68 Erwin Respondek, Frankreichs Stellung als erster Kapitalgeber in Europa und der übrigen Welt empfing durch diese Ausfälle an Zinsen einen scharfen und gefährlichen Stoß. In der letzten Zeit werden die Zinszahlungen wieder regelmäßiger aufgenommen sein, wenigstens von einigen der genannten Staaten. Neben den Zinsleistungen aus staatlichen oder staatlich garantierten Anleihen sind an die französischen Kapitalisten auch die Dividendenzahlungen zu leisten von einer großen Anzahl frem der Unternehmen, die sich in industrieller, landwirtschaftlicher und kaufmännischer Richtung betätigen. Von ihnen stockte die Remit- tierung der Zinszahlungen gleichfalls längere Zeit, und sie ist heute noch nicht im vollen Umfange und von allen Seiten aufgenommen. In einer Senatrede vom 30, März 1916 gestand der Finanzminister den hohen Ausfall an den Zins- und Dividendenleistungen von ausländischen Wertpapieren ein. Er bestätigt, daß die Koupons einer großen Reihe von Auslands-Anleihen unbezahlt bxeiben, sucht aber sofort die schmerz liche Seite dieses Zugeständnisses abzuschwächen, indem er behauptet, daß trotz alledem noch gegen 3000 Milk Frcs. Koupons zur Einlösung gelangen, wobei er wohl den gesamten Zinsverdienst aus etwa 120—125 Milliarden Frcs. Wertpapiere an den französischen Kapitalisten im Auge haben dürfte. Die „Frankfurter Zeitung“, die als Gesamtbestand an Wertpapieren rund 110 Milliarden Frcs. (vgl. die Berechnungen auf S. 114) annimmt, bemerkt zu der Behauptung Ribots: „Entschieden falsch dürfte die Angabe sein, daß immerhin noch 3 Milliarden Frcs. Koupons zur Einlösung gelangten“ 1 ). Leider vermögen diese Ausführungen nicht auf eine zahlenmäßige Grundlage gestellt zu werden, da jeder sichere Anhaltspunkt für eine Berechnung der Zinseneingänge fehlt. Lediglich auf Schätzungen ein Bild zu konstruieren, ist auch bei vorsichtiger und möglichst genauer Berücksichtigung der Fehlerquellen nicht angängig. Daher muß als End resultat für die Veränderung, den Ausfall aus diesem Posten, die An sicht ausgesprochen Werden, daß die Mindereingänge an Zinsen aus den gesamten Schuldnerstaaten eine sehr beträchtliche Höhe erreichen und von einem großen Einfluß auf der Aktivseite der Zahlungsbilanz sein werden. Noch einige weitere Posten der Zahlungsbilanz wären zu nennen, deren Ertrag ganz fortfällt oder vermindert wird, wie etwa die Schwierig keiten im Verkaufe von Effekten, da die Mehrzahl der Börsen geschlossen ist. An der Londoner Börse z. B. konnte bis zum Februar des Jahres 1916 kein Franzose auch nur 1 Pfund fremder oder eigener Effekten verkaufen. Dann der Ausfall von Einnahmen aus dem Fremdenverkehr, die Unterbrechung jeglicher Banktätigkeit zur Vermittlung von Kredit geschäften und endlich — hier als letztes Äquivalent, sonst aber steht es an erster Stelle — die effektive Unmöglichkeit, die heimische Pro duktion zu fördern, um Waren mit Waren zu bezahlen, also die Passivität der Handelsbilanz durch gesteigerten Güterexport zu beseitigen. Alle J ) Frankfurter Zeitung, Nr. 97, 7. April 1916.