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        <title>Krieg und Banken</title>
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        ﻿KRIEG UND VOLKSWIRTSCHAFT

Heft 7

Krieg und Banken

Von

Bankdirektor Dr. Weber

Berlin



BERLIN

VERLAG VON LEONHARD S1MION NF.
1915
        <pb n="2" />
        ﻿Vorwort

zu den Sonderheften: Krieg und Volkswirtschaft.

Unter dem Donner der Geschütze treten die Volkswirtschaft-
lichen Zeitfragen in ihr 37. Lebensjahr ein. Wie das deutsche
Volk seit dem Beginne des Weltkrieges auf den Gebieten des
politischen Lebens vielfach umlernen mußte, so noch mehr auf
den engeren Pfaden des Wirtschaftslebens. Viele als unumstöß-
lich geltende Grundsätze der Volkswirtschaft haben sich bereits
als Irrtüraer erwiesen, noch mehr wird dies die Zukunft nach
dem Friedensschlüsse zeigen. Es scheint daher gewagt, wenn
die Schriftleitung jetzt, wo die Dinge noch alle im Flusse sind,
unter dem Gesamttitel

„Krieg und Volkswirtschaft“

eine Reihenfolge von Aufsätzen herausgibt, die sich mit den Be-
ziehungen zwischen dem Kriege und den wichtigsten Zweigen
der Volkswirtschaft befassen. Aber diese Schriften sind auch nur
als Momentbilder gedacht. Sie sollen zeigen, welche Stellung
in dem gegenwärtigen Augenblick, mitten im Kriege, die einzelnen
Zweige der Volkswirtschaft eingenommen haben. Darüber
hinaus aber werden sie beweisen, daß, ebenso wenig wie Handel
und Wandel in Deutschland während des Krieges auch nur eine
kurze Zeit zum Stillstand gekommen sind, auch die Wissenschaft
ihre Pflicht, die Ereignisse — unbekümmert um Krieg oder
Frieden — zu beobachten, vernachlässigt hat.
        <pb n="3" />
        ﻿\Y/enn wir heute, nachdem zehn Monate seit Ausbruch des
* * Weltkrieges ins Land gegangen sind, unsern Blick in die
Julitage des vorigen Jahres zurücklenken, so haben wir freimütig
zuzugeben, daß auf allen wirtschaftlichen Gebieten die Entwick-
lung der Dinge einen vielfach anderen Verlauf genommen hat,
als angenommen wurde. Manche Befürchtungen sind durch die
Tatsachen beseitigt. Dazu haben in erster Linie die Erfolge
unserer Heere und das Hinübertragen des Krieges in die Länder
unserer Feinde beigetragen. Denn hätten sich die Kämpfe
der verflossenen Kriegsperiode in wesentlich stärkerem Maße
als dies geschehen ist, in unseren Grenzen abgespielt, so wäre
eine mehr oder minder starke Erschütterung unseres Wirtschafts-
gebäudes nicht abwendbar gewesen. Es hat sich aber auch die
Grundlage unserer nationalen Gesamtwirtschaft als im Kern
gesund erwiesen. Ein Land, das wie das unserige, im höchsten
Maße dem internationalen Verkehr angeschlossen ist, hätte die
plötzliche fast vollständige Isolierung und die damit verbundene
Unterbindung des ausgedehnten Ein- und Ausfuhrhandels nicht
so leicht überwunden, wenn der Kern unseres Wirtschaftslebens
und unseres Kreditsystems angefault gewesen wäre. Schäden
besonderer Art oder von größerer Tragweite haben sich nirgends
gezeigt. Industrie und Handel haben sich überraschend schnell
den neuen Verhältnissen angepaßt, die Geldinstitute im Reiche,
von der Reichsbank bis zur kleinsten Sparkasse, Genossenschaft
oder Bank haben im großen und ganzen ihren Aufgaben gerecht
werden können. Gewiß sind hier und da Fehler gemacht worden;
wen könnte das bei der eingetretenen enormen Umwälzung aller
Verhältnisse wundernehmen. Von Ausnahmen abgesehen, haben
aber die deutschen Banken ununterbrochen
        <pb n="4" />
        ﻿6

weiter gearbeitet, und wie wir heute wissen, ihre Ver-
pflichtungen voll erfüllen können. Es kam ihnen zustatten, daß
der Krieg in einer Zeit begann, in welcher Deutschland im
Zeichen einer niedergehenden Konjunktur stand. Bereits seit
dem Jahre 1912 war auf den verschiedensten Gebieten unseres
Wirtschaftslebens eine stärkere Einschränkung eingetreten. Die
Banken waren dadurch in die Lage versetzt worden, eine größere
Liquidität zu zeigen, als in den Tagen hochgehender Konjunktur.
Die Zunahme des Qüterexportes im Jahre 1913 und im ersten
Semester 1914 war unserer Zahlungsbilanz zustatten gekommen
und hatte nicht unerhebliche Barbeträge ins Land geführt, die
den Banken zuflossen, ohne von diesen im Inlande in vollem Um-
fange nutzbringend angelegt werden zu können.

Die vom Ausland seitens der deutschen Bankwelt herein-
genommenen befristeten Gelder hatte diese zurückgezählt und
darüber hinaus ihrerseits nicht geringe Beträge hinausleihen
können, so daß bei Kriegsausbruch ■— im Gegensatz zu früheren
Jahren — die deutschen Großbanken fast ausschließlich Geld-
geber gegenüber dem Auslande waren.

Wenn auch diese Summen heute, soweit sie im feindlichen
Auslande, besonders also in Rußland, angelegt sind, der deut-
schen Qeldwirtschaft fehlen, so fällt dieser Umstand nicht so
stark ins Gewicht, da auf der anderen Seite naturgemäß viele
fällige Forderungen unserer Feinde an unsere Importindustrie
und den Einfuhrhandel nicht befriedigt werden können und dürfen.
Alles in allem betrachtet, war die Lage, in welcher sich die Bank-
welt und insbesondere die leitenden Institute befanden, nicht
ungünstig und im Vergleich zu derjenigen der großen Häuser in
Frankreich und Rußland außerordentlich kräftig. Auch die führen-
den englischen Banken haben in dieser kritischen Zeit
ihrer Nationalwirtschaft keine bessere Stütze sein können, als die
unsrigen. Wenn das englische Banksystem vielen deutschen
Wirtschaftpolitikern gegenüber dem unserigen als das bessere
erschienen ist, wobei auch unsererseits nicht bestritten werden
soll, daß vom rein banktechnischen Standpunkt aus die Verbindung
von Depositen- und Emissionsbank, wie sie bei uns durchweg
besteht, gewiß kritisierbar ist, so hat sich diese in unserer wirt-
schaftlichen Entwicklung begründete und aus ihr hervorgegangene
und erklärliche Konstruktion unserer Banken im Kriege als segens-
        <pb n="5" />
        ﻿reich erwiesen. Die Tatsache steht fest, daß heute alle Banken
bei uns im alten Gleise weiterlaufen und die ihnen obliegenden
Funktionen ausüben, und niemand zweifelt ernsthaft, daß dies auch
dann, wenn der Krieg noch lange dauert, der Fall sein wird. Es
ist unbestritten, daß bei uns die hervorragende kommerzielle und
industrielle Entwicklung in erster Linie auf die weitblickende
Tätigkeit der deutschen Banken zurückzuführen ist. Wäre durch
ausgiebige Kreditgewährung die deutsche Industrie nicht in den
letzten Jahrzehnten gefördert worden, hätten die Banken nicht in
jeder Weise ihre Aufgabe darin erblickt, dem gewerblichen Leben
im Reiche ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, so würde heute die
Versorgung der Heeresverwaltung mit allem Notwendigen nicht
durchführbar sein. Die bewundernswerte Intelligenz unserer
Industrie hat in staunenerregender Weise überall Mittel und Wege
gefunden, um allen Anforderungen des Heeres zu genügen; sie
hätte das aber nicht können, wenn die erforderlichen Anlagen und
Betriebe und die in ihnen erfolgte Schulung nicht vorhanden war.
Ohne die Banken wäre das alles nicht gewesen. Gewiß, die Land-
wirtschaft hat ihre Pflichten gegenüber dem Staate genau so
erfüllt, wie die anderen Kreise der Bevölkerung; ohne ihre große
Leistungsfähigkeit stände es schlecht um uns. Sie hat sich aber
in den verflossenen Jahren stets der weitgehendsten finanziellen
Unterstützung und Fürsorge seitens des Staates erfreut, während
Industrie, Handel und Gewerbe nur auf sich angewiesen waren
und daher Rückhalt an den Banken suchen mußten. Daß hier
ab und zu Fehler gemacht worden sind, wer wollte das bestreiten!
Letzten Endes aber hat die heutige schwere Zeit den Beweis
erbracht, daß im großen und ganzen der Gang der Dinge richtig
und durch die Verhältnisse gegeben war. Hinter diesen großen
Gesichtspunkt treten nunmehr viele der Einwände, die von den
verschiedensten Seiten gegen unser Bankwesen erhoben wurden,
zurück. Der Vergleich des deutschen Banksystems mit dem-
jenigen Englands fällt nicht zugunsten des letzteren aus; besonders
in den ersten Tagen nach Kriegsausbruch hat in England die
Kreditwirtschaft mindestens nicht besser gearbeitet als bei uns;
der Diskontsatz der Bank von England war weit höher als unser
Reichsbanksatz, und durchgreifende gesetzgeberische Maßnahmen
waren in England notwendig, um den Banken behilflich zu sein.
Mit Recht schreibt Bernhard im „Plutus“ (1914 S. 610), daß der
        <pb n="6" />
        ﻿8

Fall der Kreditgewährung größeren Umfanges für industrielle
Zwecke in England ein Ausnahmefall sei:

„Infolgedessen ist das ganze englische Banksystem — nicht nur das
der Bank von England, sondern auch die Privatbanken — nicht darauf
eingerichtet. Wenn plötzlich eine größere Zahl von Unternehmungen
solchen Kredit beansprucht, ist er nicht da.“

