<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Aufgaben der Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Adolf</forname>
            <surname>Weber</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>884842509</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        ﻿
        <pb n="2" />
        ﻿DIE AUFGABEN DER
VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE
ALS WISSENSCHAFT

Dr. jur. et phil. Adolf Weber,

Professor der Stäatswissenschaften an der Handelshochschule zu Cöln.

Tübingen

Verlag von J. C. B. MOHR (Paul Siebeck)
1909.
        <pb n="3" />
        ﻿______©erlag iber 3|. rauppTtfren Burfjljanblung in Tübingen.

M. Sürfier;

f&gt;ir Cttfffrfjung her tolfcsfarirtftftap*

©orfräge uitb ©erJudrE.

Seifte SKuflage. 8. 1908. ®ebunben 9)1. 7.20.

Geschichte der Volkswirtschaftslehre

von Dr. John Keils Ingram,

Mitglied des Trinity College, Dublin.

Autorisierte Uebersetzung von E. Rosclilau.

Zweite Auflage. 8. 1905. M. 2.30. Gebunden M. 3.—.

Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) in Tübingen.

Volkswirtschaftliche Vorlesungen

von Dr. Robert Wilbrandt,

ftofessor an der Universität Tübingen.

Kurzgefasster Auszug. Allgemeiner theoretischer Teil.

„ Gross 8. 1909. M. 2.—.

--------------P----------------------------------------------

Die Persönliche Freiheit
in der modernen Volkswirtschaft.

Von Dr. Max von Schraut,

weiland witkl. Geheimer Rat und Unterstaatssekretär im Ministerium von Elsass-Lothringen.

Mit einem Geleitwort von Dr. Paul Laband.

8. 1907. M. 2.50.

©nmbrifi bcr ^olitifdicn £&gt;ef ottotme.

Sßon Dr. &lt;2mgen irrnt

Sßrofeffor an bcr Unibevfität Sßien.

©nllpänbig in 2 Bantren beiht. 3 Cetlcn.

©rfter 93onb:

JUIgentBinB ©DlftanrirffcfjaffsIeljrB. 31cl)te reribierte Auflage. (15. big
16. UaujettD.) Sejc. 8. 1909. SK. 10.— ©cbunben SK. 11.—.

^weiter Sanb.

©nlksrotrfMapspoIttik (in 3tuet Seilen), Gcrfter 2eil. Sßierte neu
bearbeitete Auflage. 1909. SK. 8.—. ©ebunben SK. 9.—.

8weiter Seil. (Srfte biiS britte Auflage. 1907. SK. 9.—.
ebunben SK. 10.—. SSetbe Seile in einen Sianb gebunben SK. 19.—.

$ret8 be? bnllflänbigtn 2Ser!e3 SK. 27.—. Sin 2 besto. 3 Sctnwaitbbätibe
gcbimben SK. 30.—. 3n einen ^albfransbanö gebunben SK. 30.—.
        <pb n="4" />
        ﻿Die Aufgaben der Volkswirtschaftslehre
als Wissenschaft.
        <pb n="5" />
        ﻿DIE AUFGABEN DER
VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE
ALS WISSENSCHAFT

Von

Dr. jur. et phil. Adolf .Weber,

Professor der Staatswissenschaften an der Handelshochschule zu Cöln.



Tübingen

Verlag von J. C. B. MOHR (Paul Siebeck)
1909.

i

li
        <pb n="6" />
        ﻿Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, Vorbehalten.



Druck von J. B. Hirschfeld, Leipzig.
        <pb n="7" />
        ﻿Nicht nur jeder National-Ökonom, sondern wohl jeder,
der etwas Sinn hat für das, was man gemeinhin „Anstand“
nennt, wird die Art und Weise, wie der so sympathische
Nestor der deutschen sozialökonomischen Wissenschaft,
Adolf Wagner, in einer Versammlung von Politikern nach
Zeitungsmeldungen und seinen eignen Aussagen behandelt
worden ist, als eine Schmach empfunden haben, zumal es
sich um just dieselben Leute handelt, die vor noch nicht
langer Zeit in ihrem Kampfe gegen den Freihandel die
brauchbarsten Waffen von demselben Adolf Wagner er-
hielten, den sie mit Stolz zu den ihrigen zählten. Aber
man wird doch etwas nachdenklich gestimmt, wenn man
sieht, daß nicht nur von einer Seite unsere Wissenschaft
„zurecht gewiesen wird.“ Im Februar ds. J. brachte z. B.
das Hamburger Fremdenblatt von dem freisinnigen Dr.Door-
mann, M. d. R., einen Leitartikel mit der Überschrift „Finanz-
Wissenschaft und Finanz-Reform“, worin er sich lustig
macht über die „beliebten Sticheleien“ der Vertreter der
nationalökonomischen Wissenschaft auf die Zerfahrenheit
der politischen Parteien im allgemeinen und besonders in
steuerpolitischen Fragen. „Wo in aller Welt“, fragt er,
„gibt es denn zwei oder gar drei deutsche Professoren der
National-Ökonomie, die über den ganzen Komplex finanz-
politischer Fragen, wie sie uns gegenwärtig beschäftigen,
die gleiche Meinung hegen?1) Oder wenn dies zuviel

1) So sehr groß sind die Meinungsverschiedenheiten gerade hin-
sichtlich der finanzpolitischen Fragen der Gegenwart unter den National-
Web er. Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft.	1
        <pb n="8" />
        ﻿2

verlangt sein sollte, dies auch nur über die grundlegenden
Fragen einig sind? Genau wie seinerzeit in den Kämpfen
um den Zolltarif, ist es auch jetzt bei der Reichs-Finanz-
Reform: Es läßt sich keine Auffassung denken, sei es im
allgemeinen, sei es in speziellen Fragen, für die man sich
nicht auf irgend eine wissenschaftliche Autorität in deut-
schen Landen berufen könnte.“ Das ist zweifellos sehr über-
trieben ; aber wer wollte leugnen, daß der Spott doch nicht
so ganz unverdient ist?

Mehr aber noch: Immer zahlreicher werden die Stimmen
derer im eigenen Lager der Volkswirtschaftslehre, die
energisch erklären: Es kann so nicht weiter gehen. Richard
Ehrenberg, ein „Einspänner“ zwar in unserer Wissenschaft,
aber doch ein Mann, der auf Grund wissenschaftlicher Ver-
dienste ein Recht darauf hat, gehört zu werden, widmet
„Im Tag“ (21. 3. 1909) den „Katheder-Sozialisten“ die
folgenden herben Worte: „Sie haben Sturm gesät, haben
sie ein Recht, sich über die Ernte zu wundern? Doch
die Hoffnung ist wohl vergeblich, daß sie lernen werden,
auf andere Weise Sozial-Politik und Finanzpolitik zu treiben,
oder was noch besser wäre, daß sie sich beschränken,
auf ihr eigenstes Gebiet, wo noch so viel, ja

Ökonomen nicht. Sie stehen, soweit sie ernst zu nehmen sind, namentlich
„den bekannten bisher vereinbarten parlamentarischen Kompromissen“, wie
Biermer mit Recht meint, geschlossen als Gegner gegenüber, und zwarnicht
nur aus finanzwissenschaftlichen und finanztechnischen, sondern wohl'
noch viel mehr aus politischen und nationalen Gründen“
(Der Kampf um die Nachlaßsteuer, ,1909 S. 8). Die von mir unter-
strichenen Worte möchte ich betonen. Es handelt sich tatsächlich weit
mehr um einen Kampf der materiellen und parteiischen Sonderinteressen
gegen die vaterländischen und sozialen Gesamtinteressen als um tief-
gehende wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten. Daher greifen ja
auch nichtnationalökonomische Gelehrte (H. Delbrück, Harnack,
Stier-Somlo) so nachdrücklich in den Kampf ein.
        <pb n="9" />
        ﻿3

fast alles zu tun ist; daß sie das Politisieren den
Politikern überlassen, wodurch Wissenschaft
wie Politik nur gewinnen würden. Nein, es wird
weiter politisiert, agitiert und verdächtigt werden
im Namen, aber zum Verderben derWissenschaft.“

Wer die Verhältnisse kennt, der hört einen ähnlichen
Tadel, wie er in den zuletzt wiedergegebenen, von mir
unterstrichenen Worten zum Ausdruck kommt, aus den
Anschauungen heraus, die Max Weber vertritt, der sonst
wissenschaftlich Ehrenberg ferne genug steht: „Es wäre
ein anmaßlicher Unfug, wenn ein Universitätslehrer sich
unterfangen würde, z. B. die „Berechtigung“ irgend welcher
sozialer Forderungen zu beweisen, wie wenn er ihre
„Nichtberechtigung“ mit den Mitteln derWissenschaft nach-
weisen wollte. Beides ist mit den Mitteln der Wissenschaft
schlechthin unmöglich“ &gt;).

Das was hier nur zwischen den Zeilen zu lesen ist,
spricht Pohle offen aus: „Von der Stärke des Gegensatzes,
der sich neuerdings bei einem Teile der jüngeren National-
ökonomen gegen den Historismus und Katheder-Sozialismus
regt, scheint man in diesen Kreisen selbst noch keine rechte
Vorstellung zu haben“ 1 2).

Wie stark dieser Gegensatz ist, habe ich selbst deut-
lich gespürt, als ich versuchte, bei dem Streite um Boden-
und Wohnungsfrage die Lehren der Wissenschaft zur An-
erkennung zu bringen; ich kam dabei zu dem Resultat:
„Mehr als irgend ein anderes Problem hat die Boden- und
Wohnungsfrage es offenbar gemacht, daß die deutsche
National-Ökonomie vor einem Scheidewege steht, sie kann

1)	„Die Lehrfreiheit der Universitäten“, Hochschulnachrichten, Januar
1909 S. 91.

2)	Zeitschrift für Sozialwissenschaft Band VIII S. 777.

1*
        <pb n="10" />
        ﻿4

wählen zwischen unwissenschaftlicher einseitiger Gefühls-
Politik und nur nach Wahrheit und Erkenntnis strebender
Wissenschaft.“

Es lohnt sich also, erneut zu untersuchen, was die
Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft — ich betone
diesen Zusatz — ist, und was sie sein soll. Ich werde
mich bemühen, diese Frage hier mit der Kürze und der
Anschaulichkeit zu beantworten, die ein gebildetes Laien-
Publikum erwarten darf, wobei ich jedoch hoffe, zugleich
auch vor dem wissenschaftlichen Forum meine Grund-
ansichten erneut prüfen und stützen zu können.

Die ganze Darstellung wird es wohl rechtfertigen,
wenn ich meinen Stoff in vier Abschnitten behandle, denen
ich etwa die Überschrift geben könnte:

1.	Die Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft,

2.	Volkswirtschaftslehre und politische Reformbe-
wegung,

3.	Volkswirtschaftslehre und geschäftliche Praxis,

4.	Die volkserzieherische Aufgabe derVolkswirtschafts-
lehre, ihre Beziehung zur öffentlichen Meinung.

I.

Wissenschaften sind, so sagt uns die Wissenschafts-
lehre, Inbegriffe von formulierten Gedanken, die auf All-
gemein - Gültigkeit Anspruch machen, demnach ist
wissenschaftliches Denken ein seinem Ziele nach allge-
mein gültiges Urteil. (B. Erdmann).

Man pflegt nun zu sagen, die Wissenschaft zerfalle in
zwei große Gebiete, die Natur-Wissenschaft und die Men-
schen-Wissenschaft; oder, wie man mit Sombart besser
unterscheiden wird, in die Körper- und Seelenforschung,
bei der Menschenforschung handle es sich nur um jene

\
        <pb n="11" />
        ﻿Wissenschaft, die die menschliche Seele zum Objekt habe,
während der menschliche Körper Gegenstand der Natur-
forschung sei. Wesensunterschiede der beiden Gebiete
des menschlichen Denkens ergeben sich, wie wiederum
Sombart näher ausführt, aus der Verschiedenheit des Stoffes:
„Beherrscht die Natur-Wissenschaft die Tendenz zur Ent-
seelung und Quantifizierung, so die Menschheits-Wissen-
schaft die Tendenz zur Beseelung und Qualifizierung1).“
Das letztere gelte, so sagt man uns von aller Wissenschaft,’
deren Objekt der Mensch ist, insbesondere also auch von
der National-Ökonomie.

Derartige Unterscheidungen sind aber cum grano salis
zu verstehen. In den Menschheits-Erscheinungen wirken
Naturkräfte und Menschenkräfte zusammen, um eine ge-
meinsame Erscheinung hervor zu bringen. Es erklärt sich
daraus auch zum Teil, daß man je nach dem vorherr-
schenden Zuge der Zeit die Erscheinung des Menschen-
lebens bald zu einseitig mit den Mitteln der Natur-Wissen-
schaft zu erklären versucht, bald zu viel Gewicht auf
die Psyche des Menschen und auf ihr Wollen legt. Die
einen lehren, daß der Strom der wirtschaftlichen Ent-
wickelung sich nicht leiten lasse durch menschliches Ein-
greifen, daß er sich vielmehr eigenwillig seinen Weg selbst
bahne, möge der Mensch damit einverstanden sein oder
nicht, während andere lehren, der Wille zur Tat allein
lenke die Welt auch gegen den Strom der wirtschaftlichen
Entwickelung. Diese und jene sehen eben gewöhnlich nur
die eine Seite des Problems und urteilen daher einseitig.

Das ökonomische Wollen des Menschen kennt keine
Grenzen, das ökonomische Können aber muß innerhalb

1) Das Lebenswerk von Karl Marx, 1909, S. 37 f.
        <pb n="12" />
        ﻿6

der dem Menschen erreichbaren Güterwelt bleiben. Und
da der Mensch der homo sapiens ist, schließt er einen
Kompromiß zwischen seinem Können und seinem Wollen
dadurch, daß er mit dem, was er hat, und dem, was er
kann, „haushälterisch“ verfährt, möglichst wenig hingibt,
um möglichst viel dafür zu bekommen. Ein derartiges
wirtschaftliches Verhalten finden wir nun zwar durchaus
nicht bei jedem Individuum, der Herr X z. B. und die
Frau Y mögen sehr dagegen „sündigen“, ja es mag zu-
gegeben werden, daß eine ganze Generation es unter-
läßt, wirtschaftlich zu handeln, aber nur mit der Wirkung,
daß die folgende Generation die Vorfahren ob ihrer Ge-
dankenlosigkeit, ihrer Verschwendung anklagt, für die sie
nun als Nachkommen büßen muß.

So bleibt es jedenfalls wahr, daß der Mensch, wie
wir ihn uns vorstellen als Repräsentanten der
Menschheit, das Handeln nach dem Wirtschafts-
prinzip als ein unentbehrliches Ausstattungsstück seiner
psychologischen Natur betrachten muß. Er zieht ja nur
die Konsequenz aus einer ehernen Notwendigkeit.

Verschärft wird die Wirksamkeit des wirtschaftlichen
Motivs noch durch soziale Einflüsse!), durch die Tatsache,
daß das Gemeinschaftsleben der Menschen den Trieb an-
regt, über die Mitmenschen empor zu kommen, andere
Menschen den eigenen Zweckstrebungen zu unterwerfen,
Macht zu gewinnen, die wiederum ganz besonders mit
den Reichtümern verknüpft ist, deren Gewinnung sich
nicht wohl von dem wirtschaftlichen Prinzip trennen läßt.

In der Tatsache dieses Prinzips liegt ein gut Teil
Erklärung für die gesamte Kulturentwickelung der

1) Vgl. H. Dietzel, Theoretische Sozialökonomik, 1895, S. 27.
        <pb n="13" />
        ﻿7

Menschen überhaupt, sie ist zugleich aber auch die Haupt-
wurzel für die Wissenschaft, die sich mit dem Studium
und der Erklärung des organischen Ineinandergreifens
der menschlichen Einzelwirtschaften befaßt, der Sozial-
ökonomik oder Volkswirtschaftslehre.

Daß Sozial-Ökonomik der beste Titel ist für die Wissenschaft, die
wir im Auge haben, hat Heinrich Dietzel in unwiderlegbarer Weise
nachgewiesen1). Aber auch das Wort Volkswirtschaftslehre läßt sich
rechtfertigen, wenn man bei dem Begriffe Volk eben an die mensch-
liche Gesellschaft, an das Volk denkt und nicht die nationalen Ver-
schiedenheiten entscheidend sein lassen will, wie man das tut, wenn
man von den Völkern spricht. Diejenigen, die das Wort Volkswirt-
schaftslehre wählen, haben als Grund zudem für sich, daß sie ein
Fremdwort vermeiden und deshalb auch dem Laien von vornherein
das Verständnis erleichtern für das, worum es sich handelt zumal das
Beiwort „sozial“ zu allerlei Mißverständnissen verleiten kann. Der
Name National-Ökonomie läßt sich unzweifelhaft viel schwerer ver-
teidigen; von Mayr will allerdings gerade das Wort „national“ unter-
streichen. Die nationale Zusammenfassung des Wirtschaftslebens sei die
bedeutsamste. Sie rage hervor sowohl gegenüber weltwirtschaftlichen
Tendenzen, als gegenüber einseitigen Inseressenbestrebungen innerhalb
des nationalen Ganzen. Dieser nationale Zusammenschluß des wirt-
schaftlichen Lebens sei die wichtigste Erscheinungsform der Volkswirt-
schaft, als des Komplexes der wirtschaftlichen Erscheinungen, die aus
den Wechselbeziehungen der in diesen Zusammenschluß einbezogenen
Einzelwirtschaften sich ergeben1 2). Das trifft gewiß für die Wirtschafts-
politik und für die Wirtschaftsgeschichte zu, aber nicht für die Wirt-
schafts-Wissenschaft, wie sie hier aufgefaßt wird.

Das Prinzip der Wirtschaftlichkeit ist an sich be-
trachtet, losgelöst von den Zufälligkeiten der Umgebung
etwas festgegebenes. „Die Beschränktheit der verfügbaren
und erreichbaren Güterwelt im Verhältnis zur Unbeschränkt-
heit des Begehrens ruft ein wirtschaftliches Verhalten der
Menschen hervor, daß zu gesetzmäßigem Handeln auf

1)	a. a. O. S. 51 ff.

2)	Grundriß zu Vorlesungen über praktische Nationalökonomie,
I. Teil, S. 9.
        <pb n="14" />
        ﻿8

Grund von Wertvorstellungen führt, die durch die psycho-
logische Natur des Menschen bedingt und ihrem Wesen
nach gleichartig sind“1).

Wäre das nicht der Fall, dann ließen sich für das
wirtschaftliche Leben der Menschen allgemeingültige
Erkenntnisse von irgend einem Werte wohl kaum ge-
winnen; man müßte sich vielmehr schließlich mit der
Feststellung begnügen, daß die Menschen von ihrem
freien Willen sehr reichlichen und manchmal recht eigen-
artigen Gebrauch machen.

Aber beschreiben ließen sich dann doch die wirtschaft-
lichen Vorgänge? Man mache den Versuch, man suche
die Wirklichkeit eines Gemüsemarktes z. B. erschöpfend
zu schildern. Man analysiere die einzelnen Verkäufe und
Käufe, die da stattfinden zunächst etwa nach den zu
Grunde liegenden psychologischen Motiven: Bei Fall Nr. 1
haben wir es mit einer Marktfrau zu tun, die im Dienste
ergraut ist, die ihren Kunden schon an der Nase ansieht,
wes Geistes Kind sie sind, sie handelt gerade jetzt mit
einem unkundigen Fremden, wir können sicher sein, daß
sie ihm mindestens 50% „zu viel“ abnimmt; Nr. 2 ist
ein lebenslustiges junges Ding, das nimmt, was es be-
kommen kann, um rasch auszuverkaufen; denn sie weiß, daß
„er“ schon an der nächsten Ecke auf sie wartet; Nr. 3
ein gutmütiger Typus, nimmt eben von einer barmherzigen
Schwester einen kräftigen Händedruck entgegen, als Lohn
für die Außerachtlassung des ökonomischen Prinzips, Nr 4,
eine cholerisch veranlagte Hausfrau, sieht ihre größte Fein-
din vor einem Marktkorbe feilschen, rasch eilt sie hinzu,
und bietet mehr als dem wirtschaftlichen Prinzip entsprechen

1) Philippovich in „Entwickelung der deutschen Volkswirtschafts-
lehre im 19. Jahrhundert“ (Schmollerfestgabe) II. Teil, XXX, S. 51.
        <pb n="15" />
        ﻿9

würde, hat aber dafür auch das wohlige Gefühl, die FrauX.
gründlich geärgert zu haben............

Wir empfinden alsbald, daß wir Unmögliches zu unter-
nehmen versuchten, obwohl Schmoller meint, „volkswirt-
schaftliche Erscheinungen beobachten heißt die Motive der
betreffenden wirtschaftlichen Handlungen usw. klarlegen.“
Nur das bekommen wir ja als allgemeingültiges Resultat
unserer Untersuchung, daß die Menschen kuriose Leute
sind, etwas, was man auch schon ohne eingehende Unter-
suchungen der Wirklichkeit hätte wissen können.

Weil man nun aber doch gerne aus wenig viel machen
möchte, trägt man nur zu gerne in die wissenschaftlichen
Untersuchungen „unkontrollierte Instinkte, Sympathien
und Antipathien hinein“, und noch leichter widerfährt
es den Jüngern der deutschen historischen Schule, so
meinte Max Weber in seiner Freiburger Antrittsrede, „daß
der Punkt von welchem wir bei der Analyse und Erklärung
der volkswirtschaftlichen Vorgänge ausgehen, unbewußt
auch bestimmend wird für unser Urteil darüber“!).

