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        <title>Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege</title>
        <author>
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            <forname>Erwin</forname>
            <surname>Respondek</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>885239911</idno>
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        —

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        <pb n="2" />
        AVcltwirlschaf  llichc  s
Archiv

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JUlg  i
//  \li  xxiri  s  ch.a£islelire.

H^raus^^eb

Vüü

Dr.  sc.pol.  Bernhard  Harms
Chrderxtlidtem  Professor  an  der
U  nJ  Oer  s  it  ix  t
'Käel

Ergänzungsheft  2:  Respondek  /  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft  im  Kriege

Verltv^  vo  n  Gustav  Pis  eher  Jena
        <pb n="3" />
        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena

Als  erstes  Ergänzungsheft  zum  „Weltwirtschaftlichen
Archiv“  erschien:
Geld  und  Kredit  im  Kriege.  Von  Dr.  Jf.  Jastrow,  a.  o.  Professor  an  der
Universität  Berlin.  (VI,  97  S.  gr.  8°.)  1915.  Preis:  2  Mark  80  Pf.

Deutschland  und  Frankreich  im  Wandel  der  Jahrhunderte.  Rede,
gehalten  zur  Feier  der  akademischen  Preisverteilung  in  Jena  am  20.  Juni  1914.
Von  Dr.  Alexander  Cartellterl,  o.  ö.  Professor  der  Geschichte,  d.  z.
Prorektor  der  Universität.  1914.  Preis:  1  Mark.
Es  dürfte  heute  nur  wenige  Fragen  geben,  die  mehr  zu  fesseln  vermöchten,
als  die  nach  den  politischen  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  Frankreich.
Wenn  aber  irgendwo,  so  gilt  hier  der  Satz,  daß  jedes  politische  Urteil  auf  geschichtliches ­
  Wissen  sich  »p  gründen  hat.  Da  es  nun  eine  zusammenhängende  quellenmäßige ­
  Geschichte'  (Ter  deutsch-französischen-Beziehungen  von  der  ältesten  Zeit  bis
zur  Gegenwart  heute  ebensowenig  wie  ein  allgemeines  Verzeichnis  der  einschlägigen
Schriften  gibt,  und  da  weiter  die  vorhandenen  bisherigen  kurzen  Übersichten,  abgesehen ­
  von  ihren  nicht  immer  rein  wissenschaftlichen  Absichten,  meist  der  nötigen
Belege  entbehren,  so  wird  der  in  voi  liegender  Rede  an  der  Hand  der  geschichtlichen ­
  Quellen  von  berufener  Seite  gegebene  Überblick,  allseitig  begrüßt  werden.

Frankreichs  politische  Beziehungen  zu  Deutschland  Vom  Frankfurter ­
  Frieden  bis  zum  Ausbruch  des  Weltkrieges.  Vortrag,  gehalten  am
16,  November  1916  in  der  ,Staatswissenschaftlichen  Gesellschaft“  zu  Jena.  Von
Dr.  Alexander  Cartellieri,  o.  ö.  Professor  der  Geschichte  an  der  Universität ­
  Jona.  1  §,1-6.  Preis:  60  Pf.
Englische  Expansion  und  deutsche  Durchdringung  als  Faktoren
im  Welthandel.  Von  Dr.  W.H.  Edwards  Göttingen.  (VI,  89  S.  gr.  8°.)
1916.  Preis:  2  Mark  40  Pf.
Inhalt:  Einleitung.  I.  Teil.  Von  Burleigh  bis  .Chamberlain.  II.  Teil,  Vom
Stahlhof  zum  Stahlwerksverband.  Anhang;  Vergleich  zwischen  Deutschland  und
England.  Die  Grundwerte  der  deutschen  Volkswirtschaft  für  das  Jahr  1913.

Die  Reichseisenbahnfrage.  Von  Dr.  W.  H.  Edwards  in  Göttingen.
Mit  2  Abbildungen  im  Text.  (VII,  178  S.  gr.  8“.)  1916.  Preis.:  5  Mark.
Die  „Reichseisenbahnfra^e“  sucht  den  aktuellen  Gegenstand  zahlreicher  Broschüren ­
  und  Reden  in  streng  wissenschaftlicher  Form  zu  behandeln.  Ohne  Rücksichtnahme ­
  auf  Parteistandpunkte  in  Politik  und  Wirtschaft  werden  die  Fragen
objektiv  zu  beantworten  versucht;  Ist  eine  großzügige  Verkehrsform  in  Deutschland
sachlich  erforderlich  und  wie  wäre  sie  überhaupt  denkbar.  Daran  schließen  sich
noch  einige  Betrachtungen  über  die  etwaigen  handelspolitischen  Folgen  einer  Vereinheitlichung ­
  der  deutschen  Verkehrspolitik.
Die  Schrift  wendet  sich  als  ein  sachliches  Orientierungsmittel  an  Politiker,
Volkswirte  und  Verkehrsbeamte.  Die  statistischen  Angaben  stellen  ein  wertvolles
Material  für  alle  Spezialarbeiter  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Eisenbahnwirtschaft ­
  dar.
Die  Geldverfassung  und  das  Notenbankwesen  der  Vereinigten
Staaten.  Von  Adolf  ■laseiikaiiip.  1907.  Preis;  5  Mark.
Inhalt:  1.  Die  geschichtlichen  und  gesetzlichen  Grundlagen.
1.  Die  Geldverfassung.  2.  Das  Notenbankwesen.  3,  Die  Verwaltung  der  öffentlichen
Gelder.  —  II.  Die  gegenwärtigen  Verhältnisse.  1.  Die  Sicherung  der  Währung.
2.  Die  Regelung  des  Umlaufs,  3.  Die  Stellung  des  Schatzamts.  —  Literaturverzeichnis.
Jahrbücher  für  National  Ökonomie  um!  Stat.,  August  1907:
,  .  .  Das  Buch  Hasenkamps  ist  mit  großer  Sachkenntnis  geschrieben,  es  fußt  auf
gutem  Quellenmaterial,  die  Darstellung  ist  zuverlässig,  und  verständnisvoll  weist  Hasenkamp
auf  viele  sonstige  hier  nicht  weiter  erörterte  Gefahren  hin,  die  sich  mit  dem  Geldwesen  der
Vereinigten  Staaten  verknüpfen  und  die,  wie  die  jüngste  Vergangenheit  lehrt,  auch  für  Deutschland ­
  ein  leider  mehr  theoretisches  Interesse  haben.
        <pb n="4" />
        Verlag  von  Gustav  Fischer
1917

Weltwirtschaftliches  Archiv
Zeitschrift  für  allgemeine  und  spezielle  Weltwirtschaftslehre
Herausgegeben  von  Dr.  sc.  pol.  Bernhard  Harms
Professor  an  der  Universität  Kiel
Zweites  Ergänzungsheft

Frankreichs  Bank-  und
Finanzwirtschaft  im  Kriege
(August  1914  bis  August  1916)
Von
Erwin  Respondek

Jena
        <pb n="5" />
        i

Frankreichs  Bank-  und
Finanzwirtschaft  im  Kriege
(August  1914  bis  August  1916)

Von
Erwin  Respondek

Jena
Verlag  von  Gustav  Fischer
1917
        <pb n="6" />
        Alle  Rechte  Vorbehalten!
        <pb n="7" />
        Meinem  hochverehrten  Lehrer

Professor  Dr.  hon.  c.
Johann  Friedrich  Schär
Rektor  der  Handels-Hochschule  Berlin

in  Dankbarkeit  gewidmet.
        <pb n="8" />
        V  orwort

Die  vorliegende  Abhandlung  verfolgt  den  Zweck,  eine  zusammenfassende ­
  Darstellung  von  den  Vorgängen  und  Entwicklungen  während
des  Krieges  auf  bank-  und  finanzwirtschaftlichem  Gebiete  in  Frankreich ­
  zu  geben.  Zweifellos  werden  viele  der  Ansicht  sein,  es  gehöre  großer
Mut  dazu,  schon  heute  mit  dem  Entwurf  einer  Arbeit  über  ein  recht
weitschichtiges  und  schwieriges  Problem  vor  die  Öffentlichkeit  zu  treten.
Sie  wall  auch  nur  ein  erster  Entwurf,  ein  Versuch  sein,  und  als  Entschuldigung ­
  für  mein  Beginnen  möge  gelten,  daß  ein  Thema  von  so  großem  Interesse ­
  eine  summarische  Darstellung  einfach  erfordert.
Im  wesentlichen  erstrecken  sich  die  Ausführungen  auf  das  französische ­
  Moratorium  als  primäre  und  nachwirkendste  Erscheinung,
auf  eine  Zeichnung  von  der  ebenso  vielseitigen  wie  ungemein  bedeutsamen ­
  Kriegsarbeit  der  Bank  von  Frankreich,  sowie  auf  die  Pariser
Börse  und  die  Kreditinstitute.  Hieran  schließen  sich  Ausführungen  über
Entwicklung  und  Lage  der  Staatsfinanzen  an.
Das  Schwergewicht  liegt  in  der  verbindenden,  und  wie  ich  hoffe,
auch  getreulichen  Darstellung  aller  Tatsachen,  die  in  jenen  Gebieten
seit  Ausbruch  des  Krieges  bis  August  1916  zum  Vorschein  gelangten.
Daher  entstanden  bald  nach  Beginn  der  Bearbeitung  größere  Schwierigkeiten, ­
  als  sie  von  vornherein  vermutet  waren.  Sie  hatten  ihre  Ursachen
namentlich  in  den  vorliegenden,  mehr  oder  minder  tendenziös  gefärbten
in-  und  ausländischen  Quellen,  die  mit  Sorgfalt,  verschärfter  Aufmerksamkeit ­
  und  rein  objektivem  Sinn  zu  sichten,  prüfen  und  zu  verarbeiten
waren.  Nur  hierdurch  konnten  die  Prinzipien  der  möglichsten  Vollständigkeit ­
  in  der  Aufzählung  von  Tatsachen  und  Exaktheit  der  Ausführungen
gewahrt  bleiben.  Für  immerhin  noch  vorhandene  Lücken  sprechen  eine
Reihe  von  Faktoren.  So  vermögen  nur  schwer  alle  Einwirkungen  des
Krieges  auf  Bankwelt  und  Staatshaushalt  jetzt  in  ihrem  vollen  Umfange
erkannt  und  verfolgt  zu  werden.  Hier  muß  erst  ein  gewisser  Abstand  von
        <pb n="9" />
        VIII

Vorwort.

den  Dingen,  die  im  Fluß  sind,  gewonnen  sein  und  noch  viel  mehr  dokumentarisches ­
  Material  zur  Verfügung  stehen.  Es  wird  somit  einer  späteren ­
  Arbeit  Vorbehalten  bleiben,  jene  vielverzweigten,  wechselseitigen
Vorgänge,  ihr  gegenseitiges  Durchdringen  und  Bedingen,  wie  es  heute
nur  angedeutet  werden  kann,  scharf  und  bestimmt  zu  erfassen  und  die
hierbei  erhaltenen  Resultate  in  einet  neuen  Abhandlung  vorzulegen.
Die  Arbeit  ist  unter  Leitung  des  Rektors  der  Handels-Hochschule
Berlin,  Herrn  Professor  Dr.  Schär,  in  seinem  Handels  wissenschaftlichen ­
  Seminar  entstanden.  Ich  möchte  an  dieser  Stelle  meinem  hochverehrten ­
  Lehrer  meinen  verbindlichsten  Dank  aussprechen  für  das
überaus  große  Interesse,  mit  dem  er  diese  Arbeit  verfolgt  und  für  die
wertvollen  Ratschläge,  die  er  mir  im  Verlauf  ihrer  Entwicklung  gegeben
hat.
Ebenso  bin  ich  Herrn  Dr.  Gurt  Eisfeld  für  seine  stets  bereite
und  gute  Hilfe  zu  hohem  Danke  verpflichtet.
Berlin-Halensee  im  November  1916.
Erwin  Rcspondck.
        <pb n="10" />
        Inhaltsverzeichnis.

Hauptgliederung.  Seite
Moratorien  1 —*6
Notenbank  x6—83
Pariser  Börse  83—X02
Kreditinstitute  102—147
Staatsfinanzen  147— 2 °3

Moratorien.  i—16
I.  Aufbau  der  einzelnen  Verordnungen  und  Kritik  der  wichtigsten
Bestimmungen  1 — 10
1.  Die  Erlasse  im  einzelnen  und  ihre  chronologische  Folge.  .  .  i—4
2.  Einwirkungen  und  Kritik  einzelner  Moratoriumsverfügungen.  5—g
a)  Schutz  der  Schuldner  und  Gläubiger  (Banken  und  Kreditinstitute) ­
  6—8
b)  Das  Wechselmoratorium  und  seine  Wirkungen  8
c)  Die  Mietsstundung  9
II.  Aufnahme  des  Moratoriums  10—12
1.  Die  französische  Handelswelt  gegen  das  Moratorium  ....  ro
2.  Abänderungsvorschläge  der  Handelskammern  10
3.  Das  Bestreben  der  Regierung  durch  ergänzende  Verfügungen
Erleichterungen  zu  schaffen  11
III.  Moratorium  oder  Darlehnskasse?  n—15
1.  Mögliche  Gründe  für  die  Ablehnung  des  Darlehnskassenprinzips
  in  Frankreich  ix—14
a)  Frankreich  ein  Rentnerstaat  ix—13
b)  Der  Krieg  ist  auf  französischem  Boden  13—14
IV.  Der  Abbau  des  Moratoriums  15—16

Die  Notenbank.
I.  Die  Bank  von  Frankreich  und  ihre  Kriegsvorbereitungen  .  .  .
1.  Ihre  Entwicklung  im  Frieden
2.  Kriegswirtschaftliche  Maßnahmen
a)  Die  Finanzgesetze  vom  4.  August  1914
Erhöhung  des  Notenumlaufes
b)  Dekretierung  des  Zwangskurses  und  Einstellung  der  Wochen'-ausweise

II.  Kredittätigkeit  im  Kriege  gegenüber  Staat  und  Privatwirtschaft
1.  Vorschußverträge  mit  dem  Staate
2.  Hilfsmaßnahmen  für  die  Privatwirtschaft  ’
a)  Die  ersten  Anstürme  zur  Notenbank
b)  Erleichterte  Diskontierung  und  Lombardierung  für  Industrielle ­
  und  Kaufleute  und  Private

16—83
16—22
16—19
20—22
20
20
21
22—30
22—24
24—30
24— 2 5

26
        <pb n="11" />
        X

Inhaltsverzeichnis.

Seite

c)  Diskontkredite  zum  Abbau  der  Börsenengagements  und  erweiterte ­
  Kredittätigkeit  in  der  Provinz  27
d)  Geringe  Erfolge  in  den  Versuchen,  das  Wirtschaftsleben
zu  heben  28—29
3.  Das  Abkommen  mit  der  russischen  Reichsbank  zum  Abbau
der  russischen  Wechselverpflichtungen  in  Frankreich  ....  30
III.  Regelung  der  Geldzirkulation  30—33
x.  Thesaurierung  von  Hartgeld  und  Noten  durch  die  Bevölkerung  30—31
2.  Gegenmaßregcln  zur  Vermeidung  einer  Geldkrisis  31—33
a)  Preisgabe  des  Silberbestandes  31
b)  Ausgabe  von  kleinen  Notenabschnitten  und  verstärkte
Münzausprägung  32
IV.  Einflüsse  der  Kriegsarbeit  auf  den  Status  33—47
x.  Veränderungen  des  Notenumlaufes  33—35
a)  Absolute  Zunahme  33—34
b)  Notenzirkulation  und  Notenemission  35
2.  Der  Wechselbestand  35—37
a)  Liquidation  der  vom  Moratorium  betroffenen  Wechsel  .  .  36—37
3.  Die  Goldbewegung  37—47
a)  Entwicklung  des  Goldschatzes  im  Jahre  1914  37—40
b)  Die  erhöhte  Goldpropaganda  im  Jahre  1915  41—43
c)  Das  „Gold  in  der  Kasse“  und  das  „Gold  im  Ausland“  .  44—46
d)  Goldwährung  und  Goldkernwährung  46—47
V.  Liquiditätsberechnungen  an  drei  Wochenausweisen  47—51
VI.  Zur  Währungspolitik  51—63
A.  Im  Inland  5 1 —55
1.  Steigerung  der  Preise  und  Ursachen:  Erhöhte  Nachfrage
nach  Gütern  von  Staat  und  Privaten  52
2.  Vermindertes  Angebot  seitens  der  Produzenten  53
3.  Notenemission  als  sekundäre  Ursache  der  Preissteigerung  54—55
B.  Auf  dem  Weltmärkte  55—63
1.  Der  Franken  bedarf  in  der  ersten  Kriegszeit  keines  Schutzes  55—58
2.  Langsame  Entwertung  der  französischen  Valuta  und  der
Sturz  seit  März  1915  58—63
a)  Devisenhausse  an  der  Pariser  Börse  58—59
b)  Intervention  der  Notenbank  60
3.  Scharfe  Entwertung  des  Franken  auf  dem  Weltmärkte  .  60—63
VII.  Die  Ursachen  der  Valutaentwertung  64—69
1.  Passive  Handelsbilanz  64—66
2.  Ausfall  an  Zinsen  und  anderen  Forderungen  66—68
3.  Maßnahmen  zur  Stützung  der  Valuta  69—79
a)  Krediteröffnungen  des  Auslandes  durch  Diskontierung  von
„National-Verteidigungswechseln“  69—70
b)  Gold  als  Basis  für  neue  Kredite  70—72
c)  Ankauf  von  amerikanischen  Eisenbahn-Obligationen  durch
die  Regierung  72—73
d)  Die  Valuta-Anleihe  in  New-  York  im  Verein  mit  England  73—-76
e)  Spekulative  Einflüsse  bei  der  Valutabewertung  77—78
4.  Die  Notenemission  als  sekundäre  Ursache  der  Valutaentwertung  79—-8x
VIII.  Endbetrachtung  und  die  Frage  der  Privilegserneuerung  ....  8x—83
Die  Pariser  Börse.  83—102
I.  Kritische  Lage  der  Börse  bis  zum  Ausbruch  des  Krieges  .  .  .  83—88
II.  Die  Pariser  Börse  im  Kriege  88—102
1.  Erschütterung  des  Kursniveaus  88—89
        <pb n="12" />
        Inhaltsverzeichnis.  XI
Seite
2.  Börsenschluß  am  29.  Juli  1914  und  Wiedereröffnung  am  7.  Dezember ­
  1914  89—91
3.  Das  Börsenmoratorium  91—99
a)  Organisation  der  Börse  92—-94
b)  Der  Aufschub  der  Ultimoengagements  und  seine  Bedeutung  94—95
c)  Das  Abkommen  der  Wechselmakler  mit  der  Notenbank  zum
Abbau  der  Reportverbindlichkeiten  95—96
d)  Versuch  des  freien  Marktes  einen  Abbau  seiner  Verbindlichkeiten ­
  mit  Hilfe  der  Notenbank  96—97
e)  Liquidation  der  Ultimoengagements  durch  Dekret  vom
15.  September  1915  97—99
4.  Die  Pariser  Börse  im  Verlauf  der  weiteren  Kriegsmonate  und
ihr  Kampf  gegen  das  Deutschtum  99—102
Die  Kreditinstitute.  102—147
I.  Credit  Foncier  de  France  X02—106
1.  Organisation  und  Geschäftstätigkeit  102
2.  Die  Geschäftstätigkeit  in  den  Jahren  1914  und  1915  .  .  .  .  102—105
3.  Einwirkungen  des  Krieges,  insbesondere  des  Mietsmoratoriums
auf  die  Bank  106
II.  Credit  Mobilier  Banken  xo6—in
1.  Ihre  Organisation  und  Geschäftstätigkeit  106—107
2.  Stellung  zur  Politik  107—108
3.  Einflüsse  des  Krieges  auf  ihre  Lage  108—110
4.  Neue  Arbeitswege  110—111
III.  Die  Depositenbanken  111—147
1.  Die  Entwicklung  und  Geschäftsrichtung  vor  dem  Kriege  .  .  in—1x3
2.  Berechnungen  des  Wertpapierbesitzes  113—115
3.  Frankreich  der  Kapitalgeber  der  Welt  1x5—122
a)  Die  Ursachen  für  die  geringen  Verwendungsmöglichkeiten
der  Kapitalien  in  Frankreich  115—119
b)  Die  Verknüpfung  politischer  Ziele  bei  den  Auslandsemissionen ­
  119—120
d)  Die  „Politique  Financierc"  120—122
4.  Die  Banken  im  Kriege  122—133
a)  Ansturm  gegen  die  Societe  Generale  122—123
b)  Liquiditätsbild  bei  Ausbruch  des  Krieges  123—124
c)  Der  Ansturm  der  Depositengläubiger  124—-125
d)  Das  Moratorium  für  die  Bardepots  125—129
a 1 )  Die  Bestimmungen  des  Moratoriums  im  einzelnen  .  .  125—127
b 1 )  Allmählicher  Abbau  126—127
c 1 )  Moratorium  und  Sparkassenklausel  127—128
d 1 )  Aushilfsvorschläge  128—129
e)  Ungenügende  bankmäßige  Arbeit  von  der  Mehrzahl  der
Kreditinstitute  130—134
a 1 )  Nichtdurchführung  der  wichtigsten  bankmäßigen  Operationen ­
  130—132
b 1 )  Der  Finanzminister  weist  auf  staatliche  Reformen  hin  132—133
5.  Teilnahme  an  den  bankwirtschaftlichen  Aufgaben  seit  1915  und
Wirkung  auf  ihren  Status  134— l4I
a)  Die  Privatbanken  im  Dienste  des  Schatzamtes  134  133
b)  Im  Dienste  der  Privaten  133  135
c)  Veränderungen  in  ihren  Positionen  auf  der  Passiv-  und
Aktivseite  3  136—140
d)  Gewinnergebnisse  x^ 0  X41
6.  Kapitalsaufnahmen  im  Auslande  x 4 x  j 45
7-  Richtlinien  für  die  zukünftige  Geschäftstätigkeit  x 4 g  147
        <pb n="13" />
        Inhaltsverzeichnis.

Seite

Staatsfinanzen.  i 47 —zox

*

I.  Stand  der  Staatsschuld  bis  zum  Ausbruch  des  Krieges  .  .  .  .  ,  147—152

x.  Übersicht  von  der  Entwicklung  der  Staatsschuld  147—148
2.  Schwierigkeiten  in  der  Bilanzierung  des  Budgets  für  1914.  .  149—151
II.  Das  Budget  der  nationalen  Verteidigung  152—173
1.  Finanzierung  des  Krieges  durch  die  Notenbank  152—155
a)  Durch  Vorschüsse  an  das  Schatzamt  153
b)  Vorschüsse  an  die  Verbündeten  154
2.  Die  Emission  kurzfristiger  Anleihen  155—166
a)  National-Verteidigungs-Wechsel  156—158
b)  Obligationen  der  nationalen  Verteidigung  15g—162
c)  Erfolge  und  Mißstände  163—164
d)  National-Verteidigungs-Bonds  165—166
3.  Die  Krediteröffnungen  bis  zum  30.  September  1915  ....  166—168
4.  Aufbau  des  Kriegsbudgets  und  Kalkulation  der  Kriegslasten
bis  Ende  1915  168—171
5.  Krediteröffnung  für  1.  Oktober  bis  31.  Dezember  1915  .  .  .  x 7 x—172
6.  Die  Erkenntnis  der  Notwendigkeit,  neue  Kapitalquellen  zu  erschließen ­
  172—173

III.  Emission  der  ersten  Kriegsanleihe  173—182
1.  Ankündigung  der  Emission  und  Wünsche  der  Öffentlichkeit  173—175
2.  Typ  der  Anleihe  175—179
a)  Kurs,  Zins,  Steuerfreiheit  175—176
b)  Zahlung  in  bar  und  in  Titeln  .  176—178
c)  Umfangreiche  Propaganda  178—179
3.  Zeichnungsergebnis  und  Verteilung  von  Barzeichnung  und
Konversionen  180—182

IV.  Lage  des  Schatzamtes  im  Anfang  von  1916  183—185
V.  Neue  Kreditforderungen  für  1916  185—191
1.  Für  die  Zeit  vom  1.  Januar  bis  zum  30.  Juni  185—187
2.  Für  die  Zeit  vom  1.  Juli  bis  31.  Dezember  187—189
3.  Zusammenfassung  der  Gesamtausgaben  seit  Kriegsausbruch
bis  31.  Dezember  1916  189—191
VI.  Das  Budget  in  der  Zeit  vom  1.  August  1914  bis  zum  31.  Juli
1916.  Ein  Bild  nach  Ribot  191—196
1.  Reguläre  Budgeteinnahmen  192—193
2.  Notenbankvorschüsse  193—194
3.  Eingänge  aus  der  Schatzscheinemission  194—195
4.  Ausländische  Anleihetransaktionen  195—196
5.  Gesamtausgaben  196
6.  Kalkulation  über  die  Budgetentwicklung  für  1.  August  bis
31.  Dezember  1916  .  196—198
7.  Notwendigkeit  einer  neuen  Anleiheemission  198—199
VII.  Die  Zweite  Kriegsanleihe  199—201
Schlußbetrachtungen  201—203

Verzeichnis  zu  einigen  größeren  Tabellen.

Goldbewegung  der  Notenbank  von  1880—1913  17
Wechselbestand  von  1870—1913  18
Vergleich  der  Wechselbestände  bei  Notenbank  und  Kreditbanken  19
Bewegung  des  Notenumlaufs  von  1870—1913  xg

Wechseleinreichungen  in  der  Krisenzeit  vom  25.  Juli  bis  zum  2.  August  1914  25
Notenkontingent  und  Notenumlauf  von  1870—1916  33
        <pb n="14" />
        Inhaltsverzeichnis.  XIII
Seite
Goldzufluß  zur  Notenbank  und  Anteil  des  Auslandes  hieran  39
Zahlenspiel  mit  dem  Goldbestände  der  Notenbank  in  analytischer  Form  45
Liquiditätsschichten  von  vier  Wochenausweisen  48—49
Wechselkurse  an  der  Pariser  Börse  60—61
Wechsel  auf  Paris  in  London,  New-  York  und  Amsterdam  62
Höchster  und  tiefster  Kurs  des  Franken  in  London  63
Bewegung  der  Einfuhr  und  Ausfuhr  1914,  1915,  1916  (Monatsziffern)  .  .  65
Anteil  der  Staaten  an  der  Einfuhr  1914  und  19x5  66
Kursnotierung  der  französischen  Renten  an  der  Pariser  Börse  100
Kurse  einiger  Hauptwerte  am  Jahresultimo  101
Bilanzen  des  Credit  Foncier  105
Bilanzen  der  Banque  de  Paris  et  des  Pays-Bas  111
Bilanzen  der  Banque  Franjaise  p.  I.  Com.  et  Find  111
Jährliche  Emissionen  von  Effekten  ohne  Prospekt  114
Wertpapierbesitz  bis  zum  Ende  des  Jahres  1914  115
Ausländische  Effekten  im  französischen  Besitz  nach  Ländern  geordnet  .  116
Bilanzen  der  Sociötö  Generale  142
Bilanzen  des  Credit  Lyonnais  142
Bilanzen  des  Comptoir  National  143
Budget-Endziffern  der  letzten  Jahrzehnte  148
Steuereinnahmen  1914—1916  169
Verhältnis  der  Gesamtkredite  zu  den  militärischen  Ausgaben  189
Gesamtausgaben  des  Schatzamtes  während  des  Krieges  190
Gesamtausgaben  des  Schatzamtes  pro  Monat  und  Tag  190
Sondertabelle  von  den  Wochenausweisen  der  Bank  von  Frankreich.
        <pb n="15" />
        Der  Arbeit  zugrunde  gelegte  Literatur.

I.  Bücher.
Flour  de  Saint-Genls:  La  Banque  de  France  ä  travers  le  siede.  Paris  1896.
Neymark,  La  Situation  financiere  de  la  France.  Paris  1908.
Kaufmann,  Eugen,  Das  französische  Bankwesen.  Tübingen  1911.
Hender,  Hans,  Die  Kapitalsanlage  der  Franzosen  in  Wertpapieren.  Berlin
1913-Lachapelle,
  Georges,  Nos  Finances  pcndant  la  guerre.  Paris  1915.
Banque  de  France,  Compte  rendu  au  nom  du  conseil  general  de  la  Banque
Assemblee  Generale  des  Actionnaires.  Paris  1914.  1915.
II.  Zeitschriften.
L’Economiste  Frangais,  Paris.
Revue  Financiere  Universelle,  Paris.
Le  Temps  (Semaine  Financiere),  Paris.
The  Economist,  London.
Jahrbücher  für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft.  G.  Schmollet,
Leipzig.
Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik,  Jena,  J.  Conrad.
Insbesondere;  Koppe,  Die  Kriegsanleihen  Frankreichs  und  die  englischfranzösische ­
  Anleihe  in  den  Vereinigten  Staaten.  106.  Bd.,  III.  Folge,
51.  Bd.
Archiv  für  Sozialwissenschaft  und  Sozialpolitik,  Tübingen.
Insbesondere:  Kaufmann,  Dr.  E.,  Die  Finanz-  und  Wirtschaftslage
Frankreichs  im  Kriege.  40.  Bd.,  S.  431  u.  726  (Nachtrag).
Weltwirtschaftliches  Archiv,  Kiel.
Insbesondere:  Arndt,  Dr.  Paul,  Die  Kapitalkraft  Frankreichs.  7.  Bd.,
Jahrg.  1916,  Heft  1.
Finanz-Archiv,  Berlin.
Insbesondere:  Schwarz,  Die  Finanzen  der  europäischen  und  der  wichtigsten ­
  außereuropäischen  Staaten.  Jahrg.  32,  1915,  und  Jahrg,  33,
1916,  Bd.  1.
Die  Bank,  Berlin.
Insbesondere:  Lansburgh,  Die  großen  Notenbanken  im  Dienste  der
kriegführenden  Staaten.  1915,  II,  August-Heft.
Bank-Archiv,  Berlin.
Insbesondere:  Hartung,  Die  wirtschaftliche  und  finanzielle  Entwicklung ­
  Frankreichs  und  der  Krieg.  XIV,  7,  XIV,  9.
Die  englisch-französische  Anleihe  in  den  Vereinigten  Staaten.  XV,  4.
K  ö  b  n  e  r  ,  Der  Einfluß  des  Weltkrieges  auf  die  Finanzen
Frankreichs.  XIV,  9.
Schwarz,  Kriegskosten  und  deren  Deckung  beim  Vierverband. ­
  XV,  7  u.  8.
Plutus,  Berlin.
        <pb n="16" />
        XVI

Literaturübersicht.

Nachrichten  für  Handel,  Industrie  und  Landwirtschaft,  Berlin.
Die  Moratorien  des  Auslandes.  (Zusammengestellt  von  der  Berliner  Handelskammer.) ­


III.  Zeitungen.
Frankfurter  Zeitung,  Frankfurt  a./Main.
Insbesondere:  Die  wöchentliche  Übersicht  „Zur  Finanz-  und  Börsenlage
in  Frankreich“.
Berliner  Tageblatt,  Berlin.
Berliner  Börsen-Courier,  Berlin.
Vossische  Zeitung,  Berlin.
Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung,  Berlin.
Matin,  Paris.
Figaro,  Paris.
Neue  Zürcher  Zeitung,  Zürich.

IV.  Statistisches.
Annuaire  statistique  de  la  France.
Statistisches  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich.
        <pb n="17" />
        I.  Moratorien.
Der  Krieg  stellt  die  an  ihm  beteiligten  Nationen  nicht  allein  vor
bedeutsame  militärische  Probleme,  sondern  auch  vor  besonders  geartete
und  schwierige  wirtschaftliche  Aufgaben.  Die  Richtlinien  und  Ziele
dieser  Aufgaben  können  scharf  gezeichnet  werden:
Es  ist  in  erster  Linie  der  Kriegsbedarf  an  Gütern  aller  Art  zu  decken
und  der  Krieg  selbst  zu  finanzieren.
Weiterhin  die  Volkswirtschaft  im  Innern  in  ihrem  Gange  zu  erhalten
und  damit  ihr  die  hierfür  erforderlichen  Geld-  und  Kreditmittel  bereit
zu  stellen.
Es  gehören  also  zur  glücklichen  und  tatkräftigen  Durchführung
eines  Krieges  sowohl  ein  schlagfertiges  Heer  als  auch  eine  schlagfertige
Finanz.  Die  finanziellen  und  wirtschaftlichen  Maßnahmen  werden  daher
bei  allen  Kriegsparteien  mit  derselben  Aufmerksamkeit  verfolgt  wie
die  militärischen  Ereignisse.  Eine  gute  Finanz-  und  Wirtschaftslage
ist  geeignet,  das  Vertrauen  auf  das  Gesamtergebnis  des  Feldzuges  im
eigenen  Lande  zu  befestigen  und  macht  gleichzeitig  einen  starken  Eindruck ­
  auf  den  Gegner  und  die  neutralen  Staaten.  Finanzielle  Schwächen
und  Mängel  in  der  wirtschaftlichen  Organisation  dagegen  bilden  eine
Gefahr  für  die  innere  Stärke  und  Zuversicht  und  können  dadurch  auf
die  eigene  Kriegsführung  ungünstig  zurückwirken.
In  dieser  Arbeit  wird  der  Versuch  unternommen,  darzulegen,  welche
Maßnahmen  in  der  französischen  Republik  von  berufener  Seite  getroffen ­
  wurden,  um  das  Land  während  der  Dauer  des  Krieges  vor  einer
finanziellen  und  wirtschaftlichen  Krisis  zu  bewahren,  wie  Bankwelt
und  Finanzverwaltung  arbeiten  und  welche  tiefgreifenden  Wirkungen
die  kriegswirtschaftlichen  Einflüsse  auf  sie  ausüben.
Die  letzten  Tage  des  Monats  Juli  brachten  Europa  die  unabwendbare ­
  Frage;  Krieg  oder  Frieden  ?  Anfang  August  verkündeten  die  führenden ­
  Kontinentalstaaten  die  Mobilmachung  von  Heer  und  Flotte,
und  damit  war  der  gewaltige  Weltkrieg  entfesselt.  Ein  Krieg  muß  notwendig ­
  das  Wirtschaftsleben  beeinflussen.  Er  ändert  fast  alle  Bedingungen
der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  und  lenkt  die  nationalen  Kräfte,  mögen
sie  ihre  Quellen  im  geistigen  oder  praktischen  Beruf  haben,  in  neue
Richtungen:  vor  allem  zur  Konzentration  auf  das  Kriegsziel.  England,
das  durch  seinen  Schatzkanzler  Lloyd  George  der  Welt  verkünden
|ieß;  „business  as  usual“,  hat  später  bald  erkannt,  daß  es  unmöglich
ist,  einen  gewaltigen  Weltkrieg  zu  führen  und  zu  gleicher  Zeit  die  hei-Respondek,
  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

I
        <pb n="18" />
        2

Erwin  Respondek,

mische  Wirtschaft  unter  dem  ruhigen,  alten  Pulsschlage  des  Friedens
aufrecht  zu  erhalten.
Die  Ereignisse  waren  eben  zu  wuchtig,  als  daß  es  irgend  einer  Nation
möglich  gewesen  wäre,  sich  ihren  Einwirkungen  zu  entziehen.  Ließen
sie  auch  vielleicht  in  den  ersten  Wochen  des  Krieges  das  wirtschaftliche
Getriebe  unberührt,  so  war  dies  doch  wohl  nur  eine  scheinbare  Ruhe,
während  tatsächlich  die  Umgestaltung  und  Veränderung  langsam,  aber
stetig  vor  sich  gingen.  Möglicherweise  in  England  durchaus  unmerkbar,
da  man  bei  Beginn  des  Kampfes  nicht  an  die  Wahrscheinlichkeit  des
aktiven  Eingreifens  auf  dem  Festlande,  an  die  so  große  Ausdehnung
des  Kriegsschauplatzes  dachte,  dagegen  in  Deutschland  mehr  als  drastisch, ­
  bedingt  durch  die  bekannten  kriegswirtschaftlichen  Forderungen
von  Staat  und  Volkswirtschaft.  Eine  nicht  wesentlich  abweichende
Stellung  nahm  Frankreich  ein.  Obgleich  die  französische  Republik
den  ersten  Stoß  des  Krieges  nicht  so  sehr  zu  fürchten  hatte,  wie  z.  B.
ihr  Gegner  Deutschland,  das  geographisch  bedeutend  ungünstiger
liegt,  muß  man  die  schwache  Konjunktur  der  vorausgegangenen  Zeit,
wie  sie  in  fast  allen  europäischen  Großmächten  vorherrschte,  als  einen
für  Frankreich  überaus  glücklichen  Umstand  bezeichnen.  Bei  Ausbruch ­
  des  Krieges  befand  sich  die  französische  Volkswirtschaft  nicht
im  Stadium  einer  ausgesprochenen  regen  Hochkonjunktur.  Im  Gegenteil.
Das  Wirtschaftsleben  lag  ziemlich  untätig  darnieder.  Langsam  und
stetig  senkte  sich  seit  dem  Jahre  1913  die  Konjunkturkurve.  Diese
dahinvegetierende  wirtschaftliche  Lage  spiegelte  sich  auch  im  Pariser
Geldmarkt  wieder.  Dieser  wies  eine  Fülle  freier  Kapitalien  auf,  war
dadurch  stets  äußerst  flüssig  und  erhielt  noch  starke  Zuflüsse  aus  dem
Ausland,  besonders  aus  Amerika  und  Rußland.  Boten  also  die  wirtschaftliche ­
  und  finanzielle  Lage  ein  ziemlich  ruhiges  Bild,  so  waren  dennoch
die  Ereignisse,  wie  sie  durch  den  Kriegsausbruch  hervorgerufen  wurden,
zu  überwältigend,  um  nicht  dennoch  tiefe  Erschütterungen  hervorzurufen. ­
  In  Frankreich  stagnierte  denn  auch  seit  dem  Tage  der  Mobilmachung ­
  bis  zum  Stillstand  des  ersten  deutschen  Vormarsches  das  Wirtschaftsleben ­
  vollkommen.  Handel  und  Verkehr  ruhten,  die  Kreditinstitute ­
  übten  in  ihrer  Geschäftstätigkeit  die  größte  Zurückhaltung
aus  oder  stellten  sie  gänzlich  ein,  die  Notenbank  erhöhte  rasch  ihre
Diskontrate  und  auch  der  Geschäftsmann  und  Privatmann  verloren
ihre  Fassung.  Diese  allgemeine  Stockung  im  Denken  und  Handeln
wurde  in  erster  Linie  auf  den  Zahlungsverkehr  übertragen.  Hier  rechnete
alles  mit  einem  gesetzlichen  Zahlungsaufschübe  auf  jedem  Gebiete.
In  diesen  Empfindungen  wurden  die  Kreise  der  Bankwelt,  des  Handels ­
  und  der  Industrie  bestärkt  durch  die  nervöse  Spannung,  die  sich
schon  frühzeitig  wie  ein  unheilvoller  und  undurchdringlicher  Schatten
über  dem  wirtschaftlichen  und  politischen  Leben  ausbreitete  und  auch
die  Pariser  Börse  erfaßte  und  schließlich  zur  Panik  führte.
Tatsächlich  gelangte  die  Pariser  Börse  bei  der  Ultimoregulierung
des  Monates  Juli  in  ernste  Schwierigkeiten  und  fand  keine  Hilfe,  um
        <pb n="19" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

3

die  Prolongationen  der  Engagements  durchzuführen.  Sie  erteilte  sich
daher  am  29.  Juli  selbst  eine  Zahlungsstundung.  Dies  war  das  erste
Moratorium.
Am  nächsten  Tage  bereits,  am  30.  Juli,  trat  die  „clause  de  garantie“
der  Sparkassen  in  Kraft,  die  den  Sparern  laut  Statut  vierzehntägig  nur
50  Frcs.  auszahlt.  In  einem  Erlasse  vom  31.  Juli  1914  bestimmte  die
französische  Regierung,  daß  die  Fälligkeitsfristen  von  übertragbaren
Papieren  —  zu  ihnen  zählen  Wechsel,  Zahlungsanweisungen,  Schecks,
Mandate  und  Warrants  —  um  volle  30  Tage  verlängert  werden.  Durch
diese  Verordnungen  wurden  die  ersten  Zweifel  über  die  Richtung,  welche
die  Regierung  in  den  Fragen  der  Wirtschafts-  und  Kreditverhältnisse
nehmen  würde,  gelöst.  Die  Regierung  verfolgte  offenbar  die  schon
in  früheren  kritischen  Zeiten  erprobte  Politik  der  Regelung  des  Zahlungsund ­
  Wirtschaftsverkehrs  mit  Hilfe  von  Moratorien.  In  der  Tat  wurde
diese  Vermutung  bald  durch  die  folgenden  Maßnahmen  bestätigt.
Durch  den  Aufschub  aller  kaufmännischen  Schulden  aus  Wechseln
und  anderen  Verpflichtungsscheinen  resultierte  die  Notwendigkeit,
auch  die  Kreditgeber,  die  ihrerseits  auf  der  Passivseite  Schuldner  sind,
zu  schützen.  Und  bereits  am  1.  August  erhielten  sie  diesen  Schutz.
Am  9.  August  1914  wurde  diese  Verordnung  vom  31.  Juli  und  1.  August
durch  ein  allumfassendes  Moratorium  abgelöst.  Zu  den  wesentlichsten
Bestimmungen  zählen  die  Fristverlängerungen  aller  übertragbaren
Papiere,  die  seit  dem  31.  Juli  1914  fällig  geworden  sind  oder  vor  dem
1.  September  fällig  wurden,  um  volle  30  Tage  und  die  Beschränkung
der  Barauszahlungen  von  Bankdepots  und  Kreditsalden  aus  Kontokorrenten ­
  bei  den  Banken.  Jeder  Depotinhaber,  der  250  Frcs.  Guthaben
besaß,  hatte  das  Recht,  die  volle  Rückzahlung  zu  verlangen.  Über  den
Betrag  von  250  Frcs.  hinaus  nur  die  Zahlung  von  5  %  des  Überschusses.
Für  die  Zahlungen  von  Warenlieferungen,  die  unter  Kaufleuten  vor
dem  4.  August  1914  bewirkt  worden  sind,  für  die  Rückzahlungen  aus
Versicherungsscheinen  und  Sparguthaben  wurde  eine  Frist  von  30  Tagen
gewährt.  Auch  die  Mietszahlungen  bis  zur  Höhe  von  1000  Frcs.  konnten
3  Monate  lang  nicht  eingefordert  werden 1 ).
Das  Moratorium  über  die  Regelung  der  Prozeßverfahren  wurde
durch  Dekret  vom  10.  August  erlassen,  trägt  zwar  keinen  rein  wirtschaftlichen ­
  Charakter,  da  es  nur  die  prozeßrechtlichen  Handlungen
prolongiert,  bewirkt  aber  gerade  hierdurch  indirekt  die  Aufhebung
von  Verbindlichkeiten.  Mitte  August,  den  15.,  wird  ein  weiteres  Moratorium ­
  dekretiert,  das  ein  gewaltiges  Gebiet  trifft  und  hohe  Summen
von  Kapitalien  lahmlegt:  das  Mietsmoratorium.  Bald  (am  29.  August)
folgte  die  Dispens  der  Departements,  Städte,  Kommunen  und  Gesellschaften ­
  von  der  Pflicht,  ihren  Obligationstilgungsdienst  aufrecht  zu
erhalten.  Weiterhin  folgte  am  23.  September  aus  dieser  letzten  Maßnahme ­
  die  Einstellung  der  Zins-  und  Dividendenzahlungen.  Schließlich
b  Siehe  die  ausführlichen  Erlaßhestimmungen  in  der  Moratorien-Zusammenstellung
der  Berliner  Handelskammer.  Heft;  Frankreich.  S.  2—7.
        <pb n="20" />
        4

Erwin  Respondek,

am  27.  September  1914  —  da  die  Zahlung  von  Versicherungsprämien
gestundet  wurde  —  mußten  die  Versicherungsgesellschaften  von  der
Bezahlung  der  Versicherungssummen  befreit  werden.
Dies  waren  die  einzelnen  Glieder  in  der  Moratoriumskette,  die  innerhalb ­
  zweier  Kriegsmonate  vollkommen  geschlossen  wurde,  werden
mußte.  Denn  die  moderne  Wirtschaft  ist  so  eng  in  ihren  Gliedern  verkettet, ­
  das  wechselseitige  Verhältnis  zwischen  Gläubiger  und  Schuldner
so  innig  verknüpft,  vielseitig  und  durchlaufend  zusammengefaßt,  daß
der  Schutz  eines  Gliedes  notwendig  den  des  benachbarten  nachziehen
und  immer  weitere  Kreise  ergreifen  muß.  Dieser  innere  Zusammenhang
im  Wirtschaftsleben  konnte  auch  sofort  nach  Erlaß  von  zahlreichen
Verordnungen  nicht  ohne  erhebliche  Schwierigkeiten  gelockert  werden,
die  noch  vergrößert  wurden  durch  die  nicht  genügend  vollkommen
ausgearbeiteten  und  umfassenden  Einzel-Moratorien.  Erst  allmählich
wurden  die  einzelnen  Verfügungen  bei  ihrer  Erneuerung  verbessert,
straffer  oder  loser  gefaßt,  erleichtert  oder  erschwert.  Gesetzlich  aufgehoben ­
  wurde  bis  jetzt  noch  kein  Moratoriums-Erlaß.  Nur  die  Mehrzahl
der  Banken  hat  freiwillig  auf  die  Vergünstigungen  Verzicht  geleistet 1 ),
und  das  Moratorium,  das  sich  die  Börse  am  Ende  des  Monats  Juli  1914
erteilte,  wird  langsam  in  gestaffelter  Form  abgebaut.  In  schematischer
Zusammenstellung  zeigt  die  Entwicklung  der  einzelnen  Moratoriumserlasse, ­
  die  in  den  späteren  Verordnungen  unter  einem  Datum  zusammenfallen, ­
  nach  ihrer  zeitlichen  Richtung  das  folgende  Bild  (s.  S.  5):
Während  des  Krieges  1870/71  hatte  Frankreich  gleichfalls  ein  Generalmoratorium ­
  für  Schuldner  aus  Wechseln  und  Wertpapieren  für  die
Zeit  vom  13.  August  1870  bis  13.  Juli  1871  erlassen.  Auch  in  diesem
Kriege  hatte  sich  also  die  französische  Republik  entschlossen,  im  Interesse
der  Schuldner  Vergünstigungen  und  Erleichterungen  zu  gewähren,
um  sie  vor  wirtschaftlichen  Schäden  zu  bewahren,  und  ermöglicht  es
ihnen  durch  eine  gesetzlich  erlaubte  Verlängerung  die  Lösung  der  Verbindlichkeiten ­
  auf  eine  spätere,  voraussichtlich  günstigere  Zeit  zu  verschieben. ­

Über  das  Moratorium  Frankreichs  in  seiner  vollen  Ausdehnung  wurde
rasch  vernichtende  Kritik  gefällt.  Sie  lautet  auf  eine  kurze  Formel

!)  Für  alle  Abhebungen  der  Bardepots  und  Kreditsalden  bestimmten  die  einzelnen
Erlasse  das  folgende  Bild:
Abbau  des  Bank-Moratoriums.