Diesem richtig dargestellten Zustande gegenüber ist das Bild
bei uns ein anderes. Unsere Industrie und der Handel haben in
den ersten Wochen mangels Absatzes auch gestockt; ebenso
haben die Banken bei Kriegsbeginn Krediterhöhungen nicht vor-
genommen, ohne aber Kredite zu kündigen. Als aber die Heeres-
verwaltung bei der nie vorausgeahnten ungeheuren Ausdehnung
aller Bedürfnisse, bedingt durch die starke Einberufung der Sol-
daten und den Kampf an drei Fronten, an den Markt die notwen-
digen Anforderungen stellte, hat weder der erforderliche Bank-
kredit gefehlt noch die Industrie versagt. In der Bankequetekom-
mission der Jahre 1908/1909 nahm die Erörterung der Frage der
Umgestaltung des Depositenwesens unserer Universalbanken einen
breiten Raum ein- Das Wort „finanzielle Kriegsbereitschaft“ hat
seit Jahren im Vordergründe jeder Diskussion auf diesem Gebiete
gestanden. Man verlangte, die Banken sollten größere Barbestände
halten oder aber ihren Reservefonds in Staatspapieren anlegen;
sie sollten gehalten sein, einen gewissen Prozentsatz ihrer Depo-
sitengelder bei der Reichsbank zu hinterlegen und anderes mehr.
Vieles von dem, was von Fachleuten, Sachverständigen und
Schriftstellern hierüber gesagt und geschrieben worden ist, ist über
den Haufen geworfen- Es hat sich bei uns in Deutschland
gezeigt, daß, wie bereits betont wurde, auch das Kreditwesen
besser gearbeitet hat als in den uns feindlichen Ländern. Indessen
bleibt es selbst in dem jetzigen Stadium, in dem man naturgemäß
irgendein abschließendes Urteil nicht abgeben kann, sehr inter-
essant, diese Frage der Liquidität der deutschen Banken, Spar-
kassen und Genossenschaften kurz zu erörtern. In einem sind auch
heute Freunde und Kritiker des deutschen Kreditwesens einig: die
Maschine hat funktioniert. Nur, warum das so gewesen ist, dar-
über ist Meinungsverschiedenheit. Speziell zwei bekannte und als
sachverständig allgemein anerkannte Männer, Georg Bernhard
und Alfred Lansburgh, urteilen heute trotz der glatten Abwicklung
der nötigen Geschäfte genau so scharf wie früher, speziell über
        <pb n="7" />
        ﻿9

die Liquidität der Banken. Beide kommen, ersterer u. a. im
„Archiv für Sozialwissenschaft“ (BdL 40 S. 43 ff.), letzterer in
seiner Zeitschrift „Die Bank“ (BdL 1914, S. 819 ff.), in Übereinstim-
mung und in unveränderter Anlehnung an ihre früheren Anschau-
ungen zu dem Resultat, daß überall da, wo das Füllhorn der
Reichsbank nicht hinreicht, Kreditnot, Zahlungsunfähigkeit, Qe-
sohäftsstockung und Arbeitslosigkeit geherrscht haben. Der
Bundesrat habe von der ihm bei Kriegsbeginn erteilten Ermächti-
gung, Notverordnungen zu erlassen, einmal über das andere Ge-
brauch machen müssen, um zu verhindern, daß ganze Berufs-
zweige in Vermögensverfall geraten. Grundsätzlich stehen sich in
diesem wie ja auch in vielen anderen Punkten die Meinungen dia-
metral gegenüber, weil jene beiden Vertreter „staatssozialistischer“
— wenn man so sagen darf — Anschauungen den privat-
wirtschaftlichen Charakter der Bank absolut hintanstellen oder gar
nicht gelten lassen wollen. „Die deutschen Banken“, heißt es an
einer anderen Stelle („Plutus“ 1914, S. 614), „hätten genau so ver-
sagt, wie die Banken der ganzen Welt, wenn unsere Reichsbank
das gleiche Fiasko wie die übrigen Zentralnotenbanken gemacht
hätte.“

„Die praktische Konsequenz davon wird wahrscheinlich sein, daß
nach dem Friedensschluß die Verhandlungen über die Erhöhung der Bar-
einlagen der Banken bei der Reichsbank in etwas schnellerem Tempo
vor sich gehen werden als bisher.“

Die Aufgaben der deutschen Reichsbank im modernen Wirt-
schaftsleben werden seitens jener Herren gerade für kritische
Zeiten anders aufgefaßt, als dies seitens der Reichsbankleitung
selbst bei Ausbruch des Krieges geschehen ist und u. E. auch zu
geschehen hat. Wenn die Privatbanken in Friedenszeiten in dem
Umfange, wie es erforderlich wäre, um allen bei Kriegsausbruch
an sie herantretenden Anforderungen genügen zu können, sich auf
schwere kritische Zeiten oder auf einen Krieg einriohten würden,
wäre das bei der in den letzten beiden Jahrzehnten gewesenen und
nach dem Friedensabschluß hoffentlich wieder einsetzenden wirt-
schaftlichen Entwicklung im Reiche hemmend und schaden-.
bringend gewesen. So starke Barvorräte zu halten, wie sie nötig
sind, um in solchen Tagen höchster Erregung allen Anforderungen
ohne Zuhilfenahme des Reservoirs der Reichsbank zu willfahren,
        <pb n="8" />
        ﻿10

ist unmöglich und auch nicht erforderlich. Denn in derartigen
Tagen ist die Notenbank dazu da, helfend einzugreifen, da alles
nach öffentlichem Oelde ruft und die Reichsbank letzten Endes
die einzige Quelle ist, aus welcher dieses geschöpft werden kann.
Daß eine solche Belastung der Reichsbank eine nur vorüber-
gehende sein darf, und im vorliegenden Falle auch nur gewesen
ist, ist sicher, daß sie aber erfolgen muß und erfolgen darf, ohne
dem Zweck einer Notenbank zuwilder zu laufen, ist auch klar.
In diesem Sinne ist die Reichsbank dann auch vorgegangen; hätte
sie anders gehandelt, würde sie, abgesehen von schweren Nach-
teilen, die dann sicher eingetreten wären, ihrer Zweckbestimmung
nicht entsprochen haben. Im übrigen sind die Notenbanken in den
Staaten England, Frankreich und Rußland genau so vorgegangen,
wie dies bei uns geschah. Daß sie dabei nicht so erfolgreich sein
konnten, wie dies die deutsche Zentralnotenbank war, hat in den
anderen kriegführenden Staaten verschiedene Gründe. Bei uns
hat die von Havenstein verfolgte weitsichtige und dabei liberale
Reichsbankpolitik unverrückbar die beiden großen Ziele verfolgt»
dem Reiche die für die Kriegsführung notwendigen Mittel zu ver-
schaffen und daneben in ausgedehnterem Maße den Einzelwirt-
schaften zur Verfügung zu stehen. In der Geschichte dieses Krie-
ges wird neben den großen Heerführern als einer der klügsten
und in seinem Wirken erfolgreichsten Köpfe Havenstein genannt
werden müssen, dem das sichere Weiterarbeiten unserer Wirt-
schaftsmaschine mit zu verdanken ist. Er hat die Mission einer
Zentralnotenbank richtig erkannt und durchgeführt und die Ent-
wicklung der Ziffern unserer Reichsbank bestätigt sein ziel-
bewußtes Arbeiten.

Ihr Status zeigte im Vergleiche mit früheren Ziffern Ende
März 1915 folgendes Bild:

Aktiva (in 1000 Mk.)	31. März 1915	gegen 23. 1915		März	31. März 1914	gegen 23. März 1914
Metallbestand		. 2 377 690	+	2	694	1 579 445	— 73 851
davon Gold		2 337 528	+	7	640	1 259 980	— 62101
Kassenscheine		563 427	|	388	002	58 896	— 21 358
Noten anderer Banken	18 642	+	6	695	10164	— 29 714
Wechsel und Schecks . .	6 859 900	+	1 984	468	1 361 818	+ 497 255
Lombardforderungen . .	16 742	—	19	038	84 168	+ 21 594
Effekten		16 870	—	9	721	292 376	+ 92122
Sonstige Aktiva		226 689	—	59	479	220 486	— 45 983
        <pb n="9" />
        ﻿11

Passiva (in 1000 Mk.)	31. März 1915	gegen 23. März 1915		31. März 1914	gegen 23. März 1914
Grundkapital		180 000		unv.	180 000	unv.
Reservefonds		80 550	+	6 071	74 479	unv.
Notenumlauf		5 624 026	+	679 959	2 427 670	+ 642 628
Sonstige täglich fällige Verbindlichkeiten . . .	4 036 988	+	165 668	890 487	— 203 997
Sonstige Passiva ....	158 396	—	49 067	34 717	+	1 434
Gesamter Status		—		282 568	. 		767 551

Die Notendeckung durch Metall und Reichs-
und Darlehnskassenscheine stellt sich in Prozenten
ausgedrückt je am 31. März wie folgt:

1912	1913	1914	1915

56,62	52,65	67,48	52,30

Die Beanspruchung der deutschen Reichsbank in den ver-
schiedenen Monaten seit Ausbruch des Krieges geht aus folgen-
den Ziffern hervor:

