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        <title>Das Zolltarifgesetz der Vereinigten Staaten von 1913</title>
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            <forname>Frank William</forname>
            <surname>Taussig</surname>
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            <idno>88401908X</idno>
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  <text>
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      <div>
        <pb n="1" />
        ﻿		 rs\		
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Volkswirtschaftliche Zeitfragen

Vorträge und Abhandlungen

herausgegeben von

der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Berlin

CptiH-j Jahrgang 35.	Nr. 280	Heft 8

D —-----------

Das Zolltarifgesetz
der Vereinigten Staaten

von 1913

Von

F. W. Taussig

Professor of Economics Harvard University Cambridge, U. S. A. Hass.

Deutsch von Dr. Martin Weigert, Berlin.

BERLIN

VERLAG VON LEONHARD S1M10N NF.

1914

»iaftcö kW

QUQ
□

Jährlich erscheinen 8 Hefte zum Abonnementspreise von 6 Mark.
Einzelnreis für Jedes Heft 1 Mark, Doppelheft 2 Mark
        <pb n="2" />
        ﻿Yerlag von Leonhard Simion Nf., Berlin W57, Bülowstrafse 56.

Volkswirtschaftliche Zeitfragen.

Vorträge und Abhandlungen

herausgegeben von

der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Berlin.

1.	Das Schreiben des Reichskanzlers an den Bundesrat
vom 15. December 1878 betreffend die Revision des
Zolltarifs. Von Dr. Ludwig Bamberger.

2.	Der Staat und die Volkswirtschaft. Von Dr.K.B rann.

3.	Aus der Geschichte der englischen Kornzölle. Von
Dr. H. B. Oppenheim.

4.	Der Schutz in der Weltwirtschaft. Von Prof. Dr. F.
X. v. Neumann-Spallart.

6. Zur Entwickelungsgeschichte der heutigen reactionären
Wirtschaftspolitik. Von Dr. Th. Barth.

6.	Die Bettelplage. Von A. Lammers.

7.	Gegen die Verstaatlichung der Preußischen Privat-
bahnen. Von Dr. Marcus.

8.	Der Volkswirtschaftliche Senat. Von Dr. Max
Weigert.

9.	Oie handelspolitische Stellung der Deutschen See-
städte. Von Dr. Th. Barth.

10.	Die Entlastung der Kulturarbeit durch den Dienst der
physikalischen Kräfte. Von M. M. v. Weber.

1t. Die Reichstagsverhandlungen über MUnzreform und
Bankwesen. (24. u. 25. Februar 1880.) Herausge-

geben und eingeleitet von Dr. Ludwig Bam-
e r g e r,

12./13. Ueber Colonisation. Von F. C. Philippson.

^-J4. Die Amerikanische

Kapp.

Weizenproduktion. Yon Fr.

15. Das Faustpfandrecht und die Hypotheken-Banken. Von

Julius Basch.

16.	Staats-Armenpflege. Von A. Lammers.

17.	/18. Der Steuerreformplan in seiner neuesten Form.

Von E. Fitger.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Vereinigten
Staaten von Amerika in ihrer Rückwirkung auf die-
jenigen Europas. Von A. v. Totis.

20/21. Die Männer des Zollvereins. Von Dr. K. Braun-

22.	Deutschlands Getreideproduktion, Brodbedarf und
Brodbeschatfung. Von Ch. Lorenz.

23.	Sparen und Versichern. Von A. Lammers.

24.	Das Rechnungsbuch der Hausfrau und dessen Bedeu-
tung im Wirtschaftsleben der Nation. Von Dr. Ernst
Engel.

25.	Zur Reform des Actiengesellschaftsrechts. Von Dr.
F. Hecht.

26.	Das Irische Landgesetz vom Jahre 1881. Von Dr
Eduard Wiss.

27.	Wandlungen im Welthandel. Von Dr. Th. Barth

28.	Ziele und Bahnen der deutschen Armenpflege. Von
A. Lammers.

29.	Unsere Binnenschifffahrt. Von Dr. A, y. Stud-
nitz.

30.	Branntwein-u. Kafteeschenken. Von A.Lammers.

31.	Die Buchdruckerkunst und der Kulturfortschritt der
Menschheit. Von Dr. Karl von Scherzer.

32.	Die praktischen Versuche zur Lösung der socialen
Probleme. Von Dr. jur. Victor Böhmert.

33.	Der Colportagebuchhandel und die Gewerbenovelle.
Von Dr. K. Baumbach.

34/35. Der Währungsstreit 1879—1883. Von Dr. Wolf-
g ang Eras.

36. Die Vagabundenfrage. Von Karl Braun.

37/38. Der Werth des Menschen. Von Dr. E. Engel.
X. Der Kosten wert des Menschen.

39.	Bemerkungen zu dem Entwurf eines Gesetzes betr.
Commandifgesellschaften auf Actien und Actiengesell-
schaften. Von Adelb. Delbrück.

40.	Armen-Beschäftigung. Von A. Lammers.

41./42, Gegen den Staatssocialismus. Drei Abhandlung®®
von Ludwig Bamberger, Th. Barth, ÄL*
Broemel.

43/44. Die bäuerlichen Zustände in Deutschland.

N. M. Witt.

45.	Der Modeteufel. Vortrag von Julius Lessih#'

46.	Die Capitalrentensteuer. Von Max Broemel-
47/48. Ueber Lebensmittelversorgung von Grolsstädtefl-

Von E. Eberti.

49. Friedrich Kapp. Gedächtnisrede von Georg v°ö
Bunsen.

50/51. Was ist ein altes Kunstwerk werth? Von P** ^

Lessing.

52. Oeffentliche Kinder-Fürsorge. Von A. Lamffl0rä'
63. Die Krisis des Zwischenhandels. Von Dr.
Weigert.

54. Der Normal-Arbeitstag. Von Karl Baumbft0 |
65/56. Die Seehäfen Englands und ihre Ausrüstung JJ«
Rücksicht auf die Hafenbauten beim Zollanschiu
Hamburgs und Bremens. Von E. Fitger.

57.	Das Branntwein-Monopol. Von Dr. Wolfg. Er®’/

58.	Die Kolonisations-Bestrebungen der modernen europ
sehen Völker und Staaten. Von Dr. Karl

59.	Die socialistische Gefahr. Von L. Bamberg6^

60.	Die Seehäfen im heutigen Weltverkehr. Von Pr*
Marcus.

61/62. Der wirtschaftliche Wert des Geschmacks.

Alexander Dorn.

63/64. Ueber Welthandelsstrassen des Abendlandes.

Dr. J. Jastrow.	^

65.	Armenrecht und Armenwesen. Von Adolf Lass 0

66.	Die Organisation des Binnenschifffahrts - Betrieb6
Von Dr. W. Eras.

67. Handarbeit. Von Dr. J. L es sing.

(58^ Amerikanisches Wirthschaftsleben. Von Dr.
7 Barth.

rfh-

69.	Zünftlertum. Ein Gutachten des Freiherr»

Patow. Von Karl Baumbach, Mitglie£l
Reichstags.	^

70.	Erhöhung der Kraft in Menschen und Völkern.

A. Lammers.

71/72. Volkswirtschaft und Unterricht, V. Dr. E-Per

Von

P*

73.	Scheinbare und wirkliche Socialreform.

Th. Barth.	A.

74.	Ueber Altersversicherung der Arbeiter. Von Pr&gt;

Meyer.	Gß-

75/76. Staatsbürgertum oder eine neue ständiscn» p.

tu. oiuuiauui yti iuiii uuvi bin« »tue OIUMV.-- . j

Seilschaft in Deutschland. Von E. F. Seel»

in

77/78. Deutschlands Waarenhandel mit dem	,

den Jahren 1872—1887 nach den Ergebnisse11. eji,
deutschen Reichsstatistik. Von Pror. M* v
mann.	. .m»

79.	Die Präsidentenwahl und die Zollpolitik der Vere,n
Staaten von Amerika. Von Dr. Th. Barth- ^

80.	Die Familie vom Standpunkte der Gesammtwir*hs

Von Dr. Emanuel Herrmann.	^

81.	Frauenarbeit und Frauenschutz. Von K- P
hach.

82/83. Unserer Väter Werke. Von Jul. P688*3^«^

84. Zur Beurteilung des Verbrauchs und der p**-
Abgaben bef verschiedenem Einkommen. v

Karl.

85/86. Der Kreuzzug wider den Terminhandel. ^0n
87/88. Das Interesse des Kaufmannsslandes ^erfl
gerlichen Gesetzbuch. Von J. Jastro^-

%■
        <pb n="3" />
        ﻿Das Zolltarifgesetz
der Vereinigten Staaten
von 1913

Von

F. W Taussig

HflTve

Professor of Economics Harvard cWTversity Cambridge, U. S. A. Mass.

Deutsch von Dr. Martin Weigert, Berlin.

BERLIN

VERLAG VON LEONHARD SIMION NF.
        <pb n="4" />
        ﻿Universität

Kiel.
        <pb n="5" />
        ﻿JVlan muß das kürzlich von dem Kongreß der Vereinigten
Staaten erlassene Zollgesetz an Hand einer Reihe von Maß-
nahmen, die ihm vorausgegangen sind, betrachten *).

Der hohe Schutzzoll der Vereinigten Staaten hatte seinen
Ursprung in den finanziellen Bedürfnissen des Bürgerkrieges
(1861—65). Damals wurden alle Waren mit hohen Zöllen belegt,
die jedoch späterhin nur für solche Artikel, die im Lande selbst
fabriziert werden konnten, beibehalten wurden. Dieses Schutz-
system erfuhr dann durch den McKinley-Tarif vom Jahre 1890
eine noch genauere und strengere Handhabung **). Diese viel be-
sprochenen Maßnahmen, das Resultat heftiger politischer Kämpfe,
bürgten der republikanischen Partei für eine Politik des äußersten
Schutzes. Nach einigen Jahren trat jedoch eine lebhafte Reaktion
ein, der sogenannte Wilson-Tarif vom Jahre 1894 fand Annahme
und mit ihm wurde eine bemerkenswerte Ermäßigung der Zölle
erwirkt. Die Reaktion schien aber vorübergehend zu sein. Bei
den Wahlen vom Jahre 1896 kamen die Republikaner wieder ans
Ruder und im folgenden Jahre (1897) drückten sie den soge-
nannten Dingley-Tarif durch. Dieser stellte nicht nur das
Schutzsystem, wie es im Tarif von 1890 bestanden hatte, wieder
her, sondern erhöhte sogar noch die Zölle. Der Dingley-Tarif

*) Streng genommen ist der Tarif ein Einkommengesetz. Es enthält
4 Abschnitte, nämlich:

1.	Zolltarif,

2.	Einkommensteuer (neu eingeführt),

3.	Verwaltungsvorschriften betr. Einziehung von Zöllen.

4.	Verschiedene Vorschriften. Wir behandeln hier nur § i.

**) Die Tarifgesetze der Vereinigten Staaten werden mit den Namen
4er Vorsitzenden der Komitees bezeichnet, von denen sie der gesetzgebenden
Körperschaft in öffentlicher Sitzung überreicht werden. So ist das Gesetz
v°m Jahre 1890 als das McKinley-Oesetz bekannt, weil Mc Kinley (nachher
Präsident McKinley) in dem Jahre, als es durchging, als Vorsitzender der
K'nkünfte-Kommission fungierte. Ähnlich ist das Wilson-Gesetz vom