Abhebungen  in  der  Zeit
vom

Summe

Höchstbetrag  der  gesamten
Abhebungen

1.  Aug.  1914  bis  1.  Sept.  1914

250  Frcs.  +  5  %

—

1.  Sept.  1914  „  x.  Okt.  1914

250  „  +  20  %

60  °/o

1.  Okt.  1914  „  1.  Nov.  rgr4

25°  „  +  25  %

66%  %

1.  Nov.  1914  „  1.  Dez.  1914

1000  „  +  40  %

66%  %

r.  Dez.  1914  „  1.  Jan.  1915

rooo  „  +  50%

75  %

Vom  1.  Januar  1915  verzichteten  alle  führenden  Banken  auf  die  Wohltaten  des  Moratoriums ­
  und  nahmen  die  unbeschränkten  Zahlungen  wieder  auf.
        <pb n="21" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

5

Zeitliche  Prolongationen  des  Morstoriu  xn  s.

Datum  des  Erlasses

Fälligkeitstermin
wird  verschoben
bis

Erlaß  vom  31.  Juli  19x4
»  »  9.  Aug.  1914
»  „  29.  Aug.  1914
»  „  27.  Sept.  1914
»  „  27.  Okt.  1914
„  „  15.  Dez.  1914
..  „  25.  Febr.  1915
„  „  15.  April  1915
„  „  24.  Juni  1915
„  „  16.  Okt.  1915
„  „  23.  Dez,  1915
„  „  18.  März  1916
„  „  21.  Juni  1916

30.  Aug.  1914
30.  Aug.  1914
1.  Okt.  1914
1.  Nov.  1914
x.  Jan.  1915
1.  März  1915
1.  Mai  1915
1.  Aug.  1915
1.  Nov.  1915
1.  Jan.  1916
1.  April  1916
1.  Juli  1916
1.  Okt.  1916

gebracht:  Die  französische  Republik  hat  ein  allgemeines  Moratorium
erlassen  müssen  —  Deutschland  dagegen  nicht.  Also  ist  die  Nationalwirtschaft ­
  Frankreichs  schwach,  die  Deutschlands  dagegen  stark!
Der  augenblicklich  noch  anhaltende  Mangel  an  vorurteilsfreien
Unterlagen  erschwert  es  sehr,  heute  eine  zuverlässige  und  abschließende
Betrachtung  über  Notwendigkeit  oder  Nichtnotwendigkeit,  über  Vorteile ­
  und  Nachteile  dieses  allgemeinen  und  umfassenden  Moratoriums
zu  geben.  Es  möge  daher  zunächst  nur  ausgeführt  werden,  wie  die  Regierung ­
  durch  ihre  Dekrete  in  das  Wirtschaftsleben  regelnd  eingriff,
und  welche  Bedeutung  einige  wenige  dieser  Maßnahmen  für  die  einzelnen
betroffenen  Teile  und  die  Allgemeinheit  haben.
Außer  dem  bereits  inhaltlich  wiedergegebenen  Erlasse  vom  9.  August
verfügt  u.  a.  ein  Erlaß  vom  10.  August  1914  für  die  Dauer  des  Krieges
eine  Unterbrechung  der  Verjährungs-  und  Verfallfristen  in  Zivil-,  Handelsund ­
  Verwaltungssachen.  Diese  Artikel  dienen  zum  Schutze  für  die  im
Felde  Stehenden,  denen  ja  die  Regelung  ihrer  Verbindlichkeiten  unmöglich ­
  ist,  und  für  die  Zurückgebliebenen,  die  hierzu  infolge  der  schädlichen ­
  Einwirkungen  des  Krieges  trotz  guten  Willens  gleichfalls  nicht
in  der  Lage  sind.
Auch  in  Deutschland  hat  der  Bundesrat  durch  eine  Reihe  besonderer
Verordnungen  den  im  französischen  Moratorium  ausgesprochenen  Bestimmungen ­
  Rechnung  getragen.  Hierher  gehören  die  Erlasse  über
die  gerichtliche  Bewilligung  von  Zahlungsfristen,  die  Geschäftsaufsicht
zur  Abwehr  des  Konkurses  und  der  Rechtsschutz  für  Kriegsteilnehmer:
So  z.  B.  die  Bundesrats-Verordnung  vom  7.  August  1914:  Die  gerichtliche ­
  Bewilligung  von  Zahlungsfristen  an  Schuldner,  wenn  ihre  wirtschaftliche ­
  Lage  es  rechtfertigt 1 ):
Bundesrats-Verordnung  vom  8.  August  1914;  Die  Geschäftsaufsicht

Siehe  Denkschrift  an  den  Reichstag  Nr.  26,  S.  14.
        <pb n="22" />
        6

Erwin  Respondek,

zur  Abwehr  des  Konkurses  bei  Schuldnern,  die  durch  den  Krieg  zahlungsunfähig ­
  wurden 1 ),
Bundesrats-Verordnung  vom  6.  August  1914:  Die  Verlängerung
der  Fristen  bei  Wechseln  und  Schecks  (und  ergänzende  Verordnungen) *  2 ),
Bundesrats-Verordnung  vom  12.  August  1914:  Aufschub  der  Fälligkeit ­
  von  Auslandswechseln 3  4 )  und  andere  mehr.
Ein  anderes  Bild  zeigen  die  Verordnungen,  die  in  das  Kreditsystem
des  Landes  eingreifen.  Nach  Ansicht  der  französischen  Regierung  war
es  schon  bei  Kriegsausbruch  klar,  daß  es  den  Gläubigern  und  Schuldnern
unmöglich  sein  würde,  ihre  gegenseitigen  Zahlungsverpflichtungen
aufrecht  zu  erhalten.  Der  Krieg  hemmt  doch  Absatz  und  Umsatz!
Er  hebt  sie  sogar  teilweise  auf.  Der  Export,  auf  den  Frankreichs  Industrie ­
  und  Handel  zum  Teil  ruhen,  ist  durch  Verkehrsstockungen
und  Gefahren  aller  Art  stark  erschwert,  der  Arbeitsmarkt  ist  durch
die  Einberufung  zahlloser  Arbeiter,  die  bei  einer  langen  Dauer  des  Krieges ­
  noch  stärker  vor  sich  gehen  muß,  sowie  durch  das  Ausbleiben  von
Aufträgen  inländischer  und  auswärtiger  Kunden,  den  weitgehendsten
Störungen  unterworfen.  Was  die  Großindustriellen-  und  Großkaufmannskreise ­
  betrifft,  gilt  auch  für  den  kleinen  Geschäftsmann.  Er  ist
wohl  meistens  Schuldner,  da  er  mit  Kredit  arbeitet  und  braucht  notwendig ­
  einen  ungestört  arbeitenden  Markt,  auf  dem  er  seine  Waren
absetzen  kann,  um  mit  dem  Erlös  seine  Lieferanten  zu  bezahlen.  Der
Privatmann  schließlich  sucht  gleichfalls  in  der  ernsten,  ungewissen
Zeit  mit  seinen  Zahlungen  zurückzuhalten  und  möglichst  hohe  Reserven
zu  seiner  Sicherheit  aufzustapeln,  um  für  alle  unvorhergesehenen  Ereignisse ­
  gedeckt  zu  sein.  Dieses  allseitige  Streben  nach  Lösung  der
Verbindlichkeiten  auf  der  einen  und  Zurückhalten  von  Zahlungen,
die  hohen  Reserveaufstapelungen  von  Geldern  und  sonstigen  Werten
auf  der  anderen  Seite,  zogen  ihre  stärkste  Kraft  aus  den  militärischen
Ereignissen.  Der  Feind  rückte  siegreich  vorwärts  in  das  eigene  Land
hinein.  Also  war  doch  die  logische  Konsequenz  aller  dieser  überzeugenden
Tatsachen:  das  Moratorium.  —  Wenn  nun  alle  Schuldner  durch  einen
Zahlungsaufschub  von  ihren  Pflichten  befreit  werden,  wie  ihn  der  Erlaß
vom  9.  August  vorsieht,  so  muß  die  Regierung  hieraus  die  weiteren
Folgerungen  ziehen.  Sie  muß  den  Kreditgebern  der  nationalen
Volkswirtschaft,  den  Banken,  Genossenschaften  und  anderen,  die  ja
ihrerseits  auf  der  Passivseite  ihrer  Geschäftstätigkeit  auch  Kreditnehmer
sind,  die  gleichen  schützenden  Erleichterungen  gewähren.  Die  französischen ­
  Banken  wiesen  auch  zudem  nicht  den  Grad  der  effektiven  Kassenliquidität ­
  auf,  den  man  von  ihnen  erwarten  konnte 1 ).  Sie  bedurften

')  Siehe  Denkschrift  an  den  Reichstag  Nr.  26,  S.  16.
2 )  Siehe  Denkschrift  an  den  Reichstag  Nr.  26,  S.  19.
3 )  Siehe  Denkschrift  an  den  Reichstag  Nr.  26,  S.  23.
4 )  Nach  dem  Liquiditätsschlüssel  der  Friedenstheorien  können  „Kasse  und  sofort
greifbare  Bankguthaben“  den  „täglich  fälligen  Verbindlichkeiten“  gegenübergestellt  sein.
Bei  den  fünf  Pariser  Großbanken:  Credit  Foncier,  Credit  Lyonnais,  Comptoir  National
        <pb n="23" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

7

daher  doppelten  Schutzes.  Das  Dekret  vom  9.  August  1914  und  die
ergänzenden  Bestimmungen  ordneten  daher  eine  gifet  aff  eite  Auszahlung
der  Kreditsalden  aus  Guthaben  von  Konto-Korrenten  an,  die  eine  weitgehende ­
  Auszahlungsbeschränkung  —  für  August;  250  Frcs.  plus  5  %
des  Überschusses  vom  Kreditsaldo  —-  bedeuten  und  tief  in  das  Wirtschaftsleben ­
  eingriffen 1 ).  Sie  stellen  vielleicht  das  interessanteste
Problem  dar  unter  den  Fragen  des  Moratoriums  und  sollen  daher  ein  wenig
näher  betrachtet  werden.
Es  ist  nicht  zu  bezweifeln,  daß  jedes  Kreditinstitut  unmöglich
allen  Anstürmen  einer  schweren  Krisenzeit  entgegentreten  kann,  auch
wenn  seine  Aktiven  leicht  realisierbar  und  seine  Liquiditätswerte  wirklich ­
  gute  sind.  Denn  von  den  in  der  nationalen  Wirtschaft  schwebenden
Kreditverbindlichkeiten  entfallen  auf  der  einen  Seite  hohe  Summen
kurzfristiger  Einlagen  auf  Depositen-  und  Konto-Korrentgläubiger,
auf  der  anderen  Seite  sind  die  Kreditinstitute  durch  Wechseldiskontierungen, ­
  Lombardierungen,  Emissionen  und  Finanzierungen  Gläubiger
der  Handels-  und  Industriewelt.  Wenn  nun  in  normalen  Zeiten  ein  Teil
der  Bankgläubiger  sein  Rückforderungsrecht  ausübt,  so  gebraucht  es
der  andere  nicht,  und  die  Lücken  des  ersteren  werden  durch  neue  Einlagen ­
  ausgefüllt.  Sie  führen  den  notwendigen  Ausgleich,  die  Stabilität
rasch  herbei.  Andererseits,  wenn  die  Kreditinstitute  Wechselkredite
und  Lombarddarlehen  kündigen,  verschaffen  sich  die  betroffenen  Schuldner ­
  einen  entsprechenden  Ablösungskredit  durch  neue  Wechseleinreichungen, ­
  neue  Lombardaufnahmen  bei  anderen  Banken  und  Kreditinstituten. ­
  So  ist  für  beide  Seiten  eine  sofortige  odet  spätere  Fälligkeit
und  Kündigung  von  Verbindlichkeiten  als  bedeutungslos  anzusprechen.
Die  Nivellierung  wird  immer  leicht  und  ohne  große  Verzögerungen  möglich ­
  sein.
Dieser  friedliche  Ausgleich  hört  aber  in  Kriegszeiten  auf.  Der  siegreiche ­
  Feind  rückt  mit  raschen  Schlägen  in  das  eigene  Land  ein,  stört
empfindlich  Handel  und  Verkehr.  Nunmehr  strebt  alles  dahin,  Geld
in  seine  Kassen  und  Truhen  zu  legen,  sein  eigener  Bankier  zu  sein.  Diesen ­
  Anstürmen  der  ängstlichen  Depositengläubiger  ist  kein  Kreditinstitut ­
  gewachsen.  Die  Banken  müssen  vielmehr  von  ihren  legitimen
Zahlungspflichten  befreit  werden 2 ).  Eine  ausführlichere  Darlegung

d  Escompte,  Societe  Generale,  Credit  Industrie!  betrugen  Ultimo  April  1914  („Bank“
1914,  S,  794):

in  Milk  Frcs.
Kasse  und  Bankguthaben  514
Depositen  2703
d.  h.  eine  Deckung  von  rund  19,00  °/o
Einem  Wechselbestand  von  .  3971
standen  Kreditoren  von  3569
gegenüber.
!)  SieheS.  4  und  Jöhlinger,  Otto,  Ztschr.  f.  Hand.-Wissensch.  und  Hand  -
Praxis:  Mai  1916,  No.  2,  S.  13.
2 )  Die  gleiche  Ansicht  vertritt  auch  P  len  ge.  Siehe:  „Von  der  Diskontpolitik
zur  Herrschaft  über  den  Geldmarkt“.  Berlin  r 9 i 3 ,  S.  338  ff.  Er  sieht  im  Moratorium
        <pb n="24" />
        8

Erwin  Respondek,

der  Moratoriumsbestimmungen,  ihre  Analyse  und  kritische  Betrachtung
unter  diesem  besonderen  Gesichtspunkte  bleibt  dem  Kapitel  über  die
„Kreditbanken“  Vorbehalten.
Das  Wechselmoratorium  ruft  im  Lande  gleichfalls  bedeutsame
Schwierigkeiten  hervor.  Welche  Folgen  ergeben  sich  aus  der  Zahlungsstundung ­
  für  die  Verpflichteten  und  Berechtigten  aus  Wechseln,  Schecks
und  anderen  übertragbaren  Papieren  ?  Der  Detaillist  ist  berechtigt,  den
von  ihm  ausgestellten  Wechsel  nicht  einzulösen.  Der  Großhändler
erhält  demnach  für  die  gelieferten  Waren  sein  Geld  nicht.  Er  bezahlt
seinerseits  den  Fabrikanten  nicht  und  dieser  muß  sehen,  wo  er  die  nötigen
Geldmittel  erhält,  um  Materialien,  Miete,  Löhne  und  andere  Ausgaben
zu  begleichen,  bzw.  seine  Akzeptverbindlichkeiten  bei  seiner  Bank  abzulösen. ­
  Von  außerordentlicher  Tragweite  ist  letzten  Endes  aber  das
Wechselmoratorium  für  die  Privatbanken  und  die  Notenbank.  Die  bereits ­
  diskontierten  Wechsel  nehmen  in  den  Portefeuilles  der  Banken
den  Charakter  einer  Blockade  an  und  sie  sind  somit  eine  schwere  Belastung. ­
  Für  die  Befriedigung  der  Depositengläubiger  stellen  sie  nunmehr ­
  kein  flüssiges  Mittel  mehr  dar,  sie  können  nicht  mehr  als  ein  liquides ­
  Aktivum  erster  Klasse  gelten.  Die  Bank  von  Frankreich  hat
in  ihrem  Portefeuille  langsichtige  Wechsel,  die  ebenfalls  nicht  als  liquides
Aktivum  zur  Sicherung  gegen  ihre  kurzfristigen  Verbindlichkeiten  benutzt
werden  dürfen.  Wenn  auch  für  die  Notenbank  keinerlei  Vorschriften
über  die  Deckung  ihrer  zirkulierenden  Noten  und  Depositeneinlagen
bestehen,  so  werden  dennoch  Liquidität  und  Sicherheit  ihrer  Noten
durch  ein  schwer  realisierbares  Wechselportefeuille  stark  verschlechtert. ­
  In  Kriegszeiten  ist  dies  hinsichtlich  der  Aufrechterhaltung  der
Währung  im  Innern  des  Landes  bedenklich  und  mitunter  gefährlich.
Schließlich  möge  noch  das  Dekret  vom  14.  August  1914  angeführt
werden,  das  eine  weitgehende  Stundung  der  Mietszahlungen
vorsieht 1 ).  Es  wird  ein  Mietszahlungsaufschub  gewährt  für:
Paris  bei  jährlichen  Mieten  bis  1000  Frcs.
Städte  über  100  000  Einwohner  .  „  „  ,,  „  600  „
„  unter  xoo  000  über  5000,,  „  „  „  „  300  „
und  an  allen  anderen  Orten  .  .  .  „  „  „  „  100  „
Den  gleichen  Aufschub  erfahren  die  Mietszahlungen  von  möblierten  Zimmern.
Als  jährlich  in  ganz  Frankreich  zu  zahlenden  Mietszins  werden  rund
1,500  Milk  Frcs.  veranschlagt *  2 ).  Der  Krieg  steht  an  der  Schwelle  des
den  Zweck,  Kredit  geber  und  Kredit  neimet  zu  schützen  und  spricht  somit  einerseits ­
  von  einem  „Moratorium  im  Interesse  der  Schuldner“,  wodurch  ohne  weiteres  die  Aufrechterhaltung ­
  der  Zahlungsverpflichtungen  seitens  der  Kreditinstitute  in  Frage  gestellt
sein  kann  und  zweitens  von  einem  „Moratorium  im  Interesse  der  Banken  und  Sparkassen“
mit  dem  Hinweis  auf  die  unabwendbaren  Schäden  für  die  gesamte  Geschäftswelt.
Siehe  Morat.  d.  Ausl.:  Berliner  Handelskammer.  Heft:  Frankreich.  S.  9.
2 )  Siehe  L'Economiste  Fran9ais  i.  Januar  1916,  S.  3  und  15.  April  19x6,  S.  503.  Hier
führt  P.Leroy-Beaulieu  mit  Hilfe  amtlicher,  statistischer  Aufnahmen  über  den
Haus-  und  Grundbesitz  Frankreichs  eine  Berechnung  der  wahrscheinlichen  Mietsleistungen
in  einem  Jahre  durch.  Er  erhält  als  Resultat  1500  Mill.  Frcs.  In  einer  späteren  Berechnung
        <pb n="25" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

9

dritten  Jahres  und  wenn  auch  angenommen  werden  sollte,  daß  er  es
nicht  noch  ausfüllen  würde,  so  steht  es  andererseits  fest,  daß  mit  dem
Tage  des  Friedens  nicht  der  Tag  der  Aufnahme  von  Mietszahlungen
oder  gar  die  Tilgung  der  aufgelaufenen  Mieten  verbunden  ist.  Es  dürfte
daher  keine  Übertreibung  darstellen,  wenn  die  Summe  der  durch  das
Mietsmoratorium  gebundenen  Gelder  auf  4,500—5,000  Milliarden  Frcs.
veranschlagt  wird.  Diese  hohe  Ziffer  ist  nun  aber  absolut  gefaßt  nicht
vollkommen  haltbar.  Denn  tatsächlich  zahlen  weite  Kreise  der  Bevölkerung ­
  ohne  jede  Stockung  ihre  Mieten  fort,  namentlich  soweit  sie
durch  den  Krieg  in  dem  Bezüge  ihrer  Einnahmen  nicht  wesentlich  gestört ­
  sind.  Aber  es  steht  auch  fest,  daß  ein  ebenso  großer  Teil  hierzu
nicht  in  der  Lage  ist,  einfach  schon  darum  nicht,  weil  Verraögensverluste
  oder  -Verringerungen  durch  den  Krieg  eingetreten  sind,  die  Ernährer
und  Erhalter  der  Familie  vielfach  im  Felde  stehen  u.  a.  m.  So  kann  die
durch  das  Mietsmoratorium  gebundene  Summe  auf  etwa  2,5  Milliarden
Frcs.  geschätzt  werden.
Hier  werden  die  Rückwirkungen  des  Mietsmoratoriums  besonders
schwerer  Natur  sein,  und  sie  können  in  späterer  Zeit  leicht  verhängnisvoll
auf  den  gesamten  Bau-  und  Wohnungsmarkt  zurückfallen.  Der  Hausbesitzer ­
  empfängt  keine  oder  doch  nur  spärliche  Mietszahlungen;  er  ist
dann  außerstande,  seinen  Hypothekengläubigern,  z.  B.  dem  Credit  Foncier,
die  Zinsen  zu  entrichten.  Nicht  allein  die  Unmöglichkeit,  Zinsen  zu  entrichten, ­
  auch  der  Ausfall  an  dem  regelmäßigen  Ertrage  des  im  Hause  angelegten ­
  Kapitals,  des  für  eine  längere  Zeit  gebundenen  Vermögens,  das
jetzt  noch  durch  die  Kriegseinwirkungen  oftmals  gefährdet  erscheint,
werden  für  die  Hausbesitzer  ein  unerträglicher  Zustand.  Im  künftigen
Frieden  wird  der  Steuerdruck  noch  höher  und  an  ihnen  gewiß  nicht  vorübergehen ­
  können.  Diese  Schwierigkeiten  werden  sich  leicht  weiter  fortpflanzen ­
  und  auf  dem  gesamten  Hausmarkte  ungünstig  zurückwirken.
Der  hohe  Ausfall  an  Hypothekenzinsen  führt  notwendig  zu  einer  Entwertung ­
  der  emittierten  Hypotheken-Pfandbriefe  und  damit  zu  einer
Deroutierung  des  Pfandbriefmarktes.  Ungenügender  Geldzustrom
für  den  Baumarkt,  hohe  Mietspreise  bei  unerträglicher  Wohnungsnot
sind  die  bekannten  Folgen  und  Endglieder  dieser  Kette.
Die  wenigen  und  nur  in  kurzen  Zügen  durchgeführten  Beispiele
dürfien  erwiesen  haben,  daß  auch  bei  sorgfältigster  Ausarbeitung  und
schärfster  Überlegung  ein  allgemeines  Moratorium  allen  Anforderungen
sofort  nicht  zu  genügen  und  zur  vollkommenen  Zufriedenheit  des  gesamten ­
  nationalen  Wirtschaftslebens  nicht  zu  wirken  vermag.  Jedes
Moratorium  muß  Änderungen  unterworfen  sein,  die  den  wirtschaftlichen
Verhältnissen  immer  angepaßt  sind,  muß  notwendig  Berücksichtigung
von  Ausnahmen  aufnehmen.  Die  Regierung  trifft  in  ihren  Bestimmungen
r  B.  auch  keinerlei  Anordnungen,  die  ihren  Schuldnern  irgendwelchen
kommt  er  auf  5%  Milliarden  Frcs.  gestundete  Mietsgelder  —  unter  Annahme  daß  der
Krieg  sich  über  3  Jahre  erstreckt  —  und  hiervon  sollen  etwa  60  %  nicht  bezahlt  werden
so  daß  also  3300  Mill.  Frcs.  gestundete  Mietsgelder  abzubauen  wären
        <pb n="26" />
        10

Erwin  Respondek,

Aufschub  für  Zölle,  Steuern  und  andere  Abgaben  gewähren.  Eine  Stundung ­
  ist  bei  jenen  Zahlungen  vollkommen  unmöglich.  Der  Staat  braucht
gerade  in  Kriegszeiten  diese  Summen  für  seine  Bedürfnisse.  Er  ordnet
daher  vielmehr  an,  daß  die  Banken  den  Staatsschuldnern  in  weitgehendstem'Maße ­
  bei  der  Rückzahlung  ihrer  Guthaben  entgegenzukommen
haben.  Der  Staat  selbst  hält  aber  —  es  ist  dies  die  natürliche  Folge  —
als  Gegenleistung  auch  seine  Zahlungsverpflichtungen,  den  Zinsendienst ­
  und  andere  direkte  Leistungen  aufrecht.
Aus  der  zeitlichen  Folge  und  Anordnung  der  einzelnen  Verordnungen ­
  allein  sind  bei  näherem  Studium  die  innere  Tendenz  und  die  Zusammenhänge ­
  klar  zu  erkennen.  Ein  Erlaß  zieht  den  anderen  notwendig
nach  sich.  Denn  das  Moratorium  konnte  nicht  ein  Glied  in  dem  eng
verschlungenen  Kreditsystem  einseitig  schützen.  Alle  mußten  gleichmäßig ­
  und  gleichzeitig  geschützt  und  belastet  werden,  um  nicht  durch
Lücken  und  unangebrachte  Ausnahmen  einen  vollständigen  Zusammenbruch ­
  des  Wirtschaftskörpers  herbeizuführen.  Und  nicht  allein  dies.
In  dem  Augenblicke,  wo  die  französische  Regierung  sich  entschloß,
den  Schuldnern  zuzurufen:  ihr  seid  nicht  verpflichtet,  zu  zahlen,  da  eure
Verbindlichkeiten  prolongiert  sind,  mußte  sie  in  dieser  Bahn  fortfahren,
gleichgültig,  ob  sie  nach  kurzer  Zeit  bereits  die  Erkenntnis  errang,  daß
dieser  Weg  für  die  ökonomische  Entwicklung  des  Landes  von  niederdrückender ­
  und  schädlichster  Wirkung  ist.  Hier  liegt  der  folgenschwere
Kernpunkt  für  die  zukünftige  Gestaltung  des  Wirtschaftslebens.
Nach  den  mehrfach  geäußerten  Ansichten  der  französischen  Handeiswelt ­
  ist  das  Moratorium  als  ein  Fehlgriff  zu  betrachten.  Die  zahlreichen
Zuschriften  an  die  periodische  Presse  zeigen,  daß  sich  die  Geschäftswelt ­
  mit  Erbitterung  gegen  die  sogenannten  „Schutzmaßnahmen“  der
Regierung  wendet 1 ).  Diese  sind  —  nach  ihrer  Ansicht  -—•  nur  Leuten
nützlich,  die  schon  in  Friedenszeiten  zahlungsunfähig  waren.  Reelle
Geschäftsleute  und  Unternehmer  erfüllen  ihre  Zahlungsverpflichtungen.
Tatsächlich  würde  aber  das  Moratorium  vorwiegend  von  Schuldnern
ausgenutzt,  die  wohl  zahlen  könnten,  sich  aber  hinter  die  Bestimmungen
des  Moratoriums  verschanzen.  So  würde  der  wirklich  zahlungsfähige
und  zahlungswillige  Kaufmann,  dadurch,  daß  er  von  seinen  Schuldnern
in  leichter  und  unverantwortlicher  Weise  im  Stich  gelassen  wird,  schließlich ­
  selbst  dem  Ruin  entgegengeführt.  Die  reelle  Handelswelt  wünscht
vor  allem  keine  weitere  Berücksichtigung  der  morschen  Kreditinstitute,
sondern  —  Darlehnskassen  nach  deutschem  Muster.
Ihnen  schließen  sich  die  Handelskammern  an.  Sie  legen  der  Regierung ­
  ihre  Pläne  und  Entwürfe  bezüglich  der  Abänderungen  einzelner
Artikel  des  Moratoriums  vor,  um  das  wirtschaftliche  Leben  wieder
in  Fluß  und  guten  Gang  zu  bringen.  Ihre  sehr  weitgehenden  Forderungen
soll  der  Finanzminister  zum  Studium  entgegennehmen,  bevor  er  sich
über  die  jeweiligen  Änderungen  in  den  bereits  getroffenen  Maßnahmen
J )  Siehe  Temps,  Figaro  im  September,  Oktober  1914.  Siehe  L'Economiste  Frau-$ais
  1914/15.
        <pb n="27" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

II

entscheidet.  Die  hauptsächlichsten  Vorschläge  und  Forderungen  der
Handelskammern  gehen  vor  allem  dahin;
1.  sukzessive  Liquidierung  der  Wechsel  und  Fakturen,
2.  schnellere  Rückzahlung  der  Bankdepots  an  Industrielle  und
Kaufleute  als  an  Private,
3.  Prolongation  von  genau  6  Monaten  aller  vor  dem  4.  August  1914
ausgestellten  Tratten,
4.  Rechtsverfolgung  durch  das  Handelsgericht  und  nicht  Zivilgericht, ­

5-  Freiheit  des  Handelsgerichts  bei  Festsetzung  der  echelonierten
(gestaffelten)  Zahlungen,
6.  diskrete  Ausführungen  der  Rechtsschritte  gegenüber  den  Debitoren, ­

7.  Fixierung  von  5%  Zinsen  für  diejenigen,  die  das  Moratorium
benutzen,
8.  Bank-  und  Kundenzinsen  müssen  gleich  sein.
Die  Exporthandelskammern  zeichnen  gleichfalls  ihre  Vorschläge
ein,  um  dringend  notwendige  Erleichterungen  für  die  Exportindustrie
zu  erlangen.  Sie  fordern  unter  anderem;
1.  Bildung  eines  Komitees  der  Regierung,  der  Bank  von  Frankreich, ­
  der  Kreditinstitute  und  Flandelskammern  zur  Bestimmung
von  Vorschüssen  auf  die  Aktiven  von  Exportemen,
2.  Limitierung  der  Zahlungen  auf  Akzepte  und  Fakturen  vor  dem
4.  August  1914  auf  20  %  im  Januar  1915  und  monatlich  weitere
10  %,  plus  Zinsen.
Diesen  weiteren  Anregungen  aus  den  Handels-  und  Verkehrskreisen
sucht  die  Regierung  nach  eingehendem  Studium  möglichst  Folge  zu
leisten.  Sie  ändert  von  Erlaß  zu  Erlaß  die  getroffenen  Verordnungen,
führt  Erleichterungen  in  jeder  Richtung  durch 1 ),  und  ist  so  äußerst  bemüht, ­
  das  gelähmte  Wirtschaftsleben  zur  Zufriedenheit  des  Handels
wieder  in  einen  leichten  und  sicheren  Gang  zu  bringen  und  hierin  zu
erhalten.
Hätte  eine  durchgreifende  Kredithilfe  während  des  Krieges  durch
Errichtung  von  Darlehnskassen  Erfolg  gezeitigt  und  damit  ein  Moratorium ­
  und  seine  ständige  Prolongation  entbehrlich  gemacht  ?  Diese
Frage  liegt  sehr  nahe,  wenn  Frankreich  in  einen  Vergleich  zu  Deutschland ­
  gesetzt  wird.  Darlehnskasse  und  Notenbank  halten  in  Deutschland
die  Volkswirtschaft  ohne  unmittelbare  Schäden  und  Schwierigkeiten
aufrecht  und  machen  ein  allumfassendes  Moratorium  unnötig.  Frankreich ­
  standen  die  gleichen  Mittel  und  Wege  wohl  zur  Verfügung.  Auch
hier  könnten  die  legitimen  Ansprüche  der  Gläubiger  auf  ihre  Gelder,
die  von  den  Banken  im  Staatsbetriebe,  Handel,  Verkehrswesen,  in  der
Industrie  usf.  fest  angelegt  sind,  durch  provisorisches  Geld  befriedigt
werden.  Die  Effektenbesitzer  hinterlegen  jene  früher  erworbenen  Anlagen,
b  Siehe  z.  B.  die  allmählich  durchgeführte  Entspannung  im  Bankmoratorium  zugunsten ­
  der  Bankgläubiger  im  Abschnitt;  Kreditinstitute.
        <pb n="28" />
        12

Erwin  Respondek,

und  die  Notenpresse  liefert  ihnen  als  Äquivalent  die  gewünschten  Geldmittel. ­
  Rein  wirtschaftlich  betrachtet,  wäre  das  so  geschaffene  Geld  eine
Anweisung  auf  Waren  nnd  Effekten,  in  die  sich  die  ursprünglich  festgelegten ­
  Gelder  der  Gläubiger  nunmehr  verwandelt  haben.  Diese  Demobilisierung ­
  immobiler  Werte  und  Ausgabe  von  neuem  Gelde,  das  dann
die  Regierung  kraft  ihres  Münz-Hoheitsrechtes  zum  gesetzlichen  Zahlungsmittel ­
  erhebt,  macht  ein  allgemeines  Moratorium  entbehrlich.
Das  hat  Deutschland  getan,  Frankreich  nicht.  Frankreich  wollte  oder
konnte  diesen  Weg  nicht  einschlagen.  Es  lehnte  jedenfalls  die  Errichtung
von  Darlehnskassen  offiziell  mit  der  Begründung  ab:  „Das  Privileg  der
Bank  von  Frankreich  soll  nicht  angetastet  werden.“
Die  Ablehnung  dürfte  diesem  Motiv  allein  kaum  entsprungen  sein.
Vielmehr  haben  auch  andefe  Faktoren  bei  der  Entscheidung  dieser
Frage  mitgewirkt,  und  wohl  mit  ausschlaggebender  Kraft  einmal  die  ungünstige ­
  Kriegslage,  und  dann  der  gewaltig  hohe  Betrag  ausländischer
Wertpapiere.
Frankreich  ist  ein  Rentnerstaat,  Deutschland  ein  Industriestaat.  Dies
wird  äußerlich  zur  Genüge  dokumentiert  in  den  Ziffern  des  ausländischen
Effektenbesitzes.  Der  Totalbestand  an  Wertpapieren  in  Frankreich  bis  zum
31.  Dezember  1914  wird  von  der  „Neuen  Zürcher  Zeitung“  geschätzt
auf  125  Milliarden  Frcs.,  hiervon  fremde  Werte  40—45  Milliarden  Frcs.
Der  Effektenbesitz  Deutschlands  wird  von  der  gleichen  Zeitung  geschätzt
auf  110  Milliarden  Mk.,  hiervon  fremde  Werte  15  Milliarden  Mk. 1 ).
An  der  hohen  Summe  der  ausländischen  Effekten  sind  fast  alle  europäischen ­
  Staaten  und  exotischen  Staaten  —  kapitalsschwache  und
-kräftige  —  beteiligt,  da  sie  in  Paris  stets  einen  offenen  Markt  fanden
für  politische  und  wirtschaftliche  Gegengeschenke.  Es  wird  hierauf
noch  ausführlicher  in  dem  Abschnitt  über  die  „Kreditinstitute“  zurückzukommen ­
  sein.  Hier  sei  vorläufig  nur  darauf  hingewiesen,  daß  die  Qualität ­
  jener  fremden  Werte  im  allgemeinen  schlecht  ist  und  nun  im  Kriege
nicht  nur  in  der  mehr  oder  weniger  spekulativen  äußeren  Kursbewertung,
sondern  vor  allem  in  ihrem  inneren  Werte  starke  Einbußen  erlitten
haben.
Würde  sich  die  französische  Regierung  zum  Darlehnskassenprinzip
entschlossen  haben,  so  hätte  auch  eine  äußerst  vorsichtige  Auswahl  der
zur  Beleihung  zugelassenen  Wertpapiere  dennoch  nicht  vor  einem  Überangebot ­
  geschützt.  Der  Staat  mußte  befürchten,  in  einem  höheren
Maße  Besitzer  jener  vielen  unsicheren  ausländischen  Werte  zu  werden,
als  ihm  lieb  ist.  Im  Falle  der  Nichteinlösung  der  Lombardpfänder  würden
x )  Auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  berechnet  ergibt  die  Effektenbelastung  die  folgenden ­
  Ziffern:
Bevölkerungsziffer  Effektenbesitz
Annahme  für  1914  Frankreich;  40  Mül.  170  Milk  Frcs.
„  1914  Deutschland:  68  Milk  154  „  „
d.  h.  auf  den  Kopf
in  Frankreich  .  .  .  42,5  Frcs.
in  Deutschland  .  .  22,6  „
        <pb n="29" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

13

dann  im  Frieden  seine  Noten  auf  der  Grundlage  exotischer  Papiere
zirkulieren.  Diese  eine  Erwägung  mag  vielleicht  die  französische  Regierung ­
  mitbestimmt  haben,  sich  der  Übernahme  von  Effekten  und  der
Emission  neuer  Noten  bzw.  verstärkter  Emission  der  alten  Noten  auf
der  Basis  von  Wertpapieren  gegenüber  ablehnend  zu  verhalten.  Hier
schienen  ihr  also  unabsehbare  Schwierigkeiten  und  Verwicklungen  verborgen ­
  zu  sein.
Ein  zweites  und  nicht  minder  bedeutsames  Moment,  das  zur  Verneinung ­
  des  Darlehnskassenprinzips  führte,  dürfte  in  der  ersten  erwähnten
Tatsache  liegen,  daß  der  Krieg  sich  auf  französischem  Boden  abspielt.
Es  ist  nur  zu  natürlich,  daß  der  Staat  einzig  unter  den  größten  Schwierigkeiten ­
  für  die  Erhaltung  und  Fortführung  der  nationalen  Arbeit  Sorge
tragen  kann,  in  einer  Zeit,  wo  der  Feind  mit  gewaltigen  Schlägen  bis
in  das  Innere  des  Landes  vorstößt.  Die  Bevölkerung  wird  furchtsam,
will  und  kann  ihrer  gewohnten  Beschäftigung  nicht  mehr  nachgehen.
Innerhalb  der  Kriegszone  führen  die  Kämpfe  zur  Stillegung  eines
erheblichen  und  gerade  des  wichtigsten  Teiles  der  Produktionsstätten.
Dies  muß  früher  oder  später  auf  den  gesamten  Wirtschaftsorganismus
hemmend  und  erschütternd  zurückwirken.  Das  Eisenerzlager  von  Briey-Longwy,
  das  zu  den  ergiebigsten  der  Welt  gehört,  wurde  von  den  deutschen
Truppen  bereits  im  August  besetzt.  Hierdurch  wurde  ein  Abbau  zugunsten
der  französischen  Eisenindustrie  unmöglich.  Reichhaltige  Kohlenbecken
sind  fest  in  den  Händen  des  Feindes.  Die  Kohlenförderung  in  den  beiden
noch  freien  Departements  „Nord“  und  „Pas  de  Calais“  ist  stark  beeinträchtigt ­
 1 ).
Lille,  das  Zentrum  der  Textilindustrie,  Roubaix-Tourcoing,  die
Hauptsitze  der  Wollfabrikation  sowie  die  ge  werbe-  und  industriereichen
Städte  Troyes,  Reims,  Sedan,  Leboeuf,  Amiens,  Arras  und  viele  andere
Stätten  mußten  ihre  Betriebe  unter  den  Einwirkungen  des  Krieges
schließen.  Von  etwa  230  Zuckerfabriken  befinden  sich  gegen  144  in  der
Kriegszone.
Der  Monat  August  bringt  so  eine  Einstellung  der  Arbeitstätigkeit
in  rund  50  %  sämtlicher  Betriebe.  Die  fortschreitende  Mobilisation
der  Reserve-Mannschaften  bewirkt  weitere  Abgänge  von  Arbeitskräften
und  gefährdet  zeitweilig  die  Durchhaltung  der  noch  tätigen  Unternehmungen. ­


1 )  Das  von  deutschen  Truppen  besetzte  Gebiet  umfaßt  4%  des  Gesamtareals  und
nur  8  %  der  Gesamtbevölkerung.  Von  der  französischen  Kohlen-  und  Eisenindustrie  aber
sind  in  Händen  der  Deutschen  in  Prozenten  und  nach  Dampf-  und  Pferdekräften  laut  Bericht ­
  in  der  Hauptversammlung  des  „Vereins  deutscher  Eisenhiittenleute“  vom  31.  Januar
1915  Düsseldorf:

Kohlen  .  .  .

69%

Röhren

Koks  ....

78%

Draht  .

Eisenerz  .  .  .

90  %

Stahlguß

Roheisen  .  .

86%

Bleche

Träger  .  .  .

O
CO
00

Schienen

Stahlblöcke/

100  %
5s°/o
77  °/o
63%
76%
        <pb n="30" />
        14

Erwin  Respondek,

Von  allen  diesen  Schwierigkeiten  kann  sich  die  französische  Industrie ­
  in  nennenswertem  Umfange  kaum  befreien.  Und  die  Export-Industrie
  vermag  den  Ausfall  nicht  wett  zu  machen,  obgleich  ihr  das
Meer  offen  steht,  und  damit  der  Güteraustausch  leicht  zu  bewirken  ist.
Ihre  Wirksamkeit  ist  durch  ungenügende  Finanzierung  lahm  gelegt.
30  %  der  Ausfuhr  gingen  nach  Deutschland  und  Belgien  und  den  weitaus
größten  Teil  des  Exportes  bildet  bekanntlich  der  Luxusgegenstand.
Die  starke  Einschränkung  der  Luxusausgaben  in  europäischen  und  außereuropäischen ­
  Ländern  muß  eine  entsprechende  Einschränkung  in  diesem
Produktionszweige  mit  sich  bringen  und  wirkt  so  hemmend  auf  die
Tätigkeit  zurück.
Die  Landwirtschaft  wird  —  wie  nachstehende  Zahlen  zeigen  —
durch  den  Krieg  zwar  weniger  scharf  berührt,  leidet  aber  dennoch  unter
anderen  ungünstigen  Einflüssen.  Die  Gesamtanbaufläche  Frankreichs
war  am  1.  Mai  des  Jahres  1915  im  Vergleich  zu  1914  in  ha;

Getreide-Anbaufläche  1914  und  1915.

1914

1915

1914

Korn

6  500  000

5  700  000

—  0  800  OOO

Weizen  .  .  .  .

