<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Aufgaben der Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Adolf</forname>
            <surname>Weber</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>884842509</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        DIE  AUFGABEN  DER
VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE
ALS  WISSENSCHAFT

Dr.  jur.  et  phil.  Adolf  Weber,
Professor  der  Stäatswissenschaften  an  der  Handelshochschule  zu  Cöln.

Tübingen
Verlag  von  J.  C.  B.  MOHR  (Paul  Siebeck)
1909.
        <pb n="2" />
        ©erlag  iber  3|.  rauppTtfren  Burfjljanblung  in  Tübingen.
M.  Sürfier;
f&amp;gt;ir  Cttfffrfjung  her  tolfcsfarirtftftap*
©orfräge  uitb  ©erJudrE.
Seifte  SKuflage.  8.  1908.  ®ebunben  9)1.  7.20.
Geschichte  der  Volkswirtschaftslehre
von  Dr.  John  Keils  Ingram,
Mitglied  des  Trinity  College,  Dublin.
Autorisierte  Uebersetzung  von  E.  Rosclilau.
Zweite  Auflage.  8.  1905.  M.  2.30.  Gebunden  M.  3.—.
Verlag  von  J.  C.  B.  Mohr  (Paul  Siebeck)  in  Tübingen.
Volkswirtschaftliche  Vorlesungen
von  Dr.  Robert  Wilbrandt,
ftofessor  an  der  Universität  Tübingen.
Kurzgefasster  Auszug.  Allgemeiner  theoretischer  Teil.
„  Gross  8.  1909.  M.  2.—.
P
Die  Persönliche  Freiheit
in  der  modernen  Volkswirtschaft.
Von  Dr.  Max  von  Schraut,
weiland  witkl.  Geheimer  Rat  und  Unterstaatssekretär  im  Ministerium  von  Elsass-Lothringen.
Mit  einem  Geleitwort  von  Dr.  Paul  Laband.
8.  1907.  M.  2.50.
©nmbrifi  bcr  ^olitifdicn  £&amp;gt;ef  ottotme.
Sßon  Dr.  &amp;lt;2mgen  irrnt
Sßrofeffor  an  bcr  Unibevfität  Sßien.
©nllpänbig  in  2  Bantren  beiht.  3  Cetlcn.
©rfter  93onb:
JUIgentBinB  ©DlftanrirffcfjaffsIeljrB.  31cl)te  reribierte  Auflage.  (15.  big
16.  UaujettD.)  Sejc.  8.  1909.  SK.  10.—  ©cbunben  SK.  11.—.
^weiter  Sanb.
©nlksrotrfMapspoIttik  (in  3tuet  Seilen),  Gcrfter  2eil.  Sßierte  neu
bearbeitete  Auflage.  1909.  SK.  8.—.  ©ebunben  SK.  9.—.
8 weiter  Seil.  (Srfte  biiS  britte  Auflage.  1907.  SK.  9.—.
ebunben  SK.  10.—.  SSetbe  Seile  in  einen  Sianb  gebunben  SK.  19.—.
$ret8  be?  bnllflänbigtn  2Ser!e3  SK.  27.—.  Sin  2  besto.  3  Sctnwaitbbätibe
gcbimben  SK.  30.—.  3n  einen  ^albfransbanö  gebunben  SK.  30.—.
        <pb n="3" />
        Die  Aufgaben  der  Volkswirtschaftslehre
als  Wissenschaft.
        <pb n="4" />
        i

li

DIE  AUFGABEN  DER
VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE
ALS  WISSENSCHAFT

Von

Dr.  jur.  et  phil.  Adolf  .Weber,
Professor  der  Staatswissenschaften  an  der  Handelshochschule  zu  Cöln.

Tübingen
Verlag  von  J.  C.  B.  MOHR  (Paul  Siebeck)
1909.
        <pb n="5" />
        Druck  von  J.  B.  Hirschfeld,  Leipzig.

Alle  Rechte,  einschließlich  des  Übersetzungsrechts,  Vorbehalten.
        <pb n="6" />
        Nicht  nur  jeder  National-Ökonom,  sondern  wohl  jeder,
der  etwas  Sinn  hat  für  das,  was  man  gemeinhin  „Anstand“
nennt,  wird  die  Art  und  Weise,  wie  der  so  sympathische
Nestor  der  deutschen  sozialökonomischen  Wissenschaft,
Adolf  Wagner,  in  einer  Versammlung  von  Politikern  nach
Zeitungsmeldungen  und  seinen  eignen  Aussagen  behandelt
worden  ist,  als  eine  Schmach  empfunden  haben,  zumal  es
sich  um  just  dieselben  Leute  handelt,  die  vor  noch  nicht
langer  Zeit  in  ihrem  Kampfe  gegen  den  Freihandel  die
brauchbarsten  Waffen  von  demselben  Adolf  Wagner  erhielten, ­
  den  sie  mit  Stolz  zu  den  ihrigen  zählten.  Aber
man  wird  doch  etwas  nachdenklich  gestimmt,  wenn  man
sieht,  daß  nicht  nur  von  einer  Seite  unsere  Wissenschaft
„zurecht  gewiesen  wird.“  Im  Februar  ds.  J.  brachte  z.  B.
das  Hamburger  Fremdenblatt  von  dem  freisinnigen  Dr.Doormann,
  M.  d.  R.,  einen  Leitartikel  mit  der  Überschrift  „Finanz-Wissenschaft
  und  Finanz-Reform“,  worin  er  sich  lustig
macht  über  die  „beliebten  Sticheleien“  der  Vertreter  der
nationalökonomischen  Wissenschaft  auf  die  Zerfahrenheit
der  politischen  Parteien  im  allgemeinen  und  besonders  in
steuerpolitischen  Fragen.  „Wo  in  aller  Welt“,  fragt  er,
„gibt  es  denn  zwei  oder  gar  drei  deutsche  Professoren  der
National-Ökonomie,  die  über  den  ganzen  Komplex  finanzpolitischer ­
  Fragen,  wie  sie  uns  gegenwärtig  beschäftigen,
die  gleiche  Meinung  hegen? 1 )  Oder  wenn  dies  zuviel
1)  So  sehr  groß  sind  die  Meinungsverschiedenheiten  gerade  hinsichtlich ­
  der  finanzpolitischen  Fragen  der  Gegenwart  unter  den  National-Web
  er.  Volkswirtschaftslehre  als  Wissenschaft.  1
        <pb n="7" />
        2

verlangt  sein  sollte,  dies  auch  nur  über  die  grundlegenden
Fragen  einig  sind?  Genau  wie  seinerzeit  in  den  Kämpfen
um  den  Zolltarif,  ist  es  auch  jetzt  bei  der  Reichs-Finanz-Reform:
  Es  läßt  sich  keine  Auffassung  denken,  sei  es  im
allgemeinen,  sei  es  in  speziellen  Fragen,  für  die  man  sich
nicht  auf  irgend  eine  wissenschaftliche  Autorität  in  deutschen ­
  Landen  berufen  könnte.“  Das  ist  zweifellos  sehr  übertrieben ­
  ;  aber  wer  wollte  leugnen,  daß  der  Spott  doch  nicht
so  ganz  unverdient  ist?
Mehr  aber  noch:  Immer  zahlreicher  werden  die  Stimmen
derer  im  eigenen  Lager  der  Volkswirtschaftslehre,  die
energisch  erklären:  Es  kann  so  nicht  weiter  gehen.  Richard
Ehrenberg,  ein  „Einspänner“  zwar  in  unserer  Wissenschaft,
aber  doch  ein  Mann,  der  auf  Grund  wissenschaftlicher  Verdienste ­
  ein  Recht  darauf  hat,  gehört  zu  werden,  widmet
„Im  Tag“  (21.  3.  1909)  den  „Katheder-Sozialisten“  die
folgenden  herben  Worte:  „Sie  haben  Sturm  gesät,  haben
sie  ein  Recht,  sich  über  die  Ernte  zu  wundern?  Doch
die  Hoffnung  ist  wohl  vergeblich,  daß  sie  lernen  werden,
auf  andere  Weise  Sozial-Politik  und  Finanzpolitik  zu  treiben,
oder  was  noch  besser  wäre,  daß  sie  sich  beschränken,
auf  ihr  eigenstes  Gebiet,  wo  noch  so  viel,  ja
Ökonomen  nicht.  Sie  stehen,  soweit  sie  ernst  zu  nehmen  sind,  namentlich
„den  bekannten  bisher  vereinbarten  parlamentarischen  Kompromissen“,  wie
Biermer  mit  Recht  meint,  geschlossen  als  Gegner  gegenüber,  und  zwarnicht
nur  aus  finanzwissenschaftlichen  und  finanztechnischen,  sondern  wohl'
noch  viel  mehr  aus  politischen  und  nationalen  Gründen“
(Der  Kampf  um  die  Nachlaßsteuer,  ,1909  S.  8).  Die  von  mir  unterstrichenen ­
  Worte  möchte  ich  betonen.  Es  handelt  sich  tatsächlich  weit
mehr  um  einen  Kampf  der  materiellen  und  parteiischen  Sonderinteressen
gegen  die  vaterländischen  und  sozialen  Gesamtinteressen  als  um  tiefgehende ­
  wissenschaftliche  Meinungsverschiedenheiten.  Daher  greifen  ja
auch  nichtnationalökonomische  Gelehrte  (H.  Delbrück,  Harnack,
Stier-Somlo)  so  nachdrücklich  in  den  Kampf  ein.
        <pb n="8" />
        3

fast  alles  zu  tun  ist;  daß  sie  das  Politisieren  den
Politikern  überlassen,  wodurch  Wissenschaft
wie  Politik  nur  gewinnen  würden.  Nein,  es  wird
weiter  politisiert,  agitiert  und  verdächtigt  werden
im  Namen,  aber  zum  Verderben  derWissenschaft.“
Wer  die  Verhältnisse  kennt,  der  hört  einen  ähnlichen
Tadel,  wie  er  in  den  zuletzt  wiedergegebenen,  von  mir
unterstrichenen  Worten  zum  Ausdruck  kommt,  aus  den
Anschauungen  heraus,  die  Max  Weber  vertritt,  der  sonst
wissenschaftlich  Ehrenberg  ferne  genug  steht:  „Es  wäre
ein  anmaßlicher  Unfug,  wenn  ein  Universitätslehrer  sich
unterfangen  würde,  z.  B.  die  „Berechtigung“  irgend  welcher
sozialer  Forderungen  zu  beweisen,  wie  wenn  er  ihre
„Nichtberechtigung“  mit  den  Mitteln  derWissenschaft  nachweisen
  wollte.  Beides  ist  mit  den  Mitteln  der  Wissenschaft
schlechthin  unmöglich“  &amp;gt;).
Das  was  hier  nur  zwischen  den  Zeilen  zu  lesen  ist,
spricht  Pohle  offen  aus:  „Von  der  Stärke  des  Gegensatzes,
der  sich  neuerdings  bei  einem  Teile  der  jüngeren  Nationalökonomen ­
  gegen  den  Historismus  und  Katheder-Sozialismus
regt,  scheint  man  in  diesen  Kreisen  selbst  noch  keine  rechte
Vorstellung  zu  haben“  1  2 ).
Wie  stark  dieser  Gegensatz  ist,  habe  ich  selbst  deutlich ­
  gespürt,  als  ich  versuchte,  bei  dem  Streite  um  Bodenund
  Wohnungsfrage  die  Lehren  der  Wissenschaft  zur  Anerkennung ­
  zu  bringen;  ich  kam  dabei  zu  dem  Resultat:
„Mehr  als  irgend  ein  anderes  Problem  hat  die  Boden-  und
Wohnungsfrage  es  offenbar  gemacht,  daß  die  deutsche
National-Ökonomie  vor  einem  Scheidewege  steht,  sie  kann
1)  „Die  Lehrfreiheit  der  Universitäten“,  Hochschulnachrichten,  Januar
1909  S.  91.
2)  Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft  Band  VIII  S.  777.
1*
        <pb n="9" />
        4

\

wählen  zwischen  unwissenschaftlicher  einseitiger  Gefühls-Politik
  und  nur  nach  Wahrheit  und  Erkenntnis  strebender
Wissenschaft.“
Es  lohnt  sich  also,  erneut  zu  untersuchen,  was  die
Volkswirtschaftslehre  als  Wissenschaft  —  ich  betone
diesen  Zusatz  —  ist,  und  was  sie  sein  soll.  Ich  werde
mich  bemühen,  diese  Frage  hier  mit  der  Kürze  und  der
Anschaulichkeit  zu  beantworten,  die  ein  gebildetes  Laien-Publikum
  erwarten  darf,  wobei  ich  jedoch  hoffe,  zugleich
auch  vor  dem  wissenschaftlichen  Forum  meine  Grundansichten ­
  erneut  prüfen  und  stützen  zu  können.
Die  ganze  Darstellung  wird  es  wohl  rechtfertigen,
wenn  ich  meinen  Stoff  in  vier  Abschnitten  behandle,  denen
ich  etwa  die  Überschrift  geben  könnte:
1.  Die  Volkswirtschaftslehre  als  Wissenschaft,
2.  Volkswirtschaftslehre  und  politische  Reformbewegung, ­

3.  Volkswirtschaftslehre  und  geschäftliche  Praxis,
4.  Die  volkserzieherische  Aufgabe  derVolkswirtschaftslehre,
  ihre  Beziehung  zur  öffentlichen  Meinung.
I.
Wissenschaften  sind,  so  sagt  uns  die  Wissenschaftslehre, ­
  Inbegriffe  von  formulierten  Gedanken,  die  auf  Allgemein ­
  -  Gültigkeit  Anspruch  machen,  demnach  ist
wissenschaftliches  Denken  ein  seinem  Ziele  nach  allgemein ­
  gültiges  Urteil.  (B.  Erdmann).
Man  pflegt  nun  zu  sagen,  die  Wissenschaft  zerfalle  in
zwei  große  Gebiete,  die  Natur-Wissenschaft  und  die  Menschen-Wissenschaft;
  oder,  wie  man  mit  Sombart  besser
unterscheiden  wird,  in  die  Körper-  und  Seelenforschung,
bei  der  Menschenforschung  handle  es  sich  nur  um  jene
        <pb n="10" />
        1)  Das  Lebenswerk  von  Karl  Marx,  1909,  S.  37  f.

Wissenschaft,  die  die  menschliche  Seele  zum  Objekt  habe,
während  der  menschliche  Körper  Gegenstand  der  Naturforschung ­
  sei.  Wesensunterschiede  der  beiden  Gebiete
des  menschlichen  Denkens  ergeben  sich,  wie  wiederum
Sombart  näher  ausführt,  aus  der  Verschiedenheit  des  Stoffes:
„Beherrscht  die  Natur-Wissenschaft  die  Tendenz  zur  Entseelung
  und  Quantifizierung,  so  die  Menschheits-Wissenschaft ­
  die  Tendenz  zur  Beseelung  und  Qualifizierung 1 ).“
Das  letztere  gelte,  so  sagt  man  uns  von  aller  Wissenschaft,’
deren  Objekt  der  Mensch  ist,  insbesondere  also  auch  von
der  National-Ökonomie.
Derartige  Unterscheidungen  sind  aber  cum  grano  salis
zu  verstehen.  In  den  Menschheits-Erscheinungen  wirken
Naturkräfte  und  Menschenkräfte  zusammen,  um  eine  gemeinsame ­
  Erscheinung  hervor  zu  bringen.  Es  erklärt  sich
daraus  auch  zum  Teil,  daß  man  je  nach  dem  vorherrschenden ­
  Zuge  der  Zeit  die  Erscheinung  des  Menschenlebens ­
  bald  zu  einseitig  mit  den  Mitteln  der  Natur-Wissenschaft ­
  zu  erklären  versucht,  bald  zu  viel  Gewicht  auf
die  Psyche  des  Menschen  und  auf  ihr  Wollen  legt.  Die
einen  lehren,  daß  der  Strom  der  wirtschaftlichen  Entwickelung ­
  sich  nicht  leiten  lasse  durch  menschliches  Eingreifen, ­
  daß  er  sich  vielmehr  eigenwillig  seinen  Weg  selbst
bahne,  möge  der  Mensch  damit  einverstanden  sein  oder
nicht,  während  andere  lehren,  der  Wille  zur  Tat  allein
lenke  die  Welt  auch  gegen  den  Strom  der  wirtschaftlichen
Entwickelung.  Diese  und  jene  sehen  eben  gewöhnlich  nur
die  eine  Seite  des  Problems  und  urteilen  daher  einseitig.
Das  ökonomische  Wollen  des  Menschen  kennt  keine
Grenzen,  das  ökonomische  Können  aber  muß  innerhalb
        <pb n="11" />
        6

der  dem  Menschen  erreichbaren  Güterwelt  bleiben.  Und
da  der  Mensch  der  homo  sapiens  ist,  schließt  er  einen
Kompromiß  zwischen  seinem  Können  und  seinem  Wollen
dadurch,  daß  er  mit  dem,  was  er  hat,  und  dem,  was  er
kann,  „haushälterisch“  verfährt,  möglichst  wenig  hingibt,
um  möglichst  viel  dafür  zu  bekommen.  Ein  derartiges
wirtschaftliches  Verhalten  finden  wir  nun  zwar  durchaus
nicht  bei  jedem  Individuum,  der  Herr  X  z.  B.  und  die
Frau  Y  mögen  sehr  dagegen  „sündigen“,  ja  es  mag  zugegeben ­
  werden,  daß  eine  ganze  Generation  es  unterläßt, ­
  wirtschaftlich  zu  handeln,  aber  nur  mit  der  Wirkung,
daß  die  folgende  Generation  die  Vorfahren  ob  ihrer  Gedankenlosigkeit, ­
  ihrer  Verschwendung  anklagt,  für  die  sie
nun  als  Nachkommen  büßen  muß.
So  bleibt  es  jedenfalls  wahr,  daß  der  Mensch,  wie
wir  ihn  uns  vorstellen  als  Repräsentanten  der
Menschheit,  das  Handeln  nach  dem  Wirtschaftsprinzip ­
  als  ein  unentbehrliches  Ausstattungsstück  seiner
psychologischen  Natur  betrachten  muß.  Er  zieht  ja  nur
die  Konsequenz  aus  einer  ehernen  Notwendigkeit.
Verschärft  wird  die  Wirksamkeit  des  wirtschaftlichen
Motivs  noch  durch  soziale  Einflüsse!),  durch  die  Tatsache,
daß  das  Gemeinschaftsleben  der  Menschen  den  Trieb  anregt, ­
  über  die  Mitmenschen  empor  zu  kommen,  andere
Menschen  den  eigenen  Zweckstrebungen  zu  unterwerfen,
Macht  zu  gewinnen,  die  wiederum  ganz  besonders  mit
den  Reichtümern  verknüpft  ist,  deren  Gewinnung  sich
nicht  wohl  von  dem  wirtschaftlichen  Prinzip  trennen  läßt.
In  der  Tatsache  dieses  Prinzips  liegt  ein  gut  Teil
Erklärung  für  die  gesamte  Kulturentwickelung  der

1)  Vgl.  H.  Dietzel,  Theoretische  Sozialökonomik,  1895,  S.  27.
        <pb n="12" />
        7

Menschen  überhaupt,  sie  ist  zugleich  aber  auch  die  Hauptwurzel ­
  für  die  Wissenschaft,  die  sich  mit  dem  Studium
und  der  Erklärung  des  organischen  Ineinandergreifens
der  menschlichen  Einzelwirtschaften  befaßt,  der  Sozialökonomik ­
  oder  Volkswirtschaftslehre.
Daß  Sozial-Ökonomik  der  beste  Titel  ist  für  die  Wissenschaft,  die
wir  im  Auge  haben,  hat  Heinrich  Dietzel  in  unwiderlegbarer  Weise
nachgewiesen 1 ).  Aber  auch  das  Wort  Volkswirtschaftslehre  läßt  sich
rechtfertigen,  wenn  man  bei  dem  Begriffe  Volk  eben  an  die  menschliche ­
  Gesellschaft,  an  das  Volk  denkt  und  nicht  die  nationalen  Verschiedenheiten ­
  entscheidend  sein  lassen  will,  wie  man  das  tut,  wenn
man  von  den  Völkern  spricht.  Diejenigen,  die  das  Wort  Volkswirtschaftslehre ­
  wählen,  haben  als  Grund  zudem  für  sich,  daß  sie  ein
Fremdwort  vermeiden  und  deshalb  auch  dem  Laien  von  vornherein
das  Verständnis  erleichtern  für  das,  worum  es  sich  handelt  zumal  das
Beiwort  „sozial“  zu  allerlei  Mißverständnissen  verleiten  kann.  Der
Name  National-Ökonomie  läßt  sich  unzweifelhaft  viel  schwerer  verteidigen; ­
  von  Mayr  will  allerdings  gerade  das  Wort  „national“  unterstreichen. ­
  Die  nationale  Zusammenfassung  des  Wirtschaftslebens  sei  die
bedeutsamste.  Sie  rage  hervor  sowohl  gegenüber  weltwirtschaftlichen
Tendenzen,  als  gegenüber  einseitigen  Inseressenbestrebungen  innerhalb
des  nationalen  Ganzen.  Dieser  nationale  Zusammenschluß  des  wirtschaftlichen ­
  Lebens  sei  die  wichtigste  Erscheinungsform  der  Volkswirtschaft, ­
  als  des  Komplexes  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen,  die  aus
den  Wechselbeziehungen  der  in  diesen  Zusammenschluß  einbezogenen
Einzelwirtschaften  sich  ergeben 1  2 ).  Das  trifft  gewiß  für  die  Wirtschaftspolitik ­
  und  für  die  Wirtschaftsgeschichte  zu,  aber  nicht  für  die  Wirtschafts-Wissenschaft, ­
  wie  sie  hier  aufgefaßt  wird.
Das  Prinzip  der  Wirtschaftlichkeit  ist  an  sich  betrachtet, ­
  losgelöst  von  den  Zufälligkeiten  der  Umgebung
etwas  festgegebenes.  „Die  Beschränktheit  der  verfügbaren
und  erreichbaren  Güterwelt  im  Verhältnis  zur  Unbeschränktheit ­
  des  Begehrens  ruft  ein  wirtschaftliches  Verhalten  der
Menschen  hervor,  daß  zu  gesetzmäßigem  Handeln  auf
1)  a.  a.  O.  S.  51  ff.
2)  Grundriß  zu  Vorlesungen  über  praktische  Nationalökonomie,
I.  Teil,  S.  9.
        <pb n="13" />
        8

Grund  von  Wertvorstellungen  führt,  die  durch  die  psychologische ­
  Natur  des  Menschen  bedingt  und  ihrem  Wesen
nach  gleichartig  sind“ 1 ).
Wäre  das  nicht  der  Fall,  dann  ließen  sich  für  das
wirtschaftliche  Leben  der  Menschen  allgemeingültige
Erkenntnisse  von  irgend  einem  Werte  wohl  kaum  gewinnen; ­
  man  müßte  sich  vielmehr  schließlich  mit  der
Feststellung  begnügen,  daß  die  Menschen  von  ihrem
freien  Willen  sehr  reichlichen  und  manchmal  recht  eigenartigen ­
  Gebrauch  machen.
Aber  beschreiben  ließen  sich  dann  doch  die  wirtschaftlichen ­
  Vorgänge?  Man  mache  den  Versuch,  man  suche
die  Wirklichkeit  eines  Gemüsemarktes  z.  B.  erschöpfend
zu  schildern.  Man  analysiere  die  einzelnen  Verkäufe  und
Käufe,  die  da  stattfinden  zunächst  etwa  nach  den  zu
Grunde  liegenden  psychologischen  Motiven:  Bei  Fall  Nr.  1
haben  wir  es  mit  einer  Marktfrau  zu  tun,  die  im  Dienste
ergraut  ist,  die  ihren  Kunden  schon  an  der  Nase  ansieht,
wes  Geistes  Kind  sie  sind,  sie  handelt  gerade  jetzt  mit
einem  unkundigen  Fremden,  wir  können  sicher  sein,  daß
sie  ihm  mindestens  50%  „zu  viel“  abnimmt;  Nr.  2  ist
ein  lebenslustiges  junges  Ding,  das  nimmt,  was  es  bekommen ­
  kann,  um  rasch  auszuverkaufen;  denn  sie  weiß,  daß
„er“  schon  an  der  nächsten  Ecke  auf  sie  wartet;  Nr.  3
ein  gutmütiger  Typus,  nimmt  eben  von  einer  barmherzigen
Schwester  einen  kräftigen  Händedruck  entgegen,  als  Lohn
für  die  Außerachtlassung  des  ökonomischen  Prinzips,  Nr  4,
eine  cholerisch  veranlagte  Hausfrau,  sieht  ihre  größte  Feindin ­
  vor  einem  Marktkorbe  feilschen,  rasch  eilt  sie  hinzu,
und  bietet  mehr  als  dem  wirtschaftlichen  Prinzip  entsprechen
1)  Philippovich  in  „Entwickelung  der  deutschen  Volkswirtschaftslehre ­
  im  19.  Jahrhundert“  (Schmollerfestgabe)  II.  Teil,  XXX,  S.  51.
        <pb n="14" />
        9

würde,  hat  aber  dafür  auch  das  wohlige  Gefühl,  die  FrauX.
gründlich  geärgert  zu  haben
Wir  empfinden  alsbald,  daß  wir  Unmögliches  zu  unternehmen ­
  versuchten,  obwohl  Schmoller  meint,  „volkswirtschaftliche ­
  Erscheinungen  beobachten  heißt  die  Motive  der
betreffenden  wirtschaftlichen  Handlungen  usw.  klarlegen.“
Nur  das  bekommen  wir  ja  als  allgemeingültiges  Resultat
unserer  Untersuchung,  daß  die  Menschen  kuriose  Leute
sind,  etwas,  was  man  auch  schon  ohne  eingehende  Untersuchungen ­
  der  Wirklichkeit  hätte  wissen  können.
Weil  man  nun  aber  doch  gerne  aus  wenig  viel  machen
möchte,  trägt  man  nur  zu  gerne  in  die  wissenschaftlichen
Untersuchungen  „unkontrollierte  Instinkte,  Sympathien
und  Antipathien  hinein“,  und  noch  leichter  widerfährt
es  den  Jüngern  der  deutschen  historischen  Schule,  so
meinte  Max  Weber  in  seiner  Freiburger  Antrittsrede,  „daß
der  Punkt  von  welchem  wir  bei  der  Analyse  und  Erklärung
der  volkswirtschaftlichen  Vorgänge  ausgehen,  unbewußt
auch  bestimmend  wird  für  unser  Urteil  darüber“ ! ).
Derselbe  Autor  führt  in  einer  späteren  Arbeit,  in  seinen
kritischen  Studien  auf  dem  Gebiete  der  kulturwissenschaU.
liehen  Logik  aus 2 ),  wenn  man  sage,  daß  die  Geschichte
die  konkrete  Wirklichkeit  eines  Ereignisses  in  seiner  Individualität ­
  kausal  zu  verstehen  habe,  so  sei  damit  selbstverständlich ­
  nicht  gemeint,  daß  sie  dasselbe  in  der  Gesammtheit
  seiner  individuellen  Qualitäten  unverkürzt  zu
reproduzieren  habe,  das  wäre  eine  nicht  nur  praktisch  unmögliche, ­
  sondern  prinzipiell  sinnlose  Aufgabe  ,Es
kommt  der  Geschichte  ausschließlich  auf  die  kausale  Erklärung ­
  derjenigen  ,Bestandteile  und  Seiten 1  des  betreffen-1)
  Der  Nationalstaat  und  die  Volkswirtschaftspolitik,  1895,  S.  22.
2)  Archiv  für  Sozialwissenschaft  Bd.  XXII,  S.  191.
        <pb n="15" />
        10

