63 einer unbefangenen, nur nach Erkenntnis, nicht nach Taten strebenden Wissenschaft zu stützen in der Lage ist. Aber nicht nur klare Begriffe gibt die Wissenschaft dem Politiker: sie zeigt ihm auch, — oben wurde das schon gestreift — wie die Maßnahmen, die er zu ergreifen gedenkt, wahrscheinlich wirtschaftlich wirken werden: wie die Beseitigung von Zollschranken unter übrigens gleichbleibenden Umständen auf den Lohn wirkt, ob die Möglichkeit besteht, daß eine neueinzuführende Steuer abgewälzt wird, ob die Vermehrung der Umlaufsmittel den Zinssatz herunterdrücken wird usw. Die Wissenschaft zeigt, wo die Ursachen bestimmter wirtschaftlicher Erscheinungen sind und sie zeigt auch, nach welchen Richtungen beab sichtigte oder durchgeführte Änderungen im wirtschaftlichen Organismus sich geltend machen können. Indem ferner der wirtschafts-wissenschaftliche Forscher „gewohnheitsmäßig“ nicht nur Einzel-Interessen im Auge hat, sondern die Gesamt-Interessen überschaut, ständig sich auf dem Laufenden hält über die Verknüpfung der verschiedenartigen Gruppen-Interessen, dieVergangenheitzu Rate zieht, um die Gegenwart zu verstehen, ist er befähigt durch die Resultate seiner Forschung eine Grundlage für den Gesetzgebungsbau zu geben, über dessen Kon struktion und Bauart im einzelnen er sich allerdings kein Urteil anmaßen darf, das ist teils Geschmackssache, teils abhängig von einem Urteil über sachliche Einzelheiten, wie es meist nur in der Praxis stehende Fachleute ab geben können, deren Aufgabe es zwar nicht ist, ständig den Blick über das Ganze der Volkswirtschaft schweifen jenigen Klassen, denen man zu nützen versucht, unbe rechenbarer Schaden zugefügt, das Volksvermögen um Hunderte von Millionen geschädigt werden.“ Moritz NAUMANN, Zeitschrift f. Volkswirtschaft usw. 18. Band (1909) S. 137.