellt.
Dieses  Moment  der  Preisstabilität  ist  eine  der  vielen  guten
Erscheinungen,  die  die  Geschäftspolitik  der  D.-A.  P.-G.  hervorgerufen ­
  hat.  Würde  der  Kleinhändler  diesen  von  ihm  selbst  bezahlten ­
  Preisen  beim  Wiederverkauf  immer  folgen,  so  würde  viel
weniger  Beunruhigung  ins  Publikum  getragen  werden.  So  aber
ändern  die  Detaillisten  aus  Konkurrenzrücksichten  die  Preise  oft
ganz  willkürlich.  Ein  Beispiel.  Im  Juli  1905  war  der  Einkaufspreis ­
  in  Cottbus  14^2  Pfg.,  der  Verkaufspreis  20  Pfg.  pro  Ltr.,  in
Freiwaldau  der  Einkaufspreis  15  Pfg.,  der  Verkaufspreis  16—18  Pfg.
pro  Ltr.  In  Freiwaldau  sollte  eben  ein  neugegründeter  Konsumverein ­
  totgemacht  werden.  Mir  ist  nicht  bekannt,  ob  der
beabsichtigte  Erfolg  eintrat.  Jedenfalls  werden  die  Preise  bald
wieder  erhöht  sein.  Die  Detaillisten  waren  natürlich  unschuldig
daran  —  das  machte  das  »Monopol  der  Amerikaner«.
Da  die  D.-A.  P.-G.  weit  über  die  Hälfte  des  deutschen  Konsums ­
  deckt,  so  ist  es  natürlich,  dass  sie  für  die  Preisgestaltung,
wenn  auch  nicht  allein  massgebend,  so  doch  immerhin  tonangebend ­
  ist.  Aber  ihrer  Willkür  sind  mancherlei  Grenzen  gezogen.
Der  Kleinhandel  wendet  sich,  wenn  ihm  die  gebotenen  Vorteile ­
  gleich  erscheinen,  naturgemäss  immer  der  billigeren  Quelle
zu.  Sind  die  Preise  niedrig,  so  hat  er  wenig  Ursache,  zu  wechseln.
Sein  Verdienst  bleibt  unter  normalen  Verhältnissen  immer  hoch
genug,  so  dass  ihm  der  Preisunterschied  von  Pfg.,  der  z.  B.
zwischen  dem  Oel  der  D.-A.  P.-G.  und  dem  der  Russen  und  der
P.  P.  A.-G.  besteht,  nicht  so  in  die  Augen  sticht.  Ziehen  aber
die  Preise  an,  so  ändert  sich  das  Bild.  Der  Kleinhändler  wird
sich  zu  einer  Erhöhung  nur  schwer  verstehen,  denn  Petroleum
ist  ein  Lockartikel  wie  wenig  andere,  und  der  Händler  muss
befürchten,  dass  sein  Konkurrent  die  Preise  noch  länger  niedrig
        <pb n="118" />
        III

Vergleichende  Gegenüberstellung  der  Hamburger  Engrospreise  der  D.-A.  P.G.
und  ihrer  Literverkaufspreise  in  einigen  deutschen  Städten  ').

]  Datum  d.  Engros-Preisveränderungen


Loco  ab  Hamburg  per
100  kg  incl.  unverzollt.

Literverkaufspreis  (Pfennig)  in

Dresden

Leipzig

Chemnitz

Breslau

Magdeburg

Bremen

1904

2.  Mai

13,60

1  SVa  (30/4)  16V2  (21/4)

&amp;gt;6  (9/5)

1672(23/3)

&amp;gt;6  (10/5)

16  (13/5)

&amp;gt;6  (9/5)

8.  Juni

13.40

1572(22/6)

20.  »

13,20

xx.  Juli

13  —

1572(16/7)

14.  »

12,80

&amp;gt;5  (3i/lo)

19.  »

12,60

15  (21/7)

1572(22/7)

&amp;gt;5  (28/7)

1472(17/11)

&amp;gt;472(27  7)

17.  Dez.

12,40

1905

3-  Jan.

12,20

&amp;gt;4  (9/&amp;gt;)

I572(l6/i)

&amp;gt;4  (9/&amp;gt;)

&amp;gt;5  (&amp;gt;/&amp;gt;)

21.  x&amp;gt;

12,—

&amp;gt;5  (6/2)

1472  (6/2)

14  (2/2)

2.  März  11,80

1472(13/3)

15.  Mai

11,60

&amp;gt;5  (28/4)

i2.Sept.

12,10

1472  (6/6)

&amp;gt;5  (9/9)

16.  »

12,40

19.  »

12,90

&amp;gt;5  (20/9)

1572(20/9)

i572( 2 o/9)

&amp;gt;5  (28/4)

&amp;gt;5  (20/9)

26.  »

13,10

28.  »

13,30

4.  Okt.

13,50

7.  »

13,70

9.  »

13,90

16  (9/10)

&amp;gt;672(9/1°)

1672(9/10

16  (9/10)

16  (9/10)

12.  »

14,10

16  (12/10)

17.  &amp;gt;

14,30

20.  »

14,50

1.  Nov.

14,60

8.  »

14,80

1672(13/11)

1906

6.  Jan.

14,70

13-  »

14,60

I572(i5/i)

22.  »

14,40

29.  &amp;gt;