Zu- oder Abnahme (in 1000 Mk.)	Metallbestand		Goldbestand		Kassenscheine		Noten anderer Banken	
23.-31. Juli 1914 . .	+	163 372	—	103 658	—	32 036	—	28 593
1.—31. August 1914	+	78 896	+	303 300	+ 149 716		—	2 171
1.—30. Sept. 1914. .	+	130 523	+	159 572	+ 153 316		—	1 995
1—31. Oktob. 1914.	+	152 899	i  "T	142 243	+ 533 355		i	3 236
1— 30. Nov. 1914. .	+	145 232	+	132 940	—	126 425	—	1 307
1.—31. Dez. 1914 . .	+	94100	+	101 557	_i_  i	131 595	—	3 964
1.—31. Januar 1915 .	+	84 305	+	70 942	—	609 515	—	201
1.—28. Februar 1915	4	100274	+	106 879	—	49 465	I	1 083
1—31. März 1915 .	+	63 435	+	66 896	+ 428 597		+	14 004
	Wechsel			Lombard		Effekten	Sonst. Aktiva	
23.—31. Juli 1914 . .	+ 1 330 183		+	151 990	+	65 784	+	17 671
1.—31. August 1914	+ 2 668 992		—	97 261	—	233 277	—	6 583
1.—30. Sept. 1914 . .	+	5 703	—	74 348	—	57 420	+	17 032
1.—31. Okt. 1914 . .	—	1 982 227	+	5 011	—	67 476	—	4152
1.—30. Nov. 1914 . .	+	158 821	+	232	—	10 018	—	12 649
1.—31. Dez. 1914 . .	+ 1 004 204		—	12 594	+	5 560	+	3 286
I.—31. Januar 1915 .	—	152 622	+	19 497	—	18213	—	4 826
1.—28. Februar 1915	+	310 678	+	982	+	2 738	—	27 912
1.—31. März 1915 .	+ 2 765 256		—	26 607	—	79 245	—	163 372
	Noten-Umlauf		Giro-Guthaben		Sonst. Passiva		Gesamtstatus	
23.—31. Juli 1914 . .	+ 1 018 527		+	314 502	+	8 598	—	1 242 528
1.—31. August 1914	+	1 325 451	-f- 1 182 871		4-	49 990	—	1 099 010
1.—30. Sept. 1914. .	+	256 020	—	90 619	+	7 410		25 824
1.—31. Okt. 1914 . .	—	320 106	—	1 045 223	+	5 975	+ 1 009 596	
1.—30. Nov. 1914 . .	+	34 576	+	91 948	+	27 362	—	17 076
1.—31. Dez. 1914 . .	+	840 536	+	359 464	+	21 827	—	618 805
1.—31. Januar 1915 .	+	387 311	—	304 295	+	10 031	—	138100
1.-28. Februar 1915	+	204116	+	128 915	+	5 347	—	152 224
1.—31. März 1915. .	+	761 322	+ 2 455 461		+	80 026	—	340 834
        <pb n="10" />
        ﻿12

Die Ziffern zeigen eine ständige Zunahme des
Metallbestandes nur aus den im Lande befindlichen Einzel-
beständen heraus, die selbst am 31. März 1915, trotz Quartals-
termines, noch in die Reichsbank geflossen sind. Dieser Qold-
zufluß hat der Reichsbank die Mitwirkung bei der Finanzierung
des Krieges wesentlich erleichtert und daneben die Möglichkeit
geboten, der Privatwirtschaft ihre volle Unterstützung zu leihen.
Daß dieses geschehen ist und geschehen konnte, ist sehr ver-
dienstvoll. Soweit die Beziehungen der deutschen Banken und
Bankiers zur Reichsbank in Frage kamen, ist die letztere den erste-
ren weitgehend entgegengekommen. Sie konnte und mußte es
aber auch tun, da ihr nicht unbekannt war, daß das Funda-
ment der deutschen Banken und Bankiers fest-
gefügtundgesundwar, und es ist nicht bekannt geworden,
daß die bei Kriegsbeginn einsetzende starke Inanspruchnahme der
Reichsbank seitens der Banken durch Diskontierung von Wech-
seln sowie von Ziehungen eines Teiles der Debitoren auf die
Banken, durch welche diese vorübergehend ihre Liquidität ver-
stärkten, der Reichsbank Verluste gebracht hätte.

Darum ist es auch falsch, den Banken jede Mitwirkung bei
der Aufrechterhaltung der deutschen Wirtschaft abzusprechen.
Die Reichsbank brauchte nicht, wie dies in Frankreich in ein-
schneidenden Fällen nötig war, Bankinstitute zu stützen. Der
Verlauf der finanziellen Mobilisierung wäre bei uns auch kaum
ein anderer gewesen, wenn die Banken noch größere Barbestände
oder Guthaben bei der Reichsbank gehabt hätten als sie tatsächlich
bei Kriegsausbruch hatten. Es ist doch ohne weiteres klar, daß,
wenn die deutsche Bankwelt an Stelle ihres großen Wechselporte-
feuilles größere Bargeldbestände ansammelte, die legitimen im
Wechsel verkehr zum Ausdruck kommenden Ansprüche des Han-
dels und der Industrie an dem Geldmarkt an irgendeiner anderen
Stelle ihre Unterkunft suchen und finden müßten. Wahrscheinlich
wäre, wenn anders man der geschäftlichen Entwicklung keine
schädlichen Hemmungen bereiten wollte, die Reichsbank die
direkte Zuflucht für jene legitimen Wechselankäufe geworden.
Dadurch wäre zwar auf der einen Seite ein größerer Bestand an
Bankkreditoren bei der Reichsbank, auf der anderen Seite aber
auch eine stärkere Belastung ihres Wechselportefeuilles erzielt
worden, und nichts wäre gebessert gewesen:, bei Kriegsausbruch
        <pb n="11" />
        ﻿13

hätten die Banken ihre Guthaben bei der Notenbank abgezogen
und der Status der Reichsbank wäre nicht liquider gewesen. Man
hat nicht die Möglichkeit, wenn man eben, wie betont, die glän-
zende Entwicklung unseres Wirtschaftslebens nicht zu sehr stören
oder auf Jahre unterbinden will, den privatwirtschaftlichen Cha-
rakter unserer Banken zu sehr zu verwischen. Soweit sie den
Staat, das ist die Reichsbank, zu unterstützen und zu kräftigen
haben, soll das gewiß geschehen; es kann auch vielleicht in
manchen Fällen auf eine kurzfristigere Anlage der fremden Gelder
hingearbeitet werden, obwohl auch in dieser Beziehung die An-
nahmen mancher Kritiker übertrieben sind. Im übrigen ist es die
Hauptaufgabe der leitenden Banken, soweit sie die ihnen anver-
trauten Gelder anzulegen haben, hierbei vorsichtig und mit Umsicht
zu verfahren, und zwar so, daß die Aktiven im wesentlichen jeder-
zeit liquide zu machen sind. Wie hätten sich die Herren, welche
nicht in der Praxis stehen, den Gang der Dinge denn bei Kriegs-
ausbruch gedacht? Glaubt jemand, daß es möglich gewesen wäre,
in den ersten Wochen der Erregung auch nur den geringeren Teil
der Aktiven anders als mit Hilfe der Notenbank zu realisieren?
Die Börsen waren geschlossen, Wertpapiere also nicht zu ver-
kaufen, ausländische Guthaben nicht realisierbar, soweit sie in den
bekanntermaßen nicht geringen Beträgen in Rußland und den
anderen Staaten, oder aber auch in Österreich-Ungarn, Italien und
den Balkanstaaten angelegt waren. Die Kassebestände bei den
Banken reichten nicht entfernt aus, um allen in der ersten Angst
gestellten Ansprüchen zu genügen. Um das zu können, hätten
sie eine Höhe haben müssen, die nicht allein irrationell im Hinblick
auf die Erwerbstätigkeit der Banken, sondern auch mit Rücksicht
auf die Allg'emeinwirtschaft gewesen wäre. Und bei Beginn des
Krieges Debitoren kündigen? Bernhard sagt an irgendeiner Stelle
mit Recht:

„Wer die Aufgabe hat, die Wirtschaft mit Kredit zu versorgen, darf
in dem Moment nicht stoppen, in dem Kredit gerade am nötigsten ist.“

Größere Kassenbestände oder Guthaben bei der Reichsbank
sind kein Allheilmittel. Vorsichtige, aber auch weitsichtige Kredit-
gewährung und gute Aktiven jeder Art sind das beste Schutzmittel
auch für Kriegszeiten. Übt diesem System gegenüber die
Reichsbank die ihr zugewiesenen Funktionen richtig aus, so wird
eine Stockung vermieden, wie sie in dem so oft und so viel ge-
        <pb n="12" />
        ﻿14

priesenen England eintrat. Die alte volkswirtschaftliche Theorie,
daß das dem unseren gegenüber weit eingeschränktere Kredit-
system in England den deutschen Wirtschaftsregeln unbedingt
vorzuziehen sei, ist nunmehr wohl überholt. Die Reiohsbank allein
hätte uns nicht halten können; das wäre ihr wohl vorübergehend
gelungen; nach wenigen Monaten würde sich aber gezeigt haben,
wenn das Kreditsystem und vor allem die deutschen Banken nicht
bis in den Kern gesund gewesen wären, daß selbst die Notenbank
durch weitsichtiges Entgegenkommen eine Fäulnis bei uns nicht
hätte beseitigen können. Dann wäre es mit den Erfolgen unserer
Kriegsanleihen nichts gewesen und eine schwere Zeit wäre über
uns hereingebrochen. Nach dem Kriege wird über die Frage noch
manches Wort gewechselt werden. Heute nur die eine Fest-
stellung: es ist bei uns, wie allseitig anerkannt wird, besser
gegangen als in anderen Staaten. Das ist das Verdienst der
Reichsbankleitung, aber auch der übrigen Faktoren, die am Wirt-
schaftsleben Deutschlands beteiligt sind.

Neben die Banken traten bei Kriegsausbruch dieDarlehens-
k a s s e n als staatliche Einrichtung. Abhängig von der Reichs-
bank und bestimmt, das Kreditbedürfnis von Handel und Ge-
werbe zu befriedigen und der Qeldzirkulation neue Mittel zuzu-
führen, haben sie im Anfang des zweiten Semesters des ver-
flossenen Jahres von Anbeginn an ihre Tätigkeit in vollem
Umfange aufnehmen können und wesentliche Dienste geleistet.
Die Darlehenskassen beleihen nicht allein Wertpapiere nach
bestimmten Grundsätzen, sondern auch Waren, und sind dadurch
ein wirksames Zwischenglied in unserer Kreditorganisation ge-
worden. In welchem Umfange dieselben vom Publikum in An-
spruch genommen sind, ergeben die folgenden Ziffern. Die Höhe
der erteilten Darlehen stellte sich:

am 30. September 1914 auf
am 31. Oktober 1914 auf.
am 30. November 1914 auf
am 31. Dezember 1914 auf
am 31. Januar 1915 auf .
am 27. Februar 1915 auf.
am 31. März 1915 auf . .
am 23. April 1915 auf . .
am 31. Mai 1915 auf . .

