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        <title>Geldwert in der Geschichte</title>
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            <forname>Andreas</forname>
            <surname>Walther</surname>
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            <idno>885093089</idno>
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        B  65546

GELDWERT  IN  DER
GESCHICHTE

EIN  METHODOLOGISCHER
VERSUCH
VON  ;
ANDREAS  WALTHER
FRIVATDOZENT  AN  DER  UNIVERSITÄT  BERLIN

STUTTGART  UND  BERLIN
VERLAG  VON  W.  KOHLHAMMER
1912
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        B  65546

GELDWERT  IN  DER
GESCHICHTE

EIN  METHODOLOGISCHER
VERSUCH
VON

ANDREAS

STUTTGART  UND  BERLIN
VERLAG  VON  W.  KOHLHAMMER
1912
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        Druck  von  W.  KoliUumner  in  Stuttgart.
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        Vorwort.
Dem  Vorschlag'  des  Herrn  Verlegers  der  Vierteljahrschrift
für  Sozial-  und  Wirtschaftsgeschichte,  diesen  Aufsatz  als  Broschüre
zugänglich  zu  machen,  habe  ich  mit  Freuden  zugestimmt.  Vor
allem  weil,  so  sehr  der  Endzweck  der  Darlegungen  auf  eine
Zusammenfassung  gerichtet  ist,  doch  alle  Möglichkeit  der  Ausführbarkeit ­
  darauf  ruht,  daß  die  Lokalforschung  in  möglichst
weiten  Kreisen  sich  der  so  dankbaren  Erhebung  der  Materialien
wieder  lebhafter  annehme.  Die  Ausführungen  wünschen  sich
Kritiker  von  positivem  Sinn,  die  zwar  bei  allem  einzelnen  verweilen ­
  mögen,  denen  aber  immer  in  erster  Linie  das  dringende
Problem  stehe,  daß  die  historisch-statistische  Forschung  aus  der
gegenwärtigen  Versandung  irgendwie  herausgeführt  werden  muß.
Nicht  deshalb,  weil  ich  irgendeinen  Zweifel  an  der  positiven  Anwendbarkeit ­
  und  der  Fruchtbarkeit  der  vorgeschlagenen  Methode
hätte,  habe  ich  meine  Darstellung  einen  Versuch  genannt.  Auf
die  genaue  Ausführung  eines  Beispiels,  die  nicht  der  Anfang,
sondern  erst  das  Resultat  der  Arbeit  sein  kann,  durfte  ich  bei  der
großen  Einfachheit  des  methodologischen  Grundgedankens  vorläufig ­
  verzichten.  —  Den  Herren  Professoren  Brandi  und  D.  Schäfer
danke  ich  für  helfendes  Interesse  an  den  vorarbeitenden  Versuchen, ­
  den  Herren  Professoren  v.  Below  und  St.  Bauer  für
i  reundliche  Literaturverweise.
Berlin-Schmargendorf,  Jan.  1912.

Andreas  Walther.
        <pb n="5" />
        1

Geldwert  in  der  Geschichte.
Ein  methodologischer  Versuch.
I.  Die  Methode  der  Deduktion  auf  den  Metallgehalt.  1.  Die  theoretischen
Bedenken  (S.  4).  2.  Die  praktischen  Bedenken  (S.  8).
II.  Das  Suchen  nach  einem  konstanten  Wertmesser  des  Geldes.  1.  Die
Preisgeschichte  (S.  13).  2.  Die  Budgetmethode  (S.  18).  3.  Die  Aufgabe  (S.  22).
HI.  Die  Skala  ökonomischer  und  sozialer  Schichtung.  1.  Die  mittlere
Schicht.  Beamtenreihe  (S.  27).  2.  Die  untere  Schicht.  Das  metrologische
Problem  (S.  32).  3.  Die  obere  Schicht  (S.  38).  4.  Haupt-  und  Hilfsskalen
(S.  39).
IV.  Kombination  der  Skalen  (S.  41).
V.  Das  Zusammenarbeiten  mit  der  Numismatik  und  Metrologie  (S.  47).
Dass  für  historische  Untersuchungen  über  den  Wechsel  des
Geldwertes  „die  Methode  noch  gefunden  werden  muss“,  hat
kürzlich  auch  der  Forscher  ausgesprochen,  der  uns  die  neuesten
Fortschritte  auf  dem  bisherigen  Wege  gebracht  hat,  indem  er
®eue  Schwierigkeiten  nachwies 1 ).  Nicht  zum  wenigsten  diese
verzweifelten  praktischen  Schwierigkeiten 2 )  haben  mich  veranlaßt, ­
  eine  neue  Grundlegung  vorzuschlagen,  und  zwar  hauptsächlich ­
  in  vierfacher  Beziehung.  Anstatt  der  fast  überall  als
selbstverständlich  geltenden  Begründung  dieser  Forschung  sowohl
auf  Geld-  wie  auf  Maßgeschichte  sucht  die  vorliegende  Untersuchung ­
  im  Gegenteil  aus  praktischen  Gründen  eine  möglichst
Weitgehende  Emanzipation  von  der  Numismatik  und  der  Metro1) ­

  B.  Hakms,  Die  Münz-  und  Geldpolitik  der  Stadt  Basel  im  Mittelalter,
Ergänzungsheft  23  der  Zeitschr.  f.  d.  ges.  Staatswiss.  1907.  S.  unten  S.  11.
2)  Über  die  entscheidende  prinzipielle  Schwierigkeit,  aus  der  die
praktischen  einfach  folgen,  s.  unten  Abschnitt  V.
        <pb n="6" />
        2

Andreas  Walther

logie;  sie  fordert  ferner  eine  Ausweitung  der  Interessen  über  die
warenpreisgeschicbtlichen  Kategorien  und  noch  über  die  Budgetberechnungen ­
  hinaus  zu  den  hoch  zusammengesetzten  Größen,  die
speziell  den  Historiker  interessieren;  sie  sucht  endlich  vor  allen
Dingen  das  Ganze  von  dem  Gebiet  des  Rechnerischen  in  das
der  Anschauung  zu  verlegen,  den  „Geldwert“  nicht  zu  „messen“
(das  bleibt  nun  einmal  aussichtslos),  sondern  zu  veranschaulichen.
Dies  alles  aber,  weil  die  Fragestellungen  dieser  Untersuchung
lediglich  historische  sind,  nicht  geld-,  maß-  oder  preisgeschichtliche. ­
  Die  andersartigen  Fragestellungen  jener  in  ihren  methodischen ­
  Prinzipien  eng  zusammengehörigen  Disziplinen  greife  ich
nicht  an.  Da  vielmehr  ihre  Resultate  im  Zusammenhang  der
hier  empfohlenen  Methode  erst  recht  zu  lebendiger  Bedeutung
kommen  dürften,  ist  auf  das  lebhafteste  zu  wünschen,  dass  es
ihnen  in  Zukunft  besser  ergehen  möge  als  in  den  letzten  Jahrzehnten. ­
  Das  Stocken  kommt  recht  deutlich  etwa  darin  zur
Erscheinung,  daß  Luschin  von  Ebengreuth  das  methodologische
Programm,  das  er  schon  1874  aufgestellt  hatte  1 ),  neuerdings  im
wesentlichen  einfach  wiederholt,  da  sich  „die  Voraussetzungen
für  das  Zustandekommen  einer  brauchbaren  Geschichte  der
Preise  im  ganzen  wenig  gebessert“  hätten 2 ).  Auch  für  die  Zukunft ­
  macht  man  uns  wenig  Hoffnung 3 ),  so  daß  der  hier  gegebene

1)  Luschin  von  Ebengreuth,  Vorschläge  und  Erfordernisse  für  eine  Geschichte ­
  der  Preise  in  Österreich,  Wien  1874  (durch  die  auf  der  Wiener
Weltausstellung  zusammengebrachten  Materialien  zu  einer  Geschichte  der
Preise  veranlaßt).
2)  Luschin  von  Ebengreuth,  Allgemeine  Münzkunde  und  Geldgeschichte
des  Mittelalters  und  der  neueren  Zeit,  1904,  S.  189  ff.,  vgl.  Vorschläge  S.  64  f.:
Forderung  umfassender  Kleinarbeit  unter  Leitung  einer  eigenen  Kommission
für  Preisgeschichte.
3)  Der  Weg  sei  in  der  Tat  „mühsam“  und  „schwerfällig“  (Vorschläge
S.  63),  aber  die  Stufenfolge  müsse  nun  einmal  die  sein:  zuerst  eine  „Geldund
  Maßgeschichte  von  ungleich  höherer  Vollkommenheit,  als  sie  derzeit
besitzen“  (Münzkunde  S.  189),  auf  dieser  Grundlage  dann  Ausbildung  einer
Preisgeschichte,  und  wieder  als  deren  letztes  Resultat  und  letzte  Abstraktion
eine  Ermittlung  der  wechselnden  Kaufkraft  des  Geldes  (Vorschläge  S.  VI,
4f.,  59).  Auch  Harms  spricht  von  der  „Summe  von  systematischer  Kleinarbeit, ­
  die  für  die  Lösung  der  uns  hier  beschäftigenden  Probleme  bis  heute
        <pb n="7" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

3

Versuch,  durch  Ansetzen  an  einem  ganz  anderen  Punkt  sehr
viel  schneller  das  für  den  Historiker  Wesentliche  zu  erreichen,
wenigstens  einem  dringenden  Bedürfnis  entgegenkommt.
In  den  beiden  ersten  Abschnitten  glaubte  ich  den  Versuch  wagen
zu  müssen,  die  bisher  wichtigsten  methodologischen  Gedankenreihen, ­
  die  geldgeschichtliche  und  die  nach  einem  konstanten
Wertmesser  des  Geldes  fragende,  bis  an  die  Schwelle  der  hier
zu  empfehlenden  Methode  zu  führen.  Wie  weit  es  mir  gelungen
ist,  in  einer  kurzen  Skizze  der  weitschichtigen  nationalökonomischen ­
  Literatur  gerecht  zu  werden  und  doch  überall  ihre  Tendenzen ­
  in  das  andere  Licht  der  Bedürfnisse  des  Historikers  zu
rücken,  hat  wohl  manches  mit  dem  Urteil  über  die  Notwendigkeit, ­
  wenig  aber  mit  dem  über  die  Brauchbarkeit  meiner  Methode
selbst  zu  tun;  und  wer  kein  Interesse  an  den  Beziehungen  zu
der  bisherigen  Diskussion  nimmt,  kann  sich  gleich  der  zweiten
Hälfte  dieser  Untersuchung  zuwenden  ’).
Eine  praktische  Durchführung  habe  ich  in  Angriff  genommen 1  2 ).
Die  Methode  schien  mir  aber  mindestens  in  dem  wesentlichen
Gedanken  —  der  Anschaulichkeit  der  einzelnen  Skala,
in  der  der  Organismus  der  ökonomischen  Schichtung
zur  lebendigen  Erscheinung  kommt  —  ganz  unmittelbar
für  jedermann  brauchbar.  Wenn  die  Statistik  eine  der  lebendigsten
noch  nicht  geleistet  ist“,  lind  weist  die  Forschung  zurück  auf  äußerste
Spezialisierung  (S.  245).
1)  Im  allgemeinen  liegt  das  Gewicht  auf  den  Abschnitten  II  und  III.
2)  Im  Zusammenhang  mit  Arbeiten  zur  vergleichenden  VerwaltungegßBchichte.
  Dabei  werde  ich  auch  zurückkommen  auf  gewisse  Thesen,  die
Hosbnthal  kürzlich  (Vjschr.  f.  Soz.-  u.  Wirtschaftsgesch.  1911,  S.406—424)  mit
Ungenügenden  Mitteln  bekämpft  hat.  Was  aus  dem  Studium  der  burgundischen
Institutionen  gewonnen  wurde  und  zuerst  aus  den  französischen,  englischen,
spanischen  Analogien  das  Hecht  zu  Generalisierungen  sich  nahm,  wird  nicht
durch  Hinweise  auf  Bayern  widerlegt;  um  so  weniger,  da  am  entschiedensten
ini  15.  und  16.  Jahrhundert  die  beiden  Reihen  sich  vermengen,  die  von  mir
betonte  Naturgeschichte  der  Behördenevolution  und  die  den
Rezensenten  interessierende  Entwicklungsweise  bureaukratischer  Behördenformung.
  Daß  beides  nebeneinander  hergeht,  das  eine  hier,  das
andere  dort  überwiegend,  das  dürfte  die  Formel  sein,  auf  die  man  sich
schließlich  einigen  wird,  wenn  „Staub  und  Wirbelwind  der  Kontroverse“,
w ie  Carlyle  einmal  sagt,  vorüber  sind.

1
        <pb n="8" />
        4

Andreas  Walther

Wissenschaften  ist,  obwohl  sie  dem,  der  sich  nicht  in  sie  eingelebt ­
  hat,  so  tot  bleibt,  wie  die  Buchstaben  des  schönsten  Literaturwerkes ­
  dem,  der  nicht  lesen  kann,  so  hofft  diese  Untersuchungeben
  jene  noch  sehr  daniederliegende  Kunst  fördern  zu  können,
Geldangaben  aus  früheren  Jahrhunderten  schnell  und  sicher  lesen
zu  lernen.
I.  Die  Methode  der  Reduktion  auf  den  Metallgehalt 1 ).
1.  Die  theoretischen  Bedenken.
Die  populäre  historische  Methode  der  Ermittlung  des  Geldwertes ­
  kann  ich  etwa  an  einem  Erlebnis  veranschaulichen.  Auf
einem  Archiv  war  ich  Zeuge,  wie  mein  Nachbar  einen  großen
Fund  machte.  Mit  einer  Biographie  beschäftigt,  entdeckte  er
eine  Urkunde,  die  genaue  Angaben  über  Vermögen  und  Einkommen ­
  seines  Helden  enthielt.  Er  hatte  das  weitere  Glück,
daß  am  Nebentisch  ein  Numismatiker  arbeitete.  Erfreut  ging  er
hinüber  und  legte  ihm  kurzerhand  die  Frage  vor:  „Wie  viel  ist
das  nach  unserem  Geld?“  Man  teilte  ihm  mit,  dass  der  betreffende
Gulden  damals  ein  Feingewicht  von  2,527  Gramm  Gold  gehabt
habe;  unsere  heutige  Mark  entspreche  einem  Gewichtsquantum
von  0,358  Gramm  Gold.  Danach  sei  also  jener  Gulden  annähernd
gleich  7  Mk.  unseres  Geldes  gewesen.  Als  der  Fragende  befriedigt ­
  wieder  an  seine  Arbeit  gehen  wollte,  wurde  er  noch
einmal  zurückgerufen  und  belehrt,  dies  gelte  natürlich  nur  für
den  Edelmetallgehalt  der  Münzen;  eine  zweite  Frage  sei  die  nach
der  Kaufkraft  des  Geldes,  über  die  sieb  etwas  Bestimmtes  nicht
sagen  ließe 2 ).  Erst  auf  inständige  Bitten  des  sehr  enttäuschten
1)  Literaturverzeichnisse  im  Hwb.  d.  Stw.  zu  den  Worten  Edelmetalle,
Münzwesen  usw.;  bei  Luschin  a.  a.  0;  bei  Soetbeer,  Literaturnachweis  über
Geld-  und  Münzwesen,  insbesondere  über  den  Wäbrungsstreit  1871—1891,  mit
geschichtlichen  und  statistischen  Erläuterungen,  Berlin  1892,  322  S.;  bei
W.  A.  Shaw,  The  History  of  Currency  1252  to  1894,  being  an  account  of
the  gold  and  silver  monies  and  monetary  Standards  of  Europe  and  America,
London  (1894);  und  sonst.
2)  Sehr  scharf  neuerdings  Harms  S.  245:  „Man  höre  endlich  auf,  von
einer  zwei-,  drei-,  vier-  und  fünffachen  Kaufkraft  in  dieser  oder  jener  Zeit
zu  reden.  Derartige  Verallgemeinerungen  wirken  angesichts  jeder  haltbaren
Unterlage  geradezu  lächerlich.“
        <pb n="9" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

5

Entdeckers  körten  wir,  dass  nach  angesehenen  Forschern  die
Kaufkraft  seit  jener  Zeit  etwa  um  das  Vierfache  gesunken  sei,
wonach  also  der  Gulden  gleich  28  Reichsmark  gerechnet  werden
könne.
Das  Problem,  mit  dem  wir  es  hier  zu  tun  haben,  hat  man
wohl  die  nationalökonomische  „Quadratur  des  Zirkels“  genannt.
Es  beruht  bekanntlich  darauf,  daß  auch  das  Geld  nichts  weiter
ist  als  eine  Tauschware,  also  selbst  Wertschwankungen  ausgesetzt
und  darum  unbrauchbar  als  Maßstab,  dessen  Wesen  die  Unveränderlichkeit ­
  ist,  damit  das  Wechselnde  an  ihm  gemessen  werden
könne.  Wir  können  also  immer  nur  die  Relation  zwischen
dem  (nach  eigenen  Gesetzen  veränderlichen)  Edelmetallwert  und
dem  (ebenfalls  nach  eigenen  Gesetzen  veränderlichen)  Wert  der
anderen  Waren  darstellen.  Es  ist,  als  ob  das  Steigen  und
Fallen  des  Wassers  an  einem  Maßstab  gemessen  werden  müßte,
der  sich  aus  Gründen,  die  mit  dem  Steigen  und  Fallen  des
Wassers  nichts  zu  tun  haben,  fortwährend  nach  oben  oder  nach
unten  verschiebt.  So  hat  sich  in  den  Jahrhunderten  unseres
Beispiels  der  Maßstab,  nämlich  der  Edelmetallwert,  äußerst  merkbar ­
  verschoben:  die  Kaufkraft  des  Edelmetalls  ist  um  ein  Mehrfaches ­
  gesunken.
Über  die  Methoden,  nach  denen  man  zahlenmäßig  die  Veränderungen ­
  der  Kaufkraft  festzustellen  versucht  hat,  sowie
über  die  Bedenken  gegen  diese  Argumentationsweise  soll  unten
eingehender  berichtet  werden.  Alle  neueren  Methoden  wenden
das  Verfahren  an,  einen  Durchschnitt  aus  einer  größeren  Zahl
von  Preisen  zugrunde  zu  legen,  der  möglichst  genau  der  verschiedenen ­
  volkswirtschaftlichen  Bedeutung  der  einzelnen  Preise
Rechnung  trage.  Haben  wir  (wenn  ich  nach  der  Budgetmethode
in  ihrer  einfacheren  Form  exemplifiziere),  z.  B.  für  1400  und  für
1900  den  Jahresverbrauch  einer  mittleren  Normalfamilie  festgestellt, ­
  haben  wir  weiter  einerseits  die  Gulden,  andrerseits  die
Mark  auf  Edelmetallgewicht  reduziert  und  gefunden,  daß  die
Familie  um  1400  jährlich  viermal  weniger  an  Edelmetallgewicht
hingeben  mußte  als  eine  heutige  Familie  gleicher  Lebenshaltung,
so  sagen  wir,  die  Kaufkraft  des  Edelmetalls  sei  seit  jener  Zeit
um  das  Vierfache  gesunken.
        <pb n="10" />
        6