14, 20

hält  als  er  und  ihm  dadurch  die  Kunden  auch  in  anderen  Waren
abspenstig  macht.  In  diesem  Falle  gewinnt  die  kleine  Preisspanne

l)  Die  Zahlen  in  Klammern  (30/4)  bedeuten  das  Datum  der  Literpreisveränderung. ­
        <pb n="119" />
        I  12

für  ihn  mehr  an  Bedeutung  und  veranlasst  ihn  leichter,  seine
Bezugsquelle  zu  wechseln,  umsomehr,  als  er  dadurch  gar  keine
Unkosten  hat.  Ein  Verkaufsapparat  wird  ihm  kostenlos  gestellt,
in  nicht  seltenen  Fällen  ihm  sogar  die  der  D.-A.  P.-G.  für  Aufstellung ­
  des  Behälters  gezahlte  Montagegebühr  zurückvergütet.
Ausserdem  ist  zu  berücksichtigen,  dass  die  Kundschaft  auch  bei
unerheblichen  Preiserhöhungen  dazu  neigt,  die  Güte  der  gelieferten
Ware  zu  bemäkeln  und  dadurch  einen  Druck  auf  den  Verkäufer
auszuüben.
Je  höher  die  Preise  steigen,  um  so  stärker  treten  alle  diese
Tendenzen  in  die  Erscheinung.  Jeder  verlorene  Kunde  bedeutet
für  die  Gesellschaften  aber  eine  Verringerung  des  Absatzes,  eine
Stärkung  der  Konkurrenz  und  eine  Schmälerung  des  Gewinns.
Ist  ein  Kunde  erst  einmal  »abgesprungen«,  so  hält  es  sehr  schwer,
ihn  wiederzugewinnen.  Wenn  er  auch  mit  dem  fremden  Oel  nicht
so  ganz  zufrieden  sein  sollte,  so  hindert  ihn  doch  ein  gewisses
Gefühl  der  Scham  oder  ein  falscher  Trotz  und  Stolz,  zur  alten
Bezugsquelle  zurückzukehren.
Bis  1904  hatte  die  D.-A.  P.-G.  ernstlich  nur  mit  der  Konkurrenz ­
  der  Russen  zu  rechnen.  Die  Schaffung  der  Preiskonvention
hatte  den  bisher  offenen  Kampf  nur  etwas  verdeckt.  Im  geheimen
tobte  er  weiter,  und  die  einzuhaltende  Preisdifferenz  brachte  der
D.-A.  P.-G.  den  Verlust  manches  Kunden.  Jetzt,  wo  das  Abkommen ­
  nicht  mehr  besteht,  ist  der  Kampf  wieder  in  alter  Heftigkeit ­
  entbrannt.
1904  erstand  der  D.-A.  P.-G.  ein  weit  gefährlicherer  Gegner
in  der  P.  P.  A.-G.,  deren  Stellungnahme  gegenüber  der  D.-A.  P.-G.
und  Geschäftspraxis  ich  schon  auf  S.  82  gekennzeichnet  habe.
Es  ist  zwar  als  sicher  anzunehmen,  dass  beide  Gesellschaften
über  kurz  oder  lang  zu  einem  modus  vivendi  kommen  werden.
Aber  einerlei:  die  P.  P.  A.-G.  muss  stets  billiger  sein  als  die
D.-A.  P.-G.,  da  sie  weniger  gutes  Oel  vertreibt;  das  gibt  ihr
einen  ungeheuren  Vorteil.  Ihre  Konkurrenz  wird  immer  ein  so
hemmendes  Moment  sein,  dass  die  D.-A.  P.-G.  eine  rücksichtslose
Verteuerungspolitik  nicht  durchführen  kann.  Sollte  sie  dies  dennoch ­
  versuchen,  so  hätte  sie  auch  mehr  als  bisher  mit  der  Konkurrenz ­
  der  Galizier  und  der  Rumänen  zu  rechnen.
Ein  weiterer  Grund  für  die  St.O.C.  ,  ihr  Absatzgebiet  in
Deutschland  nicht  durch  zu  hohe  Preisforderungen  aufs  Spiel  zu
setzen,  ist  der  Umstand,  dass,  wie  schon  der  Abgeordnete  Dr.  Barth
        <pb n="120" />
        vor  Jahren  (io./12.  1897)  gelegentlich  der  erwähnten  Interpellation
im  Reichstag  ausführte,  gerade  die  Qualität,  die  hier  gekauft  wird,
das  Standard  white  Petroleum,  in  den  Vereinigten  Staaten  und
in  England,  also  auf  zweien  der  Hauptmärkte,  kein  rechtes  Absatzfeld ­
  findet.  Deutschland  ist  deshalb  für  die  St.O.C.  ein  ungeheuer ­
  wichtiger  Markt,  an  dessen  Erweiterung  oder  wenigstens
Erhaltung  sie  ein  grosses  Interesse  hat.  Dies  Ziel  kann  sie  aber
nur  durch  niedrige  Preise  erreichen.  —
2.  In  der  Konkurrenz  der  Beleuchtungsindustrie
liegende  Gründe.
Lassen  also  schon  die  Verhältnisse  im  Petroleumhandel  selbst
ein  allzu  scharfes  Vorgehen  der  Amerikaner  als  nicht  sehr  wahrscheinlich ­
  erscheinen,  so  liegt  ein  weiteres  äusserst  gewichtiges
hemmendes  Moment  in  der  immer  mehr  zunehmenden  Konkurrenz
der  übrigen  Beleuchtungsmittel.  In  ihrer  Stärkung  sehe  ich  auch
die  beste  Waffe,  die  man  sich  gegen  die  vom  Trust  drohende
Gefahr  schmieden  kann.
Dass  bei  einer  starken  Erhöhung  der  Petroleumpreise  der
Konsum  sich  sofort  durch  andere  Beleuchtungsstoffe  zu  befriedigen
sucht  und  infolgedessen  der  Petroleumverbrauch  in  demselben
