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        <title>Der Weg zum Sozialismus</title>
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            <forname>Paul</forname>
            <surname>Frölich</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>885228731</idno>
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        <pb n="1" />
        Proletarische  Flugschriften  ML  2

Proletarier  aller  Länder
vereinigt  Euch!

DER  WEG  zum
SOZIALISMUS
VON
PAUL  FRÖLICH

QK3

^  Uidu^uülTHjfio.3.6 1 *-ö9*
  v '' e

Preis  40  Pfg.

AM36Q

VERLAG  DER  KOMMUNISTISCHEN  ARBEITERZEITUN«
HAMBURG
        <pb n="2" />
        AlleRedite,  insbesondere  das  derUebersetzung
Vorbehalten.
Kepright  by  Willaschek  &amp;amp;  Co.,  Hamburg.
        <pb n="3" />
        Proletarische  Flugschriften  NL  2

Proletarier  aller  Länder
vereinigt  Euch!

VON
PAUL  [FRÖLICH

DQ

Preis  40  Pfg,

Ä  53360

VERLAG  DER  KOMMUNISTISCHEN  ARBEITERZEITUNG
HAMBURG
        <pb n="4" />
        Vorbemerkung.
Die  vorliegende  Arbeit  stellt  die  Erfüllung  eines  Auftrages ­
  dar,  der  mir  auf  Grund  eines  Vortrages  über  die
Arbeiterräte  von  der  Ortsgruppe  Hamburg  der  Kommunistischen ­
  Partei  Deutschlands  (Spartakusbund)  erteilt  wurde.  Sie
macht  nicht  den  Anspruch,  eine  erschöpfende  Darstellung  des
ganzen  Problems  zu  geben.  Dazu  ist  jetzt  nicht  die  Zeit.
Ich  habe  mich  vielmehr  auf  Hinweise  und  Anregungon  beschränkt, ­
  die  mir  im  gegenwärtigen  Augenblick  besonders
wichtig  erschienen.  Den  großen  Aufklärungsprozeß,  den  der
revolutionäre  Kampf  in  der  Arbeiterklasse  hervorruft,  dürfte
das  Schriftchen  fördrn,  wie  es  auch  als  Leitfaden  für  di«
praktische  Arbeit  von  Nutzen  sein  dürfte.

Hamburg,  25.  Januar  1919.
        <pb n="5" />
        Nationalversammlung  und
Ä.-  und  S.-Räte.
Der  Reifegrad  der  deutschen  Revolution  hat  .sich  in  den
Wahlen  zur  Nationalversammlung  schart  abgezeichnet,  ln
der  Revolution,  die  allein  den  Sozialismus  und  damit  die  Vernichtung ­
  der  Bourgeoisie  als  Klasse  zum  Ziele  haben  kann,
erhält  das  Bürgertum  aus  allgemeinen  Wahlen  die  Mehrheit
im  Parlament.  Da  die  Arbeiter  die  stärkste  Klasse  des  deutschen ­
  Volkes  bilden,  zeigt  sich,  daß  ihr  übergroßer  Teil  von
der  revolutionären  Welle  überhaupt  noch  nicht  erfaßt  ist.
Das  Klassenbewußtsein  der  deutschen  Arbeiter  ist  betrübend
schwach  entwickelt,  ln  der  Nationalversammlung  ist  die  alte
Sozialdemokratie  die  stärkste  Partei,  obwohl  sie  seit  mehr  als
vier  Jahren  mit  schwerer  Konsequenz  die  Arbeiterklasse  und  den
Sozialismus  verraten  hatte  und  unmittelbar  vor  den  Wahlen
gezwungen  war,  die  sozialistische  Maske  von  der  kontrerevotutionüreu
  Fratze  zu  reißen.  Die  sozialdemokratische  Arbeiterschaft ­
  hat  sich  also  noch  längst  nicht  zur  Klarheit  über
das  Wesen  der  Parteien  durchgerungen.
Die  Gegenrevolution  indessen  ist  sich  ihrer  Aufgaben
wohl  bewußt  und  zeigt  eine  rücksichtslose  Entschlossenheit  in
ihren  Handlungen.  Frei  von  jeder  Scham  mobilisiert  sie  die
ganze  Reaktion  zusammen  mit  Abenteurern,  Lumpengesindel
und  irregeleiteten  Proletariern  im  Waffenrock  gegen  die  revo-'
  lutionäre  Arbeiterschaft.  Sie  scheut  vor  keinem  noch  so  verbrecherischen ­
  Kampfmittel  zurück  und  läßt  ihre  Gallifets
Metzeleien  und  Meuchelmorde  veranstalten,  wie  sie  bisher  in
der  Geschichte  nur  an  vollkommen  niedergeschlagenen  Revolutionen ­
  gewagt  wurden.
Und  dennoch  ist  die  Gegenrevolution  innerlich  morsch.
Sie  muß  nach  Weimar  eilen,  um  ihren  Erstling  zur  Welt  zu
bringen.  Den  Geheimrat  von  Goethe  und  den  zermürbten
Schiller  wählt  die  Nationalversammlung  zu  ihren  Schutzheiligen. ­
  Sie  flieht  von  der  Metropole  des  brandenden  Kampfes
in  ein  stilles  Phäakennest  und  führt  damit  gegen  sich  selbst
de»  mörderischen  Streich,  den  im  tollen  Jahre  der  Brande«-
        <pb n="6" />
        -  4  -

burger  der  ersten  preußischen  Nationalversammlung  versetzte.
Damit  gesteht  sie  ihre  Schwäche  ein.  Damit  wird  offenbar,
daß  Stimmenverhältnisse  keine  Machtverhäitnisse  sind,  daß
es  nicht  auf  die  Mit-  und  Nachläufer,  sondern  auf  die  aktiven
Kämpferscharen  ankommt.  Die  Machtprobe  zwischen  Revolulution
  und  Gegenrevolution  hat  erst  begonnen.
Die  Revolution  hat  auch  in  Deutschland  sofort  die  Institution ­
  der  Arbeiter-  und  Soldatenräte  geschaffen.  Wenn  es
sich  dabei  zunächst  nur  um  eine  Nachahmung  des  russischen
Beispiels  handeln  mochte,  so  beweist  doch  ihre  allgemeine
spontane  Einsetzung  im  ganzen  Reiche  die  Verwirklichung
eines  instinktiven  Bedürfnisses  der  ganzen  Arbeiterklasse.
Da  es  außerdem  gelang,  den  Arbeiter-  und  Soidatenräten
wenigstens  in  den  Großstädten  einen  wirklichen  Inhalt  zu
geben,  so  ergibt  sich  für  uns  die  Erkenntnis,  daß  die  Arbeiter- ­
  und  Soldatenräte  eine  historische  Notwendigkeit  darsteilen. ­

Die  Arbeiter-  und  Soldatenräte  können  nur  das  Werkzeug ­
  der  proletarischen  Diktatur  sein.  Bleiben  sie  bestehen,
dann  werden  sie  in  verhältnismäßig  kurzer  Zeit  alle  Aengstlichkeit
  und  Schwäche  abstreifen  und  zu  einer  schneidigen
Waffe  in  den  Eländen  der  Arbeiterklasse  werden.  Schon  jetzt
lehrt  die  Erfahrung-  daß  die  unmittelbaren  Lebensbedürfnisse
oes  Proletariats  die  Aufgaben  der  Räte  steigern  und  ihre
innere  Struktur  verbessern  und  straffen.  Die  Nationalversammlung ­
  kanh  bestenfalls  einen  Vergleich  zwischen  der  Kapitalistenklasse ­
  und  der  Arbeiterschaft  herbeiführen.  Ein
solcher  Vergleich  ist  nur  möglich  auf  der  Grundlage  des  alten ­
  kapitalistischen  Wirtschaftssystems.  Die  Nationalversammlung ­
  war  deshalb  auch  die  ganz  selbstverständliche  Forderung ­
  des  Bürgertums  und  jener  sozialistischen  Theoretiker,
welche  die  Produktion  noch  nicht  für  reif  zur  Vergesellschaftung ­
  ■  erachten.  Mit  dem  Zusammentritt  der  Nationalversammlung ­
  wird  unmittelbar  der  Krieg  zwischen  den  beiden
Prinzipien:  Nationalversammlung  und  Rätesystem,  bürgerlicher ­
  Demokratie  und  proletarischer  Diktatur  erklärt.  Politiker ­
  der  U.  S.  P.  D.  haben  versucht,  beide  Prinzipien  miteinander ­
  zu  verbinden.  Sie  glauben,  die  Nationalversammlung ­
  unter  die  Kontrolle  der  vereinigten  A.-  und  S.-Räte
stellen  zu  können,  wie  dies  in  einigen  Städten  gegenüber  den
alten  Herrschafts-  und  Verwaltungskörpern  des  Bürgertums*
den  Senaten,  Magistraten  und  Stadtverordneten-Versammlungen
  geschehen  ist.  Dabei  vergessen  sie  aber,  daß  es  sich
in  diesen  Fällen  nur  um  ein  Uebergangsstadium  zur  vollkommenen ­
  Besitzergreifung  der  politischen  Macht  durch  die  A.-und
  S.-Räte  und  ihre  volle  Beherrschung  des  ganzen  Ver ­
        <pb n="7" />
        -  9  —

waltungsapparates  handeln  konnte.  Schon  jetzt  haben  die  Erfahrungen ­
  gelehrt,  daß  jene  alten  Körperschaften  den  A.-  und
S.-Räten  durch  passiven  Widerstand  und  offene  Rebellion  so
große  Schwierigkeiten  in  den  Weg  legen,  daß  die  A.-  und  S.-Räte
  gezwungen  sind,  sie  vollkommen  zu  beseitigen.  Viel
größer  würden  die  Reibungsflächen  zwischen  einer  Nationalversammlung ­
  sein,  ,  die  sich  beständig  auf  ihren  Ursprung  aus
allgemeinen  Wahlen  berufen  könnte  und  den  A.-  und  S.-Räten,
  die  letzten  Endes  allein  aus  der  Arbeiterklasse  hervorgegangen ­
  sind.  Der  Konfliktsstoff  wird  so  stark  werden,
daß  es  unbedingt  zu  einem  Entscheidungskampfe  zwischen
beiden  Institutionen  und  damit  zwischen  dem  Bürgertum  und
.  der  Arbeiterklasse  kommen  muß.  Voraussichtlich  wird  die
erste  Handlung  der  Nationalversammlung  den  Versuch  darstellen, ­
  die  A.-  und  S.-Räte  entweder  ganz  zu  beseitigen  oder
doch  ihre  Machtbefugnisse  so  einzuschränken,  daß  sie  nur
noch  eine  Verzierung  der  Staatsverfassung  bilden.  Der  Kampf
zwischen  Generalität  und  Soldatenräten  um  die  Kommandogewalt ­
  zeigt  deutlich  den  Weg  an.
Schließlich  ist  eine  Auffassung  zutage  getreten,  nach  der
die  A-  und  S.-Räte  wohl  gegenwärtig  eine  Notwendigkeit,  für
die  Dauer,  aber  doch  nur  eine  vorübergehende  Erscheinung
seien.  Wenn  es  dpm  Proletariat  gelungen  sei,  im  neuen
Staatsleben  seine  Interessen  fest  zu  verankern,  würden  die
A.-  und  S  -Räte  abzutreten  und  an  ihre  Stelle  eine  konstituierende ­
  Nationalversammlung  zu  treten  haben.  Auch  hinter
dieser  Auffassung  verbirgt  sich  der  Gedanke,  daß  unsere
gegenwärtigen  Wirtschaftsverhältnisse  für  den  Sozialismus
nicht  reif  seien.  daß  also  ein  Sturz  der  Kapitalistenklasse
und  ihre  vollkommene  Vernichtung  wenigstens  für  lan^e  Zeit
hinaus  unmöglich  sei.  Die  Diktatur  der  A.-  und  S.-Räte
hätte  danach  nur  die  Aufgabe.  Bedingungen  gegen  eine  vollkommene ­
  Verelendung  der  Arbeiter  unter  dem  Kanitalismus
zu  schaffen.  Weiterhin  verbirgt  sich  aber  auch  hinter  dieser
Auffassung  der  Gedanke,  daß  die  sozialistische  Gesellschaftsordnung ­
  eines  parlamentarischen  Regierungssvstems  bedürfe.
Die  Aufgabe  dieser  Schrift  soll  in  dem  Nachweis  bestehen, ­
  daß  der  Kapitalismus  reif  ist  für  die  Vergesellschaftung. ­
  daß  sogar  der  Sozialismus  jetzt  eine  unbedingte  Notwendigkeit ­
  geworden  ist,  wenn  nicht  ganze  Völker  der  vo 1 lkommenen
  Verelendung  anheim  fallen  sollen  und  weiterhin,
daß  der  Parlamentarismus*  ein  Fremdkörper  in  der  sozialistischen ­
  Gesellschaft  ist.  die  sozialistische  Gesellschaft  vielmehr
eine  große  Arbeitsgemeinschaft  darstellt,  deren  Träger  das
ganze  arbeitende  Volk  ist.
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        6  -