Andreas  Walther

Bleiben  wir  zunächst  im  Rahmen  dieser  Argumentationen,
deren  Wahrheitsmoment  offenbar  nicht  gering  ist,  so  muß  doch
gefragt  werden:  Warum  macht  man  all  diese  Umwege  über
das  Edelmetallgewicht?  Warum  sagt  man  nicht  einfach:  Ein
Normalbudget  betrug  damals  100  Gulden,  beträgt  heute  3000  M.,
also  müssen  wir  mit  einem  Gulden  dieselbe  Anschauung  verbinden ­
  wie  heute  mit  30  M.,  d.  h.,  wenn  nach  der  Kaufkraft  (der
sozialen  Kraft)  des  Geldes  gefragt  wird,  ist:  1  Gulden  =  30  M.  ?
Der  Metallgehalt  der  Münzen  damals  und  jetzt  interessiert  uns
ja  gar  nicht.  Wir  bringen  ihn  mit  höchst  schwierigen  und  anfechtbaren ­
  Manipulationen  (siehe  unten)  hinein,  um  ihn  möglichst
bald  wieder  zu  eliminieren!
Oder,  wenn  der  Hinweis  auf  ein  ausgezeichnet  korrespondierendes ­
  Bild  erlaubt  ist:  Wer  jene  Frage  stellt:  „Wie  viel  ist
das  nach  unserem  Geld?“,  dem  schwebt  die  Analogie  einer
fremden  Sprache  vor.  Er  hat  ein  ihm  unverständliches  Wort
gefunden  und  will  nun  die  Übersetzung  in  seine  Sprache.  Warum
übersetzen  wir  nun  aber  nicht  direkt  von  der  Sprache,  deren
Lettern  in  Gulden  gesetzt  sind,  in  die  uns  geläufige,  deren
Lettern  in  Mark  stehen?  Anstatt  dessen  übersetzen  wir  erst  alle
beide  in  eine  dritte  Sprache,  um  zu  merken,  dass  wir  in  Wirklichkeit ­
  in  zwei  verschiedene  übersetzt  haben,  worauf  wir  nach
einem  Wörterbuch  suchen,  um  die  beiden  letzten  zu  vergleichen,
während  wir  mit  diesem  Wörterbuch,  auf  das  es  offenbar
allein  ankommt,  ebensogut  schon  direkt  hätten  übersetzen
können.
Sollte  sich  nun  nicht  eine  Methode  ausbilden  lassen,  die  erlauben ­
  würde,  all  die  zahllosen,  nach  Ort  und  Zeit  wechselnden
Münzeinheiten,  mit  denen  der  Historiker  zu  tun  hat,  auf  einem
solchen  direkten  Wege  ineinander  zu  übersetzen?  —
Man  könnte  erwidern,  der  Hinweis  auf  die  Frage,  wie  die  Bedeutung ­
  einer  einzelnen  Geldangabe  in  unsere  Anschauung  projiziert
wmrden  könne,  sei  nicht  entscheidend,  vielmehr  komme  es  auf
die  Brauchbarkeit  des  Systems  im  ganzen  an.  Die  Möglichkeit,
jede  nur  erdenkliche  Fülle  von  verschiedenartigen  Geldangaben
auf  einen  gemeinsamen  Nenner  zu  bringen,  sei  doch  immer  der
überwiegende  Vorteil.  Aber  was  im  einzelnen  gilt,  muß  bei
        <pb n="11" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

i

Zusammenstellungen  nur  noch  empfindlicher  stören:  Wir  kommen
immer  nur'  auf  den  Metallgehalt  als  Nenner,  reduzieren  also  i  n
dem  Sinne,  in  dem  gefragt  wurde,  alle  Angaben  auf  verschiedene ­
  Größen.  Und  zwar  gilt  dies  für  Geldangaben,
die  der  Zeit  nach  erheblich  auseinanderliegen,  nur  in  besonders
auffallendem  Maße;  prinzipiell  haben  wir  dasselbe,  wenn  wir  z.  B.
für  1500  die  Gulden,  Livres  tournois,  Maravedis,  Mark  liibisch
zusammenstellen  wollen.  Wie  sehr  die  Kaufkraft  des  Edelmetalls ­
  regional  verschieden  ist  und  abweicht  von  dem  Metallgehalt ­
  oder  dem  Kurswert,  der  ein  modifizierter  Metallwert  ist,
ist  bekannt  und  drängt  sich  noch  heute  z.  B.  dem  recht  empfindlich ­
  auf,  der  zuerst  einen  Monat  in  Brüssel  und  dann  einen  Monat
nicht  weit  davon  im  Haag  wohnt.
Die  schönen,  auf  Metallgehalt  reduzierten  Tabellen  also  sind
nur  verwertbar  für  die  Frage:  Wieviel  Waren  kann  man  zu
verschiedenen  Zeiten,  oder  in  ökonomisch  verschieden  orientierten
Regionen  auch  zu  derselben  Zeit,  für  das  gleiche  Gewichtsquantum ­
  Edelmetall  ein  tauschen  d.  h.  kaufen?,  mit  anderen
Worten  nur  für  den,  der  sich  mit  der  Geschichte  des
Goldes  und  Silbers  beschäftigt.  Für  den  Historiker  aber
ist  die  Geschichte  der  Edelmetalle  eine  sekundäre  Frage  (doch
s.  Abschn.  V);  er  fragt  unmittelbar  nach  der  Kaufkraft,  und  dann
steckt  in  jeder  Ziffer  der  reduzierten  Tabellen  eine  Unbekannte
oder  Produkte  aus  mehreren  Unbekannten.
Nun  halten  sich  natürlich  diese  Abweichungen  in  bestimmten
Grenzen.  Bei  gleichzeitigem  Geld  ist  ihnen  eine  Grenze  gezogen
dadurch,  daß  jeder  Goldschmied  und  jede  Münzstätte  die  Möglichkeit ­
  hatten,  ungewöhnlich  gute  oder  ungewöhnlich  schlechte
Münzen  mit  Gewinn  einzuschmelzen  oder  umzuprägen;  ein  Vorgang, ­
  der  bekanntlich  in  der  Münzgeschichte  eine  ungemein
wichtige  Rolle  spielt.  In  der  Zeit  aber  geschieht  eine  erhebliche
Veränderung  des  Geldwertes,  auf  den  großen  Durchschnitt  gesehen, ­
  nie  plötzlich,  wofür  freilich  auf  der  andern  Seite  einmal
eingelebte  Veränderungen  auch  bestehen  bleiben  und  sich  stetig
summieren  können  J ).
1)  Dagegen  etwa  bei  den  Getreidepreisen  die  Tendenz,  auf  das  gleiche
Niveau  zurückzukehren.
        <pb n="12" />
        8

Andreas  Walther

Die  Tragweite  jener  Abweichungen  für  unsere  Forschung
wird  vielleicht  deutlich  durch  einen  Blick  auf  die  Geschichte
der  Wissenschaft.  Wir  haben  vor  uns  eine  jener  Übertragungen
von  Methoden  der  führenden  Disziplin,  in  unserem  Fall  der
nationalökonomischen  Preisgeschichte,  auf  eine  junge  und  noch
nicht  zur  Selbständigkeit  gelangte  Grenzdisziplin.  Die  Preisgeschichte ­
  ist  ausgegangen,  pointiert  gesagt,  von  Börseninteressen.
Die  Preisschwankungen  der  Gegenwart  forderten  auf  zu  einer
Untersuchung  ihrer  Gründe,  und  so  kam  man,  die  Methode  nur
so  weit  wie  absolut  nötig  modifizierend,  allmählich  zurück  zunächst
zu  der  klassischen  Zeit  der  ersten  großen  Preisschwankungen,
dem  16.  Jahrhundert.  Während  nun  jene  Differenzen  nicht  schwer
wogen,  solange  man  nur  mit  kleineren  Zeiträumen  der  Gegenwart
und  einzelnen  zentralen  Plätzen  des  Welthandels,  wie  London  und
Hamburg,  zu  tun  hatte,  wurden  sie  doch  mehr  und  mehr  hoffnungslos ­
  verwirrend,  als  es  sich  beim  Zurückgehen  um  eine
Menge  verschiedenartigster  Märkte  und  um  eine  Überschau  über
Jahrhunderte  handelte.
2.  Die  praktischen  Bedenken.
Vor  allem  aber  auch  kam  die  große  praktische  Schwierigkeit ­
  der  Metallreduktion  für  die  Gegenwart  gar  nicht  in
Betracht.  Man  hatte  die  Reduktion  einfach  in  den  Kursen,  soweit ­
  man  überhaupt  verschiedene  Münzsorten  zusammenstellte.  Je
weiter  man  aber  dann  zurückging,  um  so  mehr  differenzierten  sich
und  wechselten  die  Münzen,  um  so  unmöglicher  wurde  es,  wenigstens ­
  für  einzelne  Zeiträume  eine  Münze  gleichbleibenden  Gehalts ­
  und  allgemeinerer  Bedeutung  zu  finden,  auf  die  man,  ohne
allzuviel  von  Exaktheit  aufzugeben,  die  übrigen  nach  dem  so  viel
leichter  zu  erhebenden  Kursverhältnis  reduzieren  könnte  *).  Immer
mehr  fand  man  sich  auf  rein  numismatische  Metallreduktion  zurückgeworfen. ­
  Was  nützt  uns  aber  dieser  Nenner,  wenn  er  geradezu  in  der
1)  Über  die  neuerdings  von  K.  H.  Schäfer  gegebene  dankenswerte
Zusammenstellung  dieser  Art  für  das  13.  und  14.  Jahrhundert  werde  ich  demnächst ­
  in  der  Vjschr.  f.  Soz.-  u.  Wirtschaftsgesch.  berichten.  Hier  nur  so  viel,  daß
die  Reduktion  nach  Kursen  prinzipiell  nichts  anderes  ist  als  die  nach  dem  Metallgehalt, ­
  denn  der  Metallgehalt  bestimmte  die  Kurse  (vgl.  unten  S.  51).
        <pb n="13" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

9

Mehrzahl  der  Fälle  aus  praktischen  Rücksichten  unanwendbar
bleibt?  Aus  gutem  Grunde  hat  sich  seit  Wiebe  *)  niemand
wieder  an  zusammenfassende  vergleichende  Untersuchungen  herangewagt. ­
  Da  seine  Methode  noch  die  Diskussion  beherrscht 2 ),
prüfen  wir  sie  in  Kürze.
Zunächst  gibt  Wiebe  eine  Übersicht  über  die  von  seinen
Vorgängern  aufgestellten  Preistabellen.  Aus  der  ganzen  Fülle
werden  nur  zwei,  die  Leipziger  Getreidepreise  von  Dittmann
(S.  20)  und  die  Aufstellungen  Hanauers  für  das  Elsaß  (S.  21  f.),
ohne  durchgreifende  Korrektur  akzeptiert!  Andere,  die  von
Falke  für  Sachsen,  von  Rogers  für  England,  auch  die  von
Levasseur  für  Paris  mitgeteilten  Listen,  werden  mit  größtem
Arbeitsaufwand  kritisiert  und  umgegossen 3  4 );  ebenso  ein  Teil  der
Warenpreise  für  Orleans,  die  Mantellier  gesammelt  hatte  (S.  23  f.);
ein  Teil  nur,  da  die  „völlige  Durchführung  dieser  sehr  zeitraubenden ­
  Umrechnung  leider  nicht  geschehen  konnte“.  Auch  die
Angaben  von  d’Avenel 1 )  hätten  nicht  ohne  Umarbeitung  verwertet
werden  können,  da  dieser  auf  Silber,  Wiebe  aber  auf  Gold  reduziert. ­
  Gewichtiger  noch  werden  die  Bedenken  gegen  Allgemeingültigkeitsansprüche ­
  dieser  Methode,  wenn  wir  darauf  achten,
daß  Quellenreihen  kleineren  Umfangs  überhaupt  nicht  berücksichtigt ­
  werden  können.  Denn  in  der  Regel  würde  die  Reduktion ­
  einen  Umfang  au  Arbeit,  ja  oft  eingehende  archivalische
Nachforschungen  fordern,  die  in  keinem  Verhältnis  zu  dem  Resultat ­
  stehen  würden.  So  lohnte  sich  für  Wiebe  eine  Umgießung
nicht  bei  den  von  Helferich  auf  den  2472  Guldenfuß  und  den
von  Kids  auf  den  15  Talerfuß  reduzierten  Tabellen  (S.  11  f.,  17),
während  die  Unerreichbarkeit  des  Materials  der  Grund  gewesen
sein  mag,  weshalb  über  drei  besonders  wertvolle  Sammlungen
einfach  zur  Tagesordnung  übergegangen  werden  muß,  die  Brüsseler
Getreidepreistabelle  von  Quetelet  (S.  12  f.),  die  Zusammen-1)

  G.  Wiebe,  Zur  Geschichte  der  Preisrevolution  des  16.  und  17.  Jahrhunderts, ­
  1896.
2)  Z.  B.  Sommeklad  im  Hwb.  d.  Stw.,  3.  Aull.,  1910,  Art.  „Preis“,
S.  117611.:  Hinweis  auf  die  Notwendigkeit  der  Reduktion.
3)  S.  7  {.,  18  f.,  34,  64—60,  60—70.
4)  Vgl.  S.  25  ff.,  29,  Anm.  3.  Ihm  lag  nur  der  Bericht  von  Levasseuk  vor.
        <pb n="14" />
        10

Andreas  Walther

Stellungen  von  Beissel  für  Xanten  (S.  17)  und  von  Sloet  van
de  Beele  für  Arnheim  (S.  21).  Vor  allen  Dingen  aber  wird  in
sehr  vielen  Fällen  das  für  die  Metallreduktion  unentbehrliche
Material  nicht  mehr  erhalten  oder  nie  aufgezeichnet  sein.  Liegen
dann  nicht  etwa  zufällig  genügend  zahlreiche  und  verschiedenartig ­
  orientierte  Kursangaben  vor  (mit  einer  geringeren  Anzahl
kann  man  wegen  der  mitbestimmenden  Zufälligkeiten  nichts  anfangen), ­
  so  würde  eine  Hoffnung  auf  Verwertung  solcher  Materialien ­
  für  alle  Zeiten  ausgeschlossen  sein.
Nicht  weniger  lehrreich  sind  die  positiven  Erörterungen  Wiebes,
in  denen  er  nun  auf  Grund  eines  reichen  Materials  des  Staatsarchivs ­
  zu  Münster  zeigt,  wie  man  es  dagegen  machen  soll 1 ).
Zwar  sei,  so  sagt  er,  eigentlich  nur  die  Reduktion  auf  Silber
richtig,  aber  er  sei  „durch  die  Unmöglichkeit,  den  Feingehalt
der  Silbermünzen,  die  in  Münster  kursierten,  für  jedes  Jahr  festzustellen, ­
  gezwungen  worden,  die  Reduktion  auf  Gold  zu  wählen“,
was  „insofern  auch  berechtigt  sei,  als  am  Rhein  gegen  Schluß
des  Mittelalters  und  auch  noch  bis  zur  Mitte  des  16.  Jahrhunderts
subsidiär  Goldwährung  oder  doch  mindestens  Doppelwährung
bestand“  (S.  51  f.,  95).  Bei  der  Durchführung  dieser  Reduktion
ist  man,  da  Fundstücke  fehlen,  auf  die  beiden  anderen  Wege,
die  Münzurkunden  und  Kurse,  angewiesen.  Es  werden  nun  also
zunächst  sämtliche  Münzordnungen  aus  der  betreffenden  Zeit  aufgezählt ­
  und  jedesmal  unter  Berücksichtigung  der  wechselnden
Relation  von  Gold  und  Silber  festgestellt,  wieviel  Milligramm  Gold
den  einzelnen  Münzen  entsprechen  sollten.  Mit  1560  „scheint  man
in  Münster  zur  Silberwährung  übergegangen  zu  sein“  (S.  84);  man
vergleiche  damit  den  Satz  des  Vorwortes:  „Leider  war  ich  genötigt, ­
  diese  preisstatistischen  Untersuchungen  mit  dem  Jahre  1560
abbrechen  zu  müssen“  (S.  IX)!  Die  Münzordnungen  erlauben
nun  aber  die  Reduktion  der  Silbermünzen  (und  um  die  kleinen
Münzen  handelt  es  sich  bei  den  Warenpreisen  meistens)  auf
Gramme  Gold  nur  zum  geringen  Teil.  So  sieht  sich  Wiebe  genötigt, ­
  diese  Reduktion  unter  Niederschlagung  einiger  Bedenken
(S.  90  ff.)  auf  Umwegen  über  Angaben  des  Kursverhältnisses
besonders  zum  rheinischen  Gulden  vorzunehmen.

1)  Exkurs  IV  über  Geldreduktion,  S.  79—95.
        <pb n="15" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

11

Mit  diesen  Schwierigkeiten  sind  wir  aber  keineswegs  am
Ende.  Vielmehr  hat  Hakms  neuerdings  wieder  ’)  entschieden  darauf
hingewiesen,  daß  die  in  der  „größeren  Mehrzahl  aller  münzgeschichtlichen ­
  Untersuchungen“  übliche  Gründung  der  Resultate
auf  die  Münzordnungen  falsch  ist,  da  der  wirkliche  Feingehalt
der  Münzen  vielfach  von  dem  gesetzlichen,  den  die  Münzmandate
angeben,  abweicht.  Weiter  zeigt  er  uns,  daß,  wenigstens  für
das  ausgehende  Mittelalter,  weder  die  Reduktion  auf  Gold
noch  die  auf  Silber  methodisch  genügen  kann,  vielmehr  alle
Angaben  auf  beide  Metalle  reduziert  werden  müssen,  da  im  faktischen ­
  Verkehr  ein  Silbermarkt  und  ein  Goldmarkt  nebeneinander ­
  bestanden  (S.  241  lf.).  Endlich  hat  er  von  neuem 1  2 )  darauf
hingewiesen,  daß  die  verschiedenen  Silbermünzen  sehr  oft  nicht
denjenigen  Metallgehalt  hatten,  der  ihrem  gegenseitigen  Verhältnis
nach  dem  Gesetz  und  auf  dem  Markt  hätte  entsprechen  müssen,
so  daß  „exakte  Feingehaltsberechnungen  von  Ausgaben  oder
Einnahmen,  die  in  mittelalterlichen  Silbermünzen  erfolgt  sind,
sich  überhaupt  nicht  ermöglichen  lassen“,  da  ja  nicht  festgestellt
werden  könne,  in  welchen  Stücken  die  Zahlungen  geleistet  wurden
(S.  214  f.).  Schon  hier  also  muß  an  einem  so  entscheidenden
Punkt  die  Exaktheit  auch  prinzipiell  durchbrochen  werden,  indem
man  für  die  Reduktion  auf  Silber  die  „mittleren  Stücke“  zugrunde ­
  legt.
Noch  bedenklicher  kommen  die  Fundamente  der  Methode
ins  Wanken,  wenn  man  darauf  achtet,  daß  bei  Münzveränderungen ­
  die  Preise  keineswegs  einfach  nun  auch  proportional  der
Abnahme  des  Feingehalts  sich  verändern,  vielmehr  der  frühere
Nominalwert  der  Münzen  einen  sehr  starken  Einfluß  auf  die  Preisbildung ­
  behält 3 ).  Auf  Grund  solcher  Beobachtungen  haben  schon

1)  Besonders  S.  211.  Vgl.  schon  L.  Cibrario,  Deila  economia  politica
del  medio  evo,  2.  Aufl.,  1841  f.,  m,  225;  Hanauer,  ßtudes  economiques  sur
l’Alsace  ancienne  et  moderne,  1878,  I,  31  ff.;  Wiebe  85,  91  f.
2)  Ähnlich  schon  Cibrario  a.  a.  0.,  neuerdings  auch  K.  H.  Schäfer  in
der  Einleitung  zu  den  „Ausgaben  der  apostolischen  Kammer  unter  Johann  XXII.“,
!9H,  S.  1.
3)  Vgl.  Harms  220f.  Noch  viele  andere  Unregelmäßigkeiten  kommen  in
Betracht,  besonders  daß  im  Gegensatz  zu  dem  sieh  wehrenden  freien  Handel
        <pb n="16" />
        12

Andreas  Walther

Leber  *)  und  neuerdings  d’Avenel  überhaupt  auf  numismatische
Exaktheit  verzichtet  und  stellen  anstatt  dessen  nur  summarisch
die  Wertveränderungen  des  Livre  tournois  nach  längeren  Perioden
zusammen 1  2 ).  Die  dazu  notwendige  Unterscheidung  wirkungsloser
und  dauernd  merkbarer  Veränderungen  des  Münzwertes  kann
natürlich  nur  auf  einer  Schätzung  aus  der  Fülle  des  Materials
selbst  heraus  beruhen.  Und  wenn  d’Avenel  zugleich  für  jede
dieser  Perioden  die  jeweilige  Kaufkraft  des  Silbers  im  Verhältnis ­
  zu  der  heutigen  angibt 3 ),  so  geschieht  auch  dies  im  Grunde
schätzungsweise  und  direkt  (vgl.  oben  S.  6),  nicht  auf  Grund
einer  exakten  Durchführung  der  Methode,  von  der  er  im  Anschluß

die  Regierung,  von  der  die  Münzverschlechterung  ausging,  erst  einmal  ohne
weiteres  ihre  Zahlungen  in  den  schlechteren  Münzen  leistet.
1)  Leber,  Memoires  sur  l’appreciation  de  la  fortune  privee  au  moyen
äge  relativement  aux  variations  des  valeurs  monetaires  et  du  pouvoir  commereial
  de  l’argent;  1841  gelesen,  zuerst  gedruckt  in  den  Memoires  presentes
par  divers  savants  ä  l’Academie  royale  des  inseriptions  et  belles-lettres  de
l’Institut  de  France,  l e  Ser.,  Tomei,  Paris  1844,  4°,  S.  230—338.  Br  ist  ein
würdiger  Vorgänger  von  d’Avenel.
2)  Vicomte  d’Avenel,  Histoire  economique  de  la  propriete,  des  salaires,
des  denrees  et  de  tous  les  prix  en  general  depuis  l’an  1200  jusqu’en  l’au
1800,  5  Bde,  Paris  1894—1909.  Gegen  die  numismatische  Exaktheit  der
Untersuchungen  von  de  Wailly  über  das  Livre  tournois:  I,  48,  53,  60.  Die
von  Leber  gewählten  Zeiträume  von  je  50  Jahren  erklärt  d’Avenel  für  zu
groß  und  viel  zu  symmetrisch  (I,  61).  Er  selbst  teilt  die  6  Jahrhunderte,  mit
denen  sein  Buch  sich  beschäftigt,  in  18  unregelmäßige  Perioden,  die  nur  die
merkbaren  und  andauernden  Veränderungen  des  Metallgehalts  zur  Darstellung
bringen  sollen:  Tafeln,  Bd.  I,  481  und  V,  350f.,  auch  in  dem  Bericht  von
E.  Levasseur,  Rapport  sur  deux  concours  pour  le  prix  Rossi,  Sdances  et
travaux  de  l’Academie  des  Sciences  morales  et  politiques,  Nouv.  Ser.,  Tome
XXXVUI,  Paris  1892,  S.  349—419,  dort  S.  399,  vgl.  357  f.
3)  Tabellarische  Zusammenfassung  I,  27,  Anm.,  32,  Anm.  (nach  33,  Anm.
nur  für  Frankreich  anwendbar).  Im  5.  Band  (von  1909)  hat  er  (leider)  sich
geradezu  entschlossen,  im  Gegensatz  zu  den  4  ersten  die  Preise  nicht  mehr
anzugeben  in  „Francs  intrinseques  d’apres  son  poids  d’argent“  (indem  nämlich ­
  für,  gleichviel  welche,  Periode  immer  das  Gewichtsquantum  von  4'/2  Gramm
Silber  gemäß  dem  heutigen  Geld  als  „franc“  bezeichnet  wird),  sondern  er
sucht  nun  in  allen  Geldangaben  gleich  die  Kaufkraft  darzustellen,  indem
er  je  nach  den  Zeiten  mit  4,  3‘/2  usw.  multipliziert,  also  die  Angaben  in
„Francs  actuels“  gibt  (V,  7  f.,  Tabelle  S.  350  f.).
        <pb n="17" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