1*
        <pb n="6" />
        ﻿4

vom Jahre 1897 blieb ohne Ermäßigung bis 1909 in Kraft.] Die
Republikaner, die im Jahre 19Q9 noch am Ruder waren, wußten
jedoch, daß das Volksempfinden gegen die sehr hohen Zölle war
und versuchten durch ein Gesetz vom gleichen Jahre einige Er-
mäßigungen zu bewirken. Diese waren jedoch sehr geringfügig
und das Schutzsystem selbst blieb intakt.^ Man kann daher wohl
behaupten, daß mit Ausnahme des kurzen Bestehens des Wilson-
Gesetzes (1894—97) vom Datum des Mc Kinley-Tarifs vom
Jahre 1890 an bis zum Jahre 1913 ein strenges Schutzsystem
geherrscht hat.J Die Demokraten haben sich während dieses
Zeitraumes stpts als Gegner des Schutzsystems gezeigt. Ihre
jeweilige Stellung wurde in den verschiedenen Jahren mehr oder
minder von den Auffassungen ihrer Parteiführer beeinflußt. Man
kann zwar nicht schlechthin behaupten, daß sie dem Frei-
handel das Wort redeten; sie protestierten vielmehr nur gegen
den extremen Schutzzoll. Ihre Opposition wurde stärker, nach-
dem der Tarif vom Jahre 1909 durchgegangen war, den sie —
nicht ganz mit Unrecht — lediglich als eine nur vorgetäuschte
Revision und Reform bezeichneten. Die Entwicklung der Dinge
im Jahre 1909 ließ eine Übereinstimmung zwischen dem Volks-
empfinden und der demokratischen Auffassung erkennen. Bei
den Kongreßwahlen des Herbstes 1910 erlitten die Republikaner
eine entscheidende, wenn auch nicht ganz so überwältigende
Niederlage, wie vor 20 Jahren, als das McKinley-Tarif-Qesetz
von 1890 durchgegangen war. Bei beiden Wahlen, im Jahre 1910
wie im Jahre 1890 war tatsächlich kein anderes Thema als der
Tarif die Parole für den Wahlkampf gewesen, und das Ergebnis
zeigte klar, daß das Verdikt des Volkes sich gegen das eigen-
sinnige Festhalten an einer rigorosen Schutzzollpolitik aussprach.

Jahre 1894 und das Dingley-Oesetz vom Jahre 1897 nach den betr.
Vorsitzenden benannt worden. Das Gesetz vom Jahre 1909 wird oft
das „Payne-Aldrich-Oesetz“ genannt, da Payne Vorsitzender des Haus-
Komitees und Aldrich Vorsitzender des Senats-Komitees war. Das
Gesetz von 1913 wird wahrscheinlich unter dem Namen von Underwoods,
dem jetzigen Vorsitzenden des Komitees, bekannt werden. Nicht unerwähnt
sei, daß Wilson, dessen Name mit dem Zollgesetz vom Jahre 1894 zu-
sammenhängt. mit dem jetzigen Präsidenten Wilson nicht zu ver-
wechseln ist,

*
        <pb n="7" />
        ﻿i)

Ohne Frage trugen die industriellen Verhältnisse jener Zeit
zu der Niederlage der Republikaner bei. Der Krise von 1907
folgte eine Depression, die auch anhielt, nachdem das Tarifgesetz
von 1909 durchgegangen war. Während der Hochkonjunktur und
der Blütezeit, die dem Tarifgesetz von 1897 folgte, bezeichneten
die Republikaner ihre Partei prahlerisch als segenbringend und
schrieben das Gedeihen des Landes der wunderwirkenden Schutz-
politik zu. Vernünftige, volkswirtschaftlich gebildete Leute ließen
sich von dem leeren Gerede nicht betören. Aber die Volks-
nieinung wurde beeinflußt. Deshalb war es auch unvermeidlich,
daß, als der Zusammenbruch und die Depression eintraten, man
nun gleichfalls die Republikaner dafür verantwortlich machte, da
sie sich ja auch alle vorhergehenden günstigen Ereignisse zuge-
schrieben hatten.

Wie immer in schlechten Zeiten, so machte man auch hier
die Republikaner mit ihrer Zollpolitik verantwortlich für die er-
höhten Lebensmittelpreise, wenn man auch vom Standpunkt der
volkswirtschaftlichen Theorien manche Einschränkungen machen
mußte. Die Preissteigerung während der ersten Jahre des neuen
Jahrhunderts war allgemein. Nach Ansicht der meisten Volks-
wirtschaftler war die Ursache vornehmlich auf den unge-
heuren Umsatz und die Lieferung von Gold zurückzuführen. Ohne
Zweifel hielt der Zolltarif die Preise einiger Waren in den Ver-
einigten Staaten höher als in anderen Ländern; aber dies war
auch bei früheren Zolltarifen — 1890 und 1897 — der Fall und es
es ist daher nicht erwiesen, daß der Tarif allein die Ursache der
ständigen Steigerung aller Preise in diesen Jahren gewesen ist.
Die Preissteigerung, die am meisten Diskussion und Bitterkeit
hervorrief, bezog sich auf die Lebensmittelbranche, besonders auf
Drotgetreide und Fleisch; hieran dachte das Publikum vor allen
Dingen, wenn es über die wachsenden Kosten des Lebensunter-
haltes beunruhigt war. Aber genau so, wie die Republikaner das
Gedeihen im Lande ihrem Schutztarif zugeschrieben hatten, in der-
selben oberflächlichen Weise schoben die Demokraten diesem
Darif die Schuld nicht allein für die Depression, sondern auch für
chc erhöhten Lebensmittelpreise zu. Lange Jahre war das Glück
'•ier Schutzzollpartei günstig gewesen. Nach 1907 wendete es
sich von ihr ab, und es war nur natürlich, wenn nicht unaus- j
        <pb n="8" />
        ﻿G

bleiblich, daß ihre Gegner alle nur eben möglichen Vorteile aus
dem neuen Wandel der Dinge zogen.

\ Ähnliches läßt sich auch von der Beziehung des Tarifs zu
den Monopolen sagen. Obwohl das Trust-Problem das Tarif-
1 Problem berührt, ist es doch keineswegs identisch mit ihm, auch
kann dieses Problem nicht durch Tarifgesetze gelöst werden.
Im Volke war man fest überzeugt, daß die Trusts an dem Tarif
eine Stütze hatten, wenn nicht von diesem geschaffen worden
sind. Daß der Tarif den Trusts eine solche Stütze verleiht, kann
demgegenüber zwar nicht geleugnet werden. Die Art, in der der
Tarif von 1909 behandelt wurde, — der auffällige Druck seitens
großer Korporationen, das Schauspiel der Zollmanipulationen auf
Verlangen der heimischen Produzenten — bestärkten den Ein-
druck, daß die „Interessenten“ nach jener Richtung hin nach
einer Unterstützung ausschauten. Die Rolle jedoch, die das
Schutzsystem bei der Gründung und Erhaltung der Trusts spielte,
wurde zu hoch angeschlagen. Aber in der Beschuldigung, daß
die Trusts Vorteil durch den Tarif hatten, lag immerhin Wahrheit
genug, um sie als ein wirkungsvolles Kampfargument zu benutzen.

Unter dem Einflüsse dieser verschiedenen Ursachen wurden
die Republikaner in den Kongreß wählen von 1910 besiegt und bei
der Präsidentenwahl von 1912 völlig geschlagen. Zweifellos ist
ihre Niederlage zum größten Teil auf die Zersplitterung in ihren
eigenen Reihen zurückzuführen, die durch die Zählkandidatur des
Ex-Präsidenten Roosevelt und die Gründung der neuen Fort-
schrittspartei eintrat. Aber auch ohne dies wäre es fraglich ge-
wesen, ob die Republikaner in den Jahren 1910—1912 noch Aus-
sicht auf Sieg gehabt hätten. Die Unzufriedenheit mit der Partei
und ihren Führern, die in den Kongreßwahlen von 1910 zutage
trat, hatte keine Abschwächung gezeigt. Der Tag der Demo-
kraten brach an *).

*) Die Stärke der Parteien im Kongreß war:

). 61. Kongreß 1909—1911 (bei dem das Tarifgesetz von 1909
durchging):

Repräsentantenhaus: 214 Republikaner,

175 Demokraten.

Senat:	60 Republikaner,

32 Demokraten,
        <pb n="9" />
        ﻿Der 63. Kongreß (1913—1915) wurde vollständig von den De-
mokraten beherrscht. Im Repräsentantenhaus war ihre MajdPjJffV ,,
überwältigend: und selbst in dem langsam veränderlichen Senat"
war inan der Majorität sicher. Wie anzunehmen war, berief Prä-
sident Wilson schon im Frühjahr 1913 eine besondere Session,
die den Tarif sofort in Angriff nahm. Eine Vorlage für eine allge-
meine Revision war bereits von der Finanzkommission während
der Sitzungen des vorhergehenden Kongresses, der März 1913
endete, vorbereitet worden. Sie war die Basis einer neuen Vor-
lage, die vom Hause sofort am 8. Mai genehmigt wurde. Im Senat
Sing die Sache allerdings langsamer. Während der ganzen
Sommersession fanden langwierige und resultatlose Debatten statt
and erst Ende September wurde die neue Vorlage angenommen.
Am 3^ Oktober wurde das Gesetz erlassen und trat sofort in
Kraft~*).

Sowohl im Repräsentantenhaus wie im Senat bewiesen die
Demokraten im krassen Gegensatz zu den uneinigen Republi-
kanern eine bemerkenswerte Parteidisziplin. Der Parteiausschuß
stimmte für die Vorlagen, in der Form, wie sie von den Kom-
missionen des „Hauses“ und des Senats vorbereitet waren: Partei-

2.	62. Kongreß (1911—1913):

Repräsentantenhaus: 228 Demokraten,

165 Republikaner.

Senat:	51 Republikaner,

43	Demokraten.

3.	63. Kongreß 1913—1915 (bei dem das Tarifgesetz von 1913
durchging):

Repräsentantenhaus: 286 Demokraten,

122 Republikaner,

21 Fortschrittler, Fortschritt!. Republ,
und Unabhängige.

Senat;	51 Demokraten,

44	Republikaner,

1 Fortschrittler.

*) Es wurde jedoch bestimmt, daß Wolle bis zum 1. Dezember 1913
nicht zollfrei sein sollte und daß die Ermäßigungen für Wollwaren nicht
vor dem 1, Januar 1914 in Kraft treten sollten; auch die ersten Zollermäßi-
Sungen auf Zucker sollten erst mit dem März 1914 in Kraft treten. Das
kausschieben dieser Zollermäßigungen sollte den Importeuren und Fabri-
ken Zeit geben, sich an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen.
        <pb n="10" />
        ﻿8

leitung und hergebrachte Tradition übten einen so starken Ein-
fluß auf die demokratischen Mitglieder aus, daß sie an dem von
der Majorität ihrer Partei einmal angenommenen Programm fest-
hielten. Der Erfolg wurde durch die Haltung der Regierung wir-
kungsvoll unterstützt. Präsident Wilson, der langsam aber fest
die Zügel in die Hand genommen hatte, gewann eine solche Macht
über seine Anhänger, daß es Freund und Feind in Erstaunen setzte.
Im „Hause“ hatten die Demokraten einen tüchtigen Führer in der
Person Underwoods, des Vorsitzenden der Finanzkommission, und
einen ausgezeichneten Parteiführer in dem Präsidenten der Re-
publik.