1  200  000

1  000  000

0  200  OOO

Hafer

3  900  000

3  300  000

—  0  600  OOO

Summa

11  600  000

IO  OOO  OOO

—  1  600  OOO

d.  h.  rund  13,8  °/ 0  der  Gesamtfläche  weniger  als  im  Jahre  1914.
Es  sind  hier  nur  zwei  der  wichtigsten  Bestimmungsgründe  angeführt
worden,  die  ohne  Zweifel  bei  der  Prüfung  der  Frage:  Moratorium  oder
Darlehnskasse  das  Endurteil  wesentlich  mitbestimmt  haben  dürften.
Welche  anderen  Erwägungen  die  französische  Regierung  außerdem
geleitet  haben  mögen,  ist  hier  von  keiner  hohen  Bedeutung,  da  sie  jedenfalls ­
  den  beiden  angeführten  untergeordnet  sind  und  sich  auch  nicht
mit  entscheidender  Kraft  durchgesetzt  haben.
Auf  Grund  dieser  Darlegungen  ist  wohl  zu  ersehen,  daß  Frankreich
zum  Schutze  seiner  Wirtschaft  nur  ein  allgemeines  Moratorium  heranziehen ­
  konnte.  Aus  ihnen  folgt  weiterhin,  daß  der  Nichterlaß  eines
Moratoriums  kein  Zeichen  besonderer  Leistungsfähigkeit  einer  Nationalwirtschaft ­
  ist,  die  mit  Darlehnskassensystem  arbeitet,  und  daß  das  Moratorium ­
  selbst  kein  Zeichen  von  Schwäche  zu  sein  braucht.  Das  Moratorium ­
  hat  doch  nur  die  Aufgabe,  Vergünstigungen  und  Erleichterungen
den  durch  schwere  Zeiten  bedrängten  Schuldnern  zu  gewähren.  Ein
Land  wie  Frankreich,  das  gegen  einen  überwältigenden  feindlichen
Ansturm  anzukärapfen  hatte  und  besonders  in  den  ersten  Kriegswochen
in  eine  geradezu  arge  militärische  und  wirtschaftliche  Bedrängnis  gelangte, ­
  konnte  der  ängstlichen  und  verzagenden  Bevölkerung  eine  weitgehende ­
  Befreiung  von  den  Zahlungspflichten  nicht  versagen.  Dies
um  so  weniger,  als  noch  viele  im  Volke  sich  der  Vorgänge  aus  dem  letzten
        <pb n="31" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

15

Kriege  gegen  Deutschland  wohl  entsannen,  ihre  Erfahrungen  über  die
damaligen  Zustände  rasch  in  der  Nachbarschaft  verbreiteten  und  auf
diese  Weise  die  Beunruhigung  nur  vergrößern  konnten.  Zudem  bot
doch  die  Methode,  mit  der  man  im  Kriege  1870/71  den  Zahlungsverkehr
regelte,  ein  gutes  Beispiel.
Das  bekannte  französische  Wechselmoratorium
(Gesetz  vom  13.  August  1870  bis  4.  Juli  1871)  hatte  nur  gute  Wirkungen
ausgelöst.  Französische  und  andere  Finanz-Schriftsteller  fanden  im
Endurteil  dieses  Moratorium  als  unschädlich  und  ein  Teil  von  ihnen
dehnte  das  Ergebnis  seiner  Untersuchungen  sogar  dahin  aus,  daß  die
Regierungsverfügungen  für  Staat  und  Volkswirtschaft  förderlich  waren.
Und  die  Tradition  spielt  in  Frankreich  eine  große  Rolle.  So  lag  es  neben
den  erwähnten  Motiven  auch  schon  geschichtlich  sehr  nahe,  zur  alten,
bewährten  Methode  zurückzukehren  und  sie  nur  den  neuzeitlichen
Erfordernissen  anzupassen  oder  zu  verbessern.  Im  Kern  besteht  zwischen
den  beiden  Systemen,  Moratorium  oder  Darlehnskasse,  für  welche  sich
eine  Regierung  im  Kriegsfälle  entscheiden  kann,  der  Unterschied  lediglich
darin,  daß  eben  der  eine  Staat  die  augenblickliche  Zahlungsunfähigkeit
eines  Teiles  seiner  Untertanen  offen  konstatiert  und  ausspricht  und  ihr
durch  ein  Moratorium  Rechnung  trägt,  während  der  andere  Staat  die
gleiche  augenblickliche  Zahlungsunfähigkeit  durch  Kreierung  imaginären
Geldes  zu  überdecken  oder  zu  beseitigen  sucht.
Nun  wäre  noch  schließlich  die  Frage  zu  untersuchen,  was  in  der
Zukunft  mit  dem  Moratorium  geschehen  wird,  wie  die  ruhende  Wirtschaft ­
  in  eine  erhöhte,  produktive  Arbeit  hinübergeleitet  werden  kann.
Es  ist  klar,  daß,  wenn  einmal  eine  so  tiefeinschneidende  Maßregel  eingeführt ­
  ist,  es  stets  schwer  sein  wird,  diese  Maßregel  plötzlich  wieder
Zl1  beseitigen.  Hat  sich  der  Staat  einmal  dazu  verstanden,  derartig  umfassend ­
  in  die  Gesetzgebung  über  die  Schuldverhältnisse  einzugreifen,
wie  es  hier  der  Fall  ist,  dann  muß  er  später  auch  dafür  Sorge  tragen,
daß  der  Übergang  zu  normalen  Verhältnissen  nicht  allzu  plötzlich  und
ohne  Schäden  für  alle  Beteiligten  erfolgt.  Dies  haben  auch  die
anderen  Staaten,  die  Moratorien  erlassen  haben,  eingesehen  und  sie
konnten  nur  allmählich  dazu  übergehen,  das  Moratorium  abzubauen.
Zuerst  begannen  England  und  Norwegen  mit  einem  solchen  Abbau,
beide  Länder  beschränkten  ihn  aber  ausdrücklich  nur  auf  die  Inlandsgläubiger. ­
  Dagegen  blieb  dem  Auslande  gegenüber  die  Zahlungsstundung
  bestehen.  Österreich-Ungarn  ist  dazu  übergegangen,  Ratenzahlungen ­
  einzuführen,  wobei  gleichzeitig  vorgesehen  wurde,  daß  die
Gerichte  auf  Antrag  eine  Stundung  der  fälligen  Summen  gewähren
können.  Es  ist  also  nicht  denkbar,  daß  die  französische  Regierung
an  einem  festen  Datum  plötzlich  dekretiert:  die  alten  Rechtsverhältnisse
treten  wieder  in  Kraft  und  müssen  unnachsichtlich  abgewickelt  werden,
denn  dies  würde  das  sichere  Verderben  aller  derjenigen  Schuldner  bedeuten, ­
  die  während  vieler  Monate  in  dem  behaglichen  Morphiumschlaf
eines  Moratoriums  lebten.  Vielmehr  dürfte  ein  Ausspruch  eines  Fach ­
        <pb n="32" />
        i6

Erwin  Respondek,

mannes  volle  Geltung  erlangen,  sobald  der  Zeitpunkt  der  Überleitung
der  Wirtschaft  aus  dem  Moratorium  in  den  alten  Gang  gekommen  sein
wird:  „Die  vollständige  Liquidierung  des  Moratoriums  wird  ein  hartes
Stück  Arbeit  sein;  es  wird  unmöglich  der  ganze  Stock  der  am  i.  August
dieses  Jahres  vorhanden  gewesenen  Forderungen  am  nämlichen  Tage
oder  auch  nur  im  selben  Monat  zahlbar  werden  können,  und  die  Reihenfolge ­
  gerecht  zu  bestimmen,  ist  ein  Pensum,  um  das  niemand  zu  beneiden ­
  ist." 1 )
Dies  sagt  der  österreichische  Justizminister  Dr.  Klein  vom  österreichischen ­
  Moratorium.  Für  Frankreich  kann  der  gleiche  Gedanke
ausgesprochen  Werden.  Auch  hier  wird  notwendig  ein  langsamer  Abbau
erfolgen  müssen,  der  in  sorgsam  ausgebauten  und  leicht  gesteigerten
Anordnungen  ohne  schwere  Erschütterungen  das  alte  Recht  auferstehen
läßt  und  das  wirtschaftliche  Arbeiten  wieder  in  die  geregelten  Bahnen
des  Friedens  hinüberleitet.
II.  Die  Notenbank.
Die  Banquede  France  ist  eine  Schöpfung  Napoleons  I.  Sie  wurde
am  13.  Februar  1800  gegründet  und  ist  somit  die  älteste  Notenbank.
Neben  und  vor  ihr  besaßen  einige  andere  Banken,  so  u.  a.  die  Caisse
d’Escompte  de  commerce,  das  Recht,  Noten  auszugeben,  ohne  irgendeiner ­
  gesetzlichen  Beschränkung  unterworfen  zu  sein.  Erst  durch  das
Gesetz  vom  14.  April  1803  wurde  ihr  das  alleinige  Notenemissionsrecht ­
  zugeteilt.
Schon  bei  der  Errichtung  hatte  ihr  Napoleon  die  Aufgabe  gestellt,
dem  Staate  im  Frieden  und  namentlich  im  Kriege  eine  zuverlässige
und  willige  Kreditgeberin  zu  sein:  „IhrenZweck  erfüllte  sie  gleich  von
Anbeginn  durch  Anlegung  ihres  gesamten  Aktien-Kapitals  in  französischen ­
  Staatsschuldverschreibungen  und  durch  Gewährung  von  Vorschüssen ­
  an  den  Staat  bei  jeder  Erneuerung  ihres  Monopols,  die  sie
während  dessen  Dauer  nicht  zurückfordern  und  für  die  sie  seit  1896
auch  keine  Zinsen  nehmen  darf." 2 ).  So  lag  die  Finanzierung  der  napoleonischen
  Kriege  auf  ihren  Schultern,  sie  hat  später  dem  Staate  und  der
nationalen  Verteidigung  von  1870/71  —  unter  der  Regierung  von  A.  Thiers
—  Dienste  erwiesen,  die  ihr  nicht  vergessen  werden  können.  Die  französische ­
  Regierung,  ob  Kaiserreich  oder  Republik,  rechnete  immer  auf
ihre  tatkräftige  Hilfe  im  Falle  eines  Krieges.  Durch  eine  Reihe  von
Verträgen  wurden  die  Grenzen  der  Hilfsleistungen  näher  bestimmt,
und  vor  allem  die  Höhe  der  zu  leistenden  Vorschüsse  festgesetzt.
Seit  langen  Jahren  betreibt  die  Notenbank  daher  in  erster  Linie,
gemäß  ihrer  traditionellen  Bestimmung  als  Kriegsbank,  in  Verbindung
mit  dem  Staate  die  finanzielle  Kriegsrüstung.  Das  Ziel  war:  Anschaffung
und  Erhaltung  eines  höchstmöglichen  Goldbestandes.  Von  ihm  hängt
das  Vertrauen  zu  den  ausgegebenen  Banknoten  ab  und  nur  durch  einen
1 )  Siehe  Bank-Archiv  15.  Okt.  1914,  XIV.  Jahrg.,  xo.  2.  S.  27.
2 )  Koppe,  H.,  Jahrb.  f.  Nat.  u.  Statistik  Bd.  106,  1916,  S.  724!
        <pb n="33" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

17

sehr  starken  Geldvorrat  —  andererseits  auch  durch  ein  gutes  Wechselportefeuille ­
  —  wird  der  öffentliche  Kredit  der  Zentralbank  gestützt.
Für  die  Bank  von  Frankreich  ist  die  Lösung  dieses  ebenso  wichtigen
wie  schweren  Problems  eine  der  ersten  Fragen  gewesen.  Natürliche
Verbindungen  und  ein  sorgsam  ausgearbeitetes,  eigener  Politik  entsprungenes ­
  System  haben  ihr  die  Lösung  der  Aufgabe  wesentlich  erleichtert. ­

Frankreich  vermag  dank  seiner  guten  geographischen  Lage  und
seines  überaus  fruchtbaren  Bodens  so  viel  Naturprodukte  und  Kapitalien ­
  auszuführen,  daß  seine  Zahlungsbilanz  ständig  aktiv  ist,  obwohl
die  Handelsbilanz  mit  Passivsalden  abschließt.  Hierdurch  vermag
Frankreich  Gold  aus  dem  Auslande  in  das  Inland  zu  ziehen.
Im  Inlande  selbst  saugt  die  Bank  durch  ihre  scharf  ausgebildete
und  durchdachte  Goldpolitik  das  gelbe  Metall  in  großen  Summen  an
sich.  Der  Geldvorrat  im  Lande  wird  auf  6—7  Milliarden  Frcs.  geschätzt 1 ),
von  dem  die  Notenbank  allmählich  beträchtliche  Summen  in  ihre  Keller
geleitet  hat.  Durch  diese  Zuflüsse  aus  den  beiden  Richtungen  stieg
der  Goldschatz  der  Notenbank  von  Jahr  zu  Jahr  in  beträchtlichem  Maße.
Einige  wenige  Zahlen  zeigen  diese  Entwicklung  deutlich  an  (in  Mill.  Frcs.):
Goldbewegung  der  Notenbank
von  1880—1913.

Jahr
31.  Dezember

Goldbestand

1881

605,00

I89O

1256,00

1900

2103,00

1905

2855,00

1908

3052,00

1909

3630,00

1910

3400,00

I9II

3206,00

1912

3239,00

1913

3343.0°

Den  einmal  angesammelten  Bestand  hält  die  Bank  aber  auch  fest.
Diskont-  und  Goldprämienpolitik  sind  die  beiden  Werkzeuge,  deren
Sl ch  die  Bank  von  Frankreich  zu  bedienen  verstand,  um  vor  unerwünschten ­
  Goldentziehungen  bewahrt  zu  bleiben.
Sie  diskontiert  nur  Wechsel  mit  3  Unterschriften.  Da  die  Handelnd ­
  Gewerbetreibenden  selten  in  der  Lage  sind,  Wechsel  gemäß  den
gestellten  Anforderungen  vorlegen  zu  können,  so  müssen  sie  sich  vornehmlich ­
  an  die  Privatbanken  wenden,  die  ihrerseits  nur  2  Unterschriften
fordern.  Auf  diese  Weise  hält  die  Notenbank  große  Wechselsummen
von  sich  fern.  Die  hiermit  verbundene  geringe  Inanspruchnahme  und
J  Raphael  Georges  Levy  schätzt  den  Geldvorrat  Frankreichs  auf  6  bis
Milliarden  Frcs.  (L'Economiste  Franpais  29.  Mai  1915,  Nr.  22,  S.  694).
Respondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

2
        <pb n="34" />
        i8

Erwin  Respondek,

die  erhöhte  Sicherheit  durch  eine  vorsichtige  Auswahl  des  diskontierten
Wechselmaterials  hat  einmal  einen  niedrigen  Diskont  zur  Folge  und
gleichzeitig  eine  verminderte  Notenemission.  Hierdurch  steigt  der  Metallbestand ­
  prozentual  höher  als  die  Notenausgabe  und  es  wird  damit  ein
relativ  günstiger  Deckungskoeffizient  erzielt.  Die  Zentralnotenbank
verfügt  Weiterhin  mit  Hilfe  einer  gesetzlichen  Bestimmung  nach  ihrem
Gutdünken  über  den  Goldfonds.  Ihre  silbernen  5  Frankenstücke  sind
gesetzliches  Zahlungsmittel.  Hierdurch  wird  wohl  die  reine  Goldwährung
verwischt  und  dem  französischen  Geldsystem  das  Zeichen  der  „hinkenden
Goldwährung“  aufgeprägt,  aber  die  Notenbank  ist  durch  die  als  gesetzliches ­
  Zahlungsmittel  bestimmten  Silbermünzen  in  der  Lage,  die  Einlösung ­
  ihrer  Noten  in  Gold  von  der  Zahlung  einer  beliebig  hohen  Prämie
abhängig  zu  machen.
Diese  Hilfsmittel  haben  eine  fortlaufende  Steigerung  und  dann
eine  gesicherte  Erhaltung  des  Goldbestandes  bewirkt.  Mit  einem  stattlichen ­
  Goldschatz  von  4141,3  Mill.  Frcs.  konnte  die  Notenbank  in  diesen
Weltkrieg  eintreten.
Weniger  rasch  stieg  der  Wechselbestand.  Er  zeigt  nach  dem  Annuaire
  statistique  de  la  France  in  den  letzten  Jahrzehnten  die  folgende
Bewegung  (in  Millionen  Frcs.):

Wechselbestand  von  1870  bis  1913.

Jahr

Wechselbestand
Durchschnittszahlen

1870

738,00

1880

758,00

1890

670,00

1900

875,00

1910

977,00

I9II

1204,00

1912

1333.00

1913

1526,00

Die  geringe  Bedeutung  der  Notenbank  für  die  Finanzierung  des
heimischen  Handels  und  die  verschiedenen  Wirtschafts-  und  Gewerbezweige ­
  gelangt  noch  schärfer  zum  Ausdruck,  wenn  die  Summen  der
von  den  vier  führenden  französischen  Kreditinstituten  Credit  Lyonnais, ­
  Comptoir  National,  Society  generale,  Credit  Industriel  diskontierten ­
  Wechsel  mit  den  obigen  Ziffern  in  gleiche  Linie  gestellt  werden.
Nach  den  Zusammenstellungen  von  Sven  Helander 1 )  ergibt
sich  dann  das  folgende  Bild  [s.  S.  19]  (in  Mill.  Frcs.);
Den  Bewegungen  des  Gold-  und  Wechselbestandes  schloß  sich
die  Notenemission  an.  Auch  sie  zeigt,  wie  die  Wechseldiskontierung,
keine  auffallend  schnelle  Steigerung.  Anschließend  an  die  bereits  ge-Siehe
  Helander,  Sven,  Das  Zuriickgeheu  der  Bedeutung  der  Zentraluotenbankeu
  (Jahrb.  f.  Nat.  u.  Statistik  1912,  III.  F.,  44.  Bd.,  S.  183).
        <pb n="35" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

19

2280,00

1344,00

Vergleich  der  Wechselbestände  bei  Notenbank
und  Kreditbanken.

Jahr

Wechselbestand

Verhältniszahlen


Notenbank

Kreditbanken

1880

759,°°

316,00

100  :  240

1885

784,00

558,oo

100  :  141

1890

670,00

822,00

82  :  100

1895

544,00

935,oo

58  :  100

IpOO

875,00

1497,00

58  :  100

1905

641,00

2154,00

30  :  100

1908

1079,00

2745,00

38  :  xoo

1909

762,00

3094,00

25  :  100

IQIO

991,00

3156,00

35  :  100

gebenen  Daten  sind  für  den  Notenumlauf  die  nachstehenden  Ziffern
zu  vermerken  (in  Mill.  Frcs):

Bewegung  des  Notenumlaufs  von  1870—1913.

Jahr

Notenumlauf

Bestand  an

J  ahresdurchschnitt

Wechsel

Gold

1870

1544,00

738,00

1880

2305,00

759,00

605,00  (188]

1890

3060,00

670,00

1256,00

1900

4034,00

875,00

2103,00

1905

4408,00

641,00

2855,00

1910

5197,00

991,00

3400,00

I9II

5243,oo

1204,00

3206,00

1912

5323,00

*333&amp;gt;oo

3239,00

1913

5665,00

r526,oo

3343,00

Dieses  Bild  bietet  die  Bank  von  Frankreich  in  der  jüngeren  Zeit
ihrer  Geschichte.  Werden  die  Einwirkungen  auf  ihren  Status  bis  zu
den  letzten  Wochen  vor  Kriegsausbruch  weiter  verfolgt,  sollen  aus
ihrer  letzten  Wochenbilanz  gleichsam  die  innere  Kraft  und  der  Grad
ihrer  finanziellen  Kriegsrüstung  herausgelesen  werden,  dann  dürfte
der  Ausweis  vom  24.  Juli  1914  hierfür  den  erwünschten  Maßstab  geben.
Einem  Goldschätze  von  4  104  Mill.  Frcs.  stand  ein  Notenumlauf  von
nur  5911  Mill.  Frcs.  (der  Silberbestand  war  625  Mill.  Frcs.  hoch)  gegenüber, ­
  d.  h.  also  eine  prozentuale  Deckung  der  Noten  durch  Gold  in  Höhe
Von  59-9%-  Und  der  Wechselbestand  erreichte  etwas  über  1500  Mill.
Eres.,  die  Vorschüsse  an  Staat  und  Private  waren  rund  700  Mill.  Frcs.,  denen
auf  der  Passivseite  gegen  1300  Mill.  Frcs.  Depositen-Einlagen  das  Gegengewicht ­
  hielten 1 ).
l )  (In  Mill.  Frcs.):  Depositen
Wechselbestand  .  .  .  1 54*,00  Staat  .  .  .  401,00
Vorschüsse  .  .  .  .  •  739.°°  Private  .  .  943,00
        <pb n="36" />
        20

Erwin  Respondek,

Nach  den  Gesetzen  der  Bankliquidität  zu  urteilen,  ist  somit  der
Gesamt-Status  als  durchaus  fest  anzusprechen,  und  der  große  Goldbestand ­
  ermöglicht  eine  gewisse  Elastizität  in  der  Notenemission.  Das
Notenkontingent  selbst  stellt  hier  kein  Hindernis  dar,  da  es  durch  einen
einfachen  gesetzlichen  Akt  aus  dem  Wege  geräumt  oder  wenigstens
verkleinert  werden  kann.
Auf  dieser  Grundlage  ruhte  die  Bank  von  Frankreich  als  sie  durch
den  Krieg  vor  die  ihr  gewohnheitsmäßig  zugedachten  finanziellen  Kriegsarbeiten ­
  gestellt  wurde.
Eine  Zentralnotenbank  hat  nach  den  Ansichten  einer  Richtung
der  Banktheoretiker 1 )  im  Kriege  drei  Hauptaufgaben  zu  erfüllen.  Sie  hat
1.  die  Mittel  zur  Kriegführung  vorzustrecken  bis  eine  Kriegsanleihe ­
  auf  legbar  ist,
2.  Ersatzgelder  für  das  thesaurierte  Geld  zu  schaffen  und  das  möglicherweise ­
  wankende  Kreditgebäude  zu  stützen,
3.  die  Währung  vor  Entwertung  zu  schützen  und  zu  stabilisieren.
Es  ist  nun  für  eine  Notenbank  nicht  schwer,  die  beiden  ersten  Aufgaben ­
  mit  Hilfe  ihrer  Noten  zu  lösen  und  allen  Anforderungen  der  finanziellen ­
  Kriegführung,  des  Geldumlaufs  und  des  Kreditverkehrs
zu  genügen.  Sie  wird  zur  Ausgabe  von  Noten  ermächtigt  und  erwirbt
sich  durch  ihre  allseitige,  segensreiche  Hilfe  Dank  und  Lobsprüche.
In  der  Aufrechterhaltung  der  heimischen  Valuta  dagegen  wirken  andere
Faktoren  regelnd  mit  und  sie  können  bisweilen  zu  einem  Hindernis
bei  der  Ausübung  der  ersten  Arbeiten  werden.
Als  sich  die  Bank  von  Frankreich  unmittelbar  nach  Kriegsausbruch
in  den  Dienst  des  Staates  stellte  und  ihre  Aufgaben  als  Kriegsbank
für  Staat  und  Privatwirtschaft  auf  dem  Wege  der  uneingeschränkten
Notenemission  zu  lösen  suchte,  war  es  klar,  daß  sie  diese  schwierigen
und  wichtigen  Arbeiten  ohne  irgendwelche  Erleichterungen  und  Erweiterungen ­
  ihrer  bankgesetzlichen  Bestimmungen  und  Statuten  nicht
würde  leisten  können.
Besondere  gesetzliche  Maßnahmen  mußten  ihr  das  letzte  Rüstzeug
für  die  neue  Arbeit  geben.  Durch  das  Finanz-Gesetz  vom  4.  August
1914  erhielt  die  Notenbank  die  ersten  notwendig  erscheinenden  Werkzeuge. ­

Am  29.  Dezember  1911  wurde  die  Grenze,  bis  zu  der  die  Bank  von
Frankreich  ihre  Noten  ausgeben  durfte,  auf  6800  Mill.  Frcs.  festgesetzt.
Das  Finanzgesetz  vom  4.  August  1914  erhöhte  das  Notenkontingent
auf  12  000  Mill.  Frcs.
Für  das  französische  Zentralnoteninstitut  bestehen  keinerlei  Vorschriften ­
  über  die  Deckung  ihrer  umlaufenden  Noten  in  Metall  oder  Gold.
Ob  und  wie  sie  gedeckt  werden,  ist  also  dem  Ermessen  der  Notenbankverwaltung ­
  überlassen.  Daher  kann  das  Notenkontingent  durch  den
x )  P1  e  n  g  e,  J.,  Von  der  Diskontpolitik  zur  Herrschaft  über  den  Geldmarkt.  Berlin
1913.  —  Rießer,  J.,  Finanzielle  Kriegsrüstung  und  Kriegführung.  Jena  1913.  —
Lansburgh,  A.,  Die  Bank  1914/15.  Berlin.
        <pb n="37" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

21

Staat  ohne  irgendwelche  äußere  gesetzliche  Bedenken  immer  mehr
erweitert  werden.
Ein  zweiter  Artikel  des  Gesetzes  vom  4.  August  1914  bestimmt:
„Bis  durch  ein  Gesetz  etwas  anderes  verfügt  wird,  ist  die  Bank  von
Frankreich  von  der  Verpflichtung,  ihre  Noten  in  Metall  einzulösen,
befreit.“
Ihre  Noten,  die  seit  August  1875  mit  gesetzlicher  Zahlungskraft
ausgestattet  waren,  erhalten  somit  den  Zwangskurs.
Schließlich  wird  die  Notenbank  ermächtigt,  die  Veröffentlichung
ihrer  Wochenausweise  einzustellen.
Diese  Maßnahme,  die  erstaunlicherweise  mit  den  Worten  begründet
Wurde:  „Bei  den  gegenwärtigen  Zuständen  können  die  Unterlagen  nicht
rechtzeitig  beschafft  werden“,  erregte  im  eigenen  Lande  und  in  den
anderen  Staaten  weitgehendes  Befremden  und  Bedenken.  Sie  wird  wohl
in  der  Geschichte  der  französischen  Notenbank  einen  wunden  Punkt
darstellen.  Natürlich  hat  diese  Scheu  der  Bank,  die  Entwicklung  ihrer
Lage  öffentlich  bekannt  zu  geben  und  damit  der  freien  Kritik  zu  unterwerfen, ­
  wenig  Nutzen,  dafür  aber  viele  Andichtungen  gebracht.  Aus  ihrer
Verheimlichungstaktik  wurden  Schlüsse  gezogen,  die  dem  Rufe  und  Ansehen ­
  der  Notenbank  mehr  Schaden  gebracht  haben  dürften,  als  es  die
ungünstigsten  Ziffern  der  Wochenausweise  vermocht  hätten.  Sowohl
im  Inlande  als  im  Auslande  —  vor  allem  suchte  in  der  ersten  Kriegspsychose ­
  die  feindliche  Presse  durch  irrige  willkürlich  oder  einseitig
abgefaßte  Abhandlungen  die  Notenbank  als  schwach  und  hilflos  erscheinen ­
  zu  lassen,  um  auch  auf  finanziellem  Gebiete  Frankreich  so  schnell
nnd  leicht  zu  schlagen,  wie  die  deutschen  Truppen  in  den  ersten  Kriegslagen ­
  das  französische  Heer  besiegten  —  war  bald  die  Ansicht  verbreitet,
daß  die  Notenbank  die  wildeste  Ässignatenwirtschaft  treibt.
Durch  das  tiefe  Schweigen,  das  die  Notenbank  seit  dem  Tage  der
letzten  Bilanzveröffentlichung,  dem  31.  Juli  1914,  auszeichnete,  drangen
keine  Ziffern  oder  Angaben  anderer  Art  nach  außen,  mit  deren  Hilfe
Wgendwelche  Schlüsse  über  die  ersten  Einflüsse  des  Kriegssturmes  auf
die  Bank  hätten  gezogen  werden  können.  Erst  Anfang  Oktober  hat
der  Finanzminister  Ri  bot  einige  wichtige  Angaben  über  die  Bankbilanz
v °m  1.  Oktober  1914  in  der  Kammer  bekannt  gegeben.  Er  hat  dann
Weiterhin  in  einzelnen  Kammersitzungen  den  Stand  der  Bankbilanz
vom  15.  Oktober  sowie  vom  10.  und  24.  Dezember  1914  dargelegt,
die  in  der  Wochenausweis-Aufstellung  verzeichnet  sind 1 ).
Vom  28.  Januar  1915  ab  nahm  die  Notenbank  die  regelmäßigen
Veröffentlichungen  ihrer  Ausweise  wieder  auf.
Wie  die  vom  Finanzrainister  bekanntgegebenen  Ziffern  zeigen,
War  die  Lage  der  Bank  einige  Monate  nach  Kriegsausbruch  noch  durchaus
solvent.  So  kann  man  die  Dekretierung  des  Zwangskurses,  der  den
Übergang  von  der  Kreditwirtschaft  mit  einlösbarer  Banknote  zur  Wirtschaft ­
  mit  uneinlösbarem  Papiergelde  vollzieht,  als  auch  die  Einstellung
)  Vgl.  die  Übersicht  in  den  Wochenausweisen.  Tab.  I.
        <pb n="38" />
        22

Erwin  Respondek,

der  Ausweise  nicht  allein  der  Bank  belasten,  sondern  gleichzeitig  dem
durch  die  politische  Lage  geschaffenen  voraussichtlich  hohen  Geldbedarf
des  Staates  und  der  Fesselung  des  hohen  Wechselbestandes  durch  das
gesetzliche  Moratorium.  Im  Jahre  1870/71  stellte  die  Notenbank  die
Einlösung  ihrer  Noten  und  die  Bekanntgabe  ihrer  Wochenausweise
gleichfalls  und  aus  denselben  Gründen  ein.  Der  letzte  Bankbericht
erschien  am  9.  September  1870  und  der  neue  erst  am  6.  Juli  1871 1 ).
Es  ist  ebenso  bezeichnend  wie  interessant,  daß  genau  der  gleiche
Vorgang  und  begleitet  durch  dieselben  Motive  sich  schon  einmal  abspielte,
eben  im  Jahre  1870.  Auch  damals  wurde  die  Bank  durch  ihre  Bestimmung, ­
  als  erste  Geldquelle  des  kriegführenden  Staates  zu  dienen,  in  die
dargelegte  Richtung  gedrängt,  obwohl  sie  kräftig  genug  war,  ihren  Verpflichtungen ­
  als  Notenbank  vollauf  zu  genügen.  Lachapelle  sagt  hierüber ­
  wöxtlich:  „Bei  Ausbruch  des  Krieges  von  1870  verfügte  die  Bank  über
einen  Barbestand  von  1029  Mill.  Frcs.,  durchaus  hinreichend,  um  die
Zahlkraft  ihrer  Noten  aufrecht  zu  erhalten,  wenn  nicht  der  Staat  ihrer
Hilfe  bedurft  hätte  und  wenn  die  Wechsel  ihres  Portefeuilles  am  Verfalltage ­
  bezahlt  worden  wären 2 ).“
Die  beiden  Fundamente  —  erhöhtes  Notenkontingent,  gesicherter
Goldbestand  —  verleihen  der  Notenbank  die  notwendige  Kraft,  um  als
letzte  Hilfsquelle  für  die  Staatswirtschaft  und  Privatwirtschaft  zu
dienen,  und  um  den  ihr  von  beiden  Seiten  gestellten  Anforderungen
restlos  zu  genügen.
Und  diese  neue  Grundlage,  die  der  Notenbank  durch  die  gesetzlichen ­
  Akte  vom  4.  August  1914  geschaffen  wurde,  erwies  sich  bald  als
ein  recht  vorzüglicher  und  heilbringender  Gedanke.  Denn  je  tiefer  der
Feind  in  das  Land  eindrang,  desto  tiefer  versteckte  natürlich  der  ängstliche ­
  Mann  seine  Kapitalien.  Eine  Kriegsanleihe  war  nicht  auflegbar,
und  die  Notenbank  mußte  daher  den  Krieg  zunächst  vollkommen  allein
finanzieren.  Dies  war  ja  selbstverständlich,  da  die  Bank  von  Frankreich
dem  Staate  schon  allein  durch  die  Geschichte  und  die  bereits  erwähnten
Konventionen  zur  Leistung  von  Kriegsvorschüssen  verpflichtet  ist.
Von  Bedeutung  ist  hier  das  Abkommen  aus  dem  Jahre  1911.  In  der
am  xi.  November  1911  abgeschlossenen  Konvention  Wurde  die  Notenbank ­
  zu  einem  Vorschüsse  von  2900  Mill.  Frcs.  verpflichtet.  Dieses
Abkommen  wurde  nun  am  4.  August  1914  ratifiziert.  Die  V01  schüsse
mußten  aber  bereits  am  Anfang  des  Monats  September  dieser  Höchstgrenze ­
  bedenklich  nahe  gekommen  sein,  so  daß  eine  neue  Konvention
vom  21.  September  1914  die  Vorschußpflicht  auf  3900  Mill.  Frcs.  erhöhte.
Ihr  folgte  eine  weitere  Erhöhung  des  Kontingents  (am  21.  Dezember
1914)  auf  6000  Mill.  Fies.  Am  8.  Mai  1915  wurde  es  wiederum  hinaufgesetzt, ­
  und  zwar  auf  9000  Mill.  Frcs.  Die  Erhöhungen  des  Vorschußkontingents ­
  entsprachen  den  steigenden  Darlehnsgewährungen  an  den
Staat.  So  erreichten  die  Vorschüsse  vor  den  jeweiligen  Terminen  der
b  A.  Wagner,  System  der  Zettelbankpolitik.  S.  735.
")  Lachapelle,  Georges,  Nos  Finanoes  pendant  la  guerre,  Paris  1915,  S.  227.
        <pb n="39" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

23

neuen  Kontingente  die  folgende  Höhe:  am  10.Dezember  1914;  3600,00
Mül.  Frcs.,  am  6.  Mai  1915:  5400,00  Mül.  Frcs.
Auch  im  1870er  Kriege  wurde  die  Vorschußpflicht  der  Notenbank
allmählich  und  entsprechend  den  Bedürfnissen  der  Kriegsfinanzierung
in  die  Höhe  gesetzt.  Die  Bank  leistete  am  18.  Juli  1870:  50,00  Mül.  Frcs.,
bereits  einen  Monat  später,  am  18.  August,  wiederum  50,00  Mül.  Frcs.,  am
24.  September  275,00  Mül.  Frcs.  und  am  5.  Dezember  weitere  275,00  Mül.
Frcs.;  am  n.  Januar  1871:  400,00  Mül.  Frcs.,  der  Commune  415,00Mül.
Frcs.,  3.  Juli  209,00  Mül.  Frcs.,  2.  Januar  1872:  40,00  Mül.  Frcs.  und
einen  ewigen  Vorschuß  von  60,00  Mül.  Frcs.  In  der  Zeit  vom  18.  Juli
1870  bis  2.  Januar  1872  insgesamt  1530,00  Mül.  Frcs. 1 ),
Es  war  klar,  daß  die  Notenbank  bei  der  Zustimmung  zu  den  neuen
Vorschuß-Verträgen  auch  an  die  Rückzahlung  der  von  ihr  geleisteten  und
noch  zu  bewirkenden  Vorschüsse  denken  mußte,  im  Hinblick  auf  ihre  Notenemission ­
  und  Liquidität.  Wenn  sie  auch  im  Anfang  zunächst  ohne  Gefahr ­
  für  ihren  Kredit  jene  vom  Staate  geforderten  Kriegsvorschüsse
zu  leisten  vermochte,  so  durfte  sie  dennoch  nicht  diese  Hilfe  ins  Uferlose
ausdehnen,  ohne  wenigstens  Bedenken  zu  hegen  und  sie  dahin  zu  äußern,
ob  der  Staat  ihr  diese  hohen  Summen  wird  zurückzahlen  können  und
innerhalb  welchen  Zeitraumes.  Der  Zwangskurs  ihrer  Noten  muß  Wohl
möglicherweise  bis  zur  Abdeckung  der  Staatsschuld  beibehalten  werden.
Das  letztere  kann  aber  vielleicht  viele  Jahre  währen,  je  nach  dem  Grade
der  Tilgungsquote  und  Geschwindigkeit  der  Rückzahlung  aller  an  den
Staat  geleisteten  Vorschüsse.  Daß  der  Staat  die  Amortisation  seiner
Schulden  nicht  allzu  schnell  wird  bewirken  können,  daiür  sprechen  das  bedeutsame ­
  Moment  seiner  starken  finanziellen  Schwächung  durch  den  Krieg
und  die  gewaltigen  Lasten  sozialer  und  Wirtschaftlicher  Art  nach  Friedensschluß. ­
  Schließlich  legt  der  niedrige  Debetzins  von  1  %  (in  Wirklichkeit
V8  %,  weil  1 / 8  als  Abgabe  vom  Gewinnertrage  an  den  Staat  wieder  zurückfließt) ­
  die  Versuchung  nahe,  die  Tilgung  nach  Möglichkeit  hinauszuschieben. ­
  Es  ist  also  nicht  mehr  als  gerecht,  wenn  die  Notenbank  feste
Zusicherung  von  Rückzahlungsfristen  forderte,  als  sie  den  Kontingents-Erhöhungen
  zustimmte.  Die  Regierung  lehnte  diese  Forderung  jedoch
ab  mit  der  Erklärung:  „daß  die  Rückzahlungen  erfolgen  sollten,  sobald
es  möglich  ist" 1  2 ).
Diese  Formel  entspricht  der  Zusage  des  Staates,  wie  er  sie  der  Notenbank ­
  im  Jahre  1871  gab:  „Der  Staat  wird  seine  Schuld  gegen  die
Bank  aus  seinen  ersten  Hilfsquellen  zurückzahlen,  was  so  viel  bedeuten
will,  als  daß  er  sich  befreien  will,  sobald  er  es  tun  kann."  Nach  Beendigung ­
  des  Krieges  1870/71  begann  der  Staat  allmählich  die  Schuld
bei  der  Notenbank  abzuzahlen  und  hatte  sie  im  Jahre  1875  bis  auf  300,00
Mül.  Frcs.  amortisiert,  wonach  die  Notenbank  ihre  Barzahlungen  wieder
aufnahm.
Es  ist  nun  allerdings  der  Regierung  nicht  gut  möglich,  sich  bereits

1 )  Siehe  Lachapelle,  Georges,  a.  a.  0.  S.  228—230-2
 )  Bank  von  Frankreich,  Geschäftsbericht  rgr4,  S.  29.
        <pb n="40" />
        24

Erwin  Respondek,

heute  in  ein  festes  Amortisationsschema  einzulassen,  wie  sie  es  vielleicht
bei  Anleihen  einhalten  müßte.  Sie  kennt  ihre  finanzielle  Lage  nach
Friedensschluß  nicht  und  ist  auch  in  völliger  Unkenntnis  darüber,  welche
außergewöhnlichen  Quellen  nach  dem  Kriege  zu  ihrer  Verfügung  stehen
werden.  Sie  muß  die  Ereignisse  des  Krieges  und  seine  Folgen  erst  abwarten.
Um  aber  über  das  Rückzahlungsversprechen  hinaus  der  Notenbank
ein  konkretes  Unterpfand  zu  geben  und  damit  gleichsam  die  bankpolitischen ­
  und  staatsfinanziellen  Gegensätze  zu  überbrücken,  verpflichtete
sich  der  Staat,  bei  Abschluß  der  neuen  Vorschußverträge  die  bestehende
Schuld  ein  Jahr  nach  Kriegsende  mit  3  %  zu  verzinsen.  Hiervon  sind
2  %  an  einen  Amortisationsfonds  abzuführen,  der  behufs  Abzahlung
der  Staatsschuld  an  die  Bank  zu  bilden  ist.  Vorher  sollen  aber  aus  diesem
Fond  die  Verluste  gedeckt  werden,  die  der  Bank  aus  Wechseln  erwachsen,
die  infolge  des  Wechselmoratoriums  notleidend  werden  sollten.
Die  direkten  Vorschüsse  an  den  Staat  weisen,  wie  die  Aufstellung
zeigt 1 ),  eine  stetig  steigende  Tendenz  auf.  Sie  waren  am:
1.  Oktober  1914  2100  Mxll.  Frcs.
1.  August  1915  6500  „  „
1.  Oktober  1915  7100  „  „
1.  August  19x6  8500  „  „
Diese  Vorschüsse  wurden  allein  durch  eine  entsprechende  Notenemission ­
  durchgeführt.  Dies  blieb  auch  keinesfalls  ohne  schädliche
Einwirkungen  auf  die  Währung.  In  dem  Abschnitte  „Währung“  wird
dieses  Moment  eine  eingehende  und  kritische  Betrachtung  finden.
Die  oben  ausgeführte  direkte  Inanspruchnahme  der  Zentralbank  zur
Finanzierung  des  Krieges  ist  nicht  ihre  einzige  Hilfe  und  nicht  ihr  einziges
Verdienst  gegenüber  dem  Staate.  Ihre  tatkräftigen  Hilfsaktionen  bei
den  Anleihedurchführungen  des  Staates  im  Inland  und  Ausland,  die
indirekten  Vorschüsse  an  die  verbündeten  und  befreundeten  Staaten
bilden  gleichfalls  eine  nicht  zu  unterschätzende  Hilfe.  Sie  sollen  später
näher  ausgeführt  werden.
Als  in  den  letzten  Tagen  des  Juli  1914  die  Möglichkeit  eines  Kriegsausbruches ­
  erörtert  wurde,  stürmten  die  Depositen-Gläubiger  zu  den
Kredit-Banken,  um  dort  ihre  Einlagen  zurückzufordern.  Alles  wurde
mitgerissen  und  die  furchterfüllten  Übertreibungen  der  kommenden
ungewissen  Zeiten  riefen  in  den  Kreisen  der  Bankgläubiger  eine  Panik
hervor.  Viele  unter  ihnen  erinnerten  sich  der  Vorgänge  des  letzten  Krieges
im  Jahre  1870/71  und  befürchteten  eine  neue  Belagerung  von  Paris.
Sie  verbreiteten  rasch  ihre  damaligen  schmerzlichen  Erfahrungen:  Kapital
und  Einkünfte  waren  damals  unerreichbar.  Dies  glaubten  sie  auch  jetzt
annehmen  zu  können.  Die  Privatbanken  versuchten  zunächst,  den  Anstürmenden ­
  Befriedigung  zu  gewähren.  Sie  konnten  ihre  Zahlungspflichten ­
  nur  dann  erfüllen,  wenn  sie  den  ihnen  vorgezeichneten  legitimen ­
  Weg  beschritten:  die  Rediskontierung  ihres  Wechselportefeuilles
bei  der  Notenbank.  Diese  Rediskontierungen  seitens  der  Kreditbanken

x )  Vgl.  Tabelle  I.
        <pb n="41" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

25

und  zum  Teil  auch  von  Privaten  nahmen  daher  bald,  rein  quantitativ
betrachtet,  einen  derartigen  Umfang  an,  daß  die  Notenbank  ein  Spezialbureau ­
  für  Wechseldiskontierungen  einrichten  mußte,  um  ohne  Zeitverluste ­
  arbeiten  zu  können.  Das  Wechselportefeuille  der  Bank  von  Frankreich ­
  verdoppelte  sich  in  der  Zeit  vom  27.  Juli  bis  1.  August  1914,  und
nach  6  Tagen,  vom  27.  Juli  ab  gerechnet,  stieg  es  von  1583  auf  3041  Mill.
Pres. 1 ).  In  den  Tagen  der  gespanntesten  Krisenstimmung,  in  der  Zeit
vom  25.  Juli  bis  zum  2.  August  schnellte  der  Bestand  an  diskontierten
Wechseln  beträchtlich  von  Tag  zu  Tag  empor.  Privatbanken  und  Private
reichten  die  dicksten  Bündel  zum  Rediskont  ein.  Über  die  Bewegung
des  Wechselbestandes  in  dieser  interessantesten  Periode  geben  die  nachstehenden ­
  Zahlen *  2 )  recht  beachtenswerten  Aufschluß  (in  Mill.  Frcs.):
W  e  c  h  s  e  1  e  i  n  r  e  i  c  h  u  n  g  e  n  in  der  Krisenzeit  vom  25.  Juli
bis  zum  2.  August  1914.

Datum

Wechselbestand

Zu-  oder  Abnahme

25-  Juli  ....

1554,0°

2  7-  Juli  ....