13

an  Hanauer  einleitend  spricht').  Die  Sicherheit  seiner  Schätzung
verdankt  d’Avenel  vor  allem  dem  exzeptionellen  Umstand,  daß
er  es  in  der  ganzen  Fülle  seiner  Materialien  mit  einer  einzigen
Münze  weiten  Geltungsbereichs  durch  Jahrhunderte  hindurch  zu
tun  hatte.  Aber  sollte  diese  Methode,  zu  der  wir  die  einzige
wirklich  großzügige  und  auch  frühere  Jahrhunderte  umfassende
preisgeschichtliche  Untersuchung  rekurrieren  sehen,  sich  nicht  zu
allgemeiner  Verwendbarkeit  ausbauen  und  in  wissenschaftlich
einwandfreier  Weise  fixieren  lassen?  Wir  werden  noch  sehen,
weshalb  das  Arbeiten  aus  einem  methodisch  geschulten  und  durch
Tabellen  gestützten  Schätzungsvermögen  heraus  keineswegs
nur  ein  Auskunftsmittel  ist,  vielmehr  auch  streng  wissenschaftlich
viel  höher  steht  als  das  Verfolgen  des  in  diesem  Fall  prinzipiell
irrigen  Ideals  rechnerischer  Exaktheit.  In  der  Anwendungsweise
freilich  werden  wir  uns  ziemlich  weit  entfernen  müssen  von  dem
optimistischen  Zutrauen  d’Avenels  zu  rechnerischer  Durchführung ­
  auf  Grund  von  schätzungsweise  gewonnenen  Zahlen.
IT.  Das  Suchen  nach  einem  konstanten  Wertmesser  des
Geldes 1  2 ).
1.  Die  Preisgeschichte.
Ist  jede  einzelne  Preisangabe  nur  eine  Relativzahl  (oben  S.  5),
jede  Kombination  von  Preisangaben  also  ganz  durchsetzt  mit
Relativitäten  (oben  S.  7),  so  kompliziert  sich  die  Sache  weiter,  sobald ­
  es  sich  um  Zusammenstellungen  von  Preisen  verschiedenartiger ­
  Güter  und  Leistungen  handelt.  Wie  soll  man  es  vergleichen ­
  und  rechnungsmäßig  zusammenfassen,  wenn  sich  die
Preise  für  einen  Zentner  Roggen,  ein  Pfund  Butter  und  die
Tagesarbeit  eines  Mannes  in  verschiedener  Weise  geändert  haben?
Die  wirklichen,  absoluten  Zahlen  würden  ganz  inkommensurabel
1)  I,  10  (unten  S.  20  f.),  vgl.  besonders  III,  177  ff.
2)  Literaturverzeichnisse  im  Hwb.  d.  Stw.  zum  Wort  „Preis“;  bei  C.  M.
Wvlsh,  The  Measurement  of  General  Exchange  Yalue,  New  York  1901,
S.  553—674,  wertvoll  durch  die  beigefügten  Notizen;  bei  C.  M.  Walsh,  The
Fundamental  Problem  in  Monetary  Science,  1903,  im  Text;  hei  Kemmerer,
Money  and  Credit  Instruments  in  their  Relation  to  General  Prices,  2.  Ausg.,
Rew  York  1909,  S.  151-160;  und  sonst.
        <pb n="18" />
        14

Andreas  Walther

nebeneinander  stehen.  Aber  die  prozentuale  Verschiebung
kann  man  natürlich  auch  bei  völlig  verschiedenwertigen  Größen
doch  gleichmäßig  darstellen 1 ).  Daher  die  beherrschende  Bedeutung ­
  der  „Index  Numbers“  für  unsere  Forschung 2 ).
Das  Verfahren  ist  folgendes.  Man  setzt  für  alle  einzelnen  zu
vergleichenden  Waren  oder  Güter  die  Preishöhe  in  der  Periode,
die  man  als  Ausgangspunkt  nehmen  will,  gleich  100  und  gibt
die  entsprechenden  Preise  für  alle  anderen  Perioden  nur  im  Verhältnis ­
  zu  der  Zahl  dieser  Basisperiode,  d.  h.  dieser  gegenüber
in  Prozenten  an.  So  können  wir  nun  bequem  schematisch  vergleichen, ­
  z.  B.  in  welcher  Weise  sich  der  Preis  des  Roggens  im
Verhältnis  zu  dem  des  Indigo  verändert  hat.
Bildete  man  nun  aber  zweitens  aus  sämtlichen  Zahlen  für
jede  Periode  das  Mittel,  so  schienen  sich  in  der  Höhe  dieser
Durchschnittsziffern  die  prozentualen  Veränderungen  der  Kaufkraft ­
  des  Geldes  (hier  zunächst  von  den  Wandlungen  des  „Gesamtpreisniveaus“ ­
  verstanden)  darzustellen.  Freilich  natürlich
immer  nur  so,  daß  die  verbilligenden  und  verteuernden  Momente,
die  einerseits  auf  seiten  der  Waren,  andererseits  auf  seiten  des
Geldes  liegen  können,  alle  zugleich  in  diese  Durchschnittszahlen
hineinkonzentriert  werden,  wobei  sie  in  kompliziertester  Weise
teils  sich  summieren  und  teils  sich  aufheben.  Immerhin  waren
diese  Resultate  ungemein  wertvoll  als  heuristisches  Prinzip,  indem ­
  man  nämlich  nun  durch  Hinzubringen  von  möglichst  vielen
Daten  zur  Geschichte  der  einzelnen  Waren  und  Warengruppen,
das  Edelmetall  eingeschlossen,  die  einzelnen  Ziffern  zu  erklären,
d.  h.  in  jene  beiden  Faktoren  zu  zerlegen  suchen  konnte.  Allzu
hoffnungsvoll  freilich  wird  man  angesichts  der  Diskussionen  über
die  „Quantitätstheorie“  (die  These,  daß  entscheidend  für  Veränderungen ­
  des  allgemeinen  Preisniveaus  die  Quantität  des  zirkulierenden ­
  Edelmetalls  sei)  nicht  sein  dürfen,  was  natürlich  in
ganz  besonderem  Maße  bei  einem  Zurücktragen  der  Methode
1)  Ein  Hauptvorteil  der  zu  empfehlenden  Methode  ist  der,  daß  die  absoluten ­
  Zahlen  nicht  verloren  gehen,  siehe  unten  Abschnitt  IV,  S.  42  f.
2)  Herr  Prof.  St.  Bauer  in  Basel  weist  mich  freundlichst  hin  auf  die
neueste  Darstellung  vom  nationalökonomischen  Standpunkt:  Irving  Fisher,
The  Purchasing  Power  of  Money,  New  York  1911.
        <pb n="19" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

15

in  die  Forschung  über  frühere  Perioden  gilt,  deren  ökonomische
Entwicklung  so  viel  launenhafter  war  und  uns  immer  nur  lückenhaft ­
  bekannt  sein  wird  1 ).
Der  Hauptgrund  der  geringen  Erfolge  liegt  schon  in  der  praktischen ­
  Unmöglichkeit,  aus  den  einzelnen  Preisen  einen  solchen
Durchschnitt  zu  bilden,  der  wirklich  ein  Ausdruck  der  Gesamtheit ­
  des  ökonomischen  Lebens  sein  könne.  Streng  genommen
müßten  alle  Waren  berücksichtigt  werden,  und  zu  Zusammenstellungen ­
  von  mehreren  Hunderten  hat  man  es  schon  gebracht.
Insbesondere  sind  nicht  nur  die  Waren  des  Großhandels,  sondern
auch  die  des  Detailhandels  zu  berücksichtigen.  Jedes  Resultat
für  Veränderungen  des  Preisniveaus  bezieht  sich  natürlich  immer
nur  auf  die  Waren,  die  in  jedem  Falle  den  Berechnungen  zugrunde ­
  gelegt  waren.  Streng  genommen  können  also  exakte
Resultate  für  das  „allgemeine  Preisniveau“  überhaupt  nicht
erlangt  werden;  bei  umsichtiger  Wahl  der  Waren  ist  aber  sicher
eine  hohe  Annäherung  zu  erreichen.
Wer  für  die  Auswahl  aus  der  ganzen  Fülle  eine  umsichtige
Überlegung  fordert  —  und  es  wird  schwerlich  jemanden  geben,
der  es  nicht  täte  —,  der  muß  dasselbe  fordern  für  die  Art  der
Durchschnittsbildung  aus  den  Preisen  der  gewählten  Waren.
Haben  wir  neben  dem  Roggen  den  Indigo  aufgenommen,  so
bekommt  offenbar,  auf  die  Zusammenhänge  des  ökonomischen
Lebens  gesehen,  bei  einer  einfachen  Durchschnittsbildung  der
Indigo  einen  viel  zu  grossen,  der  Roggen  einen  viel  zu  geringen
Einfluß  auf  das  Endresultat.  Es  muß  also  bei  Gewinnung  der
Mittel  in  irgendeiner  Weise  der  verschiedenen  Bedeutung  der
einzelnen  Waren  Rechnung  getragen  werden.  Die  gesamten  weitschichtigen ­
  Untersuchungen  über  Verbesserung  der  Indexziffern
und  über  Ermittlung  eines  konstanten  Wertmessers  des  Geldes
stehen  unter  dem  Zeichen  dieses  Problems.
Auf  zweierlei  Weise  hat  man  versucht,  dieser  „Bedeutung“
beizukommen.  „Bedeutung“  ist  ja  ein  Relativausdruck;  es  muß
immer  erst  gefragt  werden:  Bedeutung  in  bezug  auf  was,  in
1)  Obwohl  für  Wiebe  bei  der  großen  Entschiedenheit  der  Bewegung,
mit  der  er  zu  tun  hatte,  die  Verhältnisse  besonders  günstig  lagen,  sind  doch
seine  Resultate,  wie  er  selbst  oft  genug  klagt,  alles  andere  als  befriedigend.
        <pb n="20" />
        16

Andreas  Walther

welchem  Zusammenhang?  Die  eine  Argumentationsreihe  nun
sucht  die  Bedeutung  der  einzelnen  Waren  in  bezug  auf  die
„Volkswirtschaft“  festzustellen,  die  andere  (unten  unter  2)
in  bezug  auf  die  Privatwirtschaften.  In  beiden  Fällen  wird
jede  Preisangabe  in  den  Indexzitfern  mit  einem  6  iWichtigkeitskoeffizienten ­
  versehen,  ehe  die  zu  vergleichenden  Durchschnitte ­
  gebildet  werden.  Wie  gewinnen  wir  die  Koeffizienten?
Von  mehr  theoretischen,  mathematisch  bestimmten  Erörterungen ­
  über  Durchschnittsbildung  überhaupt  sind  diese  Untersuchungen ­
  ausgegangen.  Die  Frage  stand  zunächst  nur  so:  wie
kann  theoretisch  einwandfrei  überhaupt  eine  Durchschnittsbildung
aus  mehreren  Preisangaben  vorgenommen  werden?  Die  Antwort
war,  daß  es  gelte,  die  umgesetzten  Warenmengen  mit  in  Rücksicht ­
  zu  ziehen.  Nach  einer  1871  gepflogenen  Debatte  zwischen
Deobisch,  Laspeyres  und  Held  j )  hat  Lehr  1885  durch  Einführung ­
  der  fingierten  Rechnungsgrösse  einer  „Genußeinheit“,
d.  h.  der  Quantität,  die  man  von  jeder  Ware  für  eine  Mark  erhält, ­
  die  gebliebenen  Schwierigkeiten  zu  lösen  versucht 1  2 ).
Wie  man  auch  über  die  theoretischen  Ergebnisse  denken  mag,
aus  praktischen  Gründen  hoffnungslos  ist  wenigstens  vorläufig
noch  die  uns  eigentlich  allein  interessierende  Anwendbarkeit  auf
das  Ganze  der  Volkswirtschaft  oder  der  Weltwirtschaft:  der
Übergang  von  theoretischen  Erörterungen  über  Kombination  einzelner ­
  Marktnotizen  zur  Berücksichtigung  der  an  den  großen  ökonomischen ­
  Zusammenhängen  orientierten  Bedeutung  der  einzelnen
Waren.  Man  müßte  die  in  einer  gegebenen  Volkswirtschaft  oder
der  Weltwirtschaft  verbrauchten  Gesamtmengen  der  einzelnen ­
  Waren 3 )  den  Berechnungen  zugrunde  legen  können.  Die
1)  Meist  in  den  Jahrbüchern  für  Nationalökonomie  und  Statistik  jenes
Jahres,  Bd.  XYI,  S.  143—156,  296—314,  315—340,  416—427.  Vorher  ging
ein  Aufsatz  von  Drobisch  in  den  Berichten  der  sächsischen  Gesellschaft  der
Wissenschaften  desselben  Jahres.
2)  J.  Lehr,  Beiträge  zur  Statistik  der  Preise,  Frankfurt  1885.  Ein  sehr
prägnanter  Bericht  über  seine  Methode  bei  Lexis,  in  den  genannten  Jahrbüchern ­
  N.  F.  XIII  (1886),  S.  117  f.
3)  Vgl.  z.  B.  Soetbeer,  Materialien  zur  Erläuterung  und  Beurteilung  der
■wirtschaftlichen  Edelmetallverhältnisse  und  der  Währungsfrage,  2.  A.,  Berlin
1886,  S.  94  ff.  Derselbe  in  Conrads  Jahrbüchern,  N.  F.  XXI,  1890,  S.  413ff.
        <pb n="21" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

17

vorläufige  praktische  Unausführbarkeit  läßt  uns  auch  das  Verfahren ­
  von  Lexis  nur  kurz  erwähnen,  der  in  der  Summe  aller
von  den  Konsumenten  gezahlten  Preise  ')  eine  Größe  sieht,  in  der
die  äußeren  (die  auf  seiten  der  Waren  liegenden)  Momente  der
Geldwertänderung  sich  in  hohem  Grade  gegenseitig  aufheben,
so  daß  wir  hier  eine  Größe  gewinnen  würden,  die  jenes  Grundproblem ­
  lösen  könnte,  die  inneren  (die  auf  seiten  des  Geldes
liegenden)  Änderungen  des  Geldwertes  zu  isolieren.
Eben  wegen  dieser  Bedenken  gegen  die  Ausführbarkeit  werfen
wir  nur  einen  flüchtigen  Blick  auf  eventuelle  Möglichkeiten  späterer
Forschung,  diese  Gedankenreihen  auch  für  frühere  Jahrhunderte
zu  verwerten.  Wenn  heute  bei  der  Bedeutung  für  die  „Volkswirtschaft“ ­
  in  der  Regel  an  die  modernen,  ökonomisch  geschlossenen ­
  Großstaaten  gedacht  wird,  so  kommt  das  natürlich  für  die
vormerkantilistische  Zeit  nicht  in  Betracht.  Man  müßte  entweder
den  Rahmen  ausweiten  zur  Bestimmung  der  Weltwirtschaft  oder
ihn  einengen  auf  die  kleinen  ökonomisch  geschlossenen  Gebiete,
besonders  die  Städte.  Die  Chancen  für  Feststellung  der  Ziffern
der  Weltwirtschaft  sind  nicht  von  vornherein  hoffnungslos,  da
man  bei  dem  monopolistischen  Betrieb  des  Großhandels  und  den
zahlreichen  Zollstätten  oft  den  Weg  gerade  der  die  Weltwirtschaft
beherrschenden  Waren  auffallend  genau  verfolgen  kann.  Z.  B.
von  dem  Strom  der  Kolonialwaren,  der  im  16.  Jahrhundert  von
Lissabon  und  Sevilla  ausgeht,  treffen  wir  den  Hauptarm  wieder
m  den  Niederlanden,  einen  wichtigen  Zweig  im  Sund;  und
ähnlich  für  viele  Waren  auf  allen  Hauptstraßen  des  Weltverkehrs. ­
  Noch  aussichtsvoller  werden  Untersuchungen  über  den
Gesamtumsatz  ökonomischer  Werte  in  den  Städten  sein.  An
der  Hand  der  Rechnungen  über  Zoll,  Akzise,  Brückengeld  usw. 1  2 )
^ag  oft  die  Feststellung  gelingen  können,  in  welchen  Mengen
die  wichtigeren  Waren  in  eine  Stadt  von  bestimmbarer  Bevöl■Wit ­
  einigem  Erfolg  hat  man  die  Methode  wenigstens  für  die  Mengen  des
Außenhandels  angewandt.  —  Immer  freilich  berücksichtigt  man  nur  den  Teil
d®s  ökonomischen  Organismus,  der  sich  in  Bewegung  befindet.
1)  Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswiss.  XLIV  (1888),  S.  221—262,
—608,  besonders  S.  225  ff.
2)  Von  edierten  Rechnungen  vgl.  besonders  die  der  Stadt  Tours.
2
        <pb n="22" />
        18

Andreas  Walther

kerungszahl  und  Bevölkerungsschichtung  einströmten  und  wieder
ausflossen  *).
2.  Die  Budgetmethode.
Mit  solchen  Untersuchungen  wären  wir  schon  bei  der  Konsumtionsstatistik ­
  angelangt,  auf  die  schließlich  doch  auch
die  Ziffern  für  den  Gesamtumsatz  in  der  Volks-  oder  Weltwirtschaft ­
  zurückgeführt  werden  können,  sofern  dabei  außer  den
Einzelhaushaltungen  auch  die  Kollektivhaushaltungen,  wenn  man
so  sagen  darf,  Staatshaushalt,  Kriegskosten  usw.,  zu  ihrem  Rechte
kommen  (siehe  unten).  Zunächst  aber  haben  uns  die  Privathaushaltungen ­
  eingehender  zu  beschäftigen.  Denn  wenn  wir  in
historischen  Untersuchungen  von  dem  wechselnden  Geldwert
reden,  denken  wir  nicht  eigentlich,  wie  bisher  angenommen  wurde,
an  das  Preisniveau  der  Waren  etwa  gar  überwiegend  des  Großhandels, ­
  sondern  wir  denken  an  Änderungen  des  Geldwertes,
die  in  den  Privathaushaltungen  fühlbar  werden.  Auf
dieser  Fassung  des  seiner  Natur  nach  so  wandelbaren  Begriffs
(siehe  unten)  fußen  nun  zunächst  unsere  weiteren  Erörterungen.
Es  ist  der  erste  Schritt  auf  dem  Wege,  auch  und  vor  allen  Dingen
den  subjektiven  Momenten  des  Begriffes  „Geldwert“  entschlossen ­
  ihr  Recht  zu  geben.
In  diesen  Zusammenhang  darf  man  auch  die  älteren  Nachspürungen ­
  nach  einem  konstanten  Wertmesser  des  Geldes  stellen.
Lange  Zeit  glaubte  man  in  den  Getreidepreisen  einen  konstant
bleibenden  Maßstab  gefunden  zu  haben.  Autoren  wie  Cibrario  und
Beissel  haben  ihre  gesamten  Umrechnungen  danach  vollzogen 2 ).

1)  Vgl.  auch  Schmolle»,  Die  historische  Entwicklung  des  Fleischkonsums,
Ztft.  f.  d.  ges.  Staatswiss.  XXVII  (1871),  S.  284—362.
2)  Cibrario  m,  222,  besonders  die  Kurstabellen  S.  247  ff.  mit  den  beiden
Rubriken:  valore  in  metallo  und:  valor  vero  in  fromento.  Die  erste  wäre
freilich  für  ihn  entbehrlich  gewesen,  denn  wenn  man  einen  Wertmaßstab
gewonnen  hat,  kann  man  auch  gleich  direkt  übersetzen  (oben  S.  6).  So
rechnet  etwa  Beissel:  Die  Baukosten  der  Xantener  Kirche  beliefen  sich  in
den  beiden  Jahrhunderten  von  1360  bis  1560  auf  90  000  Kapitelsmark;  dafür
konnte  man  eine  bestimmte  Menge  Getreide  kaufen;  dieselbe  Menge  Getreide
kostet  heute  (1884)  1 1 /n  MilL  Mark;  also  betrugen  die  Baukosten  in  unserem
Geld  l‘/ 2  Mül.  Mark.
        <pb n="23" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

19

Levasseur  hat  die  Methode  durch  systematische  Beschränkung
auf  einzelne  Märkte  noch  zu  retten  versucht').  Der  zweite  klassische ­
  Wertmesser,  der  Arbeitslohn,  ist  noch  neuerdings  von
Lamprecht  behauptet  und  verteidigt  worden 1  2 ).  Aber  da  gibt,
wenn  ich  recht  sehe,  nicht  mehr  die  alte  SMiTHsche  Begründung 3 )
den  Ausschlag,  vielmehr  die  Tatsache,  daß  in  dem  Arbeitslohn
zugleich  das  Budget  der  Arbeiterfamilie  gegeben  ist.  Auch  die
Bedeutung,  die  man  den  Getreidepreisen  als  Wertmesser  zuschrieb, ­
  beruhte  doch  eigentlich  auf  dem  Gedanken,  daß  das
Getreide  als  der  wichtigste  Konsumtionsartikel  immer  dieselbe
Bedeutung  in  dem  einzelnen  Budget  habe,  also  sein  Preis  den
Gesamtziffern  der  Haushaltungsausgaben  parallel  gehe.  Darin
liegt  in  der  Tat  ein  nicht  zu  unterschätzendes  Wahrheitsmoment.
Aber  die  eigentliche  Fruchtbarkeit  der  Budgetmethode  hat  noch
nicht  recht  frei  werden  können.  Der  Grund  wird  vielleicht  darin
gesucht  werden  müssen,  daß  man  sich  (wie  wir  gleichzeitig  in
anderen  Wissenschaften  beobachten)  nur  schwer  den  zunächst
scheinbar  zersetzenden  Subjektivierungen  fügte,  vielmehr  möglichst
lange  noch  an  den  objektiven  Kategorien  der  Preisgeschichte,
den  festen  Grundlagen  ihres  Quantitativ-Realen  sich  hielt.  Daher ­
  kam  man  zwar,  einerseits  von  den  historischen  Getreidepreistabellen, ­
  andrerseits  von  den  modernen  Indexziffern  für
Waren  des  Großhandels  her,  auf  die  Forderung  möglichst  allsei ­
  t  i  g  e  r  Registrierung  des  „prix  de  la  vie“  4  5 ),  der  „Gegenstände
des  menschlichen  Bedarfs“ 6 );  aber  das  Gewicht  lag  und  liegt
meistens  noch  völlig  auf  den  objektiv  und  quantitativ  faßbaren
»Gegenständen“  und  „Preisen“,  nicht  auf  der  so  bedenklich  subjektiven ­
  Apposition:  „Lebenshaltung“,  „menschlicher  Bedarf“.

