50 daß es nichts der wahren Intelligenz wahlverwandteres gebe als den gesunden Verstand der großen Masse? Weiter meint Dehmel, alle organische Kulturpolitik müsse zunächst natürlich darauf bedacht sein, besonders leistungsfähige Berufsstände zu begünstigen, an die sich die übrigen an gliedern könnten, er will in diesem Sinne eine „Industrie von materiellem Höchstwerte“. Wie stimmt damit — nur auf einen Gegensatz will ich hinweisen — die Kulturauffassung derer überein, die in der Landwirtschaft den Jungbrunnen der physischen und psychischen Kraft sehen? Durch mehr wie eine Antwort klingt die Ansicht hindurch, daß der kulturelle Fortschritt sich unmittelbar an den technischen Fortschritt hefte, man halte dem die Ansicht von Franz Kempel, Dr. der Staatswissenschaften, gegenüber, der klipp und klar behauptet, daß das neuzeitliche Groß-Maschinen- Wesen „ein allgemeingesellschaftlicher Irrtum und Miß brauch sei, der gleich demjenigen der Kriegsmaschinen laut genug nach Abhilfe schreie“ ‘). Mit dem Begriffe „Kultur“ verbinden sich gewöhnlich die Begriffe Moral und Sittlichkeit. Wiederum frage ich: Hat die sozialökonomische Wissenschaft zu entscheiden, was wahre Moral und wahre Sittlichkeit ist? Ad exemplum: Ich persönlich habe mir eine bestimmte Auffassung von Moral und Sittlichkeit gebildet mit dem Ergebnis, daß ich an unwandelbare moralische Postulate „glaube“. Damit befinde ich mich im denkbar schärfsten Widerspruch zu der weitverbreiteten Anschauung: „Ein tierischer Trieb, nichts anderes ist das Sittengesetz“. Wäre das „Ziel“ der wissenschaftlichen Volkswirtschaftslehre Normen aufzu stellen für das wirtschaftspolitische Seinsollen, dann müßte 1| „Göttliches Sittengesetz und neuzeitliches Erwerbsleben“. Mainz 1902 S. 200.