Masse  zurückgeht,  ist  bewiesene  Tatsache.  Ich  verweise  hier  auf
den  »Bericht  der  Aeltesten  der  Berliner  Kaufmannschaft«  vom
Jahre  1895.  In  ihm  wird  ausgeführt:  »Infolge  der  im  Jahre  1895
in  ganz  erheblichem  Masse  erfolgten  Verbreitung  des  Gasglühlichts, ­
  welche  durch  die  Preisermässigung  der  Brenner  und  durch
plötzliche  grosse  Preissteigerung  von  Petroleum  hervorgerufen
wurde,  ist  der  Konsum  von  letzterem  nicht  unerheblich  zurtickgegangen.«
  (Schon  im  Januar  um  ca.  1  Mk.  auf  19.80  Mk.  per
IOO  kg  verzollt  loco  Berlin  steigend,  erreichten  die  Preise  im  April
ihren  Höhepunkt  (34  Mk.),  flauten  dann  wieder  ab  und  standen
ultimo  Dezember  auf  22.30  Mk.)  Allerdings  hat,  wie  schon  der
Bericht  des  nächsten  Jahres  ausführt,  mit  den  wieder  gesunkenen
Preisen  für  Petroleum  der  Gasverbrauch  nachgelassen.  Doch  ist
daraus  nicht  zu  entnehmen,  dass  der  vermehrte  Konsum  dieses
Beleuchtungsmittels  auf  ungesunder  Basis  beruhte.  Im  Gegenteil
beweist  diese  Gestaltung  der  Dinge  die  Gefährlichkeit  des  Experiments ­
  scharfer  Preiserhöhungen.  Dass  der  Petroleumkonsum
im  Berichtsjahre  1896  wieder  zunahm,  liegt  lediglich  an  der  Herabsetzung ­
  der  Preise,  die  bald  ihren  vorigen  Tiefstand  erreichten,
ja  noch  darunter  gingen;  unter  diesen  Umständen  waren  Gas  etc.
Zeitschrift  für  die  ges.  Staatswissensch.  Ergänzungsheft  20.  8
        <pb n="121" />
        nicht  mehr,  besser  gesagt  noch  nicht  konkurrenzfähig.  Aber  wie
es  gelang,  die  einfache  Petroleumlampe  immer  besser  zu  konstruieren, ­
  wie  man  den  Brenner  verbesserte,  Höhe,  Weite  und
Gestalt  des  Cylinders  ins  beste  Verhältnis  zu  Brenner  und  Docht
setzte,  so  arbeitet  auch  die  Industrie  der  übrigen  Beleuchtungsarten ­
  rastlos  und  mit  Erfolg  an  deren  Vervollkommnung  und  —
Verbilligung.
Würde  der  Trust  eine  grössere  allgemeine  Hinaufsetzung  der
Preise  diktieren,  so  würde  allerdings  in  der  ersten  Zeit  die  übrige
Beleuchtungsindustrie  einfach  unfähig  sein,  der  riesenmässig  gesteigerten ­
  Nachfrage  zu  genügen.  Sie  ist  eben  noch  nicht  auf
einen  so  schnell  auftretenden  Massenkonsum  eingerichtet.  Man
würde  trotz  allen  Sträubens  einfach  gezwungen  sein,  beim  Trust
zu  kaufen,  und  dieser  würde  ungezählte  Millionen  in  seine  Tasche
stecken.  Aber  nur  kurze  Zeit,  denn  bald  hätte  sich  die  Industrie
den  veränderten  Verhältnissen  angepasst.  Die  Folge  davon  wäre,
dass  der  Trust  einen  grossen  Teil  seines  Absatzgebietes  unwiederbringlich ­
  verlöre.  Die  Erbitterung  wäre  zu  gross,  als  dass  einer,
der  es  irgend  vermöchte,  anderswo,  wenn  auch  etwas  teurer,  zu
kaufen,  wieder  auf  das  Petroleum  zurückgreifen  sollte,  wenngleich
der  Trust  die  Preise  vielleicht  wieder  beträchtlich  herabgesetzt
hätte.  Er  liefe  Gefahr,  zu  seinem  Schaden  über  kurz  oder  lang
eine  Erneuerung  des  Experiments  zu  erfahren.  Damit  wären  aber
die  ungeheuren  in  Schiffen,  Tanks,  Wagen,  Behältern  und  sonstigen
Anlagen  investierten  Kapitalien  des  Trusts  hoffnungslos  entwertet.
Dessen  leitende  Kräfte  sind  aber  zu  weitblickende  Kaufleute,  um
durch  einen  wenn  auch  immensen  Augenblicksgewinn  sich  die
Ernte  für  lange  Jahre  der  Zukunft  zu  zerstören.
Als  Konkurrent  des  Petroleums  kommt  zunächst  das  Spiritusglühlicht ­
  in  Frage.  Seine  Vorteile  gegenüber  dem  Petroleum
sind  in  erster  Linie  eine  grössere  Lichtstärke,  die  es  zur  Verwendung ­
  gerade  in  grösseren  Zimmern  geeigneter  macht.  Zweitens
erzeugt  es  so  gut  wie  gar  keine  Wärmewirkung,  die  beim  Petroleum ­
  häufig  als  sehr  störend  empfunden  wird.  Es  verunreinigt
auch,  was  hygienisch  sehr  wichtig  ist,  die  Zimmerluft  in  weit  geringerem ­
  Masse.  Nach  Professor  Wittelshöfer  (in  einem  von  der
Zentrale  für  Spiritusverwertung  herausgegebenen  Katalog)  gibt
eine  Spiritusglühlichtlampe  von  25  Kerzen  pro  Stunde  86  g
(schädlicher!)  Kohlensäure  an  den  Raum  ab,  während  eine  gleich
starke  Petroleumlampe  234  g,  also  fast  dreimal  so  viel,  abgibt.
        <pb n="122" />
        8*