1)  E.  Levasseur,  Une  methode  pour  mesurer  la  valeur  de  l’argent,
Journal  des  Economistes  1856,  S.  228  ff.  Später  hat  er  gegenüber  den  umfassenderen ­
  Feststellungen  d’Avenels  seine  Resultate  zurückgenommen,
Levasseur,  Rapport,  S.  359,  361.
2)  Deutsches  Wirtschaftsleben.
3)  „Labour  is  the  measure  of  value“.
4)  So  schon  1841  Leber,  Memoires,  S.  270;  ähnlich  dann  Soetbeek,
Materialien,  S.  XI,  87  ff.;  Lehr  S.  70,  u.  a.
5)  Luschin,  Münzgeschichte,  184,  187.
        <pb n="24" />
        20

Andreas  Walther

Diese  Mischung  der  Methoden  ist  wohl  am  typischsten  ausgebildet ­
  bei  Hanauer  1 ).  In  dem  Schlusskapitel  seines  Werkes,
gleichsam  als  Anhang  zu  den  preisstatistischen  Feststellungen,
operiert  er  folgendermaßen.  Um  aus  den  Warenpreisen  einen
allgemeinen  Wertmesser  des  Geldes  zu  abstrahieren,  fassen  wir
zunächst  die  unendliche  Fülle  der  Waren  in  wenige  (zehn)  Kategorien ­
  zusammen:  Lebensmittel,  Beleuchtung  usw.  Die  Menge  von
Gütern,  die  man  während  des  Zeitraums  1851—1875  in  jeder
dieser  Kategorien  für  ein  gewisses  Gewichtsquantum  Edelmetall
erhielt,  wird  gleich  1  gesetzt  und  nun  bestimmt,  wieviel  mehr
(resp.  weniger)  von  jeder  Warenkategorie  man  bis  zum  Jahre  1300
zurück  in  25jährigen  Perioden  für  das  gleiche  Gewichtsquantum
Edelmetall  bekam.  Die  so  gewonnene  Tabelle 2 )  zeigt,  daß  die
Kaufkraft  des  Edelmetalls  sich  den  einzelnen  Güterkategorien
gegenüber  in  verschiedenem  Maße  verändert  hat.  Um  nun  die
durchschnittliche  Veränderung  zu  finden,  müssen  wir  zunächst
die  der  Bedeutung  jeder  Ware  entsprechenden  Gewichtigkeitskoeffizienten ­
  aufsuchen 3 ).  Dazu  wird  festgestellt,  daß  in  heutigen
Arbeiterbudgets  auf  Lebensmittel  60  %  der  Gesamtausgaben
kommen,  auf  Kleidung  17  %  usf.,  dagegen  in  den  Budgets  der
mittleren  Volksklassen  auf  Lebensmittel  50  °/o,  auf  Kleidung
20°/o  usf.  Die  Lebensverhältnisse  der  oberen  Klassen  scheidet
Hanauer  als  nicht  feststellbar  aus  und  legt  den  Durchschnitt
aus  den  beiden  unteren  (55°/o  auf  Lebensrnittel,  18°/°  auf
Kleidung  usf.),  d.  h.  ein  konstruiertes  Normalbudget,  seinen  Berechnungen ­
  zugrunde.  Nun  werden  ferner  als  nicht  mit  Sicherheit ­
  bestimmbar  und  angeblich  nach  den  übrigen  Preisen  sich
richtend  die  22%  für  Wohnung,  Möbel  und  Varia  sowie  die
18  °/o  für  Kleidung  ausgeschieden.  Es  bleiben  also  60%  des
Gesamtbudgets,  wovon  allein  55  auf  Lebensmittel  (5  auf  Licht
und  Heizung)  gehen.  Nachdem  man  nun  die  in  jener  Tabelle

1)  A.  Hanauer,  fätudes  economiques  sur  l’Alsace  ancienne  et  moderne,  1878.
2)  Bd.  H,  S.  604.
3)  Siehe  oben  S.  16.  Es  ist  ja  prinzipiell  dasselbe,  ob  in  den  Indexziffern ­
  als  Basis  die  Zahl  100  genommen  wird  und  man  dann  zeitlich  vorwärtsschreitet, ­
  oder  oh,  wie  hier,  die  Basis  1  gewählt  wird  und  man  zeitlich
rückwärtsgeht.
        <pb n="25" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

21

stehenden  Zahlen  für  diesen  Rest  init  den  entsprechenden  Bedeutungskoeffizienten ­
  ’)  multipliziert  hat,  zieht  man  aus  ihnen
das  Mittel,  wobei  sich  dann  ergibt,  daß  z.  B.  in  der  Periode  1376
bis  1400  der  Geldwert  4,92  mal  größer  gewesen  sei  als  in  der
Basisperiode  1851—1875,  und  so  fort.  Überschauen  wir  das
Verfahren,  so  kommt  es  bei  allem  methodologischen  Aufwand
und  aller  rechnerischen  Kompliziertheit  doch  schließlich  nur  darauf ­
  hinaus,  daß  an  den  Kosten  der  Lebensmittel,  die  die
unteren  Volksklassen  verzehrt  haben  würden,  wenn  ihr
Budget  dem  des  heutigen  Arbeiters  gleichartig  gewesen  wäre
(in  der  Verteilung  und  also  doch  auch  in  den  einzelnen  Quantitäten), ­
  die  Veränderungen  des  Geldwertes  gemessen  werden.
Sachlich  ist  es  wesentlich  dasselbe,  ob  man  in  der  skizzierten
Weise  nach  der  prozentualen  Verteilung  der  Budgetbestandteile
die  Ziffern  der  Indexzahlen  mit  Gewichtigkeitskoeffizienten  versieht, ­
  oder  ob  man  direkt  die  absolute  Höhe  eines  in  allen  Teilen
quantitativ  fest  bestimmten  Normalbudgets  vergleicht.  Darum
brauche  ich  nicht  im  einzelnen  einzugehen  auf  etwas  abweichende
Methoden.  Zu  nennen  ist  besonders  d’AvENEL,  der  zu  Anfang
ganz  hoffnungsvoll  eine  Berücksichtigung  auch  der  mittleren  und
reichen  Klassen  ankündigt 1  2 ),  aber  in  dem  fünften  mit  diesen
beiden  Klassen  sich  beschäftigenden  Band  seine  Erörterungen
sich  auffallend  verflüchtigen  läßt 3 );  ferner  Foville,  der  von  vornherein ­
  mit  einem  konstruierten  Durchschnittsbudget  arbeitet 4  5 );
sowie  v.  Wieser,  der  eine  größere  Anzahl  von  Typen  zugrunde
legt 6 ).  Die  offizielle  Statistik  der  Vereinigten  Staaten  hat  diese

1)  Die  Lebensmittel  sind  wieder  ihrerseits  spezifiziert  worden:  Brot  und
Mehl  machen  25  °/o,  Fleisch  18%  derselben  aus,  usw.
2)  I.  10  f.  Exakt  durchgeführt  hat  er  die  Berechnungen  nur,  nach  einem
Versuch  über  den  Wechsel  des  Geldwertes  in  Bezug  auf  bewegliches  und
Unbewegliches  Eigentum  (Tabelle  in  Bd.  II,  S.  882),  für  die  Einnahme-  und
Ausgabebudgets  der  Arbeiter;  siehe  die  sehr  interessanten  Tabellen  III,  382
und  besonders  IV,  576f.
3)  Wo  bleibt  die  Hoffnung  auf  Durchführung  einer  Methode,  wenn  auch
e in  Arbeiter  wie  D’Avenbl  erlahmt!
4)  A.  de  Foville,  Art.  „prix“  im  Nouveau  dictionnaire  d’economie  politique
  (1892),  H,  609  f.  Derselbe:  La  Monnaie,  Paris  1907.
5)  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik  Bd.  132  (1909),  S.  497—549:
        <pb n="26" />
        22

Andreas  Walther

Berechnungen  nach  einem  Versuch  ihrer  Kompliziertheit  wegen
wieder  fallen  lassen.  Dies  Bedenken  wird  für  die  früheren  Jahrhunderte ­
  noch  sehr  viel  ernster,  da  zugleich  eine  vollendete  Geldund
  Maßreduktion  zugrunde  liegen  muß,  was  von  vornherein  ihre
allgemeine  Verwendbarkeit  ausschließt  (siehe  oben).  Entscheidend
fällt  aber  ins  Gewicht  eine  prinzipielle  Unzulässigkeit.
3.  Die  Aufgabe.
Schon  bei  dem  oben  skizzierten  ersten  Typus  der  Messung  des
Geldwertes,  nach  dem  Warenpreisniveau,  muß  stets  die  Voraussetzung ­
  gemacht  werden,  daß  während  des  Zeitraums,  über  den  sich
die  Vergleichungen  erstrecken,  die  einzelnen  Waren  eine  wesentlich
gleiche  Bedeutung  behalten  haben,  da  ja  sonst  der  innere  Wert
der  Durchschnitte  ein  verschiedener  werden  würde.  Eine  solche
Gleichartigkeit  darf  nun  zwar  für  kleinere  Zeiträume  der  jüngsten
Vergangenheit  in  der  Kegel  angenommen  werden.  Gehen  wir
aber  Jahrhunderte  zurück,  was  tun  wir  dann  mit  den  Waren,  deren
volkswirtschaftliches  Gewicht  sich  so  fundamental  verändert  hat  wie
das  der  Kohle  oder  nur  der  Fische,  was  mit  denen,  deren  Verwendung ­
  erst  neueren  Ursprungs  ist,  den  Kartoffeln,  dem  Mais  l )  ?
Genau  so  auch  bei  der  Budgetmethode.  Was  für  moderne
nationalökonomische  Untersuchungen  gestattet  ist,  die  Annahme,
daß  die  Budgets  in  ihrer  inneren  Verteilung  wesentlich  gleichartig ­
  bleiben  (und  daraus  folgt  auch  das  Gleichbleiben  der  Teilquantitäten), ­
  darf  doch  auf  keinen  Fall  mehr  hei  Vergleichungen
über  Jahrhunderte  hinweg  angenommen  werden.  Eine  gleiche
Summe  von  Befriedigungsmitteln  fällt,  sobald  es  sich  um  etwas
größere  Zeiträume  handelt,  nicht  mehr  mit  der  gleichen  sozialen ­
  Schicht  zusammen.  Jede  soziale  Schicht  verändert
ständig  ihren  Standard  of  life,  meist  wohl  in  aufsteigender  Linie,
so  daß  ein  Gut  nach  dem  andern  aus  dem  Gebiet  des  „Luxus“
in  das  des  „Notwendigen“  rückt.
Der  Geldwert  und  seine  Veränderungen;  Über  die  Messung  der  Veränderungen
des  Geldwertes.
1)  Der  Lösungsversuch  des  „Kettensystems“  (z.  B.  Fisher  S.  204),  d.  h.
Verwendung  einer  fortschreitenden  anstatt  einer  festen  Basis,  ist  für  eine  weite
Überschau  zu  kompliziert.  Übrigens  weist  auch  dieser  Gedanke  auf  unsere
Methode  hin.
        <pb n="27" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

23

Mit  dieser  ganzen  quantitativ  bestimmten,  von  den  Kategorien
der  Preisgeschichte  noch  nicht  frei  gewordenen  Methode  können
wir  also  wenig  anfangen  (doch  siehe  Abschnitt  V).  Die  eigentliche ­
  Aufgabe  ist  vielmehr  die,  die  Budgets  der  einander  entsprechenden ­
  sozialen  Schichten  zu  vergleichen,  ganz
einerlei,  ob  die  eine  oder  die  andere  sich  unterdes  das  Essen
von  mehr  Fleisch  oder  das  Rauchen  oder  den  Wein  angewöhnt
hat.  Hier  liegt  das  besondere  Wahrheitsmoment  der  Methode,
die  die  Löhne  den  Berechnungen  zugrunde  legen  will,  denn  damit ­
  bleiben  wir  wirklich  einigermaßen  in  derselben  sozialen
Schicht.  Freilich  ist  diese  unterste  Schicht  als  Basis  für  Berechnungen ­
  ganz  ungeeignet.  Vielmehr  müßte  es  möglich  sein,  überall
ein  wirkliches  „Normalbudget“  zu  finden,  ein  „mittleres“,
das  einerseits  noch  entscheidend  bestimmt  ist  durch  das  Gebiet
des  Notwendigen,  andrerseits  aber  schon  beeinflußt  wird  von  dem
Gebiet  des  Luxus  und  endlich  schon  merklich  beteiligt  ist  an
Speisung  der  Kollektivhaushaltungen,  die  sich  über  die  Einzelhaushaltnngen
  gelagert  haben.  In  den  Ziffern  eines  solchen
Budgets  hätten  wir  offenbar  eine  Größe,  die  dem  Wahrheitsmoment ­
  des  Suchens  nach  einem  konstanten  Wertmesser  des
Geldes  (verstanden  eben  von  den  Veränderungen,  die  in  den
Privathaushaltungen  fühlbar  werden)  so  weit  wie  nur  theoretisch
denkbar  gerecht  werden  würde.  Es  wird  unsere  Aufgabe  sein,
dies  Wahrheitsmoment  möglichst  vollständig  zur  Geltung  kommen
zu  lassen  (Abschnitt  IV).  Hier  aber  müssen  zunächst  die  Bedenken ­
  gegen  die  Verwendung  von  Rechnungsmaßstäben  überhaupt ­
  konsequent  zu  Ende  gedacht  werden.
Dazu  sei  ein  Wort  über  die  unumgängliche  Erweiterung
des  Rahmens  der  Untersuchungen  vorausgeschickt.  Kemmeker  ')
ist  kürzlich  bei  einer  Prüfung  der  Geltung  der  Quantitätstheorie
zu  dem  Resultat  gekommen,  daß  das  Preisniveau  sich  wesentlich
in  der  gleichen  Weise  verändere  wie  die  allgemeine  Zirkulation
des  Geldes,  der  Gesamtumsatz 1  2 ).  Man  sieht  da  eine  Möglichkeit,

1)  E.  W.  Kemmerer,  Money  and  Credit  Instruments  in  their  Relation
to  General  Prices,  2.  Ausg.,  NewYork  1909.
2)  Kurventafel,  S.  149.
        <pb n="28" />
        24

Andreas  Walther

auf  eine  neue,  dritte  Weise,  unabhängig  von  Warenpreisen
wie  Budgetbereclinungen,  den  Wechsel  des  Geldwertes  zu  erfassen. ­
  Es  käme  also  auf  Bestimmung  des  Gesamtumsatzes  an
(vgl.  oben  S.  16  f.).  Das  ist  freilich  direkt  nicht  möglich;  aber
wenn  ohnehin  in  den  Indexziffern  die  Auflösung  in  Prozente
erfolgen  muß  (oben  S.  14),  so  brauchen  wir  ja  gar  nicht  die
absolute  Zahl  der  Gesamtzirkulation,  sondern  nur  irgendwelche
Reihen,  die  wieder  ihrerseits  im  Verhältnis  des  Gesamtumsatzes
sich  verschieben.  Kemmekek  benutzt  dazu  die  Bewegung  in
Bevölkerung,  Börsenverkehr,  Einnahmen  von  Posten,  Eisenbahnen,
Telegraphen,  Verbrauch  von  Kohle,  Eisen,  Baumwolle  usw. 1 ).
Aus  der  Fülle  der  ökonomischen  Kollektivgebilde  wählt  er  also
diejenigen  aus,  die  für  die  Intensität  der  Gesamtbewegung  von
symptomatischer  Bedeutung  sind.  Wenn  nun  diese  Beschränkung
nötig  sein  mag  für  Messungen  des  Geldwertes,  so  führt  doch
der  Gedanke  von  selbst  weiter  zu  dem  andern,  daß  für  ein  Verständnis ­
  des  wechselnden  Geldwertes  (in  allgemeinerem  Sinn)
vor  allem  auch  diejenigen  Kollektivgebilde  mitberücksichtigt
werden  müssen,  die  im  Gegenteil  Störungen  und  Vergewaltigungen
des  natürlichen  ökonomischen  Lebens  bedeuten.  Ich  meine  jene
Erscheinungen,  die  gerade  in  besonderem  Maße  die  Aufmerksamkeit ­
  des  Historikers  auf  sich  ziehen,  den  Staatshaushalt,  die
Kriegskosten  usw.
Nehmen  wir  aber  neben  den  Einzelpreisen  und  den  Privathaushaltungen ­
  auch  diese  dritte  Gruppe  in  unsere  Untersuchungen ­
  auf,  so  wird  die  Frage  um  so  dringender,  ob  es  denn
überhaupt  noch  erlaubt  sein  kann,  für  eine  solche  Fülle  verschiedenartiger ­
  Entwicklungsreihen  einen  gemeinsamen  Durchschnitt ­
  bilden  zu  wollen.  Zu  vieles  und  bei  größeren  Zeitabständen ­
  zu  Verschiedenartiges  muß  von  oben  und  von  unten
her  in  die  Durchschnitte  hineinkonzentriert  werden.  Mit  Recht
betont  neuerdings  Dolleans  2 )  von  neuem,  daß  die  Resultate
der  Budgetmethode  streng  genommen  natürlich  immer  nur  für  die
Bevölkerungsklasse,  deren  Budget  gerade  zugrunde  gelegt  wurde,
1)  Tabelle  S.  130  f.:  The  growth  of  business.
2)  Dolleans,  La  monnaie,  Paris  1905  (nach  Lexls,  Jbb.,  3.  F.,  42.  Bd.,
1911,  S.  529).
        <pb n="29" />
        Geldwert  iu  der  Geschichte.

25

Geltung  haben  (vgl.  o.  S.  15).  Diesem  eminent  Subjektiven  des
Begriffs  Geldwert  muß  hier  sein  Recht  werden.  Der  „Geldwert“
ist  in  gewissem  Sinne  immer  nur  die  für  jede  einzelne  Anwendung ­
  wechselnde  Funktion  des  tausendfältigen  Spiels  von
Angebot  und  Nachfrage.  Dieselbe  Geldsumme  bedeutet  für  den
Arbeiter,  den  Großkaufmann,  den  Marineminister  etwas  unendlich ­
  Verschiedenes,  wie  gleiche  Kriegskosten  für  Staaten  ungleicher
Leistungsfähigkeit,  ungleicher  Stimmung  der  Bevölkerung.  Will
man  diese  Seite  des  Geldwertes,  ohne  das  Subjektive  gerade
übermäßig  zu  betonen,  in  ein  einziges  Wort  fassen,  so  darf  man
vielleicht  von  der  sozialen  Kraft  des  Geldes  reden 1 ).
Dieser  immer  verschiedene  soziale  Wert  des  Geldes,  der  in
jedem  Einzelfall  durch  die  verschiedenartigen  Relationen  der
ökonomischen  Güter  bestimmt  ist,  läßt  sich  natürlich  nicht  in  eine
einzelne  Rechnungsgröße  fassen,  wohl  aber  darstellen  in  Anschauung, ­
  wobei  es  eben  auf  das  Zusammenschauen  jener
Relationen  ankäme.  Wenn  v.  Wiesee  und  d’AvENEL 2 )  anstatt
eines  einheitlichen  festen  Maßstabes  vielmehr  eine  Schichtung  von
Typen  konstruieren,  so  bedeutet  das  schon  das  Zufluchtsuchen
bei  der  Anschauung.  Eine  unendliche  wogende  Fülle  wie  das
Ökonomische  Leben  kann  eben  niemals  restlos  adäquat  durch
Rechnen  gefaßt  werden.
Wenn  aber  so  eine  rechnerische  Verwendung  aller  in  diesen
beiden  Abschnitten  besprochenen  Mittelgrößen  und  Vergleichsmaßstäbe ­
  prinzipiell  abgelehnt  werden  muß  (doch  vgl.  Abschn.  IV
und  V),  so  bleibt  doch  dem  Rechnen  noch  ein  weites  Feld.  Wir
werden  stets  mit  jenen  Mittelgrößen  arbeiten,  freilich  nur  als  mit
äußerst  wertvollen  vorläufigen  Orientierungsmaßstäben.
Je  mehr  solcher  Orientierungsmaßstäbe  wir  herausarbeiten,  um
so  sicherer  werden  überall  die  ersten  Schritte  sein,  die  auf  diesem
Boden  vielleicht  die  größte  Schwierigkeit  bedeuten.  Neben  den
Budgetzahlen,  die  freilich  die  wichtigsten  sind,  können  auch
Getreidepreise,  Löhne,  Tagegelder  von  Gesandten  und  manches
andere  von  großem  Wert  sein.  Bei  Zusammenstellung  gleich1) ­
  „Pouvoir  social“  z.  B.  bei  Levasseur,  Kapport  860.
2)  1,10  f.,  m,  178  f.
        <pb n="30" />
        26

Andreas  Walther

zeitiger  Angaben  wird  der  Kurswert  und,  wenn  genügende  numismatische ­
  Vorarbeiten  vorliegen,  der  Metallwert  der  Münzen  in
erster  Linie  benutzt  werden.  Auch  bei  Angaben  aus  verschiedenen
Zeiten  kann  der  Metallwert  die  wichtigsten  Orientierungsdienste
leisten,  wenn  wir  auf  anderen  Wegen  vorher  ein  ungefähres  Bild
von  der  allgemeinen  Veränderung  der  Kaufkraft,  etwa  wie
d’AvENEL  sie  in  Tabellen  zusammenfaßt,  gewonnen  haben.  Oft
wird  der  Historiker  sich  schon  mit  einer  allgemeinen  Orientierung
begnügen  können;  denn  wie  weit  wir  jedesmal  die  Exaktheit
treiben  wollen,  hängt  lediglich  von  unserem  besonderen  Zweck
ab.  Wollen  wir  z.  B.  nur  demonstrieren,  daß  gewisse  Ausgaben
in  einem  Staat  im  Verhältnis  zu  unseren  heutigen  Einrichtungen
ungeheuerlich  hoch  oder  erstaunlich  niedrig  sind,  so  darf  die
Abweichung  in  der  Übersetzung  ohne  großen  Schaden  bis  zu  10
oder  20°/o  betragen,  dagegen  nicht  Vi°o  °/o,  wenn  es  sich  um
das  Münzsystem  jenes  Staates  handelt.  Die  Fragestellungen  des
Historikers  gehen  keineswegs  in  erster  Linie  auf  absolute  formale
Exaktheit,  wie  die  des  Preisstatistikers  und  Numismatikers.
III.  Die  Skala  ökonomischer  und  sozialer  Schichtung.
Wenden  wir  uns  zu  der  positiven  Darstellung  unserer  Methode,
so  beginnen  wir  mit  dem  wichtigsten  und  doch  am  meisten  vernachlässigten ­
  Erfordernis,  nämlich  den  subjektiven  und  relativen
Momenten,  die  in  dem  Begriff  Geldwert  überwiegen,  ihr  volles
Recht  zu  geben.  Nur  um  eine  Darstellung  in  Anschauung
kann  es  sich,  wie  wir  sahen,  dabei  handeln.
Wenn  wir  fragen,  wie  wir  jene  Anschauung  gewinnen  sollen,
so  sehen  wir  uns  zunächst  um,  wie  denn  die  Leute,  die  sie
besitzen,  sie  gewonnen  haben.  Einem  Spezialisten  in  einem
Teilgebiet  ökonomischer  Statistik  sind  seine  Zahlen  alle  voll  von
Leben,  und  er  empfindet  gar  nicht  mehr  das  Bedürfnis  etwa
nach  der  Krücke  einer  Umrechnung  in  unsere  Geldeinheit.  Er
hat  seine  Anschauung  direkt  durch  langes  Sicheinfiihlen  mit
den  ökonomischen  Schichtungen  etwa  des  16.  Jahrhunderts,  und
braucht  sie  sich  nicht  erst  zu  borgen  aus  der  Anschauung,  die
wir  mit  1  oder  10  oder  100  000  Mark  durch  lange  Übung  zu
        <pb n="31" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