1583,00

+  29,00

28.  Juli  ....

1682,00

+  99&amp;gt;oo

29.  Juli  ....

1937,00

+  255,oo

30.  Juli  ....

2444.00

+  507,00

31.  Juli  ....

2890,00

+  346,00

1.  August  .  .

3041,00

+  151,00

2.  August  .  .

3426,00

+  385,00

Diese  Aufstellung  zeigt  deutlich  den  starken  Andrang.  Es  war  zu
befürchten,  daß  auf  dem  Wege  über  die  Notenbank  die  Depositengläubiger
’bre  Banken  von  den  Aktiven  zu  stark  entblößen  und  auf  der  anderen
beite  die  Notenbank  zu  stark  belasten  würden.  Die  Banken  stellten
daher  ihre  bankmäßigen  Operationen  ein,  als  die  Bank  von  Frankreich
die  Rediskontierung  weiterer  Wechsel  verweigerte.  Es  ist  nicht  zu  verwerfen, ­
  daß  die  Notenbank  ihre  schützende  Hand  von  den  großen  Kreditinstituten ­
  zurückzog.  Denn  ein  erheblicher  Teil  der  von  den  Bankgläubigern ­
  abgehobenen  Summen  blieb  untätig  in  ihren  Händen,  statt  sie
wieder  in  denVerkehr  zu  gelangen  und  die  nationale  Arbeit  zu  befruchten.
Üie  Privat-Banken  stellten  schließlich  überhaupt  die  Diskontierung  von
Wechseln  ein  und  so  wurden  die  gesamten  Kreditoperationen  an  die
Bank  von  Frankreich  verwiesen,  die  nunmehr  nach  ihrem  Gutdünken
eine  den  jeweiligen  Zeitlagen  entsprechende  Kreditpolitik  treiben  konnte.
Handel-  und  Gewerbestände,  Landwirtschaft  und  Industrie,  sowie
der  Privatmann  stellten  jetzt  ihre  hohen  Kreditwünsche  direkt  an  die
Notenbank.  Der  geschilderte  erste  starke  Andrang  hatte  die  Notenbank
gezwungen,  ihren  Diskont  von  3%  %  (seit  dem  29.  Januar  1914)  am
30.  Juli  1914  auf  4  %  und  bereits  am  1.  August  auf  6  %  zu  erhöhen.

b  Bank  von  Frankreich.  Geschäftsbericht  1914,  S.  7.
2 )  Lachapelle,  Georges,  a.  a.  O.  S.  234.
        <pb n="42" />
        26

Erwin  Respondek,

Nachdem  aber  ruhige  Überlegung  Platz  gegriffen  hatte,  die  ängstliche
Geschäftswelt,  durch  das  Moratorium  von  ihren  Zahlungssorgen  enthoben, ­
  mit  ihren  Geldforderungen  an  die  Notenbank  verwiesen  wurde,
konnte  die  Zentralbank  unter  dem  Schutze  dieses  Moratoriums  ihre
offizielle  Bankrate  am  20.  August  1914  auf  5  %  ermäßigen.
Ein  Diskontsatz  von  5  %  war  für  den  öffentlichen  Verkehr  in  der
ersten  Zeit  vollkommener  Kreditstockung  und  später  erschwerter  Kreditbeschaffung ­
  eine  höchst  willkommene  Hilfe.  Aber  die  Notenbank  ging
jetzt  noch  weiter  und  schuf  zunächst  der  Handelswelt  Erleichterungen
für  Geschäfte,  die  nach  dem  4.  August  eingegangen  wurden,  indem  sie
zu  ihrem  Satze  Wechsel,  die  während  des  Krieges  aus  geschäftlichen
Transaktionen  entstanden,  auch  ohne  Akzept  diskontierte.  Erteilte
Vorschüsse  auf  Wertpapiere  an  Industrielle,  Kaufleute  und  Gewerbetreibende, ­
  wurden  von  ihrer  Seite  nicht  gekündigt.  Sie  forderte  jedoch
auf  die  außenstehenden  Lombarddarlehen  verstärkte  Einschüsse  durch
lombardfähige  französische  Wertpapiere.  Zu  diesen  zählen:  französische
Staats-  und  vom  Staate  garantierte  Werte,  französische  Kommunalund
  Credit-Foncier-Obligationen.  Diese  letzte  Maßnahme  wurde  der
Bank  als  eine  unnütze  Härte  gegen  ihren  alten  Kundenkreis  ausgelegt.
Die  Vorwürfe  einiger  anscheinend  unzufriedener  Industrieller  verstiegen
sich  sogar  zu  dem  Urteile,  daß  das  Verhalten  der  Notenbank  in  einer
Zeit,  wo  auf  ihren  Kredit  Handel  und  Verkehr  erst  recht  bauen  müßten,
rigoros  sei 1 ).  Aber  vollkommen  zu  Unrecht!  Die  Bank  von  Frankreich
verfolgte  zweifellos  mit  dieser  Verfügung  keineswegs  das  Ziel,  ihre  Kunden
in  Bedrängnis  zu  bringen,  die  beiden  Parteien  nur  Schaden  bringen
könnte.  Vielmehr  ist  die  Sicherung  und  Rückdeckung  der  Notenbank
nur  als  eine  Vorsichtsmaßregel  anzusehen  gegen  etwaige  Ausfälle,  die
infolge  zu  starker  Entwertung  der  als  Lombardpfänder  dienenden  Effekten
jederzeit  leicht  eintreten  könnten.  Sie  ist  als  solche  durchaus  zu  billigen.
Der  Privatmann  —  alte  und  auch  neue  Kunden  —  kann  die  Notenbank ­
  bis  zu  5000,00  Frcs.,  nach  einer  ergänzenden  Bestimmung  vom
24.  November  1914  bis  zu  10  000,00  Frcs.,  gegen  Hinterlegung  erstklassiger ­
  französischer  Werte  in  Anspruch  nehmen.
Die  Börsenspekulation  erhielt  Vorschüsse  auf  ihre  Reportengagements ­
  auf  Grund  eines  besonderen  Abkommens  von  Notenbank  und
Syndikat  der  offiziellen  Wechselmakler.  Die  Bank  diskontiert  dem
Syndikat  Wechsel  bis  zu  einer  Maximalgrenze  von  200,00  Mill.  Frcs.
Die  Wechsel  —  es  sind  Solawechsel  —  dürfen  eine  höchstens  dreimonatliche ­
  Laufzeit  haben,  und  die  Wechselsumme  darf  200  000,00  Frcs.
nicht  übersteigen.  Zwei  Wechselmakler  haften  mit  ihrer  Unterschrift.
Gleichzeitig  müssen  aber  als  weitere  Sicherheit  für  jeden  Wechsel  in  Höhe
der  Wechselsumme  Effekten  hinterlegt  werden.  Die  Beleihungsgrenzen
der  einzelnen  Wertpapiergruppen  sind  nach  ihrer  Qualität  festgesetzt
und  auf  die  Kursnotierungen  der  Pariser  Börse  vom  30.  Juni  bzw.  15.  Juli
9  L’Economiste  Frai^ais:  Zuschriften  1914/15.
        <pb n="43" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

27

1914  gestellt.  Dienen  Staatspapiere  und  Bankaktien  als  Sicherheit,
so  werden  sie  zum  Liquidationskurse  vom  30.  Juni,  andere  Wertpapiere
zum  Mediokurse  Juli  1914  bis  zu  40  %  ihres  Kurswertes  angenommen.
Eine  ausführlichere  Darstellung  dieser  Hilfe  und  ihre  Bedeutung
für  die  Pariser  Börse  wird  in  dem  Kapitel  „Pariser  Börse“  dargelegt.
Alle  nur  möglichen  Erleichterungen  gewährte  die  Notenbank  denen,
die  ihre  Zahlungen  aus  geschäftlichem  Verkehre  auf  bargeldlosem  Wege,
also  durch  Giroüberweisungen,  Schecks  und  Anweisungen  bewirken
wollen.  Von  Konto  zu  Konto  innerhalb  der  eigenen  Bankstelle,  dann
unter  den  einzelnen  Bankplätzen  werden  die  Übertragungen  beschleunigt
und  verbilligt.  Gutschriften  durch  Schecks,  Eingänge  aus  Wechseln
und  alle  anderen  bankmäßigen  Transaktionen,  die  eine  Bewegung  von
barem  Gelde  erfordern,  werden  bereitwilligst  von  der  Notenbank  über
ihr  Gironetz  geleitet.  Natürlich  propagierte  die  Bank  von  Frankreich
den  kontenmäßigen  Zahlungsausgleich  und  erbot  sich  zur  leichten  und
billigen  Kassenhaltung,  da  sie  vor  allem  eine  Verminderung  der  Benutzung
von  Noten  für  größere  Zahlungen  und  damit  eine  relativ  höhere  Deckung
der  Noten  durch  den  Goldbestand  erhoffen  konnte.
Die  im  Lande  gut  verteilten  und  zahlreichen  Bankplätze 1 )  gewähren
unter  Leitung  der  Zentrale  eine  planmäßige  und  durchgreifende  Hilfe.
In  einem  Rundschreiben  vom  24.  November  1914  erteilt  der  Gouverneur,
G.  P  a  11  a  i  n  ,  den  Bankleitern  Weisung,  sich  in  der  Kreditgewährung
den  lokalen  Verhältnissen  anzupassen,  um  das  darniederliegende  Wirtschaftsleben ­
  wieder  zu  heben.  Unter  Aufrechterhaltung  weitgehender
und  aufmerksamer  Kontrolle  autorisiert  er  sie,  auch  dem  Vertrauen,
das  die  einzelnen  Unternehmer  verdienen,  Rechnung  zu  tragen.  Hierdurch ­
  wird  dem  einzelnen  Leiter  eine  größere  Freiheit  in  der  Schätzung
und  Beurteilung  der  Kreditwürdigkeit  des  kreditbedürftigen  Geschäftsmannes ­
  gelassen,  mit  dem  er  oft  durch  persönliche  Beziehungen  vertraut  ist.
Durch  die  Moratorien  ist  die  wirtschaftliche  Arbeit  nach  vielen
Richtungen  hin  stark  beengt,  und  es  war  daher  nur  angebracht,  ihr  durch
eine  erhöhte  Diskont-  und  Lombardtätigkeit  mehr  Lebhaftigkeit  zuzuführen. ­
  Die  Vorschüsse,  die  dem  Verkehr  gewährt  werden,  sind  doppelter ­
  Natur.  Die  einen  betreffen  die  Geschäftswelt,  die  anderen  die
Privaten.  Es  ist  bereits  angeführt,  daß  das  Limit  der  Kredithilfe  für
den  Privatmann  von  5000,00  Frcs.  auf  10  000,00  Frcs.  erweitert  wurde.
Dagegen  hat  die  Notenbank  aus  naheliegenden  Gründen  den  Kreis

h  Nach  dem  Geschäftsbericht  der  Notenbank  1914,  S.  30  und  1915,  S.  62  besaß  die
Bank  von  Frankreich:
1  Bankzentrale
143  Filialen
75  Hilfsbnreaus
366  angeschlossene  Bureaus
insgesamt  585  Bankanstalten.
Die  Deutsche  Reichsbank  nach  ihrem  Verwaltungsbericht  1914,  S.  23:  Insgesamt
487  Bankanstalten.
        <pb n="44" />
        28

Erwin  Respondek,

für  die  Kaufleute  und  Industriellen  weiter  gezogen.  Sie  finden  für  ihre
berechtigten  Wünsche  die  denkbar  geneigteste  Berücksichtigung.  So
leisteten  die  Bankanstalten  Verzicht  auf  ein  vorheriges  Akzept  oder
die  Bankdomizilierung;  Schecks,  Wechsel  werden  auf  das  befreundete
Ausland  zum  Inkasso  genommen,  bis  zum  Eingang  des  Gegenwertes
diskontiert  und  auch  kreditiert,  Überweisungen  von  Konto  zu  Konto
zu  den  billigsten  Gebühren  vollzogen.
Durch  diese  vielseitigen  Hilfsmaßnahmen  hat  die  Notenbank  den
Grund  zu  einer  neuen  gedeihlichen  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens
gegeben,  auf  dem  für  die  nationale  Verteidigung  und  Wohlfahrt  des
Landes,  soweit  sie  auf  wirtschaftlichem  Gebiete  liegen,  langsam  weiter
gebaut  werden  kann.
Die  Privatwirtschaft  stellt  aber  nur  geringe  Anforderungen  an  die
Leihbereitschaft  der  Notenbank,  obgleich  ihr  weitherziges  Kreditangebot ­
  zu  einer  lebhafteren  Inanspruchnahme  geradezu  einladet.  Das  Portefeuille ­
  der  Handelswechsel  weist  demnach  keine  nennenswerten  Ausschläge
nach  unten  oder  oben  auf  und  der  Bestand  an  den  während  des  Krieges
durch  das  Wirtschaftsleben  erzeugten  Wechseln  übersteigt  im  Durchschnitt ­
  kaum  300  Mül.  Frcs.  Es  steht  außer  Frage,  daß  das  französische
Noteninstitut  sämtliche  Möglichkeiten  versucht,  alle  Erleichterungen  gewährt ­
  hat,  um  die  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens  zu  fördern  und  ihm
zur  Lebhaftigkeit  zu  verhelfen.  Aber  wie  schwach  und  langsam  dieses
Wiederaufleben  erfolgt,  geht  aus  der  Entwicklung  des  Wechselbestandes
hervor.  Die  Bank  besaß  im  Portefeuille  als  Minimalbestand  am  10.
Februar  1915;  213  Mül.  Frcs.,  als  Maximalsumme  am  24.  Dezember  1915
395  Mül.  Frcs.  Im  Jahre  1916  war  bis  zum  3.  August  der  niedrigste
Bestand  366,00  Mül.  Frcs.,  der  höchste  467,00  Mül.  Frcs.
Dies  bedeutet  gegenüber  den  Ziffern  der  Friedenszeiten  eine  Verminderung ­
  von  durchschnittlich  1250—1500  Mül.  Frcs. 1 ).  Es  ist  aber
zu  berücksichtigen,  daß  ein  sehr  hoher  Betrag  von  Moratoriumswechseln,
der  seit  Kriegsbeginn  das  Wechseiportefeuüle  der  Notenbank  stark
belastete,  rasch  durch  die  Wirtschaftenden  abgebaut  wurde.  Dieser
freiwillige  Abbau  erreichte  in  der  Jahresepoche  1915;
24.  Dezember  1914  .  .  .  3478,00  Mül.  Frcs.
23.  Dezember  1915  .  .  .  r83g,oo  „  „
d.  b.  eine  Höhe  von  .  .  1639,00  Mül.  Frcs.
In  der  Zeit  vom
23.  Dezember  1915  .  .  .  1839,00  Mül.  Frcs.
bis  3.  August  1916  .  .  .  1438,00  „  „
eine  Höhe  von  401,00  Mül.  Frcs.
l )  Nach  den  Wochenausweisen  früherer  Jahre  war  der  durchschnittliche  Wechselbestand:
  1911  ....  1200  Mül.  Frcs.
1912  ....  1300  „  „
1913  ....  1500  „  „
Dagegen  in  den  vorangehenden  Jahren  erheblich  unter  xooo  Mül.  Frcs.
        <pb n="45" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

2 9

Hierdurch  wird  also  das  sonst  zu  Geschäften  verwendete  Geld  in  eine
neue  Richtung,  nämlich  zur  Schuldentilgung  gedrängt,  und  die  laufende
Tätigkeit  dadurch  immerhin  stark  beeinträchtigt.  Weiterhin  regelt
die  Geschäftswelt  jetzt  ihre  Zahlungen  im  überwiegenden  Maße  durch
Barzahlungen.
Aus  dem  geringen  Bestand  der  unverfallenen,  regulären  Wechsel
ist  daher  nur  unter  Beachtung  der  angeführten  Momente  der  Schluß  zu
ziehen,  daß  die  französische  Volkswirtschaft  durch  die  Kriegsereignisse
schwer  beeinträchtigt  sein  muß  und  nicht  zur  lebhaften  Arbeit  heranzuziehen ­
  ist.  Das  wirtschaftlich  wichtige  Gebiet  des  Westens  ist  zudem
in  den  Händen  des  Feindes  und  zum  Teil  durch  kriegerische  Einwirkungen
stark  belastet,  in  den  freien  südlichen  Gebieten  mag  vielleicht  eine  gewisse ­
  Hoffnungslosigkeit  jede  Unternehmungslust  lähmen,  und  daher
werden  die  eifrigen  Bemühungen  der  Bank  von  Frankreich,  hier  eine
Wandlung  zu  schaffen,  wohl  auch  künftighin  von  geringem  Erfolge
begleitet  sein.
Auch  das  Ausland  erschöpft  die  Kraft  der  Notenbank.  Die  Bank  von
Frankreich  ist  vor  allem  bemüht,  den  Zahlungsverpflichtungen  Rußlands
zu  Hilfe  zu  kommen  und  für  ihre  Ablösung  Sorge  zu  tragen.  Die  Schwierigkeiten, ­
  die  sich  bei  dem  Ausgleich  aus  dem  gesunkenen  Wechselkurse
ergeben,  erfordern  ein  besonderes  Abkommen,  das  mit  der  russischen
Staatsbank  abgeschlossen  wurde.  Der  Vertrag  regelt  die  Ablösung
russischer  Wechselverpflichtungen  in  Frankreich.  Die  französische  Notenbank ­
  leistet  der  russischen  Reichsbank  einen  Vorschuß  von  500  Mill.
Frcs.  zur  teilweisen  Einlösung  der  russischen  Wechsel  in  Frankreich.
Fs  sind  dies  Wechsel,  die  von  russischen  Waren-  und  Exportfirmen
gezogen  und  bei  den  Pariser  Filialen  der  russischen  Kreditbanken  zahlbar
gestellt  sind.  Diese  Tratten  kamen  nach  Frankreich,  wo  sie  durch  den
Bomizilvermerk  umlaufsfähig  und  von  den  russischen  Bankfilialen
ln  Paris  bei  den  französischen  Banken  in  Pension  gegeben  wurden.  Auf
diese  Weise  haben  die  russischen  Banken  den  Geschäftsverkehr  ihrer
Kunden  in  Rußland  im  Gange  gehalten  und  die  hierfür  verwandten
und  festgelegten  Kapitalien  durch  Pensionierung  bei  den  französischen
Banken  wieder  flüssig  gemacht!
Die  von  Rußland  und  anderen  Staaten  in  Frankreich  diskontierten
und  lombardierten  Tratten  werden  auf  rund  1000  Mill.  Frcs.  geschätzt.
In  dieser  Summe  sind  die  Pensionswechsel  von  Deutschland  und  Österreich-Ungarn ­
  mit  einbegriffen.
Beim  Abbau  der  russischen  Verpflichtungen  werden  die  Privatbanken ­
  entlastet.  Die  in  Kriegszeiten  beschwerlichen  und  unliquidierbaren
  Pensionen  übernimmt  somit  die  Notenbank,  die  wiederum  ihre
Rückdeckung  durch  die  Garantie  der  russischen  Reichsbank  findet,
damit  zwar  kein  bewegliches  Aktivum  in  den  Händen  hat,  aber  unter
gewisser  russischer  Garantie  der  heimischen  Wirtschaft  eine  Entlastung
brachte.
Den  Zinsendienst  Rußlands  und  der  Verbündeten  kleinen  Staaten
        <pb n="46" />
        30

Erwin  Respondek,

an  Frankreich  hält  gleichfalls  die  Notenbank  aufrecht;  allerdings  läuft
er  für  Rechnung  des  französischen  Staates.  Auch  diese  Hilfe  bindet
jährlich  beträchtliche  Summen.
So  steht  die  Notenbank  vollkommen  in  dem  Kreise  der  Erfüllung
ihrer  ersten  Aufgabe:  Finanzierung  der  Staats-  und  Volkswirtschaft.
Sie  hat  das  Bewußtsein,  seit  Beginn  der  Krise  alles  getan  zu  haben,
um  die  Gefahren  eines  Zusammenbruchs  der  staatlichen  und  privaten
Kreditwirtschaft  abzuwenden,  obgleich  ihre  Arbeit  von  keiner  Seite
unterstützt  wurde.  Die  Notenbank  darf  aber  nicht  nur  an  die  Gegenwart ­
  denken.  Auch  in  der  Zukunft  warten  ihrer  große  Aufgaben.  Diese
Voraussicht  ist  stets  mitbestimmend  für  die  Entscheidung  von  Maßregeln ­
  gewesen,  die  von  der  Notenbank  getroffen  wurden  und  in  den
Fragen  der  Kreditgewährung  weiterhin  vorherrschen  muß.  Sie  allein
leitet  die  Bank  sicher  und  gut  in  die  Zukunft  hinein,  da  sie  jetzt  Staat
und  Wirtschaft  Subsidien  zu  liefern  hat,  aber  dann,  im  zukünftigen
Frieden,  die  schweren  Schäden  des  Wirtschaftskrieges  auszubessern
haben  wird.  Der  Wiederaufbau  der  durch  den  Krieg  zerstörten  Landstriche, ­
  die  Restauration  der  Eisen-  und  Kohlenbezirke,  die  Auffüllung
der  Fabriken  mit  Arbeitsmaterialien  und  vieles  andere  mehr  sind  für
das  Land  von  größter  Bedeutung,  da  die  Aktivität  der  Industrie,  des
Handels  und  der  Landwirtschaft  in  hohem  Maße  zum  natürlichen  Reichtum ­
  Frankreichs  beizutragen  haben  werden,  um  die  tiefen  Wunden
des  Krieges  wieder  zu  heilen.
Der  Krieg  erzeugt  im  Reiche  des  Geldes  eigenartige  und  bemerkenswerte ­
  Erscheinungen,  welche  die  Lösung  der  zweiten  Hauptaufgabe
der  Notenbank:  die  Regelung  der  Geldzirkulation
in  einer  für  den  öffentlichen  Verkehr  zufriedenstellenden  Weise,  in  hohem
Grade  erschweren.
Die  Regierung  hat  einen  riesigen  Bedarf  an  kleinen  Geldabschnitten,
vor  allem  an  Hartgeld,  um  das  Heer  entlöhnen  zu  können.  Die  ausziehenden ­
  Soldaten  selbst  nehmen  einen  eisernen  Kassenbestand  aus  der  Heimat
mit  ins  Feld.  Das  Entscheidende  ist  aber  die  Thesaurierung  von  Geldstücken ­
  durch  die  Bevölkerung.  Ungewißheit  über  die  gesamte  Entwicklung ­
  des  bevorstehenden  Krieges,  die  Furcht  vor  schweren  Katastrophen
und  Sorge  um  das  eigene  Wohl  führen  zu  dem  Streben,  die  eigenen
Barbestände  zu  erhöhen.  Zunächst  schwand  das  Vertrauen  zur  Note
und  alles  stürzte  sich  auf  die  noch  erreichbaren  Mengen  von  Hartgeld.
Nach  Ansicht  dieser  kleinen,  ängstlichen  Leute  hat  aber  nicht  nur  Gold
und  Silber  in  einem  Kriege  alleinigen,  realen  Wert,  sondern  auch  die
Nickel-  und  Kupfermünzen  sind  sicherer  als  Papier.  Diese  vorsorgliche
Ansammlung  von  Münzen  ging  weit  über  die  gewohnten  Barbestände
hinaus  und  wurde  fast  von  allen  kleineren  und  größeren  Hauswirtschaften
getroffen.  Es  dürfen  schließlich  nicht  die  Geldwechsler  und  Hartgeldspekulanten ­
  vergessen  werden,  die  mit  den  thesaurierten  Mengen  zurückhalten, ­
  um  sie  in  späterer  Zeit  unter  der  Hand  mit  Vorteil  abgeben  zu
können.  So  ist  es  verständlich,  daß  das  Hartgeld  aus  dem  Verkehr  wie
        <pb n="47" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

31

Mit  einem  Schlage  vollkommen  verschwand,  eine  Erscheinung,  die  auch
in  den  anderen  Staaten  zu  bemerken  war.  In  Gold  entwickelte  sich
bereits  ein  Agio,  das  nach  französischen  Zeitungen  Ultimo  Juli  1—1  y 2  %
betragen  hatte.
Die  Notenbank  mußte  diesen  unerfreulichen  Erscheinungen  entgegentreten. ­
  Sie  war  für  den  berechtigten  Bedarf  des  Heeres  wohl  gerüstet ­
  und  auch  für  die  Thesaurierung  vorbereitet.  Dem  Streben  nach
Hartgeld  konnte  die  Bank  bereitwilligst  entgegenkommen,  indem  sie
dem  Verkehr  ihren  Silberbestand  zur  Verfügung  stellte.  In  kurzer  Zeit
setzte  die  Bank  die  Hälfte  ihres  Silberbestandes  ab.  Dieser  war  am
24.  Juli  639)6  Mill.  Frcs.
1.  Oktober  .  .  .  319,0  „  „
320,6  Mill.  Frcs.
Vor  dem  Kriege  war  der  hohe  Silberbestand  fest  bei  der  Notenbank
verankert,  da  das  silberne  Geldstück  nur  ungern  in  Zahlung  genommen
und  von  jedem  baldmöglichst  wieder  abgestoßen  wurde.  Nunmehr  konnte
das  stürmische  Verlangen  nach  Silber  nicht  schnell  genug  befriedigt
werden  und  es  wurde  nur  zu  gern  festgehalten.
Die  Thesaurierung  fand  keinen  Stillstand.  In  Ermangelung  des
Hartgeldes  wandte  sich  das  Volk  bald  den  Noten  zu  und  erfreute  sich
auch  hier  an  einer  ausgedehnten  Schatzanhäufung.  Über  die  Summen,
welche  die  tausenden  Einzelwirtschaften  aufgespeichert  haben  sollen,
sind  teilweise  recht  übertriebene  Schätzungen  gemacht  worden.  Wenn
von  ihnen  ein  Mittelwert  gezogen  werden  darf,  so  ist  die  Summe  von
rund  5  Milliarden  Gold,  Silber  und  Noten  nicht  zu  hoch  gegriffen.  Lansb
  u  r  g  h  nimmt  für  die  Gold-  und  Silberthesaurierung  einen  Betrag  von
2y 2 —3  Milliarden  Frcs.  an 1 ),  und  dürfte  der  Wirklichkeit  am  nächsten
kommen.  Die  thesaurierten  Notenmengen  werden  von  ihm  auf  etwa
3—4  Milliarden  Frcs.  veranschlagt.
Eine  Schatzanhäufung  in  diesem  Umfange  erforderte  eine  Ausfülhtng
  der  Lücken,  die  im  Zahlungsmechanismus  entstanden  waren.  Denn
im  großen  und  ganzen  kann  wohl  gesagt  werden,  daß  in  der  Zirkulation
kein  überflüssiges  Geld  steckt,  da  es  an  wirtschaftliche  Zwecke  gebunden
ist  und  einen  Uberschuß  von  selbst  zur  Notenbank  zurückwandern  läßt.
Wenn  auch  nicht  außer  acht  gelassen  werden  darf,  daß  in  vielen  Gebieten
der  Nationalwirtschaft  die  Geldbedürfnisse  sich  durch  den  Krieg  vermindert ­
  haben  —  es  brauchen  z.  B.  weniger  Gehälter  und  Löhne  gezahlt ­
  zu  werden,  Industrie  und  Handel  bedürfen  weniger  an  Umsatzmitteln, ­
  da  das  Geschäft  stockt  —,  so  erzeugte  die  schnell  und  gewaltig
um  sich  greifende  Thesaurierung  in  der  Geldzirkulation  dennoch  tiefe
Lücken.  Diese  konnte  die  Notenbank  nur  durch  ihre  Noten  ausfüllen.
Es  gehörte  mit  zu  den  Vorbereitungen  des  Krieges,  als  die  Bank  von
Frankreich  zur  rechten  Zeit  den  Generalrat  der  Bank  einen  Gesetzesantrag ­
  genehmigen  ließ,  wonach  20-  und  5-Frank-Notenabschnitte  emith

  „Bank“  8.  Heft,  August  1915,  S.  698.
        <pb n="48" />
        32

Erwin  Respondek,

tiert  werden  durften,  da  die  kleinste  Note  bisher  auf  nur  50  Frcs.  lautete.
Diese  neuen  Notenabschnitte  waren  bereits  lange  vor  dem  Kriege  gedruckt ­
  und  an  vielen  Plätzen  des  Landes  nach  geldstrategischen  Gesichtspunkten ­
  verteilt.  Sogleich  zu  Beginn  der  Kleingeld  Krisis  wurde
ihre  Emission  ohne  Verzögerung  bewirkt  und  sie  konnte  die  erste  und
schwerste  Krisis  in  den  Zahlungsmitteln  nach  wenigen  Tagen  schnell  beseitigen. ­
  Nach  Verlauf  von  10  Tagen  hatte  der  Verkehr
in  20  Frcs.-Noten  gegen  400  Mill.  Frcs.
in  5  Frcs.-Noten  gegen  200  Mill.  Frcs.
aufgesaugt.
Die  Emission  erfolgte  nach  den  einstimmigen  Berichten  der  französischen ­
  Zeitungen  unter  dem  größten  Beifall  des  Publikums.
Jedoch  konnte  die  Ausgabe  von  20-  und  5-Frcs.-Noten  die  Bedürfnisse
des  Kleingeldverkehrs  nicht  befriedigen.  Es  fehlte  sehr  an  ganz  kleinen
Geldzeichen,  namentlich  in  Paris.  Die  Notenbank  ermächtigte  daher
die  Pariser  Handelskammer,  Scheine  zu  2,  1  und  %  F rcs -  in  den  Verkehr
zu  bringen.  Als  Deckung  für  die  zur  Ausgabe  gebrachten  neuen  Scheine
hinterlegte  die  Handelskammer  50  und  100  Frcs.-Noten  bei  der  Bank
von  Frankreich.  Der  sehr  unangenehm  fühlbare  Mangel  an  25  ctms.-Münzstücken
  wurde  durch  25  ctms.-Noten  beseitigt.  Weiterhin  wurde
die  Prägung  von  Scheidemünzen  auf  Veranlassung  der  Notenbank
gesteigert,  um  den  Hartgeldmangel  zu  beseitigen.  Nach  den  Mitteilungen
der  Commission  de  contröle  monetaire 1 )  wurden  die  folgenden  Summen
ausgeprägt:
1915
Stücke  zu  2  Frcs  13  963  409  Stück
..  »  1  ..  47  955  158  „
„  „  50  ctms  20  892  772  „
»  »25  535  227
„  „10  4  362  468  „
„  „  5  6  032  140  „
In  Frankreich  allein  wurden  82  811  339  Stück  in  einem  nominellen
Werte  von  86  328  362  Frcs.  ausgegeben.
Diese  Zahlen  zeigen,  wie  stark  das  Bedürfnis  des  Verkehrs  nach
kleinen  Geldzeichen  war.
Die  Notenbank  hatte  also  den  Versuch  unternommen,  mit  Hilfe
ihrer  eigenen  Noten  und  verstärkter  Münzausprägung  den  Bedarf
an  Kleingeld  zu  stillen,  und  sie  setzte  daher  möglicherweise  der  Ausgabe
vom  städtischen,  kommunalen  oder  ähnlichen  Kriegsnotgelde,  wie  es
vielfach  in  Deutschland  vorgekommen  war,  Widerstand  entgegen.  Im
Verlaufe  der  weiteren  Kriegsmonate  hat  dieser  Zug  zur  versteckten
G-eldanhäufung  viel  von  seiner  Größe  verloren,  obwohl  er  noch  bis  in
die  Mitte  des  Jahres  1915  hineinreichte.  Erst  seit  der  kräftigen  Propaganda ­
  in  den  Monaten  Juni,  Juli  und  August  1915  konnte  auf  die  Bevölkerung ­
  ein  Einfluß  dahin  geltend  gemacht  werden,  von  der  Thesaul ­

 )  L  Economiste  Franfais  1916,  19.  Februar,  S.  241.
        <pb n="49" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

33

rierung  abzulassen  und  sogar  das  aufgesammelte  Geld  wieder  in  den
Verkehr  zu  setzen  bzw.  zur  Notenbank  zu  tragen.
Durch  wohlüberlegte  Vorsorglichkeit  und  unter  scharfer  Beobachtung ­
  der  Vorgänge  während  des  Krieges  vermochte  die  Notenbank
ihre  Aufgabe  als  Geldumlaufsregulator  ohne  größere  Störungen  zu  lösen.
Sie  hat  der  heimischen  Wirtschaft,  die  während  des  Krieges  zum  strengen
Prinzip  der  effektiven  Barzahlung  übergegangen  war,  das  äußere  Mittel
her  Wert-  und  Güterübertragung  in  reichlichem  Maße  und  zur  rechten
Zeit  zur  Verfügung  gestellt  und  auch  hierdurch  dem  Lande  schätzenswerte ­
  Dienste  geleistet.
Die  Arbeit  der  Notenbank  auf  den  beiden  Gebieten  der  Kriegsfinanzierung ­
  und  heimischen  Wirtschaftsführung  bleibt  nicht  ohne  Einwirkungen ­
  auf  die  gesamte  Struktur  der  Bank.  Aus  den  seit  dem  28.
Januar  1915  wieder  veröffentlichten  Ziffern  ist  leicht  ein  Bild  von  jenen
vielseitigen  Hilfsakten,  wie  sie  im  vorstehenden  geschildert  wurden,
zu  gewinnen.  Staatsvorschüsse,  Notenumlauf  und  Wechsel-  und  Goldbestand ­
  sind  die  hellsten  Strahlen,  die  aus  dem  Brennspiegel  der  Wochenbilanz ­
  reflektiert  werden,  und  die  in  ihren  zusammenhängenden  Bewegungen ­
  eine  genaue  Beachtung  erfordern.
Die  Notenbank  leistet  ihr  Werk  durch  die  Note.  Mit  wachsender
allseitiger  Inanspruchnahme  stieg  somit  natürlicherweise  der  Notenumlauf. ­
  Das  Kontingent  mußte  noch  zweimal,  den  Bedürfnissen  entsprechend, ­
  erhöht  werden.  Ein  Kammerbeschluß  vom  8.  Mai  1915  setzt
hie  am  4.  August  1914  normierte  Höchstgrenze  von  12  000  Mill.  Frcs.  auf
1 5ooo  Mill.  Frcs.  fest,  und  durch  ein  Dekret  vom  25.  März  1916  wurde
sie  auf  18  000  Mill.  Frcs.  hinaufgeführt.
Vergleicht  man  die  Bewegung  des  Notenkontingents  seit  den  letzten
Jahrzehnten  mit  dem  aufsteigenden  durchschnittlichen  Notenumlauf,
so  gewinnt  diese  Gegenüberstellung  beachtenswertes  Interesse  für  die
Beurteilung  des  Maßes  der  Arbeitsleistung  der  Bank  von  Frankreich
im  Frieden  und  während  der  Kriegszeiten.  Bei  Ausbruch  des  Krieges

R

Notenkontingent  und  Notenumlauf  von  1870  bis  1916.

Zeitbestimmung

Kontingent
Maximalgrenze

Höhe
des  Notenumlaufs

Kriegsausbruch  1870  .  .  .

I  800

1544

1870  .  .  .

2  400  -j-  600

Friedensschluß  1871  .  .  .

2  800  -f*  400

2  075

1872  .  .  .

3  200  -)-  400

2  401

1884  .  .  .

3  500  +  300

2  928

1893  .  .  .

4  000  -f-  500

3  475

1897  •  •  ■

5  000  4-  1000

3  es?

IQOÖ  .  .  .

5  800  -j-  800

4658

I9II  .  .  .

6  800  -j-  1000

5  243

Kriegsausbruch  1914  .  .  .

12  000-)-  5200

7  893

1915  •  •  ■

15  000+  3000

12  226

1916  .  .  .

18  000+  3000

16  197  (3.  August)

espondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

3
        <pb n="50" />
        34

Erwin  Respondek,

1870  war  das  Notenemissionsrecht  auf  1800  Mill.  Frcs.  begrenzt  und
erlangte  19x6  als  vorläufige  Grenze  18  000  Mill.  Frcs.,  d.  h.  eine  Steigerung ­
  von  16  200  Mill.  Frcs.  in  45  Jahren.  Die  Notenemission  weist
in  der  gleichen  Epoche  eine  Zunahme  von  rund  14  700  Mill.  Frcs.  auf.
Diese  gewaltige  Steigerung  von  Notenkontingent  und  Notenumlauf
wird  in  ausschlaggebender  Weise  durch  die  heutigen  Kriegserfordernisse
hervorgerufen.  Es  fallen  im  Notenkontingent  auf  das  Plus  von  16  200
Mill.  Frcs.  allein  11  200  Mill.  Frcs.  in  die  Kriegszeit  1914/16,  d.  h.  69  %
der  Gesamtzunahme,  und  auf  die  Notenumlaufsziffer  in  der  heutigen
Zeit  etwa  10  000  Mill.  oder  63  %  der  gesamten  Notenvermehrung.
Jene  bedeutende  Einwirkung  des  Krieges  auf  den  Notenumlauf
kommt  noch  klarer  zum  Vorschein  bei  einer  Darlegung  seiner  Minimalund
  Maximalziffern  innerhalb  der  Kriegsperiode.  Einem  Minimalnotenumlauf ­
  von  5743  Mill.  Frcs.  am  26.  März  1914  stand  ein  Maximalnotenumlauf ­
  am  24.  Dezember  von  10  042,9  Mill.  Frcs.  gegenüber 1 ).
Und  schon  nach  Verlauf  eines  Kriegs)  ahres  wies  der  Notenumlauf
eine  Steigerung  von  6,6  Milliarden  Frcs.  auf.  Er  bertrug  am:
24.  Juli  19x4  5  911,0  Mill.  Frcs.
22.  Juli  1915  .  .  .  ....  12  5x2,8  „  „
d.  h.  eine  Zunahme  von  .  .  6  601,8  Mül.  Frcs.
Nach  Ablauf  des  zweiten  Kriegsjahres;
22.  Juli  1915  12  512,8  Mill.  Frcs.
27.  Juli  rgx6  .  .  .  ■  ■  16  090,0  „  „
ein  Plus  von  3  577,2  Mill.  Frcs.
also  weit  mehr  als  die  Hälfte  der  Notenzunahme  innerhalb  des  ersten
Kriegsjahres.  Im  Vergleiche  zum
24.  Juli  1914  5  911,0  Mill.  Frcs.
27.  Juli  1916  16  090,0  „  „
eine  Vermehrung  von  .  10  179,0  Mill.  Frcs.
Eine  derartige  Mehrausgabe  von  Noten,  die  vornehmlich  zum  Zwecke
der  Kriegführung  allmählich  aber  fortschreitend  diese  Unsumme  von
neuen  Zahlungsmitteln  schuf,  erscheint  zunächst  als  eine  Inflation.
Sie  kann  leicht  zu  einer  Entwertung  des  Geldes  führen  und  damit  zu
einer  allgemeinen  Steigerung  der  Preise.  Ein  gewisser  Ausgleich  war
9  Von  den  in  Höhe  von  10  048  Mill.  Frcs.  1914  und  13  221  Mill.  Frcs.  1915  zirkuliarenden
  Noten  entfielen  auf:

1914

1915

Stück

Stück

Noten

ZU

IOOO

Frcs.  .  .

.  .  2  518  075

2  805  016

»

ft

500

ft  •  •

•  •  929  329

1  062  8or

ff

tt

IOO

ff  *  *

.  .  41  826  143

55  287  137

»

tt

50

ft  *  *

■  •  33  769  898

45  777  707

yy

tt

25

ff  •  •

.  .  14  974

15  155

tt

ff

20

ff  •  *

.  .  40  175  250

67  449  389

ft

ff

5

.  .  78  034  334

143  609  487

Geschäftsbericht  der  Bank  von  Frankreich  19x4,  S.  21,  1915,  S.  50.
        <pb n="51" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

35

3'

ja  in  den  ersten  Kriegsmonaten  gegeben.  Er  lag  in  der  Thesaurierung
von  Hartgeld  und  Noten.  Aber  die  ununterbrochene  Steigerung  in  der  Ausgabe ­
  von  Noten  erforderte  Gegenmaßregeln,  um  eine  Entwertung  des  Geldes
zu  vermeiden.  Unabhängig  von  der  bei  vielen  Notenbanktheoretikern
tief  wurzelnden  Dritteldeckung  in  Gold,  bewahrt  die  Note  im  Inlande
und  Auslande  nur  so  lange  ihren  nominellen  Wert,  als  die  Bevölkerung
ihr  volles  Vertrauen  schenkt.  Eine  Notenzirkulation  aber,  die  von  einer
Milliarde  zur  anderen  ohne  Ruhepausen  steigt  und  auf  einer  beweglichen
Goldbasis  zwischen  4000—5000  Mill.  Frcs.  ruht,  muß  ein  gewisses
Furchtgefühl  erregen  und  auch  im  Auslande  Bedenken  hervorrufen.
Eine  fortgesetzte  Notenausgabe  ließ  und  läßt  sich  infolge  der  Staatsvorschußleistungen ­
  jedoch  nicht  vermeiden.  Nun  kann,  was  durch
die  Darlegungen  begründet  ist,  infolge  der  intensiven  Thesaurierung
nicht  von  einer  Notenzirkulation  gesprochen  werden,  sondern  nur
von  einer  Notenemission.  Die  Bank  von  Frankreich  suchte  daher
die  von  der  Bevölkerung  thesaurierten,  in  ihrem  Wochenausweis  als
emittiert  erscheinenden  Noten  wieder  an  sich  zu  ziehen  und  leitete
in  der  Tagespresse  eine  geschickte  Propaganda  ein,  um  dieses  Ziel  zu
erreichen 1 ).  Sie  stellte  es  als  eine  patriotische  Tat  hin,  nur  so  viel  Noten
im  Haushalte  zu  halten,  als  der  laufende  Bedarf  es  unbedingt  erfordert.
Die  überschüssigen  Summen  sollten  für  Rechnung  der  Eigentümer
in  das  Depot  der  Notenbank  gegeben  werden.  Hier  stehen  sie  den  Besitzern ­
  jederzeit  zur  Verfügung  und  sind  sicherer  als  in  jedem  Geldschrank
aufbewahrt.  Die  Bank  selbst  errichtete  zu  diesem  Zwecke  den  Privaten
besondere  Konten  und  gewährleistet  dem  Einlieferer  die  jederzeitige
Rückzahlung  des  Noten-Dupots.  Diese  Einzahlungen  würden  in  der
Wochenbilanz  unter  den  „täglich  fälligen  Verbindlichkeiten“  ihre  Verrechnung ­
  finden  und  so  hier  weniger  auffallen  als  der  Posten  „Notenumlauf“. ­
  Von  welchen  Erfolgen  diese  Bewegung  begleitet  war,  konnte
bisher  nicht  ermittelt  werden,  da  in  dem  Bankausweise  hierüber  keinerlei
zahlenmäßige  Angaben  verzeichnet  und  auch  von  keiner  Seite  aus  irgendwelche ­
  Mitteilungun  gemacht  sind.  Es  ist  aber  mit  großer  Wahrscheinlichkeit ­
  anzunehmen,  daß  durch  die  rege  und  eindringliche  Propaganda
beträchtliche  Mengen  der  festgehaltenen  Noten  losgelöst  wurden,  aber
weniger  um  in  die  Keller  der  Bank  von  Frankreich  zu  fließen  als  in  den
freien  Verkehr  und  hier  die  schädlichen  Wirkungen  der  anhaltenden
Notenausgabe  noch  verstärken  halfen.
Den  der  Volkswirtschaft  einguräumten  Diskontkredit  zeigt  die  Bewegung ­
  des  Wechselbestandes  an.  (Die  Lombarddarlehen  halten
sich  in  engen  Grenzen  und  können  hier  außer  Betracht  gelassen  werden 1  2 ).)
1 )  Temps  im  August  1915;  Semaine  Financiere  Juli—Sept.  1915.
2 )  Nach  den  Wochenausweisen  gewährte  die  Notenbank  die  folgenden  Vorschüsse
an  Private:
28.  Januar  1915  725,00  Mill.  Frcs.
29.  Juli  1915  59 1 , 00  „
16.  Dezember  1915  1146,00  „  „  *)  (wenden!)
*)  Erste  Einzahlung  auf  die  I.  Kriegsanleihe.
        <pb n="52" />
        36

Erwin  Respondek,

Nach  dem  Bericht  der  Notenbank  in  der  Generalversammlung  vom
28.  Januar  1915 *  1 )  erreichten  die  Diskontierungen  im  Jahre  1914  ihr
Minimum  am  21.  März  mit  .  1309,00  Mill.  Frcs.
Maximum  am  r.  Oktober.  .  4475,00  „  „
d.  h.  eine  Zunahme  von  .  .  3x67,00  Mül.  Frcs.

