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        <title>Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege</title>
        <author>
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            <forname>Erwin</forname>
            <surname>Respondek</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>885239911</idno>
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        ﻿—------------------------

I
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        ﻿AVcltwirlschaf llichc s

Archiv

a

JUlg i

// \li xxiri s ch.a£islelire.

H^raus^^eb

Vüü

Dr. sc.pol. Bernhard Harms

Chrderxtlidtem Professor an der
U nJ Oer s it ix t

'Käel



Ergänzungsheft 2: Respondek / Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege

Verltv^ vo n Gustav Pis eher Jena
        <pb n="3" />
        ﻿Verlag von Gustav Fischer in Jena

Als erstes Ergänzungsheft zum „Weltwirtschaftlichen
Archiv“ erschien:

Geld und Kredit im Kriege. Von Dr. Jf. Jastrow, a. o. Professor an der
Universität Berlin. (VI, 97 S. gr. 8°.)	1915.	Preis: 2 Mark 80 Pf.

Deutschland und Frankreich im Wandel der Jahrhunderte. Rede,

gehalten zur Feier der akademischen Preisverteilung in Jena am 20. Juni 1914.

Von Dr. Alexander Cartellterl, o. ö. Professor der Geschichte, d. z.

Prorektor der Universität. 1914.	Preis: 1 Mark.

Es dürfte heute nur wenige Fragen geben, die mehr zu fesseln vermöchten,
als die nach den politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich.
Wenn aber irgendwo, so gilt hier der Satz, daß jedes politische Urteil auf geschicht-
liches Wissen sich »p gründen hat. Da es nun eine zusammenhängende quellen-
mäßige Geschichte' (Ter deutsch-französischen-Beziehungen von der ältesten Zeit bis
zur Gegenwart heute ebensowenig wie ein allgemeines Verzeichnis der einschlägigen
Schriften gibt, und da weiter die vorhandenen bisherigen kurzen Übersichten, ab-
gesehen von ihren nicht immer rein wissenschaftlichen Absichten, meist der nötigen
Belege entbehren, so wird der in voi liegender Rede an der Hand der geschicht-
lichen Quellen von berufener Seite gegebene Überblick, allseitig begrüßt werden.

Frankreichs politische Beziehungen zu Deutschland Vom Frank-
furter Frieden bis zum Ausbruch des Weltkrieges. Vortrag, gehalten am
16, November 1916 in der ,Staatswissenschaftlichen Gesellschaft“ zu Jena. Von
Dr. Alexander Cartellieri, o. ö. Professor der Geschichte an der Uni-
versität Jona. 1 §,1-6.	Preis: 60 Pf.

Englische Expansion und deutsche Durchdringung als Faktoren

im Welthandel. Von Dr. W.H. Edwards Göttingen. (VI, 89 S. gr. 8°.)
1916.	Preis: 2 Mark 40 Pf.

Inhalt: Einleitung. I. Teil. Von Burleigh bis .Chamberlain. II. Teil, Vom
Stahlhof zum Stahlwerksverband. Anhang; Vergleich zwischen Deutschland und
England. Die Grundwerte der deutschen Volkswirtschaft für das Jahr 1913.

Die Reichseisenbahnfrage. Von Dr. W. H. Edwards in Göttingen.
Mit 2 Abbildungen im Text. (VII, 178 S. gr. 8“.) 1916.	Preis.: 5 Mark.

Die „Reichseisenbahnfra^e“ sucht den aktuellen Gegenstand zahlreicher Bro-
schüren und Reden in streng wissenschaftlicher Form zu behandeln. Ohne Rück-
sichtnahme auf Parteistandpunkte in Politik und Wirtschaft werden die Fragen
objektiv zu beantworten versucht; Ist eine großzügige Verkehrsform in Deutschland
sachlich erforderlich und wie wäre sie überhaupt denkbar. Daran schließen sich
noch einige Betrachtungen über die etwaigen handelspolitischen Folgen einer Ver-
einheitlichung der deutschen Verkehrspolitik.

Die Schrift wendet sich als ein sachliches Orientierungsmittel an Politiker,
Volkswirte und Verkehrsbeamte. Die statistischen Angaben stellen ein wertvolles
Material für alle Spezialarbeiter auf dem Gebiete der deutschen Eisenbahnwirt-
schaft dar.

Die Geldverfassung und das Notenbankwesen der Vereinigten

Staaten. Von Adolf ■laseiikaiiip. 1907.	Preis; 5 Mark.

Inhalt: 1. Die geschichtlichen und gesetzlichen Grundlagen.

1.	Die Geldverfassung. 2. Das Notenbankwesen. 3, Die Verwaltung der öffentlichen
Gelder. — II. Die gegenwärtigen Verhältnisse. 1. Die Sicherung der Währung.

2.	Die Regelung des Umlaufs, 3. Die Stellung des Schatzamts. — Literaturverzeichnis.

Jahrbücher für National Ökonomie um! Stat., August 1907:

, . . Das Buch Hasenkamps ist mit großer Sachkenntnis geschrieben, es fußt auf
gutem Quellenmaterial, die Darstellung ist zuverlässig, und verständnisvoll weist Hasenkamp
auf viele sonstige hier nicht weiter erörterte Gefahren hin, die sich mit dem Geldwesen der
Vereinigten Staaten verknüpfen und die, wie die jüngste Vergangenheit lehrt, auch für Deutsch-
land ein leider mehr theoretisches Interesse haben.
        <pb n="4" />
        ﻿
        <pb n="5" />
        ﻿Weltwirtschaftliches Archiv

Zeitschrift für allgemeine und spezielle Weltwirtschaftslehre
Herausgegeben von Dr. sc. pol. Bernhard Harms

Professor an der Universität Kiel

Zweites Ergänzungsheft

Frankreichs Bank- und
Finanzwirtschaft im Kriege

(August 1914 bis August 1916)

Von

Erwin Respondek

Jena

Verlag von Gustav Fischer

1917
        <pb n="6" />
        ﻿Frankreichs Bank- und
Finanzwirtschaft im Kriege

(August 1914 bis August 1916)

Von

Erwin Respondek

i

Jena

Verlag von Gustav Fischer

1917
        <pb n="7" />
        ﻿Alle Rechte Vorbehalten!
        <pb n="8" />
        ﻿Meinem hochverehrten Lehrer

Professor Dr. hon. c.

Johann Friedrich Schär

Rektor der Handels-Hochschule Berlin

in Dankbarkeit gewidmet.
        <pb n="9" />
        ﻿V orwort

Die vorliegende Abhandlung verfolgt den Zweck, eine zusammen-
fassende Darstellung von den Vorgängen und Entwicklungen während
des Krieges auf bank- und finanzwirtschaftlichem Gebiete in Frank-
reich zu geben. Zweifellos werden viele der Ansicht sein, es gehöre großer
Mut dazu, schon heute mit dem Entwurf einer Arbeit über ein recht
weitschichtiges und schwieriges Problem vor die Öffentlichkeit zu treten.
Sie wall auch nur ein erster Entwurf, ein Versuch sein, und als Entschuldi-
gung für mein Beginnen möge gelten, daß ein Thema von so großem Inter-
esse eine summarische Darstellung einfach erfordert.

Im wesentlichen erstrecken sich die Ausführungen auf das fran-
zösische Moratorium als primäre und nachwirkendste Erscheinung,
auf eine Zeichnung von der ebenso vielseitigen wie ungemein bedeut-
samen Kriegsarbeit der Bank von Frankreich, sowie auf die Pariser
Börse und die Kreditinstitute. Hieran schließen sich Ausführungen über
Entwicklung und Lage der Staatsfinanzen an.

Das Schwergewicht liegt in der verbindenden, und wie ich hoffe,
auch getreulichen Darstellung aller Tatsachen, die in jenen Gebieten
seit Ausbruch des Krieges bis August 1916 zum Vorschein gelangten.
Daher entstanden bald nach Beginn der Bearbeitung größere Schwierig-
keiten, als sie von vornherein vermutet waren. Sie hatten ihre Ursachen
namentlich in den vorliegenden, mehr oder minder tendenziös gefärbten
in- und ausländischen Quellen, die mit Sorgfalt, verschärfter Aufmerk-
samkeit und rein objektivem Sinn zu sichten, prüfen und zu verarbeiten
waren. Nur hierdurch konnten die Prinzipien der möglichsten Vollständig-
keit in der Aufzählung von Tatsachen und Exaktheit der Ausführungen
gewahrt bleiben. Für immerhin noch vorhandene Lücken sprechen eine
Reihe von Faktoren. So vermögen nur schwer alle Einwirkungen des
Krieges auf Bankwelt und Staatshaushalt jetzt in ihrem vollen Umfange
erkannt und verfolgt zu werden. Hier muß erst ein gewisser Abstand von
        <pb n="10" />
        ﻿VIII

Vorwort.

den Dingen, die im Fluß sind, gewonnen sein und noch viel mehr doku-
mentarisches Material zur Verfügung stehen. Es wird somit einer späte-
ren Arbeit Vorbehalten bleiben, jene vielverzweigten, wechselseitigen
Vorgänge, ihr gegenseitiges Durchdringen und Bedingen, wie es heute
nur angedeutet werden kann, scharf und bestimmt zu erfassen und die
hierbei erhaltenen Resultate in einet neuen Abhandlung vorzulegen.

Die Arbeit ist unter Leitung des Rektors der Handels-Hochschule
Berlin, Herrn Professor Dr. Schär, in seinem Handels wissenschaft-
lichen Seminar entstanden. Ich möchte an dieser Stelle meinem hoch-
verehrten Lehrer meinen verbindlichsten Dank aussprechen für das
überaus große Interesse, mit dem er diese Arbeit verfolgt und für die
wertvollen Ratschläge, die er mir im Verlauf ihrer Entwicklung gegeben
hat.

Ebenso bin ich Herrn Dr. Gurt Eisfeld für seine stets bereite
und gute Hilfe zu hohem Danke verpflichtet.

Berlin-Halensee im November 1916.

Erwin Rcspondck.
        <pb n="11" />
        ﻿Inhaltsverzeichnis.

Hauptgliederung.	Seite

Moratorien................................................... 1—*6

Notenbank.................................................... x6—83

Pariser Börse................................................ 83—X02

Kreditinstitute..............................................102—147

Staatsfinanzen...............................................147—2°3

Moratorien.	i—16

I.	Aufbau der einzelnen Verordnungen und Kritik der wichtigsten

Bestimmungen................................................ 1—10

1.	Die Erlasse im einzelnen und ihre chronologische Folge. . .	i—4

2.	Einwirkungen und Kritik einzelner Moratoriumsverfügungen.	5—g

a)	Schutz der Schuldner und Gläubiger (Banken und Kredit-
institute) ....................................... 6—8

b)	Das Wechselmoratorium und seine Wirkungen.................. 8

c)	Die Mietsstundung.......................................... 9

II.	Aufnahme des Moratoriums...................................... 10—12

1.	Die französische Handelswelt gegen das Moratorium ....	ro

2.	Abänderungsvorschläge der Handelskammern...................... 10

3.	Das Bestreben der Regierung durch ergänzende Verfügungen

Erleichterungen zu schaffen.................................... 11

III.	Moratorium oder Darlehnskasse?............................ n—15

1.	Mögliche Gründe für die Ablehnung des Darlehnskassenprin-

zips in Frankreich....................................... ix—14

a)	Frankreich ein Rentnerstaat ......................... ix—13

b)	Der Krieg ist auf französischem Boden ............... 13—14

IV.	Der Abbau des Moratoriums................................. 15—16

Die Notenbank.

I.	Die Bank von Frankreich und ihre Kriegsvorbereitungen . . .

1.	Ihre Entwicklung im Frieden..............................

2.	Kriegswirtschaftliche Maßnahmen..........................

a)	Die Finanzgesetze vom 4. August 1914	...............

Erhöhung des Notenumlaufes.............................

b)	Dekretierung des Zwangskurses und Einstellung der Wochen'-

ausweise......................................

II.	Kredittätigkeit im Kriege gegenüber Staat und Privatwirtschaft

1.	Vorschußverträge mit dem Staate..........................

2.	Hilfsmaßnahmen für die Privatwirtschaft..................’

a)	Die ersten Anstürme zur Notenbank.....................

b)	Erleichterte Diskontierung und Lombardierung für In-
dustrielle und Kaufleute und Private................

16—83
16—22
16—19
20—22
20

20

21

22—30
22—24
24—30
24—25

26
        <pb n="12" />
        ﻿X

Inhaltsverzeichnis.

Seite

c)	Diskontkredite zum Abbau der Börsenengagements und er-
weiterte Kredittätigkeit in der Provinz........... 27

d)	Geringe Erfolge in den Versuchen, das Wirtschaftsleben

zu heben............................................... 28—29

3.	Das Abkommen mit der russischen Reichsbank zum Abbau

der russischen Wechselverpflichtungen in Frankreich ....	30

III.	Regelung der Geldzirkulation............................... 30—33

x. Thesaurierung von Hartgeld und Noten	durch die	Bevölkerung 30—31

2.	Gegenmaßregcln zur Vermeidung einer	Geldkrisis.......... 31—33

a)	Preisgabe des Silberbestandes.............................. 31

b)	Ausgabe von kleinen Notenabschnitten und verstärkte

Münzausprägung.............................................. 32

IV.	Einflüsse der Kriegsarbeit auf den Status.................. 33—47

x. Veränderungen des Notenumlaufes........................... 33—35

a)	Absolute Zunahme...................................... 33—34

b)	Notenzirkulation und Notenemission......................... 35

2.	Der Wechselbestand....................................... 35—37

a)	Liquidation der vom Moratorium betroffenen Wechsel . .	36—37

3.	Die Goldbewegung......................................... 37—47

a)	Entwicklung des Goldschatzes im Jahre 1914............ 37—40

b)	Die erhöhte Goldpropaganda im Jahre 1915.............. 41—43

c)	Das „Gold in der Kasse“ und das „Gold im Ausland“ .	44—46

d)	Goldwährung und Goldkernwährung....................... 46—47

V.	Liquiditätsberechnungen an drei Wochenausweisen............ 47—51

VI.	Zur Währungspolitik......................................... 51—63

A.	Im Inland............................................... 51—55

1.	Steigerung der Preise und Ursachen: Erhöhte Nachfrage

nach Gütern von Staat und Privaten..................... 52

2.	Vermindertes Angebot seitens der Produzenten.......... 53

3.	Notenemission als sekundäre Ursache der Preissteigerung	54—55

B.	Auf dem Weltmärkte...................................... 55—63

1.	Der Franken bedarf in der ersten Kriegszeit keines Schutzes	55—58

2.	Langsame Entwertung der französischen Valuta und der

Sturz seit März 1915................................... 58—63

a)	Devisenhausse an der Pariser Börse................. 58—59

b)	Intervention der Notenbank.............................. 60

3.	Scharfe Entwertung des Franken auf dem Weltmärkte .	60—63

VII.	Die Ursachen der Valutaentwertung............................ 64—69

1.	Passive Handelsbilanz.................................... 64—66

2.	Ausfall an Zinsen und anderen Forderungen ............... 66—68

3.	Maßnahmen zur Stützung der Valuta........................ 69—79

a)	Krediteröffnungen des Auslandes durch Diskontierung von

„National-Verteidigungswechseln“ ...................... 69—70

b)	Gold als Basis für neue Kredite....................... 70—72

c)	Ankauf von amerikanischen Eisenbahn-Obligationen durch

die Regierung.......................................... 72—73

d)	Die Valuta-Anleihe in New- York im Verein mit England	73—-76

e)	Spekulative Einflüsse bei der Valutabewertung......... 77—78

4.	Die Notenemission als sekundäre Ursache der Valutaentwertung	79—-8x

VIII.	Endbetrachtung und die Frage der Privilegserneuerung ....	8x—83

Die Pariser	Börse.	83—102

I.	Kritische Lage der Börse bis zum Ausbruch des Krieges . . .	83—88

II.	Die Pariser Börse im Kriege................................. 88—102

1.	Erschütterung des	Kursniveaus .......................... 88—89
        <pb n="13" />
        ﻿Inhaltsverzeichnis.	XI

Seite

2.	Börsenschluß am 29. Juli 1914 und Wiedereröffnung am 7. De-
zember 1914............................................... 89—91

3.	Das Börsenmoratorium  ................................... 91—99

a)	Organisation der Börse................................. 92—-94

b)	Der Aufschub der Ultimoengagements und seine Bedeutung	94—95

c)	Das Abkommen der Wechselmakler mit der Notenbank zum

Abbau der Reportverbindlichkeiten....................... 95—96

d)	Versuch des freien Marktes einen Abbau seiner Verbind-
lichkeiten mit Hilfe der Notenbank................... 96—97

e)	Liquidation der Ultimoengagements durch Dekret vom

15. September 1915...................................... 97—99

4.	Die Pariser Börse im Verlauf der weiteren Kriegsmonate und

ihr Kampf gegen das Deutschtum............................. 99—102

Die Kreditinstitute.	102—147

I.	Credit Foncier de France....................................X02—106

1.	Organisation und Geschäftstätigkeit...................... 102

2.	Die Geschäftstätigkeit in den Jahren 1914 und 1915 . . . .	102—105

3.	Einwirkungen des Krieges, insbesondere des Mietsmoratoriums

auf die Bank............................................ 106

II.	Credit Mobilier Banken.......................................xo6—in

1.	Ihre Organisation und Geschäftstätigkeit.................106—107

2.	Stellung zur Politik.....................................107—108

3.	Einflüsse des Krieges auf ihre Lage......................108—110

4.	Neue Arbeitswege.........................................110—111

III.	Die Depositenbanken.........................................111—147

1.	Die Entwicklung und Geschäftsrichtung vor dem Kriege . . in—1x3

2.	Berechnungen des Wertpapierbesitzes......................113—115

3.	Frankreich der Kapitalgeber der Welt.....................1x5—122

a)	Die Ursachen für die geringen Verwendungsmöglichkeiten

der Kapitalien in Frankreich............................115—119

b)	Die Verknüpfung politischer Ziele bei den Auslandsemis-
sionen .................................................... 119—120

d)	Die „Politique Financierc".............................120—122

4.	Die Banken im Kriege.....................................122—133

a)	Ansturm gegen die Societe Generale.....................122—123

b)	Liquiditätsbild bei Ausbruch des Krieges...............123—124

c)	Der Ansturm der Depositengläubiger.....................124—-125

d)	Das Moratorium für die Bardepots.......................125—129

a1) Die Bestimmungen des Moratoriums im einzelnen . .	125—127

b1)	Allmählicher Abbau.................................126—127

c1)	Moratorium und Sparkassenklausel...................127—128

d1)	Aushilfsvorschläge.................................128—129

e)	Ungenügende bankmäßige Arbeit von der Mehrzahl der

Kreditinstitute.........................................130—134

a1) Nichtdurchführung der wichtigsten bankmäßigen Ope-
rationen .............................................. 130—132

b1) Der Finanzminister weist auf staatliche Reformen hin 132—133

5.	Teilnahme an den bankwirtschaftlichen Aufgaben seit 1915 und

Wirkung auf ihren Status...................................134—l4I

a)	Die Privatbanken im Dienste	des	Schatzamtes...........134_____133

b)	Im	Dienste der Privaten...............................133_____135

c)	Veränderungen in ihren Positionen auf der Passiv- und

Aktivseite..............................................3	136—140

d)	Gewinnergebnisse.......................................x^0_____X41

6.	Kapitalsaufnahmen im Auslande............................x4x_____j45

7-	Richtlinien für die zukünftige Geschäftstätigkeit........x4g_____147
        <pb n="14" />
        ﻿Inhaltsverzeichnis.

Seite

Staatsfinanzen.	i47—zox

*



I. Stand der Staatsschuld bis zum Ausbruch des Krieges . . . . , 147—152

x. Übersicht von der Entwicklung der	Staatsschuld.........147—148

2.	Schwierigkeiten in der Bilanzierung	des Budgets für	1914.	.	149—151

II.	Das Budget der nationalen Verteidigung .....................152—173

1.	Finanzierung des Krieges durch die Notenbank..............152—155

a)	Durch Vorschüsse an das Schatzamt...................... 153

b)	Vorschüsse an die Verbündeten.......................... 154

2.	Die Emission kurzfristiger Anleihen	.....................155—166

a)	National-Verteidigungs-Wechsel.........................156—158

b)	Obligationen der nationalen Verteidigung..............15g—162

c)	Erfolge und Mißstände.................................163—164

d)	National-Verteidigungs-Bonds..........................165—166

3.	Die Krediteröffnungen bis zum 30. September 1915 ....	166—168

4.	Aufbau des Kriegsbudgets und Kalkulation der Kriegslasten

bis Ende 1915..............................................168—171

5.	Krediteröffnung für 1. Oktober bis 31. Dezember	1915	.	.	.	x7x—172

6.	Die Erkenntnis der Notwendigkeit, neue Kapitalquellen zu er-
schließen .................................................... 172—173

III.	Emission der ersten Kriegsanleihe............................173—182

1.	Ankündigung der Emission und Wünsche der Öffentlichkeit 173—175

2.	Typ der Anleihe...........................................175—179

a)	Kurs, Zins, Steuerfreiheit.............................175—176

b)	Zahlung in bar und in Titeln........................... . 176—178

c)	Umfangreiche Propaganda ...............................178—179

3.	Zeichnungsergebnis und Verteilung von Barzeichnung und

Konversionen...............................................180—182

IV.	Lage des Schatzamtes im Anfang von 1916..................183—185

V.	Neue Kreditforderungen für 1916..........................185—191

1.	Für die Zeit vom 1. Januar bis zum 30. Juni ..........185—187

2.	Für die Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember.............187—189

3.	Zusammenfassung der Gesamtausgaben seit Kriegsausbruch

bis 31. Dezember 1916..................................189—191

VI.	Das Budget in der Zeit vom 1. August 1914 bis zum 31. Juli

1916. Ein Bild nach Ribot.................................191—196

1.	Reguläre Budgeteinnahmen..............................192—193

2.	Notenbankvorschüsse...................................193—194

3.	Eingänge aus der Schatzscheinemission.................194—195

4.	Ausländische Anleihetransaktionen.....................195—196

5.	Gesamtausgaben............................................. 196

6.	Kalkulation über die Budgetentwicklung für 1. August bis

31. Dezember 1916 . ...................................196—198

7.	Notwendigkeit einer neuen Anleiheemission.............198—199

VII.	Die Zweite Kriegsanleihe..................................199—201

Schlußbetrachtungen...........................................201—203

Verzeichnis zu einigen größeren Tabellen.

Goldbewegung der Notenbank von 1880—1913............................ 17

Wechselbestand von 1870—1913  ...................................... 18

Vergleich der Wechselbestände bei Notenbank und Kreditbanken........ 19

Bewegung des Notenumlaufs von 1870—1913............................. xg

Wechseleinreichungen in der Krisenzeit vom 25. Juli bis zum 2. August 1914	25

Notenkontingent und Notenumlauf von 1870—1916.......................... 33
        <pb n="15" />
        ﻿Inhaltsverzeichnis.	XIII

Seite

Goldzufluß zur Notenbank und Anteil des Auslandes hieran............... 39

Zahlenspiel mit dem Goldbestände der Notenbank in analytischer Form 45

Liquiditätsschichten von vier Wochenausweisen..........................48—49

Wechselkurse an der Pariser Börse......................................60—61

Wechsel auf Paris in London, New- York und Amsterdam................... 62

Höchster und tiefster Kurs des Franken in London....................... 63

Bewegung der Einfuhr und Ausfuhr 1914, 1915, 1916 (Monatsziffern) . .	65

Anteil der Staaten an der Einfuhr 1914 und 19x5........................ 66

Kursnotierung der französischen Renten an der Pariser Börse............ 100

Kurse einiger Hauptwerte am Jahresultimo.................................. 101

Bilanzen des Credit Foncier............................................... 105

Bilanzen der Banque de Paris et des Pays-Bas........................... 111

Bilanzen der Banque Franjaise p. I. Com. et Find....................... 111

Jährliche Emissionen von Effekten ohne Prospekt........................ 114

Wertpapierbesitz bis zum Ende des Jahres 1914.......................... 115

Ausländische Effekten im französischen Besitz nach Ländern geordnet .	116

Bilanzen der Sociötö Generale............................................. 142

Bilanzen des Credit Lyonnais.............................................. 142

Bilanzen des Comptoir National............................................ 143

Budget-Endziffern der letzten Jahrzehnte.................................. 148

Steuereinnahmen 1914—1916................................................. 169

Verhältnis der Gesamtkredite zu den militärischen Ausgaben............. 189

Gesamtausgaben des Schatzamtes während des Krieges........................ 190

Gesamtausgaben des Schatzamtes pro Monat und Tag.................... 190

Sondertabelle von den Wochenausweisen der Bank von Frankreich.
        <pb n="16" />
        ﻿Der Arbeit zugrunde gelegte Literatur.

I. Bücher.

Flour de Saint-Genls: La Banque de France ä travers le siede. Paris 1896.

Neymark, La Situation financiere de la France. Paris 1908.

Kaufmann, Eugen, Das französische Bankwesen. Tübingen 1911.

Hender, Hans, Die Kapitalsanlage der Franzosen in Wertpapieren. Berlin

1913-

Lachapelle, Georges, Nos Finances pcndant la guerre. Paris 1915.

Banque de France, Compte rendu au nom du conseil general de la Banque

Assemblee Generale des Actionnaires. Paris 1914. 1915.

II. Zeitschriften.

L’Economiste Frangais, Paris.

Revue Financiere Universelle, Paris.

Le Temps (Semaine Financiere), Paris.

The Economist, London.

Jahrbücher für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. G. Schmollet,

Leipzig.

Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Jena, J. Conrad.

Insbesondere; Koppe, Die Kriegsanleihen Frankreichs und die englisch-
französische Anleihe in den Vereinigten Staaten. 106. Bd., III. Folge,
51. Bd.

Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Tübingen.

Insbesondere: Kaufmann, Dr. E., Die Finanz- und Wirtschaftslage
Frankreichs im Kriege. 40. Bd., S. 431 u. 726 (Nachtrag).

Weltwirtschaftliches Archiv, Kiel.

Insbesondere: Arndt, Dr. Paul, Die Kapitalkraft Frankreichs. 7. Bd.,
Jahrg. 1916, Heft 1.

Finanz-Archiv, Berlin.

Insbesondere: Schwarz, Die Finanzen der europäischen und der wich-
tigsten außereuropäischen Staaten. Jahrg. 32, 1915, und Jahrg, 33,
1916, Bd. 1.

Die Bank, Berlin.

Insbesondere: Lansburgh, Die großen Notenbanken im Dienste der
kriegführenden Staaten. 1915, II, August-Heft.

Bank-Archiv, Berlin.

Insbesondere: Hartung, Die wirtschaftliche und finanzielle Entwick-
lung Frankreichs und der Krieg. XIV, 7, XIV, 9.

Die englisch-französische Anleihe in den Vereinigten Staaten. XV, 4.

K ö b n e r , Der Einfluß des Weltkrieges auf die Finanzen
Frankreichs. XIV, 9.

Schwarz, Kriegskosten und deren Deckung beim Vier-
verband. XV, 7 u. 8.

Plutus, Berlin.
        <pb n="17" />
        ﻿XVI

Literaturübersicht.

Nachrichten für Handel, Industrie und Landwirtschaft, Berlin.

Die Moratorien des Auslandes. (Zusammengestellt von der Berliner Handels-
kammer.)

III.	Zeitungen.

Frankfurter Zeitung, Frankfurt a./Main.

Insbesondere: Die wöchentliche Übersicht „Zur Finanz- und Börsenlage
in Frankreich“.

Berliner Tageblatt, Berlin.

Berliner Börsen-Courier, Berlin.

Vossische Zeitung, Berlin.

Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Berlin.

Matin, Paris.

Figaro, Paris.

Neue Zürcher Zeitung, Zürich.

IV.	Statistisches.

Annuaire statistique de la France.

Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich.
        <pb n="18" />
        ﻿I.	Moratorien.

Der Krieg stellt die an ihm beteiligten Nationen nicht allein vor
bedeutsame militärische Probleme, sondern auch vor besonders geartete
und schwierige wirtschaftliche Aufgaben. Die Richtlinien und Ziele
dieser Aufgaben können scharf gezeichnet werden:

Es ist in erster Linie der Kriegsbedarf an Gütern aller Art zu decken
und der Krieg selbst zu finanzieren.

Weiterhin die Volkswirtschaft im Innern in ihrem Gange zu erhalten
und damit ihr die hierfür erforderlichen Geld- und Kreditmittel bereit
zu stellen.

Es gehören also zur glücklichen und tatkräftigen Durchführung
eines Krieges sowohl ein schlagfertiges Heer als auch eine schlagfertige
Finanz. Die finanziellen und wirtschaftlichen Maßnahmen werden daher
bei allen Kriegsparteien mit derselben Aufmerksamkeit verfolgt wie
die militärischen Ereignisse. Eine gute Finanz- und Wirtschaftslage
ist geeignet, das Vertrauen auf das Gesamtergebnis des Feldzuges im
eigenen Lande zu befestigen und macht gleichzeitig einen starken Ein-
druck auf den Gegner und die neutralen Staaten. Finanzielle Schwächen
und Mängel in der wirtschaftlichen Organisation dagegen bilden eine
Gefahr für die innere Stärke und Zuversicht und können dadurch auf
die eigene Kriegsführung ungünstig zurückwirken.

In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, darzulegen, welche
Maßnahmen in der französischen Republik von berufener Seite ge-
troffen wurden, um das Land während der Dauer des Krieges vor einer
finanziellen und wirtschaftlichen Krisis zu bewahren, wie Bankwelt
und Finanzverwaltung arbeiten und welche tiefgreifenden Wirkungen
die kriegswirtschaftlichen Einflüsse auf sie ausüben.

Die letzten Tage des Monats Juli brachten Europa die unabwend-
bare Frage; Krieg oder Frieden ? Anfang August verkündeten die füh-
renden Kontinentalstaaten die Mobilmachung von Heer und Flotte,
und damit war der gewaltige Weltkrieg entfesselt. Ein Krieg muß not-
wendig das Wirtschaftsleben beeinflussen. Er ändert fast alle Bedingungen
der wirtschaftlichen Tätigkeit und lenkt die nationalen Kräfte, mögen
sie ihre Quellen im geistigen oder praktischen Beruf haben, in neue
Richtungen: vor allem zur Konzentration auf das Kriegsziel. England,
das durch seinen Schatzkanzler Lloyd George der Welt verkünden
|ieß; „business as usual“, hat später bald erkannt, daß es unmöglich
ist, einen gewaltigen Weltkrieg zu führen und zu gleicher Zeit die hei-

Respondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

I
        <pb n="19" />
        ﻿2

Erwin Respondek,

mische Wirtschaft unter dem ruhigen, alten Pulsschlage des Friedens
aufrecht zu erhalten.

Die Ereignisse waren eben zu wuchtig, als daß es irgend einer Nation
möglich gewesen wäre, sich ihren Einwirkungen zu entziehen. Ließen
sie auch vielleicht in den ersten Wochen des Krieges das wirtschaftliche
Getriebe unberührt, so war dies doch wohl nur eine scheinbare Ruhe,
während tatsächlich die Umgestaltung und Veränderung langsam, aber
stetig vor sich gingen. Möglicherweise in England durchaus unmerkbar,
da man bei Beginn des Kampfes nicht an die Wahrscheinlichkeit des
aktiven Eingreifens auf dem Festlande, an die so große Ausdehnung
des Kriegsschauplatzes dachte, dagegen in Deutschland mehr als dra-
stisch, bedingt durch die bekannten kriegswirtschaftlichen Forderungen
von Staat und Volkswirtschaft. Eine nicht wesentlich abweichende
Stellung nahm Frankreich ein. Obgleich die französische Republik
den ersten Stoß des Krieges nicht so sehr zu fürchten hatte, wie z. B.
ihr Gegner Deutschland, das geographisch bedeutend ungünstiger
liegt, muß man die schwache Konjunktur der vorausgegangenen Zeit,
wie sie in fast allen europäischen Großmächten vorherrschte, als einen
für Frankreich überaus glücklichen Umstand bezeichnen. Bei Aus-
bruch des Krieges befand sich die französische Volkswirtschaft nicht
im Stadium einer ausgesprochenen regen Hochkonjunktur. Im Gegenteil.
Das Wirtschaftsleben lag ziemlich untätig darnieder. Langsam und
stetig senkte sich seit dem Jahre 1913 die Konjunkturkurve. Diese
dahinvegetierende wirtschaftliche Lage spiegelte sich auch im Pariser
Geldmarkt wieder. Dieser wies eine Fülle freier Kapitalien auf, war
dadurch stets äußerst flüssig und erhielt noch starke Zuflüsse aus dem
Ausland, besonders aus Amerika und Rußland. Boten also die wirtschaft-
liche und finanzielle Lage ein ziemlich ruhiges Bild, so waren dennoch
die Ereignisse, wie sie durch den Kriegsausbruch hervorgerufen wurden,
zu überwältigend, um nicht dennoch tiefe Erschütterungen hervor-
zurufen. In Frankreich stagnierte denn auch seit dem Tage der Mobil-
machung bis zum Stillstand des ersten deutschen Vormarsches das Wirt-
schaftsleben vollkommen. Handel und Verkehr ruhten, die Kredit-
institute übten in ihrer Geschäftstätigkeit die größte Zurückhaltung
aus oder stellten sie gänzlich ein, die Notenbank erhöhte rasch ihre
Diskontrate und auch der Geschäftsmann und Privatmann verloren
ihre Fassung. Diese allgemeine Stockung im Denken und Handeln
wurde in erster Linie auf den Zahlungsverkehr übertragen. Hier rechnete
alles mit einem gesetzlichen Zahlungsaufschübe auf jedem Gebiete.

In diesen Empfindungen wurden die Kreise der Bankwelt, des Han-
dels und der Industrie bestärkt durch die nervöse Spannung, die sich
schon frühzeitig wie ein unheilvoller und undurchdringlicher Schatten
über dem wirtschaftlichen und politischen Leben ausbreitete und auch
die Pariser Börse erfaßte und schließlich zur Panik führte.

Tatsächlich gelangte die Pariser Börse bei der Ultimoregulierung
des Monates Juli in ernste Schwierigkeiten und fand keine Hilfe, um
        <pb n="20" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

3

die Prolongationen der Engagements durchzuführen. Sie erteilte sich
daher am 29. Juli selbst eine Zahlungsstundung. Dies war das erste
Moratorium.

Am nächsten Tage bereits, am 30. Juli, trat die „clause de garantie“
der Sparkassen in Kraft, die den Sparern laut Statut vierzehntägig nur
50 Frcs. auszahlt. In einem Erlasse vom 31. Juli 1914 bestimmte die
französische Regierung, daß die Fälligkeitsfristen von übertragbaren
Papieren — zu ihnen zählen Wechsel, Zahlungsanweisungen, Schecks,
Mandate und Warrants — um volle 30 Tage verlängert werden. Durch
diese Verordnungen wurden die ersten Zweifel über die Richtung, welche
die Regierung in den Fragen der Wirtschafts- und Kreditverhältnisse
nehmen würde, gelöst. Die Regierung verfolgte offenbar die schon
in früheren kritischen Zeiten erprobte Politik der Regelung des Zahlungs-
und Wirtschaftsverkehrs mit Hilfe von Moratorien. In der Tat wurde
diese Vermutung bald durch die folgenden Maßnahmen bestätigt.

Durch den Aufschub aller kaufmännischen Schulden aus Wechseln
und anderen Verpflichtungsscheinen resultierte die Notwendigkeit,
auch die Kreditgeber, die ihrerseits auf der Passivseite Schuldner sind,
zu schützen. Und bereits am 1. August erhielten sie diesen Schutz.
Am 9. August 1914 wurde diese Verordnung vom 31. Juli und 1. August
durch ein allumfassendes Moratorium abgelöst. Zu den wesentlichsten
Bestimmungen zählen die Fristverlängerungen aller übertragbaren
Papiere, die seit dem 31. Juli 1914 fällig geworden sind oder vor dem
1. September fällig wurden, um volle 30 Tage und die Beschränkung
der Barauszahlungen von Bankdepots und Kreditsalden aus Konto-
korrenten bei den Banken. Jeder Depotinhaber, der 250 Frcs. Guthaben
besaß, hatte das Recht, die volle Rückzahlung zu verlangen. Über den
Betrag von 250 Frcs. hinaus nur die Zahlung von 5 % des Überschusses.
Für die Zahlungen von Warenlieferungen, die unter Kaufleuten vor
dem 4. August 1914 bewirkt worden sind, für die Rückzahlungen aus
Versicherungsscheinen und Sparguthaben wurde eine Frist von 30 Tagen
gewährt. Auch die Mietszahlungen bis zur Höhe von 1000 Frcs. konnten
3 Monate lang nicht eingefordert werden1).

Das Moratorium über die Regelung der Prozeßverfahren wurde
durch Dekret vom 10. August erlassen, trägt zwar keinen rein wirt-
schaftlichen Charakter, da es nur die prozeßrechtlichen Handlungen
prolongiert, bewirkt aber gerade hierdurch indirekt die Aufhebung
von Verbindlichkeiten. Mitte August, den 15., wird ein weiteres Mo-
ratorium dekretiert, das ein gewaltiges Gebiet trifft und hohe Summen
von Kapitalien lahmlegt: das Mietsmoratorium. Bald (am 29. August)
folgte die Dispens der Departements, Städte, Kommunen und Gesell-
schaften von der Pflicht, ihren Obligationstilgungsdienst aufrecht zu
erhalten. Weiterhin folgte am 23. September aus dieser letzten Maß-
nahme die Einstellung der Zins- und Dividendenzahlungen. Schließlich

b Siehe die ausführlichen Erlaßhestimmungen in der Moratorien-Zusammenstellung
der Berliner Handelskammer. Heft; Frankreich. S. 2—7.
        <pb n="21" />
        ﻿4

Erwin Respondek,

am 27. September 1914 — da die Zahlung von Versicherungsprämien
gestundet wurde — mußten die Versicherungsgesellschaften von der
Bezahlung der Versicherungssummen befreit werden.

Dies waren die einzelnen Glieder in der Moratoriumskette, die inner-
halb zweier Kriegsmonate vollkommen geschlossen wurde, werden
mußte. Denn die moderne Wirtschaft ist so eng in ihren Gliedern ver-
kettet, das wechselseitige Verhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner
so innig verknüpft, vielseitig und durchlaufend zusammengefaßt, daß
der Schutz eines Gliedes notwendig den des benachbarten nachziehen
und immer weitere Kreise ergreifen muß. Dieser innere Zusammenhang
im Wirtschaftsleben konnte auch sofort nach Erlaß von zahlreichen
Verordnungen nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten gelockert werden,
die noch vergrößert wurden durch die nicht genügend vollkommen
ausgearbeiteten und umfassenden Einzel-Moratorien. Erst allmählich
wurden die einzelnen Verfügungen bei ihrer Erneuerung verbessert,
straffer oder loser gefaßt, erleichtert oder erschwert. Gesetzlich aufge-
hoben wurde bis jetzt noch kein Moratoriums-Erlaß. Nur die Mehrzahl
der Banken hat freiwillig auf die Vergünstigungen Verzicht geleistet1),
und das Moratorium, das sich die Börse am Ende des Monats Juli 1914
erteilte, wird langsam in gestaffelter Form abgebaut. In schematischer
Zusammenstellung zeigt die Entwicklung der einzelnen Moratoriums-
erlasse, die in den späteren Verordnungen unter einem Datum zusammen-
fallen, nach ihrer zeitlichen Richtung das folgende Bild (s. S. 5):

Während des Krieges 1870/71 hatte Frankreich gleichfalls ein Ge-
neralmoratorium für Schuldner aus Wechseln und Wertpapieren für die
Zeit vom 13. August 1870 bis 13. Juli 1871 erlassen. Auch in diesem
Kriege hatte sich also die französische Republik entschlossen, im Interesse
der Schuldner Vergünstigungen und Erleichterungen zu gewähren,
um sie vor wirtschaftlichen Schäden zu bewahren, und ermöglicht es
ihnen durch eine gesetzlich erlaubte Verlängerung die Lösung der Ver-
bindlichkeiten auf eine spätere, voraussichtlich günstigere Zeit zu ver-
schieben.

Über das Moratorium Frankreichs in seiner vollen Ausdehnung wurde
rasch vernichtende Kritik gefällt. Sie lautet auf eine kurze Formel

!) Für alle Abhebungen der Bardepots und Kreditsalden bestimmten die einzelnen
Erlasse das folgende Bild:

Abbau des Bank-Moratoriums.

Abhebungen in der Zeit vom	Summe	Höchstbetrag der gesamten Abhebungen
1. Aug. 1914 bis 1. Sept. 1914	250 Frcs. + 5 %	—
1. Sept. 1914 „ x. Okt. 1914	250	„	+ 20 %	60 °/o
1. Okt. 1914	„	1. Nov. rgr4	25°	„ + 25 %	66% %
1. Nov. 1914 „	1. Dez. 1914	1000	„ + 40 %	66% %
r. Dez. 1914 „ 1. Jan. 1915	rooo „ + 50%	75 %

Vom 1. Januar 1915 verzichteten alle führenden Banken auf die Wohltaten des Mora-
toriums und nahmen die unbeschränkten Zahlungen wieder auf.
        <pb n="22" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

5

Zeitliche Prolongationen des Morstoriu xn s.

Datum des Erlasses

Fälligkeitstermin
wird verschoben
bis

Erlaß vom 31. Juli 19x4
»	»	9.	Aug.	1914

»	„	29.	Aug.	1914

»	„	27.	Sept.	1914

»	„	27.	Okt.	1914

„	„	15.	Dez.	1914

..	„	25.	Febr.	1915

„	„	15.	April	1915

„	„	24.	Juni	1915

„	„	16.	Okt.	1915

„	„	23.	Dez,	1915

„	„	18.	März	1916

„	„	21.	Juni	1916

30. Aug. 1914
30. Aug. 1914
1. Okt. 1914
1. Nov. 1914
x. Jan. 1915
1. März 1915
1. Mai 1915
1. Aug. 1915
1. Nov. 1915
1. Jan. 1916
1. April 1916
1. Juli 1916
1. Okt. 1916

gebracht: Die französische Republik hat ein allgemeines Moratorium
erlassen müssen — Deutschland dagegen nicht. Also ist die National-
wirtschaft Frankreichs schwach, die Deutschlands dagegen stark!

Der augenblicklich noch anhaltende Mangel an vorurteilsfreien
Unterlagen erschwert es sehr, heute eine zuverlässige und abschließende
Betrachtung über Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit, über Vor-
teile und Nachteile dieses allgemeinen und umfassenden Moratoriums
zu geben. Es möge daher zunächst nur ausgeführt werden, wie die Re-
gierung durch ihre Dekrete in das Wirtschaftsleben regelnd eingriff,
und welche Bedeutung einige wenige dieser Maßnahmen für die einzelnen
betroffenen Teile und die Allgemeinheit haben.

Außer dem bereits inhaltlich wiedergegebenen Erlasse vom 9. August
verfügt u. a. ein Erlaß vom 10. August 1914 für die Dauer des Krieges
eine Unterbrechung der Verjährungs- und Verfallfristen in Zivil-, Handels-
und Verwaltungssachen. Diese Artikel dienen zum Schutze für die im
Felde Stehenden, denen ja die Regelung ihrer Verbindlichkeiten unmög-
lich ist, und für die Zurückgebliebenen, die hierzu infolge der schäd-
lichen Einwirkungen des Krieges trotz guten Willens gleichfalls nicht
in der Lage sind.

Auch in Deutschland hat der Bundesrat durch eine Reihe besonderer
Verordnungen den im französischen Moratorium ausgesprochenen Be-
stimmungen Rechnung getragen. Hierher gehören die Erlasse über
die gerichtliche Bewilligung von Zahlungsfristen, die Geschäftsaufsicht
zur Abwehr des Konkurses und der Rechtsschutz für Kriegsteilnehmer:
So z. B. die Bundesrats-Verordnung vom 7. August 1914: Die gericht-
liche Bewilligung von Zahlungsfristen an Schuldner, wenn ihre wirt-
schaftliche Lage es rechtfertigt1):

Bundesrats-Verordnung vom 8. August 1914; Die Geschäftsaufsicht

Siehe Denkschrift an den Reichstag Nr. 26, S. 14.
        <pb n="23" />
        ﻿6

Erwin Respondek,

zur Abwehr des Konkurses bei Schuldnern, die durch den Krieg zah-
lungsunfähig wurden1),

Bundesrats-Verordnung vom 6. August 1914: Die Verlängerung
der Fristen bei Wechseln und Schecks (und ergänzende Verordnungen)* 2),

Bundesrats-Verordnung vom 12. August 1914: Aufschub der Fällig-
keit von Auslandswechseln3 4) und andere mehr.

Ein anderes Bild zeigen die Verordnungen, die in das Kreditsystem
des Landes eingreifen. Nach Ansicht der französischen Regierung war
es schon bei Kriegsausbruch klar, daß es den Gläubigern und Schuldnern
unmöglich sein würde, ihre gegenseitigen Zahlungsverpflichtungen
aufrecht zu erhalten. Der Krieg hemmt doch Absatz und Umsatz!
Er hebt sie sogar teilweise auf. Der Export, auf den Frankreichs In-
dustrie und Handel zum Teil ruhen, ist durch Verkehrsstockungen
und Gefahren aller Art stark erschwert, der Arbeitsmarkt ist durch
die Einberufung zahlloser Arbeiter, die bei einer langen Dauer des Krie-
ges noch stärker vor sich gehen muß, sowie durch das Ausbleiben von
Aufträgen inländischer und auswärtiger Kunden, den weitgehendsten
Störungen unterworfen. Was die Großindustriellen- und Großkauf-
mannskreise betrifft, gilt auch für den kleinen Geschäftsmann. Er ist
wohl meistens Schuldner, da er mit Kredit arbeitet und braucht not-
wendig einen ungestört arbeitenden Markt, auf dem er seine Waren
absetzen kann, um mit dem Erlös seine Lieferanten zu bezahlen. Der
Privatmann schließlich sucht gleichfalls in der ernsten, ungewissen
Zeit mit seinen Zahlungen zurückzuhalten und möglichst hohe Reserven
zu seiner Sicherheit aufzustapeln, um für alle unvorhergesehenen Er-
eignisse gedeckt zu sein. Dieses allseitige Streben nach Lösung der
Verbindlichkeiten auf der einen und Zurückhalten von Zahlungen,
die hohen Reserveaufstapelungen von Geldern und sonstigen Werten
auf der anderen Seite, zogen ihre stärkste Kraft aus den militärischen
Ereignissen. Der Feind rückte siegreich vorwärts in das eigene Land
hinein. Also war doch die logische Konsequenz aller dieser überzeugenden
Tatsachen: das Moratorium. — Wenn nun alle Schuldner durch einen
Zahlungsaufschub von ihren Pflichten befreit werden, wie ihn der Erlaß
vom 9. August vorsieht, so muß die Regierung hieraus die weiteren
Folgerungen ziehen. Sie muß den Kreditgebern der nationalen
Volkswirtschaft, den Banken, Genossenschaften und anderen, die ja
ihrerseits auf der Passivseite ihrer Geschäftstätigkeit auch Kreditnehmer
sind, die gleichen schützenden Erleichterungen gewähren. Die franzö-
sischen Banken wiesen auch zudem nicht den Grad der effektiven Kassen-
liquidität auf, den man von ihnen erwarten konnte1). Sie bedurften

')	Siehe	Denkschrift	an	den	Reichstag	Nr.	26,	S.	16.

2)	Siehe	Denkschrift	an	den	Reichstag	Nr.	26,	S.	19.

3)	Siehe	Denkschrift	an	den	Reichstag	Nr.	26,	S.	23.

4)	Nach dem Liquiditätsschlüssel der Friedenstheorien können „Kasse und sofort
greifbare Bankguthaben“ den „täglich fälligen Verbindlichkeiten“ gegenübergestellt sein.
Bei den fünf Pariser Großbanken: Credit Foncier, Credit Lyonnais, Comptoir National
        <pb n="24" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

7

daher doppelten Schutzes. Das Dekret vom 9. August 1914 und die
ergänzenden Bestimmungen ordneten daher eine gifet aff eite Auszahlung
der Kreditsalden aus Guthaben von Konto-Korrenten an, die eine weit-
gehende Auszahlungsbeschränkung — für August; 250 Frcs. plus 5 %
des Überschusses vom Kreditsaldo —- bedeuten und tief in das Wirt-
schaftsleben eingriffen1). Sie stellen vielleicht das interessanteste
Problem dar unter den Fragen des Moratoriums und sollen daher ein wenig
näher betrachtet werden.

Es ist nicht zu bezweifeln, daß jedes Kreditinstitut unmöglich
allen Anstürmen einer schweren Krisenzeit entgegentreten kann, auch
wenn seine Aktiven leicht realisierbar und seine Liquiditätswerte wirk-
lich gute sind. Denn von den in der nationalen Wirtschaft schwebenden
Kreditverbindlichkeiten entfallen auf der einen Seite hohe Summen
kurzfristiger Einlagen auf Depositen- und Konto-Korrentgläubiger,
auf der anderen Seite sind die Kreditinstitute durch Wechseldiskon-
tierungen, Lombardierungen, Emissionen und Finanzierungen Gläubiger
der Handels- und Industriewelt. Wenn nun in normalen Zeiten ein Teil
der Bankgläubiger sein Rückforderungsrecht ausübt, so gebraucht es
der andere nicht, und die Lücken des ersteren werden durch neue Ein-
lagen ausgefüllt. Sie führen den notwendigen Ausgleich, die Stabilität
rasch herbei. Andererseits, wenn die Kreditinstitute Wechselkredite
und Lombarddarlehen kündigen, verschaffen sich die betroffenen Schuld-
ner einen entsprechenden Ablösungskredit durch neue Wechselein-
reichungen, neue Lombardaufnahmen bei anderen Banken und Kredit-
instituten. So ist für beide Seiten eine sofortige odet spätere Fälligkeit
und Kündigung von Verbindlichkeiten als bedeutungslos anzusprechen.
Die Nivellierung wird immer leicht und ohne große Verzögerungen mög-
lich sein.

Dieser friedliche Ausgleich hört aber in Kriegszeiten auf. Der sieg-
reiche Feind rückt mit raschen Schlägen in das eigene Land ein, stört
empfindlich Handel und Verkehr. Nunmehr strebt alles dahin, Geld
in seine Kassen und Truhen zu legen, sein eigener Bankier zu sein. Die-
sen Anstürmen der ängstlichen Depositengläubiger ist kein Kredit-
institut gewachsen. Die Banken müssen vielmehr von ihren legitimen
Zahlungspflichten befreit werden2). Eine ausführlichere Darlegung

d Escompte, Societe Generale, Credit Industrie! betrugen Ultimo April 1914 („Bank“
1914, S, 794):

in Milk Frcs.

Kasse und Bankguthaben......................514

Depositen..................................2703

d. h. eine Deckung von rund 19,00 °/o

Einem Wechselbestand von . ................ 3971

standen Kreditoren von ....................3569

gegenüber.

!) SieheS. 4 und Jöhlinger, Otto, Ztschr. f. Hand.-Wissensch. und Hand -
Praxis: Mai 1916, No. 2, S. 13.

2) Die gleiche Ansicht vertritt auch P len ge. Siehe: „Von der Diskontpolitik
zur Herrschaft über den Geldmarkt“. Berlin r9i3, S. 338 ff. Er sieht im Moratorium
        <pb n="25" />
        ﻿8

Erwin Respondek,

der Moratoriumsbestimmungen, ihre Analyse und kritische Betrachtung
unter diesem besonderen Gesichtspunkte bleibt dem Kapitel über die
„Kreditbanken“ Vorbehalten.

Das Wechselmoratorium ruft im Lande gleichfalls bedeutsame
Schwierigkeiten hervor. Welche Folgen ergeben sich aus der Zahlungs-
stundung für die Verpflichteten und Berechtigten aus Wechseln, Schecks
und anderen übertragbaren Papieren ? Der Detaillist ist berechtigt, den
von ihm ausgestellten Wechsel nicht einzulösen. Der Großhändler
erhält demnach für die gelieferten Waren sein Geld nicht. Er bezahlt
seinerseits den Fabrikanten nicht und dieser muß sehen, wo er die nötigen
Geldmittel erhält, um Materialien, Miete, Löhne und andere Ausgaben
zu begleichen, bzw. seine Akzeptverbindlichkeiten bei seiner Bank ab-
zulösen. Von außerordentlicher Tragweite ist letzten Endes aber das
Wechselmoratorium für die Privatbanken und die Notenbank. Die be-
reits diskontierten Wechsel nehmen in den Portefeuilles der Banken
den Charakter einer Blockade an und sie sind somit eine schwere Be-
lastung. Für die Befriedigung der Depositengläubiger stellen sie nun-
mehr kein flüssiges Mittel mehr dar, sie können nicht mehr als ein li-
quides Aktivum erster Klasse gelten. Die Bank von Frankreich hat
in ihrem Portefeuille langsichtige Wechsel, die ebenfalls nicht als liquides
Aktivum zur Sicherung gegen ihre kurzfristigen Verbindlichkeiten benutzt
werden dürfen. Wenn auch für die Notenbank keinerlei Vorschriften
über die Deckung ihrer zirkulierenden Noten und Depositeneinlagen
bestehen, so werden dennoch Liquidität und Sicherheit ihrer Noten
durch ein schwer realisierbares Wechselportefeuille stark verschlech-
tert. In Kriegszeiten ist dies hinsichtlich der Aufrechterhaltung der
Währung im Innern des Landes bedenklich und mitunter gefährlich.

Schließlich möge noch das Dekret vom 14. August 1914 angeführt
werden, das eine weitgehende Stundung der Mietszahlungen
vorsieht1). Es wird ein Mietszahlungsaufschub gewährt für:

Paris.........................bei	jährlichen	Mieten	bis	1000	Frcs.

Städte über 100 000 Einwohner	.	„	„	,,	„	600	„

„ unter xoo 000 über 5000,,	„	„	„	„	300	„

und an allen anderen Orten . . .	„	„	„	„	100	„

Den gleichen Aufschub erfahren die Mietszahlungen von möblierten Zimmern.

Als jährlich in ganz Frankreich zu zahlenden Mietszins werden rund
1,500 Milk Frcs. veranschlagt* 2). Der Krieg steht an der Schwelle des

den Zweck, Kredit geber und Kredit neimet zu schützen und spricht somit einer-
seits von einem „Moratorium im Interesse der Schuldner“, wodurch ohne weiteres die Auf-
rechterhaltung der Zahlungsverpflichtungen seitens der Kreditinstitute in Frage gestellt
sein kann und zweitens von einem „Moratorium im Interesse der Banken und Sparkassen“
mit dem Hinweis auf die unabwendbaren Schäden für die gesamte Geschäftswelt.

Siehe Morat. d. Ausl.: Berliner Handelskammer. Heft: Frankreich. S. 9.

2) Siehe L'Economiste Fran9ais i. Januar 1916, S. 3 und 15. April 19x6, S. 503. Hier
führt P.Leroy-Beaulieu mit Hilfe amtlicher, statistischer Aufnahmen über den
Haus- und Grundbesitz Frankreichs eine Berechnung der wahrscheinlichen Mietsleistungen
in einem Jahre durch. Er erhält als Resultat 1500 Mill. Frcs. In einer späteren Berechnung
        <pb n="26" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

9

dritten Jahres und wenn auch angenommen werden sollte, daß er es
nicht noch ausfüllen würde, so steht es andererseits fest, daß mit dem
Tage des Friedens nicht der Tag der Aufnahme von Mietszahlungen
oder gar die Tilgung der aufgelaufenen Mieten verbunden ist. Es dürfte
daher keine Übertreibung darstellen, wenn die Summe der durch das
Mietsmoratorium gebundenen Gelder auf 4,500—5,000 Milliarden Frcs.
veranschlagt wird. Diese hohe Ziffer ist nun aber absolut gefaßt nicht
vollkommen haltbar. Denn tatsächlich zahlen weite Kreise der Be-
völkerung ohne jede Stockung ihre Mieten fort, namentlich soweit sie
durch den Krieg in dem Bezüge ihrer Einnahmen nicht wesentlich ge-
stört sind. Aber es steht auch fest, daß ein ebenso großer Teil hierzu
nicht in der Lage ist, einfach schon darum nicht, weil Verraögensver-
luste oder -Verringerungen durch den Krieg eingetreten sind, die Ernährer
und Erhalter der Familie vielfach im Felde stehen u. a. m. So kann die
durch das Mietsmoratorium gebundene Summe auf etwa 2,5 Milliarden
Frcs. geschätzt werden.

Hier werden die Rückwirkungen des Mietsmoratoriums besonders
schwerer Natur sein, und sie können in späterer Zeit leicht verhängnisvoll
auf den gesamten Bau- und Wohnungsmarkt zurückfallen. Der Haus-
besitzer empfängt keine oder doch nur spärliche Mietszahlungen; er ist
dann außerstande, seinen Hypothekengläubigern, z. B. dem Credit Foncier,
die Zinsen zu entrichten. Nicht allein die Unmöglichkeit, Zinsen zu ent-
richten, auch der Ausfall an dem regelmäßigen Ertrage des im Hause an-
gelegten Kapitals, des für eine längere Zeit gebundenen Vermögens, das
jetzt noch durch die Kriegseinwirkungen oftmals gefährdet erscheint,
werden für die Hausbesitzer ein unerträglicher Zustand. Im künftigen
Frieden wird der Steuerdruck noch höher und an ihnen gewiß nicht vorüber-
gehen können. Diese Schwierigkeiten werden sich leicht weiter fort-
pflanzen und auf dem gesamten Hausmarkte ungünstig zurückwirken.
Der hohe Ausfall an Hypothekenzinsen führt notwendig zu einer Ent-
wertung der emittierten Hypotheken-Pfandbriefe und damit zu einer
Deroutierung des Pfandbriefmarktes. Ungenügender Geldzustrom
für den Baumarkt, hohe Mietspreise bei unerträglicher Wohnungsnot
sind die bekannten Folgen und Endglieder dieser Kette.

Die wenigen und nur in kurzen Zügen durchgeführten Beispiele
dürfien erwiesen haben, daß auch bei sorgfältigster Ausarbeitung und
schärfster Überlegung ein allgemeines Moratorium allen Anforderungen
sofort nicht zu genügen und zur vollkommenen Zufriedenheit des ge-
samten nationalen Wirtschaftslebens nicht zu wirken vermag. Jedes
Moratorium muß Änderungen unterworfen sein, die den wirtschaftlichen
Verhältnissen immer angepaßt sind, muß notwendig Berücksichtigung
von Ausnahmen aufnehmen. Die Regierung trifft in ihren Bestimmungen
r B. auch keinerlei Anordnungen, die ihren Schuldnern irgendwelchen

kommt er auf 5% Milliarden Frcs. gestundete Mietsgelder — unter Annahme daß der
Krieg sich über 3 Jahre erstreckt — und hiervon sollen etwa 60 % nicht bezahlt werden
so daß also 3300 Mill. Frcs. gestundete Mietsgelder abzubauen wären
        <pb n="27" />
        ﻿10

Erwin Respondek,

Aufschub für Zölle, Steuern und andere Abgaben gewähren. Eine Stun-
dung ist bei jenen Zahlungen vollkommen unmöglich. Der Staat braucht
gerade in Kriegszeiten diese Summen für seine Bedürfnisse. Er ordnet
daher vielmehr an, daß die Banken den Staatsschuldnern in weitgehend-
stem'Maße bei der Rückzahlung ihrer Guthaben entgegenzukommen
haben. Der Staat selbst hält aber — es ist dies die natürliche Folge —
als Gegenleistung auch seine Zahlungsverpflichtungen, den Zinsen-
dienst und andere direkte Leistungen aufrecht.

Aus der zeitlichen Folge und Anordnung der einzelnen Verord-
nungen allein sind bei näherem Studium die innere Tendenz und die Zu-
sammenhänge klar zu erkennen. Ein Erlaß zieht den anderen notwendig
nach sich. Denn das Moratorium konnte nicht ein Glied in dem eng
verschlungenen Kreditsystem einseitig schützen. Alle mußten gleich-
mäßig und gleichzeitig geschützt und belastet werden, um nicht durch
Lücken und unangebrachte Ausnahmen einen vollständigen Zusammen-
bruch des Wirtschaftskörpers herbeizuführen. Und nicht allein dies.
In dem Augenblicke, wo die französische Regierung sich entschloß,
den Schuldnern zuzurufen: ihr seid nicht verpflichtet, zu zahlen, da eure
Verbindlichkeiten prolongiert sind, mußte sie in dieser Bahn fortfahren,
gleichgültig, ob sie nach kurzer Zeit bereits die Erkenntnis errang, daß
dieser Weg für die ökonomische Entwicklung des Landes von nieder-
drückender und schädlichster Wirkung ist. Hier liegt der folgenschwere
Kernpunkt für die zukünftige Gestaltung des Wirtschaftslebens.

Nach den mehrfach geäußerten Ansichten der französischen Handeis-
welt ist das Moratorium als ein Fehlgriff zu betrachten. Die zahlreichen
Zuschriften an die periodische Presse zeigen, daß sich die Geschäfts-
welt mit Erbitterung gegen die sogenannten „Schutzmaßnahmen“ der
Regierung wendet1). Diese sind — nach ihrer Ansicht -—• nur Leuten
nützlich, die schon in Friedenszeiten zahlungsunfähig waren. Reelle
Geschäftsleute und Unternehmer erfüllen ihre Zahlungsverpflichtungen.
Tatsächlich würde aber das Moratorium vorwiegend von Schuldnern
ausgenutzt, die wohl zahlen könnten, sich aber hinter die Bestimmungen
des Moratoriums verschanzen. So würde der wirklich zahlungsfähige
und zahlungswillige Kaufmann, dadurch, daß er von seinen Schuldnern
in leichter und unverantwortlicher Weise im Stich gelassen wird, schließ-
lich selbst dem Ruin entgegengeführt. Die reelle Handelswelt wünscht
vor allem keine weitere Berücksichtigung der morschen Kreditinstitute,
sondern — Darlehnskassen nach deutschem Muster.

Ihnen schließen sich die Handelskammern an. Sie legen der Re-
gierung ihre Pläne und Entwürfe bezüglich der Abänderungen einzelner
Artikel des Moratoriums vor, um das wirtschaftliche Leben wieder
in Fluß und guten Gang zu bringen. Ihre sehr weitgehenden Forderungen
soll der Finanzminister zum Studium entgegennehmen, bevor er sich
über die jeweiligen Änderungen in den bereits getroffenen Maßnahmen

J) Siehe Temps, Figaro im September, Oktober 1914. Siehe L'Economiste Frau-
$ais 1914/15.
        <pb n="28" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

II

entscheidet. Die hauptsächlichsten Vorschläge und Forderungen der
Handelskammern gehen vor allem dahin;

1.	sukzessive Liquidierung der Wechsel und Fakturen,

2.	schnellere Rückzahlung der Bankdepots an Industrielle und
Kaufleute als an Private,

3.	Prolongation von genau 6 Monaten aller vor dem 4. August 1914
ausgestellten Tratten,

4.	Rechtsverfolgung durch das Handelsgericht und nicht Zivil-
gericht,

5- Freiheit des Handelsgerichts bei Festsetzung der echelonierten
(gestaffelten) Zahlungen,

6.	diskrete Ausführungen der Rechtsschritte gegenüber den Debi-
toren,

7.	Fixierung von 5% Zinsen für diejenigen, die das Moratorium
benutzen,

8.	Bank- und Kundenzinsen müssen gleich sein.

Die Exporthandelskammern zeichnen gleichfalls ihre Vorschläge
ein, um dringend notwendige Erleichterungen für die Exportindustrie
zu erlangen. Sie fordern unter anderem;

1.	Bildung eines Komitees der Regierung, der Bank von Frank-
reich, der Kreditinstitute und Flandelskammern zur Bestimmung
von Vorschüssen auf die Aktiven von Exportemen,

2.	Limitierung der Zahlungen auf Akzepte und Fakturen vor dem
4. August 1914 auf 20 % im Januar 1915 und monatlich weitere
10 %, plus Zinsen.

Diesen weiteren Anregungen aus den Handels- und Verkehrskreisen
sucht die Regierung nach eingehendem Studium möglichst Folge zu
leisten. Sie ändert von Erlaß zu Erlaß die getroffenen Verordnungen,
führt Erleichterungen in jeder Richtung durch1), und ist so äußerst be-
müht, das gelähmte Wirtschaftsleben zur Zufriedenheit des Handels
wieder in einen leichten und sicheren Gang zu bringen und hierin zu
erhalten.

Hätte eine durchgreifende Kredithilfe während des Krieges durch
Errichtung von Darlehnskassen Erfolg gezeitigt und damit ein Mora-
torium und seine ständige Prolongation entbehrlich gemacht ? Diese
Frage liegt sehr nahe, wenn Frankreich in einen Vergleich zu Deutsch-
land gesetzt wird. Darlehnskasse und Notenbank halten in Deutschland
die Volkswirtschaft ohne unmittelbare Schäden und Schwierigkeiten
aufrecht und machen ein allumfassendes Moratorium unnötig. Frank-
reich standen die gleichen Mittel und Wege wohl zur Verfügung. Auch
hier könnten die legitimen Ansprüche der Gläubiger auf ihre Gelder,
die von den Banken im Staatsbetriebe, Handel, Verkehrswesen, in der
Industrie usf. fest angelegt sind, durch provisorisches Geld befriedigt
werden. Die Effektenbesitzer hinterlegen jene früher erworbenen Anlagen,

b Siehe z. B. die allmählich durchgeführte Entspannung im Bankmoratorium zu-
gunsten der Bankgläubiger im Abschnitt; Kreditinstitute.
        <pb n="29" />
        ﻿12

Erwin Respondek,

und die Notenpresse liefert ihnen als Äquivalent die gewünschten Geld-
mittel. Rein wirtschaftlich betrachtet, wäre das so geschaffene Geld eine
Anweisung auf Waren nnd Effekten, in die sich die ursprünglich fest-
gelegten Gelder der Gläubiger nunmehr verwandelt haben. Diese De-
mobilisierung immobiler Werte und Ausgabe von neuem Gelde, das dann
die Regierung kraft ihres Münz-Hoheitsrechtes zum gesetzlichen Zah-
lungsmittel erhebt, macht ein allgemeines Moratorium entbehrlich.
Das hat Deutschland getan, Frankreich nicht. Frankreich wollte oder
konnte diesen Weg nicht einschlagen. Es lehnte jedenfalls die Errichtung
von Darlehnskassen offiziell mit der Begründung ab: „Das Privileg der
Bank von Frankreich soll nicht angetastet werden.“

Die Ablehnung dürfte diesem Motiv allein kaum entsprungen sein.
Vielmehr haben auch andefe Faktoren bei der Entscheidung dieser
Frage mitgewirkt, und wohl mit ausschlaggebender Kraft einmal die un-
günstige Kriegslage, und dann der gewaltig hohe Betrag ausländischer
Wertpapiere.

Frankreich ist ein Rentnerstaat, Deutschland ein Industriestaat. Dies
wird äußerlich zur Genüge dokumentiert in den Ziffern des ausländischen
Effektenbesitzes. Der Totalbestand an Wertpapieren in Frankreich bis zum
31. Dezember 1914 wird von der „Neuen Zürcher Zeitung“ geschätzt
auf 125 Milliarden Frcs., hiervon fremde Werte 40—45 Milliarden Frcs.
Der Effektenbesitz Deutschlands wird von der gleichen Zeitung geschätzt
auf 110 Milliarden Mk., hiervon fremde Werte 15 Milliarden Mk.1).

An der hohen Summe der ausländischen Effekten sind fast alle eu-
ropäischen Staaten und exotischen Staaten — kapitalsschwache und
-kräftige — beteiligt, da sie in Paris stets einen offenen Markt fanden
für politische und wirtschaftliche Gegengeschenke. Es wird hierauf
noch ausführlicher in dem Abschnitt über die „Kreditinstitute“ zurück-
zukommen sein. Hier sei vorläufig nur darauf hingewiesen, daß die Quali-
tät jener fremden Werte im allgemeinen schlecht ist und nun im Kriege
nicht nur in der mehr oder weniger spekulativen äußeren Kursbewertung,
sondern vor allem in ihrem inneren Werte starke Einbußen erlitten
haben.

Würde sich die französische Regierung zum Darlehnskassenprinzip
entschlossen haben, so hätte auch eine äußerst vorsichtige Auswahl der
zur Beleihung zugelassenen Wertpapiere dennoch nicht vor einem Über-
angebot geschützt. Der Staat mußte befürchten, in einem höheren
Maße Besitzer jener vielen unsicheren ausländischen Werte zu werden,
als ihm lieb ist. Im Falle der Nichteinlösung der Lombardpfänder würden

x) Auf den Kopf der Bevölkerung berechnet ergibt die Effektenbelastung die fol-
genden Ziffern:

Bevölkerungsziffer	Effektenbesitz

Annahme für 1914 Frankreich; 40 Mül. 170 Milk Frcs.

„ 1914 Deutschland: 68 Milk 154	„	„

d. h. auf den Kopf

in Frankreich . . . 42,5 Frcs.
in Deutschland . . 22,6	„
        <pb n="30" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

13

dann im Frieden seine Noten auf der Grundlage exotischer Papiere
zirkulieren. Diese eine Erwägung mag vielleicht die französische Re-
gierung mitbestimmt haben, sich der Übernahme von Effekten und der
Emission neuer Noten bzw. verstärkter Emission der alten Noten auf
der Basis von Wertpapieren gegenüber ablehnend zu verhalten. Hier
schienen ihr also unabsehbare Schwierigkeiten und Verwicklungen ver-
borgen zu sein.

Ein zweites und nicht minder bedeutsames Moment, das zur Ver-
neinung des Darlehnskassenprinzips führte, dürfte in der ersten erwähnten
Tatsache liegen, daß der Krieg sich auf französischem Boden abspielt.
Es ist nur zu natürlich, daß der Staat einzig unter den größten Schwierig-
keiten für die Erhaltung und Fortführung der nationalen Arbeit Sorge
tragen kann, in einer Zeit, wo der Feind mit gewaltigen Schlägen bis
in das Innere des Landes vorstößt. Die Bevölkerung wird furchtsam,
will und kann ihrer gewohnten Beschäftigung nicht mehr nachgehen.

Innerhalb der Kriegszone führen die Kämpfe zur Stillegung eines
erheblichen und gerade des wichtigsten Teiles der Produktionsstätten.
Dies muß früher oder später auf den gesamten Wirtschaftsorganismus
hemmend und erschütternd zurückwirken. Das Eisenerzlager von Briey-
Longwy, das zu den ergiebigsten der Welt gehört, wurde von den deutschen
Truppen bereits im August besetzt. Hierdurch wurde ein Abbau zugunsten
der französischen Eisenindustrie unmöglich. Reichhaltige Kohlenbecken
sind fest in den Händen des Feindes. Die Kohlenförderung in den beiden
noch freien Departements „Nord“ und „Pas de Calais“ ist stark be-
einträchtigt1).

Lille, das Zentrum der Textilindustrie, Roubaix-Tourcoing, die
Hauptsitze der Wollfabrikation sowie die ge werbe- und industriereichen
Städte Troyes, Reims, Sedan, Leboeuf, Amiens, Arras und viele andere
Stätten mußten ihre Betriebe unter den Einwirkungen des Krieges
schließen. Von etwa 230 Zuckerfabriken befinden sich gegen 144 in der
Kriegszone.

Der Monat August bringt so eine Einstellung der Arbeitstätigkeit
in rund 50 % sämtlicher Betriebe. Die fortschreitende Mobilisation
der Reserve-Mannschaften bewirkt weitere Abgänge von Arbeitskräften
und gefährdet zeitweilig die Durchhaltung der noch tätigen Unter-
nehmungen.

1) Das von deutschen Truppen besetzte Gebiet umfaßt 4% des Gesamtareals und
nur 8 % der Gesamtbevölkerung. Von der französischen Kohlen- und Eisenindustrie aber
sind in Händen der Deutschen in Prozenten und nach Dampf- und Pferdekräften laut Be-
richt in der Hauptversammlung des „Vereins deutscher Eisenhiittenleute“ vom 31. Januar
1915 Düsseldorf:

Kohlen . . .	69%	Röhren
Koks ....	78%	Draht .
Eisenerz . . .	90 %	Stahlguß
Roheisen . .	86%	Bleche
Träger . . .	O  CO  00	Schienen

Stahlblöcke/

100 %
5s°/o
77 °/o
63%

76%
        <pb n="31" />
        ﻿14

Erwin Respondek,

Von allen diesen Schwierigkeiten kann sich die französische In-
dustrie in nennenswertem Umfange kaum befreien. Und die Export-
Industrie vermag den Ausfall nicht wett zu machen, obgleich ihr das
Meer offen steht, und damit der Güteraustausch leicht zu bewirken ist.
Ihre Wirksamkeit ist durch ungenügende Finanzierung lahm gelegt.
30 % der Ausfuhr gingen nach Deutschland und Belgien und den weitaus
größten Teil des Exportes bildet bekanntlich der Luxusgegenstand.
Die starke Einschränkung der Luxusausgaben in europäischen und außer-
europäischen Ländern muß eine entsprechende Einschränkung in diesem
Produktionszweige mit sich bringen und wirkt so hemmend auf die
Tätigkeit zurück.

Die Landwirtschaft wird — wie nachstehende Zahlen zeigen —
durch den Krieg zwar weniger scharf berührt, leidet aber dennoch unter
anderen ungünstigen Einflüssen. Die Gesamtanbaufläche Frankreichs
war am 1. Mai des Jahres 1915 im Vergleich zu 1914 in ha;

Getreide-Anbaufläche 1914 und 1915.

	1914	1915	1914
Korn		6 500 000	5 700 000	— 0 800 OOO
Weizen . . . .	1 200 000	1 000 000		0 200 OOO
Hafer		3 900 000	3 300 000	— 0 600 OOO
Summa	11 600 000	IO OOO OOO	— 1 600 OOO

d. h. rund 13,8 °/0 der Gesamtfläche weniger als im Jahre 1914.

Es sind hier nur zwei der wichtigsten Bestimmungsgründe angeführt
worden, die ohne Zweifel bei der Prüfung der Frage: Moratorium oder
Darlehnskasse das Endurteil wesentlich mitbestimmt haben dürften.
Welche anderen Erwägungen die französische Regierung außerdem
geleitet haben mögen, ist hier von keiner hohen Bedeutung, da sie jeden-
falls den beiden angeführten untergeordnet sind und sich auch nicht
mit entscheidender Kraft durchgesetzt haben.

Auf Grund dieser Darlegungen ist wohl zu ersehen, daß Frankreich
zum Schutze seiner Wirtschaft nur ein allgemeines Moratorium heran-
ziehen konnte. Aus ihnen folgt weiterhin, daß der Nichterlaß eines
Moratoriums kein Zeichen besonderer Leistungsfähigkeit einer National-
wirtschaft ist, die mit Darlehnskassensystem arbeitet, und daß das Mo-
ratorium selbst kein Zeichen von Schwäche zu sein braucht. Das Mora-
torium hat doch nur die Aufgabe, Vergünstigungen und Erleichterungen
den durch schwere Zeiten bedrängten Schuldnern zu gewähren. Ein
Land wie Frankreich, das gegen einen überwältigenden feindlichen
Ansturm anzukärapfen hatte und besonders in den ersten Kriegswochen
in eine geradezu arge militärische und wirtschaftliche Bedrängnis ge-
langte, konnte der ängstlichen und verzagenden Bevölkerung eine weit-
gehende Befreiung von den Zahlungspflichten nicht versagen. Dies
um so weniger, als noch viele im Volke sich der Vorgänge aus dem letzten
        <pb n="32" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

15

Kriege gegen Deutschland wohl entsannen, ihre Erfahrungen über die
damaligen Zustände rasch in der Nachbarschaft verbreiteten und auf
diese Weise die Beunruhigung nur vergrößern konnten. Zudem bot
doch die Methode, mit der man im Kriege 1870/71 den Zahlungsverkehr
regelte, ein gutes Beispiel.

Das bekannte französische Wechselmoratorium
(Gesetz vom 13. August 1870 bis 4. Juli 1871) hatte nur gute Wirkungen
ausgelöst. Französische und andere Finanz-Schriftsteller fanden im
Endurteil dieses Moratorium als unschädlich und ein Teil von ihnen
dehnte das Ergebnis seiner Untersuchungen sogar dahin aus, daß die
Regierungsverfügungen für Staat und Volkswirtschaft förderlich waren.
Und die Tradition spielt in Frankreich eine große Rolle. So lag es neben
den erwähnten Motiven auch schon geschichtlich sehr nahe, zur alten,
bewährten Methode zurückzukehren und sie nur den neuzeitlichen
Erfordernissen anzupassen oder zu verbessern. Im Kern besteht zwischen
den beiden Systemen, Moratorium oder Darlehnskasse, für welche sich
eine Regierung im Kriegsfälle entscheiden kann, der Unterschied lediglich
darin, daß eben der eine Staat die augenblickliche Zahlungsunfähigkeit
eines Teiles seiner Untertanen offen konstatiert und ausspricht und ihr
durch ein Moratorium Rechnung trägt, während der andere Staat die
gleiche augenblickliche Zahlungsunfähigkeit durch Kreierung imaginären
Geldes zu überdecken oder zu beseitigen sucht.

Nun wäre noch schließlich die Frage zu untersuchen, was in der
Zukunft mit dem Moratorium geschehen wird, wie die ruhende Wirt-
schaft in eine erhöhte, produktive Arbeit hinübergeleitet werden kann.
Es ist klar, daß, wenn einmal eine so tiefeinschneidende Maßregel ein-
geführt ist, es stets schwer sein wird, diese Maßregel plötzlich wieder
Zl1 beseitigen. Hat sich der Staat einmal dazu verstanden, derartig um-
fassend in die Gesetzgebung über die Schuldverhältnisse einzugreifen,
wie es hier der Fall ist, dann muß er später auch dafür Sorge tragen,
daß der Übergang zu normalen Verhältnissen nicht allzu plötzlich und
ohne Schäden für alle Beteiligten erfolgt. Dies haben auch die
anderen Staaten, die Moratorien erlassen haben, eingesehen und sie
konnten nur allmählich dazu übergehen, das Moratorium abzubauen.
Zuerst begannen England und Norwegen mit einem solchen Abbau,
beide Länder beschränkten ihn aber ausdrücklich nur auf die Inlands-
gläubiger. Dagegen blieb dem Auslande gegenüber die Zahlungsstun-
dung bestehen. Österreich-Ungarn ist dazu übergegangen, Raten-
zahlungen einzuführen, wobei gleichzeitig vorgesehen wurde, daß die
Gerichte auf Antrag eine Stundung der fälligen Summen gewähren
können. Es ist also nicht denkbar, daß die französische Regierung
an einem festen Datum plötzlich dekretiert: die alten Rechtsverhältnisse
treten wieder in Kraft und müssen unnachsichtlich abgewickelt werden,
denn dies würde das sichere Verderben aller derjenigen Schuldner be-
deuten, die während vieler Monate in dem behaglichen Morphiumschlaf
eines Moratoriums lebten. Vielmehr dürfte ein Ausspruch eines Fach-
        <pb n="33" />
        ﻿i6

Erwin Respondek,

mannes volle Geltung erlangen, sobald der Zeitpunkt der Überleitung
der Wirtschaft aus dem Moratorium in den alten Gang gekommen sein
wird: „Die vollständige Liquidierung des Moratoriums wird ein hartes
Stück Arbeit sein; es wird unmöglich der ganze Stock der am i. August
dieses Jahres vorhanden gewesenen Forderungen am nämlichen Tage
oder auch nur im selben Monat zahlbar werden können, und die Reihen-
folge gerecht zu bestimmen, ist ein Pensum, um das niemand zu be-
neiden ist."1)

Dies sagt der österreichische Justizminister Dr. Klein vom öster-
reichischen Moratorium. Für Frankreich kann der gleiche Gedanke
ausgesprochen Werden. Auch hier wird notwendig ein langsamer Abbau
erfolgen müssen, der in sorgsam ausgebauten und leicht gesteigerten
Anordnungen ohne schwere Erschütterungen das alte Recht auferstehen
läßt und das wirtschaftliche Arbeiten wieder in die geregelten Bahnen
des Friedens hinüberleitet.

II.	Die Notenbank.

Die Banquede France ist eine Schöpfung Napoleons I. Sie wurde
am 13. Februar 1800 gegründet und ist somit die älteste Notenbank.
Neben und vor ihr besaßen einige andere Banken, so u. a. die Caisse
d’Escompte de commerce, das Recht, Noten auszugeben, ohne irgend-
einer gesetzlichen Beschränkung unterworfen zu sein. Erst durch das
Gesetz vom 14. April 1803 wurde ihr das alleinige Notenemissions-
recht zugeteilt.

Schon bei der Errichtung hatte ihr Napoleon die Aufgabe gestellt,
dem Staate im Frieden und namentlich im Kriege eine zuverlässige
und willige Kreditgeberin zu sein: „IhrenZweck erfüllte sie gleich von
Anbeginn durch Anlegung ihres gesamten Aktien-Kapitals in franzö-
sischen Staatsschuldverschreibungen und durch Gewährung von Vor-
schüssen an den Staat bei jeder Erneuerung ihres Monopols, die sie
während dessen Dauer nicht zurückfordern und für die sie seit 1896
auch keine Zinsen nehmen darf."2). So lag die Finanzierung der napo-
leonischen Kriege auf ihren Schultern, sie hat später dem Staate und der
nationalen Verteidigung von 1870/71 — unter der Regierung von A. Thiers
— Dienste erwiesen, die ihr nicht vergessen werden können. Die fran-
zösische Regierung, ob Kaiserreich oder Republik, rechnete immer auf
ihre tatkräftige Hilfe im Falle eines Krieges. Durch eine Reihe von
Verträgen wurden die Grenzen der Hilfsleistungen näher bestimmt,
und vor allem die Höhe der zu leistenden Vorschüsse festgesetzt.

Seit langen Jahren betreibt die Notenbank daher in erster Linie,
gemäß ihrer traditionellen Bestimmung als Kriegsbank, in Verbindung
mit dem Staate die finanzielle Kriegsrüstung. Das Ziel war: Anschaffung
und Erhaltung eines höchstmöglichen Goldbestandes. Von ihm hängt
das Vertrauen zu den ausgegebenen Banknoten ab und nur durch einen

1)	Siehe Bank-Archiv 15. Okt. 1914, XIV. Jahrg., xo. 2. S. 27.

2)	Koppe, H., Jahrb. f. Nat. u. Statistik Bd. 106, 1916, S. 724!
        <pb n="34" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

17

sehr starken Geldvorrat — andererseits auch durch ein gutes Wechsel-
portefeuille — wird der öffentliche Kredit der Zentralbank gestützt.

Für die Bank von Frankreich ist die Lösung dieses ebenso wichtigen
wie schweren Problems eine der ersten Fragen gewesen. Natürliche
Verbindungen und ein sorgsam ausgearbeitetes, eigener Politik ent-
sprungenes System haben ihr die Lösung der Aufgabe wesentlich er-
leichtert.

Frankreich vermag dank seiner guten geographischen Lage und
seines überaus fruchtbaren Bodens so viel Naturprodukte und Kapita-
lien auszuführen, daß seine Zahlungsbilanz ständig aktiv ist, obwohl
die Handelsbilanz mit Passivsalden abschließt. Hierdurch vermag
Frankreich Gold aus dem Auslande in das Inland zu ziehen.

Im Inlande selbst saugt die Bank durch ihre scharf ausgebildete
und durchdachte Goldpolitik das gelbe Metall in großen Summen an
sich. Der Geldvorrat im Lande wird auf 6—7 Milliarden Frcs. geschätzt1),
von dem die Notenbank allmählich beträchtliche Summen in ihre Keller
geleitet hat. Durch diese Zuflüsse aus den beiden Richtungen stieg
der Goldschatz der Notenbank von Jahr zu Jahr in beträchtlichem Maße.
Einige wenige Zahlen zeigen diese Entwicklung deutlich an (in Mill. Frcs.):

Goldbewegung der Notenbank
von 1880—1913.

Jahr  31. Dezember	Goldbestand
1881	605,00
I89O	1256,00
1900	2103,00
1905	2855,00
1908	3052,00
1909	3630,00
1910	3400,00
I9II	3206,00
1912	3239,00
1913	3343.0°

Den einmal angesammelten Bestand hält die Bank aber auch fest.
Diskont- und Goldprämienpolitik sind die beiden Werkzeuge, deren
Slch die Bank von Frankreich zu bedienen verstand, um vor unerwünsch-
ten Goldentziehungen bewahrt zu bleiben.

Sie diskontiert nur Wechsel mit 3 Unterschriften. Da die Handel-
nd Gewerbetreibenden selten in der Lage sind, Wechsel gemäß den
gestellten Anforderungen vorlegen zu können, so müssen sie sich vor-
nehmlich an die Privatbanken wenden, die ihrerseits nur 2 Unterschriften
fordern. Auf diese Weise hält die Notenbank große Wechselsummen
von sich fern. Die hiermit verbundene geringe Inanspruchnahme und

J Raphael Georges Levy schätzt den Geldvorrat Frankreichs auf 6 bis
Milliarden Frcs. (L'Economiste Franpais 29. Mai 1915, Nr. 22, S. 694).

Respondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

2
        <pb n="35" />
        ﻿i8

Erwin Respondek,

die erhöhte Sicherheit durch eine vorsichtige Auswahl des diskontierten
Wechselmaterials hat einmal einen niedrigen Diskont zur Folge und
gleichzeitig eine verminderte Notenemission. Hierdurch steigt der Metall-
bestand prozentual höher als die Notenausgabe und es wird damit ein
relativ günstiger Deckungskoeffizient erzielt. Die Zentralnotenbank
verfügt Weiterhin mit Hilfe einer gesetzlichen Bestimmung nach ihrem
Gutdünken über den Goldfonds. Ihre silbernen 5 Frankenstücke sind
gesetzliches Zahlungsmittel. Hierdurch wird wohl die reine Goldwährung
verwischt und dem französischen Geldsystem das Zeichen der „hinkenden
Goldwährung“ aufgeprägt, aber die Notenbank ist durch die als gesetz-
liches Zahlungsmittel bestimmten Silbermünzen in der Lage, die Ein-
lösung ihrer Noten in Gold von der Zahlung einer beliebig hohen Prämie
abhängig zu machen.

Diese Hilfsmittel haben eine fortlaufende Steigerung und dann
eine gesicherte Erhaltung des Goldbestandes bewirkt. Mit einem statt-
lichen Goldschatz von 4141,3 Mill. Frcs. konnte die Notenbank in diesen
Weltkrieg eintreten.

Weniger rasch stieg der Wechselbestand. Er zeigt nach dem An-
nuaire statistique de la France in den letzten Jahrzehnten die folgende
Bewegung (in Millionen Frcs.):

Wechselbestand von 1870 bis 1913.

Jahr	Wechselbestand  Durchschnittszahlen
1870	738,00
1880	758,00
1890	670,00
1900	875,00
1910	977,00
I9II	1204,00
1912	1333.00
1913	1526,00

Die geringe Bedeutung der Notenbank für die Finanzierung des
heimischen Handels und die verschiedenen Wirtschafts- und Gewerbe-
zweige gelangt noch schärfer zum Ausdruck, wenn die Summen der
von den vier führenden französischen Kreditinstituten Credit Lyon-
nais, Comptoir National, Society generale, Credit Industriel diskon-
tierten Wechsel mit den obigen Ziffern in gleiche Linie gestellt werden.
Nach den Zusammenstellungen von Sven Helander1) ergibt
sich dann das folgende Bild [s. S. 19] (in Mill. Frcs.);

Den Bewegungen des Gold- und Wechselbestandes schloß sich
die Notenemission an. Auch sie zeigt, wie die Wechseldiskontierung,
keine auffallend schnelle Steigerung. Anschließend an die bereits ge-

Siehe Helander, Sven, Das Zuriickgeheu der Bedeutung der Zentraluoten-
bankeu (Jahrb. f. Nat. u. Statistik 1912, III. F., 44. Bd., S. 183).
        <pb n="36" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

19

Vergleich der Wechselbestände bei Notenbank
und Kreditbanken.

Jahr	Wechselbestand		Verhältnis-  zahlen
	Notenbank	Kreditbanken	
1880	759,°°	316,00	100 : 240
1885	784,00	558,oo	100 : 141
1890	670,00	822,00	82 : 100
1895	544,00	935,oo	58 : 100
IpOO	875,00	1497,00	58 : 100
1905	641,00	2154,00	30 : 100
1908	1079,00	2745,00	38 : xoo
1909	762,00	3094,00	25 : 100
IQIO	991,00	3156,00	35 : 100

gebenen Daten sind für den Notenumlauf die nachstehenden Ziffern
zu vermerken (in Mill. Frcs):

Bewegung des Notenumlaufs von 1870—1913.

Jahr	Notenumlauf	Bestand an	
	J ahresdurchschnitt	Wechsel	Gold
1870	1544,00	738,00		
1880	2305,00	759,00	605,00 (188]
1890	3060,00	670,00	1256,00
1900	4034,00	875,00	2103,00
1905	4408,00	641,00	2855,00
1910	5197,00	991,00	3400,00
I9II	5243,oo	1204,00	3206,00
1912	5323,00	*333&gt;oo	3239,00
1913	5665,00	r526,oo	3343,00

Dieses Bild bietet die Bank von Frankreich in der jüngeren Zeit
ihrer Geschichte. Werden die Einwirkungen auf ihren Status bis zu
den letzten Wochen vor Kriegsausbruch weiter verfolgt, sollen aus
ihrer letzten Wochenbilanz gleichsam die innere Kraft und der Grad
ihrer finanziellen Kriegsrüstung herausgelesen werden, dann dürfte
der Ausweis vom 24. Juli 1914 hierfür den erwünschten Maßstab geben.
Einem Goldschätze von 4 104 Mill. Frcs. stand ein Notenumlauf von
nur 5911 Mill. Frcs. (der Silberbestand war 625 Mill. Frcs. hoch) gegen-
über, d. h. also eine prozentuale Deckung der Noten durch Gold in Höhe
Von 59-9%- Und der Wechselbestand erreichte etwas über 1500 Mill.
Eres., die Vorschüsse an Staat und Private waren rund 700 Mill. Frcs., denen
auf der Passivseite gegen 1300 Mill. Frcs. Depositen-Einlagen das Gegen-
gewicht hielten1).

l) (In Mill. Frcs.):	Depositen

Wechselbestand . . . 154*,00	Staat . . . 401,00

Vorschüsse . . . . • 739.°°	Private . . 943,00

2280,00

1344,00
        <pb n="37" />
        ﻿20

Erwin Respondek,

Nach den Gesetzen der Bankliquidität zu urteilen, ist somit der
Gesamt-Status als durchaus fest anzusprechen, und der große Gold-
bestand ermöglicht eine gewisse Elastizität in der Notenemission. Das
Notenkontingent selbst stellt hier kein Hindernis dar, da es durch einen
einfachen gesetzlichen Akt aus dem Wege geräumt oder wenigstens
verkleinert werden kann.

Auf dieser Grundlage ruhte die Bank von Frankreich als sie durch
den Krieg vor die ihr gewohnheitsmäßig zugedachten finanziellen Kriegs-
arbeiten gestellt wurde.

Eine Zentralnotenbank hat nach den Ansichten einer Richtung
der Banktheoretiker1) im Kriege drei Hauptaufgaben zu erfüllen. Sie hat

1.	die Mittel zur Kriegführung vorzustrecken bis eine Kriegs-
anleihe auf legbar ist,

2.	Ersatzgelder für das thesaurierte Geld zu schaffen und das mög-
licherweise wankende Kreditgebäude zu stützen,

3.	die Währung vor Entwertung zu schützen und zu stabilisieren.

Es ist nun für eine Notenbank nicht schwer, die beiden ersten Auf-
gaben mit Hilfe ihrer Noten zu lösen und allen Anforderungen der fi-
nanziellen Kriegführung, des Geldumlaufs und des Kreditverkehrs
zu genügen. Sie wird zur Ausgabe von Noten ermächtigt und erwirbt
sich durch ihre allseitige, segensreiche Hilfe Dank und Lobsprüche.
In der Aufrechterhaltung der heimischen Valuta dagegen wirken andere
Faktoren regelnd mit und sie können bisweilen zu einem Hindernis
bei der Ausübung der ersten Arbeiten werden.

Als sich die Bank von Frankreich unmittelbar nach Kriegsausbruch
in den Dienst des Staates stellte und ihre Aufgaben als Kriegsbank
für Staat und Privatwirtschaft auf dem Wege der uneingeschränkten
Notenemission zu lösen suchte, war es klar, daß sie diese schwierigen
und wichtigen Arbeiten ohne irgendwelche Erleichterungen und Er-
weiterungen ihrer bankgesetzlichen Bestimmungen und Statuten nicht
würde leisten können.

Besondere gesetzliche Maßnahmen mußten ihr das letzte Rüstzeug
für die neue Arbeit geben. Durch das Finanz-Gesetz vom 4. August
1914 erhielt die Notenbank die ersten notwendig erscheinenden Werk-
zeuge.

Am 29. Dezember 1911 wurde die Grenze, bis zu der die Bank von
Frankreich ihre Noten ausgeben durfte, auf 6800 Mill. Frcs. festgesetzt.
Das Finanzgesetz vom 4. August 1914 erhöhte das Notenkontingent
auf 12 000 Mill. Frcs.

Für das französische Zentralnoteninstitut bestehen keinerlei Vor-
schriften über die Deckung ihrer umlaufenden Noten in Metall oder Gold.
Ob und wie sie gedeckt werden, ist also dem Ermessen der Notenbank-
verwaltung überlassen. Daher kann das Notenkontingent durch den

x) P1 e n g e, J., Von der Diskontpolitik zur Herrschaft über den Geldmarkt. Berlin
1913. — Rießer, J., Finanzielle Kriegsrüstung und Kriegführung. Jena 1913. —
Lansburgh, A., Die Bank 1914/15. Berlin.
        <pb n="38" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

21

Staat ohne irgendwelche äußere gesetzliche Bedenken immer mehr
erweitert werden.

Ein zweiter Artikel des Gesetzes vom 4. August 1914 bestimmt:

„Bis durch ein Gesetz etwas anderes verfügt wird, ist die Bank von
Frankreich von der Verpflichtung, ihre Noten in Metall einzulösen,
befreit.“

Ihre Noten, die seit August 1875 mit gesetzlicher Zahlungskraft
ausgestattet waren, erhalten somit den Zwangskurs.

Schließlich wird die Notenbank ermächtigt, die Veröffentlichung
ihrer Wochenausweise einzustellen.

Diese Maßnahme, die erstaunlicherweise mit den Worten begründet
Wurde: „Bei den gegenwärtigen Zuständen können die Unterlagen nicht
rechtzeitig beschafft werden“, erregte im eigenen Lande und in den
anderen Staaten weitgehendes Befremden und Bedenken. Sie wird wohl
in der Geschichte der französischen Notenbank einen wunden Punkt
darstellen. Natürlich hat diese Scheu der Bank, die Entwicklung ihrer
Lage öffentlich bekannt zu geben und damit der freien Kritik zu unter-
werfen, wenig Nutzen, dafür aber viele Andichtungen gebracht. Aus ihrer
Verheimlichungstaktik wurden Schlüsse gezogen, die dem Rufe und An-
sehen der Notenbank mehr Schaden gebracht haben dürften, als es die
ungünstigsten Ziffern der Wochenausweise vermocht hätten. Sowohl
im Inlande als im Auslande — vor allem suchte in der ersten Kriegs-
psychose die feindliche Presse durch irrige willkürlich oder einseitig
abgefaßte Abhandlungen die Notenbank als schwach und hilflos erschei-
nen zu lassen, um auch auf finanziellem Gebiete Frankreich so schnell
nnd leicht zu schlagen, wie die deutschen Truppen in den ersten Kriegs-
lagen das französische Heer besiegten — war bald die Ansicht verbreitet,
daß die Notenbank die wildeste Ässignatenwirtschaft treibt.

