2 verlangt sein sollte, dies auch nur über die grundlegenden Fragen einig sind? Genau wie seinerzeit in den Kämpfen um den Zolltarif, ist es auch jetzt bei der Reichs-Finanz- Reform: Es läßt sich keine Auffassung denken, sei es im allgemeinen, sei es in speziellen Fragen, für die man sich nicht auf irgend eine wissenschaftliche Autorität in deut schen Landen berufen könnte.“ Das ist zweifellos sehr über trieben ; aber wer wollte leugnen, daß der Spott doch nicht so ganz unverdient ist? Mehr aber noch: Immer zahlreicher werden die Stimmen derer im eigenen Lager der Volkswirtschaftslehre, die energisch erklären: Es kann so nicht weiter gehen. Richard Ehrenberg, ein „Einspänner“ zwar in unserer Wissenschaft, aber doch ein Mann, der auf Grund wissenschaftlicher Ver dienste ein Recht darauf hat, gehört zu werden, widmet „Im Tag“ (21. 3. 1909) den „Katheder-Sozialisten“ die folgenden herben Worte: „Sie haben Sturm gesät, haben sie ein Recht, sich über die Ernte zu wundern? Doch die Hoffnung ist wohl vergeblich, daß sie lernen werden, auf andere Weise Sozial-Politik und Finanzpolitik zu treiben, oder was noch besser wäre, daß sie sich beschränken, auf ihr eigenstes Gebiet, wo noch so viel, ja Ökonomen nicht. Sie stehen, soweit sie ernst zu nehmen sind, namentlich „den bekannten bisher vereinbarten parlamentarischen Kompromissen“, wie Biermer mit Recht meint, geschlossen als Gegner gegenüber, und zwarnicht nur aus finanzwissenschaftlichen und finanztechnischen, sondern wohl' noch viel mehr aus politischen und nationalen Gründen“ (Der Kampf um die Nachlaßsteuer, ,1909 S. 8). Die von mir unter strichenen Worte möchte ich betonen. Es handelt sich tatsächlich weit mehr um einen Kampf der materiellen und parteiischen Sonderinteressen gegen die vaterländischen und sozialen Gesamtinteressen als um tief gehende wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten. Daher greifen ja auch nichtnationalökonomische Gelehrte (H. Delbrück, Harnack, Stier-Somlo) so nachdrücklich in den Kampf ein.