Derselbe Autor führt in einer späteren Arbeit, in seinen
kritischen Studien auf dem Gebiete der kulturwissenschaU.
liehen Logik aus2), wenn man sage, daß die Geschichte
die konkrete Wirklichkeit eines Ereignisses in seiner Indi-
vidualität kausal zu verstehen habe, so sei damit selbst-
verständlich nicht gemeint, daß sie dasselbe in der Ge-
sammtheit seiner individuellen Qualitäten unverkürzt zu
reproduzieren habe, das wäre eine nicht nur praktisch un-
mögliche, sondern prinzipiell sinnlose Aufgabe...............,Es

kommt der Geschichte ausschließlich auf die kausale Er-
klärung derjenigen ,Bestandteile und Seiten1 des betreffen-

1)	Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik, 1895, S. 22.

2)	Archiv für Sozialwissenschaft Bd. XXII, S. 191.
        <pb n="16" />
        ﻿10

den Ereignisses an, welche unter bestimmten Gesichts-
punkten von allgemeiner Bedeutung und deshalb von
historischem Interesse sind.“

Was tür den Vergangenheitsforscher recht ist, muß für
den Gegenwartsforscher billig sein. Die in lebhaftem
Flusse befindliche Gegenwart läßt sich ja erst recht nicht
„allseitig reproduzieren.“

So behandelt denn auch der Sozialökonom in der
Hauptsache nur ei ne Seite des menschlichen Lebens, wenn
anders er wissenschaftlich arbeiten soll und nichts Un-
mögliches leisten will und kann. Ihn interessieren die
Menschen nur, soweit sie wirtschaftlich zu handeln in der
Lage sind. Daß ein solches Isolierverfahren notwendig
ist, um wissenschaftlich brauchbare Begriffe klar und ein-
deutig herauszuarbeiten, kann wohl im Ernste von nie-
mandem geleugnet werden, der wissenschaftlich denkt.

Zutreffend weist auch Lifschitz (Untersuchungen über die Metho-
dologie der Wirtschaftswissenschaft 1909, S. 39) darauf hin, daß die histo-
rische Schule die isolierende Abstraktion bekämpfe „ohne dabei zu achten,
daß selbst nach der historisch-empirischen Methode der Denkprozeß
immer auf die Abstraktion und Isolation angewiesen ist, wenn über-
haupt ein Denken zustande kommen soll.“ Daß es umgekehrt den
„abstrakten“ Nationalökonomen, namentlich auch Ricardo nicht an
„empirischer Weltkenntnis“, an „positivem Studium des Konkreten“ fehlte,
hat Dietzel (a. a. O. S. 106 ff.) in vortrefflicher Weise dargetan.

Daß die Sozialökonomik sich nur mit einer Seite
des menschlichen Lebens zu befassen hat, muß sogar
Knies zugestehen, der von Schmoller den Ehrentitel er-
halten hat „Theoretischer Begründer der historisch-psycho-
logischen modernen deutschen Nationalökonomie“. Von
Knies stammt der häufiger zitierte Satz: „Das Forschungs-
gebiet der Nationalökonomie ist das wirtschaftliche Ge-
meinschaftsleben der Menschen, also einer jener Interessen-
        <pb n="17" />
        ﻿11

bereiche und Tätigkeitskreise, die in ihrer Gesamtheit das
ganze Leben der wirtschaftlichen Persönlichkeit darstellen.“

Wenn so der Sozialökonom seine Arbeitskraft in der
Hauptsache konzentriert auf eine Seite des menschlichen
Daseins, wenn er abstrahiert von einer unübersehbaren
Fülle von anderen Möglichkeiten, so ist deshalb doch sein
„Mensch“ kein abstrakter economical man, sondern ein
Mensch des wirklichen Lebens, von dem er wohl weiß
und auch in Betracht ziehen muß, daß er nicht nur wirt-
schaftlich denkt und fühlt.

Freilich, das Prinzip, das im Vordergründe unserer
Wissenschaft steht, ist nicht ein Motiv, das im Wirtschafts-
leben eben so viel und eben so wenig wiegt, wie irgend
ein anderes, es handelt sich vielmehr um das Haupt-
prinzip, mit dem — ich wiederhole das — gewiß nicht
jeder einzelne Mensch in allen Lagen seines Lebens, aber
doch die Menschheit, solange der Adamsfluch auf ihr
lastet und sie Kulturstreben in sich fühlt, unbedingt rech-
nen muß. Das ist nachdrücklich hervor zu heben, weil
ja unsere Wissenschaft nicht so sehr der Mensch, wie er
uns etwa zufällig auf der Straße begegnet, interessiert,
sondern die Menschen, wie sie uns als typische Indi-
viduen einer Gruppe gegenüber treten, als Arbeiter, Unter-
nehmer, Kapitalisten, als Landwirte, Handwerker, Kaufleute
als Angehörige des Staates, der Nation, der Rassen.

Und noch eins muß hier gesagt werden: Wirtschaft-
liche Motive sind keineswegs ausschließlich egoistische
Motive. Dies hebt Marshall mit Recht hervor1). Er
meint dabei zugleich, daß hier einer der Punkte sei, wo
ein Teil der deutschen Sozialökonomen die älteren eng-

1) Handbuch der Volkswirtschaftslehre, übersetzt von Ephraim
und Salz, 1905, S. 70.
        <pb n="18" />
        ﻿12

lischen Schriftsteller mißverstanden habe, von denen man
noch heute zuweilen behauptet, daß sie den Egoismus zum
regulierenden Faktor im Wirtschaftsleben hätten machen
wollen. Marshall mißt die Schuld an diesem Mißver-
ständnis seinen englischen Landsleuten bei, freilich, mit
einer Motivierung, die für das Volk der Denker, so nennt
man ja die Deutschen, nicht gerade schmeichelhaft ist: „Es
ist eine englische Gewohnheit, dem Nachdenken des Lesers
viel zu überlassen“, in diesem Falle sei man aber dabei
zu weit gegangen und habe dadurch zu häufigen Irrtümern
Anlaß gegeben.

Ist man sich über die theoretischen Grundprinzipien
unsererer Wissenschaft einigermaßen klar, dann kann man
es ruhig dem wissenschaftlichen Taktgefühle des einzelnen
überlassen, die Grenze für das Arbeitsgebiet zu ziehen,
insbesondere zu entscheiden, ob man sich beschränken
soll auf rein wirtschaftliche Vorgänge, oder ob darüber
hinaus auch „ökonomisch relevante“ und „ökonomisch be-
dingte Erscheinungen“ (Max Weber) in den Kreis der Be-
trachtungen hinein zu ziehen sind •). Die Flauptsache ist
nur, daß wissenschaftliche Aufgaben in wissen-
schaftlichem Sinne gelöst werden.

Dabei wird man sich vor allem an den Satz zu erinnern
haben: scientia est per causas scire. Mag man immerhin

1) Es zeugt von sehr mangelhaftem Kennen der Klassiker, wenn
man behauptet, daß sie bei ihren Argumentationen nur rein wirtschaft-
liche Ideen und Vorgänge berücksichtigt hätten. So weist z. B. Ricardo
auf die natürlichen Abneigung hin, welche jedermann gegen das Ver-
lassen seines Landes, wo er geboren und bekannt ist; „diese Gefühle,
deren Schwinden ich nur bedauern würde, bestimmen die meisten Kapi-
talisten, sich lieber mit einer niedrigen Profitrate in der Heimat zu be-
gnügen, als nach einer vorteilhafteren Anlage ihres Vermögens bei
fremden Nationen zu suchen.“ Ricardo. Grundsätze, Kap. VII.
        <pb n="19" />
        ﻿13

das Darstellen, Beschreiben, Erzählen der Einzelerschei-
nungen „Wissenschaft“ nennen, insofern man dadurch die
äußere Erscheinungsform erkennt und feststellt und den
äußeren Zusammenhang zum Ausdruck bringt; eine
höhere Stufe der Wissenschaft ist es dann auf jeden
Fall nach dem Grunde der Erscheinungen, nach der Er-
klärung ihres Zusammenhanges zu forschen, das zu
suchen, was man das innere Wesen der Erscheinungen
genannt hat.

Selbst wenn jemand auf Grund einer langen Reihe
von Beobachtungen den Mut findet, eine Regelmäßigkeit
zu konstatieren, so ist damit doch für die sozialökonomische
Wissenschaft wenig gewonnen, wenn uns nicht gleichzeitig
das Kausalitätsverhältnis enthüllt wird. Die treibenden
Ursachen der volkswirtschaftlichen Erscheinungen müssen
wir erkennen: „erst wenn dies gelungen ist“, ich zitiere
Lexis!), „erhält die beobachtete Regelmäßigkeit für uns
eigentlich wissenschaftliche Bedeutung.“

Wie könnte man aber den Kausal-Zusammenhang
aufdecken, ohne die störenden Nebenursachen und Zu-
fälligkeiten auszuschalten, ohne mit anderen Worten, die
Isolier-Methode anzuwenden! Daß „mit der allbeherr-
schenden Kausalität“ die Teleologie als heuristisches
Prinzip durchaus verträglich ist, betont Schulze-Gävernitz
mit Recht1 2). Die National-Ökonomie, so meint er, be-
diene sich beispielsweise des teleologischen Begriffes der
Wirtschaft, das heißt der Güterversorgung zum Zwecke
der menschlichen Lebenserhaltung. Indem sie hierdurch
ihr Gebiet gegen andere Wissenschaften abgrenze, werde

1)	Schmoller-Festgabe, Teil I, S. 39.

2)	Marx oder Kant? 2. Aufl. 1909, S. 29.
        <pb n="20" />
        ﻿14

sie einer streng kausalen Erklärung der sie interessierenden
Vorgänge keineswegs untreu. Daß darüber hinaus eine
Zwecksetzung, die außerhalb des Erkenntnis Zweckes
liegt, für unsere Wissenschaft von bedenklichen Folgen
begleitet sein kann, wird in späterem Zusammenhänge
eingehender erörtert werden müssen.

Es soll nicht geleugnet werden, daß die Isolier-Methode
die Gefahr in sich schließt, daß der Forscher sich in seine
Begriffswelt einkapselt, die Fühlung mit dem praktischen
Leben verliert, das wir doch gerade durch unsere
Wissenschaft besser verstehen lernen wollen. Geistiges
Beherrschen der Tatsachenwelt, keine Gedankenspielerei,
das muß eine entschiedene Maxime für unsere wissen-
schaftliche Arbeit sein. Diesem Zwecke dient namentlich
ein andauerndes Vergleichen der Wirklichkeit mit dem,
was sich aus dem isolierenden Verfahren ergibt, so zwar,
daß die Tatsachen nicht in das Prokustesbett der Theorie
hineingezwungen werden, sondern in der Weise, daß die
Tatsachen die richterliche Instanz für den Wert oder Un-
wert der Theorie bilden. Richtiges Denken und richtiges
Sehen sind die Instrumente des sozialökonomischen For-
schers, die beide zusammen wirken müssen, wenn keine
Pfuscherarbeit geliefert werden soll.

Ergeben sich von der Theorie in der Praxis Ab-
weichungen, die einen regelmäßigen Charakter zu tragen
scheinen, so wird dafür der Grund zu suchen sein. Es wird
u. a. berücksichtigt werden müssen, was man wenig präzis,
aber allgemein verständlich „Volksgeist“ und „Zeitgeist“ ge-
nannt hat; sorgfältig wird ferner zu untersuchen sein, ob die
Motive zu kollektiven Handlungen, die in unserem Zeitalter
unzweifelhaft eine steigende Bedeutung haben, neue An-
regung zur Aufdeckung von volkswirtschaftlichen kausalen
        <pb n="21" />
        ﻿15

Zusammenhängen geben können. Gerade hier, wie auch
sonst noch vielfach, bleiben wichtige erkenntnis-theoretische
Vorfragen für den sozial-ökonomischen Gelehrten zur Beant-
wortung übrig. Während Marshall meint'), daß die Erwei-
terung des Gebietes der öffentlichen Tätigkeit für das öffent-
liche Wohl mit der Verbreitung der Genossenschaftsbewe-
gung und anderer Arten des freiwilligen Zusammenschlusses
sich so entwickle, daß dadurch den National-Ökonomen
neue Gelegenheit eröffnet werde „Motive zu messen, deren
Tätigkeit auf irgend ein Gesetz zurückzuführen früher un-
möglich war,“ vertritt Schumpeter2) die Ansicht, daß die
soziale Betrachtungsweise, die er selbstredend von der-
jenigen der Berücksichtigung sozial-politischer Momente
streng geschieden wissen will, für die rein theoretischen
Gedankengänge weder wesentlich neue Ergebnisse, noch
sonst irgend welche wesentliche Vorteile zu bieten scheine,
was durch den Umstand bestätigt werde, und darin wird
man ihm jedenfalls recht geben müssen, daß ja doch
niemand „mit ihr Ernst mache.“

Eine Frage will ich hier gleich einschalten, deren Be-
antwortung für das Verständnis der wissenschaftlichen
Aufgaben der Sozial-Ökonomik von wesentlicher Bedeu-
tung ist: Kann man von wirtschaftlichen „Naturgesetzen“,
überhaupt von Gesetzen im Gebiete unserer Wissenschaft
sprechen?

Mit aller Schärfe verneinte diese Frage kürzlich
K. Diehl bei Gelegenheit seiner Freiburger Antrittsrede;i):

1)	a. a. O. S. 73.

2)	Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen National-
ökonomie, 1908, S. 596.

3)	Veröffentlicht in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und
Statistik, 1909, S. 289 ff
        <pb n="22" />
        ﻿16

„Nie dürfen wir von Naturgesetzen reden, wenn wir volks-
wirtschaftliche Erscheinungen betrachten.“ Nicht nur lehnt
Diehl die sogenannten „ewigen“ Naturgesetze ab, sondern
auch „wirtschaftliche Gesetze innerhalb bestimmter histo-
risch rechtlicher Epochen“. Dieses Urteil ist um so be-
achtenswerter, weil Diehl zu den wenigen deutschen
Nationalökonomen gehört, die auch während der Blütezeit
des Historismus die Notwendigkeit des theoretischen Den-
kens für die Volkswirtschaftslehre in den Vordergrund
rückten. Ganz sicher hat jedenfalls Diehl recht, wenn er
meint, daß die schlechten Erfahrungen, die man in der
Wirtschaftspolitik mit den sogenannten Gesetzen der poli-
tischen Ökonomie machte, dem Ansehen unserer Wissen-
schaft sehr geschadet hätten. Ich glaube aber, daß dabei
der größere Teil der Schuld die Praxis insofern trifft, als
sie den Sinn des Wortes „Naturgesetz“ manchmal arg
mißverstanden hat. Das gilt auch von Prince Smith,
wenn er den Satz schreibt, den Diehl zitiert: „Für feste
Ordnung im Wirtschaftsganzen, für die vollste Betätigung
aller produktiven Kräfte und für angemessene Beteiligung
an den erarbeiteten Befriedigungsmitteln ist durch die
volkswirtschaftlichen Naturgesetze gesorgt.“ Man kann
eine derartige Vorstellung von einem naturnotwendigen
Handeln im wirtschaftlichen Leben nicht energisch genug
zurückweisen; Gesetze in diesem Sinne gibt es nicht.
Aber an solche Gesetze glaubt doch wohl auch heute kaum
ein ernstzunehmender Vertreter der Volkswirtschaftslehre.

Faßt man aber Gesetz in dem Sinne, wie es die
meisten neueren Theoretiker tun, „als den Ausdruck für
eine infolge der Macht wirtschaftlicher Zusammenhänge
aus gewissen Motiven sich ergebende regelmäßige Wieder-
kehr wirtschaftlicher Erscheinungen“ (Neumann), als die
        <pb n="23" />
        ﻿17

„Konstatierung von Tendenzen“ (Marshall), so ist auch
gegen die Aufstellung von wirtschaftlichen und sozialen
„Gesetzen“ nichts einzuwenden, es sei denn der nahe-
liegende Mißbrauch, der von Unkundigen mit dem Worte
„Gesetz“ getrieben werden kann. Ein anderes Wort, am
besten vielleicht „Tendenz“, würde diese Bedenken be-
seitigen. !)

Es wurde bereits betont, daß der Aufgabenkreis für
die sozialökonomische Forschung nicht ein für allemal
festgelegt werden kann, daß dabei vielmehr der Individualität
der Forscher Rechnung getragen werden muß, dasselbe gilt
für das „System“, das heißt: für die Ordnung der Ge-
dankenentfaltung. Wiederum unter der Voraussetzung, daß
die „Ordnung“ auch eine wirkliche Ordnung ist. Die Be-
deutung einer wohldurchdachten Systematik darf nicht
unterschätzt werden, sie erleichtert unzweifelhaft nicht
nur das Nach- und Mitdenken des Lesers, sondern auch
die eigene Denkarbeit des Forschers. Nicht als Muster,
sondern nur als Beispiel, um eine Vorstellung zu ver-
mitteln von den wissenschaftlichen Einzelaufgaben der
Volkswirtschaftslehre gebe ich hier eine kurze Skizze des
Systems, wie es mir persönlich angemessen zu sein
scheint.

1) Über „volkswirtschaftliche Gesetze“ orientiert am besten Neu-
mann in seinen Aufsätzen „Natur- und Wirtschaftsgesetz“ (Zeitschr. für
die gesamten Staatswissenschaften 1892 und „Wirtschaftliche Gesetze
nach früherer und jetziger Auffassung“ (Jahrbücher für Nationalökonomie
und Statistik, 1908), vgl. ferner marshall a. a. O. S. 87ff., Pesch,
Nationalökonomie I S. 443ff., LifschüTz a. a. O., Kap. V: „System und
Gesetz“. Sehr beachtenswert sind auch die Ausführungen, die Sombart
(Lebenswerk von Karl Marx S. 42ff.) den „Gesetzen“ für Naturwissen-
schaft einerseits, für Menschenwissenschaft andererseits widmet.

Weber, Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft.	2
        <pb n="24" />
        ﻿18

Es wird ein grundlegender und ein ausführender Teil
zu unterscheiden sein. Die Grundlegung hat sich zunächst
zu befassen mit dem wirtschaftenden Menschen, wobei
auszuführen ist, inwiefern, und warum er dem Prinzip der
Wirtschaftlichkeit untersteht, wobei aber auch gleich zu
betonen ist, daß Wirtschaftsmenschen „nicht wesenlose
Schemen sind, sondern Typen der Wirklichkeit, deren
Abstufung von einem Morgan oder Pereire bis zum
polnischen Tagelöhner oder Elsässer Hausknechte geht“').
Es wären dann die großen Modifikationen des Wirtschafts-
prinzips zu erörtern, und zwar a) die wirtschafts-geogra-
phischen Individualitäten, die Verschiedenheiten, die sich
ergeben, wenn man die einzelnen Länder und die ein-
zelnen Rassen beobachtet in ihrem „Kampfe um den
Futteranteil“ vermöge der natürlichen Unterschiede,

b)	der Einfluß der Volksziffer; in einer volksarmen Volks-
wirtschaft wird das Prinzip der Wirtschaftlichkeit unter
übrigens gleichbleibenden Umständen andere Formen an-
nehmen müssen, als in einer volksreichen Volkswirtschaft;
die Theorie des Malthus würde hier die gebührende Be-
rücksichtigung finden, c) die Anpassung an die soziale
Umgebung; dabei wäre — Beispiele können hier nur an-
gedeutet werden — die Lehre von der Lebenshaltung zu
erörtern, der Widerstand, den die Menschen einer Herab-
setzung ihrer Lebenshaltung entgegensetzen, ist für die
Erklärung des wirtschaftlichen Seins besonders nutzbar
zu machen. Aber auch noch andere Probleme müssen
in diesem Paragraphen ihre Erledigung finden: wie Sitte
und Gewohnheit zu treibenden Kräften im volkswirtschaft-
lichen Leben werden können, wie der Glaube an Utopien
und Ideale hier hemmend, dort fördernd wirkt usw. Es

1) Plenge, System der Verkehrswirtschaft, 1903, S. 25.
        <pb n="25" />
        ﻿19

müßte sich anschließen d) die Untersuchung, wie der
wirtschaftende Mensch sich der Rechtsordnung anpaßt und
wie dies auf die Volkswirtschaft einwirkt. Hier erhält
auch der Staat seine Position in dem Systeme der Volks-
wirtschaftslehre.

Entscheidend ist natürlich nicht der Wortlaut der Gesetze, die
Form der Staatsverfassung, sondern die Art und Weise, wie die Ge-
setze angewandt werden und wie sich die Menschen in der äußeren
Form der Verfassung tatsächlich bewegen, daher der Ausdruck „An-
passung“.

Das folgende Kapitel trägt die Überschrift „Die wirt-
schaftlichen Güter und ihr Wert“, hier wären die unerläß-
lichen Grundbegriffe in ihrem Zusammenhänge kurz zu
erörtern und zugleich könnte man an leicht greifbaren
Beispielen zeigen, wie unökonomisch Begriffsspielerei
auch in unserer Wissenschaft ist. Eine Darlegung der
Grundprinzipien der wirtschaftlichen Organisation, des „In-
dividual-Prinzips“ einerseits des „Sozial-Prinzips“ anderer-
seits, sowie der möglichen Mischformen, namentlich des
„Solidarismus“ beschließt die Grundlegung.

