56 zu nahe getreten. Er hat sich einen Glauben gebildet, der beruht — ich gebrauche die eigenen Worte meines Kritikers — „zum einen Teile auf einer Summe schwer darstellbarer Einzelbeobachtungen, zum größeren Teil auf der besonderen Lebensan schauung, die wieder mehr durch Temperament und Anschauungsweise, als durch verstands mäßiges Urteil sich bildet“. Auch dieses Bekenntnis darf man wieder in nur zu weitem Umfange verallgemeinern. Ohne es selbst zu em- finden, stehen Männer der Wissenschaft, die an politischen Reformen, speziell an der Bodenreform „energisch“ mit- arbeiten wollen, unter dem lähmenden Einflüsse derartiger vorgefaßter Meinungen. Daß bei einer solchen Sachlage die Wissenschaft, die nur der Erkenntnis dienen will, oft einen sehr schweren Stand hat, liegt auf der Hand. Hat ein Vertreter der sozial ökonomischen Wissenschaft eine Tagesfrage zum Gegen stand objektiver Forschung gemacht, dann fragen nicht nur die Wirtschaftspraktiker- und -interessenten, sondern nicht selten auch ein erheblicher Teil der Fachgenossen: Was nutzt es, oder was schadet es unseren Reformplänen, wird der Wille zur Tat dadurch gelähmt oder gestärkt? Als 1908 Ballod, der angesehene Berliner National ökonom und Statistiker in Schmollers Jahrbuch die städ tische Boden- und Wohnungsfrage erörterte, glaubte er konstatieren zu müssen, daß die Mehrzahl der deutschen Nationalökonomen diesem Problem gegenüber zu der pessi mistischen Auffassung gekommen sei, daß im wesentlichen nichts zu machen sei; das veranlaßte ihn dann zu dem Schlachtrufe: „Diese Stimmung muß überwunden werden, wenn nicht anders die nationalökonomischeWissen-