Das  Wechselmoratorium  bringt  der  Bank  einen  toten  Posten.  Die
vom  Moratorium  betroffenen  Wechsel  verzeichnete  die  Bank  daher  gesondert ­
  und  schuf  ein  neues  Konto,  das  am  1.  Oktober  19x4  unter  Einschluß ­
  der  unverfallenen  Wechsel,  die  ohne  einen  zu  großen  Fehler  mit
etwa  200  Mill.  Frcs.  zu  veranschlagen  sind,  einen  Bestand  aufwies  von:
x.  Oktober  1914  4476,00  Mill.  Frcs.
Schon  nach  wenigen  Monaten,  am  29.  Juli  1915  war
der  Posten  auf  2140,00  „  „
gesunken,  d.  h.  eine  Verminderung  von  2336,00  Mill.  Frcs.
gegenüber  dem  1.  Oktober  1914.
Die  Reduktion  der  Moratoriumswechsel  geht  sichtlich  weiter,  wenngleich ­
  sie  in  den  letzten  Monaten  des  Jahres  1915  sich  etwas  verlangsamte.
In  absoluten  Zahlen  dargestellt,  kommt  diese  Verlangsamung  klar  zum
Vorschein:
In  der  Zeit  vom:
15.  Oktober  bis  10.  Dezember  1914  .  .  721,00  Mill.  Frcs.
10.  Dezember  bis  24.  Dezember  .  .  .  160,00  „  „
24.  Dezember  19x4  bis  28.  Januar  1915  296,00  „  „
28.  Januar  bis  4.  Februar  43,00  „  „
Weiterhin  z.  B.:
ix.  März  bis  25.  März  89,00  „  „
22.  April  bis  29.  April  106,00  „  „
Dagegen  z.  B.:
4.  November  bis  11.  November  .  .  .  9,00  „  „
23.  Dezember  bis  31.  Dezember  .  .  .  5,00  „  „
31.  März  1916  bis  6.  April  27,00  „  „
27.  Juli  bis  3.  August  3,00  „  „
Für  einen  schnellen  Abbau  der  gestundeten  Wechsel  war  die  Notenbank ­
  überaus  eifrig  tätig,  da  mit  ihrer  Liquidierung  eine  gesunde
Entwicklung  des  Wirtschaftslebens,  die  eigene  für  die  Kriegszeit  doppelt
notwendige  bessere  Fundierung,  höhere  Beweglichkeit,  sowie  größere
Sicherheit  verknüpft  sind.  Sie  war  bestrebt,  den  Wechselverpflichteten
alle  nur  möglichen  Erleichterungen  zu  bieten,  damit  diese  ihre  Schulden
möglichst  vor  dem  Ablauf  des  Moratoriums  abdecken  können.  Nach
den  Bestimmungen  der  Dekrete  vom  9.  August  1914  und  ergänzenden
Bestimmungen  ist  der  jeweilige  Wechselinhaber  von  der  Präsentation
des  Wechsels  bis  zum  Ablauf  der  Verlängerungsfrist  befreit.  Die  Bank
3.  Februar  1916  1270,00  Mill.  Frcs.**)
27.  August  2916  1177,00  „  „
**)  Höchstbetrag.
l )  Siehe  a.  a.  O.  S.  17.
        <pb n="53" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

37

hatte  aber  im  Interesse  der  Wirtschaftenden  den  Verpflichteten  im
voraus  Nachricht  zukommen  lassen,  daß  sie  die  Besitzerin  der  jeweilig
in  Frage  kommenden  Tratte  sei  und  diese  zur  Einlösung  bei  ihr  bereit
liege.  Es  ist  dies  eine  große  Arbeit,  tausende  von  Wechseln  zu  sondieren, ­
  Nachrichten  abzugeben  u.  v.  a.  m.,  die  aber  Schuldnern  wie  auch
Gläubigern  große  Erleichterungen  schafft  und  von  reichlichem  Erfolge
gekrönt  wird.
Innerhalb  zweier  Kriegsjahre  wurden  bei  der  Notenbank  amortisiert:
Bestand  am  i.  Oktober  1914  ....  4476,00  Mill.  Frcs.
Bestand  am  3.  August  1916  ....  1438,00  „  „
Amortisationssumme  3038,00  Mill.  Frcs.

Über  die  nähere  Zusammensetzung  des  Moratorium-Wechselbestandes ­
  sind  keine  Anhaltspunkte  vorhanden.  Es  wäre  aber  für  eine  restlose
kritische  Würdigung  dieser  immerhin  erstaunlichen  Leistungsfähigkeit
der  Schuldner,  über  die  Qualität  des  gesamten  Wechselmaterials  usw.,
notwendig  und  interessant  zu  kennen,  welchen  Anteil  am  Gesamtbeträge
und  dann  an  der  Amortisationssurame  die  Banken  und  Privaten  —  hier
wiederum  spezialisiert  nach  der  Höhe  der  Wechselsummen  —  haben.
Kombinationen  können  die  positiven  Zahlen  nicht  ersetzen.  Und  so
überrascht  es  auch  Wenig,  daß  alle  Voraussagungen  in  den  Zeitungen
und  auch  der  Fachpresse 1 ),  nach  denen  die  Liquidation  dieses  Wechselportefeuilles ­
  wenigstens  ein  halbes  Dutzend  Jahre  beanspruchen  sollte
und  einen  Verlust  von  6—8  %  erzeugen  dürfte,  nicht  eintreten  werden.
Der  erste  Teil  der  Behauptung  ist  durch  die  Tatsache  der  steten  Abnahme ­
  widerlegt  und  damit  der  zweite  in  Frage  gestellt.  Zudem  hat
die  französische  Regierung  durch  die  Zusicherung  eines  Amortisationsfonds ­
  —  2  %  vom  Zinsendienst  des  Staates  für  die  Vorschüsse  der  Notenbank ­
  dienen  als  Deckung  möglicher  Verluste  aus  dem  Wechselbestande  —
für  den  zweiten  Teil  eine  Ausfallgarantie  übernommen.  Es  ist  nach
allem  somit  kaum  anzunehmen,  daß  die  Notenbank  erhebliche  Verluste
erleiden  Wird.
Die  Notenbank  hat  in  den  letzten  Jahren  vor  Kriegsausbruch  eine
sorgfältige  und  methodische  Goldansammlung  verfolgt,  um  eine
immer  breitere  Basis  für  die  Emission  außergewöhnlicher  Notenmengen
zu  gewinnen.  Auch  sie  beachtete,  wie  eine  jede  Zentralnotenbank  der  europäischen ­
  Staaten,  die  finanziellen  Maßnahmen  der  anderen  Notenbanken
und  alle  Zeichen  von  möglichen  politischen  Verwicklungen,  die  zum  Kriege
führen  könnten.  Sie  ging  von  der  Erwägung  aus,  daß  sie  sich  gegen
alle  Möglichkeiten  und  Erschütterungen  am  besten  dadurch  schützt,
wenn  sie  ihre  Goldreserven  erheblich  stärkt.  Seit  Beginn  des  Jahres
1 )  Vgl.  z.  B.  unter  der  neuesten  Kritik  u.  a.  auch  H.  Koppe,  a.  a.  O.  S.  740:
Koppe  vergleicht  die  Moratoriumswechsel  mit  einer  Ware,  „die  das  Liegen  nicht  verträgt“ ­
  und  fährt  weiter  wörtlich  fort:  „Wie  die  Vermögenslage  der  Schuldner  dieser  „effets
prorogfe“  nach  Friedensschluß  sein  wird,  ist  höchst  fraglich.  Die  Bank  wird  jedenfalls
starke  Verluste  an  diesen  Papieren  haben,  und  ihre  Lage  ist  daher,  soweit  sie  mit  solchem
Wechselmaterial  belastet  ist,  unerquicklich.“
        <pb n="54" />
        3«

Erwin  Respondek,

f

1913  zog  sie  daher  in  auffallender  Weise  Gold  an  sich,  und  es  gelang
ihr,  von  diesem  Zeitpunkte  an  bis  zum  Ende  des  Jahres  1914  den  Goldbestand ­
  um  fast  eine  Milliarde  Frcs.  zu  erhöhen.
Mit  welchem  zielbewußten  Willen  die  Notenbank  arbeitete,  beweist
die  Tatsache,  daß  sie  auch  kein  Opfer  scheute,  um  das  gelbe  Metall
zu  erlangen.  Dieses  Streben  um  Gold  wurde  ohne  Berücksichtigung
der  öffentlichen  Meinung,  ohne  Rücksicht  auf  Preis  u.  ä.  m.  fortgeführt.
Frankreich  war  —  neben  Rußland  —  in  den  ersten  Monaten  des  Jahres
1914  ständiger  Käufer  auf  dem  Londoner  Goldmarkte,  auch  wenn  der
Wechselkurs  gegen  das  Land  notierte.  Keine  Woche  verging,  in  der
die  Notenbank  nicht  einen  Goldzuwachs  in  den  Ausweisen  zu  ihren
Gunsten  zu  verbuchen  gehabt  hätte.  Die  Schuldner-Staaten  —  Südamerika, ­
  New  York  usw.  —mußten  ihre  Zahlungen  in  Gold  remittieren 1 ).
So  ergoß  sich  nach  Frankreich  ein  ununterbrochener  Goldstrom,  den
die  Notenbank  in  ihre  Keller  leitete.
In  der  Tabelle  auf  S.  39  wird  der  Versuch  gemacht,  auf  Grund
der  Angaben  der  „Frankfurter  Zeitung“  über  die  Goldbewegungen
—  aus  den  Wochenberichten  ihres  Pariser  Korrespondenten  —  und  den
ausgewiesenen  Goldzuwachs  in  den  Wochenbilanzen  der  Bank  den  Goldzufluß ­
  aus  dem  Auslande  in  die  Bank  von  Frankreich  zu  erfassen.  Als
Zeitspanne  dient  die  Periode  vom  1.  Januar  bis  1.  Juli  1914.
Aus  dieser  Aufstellung  ist  ersichtlich,  daß  der  Goldzuwachs  bei
der  Notenbank  im  1.  Semester  1914:  468  Mill.  Frcs.  beträgt.  Ihm  steht
ein  Goldzufluß  aus  dem  Auslande  im  1.  Semester  1914  von  426  Mill.
Frcs.  gegenüber.
Auch  unter  Berücksichtigung  möglicher  Fehlerquellen,  wie  etwa
doppelte  Anführung,  unterlassene  Meldungen  seitens  des  Korrespondenten, ­
  kann  der  innere  Zusammenhang  dieser  äquivalenten  Bewegungen
nicht  erschüttert  werden.  Für  die  unentwegten  Ankäufe  auf  dem
Londoner  Goldmarkte  —  auch  Rußland  war  hier  ständig  vertreten
und  zeichnete  sich  infolge  stark  ausgeprägten  Bedürfnisses  bei  den
Goldankäufen  besonders  aus  —  wurden  zur  Beruhigung  der  anderen ­
  Staaten  die  verschiedensten  Erklärungen  abgegeben.  Einmal
wurde  das  Gold  zu  „finanziellen  Transaktionen“  benötigt,  dann
wiederum  für  Rußland,  das  größere  Bahnbauten  und  Valutaregulierungen ­
  vornehmen  möchte,  usw.  Der  Drang  nach  dem
Golde  war  um  so  unverständlicher,  als  die  Wechselkurse  für  beide
Länder  ungünstig  waren  und  somit  theoretisch  keine  Goldkäufe  zuließen. ­
  So  führte  u.  a.  die  „Frankfurter  Zeitung“  als  einen  Erklärungsgrund ­
  an:
„Sicher  scheint  es  zu  sein,  daß  ein  gut  Stück  Nervosität  mitspieit,
b  Anläßlich  der  starken  Goldzugänge  schreibt  die  „Frankfurter  Zeitung“  vom  x6.  Juni
1914  wörtlich:  „Frankreich  zieht  ganz  augenscheinlich  immer  mehr  von  allen  Seiten
seine  Guthaben  zurück  und  hat  auch  wohl  Effekten  verkauft,  für  die  es  nunmehr  Gold
erhält.“
        <pb n="55" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

39

Goldzufluß  zur  Notenbank  und  Anteil  des  Auslandes  hieran.
(Eine  Parallele  laut  Bankausweis  und  Zeitungsberichten).

Tag  des
Ausweises

Goldbewegung  nach  dem
Ausweise  der  Notenbank

Goldzufluß  nach  Zeitungsberichten

Goldbestand ­


Zu-  und
Abnahme

Monats-Überschuß


mögl.  Eiugangstag


Goldeingang ­


Monatszufuhr ­


1914

Januar  2.

3508,00

+  0

Januar

8.

3503» 00

—  5

15-3511,00



+  8

22.

3521,00

+  10

19.

11,00

29.

3533,00

+  12

+  30,00

3i-18,00



+  29,00

Februar  5.

3549,00

+  16

Februar  2.

17,90

12.

3572,00

+  23

9-31,00



19-3588,00



+  16

'  26.

3598,00

+  10

+  65,00

25-14,00



+  62,90

März  5.

3603,00

+  5

März  3.

11,25

12.

3610,00

+  7

l6.

12,00

19.

3622,00

+  12

24-11,00



26.

3624,00

+  2

+  26,00

+  34,25

April  2.

3616,00

—  8

April  1.

5,00

9-3627,00



+

9-1,30



l6.

3638,00

+  n

l6.

2,50

23-3644,00



+  6

21.

14,00

30.

3646,00

+  2

+  30,00

28.

4,00

+  26,80

Mai  7.

3661,00

+  iS

Mai  4.

7,60

14.

3674,00

+  13

7-5,40



12.

16,00

22.

3700,00

+  26

13-10,00



18.

16,50

28.

373 1 , 00

+  31

+  85,00

26.

24,50

+  80,00

Juni  4.

3783,00

+  52

Juni  8.

60,25

II.

3824,00

+  41

9-4,00



18.

3875,00

+  51

21.

28,50

25-3976,00



-(-  101

+  245,00

30.

100,00

+  192,75

Goldzufluß

1.  Jan,-30.  Juni

468,00

—

—

ljan.-30.juni

—

425,70

Juli  2.

4058,00

+  82

Juli  I.

10,00

9-4093,00



+  35

14.

40,00

l6.

4093,00

-}-  O

20.

5,00

23-4104,00



+  11

23.

23,00

30.

4141,00

+  37

+  165,00

+  78,00

die  ihren  Grund  in  den  ungünstigen  Börsenverhältnissen  in  Frankreich
und  Rußland  hat“ 1 ).

! )  „Frankfurter  Zeitung“  vom  15.  Mai  1914-  Vgl.  dagegen  Lansburgh,  „Bank“
1914,  S.  601  ff.,  der  die  Goldaufkäufe  am  Londoner  Markt  durch  russische  und  französische
Banken  als  eine  natürliche  Folge  der  seitens  der  russischen  Regierung  gekündigten,  in
        <pb n="56" />
        40

Erwin  Respondek,

Konnten  auch  die  führenden  Finanziers  in  Frankreich  und  den
anderen  Ländern  über  den  wahren  Charakter  dieser  seit  1913  intensiv
betriebenen  Goldansammlungspolitik  nicht  im  Unklaren  gehalten  werden,
so  nahm  oder  wollte  man  doch  nicht  annehmen,  daß  die  Notenbank
reine  und  hochgradig  notwendige  Kriegsvorbereitungen  verfolgte.  Vielmehr ­
  neigte  man  mehr  oder  minder  dazu,  den  Erklärungen,  die  doch
aus  guter  Quelle  kamen,  Glauben  beizumessen  und  die  Goldanhäufung
nur  als  eine  Vorsichtsmaßregel  gegen  irgendwelche  wirtschaftlichen  Krisen
zu  betrachten.  Wie  sehr  man  sich  in  vielen  dieser  Auslegungen  täuschte,
bewiesen  bald  die  Ereignisse  im  Juli  und  August  1914.
Nach  dem  Geschäftsbericht  für  das  Jahr  1914  weist  die  Goldbewegung ­
  im  Vergleich  zum  Jahre  1913  die  folgenden  Ziffern  auf:
Goldzuwachs  (in  Mül.  Frcs.).
1913  I9r4
X.  Semester  +  109,7  +  458,3
II.  „  4-  200,4  +  182,8
I  II  I".  I  "  «u
I.  u.  II.  Semester  .  .  .  +  310,1  +  641,1
1913  und  1914  95i,2
In  den  ersten  Monaten  des  Krieges  ruhte  die  sonst  so  wirksame
Werbetätigkeit  nach  dem  Golde,  und  der  Goldbestand  blieb  ziemlich
konstant.  Er  erfuhr  bis  Mitte  April  1915  nur  eine  kleine  Steigerung.
Er  war  am:
31.  Juli  1914  4i4i,3  Mül.  Frcs.
15.  April  19x5  4253,3  „  „
d.  h.  also  ein  Plus  von  112,0  Mül.  Frcs.

Und  der  Gouverneur  der  Bank  von  Frankreich  konnte  in  der  Generalversammlung ­
  vom  28.  Januar  1915  wohl  sagen:
„Frankreich  besitzt  noch  beträchtliche  eigene  Goldreserven,  und
trotz  der  eingetretenen,  vorübergehenden  Einschränkungen  in  dem
Zustande  seines  auswärtigen  Handels,  seit  Ausbruch  der  Feindseligkeiten, ­
  bleibt  es  dennoch  Gläubiger.  Weit  davon  entfernt  Gold  ausgeführt ­
  zu  haben,  war  es  bereits  imstande,  welches  zu  erwerben“ 1 ).
Aber  hohe  Kriegsbezüge  aus  dem  Auslande  und  stete  Notenemission
erschütterten  kurz  darauf  die  Kaufkraft  des  Franken  und  erforderte«
eine  kräftige  Stützung  durch  Gold.  Der  sichtbare  Goldschatz  sank
schnell.
Vom  15.  April  1915  4253,3  Mül.  Frcs.
bis  zum  20.  Mai  1915  auf  3907,3  „  „
d.  h.  um  346,0  Mül.  Frcs.
Noch  Weitere  Goldabgaben  waren  durch  die  ständig  schwankende
und  sinkende  Valuta  notwendig.  Dem  Bestände  der  Notenbank  allei«
Paris  ruhenden  Guthaben  ansieht.  Durch  Konvention  sind  die  ausländischen  Kassenhalter ­
  der  russischen  Regierung  verpflichtet,  auf  ihr  Verlangen  nicht  in  Devisen  zu  remittieren, ­
  sondern  effektives  Gold  zu  senden.
h  Siehe  a.  a.  O.  1914,  S.  15.
        <pb n="57" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

41

durfte  jedoch  nicht  zu  viel  entzogen  werden.  Nunmehr  mußten  die
stillen  Goldreserven,  von  denen  der  Leiter  der  Bank  von  Frankreich
sprach,  und  die  in  den  festen  Kasten  und  Fächern  der  Privaten  verborgen
ruhten,  mobil  gemacht  werden.  Die  Nachfrage  nach  dem  gelben  Metall
wurde  nun  plötzlich  so  dringend  und  stark,  daß  sogar  der  Finanzminister
die  Organisation  der  Goldkonzentration  persönlich  übernahm.  Er  leitete
durch  einen  Aufruf  vom  2.  Juli  1915  im  Lande  eine  regelrechte  Goldpropaganda ­
  ein.  Frankreich  folgte  mit  diesem  Beginnen  nur  einem
Beispiele.  Schon  viel  früher  begann  in  den  anderen  kriegführenden
Staaten  -—  namentlich  in  Deutschland  —  das  Bestreben,  das  umlaufende
oder  zeitweilig  aufbewahrte  Verkehrsgold  in  den  Zentralnotenbanken
zu  konzentrieren.  Frankreich  folgte  zwar  etwas  spät  mit  diesen  Anstrengungen, ­
  dafür  aber  um  so  intensiver.  Auf  den  Ruf  des  französischen ­
  Nationalökonomen  P.  Leroy-Beaulieu  wurde  nicht  mehr  geachtet. ­
  Seine  Mahnung;
„Man  ruft  sie  nicht  (die  Milliarden  Gold),  und  man  hat  recht.  Wir
beurteilen  die  Haltung  der  Deutschen  Reichsbank  bezüglich  der  Goldansammlung ­
  für  verfehlt,  denn  dies  ist  das  beste  Mittel,  die  Noten  zu
entwerten.  Laßt  also  die  Privaten  das  Gold,  das  ihnen  zusteht,  bewahren,
achtet  darauf  nicht,  und  die  Noten  werden  einen  besseren  Wert  haben“ 1 ),
die  er  noch  im  Januar  ertönen  ließ,  wurde  jetzt  übertönt  und  vergessen.
Um  Gold  rief  der  Prediger  von  der  Kanzel  herab,  in  den  Beichtstühlen
wurde  den  gottesfürchtigen  Gläubigen  ins  Herz  geschrieben,  ihr  Gold
zur  Bank  zu  bringen.  Die  Presse  war  bemüht,  die  Bevölkerung  aufzuklären, ­
  daß  die  Thesaurierung  von  Gold  absolut  zwecklos  ist  und  das
Gold  in  der  Bank  sicherer  aufbewahrt  wird,  als  in  den  Geldschränken,
in  der  Schule,  in  Vereinen  wurden  Goldsammlungen  veranstaltet.  Bis
zu  welchem  Grade  vor  allem  die  französische  Presse  ihre  rührige  Goldpropaganda
  getrieben  hat,  zeigt  ein  Erlaß  von  Geboten,  die  der  „Temps“
einem  jeden  guten  und  patriotischen  Franzosen  vorschreibt.  Er  schreibt 2 ):
„Unsere  finanzielle  Pflicht  ist  eine  doppelte:
1.  Es  ist  nichts  zu  unternehmen,  was  unsere  wirtschaftliche  Tätigkeit ­
  schädigen  könnte.
2.  Alles  ist  zu  tun,  was  unsere  Verteidigung  unterstützen  kann.
Erstens:  Die  negative  Pflicht.
Verberget  nicht  das  Gold,  verstecket  nicht  das  Silbergeld,  verberget
nicht  eure  Nickel-  und  Kupfermünzen.  Sein  Gold  verbergen,  heißt
dem  Lande,  welches  dasselbe  für  seine  Transaktionen  mit  dem  Auslande
braucht,  Schaden  zufügen;  seine  Silber-,  Nickel-  und  Kupfermünzen
verbergen,  heißt  seine  Unkenntnis  dokumentieren,  heißt  den  Handel
schädigen,  heißt  jede  Tätigkeit  ersticken.
Zweitens:  Die  positive  Pflicht.
Dieses  Gold,  das  ihr  nicht  aufschatzen  sollt,  müßt  ihr  zur  Bank
von  Frankreich  tragen,  denn  sie  wird  hieraus  die  erwünschten  Vorteile

1 )  L’Economiste  Fraufais.  Januar  1915,  S.  4.
2 )  Temps.  13.  August  1915.
        <pb n="58" />
        42

Erwin  Respondek,

ziehen.  Dieses  Gold  bleibt  in  euren  Händen  in  Gestalt  von  Noten,  je
nachdem  in  5-,  20-,  5o-Frcs.-Noten.  Alle  Noten,  aber  auch  alle,  sind  gegenwärtig ­
  das  wahre  Geld  Frankreichs.“
Nunmehr  wurde  nicht  davor  gescheut,  die  früher  wegen  ihrer  Goldpropaganda ­
  viel  geschmähte  Deutsche  Reichsbank  als  ein  Beispiel  hinzustellen, ­
  das  Pflichtgefühl  eines  jeden  Deutschen  gegen  sein  Vaterland,
das  Arm  und  Reich  zur  Notenbank  trieb,  um  hier  sein  weniges  oder
vieles  Gold  in  Noten  umzutauschen,  und  dies  in  einer  Zeit,  in  der  sein
Vaterland  den  schwersten  aller  seiner  Waffengänge  führt,  zu  loben.
R.-G.  Levy  erhebt  seine  Stimme  und  möchte  das  deutsche  Beispiel  gern
nachgeahmt  sehen.  Er  sagt:
„Den  Deutschen  ist  es  gelungen,  den  Goldbestand  der  Reichsbank
seit  Beginn  des  Krieges  um  1  Milliarde  zu  erhöhen.  Man  hat  die  Mittel,
mit  denen  die  Bank  das  erreicht  hat,  kritisiert  und  sich  überaus  lustig
gemacht.  Aber  auch  wenn  nicht  alle  deutschen  Maßnahmen  gleich
glücklich  waren,  so  müssen  wir  doch  das  Ergebnis  feststellen,  das  teilweise ­
  dem  aufgeklärten  Patriotismus  einer  gewissen  Anzahl  von  Deutschen, ­
  die  ihre  Pflicht  verstanden  haben,  zu  verdanken  ist.  Nichts  Ähnliches ­
  hat  es  bei  uns  gegeben.  Jetzt  aber  ist  es  notwendig,  dem  deutschen
Beispiel  zu  folgen  und  der  Bank  von  Frankreich  alles  Gold  zukommen
zu  lassen!“ 1 )
Das  Volk  kam  diesen  Bestrebungen  aber  nur  langsam  entgegen.  Um
aus  dieser  Bewegung  sichtbare  Erfolge  zu  erzielen,  war  man  gezwungen,
ihr  gewisse  Reizmittel  zuzuführen.  Von  diesen  beansprucht  besonderes
Interesse  ein  Vorschlag  des  Finanzministers  Ri  bot.  Angeblich  angeregt
durch  Bitten  der  Seine-Departement-Deputierten,  bittet  er  die  Notenbank ­
  in  einem  Schreiben  —  2.  Juli  1915,  —  besondere  Schalter  in  Paris
und  in  den  Provinzen  für  den  Goldannahmedienst  zu  eröffnen,  um  allen
Gelegenheit  zur  Goldablieferung  zu  geben.  Außerdem  wünscht  er,  daß
dem  Einlieferer  ein  Belobigungszertifikat  ausgefertigt  werden  solle,
das  Zeugnis  davon  gibt,  daß  der  Goldeinlieferer  seinen  Schatz  der  Bank
von  Frankreich  zum  Dienst  der  nationalen  Verteidigung  zur  Verfügung
stellte.  Dieses  Zertifikat  ist,  eingerahmt  und  sorgsam  im  besten  Zimmer
sichtbar  gemacht,  in  der  Tat  ein  wirksames  Mittel,  um  den  ehrgeizigen
Franzosen  anzuspornen,  eine  patriotische  Tat  zu  verrichten *  2 ).  Der  Goldbestand ­
  begann  langsam  zu  steigen,  und  seit  Anfang  Juli  nimmt  er
J )  Petit  Journal,  18.  Juni  1915.
2 )  Im  Februar  des  Jahres  1916  hat  auch  die  Reichsbank  den  Entschluß  gefaßt  und
in  die  Wirklichkeit  übertragen,  jedem  Goldeiulieferer  auf  Wunsch  ein  Gedenkblatt  für  sein
Gold  —  bei  einer  Mindestablieferungssumme  von  200  Mk.  —  auszuhändigen.  Dieses  Gedenkblatt ­
  ist  vornehm  ausgerüstet  und  trägt  die  Worte,  die  von  der  Reichsbank  in  ihrem
Verwaltungsberioht  für  1914,  S.  7  geprägt  wurden.  H.  Koppe  berichtet  —  es  ist  wohl
zum  ersten  Male  ausgesprochen  —  von  einem  anderen  Lockmittel.  Er  sagt  a.  a.  O.  S.  739
wörtlich:  „Gegen  die  nationale  Eigenheit  der  äußersten  Zugeknöpftheit  in  Geldsachen
spielte  man  klugerweise  die  noch  stärkere  der  Eitelkeit  aus,  indem  unter  anderem  das  im
republikanischen  Frankreich  heiß  begehrte  Kreuz  der  Ehrenlegion  als  Preis
für  Goldablieferung  in  Aussicht  gestellt  wurde.  “
        <pb n="59" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

43

von  Woche  zu  Woche  in  großen  Sprüngen  zu.  Er  stieg  von  seinem  Tiefstände ­
  :
am  20.  Mai  19x5  von  3907,3  Milk  Frcs.
bis  zum  24.  Juni  1915  auf  3927,2  „  „
d.  h.  in  einem  Monat  um  nur  rund  20  Mill,  Frcs.  Nach  der  Aushändigung
der  Belobigungszertifikate  dagegen;
vom  24.  Juni  1915  von  3927,2  Mill.  Frcs.
bis  26.  August  1915  auf  4266,3  „  „
d.  b.  in  2  Monaten  eine  Zunahme  von  339,1  Mill.  Frcs.
Es  ist  hierbei  zu  berücksichtigen,  daß  zu  gleicher  Zeit  die  erhöhten
Goldabflüsse  nach  dem  Auslande  angehalten  haben.  Sie  finden  ihre
Verbuchung  in  dem  Posten  „Guthaben  im  Ausland“.  Wenn  in  Erwägung
gezogen  wird,  daß  unter  dieser  Bezeichnung  seit  Beginn  des  Jahres
1915  bis  Ende  August  des  gleichen  Jahres  gegen  800  Mill.  Frcs.  ins  Ausland ­
  flössen 1 ),  so  kann  ermessen  werden,  welche  gewaltigen  Summen
Goldes  der  Notenbank  zugetragen  wurden.  Soweit  diese  Annahme
richtig  ist,  kann  das  in  dem  Posten:  „Guthaben  im  Auslande“  enthaltene
Gold  nur  unter  Vorbehalt  als  ein  Bankaktivum  angesehen  werden.
Die  Notenbank  selbst  hat  hierüber  keine  Aufklärungen  kundgegeben
und  die  Vermutungen,  daß  dieses  Gold  als  Deckung  von  Schulden,  Anleihen ­
  oder  ähnlichen  Verpflichtungen  nach  den  Gläubiger-Staaten
überführt  und  dort  für  Rechnung  der  Notenbank  verwahrt  wird,  dürften
der  Wirklichkeit  entsprechen.
In  den  folgenden  Monaten  löste  die  anhaltend  intensive  Goldpropaganda ­
  noch  größere  Erfolge  aus.  Während  des  Monats  September  z.  B.
konnte  die  Notenbank  von  Woche  zu  Woche  Goldzuflüsse  von  50  Mill.  Frcs.
und  mehr  ausweisen.  Der  volle  Umfang  dieser  Zugänge  von  Gold  aus
dem  Volke  fand  in  ihren  Ausweisen  aber  keine  Aufnahme,  da  ein  Teil
unverzüglich  ins  Ausland  abgeführt  werden  mußte.  So  stellt  der  wöchentliche ­
  Zufluß,  wie  ihn  die  Bilanz  registriert,  lediglich  den  Saldo  von  Zuund
  Abgang  dar.  Den  Gipfelpunkt  erreichte  diese  Bewegung  am  23.  Dezember ­
  1915.  An  diesem  Tage  wies  die  Bank  einen  Goldbestand  von
5071  Mill.  Frcs.  aus.  Wird  als  Ausgangspunkt  dieser  Goldsammlungs-Aera
  der  2.  Juli  1915  (Aufruf  von  Ribot)  angesehen,  so  hat  die
Notenbank  ein  für  den  Außenstehenden  sichtbares  Resultat  zu  verzeichnen, ­
  das  weit  über  alle  an  diese  Bewegung  geknüpften  Erwartungen
hinausgeht.  Unter  Heranziehung  der  in  den  Ausweisen  genannten  Ziffern

flössen  der  Notenbank  zu:
Goldbestand  vom  30.  Juni  1915  -  .  3932,00  Mill.  Frcs.
„  „  23.  Dezember  1915  5o7x,oo
eine  Summe  von  1139,00  Mill.  Frcs.

Im  Jahre  1916  sank  der  Geldvorrat  wieder  —  abgesehen  von  geringen ­
  Aufwärtsbewegungen  in  den  Monaten  Januar  bis  März  —  langsam
9  Laut  Wochenausweis;  28.  Januar  19x5  •  •  187,00  Mill.  Frcs.
26.  August  1915  ■  .  1009,00  „  „
Zunahme  822,00  Mill.  Frcs.
        <pb n="60" />
        44

Erwin  Respondek,

nach  unten.  Er  erreichte  z.  B.  am  n.  Mai  eine  Tiefe  von  4715,00  Mül.
Frcs.,  stieg  dann  wieder  allmählich  hoch.  Jedoch  ist  jetzt  hierbei  eine
Besonderheit  in  der  Bilanzaufstellung  innerhalb  des  Sammelpostens
„Gold“  zu  beachten,  die  zunächst  durchaus  harmlos  erscheint,  aber
für  die  kritische  Beurteilung  der  weiteren  Goldbewegung  von  Wichtigkeit ­
  ist,  da  sie  eine  Steigerung  vorgibt,  wo  tatsächlich  eine  Abwärtsbewegung ­
  bzw.  eine  Verminderung  des  Goldschatzes  vor  sich  geht.
Der  Wochenausweis  vom  8.  Juni  1916  führt  zum  ersten  Male  unter  dem
Abschnitt:  „Encaisse  de  la  Banque“  nicht  mehr  „Or“,  sondern  „Or  en
Caisse“  und  „Or  ä  l’etranger“.
Durch  diese  Zweiteilung  will  die  Notenbank  offenbar  das  von  ihrem
Vorräte  abgezweigte  und  nach  dem  Auslande  für  irgendeinen  bestimmten
Zweck  bereits  versandte  Gold  sichtbar  machen.  Sie  dürfte  bei  diesem
Vorhaben  von  der  Überlegung  geleitet  sein,  daß  es  vorteilhafter  ist,
ihre  Goldremittierungen  offen  durchzuführen  als  durch  die  Nichtregistrierung ­
  der  Goldabflüsse  ins  Ausland  allerlei  Verdächtigungen  ausgesetzt ­
  zu  sein.  Hinreichend  genügende  Beispiele  dafür,  welcher  Art
diese  Andichtungen  oder  Zweifel  sein  können,  bieten  die  anderen  Zentralnotenbanken, ­
  von  denen  man  der  einen  —  Österreichisch-Ungarische
Bank—-jeglichen  Goldbestand  abspricht,  der  anderen  —  Deutsche  Reichsbank ­
  —-  nachsagt,  daß  die  in  ihren  Wochenbilanzen  veröffentlichten
Angaben  über  den  Goldschatz  falsch  seien,  da  ein  Teil  des  Goldes  im
Auslande,  der  Rest  Eigentum  der  österreichisch-ungarischen  Notenbank
sei  I  Es  ist  aber  andererseits  auch  Idar,  daß  die  französische  Notenbank
durch  die  scharfe  Trennung  „Gold  in  der  Kasse“  und  „Gold  im  Auslande“ ­
  allein,  nicht  den  Beweis  zu  erbringen  vermag,  daß  sie  auch  mit
gutem  Rechte  den  Teil  „Gold  im  Auslande"  als  ein  Aktivum  in  ihrer
Bilanz  führen  kann  und  dard.  Die  Beantwortung  dieser  Frage  ist  abhängig ­
  von  dem  Zwecke,  den  jenes  „Gold  im  Auslande“  zu  erfüllen
hat.  Hier  liegt  die  neue  Grenze,  an  der  die  Notenbank  naturgemäß
mit  deutlichen  Erklärungen  zurückhält  und  dafür  die  Außenstehenden
mit  phantasievollen  Deutungen  wieder  einsetzen  können.  Solange
also  die  Bestimmung  des  Auslandsgoldes  nicht  einwandfrei  bekannt
gegeben  ist,  wird  die  Notenbank  durch  diesen  Schachzug  ihre  Stellung
nicht  kräftigen  können.
Von  Interesse  sind  die  Überlegungen,  die  in  der  „Frankfurter
Zeitung“ 1 )  veröffentlicht  wurden.  Sie  zieht  eine  Parallele  mit  dem  deutschen
Bankgesetz,  das  doch  im  §  17  vorschreibt,  die  Deutsche  Reichsbank
dürfe  nur  das  in  ihren  eigenen  Kassen  befindliche  Gold  als  Goldbestand
ausweisen,  sieht  aber  in  der  Zuziehung  des  „Gold  im  Auslande“  der
Bank  von  Frankreich  zum  Goldbestände  keine  Bedenken,  solange  die
französische  Notenbank  über  jenes  Auslandsgold  volles  Eigentumsund ­
  Verfügungsrecht  hat.  „Aber  was  in  aller  Welt  könnte  die  Bank
von  Frankreich  bestimmen,  einen  Teil  ihres  Goldes  abzuzWeigen  und
b  Siehe  „Frankfurter  Zeitung“,  21.  Juli  1916,  No.  200,  S.  4.
        <pb n="61" />
        Frankreichs  Bank-  und  inanzwirtschaft.

45

in  ausländische  Safes  zu  überführen?“  Dies  ist  unverständlich,  da
„das  Gold  doch  wohl  in  ihren  eigenen  Kassen  am  sichersten  aufgehoben“
sei.  Sie  gibt  schließlich  eine  Lösung  dieses  geheimnisvollen  Rätsels,,
indem  sie  sagt,  daß  die  Bank  von  Frankreich  an  dem  Golde,  das  bei
der  betreffenden  ausländischen  Bank  liegt,  lediglich  eine  entsprechende
Goldforderung  behält.  Es  ist  höchst  fraglich,  ob  diese  Überlegungen
richtig  sind,  und  daher  brauchen  auch  die  weiteren  auf  diesen  Boden
gestellten  Thesen  der  Wirklichkeit  nicht  zu  entsprechen,  nämlich:  „Dann
könnte  die  eigenartige  Folge  eintreten,  daß  dieselbe  Summe  Goldes
nicht  nur  im  Ausweis  der  Bank  von  Frankreich,  sondern  auch  im  Ausweis ­
  der  Bank  von  England  erscheint.“
Bei  der  unsicheren  Erkenntnismöglichkeit  der  tatsächlichen  Aufgabe
des  noch  dunklen  Postens  „Gold  im  Auslande“,  dem  beharrlichen
Schweigen  der  Notenbank  und  mit  Hilfe  eines  Zahlenkombinationsspieles ­
  mit  „Gold  in  der  Kasse“  und  „Gold  im  Auslande“  fällt  es  nicht
schwer,  die  Vermutung  auszusprechen,  daß  die  ganze  Transaktion  letzten
Endes  dahin  hinauslaufen  will,  starke  Goldverluste  zu  verschleiern.
Werden  die  Goldzu-  und  -abgänge  für  eine  längere  Zeit  unter  dem  Schema
der  neuen  Zweiteilung  verfolgt,  so  zeigen  sie  bei  der  Addition,  wie  sie
die  Bank  von  Frankreich  in  ihrem  Ausweis  vornimmt,  eine  Steigerung,
dagegen  bei  der  Subtraktion,  wie  sie  hier  durchgeführt  wird,  sobald

Zahlenspiel  mit  dem  Goldbestände  der  Notenbank  in
analytischer  Form.

Tag  des  Ausweises

Gold  in  der
Kasse

Gold  im
Auslande

Gesamter
Goldbestand

Zu-  oder  Abnahme
auf  den  2.  Juni  bezogen

Gesamtgoldbestand ­


Gold  in  der
Kasse

2 -  Juni  1916

4739.00

4739,00

8 -  Juni  .  .  .

4676,00

69,00

4745,00

+  6,00

-

-  63,00

*5-  Juni  .  .  .

4580,00

170,00

4750,00

-j-  11,00

-159,00

22 -  Juni  .  .  ,

4587,00

170,00

4757,00

+  18,00

-152,00

2 9-  Juiu  .  .  .

4492,00

271,00

4763,00

+  24,00

-247,00

6-  Juli  .  .  .

4499,00

271,00

4770.00

+  31,00

-240,00

*3-  Juli  .  .  .

4504,00

271,00

4775,00

+  36,00

-235,00

20 -  Juli  .  .  .

4509,00

271,00

4780,00

+  41.00

-230,00

2 7-  Juli  .  .  .

45i5,oo

271,00

4786,00

+  47.00

-224,00

3-  August  .  .

4522,00

271,00

4793,00

4-  54,oo

-217,00

I0 -  August  .  .

4426,00

371,00

4797,00

+  58,00

- 3 I 3&amp;gt; 00

1 '/-  August  .  .

4430,00

371,00

4801,00

+  62,00

-309,00

2 4-  August  .  .

4335,0°

473,00

4808,00

+  69,00

-404,00

31-  August  .  .

4239,00

574,00

4813,00

+  74,oo

-500,00

'/•  September

4244,00

574.00

4818,00

+  79,oo

-495.00

l 4-  September

4248,00

574,00

4822,00

+  83,00

-491,00

21 -  September

4152,00

675,00

4827,00

-j-  88,00

-587,00

28 -  September

4158,00

675,00

4833,00

+  94.00

-581,00

3*  Oktober

4166,00

674,00

4840,00

+  101,00

-573.00

l2 -  Oktober

4182,00

674,00

4856,00

+  117,00

-557,00

x 9-  Oktober  .

4211,00

674,00

4885,00

+146,00

-528,00
        <pb n="62" />
        46

Erwin  Respondek,

man  das  „Gold  im  Auslande“  nicht  mehr  als  ein  Aktivum  der  Bank
auffaßt,  eine  Senkung.
Die  hohe  Bedeutung  einer  starken  Goldbasis  ist  im  Kriege  erwiesen,
und  die  von  den  Zentralnotenbanken  überhaupt  bisweilen  unter  Opfern
betriebene  GoldaufSchätzungspolitik  hat  jetzt  durch  die  Gewalt  der  Ereignisse ­
  ihre  volle  Berechtigung  erhalten.  Zugleich  wurde  vor  allem  die
Notenbank  auf  die  Vorteile  eines  großen  konzentrierten  Goldbestandes
aufmerksam  gemacht  und  damit  auch  die  Notwendigkeit  organisierter,
von  einer  Zentralstelle  ausgehender  Goldexporte  zur  Stützung  der  Valuta
erkannt.  Noch  bis  zum  Ausbruch  des  Krieges  vertraten  die  Theoretiker
in  Frankreich,  Deutschland  —  vor  allem  in  England  —  die  Ansicht,
daß  die  Goldwährung  weniger  auf  dem  Goldbestände  der  Notenbank
als  auf  der  zirkulierenden  Goldmenge  beruhe.  (Siehe  den  Ausspruch
des  Herausgebers  der  Zeitschrift  „L’Economiste  Fran^ais“  auf  S.  41.)
Nunmehr  sind  in  diesen  Ländern  emsige  Bestrebungen  zu  verzeichnen,
durch  eine  gewaltige  Goldanhäufung  von  der  Go  Idwährung
zur  reinen  Goldkernwährung  überzugehen.
Krieg  und  wirtschaftliche  Not  führten  also  zu  der  Erkenntnis,
daß  nur  ein  konzentrierter  Goldschatz  einem  Staate  von  Nutzen  sein
kann.  Jene  Notenbanktheoretiker,  die  eine  solche  Politik  schon  lange
Zeit  vor  Kriegsausbruch  vertraten,  finden  jetzt  eine  Bestätigung  ihrer
Lehren.  Aber  unter  welchen  anderen  Verhältnissen  und  auf  Welchen
ganz  anderen  Wegen  sammeln  die  Notenbanken  in  Frankreich,  in  Deutschland ­
  und  in  anderen  Staaten  das  Gold  aus  dem  Verkehr!  Keineswegs
durch  das  Mittel  der  „kleinen  Note“  oder  ähnlichem.  Der  Zufluß  von
Gold  zur  Notenbank  ist  nicht  die  Folge  einer  verstärkten  Emission
kleiner  Notenabschnitte.  Sonst  hätte  die  Bank  von  Frankreich  bereits
vor  Monaten  ihren  Goldschatz  beängstigend  anwachsen  sehen  müssen!
Der  Staat  mag  durch  die  Notenbank  noch  so  viel  kleine  Noten  in  den
Verkehr  pressen,  er  wird  hiermit  nicht  ein  einziges  Goldstück  zu  verdrängen ­
  vermögen.  Die  Theorie,  daß  ein  Goldzufluß  allein  durch  die
Ausgabe  kleiner  Abschnitte  zu  erzielen  sei,  wird  durch  den  Krieg  abei
nicht  bestätigt 1 ).  Vielmehr  dürfte  die  primäre  Ursache  für  diese  auffällige ­
  Erscheinung  in  dem  wachgerufenen  und  geförderten  patriotischen
Gemeinsinn  der  Bevölkerung  zu  suchen  sein.
In  Frankreich  war  der  gleiche  Vorgang  zu  beobachten,  wie  ihn
Deutschland  ununterbrochen  seit  Kriegsbeginn  sieht  und  den  die  „Deut-!)
  P  1  e  n  g  e  a.  a.  O.  S.  134—150.  In  Deutschland  vertrat  Plenge  diese  Theorie.
Seine  eingehenden,  mit  überzeugender  Kraft  durchgeführten  Untersuchungen  über  die
verschiedenen  Möglichkeiten,  den  Goldbestand  der  Notenbank  zu  stärken,  zeitigen  als
einzig  gangbaren  Weg  die  Ausgabe  von  kleinen  Noten.  Plenge  unterschätzte  die  Schwierigkeiten ­
  nicht,  glaubt  aber,  daß  diese  Methode  bei  einer  lebhaften  und  energischen  Propaganda ­
  im  Volke  gute  Erfolge  zeitigen  würde.  Der  Krieg  hat  hier  die  beste  Propaganda
ermöglicht  und  die  vorausgesehenen  guten  Erfolge  gezeitigt.  Der  glückliche  Ruf  von
Plenge:  Konzentration  des  Goldes!  wurde  von  dem  Leiter  der  Deutschen  Reichsbank ­
  mit  voller  Kraft  und  dankenswerter  Schnelligkeit  realisiert.  Deutschland  wird  jetzt
von  der  Goldwährung  zur  Gold  kern  Währung  unter  verständnisvoller  Mitarbeit  des
Volkes  geführt!
        <pb n="63" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

47

sehe  Reichsbank"  mit  den  Worten  kennzeichnet  und  festhält,  die  wohl
auch  ohne  Einschränkung  auf  Frankreich  übertragen  werden  können;
„daß  während  einer  Kriegskrisis  von  solcher  Schwere  die  Bevölkerung ­
  das  in  ihrem  Besitz  befindliche  Gold  freiwillig  zur  Zentralnotenbank ­
  trägt  und  dagegen  Noten  fordert,  steht  in  der  Bank-  und  Münzgeschichte ­
  aller  Länder  und  Völker  ohne  Beispiel  da,  und  ist  ein  überzeugender ­
  Beweis  nicht  nur  für  den  unerschüttei  liehen  Kredit  der  Reichsbanknoten, ­
  sondern  auch  für  die  Stärke  der  im  Lande  vorhandenen
Reserven  an  Reichsgoldmünzen  und  für  die  wirtschaftliche  Einsicht
und  Opferfreudigkeit  unseres  Volkes“ 1 ).
Als  letzter  Posten  sind  die  Vorschüsse  an  den  Staat  und  die  Verbündeten ­
  anzuführen,  die  bereits  eine  kurze  Darlegung  erfahren  haben.
Sie  sind  es,  die  wohl  allen  anderen  Posten  des  Bankausweises  ein  so
verändertes  Aussehen  aufgeprägt  haben,  die  die  Notenbank  zwangen,
iiuer  Notenemission  keine  Grenzen  zu  setzen,  in  der  Kreditgewährung
recht  sorgfältig  vorzugehen,  die  gewaltige  Goldbewegung  in  Szene  zu
setzen  u.  a.  m.  Auf  ihre  Entwicklung  und  Zusammenhänge  wird  nochmals
unter  dem  Kapitel  „Staatsfinanzen“  eingegangen  werden,  unter  dem
auch  die  Leistungen  der  Notenbank  für  die  Kriegsfinanzierung  eingehender
als  bisher  darzulegen  sind.
Eine  systematische  Anordnung  der  einzelnen  Posten  im  Wochenausweise ­
  gibt  interessante  Aufschlüsse  über  die  bilanzmäßige  Beschaffenheit ­
  und  Güte  des  gesamten  Status  der  Notenbank.  Es
mögen  daher  die  wechselseitigen  Beziehungen  zwischen  Aktiv-  und
Passivseite  einer  analytischen  Betrachtung  unterzogen  und  die  Einwirkungen ­
  des  Krieges  auf  ihren  Liquiditätsgrad  hin  geprüft  werden.
Hierzu  sollen  vier  Bilanztage  herausgegriffen  werden,  die  nach  ihrer
seitlichen  Richtung  vielleicht  besonders  geeignet  sein  dürften:  24.  Juli
1914  —  29.  Juli  1915  —  30.  Dezember  1915  —3.  August  1916  (S.  48  u.  49).
Als  Grundlage,  auf  die  alle  anderen  aktiven  Postengruppen  bezogen
werden,  dienen  die  Verbindlichkeiten,  also  die  Passiva,  soweit  sie  die
Notenbank  zur  sofortigen  Realisierung  verpflichten.  Zu  ihnen  zählen
der  Notenumlauf  und  die  Guthaben  des  Staates  als  auch  der  Privaten,
die  daher  in  einen  Posten  zusammengezogen  werden  müssen.  Die  Giroguthaben ­
  sind  deshalb  in  den  Posten  „Gesamtverpflichtungen“  einzurechnen, ­
  da  sie  jederzeit  ganz  in  Noten  realisiert  Werden  können.  Die
Aufstellung  ergibt  für  diese  passiven  Bestandteile  in  der  Bilanz  vom
24.  Juli  1914  7  256,00  Mül.  Frcs.
29.  Juli  1915  15  193.00  ,.  ..
30.  Dezember  1915  .  .  15  597.°°  ..  ..
3.  August  1916  ...  18  433.0°  »  »
Diesen  Verbindlichkeiten  der  Notenbank  stehen  als  Deckung  die
Aktiva  gegenüber.  Sie  können  in  3  Liquiditätsschichten  eingeteilt  Werden.
Zur  ersten  Schicht  zählen  Gold  (hier  auch  das  „Gold  im  Auslande“),
S;lb  r  und  die  „Guthaben  im  Auslande“.  Der  letzte  Posten  setzt  sich
M  a.  a.  O.  1914,  S.  7.
        <pb n="64" />
        48  Erwin  Respondek,

Liquiditätsschichten  des  Wochenausweises  vom  24.  Juli  1914.