Die eigentliche Ausführung gliedere ich in vier Teile:

1.	Der Güterbedarf.

2.	Die Bereitstellung der Güter.

3.	Das Ergebnis des wirtschaftlichen Güter-Prozesses:
der Volksreichtum und seine Verteilung.

4.	Der Rhythmus im wirtschaftlichen Leben.

Diese Einteilung unterscheidet sich wesentlich von
der üblichen, die die wirtschaftlichen Sozial-Phänomene
auf vier Grundtypen zurückführt: Produktion, Distribution,
Zirkulation und Konsumtion, mit der Begründung, zuerst
müßten die Güter produziert werden, dann könne man sie
austauschen, verteilen, verzehren. Gegen dieses System
hat neuerdings Hasbach einen entschiedenen, und wie mir

2*
        <pb n="26" />
        ﻿20

scheint in der Hauptsache durchaus gelungenen Angriff
unternommen'). Er geht davon aus, daß die eigentliche
Triebkraft der gesellschaftlichen Wirtschaft die Nachfrage
sei. Da die Güterhervorbringung von der Nachfrage ab-
hängig sei1 2), so könne die Lehre von der Produktion nicht
den anderen Stoffgruppen vorangehen. Die dieser An-
ordnung zugrunde liegende Auffassung sei fehlerhaft, weil
sie den technischen mit dem wirtschaftlichen Standpunkt
verwechsele, technisch müßten die Güter zuerst hervor-
gebracht sein, ehe sie verzehrt werden können. Der Ent-
schluß aber, ein Gut hervorzubringen sei wirtschaftlicher
Art. Hasbach unterscheidet nun vier Arten der Güter-
verzehrung und gliedert entsprechend den Inhalt der „Güter-
verzehrungs-Lehre“: 1. die unbeabsichtigte Güterverzeh-
rung (sie bewirkt einen schlechthinnigen Verlust), 2. die
beabsichtigte Verzehrung der Genußgüter (ihre Wirkung
ist die Befriedigung der Bedürfnisse), 3. die beabsichtigte
Verzehrung der produktiven Güter (reproduktive Verzehrung,
deren beabsichtigte Wirkung Entstehung von Gütern von
höhrem wirtschaftlichem Wert ist, als die produktiven
Güter haben), 4. das Sparen.

Ohne mich in eine Kritik dieser Gruppierung hier
einzulassen, will ich nur bemerken, daß ich Hasbach folge
insofern, als ich die Lehre vom Güterbedarf der Lehre von
der Produktion, oder wie man besser sagen wird, der
Lehre von der Bereitstellung der Güter voranschicke. Ich
gliedere dann den Abschnitt Güterbedarf folgendermaßen:

1)	„Güterverzehrung und Güterhervorbringung“ 1906.

2)	Das wurde schon früher häufiger betont, so nennt z. B. Lexis
in Schönbergs Handbuch (2. Aufl. I. Bd. S. 698) die Konsumtion, die
Fünktion, „welche die Produktion und somit den volkswirtschaftlichen
Prozeß überhaupt im Gange hält.“ Vgl. auch Plenge a. a. O. S. 19.
        <pb n="27" />
        ﻿21

I.	Der konsumtive und der reproduktive Güterbedarf.

II.	Die Elastizität der Bedürfnisse:

a)	Existenzbedarf und Luxusbedarf,

b)	Sparen und Verschwendung,

c)	die Geschmacksänderung (die Mode).

III.	Die wirtschaftliche Ordnung der Güterverzehrung:

a)	der Haushalt,

b)	die Organisation der Konsumenten.

IV.	Der Zufall als Gütervernichter; die Güterver-
sicherung.

Bei der Lehre von der Güterproduktion hält man sich
„seit Menschengedenken“ an den drei sogenannten Fak-
toren der Produktion: Land oder Natur, Kapital und Arbeit.
In neuerer Zeit fühlt man immer mehr, daß man mit dieser
Dreiteilung nicht auskommt, so will z. B. Biermann1) fünf
Elemente der Produktion unterscheiden, 1. die Natur, oder
die organische Kraft, 2. die Produktionsanlage und Werk-
zeuge, 3. das Kapital (worunter Biermann “werbende Geld-
summen“) versteht, 4. die exekutive Arbeit des Lohn-
arbeiters, 5. die Konjunktur. Diese fünf Produktions-Ele-
mente sind aber nach Biermann an sich ohne irgend
welche „motorische Kraft“. Sie sind „latente Kraftträger“,
die von einem lebendigen Produktionsfaktor, von einer
ökonomischen Intelligenz in Bewegung gesetzt werden
müssen. Julius Wolf meint1 2), daß an der Produktion
von Gütern notwendig beteiligt seien, nicht bloß die drei
Produktions-Faktoren (Natur, Arbeit, Kapital), sondern in
verschiedener Funktion, erstens Produktions-Elemente

1)	„Zur Lehre von der Produktion und ihrem Zusammenhang mit
der Wert-, Preis- und Einkommenslehre“, 1904.

2)	„Nationalökonomie als exakte Wissenschaft“, 1908, S. 15 f.
        <pb n="28" />
        ﻿22

(Stoffe), aus denen das Produkt sich aufbaut: Natur, Arbeit
in ihrem stofflichen Teile und Kapital, zweitens Produk-
tionskräfte: Arbeit in ihrem „ideellen Teile, das heißt
dispositive Arbeit und „technische Idee“ (schöpferische
Arbeit), drittens Produktions-Bedingungen, die die
Umgebung darstellen, in der die Verbindung der Elemente
sich vollzieht. Marshall bleibt zwar im wesentlichen
der Dreiteilung treu, zählt aber zum Kapital auch die ge-
schäftliche Organisation, welche für gewisse Zwecke be-
sonders untersucht werden müsse. Daher gibt er dem
vierten Buche des ersten Bandes seines Handbuches die
Überschrift: Die Faktoren der Produktion, Land, Arbeit,
Kapital und Organisation.

Für meine Systematik der Lehre von der Güter-
erzeugung möchte ich als Ausgangspunkt den Satz neh-
men, mit dem Adam Smith seine Untersuchungen über
die Natur und Ursachen des Volksreichtums beginnt:
„Die Arbeit, welche jede Nation jährlich verrichtet, ist
der Fonds, der sie ursprünglich mit allen von ihr jährlich
verbrauchten Notwendigkeiten und Bequemlichkeiten des
Lebens versorgt.“ Das ist der Grundgedanke, der sich
durch die Lehre von der Güterhervorbringung hindurch-
ziehen muß, die ich folgendermaßen disponiere:

1. Das wirtschaftliche Können des Menschen und
dessen sachliches Ergebnis (Produktivität der Arbeit), die
schöpferische, „dispositive“ Arbeit, und die ausführende,
„exekutive“ Arbeit, der materielle und der ideelle Cha-
rakter der Arbeit, die Arbeitspflicht und die Arbeitsfreude;
gesondert wären dabei namentlich zu behandeln:

a)	die physiologischen und psychischen Bedingungen
und Grenzen der wirtschaftlichen Entfaltung der
Menschenkraft;
        <pb n="29" />
        ﻿23

b)	die Erhaltung und Ausbildung der menschlichen
Wirtschaftskräfte;

c)	die wirtschafts-geographische Verteilung dieser Kräfte.

2.	Die Hilfsmittel des wirtschaftenden Menschen:

a)	wirtschaftliche Hilfsmittel: das Kapital;

b)	technische Hilfsmitttel: Arbeitsteilung, Maschinen-
wesen.

3.	Die Organisation der sachlichen und persönlichen
Produktivkräfte, insbesondere die Unternehmung.

Die Lehre von der Güterhervorbringung ist nun aber
wieder nur ein Bruchstück aus der Lehre von der „Bereit-
stellung der Güter“, die ich einteile in

a)	die Bedarfsweckung (Reklame im weiteren Sinne)
und Bedarfsberechnung (insbesondere die Speku-
lation) ;

b)	die Güterhervorbringung;

c)	der freie Wettbewerb und seine Einschränkungen
(Markt und Preisbildung);

d)	der Tauschverkehr und seine Hilfsmittel (Handel,
Geld- und Kreditwesen, Bank und Börsen, Trans-
portwesen).

Es folgt der dritte Abschnitt: „Das Ergebnis des
wirtschaftlichen Güterprozesses“: Volksreichtum und Volks-
einkommen. Auch hier ergeben sich ernste Bedenken
gegen die übliche Einteilung der Einkommensarten:
Grundrente, Kapitalzins, Unternehmergewinn, Arbeitslohn.
Der Unternehmergewinn ist beispielsweise zum Teil Lohn,
zum Teil in seinem Wesen der Grundrente als unver-
dienter Differenzialgewinn verwandt, zum Teil nähert er
sich dem Kapitalzins, wenigstens in der rohen Form wie
dieser uns in der empirischen Wirklichkeit entgegentritt
insofern hier wie dort meist eine Risiko-Prämie gezahlt
        <pb n="30" />
        ﻿24

wird. Aber auch praktisch ergeben sich aus der bis-
herigen Einteilung Schwierigkeiten: inwiefern ist die Di-
vidende des Aktionärs, der Gewinn des „stillen Teilhabers
ohne Branchenkenntnis“, die Tantieme des Aufsichtsrates,
das Gehalt des Direktors, „Unternehmergewinn“? Ebenso
ist das Wort Grundrente sehr leicht allerlei Mißverständ-
nissen ausgesetzt, die vermieden werden können. Ich
halte es daher für durchaus verständig, wenn Julius
Wolf in seiner Theorie der Einkommen die gebräuch-
liche Unterscheidung der „Einkommen“ fallen läßt, weil
die einzelnen Glieder ungleichwertig sind. Der von ihm
vorgeschlagenen Sechsteilung (Erfinderlohn, Arbeiter-
einkommen, Fruchteinkommen, Glückseinkommen, Beute-
einkommen, Zehreinkommen)') möchte ich mich aber
nicht anschließen; ich begnüge mich vielmehr mit folgen-
der Einteilung:

a)	Arbeitseinkommen,

b)	Kapitalzins,

c)	Risikoprämie,

d)	Vorzugsrente.

Es läßt sich rechtfertigen, dazu als fünfte Gruppe
das „Beuteeinkommen“ im Sinne Wolfs zu nehmen.

Die nähere innere Begründung dieser Systematik
kann natürlich hier nicht gegeben werden. Ich werde bei
anderer Gelegenheit ausführlich darauf zurückkommen
müssen.

Die Untereinteilung des vierten Abschnittes endlich:
Die Lehre vom Rhythmus im wirtschaftlichen Leben ergibt
sich von selbst: a) Die regelmäßigen Schwankungen
im Wirtschaftsleben: Winter und Sommer, die sogenannte

1)	a. a. O. S. 116.
        <pb n="31" />
        ﻿25

Saison-Beschäftigung etc. b) Die Zufallsstörungen im
Wirtschaftsleben: Depressionen und Krisen.

Bei den bislang skizzierten Gedanken hatte ich
wiederholt meinen Widerspruch gegen hergebrachte und
gegen herrschende Meinungen zum Ausdruck zu bringen,
umsomehr liegt mir daran, zu betonen, daß die Grund-
gedanken, die ich hier ausspreche und verteidige,
durchaus nicht neu sind — sie sind im Wesen verwandt
mit den Lehren der „Klassischen National - Ökonomie“,
die es m. E. nur fortzubilden, nicht zu überwinden gilt.

Dieser Name ist allgemein gebräuchlich, um die
sozial-ökonomische Richtung zu kennzeichnen, die Adam
Smith, Ricardo, Malthus ihre Führer nennt. Der Grund
für die Benennung „klassisch“ liegt, so meint wenig-
stens Brentano '), in gewissen Eigentümlichkeiten, welche
der klassische National-Ökonomie mit den klassischen
Richtungen auf anderen Gebieten menschlichen Schaffens
gemein seien. Ebenso wie beispielsweise die klassische
Bildhauerei, habe die klassische National-Ökonomie einen
von allen Besonderheiten des Berufs der Klassen der
Nationalitäten und Kulturstufen freien Menschen geschaffen.
„An Stelle des wirklichen Menschen ist ein abstrakter
Mensch getreten — gibt man der Figur mit der Schaufel
statt dieser einen Geldbeutel in die Hand, so ist die Ab-
straktion plötzlich ein Kaufmann, wie sie vordem ein
Bauer gewesen ist.“

Diese Auffassung von der klassischen National-Öko-
nomie stimmt zwar nicht ganz, aber sie war und ist weit

1) Die klassische Nationalökonomie (Vortrag gehalten beim Antritt
des Lehramts an der Universität Wien), 1888, S. 3. Vgl. dazu: Schüller,
Die klassische Nationalökonomie und ihre Gegner, 1895.
        <pb n="32" />
        ﻿26

verbreitet und wurde somit zu einem Grunde für die „Über-
windung“ des Klassizismus, der allerdings namentlich durch
die Form der Darstellung, das gilt insbesondere für Ricar-
do, Mißverständnissen mancherlei Art Tür und Tor öffnete.

Allgemein bekannt ist, daß die klassische National-
ökonomie in Deutschland enttront wurde, wenn sie bei
uns überhaupt jemals auf dem Trone gesessen hat,
durch die „historisch-ethische“ Richtung. Bekannt ist auch,
daß diese Richtung bis in die Gegenwart hinein namentlich
aber in der Zeit 1870—1900 sozusagen „omnipotent“ war.

Der anerkannte Meister dieser Schule, Schmoller,
trug trotz seiner fast sprichwörtlich gewordenen Vorsicht
in der Ausdrucksweise kein Bedenken, 1897 bei Antritt
des Rektorats der Berliner Universität den Satz zu ver-
künden: „Es hieße sich dem Fortschritt und der Entwick-
lung entgegenstellen, wenn man absterbende, überlebte
Richtungen und Methoden den höher stehenden und
ausgebildeteren gleichstellte“: „Weder strikte Smithianer
noch strikte Marxianer können heute Anspruch darauf
machen, für vollwertig gehalten zu werden. Wer nicht auf
dem Boden der heutigen Forschung, der heutigen gelehrten
Bildung und Methode steht, ist kein brauchbarer Lehrer.“

Ein stolzes Siegesbewußtsein klang aus diesen Worten
hervor. Ein kühneres Votum über die Entwicklungsmög-
lichkeit einer in vollem Flusse befindlichen Wissenschaft
dürfte wohl selten von einem geistigen Führer ausge-
sprochen worden sein.

Die historisch-ethische Schule wollte historisch, ethisch,
psychologisch mehr bieten als die Klassiker; sie strebte
eine „breitere, sicherere Kenntnis der Wirklichkeit an“ &gt;),

1) Dieser Optimismus hinsichtlich der wissenschaftlichen Möglich-
keiten ist umso erstaunlicher, weil die Führer der in Rede stehenden
        <pb n="33" />
        ﻿27

sie wollte „die Volkswirtschaft wieder in richtigem Zu-
sammenhänge mit der ganzen übrigen Kultur verstehen
lernen.“ Man ging zu dem Zwecke an die „methodische
Einzelforschung“ und „realistische Detailforschung in der
Wirtschafts-Geschichte“ und 1897 glaubte auch Schmoller
an den Erfolg dieser Bemühung: „Die Volkswirtschafts-
lehre“, so meinte er damals, „ist aus einer bloßen Markt-
und Tauschlehre, einer Art Geschäfts-National-Ökonomie,
welche zur Klassenwaffe der Besitzenden zu werden drohte,
wieder eine große moralisch-politische Wissenschaft
geworden.“ Den Erfolg dieser Metamorphose für die
wissenschaftliche Erkenntnis, für die Summe der fest-
stehenden Wahrheiten schätzte Schmoller offenbar sehr
hoch ein. Der Bestand dessen, was heute von allen als
gesicherte Wahrheit anerkannt werde, sei ganz erheblich
gewachsen; viele Kontroversen seien aus der wissenschaft-
lichen Diskussion verschwunden. Als einziges Beispiel
dafür wurde in der Rektoratsrede die Kontroverse „über
Schutzzoll und Freihandel“ genannt. — Wenige Jahre
später hat es sich ja in so drastisch deutlicher Weise ge-
rade bei diesem Punkte offenbart, daß Schmoller doch
viel zu optimistisch über „feststehende Wahrheiten“ in
der deutschen National-Ökonomie urteilte.

Im ganzen wird, so glaube ich, kaum ein begründeter
Widerspruch laut werden gegenüber folgender Äußerung-

Richtung selbst die ungeheuer großen und dauernden Variationen der
„empirischen Welt“ hervorhoben; ich zitiere zum Belege nur zwei Sätze
aus Schmollers Streitschrift gegen Treitschke: „Ehe und Eigentum sind
äußere Formen des positiven Rechts, in welchen die sittliche Idee sich
darstellt; aber es sind Formen, die selbst in ewiger Umbildung be-
griffen sind“. . . „Jede Zunahme der Bevölkerung, jede große Än-
derung der Technik, des Verkehrs erzeugt notwendig eine andere volks-
wirtschaftliche Lebensordnung“. . . Grundfragen S. 41 bezw. S. 53.
        <pb n="34" />
        ﻿28

von Gustav Cohn, der selbst Anhänger der ethischen
Richtung ist: „Wenn irgend etwas unfruchtbar an ,exakten1
Wahrheiten für unser Fach gewesen ist, so ist es die ganze
historische Forschung älteren, neueren und neuesten Da-
tums“ !). Ob dieses wissenschaftliche Manko — mir we-
nigstens scheint es ein solches zu sein — wett gemacht
.werden kann durch erfolgreiche politische Taten der
National-Ökonomen, wird später zu prüfen sein.

Die Stimmen derer, die direkt oder indirekt zugeben,
daß man die Klassiker, insbesondere den Meister des
Isolierverfahrens Ricardo schlechter machte, als sie es ver-
dienten, mehren sich, man sieht immer deutlicher ein, daß
die Klassiker mit ihrer Methode durchaus nicht auf falschem
Wege waren. Max Weber, ein „Jünger der historischen
Schule“ weist entschieden den einst so beliebten Spott
über die sogenannten Robinsonaden der abstrakten Theorie
zurück, scharfe genetische Begriffe müßten notwendig
„Idealtypen“ sein1 2). Schulze-Gävernitz, der doch auch
nicht vom Klassizismus ausgegangen ist, findet den Ver-
such, „auch die gesellschaftliche Phänomene naturwissen-
schaftlicher Betrachtung zu unterwerfen, durchaus berech-
tigt.“ Er meint in seiner jüngsten Schrift:3) „Es liegt auf
der Hand, daß die Isolier-Methode der national-ökono-
mischen Klassiker, wie sie z. B. Dietzel wieder meister-
haft handhabt, ebenso wie die Wert-Psychologie der Öster-
reicher durchaus in dieser Richtung geht. Was dem Natur-
forscher das Experiment, das leistet dem National-Öko-

1)	„Über den wissenschaftlichen Charakter der Nationalökonomie“
Archiv f. Sozialwissenschaft Bd. XX, S. 477.

2)	,Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer
Erkenntnis“, Archiv f. Sozial. Wissenschaft XIX S. 70 und S. 82.

3)	„Marx oder Kant“, S. 30.
        <pb n="35" />
        ﻿29

nomen der „Idealtypus“ des zu analysierenden Vorganges;
in beiden Fällen wird der Ideal-Vorgang, der im Leben
nur selten, vielleicht nie in völliger Reinheit vorliegt,
,isoliert1. Der National-Ökonom stellt den .einheitlichen,
rein-wirtschaftlichen1 Kausal-Zusammenhang fest, welcher

zum ,Gesetz1 verallgemeinert werden soll..........“ Man

erinnert sich hier ferner daran, daß Lujo Brentano, der
einst nicht wegwerfend genug über die Klassiker urteilen
konnte, heute weit milder über sie urteilen muß. Er
schrieb 1888 den Satz: „Der Unterschied zwischen den
Merkantilisten und den klassischen National-Ökonomen
besteht bloß in den Mitteln, welche zur Erreichung der
Ziele empfohlen werden. Und hier verdienen die Merkan-
tilisten entschieden den Vorzug, indem sie bei ihren Vor-
schlägen die konkreten Verhältnisse berücksichtigten, in
denen der wirtschaftliche Egoismus sich betätigen soll,
während die klassischen National-Ökonomen nur den ab-
strakten Menschen im „luftleeren Raum vor Augen haben 1).a
Dieser selbe Gelehrte stützt sich bekanntlich in seinem
Kampfe gegen den Schutzzoll nunmehr sehr wesentlich
auf den Abstraktesten der Abstrakten, auf Ricardo ! Und
klingt auch nicht G. F. Knapps „Staatliche Theorie des
Geldes“ wie eine Art Absage gegenüber der in Deutsch-
land herrschenden Richtung? Kaum läßt sich Knapps
Wort: „Der Theoretiker ist ein verlorener Mann, wenn er
in Halbheiten befangen bleibt“1 2), mit Schmollers magerem
Tröste vereinigen: „Halb ist oft besser als ganz3).11 Fast
scheint es aber, als wenn auch Schmoller selbst sein
Urteil über die Klassiker im Laufe der Jahre gemildert

1)	„Klassische Nationalökonomie“, Anm. 20.

2)	„Staatliche Theorie des Geldes,“ S. VII.

3)	Grundfragen S. 336.
        <pb n="36" />
        ﻿30

hat. Einst nannte er Adam Smith etwas mitleidig einen
„Stubengelehrten“, dagegen rühmt er in einem jüngst1) in
der Internationalen Wochenschrift veröffentlichten Aufsatze
Adam Smiths „unendlich feine Beobachtung des
täglichen Lebens“ und nennt ihn „einen der großen
Sterne der Aufklärung“, kein National-Ökonom nach ihm
habe so mächtig auf das Leben gewirkt wie er. Ricardo
und Say bekommen zwar in demselben Artikel noch eine
wenig gute Zensur, sie haben nach Schmoller den „wissen-
schaftlichen Geist des großen Lehrers über Bord geworfen“.
Ein Urteil, dem sich schon heute nur noch sehr wenige
wissenschaftliche Vertreter der Volkswirtschaftslehre an-
schließen werden.