Bevor wir zu den Einzelheiten des Gesetzes übergehen, be-
trachten wir noch etwas den Charakter der Debatten und die
Grundsätze der Parteien.

Das neue Prinzip, das in der Hauptsache von den Befürwor-
\ tern des neuen Gesetzes herstammt, ist das eines „W e 11 b e -
werbs-Tarif s“. Bei dem Tarif des Jahres 1909 er-
klärten die Republikaner, nach einem ganz anderen Prinzip zu
handeln, nämlich dem Prinzip des „Ausgleichs der
Erzeugungskosten“. Von diesen zwei Prinzipien sind
die zwei Parteien in der Tarif-Kontroverse ausgegangen.
Die Idee, die dem „Ausgleich der Erzeugungskosten“ zu-
grunde gelegt ist, ist die, daß es dem Erzeuger einheimischer
Erzeugnisse möglich gemacht werde, mit dem Erzeuger auslän-
discher Erzeugnisse auf gleicher Basis zu konkurrieren. Dies
scheint aber auch im wesentlichen die Idee eines „Wettbewerbs-
Tarifs“ zu sein. Allerdings wird in den Angaben über das Prinzip
des „Ausgleichs“ von einem „mäßigen Verdienst“ des einheimi-
schen Erzeugers gesprochen, während die Demokraten in ihrer
Erklärung über den „Wettbewerb-Tarif“ den „mäßigen Ver-
dienst“ verhöhnten, und andeuteten, der Wettbewerb müsse derart
beschaffen sein, daß die Vorteile des Inländers herabgesetzt event.
einige von ihnen sogar ausgeschaltet würden. — Aber trotzdem
muß ein mäßiger Vorteil bei normalen Erzeugungskosten in Be-
tracht genommen werden, obwohl ein solcher bei den üblichen
Methoden der Kostenberechnung nicht Berücksichtigung findet.
Ein Wettbewerbs-Tarif wäre demnach ein Tarif, unter dem der
einheimische und der ausländische Produzent so miteinander kon-
        <pb n="11" />
        ﻿9

kurrieren, daß jeder seinen angemessenen Verdienst findet. [ Es
würde also im ständigen Wortgebrauch das Prinzip des Wett-
bewerbs-Tarifs sich im wesentlichen von dem des Tarifs zum
Ausgleich der Erzeugungskosten nicht unterscheiden.

Eine andere Phrase, die in den Debatten der damaligen Session
viel gebraucht wurde, war die der „legitimen Industri e“.
„Die illegitime Industrie“, so hieß es, „würde gefährdet werden“.
Da kann man mit Recht die Frage aufwerfen, was ist denn eigent-
lich eine illegitime Industrie? Ist es eine solche, die sich nicht ohne
Unterstützung durch die Gesetzgebung halten kann oder eine
solche, die ihr Anrecht auf Elnterstützung verloren hat, wegen der
Methoden, durch die ihre Gründer die Gesetzgeber vergangener
Zeiten zu beeinflussen versuchten? Oder ist es eine solche,
die sich ungewöhnliche Vorteile durch Monopole oder Halbmono-
pole zu verschaffen wußte?! —

Vielleicht sind aber auch legitime Industrien solche, die unter
dem Schutz des Tarifes nur einen normalen oder mäßigen Gewinn
gemacht haben. Vielleicht bezieht sich die Phrase auch auf In-
dustrien, die sich bei einer verhältnismäßig niedrigen Zollstufe
aufrecht erhalten können, die aber Industrien, die von einer Reihe
besonders hoher Zölle abhängen, ausnimmt. Es kann aber auch
bedeuten, daß solche Industrien nicht behelligt werden sollen,
die in der Annahme gegründet wurden, daß die so viele
Jahre fortgeftihrte Schutzpolitik unbegrenzt weiter bestehen
würde. Es ist wohl kaum anzunehmen, daß man sagen
wollte, „eine Industrie ist deswegen illegitim, weil sie auf Schutz
angewiesen sei“. Jedenfalls wurden beide Ausdrücke, „legitime
Industrien“ und „Konkurrenz-Industrien“, niemals so gebraucht,
daß ihre Befürworter gezwungen gewesen wären, den Schutzzoll
abzuschaffen oder dem Freihandel das Wort zu reden.

Aber alle diese Schlagworte sind weniger wichtig hinsicht-
lich ihrer tatsächlichen Bedeutung, als in bezug auf die Wirkung,
die sie auf den Durchschnittswähler haben. Die Schlußfolgerun-
sen, die sie zulassen, sind keineswegs die gleichen. Sie verleiten
vielmehr zu sehr verschiedenen Auslegungen. Die Republikaner,
die angeblich nur einen Ausgleich der Erzeugungskosten wünsch-
en, gaben zu erkennen, daß sie die Zölle so hoch zu bemessen
Wünschten, daß der inländische Erzeuger die Situation beherrschte.
        <pb n="12" />
        ﻿10

Die Demokraten wollten mit ihrem „Wettbewerb“ nur an-
deuten, daß die Zölle nicht einem Einfuhrverbot gleichen sollten.
Die Demokraten behielten sich, wenn sic von Ausgleichszöllen
und legitimen Industrien sprachen, die Alternative vor, da wo
politische oder ökonomische Zweckmäßigkeit es verlangen sollte,
von diesen Grundsätzen abzugehen und die Zölle ohne Rücksicht
auf Ausgleich und Gesetzmäßigkeit festzusetzen.

Nichts erhellte so sehr die Art, in der sich die Parteien zu
der Tariffrage gestellt hatten, wie die Frage bezüglich der Zweck-
mäßigkeit einer Beibehaltung des Tarifausschusses. Der Tarif-
Ausschuß ist von den Republikanern im Jahre 1909 eingesetzt
worden. Er fertigte umfangreiche Berichte über wichtige In-
dustrien und ihre Beziehungen zum Zolltarif an, besonders über
Baumwoll- und Wollfabrikate. Dies hat unter den Demokraten
im Jahre 1912 aufgehört. Im Schutzzollprinzip liegt natürlich die
Notwendigkeit, detaillierte Einzelheiten über jede Industrie zu er-
fahren, beim Freihandelsprinzip würde dies nicht notwendig sein.
Man braucht ja nur die importierten und die einheimischen Er-
zeugnisse gleich zu behandeln; entweder beide gleich hoch zu be-
steuern, oder beide steuerfrei zu lassen. Dann werden die Er-
gebnisse eines vollständig gleichen Wettbewerbs zur Geltung
kommen. Aber niemand schlägt diese drastische Maßnahme vor,
wenigstens nicht zur allgemeinen sofortigen Anwendung.

Mag die Basis des Ausgleichs in den „konkurrierenden Be-
dingungen“ oder in dem „Ausgleich der Kosten“ oder den „legi-
timen Industrien“ liegen, in jedem Falle wird man die Frage auf-
werfen, welche präzisen Zollsätze führen den Ausgleich herbei.
Daher auch der Wunsch der Republikaner nach einem sachver-
ständigen Auschuß, nach Prüfungsorganen, und die Beschwerden
über die Sorglosigkeit bei Industriegründungen ohne vorherige sorg-
fältige Untersuchung. Daß die „Mittel- und Wegekommission“ der
Repräsentanten oder das Finanz-Komitee des Senates nicht in der
Lage waren, solche Prüfung oder Untersuchung vorzunehmen,
wurde jetzt von den Republikanern unbedingt zugegeben. Sie
leugneten ihre eigenen früheren Verfehlungen in dieser Beziehung
nicht ab, drängten aber auf Abänderungen der jetzigen und zu-
künftigen Zustände. Es wurde viel darüber geklagt, daß die „De-
mokratische Mittel- und Wege-Kommission“ scharf vorgegangen
        <pb n="13" />
        ﻿11

sei, daß sic die Zölle nach Mutmaßungen festgestellt habe, und
daß sie Rohstoffe und Halbzeug mit Zöllen belegt habe, die nicht
in Einklang zu bringen seien mit denen auf fertige oder beinahe
fertige Waren. Der neue Tarif, so hieß es, sei kein „fach-
männischer“.

Darin lag wohl etwas Wahrheit. Die Zölle wurden in der Tat
mehr oder weniger schnell und oberflächlich festgelegt. Die fest-
gesetzten Zölle waren in vielen Fällen das Ergebnis von Ver-
gleichen, nicht aber das Resultat irgend einer genauen Berechnung
oder Information. Zweifelsohne war es so auch in früheren Jahren
gewesen, jetzt aber trat diese Erscheinung noch in verstärktem
Maße auf. Die Republikaner durften mit Recht behaupten, daß
der Tarifausschuß seit 1909 au der Arbeit gewesen sei, und durch
ihn die Möglichkeit eines mehr überlegten und vorsichtigen Ver-
fahrens gegeben gewesen sei. Aber anderseits konnte man von
den Demokraten nicht verlangen, daß sie dem Streben nach aus-
gedehnter Vorbereitung und sachverständiger Untersuchung eine
größere Aufmerksamkeit schenkten. Denn erstens war der Tarif-
ausschuß eine Idee der Republikaner gewesen! Wie gut auch
immer seine Arbeit gewesen sein mochte, — und kein kompetenter
Beobachter kann es leugnen, daß sie vielfach Licht auf die
geprüften Punkte geworfen hat — es haftete ihm doch der Bei-
geschmack der Partei, die ihn eingesetzt hatte, an, Gerade der
Umstand, daß die Republikaner jene Idee gehabt hatten, veran-
laßte die Demokraten, sie zu verwerfen. Weiter war der Um-
stand wichtig, daß detaillierte und umfangreiche Untersuchun-
gen notwendigerweise eine Verzögerung herbeigeführt hätten. Man
konnte es den Demokraten nicht verdenken, daß sie glaubten
so unparteiisch die Mitglieder des Tarifausschusses auch immer
gewesen sein mochten, wie gut auch immer ihre Arbeit gewesen
■^ar ■— der Hauptzweck der republikanischen Führer, die wieder
emen Ausschuß forderten, sei doch der, ein schnelles Handeln zu
verhindern, um vielleicht noch einmal die politische Lage zu ihren
Gunsten zu wenden. Ein Aufschub bis zur Beendigung der Ar-
beiten des sachverständigen Ausschusses würde für die Demo-
kraten das Verpassen der günstigsten Gelegenheit bedeutet haben.
Seit vielen Jahren beherrschten sie zum ersten Male alle Zweige
^er nationalen Gesetzgebung, nicht allein im Repräsentanten-
        <pb n="14" />
        ﻿12

hause und in der Person des Präsidenten, sondern sogar im Senat.
Ihr Tag war angebrochen, und ein längeres Warten wäre nach
ihrer Ansicht mit politischem Selbstmord gleichbedeutend ge-
wesen.