Gesamt-Verbindlichkeiten

Greifbare  Aktiven:

Deckungsverhältnis ­

&amp;gt;°%

Notenumlauf  .  5911,90
Guthaben:  Priv.  943,00
Guthaben:  Staat  400,60

I.  Gruppe:
Gold  4104,00
Silber  639,60
Guthaben  im  Ausland  .  —

I.  u.
II.  Gruppe

I.  u.  II.  u,
III.  Gruppe

Ges.-Verbindl.  .  7255,50  4743,60

65,40

II.  Gruppe:
unv.  Wechsel  1541,00
Morat.-Wechsel  ....  —
Vorschüsse  739,4°

2280,40
Summa  d.  I.  Gruppe  .  4743,60

Ges.-Verbindl.  .  7255,50  7024,00

96,90

III.  Gruppe
Vorschüsse  an  den  Staat  204,90
Vorschüsse  an  Verbünd.  —

204,90
Summa  d.  I.  u.  II.  Gruppe  7024,00

Ges.-Verbindl.  .  7255,50  7228,90

99,60

Liquiditätsschichten  des  Wochenausweises  vom  29.  Juli  19x5.

Gesamt-Verbindlichkeiten

Greifbare  Aktiven:

Deckungsverhältnis ­

in  %

Notenumlauf  .  .  12  592,50
Guthaben:  Priv,.  2379,90
Guthaben:  Staat  221,00

I.  Gruppe:
Gold  4129,30
Silber  368,00
Guthaben  im  Ausland  .  893,20

I.  u.
II.  Gruppe

I.  u.  II.  u.
III.  Gruppe

Ges.-Verbindl.  .  15  193,4°  5390,50

35,50

II.  Gruppe:
unv.  Wechsel  289,90
Morat.-Wechsel  ....  2140,20
Vorschüsse  590,80

3020,90
Summa  der  I.  Gruppe  .  5390,50

Ges.-Verbindl.  .  15  193,40  8411,40

55,4°

III.  Gruppe
Vorschüsse  an  den  Staat  6500,00
Vorschüsse  an  Verbünd.  310,00

6810,00
Summa  d.  I.  u.  II.  Gruppe  8411,40

Ges.-Verbindl.  .  15  193,40

15  221,40

100,20
        <pb n="65" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

49

Liquiditätsschichten  des  Wochenausweises  vom  30.  Dezember  1915.

Gesamt-Verbindlichkeiten

Greifbare  Aktiven:

Deckungsverhältnis ­

%

Notenumlauf  .  .  13  309,00
Luthaben:  Priv..  2  114,00
Luthaben:  Staat  174,00

I.  Gruppe:
Gold  5015,00
Silber  352,00
Guthaben  im  Ausland  .  1057,00

I.  u.
II.  Gruppe

I.  u.  II.  u.
III.  Gruppe

Ges.-Verbindl.  .  15  597,00

6424,00

41,20

II.  Gruppe
Wechsel,  unv.  u.  Morat.  2263,00
Vorschüsse  an  Private  .  1148,00

34H,00
Summa  der  I.  Gruppe  .  6424,00

Ges.-Verbind!.  .  15  597,00

9835,00

63,00

III.  Gruppe
Vorschüsse  an  den  Staat  5200,00
Vorschüsse  an  Verbünd.  630,00

5830,00
Summa  d.  I.  u.  II.  Gruppe  9835,00

L e s.-Verbind!.  .  15  597,00  |  15  665,00  j  100,40
Liquiditätsschichten  des  Wochenausweises  vom  3.  August  1916.

Gesamt-Verbindlichkeiten

Greifbare  Aktiven;

Deckungsverhältnis

in  %

JfoteanoUnuf  .  .  16197,00
c ,,^en :  Priv..  2158,00
1  haben;  Staat  78,00

I.  Gruppe:
Gold  4793.0°
Silber  339.°°
Guthaben  im  Ausland  .  508,00

I.  u.
II.  Gruppe

I.  u.  II.  u.
III.  Gruppe

J^-'Verbindl.  .  18  433,00

5640,00

30,50

II.  Gruppe:
Wechsel,  unv.  -f-  Mor.  .  1905,00
Vorschüsse  an  Private  .  1177,00

3082,00
Summa  der  I.  Gruppe  .  5640,00

^Verbindl.  .  18  433,00

8722,00

47,30

III.  Gruppe:
Vorschüsse  an  den  Staat  8500,00
Vorschüsse  an  Verbünd.  1220,00

9720,00
Summa  der  I.  u.  II.Gruppe  8722,00

s *  Verbind!.  .  18  433,00

18  442,0

100,40

Respondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.  4
        <pb n="66" />
        50

Erwin  Respondek,

zum  weitaus  größten  Teile  aus  den  nach  dem  Auslande  überwiesenen
Goldbeträgen  und  Zinsgutschriften  aus  den  im  Auslande  investierten
Kapitalien  zusammen.  Er  dient  als  Grundlage  für  die  von  der  französischen ­
  Regierung  direkt  aufgenommenen  Kredite,  ist  allerdings
nur  dann  ein  liquides  Aktivum,  wenn  die  Auslandsschuld  abgedeckt
ist.  Dennoch  kann  dieser  Posten  unter  Beachtung  dieser  Einschränkung
in  die  erste  Schicht  eingereiht  werden.  Das  „Gold  im  Auslande“  möge
unter  Berücksichtigung  der  Ausführungen  dennoch  zu  den  Aktiven
hinzugezählt  sein.
Diese  erste  Gruppe  der  Aktiven  deckt  die  Gesamtverbindlichkeiten
mit  den  in  der  Tabelle  berechneten  Prozentverhältnissen.
In  der  zweiten  Schicht  sind  die  Wechsel-  und  Lombarddarlehen
aufzuführen.  Sie  stellen  unter  dem  Sammelbegriff  „bankmäßige  Anlage“
einen  wesentlichen  Liquiditätsfaktor  dar.  Sind  gegen  die  kurzfristigen,
an  den  Verfallstagen  einzulösenden  Wechsel  und  die  Lombarddarlehen,
deren  Laufzeit  gleichfalls  relativ  kurz  befristet  ist,  keine  Bedenken  einzuwenden, ­
  so  legen  die  vom  Moratorium  betroffenen  Wechsel  die  Frage  ihres
wirklichen  Wertes  für  eine  Notenbank  vor.  Zweifellos  steht  fest,  daß  die
Bank  durch  die  Garantieübernahme  des  Staates  für  etwaige  Ausfälle
vor  einem  endgültigen  Schaden  bewahrt  wird.  Dann  ist  zu  beachten,
daß  diese  Wechsel  das  Akzept  oder  Indossament  von  Banken  und  erstklassigen ­
  Geschäftsleuten  tragen,  die  im  Notfälle  die  ersten,  vielleicht
fallierten,  Schuldner  ersetzen  können.  Eine  Sicherheit  für  die  Einhaltung
ihrer  wechselmäßigen  Verpflichtungen  hat  die  Notenbank  zum  Teil
ihnen  gegenüber  zur  Not  in  den  Guthaben,  deren  sie  sich  bedienen  kann,
bis  die  Wechselverpflichteten  die  Wechsel  einlösen.  Zweifelhaft  kann
es  nur  bleiben,  ob  die  dem  gesetzlichen  Moratorium  unterworfenen  Wechsel
als  ein  leicht  realisierbares  Aktivum  zu  betrachten  sind.  Ihr  innerer  Wert
ist  nicht  schlecht,  aber  sie  sind  nicht  zu  realisieren,  da  der  Verpflichtete
bei  ihrer  Präsentation  die  Einlösung  unter  Berufung  auf  die  gesetzliche
Zahlungsstundung  verweigern  kann,  und  die  Notenbank  also  nur  auf  den
guten  Willen  und  freiwillige  Bereitschaft  angewiesen  wäre.  Aus  diesen
Gründen  müssen  sie  in  die  Liquiditätsberechnung  nur  mit  Vorsicht
hineinbezogen  werden,  sollen  aber  berücksichtigt  sein,  da  es  sich  bei
den  Berechnungen  nur  um  eine  Veranschaulichung  handelt.
Vorschüsse  an  den  Staat  und  die  Verbündeten  bilden  die  dritte
Liquiditätsschicht.  Das  Vertrauen  zu  diesem  Posten  entbehrt  keineswegs
jeder  realen  Grundlage.  Die  Frage:  „Wer  deckt  den  Staat",  ist  leicht
zu  beantworten.  Ihn  deckt  das  ganze  Land,  das  gesamte  Nationalvermögen ­
  und  die  Arbeitskraft  seiner  Untertanen,  mit  ihm  ist  Bestehen
und  Vergehen  aller  Güter  und  Werte  verbunden.  Die  Vorschüsse  an  die
Verbündeten  und  befreundeten  Nationen  gehen  für  Rechnung  des  französischen ­
  Staates.  Ein  Ausfall  geht  hier  nicht  zu  Lasten  der  Notenbank,
wird  vielmehr  von  der  Regierung  getragen.
Das  in  Prozenten  ausgedrückte  Deckungsverhältnis  der  drei  Gruppen
zu  den  gesamten  Verbindlichkeiten  zeigt  als  charakteristisches  Merk ­
        <pb n="67" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.  gj

4

mal  eine  unverkennbare  Verschlechterung  während  der  ganzen  Kriegsdauer. ­

An  den  ersten  der  gewählten  vier  Ausweistagen  war  die  Deckung
durch  Gruppe  I:
Am  24.  Juli  1914  .  .  65,4  %
„  29.  Juli  1915  .  .  35,5%.

Die  immerhin  merkliche  Steigerung  am  30.  Dezember  auf  41,2  %
ist  eine  Folge  der  vorangegangenen  Goldanhäufungs-Propaganda  und
daher  nicht  etwa  als  Sympton  einer  dauernden  Verbesserung  aufzufassen.
Der  Rückschlag  blieb  nicht  aus,  und  die  Deckung  war  bald,  am  3.  August
1916,  auf  30,5  %  gesunken.
Die  gleiche  Bewegung  zeigen  die  Deckungsziffern  der  Gruppen  I
und  II.  Sie  waren  am
24-  Juli  1914  ....  96,9  %
29.  Juli  1915  ....  55,4%
30.  Dezember  1915.  .  63,0%
3.  August  1916  .  .  47,3  %
Stehen  alle  drei  Gruppen  den  Verbindlichkeiten  gegenüber,  so
halten  sich  beide  das  Gleichgewicht.
Die  Bank  von  Frankreich  ist  reine  Kriegsbank.  Allein  ihre  Aufgabe
besteht  keineswegs  nur  in  der  Finanz-  und  Kreditpolitik.  Auch  die
Währungspolitik  liegt  in  dem  Kreise  ihrer  Aufgaben  als  Zentralnotenbank. ­
  Wenn  die  Kaufkraft  des  Franken  im  Innern  und  am  Weltmärkte ­
  erschüttert  wird,  entstehen  für  den  Handel  Schwierigkeiten
und  Verluste.  Hier  gilt  es  also,  die  nationale  Wirtschaft  als  Ganzes
vor  sich  selbst  und  gegen  das  Ausland  zu  schützen.
Mit  der  Notenbank  ist  das  Wort  „Währung“  untrennbar  verbunden,
und  wenn  über  ihre  wichtigsten  und  grundlegenden  Arbeiten  geschrieben
wird,  so  tritt  es  immer  wieder  hervor:  „Die  Währung  ist  von  ihr  aufrecht
zu  halten“,  „Währung  ist  ihre  höchste  und  schwerste  Aufgabe“  u.  a.  m.
Auch  auf  dem  Gebiete  der  Währung  bringt  der  Krieg  innerhalb
der  eigenen  Grenzen  eines  jeden  Staates  und  im  Verkehr  mit  den  anderen
Ländern  tiefgreifende  Änderungen  hervor.  Es  ist  einerseits  eine  allseitige
und  rasche  Steigerung  der  Güterpreise  im  Inlande  zu  beobachten  und
dann  eine  Steigerung  der  ausländischen  Zahlungsmittel,  Wechsel  und
Schecks  im  Innern,  der  auf  der  anderen  Seite  ein  Sinken  der  heimischen
Zahlungsmittel  im  Auslande  entspricht.  Diese  beiden  Erscheinungen,
die  für  die  einzelnen  Staaten  verschieden  intensiv  auftreten,  deren
ursächlichen  Gründe  aber  im  Prinzip  doch  die  gleichen  sind,  wirken  auch
in  Frankreich,  obwohl  es  in  den  ersten  Kriegsmonaten  ihre  volle  Wirksamkeit ­
  noch  nicht  zu  fühlen  bekam.
Das  Problem  der  Preissteigerung  im  Innern  des  Landes
findet  seine  Lösung  in  der  Analyse  zweier  Faktoren:  einmal  in  den  Verschiebungen ­
  in  der  Produktion  und  Konsumtion  und  dann  in  der  Notenemission. ­
        <pb n="68" />
        5z

Erwin  Respondek,

Frankreich  stehen  gegen  9 / 10  seiner  Gesamtbodenfläche  zur  Bebauung ­
  frei,  die  Hochstraßen  des  Weltverkehrs  sind  für  die  Handelsschiffahrt ­
  geöffnet,  so  daß  die  heimische  Produktion  ohne  besonders
empfindliche  Einschränkung  vorwärts  gehen,  und  die  Industrien,  landwirtschaftliche ­
  und  andere  Betriebe  mit  Rohstoffen  und  sonstigen  wirtschaftlich ­
  notwendigen  Gütern  wohl  versorgt  werden  können.  Dennoch
erfahren  die  Preise  für  die  verschiedensten,  allgemein  notwendigen
Nahrungsmittel,  Gebrauchsgegenstände  und  Friedensartikel  aller  Art
starke  Erhöhungen.  Im  Oktober  1914  gab  die  „Union  syndicale  des
Restaurateurs  de  Paris  et  du  Departement  de  la  Seine“  bekannt,  daß
die  Gesamtheit  der  Lebensmittel  seit  Kriegsbeginn  um  25—80  %  gestiegen ­
  sei.  Hiergegen  wäre  noch  das  Ergebnis  der  Untersuchungen
des  Franzosen  Souchon  bekanntzugeben.  Er  stellt  fest,  daß  die  Haushaltungsmittel ­
  eine  Steigerung  von  26—29  %  erfuhren 1 ).  Immerhin
ist  die  Tatsache  festzuhalten,  daß  eine  empfindsame  Steigerung  des
Preisniveaus  eingetreten  ist,  was  später  durch  amtliche  Angaben  des
Pariser  Polizeipräfekten  bestätigt  wird.
Es  notierten  Ende  Oktober  1915  (pro  kg):

Preissteigerung  einiger  wichtiger  Nahrungsmittel
und  Bedarfsgüter 2 ).

Frcs.

Steigerung
gegen  1913
0/
JO

Frcs.

Steigerung
gegen  1913
%

Brot  .  .  .

0,45

20,00

Rindfleisch  .  .  .

2,40

71,4

Butter  .  .  .

4,40

22,2

Schweinefleisch  .

2,30

28.5

Kartoffeln  .

0,20

33,3

Speck

2,60

30,00

Kohl  .  .  .

0,24

243,00

Heringe  (100)  .  .

28,00

180,00

Karotten  .

0,20

100,00

Kohle  (150  kg)  .

11,00

103,7

Käse  .  .  .

1,05

50,00

Petroleum  (I)  .  .

0.75

36.4

Eier  (Dtzd.)

2,00

33.3

Um  sofort  auf  die  tatsächlichen  Gründe  jener  offensichtlichen
Preissteigerung  einzugehen,  ist  eine  sorgfältige  Betrachtung  der  Veränderungen ­
  der  beiden  fundamentalen,  preisbildenden  Faktoren  —
Angebot  und  Nachfrage  —  durchzuführen.  Das  Angebot
wurde  stark  vermindert,  da  zunächst  die  effektive  Produktion  eingeschränkt ­
  ist.  So  fiel  die  Ernte  von  Brotgetreide  kleiner  aus  als  in  Friedensjahren. ­
  Die  Bubauungsfläche  weist  im  Jahre  1915  eine  Verminderung
von  1,5  Mill.  ha  auf 8 ).  Hierzu  kommt  als  ein  großes  Hindernis  das  Fehlen
des  geschulten  und  erfahrenen  Landarbeiters,  der  durch  Frauen-  oder
Kriegsgefangenenarbeit  nicht  voll  ersetzt  werden  kann.  Darunter  leidet  *  2  3
9  L'Economiste  Frangais:  Discussious  de  la  Socicte  d’Economie  politique  de  Paris
Nr.  5,  27.  Jan.  1916,  S.  135.
2 )  Entnommen  aus  einer  Zusammenstellung  der  Dresdner  Bank:  Die  Wirtschaftlichen ­
  Kräfte  Deutschlands  im  Kriege.  S.  10.
3 )  Irn  Jahre  1912  war  die  Gesamtanbaufläche  368  Mill.  ha.
        <pb n="69" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

53

aber  auch  die  sorgsame  und  rationelle  Bestellung  der  Felder.  Einige
Ziffern  mögen  die  absolute  Abnahme  des  Ernteertrages  bei  einigen
Bodenerzeugnissen  im  Jahre  1915  gegenüber  den  Jahren  1913  und  1914
näher  beleuchten.

Ernteerträgnisse  und  Viehbestand  1913,  1914  und  1915.

1913

1914

1915

i.  Getreide  (in  Mül.  Ztr.) 1 )

?

?

?

z.  Kartoffeln  (in  Milk  Ztr.)

136

120

190

3.  Zucker  (in  Milk  Ztr.)

59

38

15

4-  Wein  (in  hl)

?

56,0

28

5-  Viehbestand:

Ochsen,  Kühe,  Kälber  (in  Stück)  .  .  .

14,7

15

12

Die  Zahlen  beweisen  einen  Tiefstand  in  der  Produktion  der  Landwirtschaft ­
  und  erklären  so  schon  allein  die  Preiserhöhungen.  Aber  auch
im  Industriebetrieb  hat  die  Produktion  eingeschränkt  werden  müssen.
Millionen  der  kräftigsten  und  geschicktesten  Hände  sind  im  Felde  und
damit  der  Güterproduktion  selbst  entzogen,  und  dieser  Mangel  an  geschulten ­
  Arbeitskräften  ist  auch  hier  durch  die  Hilfskräfte  nicht  zu
ersetzen.  Dann  sind  weiterhin  die  Produktionskosten  beträchtlich
gestiegen.  Fast  alle  Materialien  und  Rohstoffe  werden  durch  emporgeschnellte ­
  Frachtsätze  verteuert.  Zudem  sind  die  wichtigsten  Rohstoffe ­
  —  Kohle  und  Eisen  —  in  den  Händen  des  Feindes,  die  anderen,
nicht  minder  bedeutsamen,  wie  Baumwolle,  Gummi,  Erze,  nur  unter
hohen  Transport-,  Versicherungs-  und  anderen  Opfern  ins  Land
hereinzuholen.  Einen  weiteren  bedeutenden  Faktor  in  der  Warenpreis-Kalkulation
  stellt  der  gestiegene  Arbeitslohn  dar,  der  in  die  Höhe  gesetzt
werden  muß,  da  doch  Lebensmittel  und  die  vielen  anderen  für  den  Arbeiter
notwendigen  Bedarfsartikel  auch  im  Preise  gestiegen  sind.  Schließlich
sei  nicht  das  privatwirtschaftliche  Gewinninteresse  des  inländischen
Produzenten  vergessen,  der  trotz  Krieg  und  Kriegsnot  sich  an  dem
durch  den  Weltkrieg  entfachten  Herdfeuer  seines  Landes  recht  gut
zu  erwärmen  versteht.  Diese  Nutznießer  treiben  ihre  Preispolitik  in
*)  Nach  einer  neueren  statistischen  Angabe  über  die  Ernteergebnisse  der  letzten  drei
Jahre  tritt  die  absolute  Abnahme  deutlich  hervor.  Von  der  Gesamtfläche  Frankreichs,
auf  der  Halmfrüchte  angebaut  werden,  sind  etwa  7%  %  besetzt.  Im  einzelnen  wurde  gewatet ­
  in  Milk  Tonnen:

Jahr

Weizen

Roggen

Gerste

Hafer

1913

8,8

1.3

1,1

5,4

1914

7,9

1,3

1,1

4,7

1915

6,5

1,1

0,8

3,7

Vgl.  Weltwirtschaftliches  Archiv,  Chronik  und  Archivalien,  Bd.  8,  Oktober  1916,
H -  3,  S.  400.
        <pb n="70" />
        54

Erwin  Respondek,

einer  Zeit  der  loseren  Gesetzes-  und  Wirtschaftsordnungen  weit  rücksichtsloser ­
  und  gewissenloser  als  in  friedlichen  Tagen.
Nun  steht  andererseits  dem  verminderten  Angebot  eine  erhöhte
Nachfrage  gegenüber.  Nicht  allein  der  Krieg  als  der  „größte  Konsument
und  größte  Verbraucher“ 1 )  zieht  gewaltige  Mengen  an  sich,  sondern
auch  die  Bedürfnisse  der  hinter  der  Front  Lebenden  sind  gewachsen.
Sie  zu  befriedigen,  erfordert  einen  großen  Aufwand  von  Kraft  und  Materialien, ­
  vor  allem  eine  stete  Erneuerung  dieser  beiden  Elemente,  da
die  Armeen  große  Verschwender  von  Munition  und  Waffen  sind,  Mensch
und  Vieh  im  Felde  Kleidung,  überreichliche  Ernährung  u.  a.  m.  notwendig ­
  brauchen.  Volkswirtschaftlich  gedacht,  durchaus  nicht  zu  produktiven ­
  Zwecken  verwandt  und  damit  durch  die  reine  Konsumtion  von
großem  Einfluß  auf  Vorrat,  Produktion  und  letzten  Endes  dann  auf  den
Preis.
Dies  dürften  in  erster  Linie  die  preissteigernden  Faktoren  sein,
die  dem  Konsumenten  die  notwendigen  Güter  verteuern.
Von  erheblicher  Bedeutung  ist  ein  Hinweis  des  Präsidenten
der  Handelskammer  von  Marseille,  der  noch  einen  anderen  preissteigernden ­
  Faktor  ins  Feld  führt.  Er  schildert  vor  der  „Societe  d'Economie
  politique  de  Paris“  die  vielen  Schwierigkeiten,  die  er  zu  überwinden ­
  hatte,  um  Marseille  mit  dem  notwendigen  Getreide  zu  versehen *  2 ).
Seine  Untersuchungen  und  praktischen  Erfahrungen,  die  er  hierbei
machte,  ließen  ihn  pu  dem  Urteil  gelangen,  daß  die  unberechtigte  Ausschaltung ­
  des  berechtigten  Zwischenhandels,  mit  eine  der  bedeutsamsten
Ursachen  für  die  augenblickliche  Teuerung  sei.  Er  fand  mit  seinen  Ausführungen ­
  Beifall  und  sein  Urteil  erfuhr  allseitige  Zustimmung 3 ).
Als  sekundäre  Ursache  kann  die  Vermehrung  der  Banknoten  angesehen ­
  werden.  Die  stete  Emission  ist,  wie  bereits  ausgeführt,  die  Folge
einer  ununterbrochenen  Inanspruchnahme  der  Notenbank  durch  den
Staat  zur  Finanzierung  des  Krieges.  Alle  Güter  für  Heer  und  Flotte
zahlt  der  Staat  mit  Banknoten.  Er  gibt  also  Papiergeld  und  empfängt
effektive  Güter.  Güter  für  die  Ernährung,  Kleidung  der  Mannschaften,
Munition,  Waffen,  Pferde,  Wagen,  Automobile,  usf.,  kurz  alles  das,
was  zur  Führung  des  Krieges  gehört.  Den  Gegenwert  für  diese  tausendfachen ­
  Kriegsbedarfsgegenstände  kann  der  Staat  vorläufig  nur  in  Anweisungen ­
  auf  die  Zukunft,  in  Noten  liefern.  Im  Augenblick  sollen
also  hier  zweifellos  diese  Noten  effektive  Leistungen  des  Staates  darstellen ­
  und  erster  Ersatz  der  von  den  Privatwirtschaftenden  hingegebenen

')  Plengc,  Krieg  und  Volkswirtschaft.  München  1914.  S.  40  ff.
2 )  L’Economiste  Franpais  1916,  S.  136.
3 )  Es  ist  dies  ein  um  so  interessanteres  und  beachtenswerteres  Eingeständnis,  als
gerade  die  kriegswirtschaftlichen  Entwicklungen  ein  von  Schär  schon  früher  generell  ausgesprochenes ­
  Urteil  über  den  legitimen  Handel  vollkommen  bestätigen.  Schär  vertritt
die  Ansicht,  daß  der  Handel  ein  unumgänglich  notwendiges  Glied  im  Wirtschaftsleben
ist,  aber  seine  Daseinsberechtigung  nur  finden  kann  und  darf,  wenn  er  nützliche
Dienste  leistet.  Das  Gleiche  gilt  für  den  Zwischenhandel.  (Handelsbetriebslehre  Teil  I,
S.  214  ff  und  Der  soziale  Handel.  Berlin  1916.)
        <pb n="71" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

55

Konsumtivgüter  sein.  So  können  die  Noten  auch  nicht  aus  dem  Verkehr ­
  verschwinden,  sondern  bleiben  im  Besitz  der  Produzenten.  Solange ­
  nun  diese  Noten  aufbewahrt  werden,  haben  sie  auf  die  Inlandspreisbildung ­
  keinen  Einfluß,  da  sie  ihren  schädlichen  Einfluß  vom  Tresor
aus,  in  dem  sie  aufbewahrt  sind,  nicht  ausüben  können.  In  dem  Augenblick ­
  aber,  wo  die  Notenhingabe  über  das  Maß  der  Thesaurierungskraft
und  den  Thesaurierungswillen  der  einzelnen  Besitzer  hinausgeht,  bleiben
die  Noten  im  Verkehr.  Hierzu  kommt,  daß  trotz  einer  Übersättigung
des  Verkehrs  und  der  anhaltenden  Notenausgabe  die  Losung  ausgegeben
wurde:  heraus  mit  den  Noten  aus  den  häuslichen  Notenschatzspeichern.
Dieser  Ruf  wurde  erhört  und  die  losgelösten  Noten  flössen  in  den  Verkehr. ­
  Nunmehr  drangen  die  Noten  aus  zwei  Quellen  und  begannen
vereint  ihren  verhängnisvollen  Einfluß  auf  die  Preise  und  weiterhin
auf  die  Währung  auszuüben.  Es  entspricht  aber  nicht  vollkommen  der
Wirklichkeit,  wollte  man  diese  Beeinflussung  von  Preis  und  Währung
allein  auf  die  Mahnungen  der  leitenden  Organe,  die  thesaurierten  Noten
herauszubringen,  zurückführen  und  sie  ihnen  belasten 1 ).  Einmal  mußte
der  Zeitpunkt  kommen,  an  dem  die  Privatwirtschaften  ihre  Noten  abstoßen ­
  würden,  gleichgültig  ob  eine  öffentliche  Anregung  diesen  Vorgang
begleitete  oder  nicht.  Denn  die  Produzenten  und  Händler  können  die
empfangenen  Noten  nicht  ewig  in  ihrem  Portefeuille  aufbewahren,
vielmehr  müssen  sie  hiervon  ihren  eigenen  Aufwand  bestreiten,  Löhne,
Gehälter  ihrer  Angestellten  zahlen,  Rohstoffe  und  Produktionsmittel
jeder  Art  kaufen  und  so  die  empfangenen  Noten  dennoch  einmal  in  Umlauf ­
  setzen.  Diese  Dezentralisation  ruft  in  den  Volksschichten  allmählich
eine  gesteigerte  Kaufkraft  hervor,  einen  Uberschuß  an  Geldmitteln.
Hieraus  resultiert  eine  Wertverminderung  des  Geldes,  die  zunächst
in  einer  Erhöhung  der  Warenpreise  ihren  Ausdruck  finden  muß.
Es  würde  verfrüht  sein,  schon  jetzt  ein  abschließendes  Urteil  über
die  ausschlaggebende  Ursache  der  Preissteigerung  der  inländischen
Waren  zu  fällen,  vor  allem  zu  entscheiden,  inwieweit  die  einen  oder
anderen  Faktoren  überwiegen.  Jedoch  ist  heute  ohne  Fehlschluß  die
Meinung  zu  vertreten,  daß  sowohl  die  gezeichneten  wirtschaftlichen
Verhältnisse,  als  auch  die  starke  Notenemission  ihre  Einflüsse  geltend
gemacht  und  zu  preissteigernden  Wirkungen  geführt  haben.
Das  Problem  der  Währung  liegt  noch  auf  einem  zweiten  Gebiete:
auf  dem  der  weltwirtschaftlichen  Beziehungen  Frankreichs,  dem
internationalen  Markte,  auf  dem  der  Wert  aller  nationalen  Tausch-  und
Geldmittel  steten  Schwankungen  ausgesetzt  ist.  Als  äußerer  Wertmaßstab
für  die  Kaufkraft  des  französischen  Franken  dient  die  Devise.  Minderwert ­
  oder  höherer  Wert  der  Währung  finden  an  der  Höhe  des  Kurses
der  Devise  in  Beziehung  auf  den  Paristand  ihren  sichtbaren  Ausdruck.  Dem
Sinken  des  Devisenkurses  kommt  eine  Verschlechterung  des  Geldwertes  und
dem  Steigen  die  Überwertung  des  Geldes  gegenüber  anderen  Geldsystemen ­
  gleich.  Auf  diese  Vorgänge  am  internationalen  Devisenmärkte

')  Lansburgh,  a.  a.  O.  S.  701.
        <pb n="72" />
        Erwin  Respondek,

56

hat  somit  die  Bank  von  Frankreich  als  Führerin  und  Hüterin  der
Währung  zu  achten,  um  Schäden  abzuwenden  und  Vorteile  auszunutzen. ­

Nach  Ausbruch  des  Krieges  und  während  der  ersten  6—8  Monate
seiner  Dauer  bedurfte  die  französische  Währung  keines  Schutzes.  Die
Gläubigerrolle,  die  Frankreich  in  der  ganzen  Welt  spielt,  ließ  den  Gedanken ­
  an  eine  etwa  mögliche  Gefährdung  der  Valuta  überhaupt  gar
nicht  aufkommen.  Frankreichs  Zahlungsbilanz  war  an  sich  auch  in  ruhigen
Zeiten  immer  aktiv,  und  sie  hat  in  den  letzten  Friedensmonaten  durch
die  energische  Heranziehung  von  Auslandsguthaben  aus  einer  Reihe
von  Schuldner-Staaten  noch  erheblich  an  innerer  Festigung  und  hoher
Aktivität  gewonnen.  Mit  der  Verwicklung  Frankreichs  in  den  Krieg  ward
es  klar,  daß  in  Kürze  sicherlich  auch  die  restlichen,  kurzfristigen  Guthaben ­
  zur  Ablösung  herangezogen  würden,  was  infolge  der  Ungewißheit
über  die  Möglichkeit,  hierfür  einen  neuen  Gläubiger  zu  finden,  den
fremden  Staaten  reichlich  Nahrung  zur  Überwertung  der  Frankendevise
gab.  Devise  Paris  war  an  den  Hauptbörsenplätzen  gesucht  und  stand
bald  über  Pari.  Auch  der  Pariser  Devisenmarkt  bot  bei  Ausbruch  des
Krieges  das  Bild  einer  aktiven  Zahlungsbilanz.  Alle  fremden  Valuten
erfuhren  Erschütterungen.  Devisen  auf  die  Mehrzahl  der  Länder  waren
überhaupt  nicht  negozierbar.  Pfund  Sterling  und  Dollar  erlitten  in
ihrer  Bewertung  einen  heftigen  Sturz.  Sie  notierten  für  längere  Zeit
unter  Pari:
Parität  Kurs
Pfund  Sterling  .  .  25,22  24,00
Dollar  5,18  4,50
Wechsel  und  Schecks  in  Pfund  Sterling  oder  Dollars  waren  an  der
Börse  und  in  den  Pariser  Banken  nicht  zu  realisieren.  Sie  verpflichteten
zwar  erstklassige  Londoner  und  New  Yorker  Firmen,  wurden  aber  dennoch ­
  von  den  Banken  zurückgewiesen.  Die  Pariser  Blätter  berichten,
daß  Pfund  Sterling,  also  das  Standardgeld  der  Welt,  in  keiner  Bank  zu
wechseln  war.  Und  gerade  in  jene  erste  Zeit  fallen  die  ersten  patriotischen ­
  Bestrebungen,  die  Gelegenheit  wahrzunehmen,  die  sich  Frankreich
bietet,  um  Deutschlands  Platz  im  internationalen  Handel  einzunehmen,
die  Arbeitstätigkeit  im  Inlande  wieder  zu  beleben,  und  den  Anteil  Deutschlands ­
  am  Welthandel  für  immer  an  sich  zu  reißen  und  zu  behalten.  Es
ist  verständlich,  daß  in  der  hohen  Begeisterung  die  Schwierigkeiten  eines
solchen  Beginnens  nicht  gesehen  und  gewürdigt  wurden,  Hindernisse,
denen  sich  klardenkende  Köpfe  nicht  verschließen  konnten,  aber  dennoch ­
  wollten.  So  machte  man  sich  auch  gar  nicht  klar,  daß  ein  internationaler ­
  Handel  nicht  möglich  ist,  so  lange  u.  a.  die  internationalen
Zahlungsmittel,  Wechsel,  Schecks  und  Anweisungen  nicht  Wieder  ungo
stört  ihre  Funktionen  erfüllen  können.
Das  Chaos  am  französischen  Devisenmärkte  durfte  nicht  lange
anhalten.  Kriegsnotwendigkeiten  zwangen  zur  Disziplinierung  und
schrieben  den  Weg  vor,  in  welcher  Weise  der  Eingriff  zu  erfolgen  hatte.
        <pb n="73" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

57

Durch  die  Notenbank  wurde  die  Situation  des  wirtschaftlichen  Getriebes ­
  bald  erfaßt,  und  sie  begann  planmäßig  mit  dem  Ankäufe  von
Auslandswechseln.  Schon  vorher  drangen  von  vielen  Seiten  Anregungen
zur  Regierung,  der  Staat  möge  durch  Vermittlung  der  Bank  von  Frankreich ­
  die  unverkäuflichen  Wechsel  aufnehmen.  Es  wurde  hierbei  auf
die  bevorstehenden  Bezahlungen  der  ersten  englischen  Kupferlieferungen
und  amerikanischen  Getreide-  und  Petroleumlieferungen  hingewiesen
und  gefordert,  daß  die  Regierung  Kupfer,  Getreide  und  Petroleum  mit
laufenden  Wechseln  begleiche,  und  man  bezeichnete  es  als  einen  höchst
unökonomischen  Zug,  sie  mit  dem  Golde  der  Notenbank  zahlen  zu  wollen,
während  jene  Devisen  mit  2—3  %  Prämie  in  reichlichem  Maße  aufzukaufen ­
  seien.  Die  Presse  war  unermüdlich  bestrebt,  Aufklärungen  über
den  Wert  der  Devisen  zu  geben  und  forderte  von  den  Banken  eine
aktive  Betätigung  zum  Ankauf  der  Auslandswechsel.  Auf  alle  diese
Bestrebungen  folgte  die  Tat  aber  nur  in  beschränktem  Umfange.  Regierung ­
  und  Banken  entschuldigten  ihre  Passivität  mit  dem  Hinweis  auf
den  möglichen  Verlust  dieser  übertragbaren  Papiere  durch  Besitzergreifung
deutscher  Kreuzer  auf  hoher  See!  Dann  hätten  sie  den  Schaden  zu
tragen!  Natürlich  ist  dieser  Vorwand  nicht  haltbar.  Für  die  Verschiffung
von  Gold  besteht  eine  noch  viel  größere  Gefahr,  da  Gold  doch  Konterbande ­
  ist.  Die  Notenbank  hatte  daher  bald,  obgleich  sie  sehr  stark
von  anderen  Arbeiten  überbürdet  war,  den  Ankauf  der  Devisen  übernommen, ­
  den  Inhabern  kreditiert  und  ihnen  nach  Eingang  der  Zahlung
in  London  oder  New  York  den  Gegenwert  ausgehändigt.
Ihr  Eingreifen  führte  in  kurzer  Zeit  dahin,  daß  am  Pariser  Wechselmarkt ­
  langsam  ruhige  Bewertungen  der  fremden  Wechsel  eintraten.
Pfund  Sterling,  Dollars,  Schweizer  Franken,  holländische  Gulden  und
skandinavische  Kronen  näherten  sich  allmählich  der  Parität.
Auf  dem  Weltmärkte  verschwand  inzwischen  das  Agio  für  den
Btanken,  und  es  waren  keine  bemerkenswerten  Ereignisse  auf  dem  Gebiete
der  Währung  zu  verzeichnen,  die  etwa  auf  eine  Gefahr  für  den  Franken
hindeuten  konnten.  Einige  Zeit  später  schwankte  seine  Bewertung
etwas  stärker,  sie  ging  auch  bisweilen  unter  Pari.  Das  Disagio  betrug
a her  nicht  mehr  als  durchschnittlich  1  %  und  war  damit  im  Vergleich  zu
den  anderen  Währungen  —  für  Kriegsbegriffe  —  durchaus  normal.
Die  ruhige  und  gleichmäßige  Entwicklung  der  Devisenkurse  konnte
ay ch  nach  der  ersten  Durchbrechung  des  mystischen  Dunkels,  das  die
Notenbank  sofort  nach  Kriegsausbruch  durch  die  Nichtveröffentlichung
ihrer  Wochenausweise  um  sich  hüllte,  nicht  merklich  gestört  werden.
Am  1.  Oktober  1914  gab  der  Finanzminister  die  wichtigsten  Mitteilungen
über  den  Status  der  Notenbank.  Der  Notenumlauf  wies  eine  gewaltige
Steigerung  vor.  Er  war  am
31.  Juli  1914  ....  5,9  Milliarden  Frcs.
x.  Oktober  1914.  .  .  9,3  »  »
d-  h.  er  erreichte  eine  Zunahme  von  3,4  Milliarden  Frcs.,  und  seine  Golddeckung ­
  war  44  %.  Über  9,5  Milliarden  Frcs.  Noten  ruhten  auf  einem
        <pb n="74" />
        58

Erwin  Respondek,

Goldbestand  von  4  Milliarden  Frcs.  Sofort  schwirrten  in  einigen  Köpfen
die  kühnen  Worte:  Inflation,  Zettelwirtschaft  u.  ä.  m.  umher.  Etliche
zogen  Parallelen  mit  den  Jahren  der  Revolution  und  prägten  auch  für
die  heutige  Zeit  das  Schlagwort  der  Revolutionszeit:  Assignatenwirt  -
schaft.  Schon  wurde  Frankreich  finanziell  besiegt,  der  Staatsbankerott
wurde  für  unvermeidlich  erklärt,  kurz  der  Zeitungspresse-Stab  wollte  offenbar ­
  dem  deutschen  militärischen  Generalstab  an  Schnelligkeit  und  Treffsicherheit ­
  nicht  nachstehen!  Dennoch  brach  die  Geldwirtschaft  Frankreichs, ­
  die  nach  den  Schilderungen  der  Tagespresse  eine  wahre  polnische
Wirtschaft  sein  mußte,  nicht  zusammen.  Im  Gegenteil!  Die  Wechselkurse, ­
  jene  Barometer  der  nationalen  Kraft  und  Güte,  blieben  konstant
und  waren  zum  Teil  sogar  gestiegen,  auch  als  der  Notenumlauf  im  Februar
1915  auf  nahezu  11  Milliarden  Frcs.  angewachsen  war  und  durch  einen
Goldbestand  von  4,2  Milliarden  Frcs.,  d.  h.  zu  39  %  in  Gold  gedeckt
wurde.  Diese  Tatsachen  scheinen  alle  jene  Theorien  zu  erschüttern,
die  als  erstes  Gesetz  den  Satz  aussprechen,  das  Geld  erhalte  seine  Zahlkraft ­
  und  seinen  inneren  Wert  vom  Metall.  Der  französische  Staat  schuf
doch  unentwegt  und  in  großen  Mengen  neues  Geld  und  preßte  es  nach
seinen  Bedürfnissen  in  den  Verkehr  hinein.  Auf  der  Gegenseite  haben
die  Noten  sich  tatsächlich  volle  Geltung  verschafft.  Denn  dieses  neue
Papiergeld  wird  dem  Golde  äquivalent  gehalten:  Dies  beweist  nichts
besser,  als  das  Verhalten  von  Groß  und  Klein,  die  in  hohem  Maße  gewaltige ­
  Mengen  Noten  thesaurierten  und  mit  ebenso  inniger  Sorgfalt
und  Liebe  aufbewahrten  wie  Goldmünzen.  Für  den  internationalen
Geldmarkt  gelten  diese  Überlegungen  jedoch  nicht  in  vollem  Umfange.
Auf  die  Dauer  wird  eine  unbeschränkte  Notenemission  nicht  ohne  Wirkungen ­
  auf  die  internationale  Bewertung  des  Franken  bleiben  können,
wenn  auch  der  Notenumlauf  allein  auf  seinen  inneren  Wert  nicht  bestimmend ­
  und  entscheidend  einwirkt.
Im  März  des  Jahres  1915  —  d.  h.  also  im  achten  Kriegsmonat  —
setzte  an  der  Pariser  Börse  eine  Höherbewertung  der  ausländischen
Wechsel  ein,  die  im  Vergleich  zu  den  bisherigen  Notierungen  eine  gewisse ­
  Bestürzung  hervorrief.  Das  Pfund  Sterling,  der  Dollar,  Gulden,
Schweizer  Franken,  die  Peseta  u.  a.  wurden  zu  immer  höheren  Kursen
nachgefragt.  Die  Kurse  stiegen  rasch  in  die  Höhe,  und  parallel  mit  dieser
Erscheinung  fielen  die  Kurse  der  Franken-Devise  an  den  Börsenplätzen
befreundeter  und  neutraler  Staaten  ebenso  rasch  in  die  Tiefe.
Am  10.  März  1915  notierten:
x.  London
2.  New  -  York
3.  Schweiz
4.  Holland
5.  Skandinavien  ....
6.  Spanien
und  schon  nach  etwa  3  Monaten,  am
1.  London
2.  New  -  York