Es ist gewiß nicht wissenschaftliche Überlegen-
heit, die dem „Historismus“1 2) den „Sieg“ über den Klassi-
zismus so leicht machte; wobei gar nicht geleugnet werden
soll, daß der Historismus uns durch Darbietung einer
Überfülle von Tatsachen in geistvoller Gruppierung man-
cherlei wertvolle Aufschlüsse gebracht hat, die freilich viel-
leicht noch mehr bedeuten für die Geschichte, die Ethno-
graphie, die Soziologie, die Verwaltungslehre etc. als für
die Wirtschafts-Wissenschaft.

Trotz der hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen
des Historismus bleibt es doch wahr, daß er dem Klassi-
zismus auf wissenschaftichem Gebiete einen ent-
scheidenden Kampf nicht einmal angeboten, viel weniger
einen solchen Kampf ausgefochten hat. Sieht man von

1)	15. Juni 1907.

2)	Nur der Kürze halber wird dieses allgemein übliche Wort hier
gebraucht, es ist sehr wenig präzise, namentlich für die Vorstellung,
wie Verfasser sie sich von dem Wesen und der Bedeutung der „Anti-
klassiker“ in Wissenschaft und Leben zurechtgelegt hat.
        <pb n="37" />
        ﻿31

kleinem Zufallsgeplänkel ab, so muß man zugeben, daß
die Gegner sich eigentlich nur auf politischem Gebiete
fanden. Nicht die klassische National-Ökonomie als Wissen-
schaft wurde widerlegt, sondern die Politik, insofern sie
nichts anderes sein wollte, als angewandte klassische Na-
tional-Ökonomie. Das war in der Tat ein großer Fehler
namentlich der Epigonen des Klassizismus, daß sie kein
Verständnis dafür hatten, daß Politik etwas ganz anderes
ist als angewandte Wissenschaft, daß die Politik, die nichts
anderes sein wollte als die Anwendung „der natürlichen
Gesetze der National-Ökonomie“, mit einem Fiasko enden
mußte.

Gilt das allgemein, so galt es in verstärktem Maße
für die eigenartige wirtschaftliche Übergangszeit, die in
Deutschland mit der Zeit zusammen fiel, wo der deutsche
Historismus zum Manne erstarkte.

Es waren die Jahre, wo aus einem armen Deutschland
ein reiches Deutschland werden sollte. Ein hartes Ringen
war da notwendig. So manche schwer Blessierten mußten
auf der Kampfstätte bleiben. Mit gewaltiger Energie,
kühnem Schaffensmute und einer nicht gewöhnlichen In-
telligenz bahnte der deutsche Unternehmer den Weg,
„Ohne Sentimentalität vorwärts!“ das war die Losung.
Manche sanken nieder, die Vorwärtsdrängenden benutzten
rücksichtslos die zu Boden Gefallenen als Stützen für ihr
weiteres Vordringen. Ein wilder Konkurrenzkampf! Und
wie oben so auch unten: Die Bevölkerungsziffer hatte in
Deutschland rasch eine fast beängstigende Höhe erreicht;
die alten Erwerbstände konnten den Überschuß nicht mehr
aufnehmen. So strömten denn die Scharen in die Industrie;
auf gut Glück! Manche erreichten auch dort vorüber-
gehend hohe Löhne, aber um bald zu empfinden, daß man
        <pb n="38" />
        ﻿32

gleichzeitig eine früher kaum geahnte Unsicherheit der Exi-
stenz mit in den Kauf nehmen mußte. Allmählich kam
man ja vorwärts, aber niemand konnte sich des Sieges
recht freuen, die Opfer waren zu groß. Nach außen sah
man zunächst nur den Gegensatz zwischen Fortschritt und
Armut, der wie ein Hohn zu der Lehre von der Harmonie
der Interessen paßte. Diese Tatsachen und Gedanken
mußten der Generation, die nun allmählich zur Rüste geht,
in unauslöschlicher Erinnerung bleiben.

In jener Übergangszeit war es auch, wo Carl Marx
seine Lehre verkündigte, die den Kausalnexus zwischen
Fortschritt und Armut aufzudecken schien und darüber
hinaus noch das Mittel bot, „die Erkenntnis über das
gegenwärtig Bestehende hinaus zu leiten, aus dem Gegen-
wärtigen die Keime des Zukünftigen zu erkennen und
danach Forderungen zu stellen.“ Es war in der Tat gleich-
sam „das Selbstverständliche“, „das Nächstliegende“, das
Marx in seiner Zeit entdeckte und offenbarte. Das „Sein“
wollte er erkennen, nicht das „Seinsollen.“ Gerade daraus
hätten die wissenschaftlichen Sozial-Ökonomen reiche An-
regung schöpfen können, um den wissenschaftlichen Klassi-
zismus nicht zu besiegen, aberweiter zu bilden; sie brauch-
ten deshalb gewiß keine Marxisten zu werden. Aber man
sah in dem Marxismus nur die „Umsturzgefahr“, man
las aus ihm das heraus, was eigentlich gar nicht in ihm
enthalten war, die Kritik der bestehenden Gesellschafts-
und Wirtschafts-Ordnung. Man betrachtete es als die vor-
nehmste Aufgabe der Wissenschaft zu retten, was noch
zu retten war: die Politik ließ die Wissenschaft nicht auf-
kommen.

„Das letzte Ziel aller Erkenntnis ist eben ein prak-
tisches. Der Wille bleibt immer der Regent und Herrscher
        <pb n="39" />
        ﻿r

33

über den Intellekt. Die großen Fortschritte der Erkenntnis
sind Taten des Willens“ ....

So formuliert Schmoller') Gedanken, die man einer
Geschichte des nationalökonomischen Historismus als
Motto voraussetzen könnte. Der „Wille zur Tat“ hatte
schon reiche Nahrung bekommen aus den offenbaren
sozialen und wirtschaftlichen Mißständen der Zeit, aus der
berechtigten Opposition gegen das extreme Manchestertum,
aus der Kritik, die man den sozialistischen Schriften
entnahm, dazu kam dann in Deutschland später noch der
nationale Aufschwung, die Wiederaufrichtung des Reiches.
Mit Lust und Liebe ging man an die politische und wirt-
schaftliche Neugestaltung und nur törichte Nörgelsucht
kann verkennen, daß man da im letzten Drittel des 19. Jahr-
hunderts wahrhaft Großes leistete, daß es eine Zeit war,
an die wir Jüngeren nur mit einem gewissen Neide denken
können — sobald und solange wir politisch fühlen.
Höhepunkte der gesellschaftlichen Gärung, der sozialen
und wirtschaftlichen Neubildung brauchen aber durchaus
nicht immer zugleich einen Höhepunkt für die Entwick-
lung der Staats-Wissenschaften, insbesondere der Wirt-
schafts-Wissenschaft zu sein.

Man hat im Laufe der Zeit den „Überwindern des
Klassizismus und des ökonomischen Liberalismus“ eine
Fülle von Vorwürfen gemacht, man hat ihren unermeßlichen
Stoffhunger getadelt, ihren grenzenlosen Expansionsdrang,
der fast alle Gebiete der menschlichen Wissenschaften her-
anziehen wollte, damit sie helfen sollten, bei den Vor-
arbeiten, die erforderlich seien, um der Volkswirtschafts-
lehre „endlich auch einmal“ ein wissenschaftliches Fun-

1) Grundfragen, S. 335.

Weber, Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft.

3
        <pb n="40" />
        ﻿34

dament zu geben. Man wies tadelnd hin auf die Unklarheit
der Begriffsbildung, auf die mangelhafte Systematik, die sich
die Gegner der klassischen Schule zu Schulden kommen
ließen und lassen. Allen diesen Fehlern, glaube ich, stehen
schließlich aber auch entsprechende Vorzüge gegenüber,
nur eine „Todsünde" bleibt ungesühnt: Die zu weitgehende
Verquickung der Wissenschaft mit der praktischen Politik.

Man tadelte es mit Recht an den Manchesterleuten,
daß sie ihre subjektiven Ansichten über das Seinsollen als
Wissenschaft ausgaben, um dann im selben Atemzuge die
Irrlehren der Gegner zum Dogma für die eigenen Jünger
zu machen.

Die wissenschaftlicheSozial-Ökonomie kann
allgemein gültige Urteile über das Seinsollen
im praktischen und politischen Leben nicht ab-
geben; eine ethische Sozial-Ökonomik in diesem
Sinne ist also abzulehnen. Insofern bietet uns die
Wissenschaft weniger als manche ihrer Vertreter heute ver-
sprechen. Sie kann und muß aber mehr geben als sie bis-
her gegeben hat, dadurch, daß sie die Ursachen der Er-
scheinungen nicht verdunkeln läßt durch den Schatten der
Wirkung. Das ist ein Hauptvorwurf, den Maurice Lair in
seinem Buche L’imperialisme Allemand (Paris 1902) dem
neuen deutschen Geiste allgemein macht. Das hindert ihn
nicht, sarkastisch kurz vorher zu sagen: „Wenn Goethes
Faust zur Überzeugung kam, daß wir nichts wissen können,
so glaubt der neue Deutsche, daß er alles wissen kann.“
Den Tadel dort, den Spott hier kann man auch in das
alte Diktum zusammenfassen: Multa, sed non multum!

Wenn ich mich gegen eine ethische Sozial-Ökonomik
ausspreche, so bitte ich mich nicht mißzuverstehen. Nichts
liegt mirferner, als die Ethik und dieMoralaus
        <pb n="41" />
        ﻿35

der praktischen Volkswirtschaft und aus der
Politik eliminieren zu wollen. Auch daß die Ethik
ein wesentlicher Bestandteil der Sozial-Ökonomie als Kunst-
lehre sein muß, leugne ich nicht. Ich will nur, daß aus
erkenntnis-theoretischen und praktischen Gründen eine
Ausscheidung vorgenommen wird „zwischen dem, was wir
zwingend beweisen können und dem, was wir wollen,
wünschen, hoffen, glauben" *). Es ist nicht einmal notwendig,
daß diese Ausscheidung räumlich zum Ausdruck kommt,
so vielleicht, daß in dem einen Buche über daß, was man
beweisen kann berichtet wird, und in dem anderen, über
das, was man nur will und wünscht. Nur möchte ich mit
aller Schärfe betonen, daß der Sozial-Ökonom stets die
Grenze sehen muß, innerhalb der er im Namen seiner
Wissenschaft urteilen kann und urteilen darf.

Man hat die Volkswirtschaftslehre eine praktische
Wissenschaft genannt, behauptet daß sie Wissenschaft und
lehrende Kunst zugleich sein müsse. Das erstere gebe
ich insofern zu, als die Wirtschaftslehre gerade dadurch,
daß sie ihre eigenen Zwecke als Wissenschaft ver-
folgt, das heißt „den bloß intellektuellen Besitz der Wahr-
heit erstrebt“ in ganz hervorragender Weise dem prakti-
schen Leben nutzt, was noch näher zu belegen sein wird;
die Richtigkeit der zweiten Behauptung leugne ich, wenn
damit gesagt sein soll, daß eine theoretische Scheidung
zwischen der Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft und
als lehrende Kunst unmöglich sei. Ich halte es mit Pelle-
grino Rossi, der sagt: „ . . . . la Science n’a pas de but
exterieur. Des qu’on s’occupe de l’emploi, qu’on peut en
faire, du parti, qu’on peut en tirer, on sort de la Science
et on tombe dans l’art.......La Science n’est pas chargee

1) Cohn, a. a. O. S. 464.

3*
        <pb n="42" />
        ﻿36

de faire quelque chose. II n’y aurait en ce monde que
misere, ignorance et malheur, qu’ il y aurait encore une
Science de l’economie politique

H. Pesch, dessen Lehrbuch der Nationalökonomie ich dieses Zitat
entnehme *), polemisiert gegen die darin ausgesprochene Ansicht, indem
er die Volkswirtschaftslehre mit der Jurisprudenz vergleicht. Letztere
sei doch anerkanntermaßen eine Wissenschaft und doch sei ihr eigent-
licher Endzweck ein praktischer, nämlich der, dem Richter für seine
richterliche Praxis zu dienen. Daher könne man die Jurisprudenz als
praktische Wissenschaft, als Wissenschaft und lehrende Kunst zugleich
bezeichnen. Ein gleiches gelte von der Nationalökonomie, welche die
freien Handlungen der Bürger und der Staatsgewalt in ihrer Richtung,
Hinordnung auf das materielle Gemeinwohl zum Gegenstand habe. Ich
glaube nicht, daß der Vergleich zwischen Volkswirtschaftslehre und
Jurisprudenz irgend etwas beweisen kann. Schon deshalb nicht, weil
die Jurisprudenz als Wissenschaft keineswegs in so hohem An-
sehen steht, daß man andere Wissenschaften nach ihr messen kann.
Daß Cicero einst die Jurisprudenz eine scientia tenuis, eine schwäch-
liche Wissenschaft genannt hat, daß Goethe von dieser Wissenschaft
nicht viel höher dachte, das will noch wenig sagen, eher könnte man
schon stutzig werden, wenn man hört, daß ein angesehener Jurist selbst,
von Kirchmann, eine Abhandlung unter dem Titel geschrieben hat:
„Die Wertlosigkeit der Jurisprudenz als Wissenschaft“. Vielleicht findet
man es auch charakteristisch, daß heute die Ansicht weit verbreitet ist,
kein Jurist werde ohne zureichendes nationalökonomisches Ver-
ständnis eine privatrechtliche Norm in ihrem Zusammenhänge richtig
erfassen und anwenden können. Ich füge dem noch hinzu, daß bei-
spielsweise der Nationalökonom G. Cohn ausführt, daß die eigentliche
wissenschaftliche Arbeit für die Juristen von den Nationalökonomen
geleistet werde und ein anderer Fachgenosse Lifschitz stellt für die
Juristen die Regel auf: „Sie treiben Methaphysik, ohne Metaphysik
studiert zu haben, bilden sich dabei aber ein, sie trieben Rechtswissen-
schaft.“ Diese wenig respektierlichen Urteile möchte ich mir keineswegs
so ohne weiteres zu eigen machen, aber sie zeigen doch, daß
man die Jurisprudenz nicht als Muster einer Wissenschaft hin-
stellen darf. Dabei soll ganz davon abgesehen sein, ob denn nun wirk-
lich der Endzweck der Jurisprudenz Erleichterung der richterlichen
Praxis ist, wäre das der Fall, so würde sicher der größte Teil der rechts-
wissenschaftlichen Literatur diesem Endzwecke nicht entsprechen.



1) Band I S. 411.
        <pb n="43" />
        ﻿37

Das materielle Gemeinwohl, so wie Pesch es auffaßt,
soll gewiß Ziel der Volkswirtschaft sein, aber es kann
darüber nicht von dem Sozialökonomen allgemein gültig
geurteilt werden; denn das Urteilen über Ideale, über Welt-
anschauungen gehört nicht zum Ressort der sozialökono-
mischen Wissenschaft. Das führt uns unmittelbar zu den
Betrachtungen über die politischen Aufgaben der Volks-
wirtschaftslehre als Wissenschaft.

II.

In Kants Schrift zum ewigen Frieden kann man den
durchaus richtigen und beherzigenswerten Satz lesen:
„Die wahre Politik kann keinen einzigen Schritt tun, ohne
zuvor der Moral gehuldigt zu haben.“ Und ein Ethiker
unserer Tage, der Züricher Professor Förster meint nicht
minder zutreffend: „Die staatliche Organisation ist ange-
wiesen auf einen ungeheuren Fonds von selbstlosem
Opfersinn, von moralischer Widerstandskraft gegenüber
den Instinkten und Begierden und endlich von jenem
empfindlichen Rechtsgefühl, das uns treibt, lieber auf
alles zu verzichten, als daß wir den Mitmenschen aus
seinem Besitze drängen. Nur auf solchem Fundament
kann die ganze ungeheuer komplizierte Lebens- und Ar-
beitsgemeinschaft stehen, die im modernen Staate orga-
nisiert ist!“

Man ist versucht, diesen Gedanken ein vielzitiertes
Wort Sombarts gegenüber zu stellen, das leicht mißver-
standen werden kann: „Sittlich sein sollen auf Kosten
des ökonomischen Fortschritts ist der Anfang vom Ende
der gesamten Kultur-Entwicklung“ 1). Diese Ansicht kann

1) Fr. Naumann schrieb kürzlich (10./4. 09) in der Frankfurter
Zeitung: „Nur solange als wir auf den Kopf der Bevölkerung eine
        <pb n="44" />
        ﻿38

unzweifelhaft einen sehr richtigen Sinn enthalten, der erst
den moralischen Schranken den rechten Halt gibt. Wenn
z. B. alle reichen Leute auf den Gedanken kämen, denen
die weniger haben als sie, soviel von ihrem Kapital zu
geben, daß sie ebenso behaglich wohnen und leben
können wie die Reichen, dann wäre das zwar scheinbar sitt-
lich sehr schön, es würde damit auch gewiß für eine kurze
Zeit ermöglicht sein, die Volks-Gesamtheit an den Seg-
nungen der Kultur in starksteigendem Maße teilnehmen
zu lassen, aber schließlich wäre das ganze doch nur eine
Crispinade großen Stils. Die Gegenwart würde wohltätig
sein auf Kosten der Zukunft, es würde der Zukunft das
nötige Kapital fehlen, das erforderlich wäre, um einer stei-
genden Volksziffer Arbeit und Nahrung zu verschaffen, und
bald würde es sich zeigen, wie wahr die Prophezeihung
Sombarts unter Umständen werden kann.

Wenn es die Bestimmung des Menschen ist, immer
mehr zur „Kulturmensch-Werdung“ fortzuschreiten, wenn
sich nach Gottes Willen „die Herrschaft des Menschen
als gottgesetzten Königs der Welt sich mehr und mehr
ausdehnen und bestätigen soll“'1), dann wird gerade die
Notwendigkeit des ökonomischen Fortschritts mit heran-
gezogen werden müssen zur Interpretation der Gebote
der Moral. Die ökonomische Erkenntnis muß ge-
geben sein, ehe der Moralist sein Urteil über
ökonomische Vorgänge abgeben darf; ist es um-

Steigerung des verfügbaren Quantums materieller Güter
erleben, besteht eine begründete Aussicht, daß auch alle diejenigen
Tendenzen der wissenschaftlichen und künstlerischen Verfeinerung und
der sozialen Humanität, die wir als Kultur im engeren Sinne bezeichnen
bei uns möglich sein werden.“

1) Pesch i S. 129.
        <pb n="45" />
        ﻿39

gekehrt, dann wird dadurch das Urteilen nur zu leicht
vorschnell, ungerecht, unmoralisch

Einige Beispiele: Das Zinsnehmen war einst aus
nicht unberechtigten Gründen verboten, es heute verbieten
zu wollen, würde in höchstem Maße töricht sein. Ferner:
Seit über 2000 Jahren war es innerste Rechtsüberzeugung
aller Kulturvölker, so erzählte Schmoller auf der General-
versammlung des Vereins für Sozial-Politik in Mannheim,
daß alle Parteiverabredungen im Sinne der Preiserhöhungen
auf dem Markte strafbar seien, bis tief ins 19. Jahrhundert
reichten derartige Gesetze. . . . Wenn wir trotzdem heute
in den Kartellen mit ihren Preisverabredungen an und für
sich durchaus nichts moralisch Verwerfliches sehen, so
zeigt sich eben, daß andere ökonomische Verhältnisse, eine
andere ökonomische Einsicht den Inhalt der Moral änder-
ten. Endlich noch ein Beispiel, das ein heiß umstrittenes
Problem der Gegenwart berührt: „Der bekannte Ethiker
und Pädagoge Professor W. Rein in Jena hat vor einigen
Jahren eine kleine Schrift veröffentlicht unter dem Titel
„Ethik und Volkswirtschaft“ f). Die Schrift ist bestimmt,
bodenreformerischen Ideen Geltung zu verschaffen und
beschäftigt sich demgemäß auch mit dem Kapitel „Ethik
und Spekulation“. Es wird da gefordert, daß die Speku-
lationen, die auf schnelle, mühelose Weise Reichtümer
anzuhäufen suchten, von der öffentlichen Meinung viel
schärfer als dies jetzt noch geschieht, verurteilt werden
müßten, „sie dürfen nicht zu den Operationen gerechnet
werden, die man für anständig hält“.... Unser Autor fährt
alsdann fort: „Wenn es wahr ist, daß die Grundstück-

1) Soziale Streitfragen, herausgegeben von Adolf Damaschke,
Heft XIII.
        <pb n="46" />
        ﻿

— 40 —

Spekulation vor allem es ist, welche die Befriedigung der
wichtigsten Lebensmittel verteuert, wenn sie bei weitem
gemeingefährlicher ist als z. B. die Spekulation in Wert-
papieren, so muß sich die Verurteilung besonders gegen
sie richten“. . . . Der Ethiker fällt hier ein Urteil über
eine wichtige wirtschaftliche Erscheinung, die in ihrem
Wesen zu erkennen, ihm als volkswirtschaftlichen Laien
nicht möglich ist, er verläßt sich daher auf das sachver-
ständige Urteil anderer, in der richtigen Empfindung, daß
man sich erst ein zuverlässiges Urteil über das Sein bilden
muß, ehe man über das Seinsollen richtig urteilen kann.
Nicht immer leitet Rein in derselben Schrift dieser rich-
tige Gedanke. Da lesen wir z. B.: „Die Naturschätze,
die eine gütige Vorsehung unserem Gesamt-Volke in den
Schoß gelegt, wurde zumeist dem Privatbesitz ausge-
liefert und damit einer Ausbeutung des Volkes die
Wege geöffnet, wie sie verwerflicher nicht ge-
dacht werden kann.“ Ein ganz schiefes Urteil, das
mindestens in seiner apodiktischen Form von jedem un-
befangenen Sozialökonomen abgelehnt werden muß. Ich
zweifle nicht, daß in dem einen wie in dem anderen Falle
richtige ethische Maßstäbe angelegt wurden, aber das
Objekt, das gemessen werden soll, war dem Ethiker hier
wie dort offenbar in undurchdringliches Dunkel gehüllt.
Er rettet sich gegen einen berechtigten ethischen Vorwurf
in dem ersten Falle dadurch, daß er die Verantwortung
von sich abschiebt auf diejenigen, die es wissen können,
im zweiten Falle ist dieser Rettungsversuch nicht gemacht,
eine vorurteilsfreie Untersuchung wird hier wahrscheinlich
den ethisch entrüsteten Ankläger auf Grund der von ihm
verteidigten Gebote der Ethik verurteilen, die grundlos
Angeklagten aber freisprechen.
        <pb n="47" />
        ﻿41

Aus diesen Beispielen, die sich leicht vermehren
ließen, folgere ich, daß es nicht Aufgabe des Sozial
Ökonomen sein kann, mit ethischer Brille an seine Pro-
bleme in der Umgrenzung, die im vorigen Abschnitt an-
gedeutet wurde, heranzutreten; wohl aber ist es umge-
kehrt unter Umständen dringende Pflicht des Moralisten
eine sozialökonomische Brille aufzusetzen.