den  Ereignisses  an,  welche  unter  bestimmten  Gesichtspunkten ­
  von  allgemeiner  Bedeutung  und  deshalb  von
historischem  Interesse  sind.“
Was  tür  den  Vergangenheitsforscher  recht  ist,  muß  für
den  Gegenwartsforscher  billig  sein.  Die  in  lebhaftem
Flusse  befindliche  Gegenwart  läßt  sich  ja  erst  recht  nicht
„allseitig  reproduzieren.“
So  behandelt  denn  auch  der  Sozialökonom  in  der
Hauptsache  nur  ei  ne  Seite  des  menschlichen  Lebens,  wenn
anders  er  wissenschaftlich  arbeiten  soll  und  nichts  Unmögliches ­
  leisten  will  und  kann.  Ihn  interessieren  die
Menschen  nur,  soweit  sie  wirtschaftlich  zu  handeln  in  der
Lage  sind.  Daß  ein  solches  Isolierverfahren  notwendig
ist,  um  wissenschaftlich  brauchbare  Begriffe  klar  und  eindeutig ­
  herauszuarbeiten,  kann  wohl  im  Ernste  von  niemandem ­
  geleugnet  werden,  der  wissenschaftlich  denkt.
Zutreffend  weist  auch  Lifschitz  (Untersuchungen  über  die  Methodologie ­
  der  Wirtschaftswissenschaft  1909,  S.  39)  darauf  hin,  daß  die  historische ­
  Schule  die  isolierende  Abstraktion  bekämpfe  „ohne  dabei  zu  achten,
daß  selbst  nach  der  historisch-empirischen  Methode  der  Denkprozeß
immer  auf  die  Abstraktion  und  Isolation  angewiesen  ist,  wenn  überhaupt ­
  ein  Denken  zustande  kommen  soll.“  Daß  es  umgekehrt  den
„abstrakten“  Nationalökonomen,  namentlich  auch  Ricardo  nicht  an
„empirischer  Weltkenntnis“,  an  „positivem  Studium  des  Konkreten“  fehlte,
hat  Dietzel  (a.  a.  O.  S.  106  ff.)  in  vortrefflicher  Weise  dargetan.
Daß  die  Sozialökonomik  sich  nur  mit  einer  Seite
des  menschlichen  Lebens  zu  befassen  hat,  muß  sogar
Knies  zugestehen,  der  von  Schmoller  den  Ehrentitel  erhalten ­
  hat  „Theoretischer  Begründer  der  historisch-psychologischen ­
  modernen  deutschen  Nationalökonomie“.  Von
Knies  stammt  der  häufiger  zitierte  Satz:  „Das  Forschungsgebiet ­
  der  Nationalökonomie  ist  das  wirtschaftliche  Gemeinschaftsleben ­
  der  Menschen,  also  einer  jener  Interessen ­
        <pb n="16" />
        11

bereiche  und  Tätigkeitskreise,  die  in  ihrer  Gesamtheit  das
ganze  Leben  der  wirtschaftlichen  Persönlichkeit  darstellen.“
Wenn  so  der  Sozialökonom  seine  Arbeitskraft  in  der
Hauptsache  konzentriert  auf  eine  Seite  des  menschlichen
Daseins,  wenn  er  abstrahiert  von  einer  unübersehbaren
Fülle  von  anderen  Möglichkeiten,  so  ist  deshalb  doch  sein
„Mensch“  kein  abstrakter  economical  man,  sondern  ein
Mensch  des  wirklichen  Lebens,  von  dem  er  wohl  weiß
und  auch  in  Betracht  ziehen  muß,  daß  er  nicht  nur  wirtschaftlich ­
  denkt  und  fühlt.
Freilich,  das  Prinzip,  das  im  Vordergründe  unserer
Wissenschaft  steht,  ist  nicht  ein  Motiv,  das  im  Wirtschaftsleben ­
  eben  so  viel  und  eben  so  wenig  wiegt,  wie  irgend
ein  anderes,  es  handelt  sich  vielmehr  um  das  Hauptprinzip, ­
  mit  dem  —  ich  wiederhole  das  —  gewiß  nicht
jeder  einzelne  Mensch  in  allen  Lagen  seines  Lebens,  aber
doch  die  Menschheit,  solange  der  Adamsfluch  auf  ihr
lastet  und  sie  Kulturstreben  in  sich  fühlt,  unbedingt  rechnen ­
  muß.  Das  ist  nachdrücklich  hervor  zu  heben,  weil
ja  unsere  Wissenschaft  nicht  so  sehr  der  Mensch,  wie  er
uns  etwa  zufällig  auf  der  Straße  begegnet,  interessiert,
sondern  die  Menschen,  wie  sie  uns  als  typische  Individuen ­
  einer  Gruppe  gegenüber  treten,  als  Arbeiter,  Unternehmer, ­
  Kapitalisten,  als  Landwirte,  Handwerker,  Kaufleute
als  Angehörige  des  Staates,  der  Nation,  der  Rassen.
Und  noch  eins  muß  hier  gesagt  werden:  Wirtschaftliche ­
  Motive  sind  keineswegs  ausschließlich  egoistische
Motive.  Dies  hebt  Marshall  mit  Recht  hervor 1 ).  Er
meint  dabei  zugleich,  daß  hier  einer  der  Punkte  sei,  wo
ein  Teil  der  deutschen  Sozialökonomen  die  älteren  eng-1)
  Handbuch  der  Volkswirtschaftslehre,  übersetzt  von  Ephraim
und  Salz,  1905,  S.  70.
        <pb n="17" />
        12

lischen  Schriftsteller  mißverstanden  habe,  von  denen  man
noch  heute  zuweilen  behauptet,  daß  sie  den  Egoismus  zum
regulierenden  Faktor  im  Wirtschaftsleben  hätten  machen
wollen.  Marshall  mißt  die  Schuld  an  diesem  Mißverständnis ­
  seinen  englischen  Landsleuten  bei,  freilich,  mit
einer  Motivierung,  die  für  das  Volk  der  Denker,  so  nennt
man  ja  die  Deutschen,  nicht  gerade  schmeichelhaft  ist:  „Es
ist  eine  englische  Gewohnheit,  dem  Nachdenken  des  Lesers
viel  zu  überlassen“,  in  diesem  Falle  sei  man  aber  dabei
zu  weit  gegangen  und  habe  dadurch  zu  häufigen  Irrtümern
Anlaß  gegeben.
Ist  man  sich  über  die  theoretischen  Grundprinzipien
unsererer  Wissenschaft  einigermaßen  klar,  dann  kann  man
es  ruhig  dem  wissenschaftlichen  Taktgefühle  des  einzelnen
überlassen,  die  Grenze  für  das  Arbeitsgebiet  zu  ziehen,
insbesondere  zu  entscheiden,  ob  man  sich  beschränken
soll  auf  rein  wirtschaftliche  Vorgänge,  oder  ob  darüber
hinaus  auch  „ökonomisch  relevante“  und  „ökonomisch  bedingte ­
  Erscheinungen“  (Max  Weber)  in  den  Kreis  der  Betrachtungen ­
  hinein  zu  ziehen  sind  •).  Die  Flauptsache  ist
nur,  daß  wissenschaftliche  Aufgaben  in  wissenschaftlichem ­
  Sinne  gelöst  werden.
Dabei  wird  man  sich  vor  allem  an  den  Satz  zu  erinnern
haben:  scientia  est  per  causas  scire.  Mag  man  immerhin

1)  Es  zeugt  von  sehr  mangelhaftem  Kennen  der  Klassiker,  wenn
man  behauptet,  daß  sie  bei  ihren  Argumentationen  nur  rein  wirtschaftliche ­
  Ideen  und  Vorgänge  berücksichtigt  hätten.  So  weist  z.  B.  Ricardo
auf  die  natürlichen  Abneigung  hin,  welche  jedermann  gegen  das  Verlassen ­
  seines  Landes,  wo  er  geboren  und  bekannt  ist;  „diese  Gefühle,
deren  Schwinden  ich  nur  bedauern  würde,  bestimmen  die  meisten  Kapitalisten, ­
  sich  lieber  mit  einer  niedrigen  Profitrate  in  der  Heimat  zu  begnügen, ­
  als  nach  einer  vorteilhafteren  Anlage  ihres  Vermögens  bei
fremden  Nationen  zu  suchen.“  Ricardo.  Grundsätze,  Kap.  VII.
        <pb n="18" />
        13

das  Darstellen,  Beschreiben,  Erzählen  der  Einzelerscheinungen ­
  „Wissenschaft“  nennen,  insofern  man  dadurch  die
äußere  Erscheinungsform  erkennt  und  feststellt  und  den
äußeren  Zusammenhang  zum  Ausdruck  bringt;  eine
höhere  Stufe  der  Wissenschaft  ist  es  dann  auf  jeden
Fall  nach  dem  Grunde  der  Erscheinungen,  nach  der  Erklärung ­
  ihres  Zusammenhanges  zu  forschen,  das  zu
suchen,  was  man  das  innere  Wesen  der  Erscheinungen
genannt  hat.
Selbst  wenn  jemand  auf  Grund  einer  langen  Reihe
von  Beobachtungen  den  Mut  findet,  eine  Regelmäßigkeit
zu  konstatieren,  so  ist  damit  doch  für  die  sozialökonomische
Wissenschaft  wenig  gewonnen,  wenn  uns  nicht  gleichzeitig
das  Kausalitätsverhältnis  enthüllt  wird.  Die  treibenden
Ursachen  der  volkswirtschaftlichen  Erscheinungen  müssen
wir  erkennen:  „erst  wenn  dies  gelungen  ist“,  ich  zitiere
Lexis!),  „erhält  die  beobachtete  Regelmäßigkeit  für  uns
eigentlich  wissenschaftliche  Bedeutung.“
Wie  könnte  man  aber  den  Kausal-Zusammenhang
aufdecken,  ohne  die  störenden  Nebenursachen  und  Zufälligkeiten ­
  auszuschalten,  ohne  mit  anderen  Worten,  die
Isolier-Methode  anzuwenden!  Daß  „mit  der  allbeherrschenden ­
  Kausalität“  die  Teleologie  als  heuristisches
Prinzip  durchaus  verträglich  ist,  betont  Schulze-Gävernitz
mit  Recht 1  2 ).  Die  National-Ökonomie,  so  meint  er,  bediene ­
  sich  beispielsweise  des  teleologischen  Begriffes  der
Wirtschaft,  das  heißt  der  Güterversorgung  zum  Zwecke
der  menschlichen  Lebenserhaltung.  Indem  sie  hierdurch
ihr  Gebiet  gegen  andere  Wissenschaften  abgrenze,  werde

1)  Schmoller-Festgabe,  Teil  I,  S.  39.
2)  Marx  oder  Kant?  2.  Aufl.  1909,  S.  29.
        <pb n="19" />
        14

sie  einer  streng  kausalen  Erklärung  der  sie  interessierenden
Vorgänge  keineswegs  untreu.  Daß  darüber  hinaus  eine
Zwecksetzung,  die  außerhalb  des  Erkenntnis  Zweckes
liegt,  für  unsere  Wissenschaft  von  bedenklichen  Folgen
begleitet  sein  kann,  wird  in  späterem  Zusammenhänge
eingehender  erörtert  werden  müssen.
Es  soll  nicht  geleugnet  werden,  daß  die  Isolier-Methode
die  Gefahr  in  sich  schließt,  daß  der  Forscher  sich  in  seine
Begriffswelt  einkapselt,  die  Fühlung  mit  dem  praktischen
Leben  verliert,  das  wir  doch  gerade  durch  unsere
Wissenschaft  besser  verstehen  lernen  wollen.  Geistiges
Beherrschen  der  Tatsachenwelt,  keine  Gedankenspielerei,
das  muß  eine  entschiedene  Maxime  für  unsere  wissenschaftliche ­
  Arbeit  sein.  Diesem  Zwecke  dient  namentlich
ein  andauerndes  Vergleichen  der  Wirklichkeit  mit  dem,
was  sich  aus  dem  isolierenden  Verfahren  ergibt,  so  zwar,
daß  die  Tatsachen  nicht  in  das  Prokustesbett  der  Theorie
hineingezwungen  werden,  sondern  in  der  Weise,  daß  die
Tatsachen  die  richterliche  Instanz  für  den  Wert  oder  Unwert ­
  der  Theorie  bilden.  Richtiges  Denken  und  richtiges
Sehen  sind  die  Instrumente  des  sozialökonomischen  Forschers, ­
  die  beide  zusammen  wirken  müssen,  wenn  keine
Pfuscherarbeit  geliefert  werden  soll.
Ergeben  sich  von  der  Theorie  in  der  Praxis  Abweichungen, ­
  die  einen  regelmäßigen  Charakter  zu  tragen
scheinen,  so  wird  dafür  der  Grund  zu  suchen  sein.  Es  wird
u.  a.  berücksichtigt  werden  müssen,  was  man  wenig  präzis,
aber  allgemein  verständlich  „Volksgeist“  und  „Zeitgeist“  genannt ­
  hat;  sorgfältig  wird  ferner  zu  untersuchen  sein,  ob  die
Motive  zu  kollektiven  Handlungen,  die  in  unserem  Zeitalter
unzweifelhaft  eine  steigende  Bedeutung  haben,  neue  Anregung ­
  zur  Aufdeckung  von  volkswirtschaftlichen  kausalen
        <pb n="20" />
        15

Zusammenhängen  geben  können.  Gerade  hier,  wie  auch
sonst  noch  vielfach,  bleiben  wichtige  erkenntnis-theoretische
Vorfragen  für  den  sozial-ökonomischen  Gelehrten  zur  Beantwortung ­
  übrig.  Während  Marshall  meint'),  daß  die  Erweiterung ­
  des  Gebietes  der  öffentlichen  Tätigkeit  für  das  öffentliche ­
  Wohl  mit  der  Verbreitung  der  Genossenschaftsbewegung ­
  und  anderer  Arten  des  freiwilligen  Zusammenschlusses
sich  so  entwickle,  daß  dadurch  den  National-Ökonomen
neue  Gelegenheit  eröffnet  werde  „Motive  zu  messen,  deren
Tätigkeit  auf  irgend  ein  Gesetz  zurückzuführen  früher  unmöglich ­
  war,“  vertritt  Schumpeter 2 )  die  Ansicht,  daß  die
soziale  Betrachtungsweise,  die  er  selbstredend  von  derjenigen ­
  der  Berücksichtigung  sozial-politischer  Momente
streng  geschieden  wissen  will,  für  die  rein  theoretischen
Gedankengänge  weder  wesentlich  neue  Ergebnisse,  noch
sonst  irgend  welche  wesentliche  Vorteile  zu  bieten  scheine,
was  durch  den  Umstand  bestätigt  werde,  und  darin  wird
man  ihm  jedenfalls  recht  geben  müssen,  daß  ja  doch
niemand  „mit  ihr  Ernst  mache.“
Eine  Frage  will  ich  hier  gleich  einschalten,  deren  Beantwortung ­
  für  das  Verständnis  der  wissenschaftlichen
Aufgaben  der  Sozial-Ökonomik  von  wesentlicher  Bedeutung ­
  ist:  Kann  man  von  wirtschaftlichen  „Naturgesetzen“,
überhaupt  von  Gesetzen  im  Gebiete  unserer  Wissenschaft
sprechen?
Mit  aller  Schärfe  verneinte  diese  Frage  kürzlich
K.  Diehl  bei  Gelegenheit  seiner  Freiburger  Antrittsrede ;i ):

1)  a.  a.  O.  S.  73.
2)  Das  Wesen  und  der  Hauptinhalt  der  theoretischen  Nationalökonomie, ­
  1908,  S.  596.
3)  Veröffentlicht  in  den  Jahrbüchern  für  Nationalökonomie  und
Statistik,  1909,  S.  289  ff
        <pb n="21" />
        16

„Nie  dürfen  wir  von  Naturgesetzen  reden,  wenn  wir  volkswirtschaftliche ­
  Erscheinungen  betrachten.“  Nicht  nur  lehnt
Diehl  die  sogenannten  „ewigen“  Naturgesetze  ab,  sondern
auch  „wirtschaftliche  Gesetze  innerhalb  bestimmter  historisch ­
  rechtlicher  Epochen“.  Dieses  Urteil  ist  um  so  beachtenswerter, ­
  weil  Diehl  zu  den  wenigen  deutschen
Nationalökonomen  gehört,  die  auch  während  der  Blütezeit
des  Historismus  die  Notwendigkeit  des  theoretischen  Denkens ­
  für  die  Volkswirtschaftslehre  in  den  Vordergrund
rückten.  Ganz  sicher  hat  jedenfalls  Diehl  recht,  wenn  er
meint,  daß  die  schlechten  Erfahrungen,  die  man  in  der
Wirtschaftspolitik  mit  den  sogenannten  Gesetzen  der  politischen ­
  Ökonomie  machte,  dem  Ansehen  unserer  Wissenschaft ­
  sehr  geschadet  hätten.  Ich  glaube  aber,  daß  dabei
der  größere  Teil  der  Schuld  die  Praxis  insofern  trifft,  als
sie  den  Sinn  des  Wortes  „Naturgesetz“  manchmal  arg
mißverstanden  hat.  Das  gilt  auch  von  Prince  Smith,
wenn  er  den  Satz  schreibt,  den  Diehl  zitiert:  „Für  feste
Ordnung  im  Wirtschaftsganzen,  für  die  vollste  Betätigung
aller  produktiven  Kräfte  und  für  angemessene  Beteiligung
an  den  erarbeiteten  Befriedigungsmitteln  ist  durch  die
volkswirtschaftlichen  Naturgesetze  gesorgt.“  Man  kann
eine  derartige  Vorstellung  von  einem  naturnotwendigen
Handeln  im  wirtschaftlichen  Leben  nicht  energisch  genug
zurückweisen;  Gesetze  in  diesem  Sinne  gibt  es  nicht.
Aber  an  solche  Gesetze  glaubt  doch  wohl  auch  heute  kaum
ein  ernstzunehmender  Vertreter  der  Volkswirtschaftslehre.
Faßt  man  aber  Gesetz  in  dem  Sinne,  wie  es  die
meisten  neueren  Theoretiker  tun,  „als  den  Ausdruck  für
eine  infolge  der  Macht  wirtschaftlicher  Zusammenhänge
aus  gewissen  Motiven  sich  ergebende  regelmäßige  Wiederkehr ­
  wirtschaftlicher  Erscheinungen“  (Neumann),  als  die
        <pb n="22" />
        17

„Konstatierung  von  Tendenzen“  (Marshall),  so  ist  auch
gegen  die  Aufstellung  von  wirtschaftlichen  und  sozialen
„Gesetzen“  nichts  einzuwenden,  es  sei  denn  der  naheliegende ­
  Mißbrauch,  der  von  Unkundigen  mit  dem  Worte
„Gesetz“  getrieben  werden  kann.  Ein  anderes  Wort,  am
besten  vielleicht  „Tendenz“,  würde  diese  Bedenken  beseitigen. ­
  !)
Es  wurde  bereits  betont,  daß  der  Aufgabenkreis  für
die  sozialökonomische  Forschung  nicht  ein  für  allemal
festgelegt  werden  kann,  daß  dabei  vielmehr  der  Individualität
der  Forscher  Rechnung  getragen  werden  muß,  dasselbe  gilt
für  das  „System“,  das  heißt:  für  die  Ordnung  der  Gedankenentfaltung. ­
  Wiederum  unter  der  Voraussetzung,  daß
die  „Ordnung“  auch  eine  wirkliche  Ordnung  ist.  Die  Bedeutung ­
  einer  wohldurchdachten  Systematik  darf  nicht
unterschätzt  werden,  sie  erleichtert  unzweifelhaft  nicht
nur  das  Nach-  und  Mitdenken  des  Lesers,  sondern  auch
die  eigene  Denkarbeit  des  Forschers.  Nicht  als  Muster,
sondern  nur  als  Beispiel,  um  eine  Vorstellung  zu  vermitteln ­
  von  den  wissenschaftlichen  Einzelaufgaben  der
Volkswirtschaftslehre  gebe  ich  hier  eine  kurze  Skizze  des
Systems,  wie  es  mir  persönlich  angemessen  zu  sein
scheint.

1)  Über  „volkswirtschaftliche  Gesetze“  orientiert  am  besten  Neumann ­
  in  seinen  Aufsätzen  „Natur-  und  Wirtschaftsgesetz“  (Zeitschr.  für
die  gesamten  Staatswissenschaften  1892  und  „Wirtschaftliche  Gesetze
nach  früherer  und  jetziger  Auffassung“  (Jahrbücher  für  Nationalökonomie
und  Statistik,  1908),  vgl.  ferner  marshall  a.  a.  O.  S.  87ff.,  Pesch,
Nationalökonomie  I  S.  443ff.,  LifschüTz  a.  a.  O.,  Kap.  V:  „System  und
Gesetz“.  Sehr  beachtenswert  sind  auch  die  Ausführungen,  die  Sombart
(Lebenswerk  von  Karl  Marx  S.  42ff.)  den  „Gesetzen“  für  Naturwissenschaft ­
  einerseits,  für  Menschenwissenschaft  andererseits  widmet.
Weber,  Volkswirtschaftslehre  als  Wissenschaft.  2
        <pb n="23" />
        18

Es  wird  ein  grundlegender  und  ein  ausführender  Teil
zu  unterscheiden  sein.  Die  Grundlegung  hat  sich  zunächst
zu  befassen  mit  dem  wirtschaftenden  Menschen,  wobei
auszuführen  ist,  inwiefern,  und  warum  er  dem  Prinzip  der
Wirtschaftlichkeit  untersteht,  wobei  aber  auch  gleich  zu
betonen  ist,  daß  Wirtschaftsmenschen  „nicht  wesenlose
Schemen  sind,  sondern  Typen  der  Wirklichkeit,  deren
Abstufung  von  einem  Morgan  oder  Pereire  bis  zum
polnischen  Tagelöhner  oder  Elsässer  Hausknechte  geht“').
Es  wären  dann  die  großen  Modifikationen  des  Wirtschaftsprinzips ­
  zu  erörtern,  und  zwar  a)  die  wirtschafts-geographischen
  Individualitäten,  die  Verschiedenheiten,  die  sich
ergeben,  wenn  man  die  einzelnen  Länder  und  die  einzelnen ­
  Rassen  beobachtet  in  ihrem  „Kampfe  um  den
Futteranteil“  vermöge  der  natürlichen  Unterschiede,
b)  der  Einfluß  der  Volksziffer;  in  einer  volksarmen  Volkswirtschaft ­
  wird  das  Prinzip  der  Wirtschaftlichkeit  unter
übrigens  gleichbleibenden  Umständen  andere  Formen  annehmen ­
  müssen,  als  in  einer  volksreichen  Volkswirtschaft;
die  Theorie  des  Malthus  würde  hier  die  gebührende  Berücksichtigung ­
  finden,  c)  die  Anpassung  an  die  soziale
Umgebung;  dabei  wäre  —  Beispiele  können  hier  nur  angedeutet ­
  werden  —  die  Lehre  von  der  Lebenshaltung  zu
erörtern,  der  Widerstand,  den  die  Menschen  einer  Herabsetzung ­
  ihrer  Lebenshaltung  entgegensetzen,  ist  für  die
Erklärung  des  wirtschaftlichen  Seins  besonders  nutzbar
zu  machen.  Aber  auch  noch  andere  Probleme  müssen
in  diesem  Paragraphen  ihre  Erledigung  finden:  wie  Sitte
und  Gewohnheit  zu  treibenden  Kräften  im  volkswirtschaftlichen ­
  Leben  werden  können,  wie  der  Glaube  an  Utopien
und  Ideale  hier  hemmend,  dort  fördernd  wirkt  usw.  Es

1)  Plenge,  System  der  Verkehrswirtschaft,  1903,  S.  25.
        <pb n="24" />
        19

müßte  sich  anschließen  d)  die  Untersuchung,  wie  der
wirtschaftende  Mensch  sich  der  Rechtsordnung  anpaßt  und
wie  dies  auf  die  Volkswirtschaft  einwirkt.  Hier  erhält
auch  der  Staat  seine  Position  in  dem  Systeme  der  Volkswirtschaftslehre. ­

Entscheidend  ist  natürlich  nicht  der  Wortlaut  der  Gesetze,  die
Form  der  Staatsverfassung,  sondern  die  Art  und  Weise,  wie  die  Gesetze ­
  angewandt  werden  und  wie  sich  die  Menschen  in  der  äußeren
Form  der  Verfassung  tatsächlich  bewegen,  daher  der  Ausdruck  „Anpassung“. ­