.	477,8 Millionen Mark,

. 1 110,9 Millionen Mark,
. 1 062,5 Millionen Mark,
. 1 317,2 Millionen Mark,
.	745 Millionen Mark,

.	758,7 Millionen Mark,

. 1 185,1 Millionen Mark,
. 1 423,9 Millionen Mark,
. 1 134 Millionen Mark.
        <pb n="13" />
        ﻿i • rvw.v.

— 15 —

Außer den Darlehenskassen sind in manchen Orten des
Reiches noch auf privater Hilfe beruhende Krieg skredit-
b a n_k_ejiins Leben gerufen, die aber sehr wenig von dem kredit-
suchenden Publikum beansprucht wurden und daher bei unserer
Betrachtung ohne Erörterung bleiben können.

Bei der Frage, welche Einwirkung der Krieg auf die Ge-
schäfte der deutschen Banken ausgeübt hat, müssen
wir vorausschicken, daß naturgemäß unter der Einwirkung der
kriegerischen Verwicklung, bei der Unterbindung eines großen
Teiles des internationalen Verkehrs, bei dem fast völligen Auf-
hören der Ausfuhr und dem starken Rückgang der Einfuhr nach
Deutschland eine völlige Verschiebung in der Tätigkeit der Ban-
ken eintrat. Zunächst wurden im Anschluß an die Schließung
ausländischer Börsen die deutschen Börsen geschlos-
sen. Damit hörte vom August des vorigen Jahres ab die Arbeit
auf diesem Gebiete für die Banken auf. Den großen Nachteilen,
welche der Schluß der Börsen für Publikum und für Banken
mit sich gebracht hat, steht auf der anderen Seite das wichtige
Moment gegenüber, daß flüssige Kapitalien für die nötige Geld-
beschaffung des Reiches zur Verfügung bleiben. Die glänzenden
Resultate der Kriegsanleihe, die im wesentlichen auf die Mit-
wirkung der deutschen Bankwelt zurückzuführen sind, legen
Zeugnis hierfür ab.

lq]y

ln jüngster Zeit haben sich nun Bestrebungen geltend gemacht,
dem Börsenverkehr größere Ausdehnung zu geben, obwohl die
Börse offiziell geschlossen ist. Bisher hat der Verkehr an dieser
inoffiziellen Berliner Börse sich fast lediglich zwischen den Privat-
bankiers abgespielt, da die Banken sich von dem Handel bis auf
verschwindende Ausnahmen (Kriegsanleihe usw.) fernhielten.
Während in den ersten Monaten seit Kriegsausbruch der Verkehr
ganz ruhte, hat sich allmählich doch ein lebhafterer Umsatz
gezeigt. Das Interesse des Publikums hat sich zunächst und
naturgemäß Unternehmungen zugewandt, die direkt oder indirekt
aus Lieferungen für das Heer Nutzen ziehen konnten: Waffen-
und Munitionsfabriken, Lederindustrie, Elektrizitätswerke usw.
Eine kleine Zusammenstellung derjenigen Wertpapiere, welche
im Vordergründe des Interesses der Börse gestanden haben, läßt
gleichzeitig erkennen, welche Art Bedürfnisse die Heeresverwal-
        <pb n="14" />
        ﻿16

tung an die Industrie gestellt hat. Daneben werden selbstver-
ständlich und in allererster Linie deutsche Anleihen bevorzugt,
auch Bank- und Schiffahrtsaktien sind mehr oder weniger ge-
handelt worden.

Bei Anleihen handelt es sich im wesentlichen um;

Kriegsanleihe,

Deutsche Reichsanleihe,

bei Bankaktien um:
Deutsche Bank-Aktien,

bei Schiffahrtsaktien um:
Hamburg-Amerika-Paketfahrt-
Aktien,

Norddeutscher Lloyd-Aktien,

bei Industrie-Aktien um:
Accumulatorenfabrik- Aktien,
Bergmann-Elektrizitäts-Aktien,
Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft-
Aktien,

Siemens &amp; Halske-Aktien,

Berliner Anilin-Aktien,

Badische Anilin-Aktien,

Höchster Farbwerke-Aktien,
Elberfelder Farbwerke Aktien,
Deutsche Erdöl-Aktien.
Steaua-Romana-Aktien,

Mix &amp; Genest-Aktien

Adler &amp; Oppenheimer Leder-Aktien,

Gustav Oenschow &amp; Co. Aktien,

Gothaer Waggon-Aktien,

Busch-Waggon-Aktien,

Adler-Fahrradwerke-Aktien,

Daimler-Motoren-Aktien,

R. Frister-Aktien,

Horch-Motoren-Aktien,

Preuß. Cons. Anleihe

| Disconto-Commandit-Anteile

Hansa-Dampfschiffahrts-Aktien,
Hamburg - Südamerikan. Dampf-
schiffahrts-Aktien,

Bismarckhütte-Aktien,
Deutsch-Luxemburg Bergbau-
Aktien,

Laurahütte-Aktien,

Oelsenkirchen Bergbau-Aktien,
Phönix-Bergbau-Aktien,

Oberschles. Eisenindustrie (Caro)-
Aktien,

Deutsche Waffen-Aktien,

Dy na m it-Trust-Aktien,

Rhein. Metallwaren-Aktien,
Rheinische Sprengstoff-Aktien,

Ver. Cöln-Rottweder Pulverfabriken-
Aktien,

Hirsch-Kupfer-Aktien,

Hackethal-Draht-Aktien,

Deutsche Wolle-Aktien,
Norddeutsche Wolle-Aktien,
Stettiner Vulkan-Aktien,

Bremer Vulcan-Aktien.

Die Kurse haben bei einigen Unternehmungen stark steigende
Tendenz gezeigt, ein Beweis auch für das große und unerschütter-
liche Vertrauen im Lande auf einen glücklichen Ausgang des
Krieges. Die große Zahl der in Frage kommenden Papiere legte es
den Banken nahe, wiederholt ihre Stellungnahme gegenüber dem
Börsenhandel in Erwägung zu ziehen. Es stellten sich im Ver-
        <pb n="15" />
        ﻿17

kehr Unbequemlichkeiten heraus; das Publikum war jederzeit
in der Lage, durch Privatbankiers Wertpapiere zu kaufen oder
zu verkaufen, und die Kunden der großen Aktienbanken konnten
durch diese über ihr Depot nicht verfügen. Daß dies zu Un-
gelegenheiten führen mußte und vielfach geführt hat, liegt auf der
Hand. Das Leitmotiv der Aktienbanken aber dafür, sich am
Börsengeschäft zu beteiligen, lag weniger in dem durch diesen
Börsenhandel ihnen entgehenden Gewinn; denn der ist bei dem
doch immerhin beschränkten Umsätze nur klein. Viel wichtiger
war der Umstand, daß der Markt an der Börse durch die Nicht-
beteiligung der Aktienbanken sehr beschränkt war und daß bei
diesem geringeren Markte unnatürliche Kursbewegungen nicht
vermieden werden konnten. Selbst kleines Angebot oder geringe
Nachfrage haben starke Rückgänge oder Steigerungen in einzel-
nen Wertpapieren hervorgerufen, obwohl irgend welche ander-
weiten Gründe für solche Schwankungen nicht Vorlagen. Es
fehlte also auch hinsichtlich ihrer eigenen Kundschaft den großen
Banken die Möglichkeit der Kurskontrolle, da ja bei dem Fehlen
jeder Börsenusance und eines Kurszettels jede Kontrolle un-
möglich war. Wenn die Banken sich späterhin an dem Geschäft
an der Börse wieder beteiligen werden, tritt tatsächlich eine Er-
weiterung des Verkehrs ein, und wenn die großen Banken, wie es
den Anschein hat, dahin Übereinkommen, auf Grund gemeinschaft-
licher, die einzelnen Mitglieder der Berliner Stempelvereinigung
bindender Abmachungen zwar als Eigenhändler an der Börse
aufzutreten, den Eigennützen aber nur in ganz minimalen Provi-
sionszuschlägen zu erblicken, so hat damit das Publikum auch die
Gewißheit, daß hiergegen seitens irgendeines Mitgliedes der
Stempelvereinigung nicht verstoßen wird. Die Banken sind aber
durch die Teilnahme an Geschäften in der Lage, starken un-
berechtigten Schwankungen wirksam entgegenzutreten und da-
durch das Publikum, und zwar nicht allein die eigene Kundschaft
der Banken, vor Schäden zu bewahren. Wenn man also den
inoffiziellen Verkehr an der Börse auch weiterhin zulassen will
und zuläßt, so wird die Beteiligung der Banken jedenfalls nur
vorteilhaft wirken. Derselben Ansicht ist auch „Die Bank“ auf
Seite 94 ihres Maiheftes, die behauptet (was im übrigen ja nicht
richtig zu sein braucht), daß während der Zeit des bankenlosen
Börsenverkehrs „ganz schmählich übervorteilt, oft geradezu aus-