1

Die  nächsten  wirtschaftlichen
Aufgaben.
Weh  dir,  daß  du  ein  Erbe  bist!
Der  Weltkrieg  ist  das  gewaltigste  Werk  der  Zerstörung
gewesen,  das  die  Weltgeschichte  bisher  gesehen  hat.  In  seinen ­
  Wirkungen  überschattet  er  die  Kämpfe  um  Rom,  die
Hunnenzüge,  den  Dreißigjährigen  Krieg,  der  Deutschland  um
Jahrhunderte  zurückwarf.  Mag  das  Werk  der  Zerstörung  bei
jenen  Kämpfen  länger  gedauert,  mag  es  sich  über  größere
Gebiete  erstreckt  haben,  der  Weltkrieg  übertrifft  es  durch  die
höhere  Organisation  des  Objekts,  der  Methoden  und  die  größere
Gründlichkeit  seiner  Zerstörung.  Hunnen  und  Schweden  fanden
als  Beute  ihrer  Wut  die  kleinen  'Niederlassungen  des  Mittelalters. ­
  die  Dörfer  und  Kleinstädte  an  der  Schwelle  der  Neuzeit, ­
  Wohn-  und  Produktionsstätten,  in  denen  verhältnismäßig
wenig  Arbeit  steckte  und  die  deshalb  bald  wieder  neu  errichtet ­
  werden  konnten.  Sie  zertrümmerten  wirtschaftliche.  Organismen, ­
  die  leicht  ersetzt  werden  konnten,  weil  ihre  Struktur
einfach,  gering  ausgebildet  war.  Trotz  ihres  Sengeus  und
Brennens  wirkte  ihr  Vandalismus  nur  oberflächlich.  Das  wichtigste ­
  Produktionsmittel  der  Zeit,  der  Boden,  wurde  fast  garnicht
  angegriffen.
Der  Weltkrieg  rasierte  Provinzen  mit  höchster  Kultur
fort,  das  Werk  von  Völkern,  von  Jahrhunderten,  ist  vernichtet ­
  worden.  Dörfer  und  Kleinstädte  sind  verschwunden,
Großstädte  Trümmerhaufen  geworden,  Gotische  Kathedralen,
alte  Schlösser,  moderne  Betonbauten,  Rathäuser,  Banken.
Villen,  Bauernhäuser,  Fabriken,  Schächte,  Bessemer  Birnen,
Walzwerke,  Spinnereien,  Gasanstalten,  Riesendynamos,  Denkmäler, ­
  Bibliotheken.  Theater.  Kintöppe,  Boudoirs,  Klubsessel,
Wasserklosetts,  Schienenstränge,  Straßen,  Kanäle,  Deiche,
Lokomotiven,  Straßenbahnen,  Autos,  Wasserleitungen,  Starkstromnetze, ­
  Telegraphen,  Schiffe,  Zeppeline,  Flugzeuge  —
alles,  alles  zerschossen,  gesprengt,  verbrannt,  ersoffen,  vernichtet, ­
  Trümmer,  Grus  und  Mus;  die  Erde  /ergraben,  zerznrengt,
  zertrommelt,  ist  pockennarbiges  Trichtergelände,  die
Eingeweide  sind  ihr  ausgerissen,  die  Wälder  abrasiert,  Mutter
Erde  ist  ihrer  Fruchtbarkeit,  ihrer  Nährfähigkeit  beraubt.
Tn  fünfthalb  Jahren  konnte  dieses  satanische  Werk  nur
dadurch  vollbracht  werden,  daß  die  Zeugungskraft  höchster
Wissenschaft  und  Technik  auf  das  raffinierteste  in  den  Dienst
der  Vernichtung  gestellt  wurde.  Provinzen  und  Länder  konnten ­
  nur  dadurch  in  einen  Haufen  von  Schutt  und  Unrat  verwandelt ­
  werden,  daß  den  imperialistischen  Amokläufern  die
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        Proletarier  der  ganzen  Welt  zur  Verfügung  standen,  sich
gegenseitig  abschlaehtend.  Die  Maschinerie  der  Vernichtung
konnte  nur  dadurch  in  Gang  gehalten,  ausgewechselt,  verbessert, ­
  verstärkt  werden,  daß  immer  neue  Massen  von  Proletariern ­
  in  die  Produktion  geworfen,  die  Arbeitszeit  verlängert, ­
  die  Intensität  der  Arbeit  gesteigert,  die  Frauen  und
Kinderarbeit  riesig  ausgedehnt  und  wichtige  Kulturarbeiten
vernachlässigt  wurden.  Unter  den  Trümmern  des  Krieges
verwesen  die  Leichen  der  Getöteten,  der  Opfer  des  Hungers
und  der  Epidemien,  modern  die  Glieder  der  Krüppel,  verkommt ­
  die  Fruchtbarkeit  unserer  durch  verbrecherische  Arbeit ­
  geschändeten  Weiber,  liegen  die  Knospen  unserer  Jugend ­
  geknickt,  liegt  das  Familienleben,  liegt  die  Moral  breiter
Schichten  des  Volkes  zertreten,  liegen  die  Arbeiterschutzgesetze, ­
  das  Streikrecht,  die  Bürgerrechte,  die  Parteimoral,  die
Freude  und  Hoffnung,  die  Lebenskraft  von  Millionen.
Das  Erbe  des  Krieges  ist  weiterhin  eine  ungeheure
Schuldenlast  des  Reiches,  der  Einzelstaaten  und  der  Gemeinden, ­
  eine  Schuldenlast,  deren  Verzinsung  allein  mehr  als  das
Fünffache  der  früheren  Gesamtausgaben  des  Reiches  ausmachen ­
  wird.  Die  Fürsorge  für  die  Krüppel,  die  Witwen  und
Waisen  wird  phantastische  Summen  erfordern.  Die  Arbeitslosigkeit ­
  würde  unter  dem  Kapitalismus  für  lange  Zeit  hinaus ­
  zu  den  allerschwierigsten  Problemen  gehören.  An  die
Staatskassen  werden  Anforderungen  gestellt  werden,  die  vorläufig ­
  jeder  Berechnung  spotten,  und  an  der  sich  die  Finanzkünstler ­
  vergeblich  erproben  werden.  Der  Krieg  hat  gelehrt, ­
  mit  Milliarden  zu  rechnen.  Auch  im  Frieden  wird  der
K  apitalismus  dies  nicht  wieder  verlernen.  Der  Krieg  hinterläßt
  den  Völkern  eine  ungeheure  Last  von  Arbeit,  in  dem
Wiederaufbau  der  zerstörten  Provinzen  und  der  erschütterten
Wirtschaft  überhaupt.
Der  Sozialismus  ist  notwendig.
Dem  Kapitalismus  kann  die  Lösung  dieser  Aufgabe  nicht
gelingen,  es  sei  denn,  daß  sich  das  Proletariat  zum  versklavten ­
  Vieh  herabdrücken  läßt.  Organisation  der  Arbeit  ist  die
erste  Voraussetzung  für  jene  Lösuns.  Im  Kriege  hat  der  Kapitalismus ­
  eine  Organisation  des  Wirtschaftslebens  versucht.
Den  Erfolg  kennen  wir.  Die  anarchistischen  Triebkräfte  des
Kapitalismus  durchkreuzten  immer  wieder  alle  Versuche.  Der
Kapitalismus  hat  seine  eigenen  Lebensgesetze,  er  führt  ein
ungebändigtes  Triebleben  und  sprengt  jede  Fessel,  die  ihm
angelegt  wird.  Ein  Beispiel:  Es  wurde  versucht,  die  Lebensmittel ­
  preise  durch  gesetzliche  Höchstpreise  und  Rationierung
        <pb n="10" />
        8

auf  bestimmter  Höhe  festzuhalten.  Vergebliches  Bemühen!
Die  Rationierung  bedeutete  den  Hunger  der  Massen.  Sie  rief
die  Hamsterei  der  Reichen  hervor,  und  die  abenteuerlichen
Preise  des  Schleichhandels  und  der  nichtratdonierten  Güter
brachten  den  Ausgleich  der  Preise  auf  den  augenblicklich
„normalen“  Durchschnitt.  Ein  Beispiel  für  die  Zukunft:  Die
Organisation  der  künftigen  Arbeit  muß  jeden  ausgesprochenen
Luxus  ausschließen,  damit  Arbeitskraft  gespart  wird.  Bleiben
die  Kriegsanleihen  unangetastet,  bleibt  damit  ein  fettwanstiges
Großrentnertum,  bleibt  die  Gelegenheit  für  Riesenprofite,
gegen  die  unter  ,dem  kapitalistischen  Himmel  kein  Kraut
wächst,  dann  bleibt  auch  das  Bedürfnis  nach  sinnlosem  Luxus.
Das  Kapital  sucht  jedes  starke  Bedürfnis  auf,  denn  es  lechzt
nach  Extraprofit.  Werden  in  einem  Lande  die  Luxus  -  .Industrien ­
  wirklich  unterdrückt,  dann  schießen  sie  anderswo
umso  üppiger  ins  Kraut.  Wertvolle  Arbeitskräfte  werden  verschwende! ­
  und  der  Produktion  notwendiger  Güter  entzogen.
Der  Sozialismus  ist  notwendig.
Der  Kapitalismus  am  Ende  seiner  Kraft.
Reklameschreiber  und  Redner  für  die  Kriegsanleihen  ä  la
Heilmann  haben  versucht,  die  Bedenken  wegen  der  künftigen
Schuldenlast  zu  zerstreuen.  Dabei  spielte  ein  Argument  eine
besondere  Rolle:  die  geringe  Hemmung,  welche  die  englische
Wirtschaft  durch  die  riesenhafte  Schuldenlast  nach  den  napoleonischen
  Kriegen  erfuhr.  Die  Leute  vergessen,  daß  damals
England  selber  vom  Kriege  verschont  blieb,  daß  es  vielmehr
die  absolute  Herrschaft  auf  dem  Weltmeere  durch  die  kontinentalen ­
  Kriege  errang,  und  daß  es  ihm  dank  dieser  Vormachtstellung ­
  gelang,  unter  Ausbeutung  der  ganzen  Welt  seine
Produktionsweise  auf  eine  höhere  Stufe  zu  bringen.  Es  war
die  Blütezeit  der  englischen  Textil-.  und  Maschinenindustrie,
es  war  zugleich  die  Zeit  tiefsten  Elends  der  englischen  Arbeiterklasse. ­
  Jetzt  kommt  es  darauf  an,  eine  höhere  Stufe
der  Wirtschaft  zu  erklimmen.  Cunow  erwartete  dies  für
Deutschland  von  der  sogenannten  Periode  des  Finanzkapitals,
die  der  Krieg  hervorbringen  sollte.  Es  sei  dahingestellt,  ob
diese  Cunowsche  Idee  nicht  überhaupt  kläglich  hinter  den
Tatsachen  einherstümperte.  Eine  Periode  des  deutschen  Finanzkapitals ­
  wird  es  jedenfalls  nicht  mehr  geben,  denn  zur
Herrschaft  des  Finanzkapitals  gehört  Weltmacht,  und  damit
ist  es  in  Deutschland  aus.  Eine  höhere  Stufe  der  Produktion
bietet  allein  der  Sozialismus.
Der  Kapitalismus  ist  aber  auch  wirk,ich  an  seiner  Lebensgrenze ­
  angekommen.  Dip  Produktivkräfte  gehorchen  ihm
        <pb n="11" />
        nicht  mehr.  Er  steht  vor  Aufgaben,  die  er  nicht  lösen  kann,
vor  allem,  weil  die  mächtigste  Produktivkraft,  die  Arbeitskraft, ­
  versagt  und  rebelliert.  Es  hat  sich  herausgestellt,  daß
der  militärische  Zusammenbruch  nur  die  Folge  des  wirtschaftlichen ­
  Zusammenbruchs  gewesen  ist.  Ein  Beweis  unter
vielen  ist  die  Tatsache,  daß  Krupp  noch  vor  Ausbruch  der
Revolution  dem  weitaus  größten  Teil  seiner  Arbeiter  zura
Jahresanfang  gekündigt  hatte,  weil  nicht  mehr  genügend  Rohstoffe ­
  vorhanden  waren.  Die  Stillegung  des  wichtigsten
Kriegsbetriebes  offenbarte  in  Wirklichkeit  den  Zusammenbruch ­
  der  ganzen  Kriegswirtschaft.  Das  aber  machte  den
Aufstand  der  Arbeiterklasse,  der  gegenwärtig  in  den  Streiks
in  die  Erscheinung  tritt,  nicht  zu  einem  Zufall  und  einem
Anhängsel  an  den  Soldatenaufstand,  sondern  zur  gesellschaftlichen ­
  Notwendigkeit.  Die  deutsche  Arbeiterklasse  befindet
sich  jetzt  mitten  in  einer  gewaltigen  Aktion.  Der  Kapitalismus ­
  kann  nur  dann  wieder  zur  vollen  Herrschaft  kommen,
wenn  er  die  Arbeiterklasse  niederzuschlagen  vermag.  Dazu
fehlt  ihm  die  wirksamste  Waffe,  das  Militär,  das  im  Bürgerkriege ­
  weiter  zermürbt  wird.  Es  wird  und  kann  ihm  nicht
gelingen,  die  Arbeiterklasse  endgültig  und  vernichtend  zu
schlagen,  selbst  wenn  seine  Schergen,  die  Ebert  und  Scheidemann, ­
  noch  so  rücksichtslos  den  Bürgerkrieg  betreiben.  Der
Kapitalismus  ringt,  schwer  verwundet,  mit  einem  Feinde,  der
aus  dem  Kampfe  selbst  immer  neue  Kräfte  zieht.  Sein  Schicksal ­
  ist  besiegelt.