Die wichtigsten Änderungen in dem Zollgesetz von 1913 be-
treffen Zju c k e r und Wolle. Beide Artikel werden in Zukunft
zollfrei zugelassen, und zwar Wolle sofort und Zucker nach Ver-
lauf von drei Jahren. Nach den Tarifen von 1897 und 1909 betrug
der Zoll auf Zucker 1% cents. Bis l.Mai 1916 soll der Zoll 1% Cents
pro Pfund betragen und von da ab wird er zollfrei. Der Über-
gangszoll von 1 Vi cents pro Pfund unterliegt einer Reduktion von
20% auf Zucker aus Kuba, dem größten Importland der vergange-
nen und zukünftigen Jahre. In der Bemessung einer dreijährigen
Zwischenzeit liegen folgende Vorteile:

Erstens hat der Fiskus einen Vorteil in dem Hinausschieben
der völligen Freigabe. Der Zuckerzoll trägt erheblich zu den
Zolleinkünften bei. Die Einkommensteuer, die den Verlust an
Zolleinkünften ersetzen soll, wird noch einige Zeit in Anspruch
nehmen, ehe sie voll zur Geltung kommen wird. Die zeitweise
Beibehaltung des Zuckerzolls erleichtert es also dem Fiskus, den
Etat entsprechend einzurichten.

Zweitens, wird den Zuckererzeugern Zeit gegeben, sich den
neuen Verhältnissen anzupassen. Die Produktion von Rohzucker,
gleichviel ob Rohr- oder Rübenzucker ist in unserer modernen
Zeit eine Fabrikations- wie auch eine Extraktivindustrie. Die Ab-
schaffung des Zuckerzolls zeigt deutlich das Problem der Wahrung
zu Recht erworbener Interessen in einer Industrie, in der große
Kapitalien investiert sind. In allen solchen Fällen ist es wohl ge-
rechtfertigt, Ermäßigungen hinauszuschieben. Allerdings kann
wohl ein leiser Zweifel bestehen, ob ein solches Programm von
Ermäßigungen bis ans äußerste Ende durchgeführt wird und ob
die Vorbereitungen für den Übergang auch tatsächlich getroffen
worden sind. Letztere Erwägung steht auch dem Plan entgegen,
der oft als der beste zur Bekämpfung scheinbar allzu hoher
Zölle empfohlen wird, nämlich dem, die Ermäßigungen über eine
Reihe von Jahren auszudehnen. Es ist ja auch immer fraglich,
ob sich nicht in der Zwischenzeit die politische Lage ändern wird.
Selbst während der letzten zwei Jahre, als es jedem unpartei-
        <pb n="15" />
        ﻿— 1?. —

ischen Beobachter klar war, daß eine erhebliche Beschneidung
des Schutzsystems nicht abzuwenden war, haben interessierte
Produzenten beständig gegen das Unabwendbare gekämpft, indem
sie sich einzureden versuchten, daß die Änderungen vermieden
oder hinausgeschoben werden könnten. Die gleiche Unwilligkeit
gegenüber einem unwillkommenen Zustande wird wohl auch in
den drei Jahren, bevor der Zucker ganz frei wird, zutage treten.
Die Taktik der Protektionisten deutet auf mancherlei Art an, daß
sie auf eine Wiederkehr der guten alten Zeiten hoffen. Unter
solchen Umständen kann man wohl kaum eine wohlerwogene An-
passung an die Bedingungen des neuen Tarifs erwarten und, wenn
das jetzige Programm tatsächlich bis zum letzten Ende ausgeführt
wird, so werden wohl die Zuckerproduzenten im Jahre 1916
ebenso schlecht darauf vorbereitet sein, wie es jetzt der Fall ist.

Die taktischen und politischen Gründe für die Zollfreiheit des
Zuckers bestehen darin, daß man hierdurch die Kosten des Lebens-
unterhalts zu ermäßigen glaubt. Hier kommt eine Ware in Frage,
die allgemein gebraucht und durch den bestehenden Zoll verteuert
wird und die ziemlich sicher nach Abschaffung des Zolles billiger
Werden wird. Allerdings können inzwischen mißliche Erntever-
hältnisse die Wirkung bis zum Jahre 1916 eventuell in Frage
Hellen. In diesem Falle wird die Abschaffung des Zolles zwar
wicht dazu beitragen, den Preis des Zuckers zu ermäßigen, wohl
aber wird sie verhüten, daß er noch teurer wird.

Wie verhält sich nun die Zollfreiheit des Zuckers zu dem
Prinzip des „Wettbewerbs-Tarifs“ oder der „illegitimen In-
dustrien“? Der Import von Zucker ist immer groß gewesen. So-
weit Kohrzucker in Betracht kommt, hat stets eine Konkurrenz
bestanden zwischen den einheimischen Produzenten unter-
e'Pander und zwischen diesen und den ausländischen. Die
Produktion von Rohr- und Rübenzucker ist in den Ver-
einigten Staaten so legitim gewesen, wie dies nur bei
e'Per hoch geschützten Industrie der Fall sein kann. Viel-
Dicht mag der Umstand, daß die Zuckerpflanzer von
Hawaii und Porto Rico und in geringerem Maße die von Kuba
lmd den Philippinen sich unter den durch den Zoll Begünstigten
befanden, dazu beigetragen haben, daß die Stellung zu der Zoll-
traSe sich nicht änderte. In der Hauptsache aber muß die Ab-
        <pb n="16" />
        ﻿14

Schaffung des Zolles, die taktisch gerechtfertigt ist, um die Kosten
der Lebensweise zu verbilligen, von dem Gesichtspunkt aus be-
trachtet werden, daß billiger ausländischer Zucker besser ist als
teurer einheimischer. Darin liegt ja der Kernpunkt des Frei-
handels-Prinzips.

Von keiner anderen Änderung des Tarifs werden wohl so
erhebliche wirtschaftliche Wirkungen ausgehen, wie von dem
zollfreien Zucker. Obwohl die Produzenten in Louisiana und in
den Rübenzuckerstaaten, ihre Abhängigkeit vom Schutzzoll über-
trieben haben — wie dies einheimische Produzenten gewöhnlich
zu tun pflegen, wenn sie Gesuche um Zollerhöhungen einreichen
— so hat man doch den Eindruck, als wenn sie der ausländischen
Konkurrenz nicht auf gleicher Basis begegnen könnten. Die Pro-
duzenten von Rohrzucker, wie auch von Rübenzucker haben gute
Jahre hinter sich, das beweist schon das Anwachsen ihrer Pro-
duktion. Einige von ihnen können vielleicht bei freiem Zucker
auch noch ihr gutes Auskommen haben. Dies wird besonders
für einige im Westen günstig gelegene Zuckerrübendistrikte zu-
treffen. So ist z. B. bei dem Hawaii-Zucker anzunehmen, daß
sich der Umsatz vermindern wird, aber nicht, daß die Zuckerpro-
duktion eingestellt werden wird. Hawaii und Porto Rico werden
einen harten Schlag erhalten, aber sie werden kaum gezwungen
werden, den Betrieb einzustellen. Kuba und Java werden wahr-
scheinlich mehr importieren. Jedenfalls werden die Veränderun-
gen in der Versorgung erheblich sein,

Was über freien Zucker gesagt worden ist, gilt auch für den
sofortigen und vollständigen Fortfall des Zolls auf Wolle. In
ihren Tarifvorlagen von 1911 und 1912 hatten die Demokraten
es doch nicht gewagt, in ihren Wünschen soweit zu gehen; sie
schlugen nur vor, den Wollezoll auf 20% herabzusetzen. Dem
Einfluß des Präsidenten Wilson ist es zu verdanken, daß man
jetzt noch weiter ging und diesen Zoll ganz und gar beseitigte.
Man muß bedenken, daß dies die einzige radikale Änderung in dein
unglücklichen Tarif von 1894 war. Durch diesen energischen
Schritt zeigte Präsident Wilson den unerschrockenen Mut, der
ihm nicht weniger die Achtung seiner Gegner als seiner Freunde
gewann.
        <pb n="17" />
        ﻿15

Die republikanische Formel von dem Ausgleich der Erzeu-
gungskosten hatte sich in der Anwendung als unmöglich erwiesen.
Der vorzügliche Bericht des Tarifausschusses ließ deutlich er-
kennen, daß es unmöglich war, die Kosten der Wollerzeugung
unter den üblichen Farmverhältnissen genau anzugeben und daß
unter anderen Verhältnissen die Kosten sich in verschiedenen
Gegenden wieder ganz anders stellten, so daß das Ausgleich-
rezept unbrauchbar war. Das Prinzip des „Konkurrenztarifs“ war
ebenso nutzlos. Der Zoll auf Wolle war seit vielen Jahren kon-
kurrierend gewesen, d. h. die Importe waren stetig im Wachsen
begriffen. Soweit Einkünfte in Betracht kamen, würde eine
völlige Abschaffung des Zolls unbedingt einen fiskalischen Verlust
bedeutet haben. Man konnte auch nicht behaupten, daß die Woll-
zucht eine „illegitime Industrie“ sei, ausgenommen vom Stand-
punkte des Freihändlers. Auch hier scheint man sich klar gegen
die verschleierten und apologetischen Schutzzollargumente ent-
schieden zu haben.

Der Zoll auf Wolle läßt sich nur vom Standpunkt des floch-
schutzzöllners verteidigen. Der Zoll auf Wolle ist eine der Ano-
malien in den Tarifgesetzen der Vereinigten Staaten gewesen.
Keins der führenden Länder hemmt und belastet seine Fabrika-
tionsindustrie durch Besteuerung der Wolle. Zölle auf Rohmate-
rialien sind nicht allein mit den Grundsätzen des Freihandels, son-
dern auch mit denen einer aufgeklärten und vorsichtigen Schutz-
Politik unvereinbar. Trotzdem ist in der Geschichte der Ver-
einigten Staaten während des halben Jahrhunderts, das unserem
Bürgerkriege vorausging, und auch in der folgenden Hochschutz-
Zollperiode, Wolle in den Vereinigten Staaten immer zollpflichtig
gewesen. Eine Erklärung hierfür findet man vielleicht darin, daß
Pian dadurch der Landbevölkerung einen Schutz gewähren wollte.
Bast alle sonstigen landwirtschaftlichen Produkte werden gewöhn-
lich aus einem Lande von der Konstruktion der Vereinigten
Staaten exportiert, nicht importiert. Einfuhrzölle können daher
hier keinen Einfluß haben. Allein Wolle bildete eine Ausnahme;
hier mußten die Vereinigten Staaten ständig zu ausländischen Vor-
räten ihre Zuflucht nehmen. Die inländische Produktion ist groß,
Dotzdem wird importiert. So liegt also die Möglichkeit vor, den
Barmer zu schützen und ihn dadurch zum Anhänger der allge-
        <pb n="18" />
        ﻿meinen Schutzpolitik zu machen. Während der letzten Ge-
neration, besonders seit 1890 ist die Woll- und Wollwarcn-Position
des Tarifs das Sturrazentrum der Schutzzoll-Kontroverse gewesen.
Die Eisenzölle, die früher am stärksten angegriffen wurden, sind
allmählich weniger wichtig geworden. Bei dem Zoll auf Wolle
und Wollwaren war auch diesmal wieder der Zoll auf Rohmaterial
der Angriffspunkt. Solange Wolle zollpflichtig war, konnte man
sich bei den Wollproduzenten, die einen erheblichen Teil der länd-
lichen Wählerschaft bilden, darauf verlassen, daß sie für hohe
Zölle auf Wollwaren stimmen würden. Nachdem nun einmal der
Wollzoll abgeschafft ist, gehören sie nicht mehr zu den
Anhängern des Schutzsystems. Darum sind auch die Republi-
kaner zugunsten des Wollzolls so unnachgiebig gewesen. Der
Wilson-Tarif von 1894 schaffte ihn ab und wurde dafür um so
heftiger angegriffen. Einer der Hauptpunkte in dem Programm
McKinleys, als er im Jahre 1896 Kandidat für die Präsidentschaft
war, war die Wiedereinsetzung des Wollzolls und er wurde auch
gleich nach seiner Ernennung in den Tarif von 1897 wieder aufge-
nommen und dann ohne Abänderung im Tarif von 1909 beibe-
halten. Der jetzige Tarif hat ihn endlich gänzlich abgeschafft. Die
Demokraten haben sich geweigert, ein Kompromiß zu schließen:
oder richtiger ihr Führer, Präsident Wilson, weigerte sich, einen
i Vergleich zu machen. Wolle ist ein für alle Mal zollfrei!