27

verbinden  gewohnt  sind.  Jener  Laienfrage  also:  „wieviel  ist  das
nach  unserem  Geld?“  muß  entgegengesetzt  werden,  daß  jede
Übersetzung,  vor  allem  bei  sehr  verschiedenartigen  Sprachen,
Anfängerbehelf  ist,  vielmehr  das  Ziel  sein  müsse,  jede  Sprache
aus  ihrem  eigenen  Wesen  heraus,  das  stets  unübersetzbar  bleibt,
zu  verstehen,  sich  in  sie  einzufühlen.
Da  steht  es  nun  aber  für  den  Statistiker  weit  besser  als  für
den  Sprachlehrer.  Denn  das  Zuhausesein  in  einer  Sprache  läßt
sich  nicht  ohne  eigene  große  Mühe  des  Lernenden  vermitteln,
wohl  aber  das  Zuhausesein  in  dem  Gerüst  einer  Statistik.  Nicht
für  jeden  Forscher  ist  jenes  lange  Sicheinfühlen  des  Spezialisten
notwendig,  vielmehr  genügt  durchaus  die  Möglichkeit,  das  Gerüst
der  Statistik  irgendwo  nachschlagen  zu  können.  Dann  kann  man
sofort  jede  Geldangabe  durch  Vergleichen  ihrer  Stellung  im
ganzen  mit  Leben  erfüllen.  Wenn  in  den  Indexziffern  wegen
des  Ideals  rechnerischer  Durchführung  notgedrungen  die  absoluten ­
  Zahlen  aufgegeben  werden  müssen  (oben  S.  14),  so  daß
die  ganze  Lebendigkeit,  die  in  der  verschiedenen  Preishöhe  der
verschiedenen  Güter  gegeben  ist,  verloren  geht,  so  ist  unser  Ziel
zunächst  das,  eben  diese  Lebendigkeit  zur  vollen  Geltung  kommen ­
  zu  lassen.
Was  ist  aber  das  wesentliche  Moment  vollendeter  lebendiger
Anschauung?  Offenbar,  daß  das  Anzuschauende  einen  Organismus ­
  darstelle.  Und  eben  das  ist  die  Grundforderung  für  Aufstellung ­
  aller  Skalen,  von  denen  im  folgenden  die  Bede  sein  soll.
1.  Die  mittlere  Schicht.  Beamtenreihe.
Wer  an  die  Aufstellung  einer  solchen  Skala  geht,  beginnt
zweckmäßig  mit  der  mittleren  Schicht,  die  die  Privatbudgets  umfaßt. ­
  Denn  hier  liegen  zugleich  jene  „vorläufigen  Orientierungsmaßstäbe“, ­
  die  ein  schnelles  Sicheinfühlen  in  die  Gesamtstruktur
der  Schichtung  ermöglichen.  Zwei  große  Schwierigkeiten  sind
aber  zu  überwinden.  Erstens  steht  uns  nur  ein  sehr  lückenhaftes ­
  Material  zur  Verfügung.  Und  ist  einmal  gelegentlich  ein
Haushaltungsbuch  eines  Kaufmanns  oder  eine  ähnliche  Aufzeichnung ­
  erhalten,  so  wissen  wir  zweitens  nicht,  wohin  der  betreffende
Mann  mit  seinem  Budget  gehört,  ob  noch  viele  wohlhabendere
        <pb n="32" />
        28

Andreas  Walther

Klassen  über  ihm  sind,  wie  tief  und  wie  dicht  auf  der  anderen
Seite  die  Schicht  der  Yolksklassen  unter  ihm  ist 1 ).
Diese  Schwierigkeiten  lassen  sich  aber  durchaus  überwinden
durch  die  einfache  Methode,  daß  man  die  einzige  wirklich  entschieden ­
  abgestufte  Hierarchie,  die  es  im  sozialen  Leben  wenigstens ­
  seit  dem  Ende  des  Mittelalters  gab,  in  den  Mittelpunkt  stellt,
nämlich  die  Beamtenhierarchie.  Deren  Skala  geht  durch
das  ganze  Gebiet  sozialer  Schichtung  von  unten  bis  oben  hindurch, ­
  ist  also  geeignet,  das  Rückgrat  zu  bilden  auch  für  die
ihr  einzufügenden  Budgets  der  freien  Berufe.  Nur  von  hier  aus
wird  man  auch  die  so  oft  erfolglos  angegriffenen  Fragen  nach
der  sozialen  Stellung  von  Kaufleuten,  Künstlern,  Ärzten,  Juristen
allmählich  lösen  können.  Die  mittlere  Schicht  einer  solchen  Skala
hebt  sich  von  selbst  heraus,  so  daß  wir  hier  einen  sehr  wichtigen
Maßstab  dafür  haben,  wo  ein  „Normalbudget“,  eine  Familie
„mittleren“  Wohlstandes  gesucht  werden  muß  (oben  S.  23).
Ferner  sind  in  allen  Archiven  reichste  Nachrichten  über  Beamtengehälter ­
  vorhanden.  Fast  in  jedem  Rechnungsbuch  finden  sich
Angaben  dieser  Art,  bis  zu  längeren  Beamtenlisten  hin,  die  auch
gesondert,  besonders  in  Hofstaatsverzeichnissen,  zahlreich  erhalten
sind.  Dazu  haben  Beamte  stets  gern  Eingaben  über  die  Unzulänglichkeit ­
  ihres  Gehalts  gemacht,  die  wir  jetzt  nur  wieder  aus
den  dunkelsten  Winkeln  der  Archive  auszugraben  brauchen.  Endlich
vor  allen  Dingen  haben  wir  hier  drei  verschieden  orientierte ­
  Skalen  zur  gegenseitigen  Kontrolle,  die  ökonomische
der  Gehaltsklasse,  die  verwaltungsgeschichtliche  der  Beamtenklasse ­
  und  die  soziale,  die  sich  in  den  Verschwägerungen,
den  Korrespondenzen  und  vielem  einzelnen  nachweisen  läßt.  Die
Rechnungsbücher  und  Korrespondenzen  erlauben  vielfach  einen
sehr  genauen  Einblick  in  die  Familienverhältnisse  der  Beamten,
während  gleichartige  Aufzeichnungen  für  Privatpersonen  längst
verschwunden  sind.

1)  Naturgemäß  haben  zuerst  Kaufleute  auch  Hauskaltungsbücher  geführt,
also  gerade  Angehörige  des  Standes,  der  am  wenigsten  geschlossen  ist.
Handlungs-  und  Haushaltungsbücher  aus  Nürnberg,  Ulm,  Lübeck,  Rostock
sind  publiziert  worden.  Literatur  über  die  Livres  de  famille  im  Hwb.  d.  Stw.
zum  Art.  „Konsumtion“,  S.  146.
        <pb n="33" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

29

Diesen  entscheidenden  Vorteilen  gegenüber  fallen  die  bekannten ­
  Schwierigkeiten  bei  Erhebung  der  Beamtenbudgets  nicht
ins  Gewicht.  Vereinzelte  Ausgabehudgets,  wie  etwa  das  genau
geführte  Haushaltungsbuch  eines  holländischen  Mattre  des  comptes
aus  den  80er  Jahren  des  16.  Jahrhunderts x ),  kommen  nur  zur
Kontrolle  in  Betracht.  In  der  Eegel  wird  man  unmittelbar  von
den  Einnahmebudgets,  den  Gehältern,  ausgehen.  Dabei  aber  ist
für  frühere  Jahrhunderte  in  zunehmendem  Maße  das  Problem
der  naturalen  Zutaten  zu  beachten,  das  übrigens  auch  bei  Erhebung ­
  der  Löhne  nie  vergessen  werden  darf.  Sehr  vertrauenerweckend ­
  ist  es  nicht,  was  kürzlich  d’AvENEL  über  die  Gehälter
auch  der  höheren  Beamten  zusammengestellt  hat 1  2 );  aber  wo  ist
denn  sonst  in  unserer  Wissenschaft  irgendein  schwieriges  Problem ­
  befriedigend  gelöst  worden,  ehe  überhaupt  eine  ernstliche
Spezialarbeit  vorlag?  Wie  jemand,  der  über  moderne  Einkommen
arbeitet,  nicht  gerade  mit  dem  des  Kellners  oder  des  Geschäftsreisenden ­
  anfangen  wird,  so  wird  man  historische  Untersuchungen
nicht  gerade  dort  beginnen,  wo  eine  Regierung  besonders  viele
eigene  Naturalgefälle  unterzubringen  suchen  mußte.  Und  wenn
in  den  zahlreichen  Beamtenlisten  nur  ein  kleiner  Teil  der  Gehaltsangaben ­
  sich  als  brauchbar  erweist  oder  zur  Brauchbarkeit
ergänzt  werden  kann 3 ),  so  haben  wir  schon  alles  Wesentliche  gewonnen. ­

Ein  paar  Beispiele  für  die  Art  der  Quellenangaben,  mit  denen
der  Forscher  zu  tun  hat,  und  dafür,  wie  etwa  man  sich  nach
ihnen  eine  Skala  zusammenzustellen  beginnt.  Ich  wähle  gelegentlich ­
  aufgenommene  Notizen  aus  einem  Archiv,  wie  jeder  Forscher
es  an  seinem  Wohnort  oder  in  nächster  Nähe  zu  haben  pflegt.
Finden  wir  in  der  Rostocker  Gerichtsrechnung  um  1530:
Lohn  des  Gerichtsschreibers  4  mark  sundisch,  des  Strandvogtes
2'/2  m.,  des  Vogtes  auf  Schonen  25  m.  und  viele  andere  An1) ­
  Archiv  im  Haag,  verloren  in  dem  Bündel:  „Holland,  3578,  Diverse
Kekeningen“.
2)  V,  364—373,  vgl.  IV,  1—70,  V,  77  ff.
3)  Vgl.  die  Mitteilungen  von  H.  Goldschmidt  in  der  Vierteljahrschrift
lür  Sozial-  und  Wirtschaftsgeschichte  1910,  S.  548—562,  auch  etwa  Smend.
Heichakammergericht  I  (1911),  S.  398  ff.
        <pb n="34" />
        30

Andreas  Walther

gaben,  dazwischen  aber:  Lohn  des  (reitenden)  Dieners  72  in.,
so  springt  in  die  Augen,  daß  mit  den  ersten  zunächst  nichts  anzufangen ­
  ist,  man  vielmehr  vorher  den  eventuellen  naturalen  Zutaten ­
  nachgehen  und  untersuchen  müsse,  ob  es  sich  um  ein  Amt
wesentlich  ehrenamtlichen  Charakters  handelt,  oder  etwa  ob  ein
Teil  des  Gehalts  auf  andere  Kassen  angewiesen  war,  wie  z.  B.
der  Stadtschreiber  aus  fast  jeder  der  zahlreichen  (aber  doch  gut
übersehbaren)  Spezialkassen  eine  Summe  bezog.  Der  große  Abstand ­
  der  Angabe  über  den  reitenden  Diener  aber  legt  die  Annahme ­
  nahe,  es  möchte  dies  eins  der  später  geschaffenen  Ämter
ohne  wesentlich  ins  Gewicht  fallende  Naturalbeigaben  sein.  Um
diese  Vermutung  zu  kontrollieren,  stellen  wir  daneben  etwa  die
Angabe,  daß  für  den  Unterhalt  von  Gefangenen  wöchentlich
1  m.,  jährlich  also  52  m.  eingestellt  werden  müssen.  Gleich
ausgezeichnet  paßt  die  Vergleichung  des  Tagelohns,  der  für  die
verschiedenen  Arbeiter-  und  Handwerkerkategorien  4—-8  s.  täglich ­
  beträgt,  was  eine  Jahreseinnahme,  bei  Rechnung  von  etwa
100  Feiertagen,  von  70—130  m.  repräsentiert.  Hinzufügen  können
wir  die  Einnahmen  der  Söldner,  die  sich,  von  Außerordentlichem
wie  freien  Gelagen  und  Beute  abgesehen,  jährlich  ohne  freie
Kost  auf  150—200  m.  belaufen.  Daraufhin  scheint  es  glaublich, ­
  daß  der  Sold  eines  Hauptmanns  mit  fast  300  m.,  der  eines
juristischen  Rates  mit  372  m.  (300  m.  Jahrgehalt,  dazu  für
Kleidung  42  m.,  für  Hausmiete  30  m.)  einigermaßen  vollständig
angegeben  ist.  Daneben  dürfen  wir  z.  B.  die  Schulmeistereinkommen ­
  stellen,  wie  sie  sich  in  den  mecklenburgischen  reformatorischen
  Visitationsakten 1 ),  oft  mit  Berechnung  der  Nebeneinkünfte, ­
  finden.  Doch  müssen  wir  in  Rücksicht  ziehen,  daß  in
diesen  Landstädtchen  der  Geldwert  etwas  höher  anzusetzen  ist
als  in  Rostock.  Da  bekommt  nun  etwa  ein  Schulmeister  mit
Schulgeld  jährlich  45  m.  sundisch;  aber  die  Visitatoren  schreiben
dazu,  wenn  man  ihm  nicht  mehr  verschaffe,  werde  ihm  nichts
übrigbleiben,  als  wegzulaufen.  Das  Einkommen  anderer  mit
etwa  60,  80,  130,  150  m.  hat  man  dagegen  in  der  Ordnung
gefunden.  Dann  der  große  Abstand  zu  dem  Rektor  einer  Domschule, ­
  der  mindestens  seine  400  m.  einnimmt.  Was  die  Ziffern

1)  Monumenta  Germaniae  paedagogica,  XXXVIII  (1907),  S.  137  ff.
        <pb n="35" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

31

für  die  höheren  Stände  betrifft,  so  würde  man  vor  allem  die
bekanntlich  für  manche  Städte  schon  ausgezeichnet  verarbeiteten
Schoßregister,  die  Testamente,  die  Konfiskationsrechnungen  durchsehen. ­
  Viele  wertvolle  Angaben,  wie  Tagegelder,  kann  man  erst
benutzen,  nachdem  man  die  verschiedene  soziale  Stellung  der
Beamten  einigermaßen  festgestellt  hat.
Für  die  staatlichen  und  territorialen  Beamten  dürfte  ein  Einsetzen ­
  etwa  bei  dem  Sekretärgehalt  empfohlen  werden  können.
Nicht  nur  fließen  für  diesen  Stand  die  Quellen  naturgemäß  weitaus ­
  am  reichsten;  er  ist  auch  bei  der  bedeutungsvollen  Evolution,
die  er  durchmacht,  von  besonderem  Interesse  und  befaßt  schon
selbst  die  ganze  Skala  in  sich  vom  anspruchslosen  Kopisten  bis
zum  leitenden  Staatssekretär.  In  den  Niederlanden  hat  ein  in
der  Zentralverwaltung  beschäftigter  Sekretär,  dessen  Stellung
sich  vervvaltungs-  und  sozialgeschichtlich  (vgl.  oben  S.  28)  als  die
eines  anspruchsvollen  oberen  Beamten  bestimmen  läßt,  mit  Nebeneinkünften ­
  ein  Einkommen  von  reichlich  400  L.  artois  ’).  Damit
vergleichen  wir  etwa,  daß  in  einer  Ordonnanz  über  Leistungen
für  den  Krieg  zwei  Klassen  von  Adeligen  unterschieden  werden,
solche  mit  über  300  L.  (wobei  freilich  die  selbstverzehrten
Naturaleinkünfte  nicht  mitgerechnet  sein  dürften)  und  solche  mit
über  600  L.  Gesamteinkommen  1  2 ).  Man  sieht,  mit  welchen  Mitteln
die  Fürsten  ihre  Beamten  groß  machten,  und  wie  wirkungsvolle
goldene  Ketten  die  meist  200  L.  befragenden  Pensionen  der  Adeligen ­
  waren.  Erstaunlich  groß  ist  dann  der  Abstand  zu  den
führenden  Beamten  hin.  Ein  leitender  Jurist  oder  ein  Maitre
de  l’artillerie  beziehen  1200  L.,  der  Premier  Chambellan,  der
freilich  einen  kleinen  Hofstaat  unterhalten  muß  und  sonst  viele
Repräsentationspflichten  hat,  gar  5000  L. 3 ).  Bei  solchen  Gehältern,
zu  denen  oft  große  außerordentliche  Einnahmen  hinzukamen,
sehen  wir  sie  aber  auch,  der  Absicht  des  Fürsten  und  den  Interessen ­
  des  neuen  Staates  entsprechend,  Reichtümer  ansammeln,
die  ihnen  den  Bau  der  Paläste  gestatten,  die  noch  heute  in  den
Niederlanden  und  der  Franche-Comte  von  ihnen  erzählen.
1)  Vgl.  Archiv  für  Urkundenforschung  1909,  S.  339.
2)  Recueil  des  Ordonnances  de  la  Belgique,  2°  S6r.,  Bd.  IV,  S.  411.
3)  Vgl.  meine  Burgundiscken  Zentralbehörden,  S.  166  f.
        <pb n="36" />
        32

Andreas  Walther

Diese  Angaben  für  Eostock  und  die  Niederlande  liegen  irr
ganz  verschiedenen  Schichten  und  beziehen  sich  auf  ökonomisch
sehr  verschieden  orientierte  Lebenskreise.  Trotzdem  können  wir,
wenn  wir  durch  Vergleichung  des  Kursverhältnisses  oder  des
Metallgehalts  der  Münzen  wissen,  daß  die  Münzsorten  sich  annäherungsweise ­
  wie  1  :  3  verhalten,  schon  nach  diesen  wenigen
Daten  die  Kombination  wagen,  für  Eostock  etwa  300  m.  als
mittleres  Budget  anzunehmen,  sie  also  etwa  unseren  3000  M.
gleichzusetzen,  dagegen  für  die  Niederlande  die  400  L.  des
oberen  Beamten  etwa  unseren  12  000  M.  zu  vergleichen.  Solange
wir  also  der  Krücke  eines  rechnerischen  Übersetzungsmaßstabes
noch  bedürfen,  notieren  wir  uns,  unter  allem  Vorbehalt,  zur
vorläufigen  Orientierung:
1  M.  sund.  =  10  M.  1  Livre  artois  =  30  M.
1  s.  =60  Pf.  1  s.  =  D/sM.
1  d.  =  5  Pf.  1  d.  =  12 1 /»  Pfg.,
was  dann  zum  Verständnis  jeder  neuen  Angabe  dient,  die  wieder
ihrerseits  das  Schema  korrigiert,  um  es  schließlich,  wenn  es  seine
Hilfsdienste  getan  hat,  aufzulösen  in  Anschauung.  2
2.  Die  untere  Schicht.  Das  metrologische  Problem.
Kommen  wir  zweitens  zu  der  unteren  Schicht  unserer  Gesamtskala, ­
  so  stehen  wir  vor  der  erdrückenden  Fülle  der  Warenpreise ­
  und  würden  in  kurzer  Zeit  Tabellen  aufnehmen  können,
die  Bände  füllen.  Aber  das  ist  ja  gar  nicht  unser  Ziel;  vielmehr ­
  suchen  wir  Zahlen,  seien  es  auch  nur  wenige,  die  in  Beziehung ­
  stehen  zu  dem  Gesamtorganismus  der  ökonomischen
Schichtung,  den  wir  unserer  Anschauung  nahebringen  möchten.
Wir  suchen  die  niederen  Einheiten,  aus  denen  die  höheren  der
Privatbudgets,  des  Staatshaushalts  usw.  zusammengeflossen  sind.
Am  härtesten  stoßen  wir  uns  da  an  dem  Problem,  das  uns  die
überwiegende  Masse  der  Warenpreise  als  eine  schemenhafte  Schrift
in  fremden  Lettern  erscheinen  läßt,  dem  metrologischen.
Mit  all  den  immer  verschiedenen  Pfunden  und  Tonnen  und
Scheffeln  und  Pipen  wissen  wir  zunächst  gar  keinen  Begriff  zu
verbinden.
        <pb n="37" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

33

Nun  wird  überall  betont,  daß*die  unumgängliche  Vorbedingung
für  eine  Verwertung  solcher  Angaben  die  sei,  sie  auf  modernes
Maß  und  Gewicht  zurückzuführen  *).  In  Wirklichkeit  aber  steht
die  Sache  so,  daß  nur  für  den,  dessen  Fragestellungen  auf  die
Quantitäten  gerichtet  sind,  diese  abstrakten  Quantitätspreise
notwendig  sind,  ebenso  wie  die  Metallreduktion  der  Münzen  nur
für  den,  dessen  Interesse  an  der  wechselnden  Kaufkraft  gleicher
Quantitäten  von  Edelmetall  hängt  (oben  S.  7).  Den  Historiker
aber  interessiert  vielmehr  direkt  und  in  erster  Linie,  wie  die
soziale  Kaufkraft  des  Geldes,  so  der  Gebrauchswert  der
Waren.
Mit  dem  Begriff  des  Gebrauchswertes  der  Waren  verhält  es
sich  genau  so  wie  mit  dem  des  Geldwertes:  wir  haben  zahllose
Übergänge  von  einer  objektiveren  zu  einer  ganz  subjektiven
Fassung.  Im  letzten  Grunde  führt  alles  auf  subjektive  Beurteilungen ­
  der  Brauchbarkeit  der  verschiedenen  Güter  zurück;  nur
daß  die  Gleichartigkeit  des  Menschenwesens  es  ermöglicht,  daraus
objektivere  Gattungswerte  der  Güterarten  zu  abstrahieren.  Wenn,
genauer  soweit,-nun  die  Bedürfnisse  und  Gewohnheiten  und  damit ­
  die  Wertschätzungen  der  Menschen  (einzeln  oder  in  Gruppen
und  Gesamtheiten)  wechseln,  können  wir  eine  Rechnung  mit
gleichen  Warenquantitäten  nicht  mehr  gebrauchen.  Denn  trifft
dieselbe  Quantität  mit  einem  größer  gewordenen  Bedürfnis  zusammen, ­
  so  entspricht  sie  nicht  mehr  ihrem  früheren  Wert  (vgl.
»pouvoir“)  diesem  Bedürfnis  gegenüber.  Auf  diese  Weise  wird
e ine  Größe  wie  „1  kg  Fleisch“  (um  noch  eine  der  konstantesten
z u  nennen)  ebenso  gefährlich  verwirrend  wie  die  eines  Grammes
üold  in  Münzen.  Sie  bedeuten  nie  dasselbe,  wiegen  immer  verschieden. ­

Lösen  wir  uns  also  auch  hier  erst  einmal  entschlossen  von
dem  Quantitativen  und  seiner  rechnungsmäßigen  Sicherheit  (unten
^drd  es  voll  zu  seinem  Recht  kommen),  so  gewinnen  wir  als
Ersatz  den  gewaltigen  Vorteil,  daß  wir  der  metrologischen  Umrechnungen ­
  in  hohem  Maße  nicht  mehr  bedürfen.  Der  Grund
1)  Z.  B.  Luschen  an  den  oben  S.  2  angegebenen  Stellen,  d’Avenel  I
XVI,  Wiebe  50,  u.  a.