Die  Klassenschichtung  nach  dem  Kriege.
Während  des  Krieges  hat  sich  das  Großkapital  in  Deutschland ­
  sowohl,  als  auch  in  den  Ländern  der  Entente  riesenhaft ­
  entwickelt.  Der  mächtige  Auftraggeber  Staat  hat  in
Deutschland  besonders  die  Riesenindustrie  geradezu  treibhausmäßig ­
  gefördert.  Während  die  englische  Regierung  die
günstigen  Umstände  zur  Schaffung  einer  Art  Staatskapitalismus ­
  .auszunutzen  verstand,  wurde  in  Deutschland  dem  privaten ­
  Kapital  vollkommen  freie  Hand  gelassen.  Das  führte
zu  jenen  maßlosen  Gewinnen,  welche  die  Abrechnungen  der
Aktiengesellschaften  zwar  nicht  ganz  offenbaren,  aber  doch
andeuten.  Das  führte  weiterhin  zu  jenen  skandalösen  Spekulationen ­
  auf  dem  Geldmärkte,  die  durch  die  Geheimhaltung
der  Kursnotierungen  nicht  verhindert,  sondern  nur  verheimlicht ­
  wurden  und  die  schmutzigste  Korruption  verursachten.
Das  führte  zu  den  Exzessen  der  Profitmacherei,  die  im
Großen  wie  im  Kleinen  allenthalben  betrieben  wurde  und  ge-
        <pb n="12" />
        —  io  -
legentlich  der  Affären  Daimler,  Krupp,  Mannesinarm  etc.  dicke
Schwaden  bestialischer  Düfte  aufsteigen  ließ.
Das  Riesenkapital  hat  am  Kriege  Milliarden  verdient.
Es  hat  NeugrGndungen  über  Neugründungen  vorgenommen,
seine  Werke  erweitert,  Neuanlagen  aus  dem  Boden  gestampft
und  sogar  neue  Fabrikorte  mit  zahlreicher  Arbeiterbevölkerung ­
  entstehen  lassen.  Alle  die  Betriebe,  welche  über  große
Bestände  notwendiger  Rohprodukte  verfügten,  wie  die  Wollkämmereien, ­
  Lederfabriken,  Mühlen  und  viele  andere  konnten
das  Volk  bewuchern  und  ihre  Kapitalmacht  gegenüber  den
weniger  günstig  ausgestatteten  Betrieben  gewaltig  befestigen.
Die  Ueberführung  der  Betriebe  aus  der  Friedens-  in  die
Kriegswirtschaft  gelang  natürlich  der  kapitalkräftigen  Großindustrie ­
  besser,  als  den  Mittel-  und  Kleinbetrieben.  Sie
konnten  die  Konjunktur  in  ganz  anderer  Weise  ausnutzen  als
jene.  Die  Folge  davon  war,  daß  die  Mittelbetriebe  zwar  noch
gute  Gewinne  machen  konnten,  aber  in  ihrer  wirtschaftlichen
Bedeutung  gegenüber  den  Großbetrieben  stark  sanken.  Die
Kleinbetriebe  dagegen  wurden  zum  guten  Teil  vernichtet,
durch  die  Konkurrenz,  durch  die  Einziehung  ihrer  Besitzer
zum  Heeresdienst,  wie  auch  durch  die  auf  das  Hilfsdienstgesetz ­
  gestützten  Maßregeln  gegen  die  überflüssigen  Betriebe.
Andere  Gebiete  des  Kapitalbesitzes,  wie  der  städtische  Grundbesitz, ­
  sind  durch  den  Krieg  schwer  geschädigt  worden.  Die
Ware  Arbeitskraft  war  während  des  Krieges  so  wertvoll  geworden, ­
  daß  man  es  nicht  wagen  durfte,  sie  durch  eine  zu
starke  Steigerung  der  Wohnungsmieten  zu  reizen;  außerdem
durften  den  Angehörigen  der  Kriegsteilnehmer  das  Wohnen
nicht  übermäßig  verteuert  werden,  wenn  man  nicht  eine  gefährliche ­
  Veränderung  in  der  Stimmung  der  Kämpfer  riskieren
wollte.  Die  Folge  davon  waren  jene  Maßregeln  der  Regierung, ­
  welche  die  Hausbesitzer  in  der  Steigerung  der  Mieten
beeinträchtigten.  Auf  der  anderen  Seite  aber  zog  die  Erhöhung ­
  des  Zinsfußes  für  Staatspapiere  naturnotwendig  auch
die  Erhöhung  der  Hypothekenzinsen  nach  sich.  Das  kleine
Grundstückskapital  ist  auf  diese  Weise  schon  während  des
Krieges  zum  guten  Teil  vernichtet  worden  und  die  großen
Grundstücksspekulanten  machten  sich  schon  zum  Sprunge  auf
die  Beute  bereit,  die  um  so  riesiger  sein  mußte,  je  drückender ­
  die  Wohnungsnot  auftreten  würde.
Ein  siegreiches  Deutschland  würde  die  unangefochtene
Vorherrscnaft  des  Riesenkapitals  gebracht,  das  Kleinkapital
vernichtet  und  seine  Besitzer  zu  Hunderttausenden  in  das
Proletariat  hinabgeschleudert  haben.  Die  Arbeiterklasse  selbst
wäre  durch  Arbeitslosigkeit,  Wohnungsnot  und  Teuerung  in
das  bitterste  Elend  gestürzt  worden  und  vollkommen  der  Will ­
        <pb n="13" />
        kür  des  Großkapitals  und  dem  durch  den  Sieg  noch  gesteigerten ­
  Uebermut  der  Militärkaste  anheiragefallen.  Die
kühnsten  Träume  kapitalistischer  Machtgelüste  wären  Wirklichkeit ­
  geworden.
Es  zeigt  sich  jetzt,  daß  sich  der  Kapitalismus  in  diesem
Kriege  schon  übernommen  hatte.  Der  schlecht  verkleisterte
wirtschaftliche  Zusammenbruch  zog  den  militärischen,  und  damit ­
  die  Revolution  nach  sich.  Die  Entente  hat  zwar  gesiegt,
aber  in  vielen  ihrer  Länder  ist  der  wirtschaftliche  Zusammenbruch ­
  offenbar  und  damit  die  Grundlage  für  die  Revolution
gegeben.  Die  europäische,  die  Weltrevolution  wird  Wirklichkeit. ­
  An  die  Stelle  einer,  bis  ins  äußerste  Extrem  betriebenen ­
  Herrschaft  weniger  Kapitalraagnaten,  über  die  gesamte ­
  Weltwirtschaft,  wird  der  Sozialismus  treten.

Kapitalistische  Anarchie  oder  sozialistisch©  Ordnung.
Naturwissenschaft  und  moderne  Technik  bedeuten  den
Sipg  des  Menschen  über  die  Naturkräfte.  Der  Sozialismus
wird  den  Sieg  über  die  gesellschaftlichen  Triebkräfte  bringen.
Einstweilen,  bis  den  Bau  der  Welt,
Philosophie  Zusammenhalt,
Erhält  sich  das  Getriebe
Durch  Hunger  und  durch  Liebe.
Blind  und  brünstig  setzen  sich  die  sozialen  Kräfte  unter
dem  Kapitalismus  durch.  Der  Hunger  treibt  die  Massen  immer
wieder  in  die  entmenschte  Frolm  des  Kapitalismus,  zerreißt
die  Bande  der  Solidarität,  weckt  im  Arbeiter  die  niedrigen
Instinkte.  Der  stets  neugepeitschte  Hunger  nach  Profit  verhöhnt ­
  alle  Gebote  der  Vernunft,  zerbricht  alle  Schranken  der
Moral,  trampelt  nieder,  was  ihm  in  den  Weg  tritt.  In  der
kapitalistischen  Anarchie  kann  der  jeweilige  Ausgleich  in  der
Produktion  und  in  den  Machtverhältnissen  der  einzelnen
Klassen  nur  unter  einer  riesenhaften  Verschleuderung  von
Stoffen  und  Kräften,  unter  gewaltigen  Reibungen  und  katastrophalen ­
  Erschütterungen  herbeigeführt  werden.  Das  Stöhnen
der  Zermalmten,  die  Wutschreie  der  Gestürzten  und  das
Triumphgeheul  des  Siegers,  bilden  die  schrille  Melodie  nach
der  die  Maschine  des  Kapitalismus  stampft  und  kreischt.  Durch
den  Krieg  sind  die  Kessel  unseres  ganzen  Wirtschaftslebens
überhitzt  worden,  die  Schwungräder  sausen  in  rasendem
Tempo  und  die  inneren  Hemmnisse  und  Reibungen  sind  so
ungeheuerlich,  daß  die  ganze  Maschine  auseinandergerissen
werden  muß,  wenn  nicht  die  Ventile  geöffnet,  die  Lager  gereinigt ­
  und  der  ganze  Betrieb  vernunftgemäß  geordnet  wird.
        <pb n="14" />
        12  -

Der  Kapitalismus  gleicht  dem  wilden  Strom,  der  üttgezähmt
  allein  dem  Gesetz  der  Schwere  folgt,  hier  fruchtbares
Land  wegreißt,  dort  lebenerstickende  Sandbänke  aufhäuft,  in
wilden  Krümmungen  sich  Bahn  bricht  und  abwechselnd  durch
Dürre  und  Ueberschwemmungen  die  Schiffahrt  unmöglich
macht  und  das  wirtschaftliche  Leben  in  immer  neue  Katastrophen ­
  hmeinführt.  Der  Sozialismus  bändigt  den  Strom.  Er
kanalisiert  ihn,  sorgt  für  gleichmäßige  Tiefe,  bringt  Staubecken ­
  an  und  sichert  einen  ebenmäßigen,  befruchtenden
Lauf.  Aber  diese  Kanalisierungsarbeit  ist  eine  Riesenaufgabe,
die  nur  durch  gewaltige  Erdbewegungen,  die  gewaltsame  Beseitigung ­
  von  Hindernissen,  die  Durchbrechung  versteinerter
Schranken  und  zeitweise  Erschütterungen  des  wirtschaftlichen
Lebens  möglich  ist.
Die  Aufgaben  der  Sozialisierung.
Kapitalbesitzer  und  Unternehmer.
Die  Arbeiterklasse  allein  kann  durch  Kampf  und  aufbauende ­
  Arbeit  den  Sozialismus  durchführen.  Sie  hat  dabei
zwei  große  Aufgaben  zu  erfüllen,  einmal  das  kapitalistische
Besitzverhältnis  zu  beseitigen,  und  zweitens  Ordnung  in  die
Produktion  und  die  Verteilung  der  Güter  zu  bringen.
Der  Kapitalismus  fin  de  guerre  (am  Ende  des  Krieges)
hat  die  Tatsache  auf  die  Spitze  getrieben,  daß  in  ihm  eine
verhältnismäßig  kleine  Schicht  von  Besitzenden,  Rentnern  und
Aktienbesitzern,  den  Mehrwert  aus  der  Arbeit  sich  aneignet,
ohne  daß  sie  irgendwelche  notwendige  Arbeit  leistet.  Diese
Schmarotzer  können  ohne  weiteres  beseitigt  werden,  ohne
daß  der  Gang  der  Produktion  deshalb  irgendwelche  Erschütterung ­
  erleiden  müßte.  Die  Gütererzeugung  im  Kapitalismus
wird  von  den  Werk  direkteren  geleitet,  deren  Hauptaufgabe
es  ist,  aus  dem  anarchischen  Durcheinander  der  wirtschaftlichen ­
  Triebkräfte  die  Bedürfnisse  des  Marktes  abzulesen  und
diese  Erkenntnisse  in  ihren  Spekulationen  zu  verwenden.  .Im
Sozialismus  ist  diese  Arbeit  überflüssig;  die  Stelle  der  Industrieherren ­
  kann  eingenommen  werden  von  einfachen  Verwaltungsbeamten ­
  und  Technikern.
Schutz  der  Produktionsstoffe  und  -Kräfte.
Die  gesamte  Gütererzeugung  muß  innerlich  organisiert
werden.  Der  gesteigerte  Reichtum  einzelner  Schichten  der
Gesellschaft  rief  die  Luxusbedürfnisse  einer  übersättigten,  für
ei*  vernunftgemäßes  Wohlbehagen  abgestumpften  Klasse  her-
        <pb n="15" />
        18  —

n  ’  •  1  i
v*r.  Wertvolle  Mengen  von  Rohstoffen  und  ungeheure  Mengen
von  Arbeitskräften  sind  zur  Befriedigung  dieser  Bedürfnisse
vergeudet  worden.  Der  Sozialismus  hat  die  Aufgabe,  die  Arbeit ­
  für  diesen  Luxus  einzustellen,  alle  Luxusbetriebe  stillzulegen ­
  und  dafür  zu  sorgen,  daß  durch  die  Unterdrückung
des  Luxus  die  Lebensweise  der  Allgemeinheit  gehoben  wird.
Wir  denken  beispielsweise  hierbei  an  die  Qualitätsverbesserung ­
  der  notwendigsten  Bedarfsartikel  der  breiten  Masse,  des
Hausgerätes,  des  Hausschmuckes,  an  die  Errichtung  großer
Gebäude,  die  der  Geselligkeit  dienen  und  der  Kunst  Gelegenheit ­
  geben,  sich  aus  einer  Spielerei  der  herrschenden
Klasse  in  eine  wirkliche  Volkskunst  zu  verwandeln.  Wir
denken  ferner  an  die  Umwandlung  der  mondänen  Vergnügungsstätten ­
  der  oberen  Zehntausend,  wie  Seebäder  und  Luxushotels ­
  in  den  Bergen  in  wirkliche  Volkserholungsstätten,
Weiter  hat  der  Sozialismus  die  Aufgabe,  jede  Verschleuderung ­
  von  Arbeitskraft  und  Rohstoffen  zu  verhindern,  die
durch  die  Zerstückelung  des  ganzen  Wirtschaftsapparates  und
durch  die  Beibehaltung  unrentabler  Maschinen  und  Betriebe
verursacht  wird,  also  Beseitigung  aller  rückständigen  Produktionsmethoden ­
  und  Aufhebung  der  Betriebe,  die  nicht  mit  den
besten  Maschinen  ausgerüstet  sind,  die  vollkommene  Erfassung
aller  Arbeitskräfte  und  ihre  Einordnung  in  die  Produktion
und  die  Hebung  der  Zeugungskraft  der  Arbeit.  Gerade  ein
Verweilen  bei  dem  letzten  Punkt  dürfte  angebracht  sein,  weil
es  uns  eine  Reihe  von  Winken  für  die  nächsten  Aufgaben
der  Arbeiterklasse  während  der  Revolution  erbringen  kann.
iwnuijy’ 1  ■: 11,11  ■  '  '  ■  &amp;gt;  '  i
Veredelung  der  Abeitskraft.
Die  sozialistische  Wirtschaftsweise  kann  di©  Leistungsfähigkeit ­
  des  Einzelnen  steigern  und  veredeln  in  einem  Maße,
das  der  Kapitalismus,  der  kurzsichtig  den  Augenblickserfolg
erstreben  möchte,  niemals  erreichen  konnte.  Bei  unserer  modernen ­
  Technik  ist  das  Problem  der  Arbeit  in  erster  Linie
ein  Problem  der  Bildung,  und  zwar  ebenso  in  der  Landwirtschaft. ­
  wie  in  der  Industrie.  Unter  dem  Kapitalismus  stößt
das  Bildungsstreben  der  Masse  auf  unüberwindliche  Schranken.
Alle  Versuche,  in  der  kapitalistischen  Gesellschaft  auch  nur
die  Einheitsschule,  das  Ideal  der  liberalen  Schulmeister
durehzusetzen,  sind  zum  Scheitern  verurteilt.  Sie  würden  nur
das  sogenannte  geistige  Proletariat  vermehren  und  dadurch
diese  Schicht  von  Kulturträgern  entnerven.  Der  Kapitalismus
ist  nicht  imstande,  den  unglückseligen  Gegensatz  von  Kopfund
  Handarbeitern  anfzuheben.  Er  muß  teilen,  um  zu  herrschen. ­
  Er  braucht  die  stumpfe  Maschine:  Arbeiter,  er  braucht
        <pb n="16" />
        -  14  -
das  willkommene  Ausbeutungsobjekt  der  Jugendlichen  Arbeitskraft, ­
  schließlich  hat  er  auch  für  Bildungszwecke  kein
Geld  —  dieses  Kapital  setzt  sich  nicht  schnell  genug  in  Profit
um.  Der  Gegensatz  von  Kopf-  und  Handarbeitern  entwürdigt
die  Arbeit  und  nimmt  ihr  die  höchste  Zeugungskraft.  Durch
ihn  wird  die  Arbeit  eine  Last.  Durch  die  Aufhebung  dieses
Gegensatzes  erst  kann  sie  freudiges  Schaffen,  kann  sie  wirkliches ­
  Lebenselement  aller  gesunden  Kräfte  der  Gesellschaft
werden.  Nach  einem  interessanten  Worte  Rodins  empfinden
nur  die  Künstler  wirkliche  Arbeitsfreude,  weil  sie  vom  inneren ­
  Drang  zu  schaffen  getrieben  werden.  Rodins  Urteil  ist
beschränkt,  denn  er  sucht  die  Ursachen  des  Schaffenstriebes
in  übersinnlichen  Kräften.  Sie  liegen  aber  wesentlich  in  der
vollkommenen  geistigen  und  praktischen  Beherrschung  des  Arbeitsprozesses. ­
  So  beherrschte  der  Handwerker  am  Ausgang
des  Mittelalters  seinen  Arbeitsprozeß  und  seine  Leistungen
zeugen  von  der  Liebe,  mit  der  er  sich  der  Arbeit  hingab,
von  der  Lust  und  inneren  Befriedigung,  die  sie  ihm  gewährte.
Der  Kapitalismus  verwandelte  den  Arbeiter  in  einen  Automaten, ­
  er  machte  die  Arbeit  zum  Fluch.  Von  diesem  Fluche
mu;j  sie  befreit  werden.
Erziehung  durch  Arbeit.
Die  Beseitigung  der  Ausoeutung  ist  der  erste  Schritt  dazu,
ihm  muß  die  Erziehung  zur  Arbeit  durch  die  Arbeit  folgen,
ln  früher  Jugend  ist  das  Kind  mit  den  verschiedenen  Handwerken ­
  vertraut  zu  machen.  Es  muß  die  Rohstoffe  und  ihre
Bearbeitung  und  die  Handhabung  der  Werkzeuge  kennen
lernen,  damit  hat  die  Ausbildung  in  den  technischen  Wissenschaften ­
  Hand  in  Hand  zu  gehen.  Erst  später,  wenn  sich  der
Jugendliche  seiner  besonderen  Fähigkeiten  und  Neigungen
bewußt  geworden  ist,  wird  die  Ausbildung  von  Hand  und
Kopf  spezialisiert.  Die  Folge  solcher  Ausbildung  ist  eine
innige  Vertrautheit  mit  dem  Gesamtprozeß  der  Arbeit,  eine
leichte  Orientierung  auf  allen  Gebieten  der  Wirtschaft,  eine
beständige  gegenseitige  Befruchtung  von  Theorie  und  Praxis
und  damit  eine  gewaltige  Förderung  der  Arbeitsmethode  und
Steigerung  des  Arbeitsertrages.
,  Mi'
Technischer  Fortschritt,
Diese  Erziehungsarbeit  kann  natürlich  erst  bei  der
kommenden  Generalion  Früchte  tragen,  aber  es  kommt  schon
heute  auf  praktische  Erfolge  an,  dazu  muß  die  Erfindertätigkeit ­
  angeregt  werden.  Der  Kapitalismus  hat  den  Produktionsprozeß ­
  ständig  umgewälzt,  aber  es  ist  Täuschung,  anzunehmen,
        <pb n="17" />
        -  15  -■