Der Wunsch, den Lebensunterhalt zu verbilligen, war ebenso
maßgebend für die Zollfreiheit der Wolle wie für die schließlichc
Zollfreiheit des Zuckers. Wollene Kleidung ist in den Vereinigten
Staaten teurer als in jedem anderen Lande. Billigere Wolle wird
diese Differenz vermindern und billigere Konfektion zur Folge
haben. Die Änderung wird zwar bei Wolle nicht so auffallend
werden, wie bei dem Zucker. Im Durchschnitt wird der Unter-
schied in den Preisen für Männerkleidung ungefähr einen Dollar
betragen.

Der Wollzoll führte natürlich insbesondere zu hohen Zöllen
auf Wollwaren. Der amerikanische Wollfabrikant mußte
wegen des Zolls auf Rohwolle höhere Preise für sein Rohmaterial
bezahlen, als der deutsche und englische Fabrikant. Für diese Er-
höhung seiner Fabrikationsunkosten mußte er entschädigt oder
geschützt werden durch Extrazölle auf importierte Wollwaren.
        <pb n="19" />
        ﻿17

Daraus entstand dann ein sehr kompliziertes System, durch wel-
ches Zölle auf Wollwaren angesetzt wurden, die (ln der Theorie
wenigstens) nur entschädigender Natur waren, während noch
außerdem Zusatzzölle zu Schutzzwecken erhoben wurden. Die
Entschädigungszölle waren Spezialzölle (1 cent pro Pfund auf
wollene Kleidung), während die Zusatz- oder tatsächlich schützen-
den Zölle als Wertzölle berechnet wurden. Diese Schutzzölle
beliefen sich in den Tarifen von 1897 und 1909 auf 50—55%.
Rechnet man hierzu die entschädigenden Spezialzölle, so belief
sich die Totallast auf Wolle bis auf 100% ihres Wertes. In kaum
einem anderen Artikel waren die Sätze so hoch.

Die notwendige Folge der freien Wolle ist jetzt natürlich der
Portfall der Spezialzölle auf Wollwaren. fNur die Wertzölle auf
Wollwaren werden beibehalten, aber wesentlich ermäßigt. Der
Wertzoll betrug in den Jahren 1897 und 1909 für die meisten Woll-
waren 50—55%. Bei den meisten Wollfabrikaten sinkt der Satz
in Zukunft auf 35%. Garne sind bis zu 20% zollpflichtig. Die
Zölle auf Teppiche bewegen sich zwischen 20 und 35%. Nominell
also besteht die Ermäßigung auf Wollwaren nur in dem ermäßigten
Wertzoll. Tatsächlich aber bedeutet die Abschaffung des beson-
deren Entschädigungszolls noch einen weiteren Nachlaß. Diese
Entschädigungszölle haben einen starken, verborgenen Schutz ge-
währt. Sie haben ihre nominelle Aufgabe, den Einfluß des Woll-
zolls durch Erhöhung der einheimischen Wollpreise zu verbergen,
vollauf erfüllt. Dieser verborgene Schutz war nicht, wie so oft
behauptet wird, die Folge willkürlicher Intriguen und Manipula-
tionen, er war vielmehr das Resultat einer allmählichen und in
Mancher Beziehung unerwarteten Veränderung in der Entwick-
huig der Industrie. Wie es aber auch immer gewesen sein mag,
die Zölle auf Wollwaren (entschädigende Spe^ilzölle und
Wertzölle zusammen) beliefen sich schließlich auf 100% bei
den wenigen Waren, die weiter importiert wurden und auf 140 bis
150% bei fast allen ausländischen Waren, die natürlich angesichts
solcher prohibitiven Zölle überhaupt nicht mehr importiert
Wurden.

Diese große Herabsetzung der Zollsätze, von 100% oder mehr
tllJf 35% und weniger, werden ein Fallen der Marktpreise zur
F°lge haben.
        <pb n="20" />
        ﻿18

Allerdings kann man nicht voraussehen, bis zu welchem Grade
sich die Preise ändern werden. Natürlich wird die Änderung
nicht so erheblich sein, wie es wohl der Fall sein würde, wenn
der Grundsatz richtig wäre, daß jede Zollermäßigung eine ent-
sprechende Preisänderung herbeiführt. Um es noch einmal zu
wiederholen, der Zoll auf Wollzeuge war in der Hauptsache ein
Schutzzoll. Inländische Wollwaren behaupteten das Feld und die
Konkurrenz unter den inländischen Fabrikanten hielt die Preise
der meisten Ware innerhalb der Grenzen der Fabrikationsun-
kosten. Diese Fabrikationsunkosten erhöhten sich fraglos dadurch,
daß das Rohmaterial — Wolle —- durch den Zoll im Preise erhöht
wurde. Inwieweit die tatsächlichen Fabrikationsunkosten höher
waren als in anderen Ländern, ist schwer anzugeben. Wenn der
35prozentige Zoll nur die höheren Fabrikationsunkosten innerhalb
des Landes zum Ausgleich bringt, so wäre die Änderung im Zoll
auf Wollwaren nur nominell, indem sie einen tatsächlich wirkungs-
vollen Schutzzoll an Stelle eines unnötig hohen Prohibitivzolles
setzt.

Scheinbar haben die Demokraten sich in diesem Falle be-
müht, das Wettbewerbsprinzip anzuwenden. Die Untersuchungen
des früheren Tarifausschusses und einige weitere darauf
basierende Kalkulationen deuteten an, daß ein Zoll von 35% un-
gefähr der Differenz in den Herstellungskosten der amerikani-
schen und ausländischen Fabrikanten entsprechen würde. Das ist
aber nur eine oberflächliche Berechnung. Bei einigen Waren ist
der Zollsatz von 35% mehr als hoch genug, so daß der inländische
Fabrikant sich behaupten kann. Andere Waren werden zum Nach-
teil der amerikanischen Produktion importiert werden. Prophe-
zeiungen eines allgemeinen Unglücks, das aus solchen Änderungen
herrühren soll, werden zwar ohne Zweifel in gutem Glauben ge-
macht und durch die entstellenden Berichte über die Notwendig-
keit des hohen Schutzzolls hervorgerufen, aber sehr oft
auch nur mehr oder weniger vorgeschützt. Denen, die
solche Behauptungen aufstellen, liegt hauptsächlich daran,
die unwillkommenen Änderungen abzuwehren oder abzu-
schwächen. Der größere Teil der Woll- und Kammwoll-
Webereien wird bei einem Zollsatz von 35% wie bisher
bestehen können. Einige wenige schwächere Webereien werden
        <pb n="21" />
        ﻿— 19

Eingehen. Es wird allgemein behauptet, selbst in Fabrikations-
kreisen, daß die Anzahl jener schwächeren Betriebe dieses In-
dustriezweiges nicht gering ist. Diejenigen Anlagen, die gut aus-
gerüstet und gut verwaltet werden, werden sich vielleicht be-
haupten können, aber sie werden sich den neuen Verhält-
nissen anpassen und eine schwere Übergangszeit durchmachen
müssen. Die Fabrikanten von fertigen Kleidern, die am stärksten
von den Webereien gekauft haben und die künftig fraglos mit
fremden und inländischen Waren arbeiten werden, werden in
mehr oder minder beschränktem Maße kaufen, je nachdem sich
der tatsächliche Preis der inländischen und ausländischen Kon-
kurrenz gestaltet, und zwischen den inländischen Fabrikanten
selbst wird die Konkurrenz schärfer denn je werden. Die zoll-
freie Wolle wird die Verwendung von Fasern, die bisher nicht
benutzt wurden, gestatten und dadurch die Produktion einer neuen
Warengattung ermöglichen. Allerdings wird einige Zeit vergehen
müssen, vielleicht zwei oder drei Jahre, bevor sich die Fage
in der Wollindustrie unter den neuen Verhältnissen geklärt haben
wird. Einige Zweige der inländischen Wollfabrikation werden
wohl eingehen. Augenscheinlich sind die Fabrikanten der
feinsten Ware und der billigsten Ware am meisten gefährdet. Die
sogenannte Mittelware, die am stärksten fabriziert wird, wird sich
wahrscheinlich behaupten können. Die- besten und teuersten
Sorten von Männer- und Frauenkonfektion werden voraussicht-
lich in erheblich größeren Mengen importiert werden und die ein-
heimische Ware verdrängen. Einige ausländische Fabrikanten,
besonders deutsche, die durch die hohen Zollsätze von 1897 und
1909 verführt, ihre Fabriken nach den Vereinigten Staaten ver-
legten, werden dem Anschein nach schwer zu leiden haben.

Die Ermäßigungen auf Baumwollwaren sind in bezug“
auf Charakter und Wirkung den WertsaTzen der Zölle auf Woll-
waren nicht unähnlich. Die Änderung des Zolltarifes ist bedeu-
tend. Aber auch in diesem Falle werden die Folgen für Handel und
Industrie nicht so groß sein, wie der Unterschied in den Ziffern zu
sagen scheint. Der Zollsatz auf die niedrigste Sorte Baumwoll-
garn beträgt nur 5%, für die billigste Sorte ungedruckter und un-
gebleichter Baumwollstoffe 114%. Für feinere Sorten steigen die

2*
        <pb n="22" />
        ﻿20

Zölle entsprechend und betragen für Garn 25% und für einfache
Stoffe 27%%. Mit einem Zollzuschlag von 2'A% werden Stoffe
belegt, die gebleicht, gefärbt, bedruckt oder merzerisiert sind.
Der Maximalzoll auf Stoffe beträgt 30%, für gewöhnliche Strumpf-
waren 20%, für Modestrumpfwaren sind verhältnismäßig hohe
Zölle beibehalten worden: 30%, falls der Wert zwischen 70 cents
pro Dutzend oder weniger beträgt; 40%, wenn der Wert zwischen
70 cents und 1,20 Doll, schwankt, und 50%, wenn er 1,20 Doll, über-
steigt. Hier ist einer der verhältnismäßig wenigen Fälle, in dem
das Schutzsystem (mit dem steigenden Warenwert entsprechend
progressiven Sätzen) beibehalten wird. Baumwollene gestrickte
Waren sind im allgemeinen mit 20% zollpflichtig, und die Sammel-
position sieht für baumwollene Waren, die nicht besonders auf-
geführt sind, 30% vor. Baumwollene Handschuhe unterliegen
einem Zoll von 35%.