Durch das tiefe Schweigen, das die Notenbank seit dem Tage der
letzten Bilanzveröffentlichung, dem 31. Juli 1914, auszeichnete, drangen
keine Ziffern oder Angaben anderer Art nach außen, mit deren Hilfe
Wgendwelche Schlüsse über die ersten Einflüsse des Kriegssturmes auf
die Bank hätten gezogen werden können. Erst Anfang Oktober hat
der Finanzminister Ri bot einige wichtige Angaben über die Bankbilanz
v°m 1. Oktober 1914 in der Kammer bekannt gegeben. Er hat dann
Weiterhin in einzelnen Kammersitzungen den Stand der Bankbilanz
vom 15. Oktober sowie vom 10. und 24. Dezember 1914 dargelegt,
die in der Wochenausweis-Aufstellung verzeichnet sind1).

Vom 28. Januar 1915 ab nahm die Notenbank die regelmäßigen
Veröffentlichungen ihrer Ausweise wieder auf.

Wie die vom Finanzrainister bekanntgegebenen Ziffern zeigen,
War die Lage der Bank einige Monate nach Kriegsausbruch noch durchaus
solvent. So kann man die Dekretierung des Zwangskurses, der den
Übergang von der Kreditwirtschaft mit einlösbarer Banknote zur Wirt-
schaft mit uneinlösbarem Papiergelde vollzieht, als auch die Einstellung

) Vgl. die Übersicht in den Wochenausweisen. Tab. I.
        <pb n="39" />
        ﻿22

Erwin Respondek,

der Ausweise nicht allein der Bank belasten, sondern gleichzeitig dem
durch die politische Lage geschaffenen voraussichtlich hohen Geldbedarf
des Staates und der Fesselung des hohen Wechselbestandes durch das
gesetzliche Moratorium. Im Jahre 1870/71 stellte die Notenbank die
Einlösung ihrer Noten und die Bekanntgabe ihrer Wochenausweise
gleichfalls und aus denselben Gründen ein. Der letzte Bankbericht
erschien am 9. September 1870 und der neue erst am 6. Juli 18711).

Es ist ebenso bezeichnend wie interessant, daß genau der gleiche
Vorgang und begleitet durch dieselben Motive sich schon einmal abspielte,
eben im Jahre 1870. Auch damals wurde die Bank durch ihre Bestim-
mung, als erste Geldquelle des kriegführenden Staates zu dienen, in die
dargelegte Richtung gedrängt, obwohl sie kräftig genug war, ihren Ver-
pflichtungen als Notenbank vollauf zu genügen. Lachapelle sagt hier-
über wöxtlich: „Bei Ausbruch des Krieges von 1870 verfügte die Bank über
einen Barbestand von 1029 Mill. Frcs., durchaus hinreichend, um die
Zahlkraft ihrer Noten aufrecht zu erhalten, wenn nicht der Staat ihrer
Hilfe bedurft hätte und wenn die Wechsel ihres Portefeuilles am Verfall-
tage bezahlt worden wären2).“

Die beiden Fundamente — erhöhtes Notenkontingent, gesicherter
Goldbestand — verleihen der Notenbank die notwendige Kraft, um als
letzte Hilfsquelle für die Staatswirtschaft und Privatwirtschaft zu
dienen, und um den ihr von beiden Seiten gestellten Anforderungen
restlos zu genügen.

Und diese neue Grundlage, die der Notenbank durch die gesetz-
lichen Akte vom 4. August 1914 geschaffen wurde, erwies sich bald als
ein recht vorzüglicher und heilbringender Gedanke. Denn je tiefer der
Feind in das Land eindrang, desto tiefer versteckte natürlich der ängst-
liche Mann seine Kapitalien. Eine Kriegsanleihe war nicht auflegbar,
und die Notenbank mußte daher den Krieg zunächst vollkommen allein
finanzieren. Dies war ja selbstverständlich, da die Bank von Frankreich
dem Staate schon allein durch die Geschichte und die bereits erwähnten
Konventionen zur Leistung von Kriegsvorschüssen verpflichtet ist.
Von Bedeutung ist hier das Abkommen aus dem Jahre 1911. In der
am xi. November 1911 abgeschlossenen Konvention Wurde die Noten-
bank zu einem Vorschüsse von 2900 Mill. Frcs. verpflichtet. Dieses
Abkommen wurde nun am 4. August 1914 ratifiziert. Die V01 schüsse
mußten aber bereits am Anfang des Monats September dieser Höchst-
grenze bedenklich nahe gekommen sein, so daß eine neue Konvention
vom 21. September 1914 die Vorschußpflicht auf 3900 Mill. Frcs. erhöhte.

Ihr folgte eine weitere Erhöhung des Kontingents (am 21. Dezember
1914) auf 6000 Mill. Fies. Am 8. Mai 1915 wurde es wiederum hinauf-
gesetzt, und zwar auf 9000 Mill. Frcs. Die Erhöhungen des Vorschuß-
kontingents entsprachen den steigenden Darlehnsgewährungen an den
Staat. So erreichten die Vorschüsse vor den jeweiligen Terminen der

b A. Wagner, System der Zettelbankpolitik. S. 735.

") Lachapelle, Georges, Nos Finanoes pendant la guerre, Paris 1915, S. 227.
        <pb n="40" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

23

neuen Kontingente die folgende Höhe: am 10.Dezember 1914; 3600,00
Mül. Frcs., am 6. Mai 1915: 5400,00 Mül. Frcs.

Auch im 1870er Kriege wurde die Vorschußpflicht der Notenbank
allmählich und entsprechend den Bedürfnissen der Kriegsfinanzierung
in die Höhe gesetzt. Die Bank leistete am 18. Juli 1870: 50,00 Mül. Frcs.,
bereits einen Monat später, am 18. August, wiederum 50,00 Mül. Frcs., am
24. September 275,00 Mül. Frcs. und am 5. Dezember weitere 275,00 Mül.
Frcs.; am n. Januar 1871: 400,00 Mül. Frcs., der Commune 415,00Mül.
Frcs., 3. Juli 209,00 Mül. Frcs., 2. Januar 1872: 40,00 Mül. Frcs. und
einen ewigen Vorschuß von 60,00 Mül. Frcs. In der Zeit vom 18. Juli
1870 bis 2. Januar 1872 insgesamt 1530,00 Mül. Frcs.1),

Es war klar, daß die Notenbank bei der Zustimmung zu den neuen
Vorschuß-Verträgen auch an die Rückzahlung der von ihr geleisteten und
noch zu bewirkenden Vorschüsse denken mußte, im Hinblick auf ihre Noten-
emission und Liquidität. Wenn sie auch im Anfang zunächst ohne Ge-
fahr für ihren Kredit jene vom Staate geforderten Kriegsvorschüsse
zu leisten vermochte, so durfte sie dennoch nicht diese Hilfe ins Uferlose
ausdehnen, ohne wenigstens Bedenken zu hegen und sie dahin zu äußern,
ob der Staat ihr diese hohen Summen wird zurückzahlen können und
innerhalb welchen Zeitraumes. Der Zwangskurs ihrer Noten muß Wohl
möglicherweise bis zur Abdeckung der Staatsschuld beibehalten werden.
Das letztere kann aber vielleicht viele Jahre währen, je nach dem Grade
der Tilgungsquote und Geschwindigkeit der Rückzahlung aller an den
Staat geleisteten Vorschüsse. Daß der Staat die Amortisation seiner
Schulden nicht allzu schnell wird bewirken können, daiür sprechen das be-
deutsame Moment seiner starken finanziellen Schwächung durch den Krieg
und die gewaltigen Lasten sozialer und Wirtschaftlicher Art nach Friedens-
schluß. Schließlich legt der niedrige Debetzins von 1 % (in Wirklichkeit
V8 %, weil 1/8 als Abgabe vom Gewinnertrage an den Staat wieder zurück-
fließt) die Versuchung nahe, die Tilgung nach Möglichkeit hinauszu-
schieben. Es ist also nicht mehr als gerecht, wenn die Notenbank feste
Zusicherung von Rückzahlungsfristen forderte, als sie den Kontingents-
Erhöhungen zustimmte. Die Regierung lehnte diese Forderung jedoch
ab mit der Erklärung: „daß die Rückzahlungen erfolgen sollten, sobald
es möglich ist"1 2).

Diese Formel entspricht der Zusage des Staates, wie er sie der Noten-
bank im Jahre 1871 gab: „Der Staat wird seine Schuld gegen die
Bank aus seinen ersten Hilfsquellen zurückzahlen, was so viel bedeuten
will, als daß er sich befreien will, sobald er es tun kann." Nach Been-
digung des Krieges 1870/71 begann der Staat allmählich die Schuld
bei der Notenbank abzuzahlen und hatte sie im Jahre 1875 bis auf 300,00
Mül. Frcs. amortisiert, wonach die Notenbank ihre Barzahlungen wieder
aufnahm.

Es ist nun allerdings der Regierung nicht gut möglich, sich bereits

1)	Siehe Lachapelle, Georges, a. a. 0. S. 228—230-

2)	Bank von Frankreich, Geschäftsbericht rgr4, S. 29.
        <pb n="41" />
        ﻿24

Erwin Respondek,

heute in ein festes Amortisationsschema einzulassen, wie sie es vielleicht
bei Anleihen einhalten müßte. Sie kennt ihre finanzielle Lage nach
Friedensschluß nicht und ist auch in völliger Unkenntnis darüber, welche
außergewöhnlichen Quellen nach dem Kriege zu ihrer Verfügung stehen
werden. Sie muß die Ereignisse des Krieges und seine Folgen erst abwarten.
Um aber über das Rückzahlungsversprechen hinaus der Notenbank
ein konkretes Unterpfand zu geben und damit gleichsam die bankpoli-
tischen und staatsfinanziellen Gegensätze zu überbrücken, verpflichtete
sich der Staat, bei Abschluß der neuen Vorschußverträge die bestehende
Schuld ein Jahr nach Kriegsende mit 3 % zu verzinsen. Hiervon sind
2 % an einen Amortisationsfonds abzuführen, der behufs Abzahlung
der Staatsschuld an die Bank zu bilden ist. Vorher sollen aber aus diesem
Fond die Verluste gedeckt werden, die der Bank aus Wechseln erwachsen,
die infolge des Wechselmoratoriums notleidend werden sollten.

Die direkten Vorschüsse an den Staat weisen, wie die Aufstellung
zeigt1), eine stetig steigende Tendenz auf. Sie waren am:

1. Oktober	1914.......2100	Mxll.	Frcs.

1. August	1915.......6500	„	„

1. Oktober	1915.......7100	„	„

1. August	19x6.......8500	„	„

Diese Vorschüsse wurden allein durch eine entsprechende Noten-
emission durchgeführt. Dies blieb auch keinesfalls ohne schädliche
Einwirkungen auf die Währung. In dem Abschnitte „Währung“ wird
dieses Moment eine eingehende und kritische Betrachtung finden.

Die oben ausgeführte direkte Inanspruchnahme der Zentralbank zur
Finanzierung des Krieges ist nicht ihre einzige Hilfe und nicht ihr einziges
Verdienst gegenüber dem Staate. Ihre tatkräftigen Hilfsaktionen bei
den Anleihedurchführungen des Staates im Inland und Ausland, die
indirekten Vorschüsse an die verbündeten und befreundeten Staaten
bilden gleichfalls eine nicht zu unterschätzende Hilfe. Sie sollen später
näher ausgeführt werden.

Als in den letzten Tagen des Juli 1914 die Möglichkeit eines Kriegs-
ausbruches erörtert wurde, stürmten die Depositen-Gläubiger zu den
Kredit-Banken, um dort ihre Einlagen zurückzufordern. Alles wurde
mitgerissen und die furchterfüllten Übertreibungen der kommenden
ungewissen Zeiten riefen in den Kreisen der Bankgläubiger eine Panik
hervor. Viele unter ihnen erinnerten sich der Vorgänge des letzten Krieges
im Jahre 1870/71 und befürchteten eine neue Belagerung von Paris.
Sie verbreiteten rasch ihre damaligen schmerzlichen Erfahrungen: Kapital
und Einkünfte waren damals unerreichbar. Dies glaubten sie auch jetzt
annehmen zu können. Die Privatbanken versuchten zunächst, den An-
stürmenden Befriedigung zu gewähren. Sie konnten ihre Zahlungs-
pflichten nur dann erfüllen, wenn sie den ihnen vorgezeichneten legi-
timen Weg beschritten: die Rediskontierung ihres Wechselportefeuilles
bei der Notenbank. Diese Rediskontierungen seitens der Kreditbanken

x) Vgl. Tabelle I.
        <pb n="42" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

25

und zum Teil auch von Privaten nahmen daher bald, rein quantitativ
betrachtet, einen derartigen Umfang an, daß die Notenbank ein Spezial-
bureau für Wechseldiskontierungen einrichten mußte, um ohne Zeitver-
luste arbeiten zu können. Das Wechselportefeuille der Bank von Frank-
reich verdoppelte sich in der Zeit vom 27. Juli bis 1. August 1914, und
nach 6 Tagen, vom 27. Juli ab gerechnet, stieg es von 1583 auf 3041 Mill.
Pres.1). In den Tagen der gespanntesten Krisenstimmung, in der Zeit
vom 25. Juli bis zum 2. August schnellte der Bestand an diskontierten
Wechseln beträchtlich von Tag zu Tag empor. Privatbanken und Private
reichten die dicksten Bündel zum Rediskont ein. Über die Bewegung
des Wechselbestandes in dieser interessantesten Periode geben die nach-
stehenden Zahlen* 2) recht beachtenswerten Aufschluß (in Mill. Frcs.):

W e c h s e 1 e i n r e i c h u n g e n in der Krisenzeit vom 25. Juli
bis zum 2. August 1914.

Datum	Wechselbestand	Zu- oder Abnahme
25- Juli ....	1554,0°		
2 7- Juli ....	1583,00	+ 29,00
28. Juli ....	1682,00	+	99&gt;oo
29. Juli ....	1937,00	+ 255,oo
30. Juli ....	2444.00	+ 507,00
31. Juli ....	2890,00	+ 346,00
1. August . .	3041,00	+ 151,00
2. August . .	3426,00	+ 385,00

Diese Aufstellung zeigt deutlich den starken Andrang. Es war zu
befürchten, daß auf dem Wege über die Notenbank die Depositengläubiger
’bre Banken von den Aktiven zu stark entblößen und auf der anderen
beite die Notenbank zu stark belasten würden. Die Banken stellten
daher ihre bankmäßigen Operationen ein, als die Bank von Frankreich
die Rediskontierung weiterer Wechsel verweigerte. Es ist nicht zu ver-
werfen, daß die Notenbank ihre schützende Hand von den großen Kredit-
instituten zurückzog. Denn ein erheblicher Teil der von den Bankgläu-
bigern abgehobenen Summen blieb untätig in ihren Händen, statt sie
wieder in denVerkehr zu gelangen und die nationale Arbeit zu befruchten.
Üie Privat-Banken stellten schließlich überhaupt die Diskontierung von
Wechseln ein und so wurden die gesamten Kreditoperationen an die
Bank von Frankreich verwiesen, die nunmehr nach ihrem Gutdünken
eine den jeweiligen Zeitlagen entsprechende Kreditpolitik treiben konnte.

Handel- und Gewerbestände, Landwirtschaft und Industrie, sowie
der Privatmann stellten jetzt ihre hohen Kreditwünsche direkt an die
Notenbank. Der geschilderte erste starke Andrang hatte die Notenbank
gezwungen, ihren Diskont von 3% % (seit dem 29. Januar 1914) am
30. Juli 1914 auf 4 % und bereits am 1. August auf 6 % zu erhöhen.

b Bank von Frankreich. Geschäftsbericht 1914, S. 7.

2) Lachapelle, Georges, a. a. O. S. 234.
        <pb n="43" />
        ﻿26

Erwin Respondek,

Nachdem aber ruhige Überlegung Platz gegriffen hatte, die ängstliche
Geschäftswelt, durch das Moratorium von ihren Zahlungssorgen ent-
hoben, mit ihren Geldforderungen an die Notenbank verwiesen wurde,
konnte die Zentralbank unter dem Schutze dieses Moratoriums ihre
offizielle Bankrate am 20. August 1914 auf 5 % ermäßigen.

Ein Diskontsatz von 5 % war für den öffentlichen Verkehr in der
ersten Zeit vollkommener Kreditstockung und später erschwerter Kredit-
beschaffung eine höchst willkommene Hilfe. Aber die Notenbank ging
jetzt noch weiter und schuf zunächst der Handelswelt Erleichterungen
für Geschäfte, die nach dem 4. August eingegangen wurden, indem sie
zu ihrem Satze Wechsel, die während des Krieges aus geschäftlichen
Transaktionen entstanden, auch ohne Akzept diskontierte. Erteilte
Vorschüsse auf Wertpapiere an Industrielle, Kaufleute und Gewerbe-
treibende, wurden von ihrer Seite nicht gekündigt. Sie forderte jedoch
auf die außenstehenden Lombarddarlehen verstärkte Einschüsse durch
lombardfähige französische Wertpapiere. Zu diesen zählen: französische
Staats- und vom Staate garantierte Werte, französische Kommunal-
und Credit-Foncier-Obligationen. Diese letzte Maßnahme wurde der
Bank als eine unnütze Härte gegen ihren alten Kundenkreis ausgelegt.
Die Vorwürfe einiger anscheinend unzufriedener Industrieller verstiegen
sich sogar zu dem Urteile, daß das Verhalten der Notenbank in einer
Zeit, wo auf ihren Kredit Handel und Verkehr erst recht bauen müßten,
rigoros sei1). Aber vollkommen zu Unrecht! Die Bank von Frankreich
verfolgte zweifellos mit dieser Verfügung keineswegs das Ziel, ihre Kunden
in Bedrängnis zu bringen, die beiden Parteien nur Schaden bringen
könnte. Vielmehr ist die Sicherung und Rückdeckung der Notenbank
nur als eine Vorsichtsmaßregel anzusehen gegen etwaige Ausfälle, die
infolge zu starker Entwertung der als Lombardpfänder dienenden Effekten
jederzeit leicht eintreten könnten. Sie ist als solche durchaus zu billigen.

Der Privatmann — alte und auch neue Kunden — kann die Noten-
bank bis zu 5000,00 Frcs., nach einer ergänzenden Bestimmung vom
24. November 1914 bis zu 10 000,00 Frcs., gegen Hinterlegung erst-
klassiger französischer Werte in Anspruch nehmen.

Die Börsenspekulation erhielt Vorschüsse auf ihre Reportengage-
ments auf Grund eines besonderen Abkommens von Notenbank und
Syndikat der offiziellen Wechselmakler. Die Bank diskontiert dem
Syndikat Wechsel bis zu einer Maximalgrenze von 200,00 Mill. Frcs.
Die Wechsel — es sind Solawechsel — dürfen eine höchstens dreimonat-
liche Laufzeit haben, und die Wechselsumme darf 200 000,00 Frcs.
nicht übersteigen. Zwei Wechselmakler haften mit ihrer Unterschrift.
Gleichzeitig müssen aber als weitere Sicherheit für jeden Wechsel in Höhe
der Wechselsumme Effekten hinterlegt werden. Die Beleihungsgrenzen
der einzelnen Wertpapiergruppen sind nach ihrer Qualität festgesetzt
und auf die Kursnotierungen der Pariser Börse vom 30. Juni bzw. 15. Juli

9 L’Economiste Frai^ais: Zuschriften 1914/15.
        <pb n="44" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

27

1914 gestellt. Dienen Staatspapiere und Bankaktien als Sicherheit,
so werden sie zum Liquidationskurse vom 30. Juni, andere Wertpapiere
zum Mediokurse Juli 1914 bis zu 40 % ihres Kurswertes angenommen.

Eine ausführlichere Darstellung dieser Hilfe und ihre Bedeutung
für die Pariser Börse wird in dem Kapitel „Pariser Börse“ dargelegt.

Alle nur möglichen Erleichterungen gewährte die Notenbank denen,
die ihre Zahlungen aus geschäftlichem Verkehre auf bargeldlosem Wege,
also durch Giroüberweisungen, Schecks und Anweisungen bewirken
wollen. Von Konto zu Konto innerhalb der eigenen Bankstelle, dann
unter den einzelnen Bankplätzen werden die Übertragungen beschleunigt
und verbilligt. Gutschriften durch Schecks, Eingänge aus Wechseln
und alle anderen bankmäßigen Transaktionen, die eine Bewegung von
barem Gelde erfordern, werden bereitwilligst von der Notenbank über
ihr Gironetz geleitet. Natürlich propagierte die Bank von Frankreich
den kontenmäßigen Zahlungsausgleich und erbot sich zur leichten und
billigen Kassenhaltung, da sie vor allem eine Verminderung der Benutzung
von Noten für größere Zahlungen und damit eine relativ höhere Deckung
der Noten durch den Goldbestand erhoffen konnte.

Die im Lande gut verteilten und zahlreichen Bankplätze1) gewähren
unter Leitung der Zentrale eine planmäßige und durchgreifende Hilfe.
In einem Rundschreiben vom 24. November 1914 erteilt der Gouverneur,
G. P a 11 a i n , den Bankleitern Weisung, sich in der Kreditgewährung
den lokalen Verhältnissen anzupassen, um das darniederliegende Wirt-
schaftsleben wieder zu heben. Unter Aufrechterhaltung weitgehender
und aufmerksamer Kontrolle autorisiert er sie, auch dem Vertrauen,
das die einzelnen Unternehmer verdienen, Rechnung zu tragen. Hier-
durch wird dem einzelnen Leiter eine größere Freiheit in der Schätzung
und Beurteilung der Kreditwürdigkeit des kreditbedürftigen Geschäfts-
mannes gelassen, mit dem er oft durch persönliche Beziehungen vertraut ist.

Durch die Moratorien ist die wirtschaftliche Arbeit nach vielen
Richtungen hin stark beengt, und es war daher nur angebracht, ihr durch
eine erhöhte Diskont- und Lombardtätigkeit mehr Lebhaftigkeit zu-
zuführen. Die Vorschüsse, die dem Verkehr gewährt werden, sind dop-
pelter Natur. Die einen betreffen die Geschäftswelt, die anderen die
Privaten. Es ist bereits angeführt, daß das Limit der Kredithilfe für
den Privatmann von 5000,00 Frcs. auf 10 000,00 Frcs. erweitert wurde.
Dagegen hat die Notenbank aus naheliegenden Gründen den Kreis

h Nach dem Geschäftsbericht der Notenbank 1914, S. 30 und 1915, S. 62 besaß die
Bank von Frankreich:

1 Bankzentrale
143 Filialen
75 Hilfsbnreaus
366 angeschlossene Bureaus
insgesamt 585 Bankanstalten.

Die Deutsche Reichsbank nach ihrem Verwaltungsbericht 1914, S. 23: Insgesamt
487 Bankanstalten.
        <pb n="45" />
        ﻿28

Erwin Respondek,

für die Kaufleute und Industriellen weiter gezogen. Sie finden für ihre
berechtigten Wünsche die denkbar geneigteste Berücksichtigung. So
leisteten die Bankanstalten Verzicht auf ein vorheriges Akzept oder
die Bankdomizilierung; Schecks, Wechsel werden auf das befreundete
Ausland zum Inkasso genommen, bis zum Eingang des Gegenwertes
diskontiert und auch kreditiert, Überweisungen von Konto zu Konto
zu den billigsten Gebühren vollzogen.

Durch diese vielseitigen Hilfsmaßnahmen hat die Notenbank den
Grund zu einer neuen gedeihlichen Entwicklung des Wirtschaftslebens
gegeben, auf dem für die nationale Verteidigung und Wohlfahrt des
Landes, soweit sie auf wirtschaftlichem Gebiete liegen, langsam weiter
gebaut werden kann.

Die Privatwirtschaft stellt aber nur geringe Anforderungen an die
Leihbereitschaft der Notenbank, obgleich ihr weitherziges Kreditange-
bot zu einer lebhafteren Inanspruchnahme geradezu einladet. Das Porte-
feuille der Handelswechsel weist demnach keine nennenswerten Ausschläge
nach unten oder oben auf und der Bestand an den während des Krieges
durch das Wirtschaftsleben erzeugten Wechseln übersteigt im Durch-
schnitt kaum 300 Mül. Frcs. Es steht außer Frage, daß das französische
Noteninstitut sämtliche Möglichkeiten versucht, alle Erleichterungen ge-
währt hat, um die Entwicklung des Wirtschaftslebens zu fördern und ihm
zur Lebhaftigkeit zu verhelfen. Aber wie schwach und langsam dieses
Wiederaufleben erfolgt, geht aus der Entwicklung des Wechselbestandes
hervor. Die Bank besaß im Portefeuille als Minimalbestand am 10.
Februar 1915; 213 Mül. Frcs., als Maximalsumme am 24. Dezember 1915
395 Mül. Frcs. Im Jahre 1916 war bis zum 3. August der niedrigste
Bestand 366,00 Mül. Frcs., der höchste 467,00 Mül. Frcs.

Dies bedeutet gegenüber den Ziffern der Friedenszeiten eine Ver-
minderung von durchschnittlich 1250—1500 Mül. Frcs.1). Es ist aber
zu berücksichtigen, daß ein sehr hoher Betrag von Moratoriumswechseln,
der seit Kriegsbeginn das Wechseiportefeuüle der Notenbank stark
belastete, rasch durch die Wirtschaftenden abgebaut wurde. Dieser
freiwillige Abbau erreichte in der Jahresepoche 1915;

24. Dezember 1914	.	.	.	3478,00	Mül.	Frcs.

23. Dezember 1915	.	.	.	r83g,oo	„	„

d. b. eine Höhe von . . 1639,00 Mül. Frcs.

In der Zeit vom

23. Dezember 1915	.	.	.	1839,00	Mül.	Frcs.

bis 3. August 1916	.	.	.	1438,00	„	„

__________ eine Höhe von................401,00 Mül. Frcs.

l) Nach den Wochenausweisen früherer Jahre war der durchschnittliche Wechsel-
bestand:	1911 .... 1200 Mül. Frcs.

1912	.... 1300 „	„

1913	.... 1500 „	„

Dagegen in den vorangehenden Jahren erheblich unter xooo Mül. Frcs.
        <pb n="46" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

29

Hierdurch wird also das sonst zu Geschäften verwendete Geld in eine
neue Richtung, nämlich zur Schuldentilgung gedrängt, und die laufende
Tätigkeit dadurch immerhin stark beeinträchtigt. Weiterhin regelt
die Geschäftswelt jetzt ihre Zahlungen im überwiegenden Maße durch
Barzahlungen.

Aus dem geringen Bestand der unverfallenen, regulären Wechsel
ist daher nur unter Beachtung der angeführten Momente der Schluß zu
ziehen, daß die französische Volkswirtschaft durch die Kriegsereignisse
schwer beeinträchtigt sein muß und nicht zur lebhaften Arbeit heran-
zuziehen ist. Das wirtschaftlich wichtige Gebiet des Westens ist zudem
in den Händen des Feindes und zum Teil durch kriegerische Einwirkungen
stark belastet, in den freien südlichen Gebieten mag vielleicht eine ge-
wisse Hoffnungslosigkeit jede Unternehmungslust lähmen, und daher
werden die eifrigen Bemühungen der Bank von Frankreich, hier eine
Wandlung zu schaffen, wohl auch künftighin von geringem Erfolge
begleitet sein.

Auch das Ausland erschöpft die Kraft der Notenbank. Die Bank von
Frankreich ist vor allem bemüht, den Zahlungsverpflichtungen Rußlands
zu Hilfe zu kommen und für ihre Ablösung Sorge zu tragen. Die Schwierig-
keiten, die sich bei dem Ausgleich aus dem gesunkenen Wechselkurse
ergeben, erfordern ein besonderes Abkommen, das mit der russischen
Staatsbank abgeschlossen wurde. Der Vertrag regelt die Ablösung
russischer Wechselverpflichtungen in Frankreich. Die französische Noten-
bank leistet der russischen Reichsbank einen Vorschuß von 500 Mill.
Frcs. zur teilweisen Einlösung der russischen Wechsel in Frankreich.
Fs sind dies Wechsel, die von russischen Waren- und Exportfirmen
gezogen und bei den Pariser Filialen der russischen Kreditbanken zahlbar
gestellt sind. Diese Tratten kamen nach Frankreich, wo sie durch den
Bomizilvermerk umlaufsfähig und von den russischen Bankfilialen
ln Paris bei den französischen Banken in Pension gegeben wurden. Auf
diese Weise haben die russischen Banken den Geschäftsverkehr ihrer
Kunden in Rußland im Gange gehalten und die hierfür verwandten
und festgelegten Kapitalien durch Pensionierung bei den französischen
Banken wieder flüssig gemacht!

Die von Rußland und anderen Staaten in Frankreich diskontierten
und lombardierten Tratten werden auf rund 1000 Mill. Frcs. geschätzt.
In dieser Summe sind die Pensionswechsel von Deutschland und Öster-
reich-Ungarn mit einbegriffen.

Beim Abbau der russischen Verpflichtungen werden die Privat-
banken entlastet. Die in Kriegszeiten beschwerlichen und unliquidier-
baren Pensionen übernimmt somit die Notenbank, die wiederum ihre
Rückdeckung durch die Garantie der russischen Reichsbank findet,
damit zwar kein bewegliches Aktivum in den Händen hat, aber unter
gewisser russischer Garantie der heimischen Wirtschaft eine Entlastung
brachte.

Den Zinsendienst Rußlands und der Verbündeten kleinen Staaten
        <pb n="47" />
        ﻿30

Erwin Respondek,

an Frankreich hält gleichfalls die Notenbank aufrecht; allerdings läuft
er für Rechnung des französischen Staates. Auch diese Hilfe bindet
jährlich beträchtliche Summen.

So steht die Notenbank vollkommen in dem Kreise der Erfüllung
ihrer ersten Aufgabe: Finanzierung der Staats- und Volkswirtschaft.
Sie hat das Bewußtsein, seit Beginn der Krise alles getan zu haben,
um die Gefahren eines Zusammenbruchs der staatlichen und privaten
Kreditwirtschaft abzuwenden, obgleich ihre Arbeit von keiner Seite
unterstützt wurde. Die Notenbank darf aber nicht nur an die Gegen-
wart denken. Auch in der Zukunft warten ihrer große Aufgaben. Diese
Voraussicht ist stets mitbestimmend für die Entscheidung von Maß-
regeln gewesen, die von der Notenbank getroffen wurden und in den
Fragen der Kreditgewährung weiterhin vorherrschen muß. Sie allein
leitet die Bank sicher und gut in die Zukunft hinein, da sie jetzt Staat
und Wirtschaft Subsidien zu liefern hat, aber dann, im zukünftigen
Frieden, die schweren Schäden des Wirtschaftskrieges auszubessern
haben wird. Der Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Land-
striche, die Restauration der Eisen- und Kohlenbezirke, die Auffüllung
der Fabriken mit Arbeitsmaterialien und vieles andere mehr sind für
das Land von größter Bedeutung, da die Aktivität der Industrie, des
Handels und der Landwirtschaft in hohem Maße zum natürlichen Reich-
tum Frankreichs beizutragen haben werden, um die tiefen Wunden
des Krieges wieder zu heilen.

Der Krieg erzeugt im Reiche des Geldes eigenartige und bemerkens-
werte Erscheinungen, welche die Lösung der zweiten Hauptaufgabe
der Notenbank: die Regelung der Geldzirkulation
in einer für den öffentlichen Verkehr zufriedenstellenden Weise, in hohem
Grade erschweren.

Die Regierung hat einen riesigen Bedarf an kleinen Geldabschnitten,
vor allem an Hartgeld, um das Heer entlöhnen zu können. Die ausziehen-
den Soldaten selbst nehmen einen eisernen Kassenbestand aus der Heimat
mit ins Feld. Das Entscheidende ist aber die Thesaurierung von Geld-
stücken durch die Bevölkerung. Ungewißheit über die gesamte Entwick-
lung des bevorstehenden Krieges, die Furcht vor schweren Katastrophen
und Sorge um das eigene Wohl führen zu dem Streben, die eigenen
Barbestände zu erhöhen. Zunächst schwand das Vertrauen zur Note
und alles stürzte sich auf die noch erreichbaren Mengen von Hartgeld.
Nach Ansicht dieser kleinen, ängstlichen Leute hat aber nicht nur Gold
und Silber in einem Kriege alleinigen, realen Wert, sondern auch die
Nickel- und Kupfermünzen sind sicherer als Papier. Diese vorsorgliche
Ansammlung von Münzen ging weit über die gewohnten Barbestände
hinaus und wurde fast von allen kleineren und größeren Hauswirtschaften
getroffen. Es dürfen schließlich nicht die Geldwechsler und Hartgeld-
spekulanten vergessen werden, die mit den thesaurierten Mengen zurück-
halten, um sie in späterer Zeit unter der Hand mit Vorteil abgeben zu
können. So ist es verständlich, daß das Hartgeld aus dem Verkehr wie
        <pb n="48" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

31

Mit einem Schlage vollkommen verschwand, eine Erscheinung, die auch
in den anderen Staaten zu bemerken war. In Gold entwickelte sich
bereits ein Agio, das nach französischen Zeitungen Ultimo Juli 1—1 y2 %
betragen hatte.

Die Notenbank mußte diesen unerfreulichen Erscheinungen ent-
gegentreten. Sie war für den berechtigten Bedarf des Heeres wohl ge-
rüstet und auch für die Thesaurierung vorbereitet. Dem Streben nach
Hartgeld konnte die Bank bereitwilligst entgegenkommen, indem sie
dem Verkehr ihren Silberbestand zur Verfügung stellte. In kurzer Zeit
setzte die Bank die Hälfte ihres Silberbestandes ab. Dieser war am
24. Juli........................... 639)6 Mill. Frcs.

1. Oktober . . . 319,0	„	„

320,6 Mill. Frcs.

Vor dem Kriege war der hohe Silberbestand fest bei der Notenbank
verankert, da das silberne Geldstück nur ungern in Zahlung genommen
und von jedem baldmöglichst wieder abgestoßen wurde. Nunmehr konnte
das stürmische Verlangen nach Silber nicht schnell genug befriedigt
werden und es wurde nur zu gern festgehalten.

Die Thesaurierung fand keinen Stillstand. In Ermangelung des
Hartgeldes wandte sich das Volk bald den Noten zu und erfreute sich
auch hier an einer ausgedehnten Schatzanhäufung. Über die Summen,
welche die tausenden Einzelwirtschaften aufgespeichert haben sollen,
sind teilweise recht übertriebene Schätzungen gemacht worden. Wenn
von ihnen ein Mittelwert gezogen werden darf, so ist die Summe von
rund 5 Milliarden Gold, Silber und Noten nicht zu hoch gegriffen. Lans-
b u r g h nimmt für die Gold- und Silberthesaurierung einen Betrag von
2y2—3 Milliarden Frcs. an1), und dürfte der Wirklichkeit am nächsten
kommen. Die thesaurierten Notenmengen werden von ihm auf etwa
3—4 Milliarden Frcs. veranschlagt.

Eine Schatzanhäufung in diesem Umfange erforderte eine Ausfül-
htng der Lücken, die im Zahlungsmechanismus entstanden waren. Denn
im großen und ganzen kann wohl gesagt werden, daß in der Zirkulation
kein überflüssiges Geld steckt, da es an wirtschaftliche Zwecke gebunden
ist und einen Uberschuß von selbst zur Notenbank zurückwandern läßt.
Wenn auch nicht außer acht gelassen werden darf, daß in vielen Gebieten
der Nationalwirtschaft die Geldbedürfnisse sich durch den Krieg ver-
mindert haben — es brauchen z. B. weniger Gehälter und Löhne ge-
zahlt zu werden, Industrie und Handel bedürfen weniger an Umsatz-
mitteln, da das Geschäft stockt —, so erzeugte die schnell und gewaltig
um sich greifende Thesaurierung in der Geldzirkulation dennoch tiefe
Lücken. Diese konnte die Notenbank nur durch ihre Noten ausfüllen.
Es gehörte mit zu den Vorbereitungen des Krieges, als die Bank von
Frankreich zur rechten Zeit den Generalrat der Bank einen Gesetzes-
antrag genehmigen ließ, wonach 20- und 5-Frank-Notenabschnitte emit-

h „Bank“ 8. Heft, August 1915, S. 698.
        <pb n="49" />
        ﻿32

Erwin Respondek,

tiert werden durften, da die kleinste Note bisher auf nur 50 Frcs. lautete.
Diese neuen Notenabschnitte waren bereits lange vor dem Kriege ge-
druckt und an vielen Plätzen des Landes nach geldstrategischen Ge-
sichtspunkten verteilt. Sogleich zu Beginn der Kleingeld Krisis wurde
ihre Emission ohne Verzögerung bewirkt und sie konnte die erste und
schwerste Krisis in den Zahlungsmitteln nach wenigen Tagen schnell be-
seitigen. Nach Verlauf von 10 Tagen hatte der Verkehr

in 20 Frcs.-Noten gegen 400 Mill. Frcs.
in 5 Frcs.-Noten gegen 200 Mill. Frcs.

aufgesaugt.

Die Emission erfolgte nach den einstimmigen Berichten der fran-
zösischen Zeitungen unter dem größten Beifall des Publikums.

Jedoch konnte die Ausgabe von 20- und 5-Frcs.-Noten die Bedürfnisse
des Kleingeldverkehrs nicht befriedigen. Es fehlte sehr an ganz kleinen
Geldzeichen, namentlich in Paris. Die Notenbank ermächtigte daher
die Pariser Handelskammer, Scheine zu 2, 1 und % Frcs- in den Verkehr
zu bringen. Als Deckung für die zur Ausgabe gebrachten neuen Scheine
hinterlegte die Handelskammer 50 und 100 Frcs.-Noten bei der Bank
von Frankreich. Der sehr unangenehm fühlbare Mangel an 25 ctms.-
Münzstücken wurde durch 25 ctms.-Noten beseitigt. Weiterhin wurde
die Prägung von Scheidemünzen auf Veranlassung der Notenbank
gesteigert, um den Hartgeldmangel zu beseitigen. Nach den Mitteilungen
der Commission de contröle monetaire1) wurden die folgenden Summen
ausgeprägt:

1915

Stücke	zu	2	Frcs..........13	963 409	Stück

..	»	1	..	  47	955 158	„

„	„	50	ctms..........20	892 772	„

»	»25	.............. 535 227

„	„10	..............4 362 468	„

„	„	5	.............6	032 140	„

In Frankreich allein wurden 82 811 339 Stück in einem nominellen
Werte von 86 328 362 Frcs. ausgegeben.

Diese Zahlen zeigen, wie stark das Bedürfnis des Verkehrs nach
kleinen Geldzeichen war.

Die Notenbank hatte also den Versuch unternommen, mit Hilfe
ihrer eigenen Noten und verstärkter Münzausprägung den Bedarf
an Kleingeld zu stillen, und sie setzte daher möglicherweise der Ausgabe
vom städtischen, kommunalen oder ähnlichen Kriegsnotgelde, wie es
vielfach in Deutschland vorgekommen war, Widerstand entgegen. Im
Verlaufe der weiteren Kriegsmonate hat dieser Zug zur versteckten
G-eldanhäufung viel von seiner Größe verloren, obwohl er noch bis in
die Mitte des Jahres 1915 hineinreichte. Erst seit der kräftigen Propa-
ganda in den Monaten Juni, Juli und August 1915 konnte auf die Be-
völkerung ein Einfluß dahin geltend gemacht werden, von der Thesau-

l) L Economiste Franfais 1916, 19. Februar, S. 241.
        <pb n="50" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

33

rierung abzulassen und sogar das aufgesammelte Geld wieder in den
Verkehr zu setzen bzw. zur Notenbank zu tragen.

Durch wohlüberlegte Vorsorglichkeit und unter scharfer Beobach-
tung der Vorgänge während des Krieges vermochte die Notenbank
ihre Aufgabe als Geldumlaufsregulator ohne größere Störungen zu lösen.
Sie hat der heimischen Wirtschaft, die während des Krieges zum strengen
Prinzip der effektiven Barzahlung übergegangen war, das äußere Mittel
her Wert- und Güterübertragung in reichlichem Maße und zur rechten
Zeit zur Verfügung gestellt und auch hierdurch dem Lande schätzens-
werte Dienste geleistet.

Die Arbeit der Notenbank auf den beiden Gebieten der Kriegs-
finanzierung und heimischen Wirtschaftsführung bleibt nicht ohne Ein-
wirkungen auf die gesamte Struktur der Bank. Aus den seit dem 28.
Januar 1915 wieder veröffentlichten Ziffern ist leicht ein Bild von jenen
vielseitigen Hilfsakten, wie sie im vorstehenden geschildert wurden,
zu gewinnen. Staatsvorschüsse, Notenumlauf und Wechsel- und Gold-
bestand sind die hellsten Strahlen, die aus dem Brennspiegel der Wochen-
bilanz reflektiert werden, und die in ihren zusammenhängenden Bewe-
gungen eine genaue Beachtung erfordern.

Die Notenbank leistet ihr Werk durch die Note. Mit wachsender
allseitiger Inanspruchnahme stieg somit natürlicherweise der Noten-
umlauf. Das Kontingent mußte noch zweimal, den Bedürfnissen ent-
sprechend, erhöht werden. Ein Kammerbeschluß vom 8. Mai 1915 setzt
hie am 4. August 1914 normierte Höchstgrenze von 12 000 Mill. Frcs. auf
15ooo Mill. Frcs. fest, und durch ein Dekret vom 25. März 1916 wurde
sie auf 18 000 Mill. Frcs. hinaufgeführt.

Vergleicht man die Bewegung des Notenkontingents seit den letzten
Jahrzehnten mit dem aufsteigenden durchschnittlichen Notenumlauf,
so gewinnt diese Gegenüberstellung beachtenswertes Interesse für die
Beurteilung des Maßes der Arbeitsleistung der Bank von Frankreich
im Frieden und während der Kriegszeiten. Bei Ausbruch des Krieges

R

Notenkontingent und Notenumlauf von 1870 bis 1916.

Zeitbestimmung	Kontingent  Maximalgrenze	Höhe  des Notenumlaufs
Kriegsausbruch 1870 . . .	I 800	1544
1870 . . .	2 400 -j- 600	
Friedensschluß 1871 . . .	2 800 -f* 400	2 075
1872 . . .	3 200 -)- 400	2 401
1884 . . .	3 500 + 300	2 928
1893 . . .	4 000 -f- 500	3 475
1897 • • ■	5 000 4- 1000	3 es?
IQOÖ . . .	5 800 -j- 800	4658
I9II .	.	.	6 800 -j- 1000	5 243
Kriegsausbruch 1914 . . .	12 000-)- 5200	7 893
1915 • • ■	15 000+ 3000	12 226
1916 . . .	18 000+ 3000	16 197 (3. August)

espondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

3
        <pb n="51" />
        ﻿34

Erwin Respondek,

1870 war das Notenemissionsrecht auf 1800 Mill. Frcs. begrenzt und
erlangte 19x6 als vorläufige Grenze 18 000 Mill. Frcs., d. h. eine Stei-
gerung von 16 200 Mill. Frcs. in 45 Jahren. Die Notenemission weist
in der gleichen Epoche eine Zunahme von rund 14 700 Mill. Frcs. auf.

Diese gewaltige Steigerung von Notenkontingent und Notenumlauf
wird in ausschlaggebender Weise durch die heutigen Kriegserfordernisse
hervorgerufen. Es fallen im Notenkontingent auf das Plus von 16 200
Mill. Frcs. allein 11 200 Mill. Frcs. in die Kriegszeit 1914/16, d. h. 69 %
der Gesamtzunahme, und auf die Notenumlaufsziffer in der heutigen
Zeit etwa 10 000 Mill. oder 63 % der gesamten Notenvermehrung.

Jene bedeutende Einwirkung des Krieges auf den Notenumlauf
kommt noch klarer zum Vorschein bei einer Darlegung seiner Minimal-
und Maximalziffern innerhalb der Kriegsperiode. Einem Minimalnoten-
umlauf von 5743 Mill. Frcs. am 26. März 1914 stand ein Maximalnoten-
umlauf am 24. Dezember von 10 042,9 Mill. Frcs. gegenüber1).

Und schon nach Verlauf eines Kriegs) ahres wies der Notenumlauf
eine Steigerung von 6,6 Milliarden Frcs. auf. Er bertrug am:

24. Juli 19x4...........5 911,0 Mill. Frcs.

22. Juli 1915	. . . .... 12 5x2,8	„	„

d. h. eine Zunahme von . .	6 601,8 Mül. Frcs.

Nach Ablauf des zweiten Kriegsjahres;

22. Juli 1915........12 512,8 Mill. Frcs.

27. Juli rgx6 . . . ■ ■ 16 090,0	„	„

ein Plus von.........3 577,2 Mill. Frcs.

also weit mehr als die Hälfte der Notenzunahme innerhalb des ersten
Kriegsjahres. Im Vergleiche zum

24. Juli 1914........5 911,0 Mill. Frcs.

27.	Juli 1916........16 090,0 „	„

eine Vermehrung von . 10 179,0 Mill. Frcs.

Eine derartige Mehrausgabe von Noten, die vornehmlich zum Zwecke
der Kriegführung allmählich aber fortschreitend diese Unsumme von
neuen Zahlungsmitteln schuf, erscheint zunächst als eine Inflation.
Sie kann leicht zu einer Entwertung des Geldes führen und damit zu
einer allgemeinen Steigerung der Preise. Ein gewisser Ausgleich war

9 Von den in Höhe von 10 048 Mill. Frcs. 1914 und 13 221 Mill. Frcs. 1915 zirkulia-
renden Noten entfielen auf:

				1914	1915
				Stück	Stück
Noten	ZU	IOOO	Frcs. . .	. .	2 518 075	2 805 016
»	ft	500	ft	•	•	• •	929 329	1 062 8or
ff	tt	IOO	ff	*	*	. . 41 826 143	55 287 137
»	tt	50	ft	*	*	■ • 33 769 898	45 777 707
yy	tt	25	ff	•	•	. .	14 974	15 155
tt	ff	20	ff	•	*	. . 40 175 250	67 449 389
ft	ff	5		. . 78 034 334	143 609 487

Geschäftsbericht der Bank von Frankreich 19x4, S. 21, 1915, S. 50.
        <pb n="52" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

35

ja in den ersten Kriegsmonaten gegeben. Er lag in der Thesaurierung
von Hartgeld und Noten. Aber die ununterbrochene Steigerung in der Aus-
gabe von Noten erforderte Gegenmaßregeln, um eine Entwertung des Geldes
zu vermeiden. Unabhängig von der bei vielen Notenbanktheoretikern
tief wurzelnden Dritteldeckung in Gold, bewahrt die Note im Inlande
und Auslande nur so lange ihren nominellen Wert, als die Bevölkerung
ihr volles Vertrauen schenkt. Eine Notenzirkulation aber, die von einer
Milliarde zur anderen ohne Ruhepausen steigt und auf einer beweglichen
Goldbasis zwischen 4000—5000 Mill. Frcs. ruht, muß ein gewisses
Furchtgefühl erregen und auch im Auslande Bedenken hervorrufen.

Eine fortgesetzte Notenausgabe ließ und läßt sich infolge der Staats-
vorschußleistungen jedoch nicht vermeiden. Nun kann, was durch
die Darlegungen begründet ist, infolge der intensiven Thesaurierung
nicht von einer Notenzirkulation gesprochen werden, sondern nur
von einer Notenemission. Die Bank von Frankreich suchte daher
die von der Bevölkerung thesaurierten, in ihrem Wochenausweis als
emittiert erscheinenden Noten wieder an sich zu ziehen und leitete
in der Tagespresse eine geschickte Propaganda ein, um dieses Ziel zu
erreichen1). Sie stellte es als eine patriotische Tat hin, nur so viel Noten
im Haushalte zu halten, als der laufende Bedarf es unbedingt erfordert.
Die überschüssigen Summen sollten für Rechnung der Eigentümer
in das Depot der Notenbank gegeben werden. Hier stehen sie den Be-
sitzern jederzeit zur Verfügung und sind sicherer als in jedem Geldschrank
aufbewahrt. Die Bank selbst errichtete zu diesem Zwecke den Privaten
besondere Konten und gewährleistet dem Einlieferer die jederzeitige
Rückzahlung des Noten-Dupots. Diese Einzahlungen würden in der
Wochenbilanz unter den „täglich fälligen Verbindlichkeiten“ ihre Ver-
rechnung finden und so hier weniger auffallen als der Posten „Noten-
umlauf“. Von welchen Erfolgen diese Bewegung begleitet war, konnte
bisher nicht ermittelt werden, da in dem Bankausweise hierüber keinerlei
zahlenmäßige Angaben verzeichnet und auch von keiner Seite aus irgend-
welche Mitteilungun gemacht sind. Es ist aber mit großer Wahrschein-
lichkeit anzunehmen, daß durch die rege und eindringliche Propaganda
beträchtliche Mengen der festgehaltenen Noten losgelöst wurden, aber
weniger um in die Keller der Bank von Frankreich zu fließen als in den
freien Verkehr und hier die schädlichen Wirkungen der anhaltenden
Notenausgabe noch verstärken halfen.

Den der Volkswirtschaft einguräumten Diskontkredit zeigt die Be-
wegung des Wechselbestandes an. (Die Lombarddarlehen halten
sich in engen Grenzen und können hier außer Betracht gelassen werden1 2).)

1)	Temps im August 1915; Semaine Financiere Juli—Sept. 1915.

2)	Nach den Wochenausweisen gewährte die Notenbank die folgenden Vorschüsse
an Private:

28.	Januar	1915.........725,00	Mill.	Frcs.

29.	Juli	1915......... 591,00	„

16. Dezember	1915........1146,00	„	„ *)	(wenden!)

*) Erste Einzahlung auf die I. Kriegsanleihe.

3'
        <pb n="53" />
        ﻿36

Erwin Respondek,

Nach dem Bericht der Notenbank in der Generalversammlung vom
28. Januar 1915* 1) erreichten die Diskontierungen im Jahre 1914 ihr

Minimum am 21. März mit . 1309,00 Mill. Frcs.

Maximum am r. Oktober. . 4475,00	„	„

d. h. eine Zunahme von . . 3x67,00 Mül. Frcs.

Das Wechselmoratorium bringt der Bank einen toten Posten. Die
vom Moratorium betroffenen Wechsel verzeichnete die Bank daher ge-
sondert und schuf ein neues Konto, das am 1. Oktober 19x4 unter Ein-
schluß der unverfallenen Wechsel, die ohne einen zu großen Fehler mit
etwa 200 Mill. Frcs. zu veranschlagen sind, einen Bestand aufwies von:

x. Oktober 1914................................4476,00 Mill. Frcs.

Schon nach wenigen Monaten, am 29. Juli 1915 war

der Posten auf........................ 2140,00	„	„

gesunken, d. h. eine Verminderung von.........2336,00 Mill. Frcs.

gegenüber dem 1. Oktober 1914.

Die Reduktion der Moratoriumswechsel geht sichtlich weiter, wenn-
gleich sie in den letzten Monaten des Jahres 1915 sich etwas verlangsamte.
In absoluten Zahlen dargestellt, kommt diese Verlangsamung klar zum
Vorschein:

In der Zeit vom:

15. Oktober bis 10. Dezember 1914	.	.	721,00	Mill.	Frcs.

10. Dezember bis 24. Dezember .	.	.	160,00	„	„

24. Dezember 19x4 bis 28. Januar 1915	296,00	„	„

28. Januar bis 4. Februar.......43,00	„	„

Weiterhin z. B.:

ix. März bis 25. März.............89,00	„	„

22.	April bis 29. April...........106,00	„	„

Dagegen z. B.:

4. November bis 11. November	.	.	.	9,00	„	„

23.	Dezember bis 31. Dezember	.	.	.	5,00	„	„

31. März 1916 bis 6. April........27,00	„	„

27. Juli bis 3. August.......... 3,00	„	„

Für einen schnellen Abbau der gestundeten Wechsel war die Noten-
bank überaus eifrig tätig, da mit ihrer Liquidierung eine gesunde
Entwicklung des Wirtschaftslebens, die eigene für die Kriegszeit doppelt
notwendige bessere Fundierung, höhere Beweglichkeit, sowie größere
Sicherheit verknüpft sind. Sie war bestrebt, den Wechselverpflichteten
alle nur möglichen Erleichterungen zu bieten, damit diese ihre Schulden
möglichst vor dem Ablauf des Moratoriums abdecken können. Nach
den Bestimmungen der Dekrete vom 9. August 1914 und ergänzenden
Bestimmungen ist der jeweilige Wechselinhaber von der Präsentation
des Wechsels bis zum Ablauf der Verlängerungsfrist befreit. Die Bank

3. Februar 1916.........1270,00 Mill. Frcs.**)

27. August	2916.........1177,00 „	„

**) Höchstbetrag.

l) Siehe a. a. O. S. 17.
        <pb n="54" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

37

hatte aber im Interesse der Wirtschaftenden den Verpflichteten im
voraus Nachricht zukommen lassen, daß sie die Besitzerin der jeweilig
in Frage kommenden Tratte sei und diese zur Einlösung bei ihr bereit
liege. Es ist dies eine große Arbeit, tausende von Wechseln zu son-
dieren, Nachrichten abzugeben u. v. a. m., die aber Schuldnern wie auch
Gläubigern große Erleichterungen schafft und von reichlichem Erfolge
gekrönt wird.

Innerhalb zweier Kriegsjahre wurden bei der Notenbank amortisiert:

Bestand am i. Oktober 1914 .... 4476,00 Mill. Frcs.

Bestand am 3. August 1916 .... 1438,00 „	„

Amortisationssumme..........3038,00 Mill. Frcs.

Über die nähere Zusammensetzung des Moratorium-Wechselbestan-
des sind keine Anhaltspunkte vorhanden. Es wäre aber für eine restlose
kritische Würdigung dieser immerhin erstaunlichen Leistungsfähigkeit
der Schuldner, über die Qualität des gesamten Wechselmaterials usw.,
notwendig und interessant zu kennen, welchen Anteil am Gesamtbeträge
und dann an der Amortisationssurame die Banken und Privaten — hier
wiederum spezialisiert nach der Höhe der Wechselsummen — haben.
Kombinationen können die positiven Zahlen nicht ersetzen. Und so
überrascht es auch Wenig, daß alle Voraussagungen in den Zeitungen
und auch der Fachpresse1), nach denen die Liquidation dieses Wechsel-
portefeuilles wenigstens ein halbes Dutzend Jahre beanspruchen sollte
und einen Verlust von 6—8 % erzeugen dürfte, nicht eintreten werden.
Der erste Teil der Behauptung ist durch die Tatsache der steten Ab-
nahme widerlegt und damit der zweite in Frage gestellt. Zudem hat
die französische Regierung durch die Zusicherung eines Amortisations-
fonds — 2 % vom Zinsendienst des Staates für die Vorschüsse der Noten-
bank dienen als Deckung möglicher Verluste aus dem Wechselbestande —
für den zweiten Teil eine Ausfallgarantie übernommen. Es ist nach
allem somit kaum anzunehmen, daß die Notenbank erhebliche Verluste
erleiden Wird.

Die Notenbank hat in den letzten Jahren vor Kriegsausbruch eine
sorgfältige und methodische Goldansammlung verfolgt, um eine
immer breitere Basis für die Emission außergewöhnlicher Notenmengen
zu gewinnen. Auch sie beachtete, wie eine jede Zentralnotenbank der euro-
päischen Staaten, die finanziellen Maßnahmen der anderen Notenbanken
und alle Zeichen von möglichen politischen Verwicklungen, die zum Kriege
führen könnten. Sie ging von der Erwägung aus, daß sie sich gegen
alle Möglichkeiten und Erschütterungen am besten dadurch schützt,
wenn sie ihre Goldreserven erheblich stärkt. Seit Beginn des Jahres

1) Vgl. z. B. unter der neuesten Kritik u. a. auch H. Koppe, a. a. O. S. 740:
Koppe vergleicht die Moratoriumswechsel mit einer Ware, „die das Liegen nicht ver-
trägt“ und fährt weiter wörtlich fort: „Wie die Vermögenslage der Schuldner dieser „effets
prorogfe“ nach Friedensschluß sein wird, ist höchst fraglich. Die Bank wird jedenfalls
starke Verluste an diesen Papieren haben, und ihre Lage ist daher, soweit sie mit solchem
Wechselmaterial belastet ist, unerquicklich.“
        <pb n="55" />
        ﻿3«

Erwin Respondek,

1913	zog sie daher in auffallender Weise Gold an sich, und es gelang
ihr, von diesem Zeitpunkte an bis zum Ende des Jahres 1914 den Gold-
bestand um fast eine Milliarde Frcs. zu erhöhen.

Mit welchem zielbewußten Willen die Notenbank arbeitete, beweist
die Tatsache, daß sie auch kein Opfer scheute, um das gelbe Metall
zu erlangen. Dieses Streben um Gold wurde ohne Berücksichtigung
der öffentlichen Meinung, ohne Rücksicht auf Preis u. ä. m. fortgeführt.
Frankreich war — neben Rußland — in den ersten Monaten des Jahres

1914	ständiger Käufer auf dem Londoner Goldmarkte, auch wenn der
Wechselkurs gegen das Land notierte. Keine Woche verging, in der
die Notenbank nicht einen Goldzuwachs in den Ausweisen zu ihren
Gunsten zu verbuchen gehabt hätte. Die Schuldner-Staaten — Süd-
amerika, New York usw. —mußten ihre Zahlungen in Gold remittieren1).
So ergoß sich nach Frankreich ein ununterbrochener Goldstrom, den
die Notenbank in ihre Keller leitete.

In der Tabelle auf S. 39 wird der Versuch gemacht, auf Grund
der Angaben der „Frankfurter Zeitung“ über die Goldbewegungen
— aus den Wochenberichten ihres Pariser Korrespondenten — und den
ausgewiesenen Goldzuwachs in den Wochenbilanzen der Bank den Gold-
zufluß aus dem Auslande in die Bank von Frankreich zu erfassen. Als
Zeitspanne dient die Periode vom 1. Januar bis 1. Juli 1914.

Aus dieser Aufstellung ist ersichtlich, daß der Goldzuwachs bei
der Notenbank im 1. Semester 1914: 468 Mill. Frcs. beträgt. Ihm steht
ein Goldzufluß aus dem Auslande im 1. Semester 1914 von 426 Mill.
Frcs. gegenüber.

Auch unter Berücksichtigung möglicher Fehlerquellen, wie etwa
doppelte Anführung, unterlassene Meldungen seitens des Korrespon-
denten, kann der innere Zusammenhang dieser äquivalenten Bewegungen
nicht erschüttert werden. Für die unentwegten Ankäufe auf dem
Londoner Goldmarkte — auch Rußland war hier ständig vertreten
und zeichnete sich infolge stark ausgeprägten Bedürfnisses bei den
Goldankäufen besonders aus — wurden zur Beruhigung der an-
deren Staaten die verschiedensten Erklärungen abgegeben. Einmal
wurde das Gold zu „finanziellen Transaktionen“ benötigt, dann
wiederum für Rußland, das größere Bahnbauten und Valuta-
regulierungen vornehmen möchte, usw. Der Drang nach dem
Golde war um so unverständlicher, als die Wechselkurse für beide
Länder ungünstig waren und somit theoretisch keine Goldkäufe zu-
ließen. So führte u. a. die „Frankfurter Zeitung“ als einen Er-
klärungsgrund an:

„Sicher scheint es zu sein, daß ein gut Stück Nervosität mitspieit,

b Anläßlich der starken Goldzugänge schreibt die „Frankfurter Zeitung“ vom x6. Juni
1914 wörtlich: „Frankreich zieht ganz augenscheinlich immer mehr von allen Seiten
seine Guthaben zurück und hat auch wohl Effekten verkauft, für die es nunmehr Gold
erhält.“

f
        <pb n="56" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

39

Goldzufluß zur Notenbank und Anteil des Auslandes hieran.
(Eine Parallele laut Bankausweis und Zeitungsberichten).

Tag des Ausweises	Goldbewegung nach dem Ausweise der Notenbank			Goldzufluß nach Zeitungsberichten		
	Gold-  bestand	Zu- und Abnahme	Monats-  Überschuß	mögl. Eiu- gangstag	Gold-  eingang	Monats-  zufuhr
1914						
Januar 2.	3508,00	+ 0		Januar		
8.	3503»00	—	5				
15-	3511,00	+ 8				
22.	3521,00	+ 10		19.	11,00	
29.	3533,00	+ 12	+ 30,00	3i-	18,00	+ 29,00
Februar 5.	3549,00	+ 16		Februar 2.	17,90	
12.	3572,00	+ 23		9-	31,00	
19-	3588,00	+ 16				
' 26.	3598,00	+ 10	+ 65,00	25-	14,00	+ 62,90
März	5.	3603,00	+	5		März 3.	11,25	
12.	3610,00	+ 7		l6.	12,00	
19.	3622,00	+ 12		24-	11,00	
26.	3624,00	+	2	+ 26,00			+ 34,25
April	2.	3616,00	— 8		April 1.	5,00	
9-	3627,00	+		9-	1,30	
l6.	3638,00	+ n		l6.	2,50	
23-	3644,00	+ 6		21.	14,00	
30.	3646,00	+	2	+ 30,00	28.	4,00	+ 26,80
Mai	7.	3661,00	+ iS		Mai	4.	7,60	
14.	3674,00	+ 13		7-	5,40	
				12.	16,00	
22.	3700,00	+ 26		13-	10,00	
				18.	16,50	
28.	3731,00	+ 31	+ 85,00	26.	24,50	+ 80,00
Juni	4.	3783,00	+ 52		Juni	8.	60,25	
II.	3824,00	+ 41		9-	4,00	
18.	3875,00	+ 51		21.	28,50	
25-	3976,00	-(- 101	+ 245,00	30.	100,00	+ 192,75
Goldzufluß						
1. Jan,-30. Juni	468,00	—	—	ljan.-30.juni	—	425,70
Juli	2.	4058,00	+ 82		Juli	I.	10,00	
9-	4093,00	+ 35		14.	40,00	
l6.	4093,00	-}-	O		20.	5,00	
23-	4104,00	+ 11		23.	23,00	
30.	4141,00	+ 37	+ 165,00			+ 78,00

die ihren Grund in den ungünstigen Börsenverhältnissen in Frankreich
und Rußland hat“1).

!) „Frankfurter Zeitung“ vom 15. Mai 1914- Vgl. dagegen Lansburgh, „Bank“
1914, S. 601 ff., der die Goldaufkäufe am Londoner Markt durch russische und französische
Banken als eine natürliche Folge der seitens der russischen Regierung gekündigten, in
        <pb n="57" />
        ﻿40

Erwin Respondek,

Konnten auch die führenden Finanziers in Frankreich und den
anderen Ländern über den wahren Charakter dieser seit 1913 intensiv
betriebenen Goldansammlungspolitik nicht im Unklaren gehalten werden,
so nahm oder wollte man doch nicht annehmen, daß die Notenbank
reine und hochgradig notwendige Kriegsvorbereitungen verfolgte. Viel-
mehr neigte man mehr oder minder dazu, den Erklärungen, die doch
aus guter Quelle kamen, Glauben beizumessen und die Goldanhäufung
nur als eine Vorsichtsmaßregel gegen irgendwelche wirtschaftlichen Krisen
zu betrachten. Wie sehr man sich in vielen dieser Auslegungen täuschte,
bewiesen bald die Ereignisse im Juli und August 1914.

Nach dem Geschäftsbericht für das Jahr 1914 weist die Gold-
bewegung im Vergleich zum Jahre 1913 die folgenden Ziffern auf:

Goldzuwachs (in Mül. Frcs.).

1913	I9r4

X. Semester........+ 109,7	+ 458,3

II. „	....... 4- 200,4	+ 182,8

I	II	I". I	"	«u

I. u. II. Semester . . .	+ 310,1	+ 641,1

1913 und 1914...............95i,2

In den ersten Monaten des Krieges ruhte die sonst so wirksame
Werbetätigkeit nach dem Golde, und der Goldbestand blieb ziemlich
konstant. Er erfuhr bis Mitte April 1915 nur eine kleine Steigerung.
Er war am:

31. Juli 1914...................4i4i,3 Mül. Frcs.

15. April 19x5.................. 4253,3 „	„

d. h. also ein Plus von.........112,0 Mül. Frcs.

Und der Gouverneur der Bank von Frankreich konnte in der Ge-
neralversammlung vom 28. Januar 1915 wohl sagen:

„Frankreich besitzt noch beträchtliche eigene Goldreserven, und
trotz der eingetretenen, vorübergehenden Einschränkungen in dem
Zustande seines auswärtigen Handels, seit Ausbruch der Feindselig-
keiten, bleibt es dennoch Gläubiger. Weit davon entfernt Gold aus-
geführt zu haben, war es bereits imstande, welches zu erwerben“1).

Aber hohe Kriegsbezüge aus dem Auslande und stete Notenemission
erschütterten kurz darauf die Kaufkraft des Franken und erforderte«
eine kräftige Stützung durch Gold. Der sichtbare Goldschatz sank
schnell.

Vom 15. April 1915.............. 4253,3 Mül. Frcs.

bis zum 20. Mai 1915 auf........3907,3	„	„

d. h. um........................346,0 Mül. Frcs.

Noch Weitere Goldabgaben waren durch die ständig schwankende
und sinkende Valuta notwendig. Dem Bestände der Notenbank allei«

Paris ruhenden Guthaben ansieht. Durch Konvention sind die ausländischen Kassen-
halter der russischen Regierung verpflichtet, auf ihr Verlangen nicht in Devisen zu re-
mittieren, sondern effektives Gold zu senden.

h Siehe a. a. O. 1914, S. 15.
        <pb n="58" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

41

durfte jedoch nicht zu viel entzogen werden. Nunmehr mußten die
stillen Goldreserven, von denen der Leiter der Bank von Frankreich
sprach, und die in den festen Kasten und Fächern der Privaten verborgen
ruhten, mobil gemacht werden. Die Nachfrage nach dem gelben Metall
wurde nun plötzlich so dringend und stark, daß sogar der Finanzminister
die Organisation der Goldkonzentration persönlich übernahm. Er leitete
durch einen Aufruf vom 2. Juli 1915 im Lande eine regelrechte Gold-
propaganda ein. Frankreich folgte mit diesem Beginnen nur einem
Beispiele. Schon viel früher begann in den anderen kriegführenden
Staaten -— namentlich in Deutschland — das Bestreben, das umlaufende
oder zeitweilig aufbewahrte Verkehrsgold in den Zentralnotenbanken
zu konzentrieren. Frankreich folgte zwar etwas spät mit diesen An-
strengungen, dafür aber um so intensiver. Auf den Ruf des französi-
schen Nationalökonomen P. Leroy-Beaulieu wurde nicht mehr ge-
achtet. Seine Mahnung;

„Man ruft sie nicht (die Milliarden Gold), und man hat recht. Wir
beurteilen die Haltung der Deutschen Reichsbank bezüglich der Gold-
ansammlung für verfehlt, denn dies ist das beste Mittel, die Noten zu
entwerten. Laßt also die Privaten das Gold, das ihnen zusteht, bewahren,
achtet darauf nicht, und die Noten werden einen besseren Wert haben“1),
die er noch im Januar ertönen ließ, wurde jetzt übertönt und vergessen.
Um Gold rief der Prediger von der Kanzel herab, in den Beichtstühlen
wurde den gottesfürchtigen Gläubigen ins Herz geschrieben, ihr Gold
zur Bank zu bringen. Die Presse war bemüht, die Bevölkerung aufzu-
klären, daß die Thesaurierung von Gold absolut zwecklos ist und das
Gold in der Bank sicherer aufbewahrt wird, als in den Geldschränken,
in der Schule, in Vereinen wurden Goldsammlungen veranstaltet. Bis
zu welchem Grade vor allem die französische Presse ihre rührige Gold-
propaganda getrieben hat, zeigt ein Erlaß von Geboten, die der „Temps“
einem jeden guten und patriotischen Franzosen vorschreibt. Er schreibt2):

„Unsere finanzielle Pflicht ist eine doppelte:

1.	Es ist nichts zu unternehmen, was unsere wirtschaftliche Tätig-
keit schädigen könnte.

2.	Alles ist zu tun, was unsere Verteidigung unterstützen kann.

Erstens: Die negative Pflicht.

Verberget nicht das Gold, verstecket nicht das Silbergeld, verberget
nicht eure Nickel- und Kupfermünzen. Sein Gold verbergen, heißt
dem Lande, welches dasselbe für seine Transaktionen mit dem Auslande
braucht, Schaden zufügen; seine Silber-, Nickel- und Kupfermünzen
verbergen, heißt seine Unkenntnis dokumentieren, heißt den Handel
schädigen, heißt jede Tätigkeit ersticken.

Zweitens: Die positive Pflicht.

Dieses Gold, das ihr nicht aufschatzen sollt, müßt ihr zur Bank
von Frankreich tragen, denn sie wird hieraus die erwünschten Vorteile

1)	L’Economiste Fraufais. Januar 1915, S. 4.

2)	Temps. 13. August 1915.
        <pb n="59" />
        ﻿42

Erwin Respondek,

ziehen. Dieses Gold bleibt in euren Händen in Gestalt von Noten, je
nachdem in 5-, 20-, 5o-Frcs.-Noten. Alle Noten, aber auch alle, sind gegen-
wärtig das wahre Geld Frankreichs.“

Nunmehr wurde nicht davor gescheut, die früher wegen ihrer Gold-
propaganda viel geschmähte Deutsche Reichsbank als ein Beispiel hin-
zustellen, das Pflichtgefühl eines jeden Deutschen gegen sein Vaterland,
das Arm und Reich zur Notenbank trieb, um hier sein weniges oder
vieles Gold in Noten umzutauschen, und dies in einer Zeit, in der sein
Vaterland den schwersten aller seiner Waffengänge führt, zu loben.
R.-G. Levy erhebt seine Stimme und möchte das deutsche Beispiel gern
nachgeahmt sehen. Er sagt:

„Den Deutschen ist es gelungen, den Goldbestand der Reichsbank
seit Beginn des Krieges um 1 Milliarde zu erhöhen. Man hat die Mittel,
mit denen die Bank das erreicht hat, kritisiert und sich überaus lustig
gemacht. Aber auch wenn nicht alle deutschen Maßnahmen gleich
glücklich waren, so müssen wir doch das Ergebnis feststellen, das teil-
weise dem aufgeklärten Patriotismus einer gewissen Anzahl von Deut-
schen, die ihre Pflicht verstanden haben, zu verdanken ist. Nichts Ähn-
liches hat es bei uns gegeben. Jetzt aber ist es notwendig, dem deutschen
Beispiel zu folgen und der Bank von Frankreich alles Gold zukommen
zu lassen!“1)

Das Volk kam diesen Bestrebungen aber nur langsam entgegen. Um
aus dieser Bewegung sichtbare Erfolge zu erzielen, war man gezwungen,
ihr gewisse Reizmittel zuzuführen. Von diesen beansprucht besonderes
Interesse ein Vorschlag des Finanzministers Ri bot. Angeblich angeregt
durch Bitten der Seine-Departement-Deputierten, bittet er die Noten-
bank in einem Schreiben — 2. Juli 1915, — besondere Schalter in Paris
und in den Provinzen für den Goldannahmedienst zu eröffnen, um allen
Gelegenheit zur Goldablieferung zu geben. Außerdem wünscht er, daß
dem Einlieferer ein Belobigungszertifikat ausgefertigt werden solle,
das Zeugnis davon gibt, daß der Goldeinlieferer seinen Schatz der Bank
von Frankreich zum Dienst der nationalen Verteidigung zur Verfügung
stellte. Dieses Zertifikat ist, eingerahmt und sorgsam im besten Zimmer
sichtbar gemacht, in der Tat ein wirksames Mittel, um den ehrgeizigen
Franzosen anzuspornen, eine patriotische Tat zu verrichten* 2). Der Gold-
bestand begann langsam zu steigen, und seit Anfang Juli nimmt er

J) Petit Journal, 18. Juni 1915.

2) Im Februar des Jahres 1916 hat auch die Reichsbank den Entschluß gefaßt und
in die Wirklichkeit übertragen, jedem Goldeiulieferer auf Wunsch ein Gedenkblatt für sein
Gold — bei einer Mindestablieferungssumme von 200 Mk. — auszuhändigen. Dieses Ge-
denkblatt ist vornehm ausgerüstet und trägt die Worte, die von der Reichsbank in ihrem
Verwaltungsberioht für 1914, S. 7 geprägt wurden. H. Koppe berichtet — es ist wohl
zum ersten Male ausgesprochen — von einem anderen Lockmittel. Er sagt a. a. O. S. 739
wörtlich: „Gegen die nationale Eigenheit der äußersten Zugeknöpftheit in Geldsachen
spielte man klugerweise die noch stärkere der Eitelkeit aus, indem unter anderem das im
republikanischen Frankreich heiß begehrte Kreuz der Ehrenlegion als Preis
für Goldablieferung in Aussicht gestellt wurde. “
        <pb n="60" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

43

von Woche zu Woche in großen Sprüngen zu. Er stieg von seinem Tief-
stände :

am 20. Mai 19x5 von...........3907,3 Milk Frcs.

bis zum 24. Juni 1915 auf.....3927,2 „	„

d. h. in einem Monat um nur rund 20 Mill, Frcs. Nach der Aushändigung
der Belobigungszertifikate dagegen;

vom 24. Juni 1915 von.........3927,2 Mill. Frcs.

bis 26. August 1915 auf.......4266,3 „	„

d. b. in 2 Monaten eine Zunahme von 339,1 Mill. Frcs.

Es ist hierbei zu berücksichtigen, daß zu gleicher Zeit die erhöhten
Goldabflüsse nach dem Auslande angehalten haben. Sie finden ihre
Verbuchung in dem Posten „Guthaben im Ausland“. Wenn in Erwägung
gezogen wird, daß unter dieser Bezeichnung seit Beginn des Jahres
1915 bis Ende August des gleichen Jahres gegen 800 Mill. Frcs. ins Aus-
land flössen1), so kann ermessen werden, welche gewaltigen Summen
Goldes der Notenbank zugetragen wurden. Soweit diese Annahme
richtig ist, kann das in dem Posten: „Guthaben im Auslande“ enthaltene
Gold nur unter Vorbehalt als ein Bankaktivum angesehen werden.
Die Notenbank selbst hat hierüber keine Aufklärungen kundgegeben
und die Vermutungen, daß dieses Gold als Deckung von Schulden, An-
leihen oder ähnlichen Verpflichtungen nach den Gläubiger-Staaten
überführt und dort für Rechnung der Notenbank verwahrt wird, dürften
der Wirklichkeit entsprechen.

In den folgenden Monaten löste die anhaltend intensive Goldpropa-
ganda noch größere Erfolge aus. Während des Monats September z. B.
konnte die Notenbank von Woche zu Woche Goldzuflüsse von 50 Mill. Frcs.
und mehr ausweisen. Der volle Umfang dieser Zugänge von Gold aus
dem Volke fand in ihren Ausweisen aber keine Aufnahme, da ein Teil
unverzüglich ins Ausland abgeführt werden mußte. So stellt der wöchent-
liche Zufluß, wie ihn die Bilanz registriert, lediglich den Saldo von Zu-
und Abgang dar. Den Gipfelpunkt erreichte diese Bewegung am 23. De-
zember 1915. An diesem Tage wies die Bank einen Goldbestand von
5071 Mill. Frcs. aus. Wird als Ausgangspunkt dieser Goldsammlungs-
Aera der 2. Juli 1915 (Aufruf von Ribot) angesehen, so hat die
Notenbank ein für den Außenstehenden sichtbares Resultat zu ver-
zeichnen, das weit über alle an diese Bewegung geknüpften Erwartungen
hinausgeht. Unter Heranziehung der in den Ausweisen genannten Ziffern

flössen der Notenbank zu:

Goldbestand vom 30. Juni 1915 - . 3932,00 Mill. Frcs.
„	„	23. Dezember 1915 5o7x,oo

eine Summe von..............1139,00 Mill. Frcs.

Im Jahre 1916 sank der Geldvorrat wieder — abgesehen von ge-
ringen Aufwärtsbewegungen in den Monaten Januar bis März — langsam

9 Laut Wochenausweis; 28. Januar 19x5 • • 187,00 Mill. Frcs.

26. August 1915 ■ . 1009,00 „	„

Zunahme 822,00 Mill. Frcs.
        <pb n="61" />
        ﻿44

Erwin Respondek,

nach unten. Er erreichte z. B. am n. Mai eine Tiefe von 4715,00 Mül.
Frcs., stieg dann wieder allmählich hoch. Jedoch ist jetzt hierbei eine
Besonderheit in der Bilanzaufstellung innerhalb des Sammelpostens
„Gold“ zu beachten, die zunächst durchaus harmlos erscheint, aber
für die kritische Beurteilung der weiteren Goldbewegung von Wichtig-
keit ist, da sie eine Steigerung vorgibt, wo tatsächlich eine Abwärts-
bewegung bzw. eine Verminderung des Goldschatzes vor sich geht.
Der Wochenausweis vom 8. Juni 1916 führt zum ersten Male unter dem
Abschnitt: „Encaisse de la Banque“ nicht mehr „Or“, sondern „Or en
Caisse“ und „Or ä l’etranger“.

Durch diese Zweiteilung will die Notenbank offenbar das von ihrem
Vorräte abgezweigte und nach dem Auslande für irgendeinen bestimmten
Zweck bereits versandte Gold sichtbar machen. Sie dürfte bei diesem
Vorhaben von der Überlegung geleitet sein, daß es vorteilhafter ist,
ihre Goldremittierungen offen durchzuführen als durch die Nichtregi-
strierung der Goldabflüsse ins Ausland allerlei Verdächtigungen aus-
gesetzt zu sein. Hinreichend genügende Beispiele dafür, welcher Art
diese Andichtungen oder Zweifel sein können, bieten die anderen Zentral-
notenbanken, von denen man der einen — Österreichisch-Ungarische
Bank—-jeglichen Goldbestand abspricht, der anderen — Deutsche Reichs-
bank —- nachsagt, daß die in ihren Wochenbilanzen veröffentlichten
Angaben über den Goldschatz falsch seien, da ein Teil des Goldes im
Auslande, der Rest Eigentum der österreichisch-ungarischen Notenbank
sei I Es ist aber andererseits auch Idar, daß die französische Notenbank
durch die scharfe Trennung „Gold in der Kasse“ und „Gold im Aus-
lande“ allein, nicht den Beweis zu erbringen vermag, daß sie auch mit
gutem Rechte den Teil „Gold im Auslande" als ein Aktivum in ihrer
Bilanz führen kann und dard. Die Beantwortung dieser Frage ist ab-
hängig von dem Zwecke, den jenes „Gold im Auslande“ zu erfüllen
hat. Hier liegt die neue Grenze, an der die Notenbank naturgemäß
mit deutlichen Erklärungen zurückhält und dafür die Außenstehenden
mit phantasievollen Deutungen wieder einsetzen können. Solange
also die Bestimmung des Auslandsgoldes nicht einwandfrei bekannt
gegeben ist, wird die Notenbank durch diesen Schachzug ihre Stellung
nicht kräftigen können.

Von Interesse sind die Überlegungen, die in der „Frankfurter
Zeitung“1) veröffentlicht wurden. Sie zieht eine Parallele mit dem deutschen
Bankgesetz, das doch im § 17 vorschreibt, die Deutsche Reichsbank
dürfe nur das in ihren eigenen Kassen befindliche Gold als Goldbestand
ausweisen, sieht aber in der Zuziehung des „Gold im Auslande“ der
Bank von Frankreich zum Goldbestände keine Bedenken, solange die
französische Notenbank über jenes Auslandsgold volles Eigentums-
und Verfügungsrecht hat. „Aber was in aller Welt könnte die Bank
von Frankreich bestimmen, einen Teil ihres Goldes abzuzWeigen und

b Siehe „Frankfurter Zeitung“, 21. Juli 1916, No. 200, S. 4.
        <pb n="62" />
        ﻿Frankreichs Bank- und inanzwirtschaft.

45

in ausländische Safes zu überführen?“ Dies ist unverständlich, da
„das Gold doch wohl in ihren eigenen Kassen am sichersten aufgehoben“
sei. Sie gibt schließlich eine Lösung dieses geheimnisvollen Rätsels,,
indem sie sagt, daß die Bank von Frankreich an dem Golde, das bei
der betreffenden ausländischen Bank liegt, lediglich eine entsprechende
Goldforderung behält. Es ist höchst fraglich, ob diese Überlegungen
richtig sind, und daher brauchen auch die weiteren auf diesen Boden
gestellten Thesen der Wirklichkeit nicht zu entsprechen, nämlich: „Dann
könnte die eigenartige Folge eintreten, daß dieselbe Summe Goldes
nicht nur im Ausweis der Bank von Frankreich, sondern auch im Aus-
weis der Bank von England erscheint.“

Bei der unsicheren Erkenntnismöglichkeit der tatsächlichen Aufgabe
des noch dunklen Postens „Gold im Auslande“, dem beharrlichen
Schweigen der Notenbank und mit Hilfe eines Zahlenkombinations-
spieles mit „Gold in der Kasse“ und „Gold im Auslande“ fällt es nicht
schwer, die Vermutung auszusprechen, daß die ganze Transaktion letzten
Endes dahin hinauslaufen will, starke Goldverluste zu verschleiern.
Werden die Goldzu- und -abgänge für eine längere Zeit unter dem Schema
der neuen Zweiteilung verfolgt, so zeigen sie bei der Addition, wie sie
die Bank von Frankreich in ihrem Ausweis vornimmt, eine Steigerung,
dagegen bei der Subtraktion, wie sie hier durchgeführt wird, sobald

Zahlenspiel mit dem Goldbestände der Notenbank in
analytischer Form.

Tag des Ausweises			Gold in der  Kasse	Gold im  Auslande	Gesamter  Goldbestand	Zu- oder Abnahme auf den 2. Juni bezogen		
						Gesamtgold-  bestand	Gold in der Kasse	
2- Juni 1916			4739.00			4739,00					
8- Juni . . .			4676,00	69,00	4745,00	+	6,00	-	- 63,00
*5- Juni . . .			4580,00	170,00	4750,00	-j- 11,00		-159,00
22- Juni . . ,			4587,00	170,00	4757,00	+ 18,00		-152,00
29- Juiu . . .			4492,00	271,00	4763,00	+ 24,00		-247,00
6- Juli . . .			4499,00	271,00	4770.00	+ 31,00		-240,00
*3- Juli . . .			4504,00	271,00	4775,00	+ 36,00		-235,00
20- Juli . . .			4509,00	271,00	4780,00	+ 41.00		-230,00
27- Juli . . .			45i5,oo	271,00	4786,00	+ 47.00		-224,00
3- August . .			4522,00	271,00	4793,00	4- 54,oo		-217,00
I0- August . .			4426,00	371,00	4797,00	+ 58,00		-3I3&gt;00
1'/- August . .			4430,00	371,00	4801,00	+ 62,00		-309,00
24- August . .			4335,0°	473,00	4808,00	+ 69,00		-404,00
31- August . .			4239,00	574,00	4813,00	+ 74,oo		-500,00
'/• September			4244,00	574.00	4818,00	+ 79,oo		-495.00
l4- September			4248,00	574,00	4822,00	+ 83,00		-491,00
21- September			4152,00	675,00	4827,00	-j- 88,00		-587,00
28- September			4158,00	675,00	4833,00	+ 94.00		-581,00
3* Oktober			4166,00	674,00	4840,00	+ 101,00		-573.00
l2- Oktober			4182,00	674,00	4856,00	+ 117,00		-557,00
x9- Oktober .			4211,00	674,00	4885,00	+146,00		-528,00
        <pb n="63" />
        ﻿46

Erwin Respondek,

man das „Gold im Auslande“ nicht mehr als ein Aktivum der Bank
auffaßt, eine Senkung.

Die hohe Bedeutung einer starken Goldbasis ist im Kriege erwiesen,
und die von den Zentralnotenbanken überhaupt bisweilen unter Opfern
betriebene GoldaufSchätzungspolitik hat jetzt durch die Gewalt der Er-
eignisse ihre volle Berechtigung erhalten. Zugleich wurde vor allem die
Notenbank auf die Vorteile eines großen konzentrierten Goldbestandes
aufmerksam gemacht und damit auch die Notwendigkeit organisierter,
von einer Zentralstelle ausgehender Goldexporte zur Stützung der Valuta
erkannt. Noch bis zum Ausbruch des Krieges vertraten die Theoretiker
in Frankreich, Deutschland — vor allem in England — die Ansicht,
daß die Goldwährung weniger auf dem Goldbestände der Notenbank
als auf der zirkulierenden Goldmenge beruhe. (Siehe den Ausspruch
des Herausgebers der Zeitschrift „L’Economiste Fran^ais“ auf S. 41.)
Nunmehr sind in diesen Ländern emsige Bestrebungen zu verzeichnen,
durch eine gewaltige Goldanhäufung von der Go Idwährung
zur reinen Goldkernwährung überzugehen.

Krieg und wirtschaftliche Not führten also zu der Erkenntnis,
daß nur ein konzentrierter Goldschatz einem Staate von Nutzen sein
kann. Jene Notenbanktheoretiker, die eine solche Politik schon lange
Zeit vor Kriegsausbruch vertraten, finden jetzt eine Bestätigung ihrer
Lehren. Aber unter welchen anderen Verhältnissen und auf Welchen
ganz anderen Wegen sammeln die Notenbanken in Frankreich, in Deutsch-
land und in anderen Staaten das Gold aus dem Verkehr! Keineswegs
durch das Mittel der „kleinen Note“ oder ähnlichem. Der Zufluß von
Gold zur Notenbank ist nicht die Folge einer verstärkten Emission
kleiner Notenabschnitte. Sonst hätte die Bank von Frankreich bereits
vor Monaten ihren Goldschatz beängstigend anwachsen sehen müssen!
Der Staat mag durch die Notenbank noch so viel kleine Noten in den
Verkehr pressen, er wird hiermit nicht ein einziges Goldstück zu ver-
drängen vermögen. Die Theorie, daß ein Goldzufluß allein durch die
Ausgabe kleiner Abschnitte zu erzielen sei, wird durch den Krieg abei
nicht bestätigt1). Vielmehr dürfte die primäre Ursache für diese auf-
fällige Erscheinung in dem wachgerufenen und geförderten patriotischen
Gemeinsinn der Bevölkerung zu suchen sein.

In Frankreich war der gleiche Vorgang zu beobachten, wie ihn
Deutschland ununterbrochen seit Kriegsbeginn sieht und den die „Deut-

!) P 1 e n g e a. a. O. S. 134—150. In Deutschland vertrat Plenge diese Theorie.
Seine eingehenden, mit überzeugender Kraft durchgeführten Untersuchungen über die
verschiedenen Möglichkeiten, den Goldbestand der Notenbank zu stärken, zeitigen als
einzig gangbaren Weg die Ausgabe von kleinen Noten. Plenge unterschätzte die Schwierig-
keiten nicht, glaubt aber, daß diese Methode bei einer lebhaften und energischen Propa-
ganda im Volke gute Erfolge zeitigen würde. Der Krieg hat hier die beste Propaganda
ermöglicht und die vorausgesehenen guten Erfolge gezeitigt. Der glückliche Ruf von
Plenge: Konzentration des Goldes! wurde von dem Leiter der Deutschen Reichs-
bank mit voller Kraft und dankenswerter Schnelligkeit realisiert. Deutschland wird jetzt
von der Goldwährung zur Gold kern Währung unter verständnisvoller Mitarbeit des
Volkes geführt!
        <pb n="64" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

47

sehe Reichsbank" mit den Worten kennzeichnet und festhält, die wohl
auch ohne Einschränkung auf Frankreich übertragen werden können;

„daß während einer Kriegskrisis von solcher Schwere die Bevöl-
kerung das in ihrem Besitz befindliche Gold freiwillig zur Zentralnoten-
bank trägt und dagegen Noten fordert, steht in der Bank- und Münz-
geschichte aller Länder und Völker ohne Beispiel da, und ist ein über-
zeugender Beweis nicht nur für den unerschüttei liehen Kredit der Reichs-
banknoten, sondern auch für die Stärke der im Lande vorhandenen
Reserven an Reichsgoldmünzen und für die wirtschaftliche Einsicht
und Opferfreudigkeit unseres Volkes“1).

Als letzter Posten sind die Vorschüsse an den Staat und die Ver-
bündeten anzuführen, die bereits eine kurze Darlegung erfahren haben.
Sie sind es, die wohl allen anderen Posten des Bankausweises ein so
verändertes Aussehen aufgeprägt haben, die die Notenbank zwangen,
iiuer Notenemission keine Grenzen zu setzen, in der Kreditgewährung
recht sorgfältig vorzugehen, die gewaltige Goldbewegung in Szene zu
setzen u. a. m. Auf ihre Entwicklung und Zusammenhänge wird nochmals
unter dem Kapitel „Staatsfinanzen“ eingegangen werden, unter dem
auch die Leistungen der Notenbank für die Kriegsfinanzierung eingehender
als bisher darzulegen sind.

Eine systematische Anordnung der einzelnen Posten im Wochen-
ausweise gibt interessante Aufschlüsse über die bilanzmäßige Be-
schaffenheit und Güte des gesamten Status der Notenbank. Es
mögen daher die wechselseitigen Beziehungen zwischen Aktiv- und
Passivseite einer analytischen Betrachtung unterzogen und die Ein-
wirkungen des Krieges auf ihren Liquiditätsgrad hin geprüft werden.
Hierzu sollen vier Bilanztage herausgegriffen werden, die nach ihrer
seitlichen Richtung vielleicht besonders geeignet sein dürften: 24. Juli
1914 — 29. Juli 1915 — 30. Dezember 1915 —3. August 1916 (S. 48 u. 49).

Als Grundlage, auf die alle anderen aktiven Postengruppen bezogen
werden, dienen die Verbindlichkeiten, also die Passiva, soweit sie die
Notenbank zur sofortigen Realisierung verpflichten. Zu ihnen zählen
der Notenumlauf und die Guthaben des Staates als auch der Privaten,
die daher in einen Posten zusammengezogen werden müssen. Die Giro-
guthaben sind deshalb in den Posten „Gesamtverpflichtungen“ einzu-
rechnen, da sie jederzeit ganz in Noten realisiert Werden können. Die
Aufstellung ergibt für diese passiven Bestandteile in der Bilanz vom

24. Juli 1914.......7	256,00	Mül.	Frcs.

29.	Juli 1915......15	193.00	,.	..

30.	Dezember 1915	.	.	15 597.°°	..	..

3. August 1916	...	18 433.0°	»	»

Diesen Verbindlichkeiten der Notenbank stehen als Deckung die
Aktiva gegenüber. Sie können in 3 Liquiditätsschichten eingeteilt Werden.

Zur ersten Schicht zählen Gold (hier auch das „Gold im Auslande“),
S;lb r und die „Guthaben im Auslande“. Der letzte Posten setzt sich

M a. a. O. 1914, S. 7.
        <pb n="65" />
        ﻿48	Erwin Respondek,

Liquiditätsschichten des Wochenausweises vom 24. Juli 1914.

Gesamt-Verbindlichkeiten	Greifbare Aktiven:			Deckungs-  verhältnis  &gt;°%
Notenumlauf . 5911,90 Guthaben: Priv. 943,00 Guthaben: Staat 400,60	I. Gruppe:  Gold	4104,00  Silber	639,60  Guthaben im Ausland .	—	I. u.  II. Gruppe	I. u. II. u, III. Gruppe	
Ges.-Verbindl. . 7255,50	4743,60				65,40
	II. Gruppe:  unv. Wechsel	1541,00  Morat.-Wechsel ....	—  Vorschüsse	 739,4°			
	2280,40  Summa d. I. Gruppe . 4743,60			
Ges.-Verbindl. . 7255,50	7024,00				96,90
	III. Gruppe  Vorschüsse an den Staat 204,90 Vorschüsse an Verbünd. —			
	204,90  Summa d. I. u. II. Gruppe 7024,00			
Ges.-Verbindl. . 7255,50	7228,90				99,60

Liquiditätsschichten des Wochenausweises vom 29. Juli 19x5.

Gesamt-Verbindlichkeiten	Greifbare Aktiven:			Deckungs-  verhältnis  in %
Notenumlauf . . 12 592,50 Guthaben: Priv,. 2379,90 Guthaben: Staat	221,00	I. Gruppe:  Gold	4129,30  Silber	368,00  Guthaben im Ausland .	893,20	I. u.  II. Gruppe	I. u. II. u. III. Gruppe	
Ges.-Verbindl. . 15 193,4°	5390,50				35,50
	II. Gruppe:  unv. Wechsel	289,90  Morat.-Wechsel .... 2140,20 Vorschüsse	590,80			
	3020,90  Summa der I. Gruppe . 5390,50			
Ges.-Verbindl. . 15 193,40	8411,40				55,4°
	III. Gruppe  Vorschüsse an den Staat 6500,00 Vorschüsse an Verbünd. 310,00			
	6810,00  Summa d. I. u. II. Gruppe 8411,40			
Ges.-Verbindl. . 15 193,40	15 221,40			100,20
        <pb n="66" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

49

Liquiditätsschichten des Wochenausweises vom 30. Dezember 1915.

Gesamt-Verbindlichkeiten	Greifbare Aktiven:			Deckungs-  verhältnis  %
Notenumlauf . . 13 309,00 Luthaben: Priv.. 2 114,00 Luthaben: Staat	174,00	I. Gruppe:  Gold	5015,00  Silber	352,00  Guthaben im Ausland . 1057,00	I. u.  II. Gruppe	I. u. II. u. III. Gruppe	
Ges.-Verbindl. . 15 597,00	6424,00			41,20
	II. Gruppe  Wechsel, unv. u. Morat. 2263,00 Vorschüsse an Private . 1148,00			
	34H,00  Summa der I. Gruppe . 6424,00			
Ges.-Verbind!.	. 15 597,00	9835,00			63,00
	III. Gruppe  Vorschüsse an den Staat 5200,00 Vorschüsse an Verbünd. 630,00			
	5830,00  Summa d. I. u. II. Gruppe 9835,00			
Les.-Verbind!. . 15 597,00 |	15 665,00 j 100,40  Liquiditätsschichten des Wochenausweises vom 3. August 1916.				
Gesamt-Verbindlichkeiten	Greifbare Aktiven;			Deckungs- verhältnis in %
JfoteanoUnuf . . 16197,00  c,,^en: Priv.. 2158,00  1 haben; Staat	78,00	I. Gruppe:  Gold	 4793.0°  Silber	 339.°°  Guthaben im Ausland .	508,00	I. u.  II. Gruppe	I. u. II. u. III. Gruppe	
J^-'Verbindl. . 18 433,00	5640,00			30,50
	II. Gruppe:  Wechsel, unv. -f- Mor. . 1905,00 Vorschüsse an Private . 1177,00			
	3082,00  Summa der I. Gruppe . 5640,00			
^Verbindl. . 18 433,00	8722,00			47,30
	III. Gruppe:  Vorschüsse an den Staat 8500,00 Vorschüsse an Verbünd. 1220,00			
	9720,00  Summa der I. u. II.Gruppe 8722,00			
s* Verbind!.	. 18 433,00	18 442,0			100,40

Respondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.	4
        <pb n="67" />
        ﻿50

Erwin Respondek,

zum weitaus größten Teile aus den nach dem Auslande überwiesenen
Goldbeträgen und Zinsgutschriften aus den im Auslande investierten
Kapitalien zusammen. Er dient als Grundlage für die von der fran-
zösischen Regierung direkt aufgenommenen Kredite, ist allerdings
nur dann ein liquides Aktivum, wenn die Auslandsschuld abgedeckt
ist. Dennoch kann dieser Posten unter Beachtung dieser Einschränkung
in die erste Schicht eingereiht werden. Das „Gold im Auslande“ möge
unter Berücksichtigung der Ausführungen dennoch zu den Aktiven
hinzugezählt sein.