daß  er  darin  wirklich  das  höchste  Tempo  erreicht  habe.
Zwei  Hindernisse  bestehen  vor  allem  unter  seiner  Herrschaft.
Nur  die  Erfindungen  werden  ausgenutzt,  die  Lohn  ersparen.
In  der  sozialistischen  Gesellschaft  aber  bringen  alle  Erfindungen ­
  Nutzen,  die  Arbeitskraft  sparen.  Das  Feld  ist  also
bedeutend  weiter.  Die  Erfindertätigkeit  wird  im  Kapitalismus
entmutigt,  weil  der  Erfinder,  sei  er  spekulativer  Laie,  sei  er
Techniker  oder  Arbeiter,  vom  Kapitalisten  in  der  Regel  geprellt ­
  wird.  Der  Arbeiter  aber,  dem  die  technischen  Ideen
bei  der  Arbeit  selbst  kommen,  kann  sie  nicht  verwerten,  weil
ihm  die  Möglichkeit  fehlt,  .sie  wissenschaftlich  zu  bearbeiten.
Was  da  jetzt  an  Anregungen  verloren  geht,  muß  gesammelt
werden.  Mancherlei  Mittel  sind  dazu  gegeben.  Versuchswerkstätten, ­
  unter  Leitung  von  Wissenschaftlern,  sind  allenthalben
einzurichten,  in  denen  f  vorzugsweise  Arbeiter  mit  technischen
Ideen  untergebracht  werden  müssen.  Für  solche  begabte  Arbeiter ­
  sind  technische  Kurse  eipzurichten,  Studienreisen  im
In-  und  Auslande  sind  ihnen  zu  bewilligen,  das  wird  gerade
den  besten  Köpfen  die  Arbeitsfreudigkoit  wiedergeben.
i  •  v
Arbeitsteilung  und  Arbeitswechsel.
Vor  allem  muß  der  Arbeiter  aus  dem  tötenden  Einerlei
der  Spezialarbeit  heraus.  Nicht  daß  wir  auf  die  Arbeitsteilung, ­
  die  überhaupt  erst  den  gewaltigen  technischen  Fortschritt ­
  möglich  gemacht  hat,  verzichten  wollten.  Im  Gegenteil, ­
  die  Arbeitsteilung  soll  gefördert  werden.  Aber  es  ist  ein
Unsinn,  zu  glauben,  der  Arbeiter  würde  für  eine  bestimmte
Arbeit  geschickter,  wenn  er  immer  nur  sie  und  keine  andere
verrichtet.  Es  ist  ein  Unsinn,  einen  Arbeiter  jahrelang  an
derselben  Stanze  denselben  Handgriff  machen  zu  lassen.
Mögen  seine  Glieder  auch  automatisch  denselben  Handgriff
tun,  er  wird  geistig  abgestumpft,  und  mit  der  Arbeit  verödet
sein  ganzes  Dasein.  Die  Arbeitsleistung  selber  aber  wird
nicht  gefördert.  Vielmehr  ist  es  notwendig,  daß  die  Arbeiter
beständig  in  ihren  Spezial  Verrichtungen  wechseln.  Gerade  die
Kriegswirtschaft  hat  die  Ueberschätzung  eingelernter,  emge*
fuchster  Arbeit  offenbart.  Wie  schnell  haben  sich  ungelernte
und  besonders  auch  weibliche  Arbeitskräfte  während  des
Krieges  hochentwickelten  Arbeitsmethoden  angepaßt.  Durch
den  beständigen  Wechsel  in  den  besonderen  Aufgaben  des
Arbeiters,  werden  Kopf  und  Körper  des  Arbeiters  frisch  erhalten ­
  und  allseitig  ausgebildet.  Es  wächst  das  Interesse  an
der  Arbeit.  Es  regt  zu  immer  neuem  Schaffen  an.  Es  steigert ­
  die  Leistungsfähigkeit  des  Einzelnen  und  gibt  seinem
Leben  einen  wirklichen  Inhalt.
        <pb n="18" />
        —  16  —

Industrie  und  Landwirtschaft.
Gerade  aus  dem  Gang  der  Revolution  wird  sich  die  Notwendigkeit ­
  ergeben,  diesen  Gedanken  bis  ip  seine  letzten
Konsequenzen  durchzuführen.  Eine  solche  Konsequenz  wird
zwar  noch  nicht  die  Aufhebung  des  Gegensatzes  zwischen
Stadt  und  Land,  aber  doch  ihr  Ausgleich,  der  Ausgleich  zwischen ­
  Industriearbeit  und  landwirtschaftlicher  Arbeit  sein.
Wir  kennen  die  schweren  Folgen  einseitiger  Industriearbeit
für  die  körperliche,  einseitiger  Arbeit  im  Dorfe  für  die  geistige ­
  Gesundheit.  Der  Industriearbeiter  muß  die  Möglichkeit
haben,  sich  am  frischsprudelnden*  Lebensquell  der  Natur  zu
erholen.  Der  Landarbeiter  muß  heraus  aus  seiner  ärmlichen,
geistesöden  Einsamkeit,  hinein  in  das  Leben  der  Gesellschaft,
mit  ihren  frisch-fröhlichen  Kämpfen.
Aehnliche  Maßregeln  wie  eine  solche  Auswechselung  der
Arbeiter  zwischen  Indusrtie.  und  Landwirtschaft  werden  in
Zukunft  unbedingt  versucht  werden  müssen.  Die  Landwirtschaft, ­
  die  ausgesprochener  Saisonbetrieb  ist,  hat  sich  in
Deutschland  bisher  der  Arbeitskräfte  aus  dem  Osten,  der  sogenannten ­
  Sachsengänger,  bedient.  Es  gelang  ihr  damit,  billige ­
  Arbeitskräfte  zu  erhalten  und  damit  die  Löhne  der  heimischen
  landwirtschaftlichen  Arbeiter  auf  erbärmlicher  Höhe
zu  halten.  Damit  verbunden  war  auch  der  heutige  technische
Tiefstand  der  landwirtschaftlichen  Produktion,  weil  man  den
Sachsengängern  keine  wertvollen  Maschinen  in  die  Hand  geben ­
  konnte.  Gerade  die  Industriearbeiter  scheinen  berufen
zu  sein,  eine  technische  Revolution  in  der  Landwirtschaft  zu
vollziehen.  Es  ist  wahrscheinlich,  daß  die  Revolution  auch  im
Osten,  in  Polen  etc.,  derartige  soziale  Umwälzungen  mit  sich
bringt,  daß  der  nach  dem  Westen  fließende  Menschenstrom
versiegt.  Mit  der  Erhöhung  der  Lebenshaltung  der  Arbeiter
wird  die  Produktion  von  Lebensmitteln  in  Zukunft  eine  höhere
Bedeutung  als  gegenwärtig  erlangen.  Die  landwirtschaftliche
Produktion  muß  also  mit  allen  Mitteln  gefördert  werden,  dafür ­
  sind  unbedingt  die  nötigen  Arbeitskräfte  zur  Verfügung
zu  stellen.
Außerdem  zwingt  die  Sicherung  der  Revolution  zu  tiefgreifenden ­
  Maßregeln,  ln  dieser  Hinsicht  liegen  in  Deutschland ­
  die  Verhältnisse  viel  ungünstiger  als  in  Rußland.  Rußland ­
  hatte  die  ungezählten  Millionen  armer  Bauern,  die  zwar
nicht  formell,  aber  doch  tatsächlich  unter  der  Leibeigenschaft
seufzten,  die  auf  das  schamloseste  vom  Großgrundbesitz  und
vom  Staate  ausgeplündert  wurden  und  neben  dem  periodischen ­
  Hunger  nach  Brot  von  ungestilltem  Landhunger  ergriffen ­
  waren.  Sie  waren  der  aktive  Träger  der  Revolution
        <pb n="19" />
        -  17

auf  dem  Lande.  Sie  trieben  die  Großgrundbesitzer  fort.  Sie
stürzten  die  Besitzverhältnisse  auf  dem  Lande  um  und  nahmen ­
  den  Kampf  mit  der  neuerstandenen  Landbourgeoisie  auf.
In  Deutschland  fehlt  diese  revolutionäre  Schicht.  Die
Sachsengängerei  hat  bei  uns  das  Aufkommen  eines  starken
Landproletariats  unterbunden.  Wenn  auch  die  siegreiche  Revolution ­
  die  vorhandenen  Landproletarier  für  sich  gewinnen
wird,  so  ist  doch  von  revolutionärem  Geist  bisher  unter  ihnen
nichts  zu  spüren  und  sie  sind  auch  viel  zu  schwach,  um  wirklich ­
  die  Revolution  auf  dem  Lande  zu  sichern.  Das  dürfte
selbst  für  die  Gegenden  Deutschlands  zutreffen,  in  denen  der
Großgrundbesitz  der  Junker  vorherrscht  und  diese  Gebiete
sind  zum  größten  Teil  durch  die  Revolution  im  Osten  von
Deutschland  abgetrennt.  Der  Großgrundbesitz  herrscht  eigentlich ­
  nur  noch  in  Altpreußen,  Pommern  und  Mecklenburg,  in
den  übrigen  Gegenden  ist  er  nicht  stark  genug,  um  der  Landwirtschaft ­
  sein  Gepräge  aufzudrücken.  Auch  der  unbefriedigte
Kleinbauer  bildet  in  Deutschland  keine  starke  Klasse.  Sein
Landhunger  hat  keine  Aussicht  auf  Befriedigung,  denn  in
Deutschland  kann  es  sich  nicht  darum  handeln,  den  Grundbesitz ­
  zu  zerschlagen,  um  dadurch  eine  gutgestellte  Bauernklasse ­
  hervorzubringen.  Die  Verhältnisse  auf  dem  Lande  sind
viel  zu  reif.  In  unserer  Landwirtschaft  ist  der  gutgestellte
Mittelbauer  der  vorherrschende  Typ.  Alles,  ob  klein  oder
groß,  was  in  der  deutschen  Landwirtschaft  über  Besitztum
verfügt,  ist  ausgesprochen  gegenrevolutionär.
Brauchen  wir  auch  vor  einer  deutschen  Vendee  keine  besondere ­
  Furcht  zu  haben,  so  müssen  wir  doch  mit  einem  entschiedenen ­
  passiven  Widerstand  des  platten  Landes  gegenüber ­
  der  Revolution  rechnen.  Die  Bauern,  wie  die  Großgrundbesitzer, ­
  werden  versuchen,  die  Lebensmittelversorgung
der  Großstädte  zu  unterbinden  und  die  Revolution  auszuhungern, ­
  Außerdem  kann  die  Schwächung  unseres  Verkehrswesens ­
  die  Lebensmittelversorgung  der  Großstädte  erheblich
gefährden.  Die  Verpflanzung  großer  Massen  des  Industrieproletariats ­
  auf  das  flache  Land  zur  Entlastung  des  städtischen ­
  Arbeitsmarktes  wie  auch  des  städtischen  Lebensmittelraarktes,
  zur  Lieferung  der  in  der  Landwirtschaft  benötigten
hochwertigen  Arbeitskräfte  und  zur  Niederhaltung  der  Gegenrevolution ­
  auf  dem  Lande  wird  eine  der  ersten  Maßregeln
der  siegreichen  Revolution  sein.
        <pb n="20" />
        -  18  -