Weber, Krieg und Banken.	2
        <pb n="16" />
        ﻿18

geraubt worden sei, daß die Banken aber sich den Vorteil des
kontrollelosen Verkehrs nicht in diesem krassen Maße zunutze
machen werden“. So wünschenswert nun die Beteiligung der
Großbanken im inoffiziellen Börsenhandel sein mag, so fragt sich
dennoch, ob man ihn beibehalten will. Nach unserer unmaßgeb-
lichen Meinung ist der Zustand ungesund. Entweder schließt man
die Börse, oder man öffnet sie. Ein Zwitterzustand, wie der seit
Monaten bestehende Verkehr ihn darstellt, ist und bleibt stärkster
Kritik unterworfen. Gegen die volle Öffnung der Börse bestehen
noch die alten Bedenken, die nicht zu unterschätzen sind und
die bei einem so empfindlichen Instrument, wie es eben die Börse
ist, in derartig kritischen Zeiten, wie wir sie heute haben, doppelt
zu beachten sind. Auch die Gründe, die für den inoffiziellen
Verkehr sprechen, sind gewiß beachtlich; es wird u. a. auch
vielen ehrenwerten Existenzen dadurch die Möglichkeit eines
Verdienstes geschaffen. Rein objektiv aber vom staatlichen
und auch vom geschäftlichen Standpunkt aus betrachtet, kann
mari sich dem Gedanken nicht verschließen, daß dieser inoffizielle
Verkehr an der Berliner Börse tiefere Schäden mit sich bringt
und gegen die Börse einejjroße Animosität in weiten Kreisen
wachgerufen hat. Wer mit seiner ganzen Überzeugung für eine
Befreiung der Börse von lästigen Fesseln eintritt, wer der Mei-
nung ist, daß sie ein unbedingt notwendiges Bindeglied in unserem
gewaltigen Wirtschaftsgebäude darstellt, der muß auch den Mut
besitzen und feststellen, daß das inoffizielle Verfahren, wie es
geübt wird, unrichtig, schädlich und dazu verführerisch für nicht
ganz gefestigte Elemente wirkt. Das große politische Staats-
interesse verlangt heute den Schluß der Börse, und es gibt viele
ernsthafte Männer, auch in den am Börsenhandel interessierten
Kreisen, die der Meinung sind, daß die Schäden, welche der in-
offizielle Verkehr mit sich bringt, für die Zeit nach Beendigung
des Krieges bei weitem den Nutzen überwiegen werden, welchen
er den beteiligten handelnden Firmen bringt. Der durchaus legi-
time Verkehr in Devisen und Sorten und der Handel in Wechseln
oder Reichsschatzschcincn und Kriegsanleihen brauchte deshalb
nicht ausgeschlossen zu sein und könnte nach wie vor stattfinden.
Vermieden aber werden muß, daß die vorhandenen Betriebsmittel
im, Reiche für Spekulationen festgelegt und damit den notwen-
digeren Aufgaben des Staates entzogen werden.
        <pb n="17" />
        ﻿19

Auch der Wechselverkehr hat fast vollständig auf-
gehört. Dieser große Geschäftszweig der Banken erfuhr eine
völlige Unterbindung und hat auch heute noch keine Belebung
erfahren. Vielmehr spielt sich der deutsche Geld- und Kredit-
verkehr jetzt, besonders soweit Lieferungen für den Heeres-
bedarf in Betracht kommen, im wesentlichen in der Form der
Regulierung in bar oder durch Scheck ab. Das Fehlen der Ein-
fuhr vieler Arten von Rohstoffen zwang die deutsche Industrie,
ihre Läger aufzuarbeiten, und bewirkte dadurch eine starke Qeld-
flüssigkeit, die sich naturgemäß in den Kassen der Banken zeigte.
Die großen Geldvorräte suchten im Laufe der Monate wiederum
Anlage und fanden sie in der fünfprozentigen deutschen Kriegs-
anleihe, die auch dem verwöhnten Kapitalisten neben unbedingter ,
Sicherheit ausgezeichnete Verzinsung bot. Alle diese Umstände
zeigen sich in den am 31. Dezember 1914 vorgelegten Bilanzen
der Banken. Wir geben nachstehend eine Übersicht der acht
Berliner Großbanken im Vergleich mit den Endziffern des Jahres
1913, die ein sinnfälliges Bild des kräftigen Standes unserer
führenden Bankinstitute ergeben. Wir beschränken uns auf die
Berliner Institute, um nicht zu sehr ins Detail zu gehen, zumal
auch bei der gesamten übrigen Bankwelt das Bild dem nach-
folgenden entspricht, soweit dies die erschienenen Berichte er-
erkennen lassen (Tabelle Seite 20 u. 21).

Die flüssigen Mittel haben eine große Steigerung er-
fahren. Die Kreditoren sind wesentlich angewachsen, eben-
falls allerdings auch die Debitoren^ letztere zum großen
Teil wohl deswegen, weil die Heereslieferungsgeschäfte sich bei
der langsamen Zahlweise der in Betracht kommenden Ämter in
starkem Maße der Banken als Vermittlung bedienen mußten. Das
Reinerträgnis der acht Großbanken bleibt hinter demjenigen des
Jahres 1913 nur um 20 Millionen zurück, ein Beweis dafür, daß
durchweg trotz des Krieges die Entwicklung der Banken gesund
geblieben ist. Hervorzuheben ist aus den Ziffern schließlich noch
der nicht unerhebliche Rückgang des Akzeptkontos,
der im wesentlichen darauf zurückzuführen ist, daß der in der
Form des Akzeptes in normalen Zeiten durchgeführte Rembours-
kredit im Auslandsverkehr in Wegfall gekommen ist und die
laufenden Akzepte aus früherer Zeit zur Abdeckung gelangt sind.

2*
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und zwar	^

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4k  4*	cn  cn	00	to  a&gt;	CO		cn		vO  to	s	fällig	
CO  o  VO	o  CD'	■o  CO	-4	00  Ul	oo	o  00	4k  CD	cn  to	O'  to	Accepte und Schecks	
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cn	to  vO			to  Ol		vO		-o		Sonstige Passiva	
Ul	00	vO	CO	4k	8	-o	o	s	o		
04  O  CO	o	05  O	o&gt;  2	1	CD'  CO	«D  00	to  CO  O	to  to  o	o	Reingewinn	
CD'	to	ö	o&gt;		to	o	VO	—	4»		
-0	00	CO  o  Ol		CO  o  &lt;D	Ul  CO  to	o  vO  o	-		to		
4*.  4^	vO  CO		00  Ul				c»  Ol	o  &lt;d	00  00	Bilanz-Summe	
Oi		o	s	—4	4k	00	p	cn	4k		
*"*	OO	Ul	00	w	cn	CO	00	o	CO		

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&lt;'

P

dagegen Ende 1913 . . . |	zusammen . . .	Deutsche Bank ....  Disconto-Gesellschaft . .  Dresdner Bank ....  Bank für Handel und  Industrie	  Berliner Handels-Gesell-  schaft 	  Nationalbank für Deutsch-  land 	  Commerz- und Disconto-  bank	  Mitteldeutsche Creditbank			
to  o  CD'  CO  00  4k  -4  O	282 653	148 981  36 571  45 346  17 646  11 065  7	765  8	834  6 445	Kasse, fremde Geld- sorten und Coupons		
	294 341	134 386  16132  53 581  45 844  12	697  13	587  18 114	Guthaben bei Noten- u. Abrechnungsbanken		
■■0  &lt;D  Ol  CO  o  CO	2  to	674 610  361 632  330 000  174 382  98 542  65 021  57 023  47 832	insgesamt	Wechsel	
Ul  M  CO	3588 5137	209  3379	davon  eigene Accepte		
to  re  o  VO		403  678  4096	eigene  Ziehungen		
to  4k	CO	11	1	1 M 1 1 -	Sola-Wechsel		
CO  00  o  -o  to	CO  4-  vO  00  cn	73 711  89 785  62 354  53 154  12 822  14 899  31 640  11 450	Nostroguthaben bei Banken und Bank- firmen		
794 423	741 296	254 399  109 038  95	502  96	945  62 031  40 841  66 104  16 436	Reports und Lombards gegen börsengängige Wertpapiere		
cn  o  O  cn  4k	175 325 j	101 099  9 122  22 700  18 463  nid  4 920 j  14 853  4 168	insgesamt	p	”t  3	00  CD	Q&gt;  3 3!  .Cd  l§-l  U |	
CO  Ol  o  to  to	CD«  to  -1  CO	tO	4k	2	CD	CD to 0  S —	iR	—.	0 rf&gt;  SS	8	0	k	3850	davon gedeckt durch Waren		
c	\	\	-	a.	co  A% '	% % m "ä		gedeckt durch  V andere Sicher - \	Vielten		
§  Fj  cn	1  -4	^	&amp;	£ ss ts £ ts  OJ	4k	vO	CD	&lt;D	O» O V?  CO	-O	CD	O	CO	-O CO «fk  CD	&gt;—1	CO	4k	00	vOCDO	^ insgesamt	Eigene Wertpapiere	f
j 205 729	[ 250 660	—	to	to ro 4k  4k	O	CD	tO	-O	CO	CO	tO  OO	Cn	O	tO	«O CO «-*  O	CO	03	4k	4k	&lt;D	co	p  4k	0	4k	4k	O	4k	CO	tO	davon Deutsche Reichs- und Staatsanleihen		
to  ■o  4k  cn  4k	20 050	5 489  2 287  4 650  4 533  nich  239  1344  1 1508	sonstige bei den Reichsbank be- eihbare Effekten		
105 597	co  4k  ■O	21 800  9 648  20 507  20 624  it ersieht  15 817  18 099  6 652	sonstige  börsengängige  Effekten		
27 249?	I 28 291	3 548  3 267  3	557  7 280  lieh  4	322  5	047  1270	sonstige Wert- papiere		
CO  CO  Ul  0  4k  to	336 882	54 933  60 765  63 593  40 628  53 767  33 032  22 479  7 685	Konsortial-  beteiligungen		
271 801	356 500	58 411  221 671  37 861  9 434  9 991  4 932  12 332  1 868	Dauernde Beteiligungen bei anderen Banken und Bankfirmen		
to  00  4k  to  0  CD  CO	3 219176	971 949  427 848  574 116  455 243  22 i 458  180 610  214 360  169 592	insgesamt	Debitoren	
to  CO  ^4  O  JL  Ol  cn  cn  2  to	to  4k  00  —4  vO  s  ä  to  co	754 2691  316 578  424 171  362 937  182 812  146 930  163 919  136 344	davon gedeckt		
		217 680  111 270  149 945  92 305  42 646  33 680  50 440  33 247	ungedeckt		
to  00  O'  CO  CO	4k  CO  CD  CD	43 000  21 133  31 263  18 334  8 750  5 100  7	570  8	016	Bankgebäude		
8341	14984	7000  1902  308  3309  1890  575	Sonstige Immobilien		
10 947	23 726	6 790  15 121  818  997	Sonstige Aktiva		
394 945	475 683	172 497  57 634  81 745  49	100  50	128  22 684  31 000  10 895	Aval- und Bürgschafts- debitoren  bezw. -Verpflichtungen		