Diese erste Gruppe der Aktiven deckt die Gesamtverbindlichkeiten
mit den in der Tabelle berechneten Prozentverhältnissen.

In der zweiten Schicht sind die Wechsel- und Lombarddarlehen
aufzuführen. Sie stellen unter dem Sammelbegriff „bankmäßige Anlage“
einen wesentlichen Liquiditätsfaktor dar. Sind gegen die kurzfristigen,
an den Verfallstagen einzulösenden Wechsel und die Lombarddarlehen,
deren Laufzeit gleichfalls relativ kurz befristet ist, keine Bedenken einzu-
wenden, so legen die vom Moratorium betroffenen Wechsel die Frage ihres
wirklichen Wertes für eine Notenbank vor. Zweifellos steht fest, daß die
Bank durch die Garantieübernahme des Staates für etwaige Ausfälle
vor einem endgültigen Schaden bewahrt wird. Dann ist zu beachten,
daß diese Wechsel das Akzept oder Indossament von Banken und erst-
klassigen Geschäftsleuten tragen, die im Notfälle die ersten, vielleicht
fallierten, Schuldner ersetzen können. Eine Sicherheit für die Einhaltung
ihrer wechselmäßigen Verpflichtungen hat die Notenbank zum Teil
ihnen gegenüber zur Not in den Guthaben, deren sie sich bedienen kann,
bis die Wechselverpflichteten die Wechsel einlösen. Zweifelhaft kann
es nur bleiben, ob die dem gesetzlichen Moratorium unterworfenen Wechsel
als ein leicht realisierbares Aktivum zu betrachten sind. Ihr innerer Wert
ist nicht schlecht, aber sie sind nicht zu realisieren, da der Verpflichtete
bei ihrer Präsentation die Einlösung unter Berufung auf die gesetzliche
Zahlungsstundung verweigern kann, und die Notenbank also nur auf den
guten Willen und freiwillige Bereitschaft angewiesen wäre. Aus diesen
Gründen müssen sie in die Liquiditätsberechnung nur mit Vorsicht
hineinbezogen werden, sollen aber berücksichtigt sein, da es sich bei
den Berechnungen nur um eine Veranschaulichung handelt.

Vorschüsse an den Staat und die Verbündeten bilden die dritte
Liquiditätsschicht. Das Vertrauen zu diesem Posten entbehrt keineswegs
jeder realen Grundlage. Die Frage: „Wer deckt den Staat", ist leicht
zu beantworten. Ihn deckt das ganze Land, das gesamte Nationalver-
mögen und die Arbeitskraft seiner Untertanen, mit ihm ist Bestehen
und Vergehen aller Güter und Werte verbunden. Die Vorschüsse an die
Verbündeten und befreundeten Nationen gehen für Rechnung des fran-
zösischen Staates. Ein Ausfall geht hier nicht zu Lasten der Notenbank,
wird vielmehr von der Regierung getragen.

Das in Prozenten ausgedrückte Deckungsverhältnis der drei Gruppen
zu den gesamten Verbindlichkeiten zeigt als charakteristisches Merk-
        <pb n="68" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.	gj

mal eine unverkennbare Verschlechterung während der ganzen Kriegs-
dauer.

An den ersten der gewählten vier Ausweistagen war die Deckung
durch Gruppe I:

Am 24. Juli 1914 . . 65,4 %

„	29. Juli 1915 . . 35,5%.

Die immerhin merkliche Steigerung am 30. Dezember auf 41,2 %
ist eine Folge der vorangegangenen Goldanhäufungs-Propaganda und
daher nicht etwa als Sympton einer dauernden Verbesserung aufzufassen.
Der Rückschlag blieb nicht aus, und die Deckung war bald, am 3. August
1916, auf 30,5 % gesunken.

Die gleiche Bewegung zeigen die Deckungsziffern der Gruppen I
und II. Sie waren am

24- Juli 1914 .... 96,9 %

29.	Juli 1915 .... 55,4%

30.	Dezember 1915. . 63,0%

3. August 1916	. . 47,3 %

Stehen alle drei Gruppen den Verbindlichkeiten gegenüber, so
halten sich beide das Gleichgewicht.

Die Bank von Frankreich ist reine Kriegsbank. Allein ihre Aufgabe
besteht keineswegs nur in der Finanz- und Kreditpolitik. Auch die
Währungspolitik liegt in dem Kreise ihrer Aufgaben als Zentral-
notenbank. Wenn die Kaufkraft des Franken im Innern und am Welt-
märkte erschüttert wird, entstehen für den Handel Schwierigkeiten
und Verluste. Hier gilt es also, die nationale Wirtschaft als Ganzes
vor sich selbst und gegen das Ausland zu schützen.

Mit der Notenbank ist das Wort „Währung“ untrennbar verbunden,
und wenn über ihre wichtigsten und grundlegenden Arbeiten geschrieben
wird, so tritt es immer wieder hervor: „Die Währung ist von ihr aufrecht
zu halten“, „Währung ist ihre höchste und schwerste Aufgabe“ u. a. m.

Auch auf dem Gebiete der Währung bringt der Krieg innerhalb
der eigenen Grenzen eines jeden Staates und im Verkehr mit den anderen
Ländern tiefgreifende Änderungen hervor. Es ist einerseits eine allseitige
und rasche Steigerung der Güterpreise im Inlande zu beobachten und
dann eine Steigerung der ausländischen Zahlungsmittel, Wechsel und
Schecks im Innern, der auf der anderen Seite ein Sinken der heimischen
Zahlungsmittel im Auslande entspricht. Diese beiden Erscheinungen,
die für die einzelnen Staaten verschieden intensiv auftreten, deren
ursächlichen Gründe aber im Prinzip doch die gleichen sind, wirken auch
in Frankreich, obwohl es in den ersten Kriegsmonaten ihre volle Wirk-
samkeit noch nicht zu fühlen bekam.

Das Problem der Preissteigerung im Innern des Landes
findet seine Lösung in der Analyse zweier Faktoren: einmal in den Ver-
schiebungen in der Produktion und Konsumtion und dann in der Noten-
emission.

4
        <pb n="69" />
        ﻿5z

Erwin Respondek,

Frankreich stehen gegen 9/10 seiner Gesamtbodenfläche zur Be-
bauung frei, die Hochstraßen des Weltverkehrs sind für die Handels-
schiffahrt geöffnet, so daß die heimische Produktion ohne besonders
empfindliche Einschränkung vorwärts gehen, und die Industrien, land-
wirtschaftliche und andere Betriebe mit Rohstoffen und sonstigen wirt-
schaftlich notwendigen Gütern wohl versorgt werden können. Dennoch
erfahren die Preise für die verschiedensten, allgemein notwendigen
Nahrungsmittel, Gebrauchsgegenstände und Friedensartikel aller Art
starke Erhöhungen. Im Oktober 1914 gab die „Union syndicale des
Restaurateurs de Paris et du Departement de la Seine“ bekannt, daß
die Gesamtheit der Lebensmittel seit Kriegsbeginn um 25—80 % ge-
stiegen sei. Hiergegen wäre noch das Ergebnis der Untersuchungen
des Franzosen Souchon bekanntzugeben. Er stellt fest, daß die Haus-
haltungsmittel eine Steigerung von 26—29 % erfuhren1). Immerhin
ist die Tatsache festzuhalten, daß eine empfindsame Steigerung des
Preisniveaus eingetreten ist, was später durch amtliche Angaben des
Pariser Polizeipräfekten bestätigt wird.

Es notierten Ende Oktober 1915 (pro kg):

Preissteigerung einiger wichtiger Nahrungsmittel
und Bedarfsgüter2).

	Frcs.	Steigerung gegen 1913 0/  JO		Frcs.	Steigerung gegen 1913 %
Brot . . .	0,45	20,00	Rindfleisch . . .	2,40	71,4
Butter . . .	4,40	22,2	Schweinefleisch .	2,30	28.5
Kartoffeln .	0,20	33,3	Speck		2,60	30,00
Kohl . . .	0,24	243,00	Heringe (100) . .	28,00	180,00
Karotten .	0,20	100,00	Kohle (150 kg) .	11,00	103,7
Käse . . .	1,05	50,00	Petroleum (I) . .	0.75	36.4
Eier (Dtzd.)	2,00	33.3			

Um sofort auf die tatsächlichen Gründe jener offensichtlichen
Preissteigerung einzugehen, ist eine sorgfältige Betrachtung der Ver-
änderungen der beiden fundamentalen, preisbildenden Faktoren —
Angebot und Nachfrage — durchzuführen. Das Angebot
wurde stark vermindert, da zunächst die effektive Produktion einge-
schränkt ist. So fiel die Ernte von Brotgetreide kleiner aus als in Friedens-
jahren. Die Bubauungsfläche weist im Jahre 1915 eine Verminderung
von 1,5 Mill. ha auf8). Hierzu kommt als ein großes Hindernis das Fehlen
des geschulten und erfahrenen Landarbeiters, der durch Frauen- oder
Kriegsgefangenenarbeit nicht voll ersetzt werden kann. Darunter leidet * 2 3

9 L'Economiste Frangais: Discussious de la Socicte d’Economie politique de Paris
Nr. 5, 27. Jan. 1916, S. 135.

2)	Entnommen aus einer Zusammenstellung der Dresdner Bank: Die Wirt-
schaftlichen Kräfte Deutschlands im Kriege. S. 10.

3)	Irn Jahre 1912 war die Gesamtanbaufläche 368 Mill. ha.
        <pb n="70" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

53

aber auch die sorgsame und rationelle Bestellung der Felder. Einige
Ziffern mögen die absolute Abnahme des Ernteertrages bei einigen
Bodenerzeugnissen im Jahre 1915 gegenüber den Jahren 1913 und 1914
näher beleuchten.

Ernteerträgnisse und Viehbestand 1913, 1914 und 1915.

	1913	1914	1915
i. Getreide (in Mül. Ztr.)1)		?	?	?
z. Kartoffeln (in Milk Ztr.)		136	120	190
3. Zucker (in Milk Ztr.)		59	38	15
4- Wein (in hl)		?	56,0	28
5- Viehbestand:			
Ochsen, Kühe, Kälber (in Stück) . . .	14,7	15	12

Die Zahlen beweisen einen Tiefstand in der Produktion der Land-
wirtschaft und erklären so schon allein die Preiserhöhungen. Aber auch
im Industriebetrieb hat die Produktion eingeschränkt werden müssen.
Millionen der kräftigsten und geschicktesten Hände sind im Felde und
damit der Güterproduktion selbst entzogen, und dieser Mangel an ge-
schulten Arbeitskräften ist auch hier durch die Hilfskräfte nicht zu
ersetzen. Dann sind weiterhin die Produktionskosten beträchtlich
gestiegen. Fast alle Materialien und Rohstoffe werden durch empor-
geschnellte Frachtsätze verteuert. Zudem sind die wichtigsten Roh-
stoffe — Kohle und Eisen — in den Händen des Feindes, die anderen,
nicht minder bedeutsamen, wie Baumwolle, Gummi, Erze, nur unter
hohen Transport-, Versicherungs- und anderen Opfern ins Land
hereinzuholen. Einen weiteren bedeutenden Faktor in der Warenpreis-
Kalkulation stellt der gestiegene Arbeitslohn dar, der in die Höhe gesetzt
werden muß, da doch Lebensmittel und die vielen anderen für den Arbeiter
notwendigen Bedarfsartikel auch im Preise gestiegen sind. Schließlich
sei nicht das privatwirtschaftliche Gewinninteresse des inländischen
Produzenten vergessen, der trotz Krieg und Kriegsnot sich an dem
durch den Weltkrieg entfachten Herdfeuer seines Landes recht gut
zu erwärmen versteht. Diese Nutznießer treiben ihre Preispolitik in

*) Nach einer neueren statistischen Angabe über die Ernteergebnisse der letzten drei
Jahre tritt die absolute Abnahme deutlich hervor. Von der Gesamtfläche Frankreichs,
auf der Halmfrüchte angebaut werden, sind etwa 7% % besetzt. Im einzelnen wurde ge-
watet in Milk Tonnen:

Jahr	Weizen	Roggen	Gerste	Hafer
1913	8,8	1.3	1,1	5,4
1914	7,9	1,3	1,1	4,7
1915	6,5	1,1	0,8	3,7

Vgl. Weltwirtschaftliches Archiv, Chronik und Archivalien, Bd. 8, Oktober 1916,
H- 3, S. 400.
        <pb n="71" />
        ﻿54

Erwin Respondek,

einer Zeit der loseren Gesetzes- und Wirtschaftsordnungen weit rück-
sichtsloser und gewissenloser als in friedlichen Tagen.

Nun steht andererseits dem verminderten Angebot eine erhöhte
Nachfrage gegenüber. Nicht allein der Krieg als der „größte Konsument
und größte Verbraucher“1) zieht gewaltige Mengen an sich, sondern
auch die Bedürfnisse der hinter der Front Lebenden sind gewachsen.
Sie zu befriedigen, erfordert einen großen Aufwand von Kraft und Ma-
terialien, vor allem eine stete Erneuerung dieser beiden Elemente, da
die Armeen große Verschwender von Munition und Waffen sind, Mensch
und Vieh im Felde Kleidung, überreichliche Ernährung u. a. m. not-
wendig brauchen. Volkswirtschaftlich gedacht, durchaus nicht zu pro-
duktiven Zwecken verwandt und damit durch die reine Konsumtion von
großem Einfluß auf Vorrat, Produktion und letzten Endes dann auf den
Preis.

Dies dürften in erster Linie die preissteigernden Faktoren sein,
die dem Konsumenten die notwendigen Güter verteuern.

Von erheblicher Bedeutung ist ein Hinweis des Präsidenten
der Handelskammer von Marseille, der noch einen anderen preis-
steigernden Faktor ins Feld führt. Er schildert vor der „Societe d'Eco-
nomie politique de Paris“ die vielen Schwierigkeiten, die er zu über-
winden hatte, um Marseille mit dem notwendigen Getreide zu versehen* 2).
Seine Untersuchungen und praktischen Erfahrungen, die er hierbei
machte, ließen ihn pu dem Urteil gelangen, daß die unberechtigte Aus-
schaltung des berechtigten Zwischenhandels, mit eine der bedeutsamsten
Ursachen für die augenblickliche Teuerung sei. Er fand mit seinen Aus-
führungen Beifall und sein Urteil erfuhr allseitige Zustimmung3).

Als sekundäre Ursache kann die Vermehrung der Banknoten ange-
sehen werden. Die stete Emission ist, wie bereits ausgeführt, die Folge
einer ununterbrochenen Inanspruchnahme der Notenbank durch den
Staat zur Finanzierung des Krieges. Alle Güter für Heer und Flotte
zahlt der Staat mit Banknoten. Er gibt also Papiergeld und empfängt
effektive Güter. Güter für die Ernährung, Kleidung der Mannschaften,
Munition, Waffen, Pferde, Wagen, Automobile, usf., kurz alles das,
was zur Führung des Krieges gehört. Den Gegenwert für diese tausend-
fachen Kriegsbedarfsgegenstände kann der Staat vorläufig nur in An-
weisungen auf die Zukunft, in Noten liefern. Im Augenblick sollen
also hier zweifellos diese Noten effektive Leistungen des Staates dar-
stellen und erster Ersatz der von den Privatwirtschaftenden hingegebenen

') Plengc, Krieg und Volkswirtschaft. München 1914. S. 40 ff.

2)	L’Economiste Franpais 1916, S. 136.

3)	Es ist dies ein um so interessanteres und beachtenswerteres Eingeständnis, als
gerade die kriegswirtschaftlichen Entwicklungen ein von Schär schon früher generell aus-
gesprochenes Urteil über den legitimen Handel vollkommen bestätigen. Schär vertritt
die Ansicht, daß der Handel ein unumgänglich notwendiges Glied im Wirtschaftsleben
ist, aber seine Daseinsberechtigung nur finden kann und darf, wenn er nützliche
Dienste leistet. Das Gleiche gilt für den Zwischenhandel. (Handelsbetriebslehre Teil I,
S. 214 ff und Der soziale Handel. Berlin 1916.)
        <pb n="72" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

55

Konsumtivgüter sein. So können die Noten auch nicht aus dem Ver-
kehr verschwinden, sondern bleiben im Besitz der Produzenten. So-
lange nun diese Noten aufbewahrt werden, haben sie auf die Inlands-
preisbildung keinen Einfluß, da sie ihren schädlichen Einfluß vom Tresor
aus, in dem sie aufbewahrt sind, nicht ausüben können. In dem Augen-
blick aber, wo die Notenhingabe über das Maß der Thesaurierungskraft
und den Thesaurierungswillen der einzelnen Besitzer hinausgeht, bleiben
die Noten im Verkehr. Hierzu kommt, daß trotz einer Übersättigung
des Verkehrs und der anhaltenden Notenausgabe die Losung ausgegeben
wurde: heraus mit den Noten aus den häuslichen Notenschatzspeichern.
Dieser Ruf wurde erhört und die losgelösten Noten flössen in den Ver-
kehr. Nunmehr drangen die Noten aus zwei Quellen und begannen
vereint ihren verhängnisvollen Einfluß auf die Preise und weiterhin
auf die Währung auszuüben. Es entspricht aber nicht vollkommen der
Wirklichkeit, wollte man diese Beeinflussung von Preis und Währung
allein auf die Mahnungen der leitenden Organe, die thesaurierten Noten
herauszubringen, zurückführen und sie ihnen belasten1). Einmal mußte
der Zeitpunkt kommen, an dem die Privatwirtschaften ihre Noten ab-
stoßen würden, gleichgültig ob eine öffentliche Anregung diesen Vorgang
begleitete oder nicht. Denn die Produzenten und Händler können die
empfangenen Noten nicht ewig in ihrem Portefeuille aufbewahren,
vielmehr müssen sie hiervon ihren eigenen Aufwand bestreiten, Löhne,
Gehälter ihrer Angestellten zahlen, Rohstoffe und Produktionsmittel
jeder Art kaufen und so die empfangenen Noten dennoch einmal in Um-
lauf setzen. Diese Dezentralisation ruft in den Volksschichten allmählich
eine gesteigerte Kaufkraft hervor, einen Uberschuß an Geldmitteln.
Hieraus resultiert eine Wertverminderung des Geldes, die zunächst
in einer Erhöhung der Warenpreise ihren Ausdruck finden muß.

Es würde verfrüht sein, schon jetzt ein abschließendes Urteil über
die ausschlaggebende Ursache der Preissteigerung der inländischen
Waren zu fällen, vor allem zu entscheiden, inwieweit die einen oder
anderen Faktoren überwiegen. Jedoch ist heute ohne Fehlschluß die
Meinung zu vertreten, daß sowohl die gezeichneten wirtschaftlichen
Verhältnisse, als auch die starke Notenemission ihre Einflüsse geltend
gemacht und zu preissteigernden Wirkungen geführt haben.

Das Problem der Währung liegt noch auf einem zweiten Gebiete:
auf dem der weltwirtschaftlichen Beziehungen Frankreichs, dem
internationalen Markte, auf dem der Wert aller nationalen Tausch- und
Geldmittel steten Schwankungen ausgesetzt ist. Als äußerer Wertmaßstab
für die Kaufkraft des französischen Franken dient die Devise. Minder-
wert oder höherer Wert der Währung finden an der Höhe des Kurses
der Devise in Beziehung auf den Paristand ihren sichtbaren Ausdruck. Dem
Sinken des Devisenkurses kommt eine Verschlechterung des Geldwertes und
dem Steigen die Überwertung des Geldes gegenüber anderen Geld-
systemen gleich. Auf diese Vorgänge am internationalen Devisenmärkte

') Lansburgh, a. a. O. S. 701.
        <pb n="73" />
        ﻿Erwin Respondek,

56

hat somit die Bank von Frankreich als Führerin und Hüterin der
Währung zu achten, um Schäden abzuwenden und Vorteile auszu-
nutzen.

Nach Ausbruch des Krieges und während der ersten 6—8 Monate
seiner Dauer bedurfte die französische Währung keines Schutzes. Die
Gläubigerrolle, die Frankreich in der ganzen Welt spielt, ließ den Ge-
danken an eine etwa mögliche Gefährdung der Valuta überhaupt gar
nicht aufkommen. Frankreichs Zahlungsbilanz war an sich auch in ruhigen
Zeiten immer aktiv, und sie hat in den letzten Friedensmonaten durch
die energische Heranziehung von Auslandsguthaben aus einer Reihe
von Schuldner-Staaten noch erheblich an innerer Festigung und hoher
Aktivität gewonnen. Mit der Verwicklung Frankreichs in den Krieg ward
es klar, daß in Kürze sicherlich auch die restlichen, kurzfristigen Gut-
haben zur Ablösung herangezogen würden, was infolge der Ungewißheit
über die Möglichkeit, hierfür einen neuen Gläubiger zu finden, den
fremden Staaten reichlich Nahrung zur Überwertung der Frankendevise
gab. Devise Paris war an den Hauptbörsenplätzen gesucht und stand
bald über Pari. Auch der Pariser Devisenmarkt bot bei Ausbruch des
Krieges das Bild einer aktiven Zahlungsbilanz. Alle fremden Valuten
erfuhren Erschütterungen. Devisen auf die Mehrzahl der Länder waren
überhaupt nicht negozierbar. Pfund Sterling und Dollar erlitten in
ihrer Bewertung einen heftigen Sturz. Sie notierten für längere Zeit
unter Pari:

Parität	Kurs

Pfund Sterling .	.	25,22	24,00

Dollar........... 5,18	4,50

Wechsel und Schecks in Pfund Sterling oder Dollars waren an der
Börse und in den Pariser Banken nicht zu realisieren. Sie verpflichteten
zwar erstklassige Londoner und New Yorker Firmen, wurden aber den-
noch von den Banken zurückgewiesen. Die Pariser Blätter berichten,
daß Pfund Sterling, also das Standardgeld der Welt, in keiner Bank zu
wechseln war. Und gerade in jene erste Zeit fallen die ersten patrioti-
schen Bestrebungen, die Gelegenheit wahrzunehmen, die sich Frankreich
bietet, um Deutschlands Platz im internationalen Handel einzunehmen,
die Arbeitstätigkeit im Inlande wieder zu beleben, und den Anteil Deutsch-
lands am Welthandel für immer an sich zu reißen und zu behalten. Es
ist verständlich, daß in der hohen Begeisterung die Schwierigkeiten eines
solchen Beginnens nicht gesehen und gewürdigt wurden, Hindernisse,
denen sich klardenkende Köpfe nicht verschließen konnten, aber den-
noch wollten. So machte man sich auch gar nicht klar, daß ein inter-
nationaler Handel nicht möglich ist, so lange u. a. die internationalen
Zahlungsmittel, Wechsel, Schecks und Anweisungen nicht Wieder ungo
stört ihre Funktionen erfüllen können.

Das Chaos am französischen Devisenmärkte durfte nicht lange
anhalten. Kriegsnotwendigkeiten zwangen zur Disziplinierung und
schrieben den Weg vor, in welcher Weise der Eingriff zu erfolgen hatte.
        <pb n="74" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

57

Durch die Notenbank wurde die Situation des wirtschaftlichen Ge-
triebes bald erfaßt, und sie begann planmäßig mit dem Ankäufe von
Auslandswechseln. Schon vorher drangen von vielen Seiten Anregungen
zur Regierung, der Staat möge durch Vermittlung der Bank von Frank-
reich die unverkäuflichen Wechsel aufnehmen. Es wurde hierbei auf
die bevorstehenden Bezahlungen der ersten englischen Kupferlieferungen
und amerikanischen Getreide- und Petroleumlieferungen hingewiesen
und gefordert, daß die Regierung Kupfer, Getreide und Petroleum mit
laufenden Wechseln begleiche, und man bezeichnete es als einen höchst
unökonomischen Zug, sie mit dem Golde der Notenbank zahlen zu wollen,
während jene Devisen mit 2—3 % Prämie in reichlichem Maße aufzu-
kaufen seien. Die Presse war unermüdlich bestrebt, Aufklärungen über
den Wert der Devisen zu geben und forderte von den Banken eine
aktive Betätigung zum Ankauf der Auslandswechsel. Auf alle diese
Bestrebungen folgte die Tat aber nur in beschränktem Umfange. Re-
gierung und Banken entschuldigten ihre Passivität mit dem Hinweis auf
den möglichen Verlust dieser übertragbaren Papiere durch Besitzergreifung
deutscher Kreuzer auf hoher See! Dann hätten sie den Schaden zu
tragen! Natürlich ist dieser Vorwand nicht haltbar. Für die Verschiffung
von Gold besteht eine noch viel größere Gefahr, da Gold doch Konter-
bande ist. Die Notenbank hatte daher bald, obgleich sie sehr stark
von anderen Arbeiten überbürdet war, den Ankauf der Devisen über-
nommen, den Inhabern kreditiert und ihnen nach Eingang der Zahlung
in London oder New York den Gegenwert ausgehändigt.

Ihr Eingreifen führte in kurzer Zeit dahin, daß am Pariser Wechsel-
markt langsam ruhige Bewertungen der fremden Wechsel eintraten.
Pfund Sterling, Dollars, Schweizer Franken, holländische Gulden und
skandinavische Kronen näherten sich allmählich der Parität.

Auf dem Weltmärkte verschwand inzwischen das Agio für den
Btanken, und es waren keine bemerkenswerten Ereignisse auf dem Gebiete
der Währung zu verzeichnen, die etwa auf eine Gefahr für den Franken
hindeuten konnten. Einige Zeit später schwankte seine Bewertung
etwas stärker, sie ging auch bisweilen unter Pari. Das Disagio betrug
aher nicht mehr als durchschnittlich 1 % und war damit im Vergleich zu
den anderen Währungen — für Kriegsbegriffe — durchaus normal.

Die ruhige und gleichmäßige Entwicklung der Devisenkurse konnte
aych nach der ersten Durchbrechung des mystischen Dunkels, das die
Notenbank sofort nach Kriegsausbruch durch die Nichtveröffentlichung
ihrer Wochenausweise um sich hüllte, nicht merklich gestört werden.
Am 1. Oktober 1914 gab der Finanzminister die wichtigsten Mitteilungen
über den Status der Notenbank. Der Notenumlauf wies eine gewaltige
Steigerung vor. Er war am

31. Juli 1914	.... 5,9 Milliarden Frcs.

x. Oktober 1914. . . 9,3	»	»

d- h. er erreichte eine Zunahme von 3,4 Milliarden Frcs., und seine Gold-
deckung war 44 %. Über 9,5 Milliarden Frcs. Noten ruhten auf einem
        <pb n="75" />
        ﻿58

Erwin Respondek,

Goldbestand von 4 Milliarden Frcs. Sofort schwirrten in einigen Köpfen
die kühnen Worte: Inflation, Zettelwirtschaft u. ä. m. umher. Etliche
zogen Parallelen mit den Jahren der Revolution und prägten auch für
die heutige Zeit das Schlagwort der Revolutionszeit: Assignatenwirt -
schaft. Schon wurde Frankreich finanziell besiegt, der Staatsbankerott
wurde für unvermeidlich erklärt, kurz der Zeitungspresse-Stab wollte offen-
bar dem deutschen militärischen Generalstab an Schnelligkeit und Treff-
sicherheit nicht nachstehen! Dennoch brach die Geldwirtschaft Frank-
reichs, die nach den Schilderungen der Tagespresse eine wahre polnische
Wirtschaft sein mußte, nicht zusammen. Im Gegenteil! Die Wechsel-
kurse, jene Barometer der nationalen Kraft und Güte, blieben konstant
und waren zum Teil sogar gestiegen, auch als der Notenumlauf im Februar
1915 auf nahezu 11 Milliarden Frcs. angewachsen war und durch einen
Goldbestand von 4,2 Milliarden Frcs., d. h. zu 39 % in Gold gedeckt
wurde. Diese Tatsachen scheinen alle jene Theorien zu erschüttern,
die als erstes Gesetz den Satz aussprechen, das Geld erhalte seine Zahl-
kraft und seinen inneren Wert vom Metall. Der französische Staat schuf
doch unentwegt und in großen Mengen neues Geld und preßte es nach
seinen Bedürfnissen in den Verkehr hinein. Auf der Gegenseite haben
die Noten sich tatsächlich volle Geltung verschafft. Denn dieses neue
Papiergeld wird dem Golde äquivalent gehalten: Dies beweist nichts
besser, als das Verhalten von Groß und Klein, die in hohem Maße ge-
waltige Mengen Noten thesaurierten und mit ebenso inniger Sorgfalt
und Liebe aufbewahrten wie Goldmünzen. Für den internationalen
Geldmarkt gelten diese Überlegungen jedoch nicht in vollem Umfange.
Auf die Dauer wird eine unbeschränkte Notenemission nicht ohne Wir-
kungen auf die internationale Bewertung des Franken bleiben können,
wenn auch der Notenumlauf allein auf seinen inneren Wert nicht be-
stimmend und entscheidend einwirkt.

Im März des Jahres 1915 — d. h. also im achten Kriegsmonat —
setzte an der Pariser Börse eine Höherbewertung der ausländischen
Wechsel ein, die im Vergleich zu den bisherigen Notierungen eine ge-
wisse Bestürzung hervorrief. Das Pfund Sterling, der Dollar, Gulden,
Schweizer Franken, die Peseta u. a. wurden zu immer höheren Kursen
nachgefragt. Die Kurse stiegen rasch in die Höhe, und parallel mit dieser
Erscheinung fielen die Kurse der Franken-Devise an den Börsenplätzen
befreundeter und neutraler Staaten ebenso rasch in die Tiefe.

Am 10. März 1915 notierten:

x. London..........

2.	New - York......

3.	Schweiz.........

4.	Holland.........

5.	Skandinavien ....

6.	Spanien.........

und schon nach etwa 3 Monaten, am

1.	London..........

2.	New - York......

G.	B.

25,25—25,35
5.23%—5,28 y2

101,00—103,00

209,00--211,00

127,00--132,00

5,10—5,20

3. Juni 1915 erreichten sie:
25,91 %—-26,06 Vz
5&gt;3°/4—5&gt;48/4
        <pb n="76" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

59

G. B.

3.	Schweiz.......... 102%—104%

4.	Holland.......... 216,00—218,00

5.	Skandinavien . . . .	140,00—144)4

6.	Spanien.......... 5,14—5,25

Und in den Monaten Juni bis September herrschte an der Pariser
Börse eine stürmische Nachfrage nach Devisen auf alle Plätze, und das
aus natürlichen Gründen geringe oder spekulativ Zurückhaltung übende
Angebot verstärkte noch die Tendenz nach oben.

Es setzte schließlich eine sprunghafte Steigerung ein, die zu fast
unerhörten Kursständen führte. England erlangte bald 28 %, und die
Schweizer sahen ihren Franken mit 112—114 % bewertet. Auf den hol-
ländischen Gulden schien eine geradezu stürmische Jagd eingesetzt zu
haben. Er sprang von Stufe zu Stufe. Einige Etappen der Nachfrage
mögen hier wiedergegeben sein:

Geldkurse.

Parität 100 fl. = 208,32 Frcs.

1915

3. Juni..............216,00

10.	Juni.............217,00

24. Juni.............218,00

I. Juli..............220,00

8.	Juli..............223,00

29. Juli.............227,00

5. August............228,00

12. August...........232,00

19. August	...... 233,00

26. August...........234,50

9.	September .... 238,50

11.	November.........251,50

In den Börsenkreisen herrschte die Überzeugung, daß keine Macht
imstande wäre, das gesamte Kursniveau auf dem einmal sicher nach oben
eingeschlagenen Wege anzuhalten, geschweige wieder eine Senkung zu
erzielen. Die Londoner und New Yorker Devisen erfuhren weiter eine
systematische Steigerung. Schweizer, skandinavische und holländische
Wechsel wurden anhaltend mit Agio gehandelt und sogar Spanien wurde
lange Zeit hindurch mit hohem Aufgelde bezahlt.

Ins Uferlose ist nun diese Bewegung der Devisenkurse nicht gegangen.
Aber wenn auch diesen exorbitanten Devisenpreisen eine gewisse Er-
leichterung folgte, so setzte nach kurzer Zeit wieder eine allmähliche,
aber ununterbrochene Steigerung ein. Die Notenbank vermochte diesem
Auf und Ab, das ohne Zweifel von spekulativen Einflüssen nicht frei
war, nur geringen Widerstand entgegen zu halten. Schließlich griff
sie energischer in diese Bewegungen ein und entschloß sich, zur Abschwä-
chung der gewaltig angestiegenen Devisenhausse mit dem Markte direkt
m Verbindung zu treten und hier ihre das Kursniveau nivellierenden
Verkäufe und Käufe vorzunehmen. Dies war ungemein vorteilhaft,
        <pb n="77" />
        ﻿6o

Erwin Respondek,

da die Bank die Spekulation besser beobachten, berechtigte Forderungen
nach Devisen klarer erkennen und durch ihre Interventionen immerhin
einem plötzlichen Emporschnellen entgegenarbeiten konnte.

Wie fruchtbar und erleichternd ihre Arbeit sein mußte, geht wohl
daraus hervor, daß sie während des Jahres 1915 ihren Kunden und dem
offenen Markte gegen 800 Mül. Frcs. Devisen zur Verfügung gestellt hat.

Noch auf einem zweiten, indirekten Wege suchte die Notenbank
dem Devisenmangel abzuhelfen. Sie plante eine Verbindung der Lon-
doner Stock Exchange mit dem Pariser Platze herzustellen, um die Ar-
bitrage wieder in ihre alten Bahnen zu leiten und ihr die Möglichkeit
des Kursausgleiches zu geben. Durch diese glückliche Verknüpfung
erhoffte die Bank in erster Linie einen regen Devisenaustausch, der für
Frankreich um so vorteilhafter ausfallen würde, als die französischen
Besitzer ihre internationalen Werte an der Londoner Börse verkaufen
und damit wertvolle Grundlagen für Trassierungen schaffen könnten1).
Aber die Londoner Finanzkreise erwiesen sich gegenüber diesen Wün-
schen als zu spröde, und die Notenbank bleibt auf ihre eigene Kraft
und Initiative in der Bekämpfung der Devisenhausse angewiesen.

Wechselkurse an der Pariser Börse.

Zeitpunkt  der		London	New York	Schweiz	Holland
Notierung		Parität: 25,2216	Parität; 5,1826	Parität: 100,00	Parität: 208,32
1914		G.	B.	G.	B.	G.	B.	G.	B.
Juli	15-	25,17—	5,iS	100,00	207,50
Oktober	17-	25,08—25,13	5,05—5,15	99,00—100,00	208,00	212,00
	31-	25,12—25,27	5,io—5,25	98,00—100,00	206,00	210,00
November	II.	25,00	25,15	5,02—5,17	98,00—100,00	207,00—211,00
Dezember	16.	25,01—25,16	5,06—5,21	97,50—99,50	206,00	210,00
1915  Januar	27.	25.04—25,20	5,10—5,25	97,00—99,00	206)4—210)4
Februar	24-	25,26—25,31	5,25%—5,30%	95,00—97,00	210,00	212,00
März	10.	25.25—25,35	5,23%—5,28%	96%—98%	208)4—210)4
	17.	25,342—:*5,41%	5,26%—5,31%	101)4—103%	209,00—211,00
	31-	25,41%—25,51)4	5,28—5,33	97%—99%	210,00	212,00
April	14-	25,45—25,55	5,30—5,35	98%—100%	209,00—211,00
	28.	25,46—25,56	5,30—5,35	99,00	101,00	209,00	211,00
Mai	5-	25.46%—25,56%	5,29%—5,34%	99,00—101,00	209,00	211,00
	II.	25,54—25,64	5,30—5,35	99%—101%	210,00	212,00
	20.	25,75—25,85	5,39%—5,44%	100%—102%	212,00	214,00
Juni	28.	25,83%—25,98%	5,36%—5,46%	101)4—103%	214%—216)4
	3-	25,91%—26,06%	5,38%—5,48%	102%—104)4	2X6,00	218,00
	IO.	25,94%—26,09%	5,38—5,48	102,00	104,00	2 r 7,00—219)4
	17-	25,95—26, ro	5,41%—5.51%	101)4—103%	217,00	219,00
Juli	24.	26,0 7%—26,22%	5,45—5,55	201 %	104%	218,00—220,00
	1.	26,75—26,95	5,61—5,71	103,00—106,00	220,00	225,00
	8.	26,85—27,05	5,60—5,70	103,00	106,00	323,00—228,00
	15-	26,50—26,70	5,53—5,63	103,00—106,00	220%—225%
	22.	26,70—26,90	5,57—5,67	103,00—106,00	222%	227%
	29.	27,00—27,ro	5,65—5,70	I04%—107)4	227,00	230,00
l) Siehe den Geschäftsbericht der Bank von				Frankreich 1915, S. 14.
        <pb n="78" />
        ﻿Frankreichs Bank- und finanzwirtschaft.

6l

Fortsetzung.

Zeitpunkt  der		London	New York	Schweiz	Holland
Notierung		Parität: 25,2216	Parität: 5,1826	Parität: 100,00	Parität: 208,32
1915		G.	B.	G.	B.	G.	B.	G.	B.
August	5-	26,68%—26,83%	5,60%—5,65%	105,00	107,00	227%—230%
	12.	27,51—27,66	5.75—5,85	107,00	110,00	232,00—236,00
	19.	27,65—27,80	5,84—5,94	I07%—110%	233.00	237,00
	26.	27,60—27,70	5,90—6,00	108 %—111%	234%—238%
September	2.	27,50%—27,60%	5,99—6,09	110,00—113,00	235,00	239,00
	9-	27,74—27,84	5,93—6,03%	110,00—113,00	238%—242%
	16.	27,63—27,75	5,82%—5,92%	108%—111%	238,00	242,00
	23-	27.62—27,71	5,80%—5,90%	108%—111%	236,00—240,00
	30-	27.15%—27,25%	5,7o—5,8o	108,00	111,00	234,00	238,00
Oktober	7-	27,25—27,35	5,74%—5.84%	108%—III %	235,00—239,00
	14.	27.39%—27,47%	5,82%—5,92%	109,00	111,00	237,00—241,00
	21.	27.49%—27,59%	5,84—5,92	109%—111%	239,00—243,00
	28.	27,49—27,59	5,9l%—6,01%	IIO%—112%	245%—249%
November	4-	27,61—27,71	5,92%—6,02%	IIO%	112%	246%—250%
	11.	27,84—27,94	5,94%—6.04%	III %—113%	251,00—255,00
	18.	27,65%—27.75%	5,86—5,96	109%—III %	246,00—250,00
	25-	27.75%—27.85%	5,85%—5,95%	110,00	112,00	246%—250%
Dezember	9-	27.59%—27,69%	5,79%—5,89%	109,00	111,00	244%—248%
	16.	27.63%—27,73%	5.80—5,90	IIO%—112%	253,00—257,00
1916	30.	27,72—27,82	5,80—5,90	110%	112% !	255,oo—259,00
Januar	6.	27,78—27,88	5.8o—5,90	112%	114%	258%—262%
	13-	27,80—27,90	5.79—5,89	1II%—113%	258%—262%
	20.	27,88%—27,98%	5,80—5,90	113,00—115,00	258%—262%
	2 7-	27,96%—27.99%	5,83%—5,89%	112,00	114,00	254,00—258,00
Februar	3-	27,70—28,00	5,86—5,92	11I%—113%	247,00—251,00
	10.	28,04—28,10	5,86—5,92	III,00—113,00	247,00—251%
	17-	28,00	28,06	5,85%—5,91%	I1I%—113%-	247,00—251,00
	24.	27,94—28,02	5,83%—5,89%	110%—112%	249,00—253,00
März	2.	28,00—28,05	5,85—5,99	111,00—113,00	248%—252%
	9-	28,10—28,15	5,87%—5,93%	III%—113%	248,00—252,00
	3°-	28,45%—28,50%	5,94—6,00	113%—115%	252%—256%
April	6.	28,53%—28,58%	6,00—6,02	110,00	112,00	248,00—252,00
	13-	28,89	28,97	6,04—6,10	116,00—118,00	259%—261%
	20.	28,29—28,64	5,91%—5,97%	114%—116%	250,00—254,00
	27.	28,26%—28,31%	5.90%—5,96%	113,00—115,00	247%—251%
Mai	4-	28,24%—28.29%	5.90%—5,96%	113,00—115,00	244,00—248,00
	11.	28,24—28,29	5,91—5,97	113,00—115,00	243,00—247,00
	18.	28,21	28,26	5,89%—5.95%	112 %	114 %	244,00—248,00
	25.	28,19%—28,24%	5,89%—5,95%	1I2%—114%	243%—247%
Juni	15-	28,13	28,l8	5,88%—5,94%	m%—”3%	244,00—248,00
	22.	28,13	28,l8	5,88—5,94	111,00-—113,00	243,00—247,00
	29.	28,13—28,18	5,88—5,94	110%	112%	242,00—246,00
Juli	6.	28,11	28,l6	5,87%—5.93%	HO%	112%	243,00—247,00
	12.	28,11—28,16	5,87%—5,93%	111,00—113,00	243,00—247,00
	20.	28,10%—28,15 %	5,87%—5,93%	110,00	112 y2	243,00—247,00
	27-	28,10—28,15	5.87%—5,93%	110 %—112%	243,oo—247,00
August	3-	28,10—28,15	5,87%—5,93%	110%	112%	242%—246%
	10.	28,10—28,15	5.87%—5,93%	HO%—112%	242%—246%
	17-	28,10—28,15	5,87%—5,93%	110%	112%	242,00—246,00
	24.	28,08%—28,13%	5.87—5,93	110,00	112,00	240%—244%
        <pb n="79" />
        ﻿62

Erwin Respondek,

Schon allein nach dem Gesetz der erweiterten Parität folgt aus
der Steigerung der fremden Zahlungsmittel im Innern eine äquivalente
Bewegung des Franken an den korrespondierenden ausländischen Börsen-
plätzen. Und in der Tat erlitt die französische Devise auf dem Welt-
märkte einen Abschlag, der jenen Überwertungen der fremden Wechsel
im eigenen Lande annähernd gleichkommt. Auch hier folgte auf eine
kontinuierliche Senkung, die nach und nach in London und New York
ein Disagio von 12—15 % erreichte, in den Monaten Juni bis September
1915 eine sprunghafte, bisweilen überhastete Abwärtsbewegung des

Notierungen von Wechsel auf Paris in London,
New York, Amsterdam.

Tag der Notierung		Börsenplatz		
		London	New York	Amsterdam
		Parität:  1 £ = 25,22 Frcs.	Parität:  1 $ — 5,1826 Frcs.	Parität:  100 Frcs. = 48F1.
1915		G.	B.		G.	B.
Januar .	. .	25,60—25.70	5,1925	47,85—48,05
Februar .	, ,	25,65—25.75	5,1985	47,30—47,50
März . .	. .	25,75—25.85	5,2700	47,57%—47,77%
April . .		25,90	26,00	5,3250	47,55—47,75
Mai . . .		26,25—26,35	5,4200	46,50—47,00
Juni	25-	26,40—26,50	5,4900	45,25—45,75
	29.	27,00	27,10	5,6700	44,95—45,45
Juli	IO.	27,40	27,50	5,6450	44.05—44,55
	3°-	27,35 27,45	5,7ioo	43,55—44,05
August	IO.	27,30	27,40	5,8900	42,90—43,10
	20.	27,75—27,85	5,9100	41,75—42,25
	30-	27,90	28,00	6,0200	41,85—42,35
September	20.	27,82—27,92	5,8800	42,20—42,70
Oktober	30-	—	5,9500	40.15—40,68
November	IO.	—	5,9750	39,62—40,12
Dezember	20.	27,70—27,80	5,8600	39,17—39,67
1916				
J anuar	10.	27,82—27,87	5,8400	38,00
	20.	27,89—27,94	5,7125	38,60
	z8.	27,97—28,02	5,7175	39,80
Februar	28.	27,99—28,04	5,8775	40,50
März	10.	27,57—27,62	5,9125	40,15 1
	20.	—	5,9250	39,75
	30.	28,45—28,48	5,9675	39,30
April	6.	28,53—28,58	5,9850	38,75
	12.	28,74—28,79	6,0400	38,50
	28.	28,27—28,32	5,9350	40,20
Mai	20.	28,22%—28,25%	5,9200	40,77
Juni	l6.	28,15—28,20	5,9100	40,75
	26.	28,12—28,15	5,9175	40,92%
Juli	18.	28,11—28,15	5,9100	40,85
	26.	28,11—28,15	5,9075	41,07%
        <pb n="80" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

63

Franken. Einige Kurse mögen diese krisenhafte Zeit deutlicher er-
kennen lassen. In New York kotierte Sicht Paris;

4. Juli . .	■	5.91	16. August	6,00	24. September	• 5,88
18. Juli . .	•	5,9i	26. August	5,98	16. Oktober . .	■	5,90
30. Juli . .	■	5,7i	30. August	6,02	28. Oktober. .	•	5,94
9- August .  in Holland;	•	5,74	14. September	5,99	10. November .	•	5,98
4- Juli . .	. 40,90	26. August	42,25	16. Oktober. .	. 41,8714
18. Juli . .	. 40,90	30. August	42,35	28. Oktober . .	• 39,85
3°. Juli . .	. 40,90	14. September	41,40	ro. November .	• 39,6214
9. August . 36. August .	•	43,25  •	43,oo	24. September	41,75	22. November .	. 40,00

Nach einer leichten Erholung begannen die Kurse auf der ganzen
Linie wiederum langsam zu steigen, und im März erklommen sie in London
und in New York zum Teil wieder recht steile Höhen.

Bei Verfolgung der hier geschilderten Wechselkursschwankungen
drängt sich die Frage nach den Ursachen auf, die Frage, wo letzten

Höchster und niedrigster Kurs des Franken in London.
(Nach der Handelskammer von London.) L’Economiste Franfais 1916. 3. Juni, S. 775—776.)
Franken in Pfund Sterling.

Parität: 1 £ = 25,221.

Monat	Höchster	Niedrigster
1914		
Juli		24,70	25,18%
August		24,80	25,15
September ....	25,05	25,45
Oktober		25,00	25,25
November ....	24,92	25,25
Dezember ....	24,92%	25,15
1915		
Januar		24,97%	25,17
Februar 		25,05	25,40
März		25,24	25,5i%
April		25,45	25,59
Mai		25,5z	25,95
Juni		25,90	27.10
Juli		26,22%	27,17%
August		26,80	29,20
September ....	27,10	27.95
Oktober		27,15	27,57
November ....	27,50	27,93
Dezember ....	27,38	27,76
1916		
Januar		27,61	28,05
Februar 		27,93	28,30
März		27,96	28,50
April		28,25	29,02
Mai		28,75	28,75
Juni		28,55	28,69
        <pb n="81" />
        ﻿64

Erwin Respoadek,

Endes der Ursprung jener Kräfte liegt, die zur Entwertung der fran-
zösischen Valuta geführt haben.

Die kritische währungspolitische Lage Frankreichs findet ihre natür-
liche und restlose Erklärung in den beiden fundamentalen Faktoren
Zahlungsbilanz und Notenemission, erstere vornehmlich be-
einflußt durch die passive Handelsbilanz, den durch Zahlungsverbote
und Moratorien des schuldnerischen Auslandes erzeugten Ausfall an
Zinsen und anderen Einnahmen aus internationalen Verbindlichkeiten.
Es entsteht somit die Aufgabe, darzulegen, welche Entwicklung die fran-
zösische Zahlungsbilanz seit Kriegsausbruch genommen hat, d. h. welchen
Veränderungen deren wichtigste Posten im Kriege unterliegen, und hier-
nach ist die Frage zu prüfen, in welchem Maße die Notenemission auf
den Wert der französischen Währung eingewirkt haben kann.

Bereits im Jahre 1913 war die französische Handelsbilanz
passiv. Auch das Jahr 1914 schloß mit einem etwa gleichen Einfuhr-
überschuß ab. Im einzelnen waren die Bewegungen von Einfuhr und
Ausfuhr für beide Jahre die folgenden:

Frankreichs Ein- und Ausfuhrhandel 1913 und 1914.

	1914	I9I3
	in Mill. Frcs.	
Einfuhr1):  Nahrungsmittel	  Rohstoffe für die Industrie .... Fabrikate		WI3.3  3574.8  I06l,0	1817,5  4945,7  1658,0
Zusammen  Ausfuhr:  Nahrungsmittel	  Rohstoffe für die Industrie ....  Fabrikate	  Postpakete		Ö349.1  626.9 1301,5 2549,1  346.9	8421,2  838,8  1858,1  3617,0  566,2
Zusammen	4824,4	6880,1
Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr	1524,7	I54I,i

In der Kriegszeit begann die Einfuhr von Monat zu Monat bald
schneller als die Ausfuhr zu steigen. Import und Export für das Jahr
1915 weisen im Vergleich zu den gleichen Perioden des Jahres 1914
einen unverkennbar anwachsenden Überschuß der Einfuhr über die
Ausfuhr auf. Das gleiche gilt für das laufende Jahr 1916.

Die ununterbrochene Einfuhr Frankreichs geht, wie die Ziffern es
zeigen, von Monat zu Monat weit über das gewohnte Maß hinaus und
prägt so der Handelsbilanz des Landes einen stark passiven Charakter
auf. Noch einen weiteren Schluß läßt die aufmerksame Betrachtung
der Ziffern zu, soweit sie namentlich ein wenig nach den liefernden
Ländern gegliedert werden. Denn die Kriegskonstellationen haben für

x) Statistique Annuaire de la France 1914.
        <pb n="82" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

65

Bewegung der Einfuhr und Ausfuhr (in Mül. Frcs.).
Monatsweise zusammengefaßt ab i. Januar jeden Jahres.

Epoche	Anzahl  der  Monate	1914			1915			1916		
		Ein-  fuhr	Aus-  fuhr	Ein-  fuhr-  Über-  schuß	Ein-  fuhr	Aus-  fuhr	Ein-  fuhr-  Über-  schuß	Ein-  fuhr	Aus-  fuhr	Ein-  fuhr-  Über-  schuß
i- Jan.—31. Jan.	I							333)0°	i53,oo	180,00	6n,oo	201,00	410,00
i. Jan.—28. Feb.	2	1512,00	992,00	520,00	855,00	385,00	470,00	1309,00	497,00	812,00
!• Jan.—31. März	3	2292,00	1620,00	672,00	1482,00	684,00	798,00	—	—	—
i. Jan.—30. April	4	3023,00	2210,00	813,00	2180,00	915,00	r265,oo	2832,00	1107,00	1725,00
i. Jan.—31. Mai	5	3704,00	2830,00	874,00	2781,00	1178,00	1603,00	3687,00	1392,00	2295,00
i. Jan.—30. Juni	6	4410,00	3376,00	1034,00	3551,00	1450,00	2101,00	4459,00	1718,00	2741,00
*• Jan.—31. Juli	7	4984,00	3851,00	1133,00	4264,00	1696,00	2568,00	5412,00	1994,00	3418,00
v Jan.—31. Aug.	8	5233,0°	4094,00	1139,00	5112,00	1925,00	3187,00	6498,00	2244,00	4254,00
!■ Jan.—30. Sept.	9	5489,00	4250,00	1239,00	5841,00	2184,00	3657,00	7381,00	2516,00	4865,00
*• Jan.—31. Okt.	IO	5729,00	4433,00	1296,00	6583,00	2446,00	4137,00			
*• Jan.—30. Nov.	II	5995,00	4603,00	1392,00	7201,00	2731,00	4470,00			
*• Jan.—31. Dez.	12	6402,00	4869,00	i5337°0	8074,00	3022,00	5052,00			

Frankreich in der Frage des Nahrungsmittel- und Rohstoffbezugs eigen-
artige, charakteristische, durch die Kriegslage bedingte Merkmale heraus-
gebildet. Frankreich ist durch den Krieg auf einen neuen Kaufmarkt
verwiesen, da es seinen alten großen Lieferanten und Schuldner, Ruß-
land, verloren hat, dem es trotz verzweifelter eigener Anstrengung und
Unterstützung Englands das Dardanellentor nicht öffnen konnte. So
empfing die Republik früher ihr Getreide aus Rußland, als eine Kom-
pensation für fällige Koupons und Effekten, ferner Gemüse u. a. aus Ruß-
land. Auch die anderen Schuldnerstaaten Südamerika, der Balkan u.a. m.
liefern garnicht mehr oder nur in beschränktem Umfange. An die Stelle der
alten Lieferanten traten nunmehr vornehmlich Nordamerika und England.

Daher überrascht es nicht mehr, daß diese kontinuierliche Stei-
gerung der Einfuhr, wie sie nachgewiesen ist, fast ausschließlich von
der Lieferung dringend notwendiger Produkte aus den Vereinigten
Staaten von Amerika und England herrührt.

Diese Überlegungen können durch einige Zahlenangaben der fran-
zösischen Regierung, die das Moment der Verschiebung der Lieferanten
deutlich abzeichnen, belegt werden. Die Verteilung der Einfuhr auf
die einzelnen Länder war im Jahre 1915 die folgende (s. S. 66).

Der Warenaustausch für 1915 zwischen Frankreich und England
bietet das folgende Bild1) (in Mill. Frcs.):

Warenverkehr zwischen Frankreich und England.

Richtung der Warenbewegung	1909	1973	1915
Einfuhr von Frankreich nach England . . .	ms	n68	793
Ausfuhr von England nach Frankreich . . .	539	946	1767
*) Frankfurter Zeitung, 9. April 1916, Nr. 99. Respondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.			5
        <pb n="83" />
        ﻿66

Erwin Respondek,

Anteil der Staaten an der Einfuhr Frankreichs in den Jahren

1914 und 1915.

Land	Jahr		Zu- und Abnahme	
			in absoluten Zahlen	in %
	1915	1914		
Rußland		51	319	— 268	84
England		1714	856	+1058	124
Vereinigte Staaten		2273	795	4- 1478	186
Schweiz		169	102	+	67	Ö6
Italien		335	174	+ 161	93
Spanien		46l	193	+ 268	139

Nach amerikanischen Berichten haben die Amerikaner nach Verlauf
eines Jahres der französischen Republik für über 1500 Milk Frcs. mehr
geliefert als sie von Frankreich empfingen. Der amerikanische Handels-
verkehr mit Frankreich gestaltete sich in dem Zeitraum 1. Juli 1914
bis 30. Juni 1915 wie folgt1):

Warenverkehr zwischen Frankreich und den Vereinigten
Staaten von Amerika.

	1915	1914
Ausfuhr nach Frankreich		369.4	159,8
Einfuhr von Frankreich		77,2	14L4
Ausfuhrüberschuß von ......	292,2	18,4

Diese Lieferungen erstrecken sich auf Kriegsmaterialien, und nament-
lich die Amerikaner liefern Munition, Waffen, Automobile und sonstige
Kriegsbedarfsartikel. Daneben auch Lebensmittel und industrielle
Friedensprodukte. Die großen Mengen erlangen für die Zahlungsbilanz
Frankreichs auch insofern eine höhere Beeinflussung, als die Profitrate
der Amerikaner zum Werte der Lieferungen in keinem rechten Ver-
hältnis steht. Die glänzende Ernte der Union wird dem Vierverbande
zu recht hohen Preisen zur Verfügung gestellt, und die Kriegswaren
erfahren einen doppelten bis dreifachen Preisaufschlag. England wieder
tritt stärker mit dem Verkaufe von teuren Kohlen und Textilwaren
hervor.

Aber die passive Handelsbilanz ist für die Gestaltung der Zahlungs-
bilanz nicht von alleiniger oder ausschlaggebender Bedeutung. Bei der
Betrachtung der französischen Zahlungsbilanz kommt noch ein zweiter
Posten hinzu, der an Bedeutung und Dringlichkeit der Handelsbilanz
gleichkommen dürfte: die Zinszahlungen der fremden Staaten und
Amortisationen von Anleihen an Frankreich. Bis zum Kriegsausbruch
hat die französische Volkswirtschaft dem Auslande, der ganzen Welt,

1) Berliner Börsen-Courier, 7. September 1915, Nr. 417.
        <pb n="84" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschan.

67

allein gegen 45 Milliarden Frcs.1) in Anleihe-Form zur Verfügung ge-
stellt, von denen sie jedes Jahr gewaltige Summen an Zinsen ins Land
zieht, oder einen Teil zum Ausgleich eines möglichen Einfuhrüberschusses
aus der Handelsbilanz verwendet. Der Krieg hat hier mit einem Male
diesen Zinsenzufluß und Kapitalrückfluß unterbunden oder zum min-
desten empfindlich gestört. Sofort in den ersten Wochen des Krieges
erließen fast sämtliche Staaten Moratorien, denen sich auch Zahlungs-
verbote gegenüber dem Auslande anschlossen, so daß die Gläubiger-
staaten ihre Forderungsrechte an Zinsen und anderen Zahiungsver-
bindlichkeiten nicht geltend machen konnten. Hiervon wurde Frank-
reich empfindlich getroffen. Später haben wohl einige Staaten, so vor
allem diejenigen, die einen schwungvollen Kriegshandel treiben — neutrale
Staaten — die Zahlungsstundungen und -Verbote suspendiert und
gegenüber ihren Gläubigern die rückständigen und laufenden Verpflich-
tungen erfüllt. Aber dennoch ist der Kreis derjenigen spezifischen Schuld-
ner-Staaten, die durch den Krieg direkt oder indirekt in Mitleidenschaft
gezogen werden, sehr weit und ihnen ist es nach wie vor unmöglich,
auch nur einen kleinen Teil ihrer Schulden abzudecken. Die vielen
kleinen Länder in den fernen Zonen betrachten die kriegerischen Ver-
wicklungen in Europa als eine willkommene Erlösung von ihren Zahlungs-
pflichten. Aus den südamerikanischen A. B. C.-Staaten (Argentinien,
Brasilien, Chile) dürften die erforderlichen Summen für den Zinsendienst
nur allmählich und zum Teil unvollständig bereitgestellt werden, und
die anderen kleineren Länder, wie Peru, Uruguay, Paraguay u. a. werden
sie auch bei gutem Willen nicht immer rechtzeitig und vollständig auf bringen
können. Mexiko hat seine Finanzkraft durch jahrelange innere Des-
organisation und einen Bürgerkrieg geschwächt und dürfte nicht einen
Silberpiaster für Frankreich übrig haben. In den asiatischen Gebieten,
außer in Japan, herrscht jetzt kein Überfluß an Geld, und schließlich
dürften auch Ägypten, Tunesien, Algier und andere afrikanische Gebiete
schwerlich an einem regelmäßigen Zinsendienst festhalten. Im Lager
seiner eigenen Verbündeten leistet Frankreich zur Zeit nicht nur Verzicht
auf alle Zinszahlungen, sondern schießt ihnen noch Unterstützungs-
gelder vor. Gewaltige Zinszahlungen Rußlands müssen prolongiert
oder bevorschußt werden, Belgien, Serbien, Montenegro sind unfähig
zur Zahlung. Griechenland fällt es schwer, sie in alter Höhe zu leisten.
Üer schnelle Entschluß, dem Beispiel der englischen Bundesgenossen
zu folgen und den Zentralmächten, der Türkei und Bulgarien einen
rücksichtslosen Handelskrieg zu erklären, führte zu einer gegenseitigen,
vollständig lückenlosen Zahlungseinstellung. Dies bedeutet für Frank-
reich den Fortfall von vielen Mill. Frcs. Jahreszinsen aus Österreich-
Ungarn, der Türkei und Bulgarien.

■*) Vgl. den Abschnitt: Kreditinstitute. Arndt schätzt die Auslandsinvesti-
Uonen Frankreichs auf etwa 60 Milliarden Frcs. (Siehe Zeitschrift für Sozialwissenschaft
und soziale Praxis 1915, S. 311—456).

5
        <pb n="85" />
        ﻿68

Erwin Respondek,

Frankreichs Stellung als erster Kapitalgeber in Europa und der
übrigen Welt empfing durch diese Ausfälle an Zinsen einen scharfen
und gefährlichen Stoß. In der letzten Zeit werden die Zinszahlungen
wieder regelmäßiger aufgenommen sein, wenigstens von einigen der
genannten Staaten. Neben den Zinsleistungen aus staatlichen oder
staatlich garantierten Anleihen sind an die französischen Kapitalisten
auch die Dividendenzahlungen zu leisten von einer großen Anzahl frem-
der Unternehmen, die sich in industrieller, landwirtschaftlicher und
kaufmännischer Richtung betätigen. Von ihnen stockte die Remit-
tierung der Zinszahlungen gleichfalls längere Zeit, und sie ist heute noch
nicht im vollen Umfange und von allen Seiten aufgenommen. In
einer Senatrede vom 30, März 1916 gestand der Finanzminister den
hohen Ausfall an den Zins- und Dividendenleistungen von ausländischen
Wertpapieren ein. Er bestätigt, daß die Koupons einer großen Reihe
von Auslands-Anleihen unbezahlt bxeiben, sucht aber sofort die schmerz-
liche Seite dieses Zugeständnisses abzuschwächen, indem er behauptet,
daß trotz alledem noch gegen 3000 Milk Frcs. Koupons zur Einlösung
gelangen, wobei er wohl den gesamten Zinsverdienst aus etwa 120—125
Milliarden Frcs. Wertpapiere an den französischen Kapitalisten im
Auge haben dürfte. Die „Frankfurter Zeitung“, die als Gesamtbestand
an Wertpapieren rund 110 Milliarden Frcs. (vgl. die Berechnungen
auf S. 114) annimmt, bemerkt zu der Behauptung Ribots: „Entschieden
falsch dürfte die Angabe sein, daß immerhin noch 3 Milliarden Frcs.
Koupons zur Einlösung gelangten“1).

Leider vermögen diese Ausführungen nicht auf eine zahlenmäßige
Grundlage gestellt zu werden, da jeder sichere Anhaltspunkt für eine
Berechnung der Zinseneingänge fehlt. Lediglich auf Schätzungen ein
Bild zu konstruieren, ist auch bei vorsichtiger und möglichst genauer
Berücksichtigung der Fehlerquellen nicht angängig. Daher muß als End-
resultat für die Veränderung, den Ausfall aus diesem Posten, die An-
sicht ausgesprochen Werden, daß die Mindereingänge an Zinsen aus den
gesamten Schuldnerstaaten eine sehr beträchtliche Höhe erreichen
und von einem großen Einfluß auf der Aktivseite der Zahlungsbilanz
sein werden.

Noch einige weitere Posten der Zahlungsbilanz wären zu nennen,
deren Ertrag ganz fortfällt oder vermindert wird, wie etwa die Schwierig-
keiten im Verkaufe von Effekten, da die Mehrzahl der Börsen geschlossen
ist. An der Londoner Börse z. B. konnte bis zum Februar des Jahres
1916 kein Franzose auch nur 1 Pfund fremder oder eigener Effekten
verkaufen. Dann der Ausfall von Einnahmen aus dem Fremdenverkehr,
die Unterbrechung jeglicher Banktätigkeit zur Vermittlung von Kredit-
geschäften und endlich — hier als letztes Äquivalent, sonst aber steht
es an erster Stelle — die effektive Unmöglichkeit, die heimische Pro-
duktion zu fördern, um Waren mit Waren zu bezahlen, also die Passivität
der Handelsbilanz durch gesteigerten Güterexport zu beseitigen. Alle

J) Frankfurter Zeitung, Nr. 97, 7. April 1916.
        <pb n="86" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

69

Aktivposten der französischen Zahlungsbilanz werden von Monat zu
Monat nicht voller und größer, sondern geringer und können dem stei-
genden Passivum auch nicht im entferntesten das Gleichgewicht halten.
Die Zahlungsbilanz Frankreichs wird stark passiv, aus dem Gläubiger-
staat wird ein Schuldnerstaat, der bei längerer Dauer dieser Entwicklung
lange in diesem Stadium verbleiben oder noch tiefer fallen wird.

Langsam begann, wie bereits ausgeführt, der Wertmesser der fran-
zösischen Kaufkraft, der Franken, seine Geltung zu verlieren, um später
katastrophal zu stürzen. Die hohe Bedeutung einer vollwertigen und
stabilen Valuta für das Wirtschaftsleben trieb die leitenden Organe
sofort dazu, Gegenmaßregeln zur Stützung anzuwenden. Wie sollte
aber der Gegenwert für die importierten Waren geleistet werden? Die
Volkswirtschaftslehre stellt hierfür die Regel auf: Ware ist mit Ware
zu bezahlen. Das durch den Krieg empfindlich gestörte Wirtschafts-
leben Frankreichs, sowie die reine Verbrauchswirtschaft des Krieges,
vermögen aber das Äquivalent Ware nicht zu liefern. Die realen Güter,
die Frankreich im Auslande besitzt, seien es Warenbestände, überseeische
Forderungen an Zinsen — so weit hier die europäischen und außereuro-
päischen Moratorien keine Hindernisse in den Weg legten — und son-
stigen im internationalen Zahlungsverkehr brauchbaren Güter reichten
nicht aus, um den Import zu decken, oder waren bald verbraucht. Es
blieb also für Frankreich nur ein Weg, der die Regel: Ware gegen Ware
zu ersetzen geeignet ist, und der durch seine ausnahmsweise Anwendung
gerade zur Regel geworden ist. An Stelle der sofortigen effektiven Leistung
tritt der Kredit als erste Gegenleistung.

England und die Vereinigten Staaten von Amerika wurden für
ihre Güterübertragungen zunächst mit den neuen französischen Schatz-
anweisungen, den „National-Verteidigungswechseln“ und „National-
Verteidigungsobligationen“ bezahlt. Die englischen und amerikanischen
Lieferanten zogen aber bald eine Grenze, bis zu der sie die neuen Schatz-
wechsel und Obligationen in Zahlung nehmen wollten. Nach Ribots
Mitteilungen in der Kammersitzung vom 8. Mai 1915 haben England
und die Union im ganzen für 502 Mill. Frcs. Wechsel und Obligationen
der nationalen Verteidigung aufgenommen und bis zum 31. Oktober
1915 waren nach einer neuen Angabe (Kammersitzung vom 26. No-
vember 1915) insgesamt 1x65 Mill. Frcs. aufgenommen. Namentlich
sträubten sich die Portefeuilles der amerikanischen Banken, die hin-
reichend mit ihnen gesättigt zu sein schienen. Auf der Grundlage von
Schatzwechseln waren also nach kurzer Zeit wenig Kredite mehr zu
erlangen, und Blankokredite wollte man nicht eröffnen. Nach Berichten
der periodischen Presse sollen nur im September 1914 in London 50 Mill.
Frcs., im November 1914 in New York 50 Mill. Frcs. ungedeckte Bank-
kredite eingeräurat worden sein. Seither sind weitere zuverlässige Nach-
richten nicht zu verbuchen.

Im Verlaufe von 7 Monaten haben die beiden kapitalkräftigen
Staaten, England und Amerika, nur für 663 Mill. Frcs. Schatzwechsel
        <pb n="87" />
        ﻿70

Erwin Respondek,

diskontiert, nachdem sie bereits 502 Milk Frcs. im Besitz hatten. Hiermit
war die äußerste Grenze auf diesem Felde erreicht. Die Weigerung,
den Diskont- und Blankokredit weiter auszudehnen, brachte Frankreich
in eine arge Verlegenheit. Die gewaltigen Mengen Kriegsmaterial und
Lebensmittel müssen bezogen werden, Frankreich kann aber das Aus-
land weder mit den entsprechenden Gütermengen bezahlen, noch da-
selbst weitere Kredite erlangen. Es mußte verhandelt werden, und schließ-
lich machten sein Bundesgenosse England und der Hauptlieferant
Amerika die weitere Zufuhr von Gütern von einer Bedingung abhängig;
Die neuen Kredite — vornehmlich Vorschußkredite — müssen zu x/s mit
Gold gedeckt werden. So hatte nach einer Vereinbarung vom 30. April
1915 mit der englischen Notenbank die Bank von Frankreich nach
London 20 Müll. Sovereigns gesandt, wofür das französische Schatzamt
einen Kredit von 62 Mill. £ in Amerika eröffnet erhielt, den Frankreich
durch Trassierungen in Anspruch nehmen kann.

Auf Grund dieser Vereinbarung stellt das Jahr 1915 das eigen-
artige Bild eines wechselseitigen Austausches von französischem Gold
und ausländischer Krediteröffnung dar. Diese Operationen gestalten
sich, soweit ihre Abschlüsse zuverlässig bekannt gegeben wurden, im
einzelnen wie folgt (in Mill. Frcs.) :x)

Kreditgewährung und Golddeckung in London undNew- York.

Zeitpunkt	London		New	York
	Goldzufluß	Krediteröffnung	Goldzufluß	Krediteröffnung
1914				
September . .	?	50	?	—
November . .	—	—	?	50
1915				
Januar ....	300	250	?	50
April ....	25	—	50	250
Mai		200	1050	150	—

Der gesamte Goldabfluß beträgt somit 725 Mill. Frcs., die hierfür ein-
geräumten Kredite belaufen sich — unter Einschluß der von 1914, für
die der hohe Goldabfluß im Januar 1915 nach London wohl gleichfalls
Geltung hat — auf 1700 Mill. Frcs., d. h. eine Golddeckung dieser Kredite
von rund 44 %.

Die Transaktionen im Monat Mai beruhen außerdem auf einem
Sonderabkommen der französischen und englischen Regierungen vom
30. April 1915. Hiernach überweist die Bank von Frankreich der Bank
von England 20 Mill. £ = 500 Mill. Frcs. Gold. Dagegen erhält die
französische Regierung in London einen Kredit von 62 Mill. £ = 1550 Mill.
Frcs. Der gewährte und tatsächlich benutzte Kredit ist außerdem durch
französische Schatzwechsel in voller Höhe zu decken, die jedesmal bei

*) Die Tabelle ist auf Grund von Preßnotizen und aus Fachzeitschriften zusamraen-
gestellt. Siehe z. B. Bank, August-Heft 1915 und Koppe, a. a. O. S. 750.
        <pb n="88" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

71

ihrer Fälligkeit verlängert werden und ein Jahr nach Friedensschluß
zurückzuzahlen sind. Über den weiteren Austausch von Krediten gegen
Gold auf Basis dieses Abkommens sind zuverlässige Nachrichten nicht
zu ermitteln gewesen.

Im Kern läuft diese Vereinbarung für den Darlehnsgeber nur darauf
hinaus, die Kredite auf einen festen Boden zu stellen, gleichsam ein
Pfandobjekt in den Händen zu halten, dessen Güte über alle Zweifel
erhaben ist und unter keinen Verlusten realisiert werden kann. Die sich
hierum gruppierenden sonstigen Bestimmungen, kurze Leihfrist, Deckung
durch Schatzwechsel, sind mehr oder minder schmückendes Beiwerk.
Frankreich glaubt jetzt keinen anderen Ausweg zu haben, die Valuta-
Entwertung wirksam zu bekämpfen, als den Goldexport durch die Bank
von Frankreich. Daher auch die bereits geschilderte, intensiv betriebene
Goldbewegung in die Keller der Notenbank in der zweiten Hälfte des
Jahres 1915, um die Bestände der Notenbank nach Möglichkeit zu schonen,
sie für die künftigen Tage zurückzuhalten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß
durch einen genügend hohen Goldexport zur Deckung höherer Kredite
eine ansehnliche Hebung und sogar eine längere Zeit anhaltende Ver-
besserung der einmal gehobenen Frankendevise in gewissen Grenzen
erzielt werden kann. Hierüber waren sich auch die Banktheoretiker
Frankreichs einig. Aber es muß doch höchstes Erstaunen erregen, daß
zahlreiche Vertreter der französischen Volkswirtschaft bei den Diskus-
sionen über diesen Punkt sich geradezu rückhaltlos für einen Goldexport
in jedem Umfange aussprachen, und ihn für durchaus unschädlich nach
jeder Richtung ansahen. Keine Summe erschien ihnen zu klein. In
den Diskussionen, die in der „Societe d’Economie Politique de Paris“
gehalten wurden, traten bei einer Besprechung über die Devisenkurse
die Volkswirtschaftler Maroni, Fernaux, Alfred Neymarck
für einen uneingeschränkten Goldexport ein1). Maroni z. B. sagt an
einer Stelle seiner Rede, daß der gewöhnlich hingeworfene Einwand, mit
dem Goldexport vermindere sich der innere Wert der Noten, nicht zu-
trifft ! Denn die Noten erhalten ihren Wert nicht aus der metallenen
Deckung. Auch P. Leroy-Beaulieu ist, wie bereits erwähnt, ein
eifriger Vertreter für den uneingeschränkten Goldexport. Nur zwei
Redner sprachen frei ihre Bedenken aus: D e c a m p s und M a n c h e z.
Decamps weist darauf hin, daß die Öffentlichkeit das Gold als die
alleinige und notwendige Deckung und Garantie für die emittierten Noten
ansehe. Wenn man auch geneigt sein sollte, diese Ansicht als ein un-
begründetes Vorurteil anzusprechen, so ist es dennoch unmöglich, es zu
vernachlässigen oder garnicht zu beachten. Das Ausland sieht zuerst
auf den bei der Notenbank aufgehäuften Goldschatz, und ohne ihn hätte
die Bank von Frankreich die französische Valuta nicht so halten und
sich Kredite im Auslande verschaffen können. „Dieser Goldschatz schließt
ein machtvolles Kreditelement in sich", sagte D e c a m p s wörtlich.
Auch M a n c h e z schließt sich den Ansichten von D e c a m p s an.

1)	L’Economiste Franpais Nr. 44, 30. Oktober 1915.
        <pb n="89" />
        ﻿72

Erwin Respondek,

Es ist nur zu begreiflich, daß man Bedenken hegen mußte, den
effektiven Goldbestand der Notenbank für diese Zwecke anzugreifen.
Die verstärkte Notenemission könnte sonst leicht der klassischen Mindest-
deckung — 1/s Gold der emittierten Noten — verlustig gehen. Die Bank-
leitung erkannte dies deutlich und drängte auf Ersatzmittel. Sie dürfte
doch wohl zu dem Urteil gelangt sein, daß auch das Gold als Abwehr-
oder Heilmittel für die Währungsschwierigkeiten hier keinen vollen
und dauernden Erfolg bringen wird, weil es die Quellen des Übels nicht
zu erfassen vermag. Die Kriegführung erfordert unentwegt eine un-
beschränkte Zufuhr von Gütern, deren Gegenwert durch den Gold-
export auf die Dauer und in solchen Höhen nicht gegeben werden kann.
Und den Goldvorrat bloß als Deckmantel für einen augenblicklichen
Schutz herzugeben, sieht sie mit Recht keinen vernünftigen Grund ein.

Man blieb jedoch den währungspolitischen Schäden nicht untätig
und gleichgültig gegenüber, suchte vielmehr nach weiteren Mitteln,
sie nach Möglichkeit zu lindern. Auch die Regierung griff ein. Frank-
reich besitzt nach Schätzungen der französischen Zeitungen gegen xooo
Mill. Frcs. amerikanische Eisenbahnaktien und -Obligationen, die an
der Börse kotiert werden. Diese Effekten werden nunmehr durch das
Schatzamt mobil gemacht. Die Regierung veranlaßt die Banken, ihre
Kundschaft durch ein besonderes Rundschreiben zum Verkauf der ameri-
kanischen Effekten zu bestimmen. Die Banken gaben daher auch
feste Angebote auf: 3% % Pennsylvania Obligationen, 4 % Chicago-
Milwaukee, 5 % St. Louis, San Francisco, 4% New York — New Haven
Obligationen usw. zu bedeutend höheren Kursen als zu den Kursen
des Monats Juli 1914. Da es dem Schatzamte an baren Mitteln fehlt,
werden diese Regierungskäufe mit Schatzwechseln bezahlt. Die auf
diesem Wege erworbenen Titel werden in Amerika hinterlegt, und auf
ihrer Basis wird der Regierung von den amerikanischen Geldgebern
ein entsprechender Kredit eingeräumt. Dieser Weg stellt auf dem
Gebiete der Valutapolitik ein Novum dar, der aber zu einer ent-
scheidenden Aufbesserung der gesunkenen französischen Valuta nicht
geführt hat. Bei diesen Transaktionen haben auch einige Hindernisse
im Weg gelegen. Denn die in Frankreich aufgelegten ausländischen
Werte besitzen nur in Paris einen Markt. Hierüber führte der Finanz-
minister R i b 01 in einer seiner Reden (Kammersitzung vom 8. Mai 1915)
das Folgende aus;

„Unsere Gesetzgebung war in dieser Beziehung nicht immer glück-
lich inspiriert. Um alle auswärtigen Anleihen, die auf den französischen
Markt kamen, durch Steuern und Stempel zu erfassen, hat man die
in Paris eingeführten ausländischen Werte französiert; man hat ihnen
den internationalen Charakter genommen, damit sie dem Fiskus nicht
entgehen sollten.“

Von welchem Erfolge diese Bewegung in Frankreich begleitet war
und wie die Schwierigkeiten der Unverkäuflichkeit jener amerikanischen
Werte behoben wurden, ist nicht zu ermitteln gewesen. „Die Bank“
        <pb n="90" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

73

meldet, daß die Firma J. P. Morgan &amp; Co., die National City Bank
of New York und einige andere Banken gemeinsam der französischen
Regierung auf dieser Grundlage 50 Milk Dollar amerikanische Eisenbahn-
Obligationen belieben haben1).

Auch die vereinigten Bestrebungen der Notenbank und der fran-
zösischen Regierung haben nicht vermocht, die erschütterte Währung
zu heben und den Wert des Franken auf dem Weltmärkte wieder zu
stabilisieren. Die zeitweilig erzielten Erfolge dieses Bestrebens waren
gering, die Opfer groß. Frankreich wandte sich in dieser Verlegenheit von
neuem an seinen kapitalkräftigen Verbündeten England. England hatte
das größte Interesse, seinen politischen Verbündeten finanziell zu unter-
stützen, ihn vor verhängnisvollen Geldschwierigkeiten zu bewahren.
England hatte aber ein ebenso großes Interesse zu verhüten, daß Frank-
reich sich mit seinen großen Lasten ausschließlich auf seine Schultern
stützte und dürfte vielleicht die Anregung gegeben haben, gemeinsame
Arbeit zu leisten. Aber auch nicht aus eigenen Kräften heraus, sondern über
das Mittel der Anleihe sollten die durch Kriegsgewinne angesammelten
Kapitalien der Neutralen der Kriegsfinanzierung wieder zugeführt
werden. Und so entwickelten die führenden finanziellen Kreise beider
Länder den Plan, eine gemeinsame Anleihe im Auslande aufzunehmen.

Die ersten Nachrichten über eine geplante große Entente-Anleihe
lagen bereits im Februar 1915 vor. In den ersten Tagen dieses Monats
fand nach Presseberichten in Paris eine Zusammenkunft der Finanz-
minister Frankreichs, Englands und Rußlands statt, in der über Mittel
und Wege beraten wurde, einen kontinuierlichen Zufluß von Geld-
mitteln für die weitere Kriegführung sicher zu stellen. Die Initiative
dürfte in gleich starkem Maße von England und Rußland ausge-
gangen sein. Namentlich das stets geldhungrige Rußland förderte in
ganz verständlicher Weise diesen Gedanken, da es annehmen durfte, in
diesem Bund ein der Rolle des bekannten Dritten gut und billig zu fahren.
Weniger geschah dies von Seiten Frankreichs, da um diesen Zeitpunkt die
finanzielle Lage und der Status der Notenbank noch zu keinen ernsten
Bedenken Anlaß gaben. Man könnte wohl vermuten, daß die französischen
Finanziers und der Leiter der Notenbank die zukünftige Entwicklung ihrer
geldwirtschaftlichen Kraft voraussahen und aus Gründen der Vorsorge,
die ja für die Führer der Bank von Frankreich ein charakteristisches
Merkmal ist, für die Eröffnung eines größeren Anleihe-Kredits mit ein-
traten. Es muß jedoch auf das damals vorherrschende ruhige finanzielle
Aussehen Frankreichs hingewiesen werden, das zu einer so außergewöhn-
lichen finanzpolitischen Maßnahme noch nicht hingedrängt haben kann,
am allergeringsten etwa aus kritischen Währungsgründen. Diese waren
noch nicht vorhanden.

Als Ergebnis der geheimen Beratungen verkündete die Presse etwas
verfrüht die Emission einet Drei-Staaten-Anleihe. Eine 5 % kurzfristige
Anleihe in Höhe von 4000 Mill. Mk. sollte in den Vereinigten Staaten

b Die Bank, S. 776, H. 8. August 1915.
        <pb n="91" />
        ﻿74

Erwin Respondek,

von Amerika aufgelegt werden. Hierzu ist zu bemerken, daß Rußland
jeder Zinsfuß recht wäre. Frankreich könnte ohne Schaden für seinen
eigenen Kredit einen 5 proz. Anleihe-Typ wohl ertragen, da sein Landes-
zinsfuß damals gerade diesen Satz erreichte. Aber England konnte
keine Konzessionen für einen solchen Satz einräuraen. Erst im November
1914 emittierte das Schatzamt einen 3% % Anleihe-Typ und mußte
bei einem so hohen Satze die Entwertung seiner alten Anleihen befürchten.
Das Anleiheprojekt bot aber noch weitere Schwierigkeiten. Außer in
der Normierung des Zinssatzes lag das zweite und vielleicht wichtigste
Hindernis in der Währungsfrage. Die drei Staaten hätten das Problem
eines stabilen Geldwertes zu lösen, einer Währungs-Einheit, in der ein
für alle Beteiligten verlustloser Zins- und Amortisationsdienst bewirkt
werden kann. Nun ist der Rubel nicht nur im Kriege, sondern auch in
Friedenszeiten den schärfsten Schwankungen unterworfen und auch
der Franken und das Pfund Sterling können früher oder später aus
ihrem Beharrungszustande merklich heraustreten. Dann hängt auch
eine Universal-Staatsanleihe von den allgemein gültigen Gesetzen ab,
denen jede Anleihe unterworfen ist. Sie hängt ab von dem Vertrauen,
das der Weltmarkt in die Staats-Einheit — Frankreich, England,
Rußland — setzt oder setzen will. Rußland, dessen Kreditwürdigkeit
im eigenen Lande höchst gering eingeschätzt wird, paßte zu der Staats-
einheit wenig, namentlich nicht dazu, um in Verbindung mit zwei ange-
sehenen Kapitalisten gemeinsame Finanztransaktionen zu vorteilhaften
Bedingungen zu unternehmen. Auf die Besprechung in der Minister-
Konferenz folgte die Tat nicht1).

Die Frage der Valutaregulierung wurde für Frankreich in der zweiten
Hälfte des Jahres 1915 dringender. Alle dargebrachten Opfer, wie sie
vorstehend aufgeführt wurden, waren von wenig Erfolg begleitet. Als
dann im Juni die Entwicklung des Franken einen fast krisenhaften Cha-
rakter annahm, wurde diesmal sicherlich von Frankreich aus der Plan einer
größeren Auslands-Anleihe im Verein mit den Alliierten aufgenommen und
zur erneuten Diskussion gestellt. Im August setzten die Besprechungen
zwischen den beiden Finanzministern ein. Diesmal wurde Rußland
ausgeschlossen. Es wurde bald eine Einigung erzielt. Denn die harte
Notwendigkeit, schnell zu handeln, ließ keinen Raum für schöne Worte,
durch Welche die Opfer nicht geschmälert und Schäden nicht geheilt werden
konnten. Weiterhin standen sich auch jetzt zwei fast gleiche Parteien
gegenüber. England sah seinen Sterling an der New Yorker Börse
unter der Parilinie und konnte trotz eines großen Aufwandes an
Gold, Effekten und Kreditaufnahmen eine anhaltende Steigerung und
Festigung nicht erreichen. Schließlich war der englische Kredit nach
einem halben Jahre im eigenen Lande gesunken — die zweite englische
Kriegsanleihe gewährte 4% % — und nicht allzuweit vom französischen
entfernt. Beide Staaten haben bei der Bekämpfung der Valuta-Ent-
wertung schon zusammen gewirkt, vereint Leid und Freud in diesem

b Vgl. auch hierüber die Ausführung Lansburghs a. a. O. 1915, I, S. 187.
        <pb n="92" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

75

Kampfe kennen gelernt. Das Gold Frankreichs, das mit nicht unbe-
trächtlichen Mengen des gelben Metalls der Bank von England nach
den Vereinigten Staaten von Amerika strömte, der Verkauf großer
Summen amerikanischer Effekten, bzw. deren Lombardierung für eng-
lische und französische Rechnung, legten beiden Ländern hohe Verluste
auf, ohne einem von ihnen dauernden Nutzen zu stiften.

Mitte August 1915 wurden die Verhandlungen zwischen Frankreich
und England gepflogen. Mitte September reiste eine Finanzkommission
beider Staaten nach New York, um dort mit der amerikanischen Finanz-
welt das geplante Anleihe-Geschäft abzuschließen. Ein amerikanisches
Banken- und Bankierssyndikat unter Führung des Bankhauses J. P.
Morgan &amp; Co. trat mit der französisch-englischen Finanzkoramission
in Unterhandlungen. Es wurde eine Einigung zwischen beiden Gruppen
erzielt und den beiden Staaten ein Darlehen in Form einer Anleihe ge-
geben. Das amerikanische Bankenkonsortium räumt ihnen einen ge-
meinsamen Kredit von 500 Milk Dollars ein, über den England und Frank-
reich durch Begebung von 5 % Obligationen verfügen. Die Obligationen
lauten auf Dollars. Das Bankengarantiesyndikat übernimmt diese
Anleihe-Obligationen zu 96 %, und setzt sie dann zu 98 % ab1). Der
Besitzer der 5 % Obligationen hat das Recht, nach 5 Jahren die Rück-
zahlung al pari zu fordern oder in die Konvertierung in einen 4% %
französisch-englischen Anleiheschein mit 10—20 jähriger Laufzeit ein-
zuwilligen.

Die Höhe des nominellen Zinsfußes und der geringe, nach langwierigen
Verhandlungen erzielte Anleihebetrag sind für die befreundete und
feindliche Presse zum Teil deutliche Beweise für den erschütterten Kredit
Frankreichs und Englands im Auslande. Hierin stimmen auch vielfach
die Anschauungen in den periodischen Fachzeitschriften überein. Es
ist wahr, daß die Unterhändler ein anderes Resultat ihrer Reise erwartet
haben. Ihre Hoffnungen gingen dahin, wenigstens eine Summe von
1000 Mül. Dollars flüssig zu machen2), schon deshalb, weil die Entente-
Länder den amerikanischen Lieferanten mehr als 1 Milliarde Dollars
schuldeten und durch diese Anleihe lediglich für Abdeckung ihrer Ver-
pflichtungen Sorge tragen wollten. Es ist auch wahr, daß die Berechnung
des effektiven Zinses unter Berücksichtigung des Emissions-Disagios
und der Amortisation eine Zinsenlast von etwa 6 % ergibt. Englische
Zeitungen stellen sogar eine eingehende Zinskalkulation auf unter Be-

1)	Koppe, a. a. O. S. 754, bezeichnet als Emissionskurs 96%, da der Verdienst
des Konsortiums auf 1% % festgesetzt sei und nach seinen Ermittlungen: „Morgaus Ver-
such, noch einen Extragewinn zu erzielen, mißlang“. Die deutsche Tagespresse meldete
aber über die Kursdifferenz und Provisionssätze das folgende; Kurs der Anleihe 98 °/0
für den Verkehr, 96 % für das Konsortium. 1% °/0 Provision an das Banken-Konsortium
und Yt°/t Provision an J. P. Morgan* Co. für die Vermittlung der Anleihe.

2)	Nach einer Rede des neuen englischen Schatzkanzlers, McKenna, im englischen
Unterhaus, gestalteten sich die Verhandlungen „höchst langwierig und schwer“. Die Fi-
uanzkomraission forderte nach McKenna zuerst einen Kredit von 4 Milliarden Mk., dann
3&gt;z, 2,8 und mußte sich schließlich auf 2 Milliarden Mk. einigen. (Berliner Börsen-Courier,
*r- Oktober 1915, Nr. 493, S. 2.)
        <pb n="93" />
        ﻿76

Erwin Respondek,

rücksichtigung von nominellem Zins, Kurs, Amortisation, Steuerfreiheit
usw. und „so ergibt dies eine tatsächliche Verzinsung, die nur um i Schil-
ling hinter 7 % zurückbleibt“1).

Wenn diesen und anderen anscheinend etwas tendenziös durch-
geführten Berechnungen der Tagespresse nicht gefolgt Werden kann,
so stellt doch die Jahreszinsquote von 6 % gewiß einen schweren
Schlag für Frankreichs und Englands finanzielle Stellung dar. „Man-
chester Guardian“ bezeichnet mit Recht die Anleihe als ein sonder-
bares Geschäft, und sein Urteil über die Wirkung der Anleihe für Eng-
lands Ansehen kann mit gleicher Uneingeschränktheit auf Frankreich
übertragen werden, nämlich, daß: „Englands Prestige und zwar die
empfindlichste Seite von Englands Prestige, sein guter finanzieller Ruf.
einen sehr schweren Schlag erhalten hat“2). Wenn die Bedingungen
drückend, hart, erniedrigend oder ähnlich für Frankreich und England
waren, so sind dies doch nur Begleiterscheinungen, die zwar von
den Geldbedürftigen bisweilen wenig angenehm empfunden werden
mögen, den Geldgebern jedoch natürliche Erfordernisse sind, die im
übrigen das harmonische Verhältnis zwischen beiden Parteien wenig
trübten, da es tatsächlich zu einem positiven Geschäftsabschluß kam.
Im Augenblicke dringenden Bedürfnisses nach einer Erleichterung
von den drückenden Valuta-Sorgen fragte eben Frankreich nicht nach
Schönheit, idealer Vollendung u. ä. m., sondern es suchte die durch
außergewöhnliche Umstände hervorgerufene schlechte Lage durch außer-
gewöhnliche Mittel zu verbessern. Kein Staat würde wohl anders ge-
handelt haben können oder behandelt worden sein.

Es ist nicht bekannt geworden, nach welchem Schlüssel die Lasten
und Anteile an dieser Anleihe auf die beiden Staaten verteilt wurden
und ob auch Rußland in irgendeiner Form hieran teilnimmt. Getrennte
Haftung für einen bestimmten Teil — den jeweiligen Anteil an der An-
leihe — oder solidarische Haftung, einheitlicher Zinsen- und Amor-
tisationsdienst gegenüber dem Konsortium, Anteile an der Anleihe-
Summe, Anleihe- und Wechselkursdifferenzen bei der Amortisation
liegen noch vollkommen im Dunkeln, sind hier aber auch jetzt ohne
wesentliche Bedeutung.

Diese Anleihe, die von vornherein zweifellos eine reine Währungs-
Anleihe war, erfüllte die hochgespannten Hoffnungen der Finanzkreise
Frankreichs nicht. Hierüber ist Klarheit in dem weiteren Verlauf der
Wechselkurse in New York zu finden. Nach einer kurzen Erholung
setzte in wenigen Tagen ein erneuter Rückgang des Wechsels auf Paris
und des Cable-Transfers auf London ein3). Die Bewegung der fran-

1)	Manchester Guardian, 29. September 1915.

2)	Berliner Börsen-Courier, 9. Oktober 1915, Nr. 473, S. 7.

3)	Der Sterlingkurs wies nach Abschluß der Anleihe die folgende Bewegung auf;

Parität: 100 £= 486,656 Dollars

1. Oktober..........4,7285	5.	„	......... 4,705°

2'	„	......... 4.7335	6.	.............. 4,7065

4‘	»	.........4,7i5o	7-	„	......... 4,7035
        <pb n="94" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

77

zösischen Valuta in der Zeitperiode des Anleihe-Abschlusses und nachher
zeigt das folgende Bild:

Parität: 100 Dollars = 5,1826 Frcs.

1. Oktober	■ • • • 5,7625	16. Oktober.	
2. „	■ ■ • • 5,75	18.	• • • • 5,8550
4-	,7		19-	• • ■ ■ 5,8550
5*	&gt;&gt;	■ • • • 5,79	20. ,,	.... 5.88
6.	• • • • 5,79	21. ,,	.... 5,90
7.	»		22. „	.... 5,90
8.	.... 5,8i	23-	„	.... 5,9350
9-	.... 5.8250	25-	.... 5,94
II.	„	.... 5.86	26.	,,	.... 5,9550
13-	.,	.... 5,83	28.	• ■ ■ ■ 5,95
14-	„	.... 5,8650	29.	.... 5,91
15-	.... 5,8525		

Ohne natürlich der passiven Zahlungsbilanz und der hohen Noten-
emission ihre die französische Währung schädlich beeinflussenden Wir-
kungen abzuschwächen, kann ein Gedanke nicht abgewiesen werden,
der sich Vielleicht in ruhigeren Zeiten als richtig getroffen erweisen wird.
Es ist dies die Vermutung, daß die amerikanische Bankwelt in der Valuta-
bewertung der kriegführenden Staaten ein geeignetes Objekt für Spe-
kulationen erblickt. Soweit später zuverlässige Nachrichten und zahlen-
mäßige Angaben über die Goldverschiffungen nach Amerika vorliegen
sollten, namentlich in bezug auf Höhe, Zeit und Preis, dürfte dies wesent-
liche Schlüsse auf die Ursache der Bewegung des Frankenkurses zulassen.
Für den praktischen amerikanischen Finanzier ist es ja nur zu natürlich,
den Gewinnen der heimischen Industrie am europäischen Kriege nicht nach-
zustehen. Er bedient sich nur seiner Methoden, seiner Instrumente, den
Wechselkursen, um auch an dieser Konjunktur partizipieren zu können.
Diese Erkenntnis sprechen neuerdings auch französische und englische
Blätter offen aus. So sagt z. B. der „Daily Telegraph“ wörtlich;

„Sollte das Sinken des Wechselkurses wirklich die Folge von spe-
kulativen Einflüssen sein, so wird jetzt schnell das Deckungsbedürfnis
einsetzen und hoffentlich die Entwertung der Valuta bald beseitigt
sein“1).

Nun ist auch bei diesen Überlegungen zu beachten, daß dem fran-
zösischen Schatzamte von der aufgenomraenen Währungs-Anleihe
in der folgenden Zeit nur wenig Kapitalien zur Bezahlung der aufge-
laufenen und noch fortlaufenden Lieferungen bereitgestellt wurden. Nach
einer Mitteilung des Finanzministers Ri bot hatte die Regierung bis zum
3i. Dezember 1915 nur 400 Milk Frcs. zur Verfügung. Diese gering-

8. Oktober........... 4.7025	16.	„	  4,6935

9.....................4,6965	18.	„	 4,7015

11.	  4,6825	19-	„	 4,6925

13.	„	.........4,6815	20.	„	.........4,6825

14-	„	.........4,6825	21.	.............. 4.6735

15-	..............4.6885

*) Siehe Berliner Börsen-Courier, 24. August 1915, Nr. 393, S. 7.
        <pb n="95" />
        ﻿78

Erwin Respondek,

fügige Summe kann naturgemäß im Vergleich zu den starken Bezüge®
amerikanischer Waren auch nicht im entferntesten einen durchgreifenden
günstigen Einfluß auf die Bewegung der Franken-Devise ausüben und
ermahnt daher, den Gedanken der Spekulation sorgsam zu prüfen und
mit Vorsicht zu vertreten.

