10 Erwin Respondek, Aufschub für Zölle, Steuern und andere Abgaben gewähren. Eine Stun dung ist bei jenen Zahlungen vollkommen unmöglich. Der Staat braucht gerade in Kriegszeiten diese Summen für seine Bedürfnisse. Er ordnet daher vielmehr an, daß die Banken den Staatsschuldnern in weitgehend stem'Maße bei der Rückzahlung ihrer Guthaben entgegenzukommen haben. Der Staat selbst hält aber — es ist dies die natürliche Folge — als Gegenleistung auch seine Zahlungsverpflichtungen, den Zinsen dienst und andere direkte Leistungen aufrecht. Aus der zeitlichen Folge und Anordnung der einzelnen Verord nungen allein sind bei näherem Studium die innere Tendenz und die Zu sammenhänge klar zu erkennen. Ein Erlaß zieht den anderen notwendig nach sich. Denn das Moratorium konnte nicht ein Glied in dem eng verschlungenen Kreditsystem einseitig schützen. Alle mußten gleich mäßig und gleichzeitig geschützt und belastet werden, um nicht durch Lücken und unangebrachte Ausnahmen einen vollständigen Zusammen bruch des Wirtschaftskörpers herbeizuführen. Und nicht allein dies. In dem Augenblicke, wo die französische Regierung sich entschloß, den Schuldnern zuzurufen: ihr seid nicht verpflichtet, zu zahlen, da eure Verbindlichkeiten prolongiert sind, mußte sie in dieser Bahn fortfahren, gleichgültig, ob sie nach kurzer Zeit bereits die Erkenntnis errang, daß dieser Weg für die ökonomische Entwicklung des Landes von nieder drückender und schädlichster Wirkung ist. Hier liegt der folgenschwere Kernpunkt für die zukünftige Gestaltung des Wirtschaftslebens. Nach den mehrfach geäußerten Ansichten der französischen Handeis welt ist das Moratorium als ein Fehlgriff zu betrachten. Die zahlreichen Zuschriften an die periodische Presse zeigen, daß sich die Geschäfts welt mit Erbitterung gegen die sogenannten „Schutzmaßnahmen“ der Regierung wendet 1 ). Diese sind — nach ihrer Ansicht -—• nur Leuten nützlich, die schon in Friedenszeiten zahlungsunfähig waren. Reelle Geschäftsleute und Unternehmer erfüllen ihre Zahlungsverpflichtungen. Tatsächlich würde aber das Moratorium vorwiegend von Schuldnern ausgenutzt, die wohl zahlen könnten, sich aber hinter die Bestimmungen des Moratoriums verschanzen. So würde der wirklich zahlungsfähige und zahlungswillige Kaufmann, dadurch, daß er von seinen Schuldnern in leichter und unverantwortlicher Weise im Stich gelassen wird, schließ lich selbst dem Ruin entgegengeführt. Die reelle Handelswelt wünscht vor allem keine weitere Berücksichtigung der morschen Kreditinstitute, sondern — Darlehnskassen nach deutschem Muster. Ihnen schließen sich die Handelskammern an. Sie legen der Re gierung ihre Pläne und Entwürfe bezüglich der Abänderungen einzelner Artikel des Moratoriums vor, um das wirtschaftliche Leben wieder in Fluß und guten Gang zu bringen. Ihre sehr weitgehenden Forderungen soll der Finanzminister zum Studium entgegennehmen, bevor er sich über die jeweiligen Änderungen in den bereits getroffenen Maßnahmen J ) Siehe Temps, Figaro im September, Oktober 1914. Siehe L'Economiste Frau- $ais 1914/15.