G.  B.
25,25—25,35
5.23%—5,28  y 2
101,00—103,00
209,00  211,00
127,00  132,00
5,10—5,20
3.  Juni  1915  erreichten  sie:
25,91  %—-26,06  Vz
5&amp;gt;3°/4—5&amp;gt;48/4
        <pb n="75" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

59

G.  B.
3.  Schweiz  102%—104%
4.  Holland  216,00—218,00
5.  Skandinavien  .  .  .  .  140,00—144)4
6.  Spanien  5,14—5,25
Und  in  den  Monaten  Juni  bis  September  herrschte  an  der  Pariser
Börse  eine  stürmische  Nachfrage  nach  Devisen  auf  alle  Plätze,  und  das
aus  natürlichen  Gründen  geringe  oder  spekulativ  Zurückhaltung  übende
Angebot  verstärkte  noch  die  Tendenz  nach  oben.
Es  setzte  schließlich  eine  sprunghafte  Steigerung  ein,  die  zu  fast
unerhörten  Kursständen  führte.  England  erlangte  bald  28  %,  und  die
Schweizer  sahen  ihren  Franken  mit  112—114  %  bewertet.  Auf  den  holländischen ­
  Gulden  schien  eine  geradezu  stürmische  Jagd  eingesetzt  zu
haben.  Er  sprang  von  Stufe  zu  Stufe.  Einige  Etappen  der  Nachfrage
mögen  hier  wiedergegeben  sein:
Geldkurse.
Parität  100  fl.  =  208,32  Frcs.
1915
3.  Juni  216,00
10.  Juni  217,00
24.  Juni  218,00
I.  Juli  220,00
8.  Juli  223,00
29.  Juli  227,00
5.  August  228,00
12.  August  232,00
19.  August  ......  233,00
26.  August  234,50
9.  September  ....  238,50
11.  November  251,50
In  den  Börsenkreisen  herrschte  die  Überzeugung,  daß  keine  Macht
imstande  wäre,  das  gesamte  Kursniveau  auf  dem  einmal  sicher  nach  oben
eingeschlagenen  Wege  anzuhalten,  geschweige  wieder  eine  Senkung  zu
erzielen.  Die  Londoner  und  New  Yorker  Devisen  erfuhren  weiter  eine
systematische  Steigerung.  Schweizer,  skandinavische  und  holländische
Wechsel  wurden  anhaltend  mit  Agio  gehandelt  und  sogar  Spanien  wurde
lange  Zeit  hindurch  mit  hohem  Aufgelde  bezahlt.
Ins  Uferlose  ist  nun  diese  Bewegung  der  Devisenkurse  nicht  gegangen.
Aber  wenn  auch  diesen  exorbitanten  Devisenpreisen  eine  gewisse  Erleichterung ­
  folgte,  so  setzte  nach  kurzer  Zeit  wieder  eine  allmähliche,
aber  ununterbrochene  Steigerung  ein.  Die  Notenbank  vermochte  diesem
Auf  und  Ab,  das  ohne  Zweifel  von  spekulativen  Einflüssen  nicht  frei
war,  nur  geringen  Widerstand  entgegen  zu  halten.  Schließlich  griff
sie  energischer  in  diese  Bewegungen  ein  und  entschloß  sich,  zur  Abschwächung ­
  der  gewaltig  angestiegenen  Devisenhausse  mit  dem  Markte  direkt
m  Verbindung  zu  treten  und  hier  ihre  das  Kursniveau  nivellierenden
Verkäufe  und  Käufe  vorzunehmen.  Dies  war  ungemein  vorteilhaft,
        <pb n="76" />
        6o

Erwin  Respondek,

da  die  Bank  die  Spekulation  besser  beobachten,  berechtigte  Forderungen
nach  Devisen  klarer  erkennen  und  durch  ihre  Interventionen  immerhin
einem  plötzlichen  Emporschnellen  entgegenarbeiten  konnte.
Wie  fruchtbar  und  erleichternd  ihre  Arbeit  sein  mußte,  geht  wohl
daraus  hervor,  daß  sie  während  des  Jahres  1915  ihren  Kunden  und  dem
offenen  Markte  gegen  800  Mül.  Frcs.  Devisen  zur  Verfügung  gestellt  hat.
Noch  auf  einem  zweiten,  indirekten  Wege  suchte  die  Notenbank
dem  Devisenmangel  abzuhelfen.  Sie  plante  eine  Verbindung  der  Londoner ­
  Stock  Exchange  mit  dem  Pariser  Platze  herzustellen,  um  die  Arbitrage ­
  wieder  in  ihre  alten  Bahnen  zu  leiten  und  ihr  die  Möglichkeit
des  Kursausgleiches  zu  geben.  Durch  diese  glückliche  Verknüpfung
erhoffte  die  Bank  in  erster  Linie  einen  regen  Devisenaustausch,  der  für
Frankreich  um  so  vorteilhafter  ausfallen  würde,  als  die  französischen
Besitzer  ihre  internationalen  Werte  an  der  Londoner  Börse  verkaufen
und  damit  wertvolle  Grundlagen  für  Trassierungen  schaffen  könnten 1 ).
Aber  die  Londoner  Finanzkreise  erwiesen  sich  gegenüber  diesen  Wünschen ­
  als  zu  spröde,  und  die  Notenbank  bleibt  auf  ihre  eigene  Kraft
und  Initiative  in  der  Bekämpfung  der  Devisenhausse  angewiesen.

Wechselkurse  an  der  Pariser  Börse.

Zeitpunkt
der

London

New  York

Schweiz

Holland

Notierung

Parität:  25,2216

Parität;  5,1826

Parität:  100,00

Parität:  208,32

1914

G.  B.

G.  B.

G.  B.

G.  B.

Juli

15-25,17—



5,iS

100,00

207,50

Oktober

17-25,08—25,13



5,05—5,15

99,00—100,00

208,00  212,00

31-25,12—25,27



5,io—5,25

98,00—100,00

206,00  210,00

November

II.

25,00  25,15

5,02—5,17

98,00—100,00

207,00—211,00

Dezember

16.

25,01—25,16

5,06—5,21

97,50—99,50

206,00  210,00

1915
Januar

27.

25.04—25,20

5,10—5,25

97,00—99,00

206)4—210)4

Februar

24-25,26—25,31



5,25%—5,30%

95,00—97,00

210,00  212,00

März

10.

25.25—25,35

5,23%—5,28%

96%—98%

208)4—210)4

17.

25,342—:*5,41%

5,26%—5,31%

101)4—103%

209,00—211,00

31-25,41%—25,51)4



5,28—5,33

97%—99%

210,00  212,00

April

14-25,45—25,55



5,30—5,35

98%—100%

209,00—211,00

28.

25,46—25,56

5,30—5,35

99,00  101,00

209,00  211,00

Mai

5-25.46%—25,56%



5,29%—5,34%

99,00—101,00

209,00  211,00

II.

25,54—25,64

5,30—5,35

99%—101%

210,00  212,00

20.

25,75—25,85

5,39%—5,44%

100%—102%

212,00  214,00

Juni

28.

25,83%—25,98%

5,36%—5,46%

101)4—103%

214%—216)4

3-25,91%—26,06%



5,38%—5,48%

102%—104)4

2X6,00  218,00

IO.

25,94%—26,09%

5,38—5,48

102,00  104,00

2  r  7,00—219)4

17-25,95—26,

  ro

5,41%—5.51%

101)4—103%

217,00  219,00

Juli

24.

26,0  7%—26,22%

5,45—5,55

201  %  104%

218,00—220,00

1.

26,75—26,95

5,61—5,71

103,00—106,00

220,00  225,00

8.

26,85—27,05

5,60—5,70

103,00  106,00

323,00—228,00

15-26,50—26,70



5,53—5,63

103,00—106,00

220%—225%

22.

26,70—26,90

5,57—5,67

103,00—106,00

222%  227%

29.

27,00—27,ro

5,65—5,70

I04%—107)4

227,00  230,00

l )  Siehe  den  Geschäftsbericht  der  Bank  von

Frankreich  1915,  S.  14.
        <pb n="77" />
        Frankreichs  Bank-  und  finanzwirtschaft.

6l

Fortsetzung.

Zeitpunkt
der

London

New  York

Schweiz

Holland

Notierung

Parität:  25,2216

Parität:  5,1826

Parität:  100,00

Parität:  208,32

1915

G.  B.

G.  B.

G.  B.

G.  B.

August

5-26,68%—26,83%



5,60%—5,65%

105,00  107,00

227%—230%

12.

27,51—27,66

5.75—5,85

107,00  110,00

232,00—236,00

19.

27,65—27,80

5,84—5,94

I0 7%—110%

233.00  237,00

26.

27,60—27,70

5,90—6,00

108  %—111%

234%—238%

September

2.

27,50%—27,60%

5,99—6,09

110,00—113,00

235,00  239,00

9-27,74—27,84



5,93—6,03%

110,00—113,00

238%—242%

16.

27,63—27,75

5,82%—5,92%

108%—111%

238,00  242,00

23-27.62—27,71



5,80%—5,90%

108%—111%

236,00—240,00

30-27.15%—27,25%



5,7o—5,8o

108,00  111,00

234,00  238,00

Oktober

7-27,25—27,35



5,74%—5.84%

108%—III  %

235,00—239,00

14.

27.39%—27,47%

5,82%—5,92%

109,00  111,00

237,00—241,00

21.

27.49%—27,59%

5,84—5,92

109%—111%

239,00—243,00

28.

27,49—27,59

5,9l%—6,01%

IIO%—112%

245%—249%

November

4-27,61—27,71



5,92%—6,02%

IIO%  112%

246%—250%

11.

27,84—27,94

5,94%—6.04%

III  %—113%

251,00—255,00

18.

27,65%—27.75%

5,86—5,96

109%—III  %

246,00—250,00

25-27.75%—27.85%



5,85%—5,95%

110,00  112,00

246%—250%

Dezember

9-27.59%—27,69%



5,79%—5,89%

109,00  111,00

244%—248%

16.

27.63%—27,73%

5.80—5,90

IIO%—112%

253,00—257,00

1916

30.

27,72—27,82

5,80—5,90

110%  112%  !

255,oo—259,00

Januar

6.

27,78—27,88

5.8o—5,90

112%  114%

258%—262%

13-27,80—27,90



5.79—5,89

1II%—113%

258%—262%

20.

27,88%—27,98%

5,80—5,90

113,00—115,00

258%—262%

2  7-27,96%—27.99%



5,83%—5,89%

112,00  114,00

254,00—258,00

Februar

3-27,70—28,00



5,86—5,92

11I%—113%

247,00—251,00

10.

28,04—28,10

5,86—5,92

III,00—113,00

247,00—251%

17-28,00

  28,06

5,85%—5,91%

I1I%—113%-247,00—251,00



24.

27,94—28,02

5,83%—5,89%

110%—112%

249,00—253,00

März

2.

28,00—28,05

5,85—5,99

111,00—113,00

248%—252%

9-28,10—28,15



5,87%—5,93%

III%—113%

248,00—252,00

3°-28,45%—28,50%



5,94—6,00

113%—115%

252%—256%

April

6.

28,53%—28,58%

6,00—6,02

110,00  112,00

248,00—252,00

13-28,89

  28,97

6,04—6,10

116,00—118,00

259%—261%

20.

28,29—28,64

5,91%—5,97%

114%—116%

250,00—254,00

27.

28,26%—28,31%

5.90%—5,96%

113,00—115,00

247%—251%

Mai

4-28,24%—28.29%



5.90%—5,96%

113,00—115,00

244,00—248,00

11.

28,24—28,29

5,91—5,97

113,00—115,00

243,00—247,00

18.

28,21  28,26

5,89%—5.95%

112  %  114  %

244,00—248,00

25.

28,19%—28,24%

5,89%—5,95%

1I2%—114%

243%—247%

Juni

15-28,13

  28,l8

5,88%—5,94%

m%—”3%

244,00—248,00

22.

28,13  28,l8

5,88—5,94

111,00-—113,00

243,00—247,00

29.

28,13—28,18

5,88—5,94

110%  112%

242,00—246,00

Juli

6.

28,11  28,l6

5,87%—5.93%

HO%  112%

243,00—247,00

12.

28,11—28,16

5,87%—5,93%

111,00—113,00

243,00—247,00

20.

28,10%—28,15  %

5,87%—5,93%

110,00  112  y 2

243,00—247,00

27-28,10—28,15



5.87%—5,93%

110  %—112%

243,oo—247,00

August

3-28,10—28,15



5,87%—5,93%

110%  112%

242%—246%

10.

28,10—28,15

5.87%—5,93%

HO%—112%

242%—246%

17-28,10—28,15



5,87%—5,93%

110%  112%

242,00—246,00

24.

28,08%—28,13%

5.87—5,93

110,00  112,00

240%—244%
        <pb n="78" />
        62

Erwin  Respondek,

Schon  allein  nach  dem  Gesetz  der  erweiterten  Parität  folgt  aus
der  Steigerung  der  fremden  Zahlungsmittel  im  Innern  eine  äquivalente
Bewegung  des  Franken  an  den  korrespondierenden  ausländischen  Börsenplätzen. ­
  Und  in  der  Tat  erlitt  die  französische  Devise  auf  dem  Weltmärkte ­
  einen  Abschlag,  der  jenen  Überwertungen  der  fremden  Wechsel
im  eigenen  Lande  annähernd  gleichkommt.  Auch  hier  folgte  auf  eine
kontinuierliche  Senkung,  die  nach  und  nach  in  London  und  New  York
ein  Disagio  von  12—15  %  erreichte,  in  den  Monaten  Juni  bis  September
1915  eine  sprunghafte,  bisweilen  überhastete  Abwärtsbewegung  des

Notierungen  von  Wechsel  auf  Paris  in  London,
New  York,  Amsterdam.

Tag  der
Notierung

Börsenplatz

London

New  York

Amsterdam

Parität:
1  £  =  25,22  Frcs.

Parität:
1  $  —  5,1826  Frcs.

Parität:
100  Frcs.  =  48F1.

1915

G.  B.

G.  B.

Januar  .

.  .

25,60—25.70

5,1925

47,85—48,05

Februar  .

,  ,

25,65—25.75

5,1985

47,30—47,50

März  .  .

.  .

25,75—25.85

5,2700

47,57%—47,77%

April  .  .

25,90  26,00

5,3250

47,55—47,75

Mai  .  .  .

26,25—26,35

5,4200

46,50—47,00

Juni

25-26,40—26,50



5,4900

45,25—45,75

29.

27,00  27,10

5,6700

44,95—45,45

Juli

IO.

27,40  27,50

5,6450

44.05—44,55

3°-27,35

  27,45

5,7ioo

43,55—44,05

August

IO.

27,30  27,40

5,8900

42,90—43,10

20.

27,75—27,85

5,9100

41,75—42,25

30-27,90

  28,00

6,0200

41,85—42,35

September

20.

27,82—27,92

5,8800

42,20—42,70

Oktober

30-—



5,9500

40.15—40,68

November

IO.

—

5,9750

39,62—40,12

Dezember

20.

27,70—27,80

5,8600

39,17—39,67

1916

J  anuar

10.

27,82—27,87

5,8400

38,00

20.

27,89—27,94

5,7125

38,60

z8.

27,97—28,02

5,7175

39,80

Februar

28.

27,99—28,04

5,8775

40,50

März

10.

27,57—27,62

5,9125

40,15  1

20.

—

5,9250

39,75

30.

28,45—28,48

5,9675

39,30

April

6.

28,53—28,58

5,9850

38,75

12.

28,74—28,79

6,0400

38,50

28.

28,27—28,32

5,9350

40,20

Mai

20.

28,22%—28,25%

5,9200

40,77

Juni

l6.

28,15—28,20

5,9100

40,75

26.

28,12—28,15

5,9175

40,92%

Juli

18.

28,11—28,15

5,9100

40,85

26.

28,11—28,15

5,9075

41,07%
        <pb n="79" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

63

Franken.  Einige  Kurse  mögen  diese  krisenhafte  Zeit  deutlicher  erkennen ­
  lassen.  In  New  York  kotierte  Sicht  Paris;

4.  Juli  .  .

■  5.91

16.  August

6,00

24.  September

•  5,88

18.  Juli  .  .

•  5,9i

26.  August

5,98

16.  Oktober  .  .

■  5,90

30.  Juli  .  .

■  5,7i

30.  August

6,02

28.  Oktober.  .

•  5,94

9-  August  .
in  Holland;

•  5,74

14.  September

5,99

10.  November  .

•  5,98

4-  Juli  .  .

.  40,90

26.  August

42,25

16.  Oktober.  .

.  41,8714

18.  Juli  .  .

.  40,90

30.  August

42,35

28.  Oktober  .  .

•  39,85

3°.  Juli  .  .

.  40,90

14.  September

41,40

ro.  November  .

•  39,6214

9.  August  .
36.  August  .

•  43,25
•  43,oo

24.  September

41,75

22.  November  .

.  40,00

Nach  einer  leichten  Erholung  begannen  die  Kurse  auf  der  ganzen
Linie  wiederum  langsam  zu  steigen,  und  im  März  erklommen  sie  in  London
und  in  New  York  zum  Teil  wieder  recht  steile  Höhen.
Bei  Verfolgung  der  hier  geschilderten  Wechselkursschwankungen
drängt  sich  die  Frage  nach  den  Ursachen  auf,  die  Frage,  wo  letzten
Höchster  und  niedrigster  Kurs  des  Franken  in  London.
(Nach  der  Handelskammer  von  London.)  L’Economiste  Franfais  1916.  3.  Juni,  S.  775—776.)
Franken  in  Pfund  Sterling.
Parität:  1  £  =  25,221.

Monat

Höchster

Niedrigster

1914

Juli

24,70

25,18%

August

24,80

25,15

September  ....

25,05

25,45

Oktober

25,00

25,25

November  ....

24,92

25,25

Dezember  ....

24,92%

25,15

1915

Januar

24,97%

25,17

Februar

25,05

25,40

März

25,24

25,5i%

April

25,45

25,59

Mai

25,5z

25,95

Juni

25,90

27.10

Juli

26,22%

27,17%

August

26,80

29,20

September  ....

27,10

27.95

Oktober

27,15

27,57

November  ....

27,50

27,93

Dezember  ....

27,38

27,76

1916

Januar

27,61

28,05

Februar

27,93

28,30

März

27,96

28,50

April

28,25

29,02

Mai

28,75

28,75

Juni

28,55

28,69
        <pb n="80" />
        64

Erwin  Respoadek,

Endes  der  Ursprung  jener  Kräfte  liegt,  die  zur  Entwertung  der  französischen ­
  Valuta  geführt  haben.
Die  kritische  währungspolitische  Lage  Frankreichs  findet  ihre  natürliche ­
  und  restlose  Erklärung  in  den  beiden  fundamentalen  Faktoren
Zahlungsbilanz  und  Notenemission,  erstere  vornehmlich  beeinflußt ­
  durch  die  passive  Handelsbilanz,  den  durch  Zahlungsverbote
und  Moratorien  des  schuldnerischen  Auslandes  erzeugten  Ausfall  an
Zinsen  und  anderen  Einnahmen  aus  internationalen  Verbindlichkeiten.
Es  entsteht  somit  die  Aufgabe,  darzulegen,  welche  Entwicklung  die  französische ­
  Zahlungsbilanz  seit  Kriegsausbruch  genommen  hat,  d.  h.  welchen
Veränderungen  deren  wichtigste  Posten  im  Kriege  unterliegen,  und  hiernach ­
  ist  die  Frage  zu  prüfen,  in  welchem  Maße  die  Notenemission  auf
den  Wert  der  französischen  Währung  eingewirkt  haben  kann.
Bereits  im  Jahre  1913  war  die  französische  Handelsbilanz
passiv.  Auch  das  Jahr  1914  schloß  mit  einem  etwa  gleichen  Einfuhrüberschuß ­
  ab.  Im  einzelnen  waren  die  Bewegungen  von  Einfuhr  und
Ausfuhr  für  beide  Jahre  die  folgenden:
Frankreichs  Ein-  und  Ausfuhrhandel  1913  und  1914.

1914

I 9 I 3

in  Mill.  Frcs.

Einfuhr 1 ):
Nahrungsmittel
Rohstoffe  für  die  Industrie  ....
Fabrikate

WI3.3
3574.8
I06l,0

1817,5
4945,7
1658,0

Zusammen
Ausfuhr:
Nahrungsmittel
Rohstoffe  für  die  Industrie  ....
Fabrikate
Postpakete

Ö349. 1
626.9
1301,5
2549, 1
346.9

8421,2
838,8
1858,1
3617,0
566,2

Zusammen

4824,4

6880,1

Überschuß  der  Einfuhr  über  die  Ausfuhr

1524,7

I 54 I ,i

In  der  Kriegszeit  begann  die  Einfuhr  von  Monat  zu  Monat  bald
schneller  als  die  Ausfuhr  zu  steigen.  Import  und  Export  für  das  Jahr
1915  weisen  im  Vergleich  zu  den  gleichen  Perioden  des  Jahres  1914
einen  unverkennbar  anwachsenden  Überschuß  der  Einfuhr  über  die
Ausfuhr  auf.  Das  gleiche  gilt  für  das  laufende  Jahr  1916.
Die  ununterbrochene  Einfuhr  Frankreichs  geht,  wie  die  Ziffern  es
zeigen,  von  Monat  zu  Monat  weit  über  das  gewohnte  Maß  hinaus  und
prägt  so  der  Handelsbilanz  des  Landes  einen  stark  passiven  Charakter
auf.  Noch  einen  weiteren  Schluß  läßt  die  aufmerksame  Betrachtung
der  Ziffern  zu,  soweit  sie  namentlich  ein  wenig  nach  den  liefernden
Ländern  gegliedert  werden.  Denn  die  Kriegskonstellationen  haben  für

x )  Statistique  Annuaire  de  la  France  1914.
        <pb n="81" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

65

Bewegung  der  Einfuhr  und  Ausfuhr  (in  Mül.  Frcs.).
Monatsweise  zusammengefaßt  ab  i.  Januar  jeden  Jahres.

Epoche

Anzahl
der
Monate

1914

1915

1916

Einfuhr ­


Ausfuhr ­


Einfuhr-




Einfuhr ­


Ausfuhr ­


Einfuhr-




Einfuhr ­


Ausfuhr ­


Einfuhr-




i-  Jan.—31.  Jan.

I

333)0°

i53,oo

180,00

6n,oo

201,00

410,00

i.  Jan.—28.  Feb.

2

1512,00

992,00

520,00

855,00

385,00

470,00

1309,00

497,00

812,00

!•  Jan.—31.  März

3

2292,00

1620,00

672,00

1482,00

684,00

798,00

—

—

—

i.  Jan.—30.  April

4

3023,00

2210,00

813,00

2180,00

915,00

r265,oo

2832,00

1107,00

1725,00

i.  Jan.—31.  Mai

5

3704,00

2830,00

874,00

2781,00

1178,00

1603,00

3687,00

1392,00

2295,00

i.  Jan.—30.  Juni

6

4410,00

3376,00

1034,00

3551,00

1450,00

2101,00

4459,00

1718,00

2741,00

*•  Jan.—31.  Juli

7

4984,00

3851,00

1133,00

4264,00

1696,00

2568,00

5412,00

1994,00

3418,00

v  Jan.—31.  Aug.

8

5233,0°

4094,00

1139,00

5112,00

1925,00

3187,00

6498,00

2244,00

4254,00

!■  Jan.—30.  Sept.

9

5489,00

4250,00

1239,00

5841,00

2184,00

3657,00

7381,00

2516,00

4865,00

*•  Jan.—31.  Okt.

IO

5729,00

4433,00

1296,00

6583,00

2446,00

4137,00

*•  Jan.—30.  Nov.

II

5995,00

4603,00

1392,00

7201,00

2731,00

4470,00

*•  Jan.—31.  Dez.

12

6402,00

4869,00

i533 7 ° 0

8074,00

3022,00

5052,00

Frankreich  in  der  Frage  des  Nahrungsmittel-  und  Rohstoffbezugs  eigenartige, ­
  charakteristische,  durch  die  Kriegslage  bedingte  Merkmale  herausgebildet. ­
  Frankreich  ist  durch  den  Krieg  auf  einen  neuen  Kaufmarkt
verwiesen,  da  es  seinen  alten  großen  Lieferanten  und  Schuldner,  Rußland, ­
  verloren  hat,  dem  es  trotz  verzweifelter  eigener  Anstrengung  und
Unterstützung  Englands  das  Dardanellentor  nicht  öffnen  konnte.  So
empfing  die  Republik  früher  ihr  Getreide  aus  Rußland,  als  eine  Kompensation ­
  für  fällige  Koupons  und  Effekten,  ferner  Gemüse  u.  a.  aus  Rußland. ­
  Auch  die  anderen  Schuldnerstaaten  Südamerika,  der  Balkan  u.a.  m.
liefern  garnicht  mehr  oder  nur  in  beschränktem  Umfange.  An  die  Stelle  der
alten  Lieferanten  traten  nunmehr  vornehmlich  Nordamerika  und  England.
Daher  überrascht  es  nicht  mehr,  daß  diese  kontinuierliche  Steigerung ­
  der  Einfuhr,  wie  sie  nachgewiesen  ist,  fast  ausschließlich  von
der  Lieferung  dringend  notwendiger  Produkte  aus  den  Vereinigten
Staaten  von  Amerika  und  England  herrührt.
Diese  Überlegungen  können  durch  einige  Zahlenangaben  der  französischen ­
  Regierung,  die  das  Moment  der  Verschiebung  der  Lieferanten
deutlich  abzeichnen,  belegt  werden.  Die  Verteilung  der  Einfuhr  auf
die  einzelnen  Länder  war  im  Jahre  1915  die  folgende  (s.  S.  66).
Der  Warenaustausch  für  1915  zwischen  Frankreich  und  England
bietet  das  folgende  Bild 1 )  (in  Mill.  Frcs.):

Warenverkehr  zwischen  Frankreich  und  England.

Richtung  der  Warenbewegung

1909

1973

1915

Einfuhr  von  Frankreich  nach  England  .  .  .

ms

n68

793

Ausfuhr  von  England  nach  Frankreich  .  .  .

539

946

1767

*)  Frankfurter  Zeitung,  9.  April  1916,  Nr.  99.
Respondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

5
        <pb n="82" />
        66

Erwin  Respondek,

Anteil  der  Staaten  an  der  Einfuhr  Frankreichs  in  den  Jahren
1914  und  1915.

Land

Jahr

Zu-  und  Abnahme

in  absoluten
Zahlen

in  %

1915

1914

Rußland

51

319

—  268

84

England

1714

856

+1058

124

Vereinigte  Staaten

2273

795

4-  1478

186

Schweiz

169

102

+  67

Ö6

Italien

335

174

+  161

93

Spanien

46l

193

+  268

139

Nach  amerikanischen  Berichten  haben  die  Amerikaner  nach  Verlauf
eines  Jahres  der  französischen  Republik  für  über  1500  Milk  Frcs.  mehr
geliefert  als  sie  von  Frankreich  empfingen.  Der  amerikanische  Handelsverkehr ­
  mit  Frankreich  gestaltete  sich  in  dem  Zeitraum  1.  Juli  1914
bis  30.  Juni  1915  wie  folgt 1 ):
Warenverkehr  zwischen  Frankreich  und  den  Vereinigten
Staaten  von  Amerika.

1915

1914

Ausfuhr  nach  Frankreich

369.4

159,8

Einfuhr  von  Frankreich

77,2

14L4

Ausfuhrüberschuß  von  ......

292,2

18,4

Diese  Lieferungen  erstrecken  sich  auf  Kriegsmaterialien,  und  namentlich ­
  die  Amerikaner  liefern  Munition,  Waffen,  Automobile  und  sonstige
Kriegsbedarfsartikel.  Daneben  auch  Lebensmittel  und  industrielle
Friedensprodukte.  Die  großen  Mengen  erlangen  für  die  Zahlungsbilanz
Frankreichs  auch  insofern  eine  höhere  Beeinflussung,  als  die  Profitrate
der  Amerikaner  zum  Werte  der  Lieferungen  in  keinem  rechten  Verhältnis ­
  steht.  Die  glänzende  Ernte  der  Union  wird  dem  Vierverbande
zu  recht  hohen  Preisen  zur  Verfügung  gestellt,  und  die  Kriegswaren
erfahren  einen  doppelten  bis  dreifachen  Preisaufschlag.  England  wieder
tritt  stärker  mit  dem  Verkaufe  von  teuren  Kohlen  und  Textilwaren
hervor.
Aber  die  passive  Handelsbilanz  ist  für  die  Gestaltung  der  Zahlungsbilanz ­
  nicht  von  alleiniger  oder  ausschlaggebender  Bedeutung.  Bei  der
Betrachtung  der  französischen  Zahlungsbilanz  kommt  noch  ein  zweiter
Posten  hinzu,  der  an  Bedeutung  und  Dringlichkeit  der  Handelsbilanz
gleichkommen  dürfte:  die  Zinszahlungen  der  fremden  Staaten  und
Amortisationen  von  Anleihen  an  Frankreich.  Bis  zum  Kriegsausbruch
hat  die  französische  Volkswirtschaft  dem  Auslande,  der  ganzen  Welt,

1 )  Berliner  Börsen-Courier,  7.  September  1915,  Nr.  417.
        <pb n="83" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschan.

67

5

allein  gegen  45  Milliarden  Frcs. 1 )  in  Anleihe-Form  zur  Verfügung  gestellt, ­
  von  denen  sie  jedes  Jahr  gewaltige  Summen  an  Zinsen  ins  Land
zieht,  oder  einen  Teil  zum  Ausgleich  eines  möglichen  Einfuhrüberschusses
aus  der  Handelsbilanz  verwendet.  Der  Krieg  hat  hier  mit  einem  Male
diesen  Zinsenzufluß  und  Kapitalrückfluß  unterbunden  oder  zum  mindesten ­
  empfindlich  gestört.  Sofort  in  den  ersten  Wochen  des  Krieges
erließen  fast  sämtliche  Staaten  Moratorien,  denen  sich  auch  Zahlungsverbote ­
  gegenüber  dem  Auslande  anschlossen,  so  daß  die  Gläubigerstaaten ­
  ihre  Forderungsrechte  an  Zinsen  und  anderen  Zahiungsverbindlichkeiten
  nicht  geltend  machen  konnten.  Hiervon  wurde  Frankreich ­
  empfindlich  getroffen.  Später  haben  wohl  einige  Staaten,  so  vor
allem  diejenigen,  die  einen  schwungvollen  Kriegshandel  treiben  —  neutrale
Staaten  —  die  Zahlungsstundungen  und  -Verbote  suspendiert  und
gegenüber  ihren  Gläubigern  die  rückständigen  und  laufenden  Verpflichtungen ­
  erfüllt.  Aber  dennoch  ist  der  Kreis  derjenigen  spezifischen  Schuldner-Staaten, ­
  die  durch  den  Krieg  direkt  oder  indirekt  in  Mitleidenschaft
gezogen  werden,  sehr  weit  und  ihnen  ist  es  nach  wie  vor  unmöglich,
auch  nur  einen  kleinen  Teil  ihrer  Schulden  abzudecken.  Die  vielen
kleinen  Länder  in  den  fernen  Zonen  betrachten  die  kriegerischen  Verwicklungen ­
  in  Europa  als  eine  willkommene  Erlösung  von  ihren  Zahlungspflichten. ­
  Aus  den  südamerikanischen  A.  B.  C.-Staaten  (Argentinien,
Brasilien,  Chile)  dürften  die  erforderlichen  Summen  für  den  Zinsendienst
nur  allmählich  und  zum  Teil  unvollständig  bereitgestellt  werden,  und
die  anderen  kleineren  Länder,  wie  Peru,  Uruguay,  Paraguay  u.  a.  werden
sie  auch  bei  gutem  Willen  nicht  immer  rechtzeitig  und  vollständig  auf  bringen
können.  Mexiko  hat  seine  Finanzkraft  durch  jahrelange  innere  Desorganisation ­
  und  einen  Bürgerkrieg  geschwächt  und  dürfte  nicht  einen
Silberpiaster  für  Frankreich  übrig  haben.  In  den  asiatischen  Gebieten,
außer  in  Japan,  herrscht  jetzt  kein  Überfluß  an  Geld,  und  schließlich
dürften  auch  Ägypten,  Tunesien,  Algier  und  andere  afrikanische  Gebiete
schwerlich  an  einem  regelmäßigen  Zinsendienst  festhalten.  Im  Lager
seiner  eigenen  Verbündeten  leistet  Frankreich  zur  Zeit  nicht  nur  Verzicht
auf  alle  Zinszahlungen,  sondern  schießt  ihnen  noch  Unterstützungsgelder ­
  vor.  Gewaltige  Zinszahlungen  Rußlands  müssen  prolongiert
oder  bevorschußt  werden,  Belgien,  Serbien,  Montenegro  sind  unfähig
z ur  Zahlung.  Griechenland  fällt  es  schwer,  sie  in  alter  Höhe  zu  leisten.
Üer  schnelle  Entschluß,  dem  Beispiel  der  englischen  Bundesgenossen
zu  folgen  und  den  Zentralmächten,  der  Türkei  und  Bulgarien  einen
rücksichtslosen  Handelskrieg  zu  erklären,  führte  zu  einer  gegenseitigen,
vollständig  lückenlosen  Zahlungseinstellung.  Dies  bedeutet  für  Frankreich ­
  den  Fortfall  von  vielen  Mill.  Frcs.  Jahreszinsen  aus  Österreich-Ungarn,
  der  Türkei  und  Bulgarien.

■*)  Vgl.  den  Abschnitt:  Kreditinstitute.  Arndt  schätzt  die  Auslandsinvesti-Uonen
  Frankreichs  auf  etwa  60  Milliarden  Frcs.  (Siehe  Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft
und  soziale  Praxis  1915,  S.  311—456).
        <pb n="84" />
        68

Erwin  Respondek,

Frankreichs  Stellung  als  erster  Kapitalgeber  in  Europa  und  der
übrigen  Welt  empfing  durch  diese  Ausfälle  an  Zinsen  einen  scharfen
und  gefährlichen  Stoß.  In  der  letzten  Zeit  werden  die  Zinszahlungen
wieder  regelmäßiger  aufgenommen  sein,  wenigstens  von  einigen  der
genannten  Staaten.  Neben  den  Zinsleistungen  aus  staatlichen  oder
staatlich  garantierten  Anleihen  sind  an  die  französischen  Kapitalisten
auch  die  Dividendenzahlungen  zu  leisten  von  einer  großen  Anzahl  fremder ­
  Unternehmen,  die  sich  in  industrieller,  landwirtschaftlicher  und
kaufmännischer  Richtung  betätigen.  Von  ihnen  stockte  die  Remittierung
  der  Zinszahlungen  gleichfalls  längere  Zeit,  und  sie  ist  heute  noch
nicht  im  vollen  Umfange  und  von  allen  Seiten  aufgenommen.  In
einer  Senatrede  vom  30,  März  1916  gestand  der  Finanzminister  den
hohen  Ausfall  an  den  Zins-  und  Dividendenleistungen  von  ausländischen
Wertpapieren  ein.  Er  bestätigt,  daß  die  Koupons  einer  großen  Reihe
von  Auslands-Anleihen  unbezahlt  bxeiben,  sucht  aber  sofort  die  schmerzliche ­
  Seite  dieses  Zugeständnisses  abzuschwächen,  indem  er  behauptet,
daß  trotz  alledem  noch  gegen  3000  Milk  Frcs.  Koupons  zur  Einlösung
gelangen,  wobei  er  wohl  den  gesamten  Zinsverdienst  aus  etwa  120—125
Milliarden  Frcs.  Wertpapiere  an  den  französischen  Kapitalisten  im
Auge  haben  dürfte.  Die  „Frankfurter  Zeitung“,  die  als  Gesamtbestand
an  Wertpapieren  rund  110  Milliarden  Frcs.  (vgl.  die  Berechnungen
auf  S.  114)  annimmt,  bemerkt  zu  der  Behauptung  Ribots:  „Entschieden
falsch  dürfte  die  Angabe  sein,  daß  immerhin  noch  3  Milliarden  Frcs.
Koupons  zur  Einlösung  gelangten“ 1 ).
Leider  vermögen  diese  Ausführungen  nicht  auf  eine  zahlenmäßige
Grundlage  gestellt  zu  werden,  da  jeder  sichere  Anhaltspunkt  für  eine
Berechnung  der  Zinseneingänge  fehlt.  Lediglich  auf  Schätzungen  ein
Bild  zu  konstruieren,  ist  auch  bei  vorsichtiger  und  möglichst  genauer
Berücksichtigung  der  Fehlerquellen  nicht  angängig.  Daher  muß  als  Endresultat ­
  für  die  Veränderung,  den  Ausfall  aus  diesem  Posten,  die  Ansicht ­
  ausgesprochen  Werden,  daß  die  Mindereingänge  an  Zinsen  aus  den
gesamten  Schuldnerstaaten  eine  sehr  beträchtliche  Höhe  erreichen
und  von  einem  großen  Einfluß  auf  der  Aktivseite  der  Zahlungsbilanz
sein  werden.
Noch  einige  weitere  Posten  der  Zahlungsbilanz  wären  zu  nennen,
deren  Ertrag  ganz  fortfällt  oder  vermindert  wird,  wie  etwa  die  Schwierigkeiten ­
  im  Verkaufe  von  Effekten,  da  die  Mehrzahl  der  Börsen  geschlossen
ist.  An  der  Londoner  Börse  z.  B.  konnte  bis  zum  Februar  des  Jahres
1916  kein  Franzose  auch  nur  1  Pfund  fremder  oder  eigener  Effekten
verkaufen.  Dann  der  Ausfall  von  Einnahmen  aus  dem  Fremdenverkehr,
die  Unterbrechung  jeglicher  Banktätigkeit  zur  Vermittlung  von  Kreditgeschäften ­
  und  endlich  —  hier  als  letztes  Äquivalent,  sonst  aber  steht
es  an  erster  Stelle  —  die  effektive  Unmöglichkeit,  die  heimische  Produktion ­
  zu  fördern,  um  Waren  mit  Waren  zu  bezahlen,  also  die  Passivität
der  Handelsbilanz  durch  gesteigerten  Güterexport  zu  beseitigen.  Alle
J )  Frankfurter  Zeitung,  Nr.  97,  7.  April  1916.
        <pb n="85" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

69

Aktivposten  der  französischen  Zahlungsbilanz  werden  von  Monat  zu
Monat  nicht  voller  und  größer,  sondern  geringer  und  können  dem  steigenden ­
  Passivum  auch  nicht  im  entferntesten  das  Gleichgewicht  halten.
Die  Zahlungsbilanz  Frankreichs  wird  stark  passiv,  aus  dem  Gläubigerstaat ­
  wird  ein  Schuldnerstaat,  der  bei  längerer  Dauer  dieser  Entwicklung
lange  in  diesem  Stadium  verbleiben  oder  noch  tiefer  fallen  wird.
Langsam  begann,  wie  bereits  ausgeführt,  der  Wertmesser  der  französischen ­
  Kaufkraft,  der  Franken,  seine  Geltung  zu  verlieren,  um  später
katastrophal  zu  stürzen.  Die  hohe  Bedeutung  einer  vollwertigen  und
stabilen  Valuta  für  das  Wirtschaftsleben  trieb  die  leitenden  Organe
sofort  dazu,  Gegenmaßregeln  zur  Stützung  anzuwenden.  Wie  sollte
aber  der  Gegenwert  für  die  importierten  Waren  geleistet  werden?  Die
Volkswirtschaftslehre  stellt  hierfür  die  Regel  auf:  Ware  ist  mit  Ware
zu  bezahlen.  Das  durch  den  Krieg  empfindlich  gestörte  Wirtschaftsleben ­
  Frankreichs,  sowie  die  reine  Verbrauchswirtschaft  des  Krieges,
vermögen  aber  das  Äquivalent  Ware  nicht  zu  liefern.  Die  realen  Güter,
die  Frankreich  im  Auslande  besitzt,  seien  es  Warenbestände,  überseeische
Forderungen  an  Zinsen  —  so  weit  hier  die  europäischen  und  außereuropäischen ­
  Moratorien  keine  Hindernisse  in  den  Weg  legten  —  und  sonstigen ­
  im  internationalen  Zahlungsverkehr  brauchbaren  Güter  reichten
nicht  aus,  um  den  Import  zu  decken,  oder  waren  bald  verbraucht.  Es
blieb  also  für  Frankreich  nur  ein  Weg,  der  die  Regel:  Ware  gegen  Ware
zu  ersetzen  geeignet  ist,  und  der  durch  seine  ausnahmsweise  Anwendung
gerade  zur  Regel  geworden  ist.  An  Stelle  der  sofortigen  effektiven  Leistung
tritt  der  Kredit  als  erste  Gegenleistung.
England  und  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  wurden  für
ihre  Güterübertragungen  zunächst  mit  den  neuen  französischen  Schatzanweisungen, ­
  den  „National-Verteidigungswechseln“  und  „National-Verteidigungsobligationen“
  bezahlt.  Die  englischen  und  amerikanischen
Lieferanten  zogen  aber  bald  eine  Grenze,  bis  zu  der  sie  die  neuen  Schatzwechsel ­
  und  Obligationen  in  Zahlung  nehmen  wollten.  Nach  Ribots
Mitteilungen  in  der  Kammersitzung  vom  8.  Mai  1915  haben  England
und  die  Union  im  ganzen  für  502  Mill.  Frcs.  Wechsel  und  Obligationen
der  nationalen  Verteidigung  aufgenommen  und  bis  zum  31.  Oktober
1915  waren  nach  einer  neuen  Angabe  (Kammersitzung  vom  26.  November ­
  1915)  insgesamt  1x65  Mill.  Frcs.  aufgenommen.  Namentlich
sträubten  sich  die  Portefeuilles  der  amerikanischen  Banken,  die  hinreichend ­
  mit  ihnen  gesättigt  zu  sein  schienen.  Auf  der  Grundlage  von
Schatzwechseln  waren  also  nach  kurzer  Zeit  wenig  Kredite  mehr  zu
erlangen,  und  Blankokredite  wollte  man  nicht  eröffnen.  Nach  Berichten
der  periodischen  Presse  sollen  nur  im  September  1914  in  London  50  Mill.
Frcs.,  im  November  1914  in  New  York  50  Mill.  Frcs.  ungedeckte  Bankkredite ­
  eingeräurat  worden  sein.  Seither  sind  weitere  zuverlässige  Nachrichten ­
  nicht  zu  verbuchen.
Im  Verlaufe  von  7  Monaten  haben  die  beiden  kapitalkräftigen
Staaten,  England  und  Amerika,  nur  für  663  Mill.  Frcs.  Schatzwechsel
        <pb n="86" />
        70

Erwin  Respondek,

diskontiert,  nachdem  sie  bereits  502  Milk  Frcs.  im  Besitz  hatten.  Hiermit
war  die  äußerste  Grenze  auf  diesem  Felde  erreicht.  Die  Weigerung,
den  Diskont-  und  Blankokredit  weiter  auszudehnen,  brachte  Frankreich
in  eine  arge  Verlegenheit.  Die  gewaltigen  Mengen  Kriegsmaterial  und
Lebensmittel  müssen  bezogen  werden,  Frankreich  kann  aber  das  Ausland ­
  weder  mit  den  entsprechenden  Gütermengen  bezahlen,  noch  daselbst ­
  weitere  Kredite  erlangen.  Es  mußte  verhandelt  werden,  und  schließlich ­
  machten  sein  Bundesgenosse  England  und  der  Hauptlieferant
Amerika  die  weitere  Zufuhr  von  Gütern  von  einer  Bedingung  abhängig;
Die  neuen  Kredite  —  vornehmlich  Vorschußkredite  —  müssen  zu  x /s  m it
Gold  gedeckt  werden.  So  hatte  nach  einer  Vereinbarung  vom  30.  April
1915  mit  der  englischen  Notenbank  die  Bank  von  Frankreich  nach
London  20  Müll.  Sovereigns  gesandt,  wofür  das  französische  Schatzamt
einen  Kredit  von  62  Mill.  £  in  Amerika  eröffnet  erhielt,  den  Frankreich
durch  Trassierungen  in  Anspruch  nehmen  kann.
Auf  Grund  dieser  Vereinbarung  stellt  das  Jahr  1915  das  eigenartige ­
  Bild  eines  wechselseitigen  Austausches  von  französischem  Gold
und  ausländischer  Krediteröffnung  dar.  Diese  Operationen  gestalten
sich,  soweit  ihre  Abschlüsse  zuverlässig  bekannt  gegeben  wurden,  im
einzelnen  wie  folgt  (in  Mill.  Frcs.)  : x )

Kreditgewährung  und  Golddeckung  in  London  undNew-  York.