Die Darlegungen dürften das eifrige Bestreben der Notenbank,
im Verein mit der Regierung das Valuta-Problem zu lösen, erwiesen
haben. Kein Versuch wurde unterlassen und kein Mittel abgewiesen,,
um die geschwächte Kaufkraft des Franken zu heben und die zerrüttete
Währung wieder in Ordnung zu bringen.

Dennoch führten alle Anstrengungen, alle jenen kostbaren Gold-
opfer zu keiner endgültigen, sondern nur zu einer vorübergehenden
Lösung der für das Wirtschaftsleben fundamentalen Valuta-Frage.
Und dies überrascht nicht, da doch die Schwierigkeiten des Valuta-
Problems für Frankieich, bildlich gesprochen, einer Lawine gleichen,
die noch einen weiten Weg bis ins Tal zurückzulegen hat. Sie fing klein
an, wurde immer größer, und niemand kann beurteilen, wie stark sie
noch werden kann. Sie aufzuhalten, ist nicht leicht, sie weiterrollen
zu lassen, gefährlich. Aber es ist kaum möglich, der gewaltig angestiegenen
Einfuhr von Gütern für Heer und Flotte, Industrie und Landwirtschaft
ein Halt zu gebieten. Und hier liegt die Wurzel des Übels. Von Monat
zu Monat steigt der Import jener vielen Kriegs- und Friedensartikel
und erzeugt so eine zunehmende Verschuldung Frankreichs auf dem
Weltmärkte. Denn neben ausschließlichen Kriegsartikeln mußten in
die Häfen auch Friedenswaren eingelassen werden. Diese sind für die
Aufrechterhaltung der inneren Wirtschaft nicht minder bedeutsam,
und wollte man ihrem Eintritt einen starken Riegel vorschieben, so
würde diese unterbundene Rohstoffzufuhr für den industriellen, gewerb-
lichen und landwirtschaftlichen Betrieb tiefgehende Schäden erzeugen.
Das Prinzip der höchsten Sparsamkeit hat seine Grenzen. So ist es
klar, daß durch diese Einfuhrposten die Passivität der Handelsbilanz
bedeutend vergrößert wird, und daß dadurch alle gezeichneten Ver-
suche vom Debet, wenn auch nicht wieder ins Kredit, so doch wenigstens
ins Gleichgewicht zu kommen, vergeblich sein mußten.

Es dürfte nach diesen Untersuchungen wohl keinem Zweifel unter-
liegen, daß in dem unentwegt hohen Einströmen von Gütern und der
Unmöglichkeit, sie durch eine entsprechend hohe Warenausfuhr, durch
weitere Liquidierung von Forderungen, die Frankreich an das Ausland
in zins- und amortisationspflichtigen Ländern hat, zu kompensieren,
die ersten und grundlegenden Ursachen für die französische Valuta-
krisis zu sehen sind. Auch die Notenbank hat die Überzeugung, daß
allein die kriegswirtschaftliche Entwicklung an der Verschlechterung
der Valuta schuldig sei und erkennt an, daß es mit Rücksicht auf
die nationale Verteidigung unmöglich sei, die Einfuhr beträchtlich
zu vermindern, um dadurch der Krisis auf dem Devisenmärkte entgegen-
zutreten. Aber: „Weder die Diskonterhöhung noch die Geldsendungen nach
        <pb n="96" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

79

Gläubiger-Ländern in Beträgen, in denen diese Sendungen notwendig
waren, um den Saldo unserer Verbindlichkeiten zu decken, waren die
Heilmittel, die Kraft genug besaßen zu helfen, ohne ernste Schwierig-
keiten hervorzurufen . . ,“1).

Diese beiden Mittel hätten, soweit es heute von hier aus zu beurteilen
ist, einen sicheren, dauernden Erfolg nicht gebracht. Eine Diskonter-
höhung würde vielleicht eine verhältnismäßig fühlbare Einschränkung
von Einfuhrartikeln nach sich ziehen, aber auch nur dann, wenn sie
um mehrere Prozente erfolgt. Eine solche Diskonterhöhung würde aber
auf der anderen Seite alle jene Bestrebungen der Notenbank wieder
ersticken, die darauf gerichtet sind, das sich langsam regende wirtschaft-
liche Leben, das allmählich wieder einziehende Vertrauen kräftig durch
einen leichten Diskont zu fördern. Ebenso unfruchtbar wäre, wie bereits
erörtert, der Kampf gegen die konstante Passivität mit einer rücksichts-
losen Goldausfuhr gewesen. Sie hätte in den Kredit der Bank gefähr-
liche Lücken gerissen, falls sie dazu noch, nach dem Wunsche einiger
Theoretiker, ohne Maß und Schranken erfolgt wäre. Unbeschränkter
Goldexport zur Rettung der Devisenkurse würde die Bank in eine Wäh-
rungs- und Kreditkrisis stürzen, in der sie selbst leicht zu Falle kommen
könnte.

Noch eine offene Frage bleibt zu beantworten. Übt nicht die ver-
stärkte Notenemission schädliche Einflüsse auf den inneren Wert der
französischen Währung aus? Zweifellos. Mit der starken Zunahme
des Notenumlaufes ist eine Veränderung des Geldwertes verknüpft.
Es ist aber wohl zu beachten, daß zunächst die reine Golddeckung der
französischen Banknoten relativ ziemlich hoch ist. Aus den Wochen-
Ausweisen ist zu ersehen, daß die tiefste prozentuale Golddeckung der
Noten im Juli 1915 mit 32 % erreicht wurde, und daß im Durchschnitt
die Noten Zu gut % mit Gold gedeckt sind. Aber: Ein 10, 12, ja sogar
15 Milliarden Notenumlauf stellt dennoch eine ungesunde Vermehrung
des Geldbesitzes dar und muß zum Mißtrauen an der Zahlungsfähigkeit
der Notenbank Frankreichs führen. Zwar hat die französische Note
auch noch in den späteren Kriegsmonaten die ihr innewohnende
Eigenschaft als Geldmittel nicht ausgeübt. Sie hat, wie schon erwähnt,
durch das eigenartige Verhalten der Bevölkerung z. T., wirtschaftlich
betrachtet, einen anderen Charakter angenommen. Eine ausgedehnte
Thesaurierung von Banknoten erzeugte im Geldverkehr Lücken, die
immer wieder nur durch Noten ausgefüllt werden konnten. So verlor
die starke Notenemission in der ersten und nachfolgenden Zeit ihren
gefährlichen Charakter als künstliches Zusatzgeld, und da die Noten
m ihrer zirkulatorischen Aufgabe verhindert sind, vermögen sie die
ihnen innewohnende Kaufkraft nicht auszuüben. Sie gelten somit wirt-
schaftlich als nicht ausgegeben, da es natürlich für die Volkswirtschaft
im Prinzip gleichgültig ist, ob die Noten in der Notenbank oder in den
fehatzkästen der Privaten festliegen. Man kann zwar sagen, daß die

l) Bank von Frankreich, Geschäftsbericht 1915, S. 11.
        <pb n="97" />
        ﻿8o

Erwin Respondek,

Bank von Frankreich, die in ihrem Wochenausweise als emittiert bezeich-
nten Noten durch den ausgewiesenen Goldbestand teilweise oder gering
gedeckt hat. In Wirklichkeit aber sind sie eben durch die Thesaurierung
doch ziemlich hoch gedeckt.

Das günstige Deckungsverhältnis wurde aber durch die unentwegten
Vorschüsse an den Staat in der späteren Zeit arg verschlechtert und
bezüglich der Notenemission gewinnt man den Eindruck einer fast
grenzenlosen Ausdehnung. Es gelingt nur im beschränkten Umfange
und auch nur vorübergehend, einen kleinen Bruchteil der zur Kriegs
finanzierung ausgegebenen Noten wieder hereinzubekommen durch die
Ausgabe der langfristigen Anleihen. Im wesentlichen ist somit festzu-
halten, daß durch die hohe Notenemission eine große Geldfülle erzeugt
wird, die ihre schädlichen Folgen auf Inlandspreise und Wechselkurse
ausübt. Erklärt nun im Hinblick auf diese Tatsachen ein Vertreter einer
Munition oder Getreide liefernden Nation auf dem Weltmärkte: Die fran-
zösische Frankennote ist nur zu 33 Vs % ’n Gold gedeckt, d. h. zu
33 Vs % wenVer als in normalen Zeiten, daher muß ich meine Ware
zu einem entsprechend höheren Preise verkaufen, so wird der Franzose,
falls er den Lieferanten nicht mit einer fremden Valuta befriedigen kann,
dies wohl oder übel sich gefallen lassen müssen, da er eben die Waren
dringend benötigt und daher alle Opfer bringen wird. Hieraus aber
einen Schluß zu ziehen und als Urteil festzustellen, die Notenemission
bewirkte allein diese Minderbewertung des französischen Geldes, dürfte
ein zu weitgehender Schluß sein. Sie wirkt mit, aber ist nicht ent-
scheidend. Hier gibt eine Parallele mit England das beste Beweismittel
für die Richtigkeit dieser Überlegungen. England hat seine Noten voll
durch Gold gedeckt. Nur einmal während des Krieges wurde die Peelsche
Bank-Akte laut Wochen-Ausweis vom 28. Oktober 1915 durchbrochen1).
Dennoch kämpft England mit allen nur erreichbaren Mitteln gegen hohe
Preise im Inland und das Disagio des Sterling am Weltmärkte. Auch
hier ist die Entwertung des Standardwechsels in erster Linie auf das
Schuldverhältnis Englands zu seinen Kriegslieferanten zurückzuführen.
Gewiß ist noch der Einwand möglich, daß zwar nicht formell infolge
eines Gesetzes die Bank-Akte suspendiert worden ist, die Bank von England
sie aber praktisch nicht befolgt, indem sie nur geringe Mengen Gold und
nach ihrem eigenen Ermessen hergibt. Somit haben die Banknoten
der Bank von England tatsächlich Zwangskurs, genau wie in Frank-
reich und Deutschland, und sind damit nicht mehr vollwertige Aus-

2) Nach dem Ausweis vom 28. Oktober 1915 betrugen (in Mill. £):

Notenumlauf der Bank von	England	.	32,8	Goldbestand	der	Notenbank	56,2

Regierungsgelder (currency	notes)	...	73,1	Gold	für	die	currency	notes	28,5

Notenumlauf....................105,9	84,7

Gesamtgoldreserve...............84,7

Ungedeckte Noten................21,2

Maximum des ungedeckten Notenumlaufs 18,45
d. h. also ungedeckte Noten.... 2,75
        <pb n="98" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

81

tauschmittel im Sinne des internationalen Zahlungsverkehrs. Aber die
Einlösbarkeit der Noten ist doch hier wie in Frankreich und Deutsch-
land nur verschoben, auf einen späteren und glücklicheren Zeitpunkt
prolongiert und nicht effektiv für immer ausgesprochen. Tatsächlich
ruht in der Bank von Frankreich ein bestimmter Goldschatz, der zur
realen Deckung ihrer zirkulierenden Noten prädestiniert ist und den
Noten wirklichen, inneren Wert verleiht. Es dürfte so ziemlich schwer
fallen, das Disagio des Franken allein oder vorwiegend auf eine durch
übermäßige Notenemission herbeigeführte Geldentwertung erklären zu
wollen, obwohl nochmals betont werden soll, daß auch sie in Grenzen
ihre Einflüsse zur Geltung bringt.

Durch welche Maßnahmen sich die französische Republik aus dieser
schlimmen währungspolitischen Lage befreien wird, sei es noch im Kriege
oder im künftigen Frieden, ist gar nicht vorauszusehen. Hier werden
der Ausgang des Krieges und die sich anschließenden Friedensbedingungen
ein entscheidendes Wort mitzusprechen haben, so daß alle Betrach-
tungen über dieses interessante Problem bis in friedliche Zeiten verschoben
werden müssen.

Ein Rückblick auf die dargelegte vielseitige und mit so weit-
herziger Bereitwilligkeit entwickelte Kredittätigkeit der Bank von
Frankreich kann nur das Urteil uneingeschränkten Lobes zulassen.
Es steht fest: Die Notenbank versagte im entschei-
denden Augenblicke nicht, und sie zeigt sich
während der ganzen bisherigen Kriegszeit als
ein unerschütterlicher Pfeiler, auf dem alle
finanziellenTransaktionen sicher ruhen können,
und als die unerschöpfliche Quelle, aus der Staat
und Volkswirtschaft jede berechtigte und not-
wendige Hilfe in weitestem Maße schöpfen kön-
nen. Sie finanziert den Krieg, sucht das Wirtschaftsleben durch leichten
Kredit zu beleben, stützt Banken und Private, arbeitet in vollster Kraft
an dem Abbau der Wechsel-, Börsen- und Bankmoratorien, regt überall
zur Arbeit an und verzagt nicht, den schweren Kampf gegen die Ver-
schlechterung der nationalen Währung, die ihr als höchstes Gut an-
vertraut ist, in unermüdlicher Tatkraft und energievoller Hingebung
zu führen.

Alle diese unschätzbaren Dienste und ihre Arbeit als Notenbank
Werden als wertvolle Dokumente zu den bereits errungenen in ihre Ge-
schichte eingetragen werden und so für immer fortbestehen.

Eine so hervorragende Stellung, wie sie die Bank von Frankreich
im nationalen Wirtschaftsleben, im Kredit-, Bank- und Finanzwesen
einnimmt, bleibt von Anfeindungen nicht verschont. Wirtschaftspoli-
tische und rein politische Interessen der verschiedensten Parteien suchen
durch ihre Beziehungen und Machtmittel Einfluß auf die Notenbank
zu gewinnen, gegen sie anzurennen, um ihre Kraft in einer ihnen jeweilig
genehmen Weise, oftmals für eigennützige Zwecke zu gebrauchen. Am

Respondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft#	6
        <pb n="99" />
        ﻿82

Erwin Respondek,

heftigsten werden die Kämpfe, sobald der Zeitpunkt anrückt, an dem
das Privileg der Bank von Frankreich, nämlich das Recht der alleinigen
Notenemission, zur Erneuerung gelangt. Es ist hier nicht der Raum,
diese sehr bemerkenswerten Vorgänge nach ihren offenen und heim-
lichen Tendenzen und ihren Resultaten geschichtlich darzustellen, und
daher möge nur das Prinzip herausgeschält werden, das jenen Be-
wegungen zugrunde liegt. Ist die Frage der Verlängerung des Noten-
privilegs akut, dann kommt es lediglich für die eine Partei, zu der die
Landwirtschaft, die Industrie oder der Handel, das Gewerbe und stets
der Staat zählen können, darauf an, von der Bank z. B. in der
Kreditgewährung größere Zugeständnisse zu erlangen, erhöhte, billige
Vorschüsse zu erhalten u. a. m., also im Kern das Privileg zu einem
Handelsobjekt zu stempeln. Ähnlicher Natur waren die Ziele bei
der Privilegs-Debatte im Jahre 1897. Heute werden die Ziele natürlich
äußerlich andere sein und im wesentlichen von den Ereignissen des
Krieges bestimmt werden. Es erscheint aber als höchst unfruchtbare
Arbeit, schon jetzt über das Problem der Privilegs-Erneuerung zu dis-
kutieren, obwohl die Entwicklung des Wirtschaftslebens in ihren neuen
Bahnen, obwohl noch alles im Flusse ist und das gegenwärtige Privileg
dazu erst am 31. Dezember 1920 abläuft. Die Notenbank steht immer
noch mit allen Kräften im Kreise der ihr gestellten, tatsächlich nicht
leicht zu meisternden Aufgaben, sie verkörpert immer noch den Kredit
des Staates, ohne den die nationale Verteidigung schwerlich diesen
Gang genommen haben könnte und die gesamte heimische Wirtschafts-
führung in die größten Schwierigkeiten versetzt sein würde. Von ihr
daher jetzt zu fordern, einen innerpolitischen Kampf zu führen, ist mehr
als kurzsichtig, ist verantwortungslose Gesinnung. Es ist von hier aus
nicht klar zu erkennen, Welche politischen Strömungen diesmal an der
Arbeit sind. Nur so viel steht fest, daß auch jetzt wieder geheime po-
litische Kräfte wirken, deren Ziele ja noch nicht bekannt sind oder doch
nur mit Vorsicht vermutet werden dürfen. Es besteht vielleicht in einigen
Kreisen die Annahme, daß die Notenbank durch ihre neuen, unzweifelhaft
hohen Verdienste um die Staats- und Volkswirtschaft zu einer hohen
Macht werden könnte: „die Bank wird zu mächtig, ihr Verdienst um das
Land könnte den Einfluß politischer Streber ausschalten“, deshalb,
so argumentiert die „Frankfurter Zeitung“1) weiter: „die Bank muß
fühlen, daß das Parlament Herr der Lage ist, die Bank muß vor allen
Dingen bluten, sie soll für einen Teil der Kriegskosten aufkommen“.
Diese Annahmen brauchen nicht zu stimmen, jedenfalls hat die „Frank-
furter Zeitung“ aber recht, wenn sie bemerkt, daß bei derartigen Zielen,
„mit solchen Leuten“ jede sachliche Diskussion ein Ding der Unmöglich-
keit ist. Bei einer Realisierung dieses vermuteten Zieles würde eben
die Bank von Frankreich aufhören Notenbank zu sein.

Das unterirdische Treiben gegen das französische Noteninstitut
muß aber sehr konsequent und kräftig vor sich gegangen sein, da der

h a. a. O. 13. Juli igi6, No. 192.
        <pb n="100" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzvvirtschaft.

83

Handelsminister unter den Handelskammern eine Rundfrage veranstaltete,
in der er bat, zur Frage der Privilegs-Erneuerung der Bank von Frank-
reich Stellung zu nehmen. Nicht eine von ihnen verkannte die gespannte
und ernste Situation und sämtliche Antworten zeugen von einer über-
raschenden Übereinstimmung. Leitend waren wohl die Gesichtspunkte
der Pariser Handelskammer, die folgende vier Thesen aufstellte;

1.	„Die Regierung möge unverzüglich an das Parlament mit einer
Gesetzesvorlage bezüglich der Verlängerung des Privilegs der Bank
von Frankreich herantreten.

2.	Die Verlängerungsdauer möge von hinreichend langer Dauer
sein, um der Bank einen breiten Anteil an der wirtschaftlichen Erneuerung
des Landes zu sichern,

3.	Die Dauer sei auf mindestens 30 Jahre festzulegen.

4.	Die gegenwärtige Organisation der Bank sei im Prinzip beizu-
behalten, ohne neue Lasten und Modifikationen, welche die Freiheit
und die Wirksamkeit ihrer Tätigkeit unterbinden könnten; dies sei
unentbehrlich bei Durchführung der Maßnahmen, welche die Bank
zu treffen haben wird, um weiterhin dem Handel und der Industrie
Frankreichs die weiteste Entwicklung zu sichern".1)

Die Erkenntnis, die aus diesen Worten spricht, zeugt davon, daß
die maßgebenden Kreise des Handels und der Industrie Arbeit und
Verdienst der Bank von Frankreich gleich hoch und bedeutungsvoll
für das gesamte Land zu schätzen wissen und zu würdigen verstehen.

III.	Die Pariser Börse.

Die Pariser Börse bot schon im Jahre 1913 ein sehr bewegtes Bild.
Äußere aus politischen Komplikationen herrührende und innere Ein-
flüsse gingen an ihr nicht spurlos vorüber. Die kriegerischen Verwicke-
lungen auf dem Balkan, die bereits seit Oktober 1912 auf den Markt
sehr stark eingewirkt haben und zur Baisse-Tendenz führten, ließen
das Kursniveau inländischer und natürlich in viel schärferem Maße
ausländischer — balkanischer — Werte erheblich sinken. Zu diesen
unruhigen und gefahrvollen kriegerischen Vorgängen, von denen man
in den Börsenkreisen befürchtete, daß sie leicht nach Europa überspringen
könnten, gesellten sich noch im eigenen Lande eine wirtschaftliche
Stagnation, eine rückläufige Konjunktur, verworrene innere politische
Krisis, unklare Anleihe- und Steuerprojekte. Alle diese Faktoren übten
auf Neuemissionen und großzügige Spekulations-Unternehmungen ihre
lähmenden Wirkungen aus. Die Nachfrage nach festverzinslichen Werten
ging zurück, Industriewerte wurden abgestoßen. Erstaunt blickten
alle Börsenplätze auf den französischen Markt, der anscheinend doch
nicht in der Lage war, diesem stagnierenden Dasein durch eine
energische Kraftanstrengung ein Ende zu bereiten. Der Jahreswechsel
1913/i4 brachte keine Änderung, vielmehr nahm die Börse politische,

9 Frankfurter Zeitung, 13. Juli 1916, No. 192.

6*
        <pb n="101" />
        ﻿Erwin Respondek,

84

wirtschaftliche und finanzielle Sorgen in das neue Jahr hinüber und
setzte gleich zu Beginn des Jahres 1914 mit scharfen Kursrückgängen
ein. In den Nachrichten über Lage und Stimmung der Pariser Börse
kehrten regelmäßig die Worte „flau", „matt“ usw. wieder. Ab und zu
erhoben sich kleinere Ereignisse über den alltäglichen Gang. So rief
einmal der Zusammenbruch der Victorschen Bank auf dem Bankenmarkt
eine kleine Krise hervor, dann wieder ließ der Plan, die Maximalgrenze
für Einlagen bei den Sparkassen von 1500 auf 3000 Frcs. zu erhöhen1),
was die Kaufkraft der Sparkassen steigern würde, den Rentenmarkt
ein wenig beleben. Aber dies alles Waren nur kleine, stimulierend wirkende
Vorgänge. Hinter ihnen traten die wirtschaftlichen und politischen
Schwierigkeiten in den südamerikanischen Staaten, die Wirren in Mexiko
immer unangenehmer fühlbar in den Vordergrund und zogen schließlich
bald die Börse ganz in ihren Bann. Die Kurse wichen stark, und die
Banken konnten zu keiner Intervention schreiten. Sie waren bereits
zu sehr mit unverkäuflichen Werten immobilisiert und so scharfen Rück-
gängen gegenüber machtlos. Rentenbank- und Industriemarkt lagen
darum andauernd schwach, desgleichen der Markt ausländischer An-
leihen. Die Übersättigung mit fremden Werten in Kreisen des Pub-
likums trat jetzt doch allzu fühlbar hervor. Sie erzeugte trotz weichender
Kurse starkes Realisationsbegehren und großen Widerstand gegen
Neuaufnahmen fremder Wertpapiere. Keine noch so glänzend und
verlockend verfaßten Schilderungen der Tagespresse vermochten einen
günstigen Stimmungswechsel im französischen Publikum für neu emit-
tierte Südamerikaner, Russen und andere exotische Staaten zu erzielen.
Und gerade durch die Einführung neuer Werte glaubte man der dahin-
vegetierenden Börse frische Lebenskräfte zuzuführen! Mit hohem Zins,
altbekannten glanzvollen Versprechungen auf Zukunftsgewinne und
groß angelegter, zum Teil von der Regierung wirksam unterstützter
Propaganda, sollten die ausländischen Papiere über die Börse geleitet
werden, damit sie um so sicherer in den Besitz der Rentner gelangten.
In einer Zeit, da die französische Regierung die parlamentarischen Wider-
stände gegen die Emission eines französischen Rententyps zur Ablösung
ihrer schwebenden Schulden zur Deckung eines Defizits nicht zu brechen
imstande war, wurde aber die Ausgabe einer Reihe von ausländischen
Werten in Szene gesetzt, nur um den Markt zu beleben, wie man diesen
Widerspruch zu erklären versuchte! So wurden im Januar 1914 die
Serben mit 175 Mül. Frcs. versorgt, dann traten nach einem Monat die
Russen mit einet Eisenbahn-Anleihe in Höhe von 665 Mül. Frcs. auf
den Plan. Wieder 4 Wochen später legten die Chinesen eine 100 Mül.
Frcs. Industrieanleihe auf. Im nächsten Monat erschienen die Griechen
und erhielten 175 Mül. Frcs. Auch der Türkei gelang es, 500 Mül. Frcs.
aufzunehmen usw. Aber der französische Kapitalist verhielt sich in der
Spekulation und Anlage jener Werte durchaus ablehnend, abwartend
und mißtrauisch, so verlockend und günstig auch die Bedingungen

b Die Erhöhung erfolgte erst im März 1916.
        <pb n="102" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

85

waren. Das alte Vertrauen war erschüttert und dies kann wenig Ver-
wundern. Der kleine Kapitalist, Rentner, Beamte entsinnt sich mit
Schmerzen der verflossenen Jahre, in denen eine rege Propaganda zum
Ankauf jener exotischen Papiere betrieben wurde, für Länder, die
jetzt vollkommen versagen, in ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit
arg enttäuschen und andererseits durch kriegerische Neigungen den
Wert der Anleihen gefährden. Sie erinnern sich, wie die Zeitungen
damals von den unermeßlichen natürlichen Reichtümern und zukünf-
tigen Werten aller jener Schuldnerländer mit unermüdlichem Eifer
berichteten. Ihre Anleihen waren ja auch mit hohen Zinssätzen aus-
gestattet, die zunächst den investierten Kapitalien große Vorteile für
lange Jahre zu gewährleisten und den Schilderungen zu entsprechen
schienen. Man folgte so willig den Lockungen und leicht und reich-
lich flössen die Kapitalien. Die französische Bankwelt leitete natur-
gemäß die Strömung, und unter ihrer Führung gingen gewaltige Summen
nach Argentinien, Brasilien, Mexiko usw. usw. nach Staat, Provinz,
Kommune und Übersee-Unternehmen aller Art, wie es noch eingehend
dargelegt wird. Ihre Politik in der Kapitalsanlage war ebenso un-
kaufmännisch wie gefährlich. Die „Frankfurter Zeitung" charakteri-
sierte schon frühzeitig vollkommen zutreffend die französischen Finan-
zierungssitten, wenn sie sagt:

„Oberflächlichkeit, ja manchmal Leichtfertigkeit in der Prüfung
der Geschäfte und die Sucht, rasch und viel zu verdienen“1).

Nunmehr in den Zeiten wirtschaftlicher Depression, politischer
Spannung, nutzten alle Versprechungen nichts mehr, das Börsenpub-
likum war nicht mehr zu beeinflussen. Die Banken hatten so einen
schweren Stand und konnten die in immer stärkerem Maße auf den Markt
kommende Ware bald nicht mehr aufnehmen. Nur mühsam durch
gegenseitige Hilfe kam man über alle Schwierigkeiten hinweg. Wohl
konnte die „Frankfurter Zeitung“ im März 1914 noch schreiben:

„Die sprichwörtliche, vielleicht aber auch manchmal überschätzte
Sparkraft des Landes, wird wohl mit der Zeit imstande sein, den großen
Papierberg, den die letzten Jahre geschaffen haben, zu verdauen“2),
aber der Zustand hochgradiger Unlust wegen der ausgeführten uner-
freulichen Tatsachen war nicht mehr aus der Welt zu schaffen, denn sie
sprachen eine zu deutliche und nüchterne Sprache. Die Banken konnten
die Werte der Frühjahrs-Emissionsperiode nicht placieren.

Unentwegt türmten sich neue Schwierigkeiten namentlich politischer
Natur aut. Waren einmal die gefährlichen Klippen der deutsch-russischen
Pieß-Polemik glücklich umschifft, so knüpften sich schon wieder an
die alte Rochette-Affaire, den Rücktritt einiger Minister, neue Sorgen.
Dann wieder brachte ein Senatsbeschluß, der sich für eine Einkommen-
steuer auf Anlagewerte ausspricht, die für fremde Staatsfonds ab 1. Juli
I914 in Kraft treten soll und den Banken die Inquisition vorschreibt.

x) Frankfurter Zeitung, 1. Mär?. I9I4-1
2) a. a. O. 1. März 1914.
        <pb n="103" />
        ﻿86

Erwin Respondek,

neue Sorgen. So traten immer wieder neue Hemmungen ein. Das Wirt-
schaftsleben selbst ging nur langsam, gleichsam apathisch, vorwärts.
Der Industrie mangelte es an Aufträgen, für Handel und Gewerbe stand
eine noch schlechtere Konjunktur in drohendem Anzuge, und die Staats-
kasse kämpfte unermüdlich gegen den ewig drückenden Geldmangel.
Es ist daher nicht zu verwundern, daß auch diese inneren Zustände
der Spekulation den Stempel des Pessimismus aufdrückten und das
Kursniveau ungünstig beeinflussen mußten. Mit Mühe und Not wurden
alle diese Schäden am Kursgebäude in einem grenzenlosen, dem
Franzosen angeborenen Optimismus immer wieder ausgebessert. Es
fehlte auch nicht an Versuchen trotz all dieser Hemmnisse in die Spe-
kulation dennoch einen lebhafteren Schwung zu bringen, aber ohne
jeglichen wahrnehmbaren Erfolg. Im Juni brach eine volle Krisis ein.
Exekutionsverkäufe und freiwillige Glattstellungen waren sehr zahl-
reich, schienen sich zu überstürzen. An einem Tage wurde die Platz-
und Provinzkundschaft, an einem andern Petersburg und Moskau und
dann wieder Antwerpen und London glatt gestellt, wie der Bericht-
erstatter der „Frankfurter Zeitung“ aus Paris meldete. Das für die Börse
so dringend notwendige kaltblütige Überlegen verschwand. Die wil-
desten Gerüchte riefen bei den Spekulanten hohe Angst hervor und die
Baisse erweckte den Anschein, als wollte sie sich zu einer vernichtenden
Lawine entwickeln. Hierzu kam, daß eine scharfe Verleumdungskam-
pagne gegen die Banken — speziell gegen die „Societe Generale“ — in
das Publikum die größte Beunruhigung trug. Es drohte ein General-
sturm der Depositen-Einleger auf die Banken. Der Regierung gelang
es noch durch schnelles Einschreiten den Zusammenbruch zu vermeiden,
aber die Börse verharrte dennoch in ihrer nervös überreizten Stimmung.
Es fiel auf, daß deutsche Staats- und Städte-Anleihen, besonders Reichs-
anleihe in großen Summen gegen Mitte des Jahres abgestoßen wurden
und nach Deutschland zurückwanderten. Seit 1870 hatte die Pariser
Börse noch keine so ernste und schwere Zeit durchgemacht. Die Auf-
lage der neuen 3%% Rente in den ersten Tagen des Monats Juli wurde
unter diesen Umständen für den Markt zu einer fast erdrückenden Be-
lastung. Der Markt war nicht mehr aufnahmefähig und empfand diese
Emission als eine gefährliche finanzielle Kraftprobe, die um so ernster
wurde, als die allgemeine Lage und Stimmung sich zusehends verschlech-
terten.

Denn immer neue bedeutende äußere Ereignisse wirkten auf die Börse
ein. Auf politischem Boden war zu erkennen, daß in Rußland die Kriegs-
partei sichtbar die Oberhand erlangte, das befreundete England war
durch die irländische Krisis in politischer Beklemmnis. Und nun wurde
der Gipfel des Leidensweges erreicht durch die plötzliche Ermordung
des österreichischen Thronfolgers. Schärfste Spannung zwischen Öster-
reich und Serbien. Man denkt an einen europäischen Krieg. Neue
schwere Schläge für die Börse. Dies alles war zu viel für eine erschöpfte,
überarbeitete und nervöse Börse, wie sie Paris in jenen Tagen hatte. Die
        <pb n="104" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

87

Baisse entwickelte sich denn auch zur Panik, die im Kursblatt vom 25. Juli
1914 ihre Spuren anzeigt. Sie bietet ein Bild der wildesten Verheerung.
Am empfindlichsten wurde die französische Rente mitgenommen, und
in der Kulisse mußte das Geschäft in Renten suspendiert werden, im
Parkett wurden Blankoverkäufe nicht mehr zugelassen und der Kurs
der 3 % Rente von 74 % auf 78 % zwangsweise festgesetzt. Die Syn-
dikatskammer der Agents de change griff ein: Verkäufe von französischer
Rente in spekulativen Abgaben dürfen nicht effektuiert werden, spe-
kulative Engagements können nur dann gelöst werden, sobald die Titel
beigebracht sind usf. Doch das Kursniveau sank unaufhaltsam. Die
Kurse einiger führender Werte zeigen im Vergleich zu denen vom 18. Juli
das folgende Bild:

Börsenkurse während der Kriegskrisis.

Wertpapier	18. Juli	25- Juli
3% Rente		82,07	78,00
3V2 % Rente		gr,67	86,00
Russische Konsols		87,00	82,50
5 °/o Russen		102,50	98,87
Banque de Paris		i357,oo	1225,00
Credit Lyonnais		i535,oo	1432,00
Societe Generale		739,00	690,00
Azow-Don-Bank		1416,00	1290,00
Russisch-Asiatische Bank		650,00	512,00
Rio-Tinto 		1717,00	1604,00
Naphta Nobel		458,00	420,00

Ungewißheit und Zweifel über die weitere Entwicklung des drohend
aufgetauchten europäischen Krieges versetzten die Börse in eine hoch-
gradige Nervosität. Für die Kopflosigkeit und Aufregung jener letzten
Tage zeugt ein Zwischenfall. Der Pariser Bankier Rosenberg, öster-
reichischer Staatsbürger, war an der Börse als Urheber zahlreicher
Baissen, besonders im Rentenmarkt bekannt. Ara 27. Juli erschien er
in der Börse und sofort nahm man an, daß er wieder zu Baisseattacken
ansetzen wollte. Eine stürmische, feindliche Bewegung löste sich gegen
ihn aus; „dieselben Kommis, die sich sonst um seinen Standplatz drängten,
um Ordres zu erlangen, waren wieder da, aber da das Geschäft in der
Kulisse ruhte, so wuchs ihre Zahl an, es kam zu Bemerkungen, nachher
zu Rufen, und schließlich wurde eine feindliche Demonstration daraus,
die derart anWuchs, daß eine seriöse polizeiliche Intervention nötig
wurde, und der Polizeipräfekt auf die Nachricht hin persönlich herbei-
eilte, um weitere Unbilden zu verhüten.“1)

Doch die Ereignisse eilten in überwältigender Kraft und unhaltbar
ihrem Ziele entgegen. Kein Geringerer als Jaures hatte dieses Ziel
klar erkannt:

■*) Frankfurter Zeitung, 28. Juli 1914.
        <pb n="105" />
        ﻿88

Erwin Respondek,

„Hier treiben alle schädlichen Kräfte zum Kriege, den man führen
will zur Erfüllung eines krankhaften Ehrgeizes und weil die Bör-
sen London und Paris auf Petersburg spekuliert
habe n"1).

Endlich wurde die Spannung gelöst: der europäische Krieg war
gesichert.

Bei der Verkündung des Sieges der Kriegspartei löste sich schließ-
lich die Spannung in einem allgemeinen Kurssturze auf. Angstverkäufe
der kleinen Börsenspekulanten, die durch den Verkauf ihrer Wertpapiere
ihre Zahlungsbereitschaft oder Kassenbestände auf jeden Fall erhöhen
wollen, Zwangsverkäufe derjenigen, die mit geliehenen Kapitalien ar-
beiten und denen jetzt einerseits die emporgestiegenen Geldsätze und
dann die gewaltig gefallenen Kurse die Durchhaltung ihrer spekulativen
Engagements unmöglich machten und schließlich die Baisse-Attacken
der berufsmäßigen Spekulation, warfen Riesenbeträge auf den Markt.
Die Kurse mußten unhaltbar fallen. Die Emissionshäuser konnten wegen
ihrer ungenügenden Liquidität gegenüber den Forderungen ihrer De-
positen-Gläubiger keine systematischen Stützungskäufe vornehmen.
Sie hätten sich aber auch bei den gewaltigen Beträgen, die auf den
Markt geworfen wurden als vollkommen unzureichend und wirkungs-
los erwiesen. Denn die Erschütterungen auf dem Markte der Staats-
papiere und guter inländischer Effekten waren schon sehr erheblich. Rein
spekulative Werte unterlagen natürlich dem schärfsten Rückgänge. Um
weitere Erschütterungen zu verhindern, wurde die Börsentätigkeit am
29. Juli suspendiert.

Für diese bewegte Periode bietet der Kurszettel von der Pariser
Börse die beste zahlenmäßige Anschauung. Einige wichtige Anleihe-
und Aktien-Papiere mögen in ihrer Kursbewertung hervorgehoben
werden und zwar an einzelnen Terminen, die für den Gang der Ereig-
nisse gleichsam hervorstehend waren. Dies dürften aus dem Jahre
1912 der Tag der Kriegseröffnung am Balkan, der 11. Oktober sein.
Weiterhin der 31. Dezember 1913 als Jahrestermin, der 25. Juli 1914
als letzter Termin der Ultimonotierungen und schließlich der 28. Juli,
der Tag der ersten Kriegserklärung Österreich-Ungarns gegen Serbien
und zugleich der letzte Börsentag (s. S. 89)'

Am 3. August 1914 entschlossen sich die Börsenbesucher, die Ge-
schäfte wieder aufzunehmen. Jedoch sollte allen spekulativen Aus-
schreitungen entgegengetreten werden, indem man bestimmte, daß nur
Abschlüsse in Kassageschäften gestattet seien. Die Ultimooperationen
bleiben für die ganze Dauer des Krieges geschlossen. Aber nur langsam
entwickelte sich das Börsengeschäft. Am 3. August wurden 12 Werte
kotiert, darunter auch die 3% % Rente, sowie die 3 % ewige Rente,
sonst zum großen Teil Eisenbahn-Obligationen. In den nächsten Tagen

x) Aus einem Schreiben von Jaures an Vandervelde nach Belgien zwei
Tage vor seiner Ermordung. Siehe Reichstags-Stenogramm: 40. Sitzung, 6. April 1916,
S. 89g (Zitat in der Rede von Scheideinan n).
        <pb n="106" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtsohaft.

89

Kursstand einiger Werte an bedeutsamen Tagen.

Wertpapier	Tag der Notierung				
	1912		1913	1914	
	30. Sept.	ir. Okt.	31. Dez.	25- Juli	30. Juli
3 % ewige Rente	90,40	88,6z	85,37	78,00	77,25
Kons. Russen . .	94,00	88,55	—	82,50	—
4 % Serben . . .	86,75	68,35	—	71,00	72,00
4 °/0 unif. Türken	89,50	80,25	85,80	78,00	76,20
Cr6dit Lyonnais .	1610,00	1525,00	1671,00	1432,00	1330,00
Societe G6n6rale .	840,00	8r2,oo	815,00	680,00	665,00
Compt. National .	1049,00	975,oo	1050,00	942,00	892,00
Suez		5940,00	5600,00	4955,oo	4500,00	4300,00
M6tropolitain. . .	660,00	604,00	591,00	458,00	440,00
Rio Tinto ....	2130,00	1883,00	2768,00	1604,00	1430,00

War die Beteiligung am Börsengeschäft etwas lebhafter und mannig-
facher. Am 5. August wurden 80 und am 6. August 1914 bereits 120 Werte
kotiert. Für die nachfolgende Zeit schwankt die Ziffer der gehandelten
Papiere zwischen 100—130.

Diesen ersten Börsentransaktionen darf jedoch keine zu große Bedeu-
tung beigelegt und damit etwa der Pariser Börse das Zeugnis ausgestellt
werden, daß sie in der frühesten und schwersten Kriegszeit den
Kassa oder Termin-Handel in Renten und anderen Werten aufrecht
erhalten habe. Die Notierungen der in den Handel hineingezogenen
Papiere sind vollkommen nomineller Natur, die ganz willkürlich hoch
oder niedrig gesetzt werden, je nach Stimmungsbedarf für engere und
weitere Kreise. Werden einmal tiefe Kursstände einzelner Werte ge-
meldet, so handelte es sich sicherlich um Zwangsverkäufe der Speku-
lation oder Verlegenheitsverkäufe von Inhabern, die auf jeden Fall
verkaufen wollen, da sie Geld benötigen. Aus diesen „festgestellten“
und übermittelten Kursen dürfte also kaum der reale Wert der Effekten
ersehen werden.

Die Pariser Börse hatte seit dem Tage ihrer Wiedereröffnung
einen schweren Stand. Und obwohl sie sich mit einer Reihe von Vor-
sichts- und Schutzmaßnahmen umgab, war sie auf Grund der
kriegerischen Ereignisse einfach nicht lebensfähig. Sie gefiel sich
zwar in dem Scheine, trotz Krieg und Not zu arbeiten. Aber unter dem
zwingenden Einfluß der Kriegsereignisse — die deutschen Truppen
vollführten im August einen siegreichen Vorstoß über St. Quentin in
der Richtung auf Paris — sank das Geschäft ungeachtet aller Gegen-
anstrengungen immer mehr auf den toten Punkt herab. Am 1. Sep-
tember 1914 war die Gesamtzahl der kotierten Werte auf 34 gesunken,
nachdem sie, wie bereits ausgeführt, am 6. August 130 Papiere zählte.
Unter dem Drucke dieser Verhältnisse beschloß die Syndikatskammer
der Pariser Börsenmakler die Börse zu schließen. Der Polizeipräsident,
durch Kriegsgesetze zu gesetzlichen Handlungen ermächtigt, schloß
am 2. September die Pariser Börse. Sein Befehl lautete:
        <pb n="107" />
        ﻿9o

Erwin Respondek,

„Erster Artikel: Die Effekten-Börse ist und wird bis auf weiteres
geschlossen.

Zweiter Artikel: Der Polizeikommissar, nahe am Börsengebäude,
der Direktor der Stadtpolizei und die ihnen untergeordneten Beamten
haben die Pflicht, jeden, den diese Verordnung angeht, zu ihrer Beob-
achtung anzuhalten“.1)

Ais das Waffenglück der Republik sich Wandte, die Deutschen
einen eiligen Rückzug nach der abgebrochenen Schlacht an der Marne
antreten mußten, erhoben sich in den Börsenkreisen eine Anzahl von
Stimmen, die für eine Wiedereröffnung der Pariser Börse eintraten.
Diese Forderung war ganz mit Recht gestellt worden und folgte aus
schädlichen Mißständen, die sich an das unter der Hand Kaufen und
Verkaufen knüpften. Täglich fanden sich nach der Einstellung der
offiziellen Notierungen in den Tageszeitungen Anzeigen, die einen Ankauf
Von Wertpapieren mit einem io—15 % und höheren Abschlag von den
Kursen der letzten Julitage effektuieren wollten. Die großen Schäden,
die sich für den Effektenbesitzer durch solche Verkäufe bei den Hinter-
börsen ergeben, liegen auf der Hand. Andererseits zwingen Börsen-
schluß und Moratorium, schlechter Geschäftsgang u. ä. zur Realisation von
Wertpapieren, und der Effektenbesitzer wird auch die ungünstigsten Ange-
bote anzunehmen sich entschließen müssen, um seine Betriebskapitalien zu
erneuern oder andere Ausgaben zu bestreiten. Schon aus diesen Über-
legungen wäre eine amtliche Notierung an der Pariser Börse, als Zentral-
stelle für das ganze Land, von großem Interesse für Rentner und Kapi-
talisten. Aber auch für das Schatzamt ist eine gleichmäßig und gut
arbeitende Börse in Kriegszeiten von besonders hohem Vorteile und
unumgänglicher Notwendigkeit. Dies sprach der Finanzminister selbst
aus, wenn er in einem Schreiben an die Presse sagt:

„Das Schatzamt hat unter den gegenwärtigen Umständen ein
Interesse, die Entlastung der Zeichner zu begünstigen, indem es ihnen
die Mittel gibt, ihfe Zertifikate zu einem Kurse zu handeln, der nicht
ungünstig ist“2).

Die Bemühungen zur Wiedereröffnung der Börse in Paris waren
vergeblich. Gegen Paris als Börsenplatz sprachen viele Momente, die
die günstigen aufhoben. Der Feind war nicht weit, und die Regierung
hatte ihren Sitz offiziell von Paris nach Bordeaux verlegt, die Bank
von Frankreich und die Kreditbanken sind diesem Beispiele gefolgt.
Wollte man also die Börse wieder öffnen, so mußte auch die Pariser Börse
der Auswanderung nach Bordeaux folgen. Von Mitte September tagte
denn die Pariser Börse gleichfalls in Bordeaux. Am 4. Dezember 1914
wurde sie dort geschlossen und nach Paris zurückverlegt.

Die aus Bordeaux gemeldeten Kurse sind gleichfalls rein nomineller
Natur. Beide Renten, die 3 % ew. und 3y2 % amort. Rente wiesen
konstante Kurse auf. Bordeaux war Provinzbörse und konnte trotz

*) L’Economiste Franfais 1914, No. 37, S. 329.

") L Economiste Franfais 1915, S. 336.

r

A
        <pb n="108" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

QI

des oktroyierten Pariser Zuges seinen Charakter als solche nicht ab-
streifen. Neben Bordeaux tagten zu gleicher Zeit die Börsen von Lyon
und Marseille. Alle 3 Börsen waren jedoch kein geeigneter Boden für
Transaktionen in Renten oder gar in Favorit werten. Auch stellten sich
durch die Dreiteilung Mißstände heraus. Es kam oftmals vor, daß die drei
Börsen an einem Tage in der Bewertung eines Papieres mitunter erhebliche
Kursdifferenzen aufwiesen, was nun nicht im Interesse der Öffentlichkeit
lag und bei dem Vorherrschen einer ausschlaggebenden Börse selten
oder nicht in allzuhohen Kursdifferenzen vorkommt. Immer mehr
erkannte man die Notwendigkeit einer zentralen Stelle, die als ent-
scheidender Regulator zu wirken imstande war. Im Einverständnis
mit der Regierung wurde daher nach langen Kämpfen und vielen Wider-
ständen die Börse schließlich in Paris am 7. Dezember 1914 wieder er-
öffnet.

Gerade in der Wiedereröffnung der Pariser Börse in Paris kann
man neben den dargelegten Motiven auch noch ein psychologisches
Moment sehen. Sie dürfte neben der wirtschaftlichen Notwendigkeit
und Zweckmäßigkeit das Ziel verfolgen, das Publikum langsam an die
unvermeidlichen Kursverluste zu gewöhnen. Das Studium des Kurs-
zettels ist in Frankreich die tägliche Beschäftigung der Kapitalisten
und kleinen Sparer. Sie greifen zuerst nach dem Kurszettel und dann
zur Arbeit. Die Regierung trägt dem auch Rechnung und läßt die
Rentenkurse sogar an das Gemeindehaus der kleinsten Örte regelmäßig
anschlagen. Es ist daher wohl verständlich, daß die Kurse — gleich-
gültig ob effektiv oder nominell — auf alle Kreise einen großen Einfluß
ausüben dürften. Sie sind das Spiegelbild der öffentlichen Meinungen
und Stimmungen über Krieg und Wirtschaft.

Als die Pariser Börse in den letzten Tagen des Monats Juli 1914 die
geschilderten Krisen zu ertragen hatte, Kopflosigkeit und Furcht das Kurs-
niveau so erheblich stürzen ließen, wurde es klar, daß mit geplantem Börsen-
schluß und so tiefen Kursen die Li quidation der auf Ultimo Juli
1914 laufenden Engagements unmöglich war. Wollte man
sie dennoch durchführen, dann hätte dies gewiß zum Ruin der beteiligten
Makler geführt. Denn die Auflösung von 500 Miß. Frcs., die als Report-
gelder fest in den einzelnen Effekten-Positionen verankert sind und
durch neue Kapitalien abgelöst werden müßten, war nicht ohne Hilfe
der Bank von Frankreich oder der anderen Kreditinstitute möglich.
Aber die Notenbank stand vor den elementaren Ereignissen einer ge-
waltigen Kreditforderung seitens des Staates, einer stürmischen Kredit-
forderung von seiten der Volkswirtschaft. Sie konnte eine halbe Milli-
arde Franken nicht immobilisieren. Und die Kreditbanken lagen selbst
in den ärgsten Nöten. Andererseits stellt es eine Unmöglichkeit dar,
aus privaten kapitalkräftigen Kreisen diese hohen Summen zu erlangen.
Und vor allem entsteht die recht brennende Frage, welchen Zins die
Käufer am Ultimo Juli 1914, also in einer Zeit, wo die politische
Spannung und Krisis zum Kriege führte und alles mit seinen Geldreserven
        <pb n="109" />
        ﻿92

Erwin Respondek,

höchste Thesaurierungstaktik befolgte, hätten zahlen müssen. Jedenfalls
einen unerschwinglichen, wenn es ihnen überhaupt wirklich gelungen
sein sollte, die Starrheit der Geldgeber zu brechen.

Unter Beachtung dieser Lage und mit Rücksicht auf die wirtschaft-
liche Stellung der Agents de change blieb dem Makler-Syndikat kein
anderer Weg, als die Prolongation aller Engagements ohne jegliche
Veränderung bis zum Ultimo des nächsten Monates. Diesen außer-
ordentlich weittragenden Entschluß gab das Syndikat der Pariser Wechsel-
makler am 30. Juli 1914 durch die folgende Anzeige bekannt:

„Unter Anwendung einer Entscheidung des Syndikats der Wechsel-
makler, bestätigt durch den Finanzminister am 29. Juli 1914, werden
alle Ultimooperationen (Geschäfte und Reports), abgeschlossen per
31. Juli X914, verschoben.“

Mit anderen Worten, die Börse erteilte sich für ihre Verbindlich-
keiten ein Moratorium. Bei der Bekanntgabe der Prolongation der Ultimo-
engagements entstand sofort eine Spaltung unter den hiervon betrof-
fenen Kreisen. Die eine Partei hielt die Maßnahme für verfehlt, die
andere für durchaus angebracht und vertrat die Forderung, daß die
Liquidierung auch weiterhin noch hinausgeschoben werden möge. Sie
sahen in der Reportierung der alten Engagements von Monat zu Monat
zwar auch nur eine provisorische Maßnahme, die aber unter allen Um-
ständen aus Gründen, die in den außergewöhnlichen Verhältnissen ihre
Begründung finden, gerechtfertigt und notwendig sei. Mit dem Ein-
zug ruhiger Zeiten und Ansichten, würden auch ruhige Kursbewer-
tungen vorgenommen und damit ein Abbau leichter sein. Tatsächlich
wurde die Juli-Ultimo-Liquidation weiter von Monat zu Monat ver-
schoben. Um zu einem klaren Erfassen der hohen Bedeutung dieser
Verordnung zu gelangen, ist eine kurze Darstellung der Organisation
der Pariser Börse, unter besonderer Hervorhebung aller jener Mo-
mente, die für jenen Erlaß von Wichtigkeit sein können, erforderlich.

Der Pariser Markt zerfällt in zwei Teile, erstens in einen offiziellen
Markt, das Parkett, und in einen offiziösen Markt, den freien Markt
oder die Coulisse. Die Makler des Parketts werden vom Präsidenten
der französischen Republik ernannt und führen den Namen Agents de
change (Wechselmakler). Sie sind also Beamte, die in ihrem Zusammen-
schluß aller Mitglieder eine Korporation, das Syndikat der Wechsel-
makler — Syndicat des agents de change — bilden und über ein gemein-
sames eigenes Vermögen verfügen. Dieses Vermögen setzt sich zusammen
aus den angesammelten Reserven, dem Werte der Amtsstellen (jede
Stelle zu 2 Milk Frcs.) und den gestellten Kautionen. Insgesamt
dürfte es nach einer älteren Schätzung Kaufmanns 190 Mill.
Frcs.1) betragen. Die Maklerfirmen, es sind deren 70, wählen selbst
eine Syndikatskammer, — Chambre syndicale — die die Aufsicht über alle
Mitglieder führt, Streitigkeiten schlichtet, das Kursblatt aufstellt und

L) Kaufmann, Dr. Eugen, Das französische Bankwesen, Tübingen 19x1,
S. 70, dessen Ausführungen diesen Angaben zugrunde liegen.
        <pb n="110" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

93

andere börsentechnische Arbeiten ausführt. Sie zählt 8 Wechselmakler
als Mitglieder. Alle Makler haften aus ihren Börsengeschäften solidarisch,
d. h. jeder Makler hat das Recht, auf sein eigenes Risiko zu handeln
und nur im Falle seiner Zahlungsunfähigkeit übernimmt das Syndikat
die von ihm eingegangenen und nicht eingelösten Verpflichtungen.
Ihre Tätigkeit als Wechselmakler erstreckt sich ausschließlich auf die
Kauf- und Verkaufsvermittlung sowie die Notierung der amtlich zu-
gelassenen Wertpapiere. Für eigene Rechnung dürfen sie nicht handeln,
wohl aber ist es ihnen erlaubt, Kauf- und Verkaufsorders direkt vom
Publikum entgegenzunehmen und an der Börse auszuführen. Durch
die solidarische Haftung der Wechselmakler ist dem Publikum die denkbar
größte Sicherheit für eine exakte und gute Ausführung der Aufträge gegeben.
Daher lassen die Kunden nicht nur die Börsengeschäfte durch die Wechsel-
makler ausführen, auch ihre flüssigen Gelder finden durch ihre Ver-
mittlung Anlage in Reports. Auf diesem Wege werden unter verant-
wortungsvoller Mitarbeit der Wechselmakler die disponiblen Gelder
der weitesten Kreise in Börsentermingeschäften festgelegt.

Die Oberaufsicht über die gesamte Börseneinrichtung führt nach
einem Dekret vom 7. Oktober 1890, ergänzt am 29. Juli 1898 der Staat
durch den Finanzminister. Er entscheidet auch endgültig über die Zulas-
sung von Wertpapieren zur offiziellen Notiz nach Anhörung des Syndikats.
Über die Kotierung ausländischer Effekten trifft der Finanzminister
allein die Entscheidung und das Syndikat hat hier keinen Einfluß.

Der freie Markt, die Coulisse, wird an der Börse offiziell nicht aner-
kannt. Sie ist in den Börsensälen daher sozusagen nur geduldet. Auch sie hat
ihre Mitglieder zu Syndikaten zusammengeschlossen. Die Aufnahmebedin-
gungen sind erschwert, um schwache und unerwünschte Elemente von vorn-
herein auszuschließen. Jedes Mitglied der Korporation hat für Termin-
geschäfte allmonatlich vor der Ultimoregulierung einen Sicherungsfonds
von 100 000 Frcs. zu hinterlegen, aus dem eventuell Verluste bei Zahlungs-
unfähigkeit zunächst gedeckt werden können. Eine solidarische Haftung
aller Coulissiers für die aus Börsengeschäften eines Mitgliedes resul-
tierenden Verbindlichkeiten ist jedoch nicht vereinbart. Hier haftet also
ein Coulissier allein für seine Verpflichtungen aus Börsengeschäften. Die
Coulissiers vermitteln gleichfalls Kauf- und Verkaufaufträge. Ihnen fließen
aber größere Kapitalien zur Anlage in Reports nicht zu. Alle Beschlüsse,
speziell die Zulassung von Neuemissionen zur Notiz, unterliegen der Kontrolle
der Regierung. Daher umfaßt ihr freier Markt vornehmlich nur diejenigen
Werte, die zur offiziellen Notiz nicht zugelassen werden können, sei es,
daß sie der Regierung nicht genehm sind oder den Börsengesetzbestim-
mungen nicht entsprechen und damit die Zulassungsstelle des Wechsel-
makler-Syndikats nicht überschreiten können. So zählen zu ihren Pa-
pieren zum großen Teil spekulative Industrie-Bergwerks-Aktien und
die verschiedensten Anteile inländischer und ausländischer Gesellschaften.

Parkett und Coulisse stehen sich in ihrer Geschäftstätigkeit nicht
etwa feindlich gegenüber, vielmehr greifen ihre gegenseitigen Börsen-
        <pb n="111" />
        ﻿94

Erwin Respondek

arbeiten in der Praxis oft ineinander. Die Coulisse vermag durch ihre
Anpassungsfähigkeit an Konjunkturumschläge, Krisen aller Art, dem
Pariser Finanzmarkte eine schätzenswerte Elastizität zu gewähren
und im Verein mit dem Parkett durchaus glücklich und marktregelnd
zu wirken.

Aus diesem Aufbau des Pariser Marktes geht die überragende und
wichtige Stellung des Wechselmakler-Syndikats deutlich hervor. Sie
wurde in bewußter Weise nach den gezeichneten Richtungen ausgebaut
und die weiten Machtbefugnisse, die dem amtlichen Makler- Syndikat
eingeräumt sind, haben es seinen Mitgliedern ermöglicht, sich in den
spekulativen und anlagesuchenden Schichten der Bevölkerung eine
Vertrauen und Ansehen sichernde Position zu erwerben. Weniger bevor-
zugt und fest, dafür aber um so lebhafter und beweglicher in der reinen,
eigenen Spekulation arbeitet die Coulisse. Äußerlich kommt der Unter-
schied zwischen diesen beiden Elementen der Pariser Börse schon in der
Höhe der ihnen anvertrauten Reportengagements zum Ausdruck. Der
Zahlungsaufschub, den sich die Börse selbst gewährte, legt Reportgelder
im Markte der Wechselmakler von etwa 500 Mill. Frcs. und in dem der
Coulissiers dagegen nur von 150—160 Mill. Frcs. fest. Er traf aber beide
Gruppen gleich schwer, und man suchte daher von allen Seiten nach
einer Lösung. Es ist bereits dargelegt, daß diese Gelder einen Teil der
Kapitalien von Privaten und auch Banken bilden, die durch Vermittlung
beider Maklergruppen im Reportgeschäft investiert wurden. Sie stellen
zum größten Teil zeitweilig im Handels- und Zahlungsverkehr nicht
benötigte Kapitalien dar, die aus Rücksichten auf den relativ hohen
Zinsertrag und ihre leichte Realisierbarkeit ohne Bedenken den Maklern
zur Anlage überwiesen wurden. Nunmehr ist es unmöglich, sie zurück-
zuleiten. Zwar sind sie durch den Aufschub nicht verloren, aber der
Wirtschaft entzogen und unproduktiv festgelegt. Dies bedeutet natür-
lich eine schwere Belastung für die Geldgeber, Banken und Private.
Die letzteren namentlich forderten daher eine möglichst rasche Abwick-
lung der Engagements und erhofften, wie bereits erwähnt, eine end-
gültige Regelung am Ultimo des Monats August 1914. Dennoch wurden
die Verbindlichkeiten weiter hinausgeschoben und von Monat zu Monat
mußte auch späterhin die Prolongation erneuert werden. In der Zwischen-
zeit wurden zahlreiche Vorschläge diskutiert, um diese Frage zur Zu-
friedenheit aller Betroffenen zu lösen. Man sagte, daß die Verhält-
nisse am Ende des nächsten Monats kaum vorteilhafter sein könnten,
als am Ende des vorherigen und daß man sofort zur Liquidierung schrei-
ten, die Reportengagements aus Anlaß einer unerwarteten höheren
Gewalt lösen müßte. Diese einfache Lösung des komplizierten Problems
ist eine ebensowenig überzeugend einleuchtende und richtige wie radikale
Maßregel. Sie ist gewiß höchst leicht, dürfte aber die Reportgeldfrage
in ihrem Kern selbst nicht treffen. Denn die Kapitalien sind in jenen
Engagements seit langer Zeit fest angelegt, bereits vollständig verbraucht,
und an ihre Stelle müssen neue Gelder treten, um die alten Kapitalien,
        <pb n="112" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

95

die man zurückziehen will, zu ersetzen. Es war ein neuer Geldgeber zu suchen.
Leicht ist es nicht, in schweren Kriegstagen Kapitalquellen zu finden,
die stark und geneigt genug sind, die die Börse ungemein belastenden, fest-
gelegten Gelder durch neues Kapital abzulösen und dazu noch nicht
allzu hohes Entgelt für diesen Dienst zu fordern. Das Syndikat beschritt
den jetzt einzig gangbaren Weg: zur Notenbank. Sie suchte und fand
bei ihr die notwendige Hilfe. Die Korporation der Wechselmakler traf
mit der Bank von Frankreich ein Abkommen, in dem die Notenbank
einen Maximal-Vorschuß von 200 Milk Frcs. den Wechselmaklem zum
Abbau der Reportverbindlichkeiten zusagte. Sie hat späterhin noch
50 Mill. Frcs. neuen Kredit zugesagt, so daß also den Wechselmaklem
eine Summe von 250 Mill. Frcs. zur Verfügung stand. Die Hilfeleistung
war aber an strenge Vorschriften geknüpft. Ein Wechselmakler, der
von ihr zur Ablösung des Engagements Geld wünscht, hat für die be-
nötigte Summe, deren Höchstbetrag für ihn allein auf 200 000 Frcs.
limitiert war, einen 3 Monats-Solawechsel mit 2 Unterschriften von an-
deren Wechselmaklern einzureichen. Dieser Wechsel wird ihm zum offi-
ziellen Banksatze diskontiert und gleichzeitig hat er in Höhe des gewährten
Darlehns Wertpapiere zu hinterlegen, die mit 40 % des Liquidations-
kurses in Lombard genommen werden. Als Unterlage dienen ausschließ-
lich gute französische Effekten.

Die Bedingungen, unter denen die Notenbank als Geldgeber für
die offiziellen Makler auftritt, sind hart. Denn jene Verknüpfung von
Diskont- und Lombarddarlehen bringt dem kreditbedürftigen Wechsel-
makler nur effektive 40 % der laufenden Engagementssumme, mit denen
er seine Kunden befriedigen soll. Andere Effekten als die aus seinem
Reportgeschäft besitzt et nicht mehr, und diese aus dem Ultimogeschäft
herkommenden muß er sämtlich der Notenbank als Pfand zuweisen.
Er bleibt somit bei seinen Kunden noch mit 60 % im Debet und hat
hierfür laut Moratoriums-Verfügung 5 % Debetzinsen zu zahlen. Gleich-
zeitig läuft eine neue verzinsliche Verpflichtung bei der Notenbank,
und er hat weiterhin auf ein wertvolles Pfandobjekt Verzicht leisten
müssen. Es kann daher nicht überraschen, daß die Makler von dieser
Hilfe nur spärlich Gebrauch machen wollten. Gegen 50 Mill. Frcs. nur
haben sie auf diesem Wege nach einer Mitteilung der „Frankfurter
Zeitung“1) reguliert.

Außer dem Eingreifen der Notenbank, das die Wechselmakler in
der praktischen Ausführung doch enttäuscht haben dürfte, waren sie
bestrebt, aus eigener Kraft Kapitalien flüssig zu machen. Das Syndikat
genießt einen guten Ruf, und es wurde nach Erwägung der Geldmarkts-
lage beschlossen, einen kleinen Betrag durch Emission von Bons mit
der Unterschrift der Syndikats-Kammer aufzunehmen. Nach einer
Mitteilung des Finanzministers sollen 75 Mill. Frcs. dieser Bons ohne
Schwierigkeiten untergebracht worden sein. Von dem erlangten Kapital
■wurden die aus der Abwicklung entstandenen Differenzen beglichen,

ß Frankfurter Zeitung, 5. Dezember 1914-
        <pb n="113" />
        ﻿Erwin Respondek,

96

soweit sie zu Lasten ihrer Mitglieder gingen. Aus diesem Bestreben,
nach Möglichkeit für eine Abdeckung der Verbindlichkeiten der dem
Syndikat zugehörigen Makler zu sorgen, spricht deutlich das solidarische
Gefühl dieser Gruppe, das gerade in Zeiten der Not nicht versagt. —
Durch die Krediteröffnung der Notenbank und die Ausgabe eigener
Obligationen haben die Wechselmakler einen Kapitalbetrag von 325
Mill. Frcs. zur freien Verfügung. Ihnen stehen gegen 500 Mill. Frcs.
Report-Verbindlichkeiten gegenüber, so daß immerhin noch 175 Mill.
Frcs. vollkommen ungedeckt in der Luft schweben. Dieser Betrag wird
noch wesentlich dadurch erhöht sein, daß die Wechselmakler den Diskont -
und Lombardkredit der Zentralbank in nur geringem Umfange in An-
spruch nehmen dürften. Bis zu welchen Summen sie im Laufe der Zeit
gelangt sein werden, ist bisher nicht zu ermitteln gewesen. Jedenfalls
werden die Makler in ihrer Abneigung gegen diese strenge Kreditgewäh-
rung nicht weit über den von der „Frankfurter Zeitung" im Dezember
1914 gemeldeten Betrag von 50 Mill. Frcs. hinausgekommen sein. Wenn
es auch den Wechselmaklern gelungen ist, vielleicht 150 Mill. Frcs.
ihrer Verbindlichkeiten auf diesen beiden Wegen abzudecken, so stellt
die Restsumme mit den im hilflosen freien Markt lastenden Verbindlich-
keiten von etwa 160 Mill. Frcs. einen noch zu tilgenden Gesamtbetrag
von 500—510 Mill. Frcs. dar. Denn die ungedeckten Engagements der
Coulissiers müssen gleichfalls abgebaut werden, wenn das Parkett zur
Liquidierung schreitet. Nach der Struktur des Platzes können die inne-
ren Zusammenhänge und wechselseitigen Beziehungen zwischen Parkett
und Coulisse nicht geschieden werden. Eine Regelung der Reportenga-
gements für die Coulissiers ist notwendig, sonst bedeutet alle ange-
botene Hilfe nur eine halbe Maßregel. Hierbei boten eine Reihe von
Faktoren erhebliche Schwierigkeiten. Denn der freie Markt vermag in-
folge seiner Organisation der Bank von Frankreich nicht die Sicherheiten
zu bieten wie das Parkett. Um ihr dennoch eine relative Sicherheit für
etwaige Hilfe geben zu können, entwarfen die Coulissiers in enger Anleh-
nung an das durchgeführte Abkommen der Wechselmakler mit der Noten-
bank einen ähnlichen Plan.

Vor Ausbruch des Krieges hatte jedes Mitglied des freien Marktes
100 000 Frcs. in die Garantiekasse der Coulissiers-Korporation gezahlt,
wie dies bei einer jeden bevorstehenden Ultimoliquidation üblich war.
Nach Abwicklung der Juliliquidation sollte die hinterlegte Summe
wieder zurückgelegt werden. Dieser Betrag — gegen 11 Mill. Frcs. —
wurde jedoch mit der Prolongation der Ultimo-Liquidation zurück-
gehalten und später in „Nat.-Vert.-Wechseln“ angelegt. Nach dem
neuen Plan soll nunmehr dieses Kapital als Grundkapital für eine ge-
meinschaftliche, erst zu gründende „Maklerbank“ dienen. Das Aktien-
Kapital ist auf 44 Mill. Frcs. festgesetzt und die eingezahlten 11 Mill.
Frcs. sollen hiervon das erste Viertel bilden. Diese „Maklerbank"
hat die Aufgabe, bei der eventuellen Bevorschussung durch die Bank
von Frankreich auf die laufenden Reportengagements den freien Maklern
        <pb n="114" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

97

die dritte Unterschrift für die zu diskontierenden Wechsel zu liefern.
Hierzu kommt als zweite Sicherheit die Verpfändung von Wertpapieren
in Höhe der gewährten Diskontdarlehen. Der Aufbau der Hilfeleistung
schließt sich also genau den Prinzipien des Abschlusses der Korporation
der Wechselmakler an. Die Notenbank hat ihre Hilfe jedoch auch auf
dieser Basis versagen müssen. Die Coulissiers kennen trotz ihrer Ver-
einigung keine solidarische Haftung und die neue „Maklerbank“ kann
diese Solidarität nach Ansicht der Notenbank nicht ersetzen. Somit
wäre die Bank von Frankreich allein auf den Wert der freien Makler-
firma, auf die Kreditwürdigkeit des einzelnen Inhabers, angewiesen.
Als zweites wesentliches Moment kommt noch hinzu, daß die Qualität
der Papiere des freien Marktes, die zur Verstärkung des gewährten
Darlehens dienen sollen, nicht einwandfrei ist. Uber den Wert russi-
scher Industriewerte, afrikanischer, kanadischer Goldminen - Shares,
Bergwerks-Anteile, Terrain-Aktien und anderer Papiere kann man im
Zweifel sein, und sie können für eine Notenbank als Lombardpfänder
weder im Frieden und noch viel weniger im Kriege in Frage kommen. Von
dem weiteren Schicksal dieses Projektes ist nichts bekannt geworden,
so daß seine Nichtausführung angenommen werden kann.

Der Versuch, einen wenigstens teilweisen Abbau der prolongierten
Reportgelder mit Hilfe der Notenbank und aus eigenen Kräften zu be-
wirken, war nur Stückwerk. Eine Liquidation der Report-Engagements
schien also auch unter der Leitung der Notenbank nicht in vollem Um-
fange durchführbar. Die Notenbank selbst hielt es wohl doch nicht für
ratsam, ihre Kapitalien in so umfangreichen Mengen festzulegen, und die
Wechselmakler empfanden ihrerseits die Lasten der partiellen Hilfe-
leistung als zu groß, zu unerträglich.

Aber das Verlangen nach einer durchgreifenden, restlos bis zum
letzten Sou abgewickelten Liquidation der schwebenden Engagements
gelangte immer schärfer zum Ausdruck. Tatsächlich ist ein solches Ziel
für die Pariser Börse auch sehr erstrebenswert. Denn für eine geregelte,
glatte und gute Börsentätigkeit im Frieden, die von allen Kreisen als
wirtschaftlich und politisch für notwendig erachtet ist, stellt es eine
der ersten Vorbedingungen dar, daß die alten Report-Engagements aus
dem Moratorium herausgezogen, abgebaut werden. Nach längeren
Besprechungen und Verhandlungen, die der Finanzminister R i b o t mit
den Agents de change und Coulissiers gepflogen hatte, wurde schließlich
ein Beschluß gefaßt, der dahin ging, die prolongierten Ultimo-Engage-
ments zur regelrechten Abwicklung zu bringen.

Ein Dekret vom 15. September 1915 ordnete daher die Liquidation
der gesamten laufenden Ultimo-Engagements für Ultimo September
1915 an. Die Differenzen, die sich aus der Realisation ergeben, sind nach
einem bestimmten Schema auszuzahlen.

Es haben 10 % am Tage der Liquidation, d. h. am 30. September
und xo % an jedem weiteren Ultimo, während der 9 folgenden Monate,
also von Ultimo Oktober 1915 bis Ultimo Juni 1916 gezahlt zu werden.

Respondek, Frankreichs Bank- und Finanswirtschaft.	7
        <pb n="115" />
        ﻿Erwin Respondek,

98

Es besteht natürlich für die Käufer kein Zwang, diesen gestaffelten
Weg zu beschreiten, sie können auch sofort in voller Höhe leisten und
Gegenleistung, d. h. also Lieferung der Effekten fordern, bzw. im Falle
der Kompensation gegeneinander aufrechnen und die Differenzen be-
gleichen. Wird der durch das Dekret vorgezeichnete Modus gewählt,
so sind für die gestundeten Reportgelder Zinsen zu zahlen, die nach
dem 2. Oktober 1915 eingetrieben werden können. Mit dieser neuen
Regelung der Zahlungen gestundeter Reportgelder fallen die Report-
verpflichteten nunmehr unter das allgemeine Moratorium und können
hier in der Eigenschaft als gewöhnliche Schuldner einen Zahlungsauf-
schub für ihre Differenzen vom Richter eingeräumt erhalten. Diese
ihnen von Ultimo Oktober 1915 bis Ultimo Juni 1916 gestundeten Summen
sind aber laut dem gleichen Dekret mit 6 % zu verzinsen. Von einer
Zahlungspflicht gelten diejenigen Schuldner als befreit, die unter den Waffen
stehen oder ihren Wohnsitz in dem vom Feinde besetzten Gebiete haben.

Die Verordnung sieht vor, daß die Abwicklung der Ultimo-Engage-
ments sowohl am offiziellen als auch am freien Markte erfolgt. Zu dieser
Bestimmung war man eben durch die dargelegten wechselseitigen Be-
ziehungen beider Märkte genötigt, da es nur hierdurch möglich war,
alle Schwierigkeiten, die sich aus der Tatsache ergeben, daß eine Gruppe
bei der anderen in Debet, die andere gleichzeitig im Kredit ist, aufzu-
heben. In der Form und Technik der Liquidation trifft das Dekret
keine Neuerungen. Sie erfolgt demgemäß nach den alten, üblichen
Regeln, wie sie die Börse bisher beachtet hat. Dadurch, daß man es dem
Käufer freigestellt hat, sofort zu zahlen und damit die Lieferung zu be-
wirken, oder in gestaffelter Weise das gleiche Ziel zu erlangen, führte
man eine Scheidung zwischen kapitalkräftigen und-schwachen Käufern ein.
Sie ist als durchaus vorteilhaft anzusprechen. Der leistungsfähige Käufer
kann hierdurch in dem Augenblick, den er für günstig hält, die Wert-
papiere abnehmen und so das Engagement vielleicht nicht allzu unvorteil-
haft lösen. Glaubt er sich hierzu aber zu schwach oder erscheint ihm
die augenblickliche Lage als nicht sehr günstig, dann zahlt er seinen
Debetzins und die monatliche Quote.

Diese in Kürze wiedergegebenen Bestimmungen sind ganz der Lage
des französischen Kapitalmarktes angepaßt. Der fühlbare Mangel an
flüssigen Kapitalien macht es einfach unmöglich, einen anderen Ausweg
zu finden und eine sofortige und vollständige Rückzahlung der Report-
gelder im vollen Umfange zu effektuieren. Dagegen ist der Mittelweg
einer sukzessiven Abschlagszahlung, wie ihn die Regierung gewählt hat,
— unter Ausschluß der vom Kriege direkt Betroffenen — durchaus
angängig und wohl auch ohne Schwierigkeiten zurückzulegen, zumal
die Verpflichteten unter mildernden und rechtfertigenden Umständen
einen gerichtlichen Zahlungsaufschub für die jeweils an einem Ultimo
fälligen 10 proz. Raten erwirken können. Ultimo Juni 1916 dagegen
müssen die Engagements unter Einschluß der Debetzinsen vollkommen
glatt gestellt sein. Eine Prolongation ist dann ausgeschlossen. Sonst
        <pb n="116" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finauzwirtschaft.

99

wären der ganze Aufbau und die vielen Anstrengungen fruchtlos. Für
die Geldgeber, Banken und Private wird diese Maßnahme nach den bis-
herigen Äußerungen als eine bedeutsame Erleichterung empfunden, und
die Pariser Börse selbst wird nach der Abstreifung dieser hindernden
Fesseln allmählich ihre normale Tätigkeit und damit ihre bedeutende
Rolle als Zentralbörse des Landes wirklich wieder aufnehmen und
spielen können.

Bis zum heutigen Tage sind genaue Angaben über die tatsächlichen
Ergebnisse dieser Regelung nicht zu ermitteln gewesen. Es bleibt daher
lediglich abzuwarten, ob es der Regierung gelungen ist, den Abbau der
Ultimo-Engagements bis zum 30. Juni 1916 erwirkt zu haben, oder ob
aus Gründen der schwachen Kapitalskraft einer Reihe Beteiligter zu
einer neuen, versteckten Prolongation geschritten werden mußte.

Wie in den ersten Kriegsmonaten, so entwickelte auch in den wei-
teren Perioden während des Krieges die Pariser Börse kein sonderlich
bewegtes Leben. Sie steht unter den Zeichen der Unlust und Stagnation,
die sich fast über alle Werte, abgesehen von einigen wenigen inländischen
und fremden Spekulationswerten, erstreckt haben. Nur hin und wieder
wird ein militärisches Ereignis zum kurzen Aufflackern der Speku-
lation benutzt, vermag der Ankauf ausländischer Effekten (Amerikaner)
für die Valutaregulierung eine wirkliche Notiz zustande zu bringen. Aber
im wesentlichen dürften die übermittelten Kursnotierungen oftmals
nur rein nomineller Natur sein. In der großen Linie betrachtet, kann man
sagen, daß eine unverkennbare Tendenz der Senkung des Gesamtkurs-
niveaus sowohl auf den Anleihe- als auch auf den Industrie-, Bank- und
anderen Märkten erfolgt. Am deutlichsten geht dies bei einer Betrachtung
der Kursbewegungen französischer Renten-Anleihen hervor. Die 3 % ewige
Rente sinkt unaufhaltsam und die 3 % wie 3% % amortisablen Renten
folgen ihr nach. So kotierte z. B. die 3 % ewige Rente

Am 31. Dezember	1912 . .	■	89.30	Kursverlust
3i-	1913	. .	• 85,37	3.93
,, 31-	1914 . .	. 72,10	13,27
31-	1915 . .	• 63,75	8,35
„	31. Januar	1916	. .	.	61,00	2,75

Sie schwankt auch weiterhin gar nicht bedeutsam und hält sich,
zwischen 61—62 %, bei einem Kurse bisweilen wochenlang. Auch die
seit Januar 1916 notierte 5 % ewige Rente hat ihren Emissionskurs
schon unterschritten. Zum Vergleich sind in der Kurstabelle einige
Werte nach bestimmten Gattungen aufgeführt, die yielleicht die Ge-
samtstimmung und Lage der Pariser Börse genügend kennzeichnen dürften
(s. S. 100 u. 101).

Bald nach Ausbruch des Krieges wurde in Frankreich ein syste-
matischer Kampf gegen das Deutschtum entfesselt. Er umschloß vor
allem das Gebiet des Handels. Zahlreiche Ligen wurden gebildet, -—•
unter ihnen als bedeutendste die „Ligue antigermanique" — deren Ziel

7*
        <pb n="117" />
        ﻿100

Erwin Respoudek,

Kursnotierung der französischen Renten an der PariserBörse,

Durchschnittskurse.

Tag der Notierung	Renten			
	3% ewige	3% amort.	3%% amort.	5% ewige
1914				
Juli	io.	83,07	88,00	—	
20.	8i,77	86,00	91,30	
24.	80,55	83,50	88,95	
28.	77,25	83.50	85,80	
August	4.	74,50	84,00	83,00	
5—3°-	75,oo	80,00	82,50	
Dezember	7*	72,50	74,50	86,50	
8.—30.	70,50	77,05	86,50	
1915				
Januar ....	73,5°	78,00	88,50	
Februar 5.—11.	71,50	78,00	89,00	
11.—18.	69,00	78,00	89,50	
März		71,00	77,oo	9D25	
April ....	72,50	78,20	91.50	
Mai		72,25	78,50	91,00	
Juni		71,00	78,00	91,25	
Juli		69,00	75,75	91,25	
August ....	68,50	75,oo	91,00	
September . .	67,25	75,oo	91,25	
Oktober . . .	66,50	75,oo	9r,5°	
November . .	65,00	75,oo	91,00	
Dezember . .	64,50	72.50	90,85	
1916				
Januar	1.	63,75	72,40	90,25	88,10
15-	63,00	—	90,00	88,35
Februar	i.	61,00	—	—	87,25
15.	61,00	—	90,00	88,25
März	1.	62,50	70,00	—	88,25
15-	62,00	69,00	90,00	88,25
April	14.	63,00	69,00	91,25	88,00
Mai	1.	63,00	70,00	91,00	88,00
Juni	1.	62,75	—	90,50	88,20
Juli	1.	63,00	72,25	90,50	90,00
15-	64,60	73,25	90,50	90,50
August	1.	64,00	73,50	89,90	89,75
15-	63,70	73,6o	89,90	89,90
September 15.	62,60	74,00	90,25	90,00
28.	62,25	74,oo	90,75	90,00
Oktober	19.	61,60	—	—	90,00

in der Ausrottung alles dessen was deutsch ist, besteht. Auch die Börse
schloß sich diesem Kampfe an. Zum Börsenhandel wird nach einem
Beschluß der Syndikats-Kammer der Agents de change kein Deutscher,
Österreicher oder Ungar mehr zugelassen. Alle Chefs und Angestellten
müssen Franzosen sein. Naturalisierte Franzosen haben die Verpflich-
tung, dem Deutschtum für immer zu entsagen und dürfen auch keinerlei

1
        <pb n="118" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

101

Kurse einiger Hauptwerte am Jahresultimo an der Pariser

Börse.

	Tag der Notierung		
Effekten- Gattung	31. Dezember 1913	31. Dezember 1914	31. Dezember  1915
Staatswerte:			
3 % ewige Rente		85,37	72,10	63,75
3 % amort. Rente		89.50	78.50	7z,35
3 % 1891 Russen		75,9°	63,00	60,00
5 % 1906 Russen		103,10	93,15	86,00
4 % unif. Türken		85,80	62,25	60,00
Banken:			
Banque de France		4655,oo	4625,00	4290,00
Banque de Paris		1660,00	1120,00	860,00
Credit Lyonnais		1671,00	1175,00	938,00
Banque de 1'Union Parisienne . . .	1015,00	658,00	565,00
Credit mobilier Franfais		623,00	400,00	335.00
Comptoir National		1050,00	800,00	647,00
Societe Generale		815,00	510,00	490,00
Banque Ottomane		642,00	450,00	445,00
Banque Union Parisienne		1015,00	658,00	565,00
Bahn-Aktien:			
Nord		1705,00	1400,00	1200,00
Lyon		1282,00	1130,00	995,00
Est		911,00	800,00	740,00
Midi		11X1,00	990,00	940,00
Ouest		893,00	755,00	694,00
Transport:			
M6tropoIitain		591,00	438,00	400,00
Omnibus		600,00	400,00	415,00
Verschiedene Aktien:			
Rio Tinto 		1768,00	1477,00	1516,00
Sosnowice		1489,00	990,00	900,00
Naphte russe		663,00	353,00	—
Creuzot-Schneider		2034,00	1900,00	1820,00
Distribution d’Eleotricite		620,00	398,00	385,00
Suez		4955,0°	4200,00	4000,00

Beziehungen zu ihren Angehörigen in Deutschland bzw. Österreich-
Ungarn unterhalten!

Der vollständige Ausschluß der Deutschen aus dem Pariser Finanz-
markte wird in seinen Wirkungen sich früher oder später fühlbar machen.
Es ist jedoch zunächst abzuwarten, inwieweit diese Verfügung aufrecht
erhalten werden wird, ob sie im Frieden einige Modifikationen er-
fährt oder wieder vollkommen abgeschafft wird.

Eine zweite einschneidende Maßnahme wurde im Dezember 1914
durch die Syndikatskammer der vereinigten Pariser Wechselmakler
getroffen. An der Börse werden Verkaufsanträge nur noch für Franzosen
ausgeführt, die ihren Wohnsitz in Frankreich haben und die Herkunft
der Stücke nachweisen können. Dieses Verbot soll den Feind treffen,
        <pb n="119" />
        ﻿102

Erwin Respondek,

schädigt aber weit mehr das verbündete und befreundete Ausland, als
Deutschland oder Österreich-Ungarn. Das Verbot des Verkaufs von
Effekten für Rechnung des Auslandes charakterisiert am besten die
„Neue Zürcher Zeitung“, wenn sie ausführt:

„Gerade die Schweiz wird hierdurch empfindlich geschädigt, da
in deren großen Bankinstituten sich wegen der Unsicherheit in Frank-
reich große französische Wertpapierdepots angehäuft haben. Die Ver-
mittlungstätigkeit der Banken wird mit einem Schlage lahmgelegt“1).

IV.	Die Kreditinstitute.

Im französischen Bankwesen sind 5 Gruppen scharf zu unterscheiden.
Nach den Grundzügen, wie sie Kaufmann2) entwickelt, sind dies:

1.	Die Notenbank,

2.	Depositen- und Kreditbanken,

3.	die Credit-Mobilier-Banken,

4.	der Credit-Foncier de France,

5.	Privatbankiers, Übersee- und Auslandsbanken.

(Diese letzteren werden wegen mangelnder Unterlagen im Rahmen
dieser Arbeit nicht betrachtet.)

Das Notenbankwesen Frankreichs hat seinen typischen Vertreter
in der Bank von Frankreich, die einer eingehenden Betrachtung be-
reits unterzogen wurde.

Der französische Immobiliarkredit fand im Laufe der Jahrzehnte
und erst sehr spät eine einheitliche und gut organisierte Zusammen-
fassung in einem großen Zentralinstitut: dem Credit-Foncier
de France. Das von ihm errungene Monopol konnte der Credit-
Foncier entgegen allen Angriffen der anderen Hypothekeninstitute
behaupten. Seine innere Geschäfts-Organisation ist vortrefflich, und sein
halbamtlicher Charakter hat ihm nach außen hin die für ein Hypotheken-
institut notwendige Festigkeit verliehen und so gelten seine Obligationen,
die in 20 facher Höhe des Aktien-Kapitals ausgegeben werden dürfen, in
den Kreisen der Rentner mit als eine der besten Kapitalsanlagen. Nach
seinen eigenen Statuten darf der Credit-Foncier Hypothekendarlehen
nur gegen erste Hypotheken gewähren. Die Geschäftspraxis brachte
es mit sich, daß seine Beleihungen sich vornehmlich auf städtische Grund-
stücke erstrecken. Daneben befaßt sich die Hypothekenbank auch mit
der Emission von Anleihen, Beleihung und Verwahrung von Wertpapieren,
Ausführung von Börsenaufträgen und der Annahme von Depositen.

Der Krieg hat auf das Hypothekar-Institut bisher einen geringen
Einfluß ausgeübt. Es war ihm nach den Angaben in seinen Geschäfts-
berichten möglich, seine Zahlungsverpflichtungen voll aufrecht zu
erhalten, und wie die Bank in ihrem Geschäftsbericht für 1914 ausführt,
stockten die Auszahlung der Depots, der Zinsen, fälliger Obligationen

1)	Neue Zürcher Zeitung, Januar 1915.

2)	Dargestellt nach Kaufmann, Dr. E., Das französische Bankwesen. Tübin-
gen 1911.
        <pb n="120" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

103

und Pfandbriefobligationen keinen Augenblick. Für eine derartige
konsequente und erfreuliche Handlungsweise dürften die Kunden ihm
nur Anerkennung zollen und das Verhalten der Bank um so höher
veranschlagen, als die Kreditinstitute, wie noch auszuführen sein wird,
schon vor Ausbruch des Krieges versagten. Um ihre bankmäßige
Pflicht auf der Passivseite zu erfüllen, mußte die Hypothekenbank
die aktiven Geschäfte erheblich einschränken und zum Teil einstellen.
So führte der Credit-Foncier neue Hypothekar-Beleihungsoperationen
nicht mehr durch und hielt mit den Kreditgewährungen anderer Art
sehr zurück. Auch in der Folgezeit ruhten die geschäftlichen Trans-
aktionen fast vollkommen und die Leitung des Credit-Foncier spricht
in ihrem Geschäftsbericht für das Jahr 1915 offen aus, daß die Arbeit
im Jahre 1914 noch fast normal, im verflossenen Jahre dagegen
annähernd gelähmt war. Neue Ausleihungen wurden gar nicht vor-
genommen. Der Crödit-Foncier beschränkte sich vielmehr darauf, die
vor Ausbruch des Krieges in Angriff genommenen Arbeiten allmählich
zu Ende zu führen. Im Jahre 1915 wurden insgesamt nur 22,6 Mill. Frcs.
Hypothekar-Darlehen gewährt, während sie für 1914 noch eine Höhe
von 172 Mill. Frcs. erreichten; die Verringerung beträgt also 149,5 Mill.
Frcs. Und auch diese geringe Summe, die im Vergleich zu den früheren
Jahren verschwindet, entspringt nicht etwa wirklichen, neuen Hypo-
theken-Darlehen. Sie stellt die Konsolidierung von Friedens-Kredit-
eröffnungen dar, nachdem jetzt die Baulichkeiten ihrer Vollendung
zugeführt wurden. In dieser kleinen Ziffer kommt die geringe Aktivität
des ersten französischen Hypothekarinstituts klar zum Ausdruck.
Dies kann im Grunde auch wenig überraschen. Das Bedürfnis nach neuen
Wohnungen, größeren Lagern und Läden ist höchst bescheiden, da durch
die Unsicherheit der Kriegsvorgänge, die teure Lebenshaltung und
Eingriffe des Krieges in das Familienleben alles Streben auf Ersparnisse
gerichtet ist. Damit fehlt der Bautätigkeit jeglicher Anreiz, denn der
Bauunternehmer wird schon der durch die Gesetzgebung — Miets-
Moratorium — geschaffenen Lage keinen Reiz abgewinnen können. So
muß der Realkredit notwendig in den Hintergrund treten, die Bank
dadurch zur Passivität gedrängt werden. Sie sagt es selbst recht treffend;
„Für den Credit-Foncier, dessen Tätigkeit durch den Krieg nur geschwächt
werden konnte, war das Jahr 1915 ein Jahr der Erwartung“1).

Mit der Einschnürung der Darlehensgewährung ist auf der anderen
Seite notwendig der Absatz der Hypothekenpfandbriefe stark beein-
trächtigt. Die umlaufenden Obligationen erreichten

am 31. Dezember 1914 .... 4581,00 Mill. Frcs.]

am 31. Dezember 1915 .... 4649,00	„	„

d. h. eine Zunahme von nur 68 Mill. Frcs. und von diesem Zuwachs
entfallen auf Komraunalobligationen 39 Mill. Frcs. oder 57,3 %, da-
gegen auf Hypothekarobligationen nur 29 Mill. Fies, oder 42,7 %. Und

q L’Economiste Franpais, 22. April 1916, S. 571.
        <pb n="121" />
        ﻿104

Erwin Respondek,

es sei nochmals betont, daß diese kleine Lebhaftigkeit durchgehends
nicht neu eingegangenen Geschäften, sondern der Abwicklung alter
Engagements entspringt.

Über die Lage des Immobiliarmarktes vermögen einige Angaben
des Credit-Foncier über die jährlichen Tilgungs- und Zinseingänge bessere
Anhaltspunkte zu geben, als längere rein theoretisch geführte Über-
legungen. Für das Jahr 1915 waren insgesamt 150,6 Mill. Frcs. Amor-
tisationen zu erwarten. Außerdem stammt aus dem vorangegangenen
Geschäftsjahre ein Rückstand von 55,8 Mill. Frcs., so daß also 206,4
Mill. Frcs. fällige Verpflichtungen der Hypothekenschuldner zur Ab-
deckung fällig waren. Tatsächlich aber gingen nur 88 Mill. Frcs. ein, und
118,4 Mill. Frcs. mußten in das neue Jahr hinübergenommen werden.
Im Laufe des Jahres 1916 wird von dieser Summe nach Kräften ab-
gebaut, denn schon am 29. Februar standen nur noch 111,9 Mill. Frcs. aus.

Der Tilgungsdienst aus den Kommunaldarlehen ging verhältnis-
mäßig glatt vonstatten, da die Departements, Kommunen und anderen
öffentlichen Körperschaften aus ihren Einnahmen die erforderlichen
Summen bereitstellen können. Hier spielten sich die in Zahlen aus-
gedrückte Verpflichtung und Leistung wie folgt ab:

Restzahlung vom 31. Dezember 1914 ....	8,4	Mill.	Frcs.

Neuzahlung im Jahre 1915.................r5o.3	„	„

Gesamtsumme..............................158,7	„	„

Leistung................................ ■ 139,7	„	„

Restzahlung am 31. Dezember 19x5...........19,0	„	„

„	„	29. Februar 1916...........16,9	„	„

Zieht man die hier weit wichtigeren Ziffern aus dem Hypothekar-
darlehen schärfer in Betracht, so zeigen sie als Resultat das Bild, daß
von 2857 Mill. Frcs. ausgeliehenen Hypotheken-Darlehen während einer
jährigen Dauer des Krieges allein gegen 118 Mill. Frcs. Amortisations-
rückstände zu verbuchen waren, während das Soll 206 Mill. Frcs. betrug,
also nur 88 Mill. Frcs. geleistet wurden, d. h. 42,7 % der Gesamt-
summe. Dieser Ausfall ist keineswegs beängstigend hoch, er könnte viel-
leicht als durchaus günstig bezeichnet werden, sobald die Wirkungen
des Moratoriums in die Rechnung hineinbezogen werden. Es darf
bei der Kritik dieser Zahlen auch nicht außer acht gelassen werden,
daß viele ungünstige Faktoren noch neben jenem drückendsten aller Übel
auf die Eingänge der Zahlungen verzögernd einwirken. Ein Teil der
Schuldner steht unter den Waffen, kann durch Verraögensverluste anderer
Art geschwächt sein, ein Teil hat Haus und Hof im okkupierten Gebiete,
in Händen des Feindes, und wieder ein anderer verbirgt sich zu Unrecht,
aber gesetzlich unfaßbar, hinter den schützenden Bestimmungen des
Moratoriums. In Deutschland haben die Darlehensnehmer der Hypo-
theken-Aktienbanken nicht im entferntesten mit ähnlich großen Be-
schränkungen oder direkten kriegerischen Einwirkungen zu kämpfen, und
trotzdem betrugen die Zinsrückstände bei den führenden 35 Banken
        <pb n="122" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

105

für das Jahr 1915 nicht weniger als 4,04 % des Zinssolls, — gegen 2,47 %
im Jahre 19141).

Aus den Zinsgewinnquellen ist hervorzuheben, daß ihre Ergiebigkeit
durch die geschilderten Zustände ungünstig beeinflußt werden mußte.
Für die Hypothekendarlehen empfing das Institut 1915; 116,6 Mül.
Frcs., zahlte andererseits für seine emittierten Pfandbriefe 99,5 Milk
Frcs., so daß eine Zinsdifferenz von 17,1 Milk Frcs. zu seinen Gunsten
folgt. Die Erträgnisse auf Kommunaldarlehen beliefen sich im gleichen
Jahr auf 77,4 Milk Frcs., die Gegenseite, die Kommunalobligationen
erforderten 70,5 Milk Frcs. Der Zinssaldo ist also 6,9 Milk Frcs. Die
Lage des Hypothekar-Marktes, die hohen Lasten, die auf ihm durch
die Stundung aller Zahlungsverpflichtungen ruhen und sich weiter
anhäufen, sowie die ungewissen Zukunftsmöglichkeiten lassen es ange-
bracht sein, die geringen Gewinne, die dem Credit-Foncier noch zufließen,
für die Konsolidierung schwacher Posten und zur Reserveaufspeicherung
zu verwenden. Der Credit-Foncier hat daher gewaltige Summen zur
Abschreibung aufgewandt und seine offenen und stillen Reserven weiter
ausgebaut. Durch diese Befestigungen war er zwar gezwungen, seine
Dividende für das Jahr 1915 auf 25 Frcs. für eine Aktie setzen zu müssen:
„ein Jahr der Erwartung muß einer Dividende der Erwartung ent-
sprechen“, wie er es selbst entschuldigte, verstärkte dafür aber die Soli-
dität des Instituts in hohem Grade.

Über die Veränderung einiger wichtiger Bilanzposten während der
Kriegszeit unterrichtet die nachstehende Zusammenstellung:

j! C r 6 d i t - F 0 n c i e r de France.

Aktien-Kapital . . 250 Mill. Frcs.	Reserven........2r Mill. Frcs.