Weil die Sozial-Ökonomie als Wissenschaft mit der
Ethik nichts zu tun hat, darf sie auch nicht mehr sein
wollen, als eine Stütze für die Wirtschafts-Politik neben
vielen anderen deshalb, weil die Politik auch dann, wenn
sie wirtschaftliche Dinge regeln will, keineswegs nur Fol-
gerungen aus der wirtschaftlichen Erkenntnis zu ziehen
hat. Sie hat insbesondere, wie wir schon wissen, der
Moral „zu huldigen“ und zu dem Zwecke wird die Politik
auf die tiefsten Fragen der Weltanschauung zurückgehen
müssen. Jüngst hat wieder Schulze - Gävernitz bei Ge-
legenheit seiner Studien über britischen Imperialismus
und englischen Freihandel zu Beginn des 20. Jahrhunderts
gezeigt, „wie die großen Wirtschafts- und machtpolitischen
Streitfragen des Tages in letzter Linie auf dem Welt-
anschauungsgebiete entschieden werden.“

Mit welchem Recht und mit welchen Mitteln will aber
nun die sozialökonomische Wissenschaft ein Wert-Urteil
über die außerordentlich verschiedenartigen Weltanschau-
ungen fällen? Ist sie aber dazu unfähig und darüber
kann wohl kaum ein Zweifel sein, dann kann sie keine
moralische politische Wissenschaft sein. Wenn man nicht
überhaupt auf dem Standpunkte steht, daß der Ausdruck
„wissenschaftliche Politik“ eine contradictio in adjecto ist.

Die ehrfürchtige Bewunderung, die dem erfolgreichen
Staatsmanne entgegen gebracht wird, wird ihm nicht zu
        <pb n="48" />
        ﻿42

teil als dem Vollender und Ausführer der Wissenschaft,
sondern als dem Vollbringer der höchsten Kunst, die es
gibt, dem gesellschaftlichen Wohl zu dienen. Sehr schön
drückt diesen Gedanken Ernst Zittelmann aus1): „Der
geniale Gesetzgeber ist der, der die wahren Werte der
Kultur zu finden und zu schätzen weiß; darum preisen
ihn auch die Sagen und Lieder der alten Völker und so
groß und so wunderbar erscheint ihrer frühen Fantasie
seine Kunst, daß sie aus irdischem Ursprünge sie nicht
mehr zu erklären wissen; ihre großen Gesetzgeber lassen
sie von Göttern stammen oder doch Rat von ihnen emp-
fangen.“ Adam Smith, dem seine Gegner so gerne nachsagen,
daß er die staatliche Gesetzgebung für nahezu überflüssig
erklärt habe, vertritt trotzdem die Meinung: „Die Einsetzung
von Gesetz und Regierung ist das höchste Werk der mensch-
lichen Klugheit und Weisheit“, „der größte und edelste
Charakter ist derjenige eines Reformators und Gesetz-
gebers eines großen Staates1 2).“ Heutzutage kommt noch
für den Staatsmann, der Erfolg haben will, die Kunst hin-
zu, im „Spiel auf dem Instrument der Parlamente und der
öffentlichen Meinung“ kein Stümper zu sein 3).

Praktische Wirtschafts-Politik ist wie alle praktische
Politik keine Wissenschaft, sondern eine Kunst und sobald
das Gebiet der Politik betreten ist, muß mehr wie irgend
ein anderer der Volkswirtschaftslehrer sich vollkommen klar

1)	Die Kunst der Gesetzgebung (Neue Zeit- und Streitfragen,
herausgegeben von der Gehestiftung) 1904, S. 8.

2)	Vergl. Onken, „Das Adam Smith-Problem“, Zeitschrift für Soziai-
wissenschaft, Bd. I S. 280.

3)	Mit Recht meint Schmoller, daß z. B. Gladstone und Miquel
mit ihren Reformen nicht so viel Erfolg gehabt haben würden wenn
&gt;,Virtuosen“ in diesem Spiel gewesen seien. Skizze einer Finanz-
geschichte, Sonderabdruck aus SCMOLLERS Jahrbuch, 1909 S. 61.
        <pb n="49" />
        ﻿43

darüber sein, daß er die Grenze zwischen Wissenschaft und
Kunstlehre überschritten hat.

Es lassen sich gewiß genug gute theoretische Gründe
für diese These beibringen, aber ich will es gestehen, daß
es vorwiegend praktische Erwägungen sind, die mich ver-
anlassen, dafür einzutreten, daß der Aufgabenkreis der
sozialökonomischen Wissenschaft nach der Seite der prak-
tischen Politik hin möglichst eingeengt wird, Praktische
Erwägungen, die sowohl das Interesse der Wissenschaft
wie das der Praxis berühren, die hier solidarisch sind.

Der Stoff unserer Wissenschaft an sich bringt schon
mancherlei Gefahren mit sich, für den, der seine Unter-
suchungen in Ruhe führen, der Erkenntnis allein dienen
möchte: „Die Theoreme des Euklid würden nicht ein-
stimmig angenommen sein, wenn sie in unmittelbarer Be-
ziehung zum Reichtum und Genießen gestanden hätten;“
(Whately) „nirgends urteilt und äußert sich das Publikum
so interessiert wie hier. Nirgends wird soviel übertrieben,
gelogen wie in sozialökonomischen Debatten1).“

Sollten wir nicht versuchen mit allem Ernste diese
Gefahren möglichst zu mindern? Statt dessen scheint
man an den natürlichen Schwierigkeiten noch nicht genug
zu haben, man zerrt die Wissenschaft in das Getriebe der
Tages-Politik und in den Kampf der Weltanschanungen

1) H. Dietzel a. a. O. S. 39. In seinem „Zollvereinsblatt“ sagte
Friedrich List einmal: „Nichts ist von so kitzlicher und häckeliger
Natur in der ganzen Staatsführung wie die Entscheidung derjenigen
Fragen, welche den Nahrungsstand des Volkes, den Wohlstand jedes
einzelnen Individuums berühren .... Nichts schadet mehr in der
Meinung des untergeordneten Volkes der gegenwärtigen Regierung,
nichts ist weniger leicht gut zu machen als falsche nationalökonomische
Maßregeln, weil die Wirkungen davon urplötzlich in der Brotlade und
dem Küchentopf jedes einzelnen Bürgers sich kund geben.“
        <pb n="50" />
        ﻿44

hinein. Man glaubt im Namen unserer Wissenschaft auch
auf diesem ihr fremden Gebiete den Richterspruch fällen
zu dürfen.

Als 1866 der damalige Heidelberger Professor Carl
Dietzel für die Tübinger Zeitschrift einen Aufsatz über
die Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft schrieb '), ging
er davon aus, daß die eigentliche Wissenschaft der Volks-
wirtschaft trotz der rapiden Entwicklung und großartigen
Ausdehnung des volkswirtschaftlichen Lebens nur geringe
Fortschritte gemacht habe. Er sucht den Grund dieser
unerfreulichen Erscheinung und glaubt ihn hauptsächlich
darin zu finden, daß der Volkswirtschaftslehre überhaupt ihr
eigentümliches wissenschaftliches Wesen noch nicht zum
vollen Bewußtsein gekommen sei, deshalb nicht, weil sie
„zu häufig vermischt und absichtlich verknüpft werde mit
der Lösung praktischer Streitfragen.“ Zwar sei es un-
zweifelhaft von besonderem Werte, daß die wissenschaft-
liche Volkswirtschaftslehre unmittelbar durch die Tatsachen
des Lebens angeregt werde und aus ihnen hervorwachse,
aber deshalb dürfe doch die wissenschaftliche Erörterung
nicht „eine direkte Einwirkung auf schwebende Fragen
des öffentlichen Lebens bezwecken.“ Der nachteilige Ein-
fluß der Vermischung oder Verwechslung der auf prak-
tische Ziele gerichteten Tätigkeit mit der eigentlichen
Wissenschaft der Volkswirtschaft liege einmal darin be-
gründet, daß jene den reinen Erkenntniszweck der Wissen-
schaft gar nicht vor Augen haben dürfe, sondern sich einer
die Erreichung des besonderen Zweckes direkt fördernden
Behandlungsart zuwenden müsse. Sodann aber sei es
.von besonderem Nachteile, für die wissenschaftliche For-
schung, daß die praktisch-politische Tätigkeit notwendiger-

1) Tübinger Zeitschrift Band XXII, S. 329ff; Band XXIV, S. 80ff.
        <pb n="51" />
        ﻿45

weise in irgend einem Grade einen Parteistandpunkt, eine
politische Tendenz mit sich verbinde, wodurch die objek-
tive Wissenschaftlichkeit entweder ganz ausgeschlossen,
oder doch in hohem Grade beeinträchtigt werde. Denn die
Verdrängung entgegenstehender Ansichten, Beseitigung
entsprechender Einrichtungen müsse das Ziel der Arbeit
und des Denkens sein. Mit diesem praktisch-politischen
Ziele verknüpfe sich unwillkürlich ein Parteistandpunkt
mit seinen notwendigen Folgen unter welchen die Ein-
seitigkeit noch die mindestschlimme sei. Nicht mit allen
Ausführungen, die Carl Dietzel in seinem zitierten Aufsatze
macht, möchte ich mich einverstanden erklären, doch die
eben mitgeteilten Grundansichten dieses Gelehrten ent-
sprechen ganz meiner Meinung.

Es ist ganz richtig, daß der Wille nur zu leicht den
Intellekt beherrscht, die Folge ist, daß man dann, wenn
man Taten will, mit Notwendigkeit den eigentlichen Zweck
der Wissenschaft, die reine Erkenntnis außer acht läßt.
Statt die Kämpfenden aus der Ferne zu beobachten und
unbefangen über ihr Können und Wollen zu urteilen,
mengt man sich selbst unter sie und hört dann nur noch
den einen Schlachtruf „Vorwärts“. Man „will“. Hinder-
nisse sieht man nicht, und wer sich den tapferen Kämpfern
mit nörgelndem Verstände in den Weg stellt, wird
bald empfinden, wieviel stärker das Wollen ist als das
Denken. Eine oft erprobte Wahrheit liegt in dem Sprich-
worte: „Was man will, glaubt man gern“.

C. J. Fuchs meinte einmal gelegentlich1) „daß die
größten sozialen Reformen in der Weise zustande gekom-
men sind, daß zuerst gehandelt wurde, dann die Wissen-

1) Kritische Blätter 1907 S. 280.
        <pb n="52" />
        ﻿46

Schaft das Pro- und Kontra untersuchte. Allerdings waren
die Reformen oft dadurch verursacht und unterstützt, daß
Männer der Wissenschaft energisch für sie eintraten“.
Wäre das richtig, so würde darin ein beachtenswerter
Grund zu suchen sein, warum die Volkswirtschaftslehre als
Wissenschaft trotz des in gewaltigen Massen zusammen-
getragenen induktiven Materials so wenig weiter gekommen
ist. Die Gefahr ist ja kaum zu vermeiden, daß derjenige,
der zunächst energisch mitgeholfen hat, um einen Reform-
plan durchzuführen, nachher nicht mehr unbefangen genug
ist, um das, was doch zum Teil sein Werk ist, zu prüfen
und unter Umständen zu verurteilen. Der Intellekt und
das, was Schmoller die „produktive Phantasie“ nennt,
werden sich nur als unterwürfige Diener des Willens zeigen.
Der politische Instinkt wird immer stärker sein als der
Trieb zur wissenschaftlichen Erkenntnis.

Hier hat wieder C. Dietzel vollkommen recht: „Ist
der Mensch von den Bedürfnissen, welche sein Erkenntnis-
drang hervorgerufen haben, erfüllt und beherrscht, so wird
er den reinen Erkenntniszweck mehr oder weniger aus dem
Auge verlieren, seine ganze Tätigkeit vielmehr darnach
richten, aus der Beschäftigung mit dem Gegenstände die
Erkenntnis der Mittel zu gewinnen, welche zur Befriedi-
gung des Bedürfnisses führen können“. Anstatt der
wissenschaftlichen Erkenntnis erzeuge eine solche Geistes-
tätigkeit entweder nur Ratschläge und Anweisungen zu
praktischen Handlungen, oder sie strebe wenigstens die
Erkenntnis sofort, noch ehe sie eigentlich gewonnen sei,
für das praktische Leben nutzbar zu machen. „Im ersteren
Falle entsteht gar nichts, was den Namen Wissenschaft
verdient, im zweiten nur eine teilweise Wissenschaft-
lichkeit und Erkenntnis, indem diese durch die Rücksicht
        <pb n="53" />
        ﻿47

auf die praktische Verwertung notwendigerweise gedrückt
wird“.

Gegen diejenigen, welche Trennung zwischen Wissen-
schaft und Politik fordern, macht sich eine lebhafte Oppo-
sition im eigenen Lager der Wissenschaft geltend. Nur
die wirklich beachtenswerten Gesichtspunkte der Gegner
sollen hier kurz gewürdigt werden.

Die einen sagen: „Es ist nicht möglich, das ,Sein‘
von dem ,Seinsollen1 zu scheiden. Gustav Cohn hat diese
Ansicht in dem bereits zitierten Aufsatze (Archiv für Sozial-
wissenschaft XX, S. 461 ff.) gegenüber Max Weber zu ver-
teidigen gesucht, er weist darauf hin, daß „die große Ge-
meinschaft des Seinsollenden schon von außen her das
Begehren nach einer gesicherten Sphäre des Seienden stört,
der wir zwingende Tatsachen, Beweise, Wahrheiten abzu-
gewinnen vermögen“.

Zum Beweise erzählt er, daß vor einigen Jahren ein
Japaner von dem Finanzministerium in Tokio nach Deutsch-
land geschickt wurde, um zu studieren, wie die Gesetz-
gebung von Japan sich gegenüber dem Problem der
Börse nach unseren Erfahrungen und Erkenntnissen ver-
halten solle. Hier werde uns, meint Cohn, also die Ge-
meinschaft des Seinsollenden der Volkswirtschaft und der
Sozialpolitik im geographischen, ethnischen, kosmo-
politischen Sein durch die Gleichartigkeit dessen, was wir
als unser Seinsollendes betrachten mit dem Seinsollenden
des östlichen Endes von Asien nahegelegt.

Wir können nun aber sicher annehmen, daß der japa-
nische Abgesandte, wenn er seine Aufgabe einigermaßen
verständig aufgefaßt hat, einen sehr sorgfältigen Unter-
schied machen mußte zwischen dem „rein wirtschaftlichen
Seinsollen“ und dem „wirtschaftlich politischen Seinsollen“.
        <pb n="54" />
        ﻿48

Das erstere ergibt sich ohne weiteres aus dem Studium
des wirtschaftlichen Seins, ob ich sage, der Terminhandel
hat rein wirtschaftlich überwiegende Vorteile oder
sage, der Terminhandel soll, soweit wirtschaf tli ch e Er-
wägungen in Betracht kommen, gestattet sein, ist natürlich
einerlei; insofern, ist eine Trennung zwischen dem Sein
und dem Seinsollen nicht möglich &gt;), das ist aber wohl
selbstverständlich und steht hier nicht zur Diskussion.

Es handelt sich vielmehr um die Frage, ob die Be-
trachtung des rein wirtschaftlichen Seins bezw. des
rein wirtschaftlichen Seinsollens getrennt werden kann
von der Betrachtung des wirtschaftlich-politischen
Seinsollens. Daß diese Frage bejaht werden muß, zeigt
sich gerade besonders deutlich an unserem Beispiel. Der
Japaner wird sehr wohl zu unterscheiden gewußt haben
zwischen dem, was in .unseren Börseneinrichtungen an
„ethischen“ Postulaten der herrschenden Gesetzgebungs-
Faktoren z. B. der Agrarier verwirklicht ist und dem, was
lediglich Konsequenz des wirtschaftlichen Seins ist.

Cohn weist weiter auf die Steuerlehre hin, nehme man
aus ihrem Körper die „ethisch-politische Entwickelung hin-
aus“ so bleibe an würdigem Stoffe nur noch wenig übrig:
„Ungefähr so hohe Materien des „Seienden“ wie sie nach
mancherlei Zeugnissen in dem preußischen Staatsexamen
für den höheren Verwaltungsdienst abgefragt und einge-
paukt werden. Die Technologie der Tabakflächensteuer
oder der Maisch-Bottich-Steuern et quae sunt ejusmodi“.
Aus dem Seinsollenden allein könne man zumal jene
großen Fragen erörtern, die einer fortschreitenden Ge-
rechtigkeit in der Belastung der verschiedenen sozialen

ll Vgl. dazu Pierson, Leerboek der Staatshuiskondkunde, engl.
Übersetzung von A. A. Wotzel, Vol. I S. 3.
        <pb n="55" />
        ﻿49

Klassen die Wege bahnen wollen...................„Nur die Er-

wägung des ,Seinsollenden‘ über die Bedeutung der ver-
schiedenen Einkommens- und Vermögensgröße, über die
kulturgemäße Höhe niederster und höchster Gütermenge
für die Zwecke des Bedarfs der einzelnen Schichten, die
wechselnden oder vielmehr die fortschreitenden Ansichten
von diesen Fragen werden imstande sein, Normen für die
Entwicklung des Steuerwesens der Zukunft zu liefern“.

Gerechtigkeit und Kultur sind die Begriffe, die in dieser
Argumentation eine entscheidende Rolle spielen; aber ob
man ihnen gegenüber von einer „fortschreitenden Einsicht“
sprechen kann? Gewiß, derjenige der sein Ideal hat, glaubt
dadurch, daß er es gegenüber anderen Idealen, die er nicht
billigt, verteidigt, dem Fortschritte zu dienen; er wird fast
notwendig im gewissen Sinne intolerant sein. Und doch
handelt es sich nur um eine subjektive Meinung.

Kultur! Wieviele verschiedene Ansichten sind über
diesen Begriff möglich; wieviele namentlich über die Wege,
die dazu führen! Unter dem Titel „Die Zukunft unserer
Kultur“ hat jüngst (April 1909) die Frankfurter Zeitung in
einer Rundfrage Stimmen über Kulturtendenzen und Kultur-
politik gesammelt. Wieviel Geist wird da von hervor-
ragenden Kulturkämpfern verschwendet, um doch im we-
sentlichen nicht viel mehr als nichts zu sagen. Richard
Dehmel, der als erster zu Worte kommt und dessen An-
sichten hier nur deshalb als Beispiel herausgegriffen werden,
stellt einen Satz in den Mittelpunkt seiner Erörterungen,
den einst in ganz ähnlicher Weise schon Schopenhauer
ausgesprochen hat: „Allgemeine Bildung ist nur ein Ziel
für hochbegabte Persönlichkeiten; im Durchschnitt des
Volkes läuft sie leider auf allgemeine Verbildung hinaus“.
Was sagen diejenigen dazu, die mit Lasalle daran glauben,

Weber, Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft.	4
        <pb n="56" />
        ﻿50

daß es nichts der wahren Intelligenz wahlverwandteres
gebe als den gesunden Verstand der großen Masse? Weiter
meint Dehmel, alle organische Kulturpolitik müsse zunächst
natürlich darauf bedacht sein, besonders leistungsfähige
Berufsstände zu begünstigen, an die sich die übrigen an-
gliedern könnten, er will in diesem Sinne eine „Industrie
von materiellem Höchstwerte“. Wie stimmt damit — nur auf
einen Gegensatz will ich hinweisen — die Kulturauffassung
derer überein, die in der Landwirtschaft den Jungbrunnen
der physischen und psychischen Kraft sehen? Durch mehr
wie eine Antwort klingt die Ansicht hindurch, daß der
kulturelle Fortschritt sich unmittelbar an den technischen
Fortschritt hefte, man halte dem die Ansicht von Franz
Kempel, Dr. der Staatswissenschaften, gegenüber, der klipp
und klar behauptet, daß das neuzeitliche Groß-Maschinen-
Wesen „ein allgemeingesellschaftlicher Irrtum und Miß-
brauch sei, der gleich demjenigen der Kriegsmaschinen
laut genug nach Abhilfe schreie“ ‘).