Diese Ziffern weichen, wie schon einmal gesagt, radikal von
den im früheren Zolltarif vorgesehenen ab. Aber wie bereits er-
wähnt, wird die Ermäßigung auf die meisten Waren nur nominell
sein. Die billigeren Sorten von Baumwollstoffen werden in den
Vereinigten Staaten so billig wie in irgendeinem anderen Lande
hergestellt. Außer gelegentlichen Spezialitäten werden solche
Waren nicht importiert, sondern vielmehr von den Vereinigten
Staaten exportiert. Waren mittlerer Sorte, obwohl sie nicht ex-
portiert werden, würden wahrscheinlich selbst bei völlig freier
Einfuhr nicht in erheblichen Mengen importiert werden; und der
jetzt bestehende Wertzoll wird auch weiter den inländischen
Markt sicher in den Händen der amerikanischen Fabrikanten
lassen. Wahrscheinlich werden nur die feineren Waren von den
Änderungen berührt werden. Ein Import derselben hat trotz der
früheren hohen Zölle beständig stattgefunden und wird, infolge der
niedrigen Zollsätze, noch größer werden. Diese Waren sind auch
durch die früheren Spezialzölle am meisten berührt worden. Die
Spezialzölle waren auf besonderen Wunsch der inländischen
Fabrikanten aufgestellt worden und waren solcher Natur, daß
man der Konkurrenz ausländischer Fabrikanten wirkungsvoll be-
gegnen konnte. Ohne Zweifel waren diese Zölle in den meisten
Fällen unnötig hoch. Sie waren Prohibitivzölle wie bei den Woll-
waren. Die fortdauernd importierten Waren, die in der Haupt-
        <pb n="23" />
        ﻿21

Sache aus Spezialitäten bestanden, konnten sich trotz der durch
die Zölle erhöhten Preise auf dem Markt behaupten.

Bei feineren Baumwollwarcn, wie auch bei feineren Wollwaren \
wird wohl jetzt ein Teil des inländischen Produktes durch aus-
ländisches verdrängt werden. Welchen Umfang diese Verdrän- |
gung von inländischer Ware annehmen wird, bleibt abzuwarten. 1

Alle Zölle auf Baumwollwarcn sind jetzt nach dem Wert fest-T)
gelegt. Mit Ausnahme der Beibehaltung eines gewissen Schutz-
systems (fence-system) auf Strumpfwaren erscheint in dem gan-
zen Entwurf kein Spezialsatz. Diese radikale Änderung gab Ver-
anlassung zur scharfen Kritik, indem man behauptete, daß Wert-
zölle zur Unterbewertung und zur Hinterziehung verleiteten. Eine
solche Kritik ist nicht grundlos und doch war die Annahme des
Wertsystems nicht zu vermeiden. Zum Teil ist dies auf Miß-
bräuche bei Anwendung der früheren Spezialzölle zurtickzuführen.
Der frühere Baumwolltarif war sehr verwickelt. Die Zölle
variierten je nach der Zahl der Fäden per Quadratzoll, der Anzahl
von Ellen pro Pfund, dem Bleichen, dem Färben und Drucken,
und schließlich bestand noch ein genau ausgearbeitetes Schutz-
system mit vielen Wertstufen. Was das ganze komplizierte
Verfahren bedeuten sollte, konnten nur diejenigen wissen, die mit
jeder Einzelheit der Industrie vertraut waren, nämlich die Fabri-
kanten. Man vermutete, daß die Fabrikanten in ihren Vor-
schlägen bei den Gesetzgebern früherer Tage die Sätze so gestellt
hatten, daß sie sich nicht allein einen hohen Schutz sicherten, son-
dern einen viel höheren Schutz, als man ihnen bewilligt haben
■würde, wenn man die Tragweite dieser Sätze vollständig
verstanden hätte. Klagen dieser Art, obwohl sie über-
trieben wurden, waren nicht grundlos. In dem Tarifgesetz
von 1909, das eigentlich die Zölle ermäßigen sollte, sind
einige Änderungen gemacht worden, und man hat weiter
"versucht, die mißlichen Spezialzölle in einer nicht gerade
ganz ehrlichen Weise zu erhöhen. Angesichts dieser Lage
stand zu erwarten, daß die Demokraten ein für allemal dieses
System abschaffen würden und dafür Wertzölle einsetzen würden.
Übrigens wird die Versuchung, Waren zu unterbewerten, bei den
niedrigen Zöllen des neuen Baumwolltarifs nicht so erheblich wer-
        <pb n="24" />
        ﻿den. Eine solche Versuchung wird größer, sobald die Zölle höher
werden, und verschwindet, sobald sie niedrig sind. Obwohl
man hierfür keine Regel feststellen kann, ist es wahrscheinlich,
daß ein Wertzoll von 30% ebenso ehrlich und wirkungsvoll auf
Standardwaren eingezogen werden kann, wie ausgearbeitete Spe-
zialzölle. Die Gefahr einer versuchten Hinterziehung wird erst
dann akut, wenn der Zoll 40% und mehr beträgt. Natürlich ist
die Gefahr am größten bei Waren, die keinen Standardcharakter
haben, weil deren laufende Marktpreise schwer zu kontrollieren
sind. Zufällig ist aber gerade Baumwolle dieser Art in früheren
Tarifen einem Wertzoll unterworfen gewesen. Soweit diese
Sorten in Betracht kommen, sind die Schwierigkeiten geringer
anstatt größer geworden, da der Wertzoll verringert worden ist,
während bei den Waren, auf denen früher ein Spezialzoll lastete,
weder der Zollsatz noch der Charakter der Ware ein solches
System anwendbar machen läßt.

Die Zölle auf Seide sind nach demselben Prinzip wie die
auf Baumwolle umgestaltet worden. Auch hier traten Wertzölle
an Stelle der Spezialzölle. Der allgemeine Zollsatz auf Seiden-
fabrikate ist 45%; auf Samt und Plüsch 50%. Im Senat wurden
Amendements eingefügt (obwohl mit einigen Ermäßigungen), in
denen man das frühere System der Verzollung pro Pfund beibe-
hielt. Die Repräsentanten weigerten sich aber, diesen Amende-
ments zuzustimmen, und das endgültige Gesetz strich fast alle
Spezialzölle auf Seide.

Auch in diesem Falle ist die Abschaffung des Spezialzolles
darauf zurückzuführen, daß man seinen Zweck und seine Wir-
kung anzweifelte. Das hochgradig verwickelte System vom
Jahre 1897, das im Jahre 1909 beibehalten wurde, ist nominell von
Zollbeamten, aber doch unter dem Rat und der Mithilfe von
Fabrikanten entworfen worden. Das Gesuch um Abänderung des
Wertzolls in einen Spezialzoll wurde damit begründet,
daß man nur durch diesen der Unterbewertung der Waren
und dem Betrüge verbeugen zu können glaubte. Zweifels-
ohne waren frühere Unterbewertungen allgemein und oft
auffallend gewesen und ebenso zweifellos ließ dies zwar
im Jahre. 1897 nach, hörte aber keineswegs auf, da unter
        <pb n="25" />
        ﻿23

der Sammelposition ein ganz erheblicher Teil der Importe
einem Wertzoll unterworfen blieben. Anderseits war die Klassi-
fizierung so verwickelt, die Unterscheidungen der Spezialzölle so
fein und winzig, die Prüfung inkorrekter und oft betrügerischer
Angaben so mühevoll, das Bestellen von kompetenten Über-
wachungsbeamten angesichts der kleinen Qehälter, die die Re-
gierung bot, so schwer, daß das neue System in der Praxis sich
nicht viel besser erwies, als das alte. Aber es waren nicht diese
Verwaltungsschwierigkeiten, die zu der völligen Rückkehr zum
alten Wertsystem führten. Es war unzweifelhaft sicher, daß das
verwickelte System der Spezialzölle Unzuträglichkeiten enthielt.

Der einzig sichere Weg, diese unschönen Zusätze der früheren
l’arifgesetze los zu werden, war durchweg den Wertzoll in An-
wendung zu bringen.

Die Zollsätze auf Seidenfabrikate sind verhältnismäßig
hoch geblieben —- bei den meisten Waren 45%. Die Ermäßigun-
gen sind keineswegs so erheblich wie bei Baumwolle und Wolle.
k&gt;abei ist zu beachten, daß ein Zoll von 45% eher Veranlassung
zur Unterbewertung gibt, als ein solcher von 30%; auch fällt es
bei der ungewöhnlichen Verschiedenheit von Seidenfabrikaten
schwer, die Angaben des Importeurs über den Marktwert und
eine eventuelle Unterbewertung zu prüfen. Die inländischen
Seidenfabrikanten haben nicht schlecht abgeschnitten. Dies er-
klärt sich augenscheinlich dadurch, daß Seidenstoffe als Luxus-
artikel betrachtet und deshalb einem entsprechend höheren Zoll
als andere Textilwaren unterworfen werden. Bei der Besteuerung
von Luxusartikeln mußte man allerdings die Einkommensverhält-
uisse der davon betroffenen Personen in höherem Maße berück-
sichtigen und daher war es richtig, die inländische Ware ebenso
'vie die ausländische zu besteuern. Ein Zollsatz, der zum Zweck
der Erlangung von Einkünften so hoch ist, daß er im großen Maß-
stabe einen Import verhindert oder fast verbietet, ist offensicht-
lich töricht. Nicht mit Unrecht vermutet man, daß eine derartige
Absicht hei den Seidenzöllen Vorgelegen hat. Bei den meisten
Seidenstoffen wirken die Zölle nach wie vor prohibitiv. Ein
niedrigerer Satz würde vielleicht mehr Einkünfte ergeben haben,
und wäre auch mit dem Wettbewerbsprinzip besser in Einklang
Zu bringen gewesen.
        <pb n="26" />
        ﻿24

Zufällig befindet sich nun auch die Seidenfabrikation in einem
Stadium, das — abgesehen vom Standpunkt der Erträge — alle
Veranlassung zu einer Zollermäßigung bot. Seit einem halben
Jahrhundert hat die Seidenindustrie einen ungewöhnlich hohen
Schutz genossen und bei einem außerordentlichen Wachstum
große Dimensionen angenommen. Ihr Charakter hat sich voll-
ständig geändert. Die Entwicklung war nicht allein quantitativer,
sondern auch qualitativer Natur. Es mag sich hier die Gelegen-
heit oder doch die Möglichkeit geboten haben, junge Industrien
erfolgreich zu beschützen. Die Zölle auf fast alle Seidenwaren,
wie auch auf Wollwaren sind derart gestiegen, daß sie die aus-
ländische Konkurrenz ausschließen. Die Sätze hätten ermäßigt
werden können, ohne daß der Stamm der Industrie davon berührt
worden wäre. Die Frage ist jetzt gewissermaßen in ein akutes
Stadium getreten, ob bei einer einschneidenden Zollermäßigung
solche jungen Industrien sich jetzt weniger als zu Anfang auf
einen Schutzzoll stützen müssen und ob sie bereits in der Er-
langung einer event. Unabhängigkeit Fortschritte gemacht haben.

