49 Klassen die Wege bahnen wollen. „Nur die Er wägung des ,Seinsollenden‘ über die Bedeutung der ver schiedenen Einkommens- und Vermögensgröße, über die kulturgemäße Höhe niederster und höchster Gütermenge für die Zwecke des Bedarfs der einzelnen Schichten, die wechselnden oder vielmehr die fortschreitenden Ansichten von diesen Fragen werden imstande sein, Normen für die Entwicklung des Steuerwesens der Zukunft zu liefern“. Gerechtigkeit und Kultur sind die Begriffe, die in dieser Argumentation eine entscheidende Rolle spielen; aber ob man ihnen gegenüber von einer „fortschreitenden Einsicht“ sprechen kann? Gewiß, derjenige der sein Ideal hat, glaubt dadurch, daß er es gegenüber anderen Idealen, die er nicht billigt, verteidigt, dem Fortschritte zu dienen; er wird fast notwendig im gewissen Sinne intolerant sein. Und doch handelt es sich nur um eine subjektive Meinung. Kultur! Wieviele verschiedene Ansichten sind über diesen Begriff möglich; wieviele namentlich über die Wege, die dazu führen! Unter dem Titel „Die Zukunft unserer Kultur“ hat jüngst (April 1909) die Frankfurter Zeitung in einer Rundfrage Stimmen über Kulturtendenzen und Kultur politik gesammelt. Wieviel Geist wird da von hervor ragenden Kulturkämpfern verschwendet, um doch im we sentlichen nicht viel mehr als nichts zu sagen. Richard Dehmel, der als erster zu Worte kommt und dessen An sichten hier nur deshalb als Beispiel herausgegriffen werden, stellt einen Satz in den Mittelpunkt seiner Erörterungen, den einst in ganz ähnlicher Weise schon Schopenhauer ausgesprochen hat: „Allgemeine Bildung ist nur ein Ziel für hochbegabte Persönlichkeiten; im Durchschnitt des Volkes läuft sie leider auf allgemeine Verbildung hinaus“. Was sagen diejenigen dazu, die mit Lasalle daran glauben, Weber, Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft. 4