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künftige Entwicklung einzelner wirtschaftlicher Faktoren
unter dem Einflüsse bestimmter Umstände mit ziemlicher
Sicherheit vorauszusehen, daß sie ihm wertvolle Finger-
zeige geben kann in bezug auf das Verhalten gegenüber
seinen Arbeitern usw. *) Ja auch das ist richtig, daß „jede
Beurteilung tatsächlicher Preisverhältnisse, nicht minder
auch jede praktische Erwägung über die voraussichtliche
Gestaltung der wahren Preise in der Zukunft gewisser-
maßen durch ein allgemeines theoretisches Urteil hindurch
gehen muß“2).

Daß die Volkswirtschaftslehre den Wirtschaftspraktikern
nicht ferne liegen kann, darauf weist ja schon die lange
Reihe glänzender Namen von Männern hin, die von der
Praxis ausgingen, um dann in unserer Wissenschaft Her-
vorragendes zu leisten; Ricardo allen anderen voran.
Ähnliches wird man schließen dürfen aus dem überraschen-
den Eifer und dem großen Verständnis, mit dem gerade
intelligente junge Kaufleute, die aus der Praxis kommen,
um an unseren Handels-Hochschulen zu studieren, Probleme
der Volkswirtschaftslehre anfassen.

Gewiß wird der Gegensatz zwischen Theorie und
Praxis stets bleiben, weil der Gegensatz zwischen den
Wünschen der Interessenten und den Lehren der Wissen-
schaft nie ausgeglichen werden kann. Auch dann, wenn
die deutsche sozialökonomische Wissenschaft sich von den
Illusionen abwendet und sich ganz dem unbefangenen
Studium der realen wirtschaftlichen Verhältnisse widmet,

1)	Vgl. hierzu die überhaupt sehr beachtenswerte Rede L. Pohles
beim Rektoratswechsel an der Frankfurter Akademie, Jena 1905, speziell
S 36 ff.

2)	Wirminghaus, „Die nationalökonomische Wissenschaft und der
deutsche Kaufmannsstand“ (Abdruck aus der Festschrift zur Feier des
25jährigen Bestehens des Staatsw. Seminars zu Halle) 1898 S. 24.