Die  Praxis  der  Sozialisierung.
Weisse  Salbe.
Die  wirtschaftlichen  Notwendigkeiten  des  Augenblicks,  der
Reifegrad  unserer  Produktion  und  der  Wille  des  revolutionären ­
  Proletariats  fordern  gebieterisch,  daß  die  Revolution  in
Deutschland  bis  ans  Ende  geführt  wird,  bis  in.  den  Sozialismus ­
  hinein.
Bis  in  die  Kreise  des  Bürgertums  hinein  wird  die  Sozialüerung
  als  das  Ziel  der  Revolution  angesehen  und  die
gegenwärtige  Regierung  Ebert-Scheidemann-Noske,  dieselbe
Regierung  welche  den  ganzen  bürgerlichen  Mob  mit  den
Junkern  an  der  Spitze  mobil  macht,  um  das  entschieden  revolutionäre ­
  Proletariat  im  Blute  zu  ertränken,  nennt  sich  selbst
mit  Stolz  eine  sozialistische  Regierung.  Wenn  sie  auch  bisher ­
  noch  keine  einzige  Maßregel  zur  Verwirklichung  des  Sozialismus ­
  getroffen  hat,  so  klappert  ihr  doch,  sobald  sie  nur
den  Mund  auftut,  wie  der  der  Goldelse  im  Märchen  ein  güldener ­
  Dukaten,  das  Blech  von  der  Sozialisierung  heraus.
Aber  all’  ihr  Gerede  von  der  Sozialisierung  hat  letzten  Endes
nur  den  Sinn,  die  wirkliche  Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel ­
  zu  hintertreiben.  Wie  sie  sich  verschworen  hat,
das  Rentnertum  der  Kriegsgewinnler,  das  durch  die  Kriegsanleihen ­
  begründet  ist,  nicht  anzutasten,  so  schreckt  sie  auch
vor  jedem  anderen  entscheidenden  Eingriff  in  das  Verhältnis
zwischen  Kapital  und  Arbeit  zurück.
Ihre  Hauptautoritäten  auf  diesem  Gebiete,  Herr  Hue  und
Herr  Hilferding,  haben  bereits  das  Problem  des  Sozialismus
verwässert  zu  einem  Problem  des  Staatskapitalismus;  jener  in
Schriften,  die  er  während  des  Krieges  herausgab,  dieser  in
seiner  bekannten  Rede  auf  dem  Kongreß  der  A.-  und  S.-Räte.
Ihre  „Sozialisierung“  soll  den  Kapitalisten  nicht  wehe  tun.
Gewisse  Industrien,  so  der  Kohlenbergbau,  der  Kalibergbau,
die  Elektrizitätsindustrie,  sollen  vom  Staat  übernommen  werden, ­
  die  Kapitalisten  sollen  dafür  eine  bestimmte  Abfindungssumme ­
  erhallen.  Herr  Hue  insbesondere  hat  sich  bereits  sehr
eingehend  mit  der  Frage  des  Wertes  der  Kohlengruben  beschäftigt, ­
  sich  dabei  aber  unrettbar  festgerannt.  Er  fiel  glatt
herein  auf  Rechenexempel  der  bürgerlichen  Soldschreiber,  die
da  erklärten,  daß  den  Bergwerkskapitalisten  die  gesamten  in
ihrem  Gebiet  lagernden  Kohlenschätze  gehörten  und  nach
einer  bestimmten  Norm  bezahlt  werden  müssen.  Das  ist  ein
Unsinn,  denn  die  Kohle  hat  an  sich,  wie.  Luft  und  Wasser,
überhaupt  keinen  Wert.  Nur  die  Arbeitskraft,  die  notwendig
ist,  um  die  Kohlenschätze  der  Erde  zu  heben,  macht  den  Wert
        <pb n="21" />
        der  Kohle  aus.  Statt  nun  derartige  Zahlenspielereien  von
vornherein  grundsätzlich  abzulehnen,  heckte  Herr  Hue  selber
ein  solches  System  der  Entschädigung  für  die  Kapitalisten
aus.  Er  kam  dabei  aber  selbst  zu  so  rieigen  Milliarden-Summen,
  daß  er  am  Ende  entsetzt  bemerkte,  das  Volk  brauche
ja  nun  nicht  den  vollen  Wert  von  Betriebsanlagen  etc.  zu
ersetzen.  Herr  Hue  wird  sich  gehörig  schneiden,  wenn  er
etwa  meint,  durch  einen  Gesetzesparagraphen  die  Gesetze  der
kapitalistischen  Wirtschaftsordnung  über  den  Haufen  werfen
zu  können.  Sollen  die  Großbetriebe  abgelöst  werden,  dann
ist  dies  nur  möglich,  indem  man  die  kapitalistischen  Wertgesetze ­
  selbst  anerkennt.  Nach  diesen  kann  es  sich  aber  nur
darum  handeln,  den  Kapitalisten  die  Verwertung  ihres  Kapitals ­
  zu  sichern,  ihnen  also  die  Aktien  zum  Kurswerte  abzukaufen. ­
  In  der  Praxis  würde  sich  die  Sache  so  gestalten,
daß  die  Ak’ien  gegen  Staatspapiere  eingetauscht  werden.  Die
Arbeiter  hätten  dann  das  Vergnügen,  statt  der  Dividenden
für  die  Aktionäre  die  Zinsen  für  die  großkapitalistischen
Staatsrentner  in  ungefähr  der  gleichen  Höhe  zu  erarbeiten.
Das  wäre  im  Wesen  die  Sozialisierung,  welche  von  den  Herren
Sozialpatrioten  geplant  ist.  Die  Arbeiter  werden  dabei  geprellt. ­
  Daß  in  der  Tat  die  Reichsregierung  eine  solche  Art
von  Sozialisierung  plant,  geht  aus  einer  Aeußerung  des  Finanzministers ­
  Simon  hervor,  der  Ende  November  v.  J.  ausdrücklich ­
  erklärte:
Wir  denken  garnicht  an  Gewaltmaßregeln,  in  Betracht
kommt  nur  die  Enteignung,  keine  Konfiskation.  Ich  denke
mir  die  Entwicklung  so,  daß  bei  jedem  Unternehmen  die
Entschädigung  von  Fall  zu  Fall  festgesetzt  wird.  Ist  dieser ­
  Wert  festgesetzt,  dann  würde  ich  vorschlagen,  daß
man  eine  besondere  Anleihe,  eine  Nationalisierungs-Anleihe, ­
  schafft,  deren  ausschließlicher  Zweck  es  ist,  dem
Staate  die  Mittel  zu  geben,  die  er  zur  Durchführung  des
Vergesellschaftungsprogramms  braucht.
Wird  dieses  Programm  verwirklicht,  dann  kommt  der  Arbeiter ­
  nur  aus  der  Sklaverei  des  Privatkapitals  in  die  Sklaverei ­
  des  Staates.  Das  kann  nicht  das  Ziel  der  Revolution
gewesen  sein  und  inzwischen  haben  die  Tatsachen  der  Revolution ­
  schon  einen  bloßen  Staatskapitalismus  unmöglich  gemacht. ­
  Heute  heißt  die  Forderung  Zertrümmerung  des  Kapitalismus ­
  und  Uebemahme  der  Produktion  in  die  Hände  der
Allgemeinheit  ohne  Entschädigung  der  Kapitalisten.
Verwirrende  Experimente.
Die  Arbeiterschalt  ist  heute  schon  für  diesen  Gedanken
gewonnen  und  an  verschiedenen  Stellen  bereits  an  seine  Ver-
        <pb n="22" />
        wirkliokuag  gegange».  S®  haben  die  Arbeiter  der  Msenbaknsignalbauanstalt
  Max  Jüdel  &amp;amp;  Co.,  A.-G.  in  Braunschweig,  den
Betrieb  sozialisiert.  Freilich  handelt  es  sich  dabei  um  ein
Musterbeispiel  dafür,  wie  man  es  nicht  machen  soll.  In  einem
Beschluß,  der  mit  Unterstützung  der  Braunschweiger  Regierung ­
  gefaßt  wurde,  heißt  es;
Die  Arbeiter,  die  kaufmännischen  und  technischen  Angestellten ­
  des  Betriebs  wählen  einen  Betriebsrat  von  dreizehn ­
  Personen.  Der  Betriebsrat  besteht  aus  7  Arbeitern  bzw
Arbeiterinnen,  aus  drei  Angehörigen  des  technischen  una
aus  drei  Angehörigen  des  kaufmännischen  Betriebs.  Der
Betriebsausschuß  regelt  alle  Fragen  des  kaufmännischen,
technischen  und  Arbeitsbetriebes  in  gemeinsamen  Sitzungen,
die  mindestens  allwöchentlich  einmal  stattfinden  müssen.
Dem  Betriebsausschuß  untersteht  das  ganze  Unternehmen.
Er  regelt  alle  Lohnfragen,  die  Anstellung  und  Entlassung
der  Arbeiter  und  Angestellten,  die  Arbeitszeit,  und  er  sorgt
für  die  Sicherung  der  im  Betriebe  angelegten  Kapitalien
und  der  finanziellen  Betriebsmittel.  Der  Betriebsrat  entscheidet ­
  über  die  aus  dem  Betrieb  sich  ergebenden  Uebersciiiüsse.
  Die  Kapitalgeber  haben  lediglich
Anspruch  auf  eine  entsprechende  Verzinsung ­
  ihres  Anlagekapitals  und  einen
Risikozuschlag.  Die  sich  weiter  ergebenden ­
  Betriebs  Überschüsse  werden  im  Interesse ­
  der  Angestellten  und  Arbeiter
verwendet.
Das  ist  eine  eigene  Art  von  Sozialisierung,  die  sieh  die
wackeren  Braunschweiger  da  geleistet  haben.  Sie  erklären:
„Die  Kapitalgeber  haben  lediglich  Anspruch  auf  eine  entsprechende ­
  Verzinsung  ihres  Anlagekapitals  und  einen  Risikozusehlag.„
  Was  können  die  Kapitalisten  in  so  schweren  Zeiten ­
  mehr  verlangen?  Verzinsung  ihres  Kapital^  und  Risikozuschlag. ­
  Ist  das  Sozialisierung?  Ist  das  nicht  vielmehr  eine
Verbeugung  vor  der  ödesten  bürgerlichen  Oekonomie,  die  der.
Profit  als  eine  Ehrengabe  an  den  tapferen  Kapitalisten  ansieht,
  der  den  Mut  besitzt,  seine  paar  Groschen  zu  riskieren.
Sozialisierung  heißt  Ueberführnng  der  Produktionsmittel  in
die  Hände  der  Allgemeinheit,  derart,  daß  eine  Ausbeutung
der  Besitzlosen  durch  die  Kapitalbesitzer  ausgeschlossen  ist.
In  diesem  Falle  wird  die  Ausbeutung  nicht  ausgeschaltet,  sondern ­
  dem  Kapitalisten  sogar  unter  Zusicherung  eine  Risikoprämie ­
  garantiert.
Durch  diese  Art  Sozialisierung  wird  das  Verhältnis  zwischen ­
  Kapital  und  Arbeit  durchaus  nicht  aufgehoben.  Der
Kapitalist  wird  in  seinen  Funktionen  nur  etwas  beschränkt,
        <pb n="23" />
        —  21  —

insofern  nämlich,  als  er  nicht  selbst  über  den  Profit  verfügen
darf,  sondern  seinen  Anteil  von  den  Arbeitern  des  Betriebs
zugeteiit  erhält.  Was  hier  Sozialisierung  genannt  wird,  ist
tatsächlich  nur  eine  Kontrolle  des  Betriebes  durch  die  Arbeiter. ­
  Die  Braunschweiger  werden  uns  vielleicht  erwidern,  daß
sie  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  nicht  weiter  gehen
konnten  und  sich  die  wirkliche  Sozialisierung  bis  zu  dem
Zeitpunkt  Vorbehalten,  wo  die  Macht  im  ganzen  Reiche  in  den
Händen  der  Arbeiterklasse  liegt.  Damit  haben  sie  recht.
Dann  durften  sie  aber  keinesfalls  in  einer  Zeit,  wo  über  diese
Fragen  noch  eine  erhebliche  Unklarheit  herrscht,  für  eine
einfache  Vorbereitungsmaßregel  das  große  Wort  „Sozialisierung“ ­
  benutzen,  denn  die  Regierung  Ebert-Scheidemann
verfügt  über  genügend  Demagogie,  um  zu  sagen:  „Wir  sind
die  echten  Sozialisten,  denn  das,  was  die  spartakistische  Regierung ­
  Braunschweigs  getan  hat,  daß  wollen  wir  ja  auch.“
Damit  wäre  wieder  die  schönste  Verwirrung  in  die  Arbeiterklasse ­
  hineingetragen.
Viel  bedenklicher  ist  die  Bestimmung:  „Die  sich  weiter
ergebenden  Betriebsüberschüsse  werden  im  Interesse  der  Arbeiter ­
  und  Angestellten  verwendet.“  Wie  wir  hören,  sollen
bereits  erhebliche  Summen  des  Betriebsüberschusses  unter  die
Arbeiter  verteilt  worden  sein.  Es  sind  die  langen  Ohren  einer
kleinbürgerlichen  Idee,  welche  aus  diesem  Satze  hervorschauen, ­
  der  Idee  vom  Rechte  auf  den  vollen  Arbeitsertrag.
Engels  hat  sie  bereits  totgeschlagen.  Sie  läßt  kurzsichtig
außer  acht,  daß  man  auch  im  Sozialismus  nicht  von  der  Hand
in  den  Mund  leben  kann,  sondern  daß  Reserven  für  die  Erweiterung ­
  der  Produktion  und  für  Anlagen,  die  dem  Gemeinwohl ­
  dienen,  notwendig  sind.  Dazu  ist  die  Methode,  die
Ueberschüsse  des  einzelnen  Betriebes  unter  die  Arbeiter  zu
verteilen,  geeignet,  die  Arbeiterklasse  zu  spalten,  denn  je
nach  der  Höhe  der  technischen  Ausstattung  des  Betriebes
und  je  nach  der  Machtstellung,  welche  der  einzelne  Betrieb,
oder  die  Industrie  auf  dem  Markte  einnimmt,  sind  die  Profite
verschieden.  In  der  kartellierten  Industrie  z.  B.  in  allen
Monopolbetrieben,  werden  bedeutende  Extraprofite  gemacht.
Verteilt  man  sie  unter  die  Arbeiter  des  Betriebes,  so  schafft
man  damit  eine  bevorzugte  Arbeiterschicht  und  es  besteht  die
Gefahr,  daß  gerade  die  Arbeitergruppen,  auf  welche  die  Revolution ­
  besonders  bauen  muß,  befriedigt  werden  und  das  Interesse ­
  am  weiteren  Kampfe  verlieren.  Die  Geschichte  bietet
dafür  Beispiele  genug.  Man  denke  an  die  gelernten  Arbeiter
in  England,  die  au  der  Versumpfung  der  englischen  Arbeiterklasse ­
  im  letzten  Drittel  des  vorigen  Jahrhunderts  schuld
        <pb n="24" />
        -  22