Mit dem Begriffe „Kultur“ verbinden sich gewöhnlich
die Begriffe Moral und Sittlichkeit. Wiederum frage ich:
Hat die sozialökonomische Wissenschaft zu entscheiden,
was wahre Moral und wahre Sittlichkeit ist? Ad exemplum:
Ich persönlich habe mir eine bestimmte Auffassung von
Moral und Sittlichkeit gebildet mit dem Ergebnis, daß ich
an unwandelbare moralische Postulate „glaube“. Damit
befinde ich mich im denkbar schärfsten Widerspruch zu
der weitverbreiteten Anschauung: „Ein tierischer Trieb,
nichts anderes ist das Sittengesetz“. Wäre das „Ziel“ der
wissenschaftlichen Volkswirtschaftslehre Normen aufzu-
stellen für das wirtschaftspolitische Seinsollen, dann müßte

1| „Göttliches Sittengesetz und neuzeitliches Erwerbsleben“. Mainz
1902 S. 200.
        <pb n="57" />
        ﻿51

zuvor entschieden werden — wenigstens bei einer großen
Anzahl von Problemen — welche Auffassung von der Moral
die richtige ist, ehe wissenschaftlich wertvolle Resultate
erzielt werden können.

Der Kampf der Weltanschauungen würde, ja müßte in
das Gebiet der volkswirtschaftlichen Wissenschaft hinein
getragen werden, mit all der Erbitterung, dem Fanatismus,
der damit verbunden ist. Das Resultat hat schon gezeigt,
daß dieser Kampf sehr unökonomisch war. Die alten
Meinungsverschiedenheiten bleiben doch in der Haupt-
sache bestehen, hinzu tritt jedoch, daß trotz des Auf-
klärungskampfes die Irrtümer in bezug auf das wirtschaft-
liche Sein und dessen Zusammenhänge gerade infolge
des Streites um die Prinzipien nicht nur nicht aufgehellt,
sondern noch intensiver werden. Wenn wir Menschen ein
Feld finden, das urbar gemacht werden kann, fern von dem
Hader und dem Zank um die Weltanschauung, dann sollten
wir doch keine Mühe scheuen, um diese Oase stiller fried-
licher Arbeit gegen die Einfälle feindlicher Nachbarn zu
schützen. Bei einer solchen ruhigen Arbeit werden schließ-
lich auch die letzten und tiefsten Wahrheiten des mensch-
lichen Daseins viel eher unbefangen gewürdigt, als wenn
man statt „Vervollkommnung der Einzelwissenschaft“ „eine
unklare und verschwommene einzig große Sozialwissen-
schaft erstrebt“ (Wagner).

Und wie sieht es mit der Antwort auf die Frage aus:
„Was ist Gerechtigkeit?“ Wie weit gehen auch da wieder
die Meinungen auseinander; selbst bei denen, die sich zu
einer Weltauffassung zusammenfinden. Nehmen wir nur
ein praktisches Problem: Die heute so vielerörterte Frage
der Wertzuwachssteuer: Ist die Steuer gerecht? Die einen
sagen unbedingt ja, die anderen unbedingt nein, die

4*
        <pb n="58" />
        ﻿52

Dritten bejahen sie nur dann, wenn auch gleichzeitig für
unverdienten Verlust eine Entschädigung geleistet wird.
Wieder andere erklären die Steuer nur dann für gerecht,
wenn wirklich alle unverdienten Gewinne beim Boden
sowohl wie beim Kapital durch die Steuer getroffen werden.
Noch andere machen ihr Urteil über die Gerechtigkeit der
Steuer von ihren Wirkungen auf Spekulation, Bodenpreis,
Mietpreis usw. abhängig. Ganz gewiß wirken in diesem
Streite verschiedene Auffassungen von der „Gerechtigkeit“,
von den „Kulturaufgaben“ mit. Soweit das der Fall ist,
haben wir zu versuchen, die verschiedenen Meinungen
darüber zu verstehen, aber es ist nicht unsere Sache,
sie zu beurteilen oder ja zu verurteilen.

Deshalb fehlt es uns aber bei derartigen Problemen nicht
an „würdigem“ Stoffe für wissenschaftliche Betätigung. Die
außerordentlich schwierige und wichtige Frage: Was ändert
sich im wirtschaftlichen Organismus nach Einführung der
Steuer, wird die Wissenschaft zu beantworten versuchen
müssen; haben die Bodenreformer Recht, wenn sie meinen,
daß durch die Steuer die Mietpreise reduziert, die ungesunde
Bodenspekulation eingedämmt werde, oder haben die-
jenigen recht, die von der Steuer eine weitere Belastung der
Mieter, Fortschritte zum Boden- und Wohnungsmonopol
erwarten? Solche Fragen können nicht durch irgend einen
Glauben an ein Ideal beantwortet werden, sondern nur
durch die sozial-ökonomische Wissenschaft.

Es gibt „ganz Moderne“, die auch von dem, was Verfasser zum
alleinigen Leitsterne der sozialökonomischen Wissenschaft machen möchte
von der „Wahrheit“ sagen, daß auch das nur ein „Wort“ sei. Eine
neuere philosophische Richtung, die charakteristischerweise ihren Haupt-
sitz in den Vereinigten Staaten hat, läßt die Wahrheit nur gelten, wenn
sie einen „Barwert“ hat: „Wahr ist alles, was sich auf dem Gebiete der
intellektuellen Überzeugung aus bestimmt angegebenen Gründen als gut
erweist“ (William James). Das Prinzip der Wahrheit ist also die Zweck-
        <pb n="59" />
        ﻿53

mäßigkeit: Savoir pour prevoir, pour pouvoir. Diese Lehre der „Prag-
matiker“ müßte in ihren Konsequenzen den Untergang der Wissenschaft
überhaupt herbeiführen, müßte sie jedenfalls von der achtunggebietenden
Höhe, die sie bis jetzt in der Kulturentwicklung eingenommen, herunter-
zerren in die Tiefen. Die hastige Jagd nach Erfolg würde den, der
nach Wissen sucht, um des Wissens willen, als unnützen Zeitvergeuder
beiseite drängen. Aber ich denke, daß wenigstens von dem deutschen
Idealismus und von der deutschen Denkkraft noch so viel übrig ge-
blieben ist, daß der deutsche Forscher nie in die Versuchung kommen
wird, in der Wahrheit nur ein Instrument zum Handeln zu erblicken.
Die Wahrheit bleibt für uns etwas Unabhängiges und Absolutes.

Nun kommt man allerdings mit einem anderen Ein-
wand: Daß man die Fragen „was ist?“ und „was soll sein?“
getrennt von einander beantworten kann, geben wir zu,
wir geben auch zu, daß die Frage nach dem Sollsein von
dem Gelehrten ebenso wie von dem Ungelehrten nur aus
einem subjektiven ethischen Standpunkte beantwortet
werden kann. Und doch die Frage: „Was frommt dem
konkreten Staate“ (List)? darf der Vertreter der Wissen-
schaft nicht von sich abschieben. Denn, „wenn er die Lö-
sung der Fragen dem Praktiker überlassen wollte, dann
würden eben andere weit weniger neutrale, von egoisti-
schen Interessen bewegte Kräfte sich der Aufgabe be-
mächtigen, werden sie wahrhaft realistische Lehrer der
Wirtschaftspolitik suchen, sie auf ein Parteiprogramm ver-
eidigen“ ’)• Das klingt gewiß recht annehmbar, aber daß
der Gelehrte bei praktisch-politischen Fragen gewissermaßen
seiner Natur gemäß streng unparteiisch eingreift, wird man
auf Grund der oben mitgeteilten allgemeinen Erwägungen
stark bezweifeln dürfen. Andrerseits hat die intensive un-
mittelbare Mitarbeit der sozialökonomischen Wissenschaft
es nicht zu verhindern vermocht, daß „wahrhaft realistische
Lehrer“ auftraten, die sich ohne große Mühe auf Partei-

1) H. Dietzel a. a. O. S. 50.
        <pb n="60" />
        ﻿54

Programme vereidigen ließen. Nach der Richtung hin, ist
also gar nichts gewonnen; verloren aber viel, weil durch
die scheinbar unlösbare Verbindung der Wissenschaft und
der Politik die Autorität der Wissenschaft außerordentlich
gelitten hat zu ihrem eigenen Schaden und zum Schaden
der Politik selbst.

Für die „wissenschaftlichen Politiker“, sagen wir einmal — „extrem-
ster Richtung“, leistet natürlich die Nationalökonomie auch heute noch
nicht genug in der politischen Rezeptierkunst. So verkündet Dr. G. Ruh-
LAND: „Die sozialen Mißstände sind längst chronisch geworden. Die
unheilvollen volkswirtschaftlichen Verschiebungen schreiten unaufhaltsam
weiter. Das ist die naturgemäße Folge einer überwiegend historischen
unpraktischen Richtung in der Nationalökonomie ....“ Vgl. Privat-
beleidigungsprozeß Ruhland contra Biermer, 1909 S. 36.

Fast möchte ich sagen, mit erschreckender Deutlich-
keit zeigt ein erheblicher Teil unserer heutigen wirtschafts-
politischen und sozialpolitischen Literatur, nicht selten auch
da, wo sie in wissenschaftlichem Gewände auftritt, wie nach-
teilig eine enge Verknüpfung der Wissenschaft mit der
Politik die wissenschaftliche Arbeit beeinflußt.

Auch hier liegt es mir wieder aus persönlichen und
sachlichen Gründen nahe, auf die Art und Weise hinzu-
weisen, wie die Boden- und Wohnungsfrage in unserer
Literatur behandelt wurde.

Für einen großen Teil der sehr zahlreichen Abhand-
lungen und Schriften zu dieser Frage paßt ein überaus
charakteristisches Selbstbekenntnis, dasMANGOLDT in seinen
umfangreichen Werke: „Die städtische Bodenfrage, eine
Untersuchung über Tatsachen, Ursachen und Abhilfe“
(1907) niedergelegt hat: „Indeß wollen wir frei ge-
stehen, daß wir getreu unserer Rolle hier mehr
Staatsanwalt als Richter zu sein, auf die Samm-
lung und Darstellung der entl astenden Momente
        <pb n="61" />
        ﻿55

nicht das gleiche Maß von Sorgfalt und Anstren-
gung verwandt haben wie auf die belastenden“.
Ich habe dazu schon früher ‘) eine Anmerkung gemacht, die
ich hier wiederholen möchte: Manche national-ökono-
mische Autoren mögen in der Tat so denken und handeln;
wenn sie in erster Linie ihre Aufgabe darin erblicken,
„etwas in der Welt durchzusetzen“ dann sind sie schon
gezwungen, in der öffentlichen Diskussion bald die Rolle
des Staatsanwalts, bald die des Verteidigers zu spielen,
sie sollen sich dann aber auch nicht den Anschein des
unbefangen nur nach Wahrheit und Recht suchenden
Richters zu geben. Es scheint wirklich nötig zu sein, die
deutsche Wirtschaftswissenschaft daran zu erinnern, daß
eine „einseitige“ Wissenschaft keine Wissenschaft mehr ist.

Man behauptet, glaubt es auch wirklich, „Tatsachen“
zu untersuchen; auf Grund von unbefangen gewürdigten
„Tatsachen“ zu urteilen, und doch sind es nur Vorurteile,
die in subjektiven Meinungen, Vorstellungen, Wünschen
einen meist so außerordentlich schwachen Unterbau haben.
Auch das wird zuweilen von ehrlichen „Reformern“ zuge-
geben.

In der Zeitschrift für Wohnungswesen (Jahrgang 1909)
fand eine Diskussion im Anschlüsse an meine Schrift
„Boden und Wohnung“ statt. Der bekannte Wohnungs-
reformer W. Fabarius stellte mir dabei das Zeugnis aus,
meine Ausführungen seien „klar und überzeugend“, ich
habe einen Fehler vermieden, der in diesem Streite auf
beiden Seiten vorgekommen sei, nämlich „vorschnelle
Schlüsse aus unvollständig festgestellten Tatsachen zu
ziehen“. Trotzdem hat Fabarius mein Buch nicht mit Be-
friedigung aus der Hand gelegt. Ich bin seinem Gefühle

1) „Boden und Wohnung“ S. 136.
        <pb n="62" />
        ﻿56

zu nahe getreten. Er hat sich einen Glauben gebildet,
der beruht — ich gebrauche die eigenen Worte meines
Kritikers — „zum einen Teile auf einer Summe
schwer darstellbarer Einzelbeobachtungen, zum
größeren Teil auf der besonderen Lebensan-
schauung, die wieder mehr durch Temperament
und Anschauungsweise, als durch verstands-
mäßiges Urteil sich bildet“.

Auch dieses Bekenntnis darf man wieder in nur zu
weitem Umfange verallgemeinern. Ohne es selbst zu em-
finden, stehen Männer der Wissenschaft, die an politischen
Reformen, speziell an der Bodenreform „energisch“ mit-
arbeiten wollen, unter dem lähmenden Einflüsse derartiger
vorgefaßter Meinungen.

Daß bei einer solchen Sachlage die Wissenschaft, die
nur der Erkenntnis dienen will, oft einen sehr schweren Stand
hat, liegt auf der Hand. Hat ein Vertreter der sozial-
ökonomischen Wissenschaft eine Tagesfrage zum Gegen-
stand objektiver Forschung gemacht, dann fragen nicht nur
die Wirtschaftspraktiker- und -interessenten, sondern nicht
selten auch ein erheblicher Teil der Fachgenossen: Was
nutzt es, oder was schadet es unseren Reformplänen, wird
der Wille zur Tat dadurch gelähmt oder gestärkt?

Als 1908 Ballod, der angesehene Berliner National-
ökonom und Statistiker in Schmollers Jahrbuch die städ-
tische Boden- und Wohnungsfrage erörterte, glaubte er
konstatieren zu müssen, daß die Mehrzahl der deutschen
Nationalökonomen diesem Problem gegenüber zu der pessi-
mistischen Auffassung gekommen sei, daß im wesentlichen
nichts zu machen sei; das veranlaßte ihn dann zu dem
Schlachtrufe: „Diese Stimmung muß überwunden
werden, wenn nicht anders die nationalökonomischeWissen-
        <pb n="63" />
        ﻿57

schaft und schließlich auch das gesamte Wirtschaftsleben
schweren Schaden nehmen soll“.

Hier ist also dem Studium von vornherein ein Re-
sultat, das erreicht werden muß, als Ziel vorgeschrieben.
Was Wunder, daß Mittel und Wege vom Standpunkte un-
befangener Wissenschaft aus nicht einwandfrei sind!

Ballod betrat den Kriegspfad gegen die „Pessimisten“.
Wiederum war es dabei charakteristisch, daß er als Mann
der Wissenschaft das wissenschaftliche Fundament seiner
Gegner gar nicht sah, oder es doch gar nicht beachtete, da-
gegen ließ er es sich als Mann der Tat eine Menge Zeit und
Geduld kosten, um eine alte Agitationswaffe der Boden-
reformer zurückzuerobern, die These von den fabelhaften
Gewinnen der Terraingesellschaften. Diese These hatte
ich in meiner Schrift „Bodenrente und Bodenspekulation“
bekämpft, indem ich

1.	zeigte, daß selbst die schon lebenskräftig ge-
wordenen Terraingesellschaften der Gegenwart
„im Durchschnitt mit ziemlich bescheidenen
Dividenden, allzu häufig sogar mit 0 Prozent sich
zufrieden geben müssen“,

2.	hinwies auf die bekannte Tatsache, daß sehr zahl-
reiche Terraingesellschaften in der Vergangenheit zu-
sammengebrochen sind.

Aus 1+2 folgerte ich: „Es ist sicher, daß die
Gesamtgewinne der Terraingesellschaften (d. h.
Vergangenheit und Gegenwart aller Terraingesellschaften
zusammengenommen) geringer sind als die Gesamt-
verluste“.

Von vornherein ließ ich nun aber in der Diskussion
keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die von mir über
die Terrainspekulationen mitgeteilten Zahlen „nur den Wert
        <pb n="64" />
        ﻿58

einer Illustration zu den vorhergehenden Deduktionen“
hätten, wer mein Buch kritisieren wolle, müsse sich haupt-
sächlich mit dem letzteren befassen. Dementsprechend
betonte auch die wissenschaftliche unbefangene Kritik, daß
selbst dann, wenn das von mir beigebrachte statistische
Material nicht beweiskräftig wäre — und das ist stati-
stisches Material bekanntlich sehr selten — die allgemeinen
Resultate meiner Untersuchungen nicht hinfällig würden.

Wie sucht nun Ballod den lästigen Gegner zu „wider-
legen?“

1.	Das offenbar Nebensächliche macht er zum „Kardinal-
satz“ meiner Untersuchungen,

2.	er sucht den Eindruck zu erwecken, als wenn ich be-
hauptet hätte, die heutebestehenden Gesellschaften
hätten in der für Terraingeschäft verhältnismäßig gün-
stigen Gegenwart mehr Verlust als Gewinn, während
ich mich damit begnüge, festzustellen, daß die Gewinne
dieser Gesellschaften nicht so groß, wie man allge-
mein annehme, vielmehr im Durchschnitt „ziemlich
bescheiden“ seien, was Ballod tatsächlich be-
stätigen muß.

So war es mir leicht, in meiner Replik') nachzuweisen,
daß im Mittelpunkte der BALLODSchen Untersuchung eine
Behauptung stand, die ich in meinem Buche gar nicht
bestreite. Ich betonte erneut, daß die von mir formulierte
These über das Verhältnis von Verlust und Gewinn der
Terraingesellschaften ganz zutreffend das ungewöhnlich
große Risiko der Terraingesellschaften zum Ausdruck bringe,
„ich bin heute mehr denn je davon überzeugt“,
das waren meine Worte. Ich bedauerte aber, den heiß
umstrittenen Satz geschrieben zu haben, weil er schuld sei,
1) Vgl. Schmollers Jahrbuch 1908 S. 487 ff.
        <pb n="65" />
        ﻿59

daß „so sehr viel Geist, Zeit und Papier in den letzten
Jahren für ein wissenschaftlich ganz irrelevantes
Problem verschwendet wurde“.

Man hätte wohl nun seitens meines Gegners ein reuiges
„peccavi“ erwarten sollen. Aber da Ballod nicht nur als
Gelehrter, sondern noch viel mehr als sozialer und wirt-
schaftlicher Reformater kämpfte, sah er gar nicht, daß seine
Position verloren war; er hatte sich offenbar nicht einmal
die Ruhe gegönnt, um meine kurze „Erwiderung“ gründ-
lich zu lesen. So beginnt er denn sein Schlußwort —
unbegreiflich für den, dem die „Psychologie des politischen
Reformators“ unbekannt ist — mit der Erklärung: „Ich
stelle zunächst fest, daß Weber seinen Kardinal-
satz als widerlegt anerkennen muß.“ Ich stelle
demgegenüber fest: 1. Es handelte sich gar nicht um einen,
geschweige denn um den Kardinalsatz meiner Unter-
suchungen. 2. Ballod hat nicht einmal versucht, diesen
für meine allgemeinen Resultate nebensächlichen Satz zu
widerlegen, er „beweist“ nur, was ich selbst nie bestritten
habe. 3. Er behauptet, daß ich eine Widerlegung aner-
kennen müsse, wo ich tatsächlich betone, daß ich „mehr
denn je“ von der Richtigkeit meiner Ansicht überzeugt
sei. Die „Praxis“ der Bodenreformer aber jubelte, die
Wissenschaft habe ja gezeigt, daß die Resultate meiner
Untersuchungen falsch wären, daß meine Wenigkeit nicht
mehr recht ernst zu nehmen sei').

1)	Die Korrespondenz des Bundes der Landwirte (Nr. 68, 1909)
meinte sogar: „Selten ist wohl einem Vertreter der Wissenschaft eine
derartige Abfuhr zuteil geworden, wie diese dem verdienten Berliner
Nationalökonomen, Professor Ballod, Adolf Weber gegenüber ge-
lungen ist.“ Da ich gleichzeitig von demselben Organe als „radikal
freihändlerisch“ gekennzeichnet werde (obwohl ich nie ein Wort für oder
gegen den Freihandel geschrieben habe) ist meine wisssenschaftlic]
        <pb n="66" />
        ﻿60

Die Extreme berühren sich; schon kommt ein Pessi-
mismus zum Ausdruck, der erklärt, der Versuch, wesent-
liches für die Praxis aus der Theorie zu gewinnen, müsse
scheitern. „Unsere Theorie, soweit sie fest begründet ist,
versagt den wichtigsten Erscheinungen des modernen Wirt-
schaftslebens gegenüber1).“ Ich gestehe, daß dieser Pessi-
mismus mir sympathischer, auch berechtigter zu sein scheint,
als der übergroße Optimismus mancher anderen. Aber er
geht doch viel zu weit. Der Sozial-Ökonom kann freilich
nicht als Mann der Wissenschaft praktisch-politische Pro-
bleme lösen, die streng-wissenschaftliche Untersuchung
des National-Ökonomen über Tages-Probleme muß dem
Praktiker notwendigerweise „unfertig“, „zu wenig positiv“,
„zu verstandesmäßig“ Vorkommen. Aber deshalb sind
derartige Untersuchungen für die Praxis nicht nutzlos,
nicht unfruchtbar. Sie wollen gewiß nicht das ganze Ge-
bäude sein, aber sie können allein das sichere Fundament
abgeben für einen sturmsicheren Bau, demgegenüber aus
Gefühlen, Illusionen, Idealen und Wünschen nur ein leichtes
Kartenhaus errichtet werden kann, das nicht einmal dem
leisesten Lufthauch widerstehen wird2).

Minderwertigkeit für die Herren vom Bunde klar erwiesen. — Sogar
ein unbefangener Gelehrter, Stier-Somlo, hat sich durch die — fast
möchte ich sagen „Advokatenkniffe“ Ballods verblüffen lassen. Vgl.
Conrads Jahrbücher 1909 O. 0.