Aktiva.	Aktiva.
        <pb n="19" />
        ﻿22

Die Flüssigkeit der Banken hat auch im laufenden
Jahre keine Abnahme erfahren, und selbst die gewaltigen Zeich-
nungen auf die Kriegsanleihe haben hierin eine Änderung nicht
hervorgerufen. Das Ultimogeld an der Berliner Börse stellt sich
in den letzten Monaten auf rund 4 %, Guthaben in täglicher
Scheckrechnung werden mit 2 %, in provisionspflichtiger Rech-
nung mit 2/4 % verzinst, ein Beweis dafür, daß die Banken Geld
nicht suchen. Niemand wird bestreiten, daß man noch im August
und September vorigen Jahres diese Sätze für unmöglich gehalten
haben würde; sie geben uns aber die beruhigende Gewißheit,
daß auch für weitere Bedürfnisse unseres Reiches die notwendi-
gen Mittel in vollem Umfange zur Verfügung sein werden. Im
übrigen muß auch an dieser Stelle wieder betont werden, daß,
wie in manchen anderen Fragen, so auch über diejenige der
Liquiditätsberechnung bei den Aktienbanken eine Änderung in den
Anschauungen einzutreten hat. Wenn man sich nicht dahinter
verstecken will, daß der Krieg in dem Wirtschaftsleben einer
Nation einen Ausnahmezustand darstellt, und wenn man den
Dingen, wenn auch von einem verschiedenen Standpunkte aus,
freimütig ins Auge sieht, so hat man anzuerkennen, daß man zu
den jederzeit flüssigen Mitteln einer Bank Guthaben der Banken
im Auslande nicht ohne weiteres zuzählen darf. Andererseits
werden unsere Bilanzkritiker mit Rücksicht auf die bei uns doch
sicher feststehende Tatsache, daß das Kreditgebäude, wie es
unsere Banken geschaffen haben, gesund ist, zugestehen müssen,
daß Debitoren nicht durchweg, wie das bisher geschah, als
illiquide zu bezeichnen sind. Man wird also für die Folge die
Bankbilanzen jedenfalls unter ganz anderen Gesichtspunkten
betrachten müssen, als dies bisher geschah, und wird in erster
Linie in der Qualität der Kundschaft und der übrigen Anlagen
einer Bank das bessere Kriterium für dieselbe sehen als in der
künstlich aufgemachten mehr oder minder richtigen Liquilditäts-
berechnung eines Instituts. Wechsel, Lombards, auch kursfähige
solide Wertpapiere sind selbst in Kriegszeiten in mehr oder
minder großem Umfange liquide Werte. Wir sind allerdings
überzeugt, daß hierin die Meinungen auch in Zukunft auseinander-
gehen werden, und daß, wie wir ja schon eingangs hervorgehoben
haben, letzten Endes nur Kassenbestände und Guthaben bei der
Reichsbank als liquide Werte und als sicherstes Mittel gegen
        <pb n="20" />
        ﻿



23

wirtschaftliche Erschütterungen von verschiedenster Seite be-
trachtet werden dürften. Das ist und bleibt ein Irrtum und hat
gerade bei dem Kriegsausbruch und in den ersten Wochen nach
Aufnahme der Feindseligkeiten die stärkste Widerlegung durch
die englischen Zustände erfahren. Gerade in England haben die
Banken stets große Kassenbestände gehalten, und trotzdem hat
dort das Weltereignis größere Kreise gezogen als bei uns. Der
fortgesetzte Hinweis darauf, daß ohne die Hilfe des Staates und
der Reichsbank bei uns eine Erschütterung eingetreten wäre,
kehrt immer wieder, weil die Anschauungen über die Aufgaben
der Privatbanken und diejenigen einer Zentral-Notenbank aus-
einandergehen. Es muß immer wieder betont werden, daß der
Staat, dem wir letzten Endes auf irgendeine Weise alle dienen,
dessen Grenzen wir mit unseren Leibern schützen, auf wirt-
schaftlichem Gebiete, wenn nötig, mit seinen Machtmitteln einzu-
greifen hat, weil er, wenn er die einzelnen Privatwirtschaften
schützt, sich damit selbst den besten Schutz gewährt. Die Haupt-
sache bleibt nach wie vor, daß trotz aller Kritiken an den deut-
schen Bankbilanzen, trotz aller auseinandergehenden Meinungen
über Anlagemöglichkeiten und über Liquiditätsberechnungen das
Wirtschaftsleben heute bei uns besser funktioniert als in allen
anderen kriegführenden Staaten. Nicht allein durch die Hilfe des
Staates und der ihm unterstellten Notenbank, sondern durch das
verständnisvolle Ineinanderarbeiten aller Wirtschaftsfaktoren und
das im großen und ganzen absolut gesunde Kreditsystem bei uns
in Deutschland.

Ein kurzer Überblick über die Hypothekenbanken er-
gibt auch deren durchaus gesunde Lage. Selbstverständlich
haben dieselben unter dem Krieg gelitten, da ihr Pfandbriefabsatz
schon mit Rücksicht auf die hochverzinsliche Kriegsanleihe stockt
und sie zwingt, sich passiv zu verhalten. Überall aber hört man,
daß die Hypothekenbanken in durchaus verständnisvoller Weise
die alten Hypothekendarlehen durchhalten und den Schuldnern
keine besonderen Schwierigkeiten machen. Die 36 deutschen
Hypothekenbanken zeigen Ende 1914 folgendes Bild (siehe Ta-
belle S. 24).

Auch hier also keine besonderen Veränderungen gegenüber
dem verflossenen Jahre. Wie weit sich das im laufenden Jahre
verschiebt, werden die späteren Ziffern lehren.
        <pb n="21" />
        ﻿24

	Aktien-	Reser-	Hypo-  theken-  Bestand	Gesamt-	zu 4 % uud  darüber	zu 3&gt;/. 7. und  37* 7o	in  eigen.  Besitz
	Kapital	ven		Umlauf			
			in Millionen		Mark		
Ende 1913. .	775,5	—	12 060,31	11 474,86	7 737,17	3 737,68	93,32
Ende 1914. .	776,75	345,75	12 203,32	11 632,34	7 987,78	3 644,56	60,11

			Immobilien-	Zinsrückstände		Durch-	Rein-  gewinn	Vortrag
		Zwang  verkäu	Besitz ohne Bank- gebäude	in  Mark	in  Vo	schnittszins  der  Hypotheken		(in lOOOMk.) auf 1915
Ende	1913. .	2752	4 810 000	6 070 000	1,18	4,40	94 269	12 738
Ende	1914. .	1778	5 310 655	12 353 472	2,47	4,39	89 417	13 334

Schwierig und teilweise unerfreulich gestaltete sich der
Zahlungsausgleich mit dem Auslande. Das Fehlen
jeglicher Ausfuhr, hervorgerufen durch das brutale Vorgehen
Englands gegenüber den neutralen Staaten, soweit solche in ihren
Gebieten nicht an unser Reich angrenzen, hat die Wechselkurse
stark zu unseren Ungunsten verschoben. Es war selbstver-
ständlich, daß Deutschland versuchte, aus den nächstliegenden
Staaten an Materialien noch heranzuziehen, was zu haben war,
und da unsere Notenbank bestreibt sein mußte, ihren Qoldbesitz zu
vergrößern, ergab sich mit Naturnotwendigkeit ein starkes Stei-
gen der für uns jetzt im wesentlichen in Frage kommenden De-
visen Amerika, Schweden, Dänemark, Holland und Schweiz-
Daß die Wechselkurse eine für uns ungünstige Höhe erreicht
haben, liegt nicht begründet in dem Status unserer Reichsbank
oder in unserer Währung. Wir haben eben mehr aus allen diesen
Staaten an Waren und Rohstoffen bezogen, als wir ihnen liefern
konnten, und sind nicht in der Lage gewesen, diese großen Be-
dürfnisse durch den Verkauf ausländischer Wertpapiere völlig
decken zu können.