rare»;  man  denke  auch  an  die  Opfer  der  Philantropie  des
Herrn  Abbe  im  Jenaer  Zeiswerk,  die  in  einem  behäbigen
Spießbürgertum  versunken  sind.
Keine  Sozialisierung  einzelner  Betriebe.
Der  einzelne  Betrieb  gehört  nicht  den  in  ihm  beschäftigten ­
  Arbeitern,  sondern  der  Gesamtheit  der  Arbeiterklasse,
die  erst  durch  die  volle  Verfügung  über  alle  Betriebe  zu
einer  sozialistischen  Regelung  der  ganzen  Produktion  befähigt
wird.  Die  Sozialisierung  kann  deshalb  nicht  vom  einzelnen
Betrieb  ausgehen,  sondern  nur  von  der  Zentralgewalt  der
Arbeiterklasse.
Nun  könnte  man  sagen,  daß  selbst  unter  dieser  Voraussetzung ­
  es  richtig  sei,  hier  oder  dort  die  ersten  Schritte
grundsätzlich  zu  tun,  bis  die  allgemeine  Situation  für  die  gesamte ­
  Vergesellschaftung  reif  ist.  Wir  nehmen  indessen  an,
daß  auch  die  Braunschweiger  Genossen  in  jenem  Betriebe
ganze  Arbeit  machen  wollten  und  ihnen  dafür  nur  erhebliche
Widerstände  im  Wege  standen.  Das  wird  sich  auch  bei  jedem
anderen  derartigen  Versuch  zeigen.  Man  denke  beispielsweise ­
  daran,  in  welche  Schwierigkeiten  die  Bremer  Arbeiterschaft ­
  geriet,  als  sie  den  kühnen  Versuch  unternahm,  die
ganze  Staatsverwaltung  in  ihre  Hände  zu  nehmen.  Die  Banken
sperrten  den  Kredit.  Es  stellte  sich  heraus,  daß  die  deutsche
Kapitalmacht  stärker  war,  als  die  bewaffnete  Arbeiterschaft
Bremens.  Einzelne  sozialisierte  Betriebe  müssen  immer  noch
mit  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung  rechnen.  Sie  sind
vor  allem  auf  den  Geldmarkt  und  seinen  Kredit  angewiesen
und  die  Großbanken  hätten  es  in  der  Hand,  den  ganzen  Betrieb ­
  stillzulegen.  Ebenso  würden  ganze  Industriezweige  vom
allgemeinen  Markt  abhängig  sein.  Der  Kapitalismus  hätte  es
in  der  Hand,  ihnen  die  Rohprodukte  und  die  Absatzmöglichkeiten ­
  zu  sperren,  oder  den  Arbeitern  die  Nahrungsquellen
zu  verschließen.  Verfrühte  Experimente  sind  also  stets  zum
Scheitern  verurteilt.  Bedingung  für  die  Sozialisierung  ist  also
die  Sicherung  des  Kredits,  der  Rohstoffe,  der  Absatzgebiete
und  der  Nahrungsmittelquellen.  Damit  ist  gesagt,  daß  eine
Sozialisierung  einzelner  Betriebe  vollkommen,  einzelner  Industrien ­
  fast  ausgeschlossen  ist.  Die  Sozialisierung  hat  als
schmälste  Grundlage  ganze  Wirtschaftsgebiete.
Sozialisierung  ganzer  Wirtschaftsbetriebe.
So  wird  es  z.  B.  möglich  sein,  das  rheinisch-westfälische
Industriegebiet  zu  sozialisieren.  Die  Rohstoffquellen  für  die
dortigen  Industrien  sind  in  den  Kohlen-  und  Erzlagern  vor-
        <pb n="25" />
        Bag

ßQ  C
VJ  ^  v-'

*tSf a 21.  3.64.

23

handen.  Die  Kohle  aber  und  die  übrigen  Erzeugnisse  der
Industrien  haben  für  die  gesamte  Volkswirtschaft  eine  so  hohe
Bedeutung,  daß  die  dortige  Arbeiterschaft  die  Kreditgewährung ­
  und  die  Nahrungsraittelzufuhr  erzwingen  könnte.  Die
Arbeiterklasse  in  solchen  Wirtschaftsgebieten  könnte  also  eine
wesentliche  Vorarbeit  leisten  und  ist  der  Sozialismus  dort  erst
einmal  bis  zu  einem  gewissen  Grade  durchgeführt,  dann  wird
diese  Tatsache  die  Aufklärungsarbeit  unter  der  übrigen  Arbeiterklasse ­
  gewaltig  fördern.
Die  allgemeine  Sozialisierung.
Hat  die  Arbeiterklasse  die  Staatsmacht  in  ihre  Hände  genommen, ­
  dann  ist  sie  in  der  Lage,  planmäßig  an  die  Beseitigung ­
  des  Kapitalismus  zu  gehen.  Sie  wird  zunächst  die
Banken  übernehmen.  Mit  den  Banken  und  ihrem  Kredit  beherrscht ­
  sie  ohne  weiteres  die  ganze  Industrie  und  sie  kann
von  hier  aus  eine  Industrie  nach  der  andern  in  das  Gemeineigentum ­
  überführen.  Mit  der  Staatsmacht  hat  sie  die  Möglichkeit, ­
  die  Widerstände  zu  überwinden.  Verweigern  die  Angestellten ­
  dem  sozialistischen  Staate  ihre  Dienste,  dann  kann
man  sie  durch  Entzug  der  Lebensmittelkarten  und  ähnliche
Maßregeln  zwingen.  Sperren  die  Bauern,  ehe  die  Umwälzung
auf  das  Land  übergegriffen  hat,  die  Nahrungsmittel,  dann
wird  man  in  der  Lage  sein,  die  Massen  der  Arbeitslosen,
die  das  Erbteil  des  zusammengebrochenen  Kapitalismus  sind,
mit  ihren  Familien  und  mit  Waffen  auf  das  Land  zu  schicken
und  dort  Ordnung  zu  schaffen.  Selbstverständlich  geht  eine
solche  gewaltige  Umwälzung  nicht  vor  sich  ohne  erhebliche
innere  Reibungen,  ohne  daß  von  allen  möglichen  Seiten  gewaltsame ­
  Eingriffe  oder  passiver  Widerstand  versucht  wird.
Aber  die  russische  Revolution  hat  gezeigt,  daß  man  dessen
mit  der  nötigen  Energie  Herr  werden  kann.  Je  mehr  die
Kapitalistenklasse  bezwungen  wird,  je  mehr  ihre  Angehörigen
genötigt  sind,  selbst  als  Angehörige  des  neuerstehenden  Arbeitervolkes ­
  an  der  sozialistischen  Produktion  teilzunehmen,
umsomehr  werden  diese  Widerstände  verschwinden.
Der  endgültige  Ausbau  und  die  Sicherung  der  sozialistischen ­
  Wirtschaftsordnung  in  Deutschland  ist  natürlich  auch
abhängig  von  der  Weltrevolution.  Wir  haben  jetzt  das  Recht.
Aber  auch,  solange  sie  nicht  Wirklichkeit  geworden  ist,  ist
die  Lage  in  Deutschland  nicht  verzweifelt.  Gerade  der  Weltkrieg, ­
  der  die  Mittelmächte  vom  Weltmarkt  abschloß,  hat  der
Entente  und  den  Neutralen  die  Bedeutung  der  deutschen  Promit
  ihr  bestimmt  zu  rechnen,  und  der  vollkommene  Sieg  der
Arbeiterklasse  in  Deutschland  wird  sie  mächtig  befördern.
        <pb n="26" />
        &amp;amp;

-  24  —

duktion  eingehämmert.  Eine  ganze  Reihe  deutscher  Industrien
sind  für  den  Weltmarkt  unentbehrlich  und  die  Versuche,  sie
zu  ersetzen,  sind  bisher  gescheitert.  Man  wird  mit  uns  rechnen ­
  und  einen  Warenaustausch  mit  uns  eingehen  müssen.
So  wenig  die  Schwierigkeiten  der  Sozialisierung  in
Deutschland  unterschätzt  werden  dürfen,  die  sich  gerade  daraus ­
  ergeben,  daß  wir  es  mit  einem  im  ganzen  Wirtschaftsleben ­
  fest  verankerten,  ungeheuer  starken  Kapitalismus  zu
tun  haben,  so  sehr  muß  auf  die  günstigere  Lage  gegenüber
Rußland  hingewiesen  werden.  Günstiger  ist  die  Lage,  gerade
weil  Rußland  schon  an  die  Sozialisierung  herangegangen  und
damit  der  jungen  kommunistischen  Republik  ein  natürlicher
Verbündeter  gegeben  ist.  Deutschland  und  Rußland  werden
sich  gegenseitig  einen  Markt  schaffen  und  einander  trefflich
ergänzen.  Rußland  ist  jetzt  dabei,  sich  seine  alten  Besitztümer ­
  wieder  anzugliedern  und  dort  die  Revolution  zu  vollen-,
den,  die  durch  die  deutsche  Besetzung  und  die  gegenrevolutionären ­
  Strömungen  unterbunden  war.  Damit  erhält  es  die
Gebiete  mit  gewaltigen  Schätzen  an  Rohstoffen  und  landwirtschaftlichen ­
  Erzeugnissen  zurück.  Das  rohstoffarme  Deutschland ­
  wird  von  dort  wichtige  Metalle,  Textilfasern,  Rauchwaren, ­
  Leder  u.  a.  m.  beziehen  können.  Es  wird  seinen  Lebensmiltelbestand ­
  von  dort  ergänzen  können.  Vorbedingung
dafür  ist  die  Wiederherstellung  der  Verkehrsmittel,  die  in
beiden  Ländern  durch  den  Krieg  ruiniert  v worden  sind.
Deutschland  wird  dagegen  Fertigfabrikate,  namentlich  moderne
iandwirtschaftliche  Maschinen  liefern  und  hochwertige  Arbeitskräfte ­
  zur  Verfügung  stellen  können,  die  drüben  ein
Hauptbedürfnis  für  die  Aufrichtung  sozialistischer  Kultur  sind.
Ein  sozialistisches  Rußland  und  ein  sozialistisches  Deutschland ­
  werden  eine  solche  Macht  bilden,  daß  sie  wirtschaftlich
getrost  der  ganzen  Welt  trotzen  könnten.
Die  Ärbeiterräte.
Die  Aufgaben  in  der  Uebergangszeit.
Der  Sozialismus  erschöpft  sich  nicht  darin,  daß  von  einer
Zentralstelle  aus  die  Uebernahme  der  Produktionsmittel  in
die  Hände  der  Allgemeinheit  dekrediert  wird.  Auch  das  wäre
die  Verstaatlichung  und  die  tollste  Bureaukratisierung  der
Produktion.  Es  kommt  darauf  an,  in  der  gesellschaftlichen
Produktion  die  gesamten  Kräfte  der  Arbeiterklasse,  und
        <pb n="27" />
        Menschheit  frei  auswirken  zu  lassen,  ein  inniges  ünd  freudiges ­
  Zusammenwirken  aller  wirtschaftlichen  Kräfte  im  großen
Arbeitstrust  der  Menschheit  horT-ioi-mfübren.
Revolutionen  werden  überhaupt  nicht  durch  Gesetzesparagraphen
  gemacht,  und  es  kommt  nicht  allein  auf  die  Erringung ­
  der  politischen  Macht  der  Arbeiterklasse  an,  die  dann
durch  ihre  Vertreter  die  wirtschaftliche  Umwälzung  vollziehen ­
  läßt.  Die  politische  Mobilmachung  der  Arbeiterklasse
ist  nicht  das  Entscheidende  dieser  Revolution,  sondern  vielmehr ­
  die  Sozialisierung  und  die  muß  das  Werk  der  ganzen
Arbeiterklasse  sein.  So  haben  sich  auch  alle  anderen  Revolutionen ­
  vollzogen.  Niemals  wäre  die  große  französische  Revolution ­
  zum  Ziele  gelangt,  niemals  hätte  sie  den  Feudalismus ­
  abschaffen  können,  wenn  die  versklavte  Bauernschaft
nicht  selbst  die  Zertrümmerung  der  feudalen  Güter,  die  Abschaffung ­
  der  Fronden  und  Lasten,  die  Vernichtung  der  Fronbriefe, ­
  die  Vertreibung  des  Adels  in  ihre  Hand  genommen
hätte.
So  sehen  wir  tatsächlich  die  Arbeiter  jetzt  überall  am
Werke,  auch  ihre  wirtschaftlichen  Geschicke  in  die  eigene
Hand  zu  nehmen  und  die  Institutionen  auszubilden,  die  berufen ­
  sind,  jetzt  die  Sozialisierung  vorzubereiten  und  in  Zukunft
die  Träger  für  die  Regelung  der  gesamten  Produktion  zu
werden.  Das  sind  die  Betriebsräte.  Spontan  sind  sie  in  vielen ­
  Betrieben  entstanden  und  sie  breiten  sich  immer  weiter
aus.  Die  alten  Fabrikausschüsse,  diese  Verbrämung  des  Unternehmer-Absolutismus, ­
  haben  sie  beiseite  gedrängt  und
immer  neue  Vollmachten  in  ihre  Hand  genommen.
Sie  treten  dem  Unternehmer  gegenüber  und  verhandeln
mit  ihm  wie  Macht  zu  Macht.  Sie  regeln  auf  diese  Weise  die
Arbeitszeit  und  Arbeitsordnung.  Sie  beseitigen  das  Verfügöngsrecht
  des  Unternehmers  über  den  einzelnen  Arbeiter,  indem ­
  sie  die  Arbeitsvermittlung  durch  ihre  Hand  gehen  lassen.
Durch  Auseinandersetzung  mit  dem  Unternehmer  wird  festgestellt, ­
  ob  Arbeiterentlassungen  oder  Einstellungen  notwendig
sind.  Die  Entlassungen  und  Einstellungen  selbst  nimmt  der
Arbeiterrat  des  Betriebes  vor.  Sie  legen  mit  dem  Unternehmer ­
  die  Löhne  fest,  sorgen  für  die  Beseitigung  der  Akkordarbeit ­
  und  überwachen  die  Durchführung  der  Bestimmungen,
wobei  sie  volles  Vollzugsrecht  haben.  Um  volle  Klarheit  über
alle  Grundlagen  für  ihre  Maßregeln  zu  haben,  sichern  sie  sich
das  Recht  der  Einsicht  in  die  Bücher  und  die  Bestände  an
Rohmaterialien  und  Waren.
In  höherem  oder  geringerem  Maße  haben  die  Arbeiterräte ­
  diese  Aufgaben  bereits  durchgeführt.  S io  ®uf
diesem  Wege  fortschre’ten  müssen,  um  die  über  Kontrolle
        <pb n="28" />
        den  ganzen  Betrieb  in  ihre  Hand  zu  bekommen.  Aber  sie
werden  sich  auch  als  Meister  zeigen  müssen,  indem  sie  sich
zu  beschränken  wissen,  lieber  die  Kontrolle  dürfen  sie  nicht
hinausgehen.  Sie  sollen  es  sich  nicht  einfallen  lassen,  das
Unternehmertum  auszuschalten.  Sie  würden  dadurch  die  Sozialisierung ­
  des  einzelnen  Betriebs  versuchen,  aber  daran
scheitern.
Die  Arbeiterräte  dürfen  vor  allem  niemals  den  revolutionären ­
  Kampf  aus  den  Augen  verlieren.  Sie  sind  seine  Träger. ­
  Führen  Differenzen  mit  dem  Unternehmer  zu  Streiks,
dann  haben  sie  die  Streikleitung  zu  übernehmen.  Bei  allen
großen  politischen  Aktionen  haben  sie  die  Ausführung  zu  übernehmen, ­
  soweit  es  ihren  Betrieb  betrifft.  Das  Bewußtsein,
daß  ihre  Existenz  der  Revolution  entspringt,  daß  sie  und  ihre
Macht  mit  der  Revolution  zu  Grunde  gehen  würden,  darf  sie
niemals  verlassen.  Tun  sie  ihre  revolutionäre  Pflicht,  dann
festigen  sie  ihre  eigene  Arbeit  und  sichern  die  Sozialisierung.
Die  Arbeiterräte  in  den  Betrieben  übernehmen  so  die
Aufgaben  der  Gewerkschaften.  Die  Erfahrungen  des  Kampfes
haben  gezeigt,  daß  die  deutschen  Gewerkschaften  viel  zu  versteinert ­
  sind,  als  daß  sie  in  einer  revolutionären  Zeit  eine
andere  Aufgabe,  als  die  des  Bremsern  übernehmen  könnten.
Es  ist  genug  gebremst  worden.  Die  Gewerkschaften  müssen
beiseite  geschoben  und  als  überflüssiger  Ballast  über  Bord
geworfen  werden.  Ueberall  dort,  wo  durch  die  A.-  und  S.-Räte
namentlich  im  Anschluß  an  die  revolutionsfeindlichen  Erlasse
der  Regierung  den  Gewerkschaften,  d.  h,  in  der  Praxis  den
Gewerkschaftsführern,  Vollmachten  eingeräumt  sind,  haben  die
Arbeiterräte  für  ihre  Ausschaltung  zu  sorgen.
Natürlich  kann  es  gerade  im  Hinblick  auf  diese  Aufgaben
'nicht  bei  der  Einrichtung  der  Betriebsarbeiterräte  bleiben.
Die  Bewegung  würde  dadurch  zersplittert  werden.  Vielmehr
müssen  die  Arheiterräte  der  einzelnen  Betriebe  aus,  sich  heraus ­
  Räte  für  die  Industrien  am  einzelnen  Ort,  oder  im  einzelnen ­
  Wirtschaftsgebiete  schaffen.  Diesen  liegt,  es  ob,  die
Aufgaben  der  Betriebsräte  auf  einer  breiteren  Grundlage  zu
erfüllen.  Sie  haben  allgemeine  Bestimmungen  über  Lohnund
  Arbeitsverhältnisse  zu  treffen.  Ihnen  ließt  vor  allen  Dingen ­
  auch  die  Arbeitsvermittelnng  ob.  Die  Zeiten,  wo  man
sich  über  die  Frage,  ob  Unternehmern  achweis  oder  paritätischen ­
  Nachweis  stritt,  sind  vorüber.  Die  Arbeitsvermittelung
muß  ein  Machtmittel  in  den  Händen  der  Arbeiter  werden.
Zu  gleicher  Zeit  sind  in  den  Wirtschaftsbezirken  Räte  zu
bilden,  welche  die  einzelnen  Industrien  zusammenfassen,  die
dann  entsprechend  den  allgemeinen  Verhältnissen  ihre  Aufgaben ­
  finden  werden.  Hierbei  wird  es  sich  schon  um  so
        <pb n="29" />
        komplizierte  Verhältnisse  handeln,  daß  sich  aus  einem  größeren ­
  Kreise  der  Arbeiterratsmitglieder  ein  Arbeitsausschuß,
das  Bezirkswirtschaftsamt,  herausbilden  muß.  Dies  Bezirkswirtschaftsamt
  wird  für  seine  einzelnen  Aufgaben  die  nötigen
Fachleute  heranziehen  müssen.
Industrieräte  für  das  ganze  Reich  und  ein  ZentralarbeHerrat
  mit  einem  Zentralwirtschaftsamt  würden  die  Krönung  des
ganzen  Gebäudes  bilden.
Es  handelt  sich  bei  alledem  um  ein  feinmaschiges  Netz,
in  dem  sich  die  besonderen  Interessen  der  einzelnen  Branchen
und  Industrien  mit  den  allgemeinen  Arbeiterinteressen  in  den
Wirtschaftsgebieten  und  im  ganzen  Reich  gegenseitig  durchdringen. ­