3
        <pb n="38" />
        34

Andreas  Walther

I

ist  eben  der,  daß  wir  es  stets  mit  Relationen  zu  tun  haben.
Zum  Vergleich  beachte  man,  daß  wir  schon  bei  den  Verhältniszahlen ­
  der  Indexziffern  (oben  S.  14)  Maß  und  Gewicht  meist
völlig  ignorieren  können;  denn  wenn  wir  z.  B.  die  Preisveränderungen ­
  des  Bieres  in  Indexziffern  darstellen  wollen,  so  erhalten
wir  natürlich  dieselbe  Reihe,  ob  die  ursprünglichen  absoluten
Zahlen  sich  in  Hektolitern  oder  in  irgendeinem  seiner  Größe
nach  uns  unbekannten  Maße  verstanden.  So  können  wir  sogar
mehrere  Unbekannte  eliminieren,  wenn  uns  für  einen  bestimmten
Zweck  auch  eine  potenziertere  Relativität  des  Resultats  nicht
stört:  weder  der  Geld-  noch  der  Maßreduktion  bedürfen  wir,
um  festzustellen,  daß  in  einer  bestimmten  Zeit  sich  Löhne,  Getreidepreise, ­
  Fleischpreise  usw.  in  verschiedenem  Maße  entwickelt
haben.
Ich  gebe  gleich  ein  Beispiel.  Was  dieselbe  Quantität  Pulver
am  Ausgang  des  Mittelalters  und  zu  anderen  Zeiten,  etwa  heute,
kostet,  wollen  wir  gar  nicht  wissen,  weil  dieselbe  Quantität  ihre
Bedeutung  offenbar  gänzlich  verändert  hat.  Um  Feststellung
dieser  Bedeutung  des  Pulverpreises  handelt  es  sich  für  uns.
Die  aber  bemißt  sich  offenbar  zunächst  und  vor  allen  Dingen
danach,  wie  hoch  das  Pulver  seinem  Verwender,  dem  Gemeinwesen, ­
  im  Verhältnis  zu  den  Ziffern  des  Gesamtstaatshaushalts, ­
  der  Gesamtkriegskosten,  auf  der  anderen  Seite  des  Soldes
der  Schützen,  der  Bespannungskosten  für  die  Kanonen  usw.  zu
stehen  kam.  In  gleicher  Weise  können  wir  ohne  metrologische
Berechnungen  feststellen,  in  welchem  Verhältnis  die  Aufwendungen
für  Kleidung,  Getreide,  Fleisch  usw.  in  einem  Budget  zueinander ­
  und  zu  den  Gesamtaufwendungen  Stehen.  Bringen  wir
dann  gleichartig  gewonnene  Verhältniszahlen  für  andere  Orte  und
Zeiten  hinzu,  so  ergibt  ein  Vergleich  sofort  eine  Fülle  wertvollster
Ergebnisse.
Auch  komplizierteren  Fällen,  in  denen  wir  es  mit  mehreren
Unbekannten  zu  tun  haben,  können  wir  so  beikommen.  Nehmen
wir  an,  wir  wollten  vergleichen,  was  einer  Stadt  um  1500
und  einer  anderen  um  1600  das  Pulver  kostet;  wir  hätten  aber
sowohl  die  Angaben  der  beiderseitigen  Münzen  wie  der  beiderseitigen ­
  Maße  nur  so,  wie  die  Rechnungen  sie  uns  bieten;  eine
        <pb n="39" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

35

Reduktion  sei  nickt  möglich,  oder  die  darauf  zu  verwendende
Arbeitskraft  würde  in  keinem  Verhältnis  zu  dem  Resultat  stehen..
Dann  könnten  wir  zunächst  den  Gesamtverbrauch  etwa  in  einem
Jahr  vergleichen,  was  die  Rechnungen  oft  an  die  Hand  geben
werden.  Das  Resultat  würde  sein:  die  eine  Stadt  reicht  für
ihren  Bedarf  an  Pulver  (dessen  Höhe  quantitativ  unbekannt ­
  sein  würde)  mit  einer  bestimmten  Summe  ihrer  Geldeinheit
ebensoweit  wie  die  andere  mit  einer  bestimmten  Summe  ihrer
anderen  Geldeinheit.  Bei  nicht  allzu  verschiedenartigem  Verbrauch ­
  ist  schon  das  stets  eine  wertvolle  Kenntnis,  was  bei
anderen  Anwendungen  noch  mehr  einleuchtet:  im  16.  Jahrhundert
reicht  man  für  den  Bedarf  an  Lebensmitteln,  an  Kleidung,  an
Beleuchtung  usw.  mit  einer  bestimmten  Summe  in  Gulden  oder
Dukaten  ebensoweit  wie  wir  heute  mit  einer  bestimmten  Summe
in  Mark.  Haben  wir  aber  zugleich  das  allgemeine  durchschnittliche ­
  Verhältnis  der  Kaufkraft  beider  Münzen  festgestellt,  etwa
durch  die  hier  empfohlene  direkte  Methode,  so  gewinnen  auch
die  Resultate  für  die  Fälle,  in  denen  der  Verbrauch  der  einzelnen
Güter  sehr  verschieden  groß  ist,  eine  nicht  geringe  Bedeutung.
In  vielen  Fällen  wird  es  sogar  möglich  sein,  auf  Umwegen
einer  Bestimmung  der  Quantitäten  selbst  sehr  nahezukommen.
Braucht  in  unserem  Beispiel  die  eine  Stadt  für  einen  Schuß  aus
einer  Kanone  bestimmten  Kalibers  3  „Pfund“  ihres  Maßes,  die
12  „Schilling“  ihrer  Einheit  kosten,  die  andere  aber  4  „Pfund“
ihres  Maßes,  die  20  „Schilling“  ihrer  Einheit  kosten,  so  verhält
sich,  auch  auf  die  Quantität,  auf  den  Gebrauchswert  der
Quantität  gesehen,  der  Pulverpreis  in  den  beiden  Städten  wie
12  :  20  und  übrigens  die  Gewichtseinheit  wie  3  :  4.
Natürlich  fällt  es  mir  nicht  ein,  das  Rechnen  mit  solchen
Relationen  empfehlen  zu  wollen.  Nur  auf  die  Fülle  von  Resultaten, ­
  die  in  einer  Darstellung  solcher  Typen  von  Gebrauchswerten
für  die  Anschauung,  wie  unsere  Skalen  sie  erstreben,  auch
ohne  metrologische  Berechnungen  gegeben  sind,  möchte
ich  hinweisen.  Im  übrigen  sind  wir  ja  nie  allein  auf  diese  Relationen ­
  angewiesen,  sondern  haben  überall  absolute  Zahlen  dazwischen ­
  (und  nehmen  sie  dankbar  aus  der  Metrologie  auf),  von
denen  aus  dann  wieder  von  selbst  viele  Ziffern  der  Relationen  sich
3*
        <pb n="40" />
        36

Andreas  Walther

in  absolute  Zahlen  umwandeln.  Ich  leugne  natürlich  nicht,  daß
es  interessant  und  von  historischer  Bedeutung  ist,  zu  wissen,  wieviel ­
  Kilogramm  Pulver  die  „Faule  Grete“  oder  sonst  eine  berühmte
Kanone  verschlungen  hat,  wieviel  Meter  Stoff  in  die  Pluderhosen
des  fahrenden  Schülers  gingen,  wieviel  Gramm  Eiweiß  der  Arbeiter
im  15.  Jahrhundert  täglich  zu  sich  nahm  (vgl.  Abschnitt  V).  Nur
ist  es  nicht  das  wesentliche  Interesse  des  Historikers,  und
brauchen  wir  vor  allen  Dingen  nicht  zu  warten,  bis  die  Maßund
  Preisgeschichte  dies  alles  fix  und  fertig  ergründet  hat.
In  den  angeführten  Beispielen  ist  wesentlich  ein  einziger
Gebrauchswert  der  betreffenden  Ware  angenommen  worden.  Es
macht  aber  keine  Schwierigkeit,  daß  die  gleichen  Waren  je
nach  ihrer  Anwendung  einen  sehr  verschiedenen  Gebrauchswert
repräsentieren  können.  Denn  unsere  Fragestellung  ist  ja  eben
nicht  wie  die  des  Preisstatistikers  und  Handelshistorikers,  daß
wir  unseren  Standpunkt  bei  der  Ware  nehmen 1 ),  von  der  aus
gesehen  wir  freilich  sehr  oft  mit  einer  unendlichen  Verzweigung
zu  tun  hätten;  vielmehr  fragen  wir  immer  vom  Standpunkt  des
Benutzers  aus,  sei  es  eines  einzelnen,  einer  sozialen  Schicht
oder,  wenn  möglich,  aller  Schichten  im  Durchschnitt.  Wir  fragen
nicht,  was  das  Holz  kostet,  und  suchen  nun  die  zahllosen  Anwendungsmöglichkeiten ­
  des  Holzes  zusammenzustellen,  sondern
wir  fragen,  was  ein  Bett  kostet  oder  ein  Haus  oder  ein  Kriegsschiff, ­
  und  dabei  lassen  wir  erst  einmal  eine  Feststellung,  wieviel ­
  kleiner  die  Betten,  die  Bäume,  die  Kriegsschiffe  damals
waren,  beiseite.  Haben  wir  ungefähr  eine  befriedigende  Anschauung, ­
  indem  wir  etwa  die  Besatzungszahl  und  Armierung
der  Kriegsschiffe  feststellen,  so  interessiert  uns  der  Preis  des
Schiffes  nicht  mehr  in  Beziehung  zum  Holzpreis,  sondern  nur
noch  in  den  Zusammenhängen,  in  denen  diese  Größe  eben  als
„Kriegsschiff“  gebraucht  wird.
Unsere  Skalen  sollen  also  aus  der  unendlichen  Fülle  der
Preisangaben  nur  diejenigen  aufnehmen,  die  möglichst

1)  Die  metrologisch  unterbaute  Preisgeschichte  hat  ihrerseits  den  Vorteil,
die  Anwendungsmöglichkeiten  jeder  einzelnen  Ware  vollständig  darstellen
zu  können.
        <pb n="41" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

37

typisch  und  unmittelbar  Gebrauchswerte  an  zeigen,
so  dass  dem,  dessen  Auge  über  die  Ziffern  hingeht,  lebendige
Anschauung  sich  von  der  einen  zur  anderen  schlingen  kann.
Was  ich  hier  an  aufgegriffenen  Beispielen  hinsetzen  kann,  nehme
man  nicht  als  Maßstab  für  die  Möglichkeiten  ausgereifter  Forschung. ­
  Wenn  wir  für  Rostock  um  1530  die  Skala  nach  unten
hin  ausführen,  so  werden  wir  etwa  mit  der  Angabe  beginnen,
daß  ein  armes  Ehepaar  in  seinem  Testament  seine  sämtliche
Habe  auf  40  m.  anschlägt,  und  werden  das  nun  zu  spezifizieren
suchen,  indem  wir  mitteilen,  daß  ein  Bett  4—5  m.,  ein  „kleines
Bett“  2  m.,  ein  Kessel  1—9  m.,  ein  zinnener  Topf  4  s.,  ein
Leuchter  5—17  s.,  ein  Korb  2  s.,  eine  Kiste  12  s.  kosten,  und
so  fort,  bis  wir  die  40  m.  voll  hätten,  worauf  wir  durch  Registrierung ­
  der  Luxusgegenstände  allmählich  in  den  Bereich  der
oberen  Klassen  Vordringen  würden.  Besonders  Rechnungen  über
Verkauf  konfiszierter  Güter  sind  dafür  von  großem  Wert.  Da
die  Stadt  Häuser  und  Zimmer  vermietet,  wissen  wir,  daß  die
Jahresmiete  eines  Hauses  10—14  m.  und  mehr,  die  einer  Wohnung ­
  für  1—2  Personen  2—9  m.  beträgt.  Die  Kleidung  läßt
sich  sowohl  im  ganzen,  wenn  nämlich  die  Naturalleistungen  ahgelöst
  sind  (vgl.  oben  S.  30),  als  auch  vielfach  im  einzelnen
nachweisen.  So  kosten  ein  Paar  Hosen  20  s.,  ein  alter  Rock  23  s.,
2  Ellen  Rostocker  Tuch  für  einen  neuen  Rock  14  s.,  ein  Paar
Schuhe  8  s.  Zahlreich  sind  Einzelangaben  wie  solche,  daß  ein
Lferd  40—70  m.,  ein  Ochse  13—15  in.,  eine  Kuh  8  m.,  eine
Kuhhaut  7 2 —l 1 / 2  m -  koste,  daß  ein  Mann,  um  einen  Ochsen
von  Rostock  272  Stunden  weit  nach  Warnemünde  zu  bringen,
2  s.  erhält.  Auch  sei  speziell  auf  die  Abrechnungen  mit  Handwerkern ­
  aller  Art  verwiesen;  oft  genug  werden  die  ausgeführten
Arbeiten  oder  gelieferten  Gegenstände  äußerst  genau  mit  den
Preisen  spezifiziert.  Den  Lebensmittelpreisen  muß  man  vor  allem
von  oben  her  beizukommen  suchen,  von  Angaben  her  wie  etwa
Unterhaltungskosten  von  Gefangenen,  Kranken  oder  den  Bewohnern ­
  der  „Dullenkiste“,  Rechnungen  über  Verproviantierung
von  Schiffen  mit  bestimmter  Besatzung  usw.
Man  sollte,  weil  unnötiger  Ballast  alle  Anschaulichkeit  verdirbt, ­
  streng  daran  festhalten,  in  solche  zusammenfassenden
        <pb n="42" />
        38

Andreas  Walther

Tabellen  keine  Angabe  aufzunehmen  wie  etwa  die,  daß  die
Tonne  Fleisch  7  m.  koste.  Die  Erhebung  solcher  Nachrichten
und  ihre  Reduzierung  auf  den  Gebrauchswert  ist  ein  ungemein
fruchtbares  Feld  für  Spezialarbeiten,  an  denen  sich  jeder  an  der
Lokalgeschichte  Interessierte  beteiligen  kann,  da  er  das  strenge
Gericht  jener  ihrem  Wesen  nach  sehr  zünftigen  Disziplinen  nicht
mehr  zu  fürchten  braucht.  Schwanken  wird  man  etwa,  ob  man
eine  Angabe  aufnehmen  soll  wie  die,  daß  das  Fuder  Holz  1  m.
koste.  Schrieben  wir  nur  für  Großstädter,  so  würde  ich  sie
weglassen;  aber  es  gibt  noch  genug  Menschen,  die  damit  unmittelbar ­
  den  Begrilf  des  Gebrauchswertes  verbinden,  nicht  nur
das  Bild  des  aufgestapelten  Fuders  (Reduktion  auf  die  Quantität),
sondern,  und  darauf  kommt  es  an,  die  unwillkürliche  Schätzung,
wie  lange  das  zur  Feuerung  reichen  würde.
3.  Die  obere  Schicht.
Drittens  endlich  die  obere  Schicht,  wesentlich  den  Haushalt
der  Gemeinwesen  umfassend.  Wenn  ich  von  Ziffern  des  städtischen
Haushalts  oder  des  Staatshaushalts  sprach,  so  soll  natürlich  nicht
nur  eine  leere  Zahl,  etwa  die  Hauptsumme  der  Hauptrechnung,
hingestellt  werden.  Das  wäre  höchst  irreführend  für  alle  Zeiten,
in  denen  unsere  heutigen  Bruttohudgets  noch  nicht  Gebrauch
waren.  Die  Behauptung  zwar,  es  habe  im  Mittelalter  kein  Budget
gegeben,  ist  ein  Irrtum;  die  Anweisung  bestimmter  Ausgaben
auf  bestimmte  Einnahmen  stellt  das  Budget  des  Mittelalters  dar,
und  für  mittelalterliche  Verhältnisse  ist  es  die  einzig  vernünftige
Form.  Aber  dies  Finanzsystem  läßt  natürlich  in  keiner  Rechnung
die  ganzen  Summen  erscheinen,  sondern  in  der  Regel  überall
nur  Überschüsse.  Es  müssen  also  vielmehr  die  einzelnen  Gruppen
der  Einnahmen  und  der  Ausgaben  zunächst  einzeln  mitgeteilt
werden  (bei  allen  Vergleichungen  liegt  ja  auch  hier  das  eigentliche ­
  Interesse),  immer  aber  so,  daß  wir  sie  aus  den  unteren
Schichten  herauswachsen  sehen,  den  Ertrag  des  Schoßes  aus
der  Summe  und  der  Schichtung  der  Privatvermögen,  den  Ertrag
der  Akzise  (um  die  andere  typische  Form  des  Rückgrats  des
städtischen  Haushalts  zu  nennen)  zugleich  aus  der  Warenbewegung.
Schließlich  kann  man  dann  nach  Art  unseres  Bruttobudgets  eine
        <pb n="43" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

39

Gesamtsumme  konstruieren.  Doch  dürfen  wir  beim  Staatshaushalt ­
  nicht  stehen  bleiben,  vielmehr  muß  auch  der  internationale
Werteaustausch  (vgl.  oben  S.  16  f.)  dargestellt  werden.  Aus  dem
von  Ehrenberg  für  das  Anleihewesen  des  16.  Jahrhunderts  zusammengebrachten ­
  Material  kann  man  entnehmen,  wie  wichtig
das  ^Verhältnis  dieser  Zahlen  sowohl  zu  der  oberen  Schicht  der
Privatbudgets  wie  zu  den  Budgets  der  Gemeinwesen  ist.  Eine
Bearbeitung  von  Zollisten,  die  eine  Statistik  des  die  Niederlande
passierenden  Welthandels  zu  derselben  Zeit,  der  Zeit  der  Hochblüte ­
  Antwerpens,  ermöglichen,  habe  ich  in  den  Grundzügen
fertiggestellt.
Ich  könnte  einige  Hauptzahlen  für  städtischen  Haushalt,
Staatshaushalt,  Kriegskosten,  internationale  Wertestatistik  hierhersetzen, ­
  aber  sie  würden,  einerseits  ohne  durchgreifende  Zurückführung ­
  auf  die  einzelnen  Elemente,  aus  denen  sie  zusammengeflossen ­
  sind,  andererseits  ohne  Analyse  der  Bedürfniskomplexe,
zu  deren  Befriedigung  sie  dienen,  doch  nur  leere  Ziffern  sein
können.  Das  Methodologische  dürfte  durch  diese  Andeutungen
genügend  charakterisiert  sein.
4.  Haupt-  und  Hilfsskalen.
Die  Heraushebung  von  gerade  drei  Gruppen  hat  natürlich  keine
prinzipielle  (doch  vgl.  Abschnitt  II),  sondern  nur  praktische  Bedeutung. ­
  Wer  über  ein  bestimmtes  Gebiet  arbeitet,  wie  etwa
über  Löhne  oder  andererseits  Kosten  der  Marine,  wird  sich  dafür ­
  eine  spezielle  Skala  anlegen,  in  der  das  seinen  Gegenstand
Betreffende  aus  allen  drei  Gruppen  vereinigt  wird.
Allgemein  aber  ist  anzustreben  vor  allen  Dingen  die  Herausarbeitung ­
  von  Hauptskalen  bestimmt  beschränkten  Umfangs.
Arbeite  ich  über  die  Finanzierung  der  Hussitenkriege  oder  über
niederländische  Handelsstatistik  zu  einer  bestimmten  Zeit,  immer
muß  die  erste  Vorarbeit  die  sein,  eine  Skala  wie  die  beschriebene
zusammenzustellen,  damit  ich  von  vornherein  nicht  mit  toten  und
bestenfalls  vagen  Rechnungsgrößen  wirtschafte  (was  sich  wahrlich
an  dem  Resultat  bemerkbar  machen  wird),  sondern  jede  Preisangabe ­
  und  jede  Geldsumme  von  vornherein  in  ihrer  Bedeutung
und  gleichsam  ihrem  Milieu  schaue.  Das  Ziel,  das  freilich  erst
        <pb n="44" />
        40