Bilanzdaten		Activa				Passiva	
		Bar- und Bank- Guthaben	Effekten u. andere Werte	Hypotheken  Ausl.	Kommu- nal-Ausl.	Hypotheken-  obligationen  Pfandbriefe	Kommu- nale Obli- gationen
1913							
Dezember	31-	6,00	324,00	2788,00	2363,00	2555,00	1913,00
1914							
Juni	3°-	4,50	309,00	2883,00	2383,00	2617,00	1989,00
Dezember	31-	28,00	181,00	2886,00	2368,00	2588,00	1993,00
1915							
März	31'	10,00	205,00	2884,00	2342,00	2605,00	2013,00
Oktober	3*-	6,00	212,00	2858,00	2311,00	2613,00	2030,00
November	30-	5,oo	220,00	2857,00	2311,00	2612,00	2031,00
Dezember	31'	6,00	199,00	2857,00	2303,00	2617,00	2032,00
1916							
Januar	3i-	8,00	222,00	2845,00	2284,00	2617,00	2030,00
März	31-	4,00	226,00	2844,00	2283,00	2636,00	2027,00
April	30.	5,oo	218,00	2837,00	2283,00	2637,00	2025,00
Mai	3r-	5,oo	224,00	2838,00	2282,00	2634,00	2025,00
Juni	3°-	5,00	241,00	2842,00	2274,00	2650.00	2024,00
Juli	31-	7,00	260,00	2834,00	2255,00	2653,00	2025,00
August	31-	4,00	264,00	2835,00	2255,00	2653,00	2025,00

b Siehe Die Bank, Mai 1916, S. 392.
        <pb n="123" />
        ﻿io6

Erwin Respondek,

Inwieweit der Krieg und insbesondere das Miets-Moratorium in
Zukunft schädigend auf die Güte der Pfandbriefe und Solidität des Unter-
nehmens wirken werden, ist heute noch nicht festzustellen, denn alle
Reserven können vor Erschütterungen nicht schützen, sie nur mildern.
Zweifellos dürfte feststehen, daß der Haus- und Grundbesitz durch
den langen Krieg tiefe Wunden erfahren hat, die durch die gesetzliche
Prolongation aller Verpflichtungen nur eine vorübergehende und schein-
bare Heilung gefunden haben. Ein hoher Ausfall an Mieten, die
stete, langfristige Stundung von fälligen Mietszahlungen, die seit Kriegs-
beginn ununterbrochen durch gesetzliche Verfügungen aufrecht erhalten
wird, vermindern die Einnahmen der Hausbesitzer um gewaltige Summen.
Auf der Gegenseite haben sie aber unvermindert große Ausgaben für
Reparaturen, Instandhaltung des Hauses, sowie die Entrichtung von
Steuern an den Staat und die Kommune zu leisten. Wenn ihnen
auch eine bedeutsame Erleichterung zuteil wurde, nämlich die Be-
willigung, ihre Hypothekenzinsen und Hypothekenkapitalien, soweit
ihr Rückzahlungstermin fällig ist, an einem späteren, vom Moratorium
vorgeschriebenen Zeitpunkt zu bezahlen, so bleibt im Grunde doch
diese Vergünstigung eine, wenn auch versteckte, so doch schwere Be-
lastung und muß einmal offen zutage treten. Hier kann nun nicht
mehr die weitere Entwicklung vorweg gegriffen, am allerwenigsten
die zukünftige Einwirkung auf den Hypotheken- und Grundstücksverkehr
diskontiert werden, sondern die neue Gestaltung dieses wichtigen wirt-
schaftlichen Gliedes muß abgewartet werden. Dann auch erst wird
die innere Kraft des Credit-Foncier ihre Probe zu bestehen haben. Faßt
das erste und führende französische Hypothekeninstitut allein diese
wenigen, hier angedeuteten Momente in den Kreis seiner Betrachtungen,
blickt es auf die nach Milliarden zählenden Verluste, die in der Kriegszone
eingetreten sind, so wird es wohl mitten im Kriege und auch in voller
Unkenntnis über seinen endgültigen Ausgang keine anderen Sicherungen
und Vorarbeiten zur Genesung von allen Schäden vornehmen können,
als die gezeichnete Konsolidierung des eigenen Status. Steht die Hypo-
thekenbank auf festem Boden, dann werden die Schwachen auf sie mit
Vertrauen blicken und an ihr in Zeiten der wirklichen Bedrängnis einen
sicheren Rückhalt finden.

Die Credit-Mobilierbanken, auch Banques d ’ af-
faires genannt, arbeiten mit ihren eigenen Kapitalien und nur
zuweilen mit Mitteln, die ihnen von Kapitalisten-Verbänden zur Ver-
fügung gestellt werden. Ihre Haupttätigkeit und vornehmliche Arbeits-
richtung besteht in reinen Finanzgeschäften. Sie führen ebenso gern und
leicht Neuemissionen an der Pariser Börse durch, wie sie sich bei groß-
stiligen Emissionen und Finanztransaktionen an allen europäischen
Börsen aktiv beteiligen. So nehmen sie seit langem den regsten Anteil
an den Emissionen des französischen Staates, sind Emittenten der
Anleihen Argentiniens, Ägyptens, Belgiens, Bulgariens, Kanadas, Chiles,
Chinas, Griechenlands, Hollands, Mexikos, Skandinaviens, Österreichs,
        <pb n="124" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

107

Rumäniens, Rußlands, Schwedens, der Schweiz, Spaniens, der Türkei
und vieler anderer Staaten. Nicht allein Emissionen fallen in ihren
Geschäftskreis. Sie entwickeln eine ebenso rege Gründertätigkeit. Sie
gründen im Inlande und Auslande industrielle Unternehmen jeder Art,
Eisen, Kohle, Petroleum, Banken, Handelshäuser usf. Mit den großen
und kleinen Sparern, den endgültigen Abnehmern ihrer Aktienpapiere,
stehen sie in keiner direkten Verbindung. Die Aufgabe der Placierung
ihrer großzügigen Emissionen haben die Depositenbanken zugewiesen
erhalten. Beide Bankgruppen arbeiten sich eifrig in die Hand und
ihre Verbindung in Ziel und Methode war es vornehmlich, die Frank-
reich eine Flut von ausländischen, in erster Linie russischen und dann
eine Reihe von exotischen Papieren zuführte. Arbeitsmethoden und
finanzielle Politik, sowie ihre Erfolge und zukünftige Richtung werden
im Zusammenhang mit den Depositenbanken weiter unten behandelt.

Die Banques d’affaires hatten unter der steten drohenden europäi-
schen Kriegsgefahr in den letzten Jahren stark zu leiden. Sie besitzen
durch den internationalen Charakter ihrer Geschäftsrichtung ein be-
sonders feines und empfindsames Gefühl für politische und wirtschaft-
liche Komplikationen, die sich erfahrungsgemäß leicht zu Kriegen ent-
wickeln können. Mit kriegerischen Verwicklungen aber, die wieder zu
überraschenden Konstellationen, zu Siegen und Niederlagen, Gewinnen
oder Verlusten führen, stimmen ihre Berechnungen eigentlich wenig
überein. Jedenfalls ziehen sie in ihre Finanztransaktionen den Krieg
nicht als einen sicheren Faktor in die Rechnung hinein, und wenn es
bei Betrachtung ihrer Arbeit den Anschein erweckt, als ob ein Zweig ihrer
Anleiheemissions-Politik in einer überraschenden Harmonie mit der
Kriegs-Politik der Republik bzw. der leitenden Staatsmänner lief, so
kann hieraus noch nicht der ganze Stamm als kriegslüstern bezeichnet
werden. Immer, sobald die Möglichkeiten eines Krieges näher rückten,
litten die Banques d’affaires am schwersten und sie waren es, die sich
gegen einen solchen aussprachen. So war auch schon viele Monate vor
Kriegsbeginn, bereits seit 1913, die allgemeine Stimmung und Lage in
den finanziellen Kreisen in Paris und an allen Plätzen, die von Paris ab-
hängen, wenig befriedigend, da die Credit-Mobilierbanken an kriegerische
Ereignisse bestimmter glaubten. Bereits in den ersten Monaten des Jahres
1914 erschien ihnen die Situation sehr bedenklich, weil mit der Zu-
spitzung der politischen Spannung die Gläubiger unruhig wurden und
zur Rückforderung ihrer Einlagen in beträchtlichem Umfange schritten.
Jene etwas heftigen Auszahlungswünsche der Depositengläubiger an den
Schaltern der Banken wurden dazu noch von einem empfindlichen Sinken
der Kurse jener vielen Werte, an denen sie als Emissionshäuser ureigenstes
Interesse besitzen, begleitet. Durch rasches Realisieren der wertvollsten
Aktiven und energische Versuche, das wankende Kursgebäude zu stützen,
konnten die in Fluß gekommenen Ereignisse dennoch nicht mehr auf-
gehalten werden. Sie entwickelten sich allmählich immer stärker.
Eine derartige Entwicklung der Dinge, wie sie am Vorabend eines Krieges
        <pb n="125" />
        ﻿io8

Erwin Respondek,

vorauszusehen sind, konnte nicht im Interesse der Banques d’affaires
liegen. Sie würden durch eine freiwillige, bewußte Begünstigung des
Kriegskurses in weit höherem Maße nur ihre eigene Kraft erheblich
schwächen und die aus einem großen Kriege resultierenden Schäden
selbst in einem recht reichlichen Umfange auf sich nehmen müssen.
Daher suchten sie auch die ersten Sturmzeichen frühzeitig zu bannen,
ihnen ihren verderblichen Inhalt durch tatkräftiges Zufassen zu neh-
men. Ihre Kunst und Macht erwies sich jetzt aber entgegen der ge-
waltig angeschwollenen kriegerischen Strömung als ohnmächtig. Sic
konnten weder den Krieg verhindern noch seine Vorboten, die sich in
einem krisenhaften Verhalten von Börse und Kunden äußerten, ge-
nügend meistern. An den letzten Tagen vor Kriegsausbruch wuchsen
die Ereignisse vollends zur Panik aus. Schnell griff die allgemeine
Krisis um sich, und alles suchte in kopfloser Bestürzung seine Einlagen
zum Teil gewaltsam aus den Depots zu ziehen und seinen Effektenbesitz
an der Börse zu verkaufen, bis Moratorium und Börsenschluß ein kate-
gorisches Halt geboten.

Der Krieg stellte die Banques d’affaires in einen neuen Aufgabenkreis1),
deren Ziele und Lösung vollends nicht klargelegt werden können, da der
endgültige Ausgang und fühlbare Einfluß des noch währenden Kampfes
auf ihre Lage abzuwarten ist. Nach zwei Richtungen vornehmlich sind
die Credit-Mobilierbanken bemüht, ihre Politik nach den gegebenen Zu-
ständen einzuschlagen und einzuhalten. Es ist zu scheiden, einmal eine
Geschäftspolitik gegenüber den Kunden und dann die Verfolgung eigener
Interessen, die in erster Reihe auf die Festigung ihrer Lage zielen. Die
Hauptaufgabe erblickten die Banken daher zunächst darin, die ein-
schneidenden Bestimmungen des Bankmoratoriums abzuschwächen,
um den Kunden ihre schwierige Lage nicht noch zu verschlimmern.
Sie ließen im Einvernehmen mit den Depositenbanken durch die Ge-
setzgebung die Auszahlungsquoten von 5 auf 20, 25, 40, 50 % staffeln
und bereits Ende Dezember 1914 wurde von ihnen der uneingeschränkte
Zahlungsdienst wieder aufgenommen2). Gleichzeitig führten sie allmählich
eine Liquidation — freilich nur in sehr geringem Umfange — der durch
Börsenschluß bewirkten Ultimoprolongationsgeschäfte durch und ent-
lasteten dadurch die Debitoren. Durch diese beiden Hilfsmaßnahmen
ermöglichten die Banques d’affaires ihren Kunden die Befriedigung ihrer
Bedürfnisse für neue Geschäfte, kräftigten damit zugleich, wenn auch in
bescheidenen Grenzen, das allgemeine wirtschaftliche Leben, oder stellten
die freien Gelder in den Dienst der nationalen Anleihen. Freilich konnte
diese Hilfe den Kunden nur in eng gezogenen Grenzen zuteil werden,
da die Banken auch für die Aufrechterhaltung, Förderung und Festigung
ihres eigenen Betriebes ernste Sorge zu tragen haben. In der eigenen

b Vgl. Geschäftsbericht der Banque Framjaise pour le Com. et l’Ind. (L’Economiste
Frangais) 1916, No. 3, 25. Januar 1916, S. 158.

) Das Bankmoratorium wird ausführlicher unter dem Absatz „Depositenbanken“

zusammenhängend behandelt.
        <pb n="126" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

IO9

Geschäftspolitik ging das Streben dahin, den größten Teil der Aktiven
zu realisieren, keinerlei neue Finanztransaktionen vorzunehmen, die flüs-
sige Mittel binden u. a. m. Diese neue Richtung in der Geschäftsge-
bahrung spiegelt sich auch in den Bilanzen wieder. So weist z. B. die
„Banque Franfaise pour le Commerce et ^Industrie“ einige interessante
Daten auf. Diese Bank hat ihren Effektenbestand und die Report-
engagements innerhalb des ersten Kriegs] ahres um fast die Hälfte ver-
kleinert. Im einzelnen waren die Posten in Mül. Frcs.:

31. Juli 1914	31. Juli 1915

Effektenportefeuille.............. +5,00	26,00

Reports........................... 54,00	25,00

Andererseits ist ein Stillstand oder ein größeres Anwachsen der sofort
realisierbaren Werte zu verzeichnen:

31. Juli 1914	31. Juli 1915

Barbestand und	Bankguthaben ....	35.00	33,00

Wechsel........................... 45,00	78,00

Eine ähnliche Bewegung dieser Posten zeigen auch die anderen
Banken. Der Wechselbestand weist ein Ansteigen auf. Diese Zu-
nahme ist auf den Ankauf der N. V. Wechsel zurückzuführen, die durch
ihre Ausstattung als liquide Anlage wohl geeignet sind. Zur Frage der
Rentabilität ist zu bemerken, daß die ausgewiesenen geringen Gewinne
der Gcsamtlage aller Banques d’affaires entsprechen.

Eine der ergiebigsten aller ihrer Gewinnquellen, die Gewinne aus
den Auslands-Anleiheemissionen, ist durch den Krieg zum Versiegen
gebracht. Auch die zahlreichen, im Auslande arbeitenden Tochter-Unter-
nehm'-n, Beteiligungen an den verschiedensten europäischen und exo-
tischen Industriegesellschaften, Bankanstalten vermögen nicht mehr die
früheren Gewinne zu liefern und die alten Bewertungen zu rechtfertigen.
Denn auch sie sind, obwohl vielleicht weit entfernt vom Kriegsschau-
plätze, dennoch durch die Kriegsvorgängc mehr oder weniger stark in
Mitleidenschaft gezogen. Sie können daher eine großzügige Dividenden-
politik nicht betreiben. Börsenschluß und erschwerter Effektenhandel
nach der Wiedereröffnung, gestörte Beziehungen zu der Kundschaft und
geringe wirtschaftliche Tätigkeit lassen die Erträgnisse aus dem regulären
Bankgeschäft, soweit sie aus dem Charakter ihrer Banktätigkeit über-
haupt auch früher herauszuziehen waren, auf ein verschwindendes Maß
zurückgehen. Andererseits erfordern die ungewisse und gefährdete Lage
der Tochter-Unternehmen im Auslande, die sehr empfindliche Senkung
des Kursniveaus fast aller kotierten Werte, die im schärfsten Maße die
fremden Wertpapiere, von denen die Banques d’affaires hohe Bestände
aufzuweisen haben, große Abschreibungen und Reservedotierungen.

Durch sorgfältige Abschreibungen und besondere Reservestellungen
suchen daher die Banques d’affaires eine Reihe von jenen zweifelhaften
Posten auf eine gesündere Grundlage zu stellen, um vor Überraschungen
geschützt zu sein, und um bei etwa neueintretenden Krisen größere
Verluste durch erzwungene Realisationen zu vermeiden. Dies alles be-
        <pb n="127" />
        ﻿HO

Erwin Respondek,

einflußt die Gewinn- und Verlust-Bilanz ganz erheblich und zeitigt nur
kleine Dividenden.

In der durch die gewaltige Ausdehnung des Krieges neu geschaffenen
Lage haben die Credit-Mobilier-Banken ihr natürliches Arbeitsgebiet
verloren. Rußland und sein asiatisches Hinterland bieten keinen Tummel-
platz mehr für breit angelegte Finanzierungen von Eisenbahnen, Wasser-
werken, Baku und seine Petroleumquellen können nicht mehr vom
französischen Kapital ausgebaut und ausgebeutet werden, die industriellen
Anlagen aller Art in den exotischen Ländern sind nicht mehr durch-
zuführen. Neugründungen von Banken, Schiffahrts-Gesellschaften,
Handelshäusern ruhen. Überall ein Bild des Stillstandes und Abwartens,
da alle Arbeiten durch militärische und wirtschaftliche Notwendigkeiten
des eigenen Landes bestimmt werden. Aber der Ausfall an Betätigungs-
möglichkeiten in fernen Gebieten kann den Credit-Mobilier-Banken
keine allzu große Verlegenheit für etwa vorhandenen Arbeitsdrang bringen.
Sie sind nicht zum Stillstand verurteilt, da an Stelle der Fremdstaaten
nunmehr das eigene Land getreten ist. Und das eigene Land ist wohl in ’
der Lage, jene hohen Kapitalwünsche ausländischer Staaten allein
abzulösen und den Finanziers hinreichende Arbeitsgelegenheiten für
lange Zeit zu geben. Es verweist die Banken auf den nationalen Krieg
und seine Finanzierung. Es gilt Milliarden zu beschaffen. Die
Credit-Mobilier-Banken haben zunächst nur zögernd, dann aber überaus
intensiv nach dieser Richtung hin gewirkt. Sie stellen jetzt ihre vollen
Kräfte in den Dienst der Unterbringung von Werttiteln des franzö-
sischen Staates, der National-Verteidigungswechsel und -Obligationen
und später der ersten großen Kriegs-Anleihe. In der Finanzierung der
Auslands-Bezüge suchen sie die Schwierigkeiten der Valuta-Beschaffung
dadurch abzuschwächen, daß sie neben der Abstoßung fremder, börsen-
gängiger Papiere bei ihren Geschäftsfreunden Krediteröffnungen er-
wirken. Ihre alten und guten Beziehungen zu vielen englischen und ameri-
kanischen Geschäftshäusern, Banken, Industriellen nutzen sie jetzt zum
großen Vorteil der französischen Regierung für die Kriegslieferungen aus.
So schreibt u. a. die „Banque de l’Union Parisienne“ in ihrem Geschäfts-
bericht für das Jahr 1915 über diesen Dienst das folgende: „Anderer-
seits haben wir mit Hilfe der ersten Banken und Kreditgesellschaften
unseres Platzes in der Frage der Verbesserung unserer Wechselkurse
durch die Initiative der Herren Schneider &amp; Cie und unter ihrer
Bürgschaft in den Vereinigten Staaten von Amerika eine langfristige
Kredit-Eröffnung erlangt in Höhe von 30 Mill. Dollars bei einer Gruppe,
die sich aus den ersten amerikanischen Banken zusammensetzt“1).

Uber die Einwirkungen des Krieges auf die Banques d’affaires geben
äußerlich auch noch einige Bilanzdaten (S. m) einen relativen Aufschluß.

Aus diesen kurzen Darlegungen ist wohl ersichtlich, daß die Banques
d’affaires, eingeengt in ihrer eigentlichen Arbeit, dennoch nicht zur Passi-
vität verurteilt sind, vielmehr gerade durch ihren internationalen Cha-
Siehe L'Ecoaomiste Franpais, 15. April 1916, S. 534.
        <pb n="128" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

III

Banque de Paris et des Pays-Bas.
Aktien-Kapital . . . 100 Mill. Frcs.
Reserven...................104 Mül. Frcs.

	Activa						Passiva
Bilanzdaten	Bar- und Bank- Guthaben	Auslands-  Guthaben	Wechsel	Debitoren	Effekten	Beteili-  gungen	Fremde  Gelder
1914  Dezember 31.	28,00	34,00	32,00	165,00	109,00	50,00	270,00
1915  Dezember 31.	32,00	21,00	30,00	107,00	99,00	29,00	146,00

Banque Franqaise pour le Commerce et ['Industrie.
Aktien-Kapital ... 60 Mill. Frcs.

Reserven...........4 Mill. Frcs.

	Activa						Passiva
Bilanzdaten	Bar- und Bank- Guthaben	Auslands-  Guthaben	Wechsel	Debitoren	Effekten	Beteili-  gungen	Fremde  Gelder
1914  Dezember 31.	34,00			44,00	48,00	25,00	13,00	149,00
1915  Juli	31*	33,oo	—	26,00  Ribotins  78,00	20,00	27,00	5,0°	172,00

rakter der nationalen Kriegs- und Wirtschaftsführung hilfreich zur
Seite gehen können. Es läßt sich naturgemäß heute noch nicht mit
absoluter Sicherheit feststellen, wie der Krieg tatsächlich auf ihre Lage
eingewirkt hat, welches später die Folgen ihrer früheren Finanzpolitik
sein werden, und auf welcher Grundlage sie sich weiterentwickeln dürften.
Daß sie nicht in den alten Bahnen werden weiterhin wandeln können,
soll am Schluß des nachfolgenden Teiles behandelt werden, daß sie
andererseits mit Friedensschluß diese Bahn nicht sofort werden verlassen
können, ist klar, da eine so enge Verknüpfung und eine so große In-
teressengemeinschaft mit den vielen Ländern und Unternehmen einfach
nicht plötzlich und gewaltsam gelöst werden darf.

Sahen die Banques d’affaires ihr Arbeitsfeld im Auslande, so sind
die französischen Depositen - und Kredit-Banken die eigent-
lichen Förderer der heimischen Wirtschaft, die ihre Aufgabe darin finden,
einerseits Kreditnehmer als Depositenbank und auf der anderen Seite
Kreditgeber durch die bekannten bankmäßigen Mittel zu sein. Als zweiter
Hauptzweig ist das reine Kommissionsgeschäft zu nennen. Neben diesen
regulären Bankgeschäften suchen die Depositenbanken die ihnen durch
ihr gewaltig ausgedehntes Filialnetz zufließenden Gelder durch eigene
Emissionstätigkeit zinstragend unterzubringen und in Verbindung
mit den Banques d’affaires Anleihen zu placieren. Ihre außerordentlich
        <pb n="129" />
        ﻿1X2

Erwin Respondek,

hohe Bedeutung für die gesamte nationale Wirtschaft braucht hier
nicht ausführlich gezeichnet zu werden, da sie bekannt ist1). Nur einige
wenige Zahlen mögen die Entwicklung von den ersten Anfängen bis kurz
zum Kriege deutlich veranschaulichen. So betrug z. B. das Wechsel-
portefeuille der drei führenden Banken2);

1880	30. Mai 1914

Crüdit Lyonnais...............137,00	1700,00 Mill. Frcs.

Societe Generale..............108,00	989,00 ,,	,,

Comptoir National d'Escompte 136,00!	1237,00	„	„

Andererseits stiegen auch die Depositeneinlagen und Kreditore*
beträchtlich an. Im einzelnen:

1880	30. Mai 1914

Depositen-Einlagen:

Credit Lyonnais..............244,00	1015,00	Mill.	Frcs.

Societe Generale.............253,00	681,00	„	„

Comptoir National............103,00	860,00	„	„

Kreditoren :

Credit Lyonnais..............138,00	1456,00	,,	„

Societe Generale...........73,00	1187,00	„	„

Comptoir National............127,00	771,00	„	,,

Noch anschaulicher gelangt die rasche Entwicklung dieser drei
Depositen-Großbanken zum Ausdruck, wenn der Gesamtbetrag ihrer
fremden Gelder für die letzten Jahrzehnte hervorgehoben wird. In
Abständen zu fünf Jahren sind nach Kaufmann3) die folgenden
Ziffern anzuführen (in Mill. Frcs.):

Bewegung der fremden Gelder der drei Depositenbanken
C r 6 d i t Lyonnais, S o c i 6 t e Gäntrale, Comptoir National.

Jahr	Gesamt-  summe	Bemerkungen
1872	427,00	
1875	620,00	
1880	953,00	
1885	867,00	Nach 12 Jahren also etwa verdoppelt im Vergleich zu 1872
1886	1010,00	
1890	1245,00	
1895	1570,00	Nach 10 Jahren eine Verdoppelung im Vergleich zu 1885
1900	2300,00	
1905	3357,00	Nach 10 Jahren wieder eine Verdoppelung im Vergleich zu 1895
1909	4363,00	
1913	5354,00	Nach 40 Jahren eine Verzwölffachung im Vergleich zu 1872.

Diese Zahlen beweisen den großen Aufschwung, den die Kredit-
banken in ihrer Rolle als Kreditnehmer genommen haben und in der
sie dem Handel, der Industrie und dem Gewerbe als Kreditgeber nütz-
liche Dienste erweisen konnten. Aber die französischen Kreditbanken

x) Siehe auch die Abhandlung von Kaufmann, a. a. O. S. 157 ff.

!l Lachapelle, Georges, a. a. O. S. 175.
s) Kaufmann, a. a. O. S. 356.
        <pb n="130" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

113

haben einen ihnen eigenen Zug, def durch die Pflege eines Geschäfts-
zweiges zum markanten Ausdruck gelangt ist, entwickelt. Es ist
dies die in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten im vorherrschenden
Maße betriebene Emissionstätigkeit ausländischer Wertpapiere. In
Verbindung mit den Banques d’affaires und unter dem Drucke der
französischen Regierung haben die Depositenbanken das französische
Kapital in eine Richtung gelenkt, die neben gewinnpolitischen im
wesentlichen auch durch rein politische Gedanken bestimmt wurde,
und die sich im Kriege als ein fundamentaler Fehler offenbarte. Bei
dieser Politik der Anleihe-Emissionen muß einige Zeit verweilt werden,
sie ist eingehender darzulegen, denn hier dürften die Wurzeln der heu-
tigen finanziellen Schwäche der französischen Republik zu finden sein.

Frankreich ist Kapitalgeber1) für die ganze Welt. Nur wenige
Länder gibt es, die nicht durch französisches Geld reichlich durchtränkt
und noch heute der Republik tributpflichtig wären. Diese Hingabe
von Kapitalien wurde seit vielen Jahrzehnten in Frankreich durch die
Emission ausländischer Anleihen durchgeführt. Hierdurch wuchs der
Wertpapierbesitz der Franzosen zu einer auffallenden Höhe
heran. Es möge zunächst eine Berechnung des wahrscheinlichen Wert-
papierbesitzes gegeben werden, bevor auf die Ursachen und Ziele dieser
Erscheinung näher eingegangen wird.

Als Grundlage für den rechnerisch zu erfassenden Bestand der an
den französischen Börsen zugelassenen Wertpapiere wird gewöhnlich
die Börsen-Statistik zugezogen. Hiermit sind aber eine Reihe von Fehlern
verbunden. So werden in erster Linie solche Papiere nicht erfaßt, die
keinen offenen Markt haben, also die an der Coulisse zugelassenen Werte.

Diese Summen sind nicht gering. Lachapelle sagt hierüber;
,,Die verborgenen Emissionen ausländischer Effekten haben in diesen
letzten Jahren eine sehr große Ausdehnung angenommen . . .“2). Er schätzt
den nominellen Betrag der jährlich ohne öffentliche Zeichnung und ohne
Prospekt ausgegebenen Wertpapiere auf rund 1000 Mill. Frcs. Für die
Jahre 1905—1914 stellt er folgende Tabelle (S. 114) auf (in Mill. Frcs.);

Dagegen beträgt die Summe der in gleicher Periode an der Pariser
Börse offiziell zugelassenen Wertpapiere für französische Werte 12 300,
für ausländische Werte 22 400 MUL Frcs.

Weitere Fehlerquellen bieten die recht hohen Beträge, die aus den
Rückkäufen durch das Ursprungsland entstehen, dann der Abfluß nach
dorthin durch spekulative Arbitrage, Tilgung, Auslosung und zahlreiche
andere Momente, die statistisch gar nicht erfaßt werden können. Im
wesentlichen müssen hier vorsichtige Schätzungen die statistischen Er-
hebungen begleiten.

h Arndt betont dieses Wort, da nach seiner Ansicht die Bezeichnung Frankreichs
als „Bankier“ nicht zütrifft. Bankier heißt bei ihm der „Kapital-Vermittler“, während
doch Frankreich Kapital hingibt.

2)	a. a. O. S. 198.

Kespondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

8
        <pb n="131" />
        ﻿Erwin Respondek,

114

Jährliche Emission von Effekten ohne Prospekt
oder sonstige öffentliche Auflegung.

Jahr	Wertpapiere	
	französische	ausländische
1905	200,00	800,00
1906	700,00	1450,00
1907	100,00	400,00
1908	50,00	650,00
1909	600,00	1700,00
1910	450,00	1800,00
I9II	150,00	1400,00
1912	1100,00	400,00
1913	1000,00	950,00
1914	1200,00	1800,00
in 10 Jahren	5550,00	1*35°,00

Der französische Nationalökonom E. T h e r y !) berechnet den
Besitz Frankreichs an Wertpapieren bis 1907 wie folgt (Millionen Frcs.):

Wertpapiere inländischen Ursprungs bis 1907 .... 38 480,00
„	ausländischen Ursprungs bis 1908	... 61 421,00

Er spezifiziert auch die ausländischen Effekten, von denen die wich-
tigsten angeführt sein mögen, um als Illustration für die Verteilung
auf die einzelnen Länder zu dienen.

Land

Russische Werte............................

Österreichische Werte........................

Ägyptische Werte.............................

Türkische Werte..............................

Holländische Werte.........................

Schweizerische, italienische Werte.........

Portugiesische, englische und koloniale Werte
Belgische, Kongo-, brasilianische Werte . . .

Balkan, ohne Türkei, -Werte................

Dagegen veranschlagt H e n g e r in seiner Abhandlung* 2) den Ge-
samtbositz der Franzosen an Wertpapieren bis zum Jahre 1910 auf
110 417 Milliarden Frcs. Hierbei unterscheidet er:

Besitz an französischen Wertpapieren in Höhe, von . . 77292,00 Mill. Frcs.

„	„ ausländischen „	„	„	„ . . 33 125,00 „	„

Insgesamt 110417,00 Mill. Frcs.

Wenn auf den Ziffern von Henger ab 1910 weitergebaut werden
darf, so entwickelt sich das Bild wie folgt: Nach dem Annuaire Sta-
tistique de la France wurden emittiert:

x)Th6ry, Edmond, Les Progres economiques de la France. Paris 1908.

2) Henger, Hans, Die Kapitals-Anlage der Franzosen in Wertpapieren, Berlin
1913, S. 12 u. 89.

Nominelles Kapital

...........10	900,00 Mill.	Frcs.

............3	650,00

............3	050,00

............2	500,00

............1	450,00

.	...	je	1	400,00

* J-je	rund	1	500,00

............1	050,00

j
        <pb n="132" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

115

Berechnung des Wertpapierbesitzes bis zum Ende
des Jahres 1914 (in Mill. Frcs.).

	Wertpapiere	
	französische	ausländische
Im	Jahre	1911	  ,,	„	1912	  „	„	1913		  „	„	1914,	I. Semester ....  II.	,.	....	814,00  2 060,00  2 169,00 547,oo  I 945,oo1)	3 782,00  3 081,00  2 758,00  2 212,00
Summe  Plus H e n g e r sehe Ziffern		7 535,oo  77 292,00	11 833,00  33 125,00
Gesamtsumme Dagegen eine Schätzung der „Neuen Zürcher Zeitung“* 2)		84 827,00  80 000,00	44	958,00  45	000,00

Zu dieser Summe wäre noch der Betrag von den inoffiziell in den
Verkehr und Besitz der Franzosen gebrachten Effekten zuzurechnen,
der mit L a c h a p e 11 e für die Zeit von 1911—1914 auf insgesamt
8000,00 Mill. Frcs. zu veranschlagen ist.

Diese Aufstellung in ihren absoluten Zahlen, die aus den angeführten
Gründen keinen Anspruch auf volle Richtigkeit erheben, zeigt deutlich,
daß der Effektenbesitz Frankreichs an inländischen und insbesondere
an ausländischen Wertpapieren außerordentlich hoch ist. Einige Ver-
gleichsziffern mit England und Deutschland werden die Stellung Frank-
reichs als Gelddarleiher noch anschaulicher zu charakterisieren vermögen.
Der Besitz an ausländischen Effekten für die drei Staaten beträgt schät-
zungsweise :

Frankreich ..........45,00 Milliarden Frcs.

Deutschland..........25,00	,,	,,	3)

England..............86,00	„	„	4)

Uber den Anteil der fremden Staaten an dieser Summe sind genaue
statistische Daten nicht vorhanden. Im Statistique Annuaire sind bis
1900 einige Angaben zu finden, die hier wiedergegeben werden mögen
(s. S. 116).

Woher schöpfte Frankreich diese hohe Kapitalkraft, und
was bestimmte vor allem die leitenden Kreise, sie in Form von An-
leihen in das Ausland zu verlegen und nicht im Innern zu verwenden ?

Frankreich ist ein von der Natur gesegnetes Land. Seine vortreff-
liche geographische Lage erzeugt reiche Bodenfrüchte, so daß es zum
Land des ständig wachsenden Reichtums wurde. Die natürlichen Ka-
pitalsquellen, ergiebige Kohlen- und Erzbergwerke, vortrefflicher Acker-

4) National-Verteidigungs-Wechsel sind inbegriffen.

2)	8i. November 1914.

3)	Nach Helfferich, Deutschlands Volkswohlstand 1888—1913. Berlin 1915
S. in. (20 Milliarden Mk.)

4)	Nach Frankfurter Zeitung: Sonderabdruck „Gegen die englische Finanzvormacht“

r9t5, S. 15.	(70 Milliarden Mk.)
        <pb n="133" />
        ﻿n6

Erwin Respondek,

Ausländische Effekten im französischen Besitz nach Ländern

geordnet.

Entwurf auf Basis der Veröffentlichung des „Statistique Annuaire de la France“ aller in
Frankreich in der Zeit von 1884—1900 gestempelten Effekten
(in MilL Frcs.).

					Gesamt-
Land					Periode
	1884—1888	1889—1893	1894—1898	1899—1900	1884—1900
Europa:					
Deutschland . . .	4,9	13,70	5,70	5,80	30,10
Österreich-Ungarn	289,00	206,50	305,50	21,30	822,30
England		9.5°	58,00	40,70	5,60	113,80
Rußland		634,90	3335.00	1995,90	641,30	6607,10
Italien		311,50	328,60	156,00	8,80	804,90
Belgien		62,90	34,90	113,20	7,70	218,70
Schweiz		2,10	66,90	131,40	55,40	255,80
Holland		21,20	13,00	86,30	2,00	122,50
Dänemark ....	3,30	2,00	165,40	18,70	189,40
Schweden .... Norwegen ....	}	26,90	49,50	169,00	115,00	360,40
Spanien		229,20	201,00	247,00	125,50	802,70
Portugal		380,70	511,90	59,90	6,80	959,30
Serbien		10,00	36,00	154,70	—	200,70
Griechenland . . .	114,80	24,80	44,90	2,00	186,50
Bulgarien ....	—	4,90	38,30	—	43,20
Türkei		662,70	547,00	524,00	19,30	1753,00
Afrika:					
Ägypten		82,50	547,90	99,40	10,00	739,80
Tunesien		162,70	364,50	—	—	527,20
Kongo		—	2,70	33&gt;oo	—	35,70
Madagaskar . . .	—	14,10	—		14,10
Amerika;					
Vereinigte Staaten	g, 60	5,oo	3,60	—	18,20
Haiti		—	—	47,80	—	47,80
Kanada		5,40	44,40	29,80	—	79,60
Argentinien. . . .	155,00	57,90	71,20	26,00	310,10
Brasilien		6,90	159,00	242,10	82,20	490,20
Chile		—	5,30	2,40	—	7,70
Peru		1,30	—	—	—	i,3°
Uruguay 	  Mexiko und Nica-	9,00	27,30	8,40	3,60	48,30
ragua ....	0,80	6,80	2,50	6,50	16,60
Honduras ....	0,70	0,70	0,30	—	1,70
Venezuela ....	—	5,00	17,80	2,10	24,90
Asien:					
Tonkin				—	91,90	—	91,90
China ....	—	—	394,40	65,40	459,80
Britisch-Indien . .	—	1,80	0,90	—	2,70
Australien	0,90	1,20	0,60	—	2,70
        <pb n="134" />
        ﻿Frankreichs Bank und Finanzwirtschaft.

117

bau und Weinbau, eine sorgsam gepflegte und kräftig ausgebaute Seiden-
zucht, Fischfang usf. lassen die Bevölkerung rasch zum Wohlstände
gelangen, und die Sparsamkeit der Franzosen, die sprichwörtlich ge-
worden ist, häufte die aus Naturreichtum und Arbeit erzielten Vermögens-
überschüsse zu immer größeren Kapitalien an. Für sie mußte eine pro-
duktive Verwendung gesucht werden. Aber die heimischen Industrien
und der heimische Handel waren nicht imstande, die reichen Geldmittel
vollständig aufzunehmen, um sie zinstragend in Arbeit wieder umzu-
setzen. Beide litten an einem stark fühlbaren Mangel an Unternehmungs-
und Arbeitslust und wiesen die Kapitalien auf andere, in fremde Länder
führende Wege. Hierauf stützten die Finanzmänner der Republik ihre
Geldpolitik, und in Verbindung mit den rein politischen Elementen
zielte die gemeinsame Richtung dahin, machtpolitische Pläne zu fördern,
für die Republik durch eine bereitwillige, leichte und allseitige Hingabe
gewaltiger Mengen von Kapitalien die Freundschaft der ihr genehmen
Staaten zu erlangen, um auf deren tatkräftige Hilfe in jeder Lage rechnen
zu können. Das Verständnis dieser Tatsachen für die Vergangenheit,
gegenwärtige Lage und zukünftige Entwicklung der französischen Finanz-
wirtschaft wird durch eine 'eingehendere Erörterung des wirtschafts-
politischen Problems an Klarheit gewinnen. Um von vornherein jeden
Anschein der Parteilichkeit oder gewollten Beeinflussung des Endergeb-
nisses dieser Betrachtung zu vermeiden, möge sie in ihrem grundsätz-
lichen Aufbau nur auf Äußerungen französischer Handels-, Gewerbe-
und Industrietreibender gestellt werden, die von den letzteren in einer
Enquete der Zeitschrift „R evue Financiere Universell e“1)
gemacht wurden und von Arndt einer kritischen Prüfung und Dar-
stellung unterzogen worden sind* 2).

Aus den Antworten der Befragten entnimmt Arndt zunächst die
Bestätigung, daß die Großunternehmen mit reichlichen Kapitalien ver-
sorgt waren, und daß der Mangel an Kredit bei den mittleren und
kleinen Betrieben auf wenige Millionen beschränkt war, der natürlich
im Vergleich zu den Riesensummen, die ins Ausland flössen, gar nicht
ins Gewicht fallen könne. Also das Angebot an Kapitalien war demnach
vorhanden, es fehlte nur die Nachfrage. Bei näherer Prüfung der Enquete
nach dieser Richtung hin, ist zu erkennen, daß die Ursachen des offen-
sichtlichen und auffallend geringen Grades in der Kapitalnachfrage
in erster Linie im Fehlen an Unternehmungslust des französischen Wirt-
schaftlers und Kaufmanns zu suchen ist. Kleinmütige Ängstlichkeit
und allzu vorsorgliche Sorgsamkeit treten in allen Antworten immer
wieder hervor. Der französische Unternehmer will in seinen Geschäften
immer ganz sicher gehen und wagt nicht gern, irgendein Werk zu be-
ginnen, das mit einem Risiko verbunden ist. Das Ideal ist höchste Spar-
samkeit, um in Zeiten des Alters ruhig und mit Beschaulichkeit sein

J) Siehe Revue Universelle, 1913, Februar-August.

2) Vgl. Arndt, Weltwirtschaftliches Archiv 1916, Januar-Heft, dessen Ausfüh-
rungen im wesentlichen hier gefolgt wird.
        <pb n="135" />
        ﻿Erwin Respondek,

Il8

Lebensende zu genießen. „Der Geist der Vorsicht beherrscht den Geist
des Unternehmens“1), sagt Yves Guyot vom französischen
Kaufmann im Vergleich zum Amerikaner und Deutschen. Freilich
stimmen nicht alle diesem Urteile über den Franzosen zu. So ist u. a.
P. Leroy Beaulieu entgegengesetzter Ansicht. Er bezeichnet
diese Anschauung als eine Legende, denn die Kanäle von Suez, Panama
und Korinth, die spanischen, portugiesischen, italienischen, österreichi-
schen, russischen und türkischen Eisenbahnen wurden mit französischem
Gelde gebaut, die französischen Kapitalisten besitzen,,ebenso viel Transvaal-
Goldaktien wie der Engländer, mexikanische Goldwerte, Kupfer-Aktien
aller Länder, Sibirien eingeschlossen, und sie haben sich auf russische
Industriewerte gestürzt, desgleichen auch auf die Kautschuk- und Petro-
leumwerte; oft haben sie dafür gebüßt“* 2).

Ihm kann mit Recht Arndt entgegenhalten, daß dies nicht
als ernste, zielbewußte Arbeit zu bezeichnen ist, vielmehr als Kühnheit
des Spielers, die mit Leichtfertigkeit zusammenfällt.

Für den aus Mangel an Aktivität der heimischen Wirtschaft ent-
standenen Überschuß war im Innern des Landes aber genügende Ver-
wendungsmöglichkeit gegeben, und alle gegenteiligen Behauptungen
haben keine überzeugende Kraft. Kohle und Eisen, die Grundpfeiler
der nationalen Wirtschaften sind wohl da. Ihre gegenseitige Lage ist
allerdings ungünstig und schränkt eine intensive und vorteilhafte
Ausnutzung ein. Aber für die „schwarze Kohle“ wäre dort, wo sie
schwer und unter hohen Kosten zu transportieren ist, leicht Ersatz
durch die „weiße Kohle“ zu schaffen, wie Arndt meint, die der
französischen Industrie Millionen Pferdekräfte für die Bearbeitung
der reichen Eisenerzlager zuführen könnte. — So hätten Milliarden
zur Hebung der Naturschätze vorteilhaft verwandt werden können.
Die gesteigerte Produktion würde ihrerseits von selbst auf eine Ver-
besserung der Verkehrswege, den Ausbau von Häfen (Marseille, Bordeaux,
Nantes, le Havre und andere) und auf Erhöhung der Leistungsfähigkeit
von Binnenwasserstraßen führen. Nicht allein auf wirtschaftlichem
Gebiete galt es zu wirken. Auch die kulturelle und soziale Verbesserung
auf dem Gebiete der Gesundheitspflege erforderten — nach Ansicht
einsichtiger Franzosen — viele Millionen Franken. Mit wachsender
Produktionsausdehnung und mit der Verbindung von Arbeit und Kapital
wären letzten Endes die Vorbedingungen und gesunden Grundlagen
für eine steigende Bevölkerungszahl gegeben und der fühlbare Mangel
an Arbeitskräften, der nach Ansicht der Franzosen der entscheidende
Faktor gegen eine wirtschaftliche Expansion ist, hätte seine Gefähr-
lichkeit verloren3). Hinzu kommt, daß die Arbeiter schwer zu behandeln
seien und die Unternehmer über Disziplinlosigkeit, Streiks, Sabotage

h Siehe Fiaance Universelle, April 1913, S. 5. Zitat angeführt nach Arndt.

2)	a. a. O. 1912. S. 3.

3)	Nach dem Reichs-Stat. Jahrbuch für 1915 zählte die Bevölkerung Frankreichs
1886: 38,3, 1911; 39,6 Mill,, die von Deutschland 1886: 48,0, 1911: 64,9 Mill. Seelen.
        <pb n="136" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

II9

und ähnliches mehr ständig zu klagen hätten. Dieses Argument weist
Arndt ganz zu Recht mit den Worten zurück; „Selbstverständlich
aber können derartige Schwierigkeiten für tatkräftige Unternehmer
in einem 40 Millionenvolke, das Freizügigkeit besitzt, kein wirkliches,
dauerndes Hindernis bilden. Man kann doch nicht im Ernste behaupten,
daß willensstarke, kapitalkräftige Fabrikanten oder entschlossene Re-
gierungs-Vertreter nicht imstande sein würden, zur Anlage von Elektri-
zitätswerken in den Gebirgsgegenden, zum Betrieb von Hochöfen und
Stahlwerken im Nordosten, zum Ausbau der großen Häfen usw. genügend
Arbeitskräfte zu vereinigen“1).

Als ein weiteres Hindernis an der Entfaltung aller produktiven Kräfte
erscheint dem Franzosen schließlich noch der Staat. Auch dieses Urteil
klingt immer wieder in den Antwortschreiben der Befragten anklagcnd
hervor. Der Staat erscheint ihnen gleichsam als ein ständiger Verfolger,
der stets darauf bedacht ist, jeden Fleiß, der von gewinnbringendem
Erfolg begleitet ist, mit hohen Steuern zu erfassen. So fehlt dem Fran-
zosen das Vertrauen zur Sachlichkeit und Ehrlichkeit der öffentlichen
Gewalten, und nichts charakterisiert die Spannung zwischen Bürger
und Staat besser als ein Ausspruch von Yves Guyots; „Wie könnte
der Staat dem Sparer Vertrauen einflößen ? Er verschleudert und macht
Schulden. Der Minister und der Beamte wird immer das Interesse des
Sparers Erwägungen der inneren oder äußeren Politik unterordnen:
weit entfernt, Sicherheit zu bieten, können diese nur als störende Ele-
mente aufgefaßt werden“1 2).

So fanden die Ersparnisse des Volkes weder in Handel noch in In-
dustrie und Verkehr Arbeit und lohnende Verwendung. Sie nahmen
daher zunächst ihren Weg zu den Banken und Sparkassen. In
welchem Maßstabe diese Entwicklung vor sich ging, zeigen zwei Zahlen.
In den drei großen Sammelbecken Frankreichs, Credit Lyonnais, So-
ciete Generale, Comptoir National d’Escompte de Paris, waren die
fremden Gelder:

Im Jahre 1872........427,00 Mül. Frcs.

„	„ 1913	5354,0° „

Diese hohen Geldeinlagen sicherten den Depositenbanken in Frank-
reich eine monopolartige Stellung und ermöglichten es ihnen, die Zins-
sätze nach ihrem Belieben zu normieren. Und sie verzinsten die Gut-
haben nur sehr niedrig. Gelder, die nicht vor einem Jahre kündbar
sind, erzielten im Durchschnitt nur 1 % im Jahre. Kurzfristige Gdder
oft nur y2 % oder gar o %. Die natürliche Folge dieser Zinspolitik
war, daß die Rentner ihre Ersparnisse nicht als Depositen liegen lassen
wollten, vielmehr in der Effekten-Anlage ihr Heil erblickten. Diese
Strömung nach einem besseren Zins wurde von den Banken beachtet,
und zunächst führten sie die Sparkapitalien den französischen Staats-

1)	a. a. O. S. 44.

2)	a. a, O., Finance Universelle, April 1913, S. 12. Angeführt nach Arndt.
        <pb n="137" />
        ﻿120

Erwin Respondek,

papieren zu. Die 3 % Rente stieg durch die stete Nachfrage rasch im
Kurse. Sie kotierte:

Im Jahre 1877......... 70,57%

„	,,	1878........74,6i%

und bereits 1893......105,25 %

verzeichnete also in 20 Jahren eine für ein Rentenpapier bedeutsame
Steigerung von rund 35 %.

Mit diesem scharfen Kursaufstieg war andererseits ein Sinken
der Zinsrentabilität verbunden, und der Rentner war bald wieder mit
dieser geringen Verzinsung nicht zufrieden. Er wollte ein noch besseres
Erträgnis seiner Gelder erzielen. Nun setzten hier Finanz und Politik
zur gemeinsamen Arbeit ein, um den Kapitalisten ihre Wünsche zu er-
füllen, wobei sie gleichzeitig auch ihre eigenen finanz- und machtpoli-
tischen Ziele einflechten zu können glaubten. Mit der politischen Freund-
schaft Rußlands zu Frankreich, die im Jahre 1891 zum Bündnis führte,
der Aufnahme politischer Interessen Frankreichs in den Balkanländern
und anderen Staaten, setzte die Zeit der schier endlosen Einführung
großer Anleihen jener Länder für die französische Republik ein. Nicht
allein die Mehrzahl der europäischen Staaten war ständiger Geldsucher
am Pariser Kapitalmärkte. Auch die exotischen Staaten appellierten
an die Kapitalkraft Frankreichs und fanden dort stets williges Gehör.

Nur auf zwei Faktoren wurde von den französischen Führern bei
dieser Arbeit streng geachtet — hohe Verzinsung und dann politische
Freundschaft. Der Rentner zeichnete gern 5 % Russen, Balkanier, 6 %
Mexikaner. Die Regierung flocht geschickt ihre Ziele hinein, jenes Ver-
langen der zur Herrschaft gelangten politischen Kreise, in fremden Staaten
wenigstens durch französisches Gold Einfluß zu erlangen. Das National-
gefühl der Franzosen, ihre stark ausgeprägte Leidenschaft nach Ehre,
Ruhm und Ansehen unterstützten den Staat in seiner eingeschlagenen
politischen Richtung. Sie zielte auf Vergeltung für die Niederlagen
in dem 70er Kriege. Was nicht offen ausgesprochen wurde, ließ die „immer
mehr einseitige Orientierung der Kapitals-Anlage nach rein politischen
Gesichtspunkten“1) wohl erkennen.

Bald bildeten sich bei diesen Transaktionen bei den Banques d’affaires
als Schöpfer der Auslands-Emissionen und den Depositenbanken als
ihre Mithelfer und unentbehrlichen Absetzer, in Verbindung mit der
Regierung und der nicht ausschaltbaren Presse — einzelne Finanzgruppen
mieten für ihre Transaktionen oft den ganzen Handelsteil der führenden
Tageszeitungen — ein ganz charakteristischer Weg aus. Jedes Land,
das in Paris eine Anleihe unter bringen wollte, mußte zunächst im Mini-
sterium des Äußeren vorsprechen, um die Zustimmung zur offiziellen
Kotierung an der Pariser Börse zu erhalten. Diese Genehmigung wurde
vom Leiter des auswärtigen Amtes nur unter zwei Bedingungen erteilt:

9 Siehe Kaufmann, Dr. E. 2. Kriegsheft für Sozialwissenschaft und Sozial-
politik 1915, S. 433.
        <pb n="138" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

121

Erstens, politische Freundschaft oder gar sofort fester Vertrag und zwei-
tens, Bestellungen bei der französischen Industrie. Diese Verbindung
von Weltpolitik mit Geschäft ist auch bei den anderen führenden Staaten
— England und Deutschland — zu beobachten. Aber kein anderes Land
als gerade Frankreich verfolgte in einer so äußerst rücksichtslosen Ein-
seitigkeit das rein politische Moment. Dieses Streben, namentlich
Rußland und den Balkan unter seinen politischen und militärischen
Einfluß zu stellen, brachte den französischen Financiers bald die Prä-
gung des berühmten und jetzt berüchtigten Wortes: „politique
f inane iere" ein. Auf die mannigfachen Variationen in der Anleihe-
Unterbringung nach banktechnischen Gesichtspunkten hin kann hier
nicht eingegangen werden. Es möge genügen, darauf hinzuweisen, daß
jede der angewandten, Methoden den Banken reichliche Gewinne ein-
brachte, und daß auch die Tagespresse als unentbehrliches Instrument
aus diesen Transaktionen nicht unerhebliche Gewinne zog. Nach all
den hohen Abzügen wurden dann die Anleihen unter die kleinen Rentner
gebracht, die oftmals aus Unkenntnis oder schrankenlosem Vertrauen
nicht nach Güte und Sicherheit fragten, sondern willig zeichneten, da
diese Werte ihnen eine 4—5 % Verzinsung versprachen. Auf diese
Weise wurden viele Milliarden Franken im Auslande investiert, wie die
aufgestellten Berechnungen es näher anzeigen. Die russischen Werte
allein, deren Zeichnung als patriotische Tat hingestellt wurde, haben
eine Höhe von etwa 20 Milliarden Frcs. erreicht.

Dieses dargelegte System des Austausches politischer Bündnisse
gegen Gold, von Armeen gegen Anleihen, wirkt bei Ausbruch des Krieges
schwer belastend und schädigend auf das Land zurück. Die ungesunde
Festlegung so hoher Summen französischen Kapitals im Auslande führte
in der kritischen Zeit dazu, daß die Depositenbanken die Guthaben
ihrer Kunden sperren, ihre Schalter am Anfang der Kriegskrisis schließen
mußten. Denn in ihren Kellern ruhen hunderte von Millionen unver-
käuflicher und jetzt zum Teil wertloser Effekten. Das Urteil in der Schuld-
frage wird aber wohl kaum ausschließlich über die Führer dieser Be-
wegung — der finanziellen Oligarchie — gesprochen werden dürfen,
wie es oft mit Unrecht geschehen ist1).

Selbst in Frankreich werden die Banken nicht in Schutz genommen.
Sie etwa als unschuldig hinzustellen, liegt allen fern, und einige Schrift-
steller scheuen sich sogar nicht, die Ursachen dieser unheilvollen Aus-
lands-Investitionssucht allein in gewinnsüchtigen Zielen der Bankwelt
zu suchen. Lachapelle z. B. sagt hierüber in seinen Betrach-
tungen über den französischen Wertpapierbesitz das Folgende: i)

i) Uebelhör unterzieht die Politik und praktische Arbeit dieser finanziellen’ Oli-
garchie einer überaus erfreulichen, objektiven Betrachtung und gelangt zu dem Ergebnis,
daß der stolze Monumentalbau der finanziellen Oligarchie, „der in Generationen voll der
fleißigsten Arbeit geschaffen war“ (S. 38) nicht aus gewinn- oder rachsüchtigen Motiven
heraus errichtet wurde, vielmehr Nation und Regierung, Industrie und Handel zu der ge-
zeichneten Richtung drängten. Vgl. 66. Heft der politischen Flugschrift von Ernst
Jäckh, „Der deutsche Krieg“.
        <pb n="139" />
        ﻿122

Erwin Respondek,

„Es ist wahr, daß die Kreditinstitute dem Beispiel der Regierung,
der Minister und der Abgeordneten gefolgt sind, die in der Vergangen-
heit sehr oft eine persönliche Politik vertreten haben, die dem nationalen
Interesse sehr scharf entgegen war. Wenn unsere Kreditinstitute es vor-
zogen, ausländische Wertpapiere an Stelle französischer Werte zu emit-
tieren, so geschah es, weil die ersteren ihnen eine viel größere Gewinn-
marge und höhere Provisionen ließen als die zweiten, und daher haben
sie das allgemeine Interesse ihrem privaten Interesse geopfert“1).

So einfach liegt jedoch die Schuldfrage nicht, obwohl dem Urteil
des Franzosen Berechtigung zuerkannt werden muß. Es darf nicht
außer acht gelassen werden, daß der überreiche Zustrom frei verfüg-
barer Kapitalien den Depositenzins auf ein Minimum drückte, den
die Einleger und Sparer nicht akzeptieren wollten und konnten. Dies
rief auf der anderen Seite die notwendige Verwertung in irgendeiner
arbeitenden Wirtschaft hervor, die gewillt war, höheren Zins zu vergüten.
Fanden die Gelder im Innern keine Arbeit, so mußten sie notwendig
ins Ausland fließen. Eine auch nur annähernd einwandfreie Untersuchung,
inwieweit hierbei der Wunsch der Rentner nach besserem Zinsertrag,
die Furcht vor der Verfolgung von seiten des Fiskus mit Steuern, sobald
er gute französische Werte kauft, oder seine Spekulationssucht stimu-
lierend auf die Emission jener hoch verzinslichen ausländischen Wert-
papiere durch die Banken einwirkten, oder die Banken aus eigenen, ge-
winnsüchtigen Wünschen zum Ankauf der Effekten anregten, ist äußerst
schwierig zu führen. Sie dürfte im Endresultat wohl eine wechselseitige
Beeinflussung ergeben. Dann ist ein nicht zu kleiner Posten in das Schuld-
konto der französischen Regierung einzutragen. Sie bewegte sich, wie
schon erwähnt, durch gewissenlose Politiker des In- und Auslandes
geführt, in einem kriegslüsternen Kurs und benutzte die Kapitalkraft
des Landes für ihre politischen Zwecke. Die Emissionen der auslän-
dischen Werte wurden von ihr dazu noch vom steuerfiskalischen Ge-
sichtspunkte aus begünstigt, um durch die Effekten-Emissionssteuer
die Staatskassen aufzufüllen. Es ist also nicht zu verkennen, daß auch
von hier aus Fehler gemacht wurden, die unter Einschluß der Rentner-
Wünsche und Bankpolitik eher das Urteil eines allseitigen Verschuldens,
als einer alleinigen Schuld der Finanzkreise rechtfertigen lassen.

Bereits vor Ausbruch des Krieges war das Vertrauen der Bank-
gläubiger zu den großen Kreditinstituten stark erschüttert. Dies war
nur zu natürlich. Eine so leicht geführte Bankpolitik, wie sie bereits
geschildert wurde, mußte einmal zum Schaden ausschlagen. Die
„Frankfurter Zeitung“ faßt die Lage der Banken, wie sie in den letzten
Friedensmonaten vorherrschte, sehr gut zusammen. Sie sagt wörtlich:

„Enorme Verluste an mexikanischen, brasilianischen, argentinischen
und anderen Papieren haben die Kaufkraft des Publikums geschwächt
und sein Vertrauen geschmälert, während gleichzeitig die Furcht vor

h a. a. O. S. 202.
        <pb n="140" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

123

den neuen Steuern vielfach dazu führte, die Kapitalien im Ausland
in Sicherheit zu bringen. So lange die Haussetendenz dauerte und die
Vertrauensseligkeit der Kundschaft keine Grenzen kannte, haben die

Banken glänzende Geschäfte gemacht................... Jetzt zeigt sich

die Kehrseite; die Kundschaft ist übersättigt, die Kurse sind stark ge-
fallen, und die Emittenten haben sehr viel zurücknehmen müssen, ohne
die Kurse halten zu können. Die Banken befinden sich daher jetzt in
einer wenig beneidenswerten Lage.........."1)

Zu dieser unerquicklichen Lage, die im wesentlichen mit der Börsen-
depression zusammenhing und durch sie deutlicher hervortrat, kam
noch hinzu, daß seit einigen Wochen — vor Ausbruch des Krieges —■
in der Tagespresse eine unerfreulich scharfe Verleumdungskampagne
gegen die Kreditbanken einsetzte. In Zeitungsartikeln, Broschüren
aller Art wurden gegen einzelne Banken die ärgsten Verdächtigungen
ausgesprochen, die leicht zu einer Existenzgefährdung aller Kreditinsti-
tute führen konnten. Die Alarmnachrichten, deren Schlagwörter vor-
nehmlich Unsolidität sowie baldige Insolvenz waren, machten die Di,po-
siteneinleger scheu, die dann in ihren dunklen Befürchtungen die Banken
stürmen sollten.

Trotz aller Bestrebungen des Finanzministers, den unschönen und
gefährlichen Hetz- und Wühlarbeiten ein Halt zu gebieten und ihnen
die verderbenbringenden Spitzen abzubrechen, gelang es den Unterminiere,
an einer Stelle ihr Ziel zu erreichen; die Depositengläubiger stürmten
im Mai die „Societe Generale“. Diese Bank soll nach den Ausstreuungen
jener geheimen Kräfte durch verfehlte Terrain- und Effektenspeku-
lationen Gelder verloren haben, die ihr eigenes Kapital um viele Mil-
lionen Franken überschreiten. Das Vertrauen der Depositengläubiger
war daher vollkommen geschwunden. Den Schaltern der Bank drohte
ein gefährlicher Sturm, so daß sie sich genötigt sah, von der Regierung
ein Vertrauensvotum zu erbitten. Dieses wurde ihr von der Bank von
Frankreich auf Veranlassung der Regierung nach Prüfung ihrer Bilanzen
und Bücher erteilt. So konnte die Gewalt des ersten Ansturms ge-
brochen werden und die „Societe Generale“ vor dem Zusammenbruch
bewahrt bleiben. Der Run auf dieses zweitgrößte Kreditinstitut wird
von ihm selbst auf Zeitungsverleumdungsarbeit zurückgeführt. Nach
dem Ausweise, den die Bank nach Ablauf dieser Vorgänge bekannt gab,
schien sie vollauf in der Lage, die Abhebungen befriedigen zu können,
schien also in ihrer Liquidität keineswegs erschüttert gewesen zu sein.
Die Zahlen ihrer Monatsbilanz weisen die folgenden Daten auf (in
Mill. Frcs.):

Ende April 1914 bar2)	1236,00, sofort fällige Verbindlichkeiten 1689,00

Ende Juni 1914 bar (nach dem Run) 923,00, „ „	„	1413,00

Die Vorgänge in den Beziehungen zwischen der „Societe Generale“
und ihren Gläubigern kann man als die ersten Vorboten für eine mög-

h Siehe Frankfurter Zeitung, 27. Mai 1914.

2) bar s= sofort greifbare Aktiva (Kasse, Bankguthaben, Wechsel).
        <pb n="141" />
        ﻿124

Erwin Respondek,

liehe Krisis betrachten, die notwendig zwischen Banken und Kunden-
kreis irn Falle eines Krieges sich entwickeln mußte. Es kann nur als
bedingt gelten, wenn auf Grund der Bilanzen angenommen wird, daß
die Banken den Anstürmen ihrer Depositengläubiger mit ihren leicht
realisierbaren Aktiven gewachsen sein müssen. Denn die restlose Be-
friedigung aller Abhebungen ist tatsächlich nicht durchführbar. Werden
unter diesem Gesichtspunkte Aktiva und Verbindlichkeiten der drei
größten Banken einander gegenübergestellt, so zeigen sie, daß die aus-
gesprochene Behauptung volle Geltung hat. Am 31. Mai 1914, also
zwei Monate vor Ausbruch des Krieges, ergab sich das folgende Bild
(in Mill. Frcs.1):

Liquiditätsbild der drei Depositengroßbanken
am 31. M ai 1914.

	Depositen  und  Kreditoren	Barguthaben  und  Wechselbestand	Differenz
Credit Lyonnais		2471,00	1590,00	881,00
Society G6n6rale		1868,00	962,00	906,00
Comptoir National		1631,00	1202,00	429,00
	5970,00	3754,00	2216,00

Würden nach diesen Zahlen alle Depositengläubiger und Kreditoren
zur sofortigen Abhebung schreiten, so könnten diese drei Banken nur
62,9 % ihrer Gläubiger befriedigen und dies auch nur nach und nach
und so lange, als es ihnen offen steht, ihr Wechselportefeuille bei der
Notenbank zu rediskontieren.

Der Krieg erbrachte denn auch den Beweis des wenig haltbaren
Zustandes der* Mehrzahl der französischen Kreditinstitute. Glück-
licherweise kam den Kreditbanken zu Beginn der Kriegskrisis
ein günstiges Moment zugute. Die französische Volkswirtschaft be-
fand sich nicht in einem Zustande höchstangespannter Konjunktur,
vielmehr war seit längerer Zeit ein Stillstand im Wirtschaftsleben und
in den Betrieben, die mit den Kreditbanken eng verankert sind, ein-
getreten. Von neuen Belastungen während der Krisis blieben die Banken
jedoch nicht verschont. Die stark weichenden Kurse mußten gestützt
werden und führten ihnen neue große Posten Effekten zu ihren schon
vorhandenen hohen Beständen zu. Die Banken waren mit flüssigen
Mitteln an und für sich wenig gekräftigt, und als kurz vor Ausbruch
des Krieges die Börse geschlossen und auf ihre Kassen von den Kunden
Sturm gelaufen wurde, Diskontforderungen und Depotentziehungen in
einem gewaltigen Umfange einsetzten, versuchten sie durch Rediskon-
tierung des Wechselportefeuilles bei der Notenbank diesen Forderungen
zu genügen. In einer kurzen Spanne Zeit, in der die Banken den ersten

*) Lachapelle, Georges, a. a. O. S. 190.
        <pb n="142" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

125

Ansturm ihrer Kunden ruhig heranfluten und über sich ergehen ließen,
hatten die Kassen viele Millionen Frcs. Einlagen auszuzahlen. Allein
der „Credit Industriel" zahlte in sechs Tagen, vom 27. Juli an bis zum
x. August, 150 502 000 Frcs. an seine Depositengläubiger und Kredi-
toren zurück1). Auch die anderen Banken berichten, daß ihnen in jenen
kritischen Tagen einige hundert Millionen Franken entzogen wurden, die
sie zum Teil mit den aus Rediskontierungen herrührenden Mitteln zu
effektuieren suchten. Ihre Wechselportefeuilles hatten somit eine be-
trächtliche Abnahme zu verzeichnen, dafür erhöhte sich aber das Porte-
feuille der Notenbank in der gleichen Zeit, vom 27. Juli bis 6. August
um rund 2352 Milk Frcs.* I 2). Diese den Banken zugewendete Hilfe konnte
dennoch keine hinreichende Befriedigung gegenüber allen Anforderungen
gewähren. Die Notenbank mußte aber eine weitere Diskontierung im
Hinblick auf ihre Aufgaben gegenüber dem Staat versagen, und die
Banken stellten damit ihrerseits die Zahlungen ein. Sie wurden hierzu
um so dringender gezwungen, nicht allein durch die berechtigte und
verständliche Zurückhaltung der letzten Kreditquelle des Landes, als
auch durch den Umstand, daß durch den Börsenschluß in Paris und an
allen anderen Plätzen ihnen jede Ausgleichsmöglichkeit und Heranziehung
von Kapitalien durch Effektenverkäufe unterbunden war. Die Coulisse der
Pariser Börse schloß am 27. Juli keine Geschäfte mehr ab, am 3. August
wurde die Börse vollkommen geschlossen. Am Londoner Markt waren
nicht einmal internationale erstklassige Werte zu verkaufen, und die Stock-
Exchange verschloß am 31. Juli ihre Pforten. Mailand und Rom, Zürich
und Amsterdam stellten ihre Notierungen gleichfalls ein. Damit war
von vornherein jeder Weg des Verkaufs guter heimischer und inter-
nationaler Effekten, die man in der Bankpolitik bislang als sofort greif-
bare Reserve anzusehen pflegte, versperrt.

Den Geschäftsleuten, die nach alter Sitte sofort bei Abgabe der
Waren auf ihre Kunden ziehen und die Tratten bei ihren Banken dis-
kontieren, um Lohn- und Gehaltszahlungen, Steuern und andere Ab-
gaben zu leisten, wurden die Wechsel nicht mehr diskontiert. Die Depo-
sitenkunden standen vor versperrten Schaltern.

Gesetzlich wurden die Banken zur Einstellung ihrer legitimen Zah-
lungsverpflichtungen durch die Verordnung vom 9. August 1914 er-
mächtigt, die mit rückwirkender Kraft ab 1. August 1914 ausgestattet
wurde.

Das Moratorium vom 9. August 1914 über die Rückziehung von
Bardepots bei Banken und Kreditinstituten — Bankmoratorium — ist
wohl neben dem Wechselmoratorium die einschneidendste Maßregel im

b Siehe Geschäftsbericht des Credit Industriel, abgedruckt im L’Economiste Franpais

I9i5, S. 6i4/rs. Nach dem Bericht überstiegen die Auszahlungen die Einzahlungen um
68 754 000,00 Frcs., d. h. also 81 748 000,00 Frcs. flössen der Bank aus anderen Quellen
2U, eingegangene Außenstände, Rediskontierung bei der Notenbank usf., so daß sie immer
noch rund 69,00 Milk Frcs. aus eigener Kraft abführen konnte.

2) Rede von Ribot in der Kammer vom 18. Dezember rgi4, siehe L'Economiste
Franpais No. 52, S. 652—653.
        <pb n="143" />
        ﻿I2Ö

Erwin Respondek,

französischen Wirtschaftsleben, die auch das offene Geständnis der
schwachen Lage der Banken darstellt.

Der Erlaß ordnet eine Frist von vollen 30 Tagen ab 1. August 1914
für die Auszahlung von Bardepots und Kreditsalden aus Konto-Korrent-
guthaben an. Im Laufe des genannten Zeitraums hat jeder Gläubiger
jedoch das Recht, sein Guthaben, das unter 250 Frcs. groß ist, voll
abzuheben. Über den Betrag von 250 Frcs. hinaus kann er aber nur
noch 5 % vom Überschuß abheben. Besitzt er also z. B. bei seiner
Bank ein Kreditsaldo von 1250 Frcs., so ist die Bank zur nachstehenden

Auszahlung laut Gesetz verpflichtet:

Ursprünglicher Kreditsaldo..........................-j- 1250,00 Frcs.

Fester Satz der Auszahlung...........250,00 Frcs.

5 °/0 des Überschusses von 1000,00 Frcs. 50,00	„

Gesamtabhebungssumme 300,00 Frcs. — 300,00 ,,
Kreditsaldo ab neuen Datums.........................+	950,00 Frcs.

Unabhängig von dieser Limitierung ist der Bankgläubiger berechtigt,
höhere Rückzahlungen in einigen durch den Erlaß gleichzeitig angeord-
neten Fällen zu erwirken. Übt er z. B. einen landwirtschaftlichen, in-
dustriellen oder kaufmännischen Beruf aus, in dem er ein Arbeiter-
und Angestelltenpersonal beschäftigt, so muß die Bank ihm von seinem
Guthaben an einem jeden Lohntage den Gesamtbetrag der Löhne —
unter Vorlegung der Lohnliste — auszahlen. Alle zur Erwerbung von
Rohstoffen notwendigen Kapitalien unterliegen den Beschränkungen
des Moratoriums gleichfalls nicht. Dem Landwirt sind für seine Einkäufe
an Sämereien, Dünger, Nutz- und Zugvieh usf. keine Limite gezogen.
Der Industrielle kann beliebige Summen zum Ankauf von Rohstoffen
aufwenden. Die Auszahlung seitens der Bank für die Ausnahmefälle
erfolgt jedoch zu Händen des Lieferanten unter Vorlegung der Faktur.
Die Industriellen und Lieferungsunternehmer, die Aufträge für die Be-
dürfnisbefriedigung der Landesverteidigung erhielten, dürfen alle er-
forderlichen Summen in voller Höhe abheben. Das Recht der Ab-
hebung wurde weiterhin ausgedehnt auf alle Depotinhaber, die Gelder
zum Zwecke der Bezahlung von direkten und indirekten Steuern, Ab-
gaben jeder Art an den Staat, die Departements und Gemeinden be-
nötigen. Hier erfolgt die Auszahlung zugunsten jener öffentlichen Ver-
waltungen mittels Scheck an die Order des berechtigten Staats- oder
Gemeindebeamten. Die ergänzende Verordnung vom 29. August ver-
fügt aber, daß alle diese erweiterten Abhebungen in keinem Falle mehr
als 60 % des Kreditsaldos vom 2. August 1914 überschreiten dürfen.
Es ist dies ein Schutz gegen zu hohe Abhebungen. Nur Gelder für die
Zahlung von Leibrenten, Steuern und die für die Heereslieferungen
nötigen Summen sind in voller Höhe — also unbeachtet aller Einschrän-
kungen — auszuzahlen.

Von Monat zu Monat wurde dieses Bankmoratorium prolongiert.
Zu gleicher Zeit sorgte aber die Regierung durch Erweiterung der Aus-
        <pb n="144" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

127

zahlungsgrenzen für einen langsamen Abbau. In systematischer Zusam-
menstellung bietet dieser Abbau das folgende Bild:

Abbau des Bankmoratorxums.

Verordnung 1914	Gültig für den Zeitraum		Festes Kon- tingent  Frcs.	% Zuschlag vom  Überschuß	Höchstbetrag der Gesamt- abhebungen
9. August ....	1. Aug. bis 1. Sept.		250,00 vom Saldo	5%	vom Saldo
29. August ....	1. Sept. ,	1. Okt.	250,00	20 %	6° %
28. September. . .	1. Okt. ,	1. Nov.	250,00	25 %	66% %
27. Oktober . . .	1. Nov. ,	1. Dez.	1000,00	4°%	66%%
27. Oktober . . .	1. Dez. ,	1. Jan.	1000,00	5°%	75%

Im Dezember 1914 gaben die Banken, wie oben erwähnt, die ein-
stimmige Erklärung ab, auf die Vergünstigungen des Moratoriums vom
1. Januar 1915 ab zu verzichten und den Zahlungsdienst in uneinge-
schränkter Weise wieder aufzunehmen.

Das Prinzip — festes Kontingent plus prozentualer Zuschlag vom
Uberschuß — ist auch bei den anderen europäischen Ländern, soweit
sie ein Moratorium für ihre Kreditinstitute erlassen haben, zu beob-
achten. Als Vorbild für diese Art der Begrenzung von Auszahlungen
aus Guthaben bei Banken, dürfte der französischen Regierung die be-
kannte Kriegsklausel, die „clause de sauvegarde“, der Sparkassen ge-
dient haben. Diese „clause de sauvegarde“ ist dem französischen Sparer
in seinem Sparbuche abgedruckt und ihm so schon seit vielen Jahren
zur Kenntnis gegeben. Sie tritt in Kriegs- und Krisenzeiten zugunsten
der Sparkasse in Kraft und bestimmt, daß der Sparer nach einer vier-
zehntägigen Kündigung nur jedesmal 50,00 Eres, ausgezahlt erhält.
Diese Maßregel bewirkt eine leichtere Verteilung der ersten Anstürme
auf einen längeren Zeitraum und kann durch den hierbei erlangten
Zeitgewinn die Angstabhebungen vielleicht auf ein Mindestmaß be-
schränken.

Das feste Kontingent 250 Frcs. plus 5 % des Überschusses für einen
vollen Monat gleicht im Grunde der festen Abhebungsquote 50 Frcs. und
vierzehntägiger Fristauflauf bis zur neuen Abhebung von den Spar-
kassen, so daß mit aller Sicherheit angenommen werden kann, daß die
Regierung bei dem Erlasse des Bankmoratoriums von dem Sparkassen-
piinzip sich leiten ließ. Auf dieses System gestützt, glaubte vielleicht
die französische Regierung einer schädlichen Einwirkung auf die
Banken dadurch entgegenzutreten, daß sie auch für sie eine solche
..clause de sauvegarde“ schuf.

Den Kriegszahlungsmodus der Sparkassen, der seit Jahren bekannt war
und fest stand, plötzlich auf die Banken zu übertragen, heißt aber doch
die Begriffe von Sparkasse und Bank verwechseln. Es heißt weiterhin
die wirtschaftliche Struktur der Sparkassengelder und Bankdepotgelder
        <pb n="145" />
        ﻿128

Erwin Respondek,

verkennen. Die Einlagen des Sparers bei den öffentlichen Sparkassen sind
nur für ihn selbst bestimmt, sind durchaus für ihn zunächst totes Kapital,
das ihm erst einmal in einer späteren Zeit als Hilfsquelle dienen soll.
Die Einlagen der Depositengläubiger dagegen tragen zum großen Teil
einen ganz anderen Charakter. Sie sind für ihn die jederzeit notwendigen
Betriebsmittel seines Unternehmens, die er nur zur sicheren, besseren
und bequemeren Verwaltung seiner Bank übergeben hat. Sie sind
gleichsam für ihn und sein Geschäft das tägliche Brot, das jederzeit
in jeder notwendigen Menge frei sein muß. So ist es klar, daß die
Sperrung der Bankguthaben von der weittragendsten Bedeutung für
das ganze nationale Wirtschaftsleben sein mußte. Handel und Ver-
kehr empfanden diesen scharfen Druck überaus schwer. Was nützen
auch z. B. die besonderen Berücksichtigungen der produzierenden Kreise ?
Diese können gewiß ihren Betrieb im alten Umfange weiterführen,
und dies ist vorteilhaft für die Wirtschaft als Ganzes. Aber die
Produzenten werden die Herstellung von Kleidungsstücken, Maschinen,
Gebrauchsgegenständen aller Art einschränken müssen, denn die Ab-
nehmer können ja auch bei dringendem Gebrauch wenig oder nichts
kaufen, weil die Banken ihnen ihre Guthaben nur beschränkt auszahlen.
Gegen die Lasten des Bankmoratoriums wurde auch bald von den be-
troffenen Kreisen energisch Front gemacht. Alle Demonstrationen
konnten aber an der Tatsache nichts ändern, daß die Banken ihre Aus-
zahlungen zunächst auf die gesetzlich festgesetzten Quoten beschränkten
und hieran festhielten. Man entwarf Pläne zur Abhilfe. Einen bedeut-
samen, wenn auch nicht originellen Vorschlag entwickelte der französische
Nationalökonom Raphael-Georges Levy1). Er empfiehlt eine Art
Überweisungsverkehr für Kunden bei ein und derselben Bank und zwi-
schen Banken untereinander, sobald die Kunden ihre Konten bei ver-
schiedenen Instituten haben. Der Kunde A weist seine Bank an, dem
Kunden B z. B. 1000,00 Frcs. zu überweisen. Die Bank nimmt darauf-
hin eine Umschreibung in ihren Büchern vor und beglaubigt dies dem
Kunden A durch ein übertragbares Zertifikat. Das Zertifikat soll zirku-
lieren, nicht wie Geld, aber wie irgendeine andere Bankanweisung. Hier-
durch würden Handel und Verkehr die Möglichkeit gegeben sein, un-
gestört durch die Beschränkungen des Moratoriums in der Abwicklung
ihrer Geschäfte fortzufahren. Die Regelung des Verkehrs unter verschie-
denen Bankkunden, die ihre Konten nicht bei der gleichen Bank haben,
will Levy durch ein neu zu schaffendes, eigens hierfür bestimmtes „Bank-
geld“ vornehmen. Dieses „Bankgeld“ ist nichts anderes als eine An-
weisung auf die Bank, nach der dem Inhaber des „Bankgeldes“ bei seiner
Bank eine Gutschrift auf seinem Konto gewährleistet wird. Die Banken
rechnen untereinander durch Austausch jener „Bankgeld-Abschnitte“
im Clearing ab.

Diese theoretischen Erörterungen fanden trotz der Wichtigkeit
und des Ernstes des Gegenstandes keine praktische Ausführung. Was

1) Vgl. seinen Aufsatz im „Figaro“, 22. August 1914.
        <pb n="146" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

I29

die Banken bestimmt haben mag, sich einem solchen Buchverkehr
zu verschließen, ist nicht bekannt geworden und auch nicht recht
ersichtlich. Denn zweifellos birgt dieser Zahlungsmodus, den man
nur als einen erweiterten Scheckverkehr bezeichnen kann, und der so
durchaus nichts Originelles ist, den großen Vorteil in sich, daß die
Handeltreibenden über uneingeschränkte Summen verfügen können,
ohne ihre Depots zurückzuziehen. Der Bank kann es wohl im Prinzip
gleichgültig sein, daß die Forderungen an ihren Kunden A kleiner und
dafür die Forderungen an B größer werden, und daß im erweiterten
Verkehr die Bank A einmal Kreditor, dann wieder Debitor der Bank
B wird und umgekehrt. Aber gerade in diesem auf den ersten Blick
verständig und unbeachtlich erscheinenden Austausch der Schuldver-
pflichtungen liegen gewisse Gefahren. So z. B. wird die schwache
Bank A fürchten, daß ihr Kreditor A durch einen Strohmann sein
Guthaben nach einer Bank B durch das „Bankgeld“ überführt, zu der
er ein größeres Vertrauen besitzt und wo er seine Kapitalien sicherer
aufbewahrt glaubt. Wenn andererseits aber die Bank A insolvent wird,
trägt die Bank B den Verlust, da sie im Verrechnungsverkehr keinen
realen Gegenwert für das „Bankgeld“ bei der Bank A findet.

Die Untätigkeit der Banken verstärkte die Forderungen der Bank-
gläubiger nach einer umfangreicheren Erhöhung der Auszahlungsquoten.
Die Regierung konnte aber diesen immer dringender werdenden Wün-
schen nicht ent gegenkommen. Es war nicht angängig, die obligatorischen
Auszahlungen mit einem Male höher zu bemessen, ohne die Banken
der Gefahr auszusetzen, daß sie durch zu große Abhebungen von ihren
Aktiven entblößt würden.

Mit Vorsicht, gleichsam Schritt für Schritt, erhöhte die Regierung
die Kontingente, bis die Banken sich stark genug fühlten, auf den gesetz-
lichen Schutz Verzicht leisten zu können.

Es fehlte in den ersten Monaten neben dem Vorschläge von Levy
nicht an zahlreichen Anregungen, um die allgemeinen, für alle Banken
erlassenen Verordnungen zu verändern. So schlug man unter anderem
eine Individualisierung bei der Bemessung der Auszahlungsquoten vor.
Hiernach sollten die auf einer festen Basis stehenden Kreditinstitute
höhere Quoten auszahlen als diejenigen, deren Güte nicht ganz be-
stimmt und zuverlässig erwiesen sei. Es ist aber klar, daß eine derartige
Spezialisierung der französischen Banken nach ihrer Qualität zunächst
eine Krediterschütterung im Inlande und dann auch im Auslande her-
vorgerufen hätte. Weiterhin würde diese Methode eine eingehende,
längere Prüfung aller Banken durch die Regierung vorausgesetzt haben.
Abgesehen von den vielen technischen Schwierigkeiten eines solchen
Verfahrens, dürfte die Regierung kaum die Verantwortung über ihre
Urteile von gut und schlecht und die hieraus resultierenden Folgen
auf sich nehmen können.

In den Kreisen der Unternehmer und Privaten wurde die Tatsache
des Bankmoratoriums als eine unverzeihliche Beeinträchtigung ihrer

Respondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.	9
        <pb n="147" />
        ﻿130

Erwin Respondek,

Freiheit in Gelddispositionen, als ein Vertrauensbruch der Banken an-
gesehen. Ihre Kritik identifizierte das Bankmoratorium einfach mit
einer absoluten Illiquidität, ohne alle jene inneren und äußeren Fak-
toren, die zur Zahlungseinstellung und -beschränkung zwangen, in Rech-
nung zu stellen. Man vergaß so gern die der Geschäfts- und Privat-
welt zugebiiligten Verlängerungen der Zahlungsfristen aus Wechsel-,
Vorschuß- und Kaufforderungen, besonders, daß die Verlängerung aller
Verbindlichkeiten aus den Reportengagements große Summen von Kapi-
talien, dazu noch eine bevorzugte Kapitalsanlage, die bisher mit am
liquidesten galt, immobilisierte. Daß auch hier alle alten Theorien und
Dogmen der Bankpolitik versagten, kann unmöglich den Banken be-
lastet werden.

Allgemeine Panik unter den Depositen-Gläubigern, die nach Wieder-
gabe ihrer Einlagen und Depots stürmisch drängten, allgemeines Mora-
torium, das den Banken ihre wertvollsten Aktiven unrealisierbar machte
und andererseits ihre Zahlungspflichten beschränkte, eingeschränkte und
später vollkommen aufgehobene Rediskontierungsmöglichkeit bei der
Notenbank, Börsenpanik und Börsenschluß waren nicht die einzigen
Schläge. Noch eine andere Kraft wirkte auf sie ein und erzeugte höchste
Besorgnis und tiefste Bestürzung. Die deutschen Truppen stürmten
eilenden Schrittes in der Linie auf Paris. In den kritischen Tagen
des September flohen eine große Anzahl der führenden Banken nach
Bordeaux. Mit großer Hast wurden bares Geld, Effekten, Wechsel
und andere Dokumente in die ungefährdete Zone gebracht, um die Original-
werte vor einer befürchteten Zerstörung zu schützen. Nur wenige
Banken schlossen sich diesem Auszug nach Bordeaux nicht an. Sie
verblieben in Paris, wie sie angaben, um Beruhigung und Vertrauen in
die Bevölkerung zu tragen.

Es war klar, daß unter all diesen gezeichneten einschlagenden Ge-
setzesbestimmungen, dem allgemeinen Kriegswirrwarr, die Depositenban-
ken annahmen, während der ersten Kriegsraonate ihre natürlichen bank-
mäßigen Aufgaben gegenüber den Kunden vernachlässigen zu können.
Schecks auf das Ausland, auch auf die allerbesten englischen und ameri-
kanischen Häuser waren bei ihnen nicht zu negozieren. Sie Verweigerten
die Auszahlung von Schecks, die in den von den deutschen Truppen
besetzten Gebieten ausgestellt wurden, auch wenn sie von der Aus-
stellung der betreffenden Schecks vorher benachrichtigt waren. Sogar
das Inkasso von Wechseln lehnten sie ab1).

Nach Meldungen des „Temps“2) standen Kunden vor verschlossenen

x) So meldet der „Figaro“ am 26. August 1914 das folgende Vorkommnis: Eine
Kaufmannsfirma, die seit vielen Jahren Kundin einer Großbank ist, reichte derselben ein
Paket Wechsel (25 000 Frcs.) auf die Provinz zum Inkasso ein. Die Bank weist die pro-
visionsweise Einziehung unter dem Hinweis auf das Moratorium zurück. Die Bemerkung
des Kunden, daß das Moratorium fakultativ und nicht obligatorisch sei, und der Schuldner
bei Präsentation des Wechsels somit zahlen wird, sobald er es kann oder will, blieb ohne
Erfolg.

2) Temps, August-Oktober 1914.
        <pb n="148" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

131

Türen, als sie die Ersparnisse, die sie kurz vor Ausbruch des Krieges
ihren Banken anvertraut hatten, abzuheben wünschten. Im Monat Ok-
tober liegt die Mehrzahl der Fälligkeitstermine für die Kouponszahlungen.
Viele französische und ausländische Unternehmen stützen sich auf
die erlassenen Moratorien und zahlen ihre Zinsen nicht. Auch die fran-
zösischen Banken machten zum Teil vom Moratorium der Dividenden-
und Zinszahlungen Gebrauch, ja die Zurückhaltung ihrer Dividenden
war durch Dekret vom 13. September 1914 geboten. Es bestimmte
nämlich: „Diejenigen Gesellschaften, die Dividenden entrichten, ver-
zichten damit eo ipso auf die ihnen im Moratorium bewilligten Erleichte-
rungen“.

So war es verständlich, daß der Credit Lyonnais, das älteste und
angesehenste Bankinstitut, erklärte, und zwar im Monat August, auf
Anordnung der französischen Regierung seine Restdividende von 12,5
Mül. Eres, für das Jahr 1913 nicht zahlen zu können. Hierin wurde
von vielen Seiten das erste, untrügliche Zeichen des vollkommenen Zu-
sammenbruchs des französischen Depositenbanksystems gesehen. Der
Triumph war verfrüht, denn die von der Bank eingenommene Haltung
war gesetzlich durchaus geboten. Auch wenn hier keine Verordnung
über die Nichtzahlung der Dividenden Vorlage, wären die Kreditbanken
gegenüber ihren Depositen-Gläubigern geradezu verpflichtet gewesen,
ihre Dividenden zurückzuhalten. Halten die Banken den Depositen-
Gläubigern ihre Einlagen vor, dann dürfen sie naturgemäß um so weniger
ihre Gewinne den Aktionären auszahlen. Dies würde eine ungerecht-
fertigte Bevorzugung der Aktionäre vor den Deponenten sein.

Zahlten die Banken auch ihre eigenen Dividenden nicht, so hatten
sie aber, gemäß ihres Charakters als Bank, der Kundschaft ihre
Dienste für die Kouponseinlösungen der Staatsanleihen, Aktien
usw. zur Verfügung zu stellen. Zwar hielten nur eine kleine Anzahl
der ausländischen Staaten, so die Spanier, Italiener, Schweizer,
Holländer, sowie der französische Staat und die großen Eisenbahnen ihren
Zinsendienst aufrecht, aber die Kreditbanken trafen keinerlei Vorbe-
reitungen für die Einlösung der von den fremden Ländern und zum Teil
heimischen Gesellschaften bercitgestellten Zinsen. Diese Vernach-
lässigung eines für den französischen Rentner so wichtigen Dienstes
verstieß im schärfsten Maße gegen das öffentliche Interesse und löste
bald heftige Anklagen aus. Erst unter dem Drucke der öffentlichen
Kritik nahmen die Banken den Koupons-Einlösungsdienst wieder auf,
hielten jedoch dafür die Auszahlung zurück. Die Pariser Kaufleute
gaben ihren Bankverbindungen Koupons, die von den Banken bei den
Anleiheschuldnern auch eingelöst wurden. Dagegen bewirkten sie die
Auszahlung des Gegenwertes an ihre Kunden nicht, sondern suchten
die Zahlung hinauszuschieben. Diese unrechtmäßige Vorenthaltung der
Auszahlung erregte natürlich in den Geschäftskreisen wiederum große
Erbitterung. So fiel es schwer, den an sich schon durch das Versagen
der Banken gespannten Verkehr wieder in eine regelrechte, sichere und

9*
        <pb n="149" />
        ﻿132

Erwin Respondek,

vertrauensvollere Bahn zu bringen. Für den glatten Fortgang des Ge-
schäftes war dies sehr hinderlich. Das Moratorium schützt die Banken
vor zu hohen Geldentziehungen, dennoch hielten sie sich von der Ge-
währung neuer Kredite fast vollkommen zurück. Die Wirtschaftenden,
vor allem die solide Industrie, empfanden auch dies besonders schwer,
weil es ihnen unmöglich wurde, mit eigenen Mitteln den Betrieb im
erwünschten, verstärkten Maße wieder aufnehraen zu können.

In dieser passiven Haltung verharrten die Banken längere Zeit
zum Nachteil der mit ihnen arbeitenden Kunden und damit auch zum
eigenen Schaden. Ihre Kreditwürdigkeit hat hierdurch sehr gelitten.
Nichts beweist das besser, als die Notwendigkeit, sich gegen die ver-
schiedensten Anschuldigungen und Vorwürfe zu verteidigen, ihre Lage
und Politik zu rechtfertigen. In den Jahresberichten für 1914 sind
denn auch vornehmlich Loblieder auf ihre Arbeit zu finden. So versichern
sie, daß es den kleinen und mittleren Kunden keineswegs an hinreichendem
Diskontkredit mangeln konnte, da sie ihnen, freilich soweit es mit den
Erfordernissen einer flüssigen Kasse in Einklang zu bringen war, bereit-
willigst ihre Hilfe zur Verfügung stellten. Sie beteuern auch zum Teil
ihre Unschuld an dem Darniederliegen des Wirtschaftslebens, das allein
durch das allgemeine Moratorium nicht wieder aufleben könnte. Sie
seien unschuldig. Aber in ihren Berichten sind bisweilen direkte Wider-
sprüche zu entdecken. Im Widerspruch mit ihren Unschuldsbeteuerungen
sind z. B. die Mitteilungen des Comptoir National im Geschäftsbericht
für das Jahr 1914. Hier sagt die Bankleitung wörtlich: „Um voll-
kommen zu den normalen Arbeitsmethoden zurückzukehren, haben
wir natürlich warten müssen, bis der Finanzminister in seinem Expose
im Dezember 1914 anerkannte, daß die Bank von Frankreich sich bereit
erklärt, zu den gleichen Bedingungen zu rediskontieren wie vor dem
Kriege“, und weiterhin; „Sobald diese Versicherung gegeben wurde,
haben wir bezüglich der Depots auf jegliche Einschränkung verzichtet1)“.

Diese Stellungnahme der einen Bank ist sehr bezeichnend. Sie ist
auch verständlich, beweist aber zugleich, daß die Banken aus sich heraus,
aus eigener Initiative auf eine Verbesserung ihrer Lage nicht hinwirken
konnten und wollten. Insoweit können sie sich vor den Anfeindungen
ihrer Depositen-Gläubiger nicht bewahren und deren Rechtmäßigkeit
nicht erschüttern.

Die Stellung der Kreditbanken in der französischen Volkswirtschaft,
ihr geschildertes eigenartiges Verhalten im Kriege gegen Handel und
Industrie, das im wesentlichen auf eigene Vorteile bedacht und der Arbeit
der Unternehmenden nur hinderlich ist, hat auch der Finanzminister
R i b 01 in seiner Kammerrede vom 12. Dezember 1914 gegeißelt.
Er wies in vorsichtiger Weise auf ihre Lage hin und die Fehler, die von
ihnen vor dem Kriege gemacht wurden und zu den heutigen Schwierig-
keiten geführt haben. Er stellte die in der Bankwelt große Erregung und
Aufsehen erregenden Thesen auf, daß erstens die Banken die Gelder ihrer

9 L'Economiste Franjais i. Mai 1915, No. 18, S. 573.
        <pb n="150" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

133

Kunden nicht liquid genug angelegt hätten, zweitens die Regierang
daher in Zukunft ihre Anlagen besser überwachen und bei der Zulassung
von Werten zur Börse vorsichtiger werden müsse, und endlich die Bank-
bilanzen künftig eingehend geprüft würden.

In dieser kurzen Zusammenfassung wird mit scharfen Zügen ein
ebenso wichtiges wie schwieriges Arbeitsproblem für den kommenden
Frieden von amtlicher Seite angekündigt. Hiernach dürfte also nach
Beendigung des Krieges als erste Vorsichtsmaßregel, um neue Fehler zu ver-
meiden, eine staatlich geleitete Bankpolitik verfolgt werden, die einen Zwang
auf die Depositenbanken ausübt, vor allem hinreichende Barbestände
zu halten, nicht übertriebene Immobilisationen zu machen und ihren
Liquiditätsgrad durch eine klare Bilanz besser zutage treten zu lassen.
Unzweifelhaft würde viel erreicht, wenn die Banken die ihnen vom Finanz-
minister vorgezeichneten neuen Richtungen einschlagen wollten. Schon
sehr erfreulich wäre es aber, wenigstens frühzeitig von den Banken klare,
ausführlicher als bisher spezialisierte Bilanzen zu erhalten. Die ersten
Kreditbanken zeichnen sich durch verdunkelte Bilanzaufstellungen,
ungenügende Postengliederangen geradezu aus. So führt z. B.
der Credit Lyonnais in seinen Bilanzen 7 Posten auf der Aktivseite
und 10 auf der Passivseite. Dagegen führen die Berliner Banken in ihren
Bilanzaufstellungen bis zu 20 und mehr Reihen alLin auf einer Seite.

Natürlich wehrte sich die Bankwelt sofort mit aller erschwinglichen
Beredsamkeit gegen die vom Finanzminister angekündigten staatlichen
Änderungsabsichten. Man verspricht sich von der staatlichen Auf-
sicht keinen Nutzen, aber desto mehr Schaden. Denn die Beschränkung
der ökonomischen, produktiven Kräfte wäre unausbleiblich, und damit
die Entfaltung des Landes zu einer Zeit, in der es gilt, die schweren
Wunden des Krieges zu heilen, in Frage gestellt: „Es ist das Regime
der Freiheit, das die Möglichkeit gab, dem Handel die Erleichterungen
im Diskont und Kredit zu verschaffen, ohne die er nicht mehr leben
könnte"1), führt der Comptoir National aus und will damit zum Aus-
druck bringen, daß die Bankwelt schematische, straffe Eingriffe niemals
dulden würde.

Wenn ein mit den französischen Geld- und Kreditverhältnissen
so vertrauter Mann, wie es der Finanzminister doch sein muß, über die
Banken ein derartiges Urteil spricht, hieraus die natürlichen Konsequen-
zen zieht und die angekündigten Reformen für notwendig hält, so wird
man ihm Glauben schenken dürfen und auf seine Kraft, das aufgestellte
Programm zu realisieren, sicherlich rechnen können. So werden wohl
alle Widersprüche der französischen Bankleiter erfolglos bleiben.

