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zu lassen, die aber umsomehr ihren engen Tätigkeitskreis
überschauen und daher über Einzelheiten Bescheid wissen,
die unter Umständen zu Ecksteinen des Gebäudes werden
müssen.

Diese Erwägungen, die im einzelnen noch weiter
ausgeführt werden könnten, rechtfertigen es doch, daß
man an die Verwirklichung des Ideals glaubt, das Roscher
vorschwebte, wonach die Volkswirtschaftslehre „im Gewoge
der Tagesmeinungen zur festen Insel wissenschaftlicher
Wahrheit werden soll“1).

Es wäre noch die Frage zu berühren, ob der Lehrer
der sozialwirtschaftlichen Wissenschaft überhaupt nicht
„Wirtschafts-Politik“ zu „lehren“ habe.

Daß das, was in den Lehrbüchern und in den Vor-
lesungsverzeichnissen „Volkswirtschafts-Politik“ genannt
wird, einen Teil der Volkswirtschaftslehre ausmacht, recht-
fertigt sich durchaus, sofern diese Volkswirtschafts-Politik
sich darauf beschränkt, von wirtschaftlichen Gesichts-
punkten aus, das Seinsollen, die wirtschafts-politischen Po-
stulate und Programme zu analysieren, zu erklären. Es ist
natürlich auch darüber hinaus dem einzelnen Volkswirt-
schaftslehrer unbenommen, seinerseits oberste Grundsätze
des sozialen Seinsollens für das wirtschaftliche Handeln
aufzustellen, Rezepte auszuarbeiten, wie die Normen seiner
„Wirtschafts-Ethik“ in die Tat umgesetzt werden sollen;
aber — ich hege kein Bedenken, einen bereits früher
ausgesprochenen Gedanken hier nochmals zu wieder-
holen — es ist unbedingt notwendig, daß er sich darüber
klar bleibt, daß er nie seinen Glauben als sozialökono-

1) Vgl. dazu Diehl a. a. O. S. 113, der dieses Ideal „unerreichbar“
nennt, nicht ganz im Einklang, wie mir scheint, mit seinen übrigen Aus-
führungen.