Andreas  Walther

I

durch  längere  gemeinsame  Arbeit  erreicht  werden  kann,  muß  sein,
in  möglichst  wenigen  typischen  Zahlen  das  Wesentliche
der  Schichtung  auszudriieken.  In  skizzenhafter  Form  werden
solche  Hauptskalen  immer  der  erste  Anfang  der  Forschung,  in
durchgearbeiteter  Form  aber  ihr  letztes  und  reifstes  Resultat  sein.
Nun  ist  jede  einzelne  Ziffer  einer  solchen  Skala,  Preis  eines
Pferdes,  Jahresverbrauch  an  Getreide,  Gesamtsumme  eines  Budgets ­
  usw.,  immer  nur  ein  Durchschnitt  aus  vielen  individuellen
Angaben,  bedarf  also  zu  gesicherter  Feststellung  einer  vorgängigen
Spezialuntersuchung.  Wie  die  Verwertung  jeder  historischen  Angabe ­
  auf  einem  großen,  von  vielen  Händen  errichteten  und  erhaltenen ­
  Gebäude  von  Quellenkritik  ruhen  muß,  so  die  Verwertung
jeder  Preisangabe  auf  einer  umfassenden  Arbeitsleistung  zur  Kenntnis ­
  der  Preisbedingungen.  Jeder  Preis  oder  Preiskomplex  ist
wieder  seinerseits  zu  denken  auf  einer  langen  Skala,  deren
höchsten  Punkt  die  Summe  aller  verteuernden,  deren  niedrigsten
die  Summe  aller  verbilligenden  Momente  bezeichnet.  Diese  Preisbedingungen ­
  liegen  teils  in  den  einzelnen  Preisobjekten  selbst,
ihrer  Natur,  Herkunft,  den  Transportschwierigkeiten  usw.,  teils
in  der  endlosen  Verästelung  ökonomisch-psychologischer  Momente,
individueller  und  Massenstimmung  in  Angebot  und  Nachfrage.
Hätten  wir  eine  vollständige  Einsicht  in  diese  Dinge,  so  würden
theoretisch  alle  noch  so  verschiedenartigen  Preise  für  denselben
Gegenstand  oder  gleiche  Komplexe  von  Gütern  auf  eine  Normalgröße ­
  zurückgeführt  werden  können,  in  der  die  verbilligenden
und  verteuernden  Momente  sich  die  Wage  halten  würden.  Dieser
idealen  Größe  müssen  wir  in  den  Durchschnitten  so  nahe  wie
möglich  zu  kommen  suchen.  Aber  auch  hier  ist  die  Feststellung
dieses  Durchschnittes  nur  die  eine  Hälfte  der  Aufgabe;  auch
hier  muß  zur  Ergänzung  und  Korrektur  des  Durchschnittes  die
Anschauung  hinzutreten.  Die  aber  kann  nur  durch  eine  Skala
vermittelt  werden,  in  der,  wenn  möglich,  der  Einfluß  der  typischen
Preisbedingungen  (Großstadt,  Schutzzoll  usw.),  vor  allen  Dingen
aber  der  Grad  des  Schwankens  oder  Konstantbleibens  des  betreffenden ­
  Preises  zur  Erscheinung  käme.  Auch  hier  müßte  man
auf  Arbeiten  zur  Lokalgeschichte  aufbauen.
Das  Ganze  läßt  sich  mit  Leichtigkeit  übersichtlich  tabellarisch
        <pb n="45" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

41

darstellen,  nämlich  genau  so,  wie  der  Geograph  mit  Hauptkarten
und  Nebenkarten  arbeitet.  Der  Vorteil  unseres  Verfahrens  ist
auch  hier,  daß  man  an  einer  beliebigen  Stelle  einsetzen  kann,
in  beliebigem  Maßstab  und  beliebiger  Detaillierung  mit  Hauptoder ­
  Spezialkarten  beginnend.  —■
Was  die  Quellen  betrifft,  so  ist  ein  Auskommen  mit  gedrucktem
Material  offenkundig  unmöglich.  Wir  sind  gezwungen,  eine  Fülle
von  Notizen,  die  in  ihrer  Gesamtheit  einen  geschlossenen  Organismus ­
  darstellen,  durchzusehen,  und  können  immer  nur  zerstreute,
oft  an  sich  ganz  unwesentliche  Angaben,  die  darum  von  den
Publikationen  ausgelassen  werden,  gebrauchen,  solche  nämlich,
in  denen  ein  Stück  von  der  Gesamtstruktur  des  Organismus
direkt  und  typisch  zur  Erscheinung  kommt.  Die  Erhebung  des
Materials  in  den  Archiven  geht  schneller,  als  man  wohl  vermuten ­
  möchte.  Freilich  muß  man  dazu  in  der  Verwaltungsgeschichte ­
  zuhause  sein,  denn  die  betreffenden  Quellen  sind
Niederschlag  der  Tätigkeit  der  Verwaltungsorgane,  sind  also  —
falls  nicht  ein  Archivar  in  dem  unglücklichen  Bestreben  sachlicher ­
  „Ordnung“  die  alte  gewachsene  Ordnung  zerrissen  hat
—  noch  heute  genau  so  geschichtet,  wie  die  Behörden  und  das
Beamtentum  einst  geschichtet  waren.
IV.  Kombination  der  Skalen.
Eine  einzelne  Skala  wie  die  beschriebene  hat  ihre  Bedeutung
in  ihrer  Anschaulichkeit;  und  es  kann  nicht  oft  genug  betont
werden,  daß  hier  der  wesentliche  Gedanke  meiner  Methode  liegt:
Darstellung  des  Organismus  der  ökonomisch-sozialen  Schichtung ­
  für  die  Anschauung.  Damit  sind  wir  den  überwiegenden
subjektiven  und  relativen  Momenten  der  Begriffe  „Geldwert“
(oben  S.  25)  und  „Gebrauchswert  der  Waren“  (oben  S.  33)  gerecht ­
  geworden.  Sobald  es  aber  nun  an  ein  Zusammenstellen
verschiedener  Skalen  geht,  werden  wir  zurückgeworfen  auf  die
unbedingte  Notwendigkeit,  aus  den  Skalen  Durchschnitte  zu
bilden,  die  als  gemeinsame  Nenner  müssen  dienen  können.
Nun  verlangt  jedes  Operieren  mit  Durchschnitten  einen  umsichtigen ­
  Arbeiter.  Worin  hat  die  Umsicht  zu  liegen  ?  Offenbar
darin,  daß  niemals  all  die  einzelnen  Momente,  aus  denen  der
        <pb n="46" />
        42

Andreas  Walther

Durchschnitt  gewonnen  ist,  aus  den  Augen  verloren  werden.  Da
dies  auf  Grund  unserer  Skalen  in  vollendeter  Weise  erreicht
wird,  kommt  nun  erst  hier  das  Wahrheitsmoment  der  Frage
nach  einem  konstanten  Wertmesser  des  Geldes  voll  zur  Geltung. ­

Im  ersten  Abschnitt  war  die  Rede  nur  von  den  Bedenken
gegen  die  wissenschaftliche  Zureichung  der  Methode,  die  mit
der  Reduktion  auf  den  Metallgehalt  arbeitet.  Jetzt  muß  noch
ein  Wort  über  ihre  tabellarische  Darstellung  hinzugefügt  werden.
Da  kommt  der  Mangel,  daß  bei  der  Reduktion  der  ursprüngliche
Wert  verloren  geht,  empfindlich  zur  Erscheinung.  Wir  haben
dann  jene  endlosen  Zahlen  mit  drei  Dezimalstellen,  Gewichtsquanten ­
  Edelmetall  darstellend;  keine  spricht  auch  nur  im
geringsten  zu  unserer  Anschauung.  Vor  allen  Dingen  auch
wird  ein  Einfügen  etwaiger  neuer  Funde  oder  die  Korrektur
einer  irrigen  Eintragung  technisch  so  unverhältnismäßig  erschwert,
daß  es  eben  praktisch  nie  zu  solcher  Eintragung  oder  Korrektur
kommt.  Hier  gewinnen  z.  B.  die  Währungsstreitfragen  eine  schlimme
Bedeutung,  da  man  von  einem  neuen  Autor  weder  verlangen  kann,
in  das  von  seinem  Vorgänger  gewählte,  aber  von  ihm  selbst  für
falsch  gehaltene  Edelmetall  umzurechnen,  noch  auch,  um  weniger
neuer  Angaben  willen  die  ganze  Tabelle  umzugießen.
Ähnlich  steht  es  bei  der  Reduktion  nach  Kursvergleichungen.
Schon  heute  verliert,  wenn  wir  internationale  Werte  auf  Francs
reduzieren,  das  Resultat  für  weite  Kreise  stark  an  Anschaulichkeit; ­
  der  Russe  rechnet  es  sich  doch  stillschweigend  wieder  in
seine  Rubel  um.  Das  ist  natürlich  sehr  viel  schlimmer  bei  den
zahllosen  Münzeinheiten  der  früheren  Zeit,  vor  allem,  da  der
Kurswert  immer  nur  annähernd  bestimmt  werden  kann,  also  fortwährend ­
  das  Bedürfnis  nach  Korrekturen  sich  herausstellen
wird.
Man  wird  nun  für  statistische  Reihen  die  allgemeine  Forderung
aufstellen,  daß  sie  weder  in  bändereichen  Erwägungen  auseinandergelegt ­
  werden  sollten,  was  die  Gefahren  der  Willkür  und  völliger
Undurchsichtigkeit  mit  sich  bringt,  noch  auch,  daß  man  sie  ohne
weiteres  in  Tabellen  zwinge,  die  oft  genug  den  Gipfel  der  Unanschaulichkeit ­
  bedeuten,  sondern  daß  man  sie,  wenn  möglich,
        <pb n="47" />
        n  mn  *Mt*Hschat1  9  O  4  Clk
Bag  322  Kiet  '* Dn *

Geldwert  in  der  Geschichte.  45
graphisch  darstelle 1 ),  freilich  auch  hier  nicht  in  einer
Kurve,  die  über  dem  Streben  nach  höchster  eigener  Anschaulichkeit ­
  die  Brücke  zu  der  viel  wesentlicheren  Anschaulichkeit  der
ursprünglich  gegebenen  Werte  und  damit  jede  Leichtigkeit  der
Korrektur,  Kontrolle  und  Vervollständigung  verloren  hat.
Ich  beschreibe  nun  meine  Methode  der  Kombination  von
Skalen  zunächst  in  schematischer  Vereinfachung;  denn  nicht  auf
irgendwelche  technische  Ausführung,  die  sich  jeder  doch  auf
besondere  Art  modeln  wird,  kommt  es  an,  sondern  darauf,  welche
Prinzipien  der  Reduktion  zugrunde  liegen  sollen.  Man  stelle
sich  vor,  man  würde  für  jede  einzelne  Skala  einen  langen
Streifen  Papier  durch  Linien  im  Abstand  von  1  cm  in  lauter
gleiche  Rubriken  teilen,  die  Rubriken  fortlaufend  numerieren
und  diese  Zahlen  als  die  Einheit  der  betreffenden  Münzsorte,
die  man  an  den  Kopf  schriebe,  ansehen.  Nun  tragen  wir  ein:
in  die  Guldenskala  für  Köln  um  1400  die  Werte  von  2  Gulden
in  die  Rubrik  2,  die  von  200  Gulden  in  die  Rubrik  200  usw.,
ebenso  mit  der  Guldenskala  für  Köln  um  1500,  dann  in  die
Skala  für  Rostock  um  1450  die  Werte  von  6  m.  sund.  in  die
Rubrik  6;  und  so  fort  für  alle  anderen  Skalen,  unter  denen  die
für  die  heutige  Reichsmark  erwünscht,  aber  nicht  nötig  wäre.
Nun  kombinieren  wir  zunächst  zwei  Skalen.  Der  Prozeß  des
Auf-einen-Nenner-bringens  umfaßt  zwei  Manipulationen.  Erstens
das  Suchen  des  Nenners.  Das  vereinfacht  sich  in  unserem  Fall,
anders  als  bei  der  Reduktion  auf  Metallgehalt,  dahin,  die  eine
auf  die  andere  zu  reduzieren.  Dazu  vergessen  wir  für  einen
Augenblick  möglichst  vollständig  alle  Zahlen,  mit  denen  wir
bisher  gearbeitet  haben  und  die  auf  den  Streifen  stehen,  sehen

1)  Mau  hat  schon  zur  Veranschaulichung  von  Indexziffern  Kurventabelleu
verfertigt.  Aber  da  bei  der  Prozentreduktion  die  absoluten  Zahlen  verloren
gehen  (oben  S.  14),  können  solche  Kurven  immer  nur  helfen,  die  allgemeine
Richtung  zu  vergleichen.  Dabei  kann  man  die  zu  vergleichenden  Reihen
entweder  an  demselben  Punkt  mit  100  einsetzen  lassen,  wie  etwa  Kemmerer
(oben  S.  23)  tut,  oder  sie  alle  in  willkürlichem  Zwischenraum  übereinander
anordnen,  wie  etwa  Denis  für  Preise  des  16.  Jahrhunderts  unternommen  hat
(Les  Index  Numbers  au  16®  siede  en  Flandres,  Ann.  de  l’Inst.  des  Sciences
sociales  VI,  1900,  S.  22-  29).
        <pb n="48" />
        44

Andreas  Walther

vielmehr  nur  auf  die  sachliche  Schichtung  der  beiden  Skalen,
die  wir  aneinanderhalten.  Eine  Zeitlang  werden  wir  wägen,
dann  werden  die  Skalen  festliegen.  Jetzt  aber  geben  die  beiden
Zahlen,  die  in  jener  „Mitte“,  auf  die  unsere  Aufmerksamkeit
unbewußt  konzentriert  war,  dem  „Durchschnitt“,  den  die  Hände
unwillkürlich  darzustellen  suchten,  nebeneinanderliegen,  unmittelbar ­
  das  gegenseitige  Verhältnis  der  sozialen  Kaufkraft  der  beiden
Münzeinheiten  zu  den  Zeiten  und  an  den  Orten,  auf  die  sich  die
Skalen  beziehen,  an.
Es  ist  keineswegs  dasselbe,  als  ob  wir  von  vornherein  aus  den
„mittleren  Budgets“  das  gegenseitige  Verhältnis  herausgerechnet
hätten.  Der  Unterschied  liegt  aber  in  der  Tat  nur  darin,  daß
wir  den  Durchschnitt  sonst  schematisch  nach  einer  isolierten  und
schwer  faßbaren  Größe  gewählt  hätten,  während  wir  ihn  nun
durch  Wägen  aller  übrigen  in  Betracht  kommenden  Momente
auf  der  Gesamtskala  weit  über  die  mittleren  Budgets  hinaus
(übrigens  können  wir  auch  Skalen  benutzen,  in  denen  diese
mittleren  Budgets  überhaupt  fehlen  würden)  bestimmt  haben  und
ihn  vor  allen  Dingen  jetzt  nicht  mehr  als  eine  schematische
Rechnungsgröße  verwerten,  sondern  in  unsere  Anschauung  all
die  Korrektive,  Vorbehalte  und  Warnungen  aufgenommen  haben,
die  jedes  Arbeiten  mit  Durchschnitten  im  Unterbewußtsein  begleiten ­
  müssen.  Jederzeit  zeigt  uns  ein  einziger  Blick,  mit
welchem  Grade  von  Berechtigung  überhaupt  eine  Kombination
der  betreffenden  Skalen  vorgenommen  werden  durfte.  Denn  diese
Berechtigung  wird  um  so  geringer,  je  ungleichartiger  in  beiden
Fällen  die  Gesamtschichtung  ist.
Haben  wir  den  Nenner,  resp.  das  durchschnittliche  Verhältnis
gefunden,  so  wird  zweitens  die  Reduktion  ausgeführt.  Steht  in
der  „Mitte“  die  30.  Rubrik  der  einen  neben  der  40.  der  anderen,
so  schreiben  wir  entweder  die  eine  um  auf  eine  Skala,  deren
Abstände  anstatt  1  cm  nur  3 U  cm  betragen,  oder  die  andere  in
Rubriken  von  cm  Abstand.  Auf  diese  Weise  können  wir
beliebig  viele  Skalen  kombinieren.  Die  verschiedene  Breite  der
Rubriken  stört  nicht,  sondern  ist  im  Gegenteil  von  der  größten
Anschaulichkeit,  da  sie  das  Verhältnis  des  Gebrauchswertes  jeder
einzelnen  der  beiderseitigen  Münzeinheiten  höchst  lebendig  gra ­
        <pb n="49" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

45

phisch  darstellt.  Jede  Skala  kann  als  die  Normalskala  gelten,
was  z.  B.  gegenüber  der  Reduktion  auf  den  Kurswert  ein  unmeßbarer ­
  Vorteil  ist.  Endlich  vor  allem  behält  jede  Geldangabe ­
  ihre  ursprüngliche  Benennung.  Auf  der  einen  Skala
stehen  auch  hinfort  Gulden,  auf  der  anderen  Dukaten.  Eine
neue  Angabe  schreiben  wir  also  einfach  hinein  ohne  jegliche
Umrechnung  und  können  sie  dann  direkt  an  sämtlichen  anderen
Skalen,  z.  B.  auch  der  für  unser  heutiges  Geld,  messen  und  vergleichen. ­

Liegen  nach  der  Reduktion  wieder  jene  „Mitten“,  für  die
wir  uns  abwägend  entschieden  hatten,  aneinander,  so  haben
wir  nun  durch  das  ganze  vielteilige  Gerüst  hindurch  mit  dergleichen ­
  Kaufkraft  des  Geldes  zu  tun  (soweit  eben  von  einer
solchen  überhaupt  nur  theoretisch  geredet  werden  kann).  Jetzt
werden  wir  an  ein  Vergleichen  der  Abstände  gehen,  und  da  beginnt ­
  die  Frucht  und  der  Stolz  des  Statistikers!  Natürlich  muß
das  Material  sinnvoll  gewählt  sein,  indem  man  etwa  zunächst
für  einen  bestimmten  Ort  im  Abstand  von  je  50  oder  10  Jahren
eine  Skala  konstruiert  oder  sich  vielmehr  zunächst  auf  den  Ausbau ­
  eines  Querschnittes  beschränkt,  was  ich  für  das  16.  Jahrhundert ­
  hoffe  durchführen  zu  können.  Verfolgen  wir  dann  eine
bestimmte  Schicht,  wie  etwa  die  Löhne  oder  die  Durchschnittshöhe ­
  städtischer  Vermögen,  durch  die  einzelnen  Skalen  hindurch,
so  beschreibt  das  Auge  die  Kurve,  die  in  ihrem  Verlauf  und  vor
allem  in  ihrem  Verhältnis  zu  den  anderen  Kurven  schon  in  nuce
die  ganze  Geschichte  der  betreffenden  Schicht  enthält.  Wir  vergleichen ­
  die  Kurve  der  Löhne  mit  denen  der  Getreidepreise,  der
mittleren  und  oberen  Volksschichten,  der  Belastung  der  arbeitenden ­
  Bevölkerung;  die  Kurve  der  Kriegskosten  mit  der  des
Staatshaushalts,  der  städtischen  Haushaltungen,  der  Güter  der
Geistlichkeit,  des  Domanial-  und  des  von  Ständebewilligungen
abhängigen  Einkommens  der  Fürsten;  innerhalb  der  Kriegskosten ­
  die  Kurven  der  verhältnismäßigen  Aufwendungen  für
Heer,  Marine,  Artillerie.  Je  vielseitiger  das  durchgeführt  wird,
um  so  gesicherter  werden  die  Resultate,  um  so  genauer  wird  auch
rückwirkend  der  Punkt  festgelegt,  der  als  Vergleichsmittelpunkt
dienen  kann.  Immer  aber  bleibt  dieser  Punkt  ein  Durchschnitt,
        <pb n="50" />
        46

Andreas  Walther

der  so  wenig  in  Anschauung  wie  als  Rechnungsgröße  mißbraucht
werden  darf.
Es  muß  angestrebt  werden,  möglichst  viele  einz  eine  Skalen
in  den  Druck  zu  gehen.  Dagegen  wird  niemand  vorschnell  eine
Darstellung  des  ganzen,  stets  noch  korrekturbedürftigen  Systems
im  Druck  versuchen.  Immerhin  mag  es  zu  einer  gewissen  Reduktion ­
  von  selbst  kommen,  da  der  Raum  einer  Druckseite  sich
gerade  dazu  eignen  dürfte,  den  Kern  einer  Hauptskala  wiederzugeben, ­
  etwa  von  dem  primitivsten  Lebensunterhalt  einer  einzelnen ­
  Person  über  alle  Privatbudgets  hinweg  zu  den  Budgets  der
Gemeinwesen  unterster  Ordnung  (Gutswirtschaften  usw.),  während
etwa  eine  zweite  in  viel  größerem  Maßstab  die  Budgets  der
Gemeinwesen  bis  zu  den  Zahlen  der  Weltwirtschaft  zusammenfassen ­
  könnte  usw.  Wird  man  so  immer  das  sachlich  einander
Entsprechende  ungefähr  auf  gleichen  Raum  bringen  wollen,  so
ist  eben  die  hier  geforderte  Reduktion  schon  vollzogen:
die  Abstände  sind  für  die  Gulden  des  16.  Jahrhunderts  etwa
30  mal  größer  als  für  unsere  Reichsmark  usw.  Übrigens  würde,
wenn  ein  Versuch  genauerer  Reduktion  mißglückte,  doch  der
Editionswert  der  Materialien  nicht  geschmälert  werden,  da  ja  die
einzelne  Skala  (auf  die  es  immer  eigentlich  ankommt)  keinerlei
Einbuße  dadurch  erleidet,  ob  sie  mehr  oder  weniger  eng  gedruckt
ist.  —  Wesentlich  ist  nur  das  eine,  die  Skalen  direkt  nach  der
Kaufkraft  aufeinander  reduziert  zu  denken.
Auf  einen  außerordentlich  wichtigen  Vorteil  dieses  Verfahrens
sei  noch  verwiesen.  Es  ist  die  Möglichkeit,  auch  äußerst  lückenhaftes ­
  Material  zu  verwerten,  da  die  Lücken  sowohl  nach  dem
notwendigen  Zwischenlauf  der  stückweise  abbrechenden  Kurven
als  auch  nach  Analogien  in  hohem  Maße  ergänzt  werden  können.
Finden  wir  in  der  Hälfte  (oft  genügt  ein  Viertel  oder  weniger)
einer  Skalenreihe  von  z.  B.  20jährigem  Abstand  für  denselben
Ort  ein  Verhältnis  zwischen  zwei  oder,  beweiskräftiger  noch,
mehreren  Schichten  konstant  bleibend  oder  konstant  sich  verschiebend, ­
  so  können  wir  in  den  übrigen  die  Lücken  der
Quellen  ausfüllen,  mit  gebührendem  Vorbehalt  natürlich  (wie
denn  unablässig  Vorsicht,  ja  Mißtrauen  dies  Arbeiten  mit  lauter
Durchschnitten  begleiten  muß),  aber  doch  mit  einem  Maß
        <pb n="51" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