Fast vollständig in Wegfall gekommen ist der sogenannte
Rembours verkehr mit dem Auslande. Es ist bekannt, daß
unsere Importeure zur Bezahlung der Verbindlichkeiten im Aus-
land sich des deutschen Bankakzeptes bedienen. Der Verkäufer
der Waren im Auslande zieht auf eine ihm genannte erste
        <pb n="22" />
        ﻿25

deutsche Bank, die ihrerseits dem Importeur den dazu benötigten
Kredit zur Verfügung stellt. Der starke Rückgang des Akzept-
kontos bei den drei größten Banken Deutschlands gibt schon den
Nachweis, daß dies Geschäft aufgehört hat. Warenverschiffun-
gen finden zwar noch in beschränktem Umfange statt, werden
aber nicht mehr im Wege des Akzeptes, sondern in bar reguliert.
Es sei gestattet, an dieser Stelle die Frage zu berühren, ob es
nicht möglich sei, nach Beendigung des Krieges diesem lohnen-
den und für die Allgemeinheit nützlichen Geschäft, einem der
legitimsten, das sich im wirtschaftlichen Leben überhaupt ab-
spielt, unsererseits eine größere Aufmerksamkeit speziell gegen-
über der Londoner Konkurrenz zuzuwenden. Der Geschäfts-
zweig hat bei uns in Deutschland, wenn man die Londoner Zif-
fern in Vergleich zieht, nur einen ganz geringen Umfang. Die weit
verbreitete englische Valuta (mit dem Pfund Sterling kommt man
bekanntlich durch die ganze Welt) hat dahin geführt, daß ein
größerer Teil des deutschen Einfuhrhandels nicht mit deutschem
Bankakzept, sondern mit demjenigen erster englischer Firmen
geregelt wurde. Das hat uns in eine gewisse Abhängigkeit von
England gebracht, und mit Recht ist wiederholt in den letzten
Monaten die Frage erörtert worden, ob es nicht möglich sei, uns
unabhängiger vom Londoner Akzept zu machen. Mit dem Willen
allein ist es nun nicht getan. Es sprechen hier, abgesehen von
historischen Momenten, rein kaufmännische und währungs-
politische Gründe mit, die nach dem Kriege nicht ohne weiteres
beiseite zu schieben sind. Was sich aber machen läßt, ist eine
Ermäßigung der deutschen Akzeptprovision, die bis zum Kriegs-
ausbruch allgemein höher war als die der englischen Häuser.
Auch wäre vielleicht in Erwägung zu ziehen, daß die deutsche
Reichsbank derartige reine Remboursakzepte, die ja niemals den
Charakter eines Finanzpapiers tragen und stets bei Fälligkeit zur
Einlösung gelangen, unter ihrem offiziellen Satz diskontiert, um
die billigere Diskontmöglichkeit in England auszuschalten. Dann
aber müßte vor allen Dingen der Fiskus auf die Stempelung der-
artiger Wechsel verzichten, was bei den Anschauungen unserer
Regierung und auch des Parlaments über derartige Fragen (man
vergleiche die unsinnige Einführung eines Scheckstempels in
Deutschland in einem Moment, wo man bestreibt war, den bargeld-
losen Verkehr zu heben) nicht leicht sein dürfte. Mit diesen Ände-
        <pb n="23" />
        ﻿26

rungen allein ist es aber nicht getan. Es gehört zunächst eine
ausgedehnte Propaganda im Auslande dazu, um den Markwechsel
ebenso populär zu machen, wie den Sterlingwechsel; für eine
bessere Bewertung der Mark in manchen Auslandsstaaten ist
Sorge zu tragen; die deutschen Banken und ihre Kritiker werden
sich daran gewöhnen müssen, daß die Akzeptkonten bei uns dann
allmählich eine enorme Steigerung erfahren müssen, da es sich
nicht um Millionen, sondern um viele Hunderte von Millionen
vierteljährlich handelt. Diese Art des Kreditgeschäftes ist eine
der diffizilsten, die wir haben. Es wird mit enorm niedrigen
Verdienstsätzen gerade in London auf diesem Gebiete gearbeitet,
während man bei uns gewöhnt ist, größere Provisionen in Ansatz
zu bringen. Eine weitsichtige Geschäftspolitik unserer führenden
Bankinstitute Hand in Hand mit der Peichsbank wird manches
auf diesem Gebiete, aber erst im Laufe der Jahre, erreichen
können. Wenn in der Presse wiederholt noch andere Mittet
genannt wurden, z. B. die Errichtung einer großen Akzeptbank
in Deutschland und andere mehr, so mögen verschiedene von
diesen Vorschlägen nützlich sein, sie treffen aber nicht ins
Schwarze. Deutschland ist draußen nicht beliebt und ist ein
großer Konkurrent auf allen Gebieten in allen Staaten der Erde.
Nur eine großzügige Propaganda und eine dauernde Bearbeitung
der ausländischen Staaten mit ruhig gehaltenen objektiven Be-
richten aus und über Deutschland und seine Entwicklung wird
hier gut Vorarbeiten können. England hat es meisterhaft ver-
standen, durch geeignete Vertretung im Auslande, durch muster-
gültige Bedienung der ausländischen Presse und durch die An-
legung seines großen Kabelnetzes sich als ausschließlichen Herrn
überall hinzustellen, und man muß seinem kaufmännischen Qe-
schäftsgebahren, soweit die Zeit vor dem Kriege in Betracht
kommt, auch das Zeugnis ausstellen, daß es nie kleinlich, sondern
immer weitsichtig und großzügig war. Daran müssen wir uns
alle, auch unsere Regierung, ein Beispiel nehmen und müssen vor
allen Dingen, worauf schon oft und energisch hingewiesen worden
ist, für eine bessere Vertretung unserer wirt-
schaftlichen Interessen im Aus lande Sorge tragen.
Mit unserer politischen Diplomatie muß auch unsere konsularische
Vertretung erneuert und verbessert werden, und mehr Fühlung-
nahme im Auslande mit der Presse und mit dem Volke, ener-
        <pb n="24" />
        ﻿27

gischere und nicht bureaukratische und staatsbeamtenmäßige Be-
handlung und Vertretung unserer Geschäfte im Auslande sind
nach Beendigung des Krieges nötig. Dann wird und muß es bei
verständnisvoller Mitarbeit aller Faktoren gelingen, auch unserer
deutschen Mark und dem deutschen Markakzept größere Aus-
breitung im Auslande zu verschaffen.

Dies wird eine der vielen Aufgaben sein, die nach Beendigung
des Krieges den deutschen Banken obliegen. Wir wollen und wir
müssen ernstlich bestrebt sein, den deutschen Handel und die
deutsche Industrie vom Londoner Geldmarkt unabhängiger zu
machen. Das Vorgehen der englischen, französischen und russi-
schen Regierung gegen deutsche Niederlassungen im Auslande ist
bekannt. Auch führende Banken Deutschlands sind hiervon
betroffen worden. Wir werden uns, abgesehen von ins Auge
zu fassenden finanziellen Entschädigungen gerade England gegen-
über für diese Handlungsweise nicht besser revanchieren können,
als dadurch, daß wir seinem Geldmärkte die führende Stellung
nehmen.

Im übrigen werden nach Friedensschluß an die Banken noch
anderweite sehr große Anforderungen gestellt werden. Sie
werden vor der Notwendigkeit stehen, ebenso wie während des
Krieges auch nachher dem Reiche, den Bundesstaaten, den Krei-
sen und Kommunen für deren große Qeldbedürfnisse zur Ver-
fügung zu sein. Darüber hinaus werden Industrie und Handel
enorme Anforderungen an sie stellen. Es leuchtet ein, daß das
Aufarbeiten sämtlicher Rohstoffläger und das Abstoßen des größ-
ten Teiles alter Bestände an fertigen Waren einen Hunger nach
Rohstoffen hervorrufen wird. Viele Werte sind vernichtet worden
und harren der Ergänzung. Heer und Marine müssen in großem
Umfange in ihren sämtlichen Materialien aufgefrischt werden,
kurz, starke Beträge werden verlangt werden, sobald Ruhe auf
der Erde eingetreten sein wird.

Der Krieg wird voraussichtlich noch eine Weile dauern. Das
eine ist sicher: Wie bisher, so werden die deutschen Ban-
ken auch für den weiteren Verlauf der kriege-
rischen Operationen und genau so nach Be-
endigung des Weltkrieges ihre Funktionen in vollem
Umfange erfüllen können. Sie stehen nach wie vor kräftig da,
        <pb n="25" />
        ﻿28

und nirgends hat sich in ihren Reihen eine Erschütterung gezeigt.
Ziffern, wie sie die Deutsche Bank zeigt, bei größter Liquidität
und allererster Fundierung, finden wir bei keiner ausländischen
Bank. Die Kraft, welche auf allen Gebieten das deutsche Volk
beseelt und zum schließlichen Siege führen wird, hat sich auch bei
den deutschen Banken gezeigt, die die schwerste Erschütterung,
welche je ein großes modernes Wirtschaftsgebäude betroffen hat,
in sicherer Ruhe überwunden haben.

Bereits im Verlaufe unserer kurzen Betrachtung konnten wir
an verschiedenen Stellen Hinweise darauf geben, daß die finan-
zielle Lage in den mit uns im Kriege stehenden Mächten schlech-
ter sei als bei uns. In die Zeit des Erscheinens dieser Zeilen
fällt die neue Kriegsanleihe der englischen Nation, und es wird
für die Leser nicht ohne Interesse sein, in einem kurzen Ueber-
blick die wesentlichen Momente dieser Anleihe und ihre vor-
aussichtliche Einwirkung auf die Qesamtwirtschaft Englands er-
örtert zu sehen. Hängt doch selbstverständlich jede Anleihe-
emission direkt und indirekt mit der Lage der Banken der be-
treffenden Nation zusammen, die, wie wir sahen, bei uns in
Deutschland eine gute gewesen ist.

Am 23. Juni 1915 waren auf die zweite deutsche Kriegs-
anleihe insgesamt 8502,7 Millionen Mark, das sind 93,4 % der Ge-
samtzeichnung, eingezahlt. Die erste Einzahlung auf diese An-
leihe hatte

mit 30 % am 14. April,
mit 20 % am 20. Mai
und mit 20 % am 22. Juni

zu erfolgen, so daß festgestellt werden darf, daß das seitherige
Ergebnis von

93,4 % gegenüber 70 % Erfordernis

als sehr günstig zu bezeichnen ist. Dabei ist hervorzuheben,
daß von den bisher gezahlten S1/^ Milliarden Mark nur etwa
500 Millionen Mark durch die Vermittlung der deutschen Dar-
lehnskassen aufgebracht sind.