Dennoch wäre es ein Fehler und nicht zum geringsten eine Un-
gerechtigkeit, die vielseitigen Vorwürfe, Verwünschungen und Ver-
urteilungen, die man in der gezeichneten Richtung vielleicht nur ge-
wissen Instituten in ihrem vollen Umfang machen kann, auf das ge-
samte französische Bankwesen zu übertragen. Gibt doch der Finanz-

!) Comp. Nat. Geschäftsbericht L’Economiste Franfais 1915, S. 574.
        <pb n="151" />
        ﻿134

Erwin Respondek,

minister selbst zu, daß die Regierung auch Fehler gemacht hat, daß
sie die Beaufsichtigung des Kreditwesens vernachlässigte, ihre Ge-
setzes-Macht nicht in der richtigen Art ausgeübt und zur Geltung
gebracht hat. Eines ist ohne weiteres klar. Hätten die Banken nur als
Zeichnungsstelle und nicht als Emissionshaus gewirkt, sich nur mit der
Eskomptierung erstklassiger Kommerzwechsel befaßt, Vorschüsse auf erst-
klassige französische Wertpapiere gewährt und wären sie nur spärlich Re-
portengagements eingegangen, so würden die durch das Dekret vom 9.
August 1914 für sie getroffenen Schutzmaßnahmen nicht nötig gewesen sein.
Die Banken können, wie schon früher ausgeführt, nicht gut allein
als die Schuldigen hingestellt werden. Vielmehr liegen hier Wechsel-
wirkungen zwischen Bank und Staat und Gesamtwirtschaft vor, die
neben allen Vorteilen aus dem gegenseitigen ergänzenden Verkehr und
Zusammenwirken auch — in Zeiten der Krisis — ihre Schattenseiten
und Schäden naturnotwendig in sich bergen und vor allem in der schärf-
sten Krisis, dem Weltkriege, in krassen Formen zum Vorschein treten
müssen.

Die Erklärung der französischen Bankwelt, vom 1. Januar 1915
ab auf die Wohltaten des Moratoriums Verzicht zu leisten, konnte als
der ernste und entschlossene Wille gedeutet werden, an der Überwindung
der wirtschaftlichen Hemmnisse und an der nationalen Arbeit tätigen
Anteil zu nehmen. In dem ersten Chaos der Kriegswirrnisse haben die
Banken, wie ausführlich dargelegt wurde, zweifellos versagt und durch
ihr eigenartiges, passives Verhalten gegen alles was Arbeit hieß, hat
die französische Handelswelt Veranlassung zu bitteren, gerechtfertigten
Klagen gehabt. Diese Schwächen suchten die Banken nach Verlauf
der ersten Stagnation durch das eifrige Bestreben, sich zu stärken, um
mit neuen Mitteln umsichtig und wirksam in das Wirtschaftsgetriebe
einzutreten, wieder auszugleichen.

Sie waren bemüht, dem Schatzamte bei der Beschaffung der
Mittel behilflich zu sein, ihm ihr weites Kundenfeld zuzuführen. Hier-
durch wollten sie gewiß der Sache selbst dienen, daneben aber auch
wohl die schlechten Eindrücke, die die französische Regierung von
ihnen gewonnen hat, wieder austilgen. Als die Regierung ihre
„National-Verteidigungs-Wechsel“ ausgab, stellten die Banken sich
bereitwilligst in den Dienst des Staates, um den Absatz zu fördern.
Sie entfalteten in den Kreisen ihrer Kundschaft eine große Propa-
ganda und erzielten auch nach ihren Mitteilungen günstige Erfolge.
Die Schatzwechsel-Käufer erhielten eine höhere Quote zur Zeichnung
der „Ribotins“ ausgezahlt, und die Banken übernahmen die Mühen
der Verwaltung und Erneuerung. Bei der Emission der „National-Ver-
teidigungs-Obligationen“ wurde jedoch die Tätigkeit der Banken aus-
geschaltet. Es ist nicht zu ermitteln, ob die Regierung auf ihre Dienste
Verzicht leistete, oder die Banken selbst die Mitarbeit versagten. In
jedem Palle, gleichgültig welches die Ursache sein mag, ist es zu be-
dauern, daß in der so wichtigen Frage der finanziellen Kriegführung
        <pb n="152" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

135

die Kreditbanken und das Schatzamt sich zur Zusammenarbeit
nicht ergänzt haben. Dagegen haben sie ihre Kräfte zur Zeichnung
und Unterbringung der 5 % ewigen Rente voll entfaltet und durch ihre
weitverzweigten Filialen und Kassen unter die Kundschaft eine rührige
Propaganda getragen. Sie konnten auch große Erfolge aufweisen, wie
später noch näher ausgeführt wird.

Die schwere Kriegszeit, die militärischen und wirtschaftlichen Er-
eignisse wiesen ihnen die neue Arbeitsrichtung in der Volkswirtschaft
von selbst zu.

Die Banken haben im Verlauf der späteren Kriegsmonate ihre An-
strengungen zunächst dahin zu lenken gesucht, das alte Vertrauen ihrer
Kunden, mit denen sie im Kreditverkehr stehen, wiederzugewinnen.
Bei der Gewährung neuer Kredite sahen sie es aber als ihre erste Pflicht
an, nach der Kreditwürdigkeit des Darlehnsempfängers zu fragen, um
so eine einwandfreie Garantie für die Rückzahlung der Kapitalien
zu haben. Es ist daher verständlich, daß die Bilanzen der Depositen-
Banken geringe Wechselbestände ausweisen werden und nur einen
kleinen Prozentsatz von kaufmännischen Wechseln in ihren Portefeuilles
bergen dürften. Aber nicht allein die größere Zurückhaltung von ihrer
Seite löst eine geringere Inanspruchnahme aus. Auch die private Ge-
schäftswelt selbst zieht es seit Erlaß des Wechselmoratoriums vor, ihre
Zahlungsverbindlichkeiten fast ausschließlich gegen sofortige Kasse
zu erfüllen und kein Ziel mehr zu gewähren. Dies beweisen die Bilanz-
ziffern, obwohl das Bild ein wenig getrübt ist, da fast alle Banken die
mit ihren frei verfügbaren Mitteln angekauften kurzfristigen National-
Verteidigungswechsel in den gemeinsamen Posten „Wechselbestand“
hineinbringen. Nach den Jahresbilanzen der drei ersten Bankinstitute
zeigt der Wechselbestand für die Jahre 1914 und 1915 im Vergleich
zu 1912 und 1913 die nachstehende Bewegung (in Mül. Frcs.):

Wechselbestand in den letzten 4 Jahren.

Bankinstitut		31. Dezember		
	1912	1913	191+	1915
Credit Lyonnais	  Societe Generale	  Comptoir National		i4ir,oo  865,00  947,00	I5l8,00  890,00  1004,00	654,00  278,00  355,00	992,00  263,00  636,00
	3223,00	3412,00	1287,00	i8gr,oo

Erst aus der Gegenüberstellung der unter den Einwirkungen des
Krieges stehenden Jahre zu den beiden vorangegangenen Friedens-
jahren wird ersichtlich, wie scharf doch die schwere Kriegskrisis auf einen
der bevorzugten Geschäftszweige gewirkt hat. Im Jahre 1914 haben die
5 Kriegsmonate eine Verminderung des Wechselvorrats von 2125 Milk Frcs.
gegenüber dem Jahre 1913 gebracht. Aber alle Kreditbanken wurden
stark mitgenommen, nicht nur die drei besonders hervorgehobenen,
        <pb n="153" />
        ﻿136

Erwin Respondek,

von denen die Societe Generale die schwächste Position aufweist. Die
Erschöpfung dieser letzten Bank geht auch aus dem gesunkenen Wechsel-
bestande des Jahres 1915 hervor, in dem die beiden anderen Banken
eine Steigerung zu verzeichnen haben, die zum überwk genden Teil auf
den Ankauf von Nat. Verteidigungs-Wechseln zurückzuführen ist. Der
Ankauf jener Schatzwechsel, der durchgehends von den gekräftigten
Banken vorgenommen wird, steht im guten Einklang mit den Forde-
rungen der erhöhten Liquidität und ist in der krisenreichen Kriegszeit
eines der sichersten Geschäfte. Ja, die durch den Krieg bewirkte Still-
legung großer Teile der von den Banken bisher betriebenen Transaktionen,
so die Emission von Anleihen und Aktien, Wechselpensionsgeschäfte,
Akzeptgeschäfte, Lombard, Report und andere Anlagemöglichkeiten hat
den Lauf des noch vorhandenen Kapitalstromes zu den Schatzwechseln
von selbst hingedrängt. Daher rührt auch die Erhöhung der Wechsel-
portefeuilles trotz passiver Haltung der Handels- und Industrieunter-
nehmen, bzw. der Zurückhaltung auf Seiten der Kreditbanken. Im be-
dingten Zusammenhänge mit den Wechseldiskontierungen stehen auch
die Bestände an baren Geldmitteln und Bankguthaben. Beide zählen zu
den flüssigsten Mitteln der Banken und können nicht Voneinander ge-
schieden betrachtet werden. Für die gleichen Termine und Bankin-
stitute sind die Ziffern für den Bar- und Bankguthabenbestand wie
folgt (in Mill. Eres.):

Bar- und Bankguthaben in den letzten 4 Jahren.

Bankinstitut	1912	1913	1914	1915
Credit Lyonnais	  Soci6t6 Generale	  Comptoir National		193,°°  159,0°  125,00	174,00  *73,0°  124,00	721,00  102,00  386,00	589,00  120,00  289,00
	477,00	471,00	1209,00	998,00

Auf die bemerkenswerte Stärkung der Kassenbestände 1914,
die auf weit mehr als den doppelten Betrag der vorangegangenen
Friedensjahre gebracht wurden, folgte dann nach der allgemeinen Be-
ruhigung unter den Kunden eine immerhin beträchtliche Verkleinerung.
Die Differenz wird wohl zum großen Teil zur Anlage in kurzfristigen
Schatzwechseln der französischen Regierung verwandt worden sein.
Während des laufenden Jahres 1916 scheinen die Banken in diesem
Streben stetig vorwärts zu schreiten. So zeigt das Comptoir National am:

31. Januar 1916 einen Wechselbestand von 719,00 Mill. Pros.

29. Februar 1916	„	„	„	758,00	„	„

3r. März 1916	„	„	„	784,00	„	„

31. August 1916	„	„	„	850,00	„	„

und auch der Bestand des Credit Lyonnais weist eine steigende Rich-
tung auf;
        <pb n="154" />
        ﻿Frankreichs Bank- und, Finanzwirtschaft.

137

31. Dezember 1915...................992,00	Milk	Frcs.

31. Januar	1916...................1019,00	„	„

29. Februar	1916...................1022,00	„	„

31. August	1916...................1x59,00	„	„

Gleichzeitig ist diese Bewegung auch von einer Erhöhung der Bar-
bestände begleitet, die z. B. beim Credit Lyonnais in den ersten zwei Monaten
des Jahres 1916 rund 87,00 Mill. Frcs. ausmachte. Diese Zunahme
der Kassenbestände hält sich bei den anderen Banken zwar in
mäßigen Grenzen, ist aber doch vielfach zu beobachten. Sie dürfte
auf die Zunahme der Depositengelder-Einlagen in erster Linie zurück-
zuführen sein, dann aber auch möglicherweise eine Folge der Einschrän-
kung und des Abbaus der anderen aktiven Geschäfte darstellen. In der
Lombardgewährung, gegen Effektensicherung, wird strengste Zurück-
haltung geübt, Vorschüsse zur Effektenspekulation sind infolge des Bör-
senschlusses und des Kassahandels seit der Wiedereröffnung fortge-
fallen. Mit der Unmöglichkeit des Verkaufs von Effekten und der Reali-
sierung der Reportengagements war bei diesen Aktiva-Posten zwar
eine gewisse Verkalkung eingetreten, die aber bald gelöst werden
sollte. Die Mobilisierung der hier festgelegten Gelder setzte im Verlauf
des Jahres 1915 in fast unmerklicher Weise ein, als nämlich die Pariser
Börse sich stark genug wähnte, den freien Verkehr im beschränkten
Umfange wieder aufzunehmen und das Börsenmoratorium vom Ultimo
Juli 1914 mit Unterstützung der Notenbank aufzulösen. Der Abbau der
durch dieses Moratorium gebundenen Kapitalien erfolgte unter Förde-
rung der Banken langsam, auch nicht restlos. Einen solchen syste-
matischen Abbau haben vornehmlich die größeren Banken betrieben,
und für den Grad der Schnelligkeit sind einige Ziffern, die aus den
Bilanzaufstellungen des Comptoir National hervorgehen, bezeichnend.
Am 31. Dezember 1914 wies es noch einen Bestand von 50,00 Mill. Frcs.
auf und Ultimo 1915 nur noch von 21,00 Mill. Frcs.

Auf Debitoren-Konto ist nach den ausgewiesenen Summen durch-
gehends ein scharfer Rückgang zu verzeichnen. Über diesen Posten,
der vielfach auch den führenden französischen Kreditbanken als das
bekannte Sammelsurium dient, können aus den Bilanzziffern keine
sicheren Schlüsse gezogen werden. Möglich, daß die Banken den Debet-
zins so hoch aufsetzten und hielten, daß die Kunden es vorzogen, für
schnelle Ablösung Sorge zu tragen. Weiterhin können die Buchkredite,
die über Debitoren laufen, z. T. auf anderen Konten eine ausgleichende
Verbuchung erfahren haben. Viel wahrscheinlicher ist die Vermutung,
daß die Mehrzahl der Debitoren aus eigener Kraft und freiwillig
ihre Schulden tilgten, weil sie durch die Kriegskonjunktur, die
sich durch raschen Umsatz, bare Zahlung und hohen Verdienst aus-
zcichnet, zu neuen Geldern gelangt sind. In dem Maße nun, wie die
Debitoren abnahmen, können die Kreditoren auf der Passivseite ge-
wonnen haben, wie es auch die Bilanzen einer Reihe von Banken tat-
sächlich anzeigen. Gewiß nur eine Vermutung, denn das wechselvolle
        <pb n="155" />
        ﻿13»

Erwin Respondek,

Anwachsen und Sinken der Kreditoren kann auch auf andere Ursachen
zurückgeführt werden. So z. B. Errichtung von neuen Konten der
durch Kriegslieferungen am Güterkreislauf stärker Beteiligten oder neu
Eingetretenen, Rückkehr des Vertrauens und damit Wiederaufnahme
der Geschäftsbeziehungen u. ä. m., andererseits Auflösung der Konto-
Korrent-Verbindung wegen mangelnden Vertrauens zur Bank oder
Schließung des Geschäfts usw. Mit Bestimmtheit lassen sich daher
die einzelnen Verschiebungen innerhalb dieser beiden Posten aus
den bloßen Zahlen nicht herauslesen. Die Kreditbanken selbst
schweigen in ihren Jahresberichten sehr geflissentlich. Die gleichen
Schwankungen nach unten und oben wie die Kreditoren zeigen
auch die fremden Gelder, die für die geschäftliche Struktur der Banken
im Kriege von ebenso hohem, vielleicht noch größerem Einflüsse sind
als im Frieden. Es war klar, daß nach den ersten sturmvollen Tagen,
die eine starke Senkung der Depositeneinlagen mit sich brachten, nicht so-
fort eine ebenso stürmische Bewegung in entgegengesetzter Richtung
eintreten würde. Eine Reihe von Banken, so wiederum die Societe
Generale, haben sich von ihren Verlusten an Depositen-Geldern nicht
wieder erholen können. Für die Societe Generale waren die Bestände
am Jahresende 1913: 673,00 Mill. Frcs., 1914; 457,00 Mill. Frcs., 1915:
417,00 Mill. Frcs.

Andere dagegen können mit relativ höheren Ziffern auf warten.
Das Comptoir National hat hier während des Jahres 1915 und auch
seit Anfang 1916 eine stete Zunahme zu verzeichnen. Am 31. Dezember
1912 waren die fremden Gelder bei ihm 645,00 Mill. Frcs., am 31. Dezem-
ber 1913: 695,00 Mill. Frcs., am 31. Dezember 1914: 482,00 Mill. Frcs.,
am 31. Dezember 1915: 574,00 Mill. Frcs., am 31. März 1916 schon
644,00 Mill. Frcs.

Eine ähnliche Steigerung können auch einige andere Depositen-
banken aufweisen. Diese einseitige Bevorzugung bestimmter weniger
Banken hat ihre Ursache ausschließlich im Vertrauensmoment, das von
den Sparern und kleinen Kapitalisten zur Zahlungsfähigkeit und zum Zah-
lungswillen der Banken in Abhängigkeit gebracht wird. Die Depositen-
Gläubiger werden auch in der Befristung ihrer Einlagen den Grad ihrer
Vertrauensseligkeit in Gestalt gestaffelter Rückzahlungsquoten zum
Ausdruck bringen. Obwohl die französischen Kreditbanken ihre Depositen-
gelder nicht nach dem z. B. in Deutschland üblichen Bilanzschema
gliedern: Kreditoren (provisionsfrei) innerhalb 7 Tagen fällig, darüber
bis 3 Monate fällig, nach 3 Monaten fällig, vielmehr nur: Scheckkonto
und Depots mit festem Verfall, so ist doch schon aus dieser Zweiteilung er-
sichtlich, wie erheblich sich die Lage der kurzfristigen Gelder auf Rech-
nung der für längere Perioden gebundenen Gelder verschoben hat. Es
lassen sich hieraus Schlüsse auf den Charakter der fremden Gelder ziehen.
Sie sollen einesteils als sofort greifbare Reserven dienen, sobald irgend-
welche Krisen sich bemerkbar machen würden, andererseits für eine
bewegliche Kapitalsanlage stets bereit liegen, d. h. frei verfügbar sein,
        <pb n="156" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

139

um dorthin gelegt zu werden, wo sie unter der jetzt geltenden Sicher-
heit einen möglichst hohen Ertrag abwerfen. Sie werden daher vor-
nehmlich zum Ankauf der 3- oder höchstens 6-raonatlichen Nat.-Vert.-
Wechsel verwandt. In welchem Umfange dieser Austausch der Gelder
von Depositencharakter in Wechselanlage und umgekehrt stattfindet,
kann nicht erfaßt werden, da hierfür alle erforderlichen Angaben fehlen.
Desgleichen ist es nicht möglich, den Abgang der Depositengelder
bei den Einzahlungen auf die erste Kriegsanleihe zahlenmäßig darzu-
stellen, da die Banken hierüber Schweigen beobachtet haben. Sie würden
jedenfalls interessante Aufschlüsse in den Fragen der Zusammensetzung
der fremden Gelder und den von der Bankkundschaft tatsächlich be-
wirkten Zeichnungen auf die kurz- oder langfristigen Anleihetitel zu
geben vermögen. Aus der Zweckbestimmung der Depositengelder, wie
sie sich in den Köpfen der Einleger jeweilig herausbilden mag, aus ihrer
von den täglichen, bedeutungsvollen Kriegsereignissen entscheidend be-
einflußten Stellungnahme zur wirtschaftlichen Arbeit, aus der mili-
tärischen Entwicklung und eigenen Position werden die Kreditinstitute
ihrerseits ihre Geschäfts- und Anlagcpolitik ableiten müssen. Sie stehen
beim Nahen neuer Krisen immer vor den beiden Möglichkeiten: ent-
weder Massenabhebungen oder neues Moratorium.

Diese veränderte Position auf der Passivseite zwingt sie zu einer
vorsichtigen, allen Komplikationen gewachsenen Anlagepolitik auf der
Aktivseite. Sie treiben so während der Kriegszeit in weiser Vorsicht
eine doppelte Politik. Höchst erreichbare Liquidität und Stärkung ihres
eigenen Status, dagegen, beeinflußt hierdurch und durch andere Kriegsnot-
wendigkeiten, gegenüber ihren Kunden eine zurückgezogene, für sie unge-
fährliche, doch genügende Kreditgewährung. Bezeichnend für den ersten
Kreis ihrer neuen Kriegspolitik sind die bereits ausführlicher geschilderten
Bestrebungen, ihre Kassenbestände und Bankguthaben bei sich und der
Zentralbank zu stärken, und der Ankauf von Schatzwechseln, die mit den
anderen Wechseln, soweit sie nicht durch das Moratorium für die gesetz-
lich vorgeschriebenen Zeiten immobilisiert sind, gleichfalls zu den flüs-
sigen Mitteln erster Ordnung zählen. Sie können nämlich bei der Noten-
bank jederzeit rediskontiert werden. Wobei zu beachten bleibt, daß
„jederzeit" relativ, also abhängig von der Menge ist. Es zählt weiterhin mit
zur Erhöhung ihrer Zahlungsbereitschaft und Solidität, wenn auf die Liqui-
dierung der alten Report- und Lombardengagements gedrängt wird und
die neuen Darlehnskredite lediglich auf die Basis guter französischer
Werte, insbesondere der neuen 10 jährigen Nat.-Vert.-Obligationen und
der ersten Kriegsanleihe gestellt werden. Parallel mit den Bemühungen,
die Aktiven auf eine beweglichere Linie zu bringen, ihre Rückwandlung
in bare Münze ohne Schwierigkeiten, große Zeit- und Wertverluste zu
erreichen, gehen die Banken in ihrem Verhalten gegenüber den Kunden
vor allem darauf aus, übermäßige Kreditwünsche zu beschränken. Sie
haben in engen Grenzen die Diskontierung von Handelswechseln im Laufe
der letzten Monate wieder aufgenommen, Darlehen und Buchkredite
        <pb n="157" />
        ﻿140

Erwin Respondek,

gegen absolut sichere Effektenunterpfänder gewährt, in allem jedoch
Mäßigung als oberstes Leitprinzip walten lassen. Nach den Angaben
in ihren Geschäftsberichten zielten sie dahin, die Deponenten zum An-
kauf der Kriegsanleihen zu bewegen. Hier bot sich ihnen ein Feld, auf
dem sie den anlagesuchenden Kunden zuverlässige und uneigennützige
Berater und Führer sein können. Es ist selbstverständlich, daß sie gegen-
wärtig als die einzig empfehlenswerte Kapitalsanlage nur die Nat.-Vert.-
Wechsel sowie die 5 % Rente propagieren.

So führt der Credit Lyonnais an, daß seine Kunden rund 83,00 Milk
Frcs. 5 % ewige Rente gezeichnet haben, die einem nominellen Kapital
von 1655,00 Milk Frcs. entsprechen. Bei der Unterbringung der Nat.-
Vert.-Wechsel und -Obligationen habe er tätigen Anteil genommen und
seit den Emissionstagen seien von seiner Kundschaft bis zum 15. De-
zember 1915 über 3800,00 Milk Frcs. gekauft worden. Das Comptoir
National meldet, daß bei ihm 140 000 Zeichner an seinen Schaltern
für 725,00 Milk Frcs. nominelles Kapital 5 % Rente nachgefragt haben.
Die Banken übten demnach hier lediglich eine vermittelnde Tätigkeit aus,
ohne sich selbst zu engagieren. Aus der Behandlung der einzelnen Geschäfts-
zweige kann die Ansicht gewonnen werden, daß es den Banken weniger
auf die Rentabilität ihrer Arbeit während der schweren Kriegszeit als
auf die sichere Fundierung ihrer Gesamtlage und Vermeidung irgend-
welcher neuer Erschütterungen ankommt. Konsolidierung scheint jetzt
bei ihnen die Parole zu sein.

Eine so tiefgreifende Änderung in der Geschäftspolitik konnte
nicht vor sich gehen, ohne merkliche Spuren an den Gewinnziffern zu
hinterlassen. Die Zinseinnahmen haben keine großen Summen erreicht,
denn der Mehrgewinn, der auf der aktiven Seite durch das erhöhte Landes-
zinsniveau zu erzielen ist, bewegt sich in engen Grenzen und wird dazu
noch von den auf der passiven Seite zu leistenden höheren Depositen-
zinsen verkleinert. Aus den hohen Kassenbeständen folgen nur Zins-
opfer. Provisionseinnahmen sind geringer geworden, da mit dem Börsen-
schluß und dem späteren kleinen Verkehr die ergiebigen Gewinnquellen
aus dem Effekten-Kommissionsgeschäft zum Versiegen gebracht sind.
Der Verkehr auf dem provisionspflichtigen Konto-Korrentkonto ist trotz
der flotten Kriegskonjunktur nicht so rege, daß er diesen Ausfall auszu-
gleichen imstande wäre. Neben dem Fortfall der Kommissionsgebühren
beeinflussen das Fehlen der Kursgewinne aus Effektenspekulationen,
sowie die Unmöglichkeit, zwischen den befreundeten oder neutralen
Börsen im größeren Stile zu arbitrieren, das Gewinnergebnis recht er-
heblich. Aber besonders eine Gewinnquelle, die mit Ausbruch des Krieges
zum vollständigen Versiegen gelangte, dürfte von den Kreditbanken,
— wie von den Credit Mobilier-Banken — am empfindlichsten vermißt
werden. Dies sind die in so reichlichen Mengen und auf so leichte und
schnelle Art gewonnenen Kommissionen und Kursdifferenzen aus den
ausländischen Anleihe- und Aktienemissionen. Aus diesem intensiv
gepflegten Geschäftszweig holten die Banken ihre höchsten Gewinn-
        <pb n="158" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

141

quoten heraus. Jetzt sind sie ausgeschlossen. Und die als Ersatz die-
nenden inneren Anleihen, die französischen Staatsobligationen, bieten
keinen auch nur annähernden Ausgleich, da der prozentmäßige Sonder-
vorteil sehr gering im Vergleich zu den alten, namentlich an russischen
Anleihe-Emissionen erzielten Differenzen ist. Neue, aus der Kriegslage
resultierende Quellen haben sich ihnen bisher nicht erschlossen. Es sei
denn, daß die Banken durch den Valutahandel die hier vorhandenen
hohen Spannungen gewinnbringend ausnützen.

Für das Endergebnis des Bruttogewinnes, das nach diesen Dar-
legungen für die Gesamtheit der Banken in keiner Weise befriedigend
sein kann, tritt zur Feststellung und zum ziffernmäßigen Nachweis des
Reingewinns noch ein Moment erheblich beeinflussend hinzu. Das sind
die stillen und offenen Reservespeisungen zahlreicher Bilanzposten.
Durch beträchtlich hohe Rücklagen haben die führenden Banken sich
nicht gescheut, das Gewinnerträgnis zu verkleinern, nur um ihre finan-
zielle Grundlage zu festigen. Im Hinblick auf ihre früheren fehlerhaften
und Verhängnisvollen Arbeiten, die heutige unsichere Lage und ihre un-
gewisse zukünftige Gestaltung hielten sie es für angebracht, vorzusorgen,
selbständig und frühzeitig auf eine gesündere Basis zu gelangen, um
nach Möglichkeit dem am Ende des Jahres 1914 angekündigten
staatlichen Eingreifen jeden Anhaltspunkt zu nehmen. Soweit ihren
Bilanzaufstellungen und Berichten dies zu entnehmen ist, dürften sie
nicht auf dem Unrechten Wege sein. Nur kann heute weder über abso-
lute Richtigkeit und Zweckmäßigkeit der Arbeitsmethoden, noch über
gesunde Fundierung ihrer Lage gesprochen werden, ebenso nicht vom
Gegenteil der beiden Dinge, da in diesen Fragen die Einwirkungen des
Krieges vollends abzuwarten sind, und erst ein gewisser Abstand von
ihnen nach Friedensschluß gewonnen werden muß, bevor das endgültige
Urteil gefällt werden kann.

Zur näheren Unterrichtung mögen noch die wichtigsten Posten aus
den Bilanzen der drei größten Depositenbanken wiedergr geben werden.
Namentlich der Credit Lyonnais und das Comptoir National bieten
durch ihre Monatsausweise eine gute Anschauung von der allmählichen
Entwicklung ihrer Lage auf der Passiv- und Aktivseite (s. S. 142 u. 143).

Die Kreditbanken nahmen an den Bestrebungen der Regierung, im
Auslande Kapitalien aufzunehmen, teil und haben auch Erfolge erzielt.
Bis zum heutigen Tage ist es aber schwer, hierüber genaue Angaben
zu erhalten und daher nicht möglich, festzustellen, wieviel Kapitalien
und zu welchen Bedingungen die Banken bei ihren ausländischen Ver-
bindungen in Form der Krediteinräumung flüssig machen konnten, und
wo sie überall bereitwillige Darlehnsgeber fanden. Es soll trotzdem ein
Überblick gegeben werden, wobei vorausgeschickt sei, daß nach Möglich-
keit nur die tatsächlichen Abschlüsse genannt werden unter Ausschal-
tung provisorischer Meldungen, doppelter Bestätigungen aus verschiede-
nen Quellen, die geprüft und bei Übereinstimmung nur einmal angeführt
wurden.
        <pb n="159" />
        ﻿Erwin Respondek

142

Society-Generale.
Aktien-Kapital . . 500 Mül. Frcs.
Reserven....121 MUL Frcs.

öilanzdaten	Aktiva				Passiva		
	Bar- und Bank- Guthaben	Wechsel	Darlehn  und  Reports	Debi-  toren	Depo-  siten	Kredi-  toren	Akzepte
1913							
Dezember 31.	159,00	865,00	377,00	503,00	596,00	978,00	—
1913							
Dezember 31.	173,00	890,00	438,00	560,00	673,00	in8,oo	—
1914							
Juni	30.	160,00	652,00	403,00	O  O	644,00	1007,00	144,00
Dezember 31.	102,00	278,00	375,00	608,00	457,00	624,00	106,00
1915							
Juni	30.	83,00	25o,oo	304,00	561,00	430,oo	535,00	54,00
Dezember 31.	120,00	263,00	288,00	522,00	417,00	573,00	46,00

Credit Lyonnais.
Aktien-Kapital . . 250 Mill. Frcs.
Reserven..........175 Mill. Frcs.

		Aktiva				Passiva	
Bilanzdaten	Bar- und Bank- Guthaben	Wechsel	Darlehn  und  Reports	Debi-  toren	Depo-  siten	Kredi-  toren	Akzepte
1912  Dezember 31.	193,00	1411,00	362,00	743,00	862,00	1235,00	166,00
1913							
Dezember 31.	174,00	1518,00	354,00	740.00	913,00	1270,00	142,00
1914							
Juni	30.	231,47	1648,00	357,00	714,00	961,00	1417,00	117,00
Dezember 31.	721,36	654,00	322,00	509,00	655,00	1083,00	15,00
1915							
M&lt;ärz	31.	714,00	746,00	278,00	448,00	620,00	1004,00	14,00
April	30.	758,00	768,00	269,00	430,00	630,00	1010,00	17,00
Mai	31.	678,00	901,00	262,00	402,00	649,00	1034,00	15,00
Juni	30.	808,00	858,00	254,00	396,00	657,00	1084,00	16,00
Juli	31*	777,00	928,00	252,00	409,00	665,00	1143,00	14,00
August 31.	806,00	920,00	247,00	391,00	671,00	1140,00	13,00
September 30.	812,00	918,00	242,00	397,00	685,00	1133,00	13,00
Oktober 31.	815,00	982,00	235,00	405,00	701,00	1x78,00	15,00
Dezember 31.	589,00	992,00	241,00	383,00	593,00	1049,00	19,00
1916							
Januar 31.	601,00	1019,00	245,00	377,00	638,00	1042,00	19,00
Februar 29.	676,00	1022,00	241,00	372,00	650,00	1097,00	19,00
April	30.  Mai	31.  Juni	30.  Juli	31.	722,00	1067,00	231,00	35i,oo	673,00	1137,00	18,00
	673,00	1104,00	231,00	364,00	698,00	1114,00	17,00
	676,00	1150,00	229,00	362,00	711,00	1140,00	19,00
	704,00	1172,00	228,00	375,00	750,00	II53;00	22,00
August 31.	766,00	H59&gt;oo	226,00	369,00	768,00	1179,00	20,00
        <pb n="160" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

143

Comptoir National d’E s c o m p t e.
Aktien-Kapital . . 200 Mül. Frcs.
Reserven..............42 Mill. Frcs.

Bilanzdaten	Aktiva				Passiva		
	Bar- und Bank- Guthaben	Wechsel	Darlehn  und  Reports	Debi-  toren	Depo-  siten	Kredi-  toren	Akzepte
1912							
Dezember 31.	125,00	947,00	238,00	134,00	645,00	612,00	187,00
1913							
Dezember 31.	124,00	1004,00	258,00	166,00	695,00	668,00	175,00
1914							
Dezember 31.	386,00	355,00	224,00	179,00	482,00	506,00	31,00
1915							
März	31.	363,00	527,00	199,00	132,00	583,00	453,00	34,oo
Mai	31.	366,00	585.00	184,00	130,00	626,00	461,00	31,00
Juni	30.	393,0°	560,00	160,00	146,00	611,00	472,00	30,00
Juli	31-	352,00	581,00	180,00	126,00	627,00	436,00	28,00
August	31.	407,00	588,00	177,00	119,00	645,00	464,00	33,oo
September 30.	406,00	598,00	172,00	131,00	641,00	482,00	36,00
Oktober 31.	422,00	641,00	158,00	135,00	685,00	488,00	38,00
November 30.	430,00	602,00	i53,o°	148,00	669,00	481,00	46,00
Dezember 31.	289,00	636,00	153,00	129,00	574,00	453,00	51,00
1916							
Januar 31.	245,00	719,00	150,00	124,00	608,00	456,00	48,00
Februar 29.	249,00	758,00	145,00	128,00	630,00	481,00	49,oo
März	31.	282,00	784,00	138,00	130,00	644,00	514,00	51,00
April	30.	292,00	810,00	148,00	116,00	673,00	527,00	50,00
Mai	31.	314,00	800,00	149,00	117,00	668,00	532,oo	55,00
Juni	30.	306,00	8n,oo	144,00	xi6,oo	686,00	533,00	48,00
Juli	31.	291,00	827,00	141,00	125,00	762,00	523,00	44,00
August	31.	298,00	850,00	139,00	Il8,00	728,00	5n,oo	44,00

Eine Pariser Bankengrappe versuchte auf Anregung der franzö-
sischen Regierung in Amerika Anleihen aufzunehmen. Es gelang ihr,
in New York bei der „National - City - Bank of New York“ 10 Mill.
Doll. 5 % französische Schatzbons mit einjähriger Laufzeit unterzu-
bringen. Der Betrag diente zum Ankauf amerikanischer Waren, beson-
ders von Getreide, für Rechnung des Staates. Auch bei J. P. Morgan
&amp; Co., die bereits 1870—1871 eine französische Anleihe übernommen
hatten, versuchten die Privatbanken eine Anleihe in Höhe von 500,00
Mill. Frcs. aufzunehmen. Morgan &amp; Co. übermittelten die Anfrage der
französischen Banken nach Washington und machten den Abschluß
von der Zusage des amerikanischen Bundesrats abhängig. Ihre Stellung
zu diesem Anleiheversuch kennzeichnen sie in einer Auslassung, in der
Morgan &amp; Co. unter anderem sagen: „Falls die amerikanische Regie-
rung keine eigene Meinung äußern würde, so würden wir uns leiten
lassen von den Interessen der Allgemeinheit, so wie wir diese Interessen
beurteilen.“
        <pb n="161" />
        ﻿144

Erwin Respondek,

Der Präsident der amerikanischen Union hat keine direkte Ant-
wort erteilt, sondern erklärt, daß er sich mit dieser Anfrage amtlich
nicht befassen wolle und die Verantwortung der Bank überlasse! Hier-
nach ist wohl mit Sicherheit anzunehmen, daß die Anleihe von J. P.
Morgan &amp; Co. übernommen wurde.

Im Verlauf des Jahres 19x5 entwickelten die Banken eine leb-
haftere Kreditvermittlungstätigkeit, ohne freilich besonders große Er-
folge zu erzielen. Gegen sichere Pfänder, die sich charakteristischer-
weise nicht aus französischen Wertpapieren, sondern aus amerikanischen
Effekten zusammensetzten, nahmen sie in New York für die Republik
Vorschüsse auf. Die Summen sind nicht einwandfrei festzustellen. In
der „Bank"1) wird vermerkt, „größere Vorschüsse“, die anderen Zeit-
schriften und Blätter melden unter Vorbehalten. Für die im inter-
nationalen Kreditverkehr durch Banken aufgenommenen Vorschüsse
hat die Notenbank oftmals Bürgschaft übernommen. So vornehmlich
in London und New York. Laut Bericht für 1915 gab die Notenbank
in London wechselmäßige Garantie für einen Vorschuß, der einer Pariser
Bank gewährt wurde, und sie stellte für einen Akzeptkredit in Höhe von
5 Mül. £, der von einer Gruppe Londoner Bankiers auf einjährige Dauer
eröffnet wurde, Kaution2). Auch auf dem amerikanischen Markt über-
nahm die Bank wechselmäßige Bürgschaft für 2 Mill. Doll. Außerdem
führte sie mit Brown Brothers eine Anleihe-Transaktion von 20 Mill. Doll,
durch. Einer anderen französischen Bankengruppe wurde durch ihre grund-
sätzliche Garantie von 19 Banken und Trust-Gesellschaften New Yorks
Akzeptkredit eingeräumt, der durch 90 tägige Tratten in Anspruch ge-
nommen werden kann3). Die Notenbank mußte die Zusicherung geben,
am Tage der Fälligkeit für Golddeckung Sorge zu tragen, falls die anderen
Ausgleichsmittel versagen sollten. Weiter berichtet die Bank von Kredit-
eröffnung für ein großes industrielles Unternehmen in New York4).

Andererseits bedient sich die Notenbank der internationalen Be-
ziehungen der Kreditinstitute und sucht durch sie auf den internatio-
nalen Geldmärkten Kapitalien aufzunehmen. Ende Juni 1915 gelingt es
den Banken für ihre Notenbank bei dem Londoner Bankhause Mon-
tague einen mit französischen Schatzscheinen gedeckten Kredit von.
etwa 100 Mill. Frcs. aufzunehmen5). Dieser Betrag bleibt in London
stehen und wird durch Schecks zur Bezahlung der aus England bezogenen
Waren verwandt. Ein weiterer kleiner Kredit wurde den Banken von
einem New Yorker Finanzhause (J. P. Morgan &amp; Co.) eröffnet, und
zwar in Höhe von 20 Mill. Doll.6). Auch dieser Betrag wurde zur Ab-
zahlung der bestehenden Verbindlichkeiten aus Warenlieferungen ver-

9 Die Bank, Juli 1915, S. 647.

2) Bank von Frankreich, Geschäftsbericht 1915, S. 15.

a) a. a. O. S. 15.

ä) Die „Frankfurter Zeitung“ vermutet, daß es die Firma Schneider-Creuzot sei.
(siehe März 1916).

5) Die Bank, August 1915, S. 764.

*) Bank, September 1915, S. 848.
        <pb n="162" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

145

wandt. Schließlich erhielten die französischen Banken noch einen kleinen
Währungskredit von 15 Milk Doll.1).

Betrachtet man diese Summen, die zwar durchaus nicht als voll-
ständig und genau erfaßt gelten können, so dürfte man nicht die Über-
zeugung gewinnen, daß es den französischen Kreditbanken sonderlich
gelungen ist, reichliche Geldmittel dem Staate auf dem Wege des inter-
nationalen Kredits zuzuführen und damit seine Kriegsfinanzierung so
wirksam zu unterstützen, wie es angesichts der gewaltig anwachsenden
Kriegslasten und -lieferungen notwendig wäre. Irgendwelche Anhalts-
punkte, die ein Bild über den Charakter der Krediteröffnungen selbst
geben könnten, sind nicht aufzufinden. Es können auch nicht einmal
die Zinsopfer und die anderen Lasten in eine kritische Beleuchtung hin-
eingezogen werden, die natürlich zur Beurteilung der Kreditarbeit von
Bedeutung sind, da es wiederum hierüber an sicheren Angaben mangelt.

Ende Juli 1916 hat die französische Regierung durch Mithilfe der
Bankwelt in Amerika eine Anleihe in Höhe von 100,00 Milk Doll, auf-
genommen. Sie ist mit 5 % verzinslich und in drei Jahren rückzahlbar.
Die Emission erfolgt durch ein Garantie-Syndikat. Demnach hat die
Gegenpartei — J. P. Morgan &amp; Co., The First National Bank, National
City Bank, Guaranty Trust Company — zunächst der französischen
Regierung einen Kredit eröffnet, der später durch die Ausgabe von
Obligationen in den Verkehr gebracht werden soll. Das Konsortium
erhält von der Regierung als Unterlage für diesen Kredit Effekten
neutraler Staaten.

Obwohl die Arbeit der französischen Banken im künftigen Frieden
in allen ihren einzelnen Richtlinien nicht vorausgesagt werden kann,
so dürften die Finanzmänner ihre Lehren aus den Ereignissen und
Kriegserfahrungen schon gezogen haben. Es unterliegt keinem Zweifel,
daß nach wie vor das reguläre Bankgeschäft auch nach Beendigung
des Krieges in alter Linie fortgeführt werden kann und muß. Nur die
Methode erfährt eine Änderung. Welche neuen großzügigen Finanz-
transaktionen durch die Lösung der zahlreichen neuen Probleme, Wieder-
aufbau der heimischen Wirtschaft, Neuorganisierung des internationalen
Geldverkehrs und Liquidierung der jetzt nur überdeckten Schäden,
durchzuführen sein werden, hängt vollkommen vom Friedensschlüsse
ab. Hier schon jetzt die Perspektiven zeichnen zu wollen, würde leicht
in das Reich des Märchenhaften und Unhaltbaren führen. Jedoch darf
mit aller Sicherheit die Konsequenz auf einem Gebiete gezogen werden:
die Neuorientierung der „politique financiere“.

In Frankreich, allerdings nicht in Bank-, sondern in Handels-
und Industrickreisen, wurden nach den Erfahrungen im Kriege die
Fehler der weiter oben gezeichneten „politique financiere“ rückhaltlos
und mit Erbitterung ausgesprochen. Es drang doch die Erkenntnis
durch, daß diese gewaltigen Kapitalexporte nach allen Richtungen der
Welt hin, die wohl unter den wirtschaftlichen Verhältnissen, wie sie in

l) Die Bank, Dezember 1915, S 1130.
Respondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

IO
        <pb n="163" />
        ﻿146

Erwin Respondek,

Frankreich in Erscheinung traten, ihre Bemäntelung finden konnten,
zu einer ärgeren Vernachlässigung in der Kapitalsversorgung des fran-
zösischen Handels und der französischen Industrie geführt haben, die
sich nunmehr, wo es gilt, die heimische Wirtschaft für die außer-
ordentlichen Kriegserfordernisse, leistungsfähig zu machen, rächen. Die
Industriellen sprechen ihr Urteil auch ruhig aus. So ist es überaus be-
merkenswert, was ein Vertreter der Industriellen, Victor Cam-
b o n , in einer Rede vor der „Societd des Ingenieurs Civils de France"
zu diesem wichtigen Punkte in höflicher, aber eindeutiger Sprache aus-
führte. Victor Cambon sagt an einer Stelle seines Vortrages in
Beziehung zu den Kreditinstituten:

„Bis jetzt haben sie nur die Gewohnheit gehabt, von der Industrie
Geld einzunehmen. Sie haben so viel Kapital gehabt, wie sie gewünscht
haben, und haben das französische Sparkapital immer mehr aufgespei-
chert, vielfach haben sie es auch im Ausland angelegt. Eine derartige
Tätigkeit ist so einfach und so gewinnbringend. Ein verschuldeter Staat
braucht 500 Mill. In einer Woche kann er diese Summe haben. Das
französische Publikum wird zu diesem Zwecke 500 Mill. einzahlen, das
Kreditinstitut wird dem Schuldner 400 Mill. geben und unter verschie-
denen Bezeichnungen einen Gewinn von 100 Mill. einkassieren. Das
ist doch viel einfacher und verursacht viel weniger Arbeit, als wenn
man mit gutem Vorbedacht die gleiche Summe an tausend verschiedene
Handelshäuser vorschießt“1).

Hier ist deutlich zum Ausdruck gebracht, daß die Kreditbanken
Frankreichs Kraft ins Ausland verlegt haben, damit jeder eigenen
wirtschaftlichen Festigung und Entfaltung den Boden entzogen und
Frankreich den Zufällen auf ökonomischem und politischem Gebiete
in vollkommene Abhängigkeit gebracht haben. Frankreich ver-
säumte und vernachlässigte, was Deutschland in rastloser, intensivster
Arbeit an sich selbst vollbrachte und Helfferich in den Worten
zusammenfaßte: „Deutschland hat seine ganze wirtschaftliche Aus-
rüstung erneuert und modernisiert, in der Industrie sowohl wie in der
Landwirtschaft, in den kommunalen und staatlichen Betrieben. Es
hat damit seine produktiven Kräfte in einem Maße gesteigert, wie in
dem gleichen Zeitraum kein anderes Land." Und weiterhin: „Frank-
reich dagegen ist geradezu das Kehrbild unserer Entwicklung: alter
Reichtum und geringe wirtschaftliche Tätigkeit im Innern, infolgedessen
starker Überfluß von Kapitalien für Anlagen in ausländischen Werten.“* 2)
Das Ziel ist verfehlt. Frankreich gefiel sich in dem Scheine einer-
unerreichbaren und unerschütterlichen finanziellen Kraft, wie ihn die
stete und hohe Kapitalhergabe im Lande, in den Kreisen der eigenen
Führer auch hervorrufen mußte. Wäre dies vermieden worden, so hätte

’) Koloniale Rundschau 1915, Heft 11/12, S. 488 ff.: Frankreich und die industrielle
Expansion.

2) Helfferich, Karl, Deutschlands Volkswohlstand 1888—1913.	Berlin

19x3, Vorwort S. XI.

J
        <pb n="164" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft,

147

Frankreich von der gewaltigsten aller Erschütterungen verschont bleiben
können oder zum mindesten, falls der große europäische Krieg unver-
meidlich war, mit einem sicheren und kräftigeren Rüstzeug in den
Kampf zu treten vermocht.

Es bleibt für die Zukunft das neue Ziel: Die noch vorhandenen
Energien nach wirtschaftlichen Gesetzen zur guten und fortschreitenden
Entwicklung zu erwecken, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und
Widerstandsfähigkeit zu heben und die hierbei errungenen materiellen
Gewinne für die vielen noch zu lösenden kulturellen und sozialen Auf-
gaben zu verwenden. Eine klare und bestimmt gewollte Erkenntnis
wird die Leiter des französischen Kapitals, die Leiter des französischen
Wirtschaftsgetriebes und die Regierung auf diese neue, gesunde
Bahn bringen müssen, eine Bahn, die ihnen auch der Franzose Cam-
b o n in scharfen Strichen vorgezeichnet hat:

„Wir wollen unseren Finanzleuten nahelegen, daß sie etwas weniger,
und unseren Industriellen, daß sie etwas mehr über unsere Grenzen
hinausschauen. Besonders müssen wir sie davon überzeugen, daß die
Schuldner, welche nur imstande sind, eine schwache Sicherheit zu bieten,
als kreditunwürdig angesehen werden müssen. Ein intelligenter Mann,
der arbeitet und gebildet ist, stellt ebenfalls einen „Bankwert“ dar.
Die Aufgabe der Kapitalisten muß darin bestehen, zu unterscheiden,
wer des Kredites würdig ist und derartigen Leuten ist ihre Hilfe zu
gewähren. Bereiten wir uns dazu vor, unsere Pro-
dukte auszuführen, anstatt daß wir weiterhin
unser Kapital an das Ausland abgeben.“1)

V.	Staatsfmanzen.

Um zur Beurteilung der staatsfinanziellen Operationen, wie sie die
französische Republik während dieses Krieges verfolgt, zu gelangen,
ist zunächst eine kurze Darstellung der finanziellen Entwicklung vor
Ausbruch des Krieges zu geben.

Charakteristisch für den französischen Staatshaushalt war der stete
Kampf mit finanziellen Sorgen. Die Staatskassen wiesen selten nennens-
werte Bestände auf und konnten daher aus eigener Kraft das Gleichge-
wicht in den Friedensbudgets nicht hersteilen. Die Staatsschuld stieg so
von Jahr zu Jahr und erreichte am 1. Januar 1913 eine Höhe von rund
33 Milliarden Frcs. Ihr Stand am 1. Januar 1913 bot für die beiden
Hauptgruppen: Konsolidierte Schuld und Rückzahlbare Schuld das
folgende Bild (in Mill. Frcs.):

Konsolidierte Schuld:

3°/0 ewige Rente..............21922,2

Rückzahlbare Schuld:

3 °/0 amortisable Rentei

Annuitäten ------

1	10 959,3

Schatzscheine
Schwebende Schulden

ile Renten
:hulden f

*) a. a. O. S. 489.

Insgesamt 32 881,5
        <pb n="165" />
        ﻿148

Erwin Respondek,

Eine dermaßen hohe Staatsschuld muß überraschen, namentlich,
wenn sie in Vergleich zu den Schuldenlasten des Deutschen Reiches
und seiner Bundesstaaten gesetzt wird. Hier betrugen die Staats-
schulden 1913/14 nur gegen 25 946,00 Mill. Frcs., obwohl Deutschland
einen so gewaltigen Ausbau in industrieller, landwirtschaftlicher und
gewerblicher Richtung genommen hat, den Frankreich nicht verzeichnen
kann. Der turmhohe Schuldenstand, der in Friedenszeiten eine sehr
empfindliche Last darstellte, konnte gar nicht oder zum wenigsten nicht
einmal in engen Grenzen abgedeckt werden. Es fehlte dem Schatz-
amte an den hierfür erforderlichen Mitteln. Wie geschickt man auch
das Budget aufbauen mochte, es schloß selten mit erheblichen Über-
schüssen ab. War einmal ein Plus erzielt, so wurde es zur Ausbalanzie-
rung dus nächstjährigen Defizits verwandt. Dies zeigen auch die end-
gültigen Ziffern der Budgets in den letzten Jahren deutlich an (in Mill.
Frcs.):

Budgetendziffern der letzten Jahrzehnte.

Jahr	Einnahmen	Ausgaben	Defizit (—) oder  Überschuß (+)
1890	3191,00	3303,00		112,00
1895	3666,00	3405,00	-f- 261,00
1900	3815,00	3746,00	-f- 69,00
1901	3576,00	3701,00		 125,00
1902	3582,00	3699,00		 117,00
1903	3668,00	3597,00	+ 71,00
1904	3739,00	3639,00	-j- 100,00
1905	3766,00	3707,00	+	59,00
1906	3837,00	3852,00		 15,00
1907	3968,00	3880,00	+ 88,00
I908	3966,00	4021,00	— 55,oo
1909	4141,00	4186,00	— 45,oo
1910	4274,00	4322,00	— 48,00
I9II	4689,00	4548,00	-j- 141,00
1912	4857,00	4743&gt;oo	+ 114,00
1913	5067,00	5092,00		 25,00

’Vmnach bewegten sich die Einnahmen vielfach unter den Aus-
gab n, wenn sie auch in den Finanzjahren 1911 und 1912 im kräftigen
Üb rg wicht zu sein schienen. Im Jahre 1913 sind sie aber wiederum
unti.r die Ausgaben gesunken. In den letzten 14 Jahren haben die Ein-
nahm n, absolut betrachtet, auch keine sonderliche Steigerung erfahren.
Sin waren

im Jahre 1900 .... 3815,00 Mill. Frcs.

„	„	1913 ■ ■ . ■ 5067.00 „	„

d. h. eine Zunahme . . 1252,00 Mill. Frcs.

t fortschreitender politischer Gegensätzlichkeit zu Deutschland
wuch das Verlangen nach einer Kräftigung des Heeres und der Flotte.
E b gann eine zielbewußte Aufbesserung des Etats für den Kriegs-
        <pb n="166" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Flnänzwirtschaft.

149

minister, der nunmehr erhebliche Summen zur Reorganisation einzelner
Teile der militärischen Ausrüstung benötigte. Sie waren es zum großen
Teil, die jene bekannten erbitterten, parteipolitischen Kämpfe ausiösten
und Schwierigkeiten in der Bilanzierung des Staatsbudgets hervorriefen.
Für 1913 waren dem Kriegsminister 300,00 Mill. Frcs. außergewöhnliche
Kredite zur Bestreitung seiner Ausgaben bewilligt und für 1914 schon 487,00
Mill. Frcs. Diese Summen hoben sich beträchtlich ab von den bisher für
das Ressort „Krieg“ ausgeworfenen Beträgen. In den Jahren von 1890
bis 1900 erreichten sie im Durchschnitt 50 bis 60 Mill. Frcs. — die höchste
Ziffer wurde 1891 erreicht mit 125,00 Mill. Frcs., die tiefste 1896 mit
36,00 Mill. Frcs. — und auch in der Zeit von 1900—1912 überschreiten
sie 100,00 Mill. Frcs. nur zweimal.1) Mit dem Hinweis auf Deutschland,
das bedeutend erheblichere Summen für die gesamte Verwaltung des
Reichsheeres aufwandte, wurde das Verlangen nach einer stärkeren
Speisung des Kriegsressorts begründet.

Bei der Aufstellung des Budgets für das Jahr 1914 ergaben sich
die größten Schwierigkeiten in der Bilanzierung des errechneten Defizits.
Das Budget umfaßte ordentliche Ausgaben in Höhe von 5191,00 Mill.
Frcs., denen ein überaus optimistisch veranschlagter Einnahmebetrag
von 4781,00 Mill. Frcs. entgegengestellt wurde. Zum Ausgleich des resul-
tierenden Defizits von 410,00 Mill. Frcs. wurde eine neue Einnahme-
quelle geschaffen, der man den etwas dehnbaren Namen „außerge-
wöhnliche Einnahmen“ gab, und die wenigstens auf dem Papier das er-
wünschte Gleichgewicht herzustellen hatte. Tatsächlich aber kamen zu
den an und für sich schon unhaltbaren Höherbewertungen der einzuinen
Einnahmeposten im Etat noch auf der Ausgabeseite eine Reihe von
außergewöhnlichen Zuwendungen an einzelne Ressorts hinzu, die das
Bild wesentlich veränderten. Denn in den ordentlichen Ausgaben wurden
u. a. die Kosten nicht eingeschlossen, die durch die militärische Besetzung
von Marokko entstanden, und die auf 231,00 Mill. Frcs. geschätzt wurden.
Für die Ausgaben des Kriegsministers im außerordentlichen Etat setzte
man weiterhin für das zu balanzierende Finanzjahr einen Betrag von

1) Eine Gegenüberstellung der Militärausgabeu Frankreichs und Deutschlands gibt
L a c h a p e 11 e , a. a. O. S. 106. Nach ihm waren die Summen wie folgt (in Mill. Frcs.):

Jahr	Frankreich	Deutschland	Jahr	Frankreich	Deutschland
1891	125,00	170,00	1902	55,00	119,00
1892	86,00	176,00	1903	35,00	105,00
1893	58,00	190,00	1904	40,00	91,00
1894	54,00	169,00	1905	59,00	137,00
1895	44,00	113,00	1906	138,00	159,00
1896	36,00	116,00	1907	92,00	193,00
1897	55,00	148,00	1908	60,00	241,00
1898	82,00	149,00	1909	72,00	205,00
1899	109,00	160,00	1910	98,00	142,00
IQOO	87,00	149,00	I9II	93,00	142,00
1901	72,00	143,00	1912	119,00	208,00
        <pb n="167" />
        ﻿i5o

Erwin Respondek,

487,00 Mill. Frcs. aus, und schließlich veranschlagte man die Erforder-
nisse für die Marine mit 128,00 Mill. Frcs. Werden diese Sonderauslagen
zum Budgetdefizit zugeschlagen, so erreicht die Spannung zwischen
Budgetausgaben und Budgeteinnahmen eine Höhe von 1256,00 Mill.
Frcs. Es bestand auch für die Zukunft keine Aussicht auf eine
Entlastung des Budgets. Vielmehr hatte die Finanzverwaltung die
Überzeugung gewonnen, daß die militärischen Forderungen anwachsen
würden. Mit der Einführung der dreijährigen Dienstzeit und der damit
verbundenen Erhöhung der Effektivbestände, den nach Ansicht und
Wunsch des Kriegsministers rasch und intensiv durchzuführenden Re-
organisationen des Heeres und der Marine, müssen Mehraufwendungen
in schnell steigender Richtung bedingt sein1). Sie würden den Budget-
aufstellungen der nächsten Jahre genügend Hindernisse und Mühen
bereiten. Es ergab sich daher, daß in der Frage des Budgetausgleichs
für 1914 rechtzeitig Sorge dafür zu tragen ist, daß die Politik des Auf-
schiebens nicht mehr möglich ist. Nur in der Wahl der Mittel konnte
man kein einheitliches Resultat erzielen. Ob Steuern oder eine An-
leihe die Mehrausgaben decken sollten, bildete den Angelpunkt der
schärfsten politischen Kämpfe im letzten Halbjahr vor Ausbruch des
Krieges, um den mehrere Ministerien herum- und abgeschwenkt wurden.

Eine politische Gruppe, die Rechte und Mitte der Kammer, ver-
trat die Ansicht, daß nur eine neue Rentenanleihe die Situation zu
retten vermöge. Diese Idee Wurde von R i b o t in überaus gewandter
und auch rücksichtsloser Form verfochten. Immer wieder wurde darauf
hingewiesen, daß auf dem Wege der Steuererhebung diese Summen
nicht erlangt werden könnten, da das Defizit zu hoch wäre, und der
Steuerertrag auch bei Einführung neuer Steuern enttäuschen würde. Jene
Gruppe hatte allen Grund, gegen die Verwirklichung des Steuergedankens
anzukämpfen. Denn das französische Steuersystem zieht die besitzenden
Klassen nicht in dem scharfen Maße heran wie etwa England, sondern
legt durch Monopole und Verbrauchssteuern den minder Bemittelten
hohe Abgaben auf. Die indirekte Steuererhebung wurde seit langen
Zeiten auf diese Weise zu Lasten des kleinen Rentners immer weiter
ausgebaut, bis dieses System schließlich einmal von den Kleinen als lästig
empfunden wurde und zu dem Rufe nach Besteuerung des reichen Mannes

J) Wie vorhergesehen wurde, zeigten die Verhandlungen und Vorlagen über die
außerordentlichen Kredite für die nationale Verteidigung, die in der Kammer am 10. Juli
1914 geführt wurden, eine Steigerung der militärischen Ausgaben. Sie erforderten einen
Betrag von 754,00 Mill. Frcs. und waren wie folgt auf die einzelnen Posten verteilt (in

Mill. Frcs.):

Eisenbahn-Dienst............. .	28,2

Artillerie...................404,3

Genie-Truppen................231,3

Luftschiffahrt ........	21,4

Intendantur..................48,0

Sanitäts-Dienst.............. 6,8

Landvermessung............... 0,5

Pulver und Salpeter..........14,0
        <pb n="168" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

151

führte. Eine „Einkommensteuer“ sollte die gewünschte Entlastung des
Kleinen und ersehnte Belastung des Großen gewähren, für deren Einführung
besonders die Linke unter C a i 11 a u x arbeitete, gegen die aber von den be-
sitzenden Klassen ein Kampf entfesselt wurde, dem dieser Finanzminister
und andere Vertreter der Einkommensteuer zum Opfer fielen. Die Regie-
rung ließ in diesen Wirren den Plan der Deckung des Defizits mittels
einer Steuer fallen und suchte die Mehrausgaben durch Emission einer
Rentenanleihe zu decken. Das Finanzministerium entschloß sich, einen
neuen Rententyp auszugeben. Von allen Seiten wurden jedoch sofort
gegen die Neuemission einer Rente die schärfsten Bedenken geäußert,
da man seit 20 Jahren keine Anleihe aufgelegt hatte. Man befürchtete
eine Erschütterung des Kursniveaus der alten Renten, außerdem wäre
die Zeit für eine 2000,00 Mill.-Rente, wie sie zunächst geplant wurde,
nicht vorteilhaft, da der Pariser Markt durch die letzten exotischen
Anleihen zu geschwächt sei. Der Ausgabebetrag wurde daher auf 1800,00,
dann auf 1300,00 und schließlich auf 805,00 Mill. Frcs. festgesetzt. Die
ungünstige Lage des Marktes zwang die Finanzverwaltung, den Typus
einer tilgbaren Rente zu wählen. Am 7. Juli emittierte sie eine 3% %
tilgbare Rente zu 91 %, in Höhe von 805,00 Mill. Frcs., die innerhalb
von 25 Jahren rückzahlbar gestellt wurde. Unter Berücksichtigung
der eingeräuraten Vorteile ergab sich eine Verzinsung Von 4% %. Diese
Bedingungen, unter denen die Regierung ihre Kapitalien aufnehmen mußte,
haben im Inlande und Auslande lebhafte Überraschungen hervorgerufen.
Jedenfalls sind sie ein Zeugnis für den schweren Druck, der auf den Finanz-
kreisen schon vor Kriegsausbruch lastete. Dafür erfuhr die 3% % Rente eine
40 fache Überzeichnung. Aber nur zu bald stellte sich dieser Riesenerfolg
als ein Scheinerfolg heraus. Nachdem die erste Ratenzahlung geleistet
war, verkauften die Konzertzeichner die ihnen zugeteilten Stücke, und es
entwickelte sich bald an der Börse in der neuen 3% % Rente eine wilde
Agiotage. Am 24. Juli 1914 sank der Kurs auf go %. Nach der Fällig-
keit der dritten Rate waren dem Staate insgesamt nur 380,00 Mill. Frcs.
zugeflossen. Und aus dem Erlös dieser Anleihe sollten die Ausgleichs-
gelder für das Budgetdefizit gezogen werden! In der Zwischenzeit, als
die politischen Parteien zu keiner Einigung gelangen konnten und da-
durch die Emission der geplanten und ersehnten Anleihe verzögerten,
mußte das Schatzamt zur Bestreitung der ersten Ausgaben ihre Bons
du Tresor bei ihren alten Abnehmern placieren, die bis zum 30. April
1914 gegen 572,00 Mill. Frcs. aufnahmen. Sie sollten durch die Ein-
gänge aus der Rentenanleihe wieder zur Einziehung gelangen. Aber allen
diesen geplanten Transaktionen, sowie der weiteren friedlichen staats-
finanziellen Entwicklung setzte der Ausbruch des Krieges ein Ende.

Das Schatzamt stellte am 31. Juli 1914 die Kassenbilanz auf. An
flüssigen Mitteln waren etwa 430,00 Mill. Frcs. zu zählen, die einesteils
aus den ersten Einzahlungen der eben aufgelegten 3 % % amort. Rente
und dann aus dem ständigen Vorschuß der Bank von Frankreich im
Betrage von 200,00 Mill. Frcs. stammten. Ihnen stand eine schwebende
        <pb n="169" />
        ﻿152

Erwin Respondek,

Schuld von 1608,00 Mill. Frcs. gegenüber. Hiervon entfielen auf die
ausgegebenen Schatzscheine 427,00 Mill. Frcs. Demnach stand also
das Schatzamt am Vorabend des Krieges mit 1178,00 Mill. Frcs. im
Debet. Gewiß ist dies für die Beurteilung der finanziellen und wirtschaft-
lichen Quellen des Landes kein betrübendes oder beängstigendes Zeichen.
Es legt nur die Schwierigkeiten dar, die das Schatzamt in der Heran-
ziehung von Kapitalien in die Staatskasse zu überwinden hatte.

Durch den Krieg ist die Finanzverwaltung vor neue Aufgaben ge-
stellt. Die alten Pläne mußten einer Revision unterzogen werden, das
Staatsbudget, die Deckung des Defizits, kurz der ganze finanzielle Staats-
haushalt erlitten eine vollkommene Umänderung. Es galt nunmehr,
alles auf die außergewöhnlichen und eigenartigen Erfordernisse der
Kriegswirtschaft einzustellen und als einziges Ziel eine methodisch an-
gelegte und systematisch verfolgte Kriegsfinanzierungspolitik
zu treiben. Alle anderen Ziele traten naturgemäß hinter die neue, ge-
waltige Aufgabe weit zurück.

Die große Frage, worin liegt die Lösung des Problems der Kriegs-
finanzierung, die im Staatshaushalt jetzt die allererste Stelle einnimmt,
war Licht zu beantworten. Von vornherein stand in dem ersten Dunkel,
fest, daß der gigantische Kampf auch gigantische Summen von Geldern
zur entschlossenen und finanziell unbehinderten Kriegführung erfordern
würde. Daher sind alle nur verfügbaren Kapitalien zuvörderst für die
Kriegsfinanzierung heranzuziehen oder zum mindesten für jeden Be-
darfsfall immer frühzeitig bereitzustellen. Aber wie klar und scharf
auch die Richtung erkannt war und wie entschlossen auch die führenden
Männer sein mochten, von ihr nicht abzuweichen und dadurch den
Erfolg der Kriegsfinanzierung in Frage zu stellen, gegen die natürlichen
Kräfte, gegen grundlegende Leistungsunfähigkeit und für das Land un-
günstige Kriegsereignisse können sie nicht ankämpfen.

Für eine hinreichende und gesicherte Deckung der Kriegskosten
stehen dem Schatzamte verschiedene Wege und Mittel zur Verfügung,
so daß etwaige Schwierigkeiten aus der Wirtschafts- oder Kriegslage den-
noch überwunden oder umgangen werden können. In erster Linie kann
die Zentralnotenbank in den Kriegsdienst gestellt werden. Es ist dies
ein Zug, der bei allen kriegführenden Staaten Europas zu beobachten ist.
Diese Hilfeleistung der Notenbank soll aber nur erste Hilfe sein, sie darf
von keiner langen Dauer sein und nicht zu einer unlimitierten Festlegung
ihrer flüssigen Mittel führen. Vielmehr muß der Staat nach kürzerer
Zeit seine Schulden ablösen, um die Kraft der Notenbank für ihre übrigen
wichtigen Aufgaben nicht allzusehr zu schwächen, und diese Notwendig-
keit zwingt ihn, sich eine andere ergiebige Kapitalquelle zu erschließen.
Für größere Zeitperioden und unbegrenzte Summen ist daher nur eine
fest fundierte Anleihe das gegebene Mittel. Das Volk soll, nach den
ersten Diensten der Notenbank, auch sein Gut für die glückliche und
tatkräftige Durchführung des Krieges bereitstellen und nötigenfalls
opfern. Ist aber die heimische Wirtschaft zu schwach oder nicht ge-
        <pb n="170" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

153

willt, dem Staate ihre finanziellen Güter darzubieten, so wird dieser
sich an das kapitalkräftigere Ausland wenden müssen, um dort durch
Anleihen und Krediteröffnungen die für seine Kriegführung unumgäng-
lich notwendigen Kapitalien zu erlangen. Die Beschaffung des Kapitals
zur Kriegführung ist hiernach auf drei Wegen möglich: durch Noten-
bank, Anleihe im Inlande oder Krediteröffnung im Auslande.

Um nun in den gefahrvollen und an Wechselfällen so reichen Tagen
des Krieges in der Wahl der Mittel nicht behindert oder eingeengt zu
sein, hatte die französische Regierung in der Parlamentssitzung vom
4. August 1914 sich eine Blankovollmacht für ihre künftigen Hand-
lungen erteilen lassen. Sie darf während der Vertagung der Kammern
sich provisorisch eröffnen: „alle ergänzenden und außergewöhnlichen
Kredite, die für die Bedürfnisse der nationalen Verteidigung notwendig
sind, durch von der Regierung zu erlassende Dekrete, die vom Minister-
rat beschlossen und genehmigt worden sind". Ihre Maßnahmen unter-
liegen seitens der gesetzgebenden Körperschaften nur der nachträglichen
Genehmigung.

Schon die Tradition führte den Finanzminister zunächst zur Noten-
bank. Zu ihr hatte das Schatzamt das alte Vertrauen bewahrt, und auch
jetzt wurde, wie in früheren Jahrzehnten, die Bank von Frankreich
zur ausschließlichen Kriegsfinanzierung herangezogen. Es wurde be-
reits unter dem Kapitel „Notenbank" ausführlich dargelegt, wie die
Vorschußpflicht der Bank von Frankreich gemäß den Anforderungen
gesteigert wurde, und wie von Woche zu Woche die Vorschüsse ge-
waltig anwuchsen und in den kürzesten Zeitabschnitten hohe Ziffern
erreichten;

Am 31. Juli	1914	....	205,00	Mill.	Frcs.

,,	1.	Oktober	1914	....	2x00,00	,,	,,

„	15.	Oktober	1914	....	2400,00	„	„

,,	10.	Dezbr.	1914	....	3600,00	,,	,,

„	24.	Dezbr.	1914	....	3900,00	„	„

Dieses rasche Anwachsen m den ersten fünf Kriegsmonaten kann
wenig verwundern, denn die Ausgaben für die Kriegführung wurden
durch die Kosten der Mobilmachung erhöht. Auch späterhin ruhte die
Last der Geldbeschaffung auf der Notenbank, trotz aller Bestrebungen,
neue Kapitalquellen zu erschließen. Hieifür gibt die nachstehende
Tabelle einen kleinen Überblick. Im Laufe der Monate betrugen dann
die Vorschüsse (in Mill. Frcs.):

So vom	1.	August	1914	bis 1. Februar 1915............4100,00

„	1.	Februar	1915	„	x. April	1915.............4800,00

„	1.	April	1915	„	I. August	1915.............6500,00

„	1.	August	1915	„	I. Dezbr.	1915.............7600,00

„	1.	Dezbr.	1915	,,	3°- Dezbr.	1915.............5200,00	(X.	Kriegs-Anleihe)

„	1.	Januar	1916	„	4- Mai	1916.............7600,00

„	4.	Mai	1916	„	6. Juli	1916.............8300,00

„	6.	Juli	1916	„	3. August	1916.............8500,00

Diese Z hlen zeigen das Gesamtbild der Inanspruchnahme während
zweier Kriegsjahre an. Im Dezember 1915 sank die Vorschußsumme
        <pb n="171" />
        ﻿154

Erwin Respondek,

um 2400 Mill. Frcs. Dieser Abbau konnte durch die Eingänge aus der
ersten Kriegsanleihe bewirkt werden. Dann aber mußte die Notenbank
wiederum im alten Umfange ihren Dienst aufnehmen.

Außer diesen direkten Vorschüssen an den Staat leistete die
Notenbank auch Zahlungen für dessen Rechnung an die verbün-
deten und befreundeten Länder. Durch Dekret vom 27. Oktober 1914
wurde dem Finanzminister für die Vorschußgewährung an jene Län-
der ein Kredit von 340,5 Mill. Frcs. eröffnet, von dem an die bel-
gische Regierung 250, an die Serben 90 und der Bank von Monte-
negro 0,5 Mill. Frcs. überwiesen werden konnten. Kurze Zeit da-
rauf erbat auch Griechenland einen Kredit, der durch den Erlaß vom
20. November 1914 in einer Höhe von 20 Mill. Frcs. gewährt worden
ist. Bei diesem durch die Gesetzgebung gebilligten Akt setzte der Finanz-
minister gleichzeitig einen größeren Vorratskredit durch, den er für
die geldbedürftigen kleineren Staaten, aber auch für Rußland in den
nächsten Monaten aufzubrauchen annahm. Es wurde diesen Ländern
ein Staatskredit von 1350,5 Mill. Frcs. als Gesamtsumme zugesprochen.

Nach den bisher zuverlässig bekannt gewordenen Ziffern empfingen
demnach

250,00	Mill.	Frcs.

9°,oo	„	„

o»5°	y,	,,

20,00	,,	„

Belgien...............

Serbien...............

Bank von Montenegro
Griechenland..........

Summe 360,50 Mill. Frcs.

Gesamtsumme des eröffneten Kredits . . . 1350,50	„	„

Restbetrag 990,00 Mill. Frcs.

Diese Vorschüsse konnte die Bank von Frankreich den einzelnen
Staaten nicht direkt leisten, da ein Bankstatut es verbietet, fremden
Regierungen Darlehen zu gewähren. Man wählte daher einen Umweg.
Die französische Regierung diskontiert bei der Notenbank für Rechnung
jener Staaten Schatzwechsel und schafft ihnen auf diesem Wege ein
frei verfügbares Guthaben. Es ist also zu betonen, daß die an Verbün-
dete bewirkten Vorschüsse ausschließlich für Rechnung des französischen
Staates gehen1).

Der seit Ende November 1914 noch unverbrauchte Kredit in Höhe
von 990 Mill. Frcs. soll vornehmlich für künftige Vorschüsse an Belgien
und Rußland bereit stehen. Seit dem n. März 1915 veröffentlicht die
Notenbank in ihrem Bankausweise einen Posten; „diskontierte fran-
zösische Schatzscheine als Staatsvorschuß an die fremden Regierungen“,

J) K ö p p e , a. a. O., S. 738, stellt einen anderen Weg dar. Nach ihm hat Frankreich
sich mit England und Rußland dahin geeinigt, „alle von ihnen an verbündete oder be-
freundete Länder gewährten Vorschüsse gemeinsam zu tragen.“ Weiterhin würden die Vor-
schüsse durch ein Finanzkonsortium für Rechnung der französischen Regierung ausgezahlt.
Die 630,00 Mill. Frcs. Schatzscheine, die von der Notenbank bis zum 24. Dezember 1915
diskontiert und deren Erlös zu diesen Vorschüssen an die verbündeten Staaten verwandt
wurde, gingen nach der Darstellung von Koppe durch das Finanzkonsortium. Diese
abweichende Berichterstattung beruht auf der Benutzung verschiedener Quellen. Der im
Text dargelegte Modus wird nach den Angaben französischer Quellen geschildert.
        <pb n="172" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

155

in dem diese noch freien Vorschußsummen verbucht werden. Eine
Spezifikation dieses Postens, wonach zu erkennen wäre, welche Staaten
und in welcher Höhe sie an diesem Diskontkredite beteiligt sind, ist
nicht zu ermitteln.

Sie beliefen sich in der Gesamtsumme am:

n. März 1915 auf.......... 71,40	Mill.	Frcs.

29. Juli 1915 auf.........310,00	„	„

31. März 1916 auf.........890,00	„	„

27.	Juli 1916 auf........1179,00	„	„

28.	August 1916 auf......1345,00	„	„

Das Schatzamt stützte sich also während der ganzen Kriegszeit in
einem nicht geringfügigen Umfange auf die Zentralnotenbank. So-
weit es in den ersten Kriegsmonaten die Bank von Frankreich vollends
für sich in Anspruch nahm und mit ihren Vorschüssen Krieg führte,
kann ihm hieraus kein Vorwurf gemacht werden. Denn die Vorbe-
dingungen für die Auflage einer Kriegsanleihe waren in den ersten
Kriegsmonaten nicht gegeben. Das Nationalvermögen der französi-
schen Republik ist unter die weitesten Kreise der Bevölkerung ver-
teilt. und große Kapitalien sind nur in wenigen Händen konzentriert.
Diese Zersplitterung bildet zwar eine gewisse nationale Stärke des
Landes, ist aber für die erfolgreiche Durchführung großer Anleihe-
Transaktionen, die auf dem Subskriptionswege aufzubringen wären,
durchaus hinderlich. Die großen, von wenigen Händen geleiteten Ver-
mögen sind vielfach im Auslande oder werden von dort aus verwal-
tet, und die Besitzer mittlerer Vermögen haben in den politischen Kri-
sen der letzten Jahre große Verluste — vor allem an ausländischen
Werten — erlitten und halten sich seit längerer Zeit vom Anleihemarkt
fern. Hierzu kommt, daß die regelmäßigen Eingänge von Zinsen, Kou-
pons und Dividendenscheinen aus den ausländischen und zum großen
Teil auch der inländischen Effekten ausbleiben, und dieser hohe Ausfall
konnte leicht die Annahme hervorrufen, daß die Kapitalien wohl ver-
loren sein werden. Sie wurden ja von den Kriegführenden in Festungen,
Munition, Kriegsgerätschaften aller Art, so vor allem in Rußland, Balkan,
Belgien angelegt und sind nun entweder vernichtet oder in den Händen
des Feindes. Der scharfe Rückgang der 3 % Rente, die hohen Kurs-
stürze der französischen Eisenbahn-Obligationen und Aktien sind auch
nur geeignet, Furcht und Argwohn der Kapitalisten zu stärken. Schließ-
lich ist noch das laufende Einkommen infolge des gestörten Wirtschafts-
lebens geringer oder zum Teil gänzlich fortgefallen. Die Kreditbanken
waren mit ausländischen Effekten überladen und zahlungsunfähig.
Ein nicht zu unterschätzender Faktor für die Möglichkeit und den Er-
folg einer Anleihe-Auflegung liegt im Vertrauen des Volkes zum Staate.
Aber das siegreiche Vordringen des Feindes im eigenen Lande war eher
geeignet, der Bevölkerung den Glauben an den eigenen Sieg zu er-
schüttern oder gar vollends zu nehmen, als etwa Vertrauen zur Regie-
rung einzuflößen. Sollte es aber dennoch gelungen sein, den Patriotis-
mus des Volkes zu erwecken, damit er sich auch auf den finanziellen
        <pb n="173" />
        ﻿Erwin Respondek,

156

Opfermut erstreckt, so wäre wiederum das unglücklich gefaßte Mora-
torium, das insbesondere in der ersten Zeit alle Kapitalien festkgtc,
ein unüberwindliches Hindernis. So sprachen in der Tat alle Faktoren
gegen die Auflage einer Kriegsanleihe. Es schien in den ersten Kriegs-
monaten, daß die Finanzierung des Krieges mit Mitteln des Volkes
sich nicht durchführen lassen würde.

Bald wurde jedoch mit der Größe des Kampfes auch der Umfang
der finanziellen Erfordernisse erkannt, und der Finanzminister mußte
rechtzeitig für eine Unterstützung der Bank von Frankreich Sorge
tragen. Er suchte zunächst eine Anleihe-Emission zu umgehen und auf
Umwegen sein Ziel zu erreichen. Trotz der wenig günstigen Lage und
der vielen Faktoren, die eher gtgen als für ein solches Beginnen sprachen,
wandte sich der Finanzminister dennoch direkt an das Volk, und zwar
mit einer ebenso neuartigen wie originellen Operation.

Das Schatzamt hatte das Recht, Schatzscheine bis zu einer Höhe
von 940 Mill. Frcs. auszugeben. Von ihnen waren bis zum 14. Sep-
tember 1914 nur 350 Mill. Frcs. in Zirkulation. Mehr konnten die alten
Kunden des Tresors nicht abnehmen, da ihre Kapitalquellen sich durch
die gegenwärtigen Zustände verschlossen. Ein Wechsel in den alten
Traditionen und Gewohnheiten lag daher sehr nahe. Am 13. September
1914 dekretierte die Regierung, daß ihre Schatzscheine, „Bons du Tresor“,
die früher nur an Banken, Handelskammern und andere Korporationen
abgegeben werden durften, nunmehr auch dem Volke zugänglich zu
machen sind. Dieser Appell an die weite Öffentlichkeit, an das Volk,
erwies sich als eine glückliche Wendung.

Die neuen Kriegsschatzscheine erhielten einen besonderen Titel und
zwar den Aufdruck: „Bons de la defense nationale“. Sie lauten
auf Abschnitte von 100, 500 und 1000 Frcs., ihre Laufzeit ist für jede
Gattung auf 3, 6 und 12 Monate festgelegt und mit 5 % verzinslich.
Die Zinsen zahlt der Staat im voraus, da sie beim Ankauf der „National-
Verteidigungswechsel“ vom Kurs sofort abgeschlagen werden. Am
21. Dezember 1914 wurde der Zins auf 4 % herabgesetzt. Außerdem
trug das Schatzamt zur Beweglichkeit des Besitzes dadurch bei, daß es
die National-Verteidigungswechsel auf den Inhaber stellte. Daneben
konnten die Kapitalisten und Sparer die neuen Schatzwechsel auch
in der Form eines Orderpapiers erhalten. Und dies zu allen Summen
und den vorgeschriebenen 3 Arten von Laufzeiten. Bei ihrer Emission
setzte sich die Regierung eine Grenze, bis zu der sie National-Verteidi-
gungs-Wechsel absetzen wollte. Ihre Umlaufsgrenze wurde aber den
Bedürfnissen der Kriegslage entsprechend allmählich erhöht. So erfuhr
die Kontingentierung im Laufe der Zeit die nachstehenden Verände-
rungen und Erhöhungen:

Emissionsrecht der Schatzscheine:

bis zum Kriegsausbruch................940,00 Mill. Frcs.

erhöht durch:

Dekret vom 3. Dezember 1914 auf .... 1400,00 Mill. Frcs.

„	„	15. Januar 1915 auf.......3500,00	„	„
        <pb n="174" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

157

Dekret vom	27.	März 1915 auf...............4500,00	Mill.	Frcs.

„	„	8.	Mai	1915 auf................6000,00	„	„

„	„	?	Juni	1915 auf...............7000,00	„	„

Rückzahlung der fälligen Wechsel bzw. deren Umtausch in neue
Abschnitte vollzieht sich Zug um Zug an den öffentlichen Kassen,
d. h. bei dem Schatzamt, den Verwaltungskassen und Postanstalten. Alle
Bons werden bei Verfall zu Pari zurückgenommen und genießen a priori
Vorzugsrechte bei Subskriptionen von künftigen Anleihen.

Die National - Verteidigungswechsel stellten für die unsichere
Lago der ersten Kriegsmonate eine durchaus lohnende und vor allem
vom Gesichtspunkt ihrer Realisierbarkeit aus eine brauchbare, beweg-
liche Kapitalsanlage dar, und ihr Zukunftswert war, dank des einge-
räuraten Vorzugsrechts für künftige Anleihen, gesichert und gut. Die Ver-
zinsung ist nominell 5 %. Auf 100 Frcs. Werden jedoch nur 95 Frcs. ein-
gezahlt, so daß sich der Zinsfuß in Wirklichkeit auf 5% % erhöht. Die
kurze Laufzeit, 3, 6 oder xz Monate, ist ganz dem Empfinden und den
Wünschen des einzelnen angepaßt. Er kann je nach der Kriegslage und
den eigenen Bedürfnissen seine Kapitalien für kürzere oder längere Zeit,
also in recht beweglicher Form dem Staate vorschießen. Zweifellos ist der
Typ, der eine verdeckte, kurzfristige Anleihe sein soll, glücklich gewählt
und durch die zahlreichen Variationen in Summe, Laufzeit usf. durchaus
geschmeidig. Die Presse entfaltete eine äußerst rege Propaganda, in der
sie botonte, daß der Kauf der Verteidigungs-Wechsel nicht nur aus patrio-
tischen, sondern auch aus kapitalistischen Gründen geboten ist. Die
Banken Verkündeten, daß sie an Stelle des durch das Moratorium angeord-
neten Limits eine höhere Auszahlung zum Zwecke des Ankaufs der Natio-
nal-Verteidigungs-Wechsel effoktuieren werden, so z. B. im September
an Stelle der dekretierten 20 % etwa 40 % oder 50 %x). Trotz aller Be-
strebungen und der Devise der nationalen Verteidigung weist der Absatz
der Schatzscheine, die der Volksmund nach dem Finanzminister R i b o t
kurz „Ribotins“ nennt, einen nur geringen Erfolg auf. Das Schatzamt
gab daher auch nur wenige Ziffern über die zirkulierenden Schatzwechsel
bekannt. Lediglich bei den Erhöhungen der Emissionslimite machte der
Finanzminister der Kammer einige Angaben.

Vom 15. September 1914, dem ersten Emissionstage, bis zum 5.
Oktober waren 217,8 Mill. Frcs. der Verteidigungs-Wechsel abgesetzt
und zwar* 2):

in	der	Zeit	vom	15.—20.	September.........51,5	Mill.	Frcs.

„	„	„	„	21.—25.	September..........49,4	„	„

„	„	„	„	26.—30.	September..........51,5	„	»

„	„	„	„	i.—5-	Oktober.............65,4	„

Insgesamt 217,8 Mill. Frcs.

1)	Vgl. Koppe, a. a. O. S. 741, der die Erschwerung des Absatzes auf das Bank-
moratorium zurückführt.

2)	L’Economiste Franpais, No. 40, 30. Oktober 1914, S. 376.
        <pb n="175" />
        ﻿158

Erwin Respondek,

Überaus interessant ist die Gliederung der Gesamtsumme nach
der Laufzeit der „Ribotins“. Es entfielen von dieser ersten Summe auf
3 Monats-Schatzscheine . . . . n8,8 Mill. Frcs.

6	»	»	........33.7	„	„

12	”	” ...............65,1	„	„

d. h. also über 50 % des bereitgestellten Kapitals wurden in den mit
der kürzesten Laufzeit versehenen, bei der Notenbank rediskontier-
baren Schatzwechseln angelegt. Von Monat zu Monat stieg der Absatz
weiter und erreichte

Ende November gegen ................ 700,00 Mill. Frcs.

Mitte Dezember gegen................1050,00 „	„

am 21. Januar 1915..................2700,00 „	„

worunter der Absatz in den warenliefernden Ländern einbegriffen ist.
Der Verkauf erfolgte nach England und Amerika, die ihre Waren- und
Munitionslieferungen zunächst mit diesen National-Verteidigungs-
Wechseln beglichen erhielten. Im Januar wurden in England für 10 Mill.
Pfund Sterling = 255 Mill. Frcs. untergebracht, die entweder von den
Gläubigern direkt angenommen und behalten wurden oder zur Bank
von England zum Rediskont weiter wanderten.

In den folgenden Monaten ging die Absatzkurve immer noch steil
aufwärts. Sie erreichte

am 5. März 1915.................................... 3542,00 Mill. Frcs.

Hiervon waren in Frankreich abgesetzt 3187,80 Mill. Frcs.

„ England	„	302,60 „	„

„ Amerika	„	51.80 „	„

Am 30. April waren emittiert;

in Frankreich....................... 4337.9°	Mill.	Frcs.

„ England..........................302,60	„	„

„ Amerika..................... . . .	207,3°	..	..

Insgesamt 4847,80 Mill. Frcs.

Anfang Juli zirkulierten...................5140,00	„	„

Am 31. Juli X9151):

in Frankreich...........6468,00	„	„

„ England u.	Amerika .	490,00	6958,00	„	„

Nach den Angaben, die der Finanzminister in der Kammersitzung
vom 26. November 1915 machte, zirkulierten am 31. Oktober 1915
von den National-Verteidigungs-Wechseln:

in Frankreich...................8353,00	Mill.	Frcs.

„ England und Amerika...........1165,00	„	„

Insgesamt	9518,00	Mill.	Frcs.

Am 13. Januar 1916 waren nach R i b o t, Kammersitzung vom
13. Januar 1916, in Frankreich und verbündeten Staaten 8900 Mill. Frcs.
National-Verteidigungs-Wechsel verkauft.

h Mitteilung des Finanzministers Rib ot in der Kammersitzung vom 5. August 19x5.
        <pb n="176" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

159

Trotz der mannigfachen Vorteile und der steten Anregungen der
Regierung und Presse ging der Verkauf der National-Verteidigungs-
Wechsel in den ersten Monaten nach ihrer Auflage nur äußerst schlep-
pend vor sich. Es machte sich in den Kreisen der Käufer eine gewisse
Abneigung gegen die Schatzwechsel breit. Man führte an, daß die in so
kurzen Zeitabschnitten zu erneuernden Schatzwechsel dem Kapitalisten
viel Arbeit verursachten! Dieser kann und will sich nicht alle 3 oder 6
Monate mit der Anlage seiner Gelder beschäftigen! Er wünscht viel-
mehr seine Kapitalien zu einem hohen Zinssätze für eine längere Zeit
fest und sicher unterzubringen. Die Regierung verfolgte diese Erschei-
nungen mit Aufmerksamkeit. Auch ihr war es natürlich lieb, ein längeres
Ziel in der Kreditgewährung zu erhalten. Aus den bereits dargelegten
Gründen war es ihr aber immer noch nicht möglich, eine feste Anleihe zu
emittieren, zumal die 3% % Rente, die gegen 30 Milliarden Frcs. aufs
Papier und etwas über 350 Mill. Frcs. aufs Brett brachte, ein genügendes
Warnungszeichen darstellte. Hier griff wiederum die geschickte Hand
des Finanzrainisters R i b 0 t ein, um eine Brücke für die gegenteiligen
Interessen zu schlagen. Und abermals ist seiner Schöpfung ein glück-
licher und origineller Zug eigen. Das Gesetz vom 10. Februar 1915
autorisierte den Minister zur Ausgabe von ,,5 % steuerfreien 10jähri-
gen National-Verteidigungs-Obligationen, spä-
teste Verfallzeit 1925“.

Der Zins der neuen „Obligations de la defense nationale" wird auf
den Nennbetrag berechnet und ist halbjährlich am 16. Februar und
16. August eines jeden Jahres im voraus zahlbar. Der Emissionskurs
ist 96% %i abzüglich der Zinsen für die noch nicht abgelaufene Zeit
des ersten Semesters, sofern die Einzahlung sofort erfolgt. Sie sind spä-
testens am 12. Februar 1925 rückzahlbar. Es steht jedoch dem Schatz-
amte frei, die Tilgung nach dem 16. Februar 1920 zu jedem Zeitpunkte
zu Pari vorzunehmen unter Verrechnung der ersparten Zinsen. Einer
Steuer unterliegen die Obligationen für die ganze Dauer ihrer Laufzeit
nicht. Es steht jedem Besitzer frei, sie weiter zu begeben, da sie ent-
weder auf den Inhaber oder auf Order ausgestellt sind. Auch ihnen
wurde ein weitgehendes Vorzugszeichnungsrecht eingeräumt. Für jede
künftige Anleihe des Staates, die vor dem 1. Januar 1918 emittiert
werden sollte, können sie zum Emissionskurs, also zu 96%%, in Zahlung
gegeben werden, zuzüglich der bis dahin bereits erworbenen Rück-
zahlungsprämie (Differenz zwischen dem Emissionskurs und Parirück-
zahlungspreis für die verflossene Zeit berechnet), jedoch abzüglich der
im voraus bezahlten, laufenden Zinsen für das betreffende Semester.
Die Obligationen zerfallen in Abschnitte zu 100, 500 und 1000 Frcs.
Wie früher festgestellt wurde, haben die Inhaber der gezeichneten Na-
tional -Verteidigungs -Wechsel ein Vorzugs - Zeichnungsrecht, und sie
können ihre Titel zu Pari unter Abzug der im voraus vergüteten Zinsen
in Zahlung geben. Schließlich werden auch die bis zum 31. Januar
1915 vollgezahlten Stücke der 3% % Rente zu ihrem Emissionskurse,
        <pb n="177" />
        ﻿i6o

Erwin Respondek,

91 %, zuzüglich laufender Zinsen als Gegenwert für die gezeichneten
Obligationssummen in Zahlung genommen.

Die Ausgabe der National-Verteidigungs-Obligationen begann am
25. Februar 1915. Zeichnungen werden bei allen Steuerkassen, son-
stigen öffentlichen Staatskassen, Postanstalten, sowie an den Schaltern
der Bank von Frankreich entgegengenommen. Der Gegenwert hat
sofort bei der Subskription geleistet zu werden und zwar in Bargeld,
Banknoten, Giroüberweisungen durch die Notenbank, National-Ver-
teidigungs-Wechseln oder Titeln der 3%% Rente. Eine bare Auszahlung
der Spitzen bei Zeichnungen über 500 Frcs. erfolgt nicht, sondern es
ist ein höherer Nominalbetrag unter barer Zuzahlung des Mehrbetrages
zu zeichnen.

Den Inhabern der 3% % Rente ist das Recht eingeräumt, ihre
Titres gegen die neuen Obligationen umzuwechseln. Diese Trans-
aktion bringt dem Schatzamt natürlich keinen Zufluß neuer Kapita-
lien, aber sie hat den einen Vorteil, daß die verunglückte 3 % %
tilgbare Rente aus der Welt geschafft wird. Auch die Ausübung des
Umtauschrechtes durch die Käufer der National-Verteidigungs-Wechsel
führt der Finanzverwaltung keine neuen Mittel zu. Hier hat der Staat
lediglich die Gewißheit, daß ihm die nur für kurze Zeit vorgestreckten
Kapitalien jetzt durch die Obligationen für 7—8 Jahre fest und unkünd-
bar zur Verfügung stehen.

Dagegen sind es zwei Momente, die den National-Verteidigungs-
Obligationen einen ganz charakteristischen Zug der schweren Zeit für
die Finanzlage des Staates verleihen. Einmal die scharf betonte Steuer-
freiheit und dann die Zahlung des Anleihe-Zinses im voraus. Alle bisher
in Frankreich emittierten Anleihen unterlagen einer Steuerabgabe,
die natürlich letzten Endes die Zeichner tragen mußten. Nunmehr
verzichtet aber die Regierung auf diesen Vorteil und nimmt hier den
Subskribenten eine Last ab. Der Bruch mit den alten Traditionen
konnte auch nicht ohne Wirkungen auf die alten Renten bleiben. Sie
gaben im Kurse nach, außer der 3% % tilgbaren Rente, die durch ihr
Vorzugsrecht gesucht wurde.

Die zweite Bedingung, unter der die französische Regierung ge-
zwungen war, ihr neues Staatspapier zu emittieren, ist in der modernen
Finanzgeschichte bisher ohne Beispiel geblieben. Ein finanziell führender
Staat verpflichtet sich, die Zinsen für ein Darlehen pränumerando zu
zahlen 1 Es geschieht oft, daß einer exotischen Regierung, deren Zah-
lungsfähigkeit und -willen nicht einwandfrei sind, vom Emissionshause
aus Sicherheitsgründen die Zinsen für mehrere Semester zurückbehalten
werden, jedoch in aller Stille, um den geldbedürftigen Staat auf dem Welt-
märkte nicht in Mißkredit zu bringen. Der Entschluß Frankreichs,
den Zinsendienst im voraus zu leisten, muß daher sehr überraschen

Hoher Zins, niedriger Ausgabepreis und das Vorzugszeichnungs-
recht für künftige Anleihen gewähren den Obligationären die weit-
gehendsten Vergünstigungen. Die effektive Verzinsung ist unter Ein-
        <pb n="178" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

161

Schluß dieser Vorteile auf etwa 5,7 % zu veranschlagen. Bei einer
Kalkulation dieses effektiven Zinses sind die folgenden Faktoren in Er-
wägung zu ziehen.

Der Emissionskurs ist g6% %• Bei sofortiger Einzahlung erhält
der Zeichner für das erste Semester 1915, also die Zeit vom 16. Februar
bis 16. August 1915, 2,50 Frcs. Zinsen im voraus vergütet.

5 % Zinsen auf die Marge vom Emissionskurs 96,50 und Nominal-
kapital 100 gleich 3,50 Frcs., ergeben ein Plus am Jahreszins von 0,175 %.
Der Halbjahreszinsgewinn auf 2,50 Frcs. der im voraus gezahlten Zinsen
ist 0,025 %, so daß der effektive Jahreszinssatz auf 5,20 % steigt. Zu
diesem Jahreszins kommt der Zuschlag der Rückzahlungsprämie.

Das Benefizium der Rückzahlungsprämie ist prozentual insoweit
schwer zu kalkulieren, als der Zeitpunkt der Rückzahlung nicht fest-
steht. Die Amortisation kann nach den Emissionsbedingungen frühe-
stens nach 5 Jahren, spätestens nach 10 Jahren erfolgen.

Angenommen, die Rückzahlung wird nach 5 Jahren effektuiert,
dann empfängt der Inhaber der Obligation für

gezahlte 94,50 Frcs...............100,00 Frcs. = + 3,50 Frcs.

abzüglich der im voraus gezahlten Zinsen % Jahr . = —0,25 „
somit ist der Amortisationsgewinn für 5 Jahre ...=-)- 3,25 Frcs.