Das  folgende  Kapitel  trägt  die  Überschrift  „Die  wirtschaftlichen ­
  Güter  und  ihr  Wert“,  hier  wären  die  unerläßlichen ­
  Grundbegriffe  in  ihrem  Zusammenhänge  kurz  zu
erörtern  und  zugleich  könnte  man  an  leicht  greifbaren
Beispielen  zeigen,  wie  unökonomisch  Begriffsspielerei
auch  in  unserer  Wissenschaft  ist.  Eine  Darlegung  der
Grundprinzipien  der  wirtschaftlichen  Organisation,  des  „Individual-Prinzips“
  einerseits  des  „Sozial-Prinzips“  andererseits, ­
  sowie  der  möglichen  Mischformen,  namentlich  des
„Solidarismus“  beschließt  die  Grundlegung.
Die  eigentliche  Ausführung  gliedere  ich  in  vier  Teile:
1.  Der  Güterbedarf.
2.  Die  Bereitstellung  der  Güter.
3.  Das  Ergebnis  des  wirtschaftlichen  Güter-Prozesses:
der  Volksreichtum  und  seine  Verteilung.
4.  Der  Rhythmus  im  wirtschaftlichen  Leben.
Diese  Einteilung  unterscheidet  sich  wesentlich  von
der  üblichen,  die  die  wirtschaftlichen  Sozial-Phänomene
auf  vier  Grundtypen  zurückführt:  Produktion,  Distribution,
Zirkulation  und  Konsumtion,  mit  der  Begründung,  zuerst
müßten  die  Güter  produziert  werden,  dann  könne  man  sie
austauschen,  verteilen,  verzehren.  Gegen  dieses  System
hat  neuerdings  Hasbach  einen  entschiedenen,  und  wie  mir
2*
        <pb n="25" />
        20

scheint  in  der  Hauptsache  durchaus  gelungenen  Angriff
unternommen').  Er  geht  davon  aus,  daß  die  eigentliche
Triebkraft  der  gesellschaftlichen  Wirtschaft  die  Nachfrage
sei.  Da  die  Güterhervorbringung  von  der  Nachfrage  abhängig ­
  sei 1  2 ),  so  könne  die  Lehre  von  der  Produktion  nicht
den  anderen  Stoffgruppen  vorangehen.  Die  dieser  Anordnung ­
  zugrunde  liegende  Auffassung  sei  fehlerhaft,  weil
sie  den  technischen  mit  dem  wirtschaftlichen  Standpunkt
verwechsele,  technisch  müßten  die  Güter  zuerst  hervorgebracht ­
  sein,  ehe  sie  verzehrt  werden  können.  Der  Entschluß ­
  aber,  ein  Gut  hervorzubringen  sei  wirtschaftlicher
Art.  Hasbach  unterscheidet  nun  vier  Arten  der  Güterverzehrung ­
  und  gliedert  entsprechend  den  Inhalt  der  „Güterverzehrungs-Lehre“:
  1.  die  unbeabsichtigte  Güterverzehrung ­
  (sie  bewirkt  einen  schlechthinnigen  Verlust),  2.  die
beabsichtigte  Verzehrung  der  Genußgüter  (ihre  Wirkung
ist  die  Befriedigung  der  Bedürfnisse),  3.  die  beabsichtigte
Verzehrung  der  produktiven  Güter  (reproduktive  Verzehrung,
deren  beabsichtigte  Wirkung  Entstehung  von  Gütern  von
höhrem  wirtschaftlichem  Wert  ist,  als  die  produktiven
Güter  haben),  4.  das  Sparen.
Ohne  mich  in  eine  Kritik  dieser  Gruppierung  hier
einzulassen,  will  ich  nur  bemerken,  daß  ich  Hasbach  folge
insofern,  als  ich  die  Lehre  vom  Güterbedarf  der  Lehre  von
der  Produktion,  oder  wie  man  besser  sagen  wird,  der
Lehre  von  der  Bereitstellung  der  Güter  voranschicke.  Ich
gliedere  dann  den  Abschnitt  Güterbedarf  folgendermaßen:

1)  „Güterverzehrung  und  Güterhervorbringung“  1906.
2)  Das  wurde  schon  früher  häufiger  betont,  so  nennt  z.  B.  Lexis
in  Schönbergs  Handbuch  (2.  Aufl.  I.  Bd.  S.  698)  die  Konsumtion,  die
Fünktion,  „welche  die  Produktion  und  somit  den  volkswirtschaftlichen
Prozeß  überhaupt  im  Gange  hält.“  Vgl.  auch  Plenge  a.  a.  O.  S.  19.
        <pb n="26" />
        21

I.  Der  konsumtive  und  der  reproduktive  Güterbedarf.
II.  Die  Elastizität  der  Bedürfnisse:
a)  Existenzbedarf  und  Luxusbedarf,
b)  Sparen  und  Verschwendung,
c)  die  Geschmacksänderung  (die  Mode).
III.  Die  wirtschaftliche  Ordnung  der  Güterverzehrung:
a)  der  Haushalt,
b)  die  Organisation  der  Konsumenten.
IV.  Der  Zufall  als  Gütervernichter;  die  Güterversicherung. ­

Bei  der  Lehre  von  der  Güterproduktion  hält  man  sich
„seit  Menschengedenken“  an  den  drei  sogenannten  Faktoren ­
  der  Produktion:  Land  oder  Natur,  Kapital  und  Arbeit.
In  neuerer  Zeit  fühlt  man  immer  mehr,  daß  man  mit  dieser
Dreiteilung  nicht  auskommt,  so  will  z.  B.  Biermann 1 )  fünf
Elemente  der  Produktion  unterscheiden,  1.  die  Natur,  oder
die  organische  Kraft,  2.  die  Produktionsanlage  und  Werkzeuge, ­
  3.  das  Kapital  (worunter  Biermann  “werbende  Geldsummen“) ­
  versteht,  4.  die  exekutive  Arbeit  des  Lohnarbeiters, ­
  5.  die  Konjunktur.  Diese  fünf  Produktions-Elemente ­
  sind  aber  nach  Biermann  an  sich  ohne  irgend
welche  „motorische  Kraft“.  Sie  sind  „latente  Kraftträger“,
die  von  einem  lebendigen  Produktionsfaktor,  von  einer
ökonomischen  Intelligenz  in  Bewegung  gesetzt  werden
müssen.  Julius  Wolf  meint 1  2 ),  daß  an  der  Produktion
von  Gütern  notwendig  beteiligt  seien,  nicht  bloß  die  drei
Produktions-Faktoren  (Natur,  Arbeit,  Kapital),  sondern  in
verschiedener  Funktion,  erstens  Produktions-Elemente
1)  „Zur  Lehre  von  der  Produktion  und  ihrem  Zusammenhang  mit
der  Wert-,  Preis-  und  Einkommenslehre“,  1904.
2)  „Nationalökonomie  als  exakte  Wissenschaft“,  1908,  S.  15  f.
        <pb n="27" />
        22

(Stoffe),  aus  denen  das  Produkt  sich  aufbaut:  Natur,  Arbeit
in  ihrem  stofflichen  Teile  und  Kapital,  zweitens  Produktionskräfte: ­
  Arbeit  in  ihrem  „ideellen  Teile,  das  heißt
dispositive  Arbeit  und  „technische  Idee“  (schöpferische
Arbeit),  drittens  Produktions-Bedingungen,  die  die
Umgebung  darstellen,  in  der  die  Verbindung  der  Elemente
sich  vollzieht.  Marshall  bleibt  zwar  im  wesentlichen
der  Dreiteilung  treu,  zählt  aber  zum  Kapital  auch  die  geschäftliche ­
  Organisation,  welche  für  gewisse  Zwecke  besonders ­
  untersucht  werden  müsse.  Daher  gibt  er  dem
vierten  Buche  des  ersten  Bandes  seines  Handbuches  die
Überschrift:  Die  Faktoren  der  Produktion,  Land,  Arbeit,
Kapital  und  Organisation.
Für  meine  Systematik  der  Lehre  von  der  Gütererzeugung ­
  möchte  ich  als  Ausgangspunkt  den  Satz  nehmen, ­
  mit  dem  Adam  Smith  seine  Untersuchungen  über
die  Natur  und  Ursachen  des  Volksreichtums  beginnt:
„Die  Arbeit,  welche  jede  Nation  jährlich  verrichtet,  ist
der  Fonds,  der  sie  ursprünglich  mit  allen  von  ihr  jährlich
verbrauchten  Notwendigkeiten  und  Bequemlichkeiten  des
Lebens  versorgt.“  Das  ist  der  Grundgedanke,  der  sich
durch  die  Lehre  von  der  Güterhervorbringung  hindurchziehen ­
  muß,  die  ich  folgendermaßen  disponiere:
1.  Das  wirtschaftliche  Können  des  Menschen  und
dessen  sachliches  Ergebnis  (Produktivität  der  Arbeit),  die
schöpferische,  „dispositive“  Arbeit,  und  die  ausführende,
„exekutive“  Arbeit,  der  materielle  und  der  ideelle  Charakter ­
  der  Arbeit,  die  Arbeitspflicht  und  die  Arbeitsfreude;
gesondert  wären  dabei  namentlich  zu  behandeln:
a)  die  physiologischen  und  psychischen  Bedingungen
und  Grenzen  der  wirtschaftlichen  Entfaltung  der
Menschenkraft;
        <pb n="28" />
        23

b)  die  Erhaltung  und  Ausbildung  der  menschlichen
Wirtschaftskräfte;
c)  die  wirtschafts-geographische  Verteilung  dieser  Kräfte.
2.  Die  Hilfsmittel  des  wirtschaftenden  Menschen:
a)  wirtschaftliche  Hilfsmittel:  das  Kapital;
b)  technische  Hilfsmitttel:  Arbeitsteilung,  Maschinenwesen. ­

3.  Die  Organisation  der  sachlichen  und  persönlichen
Produktivkräfte,  insbesondere  die  Unternehmung.
Die  Lehre  von  der  Güterhervorbringung  ist  nun  aber
wieder  nur  ein  Bruchstück  aus  der  Lehre  von  der  „Bereitstellung ­
  der  Güter“,  die  ich  einteile  in
a)  die  Bedarfsweckung  (Reklame  im  weiteren  Sinne)
und  Bedarfsberechnung  (insbesondere  die  Spekulation) ­
  ;
b)  die  Güterhervorbringung;
c)  der  freie  Wettbewerb  und  seine  Einschränkungen
(Markt  und  Preisbildung);
d)  der  Tauschverkehr  und  seine  Hilfsmittel  (Handel,
Geld-  und  Kreditwesen,  Bank  und  Börsen,  Transportwesen). ­

Es  folgt  der  dritte  Abschnitt:  „Das  Ergebnis  des
wirtschaftlichen  Güterprozesses“:  Volksreichtum  und  Volkseinkommen. ­
  Auch  hier  ergeben  sich  ernste  Bedenken
gegen  die  übliche  Einteilung  der  Einkommensarten:
Grundrente,  Kapitalzins,  Unternehmergewinn,  Arbeitslohn.
Der  Unternehmergewinn  ist  beispielsweise  zum  Teil  Lohn,
zum  Teil  in  seinem  Wesen  der  Grundrente  als  unverdienter ­
  Differenzialgewinn  verwandt,  zum  Teil  nähert  er
sich  dem  Kapitalzins,  wenigstens  in  der  rohen  Form  wie
dieser  uns  in  der  empirischen  Wirklichkeit  entgegentritt
insofern  hier  wie  dort  meist  eine  Risiko-Prämie  gezahlt
        <pb n="29" />
        24

wird.  Aber  auch  praktisch  ergeben  sich  aus  der  bisherigen ­
  Einteilung  Schwierigkeiten:  inwiefern  ist  die  Dividende ­
  des  Aktionärs,  der  Gewinn  des  „stillen  Teilhabers
ohne  Branchenkenntnis“,  die  Tantieme  des  Aufsichtsrates,
das  Gehalt  des  Direktors,  „Unternehmergewinn“?  Ebenso
ist  das  Wort  Grundrente  sehr  leicht  allerlei  Mißverständnissen ­
  ausgesetzt,  die  vermieden  werden  können.  Ich
halte  es  daher  für  durchaus  verständig,  wenn  Julius
Wolf  in  seiner  Theorie  der  Einkommen  die  gebräuchliche ­
  Unterscheidung  der  „Einkommen“  fallen  läßt,  weil
die  einzelnen  Glieder  ungleichwertig  sind.  Der  von  ihm
vorgeschlagenen  Sechsteilung  (Erfinderlohn,  Arbeitereinkommen, ­
  Fruchteinkommen,  Glückseinkommen,  Beuteeinkommen, ­
  Zehreinkommen)')  möchte  ich  mich  aber
nicht  anschließen;  ich  begnüge  mich  vielmehr  mit  folgender ­
  Einteilung:
a)  Arbeitseinkommen,
b)  Kapitalzins,
c)  Risikoprämie,
d)  Vorzugsrente.
Es  läßt  sich  rechtfertigen,  dazu  als  fünfte  Gruppe
das  „Beuteeinkommen“  im  Sinne  Wolfs  zu  nehmen.
Die  nähere  innere  Begründung  dieser  Systematik
kann  natürlich  hier  nicht  gegeben  werden.  Ich  werde  bei
anderer  Gelegenheit  ausführlich  darauf  zurückkommen
müssen.
Die  Untereinteilung  des  vierten  Abschnittes  endlich:
Die  Lehre  vom  Rhythmus  im  wirtschaftlichen  Leben  ergibt
sich  von  selbst:  a)  Die  regelmäßigen  Schwankungen
im  Wirtschaftsleben:  Winter  und  Sommer,  die  sogenannte

1)  a.  a.  O.  S.  116.
        <pb n="30" />
        25

Saison-Beschäftigung  etc.  b)  Die  Zufallsstörungen  im
Wirtschaftsleben:  Depressionen  und  Krisen.
Bei  den  bislang  skizzierten  Gedanken  hatte  ich
wiederholt  meinen  Widerspruch  gegen  hergebrachte  und
gegen  herrschende  Meinungen  zum  Ausdruck  zu  bringen,
umsomehr  liegt  mir  daran,  zu  betonen,  daß  die  Grundgedanken, ­
  die  ich  hier  ausspreche  und  verteidige,
durchaus  nicht  neu  sind  —  sie  sind  im  Wesen  verwandt
mit  den  Lehren  der  „Klassischen  National  -  Ökonomie“,
die  es  m.  E.  nur  fortzubilden,  nicht  zu  überwinden  gilt.
Dieser  Name  ist  allgemein  gebräuchlich,  um  die
sozial-ökonomische  Richtung  zu  kennzeichnen,  die  Adam
Smith,  Ricardo,  Malthus  ihre  Führer  nennt.  Der  Grund
für  die  Benennung  „klassisch“  liegt,  so  meint  wenigstens ­
  Brentano  '),  in  gewissen  Eigentümlichkeiten,  welche
der  klassische  National-Ökonomie  mit  den  klassischen
Richtungen  auf  anderen  Gebieten  menschlichen  Schaffens
gemein  seien.  Ebenso  wie  beispielsweise  die  klassische
Bildhauerei,  habe  die  klassische  National-Ökonomie  einen
von  allen  Besonderheiten  des  Berufs  der  Klassen  der
Nationalitäten  und  Kulturstufen  freien  Menschen  geschaffen.
„An  Stelle  des  wirklichen  Menschen  ist  ein  abstrakter
Mensch  getreten  —  gibt  man  der  Figur  mit  der  Schaufel
statt  dieser  einen  Geldbeutel  in  die  Hand,  so  ist  die  Abstraktion ­
  plötzlich  ein  Kaufmann,  wie  sie  vordem  ein
Bauer  gewesen  ist.“
Diese  Auffassung  von  der  klassischen  National-Ökonomie ­
  stimmt  zwar  nicht  ganz,  aber  sie  war  und  ist  weit
1)  Die  klassische  Nationalökonomie  (Vortrag  gehalten  beim  Antritt
des  Lehramts  an  der  Universität  Wien),  1888,  S.  3.  Vgl.  dazu:  Schüller,
Die  klassische  Nationalökonomie  und  ihre  Gegner,  1895.
        <pb n="31" />
        26

verbreitet  und  wurde  somit  zu  einem  Grunde  für  die  „Überwindung“ ­
  des  Klassizismus,  der  allerdings  namentlich  durch
die  Form  der  Darstellung,  das  gilt  insbesondere  für  Ricardo, ­
  Mißverständnissen  mancherlei  Art  Tür  und  Tor  öffnete.
Allgemein  bekannt  ist,  daß  die  klassische  Nationalökonomie ­
  in  Deutschland  enttront  wurde,  wenn  sie  bei
uns  überhaupt  jemals  auf  dem  Trone  gesessen  hat,
durch  die  „historisch-ethische“  Richtung.  Bekannt  ist  auch,
daß  diese  Richtung  bis  in  die  Gegenwart  hinein  namentlich
aber  in  der  Zeit  1870—1900  sozusagen  „omnipotent“  war.
Der  anerkannte  Meister  dieser  Schule,  Schmoller,
trug  trotz  seiner  fast  sprichwörtlich  gewordenen  Vorsicht
in  der  Ausdrucksweise  kein  Bedenken,  1897  bei  Antritt
des  Rektorats  der  Berliner  Universität  den  Satz  zu  verkünden: ­
  „Es  hieße  sich  dem  Fortschritt  und  der  Entwicklung ­
  entgegenstellen,  wenn  man  absterbende,  überlebte
Richtungen  und  Methoden  den  höher  stehenden  und
ausgebildeteren  gleichstellte“:  „Weder  strikte  Smithianer
noch  strikte  Marxianer  können  heute  Anspruch  darauf
machen,  für  vollwertig  gehalten  zu  werden.  Wer  nicht  auf
dem  Boden  der  heutigen  Forschung,  der  heutigen  gelehrten
Bildung  und  Methode  steht,  ist  kein  brauchbarer  Lehrer.“
Ein  stolzes  Siegesbewußtsein  klang  aus  diesen  Worten
hervor.  Ein  kühneres  Votum  über  die  Entwicklungsmöglichkeit ­
  einer  in  vollem  Flusse  befindlichen  Wissenschaft
dürfte  wohl  selten  von  einem  geistigen  Führer  ausgesprochen ­
  worden  sein.
Die  historisch-ethische  Schule  wollte  historisch,  ethisch,
psychologisch  mehr  bieten  als  die  Klassiker;  sie  strebte
eine  „breitere,  sicherere  Kenntnis  der  Wirklichkeit  an“  &amp;gt;),

1)  Dieser  Optimismus  hinsichtlich  der  wissenschaftlichen  Möglichkeiten ­
  ist  umso  erstaunlicher,  weil  die  Führer  der  in  Rede  stehenden
        <pb n="32" />
        27

sie  wollte  „die  Volkswirtschaft  wieder  in  richtigem  Zusammenhänge ­
  mit  der  ganzen  übrigen  Kultur  verstehen
lernen.“  Man  ging  zu  dem  Zwecke  an  die  „methodische
Einzelforschung“  und  „realistische  Detailforschung  in  der
Wirtschafts-Geschichte“  und  1897  glaubte  auch  Schmoller
an  den  Erfolg  dieser  Bemühung:  „Die  Volkswirtschaftslehre“, ­
  so  meinte  er  damals,  „ist  aus  einer  bloßen  Marktund
  Tauschlehre,  einer  Art  Geschäfts-National-Ökonomie,
welche  zur  Klassenwaffe  der  Besitzenden  zu  werden  drohte,
wieder  eine  große  moralisch-politische  Wissenschaft
geworden.“  Den  Erfolg  dieser  Metamorphose  für  die
wissenschaftliche  Erkenntnis,  für  die  Summe  der  feststehenden ­
  Wahrheiten  schätzte  Schmoller  offenbar  sehr
hoch  ein.  Der  Bestand  dessen,  was  heute  von  allen  als
gesicherte  Wahrheit  anerkannt  werde,  sei  ganz  erheblich
gewachsen;  viele  Kontroversen  seien  aus  der  wissenschaftlichen ­
  Diskussion  verschwunden.  Als  einziges  Beispiel
dafür  wurde  in  der  Rektoratsrede  die  Kontroverse  „über
Schutzzoll  und  Freihandel“  genannt.  —  Wenige  Jahre
später  hat  es  sich  ja  in  so  drastisch  deutlicher  Weise  gerade ­
  bei  diesem  Punkte  offenbart,  daß  Schmoller  doch
viel  zu  optimistisch  über  „feststehende  Wahrheiten“  in
der  deutschen  National-Ökonomie  urteilte.
Im  ganzen  wird,  so  glaube  ich,  kaum  ein  begründeter
Widerspruch  laut  werden  gegenüber  folgender  Äußerung-Richtung
  selbst  die  ungeheuer  großen  und  dauernden  Variationen  der
„empirischen  Welt“  hervorhoben;  ich  zitiere  zum  Belege  nur  zwei  Sätze
aus  Schmollers  Streitschrift  gegen  Treitschke:  „Ehe  und  Eigentum  sind
äußere  Formen  des  positiven  Rechts,  in  welchen  die  sittliche  Idee  sich
darstellt;  aber  es  sind  Formen,  die  selbst  in  ewiger  Umbildung  begriffen ­
  sind“.  .  .  „Jede  Zunahme  der  Bevölkerung,  jede  große  Änderung ­
  der  Technik,  des  Verkehrs  erzeugt  notwendig  eine  andere  volkswirtschaftliche ­
  Lebensordnung“.  .  .  Grundfragen  S.  41  bezw.  S.  53.
        <pb n="33" />
        28

von  Gustav  Cohn,  der  selbst  Anhänger  der  ethischen
Richtung  ist:  „Wenn  irgend  etwas  unfruchtbar  an  ,exakten 1
Wahrheiten  für  unser  Fach  gewesen  ist,  so  ist  es  die  ganze
historische  Forschung  älteren,  neueren  und  neuesten  Datums“ ­
  !).  Ob  dieses  wissenschaftliche  Manko  —  mir  wenigstens ­
  scheint  es  ein  solches  zu  sein  —  wett  gemacht
.werden  kann  durch  erfolgreiche  politische  Taten  der
National-Ökonomen,  wird  später  zu  prüfen  sein.
Die  Stimmen  derer,  die  direkt  oder  indirekt  zugeben,
daß  man  die  Klassiker,  insbesondere  den  Meister  des
Isolierverfahrens  Ricardo  schlechter  machte,  als  sie  es  verdienten, ­
  mehren  sich,  man  sieht  immer  deutlicher  ein,  daß
die  Klassiker  mit  ihrer  Methode  durchaus  nicht  auf  falschem
Wege  waren.  Max  Weber,  ein  „Jünger  der  historischen
Schule“  weist  entschieden  den  einst  so  beliebten  Spott
über  die  sogenannten  Robinsonaden  der  abstrakten  Theorie
zurück,  scharfe  genetische  Begriffe  müßten  notwendig
„Idealtypen“  sein 1  2 ).  Schulze-Gävernitz,  der  doch  auch
nicht  vom  Klassizismus  ausgegangen  ist,  findet  den  Versuch, ­
  „auch  die  gesellschaftliche  Phänomene  naturwissenschaftlicher ­
  Betrachtung  zu  unterwerfen,  durchaus  berechtigt.“ ­
  Er  meint  in  seiner  jüngsten  Schrift: 3 )  „Es  liegt  auf
der  Hand,  daß  die  Isolier-Methode  der  national-ökonomischen ­
  Klassiker,  wie  sie  z.  B.  Dietzel  wieder  meisterhaft ­
  handhabt,  ebenso  wie  die  Wert-Psychologie  der  Österreicher ­
  durchaus  in  dieser  Richtung  geht.  Was  dem  Naturforscher ­
  das  Experiment,  das  leistet  dem  National-Öko-1)

  „Über  den  wissenschaftlichen  Charakter  der  Nationalökonomie“
Archiv  f.  Sozialwissenschaft  Bd.  XX,  S.  477.
2)  ,Die  „Objektivität“  sozialwissenschaftlicher  und  sozialpolitischer
Erkenntnis“,  Archiv  f.  Sozial.  Wissenschaft  XIX  S.  70  und  S.  82.
3)  „Marx  oder  Kant“,  S.  30.
        <pb n="34" />
        29

nomen  der  „Idealtypus“  des  zu  analysierenden  Vorganges;
in  beiden  Fällen  wird  der  Ideal-Vorgang,  der  im  Leben
nur  selten,  vielleicht  nie  in  völliger  Reinheit  vorliegt,
,isoliert 1 .  Der  National-Ökonom  stellt  den  .einheitlichen,
rein-wirtschaftlichen 1  Kausal-Zusammenhang  fest,  welcher
zum  ,Gesetz 1  verallgemeinert  werden  soll  “  Man
erinnert  sich  hier  ferner  daran,  daß  Lujo  Brentano,  der
einst  nicht  wegwerfend  genug  über  die  Klassiker  urteilen
konnte,  heute  weit  milder  über  sie  urteilen  muß.  Er
schrieb  1888  den  Satz:  „Der  Unterschied  zwischen  den
Merkantilisten  und  den  klassischen  National-Ökonomen
besteht  bloß  in  den  Mitteln,  welche  zur  Erreichung  der
Ziele  empfohlen  werden.  Und  hier  verdienen  die  Merkantilisten ­
  entschieden  den  Vorzug,  indem  sie  bei  ihren  Vorschlägen ­
  die  konkreten  Verhältnisse  berücksichtigten,  in
denen  der  wirtschaftliche  Egoismus  sich  betätigen  soll,
während  die  klassischen  National-Ökonomen  nur  den  abstrakten ­
  Menschen  im  „luftleeren  Raum  vor  Augen  haben  1 ). a
Dieser  selbe  Gelehrte  stützt  sich  bekanntlich  in  seinem
Kampfe  gegen  den  Schutzzoll  nunmehr  sehr  wesentlich
auf  den  Abstraktesten  der  Abstrakten,  auf  Ricardo  !  Und
klingt  auch  nicht  G.  F.  Knapps  „Staatliche  Theorie  des
Geldes“  wie  eine  Art  Absage  gegenüber  der  in  Deutschland ­
  herrschenden  Richtung?  Kaum  läßt  sich  Knapps
Wort:  „Der  Theoretiker  ist  ein  verlorener  Mann,  wenn  er
in  Halbheiten  befangen  bleibt“ 1  2 ),  mit  Schmollers  magerem
Tröste  vereinigen:  „Halb  ist  oft  besser  als  ganz 3 ). 11  Fast
scheint  es  aber,  als  wenn  auch  Schmoller  selbst  sein
Urteil  über  die  Klassiker  im  Laufe  der  Jahre  gemildert

1)  „Klassische  Nationalökonomie“,  Anm.  20.
2)  „Staatliche  Theorie  des  Geldes,“  S.  VII.
3)  Grundfragen  S.  336.
        <pb n="35" />
        30

hat.  Einst  nannte  er  Adam  Smith  etwas  mitleidig  einen
„Stubengelehrten“,  dagegen  rühmt  er  in  einem  jüngst 1 )  in
der  Internationalen  Wochenschrift  veröffentlichten  Aufsatze
Adam  Smiths  „unendlich  feine  Beobachtung  des
täglichen  Lebens“  und  nennt  ihn  „einen  der  großen
Sterne  der  Aufklärung“,  kein  National-Ökonom  nach  ihm
habe  so  mächtig  auf  das  Leben  gewirkt  wie  er.  Ricardo
und  Say  bekommen  zwar  in  demselben  Artikel  noch  eine
wenig  gute  Zensur,  sie  haben  nach  Schmoller  den  „wissenschaftlichen ­
  Geist  des  großen  Lehrers  über  Bord  geworfen“.
Ein  Urteil,  dem  sich  schon  heute  nur  noch  sehr  wenige
wissenschaftliche  Vertreter  der  Volkswirtschaftslehre  anschließen ­
  werden.
Es  ist  gewiß  nicht  wissenschaftliche  Überlegenheit, ­
  die  dem  „Historismus“ 1  2 )  den  „Sieg“  über  den  Klassizismus ­
  so  leicht  machte;  wobei  gar  nicht  geleugnet  werden
soll,  daß  der  Historismus  uns  durch  Darbietung  einer
Überfülle  von  Tatsachen  in  geistvoller  Gruppierung  mancherlei ­
  wertvolle  Aufschlüsse  gebracht  hat,  die  freilich  vielleicht ­
  noch  mehr  bedeuten  für  die  Geschichte,  die  Ethnographie, ­
  die  Soziologie,  die  Verwaltungslehre  etc.  als  für
die  Wirtschafts-Wissenschaft.
Trotz  der  hervorragenden  wissenschaftlichen  Leistungen
des  Historismus  bleibt  es  doch  wahr,  daß  er  dem  Klassizismus ­
  auf  wissenschaftichem  Gebiete  einen  entscheidenden ­
  Kampf  nicht  einmal  angeboten,  viel  weniger
einen  solchen  Kampf  ausgefochten  hat.  Sieht  man  von

