74 Wie wirkten aber diese Ideen, nachdem die Massen sie in sich aufgenommen hatten? Ein furchtbares Ringen der Völker untereinander, das Jahrzehnte dauerte und uner meßliche Opfer kostete, waren die Folgen. Und auch nach Beendigung dieser Kämpfe waren die Ideen, die dazu führten, noch längst nicht ausgestorben; noch heute stehen wir unter dem Einflüsse von wahren und falschen Ideen, die in der Zeit der französischen Revolution populär wurden, die aber doch schon viel früher geboren waren. Auf ein anderes Beispiel, das zeigt, wie lange es dauert, bis ge wisse von Theoretikern ausgesprochene Grundsätze zur politischen Verwirklichung gelangen, weist Diehl hin'); es ist die Geschichte der Freihandelsidee. Der Gedanke, der schon 1776 von Adam Smith eingehend dargelegt wurde, gelangte erst 7 Jahrzehnte später, 1846 durch die Auf hebung der englischen Getreidezölle zur praktischen Ver wirklichung. Warum ich diese massenpsychologischen Probleme hier berührt habe? Weil ich glaube, daß man von ihnen ausgehen muß, wenn man die Beziehungen zwischen „öffentlicher Meinung“ und „Wissenschaft“ untersuchen will. Schon vor drei Jahrzehnten meinte Holtzendorff 1 2 ), die Staatswissenschaft habe den Beruf, Erzieherin der öffentlichen Meinung zu sein, er dachte dabei, abgesehen von der Staatsrechtslehre, hauptsächlich an die Volkswirt schaftslehre. Dieser Gedanke ist inzwischen häufig in dieser oder jener Form wiederholt worden. Beachtenswert scheinen mir besonders einige Ausführungen zu sein, die 1) Blätter für vergleichende Rechtswissenschaft und Volkswirtschafts lehre. 1. Jahrg. (1905) S. 46. 2) „Wesen und Wert der öffentlichen Meinung“. Festgabe für Bluntschli, 1879, S. 144.