Minder  ins  Gewicht  fallend  ist  die  einfachere  Behandlung,  da  das
regelmässige  Putzen  der  Dochte  und  Cylinder  fortlällt.
Diesen  Vorteilen  stehen  aber  schwerwiegende  Nachteile  gegenüber, ­
  besonders  der  Preis.  Nach  Brackel-Leis y )  stellt  sich  Spiritusglühlicht ­
  jetzt  noch  ca.  2 3 / B mal  teurer  als  Petroleumlicht,  kann
deshalb  also  nur  von  den  besser  situierten  Klassen  gebrannt
werden.  Dabei  ist  noch  zu  berücksichtigen,  dass  die  Preise  ausserordentlich ­
  rasch  und  heftig  schwanken.  Wenn  Brackel-Leis  1903
mit  einem  Preise  von  24  Pfg.  per  Liter  rechnen  konnten,  so  stellte
er  sich  Herbst  1905  auf  ca.  40  Pfg.  per  Liter!  Die  Handelskammer ­
  Bielefeld  sah  sich  (nach  ihrem  Jahresbericht  pro  1905,
1.  Teil,  S.  91)  veranlasst,  folgenden  Bericht  an  das  preussische
Handelsministerium  zu  richten:
»Zur  Kennzeichnung  der  Preispolitik  der  Zentrale  möge  dienen,
dass  dieselbe  die  Preise  für  Spiritus  willkürlich  herauf-  und  herabsetzt. ­
  So  hat  sie  beispielsweise  den  an  sich  schon  ausserordentlich ­
  hohen  Spirituspreis  im  August  1904  um  weitere  5  Mk.  erhöht,
nur  weil  die  Ernte  in  Kartoffeln  voraussichtlich  nicht  gut  ausfallen
würde.  In  diesem  Jahre  dagegen,  als  die  Aussichten  für  die  Kartoffelernte ­
  glänzend  waren,  wartete  die  Zentrale  mit  der  Herabsetzung ­
  des  sehr  hohen  Preises  bis  Oktober  und  setzte  dann  denselben
nur  zögernd  um  3  Mark  und  weiter  noch  zweimal  um  4  Mk.  herab.«
Da  Spiritus  vorläufig  nur  auf  grossen  Lampen  mit  entsprechend
grossem  Verbrauch  gebrannt  werden  kann,  während  Petroleum
in  der  Hauptsache  gerade  in  kleinen  Haushaltungen  und  in  kleinen
Lampen  verwendet  wird;  da  in  der  Qualität  der  gelieferten  Ware
noch  grosse  Ungleichmässigkeit  herrscht,  da  ferner  allein  der
Brenner  für  eine  Spirituslampe  mehr  kostet  als  eine  vollständige
mittelgrosse  Petroleumlampe,  so  ist  für  absehbare  Zeit  die  Ersetzung ­
  des  Petroleums  durch  Spiritus  in  den  ärmeren  Schichten
der  Bevölkerung  ausgeschlossen.  Nun  ist  zwar  anzunehmen,  dass
bei  steigendem  Spirituskonsum  auch  die  Lampen  billiger  werden.
Solange  aber  die  Verwendung  von  Spiritus  auch  in  kleinen,  einfach ­
  konstruierten  Lampen  von  vielleicht  4—15  Normalkerzen
Leuchtkraft  nicht  möglich  ist 1  2 ),  kann  an  eine  ernstliche  Konkur1) ­
  Der  dreissigjährige  Petroleumkrieg  1903,  S.  30,  400.
2)  Die  preussischen  Landwirtschaftskammern  hatten  einen  Preis  für  die  Konstruktion ­
  einer  einfachen  Spiritusglühlichtlampe  von  niedriger  Lichtstärke  ausgesetzt,
doch  konnte  dieser  1904  noch  nicht  zur  Verteilung  gelangen  und  wurde  wieder  ausgeschrieben. ­
        <pb n="123" />
        renz  gegen  Petroleum  nicht  gedacht  werden.  Bis  jetzt  ist  die
Spirituslampe  nur  ein  Luxusartikel  trotz  aller  Anstrengungen  der
Zentrale  für  Spiritusverwertung.  Das  einzige  Gebiet,  wo  sie  sich
wirklich  Terrain  erobert  hat,  dürfte  die  Ladenbeleuchtung  sein.
Was  die  Elektrizität  als  Lichtquelle  anlangt,  so  wird  sie
wohl  noch  für  lange  Zeit  für  den  Detailverbrauch  zu  teuer  und  den
besser  situierten  Klassen  Vorbehalten  bleiben.
Es  ist  ja  nicht  zu  verkennen,  dass  der  Verbrauch  von  elektrischem ­
  Licht  ungeheuer  gestiegen  ist  und  noch  immer  steigt.
Im  grossen  und  ganzen  werden  aber  nur  solche  Gebiete  berührt,
die  die  Petroleumbeleuchtung  überhaupt  noch  nicht  kannten  oder
sie  schon  durch  Gas  etc.  ersetzt  hatten  —  man  denke  an  die
grossen  elektrischen  Bogenlampen  auf  öffentlichen  Plätzen,  an  Saalund
  Ladenbeleuchtung,  an  die  Verwendung  im  Grubenbetrieb  und
auf  grossen  Werken.  Elektrische  Lichtanlagen  können  unter
normalen  Verhältnissen  auch  nur  in  grösseren  Orten  rentieren.
Die  Errichtung  in  Dörfern  verbietet  sich  wegen  des  zu  beschränkten ­
  Absatzkreises  von  selbst,  falls  nicht  aussergewöhnlich
günstige  Entstehungsbedingungen  (Wasserkraft  z.  B.  —  Alpenländer!) ­
  vorhanden  sind.  Auch  in  den  Städten  sind  der  Ausbreitung ­
  des  elektrischen  Lichts  hohe  Schranken  gezogen:  es
stellt  sich,  pro  Stunde  und  Kerze  gerechnet,  viel  teurer  als  Petroleum ­
  und  selbst  Gas.  Des  ferneren  spricht  der  Umstand  mit,
dass  es  wenig  transportabel  ist,  dass  man  in  jedem  Zimmer  eine
oder  einige  Lampen  anbringen  muss,  während  die  meisten  Arbeiterfamilien ­
  für  alle  Zimmer  überhaupt  nur  eine  Petroleumlampe
haben.
Eine  wesentlich  günstigere  Position  im  Kampfe  gegen  das
Petroleum  hat  sich,  besonders  seit  der  Erfindung  des  Gasglühlichts ­
  durch  Auer,  das  Gas  erringen  können.  Wenn  die  Wahrscheinlichkeit ­