1)  15.  Juni  1907.
2)  Nur  der  Kürze  halber  wird  dieses  allgemein  übliche  Wort  hier
gebraucht,  es  ist  sehr  wenig  präzise,  namentlich  für  die  Vorstellung,
wie  Verfasser  sie  sich  von  dem  Wesen  und  der  Bedeutung  der  „Antiklassiker“ ­
  in  Wissenschaft  und  Leben  zurechtgelegt  hat.
        <pb n="36" />
        31

kleinem  Zufallsgeplänkel  ab,  so  muß  man  zugeben,  daß
die  Gegner  sich  eigentlich  nur  auf  politischem  Gebiete
fanden.  Nicht  die  klassische  National-Ökonomie  als  Wissenschaft ­
  wurde  widerlegt,  sondern  die  Politik,  insofern  sie
nichts  anderes  sein  wollte,  als  angewandte  klassische  National-Ökonomie. ­
  Das  war  in  der  Tat  ein  großer  Fehler
namentlich  der  Epigonen  des  Klassizismus,  daß  sie  kein
Verständnis  dafür  hatten,  daß  Politik  etwas  ganz  anderes
ist  als  angewandte  Wissenschaft,  daß  die  Politik,  die  nichts
anderes  sein  wollte  als  die  Anwendung  „der  natürlichen
Gesetze  der  National-Ökonomie“,  mit  einem  Fiasko  enden
mußte.
Gilt  das  allgemein,  so  galt  es  in  verstärktem  Maße
für  die  eigenartige  wirtschaftliche  Übergangszeit,  die  in
Deutschland  mit  der  Zeit  zusammen  fiel,  wo  der  deutsche
Historismus  zum  Manne  erstarkte.
Es  waren  die  Jahre,  wo  aus  einem  armen  Deutschland
ein  reiches  Deutschland  werden  sollte.  Ein  hartes  Ringen
war  da  notwendig.  So  manche  schwer  Blessierten  mußten
auf  der  Kampfstätte  bleiben.  Mit  gewaltiger  Energie,
kühnem  Schaffensmute  und  einer  nicht  gewöhnlichen  Intelligenz ­
  bahnte  der  deutsche  Unternehmer  den  Weg,
„Ohne  Sentimentalität  vorwärts!“  das  war  die  Losung.
Manche  sanken  nieder,  die  Vorwärtsdrängenden  benutzten
rücksichtslos  die  zu  Boden  Gefallenen  als  Stützen  für  ihr
weiteres  Vordringen.  Ein  wilder  Konkurrenzkampf!  Und
wie  oben  so  auch  unten:  Die  Bevölkerungsziffer  hatte  in
Deutschland  rasch  eine  fast  beängstigende  Höhe  erreicht;
die  alten  Erwerbstände  konnten  den  Überschuß  nicht  mehr
aufnehmen.  So  strömten  denn  die  Scharen  in  die  Industrie;
auf  gut  Glück!  Manche  erreichten  auch  dort  vorübergehend ­
  hohe  Löhne,  aber  um  bald  zu  empfinden,  daß  man
        <pb n="37" />
        32

gleichzeitig  eine  früher  kaum  geahnte  Unsicherheit  der  Existenz ­
  mit  in  den  Kauf  nehmen  mußte.  Allmählich  kam
man  ja  vorwärts,  aber  niemand  konnte  sich  des  Sieges
recht  freuen,  die  Opfer  waren  zu  groß.  Nach  außen  sah
man  zunächst  nur  den  Gegensatz  zwischen  Fortschritt  und
Armut,  der  wie  ein  Hohn  zu  der  Lehre  von  der  Harmonie
der  Interessen  paßte.  Diese  Tatsachen  und  Gedanken
mußten  der  Generation,  die  nun  allmählich  zur  Rüste  geht,
in  unauslöschlicher  Erinnerung  bleiben.
In  jener  Übergangszeit  war  es  auch,  wo  Carl  Marx
seine  Lehre  verkündigte,  die  den  Kausalnexus  zwischen
Fortschritt  und  Armut  aufzudecken  schien  und  darüber
hinaus  noch  das  Mittel  bot,  „die  Erkenntnis  über  das
gegenwärtig  Bestehende  hinaus  zu  leiten,  aus  dem  Gegenwärtigen ­
  die  Keime  des  Zukünftigen  zu  erkennen  und
danach  Forderungen  zu  stellen.“  Es  war  in  der  Tat  gleichsam ­
  „das  Selbstverständliche“,  „das  Nächstliegende“,  das
Marx  in  seiner  Zeit  entdeckte  und  offenbarte.  Das  „Sein“
wollte  er  erkennen,  nicht  das  „Seinsollen.“  Gerade  daraus
hätten  die  wissenschaftlichen  Sozial-Ökonomen  reiche  Anregung ­
  schöpfen  können,  um  den  wissenschaftlichen  Klassizismus ­
  nicht  zu  besiegen,  aberweiter  zu  bilden;  sie  brauchten ­
  deshalb  gewiß  keine  Marxisten  zu  werden.  Aber  man
sah  in  dem  Marxismus  nur  die  „Umsturzgefahr“,  man
las  aus  ihm  das  heraus,  was  eigentlich  gar  nicht  in  ihm
enthalten  war,  die  Kritik  der  bestehenden  Gesellschaftsund ­
  Wirtschafts-Ordnung.  Man  betrachtete  es  als  die  vornehmste ­
  Aufgabe  der  Wissenschaft  zu  retten,  was  noch
zu  retten  war:  die  Politik  ließ  die  Wissenschaft  nicht  aufkommen.

„Das  letzte  Ziel  aller  Erkenntnis  ist  eben  ein  praktisches. ­
  Der  Wille  bleibt  immer  der  Regent  und  Herrscher
        <pb n="38" />
        r

33

über  den  Intellekt.  Die  großen  Fortschritte  der  Erkenntnis
sind  Taten  des  Willens“  ....
So  formuliert  Schmoller')  Gedanken,  die  man  einer
Geschichte  des  nationalökonomischen  Historismus  als
Motto  voraussetzen  könnte.  Der  „Wille  zur  Tat“  hatte
schon  reiche  Nahrung  bekommen  aus  den  offenbaren
sozialen  und  wirtschaftlichen  Mißständen  der  Zeit,  aus  der
berechtigten  Opposition  gegen  das  extreme  Manchestertum,
aus  der  Kritik,  die  man  den  sozialistischen  Schriften
entnahm,  dazu  kam  dann  in  Deutschland  später  noch  der
nationale  Aufschwung,  die  Wiederaufrichtung  des  Reiches.
Mit  Lust  und  Liebe  ging  man  an  die  politische  und  wirtschaftliche ­
  Neugestaltung  und  nur  törichte  Nörgelsucht
kann  verkennen,  daß  man  da  im  letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts ­
  wahrhaft  Großes  leistete,  daß  es  eine  Zeit  war,
an  die  wir  Jüngeren  nur  mit  einem  gewissen  Neide  denken
können  —  sobald  und  solange  wir  politisch  fühlen.
Höhepunkte  der  gesellschaftlichen  Gärung,  der  sozialen
und  wirtschaftlichen  Neubildung  brauchen  aber  durchaus
nicht  immer  zugleich  einen  Höhepunkt  für  die  Entwicklung ­
  der  Staats-Wissenschaften,  insbesondere  der  Wirtschafts-Wissenschaft ­
  zu  sein.
Man  hat  im  Laufe  der  Zeit  den  „Überwindern  des
Klassizismus  und  des  ökonomischen  Liberalismus“  eine
Fülle  von  Vorwürfen  gemacht,  man  hat  ihren  unermeßlichen
Stoffhunger  getadelt,  ihren  grenzenlosen  Expansionsdrang,
der  fast  alle  Gebiete  der  menschlichen  Wissenschaften  heranziehen ­
  wollte,  damit  sie  helfen  sollten,  bei  den  Vorarbeiten, ­
  die  erforderlich  seien,  um  der  Volkswirtschaftslehre ­
  „endlich  auch  einmal“  ein  wissenschaftliches  Fun-1)
  Grundfragen,  S.  335.
Weber,  Volkswirtschaftslehre  als  Wissenschaft.

3
        <pb n="39" />
        34

dament  zu  geben.  Man  wies  tadelnd  hin  auf  die  Unklarheit
der  Begriffsbildung,  auf  die  mangelhafte  Systematik,  die  sich
die  Gegner  der  klassischen  Schule  zu  Schulden  kommen
ließen  und  lassen.  Allen  diesen  Fehlern,  glaube  ich,  stehen
schließlich  aber  auch  entsprechende  Vorzüge  gegenüber,
nur  eine  „Todsünde"  bleibt  ungesühnt:  Die  zu  weitgehende
Verquickung  der  Wissenschaft  mit  der  praktischen  Politik.
Man  tadelte  es  mit  Recht  an  den  Manchesterleuten,
daß  sie  ihre  subjektiven  Ansichten  über  das  Seinsollen  als
Wissenschaft  ausgaben,  um  dann  im  selben  Atemzuge  die
Irrlehren  der  Gegner  zum  Dogma  für  die  eigenen  Jünger
zu  machen.
Die  wissenschaftlicheSozial-Ökonomie  kann
allgemein  gültige  Urteile  über  das  Seinsollen
im  praktischen  und  politischen  Leben  nicht  abgeben; ­
  eine  ethische  Sozial-Ökonomik  in  diesem
Sinne  ist  also  abzulehnen.  Insofern  bietet  uns  die
Wissenschaft  weniger  als  manche  ihrer  Vertreter  heute  versprechen. ­
  Sie  kann  und  muß  aber  mehr  geben  als  sie  bisher ­
  gegeben  hat,  dadurch,  daß  sie  die  Ursachen  der  Erscheinungen ­
  nicht  verdunkeln  läßt  durch  den  Schatten  der
Wirkung.  Das  ist  ein  Hauptvorwurf,  den  Maurice  Lair  in
seinem  Buche  L’imperialisme  Allemand  (Paris  1902)  dem
neuen  deutschen  Geiste  allgemein  macht.  Das  hindert  ihn
nicht,  sarkastisch  kurz  vorher  zu  sagen:  „Wenn  Goethes
Faust  zur  Überzeugung  kam,  daß  wir  nichts  wissen  können,
so  glaubt  der  neue  Deutsche,  daß  er  alles  wissen  kann.“
Den  Tadel  dort,  den  Spott  hier  kann  man  auch  in  das
alte  Diktum  zusammenfassen:  Multa,  sed  non  multum!
Wenn  ich  mich  gegen  eine  ethische  Sozial-Ökonomik
ausspreche,  so  bitte  ich  mich  nicht  mißzuverstehen.  Nichts
liegt  mirferner,  als  die  Ethik  und  dieMoralaus
        <pb n="40" />
        35

der  praktischen  Volkswirtschaft  und  aus  der
Politik  eliminieren  zu  wollen.  Auch  daß  die  Ethik
ein  wesentlicher  Bestandteil  der  Sozial-Ökonomie  als  Kunstlehre
  sein  muß,  leugne  ich  nicht.  Ich  will  nur,  daß  aus
erkenntnis-theoretischen  und  praktischen  Gründen  eine
Ausscheidung  vorgenommen  wird  „zwischen  dem,  was  wir
zwingend  beweisen  können  und  dem,  was  wir  wollen,
wünschen,  hoffen,  glauben"  *).  Es  ist  nicht  einmal  notwendig,
daß  diese  Ausscheidung  räumlich  zum  Ausdruck  kommt,
so  vielleicht,  daß  in  dem  einen  Buche  über  daß,  was  man
beweisen  kann  berichtet  wird,  und  in  dem  anderen,  über
das,  was  man  nur  will  und  wünscht.  Nur  möchte  ich  mit
aller  Schärfe  betonen,  daß  der  Sozial-Ökonom  stets  die
Grenze  sehen  muß,  innerhalb  der  er  im  Namen  seiner
Wissenschaft  urteilen  kann  und  urteilen  darf.
Man  hat  die  Volkswirtschaftslehre  eine  praktische
Wissenschaft  genannt,  behauptet  daß  sie  Wissenschaft  und
lehrende  Kunst  zugleich  sein  müsse.  Das  erstere  gebe
ich  insofern  zu,  als  die  Wirtschaftslehre  gerade  dadurch,
daß  sie  ihre  eigenen  Zwecke  als  Wissenschaft  verfolgt, ­
  das  heißt  „den  bloß  intellektuellen  Besitz  der  Wahrheit ­
  erstrebt“  in  ganz  hervorragender  Weise  dem  praktischen ­
  Leben  nutzt,  was  noch  näher  zu  belegen  sein  wird;
die  Richtigkeit  der  zweiten  Behauptung  leugne  ich,  wenn
damit  gesagt  sein  soll,  daß  eine  theoretische  Scheidung
zwischen  der  Volkswirtschaftslehre  als  Wissenschaft  und
als  lehrende  Kunst  unmöglich  sei.  Ich  halte  es  mit  Pellegrino
  Rossi,  der  sagt:  „  .  .  .  .  la  Science  n’a  pas  de  but
exterieur.  Des  qu’on  s’occupe  de  l’emploi,  qu’on  peut  en
faire,  du  parti,  qu’on  peut  en  tirer,  on  sort  de  la  Science
et  on  tombe  dans  l’art  La  Science  n’est  pas  chargee

1)  Cohn,  a.  a.  O.  S.  464.

3*
        <pb n="41" />
        36

de  faire  quelque  chose.  II  n’y  aurait  en  ce  monde  que
misere,  ignorance  et  malheur,  qu’  il  y  aurait  encore  une
Science  de  l’economie  politique
H.  Pesch,  dessen  Lehrbuch  der  Nationalökonomie  ich  dieses  Zitat
entnehme  *),  polemisiert  gegen  die  darin  ausgesprochene  Ansicht,  indem
er  die  Volkswirtschaftslehre  mit  der  Jurisprudenz  vergleicht.  Letztere
sei  doch  anerkanntermaßen  eine  Wissenschaft  und  doch  sei  ihr  eigentlicher ­
  Endzweck  ein  praktischer,  nämlich  der,  dem  Richter  für  seine
richterliche  Praxis  zu  dienen.  Daher  könne  man  die  Jurisprudenz  als
praktische  Wissenschaft,  als  Wissenschaft  und  lehrende  Kunst  zugleich
bezeichnen.  Ein  gleiches  gelte  von  der  Nationalökonomie,  welche  die
freien  Handlungen  der  Bürger  und  der  Staatsgewalt  in  ihrer  Richtung,
Hinordnung  auf  das  materielle  Gemeinwohl  zum  Gegenstand  habe.  Ich
glaube  nicht,  daß  der  Vergleich  zwischen  Volkswirtschaftslehre  und
Jurisprudenz  irgend  etwas  beweisen  kann.  Schon  deshalb  nicht,  weil
die  Jurisprudenz  als  Wissenschaft  keineswegs  in  so  hohem  Ansehen ­
  steht,  daß  man  andere  Wissenschaften  nach  ihr  messen  kann.
Daß  Cicero  einst  die  Jurisprudenz  eine  scientia  tenuis,  eine  schwächliche ­
  Wissenschaft  genannt  hat,  daß  Goethe  von  dieser  Wissenschaft
nicht  viel  höher  dachte,  das  will  noch  wenig  sagen,  eher  könnte  man
schon  stutzig  werden,  wenn  man  hört,  daß  ein  angesehener  Jurist  selbst,
von  Kirchmann,  eine  Abhandlung  unter  dem  Titel  geschrieben  hat:
„Die  Wertlosigkeit  der  Jurisprudenz  als  Wissenschaft“.  Vielleicht  findet
man  es  auch  charakteristisch,  daß  heute  die  Ansicht  weit  verbreitet  ist,
kein  Jurist  werde  ohne  zureichendes  nationalökonomisches  Verständnis ­
  eine  privatrechtliche  Norm  in  ihrem  Zusammenhänge  richtig
erfassen  und  anwenden  können.  Ich  füge  dem  noch  hinzu,  daß  beispielsweise ­
  der  Nationalökonom  G.  Cohn  ausführt,  daß  die  eigentliche
wissenschaftliche  Arbeit  für  die  Juristen  von  den  Nationalökonomen
geleistet  werde  und  ein  anderer  Fachgenosse  Lifschitz  stellt  für  die
Juristen  die  Regel  auf:  „Sie  treiben  Methaphysik,  ohne  Metaphysik
studiert  zu  haben,  bilden  sich  dabei  aber  ein,  sie  trieben  Rechtswissenschaft.“ ­
  Diese  wenig  respektierlichen  Urteile  möchte  ich  mir  keineswegs
so  ohne  weiteres  zu  eigen  machen,  aber  sie  zeigen  doch,  daß
man  die  Jurisprudenz  nicht  als  Muster  einer  Wissenschaft  hinstellen ­
  darf.  Dabei  soll  ganz  davon  abgesehen  sein,  ob  denn  nun  wirklich ­
  der  Endzweck  der  Jurisprudenz  Erleichterung  der  richterlichen
Praxis  ist,  wäre  das  der  Fall,  so  würde  sicher  der  größte  Teil  der  rechtswissenschaftlichen ­
  Literatur  diesem  Endzwecke  nicht  entsprechen.

1)  Band  I  S.  411.
        <pb n="42" />
        37

Das  materielle  Gemeinwohl,  so  wie  Pesch  es  auffaßt,
soll  gewiß  Ziel  der  Volkswirtschaft  sein,  aber  es  kann
darüber  nicht  von  dem  Sozialökonomen  allgemein  gültig
geurteilt  werden;  denn  das  Urteilen  über  Ideale,  über  Weltanschauungen ­
  gehört  nicht  zum  Ressort  der  sozialökonomischen ­
  Wissenschaft.  Das  führt  uns  unmittelbar  zu  den
Betrachtungen  über  die  politischen  Aufgaben  der  Volkswirtschaftslehre ­
  als  Wissenschaft.
II.
In  Kants  Schrift  zum  ewigen  Frieden  kann  man  den
durchaus  richtigen  und  beherzigenswerten  Satz  lesen:
„Die  wahre  Politik  kann  keinen  einzigen  Schritt  tun,  ohne
zuvor  der  Moral  gehuldigt  zu  haben.“  Und  ein  Ethiker
unserer  Tage,  der  Züricher  Professor  Förster  meint  nicht
minder  zutreffend:  „Die  staatliche  Organisation  ist  angewiesen ­
  auf  einen  ungeheuren  Fonds  von  selbstlosem
Opfersinn,  von  moralischer  Widerstandskraft  gegenüber
den  Instinkten  und  Begierden  und  endlich  von  jenem
empfindlichen  Rechtsgefühl,  das  uns  treibt,  lieber  auf
alles  zu  verzichten,  als  daß  wir  den  Mitmenschen  aus
seinem  Besitze  drängen.  Nur  auf  solchem  Fundament
kann  die  ganze  ungeheuer  komplizierte  Lebens-  und  Arbeitsgemeinschaft ­
  stehen,  die  im  modernen  Staate  organisiert ­
  ist!“
Man  ist  versucht,  diesen  Gedanken  ein  vielzitiertes
Wort  Sombarts  gegenüber  zu  stellen,  das  leicht  mißverstanden ­
  werden  kann:  „Sittlich  sein  sollen  auf  Kosten
des  ökonomischen  Fortschritts  ist  der  Anfang  vom  Ende
der  gesamten  Kultur-Entwicklung“  1 ).  Diese  Ansicht  kann
1)  Fr.  Naumann  schrieb  kürzlich  (10./4.  09)  in  der  Frankfurter
Zeitung:  „Nur  solange  als  wir  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  eine
        <pb n="43" />
        38

unzweifelhaft  einen  sehr  richtigen  Sinn  enthalten,  der  erst
den  moralischen  Schranken  den  rechten  Halt  gibt.  Wenn
z.  B.  alle  reichen  Leute  auf  den  Gedanken  kämen,  denen
die  weniger  haben  als  sie,  soviel  von  ihrem  Kapital  zu
geben,  daß  sie  ebenso  behaglich  wohnen  und  leben
können  wie  die  Reichen,  dann  wäre  das  zwar  scheinbar  sittlich ­
  sehr  schön,  es  würde  damit  auch  gewiß  für  eine  kurze
Zeit  ermöglicht  sein,  die  Volks-Gesamtheit  an  den  Segnungen ­
  der  Kultur  in  starksteigendem  Maße  teilnehmen
zu  lassen,  aber  schließlich  wäre  das  ganze  doch  nur  eine
Crispinade  großen  Stils.  Die  Gegenwart  würde  wohltätig
sein  auf  Kosten  der  Zukunft,  es  würde  der  Zukunft  das
nötige  Kapital  fehlen,  das  erforderlich  wäre,  um  einer  steigenden ­
  Volksziffer  Arbeit  und  Nahrung  zu  verschaffen,  und
bald  würde  es  sich  zeigen,  wie  wahr  die  Prophezeihung
Sombarts  unter  Umständen  werden  kann.
Wenn  es  die  Bestimmung  des  Menschen  ist,  immer
mehr  zur  „Kulturmensch-Werdung“  fortzuschreiten,  wenn
sich  nach  Gottes  Willen  „die  Herrschaft  des  Menschen
als  gottgesetzten  Königs  der  Welt  sich  mehr  und  mehr
ausdehnen  und  bestätigen  soll“' 1 ),  dann  wird  gerade  die
Notwendigkeit  des  ökonomischen  Fortschritts  mit  herangezogen ­
  werden  müssen  zur  Interpretation  der  Gebote
der  Moral.  Die  ökonomische  Erkenntnis  muß  gegeben ­
  sein,  ehe  der  Moralist  sein  Urteil  über
ökonomische  Vorgänge  abgeben  darf;  ist  es  um-Steigerung

  des  verfügbaren  Quantums  materieller  Güter
erleben,  besteht  eine  begründete  Aussicht,  daß  auch  alle  diejenigen
Tendenzen  der  wissenschaftlichen  und  künstlerischen  Verfeinerung  und
der  sozialen  Humanität,  die  wir  als  Kultur  im  engeren  Sinne  bezeichnen
bei  uns  möglich  sein  werden.“
1)  Pesch  i  S.  129.
        <pb n="44" />
        39

gekehrt,  dann  wird  dadurch  das  Urteilen  nur  zu  leicht
vorschnell,  ungerecht,  unmoralisch
Einige  Beispiele:  Das  Zinsnehmen  war  einst  aus
nicht  unberechtigten  Gründen  verboten,  es  heute  verbieten
zu  wollen,  würde  in  höchstem  Maße  töricht  sein.  Ferner:
Seit  über  2000  Jahren  war  es  innerste  Rechtsüberzeugung
aller  Kulturvölker,  so  erzählte  Schmoller  auf  der  Generalversammlung ­
  des  Vereins  für  Sozial-Politik  in  Mannheim,
daß  alle  Parteiverabredungen  im  Sinne  der  Preiserhöhungen
auf  dem  Markte  strafbar  seien,  bis  tief  ins  19.  Jahrhundert
reichten  derartige  Gesetze.  .  .  .  Wenn  wir  trotzdem  heute
in  den  Kartellen  mit  ihren  Preisverabredungen  an  und  für
sich  durchaus  nichts  moralisch  Verwerfliches  sehen,  so
zeigt  sich  eben,  daß  andere  ökonomische  Verhältnisse,  eine
andere  ökonomische  Einsicht  den  Inhalt  der  Moral  änderten. ­
  Endlich  noch  ein  Beispiel,  das  ein  heiß  umstrittenes
Problem  der  Gegenwart  berührt:  „Der  bekannte  Ethiker
und  Pädagoge  Professor  W.  Rein  in  Jena  hat  vor  einigen
Jahren  eine  kleine  Schrift  veröffentlicht  unter  dem  Titel
„Ethik  und  Volkswirtschaft“  f).  Die  Schrift  ist  bestimmt,
bodenreformerischen  Ideen  Geltung  zu  verschaffen  und
beschäftigt  sich  demgemäß  auch  mit  dem  Kapitel  „Ethik
und  Spekulation“.  Es  wird  da  gefordert,  daß  die  Spekulationen, ­
  die  auf  schnelle,  mühelose  Weise  Reichtümer
anzuhäufen  suchten,  von  der  öffentlichen  Meinung  viel
schärfer  als  dies  jetzt  noch  geschieht,  verurteilt  werden
müßten,  „sie  dürfen  nicht  zu  den  Operationen  gerechnet
werden,  die  man  für  anständig  hält“....  Unser  Autor  fährt
alsdann  fort:  „Wenn  es  wahr  ist,  daß  die  Grundstück-1)

  Soziale  Streitfragen,  herausgegeben  von  Adolf  Damaschke,
Heft  XIII.
        <pb n="45" />
        —  40  —
Spekulation  vor  allem  es  ist,  welche  die  Befriedigung  der
wichtigsten  Lebensmittel  verteuert,  wenn  sie  bei  weitem
gemeingefährlicher  ist  als  z.  B.  die  Spekulation  in  Wertpapieren, ­
  so  muß  sich  die  Verurteilung  besonders  gegen
sie  richten“.  .  .  .  Der  Ethiker  fällt  hier  ein  Urteil  über
eine  wichtige  wirtschaftliche  Erscheinung,  die  in  ihrem
Wesen  zu  erkennen,  ihm  als  volkswirtschaftlichen  Laien
nicht  möglich  ist,  er  verläßt  sich  daher  auf  das  sachverständige ­
  Urteil  anderer,  in  der  richtigen  Empfindung,  daß
man  sich  erst  ein  zuverlässiges  Urteil  über  das  Sein  bilden
muß,  ehe  man  über  das  Seinsollen  richtig  urteilen  kann.
Nicht  immer  leitet  Rein  in  derselben  Schrift  dieser  richtige ­
  Gedanke.  Da  lesen  wir  z.  B.:  „Die  Naturschätze,
die  eine  gütige  Vorsehung  unserem  Gesamt-Volke  in  den
Schoß  gelegt,  wurde  zumeist  dem  Privatbesitz  ausgeliefert ­
  und  damit  einer  Ausbeutung  des  Volkes  die
Wege  geöffnet,  wie  sie  verwerflicher  nicht  gedacht ­
  werden  kann.“  Ein  ganz  schiefes  Urteil,  das
mindestens  in  seiner  apodiktischen  Form  von  jedem  unbefangenen ­
  Sozialökonomen  abgelehnt  werden  muß.  Ich
zweifle  nicht,  daß  in  dem  einen  wie  in  dem  anderen  Falle
richtige  ethische  Maßstäbe  angelegt  wurden,  aber  das
Objekt,  das  gemessen  werden  soll,  war  dem  Ethiker  hier
wie  dort  offenbar  in  undurchdringliches  Dunkel  gehüllt.
Er  rettet  sich  gegen  einen  berechtigten  ethischen  Vorwurf
in  dem  ersten  Falle  dadurch,  daß  er  die  Verantwortung
von  sich  abschiebt  auf  diejenigen,  die  es  wissen  können,
im  zweiten  Falle  ist  dieser  Rettungsversuch  nicht  gemacht,
eine  vorurteilsfreie  Untersuchung  wird  hier  wahrscheinlich
den  ethisch  entrüsteten  Ankläger  auf  Grund  der  von  ihm
verteidigten  Gebote  der  Ethik  verurteilen,  die  grundlos
Angeklagten  aber  freisprechen.
        <pb n="46" />
        41