1)	So Schumpeter in seinem umfangreichen Werke über „Wesen
und Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie“ (S. 576, 578).
Zu der Art Theorie, wie sie Schumpeter entwickelt, paßt allerdings dieser
Satz durchaus. Ich befürchte, daß Conrad Schmidt recht behalten
wird, wenn er von Schumpeters außerordentlich fleißiger und tief-
grabender Arbeit sagt, daß sie „in typisch repräsentativer Weise die trost-
lose Unfruchtbarkeit der sogenannten neuen, in irgend welcher Form
auf dem berühmten Prinzip des Grenznutzens basierten ökonomischen
Theorien“ widerspiegele. Sozialistische Monatshefte 1909 1. Bd. S. 453.

2)	Diese Sätze habe ich in der „Zeitschrift für Wohnungswesen“
        <pb n="67" />
        ﻿61

Welches sind denn, genauer betrachtet, die prak-
tischen Aufgaben, die die Volkswirtschaftslehre als,
Wissenschaft zu lösen hat?

„Der Gebrauch der undifferenzierten Kollektiv-Begriffe,
mit denen die Sprache des Alltags arbeitet, ist stets Deck-
mantel von Unklarheiten des Denkens und Wollens, oft
genug das Werkzeug bedenklicher Erschleichungen, immer
aber ein Mittel, die Entwicklung der richtigen Problem-
stellung zu hemmen l).“ In diesem durchaus zutreffenden
Urteile Max Webers ist ein Fingerzeig gegeben für eine
außerordentlich wichtige Aufgabe, die die Wissenschaft für
die Praxis zu lösen hat: Herausbildung klarer Be-
griffe.

In vortrefflicher Weise zeigt Max Weber, wie ver-
derblich falsche, oder mehrdeutige Begriffe für praktische
wirtschafts- und sozialpolitische Erörterungen werden
können. Die von ihm angeführten Beispiele ließen sich
nach den verschiedensten Richtungen hin beliebig ver-
mehren. Ich will mich wieder darauf beschränken, die
Boden- und Wohnungsfrage als Exempel heran zu ziehen.
Eine ganze Generation hindurch treten Männer der Wissen-
schaft energisch ein für Reformen auf dem Gebiete des
Wohnungswesens, zahllos sind die Schriften, die über den
Gegenstand geschrieben wurden, und da sie von sozial-
ökonomischen Gelehrten verfaßt waren oder doch von ihren
Lehren ausgingen, hielt man diese Bücher und Abhand-

(1909) in meiner Replik „Boden und Wohnung“ etwas näher ausge-
führt. — Einige recht derbe, aber darum nicht unrichtige Bemerkungen
betreffend „überschwängliche und verlogene Proteste gegen den Nützlich-
keitsgesichtspunkt einerseits und Betrachtung der Wissenschaften als ge-
meine Krämerware anderseits“ findet man bei Dühring, Logik und
Wissenschaftstheorie 2. Aufl. 1905 S. 402 ff.

1) Archiv Bd. XIX S. 85.
        <pb n="68" />
        ﻿62

lungen auch für wissenschaftliche, für theoretische Leistungen.
Angesichts der enormen Quantität des dargebotenen Stoffes
meinte Professor Fuchs 1901, daß wir seit 1886 theoretisch
in Deutschland die Wohnungsfrage bemeistert hätten.
8 Jahre später erklärte sein Nachfolger im Lehramte an
der Freiburger Universität, Diehl, bei seiner Antrittsrede,
daß wir zwar eine Menge tatsächlichen Stoffes, eine Fülle
von Detail-Untersuchungen über die Wohnungszustände
aus allen Ländern besäßen, aber als man dann an die
eigentliche Wohnungs-Reform-Politik herangetreten sei,
habe man gefunden, daß die Hauptsache noch zu erledigen
blieb, Klarheit zu schaffen über die theoretisch-systematische
Seite der Wohnungsfrage: „Wer praktische Wohnungs-
politik treiben will und daher die hohen Wohnungspreise
bekämpfen will“, so meint Diehl 0, „sollte doch vor allem
über die Frage im klaren sein: Sind diese hohen Preise
durch die Grundrente oder durch die hohen Baukosten
verursacht? Sind die Preise durch die Spekulation künst-
lich in die Höhe getrieben oder entsprechen sie dem Ver-
hältnis von Angebot und Nachfrage.“ Gewiß, man hatte
auch schon vor 1891 Antworten auf diese Frage, aber
Antworten, die in geradezu klassischer Weise zeigen —
ich weise nur hin auf die jetzt von der Wissenschaft in der
Hauptsache fast einstimmig aufgegebenen Arbeiten von
Eberstadt 2) — wie verhängnisvoll es für den praktischen
Politiker werden kann, wenn er sich nicht auf die Lehren

1)	a. a. O. S. 309.

2)	„Die Lehren Eberstadts und seiner Anhänger beruhen auf

einer vollständigen Verkennung der Grundlagen der Volkswirtschafts-
lehre und es ist wenig rühmlich für den Stand dieser Wissenschaft in
Deutschland, daß sie unter ihren berufenen Vertretern einen derartigen
Anhang gewinnen konnten.........Durch die Befolgung der Rat-

schläge, die von dieser Seite gegeben werden, würde den-
        <pb n="69" />
        ﻿63

einer unbefangenen, nur nach Erkenntnis, nicht nach Taten
strebenden Wissenschaft zu stützen in der Lage ist.

Aber nicht nur klare Begriffe gibt die Wissenschaft
dem Politiker: sie zeigt ihm auch, — oben wurde das
schon gestreift — wie die Maßnahmen, die er zu ergreifen
gedenkt, wahrscheinlich wirtschaftlich wirken werden:
wie die Beseitigung von Zollschranken unter übrigens
gleichbleibenden Umständen auf den Lohn wirkt, ob die
Möglichkeit besteht, daß eine neueinzuführende Steuer
abgewälzt wird, ob die Vermehrung der Umlaufsmittel den
Zinssatz herunterdrücken wird usw. Die Wissenschaft zeigt,
wo die Ursachen bestimmter wirtschaftlicher Erscheinungen
sind und sie zeigt auch, nach welchen Richtungen beab-
sichtigte oder durchgeführte Änderungen im wirtschaftlichen
Organismus sich geltend machen können.

Indem ferner der wirtschafts-wissenschaftliche Forscher
„gewohnheitsmäßig“ nicht nur Einzel-Interessen im Auge
hat, sondern die Gesamt-Interessen überschaut, ständig
sich auf dem Laufenden hält über die Verknüpfung der
verschiedenartigen Gruppen-Interessen, dieVergangenheitzu
Rate zieht, um die Gegenwart zu verstehen, ist er befähigt
durch die Resultate seiner Forschung eine Grundlage
für den Gesetzgebungsbau zu geben, über dessen Kon-
struktion und Bauart im einzelnen er sich allerdings kein
Urteil anmaßen darf, das ist teils Geschmackssache, teils
abhängig von einem Urteil über sachliche Einzelheiten,
wie es meist nur in der Praxis stehende Fachleute ab-
geben können, deren Aufgabe es zwar nicht ist, ständig
den Blick über das Ganze der Volkswirtschaft schweifen
jenigen Klassen, denen man zu nützen versucht, unbe-
rechenbarer Schaden zugefügt, das Volksvermögen um
Hunderte von Millionen geschädigt werden.“ Moritz
NAUMANN, Zeitschrift f. Volkswirtschaft usw. 18. Band (1909) S. 137.
        <pb n="70" />
        ﻿64

zu lassen, die aber umsomehr ihren engen Tätigkeitskreis
überschauen und daher über Einzelheiten Bescheid wissen,
die unter Umständen zu Ecksteinen des Gebäudes werden
müssen.

Diese Erwägungen, die im einzelnen noch weiter
ausgeführt werden könnten, rechtfertigen es doch, daß
man an die Verwirklichung des Ideals glaubt, das Roscher
vorschwebte, wonach die Volkswirtschaftslehre „im Gewoge
der Tagesmeinungen zur festen Insel wissenschaftlicher
Wahrheit werden soll“1).

Es wäre noch die Frage zu berühren, ob der Lehrer
der sozialwirtschaftlichen Wissenschaft überhaupt nicht
„Wirtschafts-Politik“ zu „lehren“ habe.

Daß das, was in den Lehrbüchern und in den Vor-
lesungsverzeichnissen „Volkswirtschafts-Politik“ genannt
wird, einen Teil der Volkswirtschaftslehre ausmacht, recht-
fertigt sich durchaus, sofern diese Volkswirtschafts-Politik
sich darauf beschränkt, von wirtschaftlichen Gesichts-
punkten aus, das Seinsollen, die wirtschafts-politischen Po-
stulate und Programme zu analysieren, zu erklären. Es ist
natürlich auch darüber hinaus dem einzelnen Volkswirt-
schaftslehrer unbenommen, seinerseits oberste Grundsätze
des sozialen Seinsollens für das wirtschaftliche Handeln
aufzustellen, Rezepte auszuarbeiten, wie die Normen seiner
„Wirtschafts-Ethik“ in die Tat umgesetzt werden sollen;
aber — ich hege kein Bedenken, einen bereits früher
ausgesprochenen Gedanken hier nochmals zu wieder-
holen — es ist unbedingt notwendig, daß er sich darüber
klar bleibt, daß er nie seinen Glauben als sozialökono-

1) Vgl. dazu Diehl a. a. O. S. 113, der dieses Ideal „unerreichbar“
nennt, nicht ganz im Einklang, wie mir scheint, mit seinen übrigen Aus-
führungen.
        <pb n="71" />
        ﻿65

mische Wissen Schaft ausgeben darf; er muß sich ferner
klar sein über die Gefahren, die er für sein wissenschaft-
liches Erkenntnisstreben dadurch heraufbeschwört, daß er
seine Gedankenarbeit unmittelbar in den Dienst wirt-
schaftspolitischer Dogmen stellt. Nur dann, wenn man
die Gefahren kennt, kann man sie vermeiden.

Von selbst ergibt sich aus dem Gesagten, wie es der
sozialökonomische Gelehrte mit der parteipolitischen Be-
tätigung zu halten hat. Wenn ich nicht irre, war es
E. Gothein, der im Kolleg einmal meinte, daß der Sozial-
Ökonom, der zugleich als Partei-Politiker wirke, in aller Regel
entweder ein schlechter Gelehrter oder ein schlechter Poli-
tiker sei. Ich selbst habe schon vor Jahr und Tag
gegenüber Angriffen einer parteipolitischen Zeitung es
für der Mühe wert gehalten, auf Grund des § 11 des
Preßgesetzes erklären zu lassen, daß ich mich grund-
sätzlich im Interesse der Unbefangenheit meiner wissen-
schaftlichen Untersuchungen stets von allen parteipolitischen
Bestrebungen fern gehalten habe und fern halten werde.

Mein grundsätzlicher Standpunkt schützte mich freilich nicht davor,
daß ich — leider auch von Vertretern der Wissenschaft — zum Teil
aus psychologisch erklärlichen Bequemlichkeitsgründen bald dieser, bald
jener Partei zugezählt wurde: „sozialistisch angehaucht“, „extrem indi-
vidalistisch“, „ultramontan“, „radikal freihändlerisch“, das sind so einige
parteipolitische epitheta ornantia, mit denen ich in der öffentlichen Dis-
kussion bedacht wurde. Ähnliche Erfahrungen wird jeder Fachgenosse
gemacht haben, der an Tagesfragen mit wissenschaftlichem Rüstzeug
heranzutreten versuchte.

Sicher ist jedenfalls, daß Wirtschaftswissenschaft und
schließlich auch Tages-Politik nur gewinnen werden, wenn
sie nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch getrennt
ihren Weg gehen. Das dadurch von den Theoretikern ver-
langte Opfer scheint gerade in der Gegenwart nicht be-
sonders schwer zu sein.

Weber, Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft.	5
        <pb n="72" />
        ﻿66

III.

Es ist wohl allgemein bekannt, daß die Volkswirt-
schaftslehre bei uns in Deutschland aus der Kameral-
wissenschaft hervorgegangen ist, eine „Wissenschaft“, die
nicht mehr und nicht weniger wollte, als künftige fürst-
liche Kammerbeamten fähig zu machen, das Vermögen
ihres Landesherrn erfolgreich zu verwalten 1). Noch heute
ist hier und da die Meinung vorhanden, als wolle die
Volkswirtschaftslehre eine individuelle Bereicherungslehre
sein. Aber grundsätzlich ist dieser Standpunkt längst
überwunden, wenn freilich auch heute noch Verwechs-
lungen privatwirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Er-
scheinungen manchmal schlimme Verwirrung anrichten1 2).

Wenn nun aber auch die enge Verbindung zwischen
geschäftlicher Praxis und Volkswirtschaftslehre gelöst ist,
so darf deshalb doch kein Gegensatz zwischen Theorie
und Praxis bestehen. Daß dieser Gegensatz trotzdem
vorhanden ist, wird von keiner Seite bestritten.

Im November 1905 fand im Verein der Industriellen
des Regierungsbezirks Köln eine Aussprache zwischen
Praktikern und Vertretern der nationalökonomischen
Wissenschaft über die Beziehungen zwischen Wissen-
schaft und Praxis statt3). Man war sich einig darüber,

1)	Wer näheres über die Anfänge der Wirtschaftswissenschaft in
Deutschland hören will, wird reichen und anregenden Stoff in den sorg-
fältigen Untersuchungen finden, die Stieda unter dem Titel „Die National-
ökonomie als Universitätswissenschaft“ 1906, veröffentlicht hat,

2)	Ein Beispiel dafür bringe ich in meiner Schrift „Boden und
Wohnung“ S. 28.

3)	Vgl. „Wirtschafts-Wissenschaft und Praxis“. Ein Diskussions-
abend im Verein der Industriellen des Regierungsbezirks Köln, 1905.
Dazu: Leitartikel der Frankfurter Zeitung 1905, 21/11. Abendblatt.
        <pb n="73" />
        ﻿67

daß das Verhältnis nicht so ist, wie es sein sollte. Zwar
wurde von den Vertretern der Wissenschaft nachdrücklich
betont, daß daran die Praxis nicht unschuldig sei und
sogar Geheimrat Kierdorf mußte zugeben, daß auf beiden
Seiten die Schuld zu suchen sei, aber, soweit man auf
Grund des gedruckten Berichtes urteilen kann, muß der
unbefangene Teilnehmer dieser Versammlung mit dem
Gefühle nach Hause gegangen sein, daß doch die Theo-
retiker einen großen, vielleicht den größten Teil der Schuld
auf sich zu nehmen haben.

Die Vorwürfe, die Ehrenbrrg der herrschenden Rich-
tung unserer Wissenschaft auf dieser Versammlung machte,
konnten nur zum Teil widerlegt werden; unwidersprochen
blieben aber namentlich die Äußerungen von Professor
Wirminghaus, daß „bei einzelnen Professoren eine ganz
einseitige Stimmung gegen die Männer der Praxis, gegen
das Unternehmertum“ vorherrsche. „Das ist um so be-
dauerlicher, weil solche Stimmung das größte Hindernis
bildet, um die Dinge objektiv und wissenschaftlich prüfen
und würdigen zu können.“ Diese Worte eines in der
Praxis stehenden, aufrichtigen Freundes unserer Wissen-
schaft verdienen die größte Beachtung aller derjenigen,
die nach Gründen suchen für das gespannte Verhältnis
zwischen Theorie und geschäftlicher Praxis.

Es wäre aber natürlich durchaus irrig und entschieden
zurückzuweisen, wenn es jemand einfallen wollte, zu
glauben, daß die richtig charakterisierte „einseitige Stim-
mung“ einzelner Professoren auf unedle Motive zurück-
zuführen sei. Im Gegenteil! Es ist nur die Folge davon,
daß ein an sich schönes und gewiß erstrebenswertes so-
ziales und wirtschaftliches Ideal harten Widerstand findet
an der sozialen und wirtschaftlichen Wirklichkeit. Aber

5*
        <pb n="74" />
        ﻿68

statt nun das wirtschaftliche Seinsollen zu messen mit
dem Maßstabe des wirtschaftlichen Seins, macht man es
umgekehrt, man will das „wirtschaftliche Sein“ kritisieren
auf Grund einer Vorstellung vom Seinsollen, die man
aus Illusionen schöpft, die fern von aller wissenschaft-
lichen Erkenntnis entstanden sind. Daß die Praxis sich
dagegen auflehnt, ist durchaus in der Ordnung!

Die Schlußfolgerung ist hier dieselbe, wie im vorigen
Abschnitt: die Wirtschaftswissenschaft als solche hat keine
wirtschaftspolitischen Ideale aufzustellen.

Trotzdem und gerade dann wird die Volkswirtschafts-
lehre als reine Wissenschaft der Praxis nicht minder von
Nutzen sein, als der Politik. Daß gerade für den Kauf-
mann, den Industriellen, eine auf verständigen wirtschaft-
lichen Erwägungen fußende Wirtschaftspolitik von ent-
scheidender Bedeutung ist, wäre hier vorab zu buchen.
An dieser Gesetzgebung muß auch die geschäftliche Praxis
mitwirken; sie muß sich Gehör verschaffen, aber gerade
ihr gegenüber ist man besonders leicht geneigt, ihre viel-
leicht außerordentlich wichtige Einzelerkenntnis als Inter-
essentenweisheit unbeachet zu lassen, wenn sie es nicht
versteht, das Einzelne in den großen Zusammenhang hin-
einzubringen. Das wird ohne die Hilfe der sozial-ökonomi-
schen Wissenschaft kaum möglich sein — hier liegt, um das
nebenbei zu bemerken, der entscheidende praktische Wert
des volkswirtschaftlichen Unterrichts an den Handelshoch-
schulen.

Nicht mit Unrecht hat man auch darauf hingewiesen,
daß die Volkswirtschaftslehre der geschäftlichen Praxis
unter Umständen sogar direkt recht brauchbare Führer-
dienste leisten kann: daß sie den Geschäftsmann inner-
halb gewisser Grenzen in den Stand setzen kann, die zu-

♦
        <pb n="75" />
        ﻿69

künftige Entwicklung einzelner wirtschaftlicher Faktoren
unter dem Einflüsse bestimmter Umstände mit ziemlicher
Sicherheit vorauszusehen, daß sie ihm wertvolle Finger-
zeige geben kann in bezug auf das Verhalten gegenüber
seinen Arbeitern usw. *) Ja auch das ist richtig, daß „jede
Beurteilung tatsächlicher Preisverhältnisse, nicht minder
auch jede praktische Erwägung über die voraussichtliche
Gestaltung der wahren Preise in der Zukunft gewisser-
maßen durch ein allgemeines theoretisches Urteil hindurch
gehen muß“2).

Daß die Volkswirtschaftslehre den Wirtschaftspraktikern
nicht ferne liegen kann, darauf weist ja schon die lange
Reihe glänzender Namen von Männern hin, die von der
Praxis ausgingen, um dann in unserer Wissenschaft Her-
vorragendes zu leisten; Ricardo allen anderen voran.
Ähnliches wird man schließen dürfen aus dem überraschen-
den Eifer und dem großen Verständnis, mit dem gerade
intelligente junge Kaufleute, die aus der Praxis kommen,
um an unseren Handels-Hochschulen zu studieren, Probleme
der Volkswirtschaftslehre anfassen.

Gewiß wird der Gegensatz zwischen Theorie und
Praxis stets bleiben, weil der Gegensatz zwischen den
Wünschen der Interessenten und den Lehren der Wissen-
schaft nie ausgeglichen werden kann. Auch dann, wenn
die deutsche sozialökonomische Wissenschaft sich von den
Illusionen abwendet und sich ganz dem unbefangenen
Studium der realen wirtschaftlichen Verhältnisse widmet,

1)	Vgl. hierzu die überhaupt sehr beachtenswerte Rede L. Pohles
beim Rektoratswechsel an der Frankfurter Akademie, Jena 1905, speziell
S 36 ff.

2)	Wirminghaus, „Die nationalökonomische Wissenschaft und der
deutsche Kaufmannsstand“ (Abdruck aus der Festschrift zur Feier des
25jährigen Bestehens des Staatsw. Seminars zu Halle) 1898 S. 24.
        <pb n="76" />
        ﻿70

wird gelegentlich herber Tadel aus dem Lager der Inter-
essenten über die „törichten Lehren der grauen Theorie“
zu uns herüber tönen, das wird um so leichter zu ertragen
sein, weil wahrscheinlich gleichzeitig andere Interessenten
um so lauter und — ebenso unberechtigt — unser Lob ver-
künden.

Es bleibt nur zu hoffen, daß wenigstens die weiter
blickenden Geschäftsleute sich schließlich doch immer
wieder mit den Sozialökonomen auf demselben Boden
finden werden. Es muß möglich werden, daß die Volks-
wirtschaftslehre auch in der Praxis wieder ihre Autorität
als Wissenschaft zurück erlangt. Praktisch würde dadurch
erreicht, daß die Interessenten nicht so leicht die Lehren
der Wissenschaft von sich abschütteln könnten; die sozial-
ökonomische Wissenschaft würde mehr als bisher im volks-
wirtschaftlichen Leben Gesetzgeber sein können ohne
Gesetze.

IV.

Carl Marx schließt sein Vorwort zur ersten Auflage
des „Kapital“ mit dem Satze: „Gegenüber den Vorurteilen
der s. g. öffentlichen Meinungen, der ich nie Konzessionen
gemacht habe, gilt mir nach wie vor der Wahlspruch des
großen Florentiners „Segui il tuo corso e lascia dir le
genti.“

Das, meine ich, müßte das Motto für jeden ernsten
Forscher sein. Es soll nicht geleugnet werden, daß Gründe
vorliegen, die seine Befolgung gerade in der Volkswirt-
schaftslehre besonders schwer machen. Es ja nur mensch-
lich, daß der Sozial-Ökonom nicht zufrieden ist damit,
daß seine Erkenntnis erweitert und vertieft wird, er doziert,
schreibt Bücher, um möglichst vielen anderen das mitzu-
        <pb n="77" />
        ﻿71

teilen, sie davon zu überzeugen, was er für wahr erkannt
hat und er hofft, daß seine Lehre mit benutzt werde als
Baustein für den kulturellen Fortschritt. Diese Hoffnung
kann sich aber nur verwirklichen, wenn die Gedanken zum
Gemeingut des Volkes werden, wenn die öffentliche Meinung
sich von ihnen beeinflussen läßt.

