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verbreitet und wurde somit zu einem Grunde für die „Über-
windung“ des Klassizismus, der allerdings namentlich durch
die Form der Darstellung, das gilt insbesondere für Ricar-
do, Mißverständnissen mancherlei Art Tür und Tor öffnete.

Allgemein bekannt ist, daß die klassische National-
ökonomie in Deutschland enttront wurde, wenn sie bei
uns überhaupt jemals auf dem Trone gesessen hat,
durch die „historisch-ethische“ Richtung. Bekannt ist auch,
daß diese Richtung bis in die Gegenwart hinein namentlich
aber in der Zeit 1870—1900 sozusagen „omnipotent“ war.

Der anerkannte Meister dieser Schule, Schmoller,
trug trotz seiner fast sprichwörtlich gewordenen Vorsicht
in der Ausdrucksweise kein Bedenken, 1897 bei Antritt
des Rektorats der Berliner Universität den Satz zu ver-
künden: „Es hieße sich dem Fortschritt und der Entwick-
lung entgegenstellen, wenn man absterbende, überlebte
Richtungen und Methoden den höher stehenden und
ausgebildeteren gleichstellte“: „Weder strikte Smithianer
noch strikte Marxianer können heute Anspruch darauf
machen, für vollwertig gehalten zu werden. Wer nicht auf
dem Boden der heutigen Forschung, der heutigen gelehrten
Bildung und Methode steht, ist kein brauchbarer Lehrer.“

Ein stolzes Siegesbewußtsein klang aus diesen Worten
hervor. Ein kühneres Votum über die Entwicklungsmög-
lichkeit einer in vollem Flusse befindlichen Wissenschaft
dürfte wohl selten von einem geistigen Führer ausge-
sprochen worden sein.

Die historisch-ethische Schule wollte historisch, ethisch,
psychologisch mehr bieten als die Klassiker; sie strebte
eine „breitere, sicherere Kenntnis der Wirklichkeit an“ >),

1) Dieser Optimismus hinsichtlich der wissenschaftlichen Möglich-
keiten ist umso erstaunlicher, weil die Führer der in Rede stehenden