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unzweifelhaft einen sehr richtigen Sinn enthalten, der erst
den moralischen Schranken den rechten Halt gibt. Wenn
z. B. alle reichen Leute auf den Gedanken kämen, denen
die weniger haben als sie, soviel von ihrem Kapital zu
geben, daß sie ebenso behaglich wohnen und leben
können wie die Reichen, dann wäre das zwar scheinbar sitt-
lich sehr schön, es würde damit auch gewiß für eine kurze
Zeit ermöglicht sein, die Volks-Gesamtheit an den Seg-
nungen der Kultur in starksteigendem Maße teilnehmen
zu lassen, aber schließlich wäre das ganze doch nur eine
Crispinade großen Stils. Die Gegenwart würde wohltätig
sein auf Kosten der Zukunft, es würde der Zukunft das
nötige Kapital fehlen, das erforderlich wäre, um einer stei-
genden Volksziffer Arbeit und Nahrung zu verschaffen, und
bald würde es sich zeigen, wie wahr die Prophezeihung
Sombarts unter Umständen werden kann.

Wenn es die Bestimmung des Menschen ist, immer
mehr zur „Kulturmensch-Werdung“ fortzuschreiten, wenn
sich nach Gottes Willen „die Herrschaft des Menschen
als gottgesetzten Königs der Welt sich mehr und mehr
ausdehnen und bestätigen soll“'1), dann wird gerade die
Notwendigkeit des ökonomischen Fortschritts mit heran-
gezogen werden müssen zur Interpretation der Gebote
der Moral. Die ökonomische Erkenntnis muß ge-
geben sein, ehe der Moralist sein Urteil über
ökonomische Vorgänge abgeben darf; ist es um-

Steigerung des verfügbaren Quantums materieller Güter
erleben, besteht eine begründete Aussicht, daß auch alle diejenigen
Tendenzen der wissenschaftlichen und künstlerischen Verfeinerung und
der sozialen Humanität, die wir als Kultur im engeren Sinne bezeichnen
bei uns möglich sein werden.“

1) Pesch i S. 129.