„ 1 Jahr ,.,&lt;=+ 0,65 „

Zum effektiven Jahreszins von 5,20 % zugeschlagen, ergibt dies
einen durchschnittlichen Jahreszins von 5,85 %. Erfolgt die Rückzah-
lung nach 10 Jahren, dann empfängt der Inhaber der Obligation für

gezahlte 94,50 Frcs...............100,00 Frcs. = -f- 3,50 Frcs.

abzüglich der im voraus gezahlten Zinsen für y2 Jahr = —0,25	„

somit ist der Amortisationsgewinn für 10 Jahre ..=-(- 3,25 Frcs.

„	1 Jahr . . = + 0,30	„

d. h. ein durchschnittlicher Jahreszins von 5,50%.

Wenn man nun eine durchschnittliche Laufzeit von 7—8 Jahren
veranschlagen darf, so ergibt dies einen durchschnittlichen Jahreszins-
satz von 5,70 %. Außerdem birgt die Aussicht des Umtausches bereits
erworbener Obligationen in zukünftige feste Anleihetitel gleichfalls jetzt
noch nicht erfaßbare Vorteile in sich.

Nach Fassung der Ausgabe, Typ, Amortisation u. a. kann die
Ausgabe der 10 jährigen National-Verteidigungs-Obligationen als ein
efster Versuch angesehen werden, die schwebenden Schulden der Finanz-
verwaltung für eine gewisse Zeit zu konsolidieren. Aber diese Absicht
ist bei dem geringen Zeichnungserfolg nicht vollkommen zu erreichen.
Nach den jeweiligen Berichten des Finanzministers in der Kammer
sind geringe Zeichnungsergebnisse zu beobachten, wobei auch bei den
National-Verteidigungs-Obligationen das Schatzamt die Emissionsgrenze
nicht starr festsetzte, sondern ähnlich wie bei den Schatzwechseln je
nach der Lage erhöhen ließ.

Respondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

II
        <pb n="179" />
        ﻿IÖ2

Erwin Respondek,

Der Absatz der neuen Obligationen ging nicht so glatt vor sich,
wie es allgemein erhofft wurde. Es wurden gezeichnet:

Vom 27. Februar bis 17. März 1915 durch Konversion der

3/4 % Rente und Ribotins...........................936,00

durch bar..............................................124,00

Bis Ende April 1915 durch Konversion der 314% Rente 781,00
durch direkte Subskription und Konversion der Ribotins

ab 27. Februar................................... ■ . 969,00

im Monat Mai.............................................231,00

„	„ Juni..........................................• 392,00

„	„ Juli.......................................... ■ ■ 322,00

Bis 31. Juli 1915 insgesamt

1060,00 Mill. Fros.1)

1750,00

945,00	„

2695,00 Mill. Frcs.

Am 31. Oktober 1915 waren nach einer Mitteilung des Finanzministers
in seiner Kammerrede vom 26. November 1915 = 3659 Mill. Frcs. ab-
gesetzt. Hierunter fallen Barzeichnungen und Konversionen von National-
Verteidigungs-Wechseln in Höhe von 2739 Mill. Frcs.

Nach Mitteilung von R i b 01 in der Kammerrede vom 13. Januar
1916 waren bis zu diesem Tage 3824 Mill. Frcs. abgesetzt.

Die Ergebnisse der Zeichnungen sind, nach diesen Ziffern zu urteilen,
keineswegs als „durchaus zufriedenstellend“ zu bezeichnen, wie es der
Finanzminister in seinen Kammerreden immer anzuführen pflegte.
Unter Berücksichtigung der konvertierten Summen ist die Beteiligung
der baren Zeichner vielmehr als höchst mangelhaft anzusprechen. Worin
die Zurückhaltung der großen und kleinen Kapitalisten ihren Grund
haben mag, ist nicht ersichtlich, da die Obligationen ein reicher Kranz
von Vergünstigungen für die Gegenwart und Zukunft umgibt. Die
Einwände, daß die Obligationen zu geringe Haussechancen für die
Börsenspekulation haben, wie sie aus manchen Kreisen angeführt
wurden, sind nicht stichhaltig. Man vergißt mit Unrecht, daß ein Vor-
zugszeichnungsrecht für künftige Anleihen doch die besten Haussechancen
in sich birgt und eine ebenso hohe Vergünstigung darstellt, wie der
Ekart zwischen Emissionskurs und Parirückzahlungskurs. Es mag aber
vielleicht daran gelegen haben, daß die National-Verteidigungs-Obli-
gationen nicht auf den Rentenmarkt an der Börse eingeführt wurden.
Eine offizielle Notiz im Börsenhandel hätte möglicherweise die Speku-
lation angereizt, lebhaftere Käufe in den Schatzobligationen vorzu-
nehmen und wäre auch für das anlagesuchende Publikum vorteilhafter
gewesen. Einmal sehen die Kapitalisten und Sparer einen täglichen
Kurs und dürften so das beruhigende Gefühl gewinnen, jederzeit in der
Lage zu sein, im Falle des Bedürfnisses realisieren zu können. Gegen

9 Vgl. dagegen Koppe, a. a. O. S. 745. Zeichnungen auf N. V.-Obligationen
für die Periode bis zum 21. März:

Durch Umtausch der 3Y2% Rente ....	575,00 Mül. Frcs.

„	„ von N. V.-Wechsein . . .	153,00	„	„

demnach durch bare Zeichnungen........332,00	,,	„

Insgesamt 1060,00 Mill. Frcs.

Ribot gab als Barzeichnungssumme nur 253,00 Mill. Frcs. an.

1
        <pb n="180" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

163

«ine Notiz an der Börse sprachen andererseits gewisse Bedenken zu-
gunsten des Schatzamtes. Übrigens ist die Beweglichkeit der Obligationen
in Grenzen gewährleistet, da die Bank von Frankreich diese Titel be-
leiht. Große Schwierigkeiten für eine erfolgreiche Anleihezeichnung
dürften dagegen weniger in dem unglücklichen Moratorium liegen, ob-
wohl nicht verneint werden kann, daß die einengenden Beschränkungen
des Wechselmoratoriums einer gewaltsamen Erstickung des Wirtschafts-
lebens gleichkamen. Während, im Augenblicke des Kriegsausbruchs,
Deutschland und England die Zahlungen aller Schulden garantierten,
legte Frankreich durch seine Moratoriumserlasse die Gelder seiner
Kapitalisten und Sparer fest. Hierzu kam, daß mit Hilfe dieses
Gesetzesaktes nun bald gewandte Geschäftsmänner eigenartige Ver-
hältnisse zwischen Staat und beschütztem Schuldner konstruierten,
die einer näheren Ausführung bedürfen. Die Schuldner, sei es, daß
sie wechselmäßig haften oder Warenschulden haben, sind verpflichtet,
ihren Gläubigern 5 % Verzugs- oder Aufschubszinsen für ihre Verpflich-
tungen zu zahlen. Diese Abgabe stellt zunächst für sie eine Belastung
dar. Nunmehr aber emittiert der Staat seine hochverzinslichen National-
Verteidigungs-Wechsel und -Obligationen. Die letzteren haben, wie
berechnet wurde, einen Jahreszins von durchschnittlich 5,70 %. Legt
nun der in der Zwischenzeit vielleicht wieder vollkommen zahlungsfähig
gewordene Schuldner die gesetzlich gestundete Summe in Obligationen
an, anstatt seine Verpflichtungen abzudecken, so erzielt er einen immerhin
ansehnlichen Zinsgewinn —mit fremdem Gelde. So bietet die Emission
der National-Verteidigungs-Obligationen für den gewandten Kaufmann
auf Kosten des Staates eine Gelegenheit für gute Geschäfte. Für den
Staat bedeutet dieses Spiel mit fremdem Gelde eine Gefahr. Er hat
als Zeichner und endgültige Gläubiger nicht die Eigentümer jener
blockierten Kapitalien, sondern nur deren zeitlichen Besitzer. Bei einem
Rückschlag in der militärischen oder wirtschaftlichen Konjunktur
werden ihn diese Gelegenheitskapitalisten im Stiche lassen und die
Rückzahlung fordern. Bei der zukünftigen, notwendigen Abschaffung
des Moratoriums hat er gleichsfalls den gefährlichen, hohen Abfluß
dieser Kapitalien in Rechnung zu stellen und so eine Entblößung des
Staatsschatzes zu befürchten, vielleicht zu einer Zeit, die für seine Finan-
zen gerade nicht günstig ist. Es gäbe nun eine Möglichkeit, diesem Ver-
fahren zu begegnen, die in Frankreich angeregt wurde. Das Moratorium
wäre zu ungunsten aller derjenigen aufzuheben, die mit Mitteln ihrer
Gläubiger National -Verteidigungs - Obligationen gekauft haben. Als-
dann könnte der Staat diese Summen in seine Kassen führen, d. h.
eine Umschreibung in seinen Büchern bezüglich der Gläubiger vornehmen.
Dann hat er zu seinen Gunsten die ursprünglichen Kapitalisten als
endgültige Gläubiger. Aber dieses Projekt praktisch zu realisieren, dürfte
auf große Schwierigkeiten stoßen. Es würde in das Selbstbestimmungs-
recht der Wirtschaftenden tief einschneiden, Unmut erzeugen und un-
redliche Bestrebungen mancher Kreise hervorrufen, die eine Umgehung
        <pb n="181" />
        ﻿164

Erwin Respondek,

des Zwanges zu ihrem Vorteil ermöglichen. Aus allen diesen Komplika-
tionen die richtige Lösung zu finden, ist nicht leicht, wenn der Staat
nicht den Weg der generellen Aufhebung des Moratoriums beschreiten will.

Nach den Mitteilungen des Finanzministers R i b o t im Senat
vom 5. August 1915 zirkulierten in Frankreich und im Auslande unter
Einschluß aller Konversionen und Barzahlungen am 31. Juli 1915, d. h.

nach etwa 10 Monaten:

National-Verteidigungs-Wechsel...........6958,00 MiU. Frcs.

„	„	Obligationen........2695,00	„	„

Zusammen 9653,00 MiU. Frcs.

Der Erlös aus dieser doppelten Anleiheform ist höchst gering-
fügig, namentlich wenn in Betracht gezogen wird, daß für die Sparer
und Kapitalisten jeder Tag ein Zeichnungstag ist, an dem sie die jeweilig
freien Gelder dem Staate durch den Ankauf jener National-Verteidigungs-
Wechsel oder -Obligationen hingeben können. Um eine lebhaftere Zu-
fuhr von Kapitalien zu erreichen, war das Schatzamt bestrebt, eine rege
Propaganda mit Hilfe der Presse, Schule und Kirche zu entfesseln.
Aber kein Mittel löste eine höhere Beteiligung aus und vermochte den
Kauf jener neuen Titel zu beleben. Auch die unermüdliche und intensiv
betriebene Werbetätigkeit der Presse, die zu gleicher Zeit eine eindring-
liche Belehrung über die mannigfachen Vorteile gab, die der Ankauf
von National-Verteidigungs-Wechseln und -Obligationen in sich birgt,
konnte das Ergebnis nicht im ersehnten Ziele beeinflussen. Ganz ent-
schieden wurde von der „finanziellen Dienstpflicht“ der Zurückge-
bliebenen gesprochen, eine hohe und schnelle Zeichnung dem blutigen
Kampfe auf den Schlachtfeldern gleichgestellt. Der „Temps“ schrieb:
„Es ist Pflicht, diese Noten in Schatzscheine umzuwandeln, entweder
in 5 % Schatzwechsel mit vorheriger Zinszahlung oder in 5 % Obliga-
tionen mit vorheriger Zinszahlung und Rückzahlungsprämie. Weder
die einen noch die anderen unterliegen der Steuer; sowohl die einen als
auch die anderen werden zu den künftigen Anleihen zugelassen. Jeder
Zeichner vollführt die Handlung eines guten Franzosen1).“ Der Heraus-
geber des L’Economistc Frangais“ wendet sich in flammenden Worten
an seinen Leserkreis mit der Aufforderung zur Zeichnung der Schatz-
scheine. In seinen Aufrufen hält er die Notwendigkeit und die Vorteile
einer reichlichen Zeichnung vor Augen. So z. B. schreibt er wörtlich:1 2)

„. . . . jener Sieg, unsere Helden werden ihn uns geben. Aber es
liegt in unserer Hand, seine schnelle Verwirklichung zu begünstigen.
Keine Armee ohne Proviant, kein Proviant ohne Geld im Schatzamte.
Zeichnet daher immer und immer wieder die Bons und Obligationen,
dann die große nationale Anleihe. (Bereits hier der Hinweis auf die
projektierte Anleihe.) Die Stunde des Zögerns ist vorüber. Frankreich,
dessen finanzielle Macht die Bewunderung der Welt erregt, muß seiner

1)	Temps 12. August 1915.

2)	a. a. O. 13. November 1915, S. 651.
        <pb n="182" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

165

selbst würdig bleiben. Am Tage, wo die Anleihe angekündigt wird, wird
sie einen einzigartigen Erfolg darstellen. Wir brauchen den Sieg auf
dem finanziellen Schlachtfelde wie auf dem anderen Schlachtfelde. Wir
brauchen ihn vollkommen und unwiderstehlich“.

Alle diese Bestrebungen und Arbeiten für einen guten Absatz der
kurzfristigen Staatspapiere blieben ohne nennenswerten Erfolg. Die
Schatzscheine brachten nicht die erhofften Mittel in der erforderlichen
Höhe.

Schließlich wandte sich der Staat noch an die kleinsten aller
Rentner, die Centimes-Kapitalisten in den kleinen Städten und Dörfern.
Man ging offenbar von der richtigen Überlegung aus, daß es diesen
kleinen Sparern unmöglich ist, auf einmal 100 Eres, in National-Ver-
teidigungs-Wechseln oder -Obligationen anzulegen. Dennoch wollte man
auch bei ihnen den Willen zur finanziellen Opferbereitschaft voraus-
setzen. Die Regierung suchte daher diese Gelder an sich zu ziehen.
Sie knüpfte hierbei an die bereits bestehenden Typen an und emittierte
durch Dekret vom 20. August 1915 ein den National-Verteidigungs-
Wechseln parallel laufendes Papier, die „Bons de la defense na-
tionale, au porteur, ä un an.“

Diese Schatzscheine lauten auf Abschnitte von 20 und 5 Eres. Sie
sind auf den Inhaber gestellt, also leicht übertragbar und verfallen
nach einem Jahr. Ihre Verzinsung ist mit 5 % gesichert und wird nach
der Verfallzeit gezahlt. Wenn sie also nach einem Jahre nicht umge-
wechselt werden, empfängt der Inhaber eines

20 Frcs.-Bons................8 ctms.

5 Frcs.-Bons................2	„

Erreicht der Sparer durch steten Ankauf runde Summen, z. B. rooFrcs.,
so steht ihm das Recht zu, die Bons zum Nennwert in Obligationen
jederzeit umzutauschen. Das Bemerkenswerte an diesen kleinsten ver-
zinslichen Schatzscheinen ist ihre ungemein leichte Beweglichkeit. Sie
tragen einen Verkehrscharakter, wie er nur noch den Banknoten inne-
wohnt, der durch den 5 und 20 Eres.-Nennwert und die Ausstattung
mit der Inhaberklausel zur Volkstümlichkeit leicht erhoben werden kann.
Koppe weiß über ihre Beliebtheit und ihren Erwerb durch die Volks-
kreise auch zu sagen: „Es soll den Kleinbürgern nämlich ein kind-
liches, sportmäßiges Vergnügen bereitet haben, ihre Kapitalanlage in
recht vielen solchen kleinen Abschnitten zu machen und sich der
Masse dieses papierenen Besitzes sowohl zu freuen als zu rühmen“1).
Es kann so nicht verwundern, daß von einigen Seiten die An-
regung gegeben wurde, diese Schatzscheine mit gesetzlicher Zahlungs-
kraft auszustatten, und dennoch ihre Verzinslichkeit fortzuführen.
Natürlich haben einsichtige Kreise hiergegen sofort ihre ernsten Be-
denken geäußert, so daß die Regierung auch ihrerseits in einem offiziellen
Artikel gegen die Ausführung dieses Gedankens unter Hinweis auf die
Folgen für Notenbank und Staatskredit Stellung nahm.

l) a. a. O. S. 742.
        <pb n="183" />
        ﻿i66

Erwin Respondek,

Die Emission dieser Inhaberbons wird dem Schatzamte wohl nur
geringe Summen einbringen1). Aber dadurch, daß auch der kleinste
Mann zum Ankauf von Staatspapieren angehalten wird, läßt die Re-
gierung keinen Weg aus dem Auge, sich neue Kapitalsquellen immer
wieder zu erschließen. Auch die bescheidensten der französischen Sparer
können durch vereinte Teilnahme an den finanziellen Anstrengungen
ihres Landes sicherlich willkommene Hilfe leisten. Und jeder Betrag,
auch ein Sou, ist willkommen.

Diese drei Formen von Schatzscheinen, wie sie die französische Re-
gierung in der Zeit von Mitte September 1914 bis Ende August 1915
schuf, tragen den Stempel der Kurzfristigkeit. Sie sind keine Anleihen
in dem Sinne, wie es den finanziellen Gepflogenheiten und Dogmen
entspricht, sondern gleichsam nur Anleiheersatz. Ihre endgültige Kon-
solidierung blieb daher ein Problem, das noch der Lösung harrte. Es
ist aber, bevor in den Betrachtungen über die weiteren Wege und Mittel
der Kapitalbeschaffung berichtet wird, hier zunächst notwendig, die
Periode der Schatzschein-Dekretierungen in den Rahmen des Kriegs-
budgets hineinzustellen und zu sehen, welche Krediteröffnun-
gen die Regierung bisher erlangte, und wie die Budgetausgaben sich
parallel zu den Einnahmen entwickelt haben.

Bereits am 13. August 1914 erlangte der Finanzminister die Unter-
schrift des Präsidenten der Republik für ein Dekret, das zum Budget
des laufenden Jahres ergänzende und außerordentliche Kredite eröff-
nete. Dieser erste Kriegskredit steht nach dem Wortlaut des Erlasses
den Ministerien der Finanzen, des Auswärtigen und Innern, sowie des
Krieges und der Marine zur Verfügung. Er wurde mit einer Gesamt-
summe von rund 2754,00 Mül. Frcs. ausgestattet. Von diesem Betrag
wurden allein 2686,00 Mill. Frcs. für die Kriegskosten abgezweigt, so
daß für die beiden anderen Gruppen nur 68,00 Mill. Frcs. zur Verfügung
standen. Die Herbeischaffung dieser Summen lag dem Schatzamte ob,
das bei der Notenbank den vollen Betrag sukzessive abgehoben hat.

In den weiteren Kriegsmonaten forderte der Finanzminister eine
Reihe von neuen Kriegskrediten, die hier nur in ihrer Gesamtziffer an-
geführt sein mögen, da sie von keinen bedeutsamen näheren Erklärungen
begleitet waren und der Öffentlichkeit nicht bekannt sind. Es wurden
im Verlauf der ersten fünf Kriegsmonate, also vom 1. August 1914 bis
zum 31. Dezember 1914, durch Dekrete Kredite eröffnet, die in ihrer
Gesamtsumme 6441,00 Mill. Frcs. erreichen. Hierzu kam am 22. De-
zember 1914 ein Nachtragskredit von 30,00 Mill. Frcs., von dem aber
16,00 Mill. Frcs. zurückgezogen wurden. Somit erreichten die Kredite
für diese Zeit einen Betrag von 6455,00 Mill. Frcs. Hiervon erhielt das
Ministerium für den Krieg 6092,00 Mill. Frcs. zugewiesen.

Für das erste Semester des Jahres 1915 forderte der Finanzminister
einen neuen Kredit, der für die Zeit vom 1. Januar 1915 bis 30. Juni

b Zahlenmäßige Mitteilungen über Zeichnungserfolge sind bis jetzt nicht zu er-
mitteln gewesen.
        <pb n="184" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

167

1915: 8525,00 Mül. Frcs. ausmachte und von dem für die Kriegskosten
5926,00 Mill. Frcs. zunächst abgezweigt worden sind. Erst am 3. Juni
1915, anläßlich einer Kreditforderung von 5939,00 Mill. Frcs. für die
Periode 1. Juli bis 30. September 1915, von denen dem Kriegs-
minister rund 4123,00 Mill. Frcs. zugeteilt wurden, entwarf der Finanz-
minister einen klaren Plan der bisherigen Kriegsausgaben, deren wesent-
lichsten Posten hervorgehoben und in die nachstehende Tabelle einge-
setzt sind. Sie geben Aufschluß über die Kosten für die Armee, die Zinsen-
lasten, Unterstützungen, sozialen Hilfsgelder usf. seit Kriegsbeginn bis
zum 30. September 1915.

Kriegslasten seit 1. August 1914 bis 30. September 1915 (in Mill. Frcs.).

Zeitpunkt	Kriegs-  kosten	Staats-  schuld	Unter-  stützungen	Ernährung der Zivil- bevölkerung	Zivil-  ver-  waltung	Gesamt-  ausgabe
1. Aug. bis 31. Dezbr. 1914	  I. Jan-biS30.Sept.I9l5	5 815,32  10 422,69	59,72  1367,53	403,54  1913,27	20,00  166,80	178,80  1745,32	6 479,38 15 615,41
1. Aug. 1914 bis  30. Sept. 1915 . •	16 238,01	1427,25	2318,81	186,80	1924,12	22 094,79

Faßt man die vielen zahlenmäßig belegten Angaben des Finanz-
ministers in einen Sammelposten zusammen, etwa unter dem Namen
„Gesamtausgaben aller Art militärischer und ziviler Natur", so ergibt
dies für einen jeden Monat eine Kriegslast von:

Innerhalb der Zeit von:

x. August	bis	31.	Dezember	1914 .	.	.	1340,00,	5	Mon.	=	6 700,00	Mill.	Frcs.

1. Januar	bis	31.	Juli 1915..1665,00,	7	„	=	11 655,00	„	„

1. August	bis	30.	September	1915	.	.	1870,00,	2	„	=	3 74°,00	„	„

14	Mon.	=	22 095,00	Mill.	Frcs.

Es ist aus dieser Zusammenfassung ersichtlich, daß die Ausgaben
für die Kosten des Krieges keine konstanten Größen sind. Sie wachsen
vielmehr von Monat zu Monat. Und es ist auch nicht schwer vorauszu-
sagen, daß sie weiter steigen und noch höhere Ziffern erreichen müssen.
Denn die Ursachen für die schnelle Steigerung der Kriegslasten in den
einzelnen Monaten sind auf mannigfache Umstände zurückzuführen, die
nicht kleiner, sondern größer werden. Zunächst erfahren die Effektiv-
bestände der Armee durch die lange Dauer des Krieges eine beträcht-
liche Vermehrung. Ausrüstungen, Erneuerungen, die zum Artilleriekampf
notwendigen großen Mengen von Munition ■—■ so erforderte die Her-
stellung von Kanonen, Maschinengewehren, Gewehren, Munition für
die Zeit vom 1. August 1914 bis 30. September 1915 gegen 3067,00 Mill.
Frcs. —, dann die Dardanellenexpedition, die Unterstützungen der Fa-
milien, deren Ernährer im Felde stehen und der zahlreichen Flüchtlinge
aus Nordfrankreich und Belgien, die Vorschüsse an die Alliierten und
        <pb n="185" />
        ﻿i68

Erwin Respondek,

neutralen Freunde und viele andere hohe Ausgaben rufen allmählich
aber stetig einen steigenden Mehraufwand hervor. So weisen, um nur
ein Beispiel anzuführen, allein die Unterstützungen an die Krieger-
familien, die bis zum 31. Oktober 1915 mit 1565,00 Milk Frcs. veran-
schlagt waren, folgende Bewegung auf:

Ersten 5 Kriegsmonate 1914	340,70	Mül.	Frcs.	Für je	1	Mon.	68,00	Mül.	Frcs.

1. Semester 1915......764,80	„	„	„ „	1	„	127,50	„	„

3. Trimester 1915 . . ■ ■ ■	460,30	..	..	.. „	1	„	153.00	„	„

Summa für 14 Monate 1565,80 Mül. Frcs.

Die Gesamtsumme der Kriegskosten ist laut Aufstellung für die
ersten 14 Monate rund 22 Milliarden Frcs. Zu diesen Ausgaben fügt
der Finanzminister noch einige Beträge für unvorhergesehene Zahlungen
hinzu und kommt schließlich zu dem Endresultat, daß bis zum 30. Sep-
tember 1915 rund 24 Milliarden Frcs. verbraucht sein werden.

Nunmehr wird es möglich sein, mit Hilfe dieser Angaben und den
vorher dargelegten Kapitalzuflüssen ein Gerippe zu entwerfen, das ein
Bild zu geben vermag, wie die Einnahmen und Ausgaben in der staat-
lichen Kriegswirtschaft sich zahlenmäßig gestalten. Die Einnahmen
des Schatzamtes setzen sich zusammen aus:

Einkünften von Steuern, Abgaben,

Vorschüssen der Bank von Frankreich,

Einnahmen von National-Verteidigungs-Wechseln und Obligatio-
nen und

Kreditaufnahmen im Auslande.

Die Ausgaben des' Schatzamtes weisen fünf scharf ge-
trennte Gruppen auf:

Kriegslasten für Armee, Flotte, Kolonien und Verwaltung,

Außerordentlicher Zinsendienst der Staatsschulden,

Unterstützungsgelder für Angehörige der mobilisierten Truppen,
Arbeitslose und -unfähige,

Ernährung der Zivilbevölkerung,

Allgemeine Ausgaben im Kriegsverwaltungsdienste.

Es sollen jedoch nur die Gesamtziffern der Einnahmen und Aus-
gaben zusammengestellt werden, um die Übersicht nicht zu erschweren.
Den Kriegsausgaben für 14 Monate in Höhe von 24 Milliarden Frcs.
stehen an Kriegseinnahmen die folgenden Summen gegenüber.

Zunächst die reinen Budgeteinnahmen. Sie betrugen für die Zeit

vom:

1. August bis 31. Dezember 1914 . . . 1188,00

1. Januar bis 30, April 1915.......1061,00	2249,00

für 9 Monate also.............................2249,00 Mill. Frcs.

„ 1 Monat im Durchschnitt.....................250,00 „	„

Für eine Rechnungszeit von 9 Monaten bedeutet dies eine sehr
niedrige Einnahme. Für das Jahr 1914 sind die Staatseinnahmen gegen-
über 1913 um 658,00 Mill. Frcs. geringer. Im laufenden Jahre 1915
        <pb n="186" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanz Wirtschaft.

169

erfahren sie noch eine größere Verminderung, da namentlich die Steuer-
cinnahme gegenüber 1914 eine Weitere starke Verringerung aufweist.

Steuer-Einnahmen (in Milk Frcs.).
(Zusammengestellt nach den fortlaufenden Angaben des Schatzamtes.)

Monat	1914	1915	Gegenüber  1914		1915	1916	Gegenüber  1915	
Januar . . .	356,00	259,00			97,00	259,0°	294,00	+	35,oo
Februar . . .	273,00	206,00	—	67,00	206,00	247,00	+	41,00
März ....	293,00	234,00	—	59,00	234,00	267,00	+	33,0°
April ....	370,00	299,00	—	71,00	299,00	331,00	+	32,00
Mai		309,00	246,00	—	63,00	246,00	291,00	+	45,00
Juni ....	311,00	242,00	—	69,00	242,00	275,00	+	33,00
Juli ....	378,00	291,00	—	87,00	291,00	365,00	+	74,00
August . . .	174,00	243,00	+	69,00	243,00	335,00	+	92,00
September	137,00	236,00	+	99,00	236,00	346,00	+	110,00
Oktober . . .	224,00	308,00	+	84,00	308,00			
November . .	190,00	232,00	+	42,00	232,00			
Dezember . .	212,00	290,00	+	78,00	290,00			
Insgesamt	3227,00	3086,00	— 141,00		3086,00			

Zu den Budgeteinnahmen von 2249,00 Mill. Frcs. mögen die folgenden
fünf Monate (1. Mai 1915 bis 30. September 1915), da das Budget bis
zum 30. September 1915 aufgestellt ist, mit der Monats-Durchschnitts-
einnahme von 250,00 Mill. Frcs. als wahrscheinliche Ziffer, veranschlagt
werden. Dies ergibt 1250,00 Mill. Frcs. Die reinen Budgeteinnahmen
für die Zeit vom 1. August 1914 bis zum 30. September 1915 ergeben
somit in ihrer Gesamtsumme den möglichen Eingang von 3500,00 Mill.
Frcs.

Dieser Betrag ist von den Budgetausgaben abzuziehen und man
erhält das zu deckende Defizit:

Budget-Ausgaben ... 24 000,00 Mill. Frcs.

„ Einnahmen. . .	3 500,00	,,	„

Defizit 20 500,00 Mill. Frcs.

Die Wahrscheinlichkeit des Kriegsendes im Monat September ist
gering. Es soll daher angenommen werden, daß er bis zum 31. Dezember
1915 währt.

Einnahmen und Ausgaben mögen für die Zeit vom 1. Oktober bis
31. Dezember 1915 die gleichen bleiben, obwohl die Ausgaben zweifellos
weiter steigen werden. Dann sind die

monatlichen Einnahmen.................250,00 Mill. Frcs.

monatlichen Ausgaben............. . . . 1870,00	„	„

eine reine Monatsausgabe...........1620,00 Mill. Frcs.

eine reine Ausgabe für 3 Monate .... 5000,00	„	„

Das Defizit für die Kriegszeit vom x. August 1914 bis 31. Dezember
1915 wäre somit 25,5 Milliarden Frcs.
        <pb n="187" />
        ﻿iyo

Erwin Respondek,

Wie ist diese Summe von 25,5 Milliarden Frcs. zu beschaffen?
Diese Frage mußte sich das Schatzamt Mitte des Jahres 1915 vorlegen.
Es hatte zwei Quellen, die hilfreich einspringen konnten: einmal die
Notenbank und dann der Absatz von Schatzscheinen.

I.	Notenbank. Die Vorschüsse der Notenbank an den Staat er-
reichten am 31. Juli 1915: 6500,00 Milk Pres. Die Vorschußpflicht ist
9000,00 Mill. Frcs. Es verbleiben dem Staate: 2500,00 Mill. Frcs. für
weitere Inanspruchnahme. Mit Rücksicht auf die währungspolitischen
Gefahren dürfte der Staat eine Erhöhung der Vorschußpflicht kaum
vornehmen. Die Notenbank möge also dem Schatzamt bis zum 31. De-
zember 1915: 9000,00 Mill. Frcs. liefern.

Eingang aus Quelle I: 9000,00 Mill. Frcs.

II.	Verkauf der National-Verteidigungs-Wechsel und -Obligationen
im In- und Auslande.

Bis zum 31. Juli 1915 waren abgesetzt:

6958,00 Mill. Frcs. National-Verteidigungs-Wechsel,

2695,00	„	„	„	„	Obligationen

9653,00 Mill. Frcs. in io Monaten.

Angenommen, es werden in jedem Monat noch 1000,00 Mill. Frcs.
jener Staatspapiere verkauft, so ergibt das für die Zeit vom 1. August
bis 31. Dezember 1915: 5000,00 Mill. Frcs.

Dann ist der Gesamtabsatz bis zum 31. Dezember 1915: Eingang
aus Quelle II: 15 000,00 Mill. Frcs.

Die Bilanzierung von Budgeteinnahmen und -ausgaben ergibt hier-
nach das folgende Bild:

X. Einnahmen

a)	Notenbank...........9 000,00

b)	Staatspapiere .... 15 000,00	24 000,00 Mill. Frcs.

II. Ausgaben....................... • ■ ■ 25 500,00 ,,	,,

Fehlbetrag 1 500,00 Mill. Frcs.

Wenn auch die bei dieser Aufstellung in Rechnung gesetzten Zahlen
höchst problematisch und fehlerhaft sein mögen, so zeigen sie dennoch,
mit Welchen Schwierigkeiten die Finanzverwaltung zu kämpfen haben
wird, um die stetig wachsenden Ausgaben gegenüber den konstanten
oder gar sinkenden Einnahmen zu decken. Hierzu kommt der unge-
wisse Faktor des Absatzes von Schatzscheinen. Das Schatzamt ist
nicht sicher, daß er in genügenden Mengen vor sich gehen wird und muß
dieser Tatsache wohlweislich Rechnung tragen. Zur Deckung der feh-
lenden Summen werden in verstärktem Umfange Auslandskredite heran-
gezogen.

Am 24. September 1915 stimmte die Kammer für eine neue Kredit-
vorlage. Sie gewährte für das letzte Viertel des laufenden Jahres, also
für die Zeit vom x. Oktober bis 31. Dezember 1915, einen Budgetkredit
von 6217,00 Mill. Frcs. Bei der Begründung dieser neuen Kreditforde-
xung gab der Finanzminister in einem längeren Expose auch eine Zu-
        <pb n="188" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

171

sammenfassung der bisher bewirkten Ausgaben. Nach der durch Gesetz
vom 15. Juli 1914 bewilligten Budgetaufstellung für das Rechnungsjahr
1914 waren die Ausgaben für 1914 mit 5191,00 Mill. Frcs. angesetzt
worden. Die für das Jahr 1915 insgesamt bewilligten Kredite erreichten
21907,00 Mill. Frcs., das Kriegsjahr 1914 (letzten fünf Monate) fordert
6468,00 Mill. Frcs. Kredite, so daß insgesamt für den Krieg vom 1. August
1914 bis 31. Dezember 1915; 28375,00 Mill. Frcs. gefordert und be-
willigt wurden. Hierzu sind die Kredite des Friedens-Budgets 1914
für die letzten fünf Monate in der veranschlagten, gesetzlich zuge-
stimmten Höhe von schätzungsweise 2125,00 Mill. Frcs. hinzuzufügen,
so daß die dem Schatzamte insgesamt eingeräumten Kredite vom 1. Au-
gust 1914 bis 31. Dezember 1915: 30500,00 Mill. Frcs. erreichten.

Eine tabellarische Darstellung, wie sie auch der Finanzminister in
seiner Rede am 16. September 1915 der Kammer vorlegte, ergibt für
die gesamten Ausgaben des Schatzamtes in der Zeit vom 1. August
1914 bis 31. Dezember 1915 ein überaus interessantes Bild. Zeigt die
Tabelle im Gesamtbilde eine außerordentliche Steigerung der einzelnen
Ausgabeposten, so führt die zweite Darstellung die rasche Steigerung der
Monats- und Tagesausgaben deutlich vor Augen (vergl. beide Tabellen auf
Seite 190). Es würde nun sehr interessant sein, den vom Finanzrainister
angegebenen Durchschnittsausgaben auch die Einnahmen des Tresors
aus der Notenbank und dem Verkehr gegenüberzustellen. Leider liegen
über die monatliche Bewegung der Notenbankvorschüsse (bis Anfang
1915) seit Kriegsbeginn und über die Absatzergebnisse der National-
Verteidigungs-Wechsel und -Obligationen (hier finden überhaupt keine
durchgehenden Bekanntmachungen statt) keinerlei zuverlässige Mit-
teilungen aus amtlicher Quelle vor.

Für den Finanzminister dürfte zu diesem Zeitpunkte klar gewesen
sein, daß mit der Fortführung des Krieges auch die Kosten immer stärker
ansteigen müßten, trotz aller Einschränkungen im zivilen Dienste.
Schon für jeden der drei letzten Monate des Jahres stellten sich die durch-
schnittlichen Monatsausgaben auf 2075,00 Mill. Frcs., d. h. pro Tag
rund 70,00 Mill. Frcs., und wie der Finanzminister bereits in der Kam-
mer öffentlich zugab, beständen keine Aussichten, der steigenden Ten-
denz der Ausgaben Halt zu gebieten. Dieser Aussage kann man in
der Tat die vollste Zustimmung nicht versagen. Denn der Krieg stellt
immer neue Aufgaben. Soweit es die Kräfte zulassen, müssen aus dem
Lande heraus neue Reserveformationen gebildet werden. Sie bedeuten
für den Staat eine doppelte Last, denn er hat sie als Soldaten zu unter-
halten und für sie neue Ersatzkräfte einzustellen, denen er den unver-
minderten Gehalt, Lohn u. a. weiterzahlen muß. Weiterhin wird der
Krieg auf neue, ferne Schauplätze verlegt. Der Munitionsverbrauch steigt
ins Unermeßliche, die Wiederherstellung der Bewaffnung und viele an-
dere schwere Lasten sind zu tragen. Auch die neuen Staatspapiere
erfordern einen stetig steigenden Zinsendienst. Andererseits wachsen
die nicht rein militärischen Ausgaben, die aber den Krieg zur Ur-
        <pb n="189" />
        ﻿172

Erwin Respondek,

sache für ihre Bewegung nach oben haben, fast beängstigend an. So
die Summe der Unterstützungsgelder für Familien, deren Ernährer
mobilisiert sind. Sie erreichten seit Kriegsbeginn 2173,00 Mül. Frcs. So-
ziale Hilfsmaßnahmen für die Zivilbevölkerung, die durch den Krieg
in Mitleidenschaft gezogen ist, Ernährung der armen Zivilbevölkerung,
Unterstützung der Flüchtlinge, belasten das Budget sehr empfindlich.
Zum ersten Male weist die BudgetaufStellung auch den Posten „Kre-
dite zum Aufbau der Kriegsschäden“ auf. Er ist zunächst nur 300,00
Mill. Frcs. hoch, ist aber ein Posten, der sehr bald einen größeren Be-
trag erfordern wird. Der Finanzminister führt der Kammer die Aus-
gaben der anderen kriegführenden Großmächte vor Augen, die sich
noch höher stellen, und sucht durch diesen Vergleich die eigene Bürde
ein wenig zu Verkleinern. Er führt an:

Kriegskosten pro Monat

in	Frankreich	.....	2075,00,	pro	Tag	70,00	Mill.	Frcs.

„	Deutschland	....	2500.00	„	„	83,30	„	,

„	England.....2500,00,	„	„	83,30	„	„

„	Rußland...  1600,00,	„	„	53,30	„	„

Aber er gab sich keinen Täuschungen hin. Denn wenn auch die
Ausgaben für die Kriegführung relativ zu den anderen Staaten klein
sein mögen, so sind auf der anderen Seite dafür die Einnahmen gleich-
falls wesentlich geringer als in England oder Deutschland. Zudem ge-
staltet sich die Kriegskostendeckung in jenen Ländern durch die An-
leiheemissionen viel leichter und einfacher als in Frankreich. Der
Finanzminister sitzt an der Quelle, so daß er wohl recht genau die Kraft
der beiden Kapitalgeber Notenbank und Ausland kennen wird. Nach
einem vollen Kriegsjahre, am i. August 1915, hatte die Notenbank dem
Staate bereits 6500,00 Mill. Frcs. vorgeschossen. Der Spielraum zwi-
schen den geleisteten Vorschüssen und dem Vorschußkontingent beträgt
somit 2500,00 Mill. Frcs. Eine Betrachtung der Bewegung des Noten-
umlaufs ergibt hierzu als natürliche Folge:

Notenumlauf am i. August 1915	. ... 12 600,00 Mill. Frcs.

Notenkontingent........................15 000,00	„	„

d. h. ein Ekart von........................ 400,00 Mill. Frcs.

Hiernach könnte also das Schatzamt nicht einmal die Vorschuß-
pflicht der Bank voll benutzen, sondern nur noch 2400,00 Mill. Frcs.
Vorschüsse von der Notenbank fordern, wenn nicht etwa die Regierung
das Notenemissionsrecht nochmals erhöhen sollte. Bei einer Erweite-
rung des Notenkontingents würde als Parallelaktion dann wohl auch die
Vorschußpflicht der Bank von Frankreich erhöht werden. Hiergegen
sprechen aber zahlreiche und scharfe Bedenken. Uneingeschränkte
Emission von Noten und Zwangskurs sind an der zerrütteten Valuta
mitschuldig. Man darf also annehmen, daß Ribot eine weitere Aus-
dehnung der Noten- und Vorschußgrenzen nicht in Betracht zieht.
Zum mindesten wird er sie als letzte aller Reserven in den Hintergrund
        <pb n="190" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

173



gestellt haben. Das Ausland erweist sich in der Kreditgewährung nicht
so bereit, wie es wohl erwartet werden konnte. Die zweite heimische
Kapitalquelle, die kurzfristigen Schatzwechsel- und Obligationen, vermag
nicht die erwünschten Summen zu liefern. Der Absatz der National-
Verteidigungs-Wechsel und -Obligationen gestaltete sich immer schwie-
riger, war überaus unbefriedigend und hält mit der Zunahme der Mo-
natsausgaben keinesfalls auch nur annähernd Schritt.

Wie auch diese Dinge finanzpolitisch liegen und sich in Zukunft
entwickeln mögen, so darf dennoch angenommen werden, daß das Schatz-
amt die finanziellen Schwierigkeiten zu überwinden imstande sein wird,
sei es mit der noch freien Summe der Notenbankvorschüsse, sei es durch
den denkbar günstigsten Absatz der Schatzwechsel und Obligationen,
sowie durch Kredit Operationen in London und New York. Aber früher
oder später wird das Schatzamt zu einem anderen Mittel dennoch seine
Zuflucht nehmen müssen, jetzt ohne Rücksicht auf die innere ökonomische
und äußere militärische Lage, und zwar zu einer festen Anleihe, zu
dem klassischen französischen Mittel der „nationalen Anleihe“. In der
Tat liegt ja der Gedanke sehr nahe, dem Schatzarate durch eine An-
leihe Kapitalien zur Verfügung zu stellen. Und dies um so mehr, als
Frankreich bereits in einer ähnlichen Lage — in den Jahren 1871—1872
— diesen Weg beschritten hatte. Hierbei hatte man — freilich in den
Proportionen jener Zeit — einen großen Erfolg erzielt. Die erste 2 Mil-
liarden Frcs.-Anleihe1), die mit 5 % ausgestattet zu 82% emittiert
wurde, brachte dem Tresor effektiv 2293,00 Milk Frcs. Nach 13 Monaten
erbrachte ein neuer Appell, die 3 % Rente zu 84% %* 2), einen guten Er-
folg, nämlich 3498,00 Mül. Frcs. Diese Summen und die Vorschüsse
der Notenbank ließen Frankreich die Gesamtkosten des Krieges 1870/71,
die R i e ß e r auf 9,3 Milliarden veranschlagt3), rasch abdecken. So sind
die alten Methoden der Anleiheoperation glückliche Vorbilder für eine
korrespondierende Transaktion in der heutigen Zeit.

Die Regierung nahm auch bald den Gedanken der Anleiheemission auf
und ließ ihn durch den Finanzminister R i b o t bekannt geben. R i b 01
berührte die Anleihefrage schon recht frühzeitig in seiner Kammerrede vom
16. September 1915 mit den Worten: „Die Regierung beabsichtigt, Ihnen
demnächst ein Anleiheprojekt vorzulegen.“ Mit großem Interesse wurde die
Anleihe von der Öffentlichkeit erwartet, da sie zeigen wird, welche Mittel
und Wege der Finanzminister anwenden muß, um die Emission für das
Schatzamt nach außen hin vorteilhaft und glänzend wirken zu lassen und so
die innere Unvollkommenheit der finanziellen Lage der Regierung zu über-
decken. In der Öffentlichkeit war die Stimmung für eine Anleihe gut.
Man forderte aber in den vielen Artikeln eine für Frankreich klassische
Anleihe, die den nationalen Gewohnheiten entspricht, also eine ewige

x) Emittiert: am 20. Juni 1871.

2)	Emittiert: am 15. Juli 1872.

3)	R i e ß e r, J., Finanzielle Kriegsbereitschaft und Kriegführung.

S. 16.

Jena 1913,
        <pb n="191" />
        ﻿174

Erwin Respondek,

Rente. Diese Wünsche konnten dem Schatzamte nur genehm sein, denn
es hätte kaum eine amortisable Rente auflegen können. Dazu ist ein-
mal die Finanzverwaltung des Staates durch den Krieg und die zu-
künftigen Friedens- und Restaurationsarbeiten bereits zu schwer be-
lastet, und dann hat Frankreich auch schon eine amortisable Rente,
die im Jahre 1953 zurückgezahlt werden soll. Für die neu aufzulegende
Rente wurden in Finanzkreisen bereits aus den Andeutungen im
September in den Monaten Oktober und November bestimmte Richtlinien
gezogen. Im allgemeinen gingen die Wünsche dahin, einen 5 % Renten-
typ zu emittieren, und man nannte auch einen kontingentierten Betrag
von 10 000,00 Mill. Frcs. und einen Emissionskurs zwischen 88 bis 90 %.
Außer dem wäre die neue Anleihe von allen gegenwärtigen und zukünf-
tigen Steuern vollkommen freizustellen: „Dies ist die unerläßliche Vor-
bedingung für den Erfolg“1), sagte der französische Nationalökonom
Leroy-Beaulieu. Hervorgehoben werden möge, daß von
vornherein sich die Finanzkreise gegen eine Umwandlung der 3 %
ewigen Rente in die neue Anleihe wandten. Man wollte also offen-
bar das englische Beispiel der glanzvollen Kombinations-Konvertierung
der alten Anleihen in die 2. Kriegsanleihe, die jetzt England die größten
Hindernisse für die Auflage einer 3. Anleihe bereitet, nicht nachahmen.
Diese Neuerung würde nach ihren Ansichten nicht sehr glücklich sein
und die Geldnot nicht beseitigen können. Dagegen ist eine Transfor-
mation der National-Verteidigungs-Wechsel und -Obligationen laut Zu-
sage angebracht. So konnte man bereits die Opfer erkennen, welche
die Regierung wohl auf sich nehmen würde, um einen Milliarden-
erfolg zu erzielen. Sie wird den Besitzern der Schatzscheine, die durch
eine weitherzige Bevorzugung eine effektive Verzinsung von 5,7 % er-
zielen, noch größere Zugeständnisse machen, um ihr Versprechen ein-
lösen zu können.

Bald stand es fest, daß die Regierung noch vor Beendigung des
Jahres 1915 eine Anleihe auflegen würde. Sie wurde für den Spätherbst
erwartet. Mit dem Tage ihrer öffentlichen Auflegung sollte gleichzeitig
die große geplante Durchbruchsschlacht an der Ostfront mit einem glän-
zenden Erfolge ihren Anfang nehmen. Die schweren Kämpfe im Ok-
tober brachten Frankreich nicht den heiß ersehnten Durchbruch der
lebenden deutschen Mauer. Die Anleiheemission wurde verschoben.

Nach längeren Zögerungen hat die französische Regierung sich
aber endlich entschlossen, ohne die für den Erfolg zweifellos sehr
wertvolle militärische Mithilfe mit einer festen Anleihe vor das Volk
zu treten und in Ermangelung eines zeitigen Sieges den Waffensieg
vom Geldsiege abhängig zu machen. Sie legte die Zeichnungsfrist für
ihre erste Kriegsanleihe in die Zeit November/Dezember. Unter den
Gesichtspunkten der politischen und militärischen Lage ist für die
französische Republik dieser Zeitpunkt als ungünstig zu bezeichnen,
was nicht ohne Einfluß auf das Ergebnis bleiben konnte. Die

h a. a. O. September 1915.
        <pb n="192" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

175

Offensivvorstöße der französischen Armee, wie sie noch immer ver-
einzelt vorgenommen wurden, reichten nicht aus, um einen großen
Zeichnungstaumel zu erzeugen. Auch auf dem neuen Kriegsschauplätze,
dem Balkan, ist das französisch-englische Hilfskorps nicht erfolgreich.
Die Zukunft ist also ungewiß und auch wenig Vertrauen einflößend.
Dennoch mußte Frankreich jetzt zu der Anleiheemission schreiten.

Das Schatzamt knüpfte bei der Wahl der Anleiheform in wohl-
überlegter, Weise an die alten überlieferten Gewohnheiten und An-
sichten des kleinen Kapitalisten und großen Unternehmers an. Es
paßte den Typ der öffentlichen Strömung an. Eine ewige Rente, mit
einem den heutigen Umständen angepaßten hohen Zinssätze, ausge-
stattet mit dem Stempel der vollkommenen Steuerfreiheit und anderen,
dem Franzosen geläufigen Vorzügen, schien die gegebene, erfolgver-
sprechende Anleihe zu sein, wie sie sich auch die Finanzkreise vor-
stellten.

Durch Gesetz, Dekret und ministeriellen Beschluß vom 16. No-
vember 1915 wurde die „Emprunt de la Defense Natio-
nal e“ emittiert. Sie ist eine ewige Rente und mit einem Eraissionskurs
von 88 % und einem nominellen Zinssatz von 5 % ausgestattet. Das
Schatzamt mußte den 5 % Rententyp wählen. Einmal waren die Geld-
sätze die zwingende Norm, und dann hatte man bereits die früheren
kurzfristigen Anleihen, die National-Verteidigungs-Wechsel und -Obli-
gationen, mit diesem nominellen Zinssätze ausgestattet. Nun ist, wie
bereits ausführlich dargelegt, der effektive Zins unter Einschluß der
Tilgungsprämie jener umlaufenden Schatzscheine etwa 5,6 %. Es war
daher der Regierung unmöglich, ihre erste, feste Anleihe zu Pari heraus-
zubringen. Diese Unmöglichkeit wurde auch im Gesetzesentwurf zuge-
geben und gleichsam eine Entschuldigung für den niedrigen Emissions-
kurs ausgesprochen. Es heißt dort wörtlich;

„daß der Abstand, der zwischen dem Emissionskurse und dem
Paristande vorhanden sein wird, den neuen Stücken Aussicht auf Höher-
bewertung geben wird, die im Hinblick auf zukünftige Operationen
für den Staatskredit hervorragend günstig sind.“

Der Ekart zwischen dem Emissionskurse und Pari sichert der An-
leihe eine tatsächliche, reine Verzinsung von 5,73 % und zwar für eine
Dauer von 15 Jahren, da der Staat auf das Recht der Rückzahlung
bis zum 31. Januar 1931 Verzicht leistet. Mit Recht kann Leroy-
Beaulieu jeden, der unter diesen Vergünstigungen nicht zeichnet,
einen:

„Mann ohne gesunden Menschenverstand, ohne Scharfblick“ nennen,
denn:

„wo kann man auf dem ganzen Erdball eine Anlage finden, die
einen reinen Zinsgenuß von 5,73 % gewährleistet, fest für 15 Jahre.. ,"1)

Zweifellos bietet die hohe Spannung zwischen Emissionskurs und,
Paristand für die Zukunft einen hohen Anreiz und der Spekulation

*) a. a. O. 27. November 1915, S. 696.
        <pb n="193" />
        ﻿Erwin Respoudek,

176

einen weiten Spielraum. Nun bleibt es freilich abzuwarten, ob die in
den Börsenkreisen vorausgesagte Kursbewegung nach oben tatsächlich
stürmisch vor sich gehen wird. Dann erst würde hier eine verdeckte
Gewinnchance liegen. Der Herausgeber des „L’Economiste Framjais“
sieht bereits jenen Zukunftsgewinn und schildert ihn in dramatischer
Steigerung. Er sagt :

„Die rasche Steigerung der Anteile nach dem Frieden, ihr allmäh-
liches Herannahen auf Pari, dann die Eroberung des Paristandes selbst,
und der Vorstoß über Pari hinaus, unterliegen keinem Zweifel."1)

Es wäre verfehlt, die erste Anleiheoperation in bezug auf Kurs,
Zins, Amortisationslasten u. a. m. in einen Vergleich, etwa zu den eng-
lischen oder deutschen Kriegsanleihen zu setzen, um dann die „Be-
dingungen, unter denen der Bankier der Welt sein Geld zur Kriegfüh-
rung aufnehmen muß“, als „drückend, niederschmetternd, entehrend"
und wie sonst alle diese schmückenden Titel gewählt sein mögen, zu
beurteilen. Vielmehr sei hier vorläufig darauf hingewiesen, daß die
Zeit und die Situation es erfordern, einzig und allein Kapitalien zur
Fortsetzung eines schweren Waffenganges zu beschaffen, gleichgültig
unter welchen Opfern für die Staatskasse und mit welcher Methode.

Von einer Begrenzung der Anleihehöhe wird im Gegensatz zu den
alten Emissionen von 1870/71 diesmal Abstand genommen. Den Bei-
spielen, die Deutschland und England gegeben haben, folgt also auch
Frankreich. Der Verzicht auf die Limitierung ergibt ja zwei, gerade
für die Republik, überaus wichtige Vorteile. Einmal besteht die sichere
Gewähr, daß auch alle dem Schatzamt angebotenen Beträge tatsächlich
angenommen werden, und dann ergibt sich hieraus die natürliche, gün-
stige Konsequenz, daß Konzert- und Scheinzeichnungen ein Riegel
vorgeschoben wird.

Die Anleihe genießt Steuerfreiheit. Diese bezieht sich natürlich
sowohl auf das Stück als auf den Koupon. Aber sie gilt nicht für Steuern,
die das Vermögen treffen, also auch nicht für die allgemeine Einkommen-
steuer. Das Schatzamt hat damit eine von allen Seiten gestellte Forde-
rung erfüllt. Leroy-Beaulieu sagte schon vor der Emission, daß
„dies die unerläßliche Vorbedingung für den Erfolg“ sei. Dagegen behält
sich der Staat das Recht vor, die Rente nach Ablauf von 15 Jahren, also
am 1. Januar 1931, jederzeit zu konvertieren oder zurückzuzahlen. Über
die Bedingungen der möglichen Konvertierung sind keine Angaben vor-
handen. Sie stehen demnach vollkommen im Ermessen des Staates, so
daß es ihm möglich ist, zu seinen Vorteilen die Einlösung zu bewirken.

Der gezeichnete Betrag kann in doppelter Weise gezahlt werden:

1.	in bar,

2.	in Titeln.

Für die Barzahlungen sind gestaffelte Einzahlungsquoten vorge-
sehen. Sie sind an den folgenden Terminen zu leisten:

l) a. a. O., siehe S. 696.
        <pb n="194" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

I?7

1.	Einzahlung am	Zeichnungstage ....	10,00	Frcs.

2.	„	„	15.	Januar 1916 . . .	26,00	,,

3.	,,	,,	15.	Februar 1916 . . .	26,00	„

4.	„	„	15.	März 1916 ....	26,00

Um den kleinen Sparern eine Beteiligung an der Zeichnung mit
ihren Sparkapitalien zu ermöglichen, mußten die Bestimmungen des
Dekrets vom 30. Juli 1914 über die Spargelderauszahlungen abgeändert
werden. Darin wurde die Summe, die ein Sparer in Abständen von
14 Tagen abzuheben berechtigt war, auf höchstens 50 Frcs. festgesetzt.
Nunmehr kann, sobald er an den Schaltern der Sparkassen An-
leihe zeichnet, während der Dauer der Zeichnungen ungeachtet der
Auszahlungsbeschränkungen sofortige Abhebung höherer Summen be-
wirken. Diese Vorwegnahme des Sparguthabens für den Anleihebetrag
darf jedoch die Gesamteinlage nicht um mehr als 50 % verringern.

Neben den Barzeichnungen gehen die Konversionszeichnungen und
zwar unter der folgenden Maßgabe:

Die Rententitel der 3% % Rente aus dem Juli 1914 können kon-
vertiert werden, sobald sie vor dem 31. Januar 1915 von den ursprüng-
lichen Zeichnern eingezahlt worden sind. Zur Zeichnung werden weiterhin
.zugelassen die während des Krieges emittierten kurzfristigen National-
Verteidigungs-Wechsel und -Obligationen. Auch die Schatzscheine mit
einem Nennwert von 5 Frcs. werden zu diesem Wert plus 2 ctms. Zinsen
für jeden Monat, der seit ihrer Emission verflossen ist, in Zahlung ge-
nommen. Die Bons von 20 Frcs. zum Nennwert plus 8 ctms. Zinsen,
die Bons von 100 Frcs. und darüber, die vor dem 20. November 1915
emittiert sind, zum Nennwert, abzüglich der Zinsen vom 15. Dezember
bis zum Tage der Fälligkeit, jener Zinsen also, die im voraus bezahlt
wurden. Die National-Verteidigungs-Obligationen werden zu ihrem Erais-
sionskurse 96,50, unter Einschluß des Prozentsatzes der Rückzahlungs-
quote und unter Abzug der Zinsen vom 15. Dezember bis 15. Februar
1916, die im voraus bezahlt sind, angenommen.

Den Zeichnern, die am Zeichnungstage vollständige Barzahlung
oder in jenen Titeln leisten, wird eine Bonifikation von 75 ctms. ge-
währt1). Der Emissionskurs für diese Zeichner stellt sich somit auf
87.25 %. Schließlich wird auch noch die alte 3 % ewige Rente trotz
des lebhaften Protestes fast aller Kreise zur Konversion zugelassen.
Der Einzahlungskurs ist von der Regierung auf 66 % festgelegt. Zu glei-
&gt; eher Zeit wird aber bestimmt, daß die Inhaber ihre Zeichnung nur zu
’J % mit der 3 % ewigen Rente zahlen können, während der Rest in bar
zu leisten ist. Auch diese ^“Methode konnte die Widerwilligen über ihre
Bedenken und Abneigung gegen die Hinzuziehung der alten 3 % Rente
nicht hinwegtrösten. Man wollte die finanztechnisch gewiß glanzvollen
Konversionstransaktionen des britischen Schatzkanzlers nicht nachge-
ahmt sehen. Für Frankreich kommt es nach ihrer Ansicht jetzt nur

l)	Nach Koppe, a. a. O. S. 763, wurde die Anleihe den Banken zu einem Vor-
zugspreise von 85 % überlassen. f

Respondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

12
        <pb n="195" />
        ﻿Erwin Respondek,

178

auf den Zufluß effektiver Kapitalien an und nicht auf eine großzügige,
vereinfachte und letzten Endes vielleicht doch nicht verbilligte Staats-
schuldenverwaltung.

Die Zeichnungen wurden am 25. November 1915 eröffnet und
sollten spätestens am 15. Dezember geschlossen werden. Tatsächlich
wurden aber über diesen Endtermin hinaus z. B. von der Notenbank
noch Zeichnungen entgegengenommen1).

Die Begebung der Anleihe erfolgt durch öffentliche Subskription.
Dieser Weg mußte eingeschlagen werden. Auch in Frankreich hätte
sich schwerlich ein größeres Bankenkonsortium gefunden, das die Ga-
rantie für die Unterbringung einer Milliardenanleihe in dieser militä-
rischen und politischen Situation übernehmen würde und auch könnte.
Wenn das Schatzamt sich direkt an das Volk mit seiner Anleihe wendet,
steht es also ohne jede Vermittlung als Geldsuchender da, und stellt da-
mit auch selbst unmittelbar die Vertrauensfrage an die Nation. Zudem
boten Deutschland und England hierfür gute Beispiele. Als Zeich-
nungsstellen gelten die Schatzämter, Einnahmestellen für Zölle, Steuern
und Abgaben aller Art. Auch die Bankwelt wird in den Dienst der Zeich-
nungsvermittlung gezogen. Von der Notenbank, den Kreditinstituten
bis zur kleinsten Wechselstube herab, werden Zeichnungen auf die erste
nationale Anleihe entgegengenommen. Weiterhin stellten sich die staat-
lichen und öffentlichen Sparkassen, die Post, Versicherungsgesellschaften,
die alle durch ihre Organisation und ihre Fühlung mit dem Publikum
in der Lage sind, eine besonders erfolgreiche Tätigkeit für die Unter-
bringung der Anleihe zu entfalten, in den Dienst. Handelskammern,
Syndikate, Berufsvereinigungen, Aktiengesellschaften, Vereine, Verbände
der verschiedensten Art, arbeiten emsig mit, um als Zeichnungsstellen für die
ihnen angeschlossenen Mitglieder an der Anleiheoperation zu wirken. Un-
mittelbar nach der Veröffentlichung der Anleiheform setzte denn auch in
ganz Frankreich eine lebhafte Propaganda ein, um die verfügbaren, freien-
Mittel dem Staate restlos zuzuführen. Unter der Leitung der Regie-
rung entfalteten die Tages- und Fachpressen einen staunenswerten
Eifer, in dem Geschicklichkeit, Übertreibung der vielen Vorteile, die
die Anleihe für die Anleihezeichner bietet, und Ermahnungen an das
patriotische Pflichtgefühl in regem Wettstreit arbeiteten. Leroy-Beau-
lieu dürfte das Ziel für jene vielen offen und heimlich wirkenden Kräfte
am klarsten mit den Worten gezeichnet haben: „Die neue Anleihe
muß zu einer entscheidend gewaltigen und eklatanten Manifestation
werden von Frankreichs Vaterlandsliebe und seiner finanziellen Kraft“1 2).
Nicht allein hinter der Front wurden alle Kräfte für den dringend not-
wendigen hohen Erfolg angespannt. Der französische Soldat sollte
gleichfalls, im Antlitz des Feindes, zum finanziellen Siege verhelfen.

1)	Berliner Börsen-Courier schreibt am 25. Dezember 1915: „Die Bank von Frank-
reich nimmt weitere Anmeldungen entgegen, die bis zum 22. Dezember auf 2950,00 Mill.,
Frcs. angewachsen sind.“

2)	a. a. O. 27. November igrs, S. 696.
        <pb n="196" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

179

Zur Aufmunterung erließ der Generalissimus J 0 f f r e einen Appell an
seine Soldaten, der überaus kennzeichnend ist und daher wörtlich
wiedergegeben werden möge:

„Soldaten!

Am 25. November legt Frankreich eine große Anleihe auf, um die
Mittel für die nationale Verteidigung herbeizuschaffen. Alle Appelle,
die es seit Beginn des Krieges herausgegeben hat, wurden erhört. Jeder
kennt den Reichtum Frankreichs, alle haben Vertrauen zu seiner Zu-
kunft und zu dem günstigen Ausgang des Kampfes.

Alle diejenigen, die zeichnen werden, erfüllen die Pflicht eines guten
Franzosen. Sie finden hierbei auch ihre Vorteile.

Jeder, der 87,25 Frcs. zahlt, empfängt einen Titel mit 5 % Rente.
Dies ist also eine effektive Anlage von 5,75 % in französischer Rente.

Ihr habt zweifellos gehört, wie Eure Eltern sich der schrecklichen
Stunden von 1870 erinnern. Nach diesem Kriege war es eine Anleihe
zur Befreiung des heimischen Bodens. Diesesmal wird es — wie der
Finanzminister sagt — dank Eurer Kraft: die Siegesanleihe.
Denket an alle diese Dinge, schreibet sie an die Eltern und Freunde,
die Ihr hinter Euch im heimatlichen Lande gelassen habt. Saget ihnen,
daß Anleihe zeichnen, Frankreich dienen, für Frankreich mit uns kämpfen
heißt, Euch die wirksamste Hilfe, die man Euch zu gegenwärtiger
Stunde bringen kann, und zu gleicher Zeit Eure Zukunft und mit Eurer
auch die Eurer Kinder sichern heißt."1)

Auch auf das befreundete und verbündete Ausland wurde mit
allen Mitteln eingewirkt. So sollten die Neutralen — Holländer und
Schweizer im besonderen — auch Amerika — wenigstens einen kleinen
Teil der reichen Gewinne, die sie aus dem Zwischenhandel während des
Krieges mühelos gezogen haben, in der neuen 5 % Anleihe anlegen.
Für sie bedeutet die hohe effektive Verzinsung die denkbar günstigste
Kapitalsanlage, die infolge des Disagios der französischen Valuta noch
gesteigert ist.

In der Zeit vom 25. November bis zum 15. Dezember lag die öffent-
liche Zeichnung auf. Es ist jedoch nicht mit Sicherheit festzustellen,
wann die Anleihezeichnung tatsächlich geschlossen wurde. Der offizielle
Termin war der 15. Dezember 1915. Die Notenbank nahm aber, wie
bereits ausgeführt, noch weit über diesen Zeitpunkt hinaus Zeichnungen
in jeder Höhe an. Von wesentlicher Bedeutung ist hier aber der Er-
folg der ersten Anleiheemission. Einen endgültigen Bericht, der als
Grundlage und Rechtfertigung für die von ihm neu geforderten Kre-
dite für die Zinsleistungen und Lasten der bisher emittierten Anleihen
dienen sollte, erstattete hierüber der Finanzminister* 2) in der Deputierten-
Kammer am 13. Januar 1916.

t) L’Economiste Franfais, 4. Dezember 1915, No. 49, S. 739.

2) Die „Frankfurter Zeitung“ vom 21. Februar 1916 nennt das Dokument, das die
Rede des Finanzministers enthält: „ein Meisterstück der Verschleierungskunst“.
        <pb n="197" />
        ﻿i8o

Erwin Respondek,

Die Gesamtsumme der in Frankreich und im Auslande gezeichneten
Renten beläuft sich nach Ri bot auf 756,5 Mill. Frcs. und entspricht
einem nominellen Kapital von 15 130 Mill. Franken. Durch den nie-
drigen Emissionskurs und die auf sofortige Bar- und Vollzahlungen ge-
währten Bonifikationen sinkt der effektive Ertrag unter diese Ziffer.
Zunächst fällt der nominelle Betrag durch den Emissionskurs von 88 %
auf 13 314 Mill. Frcs. Hiervon gehen 0,15% als Vergünstigung an die
Zeichner ab, die sofort bei der Zeichnung den Betrag voll einzahlten.
Sie betrugen nach den Angaben des Finanzministers 71 Mill. Frcs., so
daß dem Staate nur 13 243 Mill. Frcs. effektive Mittel bereit gestellt
wurden. Eine zweite und die bedeutsamste Frage liegt in der Klassi-
fizierung der Zeichnungen nach Barzeichnung und Konvertierung, da ja
die Einzahlungen laut Prospekt in Bar und Titres erfolgen durften.
Die vom Finanzminister bekanntgegebenen Zahlen zeigen hier das fol-
gende Bild:

Bar (unter Ausschluß der Bonifikation von 71,00 Mill. Frcs.) 6368,00 Mill. Frcs.

Konvertierung: a) N.-V.-Wechsel . . .... 2227,9

b)	N.-V.-Obligationen . . . 3191,9

c)	s}4% Amort. Rente . .	24,5

d)	3 % ewige Rente .... 1430,5	6874,80

Insgesamt.........13242,80 Mill. Frcs.

Auf das Ausland kommen von diesem Ergebnis im ganzen etwa
800 Mill. Frcs. England steht mit einem Betrage von 602 Mill. Frcs.
an erster Stelle, während in den anderen befreundeten und verbündeten
Ländern namentlich durch Vermittlung der im Auslande arbeitenden fran-
zösischen Banken nach einer Schätzung des Ministers R i b o t etwa
200 Mill. Frcs. gezeichnet wurden. Dieses Ergebnis muß als sehr gering
bezeichnet werden, da es zu der großen Propaganda, die man dort ent-
faltete, in keinem rechten Verhältnis steht. Die englische Zeichnung
von 602 Mill. Frcs. dient lediglich als Bezahlung für die Schuldverbind-
lichkeiten der französischen Regierung. Von diesen Geldern fließt somit
auch nicht ein „penny“ nach der französischen Republik. Außer den
Vereinigten Staaten von Amerika und Schweden, die keinen Betrag
für die französische Siegesanleihe ausgaben, haben vor allem die Schweiz
20 Mill. Frcs. und Holland 80 Mill. Frcs. gezeichnet. Wahrscheinlich
rühren diese Zeichnungen von der französischen Kundschaft her, die in
neutralen Ländern für Rechnung der Franzosen hohe Summen Kapitalien
verwalten und sie schon im Frieden der Kontrolle und Erfassung durch
den Fiskus entziehen1).	-lii 'Ü -i i; 4	;

x) Die „Frankfurter Zeitung“, n. Februar 1916, No. 41, S. 3 (siehe auch L’Economiste
Franfais 1916, S. 206) berichtet über die einzelnen Beträge, die auf die europäischen und
außereuropäischen Staaten fallen, ausführlicher:	Übertrag 39,10 Mill. Frcs.

Kanada.......12,00	Mill.	Frcs.	Norwegen	....	9,00

Argentinien .	.	.	10,00	„	„	Portugal......4,50

Brasilien ....	2,30	„	„	Spanien.......1,80

Ägypten.......8,80	„	„	Dänemark	....	4,00

Monaco........6,00	,,	„	Griechenland. . .	4,70

Summa 39,10 Mill. Frcs.	Insgesamt 63,10 Mill. Frcs.
        <pb n="198" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

181

Es ist nun im einzelnen auf das Ergebnis des Anleiheerfolges und
eine kritische Betrachtung der effektiven Werte, die dem Staate aus der
Anleiheemission zuflossen, einzugehen.

An Barzeichnungen weist das Endergebnis einen Betrag von 6368 Milk
Frcs. auf. Der Finanzminister wies in seinem Bericht darauf hin, daß obige
Summe unter Ausschluß der Bonifikation festgehalten sei. Somit kann nur
der Emissionskurs von 88 % in Ansatz gebracht werden. Demnach er-
reicht der effektive Betrag der Barzeichnungen gegen 5603,84 Milk Frcs.1).

Aus den Barzeichnungen konnte die Regierung ihre Schuldenlast
bei der Notenbank in größerem Umfange abdecken. Von dem Erlös
der Lombardierungen, von den bei der Notenbank angesammelten Gut-
haben und von sonstigen Einzahlungsstellen flössen dem Schatzamte
direkt oder auf das Giro-Konto bei der Notenbank größere Summen
zu. In der Zeit vom 9. bis zum 16. Dezember sank der Bestand der
privaten Depositen von 2940 Milk Frcs. auf 2214 Milk Frcs., d. h. um
726 Milk Frcs., dagegen stieg der Guthabensaldo des Schatzamtes von
156 Milk Frcs. auf 2237 Milk Frcs., d. h. um 2081 Milk Frcs. Ob das
Schatzamt seine großen Zeichner anwies, auf Bankkonto direkt einzu-
zahlen, bzw. von Konto zu Konto zu überweisen, oder ob es den Uber-
schuß selbst dorthin überwies, ist nicht bekannt. Mit Hilfe dieses Gut-
habens und einem weiteren Zuschuß aus den Eingängen in seinen Kassen
tilgt das Schatzamt bei der Notenbank einen Teil der ihm gewährten
Vorschüsse. Diese sinken von 7600 Milk Frcs. am 16. Dezember bis
5200 Milk Frcs. am 23. Dezember, d. h. um 2400 Milk Frcs. Gleichzeitig
fällt das Guthaben von 2237 Milk Frcs. auf 363 Milk Frcs., die Ab-
nahme beträgt also 1874 Milk Frcs.

Die weiteren pflichtmäßigen Einzahlungen dürften in einem lang-
samen Tempo erfolgen, da die Einzahlungspflicht für die gezeichneten
Beträge auf 3 Monate verteilt ist. Welchen Grad von Schnelligkeit
Kapitalkraft und Zahlungswillen hier entwickelt haben, kann nicht er-
örtert werden, da das Schatzamt den Eingang der Barzeichnungen
nicht bekannt gibt. Nach einer Berechnung der „Frankfurter Zeitung“* 2)
dürfte der Eingang bis zum 18. Januar etwa 1468 Milk Frcs. betragen
haben, d. h. nur 23 %, während am Zeichnungstage selbst 10 Frcs. und
am 15. Januar weitere 26 Frcs., also insgesamt 33 % zu leisten waren.
Es ist weiterhin bemerkenswert, daß diese Summe — soweit die Wahr-
scheinlichkeitsrechnungen der „Frankfurter Zeitung“ zutreffen — noch zu
etwa 35 % mit Hilfe der Notenbank aufgebracht wurde3).

h Anders Koppe, a. a. O. S. 768: „Die 6368,00 Mill. Frcs. dürfen aber mir zum
Ausgabekurse von 87,25 eingesetzt werden. Ein sicherlich beträchtlicher Teil von ihnen
hat sogar erheblich weniger eingebracht, da die Großbanken, wie erwähnt, für ihre Zeich-
nungen nur 85 % zu zahlen hatten. Doch muß dieser Ausfall hier außer Betracht bleiben,
da nicht bekannt ist, wieviel von der Gesamtzeichnung auf die Großbanken entfiel. Zum
Kurse von 87*4 ergeben die Barzeichnungen 5556,08 Mill. Frcs.“

2)	a. a. O., 31. Februar 1916.

3)	Nach den Wochenberichten der Notenbank wies der Posten „Vorschüsse an Pri-
vate“ folgende Bewegung auf;
        <pb n="199" />
        ﻿l82

Erwin Respondek,

Von den National-Verteidigungs-Wechseln wurden 2228 Mill. Frcs.
zum Umtausche gebracht. Dies sind auf die Summe der im Verkehr
befindlichen Schatzwechsel berechnet, die am Vorabend der Anleihe
gegen 8900 Mill. Frcs. war, 25 %. Im Vergleich mit den zur Zeich-
nung eingereichten 10 jährigen Obligationen, deren Gesamtabsatz am
gleichen Tage (Vorabend der Anleiheemission) die Ziffer von 3824 Mill.
Frcs. erreichte und die zur Konversion in Höhe von 3192 Mill. Frcs.,
gleich 85 % des Gesamtabsatzes begeben wurden, kann der Schluß
gezogen werden, daß das Resultat den Finanzminister nicht erfreuen
dürfte. Zum Ziel gehörte mit die Konsolidierung der schwebenden, kurz-
fristigen Schuld. Daher wäre das umgekehrte Konvertierungs-Verhältnis
der beiden Schatzscheintypen dem Finanzminister sicherlich angenehmer
gewesen. Diese Zahlen sprechen die deutliche Mahnung, daß das kapital-
kräftige Publikum, die Handel- und Gewerbetreibenden keineswegs
ihre in kurzfristigen Schatzanweisungen angelegten Gelder in einer ewigen
Rente festzulegen geneigt sind, da sie dadurch jede Dispositionsfähig-
keit für nahe und fernere Zukunft verlieren würden. Hingegen mußte das
Umtauschrecht der langfristigen Schatzschein-Obligationen in die neue
Anleihe hinein zu jenem hohen Erfolge führen, da diese Transaktion große
Zinsvorteile in sich schloß. Bemerkenswert ist schließlich noch die ver-
hältnismäßig niedrige Summe der zur Konversion eingereichten 3 %
Rente. Schon aus der Zinsdifferenz — 3 % Rente — 5 % Rente —
von 2 % ist die offenbare Vorzugsbehandlung ersichtlich, die den Staat
bei einem Betrag von 1430 Mill. Frcs. einen Mehraufwand an Jahres-
zinsen von 28,6 Mill. Frcs. kostet.

Für das Schatzamt ergaben sich außer den erwähnten Vorteilen
bei dieser Anleihe-Konvertierungs-Transaktion noch erhebliche Zins-
ersparnisse. Der Zinsendienst für die 5 % Anleihe erfordert nach R i b 0 t
756,5 Mill. Frcs. Dafür werden im Jahre erspart an Zinsen auf:

3 % Rente.............................65,00 Mill. Frcs. (Zins -f- Amortisation)

3Vz% Rente............................ 2,30 „	„

National-Verteidigungs-Wechsel........113,50 „	„

„	„	Obligationen .... 166,40	„	„

Insgesamt 347,20 Mill. Frcs.

Wird diese Summe von der Zinsenlast für die 5 % Rente abgezogen,
so entfällt auf die Anleihe ein Zinsendienst von rund 409 Mill. Frcs.

Die erste französische Kriegsanleihe hat nicht den Erfolg errungen,
der allgemein erhofft wurde und auch der finanziellen Leistungsfähigkeit
Frankreichs entsprochen hätte. Sie wurde wohl zur wahren Volksanleihe,
wenn man erwägt, daß die Zahl der Zeichner 3 133 489 beträgt1), ver-

9. Dezember 1915..........626,00 Mill. Frcs.

13. Januar 1916...........rr38,oo „	„

d. h. eine Zunahme von . . .	512,00 Mill. Frcs. = 35%

der Einzahlungen auf die Anleihe in Höhe von 1468,00 Mill. Frcs.

x) Hierzu zum Vergleich die Ziffern der Anleihezeichner bei den vier deutschen
Kriegsanleihen:
        <pb n="200" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

183

mochte jedoch den Charakter eines eklatanten Sieges nicht durchzu-
setzen. Von größter Enttäuschung dürfte die geringe Barzeichnung
sein, und sie ist nicht geeignet, das Schatzamt in Kürze nochmals auf
den Weg der festen Anleihe zu weisen. Nach wie vor wird somit die
Republik zur Ausgabe kurzfristiger Schatzwechsel, zur Kreditaufnahme
im Ausland und zur weiteren Inanspruchnahme der Notenbank ange-
wiesen sein.

Bis zur Wende des Jahres 1915 hatte das Schatzamt die Kosten
des Krieges mit Hilfe der Notenbank, der Emission von Schatzscheinen
und der ersten großen Rentenanleihe zu tilgen gesucht. In einem Ver-
gleich der Gesamtausgaben für diese Kriegsperiode mit dem nominellen
Ertrag aus jenen Kapitalquellen geht das Verhältnis zwischen Dienst-
leistung der Notenbank und der anderen Stützen deutlich hervor. Mit
R i b o t können die Kriegskosten vom 1. August 1914 bis zum 31. De-
zember 1915 auf rund 28,5 Milliarden Frcs. veranschlagt werden. Nach
den bekannt gewordenen Ziffern waren andererseits die Einnahmen:

1.	Notenbank-Vorschüsse.........................................7 600,00 Milk Frcs.

2.	Erlös aus N.-V.-Wechseln bis zum 31. Dezember 1915 (abzüglich

aller	Konversionen)..........................................6	963,00	„	„

3.	Erlös aus N.-V.-Obligationen bis zum 31. Dezember 1915 (abzüg-
lich der Konvertierung in die 5 % Rente)....................... .	632,00	„	„

4.	Erlös aus Krediteröffnungen im Auslande (schätzungsweise ermit-
telt und abzüglich der	Erneuerung	alter	Kredite)	....	etwa	1 500,00	„	„

5.	Erlös aus der 5% Rente (Kurswert abzüglich der 3%% Rente

und	y3 der 3 % Rente).....................................12	742,00	„	„

Gesamteinnahme	des	Schatzamtes	29 437.00	Mül.	Frcs.

Es stehen also nach dieser, natürlich etwas problematischen Aufstel-
lung der Kriegskosten von 28,5 Milliarden Frcs., Einnahmen von 29,5
Milliarden Frcs. gegenüber. Die Bilanzierung der Ausgaben durch die
spärlich fließenden Einnahmen war nicht leicht und konnte nur unter
den geschicktesten Wendungen und einer höchst dehnbaren Anpas-
sung an die wirtschaftlichen und militär-politischen Situationen er-
reicht werden.

Von dem Finanzminister wurde in einer späteren Zeit — Bericht
in der Kammer am 15. Februar 1916 — eine Übersicht von den Kriegs-
kosten und eine ausführliche Spezifikation der Einnahmen des Schatz-
amtes im Laufe des Jahres 1915 gegeben, die für einen Vergleich mit
den vorangegangenen, im August 1915 vorgenommenen Berechnungen
von Interesse sein dürften.

Aus den Kreditoperationen und Haupteinnahmequellen zog das
Schatzamt in der Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1915 gegen 22 873
Mill. Frcs.

Anleihe	Zeichner
I	1 i7Z 233
II	2 691 000
III	3 355 176
IV	5 279 000
        <pb n="201" />
        ﻿184

Erwin Respondek,

Am Ende des Jahres 1915 besaß das Schatzamt
Guthaben in New York. . . . 174,00 Mill. Frcs.

„	„ London..........407,00 „	„

R i b 01 zieht auch die von der französischen Regierung an die
Verbündeten und befreundeten Staaten geleisteten direkten Vorschüsse,
die sich auf 762 Mill. Frcs. belaufen, in den Kreis der Einnahmen hinein,
ohne die Vorschüsse an Rußland, die mittels Diskontierung von Schatz-
wechseln bei der Notenbank erfolgten, zu berücksichtigen. Vorschuß-
leistungen empfingen:

Belgien...............592,00	Mill.	Frcs.

Serbien...............165,00	„	„

Griechenland........... 5,00	„	„

Montenegro............. 0,40	,,	,,

Sodann flössen dem Schatzamte noch die rückständigen Einzah-
lungen aus der 3% % amort. Rente zu, in Höhe von 232 Mill. Frcs.

Die Haupteinnahmequellen sind außer der Notenbank in den kurz-
fristigen und festen Anleihen zu suchen. In den 12 Monaten stieg der
Absatz der National-Verteidigungs-Wechsel von 1288 Mill. Frcs. auf
6963 Mill. Frcs. unter Abzug der in National-Verteidigungs-Obligationen
und später in 5 % Rente konvertierten Summen. Somit verbleiben
dem Schatzamte als Reinerlös 5675 Mill. Frcs.

Hiervon waren abgesetzt in England und Amerika am

31. Oktober 1914...............102,00 Mill. Frcs.

31. Oktober 1915...............1165,00 „	„

d. h. in 12 Monaten ein Plus von . 1063,00 Mill. Frcs.

Aus der zweiten Quelle, den National-Verteidigungs-Obligationen,
schöpfte das Schatzamt, abzüglich der Konvertierungen in 5 % Rente, nur
632 Mill. Frcs., und von der französisch-englischen Dollaranleihe hatte
es am 31. Dezember 1915 400 Mill. Frcs. einkassiert. Schließlich be-
liefen sich die Mittel aus der ersten festen 5 % Anleihe auf:

Eingezahlte Beträge in Frankreich . 10 579,00 Mill. Frcs.

in England. . .	388,00	„	„

Zusammen 10 967,00 Mill. Frcs.

Es verbleiben noch die von der Notenbank geleisteten Vorschüsse.
Am 3t. Dezember 1914 beliefen sie sich auf . 3900,00 Mill. Frcs.

am 31. Dezember 1915 auf................5200,00 „	„

also ein Plus von....................1300,00 Mill. Frcs.1)

Nun können die an fremde Staaten geleisteten Vorschüsse nicht
unter die tatsächlichen Kapitalszuflüsse gerechnet werden. Sie stellen
vielmehr lediglich einen Aktivposten dar, der vielleicht in Zukunft

1) Die Vorschüsse der Notenbank an den Staat waren am 16. Dezember 7600,00 Mill.
Frcs., so daß tatsächlich 3700,00 Mill. Frcs. dem Staate zuflossen. Aus den Eingängen
aus der 5 % Rente zahlte der Staat aber 2400,00 Mill. Frcs. zurück. Somit verbleibt ein
bilanzmäßig ausgewiesener Zufluß von nur 1300,00 Mill. Frcs.
        <pb n="202" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

185

in bare Münze verwandelt werden kann. Faßt man so die einzelnen Sum-

men zusammen,

1.	Barvorrat des Tresors in England und Amerika .

2.	3V2 % amort. Rente.............................

3.	N.-V.-Wechsel..................................

4.	N.-V.-Obligationen.............................

5.	Dollar-Anleihe.................................

6.	5 % Rente (Frankreich -)- England).............

so ergibt sich als Gesamtzufluß..............

unter Hinzuziehung des Notenbankvorschusses . . .

eine Einnahme von............................

die mit einem Steuerzuschuß von...................

insgesamt mit................................

581,00 Mül. Frcs.
232,00	„

5 675,00	„

632,00	„	„

400,00	„	„

10 967,00	„	„

18 487,00 Mül. Frcs.,
r 300,00	„	„

19 787,00 Mül. Frcs.,
3 086,00	„	„

22 873,00 Mül. Frcs.

die reinen Kriegskosten des Jahres 1915 in Höhe von 21 906,7 Mill. Frcs.
zu decken vermochten.

Die durchgeführten Berechnungen über Einnahmen und Ausgaben
des Schatzamtes während des Krieges ergeben das Resultat, daß die
gewaltigen Lasten zu 2/ä von der Notenbank und zu ®/5 von der Öffent-
lichkeit getragen werden.

Der Krieg geht weiter, und das Schatzamt wird im laufenden
Jahre 1916 vor die gleichen Aufgaben gestellt. Bereits am 26. November
1915 legte der Finanzminister der Kammer eine Kreditforderung
für 1916. vor. Sie soll die Ausgaben des Staatshaushaltes für die Zeit vom
1. Januar bis 31. März 1916 decken, deren Höhe auf rund 8173 Mill. Frcs.
veranschlagt ist. Die Berechnung und Veranlagung der einzelnen Posten
erfolgte nach den alten Grundsätzen und bisherigen Erfahrungen. Als
Anhaltspunkte dienten dem Schatzamte natürlich außer den Erfahrungen
der letzten Monate auch noch direkte Schätzungen, die sich vornehm-
lich auf die Ausgaben für die Kriegführung erstreckten.

Von den für das allgemeine Budget geforderten 7523 Mill. Frcs.
wird der größte Teil für militärische Zwecke verwandt, nämlich 5973,8
Mill. Frcs. Von besonderem Interesse ist die Beobachtung, daß die militäri-
schen Ausgaben gegen die letzten drei Monate des vergangenen Jahres ge-
waltig gestiegen sind. So führt der Finanzminister die folgenden Daten an:

Mehrausgabe für Januar-März gegen Oktober-Dezember 1915.

Heer und Marine.........................803,00	Mill.	Frcs.

Kleidung.................................86,00	„	„

Gesundheits-Sanitätsmaterial.............80,00	„	„

Pulvervorschüsse.........................70,00	„	„

ArtiUeriematerialien................... 355,00	„	„

Die Höhe des letzten Postens hängt mit den Bestrebungen, die
Kriegsmaterialien im Inlande zu erzeugen, zusammen. Die Verlän-
gerung des Krieges, der ungeahnte Mengen Munition, Waffen und
andere Kampfbedarfsartikel vernichtet und verbraucht, um die Men-
schen durch Granaten zu ersetzen, die immer weiter um sich grei-
fende Ausdehnung der Kriegsschauplätze nach allen Winkeln Europas,
        <pb n="203" />
        ﻿i86

Erwin Respondek,

haben, wie vorauszusehen und -gesagt war, die Ziffern gewaltig erhöht.
Auf den Monat belaufen sich die rein militärischen Ausgaben auf 1750 Mill.
Frcs., d. h. 34 Milliarde Frcs. mehr als für den gleichen Zeitraum in den
letzten drei Monaten des Jahres 1915 und fast 1 Milliarde mehr als sie
für einen Monat im Jahre 1914 ausmachten. Und der Finanzminister
sagte in seinem Expose an einer Stelle: „Im ganzen: die Steigerung
neigt sichtlich dazu, sich zu beschleunigen“.

Auf der anderen Seite erhöhen sich die indirekten Lasten des Krieges,
die Ausgaben für die Zivilverwaltung, an deren erster Stelle die sozialen
Lasten stehen. Die Gesamtbedürfnisse der Zivilverwaltung für das Jahr
1916 wurden auf 5358 Mill. Frcs. veranschlagt unter der Voraussetzung,
daß die heutigen Kriegszustände weiter bestehen bleiben. Für 1914
waren sie auf 4999 Mill. Frcs. angesetzt, so daß hier ein Plus von 359 Mill.
Frcs. zu verzeichnen ist. Als wichtigster Posten kann wohl die Unter-
stützung der Familien mobilisierter Krieger angesehen werden. Hier
betragen die Unterstützungsgelder für einen Monat etwas über 200 Mill.
Frcs. Bereits im Laufe des Jahres 19x5 stiegen sie von 68 auf 178 Mill.
Frcs. Für das ganze Jahr 1916 schätzt sie der Finanzminister auf rund
2800 Mill. Frcs. Zur Unterstützung der Flüchtlinge und für Hilfeleistungen
in den von der Invasion betroffenen Gebieten werden 50 Mill. Frcs. be-
reitgestellt.

Mitte Februar trat der Finanzminister wiederum mit einet neuen
Kreditforderung, und zwar für die Zeit vom 1. April bis 30. Juni 1916
an die Kammer heran. Es war von allen Kreisen vorausgesehen, daß
die nächsten 3 Monate einen bedeutenden Mehraufwand gegenüber
den vergangenen Epochen zu verzeichnen haben würden, im Hinblick
auf die geplante Frühjahrsoffensive und ihre Vorbereitungen. Man wird
wohl aber um so angenehmer überrascht gewesen sein, als der Finanz-
minister insgesamt nur 8475 Mill. Frcs. forderte, d. h. ein Plus von 302
Mill. Frcs. gegenüber der letzten Kreditforderung. Im Rahmen des
allgemeinen Budgets entfällt der Hauptanteil wiederum auf die mili-
tärischen Ausgaben, die vom Schatzamt auf rund 6333 Mill. Frcs. ver-
anschlagt wurden. Es ist also eine Zunahme von 385 Mill. Frcs. auf die
rein militärischen Ausgaben zu verzeichnen. Diese Steigerung ist, wie
der Finanzminister angibt, vornehmlich auf erhöhte Materialanschaf-
fungen zurückzuführen. Er gibt einige Ziffern für bestimmte militärische
Ausgaben an, die von illustrativem Wert für die gewaltigen und nach
vielen Richtungen unproduktiven Aufwendungen sind. Allein für die
im Kriege zur machtvollsten Waffe ausgebaute Artillerie werden 2450
Mill. Frcs. ausgeworfen, und sie erfordert damit von den gesamten mili-
tärischen Ausgaben etwa 39%. Einige andere Posten sind zwar kleiner,
aber zählen dennoch nach Millionen und verschwinden keineswegs unter
den Milliardenziffern. Es werden gefordert (Neuanschaffung usw.):

Für das Flugwesen...........................82,80 Mill. Frcs.

„ Eisenbahnen...............................13,00 „	„

,, Transportwesen...........................67,00 ,,	,,
        <pb n="204" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

187

Für Schlafgelder, Quartiergelder bei Einwohnern, Ein-

richtungen usw................................13)7°	Mill.	Frcs.

„	Feldlager für die Kolonialtruppen...............11,50	„	„

„	Kasernen und andere militärische Bauten . . .	4,50	„	„

„	Viehfutter......................................20,70	„	„

„	Nahrung für die Armee...........................35,20	„	„

„	Materialien der Genietruppen..................43,80	„	„

„	Pferdeankauf....................................62,20	„	„

„	Heizung und Beleuchtung..........................8,80	„	„

„	Zuschüsse zur Pulverfabrikation................ 44.00	„	„

und weitere Bedürfnisse, wobei wohl beachtet sein muß, daß diese Summen
für 3 Monate berechnet sind. In der Übersichtstabelle sind die weiteren
Ausgaben für den öffentlichen Schuldendienst, soziale Ausgaben, in ihrer
Gesamtziffer eingefügt und sollen hier näher nicht betrachtet werden.
Nur noch ein Vergleich mit absoluten Zahlen möge durchgeführt sein,
der einen Begriff von der Steigerung der Kriegslasten gibt. Die Ge-
samtausgaben für das Jahr 1915 betragen rund 22 Milliarden Frcs.,
während das erste Semester des laufenden Jahres allein schon 16,5 Mil-
liarden Frcs. beansprucht, wobei mögliche nachträgliche Zuschüsse nicht
in Rechnung gestellt sind, die das Bild noch ungünstiger beeinflussen
dürften. Es besteht die Wahrscheinlichkeit einer Fortführung des
Krieges bis zum Ende des Jahres 1916. Nimmt man an, daß die Aus-
gaben konstant bleiben, so erreichen sie am 31. Dezember 1916 schon
die gewaltige Höhe von 33 Milliarden Frcs. und damit im Vergleich
zum Vorjahre eine Steigerung von n Milliarden Frcs.

Im Mai forderte R i b o t von der Kammer weitere provisorische
Kredite für das dritte Quartal des laufenden Budgetjahres: 7891 Mill.
Frcs. im allgemeinen und 619 Mill. Frcs. im außerordentlichen Budget.
Damit erreichen die seit Kriegsausbruch bewilligten Kredite rund 52,5
Milliarden Frcs., die sich durch die fünf Zwölftel des Budgetjahres 1914
auf etwa 54,5 Milliarden Frcs. erhöhen. Wiederum sind es die mili-
tärischen Anforderungen, die im dritten Quartal eine beträchtliche
Steigerung zu verzeichnen haben, nämlich 131,6 Mill. Frcs. gegenüber
dem zweiten Quartal. Demnach ist ihre absolute Höhe 6464,6 Mill.
Frcs. Damit steigen auch die monatlichen Kriegslasten, die von durch-
schnittlich 1400 Mill. Frcs. für 1914 über 1800 bis 1900 Mill. Frcs. für
1915 auf über 2600 Mill. Frcs. für 1916 anwuchsen. Der Finanzminister
legte sich in seinem Expos6 über die künftige Gestaltung der Ausgaben
die größte Zurückhaltung auf, die durchaus verständlich ist. Aus
seinen mit bemerkenswerter Sachlichkeit vorgetragenen Angaben über
die Erfolge des Schatzscheinverkaufs und der ausländischen Kredit-
-operationen ist zu entnehmen, daß beide weit davon entfernt sind, Zu-
friedenheit und den Wunsch auszulösen, daß es in den gleichen Bahnen
nur so weiter gehen möge. Aus dem Schatzwechselverkauf wurden
vom 31. Dezember 1915 mit 3057 Mill. Frcs. bis Mitte Mai mit 10 020
Mill. Frcs. gegen 6963 Mill. Frcs. erzielt. Der Absatz von fünfjährigen
National-Verteidigungs-Obligationen, der für längere Zeit überhaupt
        <pb n="205" />
        ﻿i88

Erwin Respondek,

wegen Nichtverkaufs seitens der Regierung stockte, betrug von Mitte
März bis Mitte Mai nur 133 Mül. Frcs. Die sechsjährigen Obligationen
nahmen ab. Im ganzen wurden von beiden Sorten 765 Mül. Frcs. ab-
gesetzt. Der Schatzwechselumlauf in England und den Ver. Staaten
nahm um 85 Mül. Frcs. ab. Er beträgt jetzt 1079 Mül. Frcs. Dafür
haben die kleinen, beschützten Nationen an das Solidaritätsgefühl der
Franzosen wieder stark appelliert, und sie mußten erhört werden. Gegen
158 Mül. Frcs. wurden verteilt. Davon empfingen Belgien 153 Mül.
Frcs., Serbien 5 Mül. Frcs. und Montenegro 600 000 Frcs. in der Zeit
vom 1. Januar 1916 bis zum Berichtstage. Bemerkenswert ist schließ-
lich noch die Angabe, daß für die gleiche Periode aus der französisch-
englischen Dollaranleihe auf den auf Frankreich entfallenden Teil von
1243 Mül. Frcs. 843 Mül. Frcs. eingingen. Uber das vom Finanzminister
vorgelegte, reichlich umfangreiche und außerordentlich verwickelte
Steuerprogramm kann hier nicht geschrieben werden.