Aus  diesen  Beispielen,  die  sich  leicht  vermehren
ließen,  folgere  ich,  daß  es  nicht  Aufgabe  des  Sozial
Ökonomen  sein  kann,  mit  ethischer  Brille  an  seine  Probleme ­
  in  der  Umgrenzung,  die  im  vorigen  Abschnitt  angedeutet ­
  wurde,  heranzutreten;  wohl  aber  ist  es  umgekehrt ­
  unter  Umständen  dringende  Pflicht  des  Moralisten
eine  sozialökonomische  Brille  aufzusetzen.
Weil  die  Sozial-Ökonomie  als  Wissenschaft  mit  der
Ethik  nichts  zu  tun  hat,  darf  sie  auch  nicht  mehr  sein
wollen,  als  eine  Stütze  für  die  Wirtschafts-Politik  neben
vielen  anderen  deshalb,  weil  die  Politik  auch  dann,  wenn
sie  wirtschaftliche  Dinge  regeln  will,  keineswegs  nur  Folgerungen ­
  aus  der  wirtschaftlichen  Erkenntnis  zu  ziehen
hat.  Sie  hat  insbesondere,  wie  wir  schon  wissen,  der
Moral  „zu  huldigen“  und  zu  dem  Zwecke  wird  die  Politik
auf  die  tiefsten  Fragen  der  Weltanschauung  zurückgehen
müssen.  Jüngst  hat  wieder  Schulze  -  Gävernitz  bei  Gelegenheit ­
  seiner  Studien  über  britischen  Imperialismus
und  englischen  Freihandel  zu  Beginn  des  20.  Jahrhunderts
gezeigt,  „wie  die  großen  Wirtschafts-  und  machtpolitischen
Streitfragen  des  Tages  in  letzter  Linie  auf  dem  Weltanschauungsgebiete ­
  entschieden  werden.“
Mit  welchem  Recht  und  mit  welchen  Mitteln  will  aber
nun  die  sozialökonomische  Wissenschaft  ein  Wert-Urteil
über  die  außerordentlich  verschiedenartigen  Weltanschauungen ­
  fällen?  Ist  sie  aber  dazu  unfähig  und  darüber
kann  wohl  kaum  ein  Zweifel  sein,  dann  kann  sie  keine
moralische  politische  Wissenschaft  sein.  Wenn  man  nicht
überhaupt  auf  dem  Standpunkte  steht,  daß  der  Ausdruck
„wissenschaftliche  Politik“  eine  contradictio  in  adjecto  ist.
Die  ehrfürchtige  Bewunderung,  die  dem  erfolgreichen
Staatsmanne  entgegen  gebracht  wird,  wird  ihm  nicht  zu
        <pb n="47" />
        42

teil  als  dem  Vollender  und  Ausführer  der  Wissenschaft,
sondern  als  dem  Vollbringer  der  höchsten  Kunst,  die  es
gibt,  dem  gesellschaftlichen  Wohl  zu  dienen.  Sehr  schön
drückt  diesen  Gedanken  Ernst  Zittelmann  aus 1 ):  „Der
geniale  Gesetzgeber  ist  der,  der  die  wahren  Werte  der
Kultur  zu  finden  und  zu  schätzen  weiß;  darum  preisen
ihn  auch  die  Sagen  und  Lieder  der  alten  Völker  und  so
groß  und  so  wunderbar  erscheint  ihrer  frühen  Fantasie
seine  Kunst,  daß  sie  aus  irdischem  Ursprünge  sie  nicht
mehr  zu  erklären  wissen;  ihre  großen  Gesetzgeber  lassen
sie  von  Göttern  stammen  oder  doch  Rat  von  ihnen  empfangen.“ ­
  Adam  Smith,  dem  seine  Gegner  so  gerne  nachsagen,
daß  er  die  staatliche  Gesetzgebung  für  nahezu  überflüssig
erklärt  habe,  vertritt  trotzdem  die  Meinung:  „Die  Einsetzung
von  Gesetz  und  Regierung  ist  das  höchste  Werk  der  menschlichen ­
  Klugheit  und  Weisheit“,  „der  größte  und  edelste
Charakter  ist  derjenige  eines  Reformators  und  Gesetzgebers ­
  eines  großen  Staates 1  2 ).“  Heutzutage  kommt  noch
für  den  Staatsmann,  der  Erfolg  haben  will,  die  Kunst  hinzu, ­
  im  „Spiel  auf  dem  Instrument  der  Parlamente  und  der
öffentlichen  Meinung“  kein  Stümper  zu  sein  3 ).
Praktische  Wirtschafts-Politik  ist  wie  alle  praktische
Politik  keine  Wissenschaft,  sondern  eine  Kunst  und  sobald
das  Gebiet  der  Politik  betreten  ist,  muß  mehr  wie  irgend
ein  anderer  der  Volkswirtschaftslehrer  sich  vollkommen  klar
1)  Die  Kunst  der  Gesetzgebung  (Neue  Zeit-  und  Streitfragen,
herausgegeben  von  der  Gehestiftung)  1904,  S.  8.
2)  Vergl.  Onken,  „Das  Adam  Smith-Problem“,  Zeitschrift  für  Soziaiwissenschaft,
  Bd.  I  S.  280.
3)  Mit  Recht  meint  Schmoller,  daß  z.  B.  Gladstone  und  Miquel
mit  ihren  Reformen  nicht  so  viel  Erfolg  gehabt  haben  würden  wenn
&amp;gt;,Virtuosen“  in  diesem  Spiel  gewesen  seien.  Skizze  einer  Finanzgeschichte, ­
  Sonderabdruck  aus  SCMOLLERS  Jahrbuch,  1909  S.  61.
        <pb n="48" />
        43

darüber  sein,  daß  er  die  Grenze  zwischen  Wissenschaft  und
Kunstlehre  überschritten  hat.
Es  lassen  sich  gewiß  genug  gute  theoretische  Gründe
für  diese  These  beibringen,  aber  ich  will  es  gestehen,  daß
es  vorwiegend  praktische  Erwägungen  sind,  die  mich  veranlassen, ­
  dafür  einzutreten,  daß  der  Aufgabenkreis  der
sozialökonomischen  Wissenschaft  nach  der  Seite  der  praktischen ­
  Politik  hin  möglichst  eingeengt  wird,  Praktische
Erwägungen,  die  sowohl  das  Interesse  der  Wissenschaft
wie  das  der  Praxis  berühren,  die  hier  solidarisch  sind.
Der  Stoff  unserer  Wissenschaft  an  sich  bringt  schon
mancherlei  Gefahren  mit  sich,  für  den,  der  seine  Untersuchungen ­
  in  Ruhe  führen,  der  Erkenntnis  allein  dienen
möchte:  „Die  Theoreme  des  Euklid  würden  nicht  einstimmig ­
  angenommen  sein,  wenn  sie  in  unmittelbarer  Beziehung ­
  zum  Reichtum  und  Genießen  gestanden  hätten;“
(Whately)  „nirgends  urteilt  und  äußert  sich  das  Publikum
so  interessiert  wie  hier.  Nirgends  wird  soviel  übertrieben,
gelogen  wie  in  sozialökonomischen  Debatten 1 ).“
Sollten  wir  nicht  versuchen  mit  allem  Ernste  diese
Gefahren  möglichst  zu  mindern?  Statt  dessen  scheint
man  an  den  natürlichen  Schwierigkeiten  noch  nicht  genug
zu  haben,  man  zerrt  die  Wissenschaft  in  das  Getriebe  der
Tages-Politik  und  in  den  Kampf  der  Weltanschanungen

1)  H.  Dietzel  a.  a.  O.  S.  39.  In  seinem  „Zollvereinsblatt“  sagte
Friedrich  List  einmal:  „Nichts  ist  von  so  kitzlicher  und  häckeliger
Natur  in  der  ganzen  Staatsführung  wie  die  Entscheidung  derjenigen
Fragen,  welche  den  Nahrungsstand  des  Volkes,  den  Wohlstand  jedes
einzelnen  Individuums  berühren  ....  Nichts  schadet  mehr  in  der
Meinung  des  untergeordneten  Volkes  der  gegenwärtigen  Regierung,
nichts  ist  weniger  leicht  gut  zu  machen  als  falsche  nationalökonomische
Maßregeln,  weil  die  Wirkungen  davon  urplötzlich  in  der  Brotlade  und
dem  Küchentopf  jedes  einzelnen  Bürgers  sich  kund  geben.“
        <pb n="49" />
        44

hinein.  Man  glaubt  im  Namen  unserer  Wissenschaft  auch
auf  diesem  ihr  fremden  Gebiete  den  Richterspruch  fällen
zu  dürfen.
Als  1866  der  damalige  Heidelberger  Professor  Carl
Dietzel  für  die  Tübinger  Zeitschrift  einen  Aufsatz  über
die  Volkswirtschaftslehre  als  Wissenschaft  schrieb  '),  ging
er  davon  aus,  daß  die  eigentliche  Wissenschaft  der  Volkswirtschaft ­
  trotz  der  rapiden  Entwicklung  und  großartigen
Ausdehnung  des  volkswirtschaftlichen  Lebens  nur  geringe
Fortschritte  gemacht  habe.  Er  sucht  den  Grund  dieser
unerfreulichen  Erscheinung  und  glaubt  ihn  hauptsächlich
darin  zu  finden,  daß  der  Volkswirtschaftslehre  überhaupt  ihr
eigentümliches  wissenschaftliches  Wesen  noch  nicht  zum
vollen  Bewußtsein  gekommen  sei,  deshalb  nicht,  weil  sie
„zu  häufig  vermischt  und  absichtlich  verknüpft  werde  mit
der  Lösung  praktischer  Streitfragen.“  Zwar  sei  es  unzweifelhaft ­
  von  besonderem  Werte,  daß  die  wissenschaftliche ­
  Volkswirtschaftslehre  unmittelbar  durch  die  Tatsachen
des  Lebens  angeregt  werde  und  aus  ihnen  hervorwachse,
aber  deshalb  dürfe  doch  die  wissenschaftliche  Erörterung
nicht  „eine  direkte  Einwirkung  auf  schwebende  Fragen
des  öffentlichen  Lebens  bezwecken.“  Der  nachteilige  Einfluß ­
  der  Vermischung  oder  Verwechslung  der  auf  praktische ­
  Ziele  gerichteten  Tätigkeit  mit  der  eigentlichen
Wissenschaft  der  Volkswirtschaft  liege  einmal  darin  begründet, ­
  daß  jene  den  reinen  Erkenntniszweck  der  Wissenschaft ­
  gar  nicht  vor  Augen  haben  dürfe,  sondern  sich  einer
die  Erreichung  des  besonderen  Zweckes  direkt  fördernden
Behandlungsart  zuwenden  müsse.  Sodann  aber  sei  es
.von  besonderem  Nachteile,  für  die  wissenschaftliche  Forschung, ­
  daß  die  praktisch-politische  Tätigkeit  notwendiger-1)

  Tübinger  Zeitschrift  Band  XXII,  S.  329ff;  Band  XXIV,  S.  80ff.
        <pb n="50" />
        45

weise  in  irgend  einem  Grade  einen  Parteistandpunkt,  eine
politische  Tendenz  mit  sich  verbinde,  wodurch  die  objektive ­
  Wissenschaftlichkeit  entweder  ganz  ausgeschlossen,
oder  doch  in  hohem  Grade  beeinträchtigt  werde.  Denn  die
Verdrängung  entgegenstehender  Ansichten,  Beseitigung
entsprechender  Einrichtungen  müsse  das  Ziel  der  Arbeit
und  des  Denkens  sein.  Mit  diesem  praktisch-politischen
Ziele  verknüpfe  sich  unwillkürlich  ein  Parteistandpunkt
mit  seinen  notwendigen  Folgen  unter  welchen  die  Einseitigkeit ­
  noch  die  mindestschlimme  sei.  Nicht  mit  allen
Ausführungen,  die  Carl  Dietzel  in  seinem  zitierten  Aufsatze
macht,  möchte  ich  mich  einverstanden  erklären,  doch  die
eben  mitgeteilten  Grundansichten  dieses  Gelehrten  entsprechen ­
  ganz  meiner  Meinung.
Es  ist  ganz  richtig,  daß  der  Wille  nur  zu  leicht  den
Intellekt  beherrscht,  die  Folge  ist,  daß  man  dann,  wenn
man  Taten  will,  mit  Notwendigkeit  den  eigentlichen  Zweck
der  Wissenschaft,  die  reine  Erkenntnis  außer  acht  läßt.
Statt  die  Kämpfenden  aus  der  Ferne  zu  beobachten  und
unbefangen  über  ihr  Können  und  Wollen  zu  urteilen,
mengt  man  sich  selbst  unter  sie  und  hört  dann  nur  noch
den  einen  Schlachtruf  „Vorwärts“.  Man  „will“.  Hindernisse ­
  sieht  man  nicht,  und  wer  sich  den  tapferen  Kämpfern
mit  nörgelndem  Verstände  in  den  Weg  stellt,  wird
bald  empfinden,  wieviel  stärker  das  Wollen  ist  als  das
Denken.  Eine  oft  erprobte  Wahrheit  liegt  in  dem  Sprichworte:
  „Was  man  will,  glaubt  man  gern“.
C.  J.  Fuchs  meinte  einmal  gelegentlich 1 )  „daß  die
größten  sozialen  Reformen  in  der  Weise  zustande  gekommen ­
  sind,  daß  zuerst  gehandelt  wurde,  dann  die  Wissen-1)

  Kritische  Blätter  1907  S.  280.
        <pb n="51" />
        46

Schaft  das  Pro-  und  Kontra  untersuchte.  Allerdings  waren
die  Reformen  oft  dadurch  verursacht  und  unterstützt,  daß
Männer  der  Wissenschaft  energisch  für  sie  eintraten“.
Wäre  das  richtig,  so  würde  darin  ein  beachtenswerter
Grund  zu  suchen  sein,  warum  die  Volkswirtschaftslehre  als
Wissenschaft  trotz  des  in  gewaltigen  Massen  zusammengetragenen ­
  induktiven  Materials  so  wenig  weiter  gekommen
ist.  Die  Gefahr  ist  ja  kaum  zu  vermeiden,  daß  derjenige,
der  zunächst  energisch  mitgeholfen  hat,  um  einen  Reformplan ­
  durchzuführen,  nachher  nicht  mehr  unbefangen  genug
ist,  um  das,  was  doch  zum  Teil  sein  Werk  ist,  zu  prüfen
und  unter  Umständen  zu  verurteilen.  Der  Intellekt  und
das,  was  Schmoller  die  „produktive  Phantasie“  nennt,
werden  sich  nur  als  unterwürfige  Diener  des  Willens  zeigen.
Der  politische  Instinkt  wird  immer  stärker  sein  als  der
Trieb  zur  wissenschaftlichen  Erkenntnis.
Hier  hat  wieder  C.  Dietzel  vollkommen  recht:  „Ist
der  Mensch  von  den  Bedürfnissen,  welche  sein  Erkenntnisdrang ­
  hervorgerufen  haben,  erfüllt  und  beherrscht,  so  wird
er  den  reinen  Erkenntniszweck  mehr  oder  weniger  aus  dem
Auge  verlieren,  seine  ganze  Tätigkeit  vielmehr  darnach
richten,  aus  der  Beschäftigung  mit  dem  Gegenstände  die
Erkenntnis  der  Mittel  zu  gewinnen,  welche  zur  Befriedigung ­
  des  Bedürfnisses  führen  können“.  Anstatt  der
wissenschaftlichen  Erkenntnis  erzeuge  eine  solche  Geistestätigkeit ­
  entweder  nur  Ratschläge  und  Anweisungen  zu
praktischen  Handlungen,  oder  sie  strebe  wenigstens  die
Erkenntnis  sofort,  noch  ehe  sie  eigentlich  gewonnen  sei,
für  das  praktische  Leben  nutzbar  zu  machen.  „Im  ersteren
Falle  entsteht  gar  nichts,  was  den  Namen  Wissenschaft
verdient,  im  zweiten  nur  eine  teilweise  Wissenschaftlichkeit ­
  und  Erkenntnis,  indem  diese  durch  die  Rücksicht
        <pb n="52" />
        47

auf  die  praktische  Verwertung  notwendigerweise  gedrückt
wird“.
Gegen  diejenigen,  welche  Trennung  zwischen  Wissenschaft ­
  und  Politik  fordern,  macht  sich  eine  lebhafte  Opposition ­
  im  eigenen  Lager  der  Wissenschaft  geltend.  Nur
die  wirklich  beachtenswerten  Gesichtspunkte  der  Gegner
sollen  hier  kurz  gewürdigt  werden.
Die  einen  sagen:  „Es  ist  nicht  möglich,  das  ,Sein‘
von  dem  ,Seinsollen 1  zu  scheiden.  Gustav  Cohn  hat  diese
Ansicht  in  dem  bereits  zitierten  Aufsatze  (Archiv  für  Sozialwissenschaft ­
  XX,  S.  461  ff.)  gegenüber  Max  Weber  zu  verteidigen ­
  gesucht,  er  weist  darauf  hin,  daß  „die  große  Gemeinschaft ­
  des  Seinsollenden  schon  von  außen  her  das
Begehren  nach  einer  gesicherten  Sphäre  des  Seienden  stört,
der  wir  zwingende  Tatsachen,  Beweise,  Wahrheiten  abzugewinnen ­
  vermögen“.
Zum  Beweise  erzählt  er,  daß  vor  einigen  Jahren  ein
Japaner  von  dem  Finanzministerium  in  Tokio  nach  Deutschland ­
  geschickt  wurde,  um  zu  studieren,  wie  die  Gesetzgebung ­
  von  Japan  sich  gegenüber  dem  Problem  der
Börse  nach  unseren  Erfahrungen  und  Erkenntnissen  verhalten ­
  solle.  Hier  werde  uns,  meint  Cohn,  also  die  Gemeinschaft ­
  des  Seinsollenden  der  Volkswirtschaft  und  der
Sozialpolitik  im  geographischen,  ethnischen,  kosmopolitischen ­
  Sein  durch  die  Gleichartigkeit  dessen,  was  wir
als  unser  Seinsollendes  betrachten  mit  dem  Seinsollenden
des  östlichen  Endes  von  Asien  nahegelegt.
Wir  können  nun  aber  sicher  annehmen,  daß  der  japanische ­
  Abgesandte,  wenn  er  seine  Aufgabe  einigermaßen
verständig  aufgefaßt  hat,  einen  sehr  sorgfältigen  Unterschied ­
  machen  mußte  zwischen  dem  „rein  wirtschaftlichen
Seinsollen“  und  dem  „wirtschaftlich  politischen  Seinsollen“.
        <pb n="53" />
        48

Das  erstere  ergibt  sich  ohne  weiteres  aus  dem  Studium
des  wirtschaftlichen  Seins,  ob  ich  sage,  der  Terminhandel
hat  rein  wirtschaftlich  überwiegende  Vorteile  oder
sage,  der  Terminhandel  soll,  soweit  wirtschaf  tli  ch  e  Erwägungen ­
  in  Betracht  kommen,  gestattet  sein,  ist  natürlich
einerlei;  insofern,  ist  eine  Trennung  zwischen  dem  Sein
und  dem  Seinsollen  nicht  möglich  &amp;gt;),  das  ist  aber  wohl
selbstverständlich  und  steht  hier  nicht  zur  Diskussion.
Es  handelt  sich  vielmehr  um  die  Frage,  ob  die  Betrachtung ­
  des  rein  wirtschaftlichen  Seins  bezw.  des
rein  wirtschaftlichen  Seinsollens  getrennt  werden  kann
von  der  Betrachtung  des  wirtschaftlich-politischen
Seinsollens.  Daß  diese  Frage  bejaht  werden  muß,  zeigt
sich  gerade  besonders  deutlich  an  unserem  Beispiel.  Der
Japaner  wird  sehr  wohl  zu  unterscheiden  gewußt  haben
zwischen  dem,  was  in  .unseren  Börseneinrichtungen  an
„ethischen“  Postulaten  der  herrschenden  Gesetzgebungs-Faktoren
  z.  B.  der  Agrarier  verwirklicht  ist  und  dem,  was
lediglich  Konsequenz  des  wirtschaftlichen  Seins  ist.
Cohn  weist  weiter  auf  die  Steuerlehre  hin,  nehme  man
aus  ihrem  Körper  die  „ethisch-politische  Entwickelung  hinaus“ ­
  so  bleibe  an  würdigem  Stoffe  nur  noch  wenig  übrig:
„Ungefähr  so  hohe  Materien  des  „Seienden“  wie  sie  nach
mancherlei  Zeugnissen  in  dem  preußischen  Staatsexamen
für  den  höheren  Verwaltungsdienst  abgefragt  und  eingepaukt ­
  werden.  Die  Technologie  der  Tabakflächensteuer
oder  der  Maisch-Bottich-Steuern  et  quae  sunt  ejusmodi“.
Aus  dem  Seinsollenden  allein  könne  man  zumal  jene
großen  Fragen  erörtern,  die  einer  fortschreitenden  Gerechtigkeit ­
  in  der  Belastung  der  verschiedenen  sozialen
ll  Vgl.  dazu  Pierson,  Leerboek  der  Staatshuiskondkunde,  engl.
Übersetzung  von  A.  A.  Wotzel,  Vol.  I  S.  3.
        <pb n="54" />
        49

Klassen  die  Wege  bahnen  wollen.  „Nur  die  Erwägung ­
  des  ,Seinsollenden‘  über  die  Bedeutung  der  verschiedenen ­
  Einkommens-  und  Vermögensgröße,  über  die
kulturgemäße  Höhe  niederster  und  höchster  Gütermenge
für  die  Zwecke  des  Bedarfs  der  einzelnen  Schichten,  die
wechselnden  oder  vielmehr  die  fortschreitenden  Ansichten
von  diesen  Fragen  werden  imstande  sein,  Normen  für  die
Entwicklung  des  Steuerwesens  der  Zukunft  zu  liefern“.
Gerechtigkeit  und  Kultur  sind  die  Begriffe,  die  in  dieser
Argumentation  eine  entscheidende  Rolle  spielen;  aber  ob
man  ihnen  gegenüber  von  einer  „fortschreitenden  Einsicht“
sprechen  kann?  Gewiß,  derjenige  der  sein  Ideal  hat,  glaubt
dadurch,  daß  er  es  gegenüber  anderen  Idealen,  die  er  nicht
billigt,  verteidigt,  dem  Fortschritte  zu  dienen;  er  wird  fast
notwendig  im  gewissen  Sinne  intolerant  sein.  Und  doch
handelt  es  sich  nur  um  eine  subjektive  Meinung.
Kultur!  Wieviele  verschiedene  Ansichten  sind  über
diesen  Begriff  möglich;  wieviele  namentlich  über  die  Wege,
die  dazu  führen!  Unter  dem  Titel  „Die  Zukunft  unserer
Kultur“  hat  jüngst  (April  1909)  die  Frankfurter  Zeitung  in
einer  Rundfrage  Stimmen  über  Kulturtendenzen  und  Kulturpolitik ­
  gesammelt.  Wieviel  Geist  wird  da  von  hervorragenden ­
  Kulturkämpfern  verschwendet,  um  doch  im  wesentlichen ­
  nicht  viel  mehr  als  nichts  zu  sagen.  Richard
Dehmel,  der  als  erster  zu  Worte  kommt  und  dessen  Ansichten ­
  hier  nur  deshalb  als  Beispiel  herausgegriffen  werden,
stellt  einen  Satz  in  den  Mittelpunkt  seiner  Erörterungen,
den  einst  in  ganz  ähnlicher  Weise  schon  Schopenhauer
ausgesprochen  hat:  „Allgemeine  Bildung  ist  nur  ein  Ziel
für  hochbegabte  Persönlichkeiten;  im  Durchschnitt  des
Volkes  läuft  sie  leider  auf  allgemeine  Verbildung  hinaus“.
Was  sagen  diejenigen  dazu,  die  mit  Lasalle  daran  glauben,
Weber,  Volkswirtschaftslehre  als  Wissenschaft.  4
        <pb n="55" />
        50

daß  es  nichts  der  wahren  Intelligenz  wahlverwandteres
gebe  als  den  gesunden  Verstand  der  großen  Masse?  Weiter
meint  Dehmel,  alle  organische  Kulturpolitik  müsse  zunächst
natürlich  darauf  bedacht  sein,  besonders  leistungsfähige
Berufsstände  zu  begünstigen,  an  die  sich  die  übrigen  angliedern ­
  könnten,  er  will  in  diesem  Sinne  eine  „Industrie
von  materiellem  Höchstwerte“.  Wie  stimmt  damit  —  nur  auf
einen  Gegensatz  will  ich  hinweisen  —  die  Kulturauffassung
derer  überein,  die  in  der  Landwirtschaft  den  Jungbrunnen
der  physischen  und  psychischen  Kraft  sehen?  Durch  mehr
wie  eine  Antwort  klingt  die  Ansicht  hindurch,  daß  der
kulturelle  Fortschritt  sich  unmittelbar  an  den  technischen
Fortschritt  hefte,  man  halte  dem  die  Ansicht  von  Franz
Kempel,  Dr.  der  Staatswissenschaften,  gegenüber,  der  klipp
und  klar  behauptet,  daß  das  neuzeitliche  Groß-Maschinen-Wesen
  „ein  allgemeingesellschaftlicher  Irrtum  und  Mißbrauch ­
  sei,  der  gleich  demjenigen  der  Kriegsmaschinen
laut  genug  nach  Abhilfe  schreie“  ‘).
Mit  dem  Begriffe  „Kultur“  verbinden  sich  gewöhnlich
die  Begriffe  Moral  und  Sittlichkeit.  Wiederum  frage  ich:
Hat  die  sozialökonomische  Wissenschaft  zu  entscheiden,
was  wahre  Moral  und  wahre  Sittlichkeit  ist?  Ad  exemplum:
Ich  persönlich  habe  mir  eine  bestimmte  Auffassung  von
Moral  und  Sittlichkeit  gebildet  mit  dem  Ergebnis,  daß  ich
an  unwandelbare  moralische  Postulate  „glaube“.  Damit
befinde  ich  mich  im  denkbar  schärfsten  Widerspruch  zu
der  weitverbreiteten  Anschauung:  „Ein  tierischer  Trieb,
nichts  anderes  ist  das  Sittengesetz“.  Wäre  das  „Ziel“  der
wissenschaftlichen  Volkswirtschaftslehre  Normen  aufzustellen ­
  für  das  wirtschaftspolitische  Seinsollen,  dann  müßte
1|  „Göttliches  Sittengesetz  und  neuzeitliches  Erwerbsleben“.  Mainz
1902  S.  200.
        <pb n="56" />
        51

zuvor  entschieden  werden  —  wenigstens  bei  einer  großen
Anzahl  von  Problemen  —  welche  Auffassung  von  der  Moral
die  richtige  ist,  ehe  wissenschaftlich  wertvolle  Resultate
erzielt  werden  können.
Der  Kampf  der  Weltanschauungen  würde,  ja  müßte  in
das  Gebiet  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  hinein
getragen  werden,  mit  all  der  Erbitterung,  dem  Fanatismus,
der  damit  verbunden  ist.  Das  Resultat  hat  schon  gezeigt,
daß  dieser  Kampf  sehr  unökonomisch  war.  Die  alten
Meinungsverschiedenheiten  bleiben  doch  in  der  Hauptsache ­
  bestehen,  hinzu  tritt  jedoch,  daß  trotz  des  Aufklärungskampfes ­
  die  Irrtümer  in  bezug  auf  das  wirtschaftliche
  Sein  und  dessen  Zusammenhänge  gerade  infolge
des  Streites  um  die  Prinzipien  nicht  nur  nicht  aufgehellt,
sondern  noch  intensiver  werden.  Wenn  wir  Menschen  ein
Feld  finden,  das  urbar  gemacht  werden  kann,  fern  von  dem
Hader  und  dem  Zank  um  die  Weltanschauung,  dann  sollten
wir  doch  keine  Mühe  scheuen,  um  diese  Oase  stiller  friedlicher ­
  Arbeit  gegen  die  Einfälle  feindlicher  Nachbarn  zu
schützen.  Bei  einer  solchen  ruhigen  Arbeit  werden  schließlich ­
  auch  die  letzten  und  tiefsten  Wahrheiten  des  menschlichen ­
  Daseins  viel  eher  unbefangen  gewürdigt,  als  wenn
man  statt  „Vervollkommnung  der  Einzelwissenschaft“  „eine
unklare  und  verschwommene  einzig  große  Sozialwissenschaft ­
  erstrebt“  (Wagner).
Und  wie  sieht  es  mit  der  Antwort  auf  die  Frage  aus:
„Was  ist  Gerechtigkeit?“  Wie  weit  gehen  auch  da  wieder
die  Meinungen  auseinander;  selbst  bei  denen,  die  sich  zu
einer  Weltauffassung  zusammenfinden.  Nehmen  wir  nur
ein  praktisches  Problem:  Die  heute  so  vielerörterte  Frage
der  Wertzuwachssteuer:  Ist  die  Steuer  gerecht?  Die  einen
sagen  unbedingt  ja,  die  anderen  unbedingt  nein,  die
4*
        <pb n="57" />
        52