So will also der Sozial-Ökonom bewußt oder unbe-
wußt von seinem Standpunkte aus die öffentliche Meinung
mit dirigieren helfen. Auf der anderen Seite aber ist es
umgekehrt die öffentliche Meinung, die ihn dirigiert auch
dann, wenn er mit Marx selbstbewußt seinen Weg geht
und „die Leute reden läßt.“ Mit Herbart müssen wir be-
kennen, daß das, was der einzelne seine Persönlichkeit
nennt, nur ein Gewebe von Gedanken und Empfindungen
ist, deren bei weitem größter Teil nur wiederholt, was die
Gesellschaft, in deren Mitte er lebt, als ein geistiges Ge-
meingut besitzt und verwaltet. „Die ganze Masse von
Vorstellungen kommt ebenso gewiß wie die Muttersprache
von außen.“

Das ist unzweifelhaft richtig, aber viel zu weit geht
man, wenn man behauptet, daß das Individuum in seinem
Reden und Handeln nur die Anschauungen, Gesinnungen,
Tendenzen seiner Gruppe ausdrücken könne. Immer wieder
zeigt die Geschichte, daß kraftvolle Einzelpersönlichkeiten
sich über die Gruppe erheben, ja sogar die Gruppen, das
Volksganze sich unterwerfen. Leicht ist das freilich nicht, nur
in Ausnahmefällen gelingt es, und wo es nicht gelingt,
da wird derjenige, der es gewagt hat, aus dem „geistigen
Dunstkreise“ seiner Gruppe heraus zu treten, bitter dafür
büßen müssen, daß er unangenehme Störung verursacht.
So selten nun auch der Versuch einer Revolution im Volks-
geiste durchschlagenden Erfolg hat, so selten wird anderer-
        <pb n="78" />
        ﻿seits eine irgendwie tiefer genommene geistige Anregung
im Volksleben gänzlich ungehört und gänzlich erfolglos
verhallen. Eins ist jedenfalls gewiß, daß schließlich die
Wahrheit immer wieder nach vorne gedrängt werden muß.

Auch diese Erwägungen legen es wieder nahe, daß
wir uns mit ernster Selbstzucht wenigstens bemühen, die
Gedanken über das Sein und das Seinsollen auseinander
zu halten. Dann aber folgt ferner daraus, daß es Pflicht
der Gelehrten ist, sobald er sieht, daß die Wahrheit des
Seins im Widerspruche steht zu der vulgären Auffassung
von dem Seinsollen, für die Wahrheit rücksichtslos ein-
tritt auch dann, wenn er dabei den Widerstand eines ganzen
Zeitalters findet. Dieser Widerspruch mag gewiß nicht an-
genehm sein, viel Selbstverleugnung beanspruchen, aber
man wird sich durch die Gewißheit trösten dürfen „zwar die
Vorurteile gegen sich, aber die Wahrheit für sich zu haben,
welche, sobald nur ihr Bundesgenosse, die Zeit, zu ihr ge-
stoßen sein wird, des Sieges vollkommen gewiß ist, mithin,
wenn auch nicht heute, doch morgen.“ (Schopenhauer.)

Der Gelehrte darf, ja muß, auf die öffentliche Meinung
einzuwirken versuchen, aber er wird von vorn herein keinen
Zweifel darüber aufkommen lassen dürfen, daß er soweit
der unmittelbare Erfolg in Frage kommt, mit seinem
Wissen, seiner Ehrlichkeit, seinem Wahrheitsdrange, nur
sehr Stümperhaftes leisten kann, gegenüber der raffinierten
Kunst des Demagogen.

Wer die Erklärung für diese Tatsache suchen will,
wird das mit Erfolg tun können an der Hand des Buches,
das der französische Sozial-Psychologe Gustave Le Bon
über die Psychologie der Massen geschrieben hat *). Etwas

1) Deutsch von Dr. Rudolf Eisler als Bd. II der Philosophisch-
soziologischen Bücherei, 1908.
        <pb n="79" />
        ﻿73

derb, aber wahr, meint Le bon: „Es ist die Dummheit
nicht der Geist, was sich in den Massen akkumuliert“.
Versucht man durch logische Argumente die Massen ent-
scheidend zu beeinflussen, so wird der Erfolg minimal
sein; man appelliere an das Gefühl, und man wird alsbald
den Erfolg spüren, auch dann, wenn dabei Logik und
Wahrheit auf schwachen Füßen stehen. Die Verminderung
des Intellekts, die Steigerung des Instinkts, die Erweiterung
der Grenzen für das als möglich Angesehene, die stark
angeregte Einbildungskraft der Massenpsyche bedingt es,
daß die Menge sich nicht Zeit nimmt, über die Schwierig-
keiten etwa eines Reformplanes nachzudenken, sie will
kein „wenn“ und kein „aber“ hören, je weniger sie nach-
zudenken braucht, um so besser, je entschiedener der Führer
auftritt, um so eher darf er auf Erfolg hoffen. Die den
Massen suggerierten Ideen können nur schwer zur Herr-
schaft gelangen, wenn sie nicht ganz bestimmte und ein-
fache Gestalt annehmen. Damit hängt es zusammen, daß
neue tiefgehende Ideen origineller Denker lange Zeit ge-
brauchen, um in der Massen-Seele festen Fuß zu fassen,
und eben so lange währt es, bis einmal festgewurzelte
Ideen wieder aus der Massen-Seele verschwinden. Man
hat es hier mit einer Art geistigen Trägheitsgesetzes zu
tun, nach dem, ähnlich wie in der Körperwelt, unsere Vor-
stellungen und Anschauungen einen natürlichen Hang zur
Beharrung besitzen.

Denken wir an die Vorgeschichte der französischen
Revolution. Die Ideen, die um die Wende des 16. und
17. Jahrhunderts z. B. von Vauban, Boisguilbert, bayle aus-
gesprochen wurden, wirkten erst viele Jahrzehnte später,
ja wenn man will, war es ein ins Vulgäre übersetzter
Humainsmus, der die Volksmassen zur Revolution drängte.
        <pb n="80" />
        ﻿74

Wie wirkten aber diese Ideen, nachdem die Massen sie in
sich aufgenommen hatten? Ein furchtbares Ringen der
Völker untereinander, das Jahrzehnte dauerte und uner-
meßliche Opfer kostete, waren die Folgen. Und auch nach
Beendigung dieser Kämpfe waren die Ideen, die dazu
führten, noch längst nicht ausgestorben; noch heute stehen
wir unter dem Einflüsse von wahren und falschen Ideen,
die in der Zeit der französischen Revolution populär wurden,
die aber doch schon viel früher geboren waren. Auf ein
anderes Beispiel, das zeigt, wie lange es dauert, bis ge-
wisse von Theoretikern ausgesprochene Grundsätze zur
politischen Verwirklichung gelangen, weist Diehl hin');
es ist die Geschichte der Freihandelsidee. Der Gedanke, der
schon 1776 von Adam Smith eingehend dargelegt wurde,
gelangte erst 7 Jahrzehnte später, 1846 durch die Auf-
hebung der englischen Getreidezölle zur praktischen Ver-
wirklichung.

Warum ich diese massenpsychologischen Probleme
hier berührt habe? Weil ich glaube, daß man von ihnen
ausgehen muß, wenn man die Beziehungen zwischen
„öffentlicher Meinung“ und „Wissenschaft“ untersuchen
will. Schon vor drei Jahrzehnten meinte Holtzendorff 1 2),
die Staatswissenschaft habe den Beruf, Erzieherin der
öffentlichen Meinung zu sein, er dachte dabei, abgesehen
von der Staatsrechtslehre, hauptsächlich an die Volkswirt-
schaftslehre. Dieser Gedanke ist inzwischen häufig in
dieser oder jener Form wiederholt worden. Beachtenswert
scheinen mir besonders einige Ausführungen zu sein, die

1)	Blätter für vergleichende Rechtswissenschaft und Volkswirtschafts-
lehre. 1. Jahrg. (1905) S. 46.

2)	„Wesen und Wert der öffentlichen Meinung“. Festgabe für
Bluntschli, 1879, S. 144.
        <pb n="81" />
        ﻿75

Professor Max Apt unter dem Titel „Politik und Wirtschaft“
vor zwei Jahren in der deutschen Wirtschaftszeitung ') ver-
öffentlichte. Bei den politischen Fragen um die Mitte des
vorigen Jahrhunderts seien Fragen des Staatsrechts in den
Vordergrund getreten, inzwischen habe sich ein starker
Umschwung vollzogen: staatsrechtliche Fragen treten in
den Hintergrund, wirtschaftliche Fragen in den Vorder-
grund. Für die große Masse des Bürgertums fehle es aber
nun an jeder Einrichtung, die unbefangene Kenntnis
über die Zusammenhänge des wirtschaftlichen Lebens ver-
mittele. „Während des Wahlkampfes werden die Bürger
mit Flugblättern aller Parteien überschüttet, und binnen
wenigen Wochen soll sich der Wähler klar werden, ob er
agrarisch, freihändlerisch, sozialistisch sich zu entscheiden
hat.“ Hier bestehe eine Lücke, hier liege auch der Grund,
weshalb der Wähler so leicht den Extremen anheimfalle,
weshalb Irrlehren und Übertreibungen so leicht Erfolge
erzielten. Diese Lücke müsse ausgefüllt werden durch
Gründung einer Vereinigung zur Verbreitung wirtschaft-
licher Kenntnisse, die ohne Abhängigkeit von einer be-
stimmten Partei durch Broschüren, Wanderredner und der-
gleichen die Ergebnisse der Wirtschaftsforschung jahraus
jahrein in das Volk hineinzutragen habe. Die Fähigkeit
zur Kritik, zu welcher dadurch der einzelne Bürger heran-
gezogen werde, könne nicht ohne Einfluß bleiben auf die
Zusammensetzung der Parlamente und auf die Gesundung
unseres politischen Lebens. Apt hofft, daß sich bei diesen
erzieherischen Aufgaben auch die Vertreter der sozial-
ökonomischen Wissenschaft beteiligen werden.

Der Plan kann bei jedem ehrlichen Volksfreunde nur
sympathisch aufgenommen werden. Ich weiß nicht, ob

1) III. Jahrg. (1907) S. 913.
        <pb n="82" />
        ﻿76

Versuche gemacht worden sind, ihn zu verwirklichen.
Aber ich glaube, daß ein derartiger Versuch bei der gegen-
wärtig herrschenden Auffassung von den Aufgaben der
Volkswirtschaftslehre früher oder später scheitern muß.
Ist es richtig, daß im Tempel der sozialökonomischen
Wissenschaft auch das wirtschaftspolitische Ideal seinen
Altar haben muß, dann wird das Volk in den Vertretern
der Wissenschaft nur Parteimänner sehen und es horcht
daher lieber auf die so mundgerecht dargereichten Lehren
der anerkannten Parteihäuptlinge.

Will die Wissenschaft dagegen ihre Aufgaben so be-
grenzen, wie das hier vorgeschlagen wird, dann ist es
den Volkswirtschaftslehrern möglich, über die Schranken
der parteipolitischen Gegensätze hinweg, gestützt auf die
Autorität wahrer Wissenschaft, „an der ökonomischen Er-
ziehung der Nation mitzuwirken und sie zum Eintritt in
die zukünftige Universalgesellschaft“ (List) vorzubereiten.

Insbesondere wird dann die Wissenschaft mit Erfolg
Vorurteile mancherlei Art beseitigen können. Sie wird —
wieder nur einige Beispiele zur Illustration — das Dogma
von dem naturnotwendigen Gegensatz zwischen Kapital
und Arbeit widerlegen können, es wird ihr möglich sein
zu zeigen, daß auf die Dauer Steigerung der Löhne weit
mehr gesichert werden kann durch Hebung der Produk-
tivität der Arbeit als durch irgendwelche gewaltsamen
Kampfmittel, sie wird erklären können, warum die Miet-
preise in unseren Städten so stark gestiegen sind, wo die
Ursachen einer allgemeinen Arbeitslosigkeit liegen, warum
ein hoher Getreidezoll durchaus nicht immer im Interesse
der Landwirtschaft liegt, daß auch die Spekulation eine
wichtige volkswirtschaftliche Mission zu erfüllen hat, daß
daher die Börse keineswegs nur „ein Monte Carlo ohne
        <pb n="83" />
        ﻿77

Musik“ ist, usw. Hunderte derartiger Fragen, deren prak-
tische Bedeutung keinem Zweifel unterliegen kann, sind
von der Wissenschaft aufzuwerfen und zu beantworten.
Aber der Gelehrte darf dabei nicht — ohne sein ehr-
fürchtiges Publikum auf die Verwandlung aufmerksam ge-
macht zu haben — seinen Arbeitskittel mit der so „viel
schöneren“ Toga des Politikers vertauschen.

Sehr wohl schickt es sich jedoch auch für den Ge-
lehrten, sich unter das Volk zu mischen, ihm Zugang zu
den Früchten seiner Arbeit zu verschaffen. Tut er das,
dann wird er nicht als Gourmand nur für das sorgen, was
und wie es ihm schmeckt, er wird daran denken, daß
keine Wissenschaft in so hohem Maße wie die Volkswirt-
schaftslehre nicht nur der Gelehrten, sondern vor allem
des Volkes wegen da ist. Irre ich nicht, dann war es
J. Köhler, der einmal den sehr richtigen Gedanken aus-
führte, daß der Gelehrte zwar imstande sein müsse, sich
zeitweise vom Volke und vom Verständnisse des Volkes
zu entfernen, daß es aber doch gleichzeitig stets sein Be-
streben sein müsse, das Verständnis seiner Ideen, wenn
auch nicht von heute auf morgen, so doch allmählich dem
Volke zu eröffnen.

In diesem Sinne, meine ich, muß es möglich werden,
daß die Volkswirtschaftslehre nicht nur wahre Wissen-
schaft, in dem schönen und ernsten Sinne, der mit dem
Worte verknüpft ist, wird, sondern zugleich auch die
populärste Wissenschaft unserer Zeit.
        <pb n="84" />
        ﻿Druck von J. B. Hirschfeld in Leipzig.
        <pb n="85" />
        ﻿Von demselben Verfasser erschienen:

Die Geldqualität der Banknote.

Leipzig 1900. Duncker &amp; Humblot.

Depositenbanken und Spekulationsbanken.

Ein Vergleich deutschen und englischen Bank-
wesens. Leipzig 1902. Duncker &amp; Humblot.

Bodenrente u. Bodenspekulation in der modernen Stadt.

Leipzig 1904. Duncker &amp; Humblot.

Boden und Wohnung.

Acht Leitsätze zum Streite um die städtische
Boden- und Wohnungsfrage. Leipzig 1908.
Duncker &amp; Humblot.

Armenwesen.

Einführung in die soziale Hilfsarbeit. Leipzig 1907.
Göschen.

Die Großstadt und ihre sozialen Probleme.

Leipzig 1908. Quelle &amp; Meyer.
        <pb n="86" />
        ﻿Verlag von J. C. B. Molir (Paul Siebeck) in Tübingen.

Die sozialistischen Systeme
und die wirtschaftliche Entwickelung.

Von Maurice Bourguin.

Professor der Nationalökonomie an der Universite de Paris.

Mit Genehmigung des Verfassers ins Deutsche übertragen
von Dr. Louis Katzenstein.

Groß 8. 1906. M. 8.—. Gebunden M. 9.50.

Geld und Wert.

Eine logische Studie
von Kiichiro Soda (Shö-Gakushi)

Doktor der Staatswissenschaften.

8. 1909, M. 4.—.

Über den Standort der Industrien.

Von Alfred Weber.

Erster Teil: Reine Theorie des Standorts.

Mit einem mathematischen Anhang von Georg Piek.

Unter der Presse.

Versicherungs-Lexikon.

Ein Nachschlagewerk für alle Wissensgebiete der Privat- und der Sozial-
versicherung, insbesondere in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Unter
Mitarbeiterschaft von Präsident Professor Dr. r. tl. Borght (Berlin), Justizrat
Direktor Dr. DoniizlufT (Hannover), Professor Dr. Ehrenberg (Göttingen),
Generalsekretär Ehrlich (Köln), Professor Dr. Euiminghaus (Gotha), Ver-
sicherungsarzt Dr. Feilchenfeld (Berlin), Professor Dr Florschiitz (Gotha),
Kammergerichtsrat Hage» (Berlin), Wirkl. Geh. Oberregierungsrat von Knebel*
Doeberitz (Berlin), Geh. Oberregierangsrat Professor Dr. Lexis (Göttingen),
Professor Dr.Loewy (Freiburg), Professor Dr. Moldenliauer (Köln),Regierangs-
direktor Ritter v. Rasp (München), Regierangsrat Dr. Reuss (Berlin), Geh.
Regierangsrat Direktor Dr. Samwer (Gotha), Öberlandesgeriehtsrat Schneider,

(Stettin)

herausgegeben von

Professor Dr. Alfred Mancs.

Lex. 8. 1909. Preis des vollständigen Werkes broschiert in (2 Halbbänden)
M. 28.—, gebunden (in 1 Band) M. 30.—.

Prospekte und Probehefte stehen unberechnet zu Diensten.
        <pb n="87" />
        ﻿Verlag von J. C. B. Molir (Paul Siebeck) in Tübingen.

Archiv

für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik.

In Verbindung mit Professor Werner Sombart in Breslau
und Professor Max Weber in Heidelberg
herausgegeben von Professor Dr. Edgar .lalTe in Heidelberg.

Alle 2 Monate erscheint ein Heft in groß 8. — Drei Hefte bilden einen Band.
Preis seit dem XXV. Bande pro Heft je nach Umfang.

Prospekte und Probehefte stehen zur Verfügung.

SSerlag ber £&gt;. gauW’fdjett 93ud)f)anblung in Tübingen.

C&amp;rutthriß jit ©nvlEjmuum

über

praftifdje llatioitalofottomie.

SSon ijsrofeffor Dr. ©eorg DOtt ütaijr.

I. !£eil: Einleitung unb allgemeiner Seil.

8. 1900. 9K. 2.40. ©ebunbeti 9JI. 3.40.

WLbxxft bn SofttrItrgie

bon Dr. Albert &lt;£. St. Sdjäffle.

§erau§gegeben mit einem SSorroort bon Äarl fJütber.

8. 1906. Sffi. 4.—. ©ebunbeit 3R. 5.—.

Das bürgerliche Recht
und die besitzlosen Volksklassen.

Von A. Menger.

Vierte Auflage, mit der dritten verbesserten u. vermehrten Auflage gleichlautend.
(Fünftes Tausend). 8. 1908. M. 3.—. Gebunden M. 4.—.

Das Aufsteigen

der arbeitenden Klassen Deutschlands

im letzten Vierteljahrhundert.

Von W. J. ASHLEY,

Professor der Handelswissenschaft an der Universität Birmingham,
vormals Professor der Wirtschaftsgeschichte an der Harvard-Universität, V. St. v. N. A.
Außerordentliches Mitglied und Dozent des Lincoln College, Oxford.

Ins Deutsche übertragen von P. Scharf.

Mit Diagrammen und Karten. 8. 1906. M. 1.50.

J. B. Hirschfeld, Leipzig.
        <pb n="88" />
        ﻿

qe
        <pb n="89" />
        ﻿the scale towards document

501

- 67 —

i i

I^PI"P

I

O

CO

o

N)

O

'vj

DD

~n|

&gt;

'nI

O

co

DD

00

&gt;

00

O

CD

CD

CD

?j Verhältnis nicht so ist, wie es sein sollte. Zwar
f /on den Vertretern der Wissenschaft nachdrücklich
•; daß daran die Praxis nicht unschuldig sei und
leheimrat Kierdorf mußte zugeben, daß auf beiden
die Schuld zu suchen sei, aber, soweit man auf
des gedruckten Berichtes urteilen kann, muß der
'gene Teilnehmer dieser Versammlung mit dem
nach Hause gegangen sein, daß doch die Theo-
inen großen, vielleicht den größten Teil der Schuld
| zu nehmen haben.

J Vorwürfe, die Ehrenbrrg der herrschenden Rich-
-,=erer Wissenschaft auf dieser Versammlung machte,
nur zum Teil widerlegt werden; unwidersprochen
aber namentlich die Äußerungen von Professor
iHAUS, daß „bei einzelnen Professoren eine ganz
e Stimmung gegen die Männer der Praxis, gegen
ernehmertum“ vorherrsche. „Das ist um so be-
"rer, weil solche Stimmung das größte Hindernis
m die Dinge objektiv und wissenschaftlich prüfen
: rdigen zu können.“ Diese Worte eines in der
: '.teilenden, aufrichtigen Freundes unserer Wissen-
erdienen die größte Beachtung aller derjenigen,
l Gründen suchen für das gespannte Verhältnis
s| i Theorie und geschäftlicher Praxis.

väre aber natürlich durchaus irrig und entschieden
iweisen, wenn es jemand einfallen wollte, zu
daß die richtig charakterisierte „einseitige Stim-
linzelner Professoren auf unedle Motive zurück-
sei. Im Gegenteil! Es ist nur die Folge davon,
an sich schönes und gewiß erstrebenswertes so-
ld wirtschaftliches Ideal harten Widerstand findet
sozialen und wirtschaftlichen Wirklichkeit. Aber
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