  nicht  trügt,  ist  es  berufen,  in  Zukunft  eine  noch  weit
wichtigere  Rolle  zu  spielen  als  schon  jetzt.  Erfindungen  und
Verbesserungen  gehen  Hand  in  Hand  mit  zwar  langsamer,  aber
stetiger  Verbilligung.
Gerade  letztere  kommt  dem  Gasverbrauch  ausserordentlich
zu  statten.  Ist  die  Preisdifferenz  doch  schon  jetzt  nur  so  gering,
dass  eine  Hausse  im  Petroleum  wie  1895  das  oben  besprochene
bemerkenswerte  Resultat  zeitigte,  dass  der  Konsum  von  Gas  sich
auf  Kosten  desjenigen  von  Petroleum  schnell  erheblich  vergrösserte.
  Wenn  Gas  seitdem  dem  Petroleum  keinen  allzu  grossen
        <pb n="124" />
        Abbruch  getan  hat,  so  kommt  das  daher,  dass  auch  letzteres
stets  billiger  wurde,  also  keinen  Anlass  zum  Wechsel  gab.  Es
ist  jedoch  erwiesen,  dass  überall  da,  wo  eine  Gasanstalt  neu  eröffnet ­
  ist,  der  Verbrauch  von  Leuchtöl  sofort  zurückgeht.
Auch  die  Gasbeleuchtung  hat  das  Petroleum  im  internen,
häuslichen  Verbrauch  noch  nicht  sehr  zurückdrängen  können.  Die
Gebiete,  in  denen  es  siegreich  vordrang,  sind  vor  allem  die
Strassenbeleuchtung,  nächstdem  wohl  die  Beleuchtung  öffentlicher
Gebäude.  Wegen  seiner  grösseren  Billigkeit  hat  es  aber  vor  dem
elektrischen  Licht  den  Vorzug,  dass  es  viel  weiter  als  dieses  ins
Volk  dringen  kann,  infolgedessen  eine  weit  ausgedehntere  Absatzmöglichkeit ­
  hat.  Ferner  spricht  der  Umstand  zu  seinen  Gunsten,
dass  es,  im  Gegensatz  besonders  zum  Spiritusglühlicht,  nicht  an
grosse  Lampen  bez.  Brenner  mit  dementsprechend  grossem  Verbrauch ­
  gebunden  ist,  sondern  in  seiner  Lichtstärke  beliebig  reduziert ­
  werden  kann.
Ein  Uebelstand  ist  allerdings,  dass  Gasflammen  nicht  transportabel ­
  sind,  und  dass  in  jedem  Zimmer  Gasrohre  gelegt  und
Gasarme  angebracht  werden  müssen.  Dazu  kommt  noch,  dass
die  Installationskosten  relativ  hohe  sind  —  nach  Angabe  eines
befreundeten  Fachmannes  15—20  Mk.  pro  Flamme.  Doch  ist  zu
bemerken,  dass  die  neueren  Häuser,  wenigstens  in  den  Städten,
fast  sämtlich  bereits  von  vornherein  auf  Gasbeleuchtung  eingerichtet ­
  sind.  Und  andererseits  gibt  es  schon  jetzt  Automatengesellschaften, ­
  die  die  ganze  Einrichtung  kostenlos  leihweise  aufstellen. ­
  Meist  wird  dann  dem  Konsumenten  solange  ein  etwas
höherer  Gaspreis  berechnet,  bis  dieser  Ueberpreis  die  Installationskosten ­
  gedeckt  und  der  Gesellschaft  darüber  hinaus  einen  entsprechenden ­
  Gewinn  gelassen  hat,  wogegen  die  ganze  Anlage
dann  in  das  freie  Eigentum  des  Konsumenten  übergeht.  Diese
Art  der  Amortisation  ist,  eben  weil  nach  und  nach  und  in  kleinsten ­
  Beträgen  erhoben,  sehr  geeignet,  dieser  Einrichtung  Freunde
zu  erwerben.  Es  steht  zu  wünschen,  dass  sich  solche  Automatengesellschaften ­
  weiter  ausbreiten.  Sie  würden  gewiss  auf  ihre
Kosten  kommen,  und  andererseits  würde  sich  der  Gaskonsum
dadurch  in  erheblichem  Masse  vergrössern.
Nun  ist  zwar  zuzugeben,  dass  die  Gasanstalten  bislang  nur  für
eine  beschränkte  Produktion  eingerichtet  sind.  Ganz  natürlich,  denn
wenn  man  einem  Artikel  erst  Eingang  verschaffen  will,  muss  man
sich  den  Verhältnissen  anpassen  und  mit  ihnen  fortschreiten  und
        <pb n="125" />
        —  118  —
darf  nicht  gleich  mit  Riesenbetrieben  den  Himmel  stürmen  wollen.
Doch  sie  können  leicht,  steigendem  Verbrauch  sich  anpassend,
vergrössert  werden.  Jede  Ausdehnung  ihrer  Betriebe  aber  und
jede  neu  gegründete  Gasanstalt  bedeutet  für  die  Petroleumbeleuchtung ­
  eine  nur  äusserst  schwer  wieder  zu  erobernde  Position.
Darum  haben  die  Petroleumgesellschaften  allen  Grund,  die  Petroleumpreise ­
  möglichst  niedrig  zu  halten,  um  dem  Gas  möglichst
wenig  Angriffspunkte  zu  bieten.
Schluss.
Ich  komme  zu  folgenden  Ergebnissen:
1.  Ein  Monopol  Rockefellers  in  Deutschland  ist,  so  wie  die
Dinge  jetzt  liegen,  einfach  unmöglich.  Im  Gegenteil  stärkt  jede
Verbesserung  der  Lampenkonstruktion,  jede  von  den  ausseramerikanischen
  und  auch  von  den  texanischen  Produzenten  zur
Anwendung  gebrachte  bessere  Raffinationsmethode  die  Stellung
der  Trustgegner.
2.  Beim  Nichtbestehen  eines  Monopols  ist  auch  keine  absolute
Herrschaft  über  die  Preise  möglich.  Eine  ungerechtfertigte  oder
einseitig  erfolgte  dauernde  starke  Preissteigerung  verbietet  schon
die  freie  Konkurrenz,  die  notwendig  möglichst  billige  Preise  im
Gefolge  hat.  Dass  diese  Notwendigkeit  sich  auch  im  Petroleumhandel ­
  in  die  Tatsache  umgesetzt  hat,  beweist  die  Preistabelle
auf  Seite  107/108,  beweist  die  ganze  Entwicklung  im  letzten  Dezennium. ­