Dritten  bejahen  sie  nur  dann,  wenn  auch  gleichzeitig  für
unverdienten  Verlust  eine  Entschädigung  geleistet  wird.
Wieder  andere  erklären  die  Steuer  nur  dann  für  gerecht,
wenn  wirklich  alle  unverdienten  Gewinne  beim  Boden
sowohl  wie  beim  Kapital  durch  die  Steuer  getroffen  werden.
Noch  andere  machen  ihr  Urteil  über  die  Gerechtigkeit  der
Steuer  von  ihren  Wirkungen  auf  Spekulation,  Bodenpreis,
Mietpreis  usw.  abhängig.  Ganz  gewiß  wirken  in  diesem
Streite  verschiedene  Auffassungen  von  der  „Gerechtigkeit“,
von  den  „Kulturaufgaben“  mit.  Soweit  das  der  Fall  ist,
haben  wir  zu  versuchen,  die  verschiedenen  Meinungen
darüber  zu  verstehen,  aber  es  ist  nicht  unsere  Sache,
sie  zu  beurteilen  oder  ja  zu  verurteilen.
Deshalb  fehlt  es  uns  aber  bei  derartigen  Problemen  nicht
an  „würdigem“  Stoffe  für  wissenschaftliche  Betätigung.  Die
außerordentlich  schwierige  und  wichtige  Frage:  Was  ändert
sich  im  wirtschaftlichen  Organismus  nach  Einführung  der
Steuer,  wird  die  Wissenschaft  zu  beantworten  versuchen
müssen;  haben  die  Bodenreformer  Recht,  wenn  sie  meinen,
daß  durch  die  Steuer  die  Mietpreise  reduziert,  die  ungesunde
Bodenspekulation  eingedämmt  werde,  oder  haben  diejenigen ­
  recht,  die  von  der  Steuer  eine  weitere  Belastung  der
Mieter,  Fortschritte  zum  Boden-  und  Wohnungsmonopol
erwarten?  Solche  Fragen  können  nicht  durch  irgend  einen
Glauben  an  ein  Ideal  beantwortet  werden,  sondern  nur
durch  die  sozial-ökonomische  Wissenschaft.
Es  gibt  „ganz  Moderne“,  die  auch  von  dem,  was  Verfasser  zum
alleinigen  Leitsterne  der  sozialökonomischen  Wissenschaft  machen  möchte
von  der  „Wahrheit“  sagen,  daß  auch  das  nur  ein  „Wort“  sei.  Eine
neuere  philosophische  Richtung,  die  charakteristischerweise  ihren  Hauptsitz ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  hat,  läßt  die  Wahrheit  nur  gelten,  wenn
sie  einen  „Barwert“  hat:  „Wahr  ist  alles,  was  sich  auf  dem  Gebiete  der
intellektuellen  Überzeugung  aus  bestimmt  angegebenen  Gründen  als  gut
erweist“  (William  James).  Das  Prinzip  der  Wahrheit  ist  also  die  Zweck-
        <pb n="58" />
        53

1)  H.  Dietzel  a.  a.  O.  S.  50.

mäßigkeit:  Savoir  pour  prevoir,  pour  pouvoir.  Diese  Lehre  der  „Pragmatiker“ ­
  müßte  in  ihren  Konsequenzen  den  Untergang  der  Wissenschaft
überhaupt  herbeiführen,  müßte  sie  jedenfalls  von  der  achtunggebietenden
Höhe,  die  sie  bis  jetzt  in  der  Kulturentwicklung  eingenommen,  herunterzerren ­
  in  die  Tiefen.  Die  hastige  Jagd  nach  Erfolg  würde  den,  der
nach  Wissen  sucht,  um  des  Wissens  willen,  als  unnützen  Zeitvergeuder
beiseite  drängen.  Aber  ich  denke,  daß  wenigstens  von  dem  deutschen
Idealismus  und  von  der  deutschen  Denkkraft  noch  so  viel  übrig  geblieben ­
  ist,  daß  der  deutsche  Forscher  nie  in  die  Versuchung  kommen
wird,  in  der  Wahrheit  nur  ein  Instrument  zum  Handeln  zu  erblicken.
Die  Wahrheit  bleibt  für  uns  etwas  Unabhängiges  und  Absolutes.
Nun  kommt  man  allerdings  mit  einem  anderen  Einwand: ­
  Daß  man  die  Fragen  „was  ist?“  und  „was  soll  sein?“
getrennt  von  einander  beantworten  kann,  geben  wir  zu,
wir  geben  auch  zu,  daß  die  Frage  nach  dem  Sollsein  von
dem  Gelehrten  ebenso  wie  von  dem  Ungelehrten  nur  aus
einem  subjektiven  ethischen  Standpunkte  beantwortet
werden  kann.  Und  doch  die  Frage:  „Was  frommt  dem
konkreten  Staate“  (List)?  darf  der  Vertreter  der  Wissenschaft ­
  nicht  von  sich  abschieben.  Denn,  „wenn  er  die  Lösung ­
  der  Fragen  dem  Praktiker  überlassen  wollte,  dann
würden  eben  andere  weit  weniger  neutrale,  von  egoistischen ­
  Interessen  bewegte  Kräfte  sich  der  Aufgabe  bemächtigen, ­
  werden  sie  wahrhaft  realistische  Lehrer  der
Wirtschaftspolitik  suchen,  sie  auf  ein  Parteiprogramm  vereidigen“ ­
  ’)•  Das  klingt  gewiß  recht  annehmbar,  aber  daß
der  Gelehrte  bei  praktisch-politischen  Fragen  gewissermaßen
seiner  Natur  gemäß  streng  unparteiisch  eingreift,  wird  man
auf  Grund  der  oben  mitgeteilten  allgemeinen  Erwägungen
stark  bezweifeln  dürfen.  Andrerseits  hat  die  intensive  unmittelbare ­
  Mitarbeit  der  sozialökonomischen  Wissenschaft
es  nicht  zu  verhindern  vermocht,  daß  „wahrhaft  realistische
Lehrer“  auftraten,  die  sich  ohne  große  Mühe  auf  Partei-
        <pb n="59" />
        54

Programme  vereidigen  ließen.  Nach  der  Richtung  hin,  ist
also  gar  nichts  gewonnen;  verloren  aber  viel,  weil  durch
die  scheinbar  unlösbare  Verbindung  der  Wissenschaft  und
der  Politik  die  Autorität  der  Wissenschaft  außerordentlich
gelitten  hat  zu  ihrem  eigenen  Schaden  und  zum  Schaden
der  Politik  selbst.
Für  die  „wissenschaftlichen  Politiker“,  sagen  wir  einmal  —  „extremster ­
  Richtung“,  leistet  natürlich  die  Nationalökonomie  auch  heute  noch
nicht  genug  in  der  politischen  Rezeptierkunst.  So  verkündet  Dr.  G.  Ruh-LAND:
  „Die  sozialen  Mißstände  sind  längst  chronisch  geworden.  Die
unheilvollen  volkswirtschaftlichen  Verschiebungen  schreiten  unaufhaltsam
weiter.  Das  ist  die  naturgemäße  Folge  einer  überwiegend  historischen
unpraktischen  Richtung  in  der  Nationalökonomie  ....“  Vgl.  Privatbeleidigungsprozeß ­
  Ruhland  contra  Biermer,  1909  S.  36.
Fast  möchte  ich  sagen,  mit  erschreckender  Deutlichkeit ­
  zeigt  ein  erheblicher  Teil  unserer  heutigen  wirtschaftspolitischen ­
  und  sozialpolitischen  Literatur,  nicht  selten  auch
da,  wo  sie  in  wissenschaftlichem  Gewände  auftritt,  wie  nachteilig ­
  eine  enge  Verknüpfung  der  Wissenschaft  mit  der
Politik  die  wissenschaftliche  Arbeit  beeinflußt.
Auch  hier  liegt  es  mir  wieder  aus  persönlichen  und
sachlichen  Gründen  nahe,  auf  die  Art  und  Weise  hinzuweisen, ­
  wie  die  Boden-  und  Wohnungsfrage  in  unserer
Literatur  behandelt  wurde.
Für  einen  großen  Teil  der  sehr  zahlreichen  Abhandlungen ­
  und  Schriften  zu  dieser  Frage  paßt  ein  überaus
charakteristisches  Selbstbekenntnis,  dasMANGOLDT  in  seinen
umfangreichen  Werke:  „Die  städtische  Bodenfrage,  eine
Untersuchung  über  Tatsachen,  Ursachen  und  Abhilfe“
(1907)  niedergelegt  hat:  „Indeß  wollen  wir  frei  gestehen, ­
  daß  wir  getreu  unserer  Rolle  hier  mehr
Staatsanwalt  als  Richter  zu  sein,  auf  die  Sammlung ­
  und  Darstellung  der  entl  astenden  Momente
        <pb n="60" />
        55

nicht  das  gleiche  Maß  von  Sorgfalt  und  Anstrengung ­
  verwandt  haben  wie  auf  die  belastenden“.
Ich  habe  dazu  schon  früher  ‘)  eine  Anmerkung  gemacht,  die
ich  hier  wiederholen  möchte:  Manche  national-ökonomische ­
  Autoren  mögen  in  der  Tat  so  denken  und  handeln;
wenn  sie  in  erster  Linie  ihre  Aufgabe  darin  erblicken,
„etwas  in  der  Welt  durchzusetzen“  dann  sind  sie  schon
gezwungen,  in  der  öffentlichen  Diskussion  bald  die  Rolle
des  Staatsanwalts,  bald  die  des  Verteidigers  zu  spielen,
sie  sollen  sich  dann  aber  auch  nicht  den  Anschein  des
unbefangen  nur  nach  Wahrheit  und  Recht  suchenden
Richters  zu  geben.  Es  scheint  wirklich  nötig  zu  sein,  die
deutsche  Wirtschaftswissenschaft  daran  zu  erinnern,  daß
eine  „einseitige“  Wissenschaft  keine  Wissenschaft  mehr  ist.
Man  behauptet,  glaubt  es  auch  wirklich,  „Tatsachen“
zu  untersuchen;  auf  Grund  von  unbefangen  gewürdigten
„Tatsachen“  zu  urteilen,  und  doch  sind  es  nur  Vorurteile,
die  in  subjektiven  Meinungen,  Vorstellungen,  Wünschen
einen  meist  so  außerordentlich  schwachen  Unterbau  haben.
Auch  das  wird  zuweilen  von  ehrlichen  „Reformern“  zugegeben. ­

In  der  Zeitschrift  für  Wohnungswesen  (Jahrgang  1909)
fand  eine  Diskussion  im  Anschlüsse  an  meine  Schrift
„Boden  und  Wohnung“  statt.  Der  bekannte  Wohnungsreformer ­
  W.  Fabarius  stellte  mir  dabei  das  Zeugnis  aus,
meine  Ausführungen  seien  „klar  und  überzeugend“,  ich
habe  einen  Fehler  vermieden,  der  in  diesem  Streite  auf
beiden  Seiten  vorgekommen  sei,  nämlich  „vorschnelle
Schlüsse  aus  unvollständig  festgestellten  Tatsachen  zu
ziehen“.  Trotzdem  hat  Fabarius  mein  Buch  nicht  mit  Befriedigung ­
  aus  der  Hand  gelegt.  Ich  bin  seinem  Gefühle

1)  „Boden  und  Wohnung“  S.  136.
        <pb n="61" />
        56

zu  nahe  getreten.  Er  hat  sich  einen  Glauben  gebildet,
der  beruht  —  ich  gebrauche  die  eigenen  Worte  meines
Kritikers  —  „zum  einen  Teile  auf  einer  Summe
schwer  darstellbarer  Einzelbeobachtungen,  zum
größeren  Teil  auf  der  besonderen  Lebensanschauung, ­
  die  wieder  mehr  durch  Temperament
und  Anschauungsweise,  als  durch  verstandsmäßiges ­
  Urteil  sich  bildet“.
Auch  dieses  Bekenntnis  darf  man  wieder  in  nur  zu
weitem  Umfange  verallgemeinern.  Ohne  es  selbst  zu  emfinden,
  stehen  Männer  der  Wissenschaft,  die  an  politischen
Reformen,  speziell  an  der  Bodenreform  „energisch“  mitarbeiten
  wollen,  unter  dem  lähmenden  Einflüsse  derartiger
vorgefaßter  Meinungen.
Daß  bei  einer  solchen  Sachlage  die  Wissenschaft,  die
nur  der  Erkenntnis  dienen  will,  oft  einen  sehr  schweren  Stand
hat,  liegt  auf  der  Hand.  Hat  ein  Vertreter  der  sozialökonomischen ­
  Wissenschaft  eine  Tagesfrage  zum  Gegenstand ­
  objektiver  Forschung  gemacht,  dann  fragen  nicht  nur
die  Wirtschaftspraktiker-  und  -interessenten,  sondern  nicht
selten  auch  ein  erheblicher  Teil  der  Fachgenossen:  Was
nutzt  es,  oder  was  schadet  es  unseren  Reformplänen,  wird
der  Wille  zur  Tat  dadurch  gelähmt  oder  gestärkt?
Als  1908  Ballod,  der  angesehene  Berliner  Nationalökonom ­
  und  Statistiker  in  Schmollers  Jahrbuch  die  städtische ­
  Boden-  und  Wohnungsfrage  erörterte,  glaubte  er
konstatieren  zu  müssen,  daß  die  Mehrzahl  der  deutschen
Nationalökonomen  diesem  Problem  gegenüber  zu  der  pessimistischen ­
  Auffassung  gekommen  sei,  daß  im  wesentlichen
nichts  zu  machen  sei;  das  veranlaßte  ihn  dann  zu  dem
Schlachtrufe:  „Diese  Stimmung  muß  überwunden
werden,  wenn  nicht  anders  die  nationalökonomischeWissen-
        <pb n="62" />
        57

schaft  und  schließlich  auch  das  gesamte  Wirtschaftsleben
schweren  Schaden  nehmen  soll“.
Hier  ist  also  dem  Studium  von  vornherein  ein  Resultat, ­
  das  erreicht  werden  muß,  als  Ziel  vorgeschrieben.
Was  Wunder,  daß  Mittel  und  Wege  vom  Standpunkte  unbefangener ­
  Wissenschaft  aus  nicht  einwandfrei  sind!
Ballod  betrat  den  Kriegspfad  gegen  die  „Pessimisten“.
Wiederum  war  es  dabei  charakteristisch,  daß  er  als  Mann
der  Wissenschaft  das  wissenschaftliche  Fundament  seiner
Gegner  gar  nicht  sah,  oder  es  doch  gar  nicht  beachtete,  dagegen ­
  ließ  er  es  sich  als  Mann  der  Tat  eine  Menge  Zeit  und
Geduld  kosten,  um  eine  alte  Agitationswaffe  der  Bodenreformer ­
  zurückzuerobern,  die  These  von  den  fabelhaften
Gewinnen  der  Terraingesellschaften.  Diese  These  hatte
ich  in  meiner  Schrift  „Bodenrente  und  Bodenspekulation“
bekämpft,  indem  ich
1.  zeigte,  daß  selbst  die  schon  lebenskräftig  gewordenen ­
  Terraingesellschaften  der  Gegenwart
„im  Durchschnitt  mit  ziemlich  bescheidenen
Dividenden,  allzu  häufig  sogar  mit  0  Prozent  sich
zufrieden  geben  müssen“,
2.  hinwies  auf  die  bekannte  Tatsache,  daß  sehr  zahlreiche ­
  Terraingesellschaften  in  der  Vergangenheit  zusammengebrochen ­
  sind.
Aus  1+2  folgerte  ich:  „Es  ist  sicher,  daß  die
Gesamtgewinne  der  Terraingesellschaften  (d.  h.
Vergangenheit  und  Gegenwart  aller  Terraingesellschaften
zusammengenommen)  geringer  sind  als  die  Gesamtverluste“. ­

Von  vornherein  ließ  ich  nun  aber  in  der  Diskussion
keinen  Zweifel  darüber  aufkommen,  daß  die  von  mir  über
die  Terrainspekulationen  mitgeteilten  Zahlen  „nur  den  Wert
        <pb n="63" />
        58

einer  Illustration  zu  den  vorhergehenden  Deduktionen“
hätten,  wer  mein  Buch  kritisieren  wolle,  müsse  sich  hauptsächlich ­
  mit  dem  letzteren  befassen.  Dementsprechend
betonte  auch  die  wissenschaftliche  unbefangene  Kritik,  daß
selbst  dann,  wenn  das  von  mir  beigebrachte  statistische
Material  nicht  beweiskräftig  wäre  —  und  das  ist  statistisches ­
  Material  bekanntlich  sehr  selten  —  die  allgemeinen
Resultate  meiner  Untersuchungen  nicht  hinfällig  würden.
Wie  sucht  nun  Ballod  den  lästigen  Gegner  zu  „widerlegen?“ ­

1.  Das  offenbar  Nebensächliche  macht  er  zum  „Kardinalsatz“ ­
  meiner  Untersuchungen,
2.  er  sucht  den  Eindruck  zu  erwecken,  als  wenn  ich  behauptet ­
  hätte,  die  heutebestehenden  Gesellschaften
hätten  in  der  für  Terraingeschäft  verhältnismäßig  günstigen ­
  Gegenwart  mehr  Verlust  als  Gewinn,  während
ich  mich  damit  begnüge,  festzustellen,  daß  die  Gewinne
dieser  Gesellschaften  nicht  so  groß,  wie  man  allgemein ­
  annehme,  vielmehr  im  Durchschnitt  „ziemlich
bescheiden“  seien,  was  Ballod  tatsächlich  bestätigen ­
  muß.
So  war  es  mir  leicht,  in  meiner  Replik')  nachzuweisen,
daß  im  Mittelpunkte  der  BALLODSchen  Untersuchung  eine
Behauptung  stand,  die  ich  in  meinem  Buche  gar  nicht
bestreite.  Ich  betonte  erneut,  daß  die  von  mir  formulierte
These  über  das  Verhältnis  von  Verlust  und  Gewinn  der
Terraingesellschaften  ganz  zutreffend  das  ungewöhnlich
große  Risiko  der  Terraingesellschaften  zum  Ausdruck  bringe,
„ich  bin  heute  mehr  denn  je  davon  überzeugt“,
das  waren  meine  Worte.  Ich  bedauerte  aber,  den  heiß
umstrittenen  Satz  geschrieben  zu  haben,  weil  er  schuld  sei,
1)  Vgl.  Schmollers  Jahrbuch  1908  S.  487  ff.
        <pb n="64" />
        59

daß  „so  sehr  viel  Geist,  Zeit  und  Papier  in  den  letzten
Jahren  für  ein  wissenschaftlich  ganz  irrelevantes
Problem  verschwendet  wurde“.
Man  hätte  wohl  nun  seitens  meines  Gegners  ein  reuiges
„peccavi“  erwarten  sollen.  Aber  da  Ballod  nicht  nur  als
Gelehrter,  sondern  noch  viel  mehr  als  sozialer  und  wirtschaftlicher ­
  Reformater  kämpfte,  sah  er  gar  nicht,  daß  seine
Position  verloren  war;  er  hatte  sich  offenbar  nicht  einmal
die  Ruhe  gegönnt,  um  meine  kurze  „Erwiderung“  gründlich ­
  zu  lesen.  So  beginnt  er  denn  sein  Schlußwort  —
unbegreiflich  für  den,  dem  die  „Psychologie  des  politischen
Reformators“  unbekannt  ist  —  mit  der  Erklärung:  „Ich
stelle  zunächst  fest,  daß  Weber  seinen  Kardinalsatz ­
  als  widerlegt  anerkennen  muß.“  Ich  stelle
demgegenüber  fest:  1.  Es  handelte  sich  gar  nicht  um  einen,
geschweige  denn  um  den  Kardinalsatz  meiner  Untersuchungen. ­
  2.  Ballod  hat  nicht  einmal  versucht,  diesen
für  meine  allgemeinen  Resultate  nebensächlichen  Satz  zu
widerlegen,  er  „beweist“  nur,  was  ich  selbst  nie  bestritten
habe.  3.  Er  behauptet,  daß  ich  eine  Widerlegung  anerkennen ­
  müsse,  wo  ich  tatsächlich  betone,  daß  ich  „mehr
denn  je“  von  der  Richtigkeit  meiner  Ansicht  überzeugt
sei.  Die  „Praxis“  der  Bodenreformer  aber  jubelte,  die
Wissenschaft  habe  ja  gezeigt,  daß  die  Resultate  meiner
Untersuchungen  falsch  wären,  daß  meine  Wenigkeit  nicht
mehr  recht  ernst  zu  nehmen  sei').

