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zuvor entschieden werden — wenigstens bei einer großen
Anzahl von Problemen — welche Auffassung von der Moral
die richtige ist, ehe wissenschaftlich wertvolle Resultate
erzielt werden können.

Der Kampf der Weltanschauungen würde, ja müßte in
das Gebiet der volkswirtschaftlichen Wissenschaft hinein
getragen werden, mit all der Erbitterung, dem Fanatismus,
der damit verbunden ist. Das Resultat hat schon gezeigt,
daß dieser Kampf sehr unökonomisch war. Die alten
Meinungsverschiedenheiten bleiben doch in der Haupt-
sache bestehen, hinzu tritt jedoch, daß trotz des Auf-
klärungskampfes die Irrtümer in bezug auf das wirtschaft-
liche Sein und dessen Zusammenhänge gerade infolge
des Streites um die Prinzipien nicht nur nicht aufgehellt,
sondern noch intensiver werden. Wenn wir Menschen ein
Feld finden, das urbar gemacht werden kann, fern von dem
Hader und dem Zank um die Weltanschauung, dann sollten
wir doch keine Mühe scheuen, um diese Oase stiller fried-
licher Arbeit gegen die Einfälle feindlicher Nachbarn zu
schützen. Bei einer solchen ruhigen Arbeit werden schließ-
lich auch die letzten und tiefsten Wahrheiten des mensch-
lichen Daseins viel eher unbefangen gewürdigt, als wenn
man statt „Vervollkommnung der Einzelwissenschaft“ „eine
unklare und verschwommene einzig große Sozialwissen-
schaft erstrebt“ (Wagner).

Und wie sieht es mit der Antwort auf die Frage aus:
„Was ist Gerechtigkeit?“ Wie weit gehen auch da wieder
die Meinungen auseinander; selbst bei denen, die sich zu
einer Weltauffassung zusammenfinden. Nehmen wir nur
ein praktisches Problem: Die heute so vielerörterte Frage
der Wertzuwachssteuer: Ist die Steuer gerecht? Die einen
sagen unbedingt ja, die anderen unbedingt nein, die

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