Wenn wir in die Tage der Zeichnung unserer zweiten
deutschen Kriegsanleihe zurückblicken, so wissen alle, daß gleich
        <pb n="26" />
        ﻿29

nach Eröffnung der Subskription enorme Millionenzeichnungen
eingingen und daß alle Klassen der Bevölkerung mit Begeisterung
sich an der Anleihe beteiligten. Der 5 % Anleihetypus hat bei
uns trotz der gewaltigen Inanspruchnahme des Geldmarktes die
Kurse der alten Anleihen nicht gedrückt. Im Gegenteil, auch
die alten Anleihen sind bei uns zu steigenden Kursen umgesetzt
worden, und nach dem Kriege, dessen günstiger Ausgang für
uns, nach den glänzenden Erfolgen in Galizien, nunmehr wohl
auch unseren Gegnern zur Gewißheit geworden sein wird, werden
die Kurse sämtlicher Anleihetypen bei uns ebenso gewiß steigende
Richtung haben wie bisher.

Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Drange, opfert da-
gegen die englische Regierung alle Traditionen der finanziellen
Wirtschaft des Reiches, und wer die englischen Verhältnisse
kennt, sieht staunend diese Revolution auf dem englischen Geld-
märkte. Die neue englische Anleihe ist gegenüber dem englischen
Durchschnittszinssatz von 2)4 % auf einen 4)4 % Typus einge-
stellt. Sie soll bei diesem Zinssätze mit Pari ausgegeben werden,
und der Staat hat das Recht, ihre Tilgung (bei uns sind die
Kriegsanleihen in längstens zehn Jahren zu tilgen) bis zum 1- De-
zember 1945 hinauszuschieben. Bietet dies auch einen großen An-
reiz für neue Zeichner, so haben die letzten Junitage bereits
gezeigt, daß diese Idee den Kurs der alten Anleihe stark ge-
drückt hat; der Mindestkurs der 2*4 % englischen Konsols mußte
sofort von 66)4 % auf 65 % heruntergesetzt werden, und dabei
hatte der neue englische Finanzminister Mc. Kenna eine Relation
geschaffen, auf Grund deren je 100 Pfund Sterling zum Preise
von 662/s Pfund Sterling, nachdem von dem betreffenden Ein-
reicher 100 Pfund Sterling der neuen Anleihe gegen bar gezeich-
net wurden, von den alten 2)4 % Konsols in Zahlung genommen
werden sollen. Ebenso ungünstig stellt sich das Verhältnis für die
erste SVz % Kriegsanleihe, welche in Höhe von 400 Millionen
Pfund Sterling herausgebracht wurde. Auch sie wird gegen Zu-
zahlung von 5 %, allerdings ebenfalls in der Voraussetzung der
vollen Barzahlung eines gleich hohen neuen Betrages, in Zahlung
genommen, und wenn die alte Kriegsanleihe bei diesem nicht un-
günstigen Verhältnis anfangs auch eine Kurssteigerung zeigte, so
ist sie bereits kurz darauf auf den alten Stand bei Bekanntwerden
dieses Vorschlages zurückgegangen. Man kann diese Verände-
        <pb n="27" />
        ﻿30

rung der englischen Qeldmarktverhältnisse nicht eingehend genug
verfolgen; denn es ist klar, daß eine so einschneidende Hinauf-
konvertierung der gesamten englischen Anleihen auf einen in
diesem Lande unerhörten Satz von 4^2 % ihre Rückwirkung nicht
allein auf die Zeit der Kriegführung, sondern auch auf diejenige
nach dem Kriege unter allen Umständen haben muß. Wenn auch
über den ursprünglichen Rahmen dieser Ausführungen hinaus-
gehend, ist dennoch diese Erörterung von der größten Bedeutung
auch für die deutschen Banken für die Zeit nach Beendigung des
Krieges. Der englische Kredit muß erheblich unter solchen Re-
gierungsmaßnahmen leiden, zumal hinzukoramt, daß auch der
Qoldvorrat Englands eine stark rückläufige Kurve eimgeschlagen
hat. In den letzten 6 Monaten ist der Barvorrat der Bank von
England um 18 Millionen Pfund Sterling, das heißt um 360 Mil-
lionen Mark, zurückgegangen, wobei überdies zu berücksichtigen
ist, daß die Bank von England große Geldbeträge aus den ihr
befreundeten Staaten, Frankreich, Rußland und Belgien, die man
wohl mit 60 bis 70 Millionen Pfund Sterling nicht zu hoch ein-
schätzt, herangezogen hat. Während bei uns in Deutschland die
Golddeckung der Noten und fremden Gelder bei der Reichsbank
vom 31. Juli 1914, an welchem Tage dieselbe 31,1 % betrug, sich
auf 34,9 % gehoben hat, ist dieselbe bei der Bank von England
von 38,5 % auf 22,5 % zurückgegangen. Das kann und darf die
englische Regierung nicht länger mit ansehen, und die ernste
Sorge, die sie in diesem Punkte erfüllen muß, dürfte dem eng-
lischen Finanzminister und seinen Beratern den Gedanken nahe-
gelegt haben, den 4x/2 % Anleihetypus zu wählen, um insbeson-
dere die Amerikaner zu veranlassen, sich an der Anleihe zu be-
teiligen. Die Bezüge Englands und seiner verbündeten Kriegfüh-
renden aus Amerika steigen fortdauernd. Die Handelsbilanz der
Engländer wird immer ungünstiger, und damit verschlechtert sich
in verstärktem Maße die Zahlungsbilanz. Es würde zu weit füh-
ren, dies im einzelnen an dieser Stelle zu erörtern. In den
Monaten Januar bis April 1915 stellt sich im Vergleich zu der-
selben Zeit des Vorjahres nach dem „Board of Trade Journal“
vom 13. Mai 1915 Seite 459/460

die Einfuhr auf: £ 281 676 312—.— im Jahre 1915 gegen
£ 258 618 963.—.— im Jahre 1914
        <pb n="28" />
        ﻿31

die Ausfuhr auf: £ 116 770 328.—.— im Jahre 1915 gegen
£ 173 533 445.—.— im Jahre 1914

Was diese Ziffern zu bedeuten haben, liegt auf der Hand, und der
Hochmut der Engländer, welche hofften, uns finanziell nieder-
ringen zu können, ist längst dahingeschwunden. Bei uns in
Deutschland sind die deutschen Reichsschatzwechsel auch heute
noch sehr beliebte Kaufobjekte, am Londoner Geldmarkt verlangt
man heute dagegen bei englischen Schatzwechseln 4 bis 4^ %,
während man die Privatbankwechsel mit 3 bis 31/s % herein-
nimmt. Der englische Wechselkurs verliert in New York gegen-
über dem Qoldpunkte reichlich 2 %, alles in allem betrachtet Sig-
nale, die uns Deutschen die beruhigende Gewißheit geben, daß
unsere finanzielle Lage doch anscheinend im Laufe des Krieges
gegenüber derjenigen der Engländer eine immer bessere wird.
Auch unsere Valuta ist und bleibt für uns zurzeit keine günstige.
Wen kann das indessen Wunder nehmen bei der durch die eng-
lische Machtpolitik gänzlich unterbundenen Ausfuhr aus Deutsch-
land. Was uns die feste Basis gibt, ist der Umstand, daß wir
nicht allein mit Lebensmitteln, sondern mit dem gesamten Heeres-
bedarf uns selbst versorgen können und nicht auf das Ausland
angewiesen sind. Es gibt aber auch den Banken die tröstliche
Gewißheit, daß die eingangs unserer Abhandlung erörterte
Frage der Ausschaltung des englischen Pfundwechsels im Welt-
marktverkehr sich für uns doch im Laufe der Monate der Kriegs-
dauer immer aussichtsreicher gestaltet. Dabei ist allerdings zu
berücksichtigen, daß der amerikanische Geldmarkt sich jetzt an-
scheinend nicht ohne Erfolg an die englische Stelle schiebt. Je
länger der Krieg dauert, desto mehr werden einsichtige Kreise in
England einsehen, daß für ihr Land auch in finanzieller Beziehung
der Krieg weit schädigender sein wird, als für uns. Dabei sind die
drei Verbündeten des englischen Reiches so eng finanziell mit
England verknüpft, in ihrem finanziellen Fundament aber allmäh-
lich so schwach geworden, daß auch hieraus für Großbritannien
schwere Nachwehen nicht ausbleiben werden. Für die verant-
wortlichen Leiter unserer deutschen Finanzen indessen ergibt sich
die Gewißheit, daß in dieser Beziehung bei uns Sorgen nicht
angebracht sind. Von dem verantwortlichen Leiter unserer Qe-
samtpolitik darf wohl der Schluß gezogen werden, daß bei dieser
        <pb n="29" />
        ﻿32

mehr als günstigen wirtschaftlichen Lage unseres Reiches keine
Veranlassung vorliegt, die glänzenden militärischen Erfolge poli-
tisch dadurch in Frage zu stellen, daß dem zurzeit durchaus un-
angebrachten und die ganze Entwicklung unserer Nation eventuell
in Frage stellenden Friedensgedanken des Vorstandes einer
großen Partei, deren Anhänger in ihrer Mehrzahl auch gewiß
anderer Meinung sein werden, in diesem ungeeigneten Momente
zum Schaden der Allgemeinheit Rechnung getragen wird.

Veranhv. Redakteur: Dr. Croner, Berlin-Grunewald, Douglasstr. 32.
Druck von Leonhard Simion Nf., Berlin W 57.
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        ﻿the scale towards document

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1 daß alle Klassen der Bevölkerung mit Begeisterung
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4 gehorchend, nicht dem eigenen Drange, opfert da-
v iglische Regierung alle Traditionen der finanziellen
es Reiches, und wer die englischen Verhältnisse
staunend diese Revolution auf dem englischen Qeld-
reue englische Anleihe ist gegenüber dem englischen
»Zinssatz von 2*4 % auf einen % Typus einge-
ll bei diesem Zinssätze mit Pari ausgegeben werden,
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n in längstens zehn Jahren zu tilgen) bis zum 1- De-
hinauszuschieben. Bietet dies auch einen großen An-
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diese Idee den Kurs der alten Anleihe stark ge-
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5 %, allerdings ebenfalls in der Voraussetzung der
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rhältnis anfangs auch eine Kurssteigerung zeigte, so
kurz darauf auf den alten Stand bei Bekanntwerden
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