1)  Die  Korrespondenz  des  Bundes  der  Landwirte  (Nr.  68,  1909)
meinte  sogar:  „Selten  ist  wohl  einem  Vertreter  der  Wissenschaft  eine
derartige  Abfuhr  zuteil  geworden,  wie  diese  dem  verdienten  Berliner
Nationalökonomen,  Professor  Ballod,  Adolf  Weber  gegenüber  gelungen ­
  ist.“  Da  ich  gleichzeitig  von  demselben  Organe  als  „radikal
freihändlerisch“  gekennzeichnet  werde  (obwohl  ich  nie  ein  Wort  für  oder
gegen  den  Freihandel  geschrieben  habe)  ist  meine  wisssenschaftlic]
        <pb n="65" />
        60

Die  Extreme  berühren  sich;  schon  kommt  ein  Pessimismus ­
  zum  Ausdruck,  der  erklärt,  der  Versuch,  wesentliches ­
  für  die  Praxis  aus  der  Theorie  zu  gewinnen,  müsse
scheitern.  „Unsere  Theorie,  soweit  sie  fest  begründet  ist,
versagt  den  wichtigsten  Erscheinungen  des  modernen  Wirtschaftslebens ­
  gegenüber 1 ).“  Ich  gestehe,  daß  dieser  Pessimismus ­
  mir  sympathischer,  auch  berechtigter  zu  sein  scheint,
als  der  übergroße  Optimismus  mancher  anderen.  Aber  er
geht  doch  viel  zu  weit.  Der  Sozial-Ökonom  kann  freilich
nicht  als  Mann  der  Wissenschaft  praktisch-politische  Probleme ­
  lösen,  die  streng-wissenschaftliche  Untersuchung
des  National-Ökonomen  über  Tages-Probleme  muß  dem
Praktiker  notwendigerweise  „unfertig“,  „zu  wenig  positiv“,
„zu  verstandesmäßig“  Vorkommen.  Aber  deshalb  sind
derartige  Untersuchungen  für  die  Praxis  nicht  nutzlos,
nicht  unfruchtbar.  Sie  wollen  gewiß  nicht  das  ganze  Gebäude ­
  sein,  aber  sie  können  allein  das  sichere  Fundament
abgeben  für  einen  sturmsicheren  Bau,  demgegenüber  aus
Gefühlen,  Illusionen,  Idealen  und  Wünschen  nur  ein  leichtes
Kartenhaus  errichtet  werden  kann,  das  nicht  einmal  dem
leisesten  Lufthauch  widerstehen  wird 2 ).
Minderwertigkeit  für  die  Herren  vom  Bunde  klar  erwiesen.  —  Sogar
ein  unbefangener  Gelehrter,  Stier-Somlo,  hat  sich  durch  die  —  fast
möchte  ich  sagen  „Advokatenkniffe“  Ballods  verblüffen  lassen.  Vgl.
Conrads  Jahrbücher  1909  O.  0.
1)  So  Schumpeter  in  seinem  umfangreichen  Werke  über  „Wesen
und  Hauptinhalt  der  theoretischen  Nationalökonomie“  (S.  576,  578).
Zu  der  Art  Theorie,  wie  sie  Schumpeter  entwickelt,  paßt  allerdings  dieser
Satz  durchaus.  Ich  befürchte,  daß  Conrad  Schmidt  recht  behalten
wird,  wenn  er  von  Schumpeters  außerordentlich  fleißiger  und  tiefgrabender ­
  Arbeit  sagt,  daß  sie  „in  typisch  repräsentativer  Weise  die  trostlose ­
  Unfruchtbarkeit  der  sogenannten  neuen,  in  irgend  welcher  Form
auf  dem  berühmten  Prinzip  des  Grenznutzens  basierten  ökonomischen
Theorien“  widerspiegele.  Sozialistische  Monatshefte  1909  1.  Bd.  S.  453.
2)  Diese  Sätze  habe  ich  in  der  „Zeitschrift  für  Wohnungswesen“
        <pb n="66" />
        61

Welches  sind  denn,  genauer  betrachtet,  die  praktischen ­
  Aufgaben,  die  die  Volkswirtschaftslehre  als,
Wissenschaft  zu  lösen  hat?
„Der  Gebrauch  der  undifferenzierten  Kollektiv-Begriffe,
mit  denen  die  Sprache  des  Alltags  arbeitet,  ist  stets  Deckmantel ­
  von  Unklarheiten  des  Denkens  und  Wollens,  oft
genug  das  Werkzeug  bedenklicher  Erschleichungen,  immer
aber  ein  Mittel,  die  Entwicklung  der  richtigen  Problemstellung ­
  zu  hemmen  l ).“  In  diesem  durchaus  zutreffenden
Urteile  Max  Webers  ist  ein  Fingerzeig  gegeben  für  eine
außerordentlich  wichtige  Aufgabe,  die  die  Wissenschaft  für
die  Praxis  zu  lösen  hat:  Herausbildung  klarer  Begriffe. ­

In  vortrefflicher  Weise  zeigt  Max  Weber,  wie  verderblich ­
  falsche,  oder  mehrdeutige  Begriffe  für  praktische
wirtschafts-  und  sozialpolitische  Erörterungen  werden
können.  Die  von  ihm  angeführten  Beispiele  ließen  sich
nach  den  verschiedensten  Richtungen  hin  beliebig  vermehren. ­
  Ich  will  mich  wieder  darauf  beschränken,  die
Boden-  und  Wohnungsfrage  als  Exempel  heran  zu  ziehen.
Eine  ganze  Generation  hindurch  treten  Männer  der  Wissenschaft ­
  energisch  ein  für  Reformen  auf  dem  Gebiete  des
Wohnungswesens,  zahllos  sind  die  Schriften,  die  über  den
Gegenstand  geschrieben  wurden,  und  da  sie  von  sozialökonomischen ­
  Gelehrten  verfaßt  waren  oder  doch  von  ihren
Lehren  ausgingen,  hielt  man  diese  Bücher  und  Abhand-(1909)
  in  meiner  Replik  „Boden  und  Wohnung“  etwas  näher  ausgeführt. ­
  —  Einige  recht  derbe,  aber  darum  nicht  unrichtige  Bemerkungen
betreffend  „überschwängliche  und  verlogene  Proteste  gegen  den  Nützlichkeitsgesichtspunkt ­
  einerseits  und  Betrachtung  der  Wissenschaften  als  gemeine ­
  Krämerware  anderseits“  findet  man  bei  Dühring,  Logik  und
Wissenschaftstheorie  2.  Aufl.  1905  S.  402  ff.
1)  Archiv  Bd.  XIX  S.  85.
        <pb n="67" />
        62

lungen  auch  für  wissenschaftliche,  für  theoretische  Leistungen.
Angesichts  der  enormen  Quantität  des  dargebotenen  Stoffes
meinte  Professor  Fuchs  1901,  daß  wir  seit  1886  theoretisch
in  Deutschland  die  Wohnungsfrage  bemeistert  hätten.
8  Jahre  später  erklärte  sein  Nachfolger  im  Lehramte  an
der  Freiburger  Universität,  Diehl,  bei  seiner  Antrittsrede,
daß  wir  zwar  eine  Menge  tatsächlichen  Stoffes,  eine  Fülle
von  Detail-Untersuchungen  über  die  Wohnungszustände
aus  allen  Ländern  besäßen,  aber  als  man  dann  an  die
eigentliche  Wohnungs-Reform-Politik  herangetreten  sei,
habe  man  gefunden,  daß  die  Hauptsache  noch  zu  erledigen
blieb,  Klarheit  zu  schaffen  über  die  theoretisch-systematische
Seite  der  Wohnungsfrage:  „Wer  praktische  Wohnungspolitik ­
  treiben  will  und  daher  die  hohen  Wohnungspreise
bekämpfen  will“,  so  meint  Diehl  0,  „sollte  doch  vor  allem
über  die  Frage  im  klaren  sein:  Sind  diese  hohen  Preise
durch  die  Grundrente  oder  durch  die  hohen  Baukosten
verursacht?  Sind  die  Preise  durch  die  Spekulation  künstlich ­
  in  die  Höhe  getrieben  oder  entsprechen  sie  dem  Verhältnis ­
  von  Angebot  und  Nachfrage.“  Gewiß,  man  hatte
auch  schon  vor  1891  Antworten  auf  diese  Frage,  aber
Antworten,  die  in  geradezu  klassischer  Weise  zeigen  —
ich  weise  nur  hin  auf  die  jetzt  von  der  Wissenschaft  in  der
Hauptsache  fast  einstimmig  aufgegebenen  Arbeiten  von
Eberstadt  2 )  —  wie  verhängnisvoll  es  für  den  praktischen
Politiker  werden  kann,  wenn  er  sich  nicht  auf  die  Lehren
1)  a.  a.  O.  S.  309.
2)  „Die  Lehren  Eberstadts  und  seiner  Anhänger  beruhen  auf
einer  vollständigen  Verkennung  der  Grundlagen  der  Volkswirtschaftslehre ­
  und  es  ist  wenig  rühmlich  für  den  Stand  dieser  Wissenschaft  in
Deutschland,  daß  sie  unter  ihren  berufenen  Vertretern  einen  derartigen
Anhang  gewinnen  konnten  Durch  die  Befolgung  der  Ratschläge, ­
  die  von  dieser  Seite  gegeben  werden,  würde  den-
        <pb n="68" />
        63

einer  unbefangenen,  nur  nach  Erkenntnis,  nicht  nach  Taten
strebenden  Wissenschaft  zu  stützen  in  der  Lage  ist.
Aber  nicht  nur  klare  Begriffe  gibt  die  Wissenschaft
dem  Politiker:  sie  zeigt  ihm  auch,  —  oben  wurde  das
schon  gestreift  —  wie  die  Maßnahmen,  die  er  zu  ergreifen
gedenkt,  wahrscheinlich  wirtschaftlich  wirken  werden:
wie  die  Beseitigung  von  Zollschranken  unter  übrigens
gleichbleibenden  Umständen  auf  den  Lohn  wirkt,  ob  die
Möglichkeit  besteht,  daß  eine  neueinzuführende  Steuer
abgewälzt  wird,  ob  die  Vermehrung  der  Umlaufsmittel  den
Zinssatz  herunterdrücken  wird  usw.  Die  Wissenschaft  zeigt,
wo  die  Ursachen  bestimmter  wirtschaftlicher  Erscheinungen
sind  und  sie  zeigt  auch,  nach  welchen  Richtungen  beabsichtigte ­
  oder  durchgeführte  Änderungen  im  wirtschaftlichen
Organismus  sich  geltend  machen  können.
Indem  ferner  der  wirtschafts-wissenschaftliche  Forscher
„gewohnheitsmäßig“  nicht  nur  Einzel-Interessen  im  Auge
hat,  sondern  die  Gesamt-Interessen  überschaut,  ständig
sich  auf  dem  Laufenden  hält  über  die  Verknüpfung  der
verschiedenartigen  Gruppen-Interessen,  dieVergangenheitzu
Rate  zieht,  um  die  Gegenwart  zu  verstehen,  ist  er  befähigt
durch  die  Resultate  seiner  Forschung  eine  Grundlage
für  den  Gesetzgebungsbau  zu  geben,  über  dessen  Konstruktion ­
  und  Bauart  im  einzelnen  er  sich  allerdings  kein
Urteil  anmaßen  darf,  das  ist  teils  Geschmackssache,  teils
abhängig  von  einem  Urteil  über  sachliche  Einzelheiten,
wie  es  meist  nur  in  der  Praxis  stehende  Fachleute  abgeben ­
  können,  deren  Aufgabe  es  zwar  nicht  ist,  ständig
den  Blick  über  das  Ganze  der  Volkswirtschaft  schweifen
jenigen  Klassen,  denen  man  zu  nützen  versucht,  unberechenbarer ­
  Schaden  zugefügt,  das  Volksvermögen  um
Hunderte  von  Millionen  geschädigt  werden.“  Moritz
NAUMANN,  Zeitschrift  f.  Volkswirtschaft  usw.  18.  Band  (1909)  S.  137.
        <pb n="69" />
        64

zu  lassen,  die  aber  umsomehr  ihren  engen  Tätigkeitskreis
überschauen  und  daher  über  Einzelheiten  Bescheid  wissen,
die  unter  Umständen  zu  Ecksteinen  des  Gebäudes  werden
müssen.
Diese  Erwägungen,  die  im  einzelnen  noch  weiter
ausgeführt  werden  könnten,  rechtfertigen  es  doch,  daß
man  an  die  Verwirklichung  des  Ideals  glaubt,  das  Roscher
vorschwebte,  wonach  die  Volkswirtschaftslehre  „im  Gewoge
der  Tagesmeinungen  zur  festen  Insel  wissenschaftlicher
Wahrheit  werden  soll“ 1 ).
Es  wäre  noch  die  Frage  zu  berühren,  ob  der  Lehrer
der  sozialwirtschaftlichen  Wissenschaft  überhaupt  nicht
„Wirtschafts-Politik“  zu  „lehren“  habe.
Daß  das,  was  in  den  Lehrbüchern  und  in  den  Vorlesungsverzeichnissen ­
  „Volkswirtschafts-Politik“  genannt
wird,  einen  Teil  der  Volkswirtschaftslehre  ausmacht,  rechtfertigt ­
  sich  durchaus,  sofern  diese  Volkswirtschafts-Politik
sich  darauf  beschränkt,  von  wirtschaftlichen  Gesichtspunkten ­
  aus,  das  Seinsollen,  die  wirtschafts-politischen  Postulate
  und  Programme  zu  analysieren,  zu  erklären.  Es  ist
natürlich  auch  darüber  hinaus  dem  einzelnen  Volkswirtschaftslehrer ­
  unbenommen,  seinerseits  oberste  Grundsätze
des  sozialen  Seinsollens  für  das  wirtschaftliche  Handeln
aufzustellen,  Rezepte  auszuarbeiten,  wie  die  Normen  seiner
„Wirtschafts-Ethik“  in  die  Tat  umgesetzt  werden  sollen;
aber  —  ich  hege  kein  Bedenken,  einen  bereits  früher
ausgesprochenen  Gedanken  hier  nochmals  zu  wiederholen ­
  —  es  ist  unbedingt  notwendig,  daß  er  sich  darüber
klar  bleibt,  daß  er  nie  seinen  Glauben  als  sozialökono-1)
  Vgl.  dazu  Diehl  a.  a.  O.  S.  113,  der  dieses  Ideal  „unerreichbar“
nennt,  nicht  ganz  im  Einklang,  wie  mir  scheint,  mit  seinen  übrigen  Ausführungen. ­
        <pb n="70" />
        65

mische  Wissen  Schaft  ausgeben  darf;  er  muß  sich  ferner
klar  sein  über  die  Gefahren,  die  er  für  sein  wissenschaftliches ­
  Erkenntnisstreben  dadurch  heraufbeschwört,  daß  er
seine  Gedankenarbeit  unmittelbar  in  den  Dienst  wirtschaftspolitischer ­
  Dogmen  stellt.  Nur  dann,  wenn  man
die  Gefahren  kennt,  kann  man  sie  vermeiden.
Von  selbst  ergibt  sich  aus  dem  Gesagten,  wie  es  der
sozialökonomische  Gelehrte  mit  der  parteipolitischen  Betätigung ­
  zu  halten  hat.  Wenn  ich  nicht  irre,  war  es
E.  Gothein,  der  im  Kolleg  einmal  meinte,  daß  der  Sozial-Ökonom,
  der  zugleich  als  Partei-Politiker  wirke,  in  aller  Regel
entweder  ein  schlechter  Gelehrter  oder  ein  schlechter  Politiker ­
  sei.  Ich  selbst  habe  schon  vor  Jahr  und  Tag
gegenüber  Angriffen  einer  parteipolitischen  Zeitung  es
für  der  Mühe  wert  gehalten,  auf  Grund  des  §  11  des
Preßgesetzes  erklären  zu  lassen,  daß  ich  mich  grundsätzlich ­
  im  Interesse  der  Unbefangenheit  meiner  wissenschaftlichen ­
  Untersuchungen  stets  von  allen  parteipolitischen
Bestrebungen  fern  gehalten  habe  und  fern  halten  werde.
Mein  grundsätzlicher  Standpunkt  schützte  mich  freilich  nicht  davor,
daß  ich  —  leider  auch  von  Vertretern  der  Wissenschaft  —  zum  Teil
aus  psychologisch  erklärlichen  Bequemlichkeitsgründen  bald  dieser,  bald
jener  Partei  zugezählt  wurde:  „sozialistisch  angehaucht“,  „extrem  individalistisch“,
  „ultramontan“,  „radikal  freihändlerisch“,  das  sind  so  einige
parteipolitische  epitheta  ornantia,  mit  denen  ich  in  der  öffentlichen  Diskussion ­
  bedacht  wurde.  Ähnliche  Erfahrungen  wird  jeder  Fachgenosse
gemacht  haben,  der  an  Tagesfragen  mit  wissenschaftlichem  Rüstzeug
heranzutreten  versuchte.
Sicher  ist  jedenfalls,  daß  Wirtschaftswissenschaft  und
schließlich  auch  Tages-Politik  nur  gewinnen  werden,  wenn
sie  nicht  nur  theoretisch,  sondern  auch  praktisch  getrennt
ihren  Weg  gehen.  Das  dadurch  von  den  Theoretikern  verlangte ­
  Opfer  scheint  gerade  in  der  Gegenwart  nicht  besonders ­
  schwer  zu  sein.
Weber,  Volkswirtschaftslehre  als  Wissenschaft.  5
        <pb n="71" />
        66

III.
Es  ist  wohl  allgemein  bekannt,  daß  die  Volkswirtschaftslehre ­
  bei  uns  in  Deutschland  aus  der  Kameralwissenschaft
  hervorgegangen  ist,  eine  „Wissenschaft“,  die
nicht  mehr  und  nicht  weniger  wollte,  als  künftige  fürstliche ­
  Kammerbeamten  fähig  zu  machen,  das  Vermögen
ihres  Landesherrn  erfolgreich  zu  verwalten  1 ).  Noch  heute
ist  hier  und  da  die  Meinung  vorhanden,  als  wolle  die
Volkswirtschaftslehre  eine  individuelle  Bereicherungslehre
sein.  Aber  grundsätzlich  ist  dieser  Standpunkt  längst
überwunden,  wenn  freilich  auch  heute  noch  Verwechslungen ­
  privatwirtschaftlicher  und  volkswirtschaftlicher  Erscheinungen ­
  manchmal  schlimme  Verwirrung  anrichten 1  2 ).
Wenn  nun  aber  auch  die  enge  Verbindung  zwischen
geschäftlicher  Praxis  und  Volkswirtschaftslehre  gelöst  ist,
so  darf  deshalb  doch  kein  Gegensatz  zwischen  Theorie
und  Praxis  bestehen.  Daß  dieser  Gegensatz  trotzdem
vorhanden  ist,  wird  von  keiner  Seite  bestritten.
Im  November  1905  fand  im  Verein  der  Industriellen
des  Regierungsbezirks  Köln  eine  Aussprache  zwischen
Praktikern  und  Vertretern  der  nationalökonomischen
Wissenschaft  über  die  Beziehungen  zwischen  Wissenschaft ­
  und  Praxis  statt 3 ).  Man  war  sich  einig  darüber,

1)  Wer  näheres  über  die  Anfänge  der  Wirtschaftswissenschaft  in
Deutschland  hören  will,  wird  reichen  und  anregenden  Stoff  in  den  sorgfältigen ­
  Untersuchungen  finden,  die  Stieda  unter  dem  Titel  „Die  Nationalökonomie ­
  als  Universitätswissenschaft“  1906,  veröffentlicht  hat,
2)  Ein  Beispiel  dafür  bringe  ich  in  meiner  Schrift  „Boden  und
Wohnung“  S.  28.
3)  Vgl.  „Wirtschafts-Wissenschaft  und  Praxis“.  Ein  Diskussionsabend ­
  im  Verein  der  Industriellen  des  Regierungsbezirks  Köln,  1905.
Dazu:  Leitartikel  der  Frankfurter  Zeitung  1905,  21/11.  Abendblatt.
        <pb n="72" />
        67

daß  das  Verhältnis  nicht  so  ist,  wie  es  sein  sollte.  Zwar
wurde  von  den  Vertretern  der  Wissenschaft  nachdrücklich
betont,  daß  daran  die  Praxis  nicht  unschuldig  sei  und
sogar  Geheimrat  Kierdorf  mußte  zugeben,  daß  auf  beiden
Seiten  die  Schuld  zu  suchen  sei,  aber,  soweit  man  auf
Grund  des  gedruckten  Berichtes  urteilen  kann,  muß  der
unbefangene  Teilnehmer  dieser  Versammlung  mit  dem
Gefühle  nach  Hause  gegangen  sein,  daß  doch  die  Theoretiker ­
  einen  großen,  vielleicht  den  größten  Teil  der  Schuld
auf  sich  zu  nehmen  haben.
Die  Vorwürfe,  die  Ehrenbrrg  der  herrschenden  Richtung ­
  unserer  Wissenschaft  auf  dieser  Versammlung  machte,
konnten  nur  zum  Teil  widerlegt  werden;  unwidersprochen
blieben  aber  namentlich  die  Äußerungen  von  Professor
Wirminghaus,  daß  „bei  einzelnen  Professoren  eine  ganz
einseitige  Stimmung  gegen  die  Männer  der  Praxis,  gegen
das  Unternehmertum“  vorherrsche.  „Das  ist  um  so  bedauerlicher, ­
  weil  solche  Stimmung  das  größte  Hindernis
bildet,  um  die  Dinge  objektiv  und  wissenschaftlich  prüfen
und  würdigen  zu  können.“  Diese  Worte  eines  in  der
Praxis  stehenden,  aufrichtigen  Freundes  unserer  Wissenschaft ­
  verdienen  die  größte  Beachtung  aller  derjenigen,
die  nach  Gründen  suchen  für  das  gespannte  Verhältnis
zwischen  Theorie  und  geschäftlicher  Praxis.
Es  wäre  aber  natürlich  durchaus  irrig  und  entschieden
zurückzuweisen,  wenn  es  jemand  einfallen  wollte,  zu
glauben,  daß  die  richtig  charakterisierte  „einseitige  Stimmung“ ­
  einzelner  Professoren  auf  unedle  Motive  zurückzuführen ­
  sei.  Im  Gegenteil!  Es  ist  nur  die  Folge  davon,
daß  ein  an  sich  schönes  und  gewiß  erstrebenswertes  soziales ­
  und  wirtschaftliches  Ideal  harten  Widerstand  findet
an  der  sozialen  und  wirtschaftlichen  Wirklichkeit.  Aber
5*
        <pb n="73" />
        68

♦

statt  nun  das  wirtschaftliche  Seinsollen  zu  messen  mit
dem  Maßstabe  des  wirtschaftlichen  Seins,  macht  man  es
umgekehrt,  man  will  das  „wirtschaftliche  Sein“  kritisieren
auf  Grund  einer  Vorstellung  vom  Seinsollen,  die  man
aus  Illusionen  schöpft,  die  fern  von  aller  wissenschaftlichen ­
  Erkenntnis  entstanden  sind.  Daß  die  Praxis  sich
dagegen  auflehnt,  ist  durchaus  in  der  Ordnung!
Die  Schlußfolgerung  ist  hier  dieselbe,  wie  im  vorigen
Abschnitt:  die  Wirtschaftswissenschaft  als  solche  hat  keine
wirtschaftspolitischen  Ideale  aufzustellen.
Trotzdem  und  gerade  dann  wird  die  Volkswirtschaftslehre ­
  als  reine  Wissenschaft  der  Praxis  nicht  minder  von
Nutzen  sein,  als  der  Politik.  Daß  gerade  für  den  Kaufmann, ­
  den  Industriellen,  eine  auf  verständigen  wirtschaftlichen ­
  Erwägungen  fußende  Wirtschaftspolitik  von  entscheidender ­
  Bedeutung  ist,  wäre  hier  vorab  zu  buchen.
An  dieser  Gesetzgebung  muß  auch  die  geschäftliche  Praxis
mitwirken;  sie  muß  sich  Gehör  verschaffen,  aber  gerade
ihr  gegenüber  ist  man  besonders  leicht  geneigt,  ihre  vielleicht ­
  außerordentlich  wichtige  Einzelerkenntnis  als  Interessentenweisheit ­
  unbeachet  zu  lassen,  wenn  sie  es  nicht
versteht,  das  Einzelne  in  den  großen  Zusammenhang  hineinzubringen. ­
  Das  wird  ohne  die  Hilfe  der  sozial-ökonomischen ­
  Wissenschaft  kaum  möglich  sein  —  hier  liegt,  um  das
nebenbei  zu  bemerken,  der  entscheidende  praktische  Wert
des  volkswirtschaftlichen  Unterrichts  an  den  Handelshochschulen. ­

Nicht  mit  Unrecht  hat  man  auch  darauf  hingewiesen,
daß  die  Volkswirtschaftslehre  der  geschäftlichen  Praxis
unter  Umständen  sogar  direkt  recht  brauchbare  Führerdienste ­
  leisten  kann:  daß  sie  den  Geschäftsmann  innerhalb ­
  gewisser  Grenzen  in  den  Stand  setzen  kann,  die  zu ­
        <pb n="74" />
        69

künftige  Entwicklung  einzelner  wirtschaftlicher  Faktoren
unter  dem  Einflüsse  bestimmter  Umstände  mit  ziemlicher
Sicherheit  vorauszusehen,  daß  sie  ihm  wertvolle  Fingerzeige ­
  geben  kann  in  bezug  auf  das  Verhalten  gegenüber
seinen  Arbeitern  usw.  *)  Ja  auch  das  ist  richtig,  daß  „jede
Beurteilung  tatsächlicher  Preisverhältnisse,  nicht  minder
auch  jede  praktische  Erwägung  über  die  voraussichtliche
Gestaltung  der  wahren  Preise  in  der  Zukunft  gewissermaßen ­
  durch  ein  allgemeines  theoretisches  Urteil  hindurch
gehen  muß“ 2 ).
Daß  die  Volkswirtschaftslehre  den  Wirtschaftspraktikern
nicht  ferne  liegen  kann,  darauf  weist  ja  schon  die  lange
Reihe  glänzender  Namen  von  Männern  hin,  die  von  der
Praxis  ausgingen,  um  dann  in  unserer  Wissenschaft  Hervorragendes ­
  zu  leisten;  Ricardo  allen  anderen  voran.
Ähnliches  wird  man  schließen  dürfen  aus  dem  überraschenden ­
  Eifer  und  dem  großen  Verständnis,  mit  dem  gerade
intelligente  junge  Kaufleute,  die  aus  der  Praxis  kommen,
um  an  unseren  Handels-Hochschulen  zu  studieren,  Probleme
der  Volkswirtschaftslehre  anfassen.
Gewiß  wird  der  Gegensatz  zwischen  Theorie  und
Praxis  stets  bleiben,  weil  der  Gegensatz  zwischen  den
Wünschen  der  Interessenten  und  den  Lehren  der  Wissenschaft ­
  nie  ausgeglichen  werden  kann.  Auch  dann,  wenn
die  deutsche  sozialökonomische  Wissenschaft  sich  von  den
Illusionen  abwendet  und  sich  ganz  dem  unbefangenen
Studium  der  realen  wirtschaftlichen  Verhältnisse  widmet,
1)  Vgl.  hierzu  die  überhaupt  sehr  beachtenswerte  Rede  L.  Pohles
beim  Rektoratswechsel  an  der  Frankfurter  Akademie,  Jena  1905,  speziell
S  36  ff.
2)  Wirminghaus,  „Die  nationalökonomische  Wissenschaft  und  der
deutsche  Kaufmannsstand“  (Abdruck  aus  der  Festschrift  zur  Feier  des
25jährigen  Bestehens  des  Staatsw.  Seminars  zu  Halle)  1898  S.  24.
        <pb n="75" />
        70

wird  gelegentlich  herber  Tadel  aus  dem  Lager  der  Interessenten ­
  über  die  „törichten  Lehren  der  grauen  Theorie“
zu  uns  herüber  tönen,  das  wird  um  so  leichter  zu  ertragen
sein,  weil  wahrscheinlich  gleichzeitig  andere  Interessenten
um  so  lauter  und  —  ebenso  unberechtigt  —  unser  Lob  verkünden. ­

Es  bleibt  nur  zu  hoffen,  daß  wenigstens  die  weiter
blickenden  Geschäftsleute  sich  schließlich  doch  immer
wieder  mit  den  Sozialökonomen  auf  demselben  Boden
finden  werden.  Es  muß  möglich  werden,  daß  die  Volkswirtschaftslehre ­
  auch  in  der  Praxis  wieder  ihre  Autorität
als  Wissenschaft  zurück  erlangt.  Praktisch  würde  dadurch
erreicht,  daß  die  Interessenten  nicht  so  leicht  die  Lehren
der  Wissenschaft  von  sich  abschütteln  könnten;  die  sozialökonomische ­
  Wissenschaft  würde  mehr  als  bisher  im  volkswirtschaftlichen ­
  Leben  Gesetzgeber  sein  können  ohne
Gesetze.