Die  Organisation  der  Arbeit  im  Sozialismus
Mit  diesem  Gesamtsystem  von  Arbeiterräten  ist  aber  zugleich ­
  die  innere  Struktur  für  die  Organisation  der  Arbeit  im
Sozialismus  selbst  gegeben.  Der  Zentralwirtschaftsrat  hat  auf
Grund  umfassender  statistischer  Erhebungen  die  Bedürfnisse
des  ganzen  Volkes  feslzustellen  und  den  einzelnen  Industrien
die  nötigen  Anweisungen  für  die  Produktion  zu  übergeben.
Er  erläßt  die  allgemeinen  Verfügungen  über  die  Lohn-  und
Arbeitsverhältnisse.  Er  weist  den  einzelnen  Industrien  die
nötigen  Rohstoffe  zu  und  veranlaßt  die  großen  Verschiebungen ­
  von  Arbeitskräften,  die  sich  nach  Lage  des  Arbeitsmarktes ­
  als  notwendig  erweisen.  In  seiner  Hand  liegt  auch  die
Abwicklung  der  Geschäfte  mit  dem  Ausland.  Unter  seiner
Aufsicht  steht  das  gesamte  Verkehrswesen.  Die  Industrieräte
haben  neben  den  besonderen  Aufgaben,  die  die  Arbeiterverhältnisse ­
  betreffen,  vor  allem  die  Ausgestaltung  des  technischen ­
  Apparats  zu  ihrer  Aufgabe  zu  machen.  Sie  haben  die
Industrie  zu  organisieren,  rückständige  Betriebe  haben  sie
aufzulösen,  die  dort  vorhandenen  Arbeitsmittel,  soweit  sie  verwendbar ­
  sind,  den  technisch  hochwertigen  Betrieben  zu  überweisen ­
  und  überhaupt  für  die  technische  Vervollkommnung
des  Arbeitsprozesses  zu  sorgen.  Eine  wichtige  Aufgabe  wird
dabei  sein,  die  überstarke  Differenzierung  unserer  modernen
Produktion  in  die  mannigfachsten  Modelle  für  Maschinen,
Apparate,  Gebrauchsartikel  etc,,  aufzuheben  und  unter  Wahrung ­
  der  allgemeinen  Bedürfnisse  Einheitsmodelle  einzufüh-,
ren.  Versuchswerkstätten  stehen  unter  ihrer  Aufsicht.  Sie
erledigen  die  Geschäfte  mit  dem  Anslande,  i  die  ihnen  vom
Zentralwirtschaffsamt  zugewiesen  werden.
Die  Bezirkswirtschaftsräte  sorgen  ihrerseits  nun  wiederum ­
  für  die  Erfüllung  all  dieser  Aufgaben  innerhalb  ihres
        <pb n="30" />
        eigenen  Bezirkes.  So  untersteht  ihnen  besonders  auch  der
Verkehr  in  ihrem  Gebiete.
Die  Betriebsräte  haben  die  Leitung  der  Produktion  in
ihrem  Betrieb  in  den  Händen.  Sie  beaufsichtigen  den  technischen ­
  und  den  Verwaltungsapparat.  Sie  haben  die  Verfügung ­
  über  die  Rohstoffe  und  die  Betriebseinrichtung,  die  sie
gemäß  den  Anweisungen  vom  Industrie-  oder  Bezirkswirischaftsrat
  zu  verwenden  haben.  In  ihren  Händen  liegt  die
Verfügung  über  die  vorhandenen  Arbeitskräfte.
Um  das  alles  kurz  zusammenzufassen,  drucken  wir  hier
den  entscheidenden  Teil  einer  Ausarbeitung  über  die  Aufgaben ­
  der  Arbeiterräte  ab,  die  dem  ersten  Parteitag  der  Kommunistischen ­
  Partei  Deutschlands  Vorgelegen  hat.  Im  wesentlichen ­
  stimmen  wir  mit  diesen  Ausführungen  überein:
1)  In  allen  Betrieben  der  Industrie  und  des  Handels  sind
von  den  Arbeitern  und  Angestellten  Betriebsräte  zu
wählen,  die  für  den  Betrieb  in  allen  Angelegenheiten,
die  das  Arbeitsverhältnis  des  Arbeiters  und  der  Angestellten ­
  zum  Unternehmer  betreffen,  .selbständig  nach
Anhören  des  Unternehmers  entscheiden.  Der  Betriebsrat ­
  übt  die  Kontrolle  über  die  Produktion  und  den  Geschäftsbetrieb ­
  des  Unternehmers  aus.  Es  steht  ihm
jederzeit  der  Einblick  in  die  Geschäftsbücher,  Kalkulationen ­
  und  Personalakten  des  Unternehmers  zu.  Den  Mitgliedern ­
  des  Betriebsrates  ist  für  die  versäumten
Arbeitsstunden  vom  Unternehmer  eine  Entschädigung  in
der  festgesetzten  Lohnhöhe  zu  zahlen.  Ferner  ist  dem
Betriebsräte  im  Betriebe  für  seine  Funktionen  ein  Büro
mit  allen  erforderlichen  Utensilien  einzurichten,  ebenso
sind  den  Mitgliedern  des  Betriebsrates  alle  Ausgaben,
die  sie  infolge  ihrer  Funktion  als  Betriebsrat  haben,
vom  Unternehmer  zu  ersetzen.  Dem  Unternehmer  steht
über  die  Entscheidung  des  Betriebsrates  das  Recht  der
Beschwerde  bei  dem  Bezirks  -Wirtschaftsrat
,  zu,  doch  wäre  die  vorläufige  Durchführung  der  Beschlüsse ­
  des  Betriebsrates  durch  die  Beschwerde  nicht
behindert.
2)  In  Großbetrieben  wählen  die  Arbeiter  der  einzelnen
Werkstätten  oder  Abteilungen  Werkstattsräte
die  in  allen  Angelegenheiten  der  Werkstatt  als  erste
Instanz  selbständig  entscheiden.
8)  Die  Wahlen  zu  den  Betriebsräten  erfolgen  in  der  Weise,
daß  in  Großbetrieben  (über  500  Arbeiter!  auf  je  100
Arbeiter  ein  Vertreter  und  in  Kleinbetrieben  unter  500
Arbeitern  mindestens  fünf  Vertreter  gewählt  werden.  Es
ist  darauf  zu  achten,  daß  auch  Arbeiterinnen  in  die  Be ­
        <pb n="31" />
        triebs-  oder  Werkstatträte  gewählt  werden.  Die  Arbeitet
können  ihre  gewählten  Vertreter  jederzeit  zurückberufen,
  falls  diese  nicht  in  ihrem  Sinne  tätig  sind.
4)  Für  ein  zusammenhängendes  Wirtschaftsgebiet  wählen
die  Arbeiter  und  Angestellten  einen  Bezirkswirtschaftsrat, ­
  der  in  ahen  Fragen,  die'die  Arbeitsverhältnisse
  und  die  Kontrolle  der  Produktion  und  des
Handels  im  Bezirk  betreffen,  selbständig  zu  entscheiden
hat..  JJie  laufenden  Geschäfte  des  Bezirkswirtschaftsrats
werden  von  einem  ßezirkzwirtsc  haftsamt  geführt, ­
  das  von  dem  Bezirkswirtschaftsrat  zu  bilden  ist.
5)  Für  die  einzelnen  Industrie-  und  Handelszweige  werden
von  Arbeitern  und  Angestellten  Industrie-  und
Handel  swirtsc  ha  f  t  s  r  ä  t  e  gewählt,  deren  Geschälte ­
  von  Industrie-  und  Handelswirts
  c  h  a  f  t  s  ä  öi  t  e  r  n  geführt  werden.
6)  Für  das  gesamte  Reich  wird  von  den  Bezirkswirtschaftsräten ­
  ein  Zentral  wirtschaftsrat  gewählt,  dem
ein  Zentral  wirtschaftsamt  beigestellt  wird.
Der  Zentralwirtschaftsrat  wird  gebildet  aus  gewählten
Vertretern  der  Bezirks-  und  Industrieräte  unter  Hinzuziehung ­
  von  berufenen  Fachleuten  aus  verschiedenen
Kreisen.
Zu  seinen  Aufgaben  gehören  die  allgemeine  Kontrolle ­
  der  Produktion,  namentlich  der  Rohstoffproduktion
und  des  Aussenhandels  und  die  Belieferung  der  einzel-'
nen  Industrien  mit  Arbeitsmitteln  vom  Standpunkt  der
Ueberleiiung  zur  sozialistischen  Wirtschaft.
Diese  Körperschaft  ist  berufen  zur  Uebernahme
ganzer  Industriezweige  in  sozialistische  Verwaltung.
Der  Zentralwirtschaftsrat  wird  alle  seine  Funktionen
auszuüben  haben  in  engster  Beziehung  mit  der  Zentrale ­
  der  La  n  d  arbeiterräte,  deren  Aufgabe
es  ist,  gestützt  auf  die  Räteorganisation  der  Landarbeiter
und  Kleinbauern,  die  Ueberleitung  der  Landwirtschaft
in  sozialistische  Bahnen  zu  übernehmen.
7)  Die  gesamten  Wirtschaftsräte  unterstehen  dem  Zentralkongreß ­
  der  Arbeiter-  und  Soldatenräte.
8)  Zur  Leitung  aller  Streikbewegungen,  um  diese  in  ihren
Forderungen  und  Tendenzen  zu  vereinheitlichen,  sie  alle
auf  das  sozialistische  Ziel  zu  richten  und  eine  eventuelle
Uebernahme  ganzer  Betriebs-  und  Industriezweige  in
Ergebnis  einer  längeren  Streikbewegung  zu  leiten  und
zu  bewerkstelligen,  ist  von  allen  Bezirkswirtschaftsräten
eine  zentrale  Streik  k-ommission  zu  schaffen, ­
  die  bei  jedem  ausbrechenden  Streik  sofort  in  Funk-
        <pb n="32" />
        tiou  tritt  und  den  geistigen  Mittelpunkt  sämtlicher  wirtschaftlicher ­
  Bewegungen  bildet,  um  sie  im  Sinne  des
Sozialismus  zu  vereinigen.
Landarbeiter*  und  Bauernräte.
Mit  Bedacht  haben  wir  bei  diesen  Darlegungen  die
Landwirtschaft  ausgeschaltet,  denn  vorläufig  fehlt  die  Grundlage ­
  für  diese  Organisation  in  der  Landwirtschaft.  Wir  haben
dort  keine  Arbeiterräte,  aber  je  tiefer  die  revolutionäre  Bewegung ­
  in  das  Volk  eindringt,  umsomehr  muß  auch  die  Landbevölkerung ­
  von  ihr  ergriffen  werden  und  es  ist  eine  der
Hauptaufgaben  der  Kommunistischen  Partei,  Kräfte  mobil  zu
machen,  die  den  kommunistischen  Gedanken  auf  das  Land
hmaustragen.  Ls  wird  sich  darum  handeln,  dort  vor  allem  die
Landarbeiter  mobil  zu  machen  und  in  Landarbeiterräten  zu
oiganisieren.  Wo  eine  Kleinbauemschaft  besteht,  die  für  die
Revolution  gewonnen  werden  kann,  würde  es  sich  um  die
Schaffung  von  Landarbeiter-  und  Bauernräten  handeln.  Die
wesentlichste  Arbeit  auf  dem  Lande  wird  zu  leisten  sein,
wenn  die  Arbeiter  die  Macht  in  die  Hand  genommen  haben
und  an  die  Sozialisierung  herangegangen  sind.  Es  wird  dann
die  Enteignung  des  Grund  und  Bodens,  des  Viehes,  der  Arbeitsmittel, ­
  der  Lagerhäuser  etc.  vorzunehmen  sein.  Die
landwirtschaftlichen  Großbetriebe  werden  als  solche  bestehen
bleiben  und  in  Gemeineigentum  übergehen,  die  anderen  Betriebe ­
  werden  zusammengefaßt  und  in  Gemeindeverwaltung
übergehen.  Das  wird  sich  nur  durchführen  lassen,  wenn  den
allen  Besitzern  eine  erhebliche  Macht  in  den  auf  das  Land
verpflanzten  städtischen  Arbeitern  gegenübersteht.  Für  die
Uebergangszeit  würden  die  Landarbeiter-  und  Bauernräte  die
Regelung  der  Produktion  und  die  Abgabe  der  Erzeugnisse  au
die  Verbraucher  regeln.  Ist  der  Privatbesitz  auf  dem  Lande
verschwunden,  dann  wird  die  gesamte  Arbeiterschaft  des  einzelnen ­
  neuen  landwirtschaftlichen  Betriebes,  in  der  alle  Arbeitskräfte, ­
  welche  sich  der  neuen  Ordnung  fügen,  zusaramengefasst
  und  diese  Aufgaben  übernehmen.  Auch  die  Landwirtschaft ­
  würde  sich  mit  ihren  Nebenbetrieben  in  Branchen-  und
Bezirksarbeilerräte  organisieren,  in  den  großen  Bezirkswirtschaftsräten ­
  und  dein  Zentralwirtschaftsrat  mitwirken.
Die  A.-  und  S.-Räte.
Die  Betriebsarbeitemile  mit  ihren  übergeordneten  Institutionen ­
  haben  die  Aufgabe,  die  wirtschaftliche  Revolution  praktisch ­
  durchzuführen  und  im  Sozialismus  den  Produktionsprozeß
airfreekt  zu  erhalten.  Die  politischen  Funktionen  liege*  in
        <pb n="33" />
        den  Händen  der  A.-  und  S.-Räte.  Sie  müssen  mein'  und  mein’
aus  einem  unglückseligen  Kampfobjekt  zwischen  Revolution
und  Gegenrevolution  in  ein  wirkliches  Machtmittel  der  Revolution ­
  verwandelt  werden.  Die  Arbeiter  in  der  Bluse,  wie
in  der  Uniform,  haben  alle  Kr  alte  anzusirengen,  um  die  A.-und
  S.-Räte  von  allen  Feinden  und  den  lauen  Freunden  der
Revolution  zu  säubern.  Die  A.-  und  S.-Räte  müssen  das  Mittel ­
  werden,  mit  dem  der  Kampf  gegen  die  Bourgeoisie  geführt ­
  wird.  Auch  aus  den  lokalen  a.-  und  S.-Räten  müssen
sich  übergeordnete  Körperschaften  heraus  entwickeln  in  den
Provinzen,  deren  Abgrenzung  sich  den  Wirtschaftsgebieten  anzupassen ­
  hat,  und  schließiicn  in  einen  Zentrairat,  der  aus
sicn  heraus  sein  Arbeitskollegium  in  den  Volkskommissarien
entwickelt.  Die  höchste  Aufsicht  über  die  Abwickelung  des
Produktionsprozesses,  die  gesetzgeberisenen  Maßregeln  insbesondere ­
  diejenigen  für  den  Kampf  gegen  die  bürgerliche
Klasse,  die  Reichs-,  Provinzial-  und  uemeindeverwaltungen
wurden  in  die  Hanae  dieser  Körperschaften  der  A.-  und  s.-Kate
  und  ihrer  Vollzugsausschüsse  zu  legen  sein.
Je  entschiedener  die  Betriebsarbeiterräte  ihre  Aufgaben
anpacken,  um  so  stärker  wird  der  Widerstand  der  Unternehmer, ­
  um  so  häutiger  der  Versucu  des  Kapitalismus,  die  Produktion ­
  zu  sabotieren.  Um  so  mehr  aber  wird  auch  die
Arbeiterklasse  erkennen,  wo  der  Feind  steht.  iSie  wird  in
scimellem  Tempo  revolutioniert  werden  und  mit  der  Nötigung
zu  entscheidenden  Schlägen  gegen  das  Kapital,  wird  die
Macnt  dazu  wachsen.  So  werden  die  Betriebsarbeiterrüte  und
die  A.-  und  S.-Räte  sich  gegenseitig  den  Weg  zu  neuer  Arbeit ­
  bahnen.
Von  den  Lobrednern  des  Kapitalismus  ist  prophezeit  worden, ­
  die  ganze  sozialistische  Produktion  würde  auf  einem
schrecklichen  zur  Versteinerung  verurteilten  Bürokratismus
beruhen,  der  alle  lebendigen  Kräfte  erdrückt.  Es  ist  bisher
eigentlich  nicht  möglich  gewesen,  dieser  Behauptung  etwas
Stichhaltiges  entgegenzuslellen,  da  Jede  praktische  Erfahrung
fehlte.  Das  System  der  Arbeiterräte,  weiches  wir  hier  dargesieill
  haben,  beweist,  wie  lächerlich  jene  Behauptung  war.
Es  handelt  sich  Ja  bei  diesem  System  nicht  um  eine  reine
Verstandeskonstruktion,  nicht  um  das  Resultat  irgend  einer
Tüftelei.  Aus  dem  Revolutionsprozeß  ist  dieses  System  der
Arbeiterräte  als  etwas  Lebendiges  und  Kerngesundes  herausgeboren ­
  worden  und  soweit  das  System  bisher  noch  nicht  in
der  Praxis  entwickelt  ist,  sind  hier  nur  die  Entwicklungslinien
dargestellt  worden,  auf  denen  es  sich  naturnotwendig  weiterbauen ­
  muß.
        <pb n="34" />
        Vor  der  Bürokratisierung  ist  dieses  System  geschützt,  Es
gibt  in  ihm  keine  Beamten,  die  an  allen  entscheidenden  Steilen ­
  ihre  Aufgaben  handwerksmäßig  erfüllen  könnten.  Alle
in  diesen  Körperschaften  Tätigen  sind  Vertrauensleute  der
Arbeiterschaft,  die  jederzeit  von  ihren  Wahlkörpern  kontrolliert ­
  werden,  ihnen  häufig  Rechenschaft  abzulegen  haben  und
in  jedem  Augenblick  von  ihren  Auftraggebern  zurückgerufen
werden  können.  Sie  haben  die  Möglichkeit,  sich  über  alle
Tatsachen  genau  zu  orientieren  und  im  weitesten  Ausmaße
Sachverständige  zur  Unterstützung  heranzuziehen.  In  diesem
Organismus  gibt  es  kein  stumpfes  ölied,  dessen  Funktionen
verkannt  und  unterdrückt  werden  könnten.  In  den  Arbeiterräten ­
  schafft  sich  die  arbeitende  Menschheit  die  Organe,  durch
die  sie  selbst  einheitlich  schafft  und  wirkt.  Die  ganze  Menschheit ­
  ein  Organismus,  der  zusammengehalten  wird  durch  gerr
  einsame  Arbeit  zum  gemeinen  Wohl.
Eine  weitere  Garantie  gegen  jede  Versteinerung  dieses
feingegliederten  Apparates  ist  einmal  darin  gegeben,  daß  ihm
auch  in  Zukunft  immer  neue  Aufgaben  erstehen  werden.  Die
Zeit  der  unbegrenzten  Möglichkeiten  bricht  jetzt  erst  an  und
der  arbeitenden  Menschheit  wird  sich  eine  Fülle  von  Anregungen ­
  zu  immer  neuem,  immer  gewaltigerem  Schaffen  ergeben.
Der  Kapitalismus  hat  das  große  Werk  vollbracht,  des  Menschen ­
  Herrschaft  über  die  Naturkräfte  zu  vollenden;  der  Sozialismus ­
  vollbringt  das  größere,  die  Beherrschung  und  Bändigung ­
  der  sozialen  Kräfte,  die  Erlösung  von  der  blinden  Anarchie ­
  der  Produktivkräfte.  Das  Proletariat  schickt  sich  an,  den
Schritt  zu  tun  aus  dem  Reiche  der  Notwendigkeit  in  das  Reich
der  Freiheit.
        <pb n="35" />
        Bag  89