3.  Der  Grosshandel  musste  verschwinden,  da  er  unzweckmässig ­
  war.  Sein  Gebiet  okkupierten  die  importierenden  Gesellschaften ­
  selbst  und  drangen  dadurch  bis  zum  Detaillisten  vor.
4.  Der  nächste  Schritt  wäre  das  Vordringen  bis  unmittelbar
zu  den  Verbrauchern  selbst,  also  Betriebsvereinigung  in  geradezu
idealer  Weise,  Produktion,  Veredelung,  der  gesamte  Handel  in
einer  Hand  zusammengefasst.
Dass  der  direkte  Vertrieb  an  die  Konsumenten  für  die  grossen
Gesellschaften  Vorteile  mit  sich  bringen  würde,  steht  ausser  Frage.
Abgesehen  davon,  dass  sich  der  Betrieb  an  sich  billiger  stellt,
würde  ein  Teil  des  bis  jetzt  noch  dem  Händler  zufallenden  nicht
unbeträchtlichen  Zwischennutzens  in  ihre  Tasche  fliessen.  Aber
der  Kampf  ist  gefährlicher  als  der,  der  s.  Z.  gegen  die  Grosshändler ­
  geführt  wurde.  Er  tangiert  einen  vieltausendköpfigen
Stand  und  dessen  Erwerbsverhältnisse  in  weit  höherem  Masse;
        <pb n="126" />
        der  getroffene  Körper  des  Angegriffenen  könnte  noch  durch  seine
Todeszuckungen  den  Angreifer  vernichten.
Dies  ist  auch  der  Grund,  weshalb  die  grossen  Importgesellschaften ­
  den  unmittelbaren  Verkauf  an  die  Konsumenten  bis  jetzt
offen  aufzunehmen  sich  gescheut  haben,  obgleich  Kapital  und
auch  wohl  der  Wille  vorhanden  sind.  Aber  ich  bin  überzeugt,
dass  er  in  nicht  allzu  ferner  Zeit  doch  noch  durchgeführt  werden
wird.  Hat  erst  eine  Gesellschaft  damit  begonnen,  so  haben  die
anderen  ein  vitales  Interesse  daran,  ihr  zu  folgen.  Damit  wäre
das  Todesurteil  der  Detaillisten  besiegelt.  —  Wie  früher  bemerkt,
werden  in  versteckter  Weise  schon  die  ersten  Schritte  hierzu
getan.
Dem  Publikum  könnte  diese  Entwicklung  eigentlich  nur  willkommen ­
  sein.  Sind  die  Preise  durch  das  Verschwinden  der
Zwischenhändler  und  die  Einführung  des  Strassenwagenbetriebes
beträchtlich  und  dauernd  gesunken,  so  wird  die  Ausschaltung
der  Kleinhändler  ähnliche  Resultate  zeitigen.  Dieser  dem  ganzen
Volke  gebotene  und  besonders  für  die  ärmeren  Schichten  der
Bevölkerung  ins  Gewicht  fallende  Vorteil  dürfte  den  Nachteil  der
Schmälerung  des  Einkommens  einzelner  wohl  aufwiegen.  Mit
dieser  Verbilligung  wird  ein  weiteres  Steigen  des  Konsums  Hand
in  Hand  gehen.  Dass  er  noch  sehr  ausdehnungsfähig  ist,  besonders ­
  auf  dem  Lande  und  in  Arbeiterwohnungen,  ist  allgemein
anerkannt,  und  trotz  Gas,  Spiritus  und  Elektrizität  bleibt  dem
Petroleum  als  Lichtquelle  noch  lange  eine  grosse  Zukunft  gesichert. ­
        <pb n="127" />
        120