IV.
Carl  Marx  schließt  sein  Vorwort  zur  ersten  Auflage
des  „Kapital“  mit  dem  Satze:  „Gegenüber  den  Vorurteilen
der  s.  g.  öffentlichen  Meinungen,  der  ich  nie  Konzessionen
gemacht  habe,  gilt  mir  nach  wie  vor  der  Wahlspruch  des
großen  Florentiners  „Segui  il  tuo  corso  e  lascia  dir  le
genti.“
Das,  meine  ich,  müßte  das  Motto  für  jeden  ernsten
Forscher  sein.  Es  soll  nicht  geleugnet  werden,  daß  Gründe
vorliegen,  die  seine  Befolgung  gerade  in  der  Volkswirtschaftslehre ­
  besonders  schwer  machen.  Es  ja  nur  menschlich, ­
  daß  der  Sozial-Ökonom  nicht  zufrieden  ist  damit,
daß  seine  Erkenntnis  erweitert  und  vertieft  wird,  er  doziert,
schreibt  Bücher,  um  möglichst  vielen  anderen  das  mitzu-
        <pb n="76" />
        71

teilen,  sie  davon  zu  überzeugen,  was  er  für  wahr  erkannt
hat  und  er  hofft,  daß  seine  Lehre  mit  benutzt  werde  als
Baustein  für  den  kulturellen  Fortschritt.  Diese  Hoffnung
kann  sich  aber  nur  verwirklichen,  wenn  die  Gedanken  zum
Gemeingut  des  Volkes  werden,  wenn  die  öffentliche  Meinung
sich  von  ihnen  beeinflussen  läßt.
So  will  also  der  Sozial-Ökonom  bewußt  oder  unbewußt ­
  von  seinem  Standpunkte  aus  die  öffentliche  Meinung
mit  dirigieren  helfen.  Auf  der  anderen  Seite  aber  ist  es
umgekehrt  die  öffentliche  Meinung,  die  ihn  dirigiert  auch
dann,  wenn  er  mit  Marx  selbstbewußt  seinen  Weg  geht
und  „die  Leute  reden  läßt.“  Mit  Herbart  müssen  wir  bekennen, ­
  daß  das,  was  der  einzelne  seine  Persönlichkeit
nennt,  nur  ein  Gewebe  von  Gedanken  und  Empfindungen
ist,  deren  bei  weitem  größter  Teil  nur  wiederholt,  was  die
Gesellschaft,  in  deren  Mitte  er  lebt,  als  ein  geistiges  Gemeingut ­
  besitzt  und  verwaltet.  „Die  ganze  Masse  von
Vorstellungen  kommt  ebenso  gewiß  wie  die  Muttersprache
von  außen.“
Das  ist  unzweifelhaft  richtig,  aber  viel  zu  weit  geht
man,  wenn  man  behauptet,  daß  das  Individuum  in  seinem
Reden  und  Handeln  nur  die  Anschauungen,  Gesinnungen,
Tendenzen  seiner  Gruppe  ausdrücken  könne.  Immer  wieder
zeigt  die  Geschichte,  daß  kraftvolle  Einzelpersönlichkeiten
sich  über  die  Gruppe  erheben,  ja  sogar  die  Gruppen,  das
Volksganze  sich  unterwerfen.  Leicht  ist  das  freilich  nicht,  nur
in  Ausnahmefällen  gelingt  es,  und  wo  es  nicht  gelingt,
da  wird  derjenige,  der  es  gewagt  hat,  aus  dem  „geistigen
Dunstkreise“  seiner  Gruppe  heraus  zu  treten,  bitter  dafür
büßen  müssen,  daß  er  unangenehme  Störung  verursacht.
So  selten  nun  auch  der  Versuch  einer  Revolution  im  Volksgeiste ­
  durchschlagenden  Erfolg  hat,  so  selten  wird  anderer-
        <pb n="77" />
        seits  eine  irgendwie  tiefer  genommene  geistige  Anregung
im  Volksleben  gänzlich  ungehört  und  gänzlich  erfolglos
verhallen.  Eins  ist  jedenfalls  gewiß,  daß  schließlich  die
Wahrheit  immer  wieder  nach  vorne  gedrängt  werden  muß.
Auch  diese  Erwägungen  legen  es  wieder  nahe,  daß
wir  uns  mit  ernster  Selbstzucht  wenigstens  bemühen,  die
Gedanken  über  das  Sein  und  das  Seinsollen  auseinander
zu  halten.  Dann  aber  folgt  ferner  daraus,  daß  es  Pflicht
der  Gelehrten  ist,  sobald  er  sieht,  daß  die  Wahrheit  des
Seins  im  Widerspruche  steht  zu  der  vulgären  Auffassung
von  dem  Seinsollen,  für  die  Wahrheit  rücksichtslos  eintritt
  auch  dann,  wenn  er  dabei  den  Widerstand  eines  ganzen
Zeitalters  findet.  Dieser  Widerspruch  mag  gewiß  nicht  angenehm ­
  sein,  viel  Selbstverleugnung  beanspruchen,  aber
man  wird  sich  durch  die  Gewißheit  trösten  dürfen  „zwar  die
Vorurteile  gegen  sich,  aber  die  Wahrheit  für  sich  zu  haben,
welche,  sobald  nur  ihr  Bundesgenosse,  die  Zeit,  zu  ihr  gestoßen ­
  sein  wird,  des  Sieges  vollkommen  gewiß  ist,  mithin,
wenn  auch  nicht  heute,  doch  morgen.“  (Schopenhauer.)
Der  Gelehrte  darf,  ja  muß,  auf  die  öffentliche  Meinung
einzuwirken  versuchen,  aber  er  wird  von  vorn  herein  keinen
Zweifel  darüber  aufkommen  lassen  dürfen,  daß  er  soweit
der  unmittelbare  Erfolg  in  Frage  kommt,  mit  seinem
Wissen,  seiner  Ehrlichkeit,  seinem  Wahrheitsdrange,  nur
sehr  Stümperhaftes  leisten  kann,  gegenüber  der  raffinierten
Kunst  des  Demagogen.
Wer  die  Erklärung  für  diese  Tatsache  suchen  will,
wird  das  mit  Erfolg  tun  können  an  der  Hand  des  Buches,
das  der  französische  Sozial-Psychologe  Gustave  Le  Bon
über  die  Psychologie  der  Massen  geschrieben  hat  *).  Etwas
1)  Deutsch  von  Dr.  Rudolf  Eisler  als  Bd.  II  der  Philosophischsoziologischen ­
  Bücherei,  1908.
        <pb n="78" />
        73

derb,  aber  wahr,  meint  Le  bon:  „Es  ist  die  Dummheit
nicht  der  Geist,  was  sich  in  den  Massen  akkumuliert“.
Versucht  man  durch  logische  Argumente  die  Massen  entscheidend ­
  zu  beeinflussen,  so  wird  der  Erfolg  minimal
sein;  man  appelliere  an  das  Gefühl,  und  man  wird  alsbald
den  Erfolg  spüren,  auch  dann,  wenn  dabei  Logik  und
Wahrheit  auf  schwachen  Füßen  stehen.  Die  Verminderung
des  Intellekts,  die  Steigerung  des  Instinkts,  die  Erweiterung
der  Grenzen  für  das  als  möglich  Angesehene,  die  stark
angeregte  Einbildungskraft  der  Massenpsyche  bedingt  es,
daß  die  Menge  sich  nicht  Zeit  nimmt,  über  die  Schwierigkeiten ­
  etwa  eines  Reformplanes  nachzudenken,  sie  will
kein  „wenn“  und  kein  „aber“  hören,  je  weniger  sie  nachzudenken ­
  braucht,  um  so  besser,  je  entschiedener  der  Führer
auftritt,  um  so  eher  darf  er  auf  Erfolg  hoffen.  Die  den
Massen  suggerierten  Ideen  können  nur  schwer  zur  Herrschaft ­
  gelangen,  wenn  sie  nicht  ganz  bestimmte  und  einfache ­
  Gestalt  annehmen.  Damit  hängt  es  zusammen,  daß
neue  tiefgehende  Ideen  origineller  Denker  lange  Zeit  gebrauchen, ­
  um  in  der  Massen-Seele  festen  Fuß  zu  fassen,
und  eben  so  lange  währt  es,  bis  einmal  festgewurzelte
Ideen  wieder  aus  der  Massen-Seele  verschwinden.  Man
hat  es  hier  mit  einer  Art  geistigen  Trägheitsgesetzes  zu
tun,  nach  dem,  ähnlich  wie  in  der  Körperwelt,  unsere  Vorstellungen ­
  und  Anschauungen  einen  natürlichen  Hang  zur
Beharrung  besitzen.
Denken  wir  an  die  Vorgeschichte  der  französischen
Revolution.  Die  Ideen,  die  um  die  Wende  des  16.  und
17.  Jahrhunderts  z.  B.  von  Vauban,  Boisguilbert,  bayle  ausgesprochen ­
  wurden,  wirkten  erst  viele  Jahrzehnte  später,
ja  wenn  man  will,  war  es  ein  ins  Vulgäre  übersetzter
Humainsmus,  der  die  Volksmassen  zur  Revolution  drängte.
        <pb n="79" />
        74

Wie  wirkten  aber  diese  Ideen,  nachdem  die  Massen  sie  in
sich  aufgenommen  hatten?  Ein  furchtbares  Ringen  der
Völker  untereinander,  das  Jahrzehnte  dauerte  und  unermeßliche ­
  Opfer  kostete,  waren  die  Folgen.  Und  auch  nach
Beendigung  dieser  Kämpfe  waren  die  Ideen,  die  dazu
führten,  noch  längst  nicht  ausgestorben;  noch  heute  stehen
wir  unter  dem  Einflüsse  von  wahren  und  falschen  Ideen,
die  in  der  Zeit  der  französischen  Revolution  populär  wurden,
die  aber  doch  schon  viel  früher  geboren  waren.  Auf  ein
anderes  Beispiel,  das  zeigt,  wie  lange  es  dauert,  bis  gewisse ­
  von  Theoretikern  ausgesprochene  Grundsätze  zur
politischen  Verwirklichung  gelangen,  weist  Diehl  hin');
es  ist  die  Geschichte  der  Freihandelsidee.  Der  Gedanke,  der
schon  1776  von  Adam  Smith  eingehend  dargelegt  wurde,
gelangte  erst  7  Jahrzehnte  später,  1846  durch  die  Aufhebung ­
  der  englischen  Getreidezölle  zur  praktischen  Verwirklichung. ­

Warum  ich  diese  massenpsychologischen  Probleme
hier  berührt  habe?  Weil  ich  glaube,  daß  man  von  ihnen
ausgehen  muß,  wenn  man  die  Beziehungen  zwischen
„öffentlicher  Meinung“  und  „Wissenschaft“  untersuchen
will.  Schon  vor  drei  Jahrzehnten  meinte  Holtzendorff  1  2 ),
die  Staatswissenschaft  habe  den  Beruf,  Erzieherin  der
öffentlichen  Meinung  zu  sein,  er  dachte  dabei,  abgesehen
von  der  Staatsrechtslehre,  hauptsächlich  an  die  Volkswirtschaftslehre. ­
  Dieser  Gedanke  ist  inzwischen  häufig  in
dieser  oder  jener  Form  wiederholt  worden.  Beachtenswert
scheinen  mir  besonders  einige  Ausführungen  zu  sein,  die
1)  Blätter  für  vergleichende  Rechtswissenschaft  und  Volkswirtschaftslehre. ­
  1.  Jahrg.  (1905)  S.  46.
2)  „Wesen  und  Wert  der  öffentlichen  Meinung“.  Festgabe  für
Bluntschli,  1879,  S.  144.
        <pb n="80" />
        75

Professor  Max  Apt  unter  dem  Titel  „Politik  und  Wirtschaft“
vor  zwei  Jahren  in  der  deutschen  Wirtschaftszeitung  ')  veröffentlichte. ­
  Bei  den  politischen  Fragen  um  die  Mitte  des
vorigen  Jahrhunderts  seien  Fragen  des  Staatsrechts  in  den
Vordergrund  getreten,  inzwischen  habe  sich  ein  starker
Umschwung  vollzogen:  staatsrechtliche  Fragen  treten  in
den  Hintergrund,  wirtschaftliche  Fragen  in  den  Vordergrund. ­
  Für  die  große  Masse  des  Bürgertums  fehle  es  aber
nun  an  jeder  Einrichtung,  die  unbefangene  Kenntnis
über  die  Zusammenhänge  des  wirtschaftlichen  Lebens  vermittele. ­
  „Während  des  Wahlkampfes  werden  die  Bürger
mit  Flugblättern  aller  Parteien  überschüttet,  und  binnen
wenigen  Wochen  soll  sich  der  Wähler  klar  werden,  ob  er
agrarisch,  freihändlerisch,  sozialistisch  sich  zu  entscheiden
hat.“  Hier  bestehe  eine  Lücke,  hier  liege  auch  der  Grund,
weshalb  der  Wähler  so  leicht  den  Extremen  anheimfalle,
weshalb  Irrlehren  und  Übertreibungen  so  leicht  Erfolge
erzielten.  Diese  Lücke  müsse  ausgefüllt  werden  durch
Gründung  einer  Vereinigung  zur  Verbreitung  wirtschaftlicher ­
  Kenntnisse,  die  ohne  Abhängigkeit  von  einer  bestimmten ­
  Partei  durch  Broschüren,  Wanderredner  und  dergleichen ­
  die  Ergebnisse  der  Wirtschaftsforschung  jahraus
jahrein  in  das  Volk  hineinzutragen  habe.  Die  Fähigkeit
zur  Kritik,  zu  welcher  dadurch  der  einzelne  Bürger  herangezogen ­
  werde,  könne  nicht  ohne  Einfluß  bleiben  auf  die
Zusammensetzung  der  Parlamente  und  auf  die  Gesundung
unseres  politischen  Lebens.  Apt  hofft,  daß  sich  bei  diesen
erzieherischen  Aufgaben  auch  die  Vertreter  der  sozialökonomischen ­
  Wissenschaft  beteiligen  werden.
Der  Plan  kann  bei  jedem  ehrlichen  Volksfreunde  nur
sympathisch  aufgenommen  werden.  Ich  weiß  nicht,  ob

1)  III.  Jahrg.  (1907)  S.  913.
        <pb n="81" />
        76

Versuche  gemacht  worden  sind,  ihn  zu  verwirklichen.
Aber  ich  glaube,  daß  ein  derartiger  Versuch  bei  der  gegenwärtig ­
  herrschenden  Auffassung  von  den  Aufgaben  der
Volkswirtschaftslehre  früher  oder  später  scheitern  muß.
Ist  es  richtig,  daß  im  Tempel  der  sozialökonomischen
Wissenschaft  auch  das  wirtschaftspolitische  Ideal  seinen
Altar  haben  muß,  dann  wird  das  Volk  in  den  Vertretern
der  Wissenschaft  nur  Parteimänner  sehen  und  es  horcht
daher  lieber  auf  die  so  mundgerecht  dargereichten  Lehren
der  anerkannten  Parteihäuptlinge.
Will  die  Wissenschaft  dagegen  ihre  Aufgaben  so  begrenzen, ­
  wie  das  hier  vorgeschlagen  wird,  dann  ist  es
den  Volkswirtschaftslehrern  möglich,  über  die  Schranken
der  parteipolitischen  Gegensätze  hinweg,  gestützt  auf  die
Autorität  wahrer  Wissenschaft,  „an  der  ökonomischen  Erziehung ­
  der  Nation  mitzuwirken  und  sie  zum  Eintritt  in
die  zukünftige  Universalgesellschaft“  (List)  vorzubereiten.
Insbesondere  wird  dann  die  Wissenschaft  mit  Erfolg
Vorurteile  mancherlei  Art  beseitigen  können.  Sie  wird  —
wieder  nur  einige  Beispiele  zur  Illustration  —  das  Dogma
von  dem  naturnotwendigen  Gegensatz  zwischen  Kapital
und  Arbeit  widerlegen  können,  es  wird  ihr  möglich  sein
zu  zeigen,  daß  auf  die  Dauer  Steigerung  der  Löhne  weit
mehr  gesichert  werden  kann  durch  Hebung  der  Produktivität ­
  der  Arbeit  als  durch  irgendwelche  gewaltsamen
Kampfmittel,  sie  wird  erklären  können,  warum  die  Mietpreise ­
  in  unseren  Städten  so  stark  gestiegen  sind,  wo  die
Ursachen  einer  allgemeinen  Arbeitslosigkeit  liegen,  warum
ein  hoher  Getreidezoll  durchaus  nicht  immer  im  Interesse
der  Landwirtschaft  liegt,  daß  auch  die  Spekulation  eine
wichtige  volkswirtschaftliche  Mission  zu  erfüllen  hat,  daß
daher  die  Börse  keineswegs  nur  „ein  Monte  Carlo  ohne
        <pb n="82" />
        77

Musik“  ist,  usw.  Hunderte  derartiger  Fragen,  deren  praktische ­
  Bedeutung  keinem  Zweifel  unterliegen  kann,  sind
von  der  Wissenschaft  aufzuwerfen  und  zu  beantworten.
Aber  der  Gelehrte  darf  dabei  nicht  —  ohne  sein  ehrfürchtiges ­
  Publikum  auf  die  Verwandlung  aufmerksam  gemacht ­
  zu  haben  —  seinen  Arbeitskittel  mit  der  so  „viel
schöneren“  Toga  des  Politikers  vertauschen.
Sehr  wohl  schickt  es  sich  jedoch  auch  für  den  Gelehrten, ­
  sich  unter  das  Volk  zu  mischen,  ihm  Zugang  zu
den  Früchten  seiner  Arbeit  zu  verschaffen.  Tut  er  das,
dann  wird  er  nicht  als  Gourmand  nur  für  das  sorgen,  was
und  wie  es  ihm  schmeckt,  er  wird  daran  denken,  daß
keine  Wissenschaft  in  so  hohem  Maße  wie  die  Volkswirtschaftslehre ­
  nicht  nur  der  Gelehrten,  sondern  vor  allem
des  Volkes  wegen  da  ist.  Irre  ich  nicht,  dann  war  es
J.  Köhler,  der  einmal  den  sehr  richtigen  Gedanken  ausführte, ­
  daß  der  Gelehrte  zwar  imstande  sein  müsse,  sich
zeitweise  vom  Volke  und  vom  Verständnisse  des  Volkes
zu  entfernen,  daß  es  aber  doch  gleichzeitig  stets  sein  Bestreben ­
  sein  müsse,  das  Verständnis  seiner  Ideen,  wenn
auch  nicht  von  heute  auf  morgen,  so  doch  allmählich  dem
Volke  zu  eröffnen.
In  diesem  Sinne,  meine  ich,  muß  es  möglich  werden,
daß  die  Volkswirtschaftslehre  nicht  nur  wahre  Wissenschaft, ­
  in  dem  schönen  und  ernsten  Sinne,  der  mit  dem
Worte  verknüpft  ist,  wird,  sondern  zugleich  auch  die
populärste  Wissenschaft  unserer  Zeit.
        <pb n="83" />
        Druck  von  J.  B.  Hirschfeld  in  Leipzig.
        <pb n="84" />
        Von  demselben  Verfasser  erschienen:

Die  Geldqualität  der  Banknote.
Leipzig  1900.  Duncker  &amp;amp;  Humblot.
Depositenbanken  und  Spekulationsbanken.
Ein  Vergleich  deutschen  und  englischen  Bankwesens. ­
  Leipzig  1902.  Duncker  &amp;amp;  Humblot.
Bodenrente  u.  Bodenspekulation  in  der  modernen  Stadt.
Leipzig  1904.  Duncker  &amp;amp;  Humblot.
Boden  und  Wohnung.
Acht  Leitsätze  zum  Streite  um  die  städtische
Boden-  und  Wohnungsfrage.  Leipzig  1908.
Duncker  &amp;amp;  Humblot.
Armenwesen.
Einführung  in  die  soziale  Hilfsarbeit.  Leipzig  1907.
Göschen.
Die  Großstadt  und  ihre  sozialen  Probleme.

Leipzig  1908.  Quelle  &amp;amp;  Meyer.
        <pb n="85" />
        Verlag  von  J.  C.  B.  Molir  (Paul  Siebeck)  in  Tübingen.

Die  sozialistischen  Systeme
und  die  wirtschaftliche  Entwickelung.
Von  Maurice  Bourguin.
Professor  der  Nationalökonomie  an  der  Universite  de  Paris.
Mit  Genehmigung  des  Verfassers  ins  Deutsche  übertragen
von  Dr.  Louis  Katzenstein.
Groß  8.  1906.  M.  8.—.  Gebunden  M.  9.50.

Geld  und  Wert.
Eine  logische  Studie
von  Kiichiro  Soda  (Shö-Gakushi)
Doktor  der  Staatswissenschaften.
8.  1909,  M.  4.—.

Über  den  Standort  der  Industrien.
Von  Alfred  Weber.
Erster  Teil:  Reine  Theorie  des  Standorts.
Mit  einem  mathematischen  Anhang  von  Georg  Piek.
Unter  der  Presse.

Versicherungs-Lexikon.
Ein  Nachschlagewerk  für  alle  Wissensgebiete  der  Privat-  und  der  Sozialversicherung, ­
  insbesondere  in  Deutschland,  Österreich  und  der  Schweiz.  Unter
Mitarbeiterschaft  von  Präsident  Professor  Dr.  r.  tl.  Borght  (Berlin),  Justizrat
Direktor  Dr.  DoniizlufT  (Hannover),  Professor  Dr.  Ehrenberg  (Göttingen),
Generalsekretär  Ehrlich  (Köln),  Professor  Dr.  Euiminghaus  (Gotha),  Versicherungsarzt ­
  Dr.  Feilchenfeld  (Berlin),  Professor  Dr  Florschiitz  (Gotha),
Kammergerichtsrat  Hage»  (Berlin),  Wirkl.  Geh.  Oberregierungsrat  von  Knebel*
Doeberitz  (Berlin),  Geh.  Oberregierangsrat  Professor  Dr.  Lexis  (Göttingen),
Professor  Dr.Loewy  (Freiburg),  Professor  Dr.  Moldenliauer  (Köln),Regierangsdirektor ­
  Ritter  v.  Rasp  (München),  Regierangsrat  Dr.  Reuss  (Berlin),  Geh.
Regierangsrat  Direktor  Dr.  Samwer  (Gotha),  Öberlandesgeriehtsrat  Schneider,
(Stettin)
herausgegeben  von
Professor  Dr.  Alfred  Mancs.
Lex.  8.  1909.  Preis  des  vollständigen  Werkes  broschiert  in  (2  Halbbänden)
M.  28.—,  gebunden  (in  1  Band)  M.  30.—.
Prospekte  und  Probehefte  stehen  unberechnet  zu  Diensten.
        <pb n="86" />
        Verlag  von  J.  C.  B.  Molir  (Paul  Siebeck)  in  Tübingen.

J.  B.  Hirschfeld,  Leipzig.

Archiv
für  Sozialwissenschaft  und  Sozialpolitik.
In  Verbindung  mit  Professor  Werner  Sombart  in  Breslau
und  Professor  Max  Weber  in  Heidelberg
herausgegeben  von  Professor  Dr.  Edgar  .lalTe  in  Heidelberg.
Alle  2  Monate  erscheint  ein  Heft  in  groß  8.  —  Drei  Hefte  bilden  einen  Band.
Preis  seit  dem  XXV.  Bande  pro  Heft  je  nach  Umfang.
Prospekte  und  Probehefte  stehen  zur  Verfügung.

SSerlag  ber  £&amp;gt;.  gauW’fdjett  93ud)f)anblung  in  Tübingen.
C&amp;amp;rutthriß  jit  ©nvlEjmuum
über
praftifdje  llatioitalofottomie.
SSon  ijsrofeffor  Dr.  ©eorg  DOtt  ütaijr.
I.  !£eil:  Einleitung  unb  allgemeiner  Seil.
8.  1900.  9K.  2.40.  ©ebunbeti  9JI.  3.40.

WLbxxft  bn  SofttrItrgie
bon  Dr.  Albert  &amp;lt;£.  St.  Sdjäffle.
§erau§gegeben  mit  einem  SSorroort  bon  Äarl  fJütber.
8.  1906.  Sffi.  4.—.  ©ebunbeit  3R.  5.—.
Das  bürgerliche  Recht
und  die  besitzlosen  Volksklassen.
Von  A.  Menger.
Vierte  Auflage,  mit  der  dritten  verbesserten  u.  vermehrten  Auflage  gleichlautend.
(Fünftes  Tausend).  8.  1908.  M.  3.—.  Gebunden  M.  4.—.
Das  Aufsteigen
der  arbeitenden  Klassen  Deutschlands
im  letzten  Vierteljahrhundert.
Von  W.  J.  ASHLEY,
Professor  der  Handelswissenschaft  an  der  Universität  Birmingham,
vormals  Professor  der  Wirtschaftsgeschichte  an  der  Harvard-Universität,  V.  St.  v.  N.  A.
Außerordentliches  Mitglied  und  Dozent  des  Lincoln  College,  Oxford.
Ins  Deutsche  übertragen  von  P.  Scharf.
Mit  Diagrammen  und  Karten.  8.  1906.  M.  1.50.
        <pb n="87" />
        qe
        <pb n="88" />
        the  scale  towards  document

501

-  67  —

i  i

I^PI"P

I

O
CO

o
N)

O
'vj
DD
~n|
&amp;gt;
'nI
O
co
DD
00
&amp;gt;
00
O
CD
CD
CD

?j  Verhältnis  nicht  so  ist,  wie  es  sein  sollte.  Zwar
f  /on  den  Vertretern  der  Wissenschaft  nachdrücklich
•;  daß  daran  die  Praxis  nicht  unschuldig  sei  und
leheimrat  Kierdorf  mußte  zugeben,  daß  auf  beiden
die  Schuld  zu  suchen  sei,  aber,  soweit  man  auf
des  gedruckten  Berichtes  urteilen  kann,  muß  der
'gene  Teilnehmer  dieser  Versammlung  mit  dem
nach  Hause  gegangen  sein,  daß  doch  die  Theoinen ­
  großen,  vielleicht  den  größten  Teil  der  Schuld
|  zu  nehmen  haben.
J  Vorwürfe,  die  Ehrenbrrg  der  herrschenden  Rich--,=erer
  Wissenschaft  auf  dieser  Versammlung  machte,
nur  zum  Teil  widerlegt  werden;  unwidersprochen
aber  namentlich  die  Äußerungen  von  Professor
iHAUS,  daß  „bei  einzelnen  Professoren  eine  ganz
e  Stimmung  gegen  die  Männer  der  Praxis,  gegen
ernehmertum“  vorherrsche.  „Das  ist  um  so  be-"rer,
  weil  solche  Stimmung  das  größte  Hindernis
m  die  Dinge  objektiv  und  wissenschaftlich  prüfen
:  rdigen  zu  können.“  Diese  Worte  eines  in  der
:  '.teilenden,  aufrichtigen  Freundes  unserer  Wissenerdienen
  die  größte  Beachtung  aller  derjenigen,
l  Gründen  suchen  für  das  gespannte  Verhältnis
s |  i  Theorie  und  geschäftlicher  Praxis.
väre  aber  natürlich  durchaus  irrig  und  entschieden
iweisen,  wenn  es  jemand  einfallen  wollte,  zu
daß  die  richtig  charakterisierte  „einseitige  Stimlinzelner
  Professoren  auf  unedle  Motive  zurücksei. ­
  Im  Gegenteil!  Es  ist  nur  die  Folge  davon,
an  sich  schönes  und  gewiß  erstrebenswertes  sold
  wirtschaftliches  Ideal  harten  Widerstand  findet
sozialen  und  wirtschaftlichen  Wirklichkeit.  Aber
        <pb n="89" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