47

von  Wahrscheinlichkeit,  das  alle  Rechte  einer  bewährten  Hypothese ­
  hat.
Je  mehr  solcher  Skalen  wir  gewinnen,  um  so  unbedenklicher
können  wir  auch  ganz  isolierte  Bruchstücke  verwerten  und  nach
ihnen  die  allgemeine  Kaufkraft  der  betreffenden,  sonst  unbekannten ­
  Münzeinheit  schätzen.  Kennen  wir  für  irgendeinen
Ort  z.  B.  nichts  als  die  Reihe  der  Löhne,  besitzen  aber  für
einen  naheliegenden  oder  sonst  ökonomisch  gleichartig  orientierten ­
  Ort  eine  vollständige  Skala,  so  können  wir  mit  höchster
Wahrscheinlichkeit  annehmen,  daß  die  wesentlichen  Gruppen  der
Gesamtschichtung  in  beiden  Fällen  gleiche  Abstände  von  den
Löhnen  haben  werden.  Wie  wertvoll  solche  Analogieschlüsse
sein  können,  brauche  ich  nicht  auszuführen.  Von  hier  aus  werden ­
  die  älteren  von  Wiebe  zur  Vergessenheit  verdammten  Publikationen ­
  (oben  S.  9  ff.)  noch  einmal  auf  ihre  Verwendbarkeit
geprüft  werden  müssen.
Vor  allem  wichtig  ist  diese  hohe  Ergänzungsmöglichkeit,
wenn  es  sich  um  Forschungen  zur  mittelalterlichen  Geschichte
handelt.  Vom  15.  Jahrhundert  an  rückwärts  werden  die  Quellen
immer  spärlicher.  Es  würde  nun  eine  ungeheure  Kraftvergeudung
sein  und  doch  nicht  zum  Ziele  führen,  wollte  man  die  lückenhaften ­
  Einzelangaben  in  subtilen  Erwägungen  nach  allen  Seiten
drehen  und  wenden,  um  ihnen  doch  noch  etwas  abzugewinnen.
Anstatt  dessen  muß  man  da  seinen  Standpunkt  nehmen,  wo  zum
erstenmal  die  Quellen  massenhaft  zu  fließen  beginnen,  im
16.  Jahrhundert.  Hat  man  für  diese  Zeit  eine  größere  Anzahl
von  Skalen  zusammengestellt  und  kritisch  interpretiert,  so  kann
man  an  der  Hand  auch  zerstreuter  einzelner  Angaben  (übrigens
gibt  es  genug  lückenlose  Rechnungsreihen  bis  ins  13.  Jahrhundert
zurück),  die  nur  ab  und  zu  den  Grad  der  Konstanz  resp.  Verschiebung ­
  der  gegenseitigen  Verhältnisse,  der  Abstände  unter  den
einzelnen  Schichten,  müssen  erkennen  oder  erschließen  lassen,
Schritt  für  Schritt  zurückgehend  das  Mittelalter  erobern.
V.  Das  Zusammenarbeiten  mit  der  Numismatik  und  Metrologie.
Die  wichtigsten  der  im  Lauf  dieser  Untersuchung  bekämpften
Mißverständnisse  lassen  sich  auf  ein  einziges  als  ihren  tief  liegen ­
        <pb n="52" />
        48

Andreas  Walther

den  Grund  zuriickfiihren,  dass  es  nämlich  eine  prinzipiell  durchaus ­
  unstatthafte  Übertragung  ist,  alle  jene  Quantitätsmasse,  sei
es  für  Edelmetall  (Abschnitt  I),  sei  es  für  sonstige  Waren  (Abschnitt ­
  III,  2),  die  ihrem  Wesen  und  Ursprung  nach  nichts  sind
als  praktische  Hilfsmittel  für  den  täglichen  Verkehr  des
Marktes,  nun  auch  zur  Messung  der  großen  und  unendlich  feinen
Bewegung  des  ökonomischen  Organismus  anwenden  zu  wollen.
Denn  diese  Quantitätsmaße  bedeuten  im  Zusammenhang  jener
lebendigen  Bewegung  nicht  zwei  Momente  lang  dasselbe;  kein
Pfund  Getreide  oder  Stück  Eisen  behält  in  dem  unablässigen
Weben,  von  dem  es  ein  Teil  ist,  nur  eine  Stunde  das  gleiche
Gewicht,  mag  auch  äußerlich  quantitativ  nichts  mit  ihm  Vorgehen.
Diese  Bewegung  muß  in  ihren  eigenen  „Maßen“  erfaßt  und  veranschaulicht ­
  werden,  die  freilich  sehr  andersartig  sind  als  die
groben  Quantitätsmaße,  —  in  Anschauung  einer  Schichtung,  im
Lauf  von  Kurven.
Damit  präzisiert  sich  auch  unser  Verhältnis  zu  den  Wissenschaften ­
  der  Numismatik  und  Metrologie,  deren  Fragestellungen
auf  jene  Quantitätsmaße  gerichtet  sind,  prinzipiell  mit  vollster
Klarheit  und  Schärfe.  Soweit  jene  Quantitätsmaße,  die  zunächst
nichts  weiter  als  praktische  Hilfsmittel  für  den  Tagesgebrauch
waren,  eine  konstante  Beziehung  zum  lebendigen  Organismus
des  ökonomischen  Lebens  behalten,  sind  sie  auch  für  uns  von
großer  Bedeutung.  Soweit  das  gleiche  Gewichtsquantum  Edelmetall, ­
  entsprechend  den  substanziellen  Qualitäten,  der  Gewinnungsweise, ­
  den  Verwendungsmöglichkeiten  dieser  Ware,  einen  ganz
besonders  konstanten  Wert  allen  übrigen  Waren  gegenüber  behält, ­
  was  ihm  eben  seine  Stellung  als  des  bevorzugten  Tauschmittels ­
  verschafft  hat  und  erhält,  bis  sich  etwa  in  jenen  Bedingungen ­
  etwas  Wesentliches  ändern  würde,  —  so  weit  ist  die
seinen  allgemeinen  Tauschwert  bezeichnende  Kurve  wichtig  für
uns.  Soweit  das  Pfund  Fleisch  in  einer  konstanten  Beziehung
steht  zu  dem  quantitativen  Element  unserer  Nahrungsaufnahme,
gehört  auch  diese  Quantität  in  unseren  Zusammenhang.
Vergegenwärtigen  wir  uns,  in  welcher  Weise  diese  Nutzbarmachung ­
  numismatischer  und  metrologischer  Resultate  im  Rahmen
unserer  Methode  geschehen  kann.  Dazu  sei  zunächst  noch  einmal
        <pb n="53" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

49

im  Zusammenhang  die  Problemstellung  diesen  Wissenschaften
gegenüber  analysiert.
Das  Bedürfnis  zu  der  ganzen  vorliegenden  Untersuchung  ergab
sich  aus  der  schmerzlich  empfundenen  Beobachtung,  daß  die  Numismatik ­
  wie  die  Metrologie  uns,  die  wir  unbedingt  eine  Überschau
über  größere  Komplexe  müssen  gewinnen  können,  fast  in  der
Regel  vollständig  im  Stich  läßt,  ja  uns  überall  auf  steinigen
Nebenwegen  festha.lt.  Die  erste  Frage  ist  also  die:  Können  wir
alles  Wesentliche  auch  ohne  diese  Disziplinen  erreichen?  Diese
Frage  ist  unbedingt  zu  bejahen,  und  das  ist  erst  einmal  das
entscheidende  Resultat.
Die  zweite  Frage  ist  die:  Sind  für  den  (imaginären)  Fall,
daß  einmal  jenen  Wissenschaften  sehr  erhebliche  Fortschritte  und
vor  allem  brauchbare  und  übersichtliche  Zusammenfassungen  gelingen ­
  sollten,  ihre  eigentlichen  Methoden,  die  sich  mit  den  Quantitäten ­
  beschäftigen,  zu  einer  Lösung  unserer  Fragestellungen  geeignet, ­
  für  diese  Fragestellungen  prinzipiell  richtig  orientiert?
Diese  Frage  ist  unbedingt  zu  verneinen.
Doch  hat  niemand  ihnen  vorzuschreiben,  bei  den  Quantitäten
stehen  zu  bleiben.  Suchen  wir  uns  also  zu  vergegenwärtigen,
wie  es  theoretisch  im  Zusammenhang  jener  Wissenschaften  möglich ­
  sein  würde,  von  den  Quantitäten  her  (nicht  wie  wir
unter  vorläufiger  Umgehung  der  stets  ihren  Wert  verändernden
Quantitäten)  auch  ihrerseits  jenes  zweite,  entscheidende  Problem
zu  lösen,  die  Umrechnung  in  die  soziale  Kaufkraft  des  Geldes
und  den  Gebrauchswert  der  Waren.
Zunächst  für  die  Numismatik.  Da  äst  der  Gedankengang
folgendermaßen.  Können  wir  zu  dem  Gewirr  von  Preisbewegungskurven ­
  (dies  Bild  ist  weitaus  der  adäquateste  Ausdruck  für  diese
Zusammenhänge)  nun  einmal  keine  geradlinige  Achse  ziehen,  auf
die  wir  die  einzelnen  Punkte  projizieren  und  dadurch  den  Lauf
der  Kurven  zahlenmäßig  ausdrücken  könnten,  so  nehmen  wir
wenigstens  erst  einmal  die  Kurve,  die  der  geraden  Linie  am
nächsten  kommt,  nämlich  die  des  Edelmetallwertes,  und  stellen
die  wechselnden  Abstände  von  ihr  fest,  was,  da  es  sich  um  das
allgemeine  Tauschmittel  handelt,  in  den  (reduzierten)  Preisen  unmittelbar ­
  gegeben  ist.  Dann  könnten  wir  weiter  nachzuweisen
4
        <pb n="54" />
        50

Andreas  Walther

suchen,  wie  weit  diese  Kurve  von  der  gesuchten  Normalachse
ah  weichen  dürfte,  worauf  wir  durch  Kombination  beider  Resultate
doch,  gleichsam  auf  Umwegen,  die  Projektion  auf  ein  Koordinatensystem ­
  gewonnen  hätten.  Oder  in  jenem  anderen  Bild:  Müssen
wir  das  Steigen  und  Fallen  des  Wassers  an  einem  sich  selbständig ­
  verschiebenden  Maßstab  ablesen,  so  könnten  wir  doch
die  Eigenbewegung  des  Maßstabes  einem  festen  Punkt  gegenüber
bestimmen,  worauf  wir  durch  Addition,  resp.  Subtraktion  der
Differenzen  die  Bewegung  des  Niveaus  auf  Umwegen  doch  in
Beziehung  zu  einem  konstanten  Niveau  gesetzt  hätten.  Durch
Weiterführung  der  Untersuchungen  über  die  Weltproduktion  an
Edelmetall  könnte  man  diese  Verschiebung  des  vorläufigen  Notmaßstabes, ­
  diese  von  der  imaginären  Achse  abweichenden  Unregelmäßigkeiten ­
  der  vorläufigen  Notkurve,  zu  erfassen  suchen,  Aber
zu  einer  wirklichen  zahlenmäßigen  Messung  kommt  man  auf
diesem  Wege  sicher  niemals.  Die  Schätzung  etwa,  daß  der  Geldwert ­
  seit  der  Entdeckung  Amerikas  um  das  Vierfache  gesunken
sei,  ist  keineswegs  primär  auf  diese  Weise  gewonnen  worden,
vielmehr  auf  dem  direkten  Wege  vergleichender  Schätzung
der  Kaufkraft  des  Geldes,  Vergleichung  z.  B.  der  Getreidepreise,
Löhne,  mittleren  Budgets.
Vollends  unmöglich  aber  wäre  es,  zahlenmäßig  die  Wirkung
der  tausendfältigen  Einflüsse  darzustellen,  die  außer  dem  allgemeinen ­
  Weltpreis  des  Edelmetalls  seine  wechselnde  Kaufkraft
mitbedingen.  Auch  hier  gilt:  Wenn  jemand  behauptet,  daß  die
Versandung  eines  Hafens,  ein  Zoll,  ein  Krieg  (um  von  den  ganz
subjektiv  bestimmten  Einflüssen  zu  schweigen)  den  Geldwert  um
einen  bestimmten  Prozentsatz  verändert  habe,  so  hat  er  die  Höhe
dieses  Prozentsatzes  in  Wirklichkeit  nicht  von  dem  Zoll  oder  dem
Kriege  aus  berechnet;  vielmehr  liegt  umgekehrt  nur  in  der
direkten  Meßbarkeit  der  veränderten  Kaufkraft  die  Möglichkeit,
den  Einfluß  der  mutmaßlichen  Gründe,  z.  B.  eines  Zolles,  zahlenmäßig ­
  zu  erfassen.
Von  den  Quantitäten  der  Numismatik  her  gibt  es  also  keinen
Weg  geradlinig  weiter  zur  Bestimmung  der  Kaufkraft.  Immer
bedarf  es  eines  neuen  Ansetzens,  und  zwar  in  der  Richtung,  wie
sie  in  dieser  Untersuchung  empfohlen  wird.  Eine  Kombination
        <pb n="55" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

51

der  Ergebnisse  geschieht  dann  sehr  einfach  in  der  Weise,  daß
man  die  Resultate  der  Numismatik  in  unsere  Skalen  aufnimmt.
Wir  fügen  also  womöglich  in  jede  derselben  den  Preis  eines
bestimmten  Gewichtsquantums  Silber  und  daneben  den  des
Goldes  ein,  wodurch  wir  zugleich  die  Kurve  der  wechselnden
Relation  zwischen  Gold  und  Silber  darstellen.  Ehe  wir  dann
unsere  direkte  Reduktion  der  Skalen  nach  der  Kaufkraft  ausführen, ­
  werden  wir  natürlich  neben  anderen  „vorläufigen  Orientierungsmaßstäben“ ­
  (oben  S.  25)  auch  den  des  Edelmetallpreises
berücksichtigen  und  uns  ohne  triftige  Gründe  so  wenig  von  ihm
wie  von  den  Kurven  der  Löhne,  der  Getreidepreise  usw.  erheblich ­
  entfernen.
Haben  wir  dann  aber  die  Reihe  der  mittleren  Budgets  (wenn
ich  jetzt  der  Kürze  halber  so  sagen  darf)  zusammengelegt  als
Abszissenachse  für  alle  anderen  Kurven,  sowie  die  einzelnen
Skalen  in  dem  entsprechenden  Verhältnis  reduziert,  so  gewinnt
die  Kurve  des  Edelmetallpreises  in  der  Tat  ein  hohes  Interesse.
Denn  durch  sie  kommt  in  unseren  Skalen  überhaupt  erst  zur
Erscheinung,  in  welcher  Weise  sich  die  eigentliche  „Kaufkraft“
(der  gleichen  Quantität  Edelmetall)  selbst  verändert  hat,  d.  h.  in
welcher  Weise  alle  Preise,  gleichsam  sowohl  alle  Einnahmen
als  auch  alle  Ausgaben,  gleichmäßig  gestiegen  oder  gefallen  sind.
Das  ist  für  uns  weniger  direkt,  als  wegen  der  sozialen  Begleiterscheinungen ­
  von  Wichtigkeit.
Solange  freilich  die  numismatischen  Ergebnisse  noch  so  überaus ­
  lückenhaft  sind  wie  bisher,  werden  wir  uns  die  geldgeschichtliche ­
  Übersicht  vielmehr  durch  den  sehr  viel  einfacheren
Ausbau  umfassender  Kurstabellen  geben  lassen,  die  meist
schon  durchaus  genügende  Annäherungswerte  bieten  (oben  S.  8,
Anm.)
Daß  sich  alles  für  die  Metrologie  analog  verhält,  ist  bei  dem
gleichen  Grundprinzip  der  Reduktion  auf  Quantitäten  von  vornherein ­
  zu  erwarten.  Die  Metrologie  müßte,  wenn  sie  von  ihrer
Quantitätsreduktion  her  auf  den  Gebrauchswert  der  Waren
kommen  wollte,  auch  die  Reduktion  auf  Qualitäten  und
Gewichtigkeitsänderungen  der  Waren  und  Güter  versuchen,  was
von  vornherein  hoffnungslos  wäre.

4*
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        52

Andreas  Walther,  Geldvvert  in  der  Geschichte.

Ganz  einfach  aber  wird  das  Verfahren,  wenn  wir  auch  hier
die  Resultate  der  Quantitätsreduktion  in  unsere  Skalen  aufnehmen,
natürlich  so  wenig  in  die  Hauptskala,  wie  der  Geograph  jedes
Dorf  in  die  Weltkarte  einträgt.  Wir  haben  nun  z.  B.  beide
Kurven  unmittelbar  vergleichsfähig,  jede  in  ihrer  lebendigen
Umgebung:  Quantität  wie  Gebrauchswert  des  Fleisches.  Wir
vergleichen  die  Kurve  des  Fleischpreises  mit  der,  die  anzeigt,
wieviel  ein  Mann  damals  und  wieviel  er  heute  im  ganzen  für
Fleisch  anlegt;  wir  haben  darin  zugleich  ausgesprochen,  wieviel
mehr  Fleisch  wir  heute  essen,  als  im  16.  Jahrhundert  Gebrauch
war,  und  so  fort.
Viel»  Arbeit  aber  muß  von  der  Numismatik  und  Metrologie
auf  ihrem  eigentlichen  Gebiet,  der  Reduktion  der  Quantitäten,
noch  geleistet  werden,  ehe  sie  uns  auch  nur  einigermaßen  geschlossene ­
  Kurven  zu  bieten  vermögen.  Um  so  mehr  dürfen
wir  uns  der  Möglichkeit  freuen,  alle  wesentlichen  Fragen  des
Historikers  unabhängig  von  jenen  Disziplinen  lösen  zu  können.
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        Verlag  von  C.  L.  HIRSCHFELD,  LEIPZIG,  Frommanstrasse  aa.

Geld  und  Banken.
Erster  Teil:  Das  Geld.
Von  Prof.  Dr.  Karl  Helfferich,
kaiserlicher  wirklich.  Legationsrat,  Direktor  der  Deutschen  Bank.
Zweite  Auflage.
600  Seiten.  Preis  Mk.  17.50,  gebunden  Mk.  19.50.
Der  „Plutus"  schreibt  in  einem  umfangreichen  Artikel  über  „Helfferiehs  Geld“
wie  folgt:
Karl  Helfferiehs  Lehrbuch  über  das  Geld  hat  in  den  sieben  Jahren,  die  seit
Erscheinen  der  ersten  Auflage  verflossen  sind,  den  Rang  eines  „Standard-Work“
errungen.  Die  soeben  ausgegebene  zweite  Auflage  wird  diese  Stellung  behaupten
als  eine  durch  Inhalt  und  Form  der  Darstellung  gleich  hervorragende  Leistung.
Die  unschätzbaren  Möglichkeiten  der  Beobachtung,  die  sich  dem  Verfasser  in  seiner
inzwischen  von  ihm  errungenen  Stellung  als  Mitleiter  unserer  grössten  Aktienbank
erschlossen,  sind  dem  Werke  zugute  gekommen  und  haben  dazu  beigetragen,  die
neue  Auflage  in  mancher  Beziehung  über  die  erste  hinaus  zu  entwickeln.“
Kritische  Dogmengeschichte
der  Geldwerttheorien.
Von  Dr.  Fr.  Hoffmann.
Preis  Mk.  8.—.
Äussere  Ereignisse  wie  allgemeine  Wirtschaftstheorien  haben  veranlasst,  dass
die  Darstellung  der  Bestimmungsgriinde  des  Geldwertes  und  der  Folgen,  die  eine
Veränderung  dieser  Grössen  hervorrtifen  kann,  die  Darstellung  der  Gesetze  der  Geldstat'ik
  und  Gelddynamik  immer  wieder  versucht  wurde.  Es  wird  die  Geschichte  der
Hartgeldwerttheorien  von  der  ersten  Aufstellung  einer  Lehre  bis  zur  neuesten  Zeit
verfolgt.  Knapp  werden  die  allgemeinen  Theorien,  ausführlich  die  I.ehren  derjenigen,
die  einen  neuen  Weg  beschritten,  dargestellt  und  kritisch  beleuchtet.  Besonders  wird
darauf  hingewiesen,  wie  die  Geldwertlehre  im  Zusammenhang  steht  mit  anderen  Lehren,
vor  allem  mit  Wert-  und  Krisentheorien.

Zu  haben  in  allen  Buchhandlungen.
        <pb n="58" />
        Geldwert  in  der  Geschichte.

49

®[hang  die  Problemstellung  diesen  Wissenschaften
üysiert.
■  fnis  zu  der  ganzen  vorliegenden  Untersuchung  ergab
hmerzlich  empfundenen  Beobachtung,  daß  die  Numis-:
  Metrologie  uns,  die  wir  unbedingt  eine  Überschau
Komplexe  müssen  gewinnen  können,  fast  in  der
sifidig  im  Stich  läßt,  ja  uns  überall  auf  steinigen
|  esthält.  Die  erste  Frage  ist  also  die:  Können  wir
che  auch  ohne  diese  Disziplinen  erreichen?  Diese
Jedingt  zu  bejahen,  und  das  ist  erst  einmal  das
Resultat.
*  Frage  ist  die:  Sind  für  den  (imaginären)  Fall,
uen  Wissenschaften  sehr  erhebliche  Fortschritte  und
ichbare  und  übersichtliche  Zusammenfassungen  geihre
  eigentlichen  Methoden,  die  sich  mit  den  Q.uantigen,
  zu  einer  Lösung  unserer  Fragestellungen  geiese
  Fragestellungen  prinzipiell  richtig  orientiert?
,st  unbedingt  zu  verneinen.
liemand  ihnen  vorzuschreiben,  bei  den  Quantitäten
ben.  Suchen  wir  uns  also  zu  vergegenwärtigen,
isch  im  Zusammenhang  jener  Wissenschaften  möge,
  von  den  Quantitäten  her  (nicht  wie  wir
er  Umgehung  der  stets  ihren  Wert  verändernden
•ich  ihrerseits  jenes  zweite,  entscheidende  Problem
Imrechnung  in  die  soziale  Kaufkraft  des  Geldes
:  ‘auchswert  der  Waren.
Sir  die  Numismatik.  Da  .ist  der  Gedankengang
..  Können  wir  zu  dem  Gewirr  von  Preisbewegungsild
  ist  weitaus  der  adäquateste  Ausdruck  für  diese
|e)  nun  einmal  keine  geradlinige  Achse  ziehen,  auf
izelnen  Punkte  projizieren  und  dadurch  den  Lauf
s: :  ihlenmäßig  ausdriicken  könnten,  so  nehmen  wir
einmal  die  Kurve,  die  der  geraden  Linie  am
|  lt,  nämlich  die  des  Edelmetallwertes,  und  stellen
n  Abstände  von  ihr  fest,  was,  da  es  sich  um  das
fechmittel  handelt,  in  den  (reduzierten)  Preisen  un-&amp;gt;en
  ist.  Dann  könnten  wir  weiter  nachzuweiseu
4

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