﻿65

mische Wissen Schaft ausgeben darf; er muß sich ferner
klar sein über die Gefahren, die er für sein wissenschaft-
liches Erkenntnisstreben dadurch heraufbeschwört, daß er
seine Gedankenarbeit unmittelbar in den Dienst wirt-
schaftspolitischer Dogmen stellt. Nur dann, wenn man
die Gefahren kennt, kann man sie vermeiden.

Von selbst ergibt sich aus dem Gesagten, wie es der
sozialökonomische Gelehrte mit der parteipolitischen Be-
tätigung zu halten hat. Wenn ich nicht irre, war es
E. Gothein, der im Kolleg einmal meinte, daß der Sozial-
Ökonom, der zugleich als Partei-Politiker wirke, in aller Regel
entweder ein schlechter Gelehrter oder ein schlechter Poli-
tiker sei. Ich selbst habe schon vor Jahr und Tag
gegenüber Angriffen einer parteipolitischen Zeitung es
für der Mühe wert gehalten, auf Grund des § 11 des
Preßgesetzes erklären zu lassen, daß ich mich grund-
sätzlich im Interesse der Unbefangenheit meiner wissen-
schaftlichen Untersuchungen stets von allen parteipolitischen
Bestrebungen fern gehalten habe und fern halten werde.

Mein grundsätzlicher Standpunkt schützte mich freilich nicht davor,
daß ich — leider auch von Vertretern der Wissenschaft — zum Teil
aus psychologisch erklärlichen Bequemlichkeitsgründen bald dieser, bald
jener Partei zugezählt wurde: „sozialistisch angehaucht“, „extrem indi-
vidalistisch“, „ultramontan“, „radikal freihändlerisch“, das sind so einige
parteipolitische epitheta ornantia, mit denen ich in der öffentlichen Dis-
kussion bedacht wurde. Ähnliche Erfahrungen wird jeder Fachgenosse
gemacht haben, der an Tagesfragen mit wissenschaftlichem Rüstzeug
heranzutreten versuchte.

Sicher ist jedenfalls, daß Wirtschaftswissenschaft und
schließlich auch Tages-Politik nur gewinnen werden, wenn
sie nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch getrennt
ihren Weg gehen. Das dadurch von den Theoretikern ver-
langte Opfer scheint gerade in der Gegenwart nicht be-
sonders schwer zu sein.

Weber, Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft.	5