Anhang.
Im  Anschluss  an  die  Tabelle  auf  S.  IOO  gebe  ich  nachstehend
für  die  Jahre  1902,  1903  und  1904  die  Zahlen  J )  über  den
Petroleumverbrauch  des  deutschen  Heeres.

Korps

kg

Herkunftsland

kg

Herkunftsland

kg

Herkunftsland

I

35 1  000

Amerika

341  000

Amerika

346  000

Amerika

II

240  000

?

240  000

&amp;gt;

245  000

?

III

296  000

Russland

239  000

Russland

262  000

Russland

IV

225  000

Amerika

220  000

Amerika

210  000

Amerika

V

286  000

»

315  000

»

312  OOO

»

VI

267  000

Russland
Oesterreich
Amerika

269  000

Russland
Oesterreich
Amerika

276  000

Russland
Oesterreich
Amerika

VII

198  000

208  000

212  OOO

»

VIII

390  000

hauptsächlich
Amerika

390  000

hauptsächlich
Amerika

390  OOO

hauptsächlich
Amerika

IX

232  000

Amerika

232  000

Amerika

232  OOO

Amerika  160000
Russland  72000

X

197  000

212  000

209  OOO

Amerika

XI

165  000

&amp;gt;

167  000

»

166  000

»

XII

138  000

?

138  000

?

138  000

}

XIII

210  OOO

?

209  000

Russland
Amerika

211  OOO

Russland

XIV

255  000

Russland

253  000

Russld.  211  000
Amerika  42  000

244  OOO

Russld.  205  000
Amerika  39  000

XV

325  000

Amerika
Russland
Eisass

331  000

Russland
Eisass
Amerika

333  000

Russland
Eisass
Amerika

XVI

361  000

Amerika

414  000

Russland  3 /i
Amerika  1 /i

411  OOO

Amerika  81  ooo
Russld.  330  ooo

XVII

371  000

Amerika  301  000
Russland  70  000

368  000

Amerika  297  000
Russland  71  000

372  OOO

Amerika  297  ooo
Russland  71  ooo
Oesterreich  4000

XVIII

250  000

Amerika

244  000

Amerika

241  OOO

Amerika

XIX

136  000

Amerika  126  000
Russland  10  000

133  000

Amerika  118000
Russland  15000

135  OOO

?

Gardekorps ­


374  000

Amerika

380  000

Amerika

370  OOO

Amerika

Bayern
I

295  000

Russland

295  000

Russland

297  OOO

Russland

II

150  000

?

160  000

?

155  OOO

Amerika

III

229  000

}

229  000

i

229  OOO

Russld.  125000
Amerika  32  ooo
Mischöl  72  ooo

5  94i  000

5  987  000

5  996  000

1)  Obige  Zahlen  verdanke  ich  der  Liebenswürdigkeit  der  Korpsintendanturen.
        <pb n="128" />
        121

Hiervon  entfallen  also  auf  den  Konsum  von  russischem  Oel:
1902  rund.  1250  000  kg  =  ca.  21  %
1903  »  1600  000  »  —  »  27  »
1904  »  1675000  s  =  »  28  »
Das  Verhältnis  stellt  sich  also  ganz  anders  als  bei  den  Bahnen,
die  in  ihren  zahllosen  Weichenlaternen  das  russische  Oel  wohl
brennen  können,  während  die  Militärindentanturen  im  Interesse
der  Hygiene  ein  höheren  Anforderungen  genügendes  Beleuchtungsmittel ­
  haben  müssen.  Als  solches  ist  das  gewöhnliche  russische
Oel,  wie  eine  Korpsintendantur  mir  als  Resultat  eingehender  Ver  -
suche  mitteilte,  aber  noch  so  wenig  tauglich,  dass  selbst  sein
niedriger  Preis  die  Qualitätsdifferenz  nicht  wett  macht.
        <pb n="129" />
        Verlag  der  H.  Laupp’schen  Buchhandlung  in  Tübingen.
Bernhard  Harms:
Professor  an  der  Universität  Jena
Hrbeifskcinunern  und  KauJnxannskammern,
©esetzliche  Snferessenmfrefungeii
der  Unternehmer,  Eingestellten  und  Arbeiter.
8.  1906.  Einzelnes  Expl.  80  Pfg.

Deutsche  Arbeitskammern.
Untersuchungen  zur  Frage  einer  gemeinsamen  gesetzlichen  Interessenvertretung ­
  der  Unternehmer  und  Arbeiter  in  Deutschland.
Gross  8.  1904.  M.  1.80.

Unter  der  Presse:
Der  mcmmal=flrbeifsfcig.
ca.  SR.  —.60.
Verlag  von  J.  C.  B.  Mohr  (Paul  Siebeck:)  in  Tübingen.
Bernhard  llarms:
Die
holländischen  Arbeitskaminern.
Ihre  Entstehung,  Organisation  und  Wirksamkeit.
Gross  8.  1903.  M.  5.—.
Zur  Entwickelungsgeschieilte
der
Deutschen  Buchbinderei
in  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts.
Te  ehrlich.  —  Statistisch  —  Volkswirtschaftlich.