Die finanzielle Lage der französischen Republik ist am Ende des
zweiten Kriegsjahres die gleiche wie an dem des ersten. Damals sah man
ein, daß mit den bisherigen Kreditoperationen die bevorstehenden
Lasten nicht ertragen werden könnten. Durch das Mittel der Anleihe
glaubte das Schatzamt den Kapitalzufluß zu erhöhen und sicherzu-
stellen. Wieweit dies erreicht wurde, haben die Ergebnisse gezeigt.
Nunmehr steht die Finanzverwaltung vor einer Situation, deren Ähnlich-
keit mit Anfang August 1915 unverkennbar ist, nur daß die neuen Ziffern
sich weit von den alten Ziffern entfernt haben. Gegen 16,5 Milliarden
Frcs. machen die Kriegskosten für das erste Semester 1916 aus. Gegen
18 bis 20 Milliarden Frcs. dürften die unentwegt hochgehenden Kriegs-
kosten bis zum Ende des Jahres 19x6 erreichen. Im Absatz der Schatz-
schein-Typen sind unüberwindbare Stockungen eingetreten. Er erreicht
keine 1000 Mül. Frcs. im Monat. Trotz eifrigen Bemühens der Banken
und des Schatzamtes vermögen im Auslande — hier namentlich in
England und Amerika — nicht die Summen flüssig gemacht zu werden,
die im Vergleich zu den gewaltigen Waren- und Munitionsbezügen einen
Ausgleich schaffen könnten. Oder der große Verbündete und der ge-
schäftstüchtige Freund gewähren gern und reichlich Kredit gegen Gold.
Noch am 6. April wies die Wochenbilanz der Notenbank einen Gold-
bestand von 4986 Mül. Frcs. auf und am 24. August, also nach 5 Monaten
nur noch 4335 MUL Frcs. in der eigenen Kasse, dagegen im Auslande
473 Mül. Frcs. Dieses Gold floß nach London und New York. In der
gleichen Zeit, in der die Bank die Auslandskredite mit ihrem Golde möglich
machte und unterstützte, erweist sie nach dem Stande der Dinge im
Innern	die	alten	Dienste. In der gleichen Zeit	stiegen die Vorschüsse

an den	Staat:	6 April.............7100,00 Mill.	Frcs.

24. August.............8600,00 „	„

d. h. um...........1500,00 Mill.	Frcs.

Die Entfernung bis zum äußersten Punkt ist nicht mehr weit, und
es ist sehr unwahrscheinlich, daß es der Bank von Frankreich
        <pb n="206" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

189

möglich sein wird, noch weitere 5 Monate in dem gleichen Umfange
nach beiden Richtungen hin zu wirken. Und es ist auch sehr un-
wahrscheinlich, daß mit dem 31. Dezember 1916 der Friede in das Land
einzieht. Es bleibt auch jetzt wieder nur noch der Ausweg vom August
1915: die zweite, große nationale Renten-Anleihe. Möglich, daß sie einen
Erfolg erzielt, der von den drückenden Sorgen befreien kann.

Im gewohnten Kreislauf legt inzwischen der Finanzminister der
ßudgut-Kommission wieder den fällig gewordenen Gesetzesentwurf über
die erforderlichen Kriegskredite vor. Für das letzte Viertel des laufen-
den Jahres fordert er einen provisorischen Kredit von 9133 Milk Frcs.,
von denen 8347 Mül. Frcs. auf das ordentliche und 786 Mül. Frcs. auf
das außerordentliche Budget entfallen. Aus dieser neuen Forderung ist
die Tendenz steigender Kriegskosten abermals sichtbar. Denn im
dritten Vierteljahr waren insgesamt 8681 Mül. Frcs. genehmigt, so daß
die Zunahme jetzt 452 Mül. Frcs. beträgt. Hiervon entfällt ein Betrag
von 134 Milk Frcs. auf Mehrausgaben rein militärischer Natur gegenüber
dem dritten Quartal.

Für das Jahr 1916 erreichen die Kredite eine Summe von 32 351
Mill. Frcs., und die allmählich gesteigerten Kreditforderungen für das
Jahr 1915 ergaben in ihrer Endsumme einen Betrag von 22 706 Mill.
Frcs., für das Jahr 1914: 12 012 Mill. Frcs. In diesen gewaltigen Be-
trägen haben die Kriegsausgaben den ausschlaggebenden Anteil, wäh-
rend die Lasten für den inneren Dienst weit geringer sind, obwohl auch
sie natürlich durch die Verbuchung von außergewöhnlichen Ausgaben,
die durch indirekte Kriegseinwirkung bedingt sind, so in erster Linie
des Zinsendienstes der Staatsschulden, sozialen Fürsorge, Ernährung
der Zivilbevölkerung, Unterstützung der Flüchtlinge u. a. m., hohe
Summen erreichen. Werden einmal ausschließlich die rein militärischen
Ausgaben den bewilligten Krediten der Jahre 1914, 1915 und 1916
zum Vergleich gegenübergestellt, so zeigen sie das nachstehende be-
achtenswerte Bild in Mill. Frcs.):

Verhältnis der Gesamtkredite zu den militärischen Ausgaben

1914—1916.

Jahr	Gesamtbetrag der Kredite	Militärische  Ausgaben	Zunahme	
			absolut	prozentualer  Anteil
IW	6 589,00	5 867,00			88,9
1915	22 706,00	15 705,00	9705,00	69, r
1916	32 351,00	23 35o,oo	9690,00	72,3

In derselben Weise zeigen auch die monatlichen Kriegskosten eine
unentwegt anwachsende Richtung, deren zahlenmäßiger Ausdruck
in runden Ziffern seit dem 1. August 1914 bis zum 31. Dezember 1916
in den nachstehenden Tabellen (S. 190) aufgezeichnet ist.

Es brauchen bei Betrachtung dieser Ziffern keine Daten über die
Kriegslasten der anderen Kriegführenden zum Vergleiche herangezogen
        <pb n="207" />
        ﻿Erwin Respondek,

Gesamtausgaben des Staatsschatzes während des Krieges.
Zeitperiode: i. August 1914 bis 31. Dezember 1916 (in 1000 Frcs.)

Zeit	Heer	Schulden-  dienst	Soziale  Fürsorge	Lebensmittel für Zivil- bevölkerung	Andere  Ausgaben	Gesamt-  Ausgaben
1914.	x. Aug. bis 31. Dez.  1915.	1. Jan. bis 31. Dez.  1916.	1. Jan. bis 30. Sept.  1. Jan. bis 31. Dez.	5 867 251  15	767 099  16	817 000 23 660 575	60 332  I 9OO 024  1	219 OOO  2	998 789	494 466  2 711 043  2	935 000  3	290 242	20 000  l66 800  21 OOO	147 386  2 261 124  1977 000  2 394 244	6 589 435 22 806 090 22 969 000 32 343 850

Gesamtausgaben des Schatzamtes pro Monat und Tag.

(In Mill. Frcs.)

Zeit	Monate	Ausgaben  Insgesamt	pro Monat  Davon  militärische	Ausgaben  pro  Tag
1. Aug. bis 31. Dez. 1914 . . .	5	1365,00	805,00	44,7°
1. Jan. bis 30. Juni 1915 . . .	6	1665,00	1100,00	55,50
1. Juli bis 30. Sept. 1915 . . .	3	1870,00	1300,00	62,00
1. Okt. bis 31. Dez. 1915 . . .	3	2150,00	1570,00	69,00
1. Jan. bis 31. März 1916. . .	3	2505,00	1750,00	83,50
1. April bis 30. Juni 1916 . .	3	2829,00	2111,00	94,00
1. Juli bis 30. Sept. 1916 . .	3	2837,00	2155,00	95,oo
1. Okt. bis 31. Dez. 1916	. .	3	3044,00	2200,00	101,50

zu werden. Schon die absoluten Ziffern wirken so überwältigend auf
den Prüfenden, daß es genügt, sie einfach zu nennen. Der fran-
zösische Finanzminister hat aber in seinem Expose für die eigene Finanz-
wirtschaft einen recht bemerkenswerten Vergleich zwischen den Kriegs-
kosten sowie den Einnahmen des Schatzamtes der Jahre 1915 und 1916
gezogen, der in seinen wesentlichen Punkten hier in ausgewählter Zu-
sammenstellung wiedergegeben werden möge.

Es ist schon mehrfach darauf hingewiesen worden, daß mit der
Ausdehnung der Kriegsschauplätze und der immer ausgeprägteren tech-
nischen Kriegführung mit Artillerie und wieder Artillerie, mit Pionier-
arbeit und Luftkämpfen neben den laufenden Ausgaben für Soldaten
und Offiziere die Lasten sich stets erhöhten. Das Plus an militärischen
Aufwendungen findet seine Erklärung ausschließlich auf diesem Ge-
biete. In seinem Berichte stellte der Finanzminister auch fest, daß von
der Zunahme der Kreditforderungen für 1916 gegenüber 1915 in Höhe
von 9645 Mill. Frcs. allein 8402 Mill. Frcs. auf die erhöhten Ausgaben
für die Landesverteidigung zurückzuführen sind. Das Plus des Jahres
1916 übertrifft das des Jahres 1915 um volle 50 %. Und eine große
Reihe von Daten, die einen Begriff von der Verteilung des Mehraufwandes
auf die einzelnen Posten veranschaulichen soll, zeigt, welch hohe An-
forderungen die technische Kriegführung stellt. An erster Stelle stehen
die Aufwendungen für die stärkste und weitest ausgebaute Waffe, die
Artillerie, mit 4990 Mill. Frcs. Dies bedeutet, daß nicht weniger als 59,3 %
        <pb n="208" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

IQI

der vollen Zunahme allein auf die Artillerie zu verbuchen sind. In
weitem Abstande von diesem Posten [folgen sodann die Mehrausgaben
für 1916 gegenüber 1915:

in der Luftschiffahrt................................658,00	Mill.	Frcs.

im Geniekorps........................................277,00	„	„

für Bauten und Ausrüstungen der Pulverfabriken. . . . 260,00	„	„

für Eisenbahnen......................................142,00	„	„

Auch der Sold für die Truppen weist eine beträchtliche Zunahme
auf. Sie belief sich auf rund 239 Mill. Frcs., obwohl die Heeresverwal-
tung bestrebt war, die Ausgaben nach Möglichkeit zu verringern. Weiter-
hin erforderten einen Mehraufwand;

Zuweisungen und Unterstützungen an die Familien der

Mobilisierten............................... 434.oo Mill. Frcs.

Verpflegung der Truppen........................706,00 „	,,

deren so auffällige Zunahme mit dem Kaufzwange im Auslande zu den
allseitig erhöhten Preisen und Wechselkursen erklärt wird. Für den
ausgedehnten Fuhrpark wurden an Brennmaterialien, Zutaten für Auto-
mobile und Flugzeuge 163 Mill. Frcs. mehr aufgewendet.

Transportkosten, Truppenverschiebungen u. ä. erforderten ein Plus
von 287 Mill. Frcs., Fourrage, aus Gründen des hohen Preisstandes
319 Mill. Frcs. Als neuer Posten wird noch die Anwerbung von kolo-
nialen und exotischen Arbeitern aufgeführt mit rund 63 Mill. Frcs.

Auf der ganzen Linie ist also eine umfangreiche Zunahme der ein-
zelnen Posten in der Kriegsrechnung zu verzeichnen, — abgesehen von
den Ausgaben für Bekleidung, Lagerung, Schlafräume usw., die um 133
Mill. Frcs. und vom Sanitätsdienst, die um 41 Mill. Frcs. vermindert
werden konnten — die mit der Fortsetzung des erbitterten Kampfes
nicht stehen bleiben wird, sondern sogar in der Folgezeit noch eine
Steigerung erfahren dürfte.

Auch das Zivil-Budget 1916 weist im Vergleiche zum Vorjahre eine
Zunahme von 1243 Mill. Frcs. auf, von der gegen 1032 Mill. Frcs. allein für
den Zinsendienst der Staatsschulden abzusondern sind. Hier kommt
die hohe Last der bisherigen Schuldverpflichtungen deutlich zum Aus-
druck, die in ihrer jetzigen absoluten Größe um so unangenehmer wirkt,
als es doch für jeden einsichtigen Fachmann klar ist, daß sie in den vielen
Jahren, in denen die verbündeten Regierungen noch Krieg gegen die
Zentralmächte führen wollen, zu einer möglichen Lähmung oder teil-
weisen Vernichtung der wirtschaftlichen Kraft im Lande ausreifen
können. Eine Zunahme von 125 Mill. Frcs. weist auch der Dienst für
die Unterstützung der Flüchtlinge und Evakuierten auf.

An diesem Ort Wären gewiß einige Vergleiche unter Heranziehung
amtlicher Angaben zwischen den einzelnen verbündeten und feindlichen
Kriegsstaaten angebracht. Sie können aber leider nicht gezogen werden,
da von fast sämtlichen anderen Kriegführenden keine öffentlichen Be-
kanntmachungen vorhegen. Sie sind vielleicht auch entbehrlich, denn
        <pb n="209" />
        ﻿192

Erwin Respondek,

schon aus den wenigen allgemeinen Anhaltspunkten, die von der fran-
zösischen Regierung vorliegen, und die nur Geltung haben für einen
Kriegsschauplatz, der etwa 600 km Grabenlänge umfaßt g&gt; gen eine etwa
1800 km lange Front (Westen und Osten) z. B. Deutschlands, wird leicht
zu ermessen sein, welche riesigen Ausgaben also Deutschland für die hier
hauptsächlich genannten Dienste zu bewirken haben wird, um den Kampf
erfolgreich führen zu können. Auch bei den verbündeten und feindlichen
Staaten Deutschlands, bei England, bei Rußland, Italien usw. dürften
die Aufwendungen nach Milliarden zugenommen haben, so daß mit
der eigenen ökonomischen Gefährdung auch die der Verbündeten und
Feinde Frankreichs in vielleicht annähernd gleichem Umfange, bei dem
einen früher als bei den anderen, in Erscheinung und Wirksamkeit treten
muß. Aber solange das militärische Regime die lückenlose Aufrecht-
erhaltung aller der zur siegreichen Fortsetzung des Kampfes notwendigen
Zuwendungen an Menschen, Gütern und Kriegsausrüstungen jeder
Art braucht und fordert, werden die hinter den Schützengräben fließen-
den Quellen nicht versiegen, es sei denn, aus natürlicher Erschöpfung.
So in Frankreich, so beim Feinde.

Unter diesem Gesichtspunkt wird es nun lehrreich sein, einmal die
Einnahmequellen des französischen Schatzamtes auf Grund der Mit-
teilungen von Ri bot nach ihrem Ergiebigkeits-Koeffizienten zu unter-
suchen, um hieraus eine gewisse Kritik über das Verhältnis der Lasten
zu den Trägern zu gewinnen. Es mögen immer zunächst die Einnahmen
des Schatzamtes während der beiden ersten Kriegsjahre i. August 1914
bis 31. Juli 1916 dargelegt werden, bevor auf eine Berechnung der mög-
lichen Gesamteinnahmen bis zum Tage der letzten Budget-Aufstellung,
also dem 31. Dezember 1916, übergegangen wird.

Von den budgetären Eingängen für die Berichtszeit wurde unter
vorsichtiger Schätzung durch das Schatzamt ein Ertrag von etwa 8052
Mill. Frcs. erhofft. Tatsächlich war das Ergebnis bedeutend niedriger.
Es kamen lediglich 6246,7 Mill. Frcs. ein, d. h. ein Mindererlös von 1805
Mill. Frcs. oder 22,4 %. In schematischer Zusammenstellung ergibt
die Bewegung der indirekten Einkünfte das folgende Bild (in 1000 Frcs):

Budget-Einnahmen in den beiden ersten Kriegsjahren.

	Eingänge		
Perioden	Effektive	Budget-  Voranschlag	Ausfall
1. August bis 31. Dezember 1914 . . .	968 663	1 683 733	715 070
1. Januar bis 31. Juli 1915		  Erstes Kriegsjahr		1	833 289  2	801 952	2	309 595  3	993 328	476 306  1 191 376
1. August bis 31. Dezember 1915 . . .	1 344 246	1693 404	349 158
1. Januar bis 31. Juli 1916	  Zweites Kriegsjahr	  Erstes und zweites Kriegsjahr . . .	2	IOO 502  3	444 748  6 246 700	2 365 758  4 059 162  8 052 490	265 256  614 414  1 805 79°

Im ersten Kriegsjahr wurden offenbar die Einkünfte an Steuern,
Zöllen, aus Monopolen usw. noch recht zuversichtlich beurteilt. Davon
        <pb n="210" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

193

zeugt das in der Tabelle ersichtliche arge Mißverhältnis zwischen Vor-
anschlag und Effektivertrag. Dagegen ließ man im zweiten Kriegs] ahre
wohl neben der Hoffnung auf gute Resultate auch die gesammelten
Erfahrungen aus dem Vorjahre zur Geltung gelangen und schätzte ein
wenig vorsichtiger.

Die Gesamteinnahmen erreichten, wie der Bericht betont, gegen
78,65 % der Friedenseinnahmen. Er verweist hierbei auf die Tatsache,
daß ein immerhin umfangreicher Teil des Landes, der mit zu den er-
tragreichsten und steuerkräftigsten Bezirken und dichtesten Bevölke-
rungsgegenden zählt, vom Feinde besetzt sei. So sei dieses Ergeb-
nis sehr zufriedenstellend und ein Zeichen für die ungebrochene
Konsumtionskraft der restlichen Gebiete. Wenngleich im zweiten
Jahre die Einnahmen eine Steigerung gegenüber dem ersten um
etwa 642,00 Milk Eres, erfuhren, so kann dennoch nicht auf eine wesent-
liche nochmalige Erhöhung gerechnet werden. Die Steuerkraft dürfte
auf ihrer Höchstgrenze angelangt sein. Denn so wie die indirekten
Steuern, Stempelsteuer, Zölle und Monopole den oben nachgewiesenen
Mindererlös von 1805,00 Milk Eres, erbrachten, weisen auch die Eingänge
aus den direkten Steuern, die mit 1221,00 Milk Eres, veranschlagt
waren und nur 942,00 Milk Eres, eintrugen, ein Minus von 279,00 Milk
Eres. auf. Unter Zugrundelegung der budgetären Einnahmen im zweiten
Kriegsjahre kann daher der Erlös für die letzten fünf Monate des lau-
fenden Jahres mit höchstens 1500,00 Milk Eres, angenommen werden1).

Nach diesen Angaben über die budgetären Einnahmen geht nun-
mehr der Bericht dazu über, einen Rückblick auf die Lage des Schatz-
amtes selbst und die während der beiden ersten Kriegsjahre veränderte
öffentliche Schuld zu geben. Er hebt zunächst das Dekuvert der zwei-
jährigen Kriegsbilanz hervor. Die Differenz zwischen den Einnahmen
und Ausgaben ergibt als ungedeckte Verbindlichkeiten eine Summe von
35,00 Milliarden Eres., die noch erhöht wird durch die gesondert auf-
geführten Leistungen an die Verbündeten mit 1650,00 Milk Eres., um-
fangreiche Vorschüsse an die Handelskammern, Gesellschaften für Ver-
wundetenpflege, Zuwendungen an die Eisenbahnen, um deren Kapital-
bedarf zu decken. Außerdem wurden größere Beträge dem Departe-
ment du Nord und für die Ernährung der Zivilbevölkerung bereitge-
stellt und aufgebraucht. Eine Reihe von Departements, Kommunen,
die Caisse des Depöts et Consignations, Truppenkorps und andere Kun-
den des Schatzamtes haben ihre Einlagen zurückgezogen. Insgesamt
belaufen sich diese Ausgaben auf etwa 3 Milliarden Eres., so daß der
Kassenausgang des Schatzamtes einen Betrag von 38 Milliarden Eres,
überschritten hat. Diese Summe war also zu decken. Unter welchen
Schwierigkeiten und mit welchem wechselreichen finanzpolitischen Ge-
schick der Finanzmmister arbeitete, um diese Lasten auf seine Kapitals-
quellen zu verteilen, wurde schon zur Genüge gezeichnet. Es mögen

*) Effektiv-Eingänge vom 1. August 1913 bis 31. Juli 1916: 3445,00 Milk Frcs., d. h.
für den Monat 287,00 Mill. Frcs.

Respondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

13
        <pb n="211" />
        ﻿194

Erwin Respondek,

daher nur die Resultate der zweijährigen Kapitalsbeschaffung unter
scharfer Sondierung der einzelnen Geldquellen genannt werden, an die
sich sodann die für die kalkulatorische Erfassung der Einnahmen bis
Ende 1916 notwendigen Schätzungen anschließen.

Hart an der Grenze ihrer durch Gesetz vorgeschriebenen Vorschuß-
pflicht und auch ihrer bankwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ist mit
8500,00 Milk Eres, die Bank von Frankreich angelangt. Die erste und
zuverlässigste aller Krcditquellen neigt sich damit bedenklich ihrem
Ende zu. Nur noch 500,00 Mill. Frcs. stehen dem Schatzamte für die
nächsten Monate zur Verfügung, die gerade einige Tage hinreichen
würden, wollte man sie restlos benutzen, um mit ihnen allein den
Krieg zu finanzieren. In der Not wird das Schatzamt es wohl sorgsam
abwägen, ob es vorteilhafter ist, die Grenze nochmals um vielleicht
3 Milliarden oder mehr zu erweitern und damit für die dringenden Aus-
gaben eine stets offene Geldreserve zu besitzen, oder die hohe Belastung
von 9000,00 Mill. Frcs. stehen zu lassen und sie durch Eingänge aus
Anleihen abzudecken, wieder allmählich aufzufüllen, wieder abzubauen,
und das Spiel so lange Zeit wie möglich fortzusetzen. Jedenfalls würde
die finanzielle Stärke der Notenbank hierdurch nicht weiter wesentlich
beeinträchtigt. Ihr Notenumlauf würde sich zwischen der 15. und 18.
Milliarde hin- und herbewegen, während die Goldbasis nach Möglich-
keit vor Schmälerungen zu bewahren wäre. Anders bei einer größeren
Erweiterung der Vorschußpflicht. Mit einer solchen Maßnahme könnte
der öffentliche Kredit der Notenbank leicht zu ernstem Schaden kom-
men, ihre bisher aufrechterhaltene Beweglichkeit vollständig verloren
gehen. Einem bis zu 20 Milliarden Frcs. aufgetürmten Notenumlauf,
der auf der Aktivseite von gegen 4000,00 Mill. Frcs. Gold getragen
wird — wenn nicht noch höhere Summen Goldes nach dem Auslande
zur Stützung der dort aufgenommenen Kredite abfließen — vermag
auch nicht der alte gute Klang der Bank von Frankreich den zu einem
solchen Experiment notwendigen Halt zu bieten. Daher kann mit ge-
wisser Sicherheit darauf gerechnet werden, daß von einer Erhöhung
der Vorschüsse abgesehen wird, obwohl der Finanzminister bei der
Vorlage des Gesetzentwurfs für die zweite Kriegsanleihe am 12. Sep-
tember 1916 Andeutungen machte, die auch leicht anders ausgelegt
werden können. Er trat den offenen und versteckten Treibereien gegen
die Notenbank, von denen in dem Absätze „Notenbank“ bereits ge-
schrieben wurde, entgegen und stellte fest, daß über das Prinzip der
Aufrechterhaltung des Notenprivilegs eine Diskussion überhaupt nicht
zu führen sei, denn die Bank von Frankreich sei heute die unentbehr-
liche Basis des öffentlichen Kredites Frankreichs. Lediglich die Bedin-
gungen der Erneuerung dieses Privilegs wären reiflich zu prüfen!

Es möge trotzdem die Annahme bestehen, daß dem Schatzamte für
die Zeit vom 1. August bis 31. Dezember 1916 nur noch 500,00 Mill-
Frcs. zufließen werden.

Weniger zuverlässig in ihrer Wirkung und Ergiebigkeit waren die
        <pb n="212" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

I95

drei Schatzscheintypen. Den größten Erfolg weisen immer noch die
kurzfristigen National-Verteidigungs-Wechsel auf, die unter Ausschei-
dung aller Rückzahlungen und Konvertierungen am 31. Juli 13 166,00
Mill. Frcs. einbrachten und deren Absatz verhältnismäßig rege ist. Be-
achtenswert ist die erstmalige Veröffentlichung des Ergebnisses aus
dem Verkaufe der National-Verteidigungs-Wechsel zu 5 und 20 Frcs.,
von denen gegen 700 000 Stück abgesetzt wurden im Werte von etwa
7 Mill. Frcs. So gering dieser Betrag auch ist, so zeigt er doch die Spar-
kraft in den kleineren Schichten in einem erfreulichen Lichte. Freilich
kann dieser Absatz nicht bis zu jenen Höhen hinaufgeführt werden,
die vielleicht allgemein erwartet wurden, obwohl aus den Angaben des
Berichtes nicht ersichtlich ist, ob dieser Betrag den Saldo darstellt —
die kleinen Abschnitte können bei 100 Frcs. und darüber in die kurz-
fristigen Schatzscheine eingetauscht werden — oder das tatsächliche,
volle Ergebnis seit ihrer Emission.

Von den 5 % National-Verteidigungs-Obligationen waren 1037,00
Mill. Frcs. untergebracht unter Ausschluß der Summen, die in die erste
5 % Kriegsanleihe konvertiert wurden. Gegen 283,00 Mill. Frcs. von
sechsjährigen Obligationen sind bei Verfall jetzt einzulösen. Der Ab-
satz dieses Typs ist ungemein schwach, er konnte auch durch kein Mittel
aus seiner Stagnation befreit werden und soll nach einer Meldung der
„Frankfurter Zeitung“ mit der Auflage der neuen Kriegsanleihe nicht
mehr zur Ausgabe gelangen.

Für die Folgezeit können also die Obligationen als Einnahmequelle
außer Ansatz gelassen werden, und der Erlös aus den Schatzwechseln,
der mit einem monatlichen Betrage von etwa 1000,00 Mill. Frcs. zu
schätzen ist, wird demnach für die letzten fünf Monate gegen 5000,00
Mill. Frcs. einbringen. Diese Schätzung wird natürlich gegenüber der
Wirklichkeit nur annähernd standhalten, mußte aber vorgenommen
werden, da über die monatlichen Absatzziffern keine zuverlässigen
Nachrichten vorliegen.

An dritter Stelle sind die Krediteröffnungen bei den Verbündeten
und befreundeten Staaten zu nennen. Im Bericht wird als Ergebnis
bis zum 31. Juli aufgeführt:

Schatzscheine, die in England untergebracht worden sind, in Höhe
von 2315,00 Mill. Frcs., Schatzscheine in Amerika (Ver. Staaten) und
dort erlangte Kredite, soweit sie realisiert wurden, gegen 1476,00 Mill. Frcs.

Von den zahlreichen anderen Transaktionen sagt der Bericht kein
Wort. Nun wurde bereits der Versuch unternommen, auch nur an-
nähernd die vielverzweigten Kreditoperationen mit Unterstützung der
Bankwelt und Gold-, Effekten-, Schatzschein-Sicherheiten einheitlich zu
erfassen und ihre wahrscheinliche Höhe zu bestimmen. Dies ist und bleibt
aber ein sehr problematischer Versuch1). Denn es ist höchst schwierig,

*) Auch die „Frankfurter Zeitung“ betont diesen Punkt in einer Darstellung der
Kredite, die Frankreich zur Stützung der Valuta aufgenommen haben kann. In No. 256,
vom 15. September 1916, führt sie auf:

13*
        <pb n="213" />
        ﻿ig6

Erwin Respondek.

jene verdeckten und unklar umschriebenen, lückenhaft mitgeteilten
Darlehnsabschlüsse der Regierung und der Privatwelt auf ihre Richtigkeit
und Form zu prüfen. Aus diesen Gründen muß auch davon abgesehen
werden, für die Ergiebigkeit dieser Kapitalsquelle eine Schätzung der
zukünftigen Zeit vorzunehmen. Diese Lücke muß dem endgültigen
Defizit, das sich aus der Gegenüberstellung der errechneten möglichen
Eingänge und der voraussichtlichen Ausgaben bis zum 31. Dezember
19x6 ergibt, in Parallele gesetzt werden.

Schließlich gibt der Bericht den Reinerlös der ersten 5 % Kriegs-
anleihe mit ix 925,00 Milk Frcs. an.

Der Gesamtbetrag aus diesen verschiedenen Einnahmezweigen wird
auf über 37 730,00 Milk Frcs. beziffert. Gleichzeitig legt der Bericht
einen hohen Wert auf die Feststellung, daß die Notenbank, deren Vor-
schußleistung am 31. Juli 1916 mit 8300,00 Milk Frcs. aufgeführt ist,
an dieser hohen Summe zu nur 22 % teilnimmt, während 78 % oder
mehr als % der Lasten von der Öffentlichkeit, der Bevölkerung, ge-
tragen würden. Die Darstellung und Bemessung der geleisteten Arbeit
von der Bank von Frankreich im Lichte dieser einen absoluten Ziffer
ist ein ebenso billiger Ruhm des Schatzamtes für sich selbst, wie er
brüchig ist. Zur restlosen Erkenntnis der Größe und Bedeutung der
Kriegsfinanzierung durch die Notenbank reichen kühle Betrachtungen
über die direkten Vorschüsse nicht aus. Sie müssen vielmehr ergänzt
werden durch die schon so ausführlich geschilderten Hilfsleistungen in
den Fragen der Kapitalsbeschaffung im Auslande, deren Wurzeln nur
in dem Schoße der Bank von Frankreich ähre Verankerung und Nah-
rung finden konnten, in den Hilfswerken bei den Valutaproblemen,
Arbeiten für die Hebung und Förderung der inneren wirtschaftlichen
Kräfte und zahlreichen anderen wertvollen Diensten.

Da die Einnahmen von 37 730,00 Milk Frcs. die ermittelten Aus-
gaben von 38 000,00 Milk Frcs. nicht deckten, wurde der Fehlbetrag
aus dem Kassenbestande des Schatzamtes herangezogen, der sich ins-
gesamt um 294,00 Milk Frcs. ermäßigte.

Bevor auf die Bilanzierung des Budgets bis zum Ende des laufenden
Jahres übergegangen wird, mögen hier noch die Angaben des Finanz-
ministers über den Stand der öffentlichen Schuld wiedergegeben sein.
Das Schatzamt vermeidet es, die Höhe der Staatsschuld anzugeben. Es
gewährt nur einen Einblick in die Größe der Spannung zwischen Nominal-
betrag und Bareingängen. Ersterer übersteigt die Eingänge um 461,00
Milk Frcs. Diese Differenz wird auf 318,00 Milk Frcs. ermäßigt durch
die Vorteile aus Verrechnungen mit Privatpersonen, noch ausstehenden
Zahlungen von etwa 233,00 Milk Frcs. auf das zweite amerikanische

10,00 Mül. Doll.

einjährige 5 % Notes

25,00	„

45,00	„

100,00	,,

30,00	,,

30,00	„

5%	„

Bankkredite

einjährige Handelskredite

Kredit an das Haus Rothschild (getilgt)

gedeckte kurzfristige Anleihe.
        <pb n="214" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft,

197

Darlehen, das der französischen Regierung 518,00 Mill. Frcs. zuweist,
weiterhin durch Kursgewinne von seiten des Rückkaufes der 3 % %
Anleihe zu 91 % und der Konversion der 3 % Rente zu 66 % in 5 %
Anleihe. Durch die letzteren Transaktionen wurde die Staatsschuld
um mehr als 3 Milliarden Frcs. ermäßigt.

Mit Hilfe der Ausführungen des Schatzamtes wurden die beiden
ersten Kriegsjahre nach ihren finanziellen Anforderungen und deren
Befriedigung eingehend dargelegt. Als endgültiges Ergebnis ist der
restlose Ausgleich zwischen den Ausgaben des Schatzamtes und den
aus verschiedenen Quellen stammenden Einnahmen zu verzeichnen.
Das Defizit von 38 Milliarden Frcs. fand seine Deckung. Nunmehr
gilt es, den Anforderungen der finanziellen Kriegführung in den letzten
fünf Monaten des Jahres 1916 mit den zu Gebote stehenden Mitteln ge-
recht zu werden, um die militärische Schlagfertigkeit nicht durch mangel-
hafte Zufuhr aller notwendigen Güter und Kräfte zu beeinträchtigen.
Hierüber fehlen nun eine Anzahl von Daten, die durch vorsichtige An-
nahmen ersetzt werden und daher die kalkulatorische Darlegung des
nachfolgenden Budgets in ein minder authentisches Licht setzen. Sie
sollen jedoch auch bloß eine Anschauung über die Aufgaben und die
Möglichkeit ihrer Lösungen vermitteln.

Als durchschnittliche Monatsausgabe für die Jahresperiode können
mit R i b o t 2696,00 Mill. Frcs. angenommen werden, so daß nach
Abzug der Kriegskosten für den Monat Juli, der doch in das zweite,
bereits betrachtete Kriegsjahr fällt, rund 15 000,00 Mill. Frcs. für
die restlichen fünf Monate verbleiben. Es entsteht die Frage, woher
diese 15 000,00 Mill. Frcs. zu beschaffen sind. Von den Steuerein-
gängen sind 1500,00 Mill. Frcs. zu erwarten und die Notenbank lie-
fert nach den vorausgegangenen Ermittlungen 500,00 Mill. Frcs., von
dem Schatzscheinabsatz sind 5000,00 Mill. Frcs. zu erwarten, so daß
im günstigsten Falle immer noch ein Defizit von 8000,00 Mill. Frcs. zu
decken ist. An diesem Betrage wird das Ausland einen hohen Allteil
nehmen. Während im Jahre 1915 nach R i b 0 t die durchschnittlichen
Monatszahlungen an die fremden Staaten noch gegen 250,00 Mill. Frcs.
ausmachten, sind sie um die Mitte des Jahres 1916 auf annähernd 600,00
Mill. Frcs. gestiegen. Es bestehen nach Lage der militärischen und wirt-
schaftlichen Ziele die sichersten Aussichten, daß die immer größeren
Einkäufe der Regierung, die infolge der geringen Mitarbeit und Pro-
duktion im eigenen Lande in verstärktem Maße in das Ausland gelegt
werden müssen und damit die monatlichen Reraittierungen stets schwie-
riger zu bewirken sein dürften. Neben der Begleichung der effektiven
Gütersendungen in ihrem vollen Umfange durch Gegenwerte, also in Waren,
Kapitalien oder durch Krediteinräumung, stellen auch die Zinslasten der
schon recht hohen, vielseitigen Darlehen und Krediteröffnungen einen
nicht leicht zu erfüllenden Zahlungsdienst dar. Der Hinweis des Berichts
auf die Sparsamkeit, die jetzt im Lande und an der Front soweit es dort
möglich ist, geübt werden soll, der Ansporn zur gesteigerten Produktion
        <pb n="215" />
        ﻿Erwin Respondek,

198

im eigenen Lande, sollen einige Erleichterungen bringen und Frankreich
vom Ausland unabhängig machen. Ob dies gelingen wird, muß die
Zukunft lehren. Zunächst ist Frankreich noch auf den Bezug aus Amerika
und England angewiesen, und es wird seine Warenbezüge in diesen
letzten Monaten nicht anders decken können als durch abermalige Kredit-
eröffnungen seitens der Lieferanten. Die gegenseitige militärische und
politische Abhängigkeit wird dieser Tatsache keinerlei unüberbrückbare
.Schwierigkeiten bereiten, da sie das Interesse eines erstrebten sieg-
reichen Krieges einfach erfordert. In welcher Weise dagegen das Schatz-
amt die Leistungen des Inlandes befriedigen will, kann keinem Zweifel
unterliegen. Frankreich wird zur Emission einer neuen Kriegsanleihe
schreiten müssen. Und bereits am 12. September verkündete der Finanz-
minister, daß im Oktober die zweite 5 % National-Verteidigungs-Anleihe
aufgelegt würde.

In Frankreich ruht das Schwergewicht der Kriegsfinanzierung un-
zweifelhaft auf der Notenbank. Immer wieder wird auf die Bank von
Frankreich zurückgegangen werden, die am Anfang des August 1916
mit einer Vorschußsumme von 8600,00 Milk Frcs. der gesetzlichen
Höchstgrenze schon bedenklich nahe gekommen ist. Diese Verschul-
dung des Schatzamtes bei der Notenbank kann tatsächlich als eine
fest fundierte Schuld betrachtet werden. Sie wird durch größere Ein-
gänge aus einer Kriegsanleihe zwar teilweise abgedeckt, verliert damit
scheinbar den Charakter einer fundierten Anleihe, aber der Staat hat
in seinen Vertragsschlüssen mit der Zentralbank keinerlei zeitlich
bindende Verpflichtungen für die Rückzahlung jener Kriegsvorschüsse
auf sich genommen. Er ließ sich für die Amortisationsquote und deren
zeitliche Verteilung volle Freiheit. Daneben stützt die Notenbank die
umfangreichen Auslandskredite.

Lediglich die emittierten Schatzscheine sind als schwebende, kurz-
fristige Schulden anzusehen, die, allgemein gesprochen, bei einer zu
gewaltigen Höhe aus Gründen einer gesunden Finanzpolitik zur Kon-
solidierung drängen. Ein solcher Zwang liegt nun aber für Frank-
reich nicht vor. England, das durch frühere, etwas ungesund ver-
wickelte Finanzierungsmethoden seinen Krieg seit länger als einem
Jahre ausschließlich mit kurzfristigen Schatzwechseln finanziert — aus-
genommen sind Kreditaufnahmen im Auslande — erhöhte ihren Um-
lauf bis Ende September auf etwa 1025,00 Miß. £ oder rund 26 Milliarden
Frcs. In Deutschland wird der Zwischenraum zweier Kriegsanleihen
durch Schatzwechsel ausgefüllt, die steigende Höhen erreichen, bei der
Emission der nächsten Anleihe jedoch zum weitaus größten Teil wieder
abgedeckt werden. Die Ziffern erreichen hier 8 bis 10, später noch mehr
Milliarden Frcs.

Frankreichs schwebende Verbindlichkeiten sind bis zum 31. Juli
1916 auf etwa 15 000,00 Mill. Frcs. zu schätzen (darunter 13 166,00 Mill.
Frcs. National-Verteidigungs-Wechsel, der Rest kurzfristige Darlehns-
verbindlichkeiten im Auslande), die an sich zu einer Konsolidierung
        <pb n="216" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

199

noch nicht zwingen und die Emission einer zweiten Anleihe nicht erforder-
lich machen. Was aber auf das Schatzamt entscheidend einwirkt, dennoch
zur Anleiheauflage zu schreiten und damit den Vertrieb der Schatzwechsel
zu beeinträchtigen, ist die Tatsache, daß der alte Weg nicht mehr gang-
bar ist, daß aus dem Verkaufe von National-Verteidigungs-Wechseln allein
die bevorstehenden Lasten nicht ertragen werden können. Durch eine
zweite Anleihe, unter vollkommen neuen Bedingungen und vorteilhaf-
teren Ausstattungen, soll die Stagnation des Kapitalzuflusses überwun-
den und durch eine einzige große Anstrengung das finanzielle Rüst-
zeug zur Kriegführung erneuert werden.

In der Wahl der Anleiheform war das Schatzamt nicht verlegen.
Nichts lag näher und wies schärfer auf ein Beispiel hin, als der bereits
auch vor etwa einem Jahre gewählte und praktisch schon so oft er-
probte Typ einer ewigen Rente. Auch die neue, geplante Anleihe wurde
durch Dekret vom 12. September als eine 5% ewige Rente, un-
kündbar bis zum 1. Januar 1931 und in analoger Weise der ersten Kriegs-
anleihe aufgebaut. Ohne jeden Zweifel ist diese 5 % ewige Anleihe für
den französischen Rentner die Anleihe. An einen ewigen Rententyp, der
ihm so geläufig ist, knüpfen sich sein vollstes Verständnis, sein Ver-
trauen und seine Zeichnungsbereitschaft. So nicht allein im November
1915, vielmehr schon seit mehr als einem Jahrhundert. Für die Erzie-
lung eines Erfolges ist vielleicht die psychologische Wirkung, die von
der Anleihe ausgdöst wird, jenes einfache „Dafürsein“, von hoher Be-
deutung. Eine glückliche Anpassung an die Gewohnheiten und Mei-
nungen der weitesten Bevölkerungsschichten ist die notwendige Stufe
zum guten Resultat. Und hierauf hat das Schatzamt offenbar den
größten Wert gelegt, denn es paßte die zweite 5 % Rentenanleihe in
allen wichtigsten Punkten ihrer Vorgängerin an. Nur in der Zins- und
effektiven Kursbemessung sind einige Abweichungen zu vermerken,
die natürlich Konzessionen der Regierung an die Zeichner darstellen,
um größere Erfolge zu erzielen. Nach außen hin wirkt der durch Dekret
festgesetzte Emissionspreis im Vergleich zur ersten Anleihe wie ein
Fortschritt zugunsten der Regierung. Denn der Zeichnungspreis wird
mit 88,75 % bemessen, während die erste Anleihe einen für Barzeich-
nungun und mit sofortiger Einzahlung verknüpften effektiven Kurs
von 87,25 % darbot. Zunächst also ein Plus von 1,50 %, das aber wesent-
lich zusammenschrumpft, sobald die zahlreichen eingeräumten Sonder-
vorteile prozentmäßig erfaßt und vom Kurse abgezogen werden. Wie
früher wird auch jetzt die sofortige Vollzahlung des gezeichneten Be-
trages begünstigt. Der Einzahlende erhält nämlich den am 16. No-
vember verfallenden, ersten Vierteljahreszinsschein im voraus voll ver-
gütet. Nun läuft die offizielle Zeichnungsfrist vom 5. Oktober bis zum
29. Oktober 1916, so daß allen, die innerhalb dieser Frist ihre Einzah-
lung leisten, eine wesentliche Rückvergütung zuteil wird. Damit sinkt
der Zeichnungskurs für sie um etwa 1,25 %, und der effektive Anleihe-
satz wird 87,50 %. Aber nicht allein für die unverzügliche Gtgenlei-
        <pb n="217" />
        ﻿200

Erwin. Respondek,

stung bei der Zeichnung sind jene hohen Vorteile eingeräumt worden.
Auch für alle diejenigen Zeichnungen, die in zeitlich gestaffelter Reihen-
folge ihre prospektmäßig vorgeschriebenen Quoten zu zahlen haben,
gelten Zinsvorteile, die den Zeichnungspreis ermäßigen. Die Einzah-
lungen sind zu leisten:

Erste	.	.	15,00%	bei	der Zeichnung

zweite	.	.	23% %	am	26. Dezember 1916

dritte	.	.	25,00%	„	16. Februar 1917

vierte.	.	.	25,00%	„	16. April rgiy.

Somit wird gleichfalls für die späteren Einzahlungen von Mitte
November ab die volle Zinsvergütung gewährt. Mit diesen Berechnungen
ist natürlich auch eine Zinskalkulation verbunden, die den tatsächlichen
Zins unter Beobachtung aller Vergünstigungen zu ermitteln hat. Sie
ergibt unter Einschluß der Amortisationsprämien einen tatsächlichen
Ertrag von 6,125 %• Wiederum hat Leroy-Beaulieu unzweifel-
haft Recht, wenn er von der zweiten Anleihe, deren Effektivzins er
allerdings mit nur 5,70 % beziffert, in gleicher Weise wie schon einmal
bei der ersten 5 % Rentenanleihe betont: „Man würde auf der ganzen
Welt, unter den zahlungsfähigen Staaten, vergeblich nach ebenso gün-
stigen Bedingungen suchen.“1)

Von Bedeutung ist fernerhin bei der zweiten Anleihe die Frage
der Einzahlungsmittel. Und auch hier wie dort kann in bar und in früher
emittierten Anleihen gezeichnet werden. Aber nur aus den reinen Bar-
zeichnungen können dem Schatzamte die für die bevorstehenden Lasten
erforderlichen Kapitalien zufließen. Die Konsolidierung schwebender
Schulden oder Hingabe alter Anleihetitel vergrößert das nominelle
Zeichnungsergebnis, ist jedoch für die Staatskasse ohne die gerade
jetzt erwünschte, neues Geld schaffende Wirkung. Daher wird in
der einsetzenden Propaganda erheblich laut die Barzeichnung betont.
Daneben sind nun zur Zahlung auf die gezeichnete Summe noch die
Bons und Obligationen der Nationalen-Verteidigung zugelassen. Von den
National-Verteidigungs-Wechseln waren am 31. Juli 1916 gegen i3i66Mill.
Frcs. im Umlauf, eine Summe, die bis zum Zeichnungstermin zuge-
nommen haben wird. Sie werden wie bares Geld bei Zeichnungen vom
Schatzamte in Empfang genommen und damit der Konsolidierung
zugeführt. Erheblich geringer ist die Umlaufsziffer der 5 % Obligationen,
deren Besitzer seit ihrer Entstehung das Recht der Konversion in spätere
Anleihen zuerteilt haben und die von den 1037 Milk Frcs. wohl nicht
viel zurückhalten dürften. Schließlich ist der kleine Rest der bekannten
3J2 % amortisablen Rente des Jahres 1914 ebenfalls zur Zahlung zu-
gelassen. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß er von der 5 % neuen
Anleihe aufgesogen und von der Bildfläche vollkommen verschwinden
wird. Durch die Nichtkotierung an der Börse ist ihr ja der Boden zur
Existenz an und für sich bereits entzogen worden.

x) L’Economiste Franjais, 30. September 1916, S. 448.
        <pb n="218" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

201

Für diese Anleihe ist der Zeitpunkt ihrer Emission glücklicher,
als er Ende 1915 für die erste war. Denn die militärischen Erfolge an
der Somme und Ancre werden für Propagandazwecke mit der ihnen
eigenen Form kräftig ausgenützt werden. Welchen Erfolg aber die An-
leihe schließlich erzielen wird, ist unberechenbar. Die Pflicht zur Zeich-
nung wird in geschickter Weise mit dem hohen Nutzen verbunden, so
daß ein günstiges Ergebnis nicht unerwartet sein kann. Im wesent-
lichen versprechen sich viele Kreise eine lebhaftere Beteiligung aller durch
den Krieg hochgekommenen Elemente, jener „les nouveaux riches", die
ihre Riesengewinne aus Kriegslieferungen und ähnlichen ergiebigen
Geschäften im reichlichen Umfange in der 5 % Rente anzulegen haben.
Oftmals und eindringlichst wird auch auf die Neutralen hingewiesen
und von ihnen eine große Beteiligung erwartet. Sie genießen doch neben
den Vorteilen, die der Anleihe anhaften, außerdem ein Plus in der Valuta-
differenz. Wie weit auch diese Hoffnungen sich in die Wirklichkeit
umsetzen werden, muß die Zukunft bald lehren.

Ara 9. November verkündete der Finanzminister in der Depu-
tiertenkammer das Ergebnis der Zeichnungen auf die zweite Kriegs-
anleihe: 11360 Mül. Frcs. Über die näheren Einzelheiten, insbeson-
dere von der Beteiligung der Barzeichnungen und Konversionen, kann
wegen des bis jetzt noch nicht vorliegenden ausführlichen, authen-
tischen Materials der obigen Angabe keine Betrachtung gewidmet
werden, wie es auch erst in späteren Tagen möglich sein wird, die zweite
Kriegsanleihe in das Gesamtbild der Kriegsfinanzienmg hineinzuweben.

Noch sind alle-Kräfte auf ein Ziel eingestellt: Krieg bis zum end-
gültigen Siege. Um einen solchen Kampf gegen einen Gegner zu führen,
der mit eiserner Konsequenz das gleiche Ziel unbeirrt verfolgt, ist die
Aufrechterhaltung und Förderung der innenwirtschaftlichen Arbeit
von höchster Bedeutung. Nur eine starke, gut geregelte Wirtschaft
bildet die Vorbedingungen für den sicheren Fortgang des militärischen
Kampfes. Durch kein Hindernis darf die Kriegführung in ihrer vollsten
Intensität behindert, durch keine unzureichenden Zuflüsse von Ma-
terialien, Lebensmitteln und Kriegsgütern unmöglich gemacht werden.
Dieser Gesichtspunkt ist bei dem Bestreben, die kriegswirtschaftliche
Arbeit von Bank- und Finanzkreisen in ihrer Gesamtheit zu verstehen
und zu beurteilen, wohl zu beachten. Er trat in den ersten Monaten
des Krieges nicht klar genug hervor, obwohl er gut erkannt war, da die
äußeren Ereignisse mit zu wuchtiger Gewalt auf das Land und die Wirt-
schaft einstürmten. Durch die zahlreichen gesetzlichen Schutz- und
Sicherungsmaßnahmen für die vom Kriege betroffenen und erschütterten
einzelnen Schuldner und Gläubiger wurden auf der anderen Seite in
der Gesamtwirtschaft Störungen hervorgerufen, die für die nationale Ar-
beit von schädlichster Wirkung sein mußten. Die Moratorien brachten
den inneren Verkehr fast zum Stillstand, die Börse und Kreditinstitute
zeigten in diesem Chaos nicht die ruhige Überlegung und Widerstands-
        <pb n="219" />
        ﻿202

Erwin Respondek,

kraft, die gegen die erste Kopflosigkeit der großen Menge notwendig waren.
Sie selbst waren geschwächt und mußten Schutz durch einschneidende
gesetzliche Maßnahmen suchen. Nun aber, wo diese Lage einmal durch
erst später klar und endgültig bestimmbare Ursachen geschaffen war, galt
es der Erkenntnis und dem Ruf; Produktion und Konsumtion wie früher,
einen Untergrund für die Verwirklichung zu geben. Dieser lag in einer
weiten Kreditzuführung durch die Banken an die Regsamen und eine stete
Zuweisung von Arbeit seitens der Konsumenten. Für das letzte Bedürfnis
sorgte der Staat als größter Konsument und für das erstere in überwiegendem
Maße die Bank von Frankreich. Der Verkehr und die Wirtschaftenden
selbst suchen die Wirksamkeit der von diesen beiden Quellen zufließenden
Mittel durch eigene Anstrengungen zu erhöhen. In verständnisvoller
Erkenntnis der großen Bedeutung einer freien, von keinem Gesetz
eingeschränkten, wirtschaftlichen und gewerblichen Tätigkeit arbeiten
sie willig nach bestem Können an der Befreiung von jenen Fesseln mit.
Dies zeigt recht deutlich die ununterbrochene Abnahme der Morato-
riumswechsel in den Ausweisen der Notenbank. Freilich kann die ge-
samte wirtschaftliche Tätigkeit im besonderen mit Hilfe der Noten-
bank nicht in dem Maße zur Entfaltung gebracht werden, wie es für
innen wirtschaftliche- und Kriegsbedürfnisse erforderlich ist. Immer
wieder greift der Staat auf die Notenbank direkt zurück, um seine
Kriegskosten teilweise mit Banknoten zu zahlen. Ausschließlich An-
leihe-Titel kann er nicht als Ausgleich für die gewaltigen Lieferungen
an Kriegsgütern, Leistungen an Arbeit und sonstigen Werten hingeben.
Er ist immer auf die Notenbank angewiesen. Und diese hohe Inan-
spruchnahme der Zentralnotenbank zur Kriegführung bindet ganz er-
heblich die Bewegungsfreiheit und Leistungsfähigkeit der Bank von
Frankreich für die heimische Wirtschaftsführung.

Milliarden sind noch nötig zur weiteren Finanzierung des Krieges.
Sie werden, wenn die anderen kleineren und weniger zuverlässigen Quellen
nicht hinreichen sollten, von der Notenbank geliefert werden müssen.
Denn aus dem Auslande fließen nur spärliche Kapitalien. Das Volk
kann sich nur langsam entschließen, auch an seinem Gut Opfer zu bringen.

Milliarden sind noch nötig zum Wiederaufbau alles dessen, was
der Krieg vernichtet hat, was zur Heilung der tiefen Wunden in der
Wirtschaft notwendig ist, was einen möglichen Ersatz für die vielen
unschätzbaren Verluste der kostbarsten aller Reichtümer, der mensch-
lichen Arbeitskräfte, dienen könnte. Die Lasten der Kriegsentschädi-
gungen an Departements und Gemeinden, Eisenbahnen und Schiffahrt,
die Wiederherstellung des durch den Krieg zerstörten Wirtschaftslebens,
der Industrie, des Handels, die gleichfalls hohe Summen erfordern,
sind ins Unermeßliche gewachsen. Selbst wenn das Nationalvermögen
der französischen Republik auf etwa 250—280 Milliarden Frcs. ver-
anschlagt werden kann, das so noch große Renten-Anleihen und hohe
Steuern zu tragen vermag und auch die Geschichte lehrt, daß der natür-
liche Reichtum an Bodenfrüchten und -schätzen des Landes seine Wunden
        <pb n="220" />
        ﻿Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

203

schnell verheilt, so muß dennoch der Zeitpunkt kommen, an dem sich
die führenden Männer klar sind, daß dem Kriege eine Grenze zu ziehen
ist, um tiefgreifende und dann vielleicht unheilbare Schäden für Staat
und Wirtschaft, Land und Volk zu vermeiden.

Vor dem Kriege war Frankreich überall Kreditor und nirgendwo
Debitor. Es besaß als Land des Kapitalreichtums eine privilegierte
Stellung in der Welt. Jetzt ist dies dahin, und sollte Frankreich im künf-
tigen Frieden das Streben besitzen, diese Stellung wieder zu gewinnen,
so bedarf es eines gewaltigen Aufwandes von fester, ernster Arbeit, guten
Organisationssinnes und einer gesunden Ökonomie mit Kapital- und
Menschenkräften.
        <pb n="221" />
        ﻿Fürstlich priv. Hofbnchdruckerei (F. Mitzlaff),
Rudolstadt.
        <pb n="222" />
        ﻿Aktiva

Wochen-Ausweise der Bank von Frankreich.

Aktien-Kapital . . 18z 500 000	Reserven......22 106 000

Passiva

Ausweistag

1914

Juli

Oktober

Dezember

1915

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

1916

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

24-
31-

1.

15-

10.

24.

28.

4-

11.

15.

25-

4-

11.

23-

1.

8.

15-

22.

29.

6.

14-

20.

27.

3-

10.

17-

24-

30.

8.

15-
22.
29.

5-

12.

19.
26.

2.

9-

15-

23-

3°-

7-

14.

21.

28.

4-

11.
18.

25.

2.

9-

16.
23-

3°.

6.

13-

20.
27-

17.

24-

9-

16.

23-

31-

ö.

13-

20.

28.

4-

11.

25-

15-

22.

29.

6.

13-

20.

27-

3-

10.

17-

24.

31-

7-

14-

21.

28.

5-

12.

19.

4104,00

4141,00

4092,00

4450,00

4142,00

4158,00

4234,00

4234,00

4234,00

4238,00

4239,00

4240,00

4242,00

4244,00

4249,00

4251,00

4253,00

4192,00

4169,00

4127,00

3916,00

3907,00

3913,00

3916,00

3920,00

3921,00

3927,00

3932,00

3945.00

3987,00

4051,00

4129,00

4222,00

4322,00

4392,00

4266,00

4326,00

4377,oo

4438,00

4500,00

4550,oo

4601,00

4647,00

4693,00

4730,00

4755,oo

4782,00

4807,00

4835,00

4878,00

4946,00

5026,00

5071,00

5015,00

4989,00

4918,00

5006,00

5012,00

5019,00

5025,00

5031,00

5036,00

5015,00

5019,00

5023,00

5011,00

5006,00

4986,00

4893,00

4899,00

4804,00

4811,00

47i5,oo

4732,oo

4739,oo

4745,oo

4750,00

4757,oo

4763,00

4770,00

4776,00

4780,00

4787,00

4793,oo

4789,00

4802,00

4808,00

4813,00

4817,00

4822,00

4827,00

4833,00

4840,00

4856,00

4886,00

d		Silber			Guthaben im A	
	0	640,00		0	0	
+	37,00	625,00	—	15,00	0	
—	49,00	319,00	— 306,00		0	
+ 358,00		329,00	+	10,00	0	
	308,00	351,00	+	22,00	0	
	16,00	356,00	+	5,oo	0	
+	76,00	366,00	+	10,00	187,00	
	0	367,00	+	1,00	200,00	+
	0	374,0°	+	7,00	209,00	+
+	4,00	376,00	+	2,00	216,00	+
+	1,00	377,00	+	1,00	213,00	—
+	1,00	377,0°		0	298,00	+
+	2,00	377,00		0	424,00	+
+	2,00	378,00	+	1,00	548,00	1
+	5,00	377,00	—	1,00	583.00	+
+	2,00	378,00	+	1,00	624,00	+
+	2,00	377.00	—	1,00	611,00	—
—	61,00	376,00	—	1,00	620,00	+
—	23,00	377,oo	+	1,00	623,00	+
—	42,00	377,oo		0	635,00	+
—	211,00	375,00	—	2,00	833,00	
—	9,00	377,0°	+	2,00	839,00	+
+	6,00	375.00	—	2,00	823,00	—
+	3,00	375,00		0	806,00	—
~h	4,oo	375,oo		0	789,00	—
+	1,00	373,0°	—	2,00	780,00	—
4-	6,00	373,00		0	772,00	—
+	5,oo	372,00	—	1,00	745,00	—
4"	13,00	369,00	—	3,0°	783,00	+
+	42,00	368,00	—	1,00	849,00	+
+	64,00	367,00	—	1,00	912,00	+
+	78,00	368,00	—	1,00	893,00	—
+	93,oo	368,00		0	872,00	—
+	100,00	368,00		0	857,00	—
+	70,00	368,00		0	834,00	—
—	126,00	367,00	—	1,00	1009,00	+
+	60,00	367,00		0	981,00	—
+	51,00	364,00	• —	3,oo	982,00	+
4*	51,00	365,00	+	1,00	974,00	—
+	62,00	366,00		1,00	973,00	—
+	50,00	364,00	—	1,00	982,00	+
+	51,00	364,00		0	987,00	
4-	46,00	363,00	—	1,00	1017,00	+
-tv	46,00	363.00		0	1030,00	+
+	37,00	363,00		0	1015,00	—
+	25,00	362,00	—	1,00	1014,00	—
4"	27,00	362,00		0	1006,00	—
+	25,00	362,00		0	996,00	—
1  ~r	28,00	362,00		0	995.00	—
+	43,00	358,00	—	4,00	981,00	—
+	68,00	357,00	—	1,00	978,00	—
4*	80,00	358,00	+	1,00	974,00	—
+	45,00	352,00	—	6,00	990,00	+
	56,00	352,00		0	1057,00	+
—	26,00	352,00		0	1094,00	+
—	71,00	352,00		0	1063,00	—
+	88,00	353,oo	+	1,00	1031,00	—
+	6,00	354,oo	+	1,00	1003,00	—
+	7,oo	353,00	—	1,00	964,00		
~h	6,00	354,00	+	1,00	912,00	—
+	6,00	359,00	+	5,oo	890,00		
+	5,oo	360,00	+	1,00	855,00	—
—	21,00	361,00	+	1,00	841,00			
+	4,00	361,00		0	818,00		
+	4,00	362,00	+	1,00	782,00			
—	12,00	363,00	+	1,00	769,00		
—	5,oo	361,00	—	2,00	747,00	—
—	20,00	363,00	+	2,00	742,00			
—	93,oo	359,00	—	4,oo	781,00	+
+	6,00	359,00		0	736,00	
—	95,00	359,00		0	769,00	+
+	7,oo	356,00	+	3,oo	698,00	
—	96,00	354,00	—	2,00	781,00	+
~h	17,00	352,oo	—	2,00	759,00	
+	7,oo	352,oo		0	701,00	
+	6,00	35o,oo	—	2,00	688,00			
	5,oo	349,00	—	1,00	620,00	
+	7,00	346,00	—	3,oo	627,00	
+	6,00	347,00	+	2,00	709,00	+
+	7,oo	343,00	—	4,oo	646,00	
+	6,00	342,oo	—	1,00	589,00			
+	4,00	342,00		0	602,00	4-
4"	7,00	340,oo	—	2,00	591,00	
+	6,00	339,00	—	1,00	508,00	
—	4,oo	338,00	—	1,00	618,00	4-
+	13,00	338,00		0	584,00	
+	6,oo	339,°o	+	1,00	667,00	4-
+	5,oo	339,oo		0	691,00	4-
+	4,oo	338,00		0	703,00	+
+	5,oo	338,00		0	703,00	
+	5,oo	338,00		0	653,00	
+	6,00	337,oo	—	1,00	723,00	+
+	7,oo	335,oo	—	2,00	830,00	4-
+	16,00	332,00	—	3,00	889,00	4-
+	20,00	329,00	■—	3,oo	778,00	

13,00

g,oo

7,oo

3,0°

85,00

126,00

124,00

35,oo

41,00

13,00

9,oo

3,oo

12,00

2,00

6,00

16,00

17,00

17,00

9,00

8,00

27,00

38,00

66,00

63,00

19,00

21,00

15,00

23,00

i75,oo

28,00

1,00

8,00

1,00

9,00

5,oo

30,00

13,00

15,00

1,00

14,00

3,0°

4,00

16,00

67,00

37,oo

31,00

32,00

28,00

39,oo

52,00

22,00

35,oo

14,00

23,00

36,00

13,00

22,00

5,oo

39,oo

45,oo

33,oo

7i,oo

83,00

22,00

58,00

13,00

68,00

7,oo

82,00

Wechselbestand					Vorschüsse									Datum des Ausweises		Notenumlauf	!			Guthaben des Staats- schatzes	Laufende  Rechnung	Golddeckung		Vorschußpflicht und Notenkontingent	
unverfallene			vom Moratorium betroffene		Private			Staat			Verbündete										der  emittierten  Noten	der Noten		
																				Depositen		u. privaten Depositen	Banknoten-  reserve	Staat-Vor- schußreserve
														1914										
1541,00		0	O	0	?		0	739,00		0	0		0	Juli	24.	5 911,00		0	401,00	943,00	69,40	59.90	0	0
2444,00	+	903,00	O	0	744,00		0	205,00	—	534,00	0		0		31-	6 683,00	+	772,00	383,00	948,00	62,00	54,20	0	0
?		0	4476,00	0	0		0	2100,00		1895,00	0		0	Oktober	I.	9 299,00	-f- 2616,00		296,00	2177,00	44,00	35,30	2701,00	3900,00
?		0	4359,00	— 117,00	841,00	+	97,00	2400,00	+	300,00	0		0		15-						44,10			
213,00		2231.00	3638,00	— 721,00	781,00	—	60,00	3600,00	+	1200,00	0		0	Dezember	10.	9 986,00			177,00	2672,00	41,50	32,70	2014,00	2400,00
258,00	+	45.00	3478,00	—160,00	745,00	—	36.00	3900,00	T“	300,00	0		0		24.	10 043,00	+	57,00	450,00	2651,00	41,40	32,70	1957,00	2100,00
														1915										
244,00	—	14,00	3182,00	—296,00	725,00	—	20,00	4100,00	+	200,00	0		0	Januar	28.	10 474,00	+	431,00	71,00	2328,00	40,40	33,00	1526,00	1900,00
245,00	+	1,00	3139,00	— 43,00	861,00	+	136,00	4100,00		0	0		0	Februar	4-	10 646,00	"h	172,00	63,00	1576,00	39,80	34,70	1354,00	1900,00
213,00	—	32,00	3117,00	— 22,00	852,00	—	9,00	4100,00		0	0		0		II.	xo 750,00	+	104,00	161,00	1545,00	39,40	34,40	1250,00	1900,00
229,00	+	16,00	3080,00	— 37.00	830,00	—	22,00	4200,00	+	100,00	0		0		18.	10 832,00	4-	82,00	49,00	1647,00	39,10	33,90	1168,00	1800,00
233,00	+	4,0°	3053,0°	— 27,00	809,00	—	21,00	4400,00	+	200,00	0		0		25-	10 962,00	+	130,00	70,00	1652,00	38,70	33,60	1038,00	1600,00
312,00	+	79,00	3016,00	— 37.00	738,00	—	71,00	4500,00	+	100,00	0		0	März	4.	II 073,00	+	105,00	72,00	2363,00	38,30	31,50	927,00	1500,00
269,00	—	43,00	2968,00	— 48,00	7i5,oo	—	23,00	4600,00	+	100,00	71,00		0		II.	II 093,00	+	20,00	155,00	2390,00	38,20	31,40	907,00	1400,00
229,00	—	40,00	2879,00	— 89,00	684,00	—	31,00	4600,00		0	8t,00	+	10,00		25.	II 109,00	+	16,00	118,00	2451,00	38,00	31,20	891,00	1400,00
229,00		0	2809,00	— 70,00	68r,oo	—	3,00	4800,00	-j-	200,00	81,00		0	April	I.	11 273,00 ;	+	164,00	74.00	1685,00	37,70	32,80	727,00	1200,00
231,00	+	2,00	2772,00	— 37,00	672,00	—	9,oo	4800,00		0	91,00	+	10,00		8.	II 423,00	+	150,00	64,00	1717,00	37.70	32,30	577.00	1200,00
226,00	—	5,oo	2681,00	— 91,00	672,00		0	5000,00	+	200,00	100,00	+	9,0°		15.	II 501,00	4~	78,00	102,00	1629,00	36,80	32,30	499,00	1000,00
222,00	—	4,°°	2659,00	— 22,00	659,00	—	13,00	5100,00	+	100,00	140,00	+	40,00		22.	II 540,00	+	39,00	54,00	1654,00	36,30	31,70	460,00	900,00
236,00	+	14,00	2553,oo	— 106,00	650,00	—	9,00	5200,00	+	100,00	140,00		0		29.	II 584,00	+	44,00	43,00	1644,00	36,00	31.50	416,00	800,00
220,00	—	16,00	2524,00	— 29,00	650,00		0	5400,00	_L	200,00	150,00	+	10,00	Mai	6.	II 715,00		131,00	73,00	2290,00	35.20	29,40	285,00	3600,00
221,00	4*	1,00	2495,00	— 29,00	646,00	—	4,00	5500,00	+	100,00	165,00	+	15,00		14.	II 738,00	+	23,00	80,00	2332,00	33,40	27,50	3262,00	3500,00
236,00	+	15,00	2466,00	— 29,00	639,00	—	7,oo	5500,00		0	175,00	+	10,00		20.	II 833,00	+	95,00	62,00	2290,00	33&gt;°°	26,40	3167,00	3500,00
244,00	1  ~r	8,00	2423,00	— 43,00	635,00	—	4,00	5500,00		0	185,00	+	10,00		27.	II 827,00	—	6,00	75,00	2201,00	33,10	27,80	3173,00	3500,00
262,00	+	18,00	2375,00	— 48,00	613,00	—	22,00	5600,00	"f*	100,00	205,00	~r	20,00	Juni	3-	II 926,00	~r	99,00	74,00	2112,00	32,80	27,80	3074,00	3400,00
258,00		4,o°	2338,00	— 37,00	620,00	+	7,oo	5700,00	+	100,00	205,00		0		10.	12 016,00	+	90,00	44,00	2125,00	32,60	27,10	2984,00	3300,00
257,00	—	1,00	2304,00	— 34,00	621,00	+	1,00	5900,00		200,00	215,00	+	10,00		17.	12 044,00	+	28,00	132,00	2216,00	32,60	27,40	2956,00	3100,00
259,00	+	2,00	2273,00	— 31,00	620,00		0	6000,00		100,00	230,00	+	15,00		24.	12 105,00	+	61,00	54,00	2275,00	32,40	27,30	2895,00	3000,00
271,00	+	12,00	2243,00		 30,00	620,00		0	6400,00	+	400,00	230,00		0	Juli	I.	12 216,00	J-	111,00	82,00	2365,00	32,20	26,90	2784,00	2600,00
261,00	—	10,00	2209,00	— 34,00	610,00	—	10,00	6400,00		0	260,00	+	30,00		8.	12 238,00	+	22,00	67,00	2384,00	32,00	27,10	2762,00	2600,00
268,00	+	7,0°	2191,00	— 18,00	610,00		0	6500,00	J-	100,00	270,00	+	10,00		15-	12 448,00	+	210,00	97,00	2390,00	32,00	26,90	2502,00	2500,00
263,00		5,00	2163,00	— 28,00	601,00	—	9,oo	6500,00		0	290,00	+	20,00		22.	12 513,00	~h	65,00	193,00	2376,00	32,40	27,20	2487,00	2500,00
290,00	+	27,00	2140,00	— 23,00	591,00	—	10,00	6500,00		0	310,00	T*	20,00		29.	12 593,00	~r	90,00	221,00	2380,00	32,80	28,20	2407,00	2500,00
305,00	+	15,00	2115,00		 25,00	589,00	—	2,00	6500,00		0	310,00		0	August	5-	12 725,00	+	132,00	219,00	2278,00	33)20	28,10	2275,00	2500,00
270,00		35,00	2095,00		 20,00	588,00	—	1,00	6500,00		0	330,00	+	20,00		12.	12 826,00	+	101,00	90,00	2366,00	33,70	28,40	2174,00	2500,00
278,00	+	8,00	2075,00		 20,00	593,0°	+	5,00	6500,00		0	440,00	+	110,00		19.	12 899,00	+	73,0°	111,00	2463,00	34,10	28,50	2101,00	2500,00
275,00		3,00	2060,00	—- !5,oo	581,00	—	12,00	6500,00		0	460,00		20,00		26.	12 950,00	+	51,00	69,00	2474,00	32,90	27,60	2050,00	2500,00
284,00	+	9,oo	2045,00		 15,00	582,00	+	1,00	6600,00	+	100,00	480,00	+	20,00	September 2.		13 060,00	_L	110,00	31,00	2499,00	33,10	27,80	1940,00	2400,00
264,00		20,00	2023,00		 22,00	584,00	+	2,00	6700,00	+	100,00	480,00		0		9-	13 223,00	1	163,00	57,00	2479,00	33,10	27,90	1777,00	2300,00
246,00	—	18,00	2010,00	— 13,00	582,00	—	2,00	6700,00		0	520,00	-J-	40,00		15-	13 267,00	1  T~	44,0°	76,00	2541,00	33,50	28,00	1733,00	2300,00
250,00	+	4,00	1995,00	— 15,00	582,00		O	6800,00		100,00	520,00		0		23-	13 310,00	4-	43,00	118,00	2518,00	33,80	27,90	1690,00	2200,00
280,00	+	30,0°	1982,00		 13,00	580,00	—	2,00	6900,00	+	100,00	530,00	+	10,00		3°-	13 458,00	+	148,00	64,00	2606,00	33,80	28,20	1542,00	2100,00
267,00			13,00	1956,00		 26,00	585,00	+	5,00	7100,00	+	200,00	530,00		0	Oktober	7-	13 664,00	~'r	206,00	69,00	2627,00	33,70	28,10	1336,00	1900,00
274,00	+	7,oo	1945,00	— 11,00	577,oo	—	8,00	7100,00		0	530,00		0		14.	13 752,00	+	88,00	59,00	2612,00	33,80	28,40	1248,00	1900,00
268,00		6,00	1031.00	— 14,00	571,00	—	6,00	7100,00		0	530,00		0		21.	13 832,00	4_	80,00	83,00	2574,00	33,90	28,50	1168,00	1900,00
280,00	—	12,00	1916,00	— 15,00	564,00	—	7,00	7100,00		0	540,00	+	10,00		28.	13 868,00	+	36,00	38,00	2546,00	34,10	28,80	1132,00	1900,00
325,00	+	45,00	1906,00		 10,00	561,00	—	3,00	7400,00	+	300,00	550,00	1  T	10,00	November 4.		14 079,00	+	211,00	52,00	2520,00	33,80	28,60	921,00	1600,00
273,00		52,00	1897,00	—	9,00	565,00	+	4,0°	7400,00		0	550,00		0		II.	14 188,00	1  T	109,00	59,00	2525,00	33,70	28,60	812,00	1600,00
282,00	+	9,00	1882,00	— 15,00	564,00	—	1,00	7500,00		100,00	560,00	+	10,00		18.	14 211,00	+	23,00	56,00	2617,00	38,80	28,50	789,00	1500,00
295,00  324,00	L				567,00	+	3,oo	7600,00	+			+	15,00			14 278,00	4-	67,00		2671,00	33,9°	28,50	722,00	1400,00
	+	29,00	1859,00	—	9,00	578,00		11,00	7600,00		0	595,00	+	20,00	Dczembei	2,	14 291,00	+	13,00	101,00	2690,00	34,10	28,70	709,00	1400,00
317,00		7,oo	1852,00	—	7,00	626,00	+	48,00	7600,00		0	595,00		0		9-	14 070,00	—	221,00	!	156,00	2940,00	34.10	29,00	930,00	1400,00
367,00		50,00	1846,00	—	6,00	1146,00	+	520,00	7600,00		0	615,00	+	20,00		16.	13 450,00	—	620,00	2237,00	2214,00	37,40	32,00	1550,00	1400,00
385,00	+	18,00	1839,00	—	7,00	1157,00	+	11,00	5200,00	—	2400,00	630,00	+	15,00		23-	13 201,00	—	249,00	363,00	2033,00	38,40	33,20	1799,00	3800,00
429,00	+	44,00	1834,00	—	5,00	1148,00	—	9.00	5200,00		0	630,00		0	1916	30.	13 309,00	_l_  1	108,00	174,00	2114,00 •	37,70	32,50	1691,00	3800,00
451,00	+	22,00	1826,00	—	8,00	1143,00	—	5,00	5300,00	+	100,00	670,00	+	40,00	Januar	6.	13 519,00	+	210,00	64,00	2117,00	36,90	31,20	1481,00	3700,00
394,00		57,00	1819,00	—	7,00	1138,00	—	5,oo	5500,00	+	200,00	680,00	+	10,00		13-	13 635,00	4-	116,00	121,00	2055,00	36.50	31,20	1365,00	3500,00
401,00	+	7,oo	1804,00	— 15,00	1124,00	—	14,00	5500,00		0	710,00	+	30,00		20.	13 756,00	+	121,00	26,00	2049,00	36,40	31,60	1244,00	3500,00
406,00	+	5,oo	1788,00	— 16,00	1195,00	i  ~r	71,00	5600,00	+	100,00	720,00	+	10,00		27-	13 858,00	+	102,00	100,00	2046,00	36,10	31,40	1142,00	3400,00
469,00	+	63,00	1778,00	— 10,00	1270,00	+	75,00	5600,00		0	750,00	+	30,00	Februar	3-	14 034,00	+	176,00	115,00	1910,00	35,80	31,40	966,00	3400,00
439,00	—	30,00	1765,00	— 13,00	1263,00	—	7,oo	5700,00	+	100,00	785,00	+	35,00		10.	14 145,00	+	111,00	84,00	1933,00	35,50	29,40	855,00	3300,00
443,00	+	4,oo	1745,00	— 20,00	1254,00	—	9,oo	5800,00	+	100,00	785,00		0		17.	14 203,00	+	58,00	81,00	1929,00	35,40	31,10	797,00	3200,00
431,00	—	12,00	1725,00	— 20,00	1248,00	—	6,00	5900,00	+	100,00	805,00	+	20,00		24.	14 295,00	+	92,00	36,00	1942,00	35,20	30,90	705,00	3100,00
423,00	—	8,00	1718,00	— 7,oo	1248,00		0	6100,00	+	200,00	855,00	+	50,00	März	2.	14 460,00	+	165,00	59,00	1959,00	34,70	30,50	540,00	2900,00
382,00	—	41,00	1712,00	—	6,00	124/}, 00	—	4,oo	6300,00	+	200,00	855,00		0		9-	14 650,00	+	190,00	46,00	1946,00	34,70	30,20	350,00	2700,00
366,00	—	16,00	1703,00	—	9,00	1244,00		0	6500,00	+	200,00	865,00	+	10,00		16.	14 720,00	+	70,00	33,00	1959,00	34,10	30,10	280,00	2500,00
366,00		0	1689,00	— 14,00	1244,00		0	6700,00	+	200,00	865,00		0		23-	14 847,00	+	127,00	26,00	2006,00	33,90	29,70	153,00	2300,00
395,00	+	29,00	1673,00	— 16,00	1240,00	—	4,°o	6900,00		200,00	890,00	+	25,00		31-	14 952,00	+	105,00	79,00	2043,00	33,50	29,40	48,00	2100,00
366,00	—	29,00	1646,00	— 27,00	1234,00	—	6,00	7100,00	+	200,00	920,00	+	30,00	April	6.	15155,00	+	203,00	46,00	1994,00	32,90	29,00	2845,00	1900,00
381,00	—	15,00	l6l7,00	— 29,00	1227,00	—	7,oo	7100,00		0	945,00	+	25,00		13-	15 184,00	+	29,00	37,00	1984,00	32,20	28,70	2816,00	1900,00
419,00	+	38,00	1599,00	— 18,00	1219,00	—	8,00	7300,00	+	200,00	945,00		0		20.	1.5 239,00	1	55,00	78,00	2037,00	32,10	28,60	2761,00	1700,00
403,00	—	16,00	1582,00	— 17,00	1214,00	—	5,oo	7400,00	+	100,00	955,00	+	10,00		28.	15 278,00	4-  I	39,00	43,00	2092,00	31,80	27.60	2722,00	1600,00
446,00	+	43,00	1567,00	— 15,00	1214,00		0	7600,00	+	200,00	955,00		0	Mai	4-	15 423,00	I  T*	145,00	33,00	2040,00	31,50	27,40	2577,00	1400,00
394,00	—	52,00	1553,00	— 14,00	1218,00	+	4,00	7600,00		0	975,00	+	20,00		II.	15 432,00	1  ~r	10,00	48,00	1980,00	30,60	27,00	2567,00	1400,00
422,00	+	28,00	1532,00	— 21,00	1208,00	—■	10,00	7700,00	+	100,00	1025,00	+	50,00		25-	15 435.00	+	3,0°	106,00	2009,00	30,60	27,00	2564,00	1300,00
442,00	+	20,00	1514,00	— 18,00	1199,00	—	9,0°	7800,00	+	100,00	1035,00	+	10,00	Juni	2.	15 531,00	+	96,00	55,00	2106,00	30,50	26,90	2468,00	1200,00
399,00	—	43,oo	1495,00	— 19,00	1202,00	+	3,oo	7900,00	+	100,00	1085,00	+	50,00		8.	15 665,00		134,00	42,00	2095,00	30,30	26,80	2334,00	1100,00
392,00	—	7,oo	1489,00	—	6,00	1215,00	+	13,00	8000,00	+	100,00	1095,00	+	10,00		15.	15 747,00	+	82,00	54,00	2048,00	30,30	26,70	2252,00	1000,00
389,00	—	3,oo	1473,00	— 16,00	1224,00	+	9,00	8000,00		0	1105,00	+	10,00		22.	15 735,00	—	12,00	32,00	2054,00	30,30	26,70	2265,00	1000,00
448,00	+	59,00	1469,00	—	4,00	1202,00	—	22,00	8100,00	+	100,00	1140,00	+	35,00		29.	15 806,00	+	71,00	38,00	2273,00	30,10	26,10	2194,00	900,00
411,00	—	37,00	1458,00	— 11,00	1210,00	+	8,00	8300,00	+	200,00	1170,00	-L	30,00	Juli	6.	16 045,00	+	239,00	42,00	2123,00	29,70	26,00	1955,00	700,00
429,00	+	18,00	1451,00	— 7,oo	1198,00	—	12,00	8500,00	+	200,00	1180,00	4-	10,00		13-	16 113,00	+	68,00	64,00	2224,00	27,80	25.90	1887,00	500,00
424,0°	—	5,oo	1447,00	—	4,00	1192,00	—	6,00	8500,00		0	1190,00	+	10,00		20.	16 094,00	—	19,00	62,00	2220,00	29,70	26,10	1906,00	500,00
440,00	+	16,00	1441,00	—	6,00	1179,00	—	13,00	8500,00		0	1210,00	+	20,00		27.	16 090,00	—	4,oo	75,00	2273,00	29,70	26,10	1910,00	500,00
467,00	+	27,00	1438,00	— 3,oo	1177,00	—	2,00	8500,00		0	1220,00	+	10,00	August	3.	16 197,00	+	107,00	78,00	2158,00	29,70	26,10	1803,00	500,00
428,00	—	39,oo	1431,00	—	7,00	1174,00	—	4,00	8600,00	+	100,00	1250,00	+	30,00		10.	16 330,00	+	133,00	138,00	2129,00	29,30	60, zo	1670,00	400,00
440,00	+	12,00	1425,00	—	6,00	1170,00	—	4,00	8600,00		0	1275,00	+	25,00		17-	16 316,00	—	14,00	142,00	2130,00	29,40	26,00	1684,00	400,00
425,00	—	15,00	1419,00	—	6,00	Il68,00	—	2,00	8600,00		0	1310,00		35,00		24.	16 376,00	+	60,00	159,00	2240,00	29,40	25,70	1624,00	400,00
449,00	+	24,00	1407,00	— 12,00	1162,00	—	6,00	8600,00		0	1345,00	+	35,00		31-	16 425,00	+	49,00	80,00	2214,00	29,30	25,70	1575,00	400.00
389,00	—	60,00	1399,00	—	8,00	1161,00	—	1,00	8700,00	+	100,00	1355,00	+	10,00	September 7.		16 599,00	+	174,00	171,00	2122,00	29,00	25,70	1401,00	300,00
381,00	—	8,00	1394,00	— 5,oo	1159,00	—	2,00	8700,00		0	1440,00	4_	5,00		14.	16 603,00	4-	4,00	207,00	2146,00	29,00	25,70	1397,00	300,00
371,00	—	10,00	1390,00	—	4,00	1162,00	+	3,oo	8700,00		0	1440,00		0		21.	16 653,00	+	50,00	123,00	2181,00	29,00	25,60	1347,00	300,00
411,00	+	40,00	1386,00	—	4,00	1164,00	+	2,00	8700,00		0	1460,00	+	20,00		28.	16 714,00	+	61,00	136,00	2248,00	29,00	25,50	1286,00	300,00
512,00	+	101,00	1383,00	—	3,00	1173,00	+	9,00	8800,00	+	100,00	1510,00	+	50,00	Oktober	5-	17 011,00	+	297,00	59,00	2252,00	28,40	25,10	989,00	200,00
435,00	—	77,00	1380,00	—	3,00	1177,00	+	4,oo	8800,00		0	1530,00	+	20,00		12.	17 029,00	+	18,00	48,00	2346,00	28,50	25,00	971,00	200,00
452,00	+	17,00	1377,00	—	3,00	1176,00	—	1,00	8800,00		0	1540,00	+	10,00		19.	16 800,00	4-	229,00	79,00	3542,00	29,10	1	25,20	1200,00	200,00
        <pb n="223" />
        ﻿Verlag von Gustav Fischer in Jena

Die deutschen Überseebanken.

Von Dr. R. llanser. (Abhandlungen
des staatswissenschaftlichen Seminars zu
Jena. Hrsg, von Prof. Dr. Pierstorff. Bd. IV, Heft 3.) 1906. Preis: 3 Mark.
Inhalt: Die deutschen Überseehanken. — Deutsche überseeische Bank. —
Deutsch-asiatische Bank. — Brasilianische Bank für Deutschland. — Bank für Chile
und Deutschland. — Deutsch-ostafrikanische Bank. — Deutsch-westafrikanische
Bank. —- Literatur.

Die amerikanische Bankreform.

Von Dr. Richard Hauser.

(IV, 99 S. gr. 8°.) 1914. Preis: 3 Mark.

Inhalt: Einleitung. — Das bisherige Bankwesen der Vereinigten Staaten. —
Reformversuche. — Die Reformgesetzgebung. (Distriktseinteilung'. Aktienkapital.
Gewinnverteilung. Bundesreserverat. Bundesbeirat. Organisation der Bundes-
reservebanken. Geschäfte derselben. Notenwesen. Depositenreserven. Bankkon-
trollen. Hypothekengeschäfte der Nationalbanken. Auswärtige Filialen der Natio-
nalbanken.) Wertung der Reform und ihre Folgen. Das Glaß-Owensche Bankge-
setz vom 23. Dez. 1913 (Übersetzung).

Theorie und Politik der Zentralnotenbanken in ihrer Entwicklung.

Von Dr. Sven Ilelandei’. Hauptamtlicher Dozent der Nationalökonomie
und Leiter der Handelshochschulkurse zu Gothenburg.

Erste Hälfte: Theorie der Zentralisation im Noteubankveseu. (IX, 148 S.
gr. 8°.) 1916.	Preis: 3 Mark 60 Pf.

Inhalt: Einleitung. — Zur Methodologie. — 1. Die wirtschaftliche Ver-
ursachung der modernen Zentralnotenbank. — Die politische Verursachung der
modernen Zentralnotenbank. — Zusammenfassung. — Die Bedeutung der Zen-
tralisation im Notenbankwesen.

Finanzielle Kriegsbereitschaft und Kriegführung.

Von Dr. .J. Ricsser, Geh. Justizrat und ordentl. Honorar-Professor an der
Universität Berlin. Zweite, neuhearbeitete und erheblich vermehrte Auflage.
(XI, 213 S. gr. 8°.)	1913.	Preis: 5 Mark, geh. 6 Mark.

Berliner Börson-Courier 1913, Nr. 302 :

. . . Eine vollkommene, durch Kürze und Klarheit gleich ausgezeichnete Darstellung
und Stellungnahme zu allen bankmäßigen Problemen der Gegenwart . . . kristallklar und
jedem Gebildeten leicht verständlich. . . .

Das weltwirtschaftliche Problem der modernen Industriestaaten.

VonDr. Carl von Tysseka. (VHI,2I0S,jgr.8°.) 1916. Preis; 6Mark60Pf.

Das Buch behandelt die großen Fragen der Wirtschaftspolitik. Es zeigt, in
welcher Weise die beiden größten Industriestaaten Europas, Deutschland und Eng-
land, die Probleme der weltwirtschaftlichen Verpflechtung zu lösen suchten. Wohl
zum erstenmal in dieser umfassenden Weise wird dem Einfluß der Stellung des
Staates zur Weltwirtschaft auf das wirtschaftliche und soziale Leben des Volkes
nachgegangen. Im letzten Abschnitt kommen 'die Fragen nach der zukünftigen Ge-
staltung der Wirtschaftspolitik Deutschlands nach dem Kriege zur Behandlung; das
Problem „Mitteleuropa“ findet eine eingehende Darstellung. Zum Schlüsse wird
versucht, den Weg zu weisen, der Deutschland nach dem Krieg zur Weltherrschaft
und damit zur Weltmachtstellung führt.

Die Eisenbahnpolitik Frankreichs in Nordafrika bHckü^vdasPro-

bloni der Transsaharabahn. Von Dr. jur. Albert Sdiandcr, Assistent
am Kgl. Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft in Kiel. Mit vier farbige»
Karten. (Probleme der Weltwirtschaft. Hrsg, von Prof. Dr. B. Harms. Kiel.
12. Band) 1913.	Preis; 20 Mark.

Inhalt: Erster Teil. Algerien. I. Die Geschichte der Eisenbahnpolitik
Frankreichs in Algerien. II. Das System der Eisenbahnpolitik Frankreichs in Algerien.
Erster Abschnitt. Die gesetzlichen Grundlagen des algerischen Eisenbahnwesens.
Zweiter Abschnitt. Der Vertrag. Anhang. — Zweiter Teil. Tunesien. I. Die
Geschichte der Eisenbahnpolitik Frankreichs in Tunesien. II. Das System der
Eisenbahnpolitik Frankreichs in Tunesien. Erster Abschnitt. Die gesetzlichen
Grundlagen des tunesischen Eisenbahnwesens. Zweiter Abschnitt. Der Vertrag.
Anhang. — Dritter Teil. Überblick über das Problem der Transsaharnbahn. •—
Literatur. — Karte von Algerien und Tunesien.
        <pb n="224" />
        ﻿Verlag von Gustav Tischer in Jena

Kriegswirtschaftliche Untersuchungen

aus dem Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Universität Kiel.

Diese Sammlung erscheint nur während dos Krieges. Sie bringt insonderheit solche
Arbeiten, die die Darstellung des internationalen Wirtschaftslebens unter dem Einfluß des
Krieges zum Gegenstand haben. Außerdem enthält sie Untersuchungen über das wirtschaft-
liche, finanzielle und soziale Leben in den kriegführenden und neutralen Ländern. Auch die
kriegswirtschaftlichen Maßnahmen der Gegner Deutschlands und die Bestrebungen zur Ver-
drängung Deutschlands vom Weltmarkt finden Beachtung. Die Arbeiten entstehen entweder
unmittelbar im Institut oder sie werden auf dessen Anregung unter seiner Mitwirkung von-
auswärtigen Mitarbeitern durchgeführt. Die Sammlung bringt auch Übersetzungen wichtiger
kriegswirtschaftlicher Untersuchungen aus dem feindlichen und neutralen Ausland.

Erstes Heft; Der Einfluß des Krieges auf den Londoner Geldmarkt.

Von Dr. Theodor Plaut, Assistent am Institut für Seeverkehr und Weltwirt-
schaft in Kiel. (VI, 105 S. gr. 8°.)	1915.	Preis; 2 Mark,

Zweites Heft; Die Pan-Amerikanische Finanzkonferenz vom 24.-29. Mai
1915. Von Dr. Johannes Pfltzner, Privatdozent an der Universität Gießen,
z.Zt. Kiel. (41 S, gr. 8°.) 1915.	Preis: 1 Mark.

Drittes Heft: Die Entwickelung der Außenhandelsbeziehungen der Ver-
einigten Staaten von Amerika während des ersten Kriegsjahres 1914/15.

Von Ludwig W. Schmidt. (IV, 40 S. gr. 8°.) 1915. Preis: 1 Mark 80 Pf.
Viertes Heft; Oie nordamerikanischen Interessen in Südamerika vor dem
Krieg. Von Dr. Hermann A. L. Lufft, New-York. (V, 88S. gr. 8«.) 1916.

Preis; 1 Mark 80 Pf.

Fünftes Heft: Französische Bestrebungen zur Verdrängung des deutschen
Handels. Von Dr. Ernst Oberfohren, wissenschaftlichem Mitglied des König-
lichen Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Universität Kiel. (IV.
60 S gr. 8».) 1916.	Preis: I Mark 60 Pf.

Sechstes Heft; Die Wirkung des Krieges auf den überseeischen Handel
Englands. Vorlesung, gehalten von J, Rogenbaum, M. So, in der Royal Statistical
Society zu London am 18. Mai 1915 (nebst Diskussion), übersetzt, bearbeitet und
fortgeführt im Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft in Kiel. (VI, 86 S.
gr. 8».) 1916.	Preis; 1 Mark 80 Pf.

Siebentes Heft: Beiträge zur Lage der chemischen, insbesondere der
Farbstoffindustrie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Zusammen-
gestellt und übersetzt von Dr. Johannes Pfltzner, Privatdozent an der Uni-
versität Gießen, z. Zt. Kiel. (VI, 80 S. gr. 8°.) 1916. Preis: 1 Mark 60 Pf.
Achtes Heft: Die internationale Schiffsraumnot. Ihre Ursachen und Wir-
kungen. Von Dr. oec. publ. Oskar Wiugen, Archivar des Königlichen Instituts
für Seeverkehr und Weltwirtschaft. (IV, 45 S. gr. 8°.) 1916. Preis :• 1 Mark 50 Pf.
Neuntes Heft; Deutsche und englische Industrie auf dem Weltmärkte.
Eine handelsstatistische Untersuchung über das Jahr 1918. Von Rudolf Rarnim,
Hamburg. Mit 8 Abbildungen im Text. (VI, 45S. gr. 8°.) 1916. Preis: 1 Mark 40 Pf.
Zehntes Heft: Bericht über die dringende Notwendigkeit, in den deutschen
und österreichisch-ungarischen Absatzgebieten Fuß zu fassen, nebst

Angaben einiger Mittel, unseren Export nach dort zu erweitern. Von Arien Artaud,
Präsident der Handelskammer in Marseille. Übersetzt itn Institut für Seeverkehr
und Weltwirtschaft in Kiel. (IV, 27 S. gr. 8°.) 1916.	Preis: 60 Pf.

Elftes Heft: Literatur zur Frage der deutsch-österreichisch-ungarischen
Wirtschaftsannäherung. Von Dr. (Jarl Landauer, Assistent am Königlichen
Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft in Kiel. (VI, 68S. gr. 8°.) 1916.

Preis: 1 Mark 50 Pf

Zwölftes Heft: Die niederländische Uebersee-Trust-Gesellschaft (Needer-
landsche Overzee Trust Maatschappij). Von Prof. Dr. Ferdinand Töunies, Geh.
Regierungsrat. (IV, 34 S. gr. 8°),	1916.	Preis: 75 Pf.

Dreizehntes Heft: Die Pariser Wirtschaftskonferenz vom 14. bis 17. Juni 1916

und die ihr voraufgegangenen gemeinsamen Beratungen der Ententestaaten
über den Wirtschaftskrieg gegen die Mittelmächte. Von Friedrich Kahl,
wissenschaftlichem Mitarbeiter am Königlichen Institut für Seeverkehr und Welt-
wirtschaft an der Universität Kiel. (IV, 94S. gr. 8°.) 1917.	Preis: 2Mark.

SofbucbdruckeroJ Rudolstadt.
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        ﻿the scale towards document

Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.

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in der Tabelle ersichtliche arge Mißverhältnis zwischen Vor-
mund Effektivertrag. Dagegen ließ man im zweiten Kriegs] ahre
&gt;en der Hoffnung auf gute Resultate auch die gesammelten
gen aus dem Vorjahre zur Geltung gelangen und schätzte ein
rsichtiger.

Gesamteinnahmen erreichten, wie der Bericht betont, gegen
der Friedenseinnahmen. Er verweist hierbei auf die Tatsache,
| immerhin umfangreicher Teil des Landes, der mit zu den er-
sten und steuerkräftigsten Bezirken und dichtesten Bevölke-
rnden zählt, vom Feinde besetzt sei. So sei dieses Ergeb-
zufriedenstellend und ein Zeichen für die ungebrochene
ionskraft der restlichen Gebiete. Wenngleich im zweiten
ie Einnahmen eine Steigerung gegenüber dem ersten um
,oo Mill. Eres, erfuhren, so kann dennoch nicht auf eine wesent-
hmalige Erhöhung gerechnet werden. Die Steuerkraft dürfte
Höchstgrenze angelangt sein. Denn so wie die indirekten
Stempelsteuer, Zölle und Monopole den oben nachgewiesenen
lös von 1805,00 Mill. Eres, erbrachten, weisen auch die Eingänge
direkten Steuern, die mit 1221,00 Mill. Frcs. veranschlagt
id nur 942,00 Mill. Frcs. eintrugen, ein Minus von 279,00 Mill.

. Unter Zugrundelegung der budgetären Einnahmen im zweiten
ire kann daher der Erlös für die letzten fünf Monate des lau-
wahres mit höchstens 1500,00 Mill. Frcs. angenommen werden1).
1 diesen Angaben über die budgetären Einnahmen geht nun-
' Bericht dazu über, einen Rückblick auf die Lage des Schatz-
bst und die während der beiden ersten Kriegs] ahre veränderte
e Schuld zu geben. Er hebt zunächst das Dekuvert der zwei-
Kriegsbilanz hervor. Die Differenz zwischen den Einnahmen
_ jaben ergibt als ungedeckte Verbindlichkeiten eine Summe von
Uiarden Frcs., die noch erhöht wird durch die gesondert auf-
1 Leistungen an die Verbündeten mit 1650,00 Mill. Frcs., um-
e Vorschüsse an die Handelskammern, Gesellschaften für Ver-
ipflege, Zuwendungen an die Eisenbahnen, um deren Kapital-
1 decken. Außerdem wurden größere Beträge dem Departe-
Nord und für die Ernährung der Zivilbevölkerung bereitge-
-d aufgebraucht. Eine Reihe von Departements, Kommunen,
e des Depöts et Consignations, Truppenkorps und andere Kun-
Schatzamtes haben ihre Einlagen zurückgezogen. Insgesamt
sich diese Ausgaben auf etwa 3 Milliarden Frcs., so daß der
isgang des Schatzamtes einen Betrag von 38 Milliarden Frcs.
tten hat. Diese Summe war also zu decken. Unter welchen
jkeiten und mit welchem wechselreichen finanzpolitischen Ge-
-ir Finanzminister arbeitete, um diese Lasten auf seine Kapitals-
iij tu verteilen, wurde schon zur Genüge gezeichnet. Es mögen

fektiv-Eingänge vom i. August 1915 bis 31. Juli 1916: 3445,00 Mill. Frcs., d. h.
&gt;nat 287,00 Mill. Frcs.

idek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschalt.
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