Eine andere Gruppe, bei der die Zollermäßigung geringer
war, als man erwartet hatte, ist die der Ton- und Ton-
erdenwaren. Auch hier sind die Zölle verhältnismäßig hoch
geblieben, wahrscheinlich aus fiskalischen Gründen. Die ver-
änderten Zollsätze auf die betreffenden Artikel sind folgende;

Tarif 1909		Tarif 1913
Irdene und Töpferwaren, nicht bemalt, nicht verziert		55%	35%
Töpferware bemalt oder verziert		60%	40%
China- und Porzellanwaren, nicht bemalt oder verziert . . . 			55%	50%
China- und Porzellanwaren, bemalt oder ver- ziert 		60%	55%
Die billigeren Sorten, wie irdene und	Töpferwaren (gleich-	

viel, ob einfach oder verziert), werden in großem Umfange in
den Vereinigten Staaten hergestellt. Der Import ist nicht uner-
heblich, aber die inländischen Fabrikanten behaupten das Feld.
        <pb n="27" />
        ﻿25

Bei den feineren Sorten — China- und Porzellanwaren —, ist
das umgekehrte der Fall. Auf diese Waren ist der hohe Zoll
beibehalten. Sie werden hauptsächlich importiert und können
gerechterweise als Luxusartikel angesehen werden. Die auf diese
Waren entfallenden Zölle sind Finanzzölle, und es liegt kein
Grund vor, sie zu ermäßigen. Zweifelsohne bleibt auch hier die
Befürchtung einer Unterbewertung der Ware bestehen. Die
richtige Bewertung hat in der Vergangenheit schon viel
Mühe verursacht und wird es auch wohl in der Zukunft
tun. Bei irdenen und Töpferwaren, bei denen der Zoll-
satz von 35 bis 40% beibehalten ist, ist die Situation
eine andere. Dies sind ausgesprochene Schutzzölle und sie
sind so hoch, daß sie jede Einfuhr verhindern. Vom fiskalischen
oder vom Standpunkt des Wettbewerbsprinzips aus betrachtet,
hätten auch diese Zölle, wie bei der Seide, eine größere Ermäßi-
gung erfahren müssen, als es der Fall ist.

Bei den Zöllen auf Eisen und Stahl liegen die Verhält-1
nisse anders, als bei den meisten Zöllen der anderen Gruppen
des Tarifs. Bei ihnen ist das Schutzsystem allmählich in den
aufeinanderfolgenden Tarifen von 1890 bis 1913 abgebaut wor-
den. Der Wilsonsche Anti-Schutztarif von 1894 ermäßigte, wie
dies zu erwarten war, die Zölle erheblich. Selbst das schutz-
zöllnerische Gesetz von 1897 behielt die ermäßigten Zölle bei
und das kaum weniger schutzzöllnerische Gesetz von 1909 fuhr
fort, die Zölle zu ermäßigen. Dieses ungewöhnliche Verfahren
War das Resultat des außerordentlichen Aufschwungs der ameri-
kanischen Eisenindustrie und des nicht mißzuverstchenden Um-
standes, daß sie eines hohen Schutzes nicht mehr bedarf und
Wahrscheinlich ohne Schutz fertig werden kann. Der Lauf der
Ereignisse in den Vereinigten Staaten ähnelt hierbei in mancherlei
Beziehungen der Entwicklung in Deutschland. In beiden Fällen
habe die Eisen- und Stahlindustrie, die 1890 quantitativ beträchtlich
hinter der Großbritanniens zurückstand, bald ihren alten Neben-
buhler überholt, ln beiden Ländern wurde die britische Eisen-
industrie nicht allein mit Bezug auf die Quantität der Produktion
überholt, sondern wurde ihr auch in technischer Beziehung eben-
bürtig. ln beiden Ländern kann man wohl die Frage aufwerfen,
°h junge Industrien mit Erfolg beschützt worden sind. Auf alle
        <pb n="28" />
        ﻿Fälle ist es in den Vereinigten Staaten erwiesen, daß die hohen
früheren Zölle nicht länger aufrecht erhalten zu werden brauchen.
Nachstehende Tabelle zeigt die Veränderung im Zoll auf Roh-
eisen während der ganzen Periode:

Roheisenzoll von 1890...................Doll. 6,72 per Tonne *)

1894....................... -	4,—	-

1897....................... -	4,—	-

1909....................... -	2,50	-

1913...................zollfrei.

Die Zölle auf andere Arten von Eisen und Stahl sind ent-
sprechend ermäßigt worden. Nicht allein Roheisen ist zollfrei
geworden, sondern auch Spiegeleisen, Ferro-manganese und
| natürlich Eisenerz. Auch Stahl-Ingots (die keinen Zusatz ent-
halten) sind zollfrei. Stachel- und galvanisierter Draht, wie er
zu Zäunen gebraucht wird, ist gleichfalls frei, eine Konzession für
die Farmer. Auch Stahlschienen stehen auf der Freiliste. Mäßige
Wertzölle sind auf andere Halbzeuge gelegt, die um so höher
steigen, je weiter sich das Produkt vom Rohstadium entfernt,
So unterliegen z. B. Eisenstangen einem Zoll von 5%, Stahl-
stangen von 8%, Konstruktionsformen von 10%, Blechplattcn von
15% und Röhren von 20%. Die Sammelposition „Eisen- und
Stahlwaren“ (nicht besonders genannt) ist mit 20% belegt, eine
nicht geringe Ermäßigung gegenüber dem früheren Zollsatz von
( 45%. Die meisten dieser Veränderungen bedeuten aber wenig.
Der Import gewisser Spezialitäten wird eine Ausdehnung er-
fahren; vielleicht importieren einige Distrikte an der Secküstc,
die leichter von auswärts zu Wasser als von den Mittelpunkten
der inländischen Produktion zu Lande zu erreichen sind, spora-
dische Vorräte von Roheisen. Der Lauf der Produktion inner-
halb des Landes jedoch wie auch die Vorratsquellen und die
Preise werden davon nicht berührt werden. Die Zeit ist vorbei,
wo das Schutzsystem für die Eisen- und Stahlindustrie von Be-
deutung war**).

*) Die „lange“ Tonne 2240 Pfd. ist fast gleich der mßtric Tonne (1000
Kilogramm = 2200 Pfd.).

**) Wie bereits angeführt, besteht eine frappante Ähnlichkeit zwischen
den amerikanischen und deutschen Eisenindustrien und ihrem Aufschwung
        <pb n="29" />
        ﻿27

Von weniger bedeutenden Positionen seien genannt: Felle,!
die im Tarif von 1909 nach heftigen Debatten freigegeben wur-
den, bleiben natürlich auch jetzt frei, außerdem sind Leder,
Stiefel und Schuhe mit auf die Freiliste gesetzt worden.
Weizen und Mehl, Vieh und Fleisch sind gleich-
falls zollfrei. In dem Repräsentantenhause bemühte man sich,
die Zölle auf Vieh und Weizen beizubehalten, während man die
auf Mehl und Fleisch abschaffen wollte. Es war ein Versuch, den
Konsumenten zu entlasten und doch dem Farmer gegenüber den
Schein des Schutzes aufrecht zu erhalten. Schließlich siegte der
gesunde Menschenverstand, und die Zölle auf Nahrungsmittel;
Wurden ein für alle Male abgeschafft. Diese Änderung ist für]
die allernächste Zeit von geringer Bedeutung — mit Ausnahme
von Fällen, in denen Grenzhandel oder gelegentliche Importe in
schlechten Zeiten in Frage kommen. Eier, Milch und
Sahne stehen ebenfalls auf der Freiliste; gleichfalls Artikel,
bei denen nur ein kleiner Grenzhandel seine Rechnung findet.
Endlich sind auch Kohlen und Brennholz (lumber) frei;
die Überbleibsel der im Jahre 1909 beibehaltenen Zölle sind be-
seitigt worden.

Bücher, hauptsächlich in fremden Sprachen, sind zollfrei^
trotz eines unverständlichen Versuchs, sie zollpflichtig zu machen,
ai&gt;ch alle Leitfäden, die in Schulen und Erziehungsanstalten be-
nutzt werden, stehen auf der Freiliste. Kleidungsstücke
und persönliche Mühseligkeiten von Reisenden, die zum Gebrauch
notwendig sind, sind ohne Ansehung des Wertes völlig frei.
Außerdem ist es den Bewohnern der Vereinigten Staaten, die
von außerhalb zurückkehren, gestattet, Artikel bis zum Werte
von 100 Doll, für den persönlichen Gebrauch oder für den Haus-
halt, als Andenken oder als Kuriositäten zollfrei einzuführen.

unter dem Schutzzoll. Bezüglich der deutschen Situation finden wir eine
geschickte Darstellung in dem Werk von G. Goldstein: „Die Entwicklung
der deutschen Roheisenindustrie seit 1879“ in Verh. des Vereins z. Ford,
d. Gewerbfleißes 1908 und.„Der deutsche Eisenzoll — ein Erziehungszoll“,
Wlkswirtsch. Zeitfragen 1912. Bezüglich der amerikanischen Eisenindustrie
beziehe ich mich auf zwei meiner eigenen Zeitschriften im „Quartely
Journal of Economics“, 1900.
        <pb n="30" />
        ﻿28

Der Staatssekretär der Finanzen ist ermächtigt worden, Zu-
satzzölle einzusetzen, zum Ausgleich von Liebesgaben und Prä-
mien, die fremde Staaten auf Exportgüter nach den Vereinigten
Staaten gewähren. Die Bestimmungen über Maximal- und Mini-
malzölle, die eine erhebliche Rolle in den Zolldcbatten von 1909
spielten, sind ganz in Fortfall gekommen.

Die weitgehende Anwendung der Wertzölle! hat eine Re-
vision der Ausführungsanweisungen notwendig gemacht. Dieser
Teil des Tarifsystems hat von 1789 bis zum heutigen Tage stets
Anlaß zu besonderen Verbesserungen gegeben. Selbst in den
Tarifen von 1890, 1897 und 1909, bei denen Wertzölle, wo immer
nur eben möglich, durch Spezialzölle ersetzt wurden, blieben
so viele der früheren Anweisungen dennoch bestehen, daß bei
jedem folgenden Gesetze die Vorschriften gegen Betrug verschärft
oder neue Bestimmungen getroffen wurden. Im Jahre 1890 wurde
der „Ausschuß der Qeneraltaxatoren“ eingesetzt, der ermächtigt
war, endgültig über sachliche Fragen zu entscheiden, während
diese Fälle zuvor an die Gerichte gegangen waren und diese be-
lastet hatten. Im Jahre 1909 wurde das „Zollberufungsgericht“
eingesetzt mit ausschließlicher Jurisdiktion über streng juristische
Fragen, die sich aus den Zollgesetzen ergaben. Erstaunlich ist
es, daß angesichts des zähen Bemühens der damals herrschen-
den Partei, das Schutzsystem zu stärken, die Vorschriften bzgl.
Deklaration, Wertbemessung und Machtbefugnisse der Zollbe-
amten usw. noch soviel Schlupflöcher für unehrliche Importeure
gelassen haben. Eine Änderung der Paragraphen, die diese Dinge
behandeln, wurde deshalb 1913 gleichfalls notwendig. Auch die
Taftsche Verwaltung hat die gleichen Probleme berücksichtigt
und Komitees von Verwaltungsbeamten eingesetzt, die diesbe-
zügliche Verbesserungsvorschläge ausarbeiten sollten. Auch das
demokratische Komitee unter der Führerschaft von Underwood
widmete den Ausführungsbestimmungen große Aufmerksamkeit.
Die einschlägigen Paragraphen des Tarifs sind im großen und
ganzen umgearbeitet worden. Von Kennern des verwickelten
Systems wird anerkannt, daß tatsächlich substantielle Verbesse-
rungen gemacht worden sind. Die Betrugsstrafen sind nicht erhöht
worden, wohl aber haben sie eine sichere Handhabung erhalten:
        <pb n="31" />
        ﻿Prozesse wegen „Anteilgcbührcn“ *) (ein großer Mißbrauch) sind
verboten; die Machtbefugnisse der Zolleinnehmer sind erhöht
worden. Eine Klausel, die großen Widerspruch hervorgerufen
hat, ging dahin, gelegentlich die Bücher der Importeure und aus-
ländischen Fabrikanten, denen man Unehrlichkeiten zutraute, ein-
zusehen. Nach vielem Debattieren und lebhaftem Protest von
seiten interessierter Persönlichkeiten, wurde die Klausel dann so
formuliert, daß es der Machtbefugnis des Staats-Schatzsekretärs
überlassen sein sollte, einen Zusatzzoll von 15% zu erheben in
Pallen, wo die Einsicht der Bücher und Belege verweigert wird.
Auch für andere Fälle wird dem Schatzsekretär ähnliche Voll-
macht erteilt; eine Art des Verfahrens, die besser ist, als wenn
man mit rigorosen gesetzlichen Bestimmungen Vorgehen würde.
Nicht uninteressant speziell für Volkswirte und solche Personen,
hie Anlaß oder Interesse haben, den Verlauf des Außenhandels
zu verfolgen, sind die Vorschriften zur leichteren Aufstellung und
Anordnung der Importstatistik. Bisher hatte man begründeter-
maßen ernste Ungenauigkeiten befürchten können.