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23

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Die  Kohle  aber  und  die  übrigen  Erzeugnisse  der
Jen  haben  für  die  gesamte  Volkswirtschaft  eine  so  hohe
’ng,  daß  die  dortige  Arbeiterschaft  die  Kreditgewähid
  die  Nahrungsmittelzufuhr  erzwingen  könnte.  Die
■klasse  in  solchen  Wirtschaftsgebieten  könnte  also  eine
che  Vorarbeit  leisten  und  ist  der  Sozialismus  dort  erst
bis  zu  einem  gewissen  Grade  durchgeführt,  dann  wird
atsache  die  Aufklärungsarbeit  unter  der  übrigen  Artpse
  gewaltig  fördern.

Die  allgemeine  Sozialisierung.
die  Arbeiterklasse  die  Staatsmacht  in  ihre  Hände  gedann
  ist  sie  in  der  Lage,  planmäßig  an  die  Beseies
  Kapitalismus  zu  gehen.  Sie  wird  zunächst  die
-  übernehmen.  Mit  den  Banken  und  ihrem  Kredit  besie
  ohne  weiteres  die  ganze  Industrie  und  sie  kann
aus  eine  Industrie  nach  der  andern  in  das  Gemeinüberführen. ­
  Mit  der  Staatsmacht  hat  sie  die  Mögdie
  Widerstände  zu  überwinden.  Verweigern  die  Ann
  dem  sozialistischen  Staate  ihre  Dienste,  dann  kann
1  durch  Entzug  der  Lebensmittelkarten  und  ähnliche
In  zwingen.  Sperren  die  Bauern,  ehe  die  Umwälzung
Land  übergegriffen  hat,  die  Nahrungsmittel,  dann
än  in  der  Lage  sein,  die  Massen  der  Arbeitslosen,
Erbteil  des  zusammengebrochenen  Kapitalismus  sind,
n  Familien  und  mit  Waffen  aut  das  Land  zu  schicken
t  Ordnung  zu  schaffen.  Selbstverständlich  geht  eine
?evyaltige  Umwälzung  nicht  vor  sich  ohne  erhebliche
"  Reibungen,  ohne  daß  von  allen  möglichen  Seiten  ge-5
  Eingriffe  oder  passiver  Widerstand  versucht  wird,
e  russische  Revolution  hat  gezeigt,  daß  man  dessen
nötigen  Energie  Herr  werden  kann.  Je  mehr  die
denklasse  bezwungen  wird,  je  mehr  ihre  Angehörigen
sind,  selbst  als  Angehörige  des  neuerstehenden  Arkes
  an  der  sozialistischen  Produktion  teilzunehmen,
ir  werden  diese  Widerstände  verschwinden,
endgültige  Ausbau  und  die  Sicherung  der  sozialisti-Virtschaftsordnung
  in  Deutschland  ist  natürlich  auch
;  von  der  Weltrevolution.  Wir  haben  jetzt  das  Recht,
ach,  solange  sie  nicht  Wirklichkeit  geworden  ist,  ist
3  in  Deutschland  nicht  verzweifelt.  Gerade  der  Weiter ­
  die  Mittelmächte  vom  Weltmarkt  abschloß,  hat  der
und  den  Neutralen  die  Bedeutung  der  deutschen  Probestimmt ­
  zu  rechnen,  und  der  vollkommene  Sieg  der
•klasse  in  Deutschland  wird  sie  mächtig  befördern.
      </div>
    </body>
  </text>
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