Mit  6  Tabellen.
Lex.  8.  1902.  M.  7.60.  Geb.  M.  8.60.
        <pb n="130" />
        Druck  von  H.  Lau  pp  jr  in  Tübingen.

Veklag  von  J.  C.  B.  Mo  hb  (Paul  Siebeck)  in  Tübingen.
Darum  gibt  r#  in  bru  Bmuuiateu
Staaten  keturu  Boilalmnm?
SSoit  Dr.  'gSerneir  fomßarf,
Sßrofeffor  tit  SÖerlin.
8.  1906.  Wl.  1.50,  geb.  59?.  2.25.

Zur  Beurteilung
der
gegenwärtigen  politischen  Entwicklung
Russlands.

Von
S.  J.  Giwago  und  Max  Weber.
Gross  8.  1906.  Einzeln  M.  1.60.
Beilage  z.„Arehivf.Sozialwissensehaftu.  Sozialpolitik“  Bd.XXII  Heftl
Für  die  Abonnenten  des  „Archivs“  unberechnet.

Russlands  Uebergang
zum
S  c  li  e  i  n  k  o  n  stitutionalis  m  u  s.
Von
Max  Weber,
Professor  in  Heidelberg.
Gross  8.  1906.  Einzeln  M.  8.—.
Beilage  znm  „Archiv  f.  Sozialwissenschaft  n.  Sozialpolitik“
Band  XXIII.  Heft  1.
Für  die  Abonnenten  des  „Archivs“  unberechnet.
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        —  117  —

the  scale  towards  document

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00

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CD

jtbbruch

getan  hat,  so  kommt  das  daher,  dass  auch  letzteres
tets  billiger  wurde,  also  keinen  Anlass  zum  Wechsel  gab.  Es
it  jedoch  erwiesen,  dass  überall  da,  wo  eine  Gasanstalt  neu  er-|
  ffnet  ist,  der  Verbrauch  von  Leuchtöl  sofort  zurückgeht.
Auch  die  Gasbeleuchtung  hat  das  Petroleum  im  internen,
äuslichen  Verbrauch  noch  nicht  sehr  zurückdrängen  können.  Die
iebiete,  in  denen  es  siegreich  vordrang,  sind  vor  allem  die
sh'trassenbeleuchtung,  nächstdem  wohl  die  Beleuchtung  öffentlicher
iebäude.  Wegen  seiner  grösseren  Billigkeit  hat  es  aber  vor  dem
lektrischen  Licht  den  Vorzug,  dass  es  viel  weiter  als  dieses  ins
r olk  dringen  kann,  infolgedessen  eine  weit  ausgedehntere  Absatzlöglichkeit
  hat.  Ferner  spricht  der  Umstand  zu  seinen  Gunsten,
ass  es,  im  Gegensatz  besonders  zum  Spiritusglühlicht,  nicht  an
rosse  Lampen  bez.  Brenner  mit  dementsprechend  grossem  Verrauch
  gebunden  ist,  sondern  in  seiner  Lichtstärke  beliebig  reduiert
  werden  kann.
Ein  Uebelstand  ist  allerdings,  dass  Gasflammen  nicht  transortabel
  sind,  und  dass  in  jedem  Zimmer  Gasrohre  gelegt  und
iasarme  angebracht  werden  müssen.  Dazu  kommt  noch,  dass
|  ie  Installationskosten  relativ  hohe  sind  —  nach  Angabe  eines
efreundeten  Fachmannes  15—20  Mk.  pro  Flamme.  Doch  ist  zu
emerken,  dass  die  neueren  Häuser,  wenigstens  in  den  Städten,
ist  sämtlich  bereits  von  vornherein  auf  Gasbeleuchtung  eingechtet
  sind.  Und  andererseits  gibt  es  schon  jetzt  Automatenesellschaften,
  die  die  ganze  Einrichtung  kostenlos  leihweise  auf-§b
  :ellen.  Meist  wird  dann  dem  Konsumenten  solange  ein  etwas
v  öherer  Gaspreis  berechnet,  bis  dieser  Ueberpreis  die  Installationsosten ­
  gedeckt  und  der  Gesellschaft  darüber  hinaus  einen  ent-:•
  ? r echenden  Gewinn  gelassen  hat,  wogegen  die  ganze  Anlage
ann  in  das  freie  Eigentum  des  Konsumenten  übergeht.  Diese
irt  der  Amortisation  ist,  eben  weil  nach  und  nach  und  in  klein-:en
  Beträgen  erhoben,  sehr  geeignet,  dieser  Einrichtung  Freunde
j  erwerben.  Es  steht  zu  wünschen,  dass  sich  solche  Automatenesellschaften
  weiter  ausbreiten.  Sie  würden  gewiss  auf  ihre
.osten  kommen,  und  andererseits  würde  sich  der  Gaskonsum
adurch  in  erheblichem  Masse  vergrössern.
Nun  ist  zwar  zuzugeben,  dass  die  Gasanstalten  bislang  nur  für
ine  beschränkte  Produktion  eingerichtet  sind.  Ganz  natürlich,  denn
’enn  man  einem  Artikel  erst  Eingang  verschaffen  will,  muss  man
ch  den  Verhältnissen  anpassen  und  mit  ihnen  fortschreiten  und
        <pb n="132" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
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