Im großen und ganzen sind die Verwaltungsvorschriften gut
durchgeführt. Inwieweit sie zu Erfolgen des neuen Systems bei-
tragen werden, muß man abwarten. Wie schon einmal gesagt,
Werden sich wohl dort keine Schwierigkeiten ergeben, wo die
Zollsätze 30% nicht übersteigen. Wenn aber die Zölle, wie bei
seidenen Stückwaren, seidenen Kleidern, China-Porzellan, eine
Höhe von 45, 50, 55 und 60% erreichen, ist die Versuchung zur
Hinterziehung so groß, daß alle Strafen der Welt sie nicht be-
seitigen werden. Nachdem die Spezialzölle abgeschafft sind, weil
sie unpraktisch waren, ergibt sich als einzig sicherer und prak-
tischer Weg der, die Wertzölle auf mäßiger Stufe zu halten.

In dieser Abhandlung ist wiederholt davon gesprochen wor-
den, daß die Zollermäßigungen des Gesetzes von 1913 ohne effek-
tives Ergebnis sein dürften. Sie dienen wohl dazu, die Zölle zu

*) Anteilgebühren sind solche Gebühren, die ein Anwalt in einem
pmzeß bekommt, in dem er an dem eingetriebenen Betrag beteiligt ist.
Gewöhnlich bekommt er 50%, wenn er gewinnt und nichts, wenn er ver-
übt. Dieses Verfahren ist schlecht beleumundet und gewöhnlich verboten.
In Zollangelegenheiten ist es jetzt streng verboten.
        <pb n="32" />
        ﻿30

ermäßigen, die die ausländische Einfuhr unmöglich machten, und
die Zölle abzuschaffen, die nur nomineller Natur waren. Die
meisten der neuen Veränderungen werden wohl darauf hinaus-
gehen. Ist die Herabsetzung im ganzen also
wohl der Mühe wert gewesen?

Zweifelsohne werden die Folgen des Tarifs für die Industrie
und die Preisentwicklung von beiden Seiten übertrieben. Solche
Übertreibungen sind aber unausbleiblich, da der Tarif das Er-
gebnis der Wahlen gewesen ist. Augenscheinlich läßt sich aber
auch ein Tarif nicht von der Parteipolitik loslösen. Auch in Eng-
land, Deutschland und Frankreich hat er durch parteipolitische
Interessen sein Gepräge erhalten und auch in diesen Ländern
werden die „industriellen Wirkungen“ des Zollschutzes beständig
übertrieben. In unserem eigenen Lande sind die Hauptkanäle
von Industrie und Handel durch das Tarifsystem nicht wesent-
lich abgelenkt worden. Der Stamm des amerikanischen Qe-
werbefleißes würde in gleicher Weise, selbst bei völligem Frei-
handel, bestehen können. Die Änderungen des jetzigen Tarifs
werden nur in einem kleinen Bruchteil des ganzen Industrie-
gebietes Änderungen hervorrufen, und aus demselben Grunde
werden auch die Preise nur verhältnismäßig wenig sinken. Die
Hoffnung, daß sich die Kosten des Lebensunterhaltes wesentlich
verringern werden, wird stark enttäuscht werden.

Aber trotzdem waren die Herabsetzungen der Mühe wert,
nicht allein diejenigen, die eine tatsächliche, sondern auch die,
die nur eine nominelle Wirkung haben. Es lohnte sich schon
deswegen, um dem Aberglauben ein Ende zu machen, daß alles
Hedeihen nur der Aufrechterhaltung eines strengen Schutzzoll-
tarifs zuzuschreiben ist. Dieser Aberglaube wurde schon durch
die Krise von 1907 und die darauf folgende Depression erschüttert.
Aber es sind in der Öffentlichkeit so viele alarmierende Prophe-
zeiungen in die Welt gesetzt worden über ein allgemeines Un-
glück, und über den Ruin aller Fabrikationsunternehmungen, daß
cs wohl angebracht war, zu beweisen, daß der industrielle Orga-
nismus wohl imstande ist, auch diese Zustände zu überstehen.
Es ist eigentlich seltsam, daß diese Ansichten eine so weittragende
Wirkung haben konnten. Nicht allein Leute, die keine Erfahrung
in größeren geschäftlichen Dingen haben, sondern auch eine er-
        <pb n="33" />
        ﻿Qi

•— OL —

liebliche Anzahl von Geschäftsleuten in führender Stellung sind
davon beeinflußt worden. Eine nüchternere Betrachtung der Zoll-
Page wird wohl erst dann erfolgen, wenn ihre verhältnismäßige
Unwichtigkeit erwiesen worden ist, und dann wird man den
sozialen Fragen mehr Beachtung schenken, die schließlich doch
die unerbittlichen Probleme des Jahrhunderts sind.

Und doch ist es möglich, daß der alte, noch nicht ausgestor-
hene Aberglaube infolge der Ereignisse unter dem Tarif von 1913
wieder auflebt. Dies wird hauptsächlich davon abhängen, ob
unter der Verwaltung des Präsidenten Wilson „zufällig“ gute oder
schlechte Zeiten eintreten werden.

Auf diese „zufällige“ Entwicklung wird der Tarif keinen Ein-
fluß haben. Ob uns gute oder schlechte Zeiten beschieden sein
werden, hängt von ganz anderen Umständen ab. Obwohl wir
bezüglich der Ursachen, die zu dem periodischen Wechsel von
Hochkonjunktur und Depression führen, noch im Unklaren sind,
wird doch jeder ernsthafte Beobachter die Ansicht vertreten, daß
unter diesen Ursachen die Tarifgesetzgebung die unwichtigste
Rolle spielt. Der Durchschnittsmensch aber denkt anders dar-
über und fühlt auch anders. Sind in den nächsten drei oder vier
Jahren schlechte Zeiten zu verzeichnen, so werden die niedrigen
Zölle dafür verantwortlich gemacht werden, sind die Zeiten gut,
so wird man das auch wieder den niedrigen Zöllen zuschreiben.
Wie uns die Jahre von 1846 bis 1857 und wieder auch die von
]897 bis 1907 gelehrt haben, veranlaßt eine Zeit des Aufschwungs
das Volk, den derzeitig bestehenden Tarif als den richtigen und
zufriedenstellenden anzuerkennen, gleichviel ob er hoch oder
uiedrig ist. So wird es auch mit dem Tarif von 1913
sein. Deshalb werden auch diejenigen, die glauben, unser Schutz-
zollsystem sei teilweise schlecht gehandhabt worden, oder habe
sich teilweise überlebt — Zustände, die in geringem Maße auf
eine ungesunde industrielle Entwicklung, mehr jedoch auf politi-
sche Eigensüchteleien und aufbauschende Trugschlüsse zuriiek-
zuführen sind, — gute Zeiten in der nächsten Zukunft wünschen.
Her Zeitpunkt scheint nicht ungünstig zu sein. Das Land ist
uicht, wie im Jahre 1894, im Anfangsstadium einer Depressions-
Periode. Es scheint im Gegenteil, als wenn es sich in der Mitte
des gewöhnlichen Kreislaufs befände und zu einem Aufschwung
        <pb n="34" />
        ﻿bereit sei. Meiner Ansicht nach deuten alle Anzeichen auf eine
Wiederbelebung in allernächster Zeit hin; eine Wiederbelebung,
die augenscheinlich dadurch — wenigstens zeitweise — eintreten
wird, daß die Tariffrage, die doch eine gewisse Unsicherheit
hervorrief, nunmehr erledigt ist. Es würde aber übereilt
sein, wenn man allzu vertrauensselig darauf hoffen würde, daß
sich die Erfahrungen bei früheren industriellen Entwicklungs-
perioden unbedingt anwenden lassen. Es wäre auch übereilt,
vorauszusagen, daß uns dieses Jahr oder das nächste in ein
Stadium der Hochkonjunktur und des Aufschwungs hineinführen
wird. Die Ereignisse müssen abgewartet werden; und dem
Tarif von 1913 wird wohl oder übel die Verantwortung für eine
Entwicklung zugeschoben werden, auf die er im Grunde ge-
nommen gar keinen Einfluß hat.

Yerantw. Redakteur: Dr. Croner, Berlin-Grunewald, Douglasstr. 32.
Druck von Leonhard Simion Tsrf., Berlin W57.
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i „Anteilgebühren“ *) (ein großer Mißbrauch) sind
Machtbefugnisse der Zolleinnehmer sind erhöht
I Klausel, die großen Widerspruch hervorgerufen
gelegentlich die Bücher der Importeure und aus-
; 'ikanten, denen man Unehrlichkeiten zutraute, ein-
: vielem Debattieren und lebhaftem Protest von
mter Persönlichkeiten, wurde die Klausel dann so
es der Machtbefugnis des Staats-Schatzsekretärs
sollte, einen Zusatzzoll von 15% zu erheben in
Einsicht der Bücher und Belege verweigert wird,
je Fälle wird dem Schatzsekretär ähnliche Voll-
üne Art des Verfahrens, die besser ist, als wenn
sen gesetzlichen Bestimmungen Vorgehen würde.
5ant speziell für Volkswirte und solche Personen,
■ Interesse haben, den Verlauf des Außenhandels
nd die Vorschriften zur leichteren Aufstellung und
Importstatistik. Bisher hatte man begründeter-
Jngenauigkeiten befürchten können.

:j; und ganzen sind die Verwaltungsvorschriften gut
^ nwieweit sie zu Erfolgen des neuen Systems bei-
muß man abwarten. Wie schon einmal gesagt,
ohl dort keine Schwierigkeiten ergeben, wo die
rieht übersteigen. Wenn aber die Zölle, wie bei
waren, seidenen Kleidern, China-Porzellan, eine
0, 55 und 60% erreichen, ist die Versuchung zur
so groß, daß alle Strafen der Welt sie nicht be-
. Nachdem die Spezialzölle abgeschafft sind, weil
waren, ergibt sich als einzig sicherer und prak-
r, die Wertzölle auf mäßiger Stufe zu halten,
.bhandlung ist wiederholt davon gesprochen wor-
llermäßigungen des Gesetzes von 1913 ohne effek-
sein dürften. Sie dienen wohl dazu, die Zölle zu

hren sind solche Gebühren, die ein Anwalt in einem
in dem er an dem eingetriebenen Betrag beteiligt ist.
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ehren ist schlecht beleumundet und gewöhnlich verboten,
eiten ist es jetzt streng verboten.
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