Zeitpunkt

London

New

York

Goldzufluß

Krediteröffnung

Goldzufluß

Krediteröffnung

1914

September  .  .

?

50

?

—

November  .  .

—

—

?

50

1915

Januar  ....

300

250

?

50

April  ....

25

—

50

250

Mai

200

1050

150

—

Der  gesamte  Goldabfluß  beträgt  somit  725  Mill.  Frcs.,  die  hierfür  eingeräumten ­
  Kredite  belaufen  sich  —  unter  Einschluß  der  von  1914,  für
die  der  hohe  Goldabfluß  im  Januar  1915  nach  London  wohl  gleichfalls
Geltung  hat  —  auf  1700  Mill.  Frcs.,  d.  h.  eine  Golddeckung  dieser  Kredite
von  rund  44  %.
Die  Transaktionen  im  Monat  Mai  beruhen  außerdem  auf  einem
Sonderabkommen  der  französischen  und  englischen  Regierungen  vom
30.  April  1915.  Hiernach  überweist  die  Bank  von  Frankreich  der  Bank
von  England  20  Mill.  £  =  500  Mill.  Frcs.  Gold.  Dagegen  erhält  die
französische  Regierung  in  London  einen  Kredit  von  62  Mill.  £  =  1550  Mill.
Frcs.  Der  gewährte  und  tatsächlich  benutzte  Kredit  ist  außerdem  durch
französische  Schatzwechsel  in  voller  Höhe  zu  decken,  die  jedesmal  bei
*)  Die  Tabelle  ist  auf  Grund  von  Preßnotizen  und  aus  Fachzeitschriften  zusamraengestellt.
  Siehe  z.  B.  Bank,  August-Heft  1915  und  Koppe,  a.  a.  O.  S.  750.
        <pb n="87" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

71

ihrer  Fälligkeit  verlängert  werden  und  ein  Jahr  nach  Friedensschluß
zurückzuzahlen  sind.  Über  den  weiteren  Austausch  von  Krediten  gegen
Gold  auf  Basis  dieses  Abkommens  sind  zuverlässige  Nachrichten  nicht
zu  ermitteln  gewesen.
Im  Kern  läuft  diese  Vereinbarung  für  den  Darlehnsgeber  nur  darauf
hinaus,  die  Kredite  auf  einen  festen  Boden  zu  stellen,  gleichsam  ein
Pfandobjekt  in  den  Händen  zu  halten,  dessen  Güte  über  alle  Zweifel
erhaben  ist  und  unter  keinen  Verlusten  realisiert  werden  kann.  Die  sich
hierum  gruppierenden  sonstigen  Bestimmungen,  kurze  Leihfrist,  Deckung
durch  Schatzwechsel,  sind  mehr  oder  minder  schmückendes  Beiwerk.
Frankreich  glaubt  jetzt  keinen  anderen  Ausweg  zu  haben,  die  Valuta-Entwertung
  wirksam  zu  bekämpfen,  als  den  Goldexport  durch  die  Bank
von  Frankreich.  Daher  auch  die  bereits  geschilderte,  intensiv  betriebene
Goldbewegung  in  die  Keller  der  Notenbank  in  der  zweiten  Hälfte  des
Jahres  1915,  um  die  Bestände  der  Notenbank  nach  Möglichkeit  zu  schonen,
sie  für  die  künftigen  Tage  zurückzuhalten.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß
durch  einen  genügend  hohen  Goldexport  zur  Deckung  höherer  Kredite
eine  ansehnliche  Hebung  und  sogar  eine  längere  Zeit  anhaltende  Verbesserung ­
  der  einmal  gehobenen  Frankendevise  in  gewissen  Grenzen
erzielt  werden  kann.  Hierüber  waren  sich  auch  die  Banktheoretiker
Frankreichs  einig.  Aber  es  muß  doch  höchstes  Erstaunen  erregen,  daß
zahlreiche  Vertreter  der  französischen  Volkswirtschaft  bei  den  Diskussionen ­
  über  diesen  Punkt  sich  geradezu  rückhaltlos  für  einen  Goldexport
in  jedem  Umfange  aussprachen,  und  ihn  für  durchaus  unschädlich  nach
jeder  Richtung  ansahen.  Keine  Summe  erschien  ihnen  zu  klein.  In
den  Diskussionen,  die  in  der  „Societe  d’Economie  Politique  de  Paris“
gehalten  wurden,  traten  bei  einer  Besprechung  über  die  Devisenkurse
die  Volkswirtschaftler  Maroni,  Fernaux,  Alfred  Neymarck
für  einen  uneingeschränkten  Goldexport  ein 1 ).  Maroni  z.  B.  sagt  an
einer  Stelle  seiner  Rede,  daß  der  gewöhnlich  hingeworfene  Einwand,  mit
dem  Goldexport  vermindere  sich  der  innere  Wert  der  Noten,  nicht  zutrifft ­
  !  Denn  die  Noten  erhalten  ihren  Wert  nicht  aus  der  metallenen
Deckung.  Auch  P.  Leroy-Beaulieu  ist,  wie  bereits  erwähnt,  ein
eifriger  Vertreter  für  den  uneingeschränkten  Goldexport.  Nur  zwei
Redner  sprachen  frei  ihre  Bedenken  aus:  D  e  c  a  m  p  s  und  M  a  n  c  h  e  z.
Decamps  weist  darauf  hin,  daß  die  Öffentlichkeit  das  Gold  als  die
alleinige  und  notwendige  Deckung  und  Garantie  für  die  emittierten  Noten
ansehe.  Wenn  man  auch  geneigt  sein  sollte,  diese  Ansicht  als  ein  unbegründetes ­
  Vorurteil  anzusprechen,  so  ist  es  dennoch  unmöglich,  es  zu
vernachlässigen  oder  garnicht  zu  beachten.  Das  Ausland  sieht  zuerst
auf  den  bei  der  Notenbank  aufgehäuften  Goldschatz,  und  ohne  ihn  hätte
die  Bank  von  Frankreich  die  französische  Valuta  nicht  so  halten  und
sich  Kredite  im  Auslande  verschaffen  können.  „Dieser  Goldschatz  schließt
ein  machtvolles  Kreditelement  in  sich",  sagte  D  e  c  a  m  p  s  wörtlich.
Auch  M  a  n  c  h  e  z  schließt  sich  den  Ansichten  von  D  e  c  a  m  p  s  an.

1 )  L’Economiste  Franpais  Nr.  44,  30.  Oktober  1915.
        <pb n="88" />
        72

Erwin  Respondek,

Es  ist  nur  zu  begreiflich,  daß  man  Bedenken  hegen  mußte,  den
effektiven  Goldbestand  der  Notenbank  für  diese  Zwecke  anzugreifen.
Die  verstärkte  Notenemission  könnte  sonst  leicht  der  klassischen  Mindestdeckung ­
  —  1 / s  Gold  der  emittierten  Noten  —  verlustig  gehen.  Die  Bankleitung ­
  erkannte  dies  deutlich  und  drängte  auf  Ersatzmittel.  Sie  dürfte
doch  wohl  zu  dem  Urteil  gelangt  sein,  daß  auch  das  Gold  als  Abwehroder ­
  Heilmittel  für  die  Währungsschwierigkeiten  hier  keinen  vollen
und  dauernden  Erfolg  bringen  wird,  weil  es  die  Quellen  des  Übels  nicht
zu  erfassen  vermag.  Die  Kriegführung  erfordert  unentwegt  eine  unbeschränkte ­
  Zufuhr  von  Gütern,  deren  Gegenwert  durch  den  Goldexport ­
  auf  die  Dauer  und  in  solchen  Höhen  nicht  gegeben  werden  kann.
Und  den  Goldvorrat  bloß  als  Deckmantel  für  einen  augenblicklichen
Schutz  herzugeben,  sieht  sie  mit  Recht  keinen  vernünftigen  Grund  ein.
Man  blieb  jedoch  den  währungspolitischen  Schäden  nicht  untätig
und  gleichgültig  gegenüber,  suchte  vielmehr  nach  weiteren  Mitteln,
sie  nach  Möglichkeit  zu  lindern.  Auch  die  Regierung  griff  ein.  Frankreich ­
  besitzt  nach  Schätzungen  der  französischen  Zeitungen  gegen  xooo
Mill.  Frcs.  amerikanische  Eisenbahnaktien  und  -Obligationen,  die  an
der  Börse  kotiert  werden.  Diese  Effekten  werden  nunmehr  durch  das
Schatzamt  mobil  gemacht.  Die  Regierung  veranlaßt  die  Banken,  ihre
Kundschaft  durch  ein  besonderes  Rundschreiben  zum  Verkauf  der  amerikanischen ­
  Effekten  zu  bestimmen.  Die  Banken  gaben  daher  auch
feste  Angebote  auf:  3%  %  Pennsylvania  Obligationen,  4  %  Chicago-Milwaukee,
  5  %  St.  Louis,  San  Francisco,  4%  New  York  —  New  Haven
Obligationen  usw.  zu  bedeutend  höheren  Kursen  als  zu  den  Kursen
des  Monats  Juli  1914.  Da  es  dem  Schatzamte  an  baren  Mitteln  fehlt,
werden  diese  Regierungskäufe  mit  Schatzwechseln  bezahlt.  Die  auf
diesem  Wege  erworbenen  Titel  werden  in  Amerika  hinterlegt,  und  auf
ihrer  Basis  wird  der  Regierung  von  den  amerikanischen  Geldgebern
ein  entsprechender  Kredit  eingeräumt.  Dieser  Weg  stellt  auf  dem
Gebiete  der  Valutapolitik  ein  Novum  dar,  der  aber  zu  einer  entscheidenden ­
  Aufbesserung  der  gesunkenen  französischen  Valuta  nicht
geführt  hat.  Bei  diesen  Transaktionen  haben  auch  einige  Hindernisse
im  Weg  gelegen.  Denn  die  in  Frankreich  aufgelegten  ausländischen
Werte  besitzen  nur  in  Paris  einen  Markt.  Hierüber  führte  der  Finanzminister ­
  R  i  b  01  in  einer  seiner  Reden  (Kammersitzung  vom  8.  Mai  1915)
das  Folgende  aus;
„Unsere  Gesetzgebung  war  in  dieser  Beziehung  nicht  immer  glücklich ­
  inspiriert.  Um  alle  auswärtigen  Anleihen,  die  auf  den  französischen
Markt  kamen,  durch  Steuern  und  Stempel  zu  erfassen,  hat  man  die
in  Paris  eingeführten  ausländischen  Werte  französiert;  man  hat  ihnen
den  internationalen  Charakter  genommen,  damit  sie  dem  Fiskus  nicht
entgehen  sollten.“
Von  welchem  Erfolge  diese  Bewegung  in  Frankreich  begleitet  war
und  wie  die  Schwierigkeiten  der  Unverkäuflichkeit  jener  amerikanischen
Werte  behoben  wurden,  ist  nicht  zu  ermitteln  gewesen.  „Die  Bank“
        <pb n="89" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

73

meldet,  daß  die  Firma  J.  P.  Morgan  &amp;amp;  Co.,  die  National  City  Bank
of  New  York  und  einige  andere  Banken  gemeinsam  der  französischen
Regierung  auf  dieser  Grundlage  50  Milk  Dollar  amerikanische  Eisenbahn-Obligationen
  belieben  haben 1 ).
Auch  die  vereinigten  Bestrebungen  der  Notenbank  und  der  französischen ­
  Regierung  haben  nicht  vermocht,  die  erschütterte  Währung
zu  heben  und  den  Wert  des  Franken  auf  dem  Weltmärkte  wieder  zu
stabilisieren.  Die  zeitweilig  erzielten  Erfolge  dieses  Bestrebens  waren
gering,  die  Opfer  groß.  Frankreich  wandte  sich  in  dieser  Verlegenheit  von
neuem  an  seinen  kapitalkräftigen  Verbündeten  England.  England  hatte
das  größte  Interesse,  seinen  politischen  Verbündeten  finanziell  zu  unterstützen, ­
  ihn  vor  verhängnisvollen  Geldschwierigkeiten  zu  bewahren.
England  hatte  aber  ein  ebenso  großes  Interesse  zu  verhüten,  daß  Frankreich ­
  sich  mit  seinen  großen  Lasten  ausschließlich  auf  seine  Schultern
stützte  und  dürfte  vielleicht  die  Anregung  gegeben  haben,  gemeinsame
Arbeit  zu  leisten.  Aber  auch  nicht  aus  eigenen  Kräften  heraus,  sondern  über
das  Mittel  der  Anleihe  sollten  die  durch  Kriegsgewinne  angesammelten
Kapitalien  der  Neutralen  der  Kriegsfinanzierung  wieder  zugeführt
werden.  Und  so  entwickelten  die  führenden  finanziellen  Kreise  beider
Länder  den  Plan,  eine  gemeinsame  Anleihe  im  Auslande  aufzunehmen.
Die  ersten  Nachrichten  über  eine  geplante  große  Entente-Anleihe
lagen  bereits  im  Februar  1915  vor.  In  den  ersten  Tagen  dieses  Monats
fand  nach  Presseberichten  in  Paris  eine  Zusammenkunft  der  Finanzminister
  Frankreichs,  Englands  und  Rußlands  statt,  in  der  über  Mittel
und  Wege  beraten  wurde,  einen  kontinuierlichen  Zufluß  von  Geldmitteln ­
  für  die  weitere  Kriegführung  sicher  zu  stellen.  Die  Initiative
dürfte  in  gleich  starkem  Maße  von  England  und  Rußland  ausgegangen ­
  sein.  Namentlich  das  stets  geldhungrige  Rußland  förderte  in
ganz  verständlicher  Weise  diesen  Gedanken,  da  es  annehmen  durfte,  in
diesem  Bund  ein  der  Rolle  des  bekannten  Dritten  gut  und  billig  zu  fahren.
Weniger  geschah  dies  von  Seiten  Frankreichs,  da  um  diesen  Zeitpunkt  die
finanzielle  Lage  und  der  Status  der  Notenbank  noch  zu  keinen  ernsten
Bedenken  Anlaß  gaben.  Man  könnte  wohl  vermuten,  daß  die  französischen
Finanziers  und  der  Leiter  der  Notenbank  die  zukünftige  Entwicklung  ihrer
geldwirtschaftlichen  Kraft  voraussahen  und  aus  Gründen  der  Vorsorge,
die  ja  für  die  Führer  der  Bank  von  Frankreich  ein  charakteristisches
Merkmal  ist,  für  die  Eröffnung  eines  größeren  Anleihe-Kredits  mit  eintraten. ­
  Es  muß  jedoch  auf  das  damals  vorherrschende  ruhige  finanzielle
Aussehen  Frankreichs  hingewiesen  werden,  das  zu  einer  so  außergewöhnlichen ­
  finanzpolitischen  Maßnahme  noch  nicht  hingedrängt  haben  kann,
am  allergeringsten  etwa  aus  kritischen  Währungsgründen.  Diese  waren
noch  nicht  vorhanden.
Als  Ergebnis  der  geheimen  Beratungen  verkündete  die  Presse  etwas
verfrüht  die  Emission  einet  Drei-Staaten-Anleihe.  Eine  5  %  kurzfristige
Anleihe  in  Höhe  von  4000  Mill.  Mk.  sollte  in  den  Vereinigten  Staaten
b  Die  Bank,  S.  776,  H.  8.  August  1915.
        <pb n="90" />
        74

Erwin  Respondek,

von  Amerika  aufgelegt  werden.  Hierzu  ist  zu  bemerken,  daß  Rußland
jeder  Zinsfuß  recht  wäre.  Frankreich  könnte  ohne  Schaden  für  seinen
eigenen  Kredit  einen  5  proz.  Anleihe-Typ  wohl  ertragen,  da  sein  Landeszinsfuß ­
  damals  gerade  diesen  Satz  erreichte.  Aber  England  konnte
keine  Konzessionen  für  einen  solchen  Satz  einräuraen.  Erst  im  November
1914  emittierte  das  Schatzamt  einen  3%  %  Anleihe-Typ  und  mußte
bei  einem  so  hohen  Satze  die  Entwertung  seiner  alten  Anleihen  befürchten.
Das  Anleiheprojekt  bot  aber  noch  weitere  Schwierigkeiten.  Außer  in
der  Normierung  des  Zinssatzes  lag  das  zweite  und  vielleicht  wichtigste
Hindernis  in  der  Währungsfrage.  Die  drei  Staaten  hätten  das  Problem
eines  stabilen  Geldwertes  zu  lösen,  einer  Währungs-Einheit,  in  der  ein
für  alle  Beteiligten  verlustloser  Zins-  und  Amortisationsdienst  bewirkt
werden  kann.  Nun  ist  der  Rubel  nicht  nur  im  Kriege,  sondern  auch  in
Friedenszeiten  den  schärfsten  Schwankungen  unterworfen  und  auch
der  Franken  und  das  Pfund  Sterling  können  früher  oder  später  aus
ihrem  Beharrungszustande  merklich  heraustreten.  Dann  hängt  auch
eine  Universal-Staatsanleihe  von  den  allgemein  gültigen  Gesetzen  ab,
denen  jede  Anleihe  unterworfen  ist.  Sie  hängt  ab  von  dem  Vertrauen,
das  der  Weltmarkt  in  die  Staats-Einheit  —  Frankreich,  England,
Rußland  —  setzt  oder  setzen  will.  Rußland,  dessen  Kreditwürdigkeit
im  eigenen  Lande  höchst  gering  eingeschätzt  wird,  paßte  zu  der  Staatseinheit ­
  wenig,  namentlich  nicht  dazu,  um  in  Verbindung  mit  zwei  angesehenen ­
  Kapitalisten  gemeinsame  Finanztransaktionen  zu  vorteilhaften
Bedingungen  zu  unternehmen.  Auf  die  Besprechung  in  der  Minister-Konferenz
  folgte  die  Tat  nicht 1 ).
Die  Frage  der  Valutaregulierung  wurde  für  Frankreich  in  der  zweiten
Hälfte  des  Jahres  1915  dringender.  Alle  dargebrachten  Opfer,  wie  sie
vorstehend  aufgeführt  wurden,  waren  von  wenig  Erfolg  begleitet.  Als
dann  im  Juni  die  Entwicklung  des  Franken  einen  fast  krisenhaften  Charakter ­
  annahm,  wurde  diesmal  sicherlich  von  Frankreich  aus  der  Plan  einer
größeren  Auslands-Anleihe  im  Verein  mit  den  Alliierten  aufgenommen  und
zur  erneuten  Diskussion  gestellt.  Im  August  setzten  die  Besprechungen
zwischen  den  beiden  Finanzministern  ein.  Diesmal  wurde  Rußland
ausgeschlossen.  Es  wurde  bald  eine  Einigung  erzielt.  Denn  die  harte
Notwendigkeit,  schnell  zu  handeln,  ließ  keinen  Raum  für  schöne  Worte,
durch  Welche  die  Opfer  nicht  geschmälert  und  Schäden  nicht  geheilt  werden
konnten.  Weiterhin  standen  sich  auch  jetzt  zwei  fast  gleiche  Parteien
gegenüber.  England  sah  seinen  Sterling  an  der  New  Yorker  Börse
unter  der  Parilinie  und  konnte  trotz  eines  großen  Aufwandes  an
Gold,  Effekten  und  Kreditaufnahmen  eine  anhaltende  Steigerung  und
Festigung  nicht  erreichen.  Schließlich  war  der  englische  Kredit  nach
einem  halben  Jahre  im  eigenen  Lande  gesunken  —  die  zweite  englische
Kriegsanleihe  gewährte  4%  %  —  und  nicht  allzuweit  vom  französischen
entfernt.  Beide  Staaten  haben  bei  der  Bekämpfung  der  Valuta-Entwertung
  schon  zusammen  gewirkt,  vereint  Leid  und  Freud  in  diesem
b  Vgl.  auch  hierüber  die  Ausführung  Lansburghs  a.  a.  O.  1915,  I,  S.  187.
        <pb n="91" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

75

Kampfe  kennen  gelernt.  Das  Gold  Frankreichs,  das  mit  nicht  unbeträchtlichen ­
  Mengen  des  gelben  Metalls  der  Bank  von  England  nach
den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  strömte,  der  Verkauf  großer
Summen  amerikanischer  Effekten,  bzw.  deren  Lombardierung  für  englische ­
  und  französische  Rechnung,  legten  beiden  Ländern  hohe  Verluste
auf,  ohne  einem  von  ihnen  dauernden  Nutzen  zu  stiften.
Mitte  August  1915  wurden  die  Verhandlungen  zwischen  Frankreich
und  England  gepflogen.  Mitte  September  reiste  eine  Finanzkommission
beider  Staaten  nach  New  York,  um  dort  mit  der  amerikanischen  Finanzwelt ­
  das  geplante  Anleihe-Geschäft  abzuschließen.  Ein  amerikanisches
Banken-  und  Bankierssyndikat  unter  Führung  des  Bankhauses  J.  P.
Morgan  &amp;amp;  Co.  trat  mit  der  französisch-englischen  Finanzkoramission
in  Unterhandlungen.  Es  wurde  eine  Einigung  zwischen  beiden  Gruppen
erzielt  und  den  beiden  Staaten  ein  Darlehen  in  Form  einer  Anleihe  gegeben. ­
  Das  amerikanische  Bankenkonsortium  räumt  ihnen  einen  gemeinsamen ­
  Kredit  von  500  Milk  Dollars  ein,  über  den  England  und  Frankreich ­
  durch  Begebung  von  5  %  Obligationen  verfügen.  Die  Obligationen
lauten  auf  Dollars.  Das  Bankengarantiesyndikat  übernimmt  diese
Anleihe-Obligationen  zu  96  %,  und  setzt  sie  dann  zu  98  %  ab 1 ).  Der
Besitzer  der  5  %  Obligationen  hat  das  Recht,  nach  5  Jahren  die  Rückzahlung ­
  al  pari  zu  fordern  oder  in  die  Konvertierung  in  einen  4%  %
französisch-englischen  Anleiheschein  mit  10—20  jähriger  Laufzeit  einzuwilligen. ­

Die  Höhe  des  nominellen  Zinsfußes  und  der  geringe,  nach  langwierigen
Verhandlungen  erzielte  Anleihebetrag  sind  für  die  befreundete  und
feindliche  Presse  zum  Teil  deutliche  Beweise  für  den  erschütterten  Kredit
Frankreichs  und  Englands  im  Auslande.  Hierin  stimmen  auch  vielfach
die  Anschauungen  in  den  periodischen  Fachzeitschriften  überein.  Es
ist  wahr,  daß  die  Unterhändler  ein  anderes  Resultat  ihrer  Reise  erwartet
haben.  Ihre  Hoffnungen  gingen  dahin,  wenigstens  eine  Summe  von
1000  Mül.  Dollars  flüssig  zu  machen 2 ),  schon  deshalb,  weil  die  Entente-Länder
  den  amerikanischen  Lieferanten  mehr  als  1  Milliarde  Dollars
schuldeten  und  durch  diese  Anleihe  lediglich  für  Abdeckung  ihrer  Verpflichtungen ­
  Sorge  tragen  wollten.  Es  ist  auch  wahr,  daß  die  Berechnung
des  effektiven  Zinses  unter  Berücksichtigung  des  Emissions-Disagios
und  der  Amortisation  eine  Zinsenlast  von  etwa  6  %  ergibt.  Englische
Zeitungen  stellen  sogar  eine  eingehende  Zinskalkulation  auf  unter  Be-1)
  Koppe,  a.  a.  O.  S.  754,  bezeichnet  als  Emissionskurs  96%,  da  der  Verdienst
des  Konsortiums  auf  1%  %  festgesetzt  sei  und  nach  seinen  Ermittlungen:  „Morgaus  Versuch, ­
  noch  einen  Extragewinn  zu  erzielen,  mißlang“.  Die  deutsche  Tagespresse  meldete
aber  über  die  Kursdifferenz  und  Provisionssätze  das  folgende;  Kurs  der  Anleihe  98  °/ 0
für  den  Verkehr,  96  %  für  das  Konsortium.  1%  °/ 0  Provision  an  das  Banken-Konsortium
und  Y t °/ t  Provision  an  J.  P.  Morgan*  Co.  für  die  Vermittlung  der  Anleihe.
2 )  Nach  einer  Rede  des  neuen  englischen  Schatzkanzlers,  McKenna,  im  englischen
Unterhaus,  gestalteten  sich  die  Verhandlungen  „höchst  langwierig  und  schwer“.  Die  Fiuanzkomraission
  forderte  nach  McKenna  zuerst  einen  Kredit  von  4  Milliarden  Mk.,  dann
3&amp;gt;z,  2,8  und  mußte  sich  schließlich  auf  2  Milliarden  Mk.  einigen.  (Berliner  Börsen-Courier,
* r -  Oktober  1915,  Nr.  493,  S.  2.)
        <pb n="92" />
        76

Erwin  Respondek,

rücksichtigung  von  nominellem  Zins,  Kurs,  Amortisation,  Steuerfreiheit
usw.  und  „so  ergibt  dies  eine  tatsächliche  Verzinsung,  die  nur  um  i  Schilling ­
  hinter  7  %  zurückbleibt“ 1 ).
Wenn  diesen  und  anderen  anscheinend  etwas  tendenziös  durchgeführten ­
  Berechnungen  der  Tagespresse  nicht  gefolgt  Werden  kann,
so  stellt  doch  die  Jahreszinsquote  von  6  %  gewiß  einen  schweren
Schlag  für  Frankreichs  und  Englands  finanzielle  Stellung  dar.  „Manchester ­
  Guardian“  bezeichnet  mit  Recht  die  Anleihe  als  ein  sonderbares ­
  Geschäft,  und  sein  Urteil  über  die  Wirkung  der  Anleihe  für  Englands ­
  Ansehen  kann  mit  gleicher  Uneingeschränktheit  auf  Frankreich
übertragen  werden,  nämlich,  daß:  „Englands  Prestige  und  zwar  die
empfindlichste  Seite  von  Englands  Prestige,  sein  guter  finanzieller  Ruf.
einen  sehr  schweren  Schlag  erhalten  hat“ 2 ).  Wenn  die  Bedingungen
drückend,  hart,  erniedrigend  oder  ähnlich  für  Frankreich  und  England
waren,  so  sind  dies  doch  nur  Begleiterscheinungen,  die  zwar  von
den  Geldbedürftigen  bisweilen  wenig  angenehm  empfunden  werden
mögen,  den  Geldgebern  jedoch  natürliche  Erfordernisse  sind,  die  im
übrigen  das  harmonische  Verhältnis  zwischen  beiden  Parteien  wenig
trübten,  da  es  tatsächlich  zu  einem  positiven  Geschäftsabschluß  kam.
Im  Augenblicke  dringenden  Bedürfnisses  nach  einer  Erleichterung
von  den  drückenden  Valuta-Sorgen  fragte  eben  Frankreich  nicht  nach
Schönheit,  idealer  Vollendung  u.  ä.  m.,  sondern  es  suchte  die  durch
außergewöhnliche  Umstände  hervorgerufene  schlechte  Lage  durch  außergewöhnliche ­
  Mittel  zu  verbessern.  Kein  Staat  würde  wohl  anders  gehandelt ­
  haben  können  oder  behandelt  worden  sein.
Es  ist  nicht  bekannt  geworden,  nach  welchem  Schlüssel  die  Lasten
und  Anteile  an  dieser  Anleihe  auf  die  beiden  Staaten  verteilt  wurden
und  ob  auch  Rußland  in  irgendeiner  Form  hieran  teilnimmt.  Getrennte
Haftung  für  einen  bestimmten  Teil  —  den  jeweiligen  Anteil  an  der  Anleihe ­
  —  oder  solidarische  Haftung,  einheitlicher  Zinsen-  und  Amortisationsdienst ­
  gegenüber  dem  Konsortium,  Anteile  an  der  Anleihe-Summe,
  Anleihe-  und  Wechselkursdifferenzen  bei  der  Amortisation
liegen  noch  vollkommen  im  Dunkeln,  sind  hier  aber  auch  jetzt  ohne
wesentliche  Bedeutung.
Diese  Anleihe,  die  von  vornherein  zweifellos  eine  reine  Währungs-Anleihe
  war,  erfüllte  die  hochgespannten  Hoffnungen  der  Finanzkreise
Frankreichs  nicht.  Hierüber  ist  Klarheit  in  dem  weiteren  Verlauf  der
Wechselkurse  in  New  York  zu  finden.  Nach  einer  kurzen  Erholung
setzte  in  wenigen  Tagen  ein  erneuter  Rückgang  des  Wechsels  auf  Paris
und  des  Cable-Transfers  auf  London  ein 3 ).  Die  Bewegung  der  fran-1
 )  Manchester  Guardian,  29.  September  1915.
2 )  Berliner  Börsen-Courier,  9.  Oktober  1915,  Nr.  473,  S.  7.
3 )  Der  Sterlingkurs  wies  nach  Abschluß  der  Anleihe  die  folgende  Bewegung  auf;
Parität:  100  £=  486,656  Dollars

1.  Oktober  4,7285  5.  „  4,705°
2 '  „  4.7335  6.  4,7065
4 ‘  »  4,7i5o  7-  „  4,7035
        <pb n="93" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

77

zösischen  Valuta  in  der  Zeitperiode  des  Anleihe-Abschlusses  und  nachher
zeigt  das  folgende  Bild:
Parität:  100  Dollars  =  5,1826  Frcs.

1.  Oktober

■  •  •  •  5,7625

16.  Oktober.

2.  „

■  ■  •  •  5,75

18.

•  •  •  •  5,8550

4-  ,7

19-•

  •  ■  ■  5,8550

5*  &amp;gt;&amp;gt;

■  •  •  •  5,79

20.  ,,

....  5.88

6.

•  •  •  •  5,79

21.  ,,

....  5,90

7.  »

22.  „

....  5,90

8.

....  5,8i

23-  „

....  5,9350

9-....

  5.8250

25-....

  5,94

II.  „

....  5.86

26.  ,,

....  5,9550

13-  .,

....  5,83

28.

•  ■  ■  ■  5,95

14-  „

....  5,8650

29.

....  5,91

15-....

  5,8525

Ohne  natürlich  der  passiven  Zahlungsbilanz  und  der  hohen  Notenemission ­
  ihre  die  französische  Währung  schädlich  beeinflussenden  Wirkungen ­
  abzuschwächen,  kann  ein  Gedanke  nicht  abgewiesen  werden,
der  sich  Vielleicht  in  ruhigeren  Zeiten  als  richtig  getroffen  erweisen  wird.
Es  ist  dies  die  Vermutung,  daß  die  amerikanische  Bankwelt  in  der  Valutabewertung ­
  der  kriegführenden  Staaten  ein  geeignetes  Objekt  für  Spekulationen ­
  erblickt.  Soweit  später  zuverlässige  Nachrichten  und  zahlenmäßige ­
  Angaben  über  die  Goldverschiffungen  nach  Amerika  vorliegen
sollten,  namentlich  in  bezug  auf  Höhe,  Zeit  und  Preis,  dürfte  dies  wesentliche ­
  Schlüsse  auf  die  Ursache  der  Bewegung  des  Frankenkurses  zulassen.
Für  den  praktischen  amerikanischen  Finanzier  ist  es  ja  nur  zu  natürlich,
den  Gewinnen  der  heimischen  Industrie  am  europäischen  Kriege  nicht  nachzustehen. ­
  Er  bedient  sich  nur  seiner  Methoden,  seiner  Instrumente,  den
Wechselkursen,  um  auch  an  dieser  Konjunktur  partizipieren  zu  können.
Diese  Erkenntnis  sprechen  neuerdings  auch  französische  und  englische
Blätter  offen  aus.  So  sagt  z.  B.  der  „Daily  Telegraph“  wörtlich;
„Sollte  das  Sinken  des  Wechselkurses  wirklich  die  Folge  von  spekulativen ­
  Einflüssen  sein,  so  wird  jetzt  schnell  das  Deckungsbedürfnis
einsetzen  und  hoffentlich  die  Entwertung  der  Valuta  bald  beseitigt
sein“ 1 ).
Nun  ist  auch  bei  diesen  Überlegungen  zu  beachten,  daß  dem  französischen ­
  Schatzamte  von  der  aufgenomraenen  Währungs-Anleihe
in  der  folgenden  Zeit  nur  wenig  Kapitalien  zur  Bezahlung  der  aufgelaufenen ­
  und  noch  fortlaufenden  Lieferungen  bereitgestellt  wurden.  Nach
einer  Mitteilung  des  Finanzministers  Ri  bot  hatte  die  Regierung  bis  zum
3i.  Dezember  1915  nur  400  Milk  Frcs.  zur  Verfügung.  Diese  gering-8.

  Oktober  4.7025  16.  „  4,6935
9  4,6965  18.  „  4,7015
11.  4,6825  19-  „  4,6925
13.  „  4,6815  20.  „  4,6825
14-  „  4,6825  21.  4.6735
15-  4.6885

*)  Siehe  Berliner  Börsen-Courier,  24.  August  1915,  Nr.  393,  S.  7.
        <pb n="94" />
        7 8

Erwin  Respondek,

fügige  Summe  kann  naturgemäß  im  Vergleich  zu  den  starken  Bezüge®
amerikanischer  Waren  auch  nicht  im  entferntesten  einen  durchgreifenden
günstigen  Einfluß  auf  die  Bewegung  der  Franken-Devise  ausüben  und
ermahnt  daher,  den  Gedanken  der  Spekulation  sorgsam  zu  prüfen  und
mit  Vorsicht  zu  vertreten.
Die  Darlegungen  dürften  das  eifrige  Bestreben  der  Notenbank,
im  Verein  mit  der  Regierung  das  Valuta-Problem  zu  lösen,  erwiesen
haben.  Kein  Versuch  wurde  unterlassen  und  kein  Mittel  abgewiesen,,
um  die  geschwächte  Kaufkraft  des  Franken  zu  heben  und  die  zerrüttete
Währung  wieder  in  Ordnung  zu  bringen.
Dennoch  führten  alle  Anstrengungen,  alle  jenen  kostbaren  Goldopfer ­
  zu  keiner  endgültigen,  sondern  nur  zu  einer  vorübergehenden
Lösung  der  für  das  Wirtschaftsleben  fundamentalen  Valuta-Frage.
Und  dies  überrascht  nicht,  da  doch  die  Schwierigkeiten  des  Valuta-Problems
  für  Frankieich,  bildlich  gesprochen,  einer  Lawine  gleichen,
die  noch  einen  weiten  Weg  bis  ins  Tal  zurückzulegen  hat.  Sie  fing  klein
an,  wurde  immer  größer,  und  niemand  kann  beurteilen,  wie  stark  sie
noch  werden  kann.  Sie  aufzuhalten,  ist  nicht  leicht,  sie  weiterrollen
zu  lassen,  gefährlich.  Aber  es  ist  kaum  möglich,  der  gewaltig  angestiegenen
Einfuhr  von  Gütern  für  Heer  und  Flotte,  Industrie  und  Landwirtschaft
ein  Halt  zu  gebieten.  Und  hier  liegt  die  Wurzel  des  Übels.  Von  Monat
zu  Monat  steigt  der  Import  jener  vielen  Kriegs-  und  Friedensartikel
und  erzeugt  so  eine  zunehmende  Verschuldung  Frankreichs  auf  dem
Weltmärkte.  Denn  neben  ausschließlichen  Kriegsartikeln  mußten  in
die  Häfen  auch  Friedenswaren  eingelassen  werden.  Diese  sind  für  die
Aufrechterhaltung  der  inneren  Wirtschaft  nicht  minder  bedeutsam,
und  wollte  man  ihrem  Eintritt  einen  starken  Riegel  vorschieben,  so
würde  diese  unterbundene  Rohstoffzufuhr  für  den  industriellen,  gewerblichen ­
  und  landwirtschaftlichen  Betrieb  tiefgehende  Schäden  erzeugen.
Das  Prinzip  der  höchsten  Sparsamkeit  hat  seine  Grenzen.  So  ist  es
klar,  daß  durch  diese  Einfuhrposten  die  Passivität  der  Handelsbilanz
bedeutend  vergrößert  wird,  und  daß  dadurch  alle  gezeichneten  Versuche ­
  vom  Debet,  wenn  auch  nicht  wieder  ins  Kredit,  so  doch  wenigstens
ins  Gleichgewicht  zu  kommen,  vergeblich  sein  mußten.
Es  dürfte  nach  diesen  Untersuchungen  wohl  keinem  Zweifel  unterliegen, ­
  daß  in  dem  unentwegt  hohen  Einströmen  von  Gütern  und  der
Unmöglichkeit,  sie  durch  eine  entsprechend  hohe  Warenausfuhr,  durch
weitere  Liquidierung  von  Forderungen,  die  Frankreich  an  das  Ausland
in  zins-  und  amortisationspflichtigen  Ländern  hat,  zu  kompensieren,
die  ersten  und  grundlegenden  Ursachen  für  die  französische  Valutakrisis ­
  zu  sehen  sind.  Auch  die  Notenbank  hat  die  Überzeugung,  daß
allein  die  kriegswirtschaftliche  Entwicklung  an  der  Verschlechterung
der  Valuta  schuldig  sei  und  erkennt  an,  daß  es  mit  Rücksicht  auf
die  nationale  Verteidigung  unmöglich  sei,  die  Einfuhr  beträchtlich
zu  vermindern,  um  dadurch  der  Krisis  auf  dem  Devisenmärkte  entgegenzutreten. ­
  Aber:  „Weder  die  Diskonterhöhung  noch  die  Geldsendungen  nach
        <pb n="95" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

79

Gläubiger-Ländern  in  Beträgen,  in  denen  diese  Sendungen  notwendig
waren,  um  den  Saldo  unserer  Verbindlichkeiten  zu  decken,  waren  die
Heilmittel,  die  Kraft  genug  besaßen  zu  helfen,  ohne  ernste  Schwierigkeiten ­
  hervorzurufen  .  .  ,“ 1 ).
Diese  beiden  Mittel  hätten,  soweit  es  heute  von  hier  aus  zu  beurteilen
ist,  einen  sicheren,  dauernden  Erfolg  nicht  gebracht.  Eine  Diskonterhöhung ­
  würde  vielleicht  eine  verhältnismäßig  fühlbare  Einschränkung
von  Einfuhrartikeln  nach  sich  ziehen,  aber  auch  nur  dann,  wenn  sie
um  mehrere  Prozente  erfolgt.  Eine  solche  Diskonterhöhung  würde  aber
auf  der  anderen  Seite  alle  jene  Bestrebungen  der  Notenbank  wieder
ersticken,  die  darauf  gerichtet  sind,  das  sich  langsam  regende  wirtschaftliche ­
  Leben,  das  allmählich  wieder  einziehende  Vertrauen  kräftig  durch
einen  leichten  Diskont  zu  fördern.  Ebenso  unfruchtbar  wäre,  wie  bereits
erörtert,  der  Kampf  gegen  die  konstante  Passivität  mit  einer  rücksichtslosen ­
  Goldausfuhr  gewesen.  Sie  hätte  in  den  Kredit  der  Bank  gefährliche ­
  Lücken  gerissen,  falls  sie  dazu  noch,  nach  dem  Wunsche  einiger
Theoretiker,  ohne  Maß  und  Schranken  erfolgt  wäre.  Unbeschränkter
Goldexport  zur  Rettung  der  Devisenkurse  würde  die  Bank  in  eine  Währungs-
  und  Kreditkrisis  stürzen,  in  der  sie  selbst  leicht  zu  Falle  kommen
könnte.
Noch  eine  offene  Frage  bleibt  zu  beantworten.  Übt  nicht  die  verstärkte ­
  Notenemission  schädliche  Einflüsse  auf  den  inneren  Wert  der
französischen  Währung  aus?  Zweifellos.  Mit  der  starken  Zunahme
des  Notenumlaufes  ist  eine  Veränderung  des  Geldwertes  verknüpft.
Es  ist  aber  wohl  zu  beachten,  daß  zunächst  die  reine  Golddeckung  der
französischen  Banknoten  relativ  ziemlich  hoch  ist.  Aus  den  Wochen-Ausweisen
  ist  zu  ersehen,  daß  die  tiefste  prozentuale  Golddeckung  der
Noten  im  Juli  1915  mit  32  %  erreicht  wurde,  und  daß  im  Durchschnitt
die  Noten  Zu  gut  %  mit  Gold  gedeckt  sind.  Aber:  Ein  10,  12,  ja  sogar
15  Milliarden  Notenumlauf  stellt  dennoch  eine  ungesunde  Vermehrung
des  Geldbesitzes  dar  und  muß  zum  Mißtrauen  an  der  Zahlungsfähigkeit
der  Notenbank  Frankreichs  führen.  Zwar  hat  die  französische  Note
auch  noch  in  den  späteren  Kriegsmonaten  die  ihr  innewohnende
Eigenschaft  als  Geldmittel  nicht  ausgeübt.  Sie  hat,  wie  schon  erwähnt,
durch  das  eigenartige  Verhalten  der  Bevölkerung  z.  T.,  wirtschaftlich
betrachtet,  einen  anderen  Charakter  angenommen.  Eine  ausgedehnte
Thesaurierung  von  Banknoten  erzeugte  im  Geldverkehr  Lücken,  die
immer  wieder  nur  durch  Noten  ausgefüllt  werden  konnten.  So  verlor
die  starke  Notenemission  in  der  ersten  und  nachfolgenden  Zeit  ihren
gefährlichen  Charakter  als  künstliches  Zusatzgeld,  und  da  die  Noten
m  ihrer  zirkulatorischen  Aufgabe  verhindert  sind,  vermögen  sie  die
ihnen  innewohnende  Kaufkraft  nicht  auszuüben.  Sie  gelten  somit  wirtschaftlich ­
  als  nicht  ausgegeben,  da  es  natürlich  für  die  Volkswirtschaft
im  Prinzip  gleichgültig  ist,  ob  die  Noten  in  der  Notenbank  oder  in  den
fehatzkästen  der  Privaten  festliegen.  Man  kann  zwar  sagen,  daß  die

l )  Bank  von  Frankreich,  Geschäftsbericht  1915,  S.  11.
        <pb n="96" />
        8o

Erwin  Respondek,

Bank  von  Frankreich,  die  in  ihrem  Wochenausweise  als  emittiert  bezeichnten ­
  Noten  durch  den  ausgewiesenen  Goldbestand  teilweise  oder  gering
gedeckt  hat.  In  Wirklichkeit  aber  sind  sie  eben  durch  die  Thesaurierung
doch  ziemlich  hoch  gedeckt.
Das  günstige  Deckungsverhältnis  wurde  aber  durch  die  unentwegten
Vorschüsse  an  den  Staat  in  der  späteren  Zeit  arg  verschlechtert  und
bezüglich  der  Notenemission  gewinnt  man  den  Eindruck  einer  fast
grenzenlosen  Ausdehnung.  Es  gelingt  nur  im  beschränkten  Umfange
und  auch  nur  vorübergehend,  einen  kleinen  Bruchteil  der  zur  Kriegs
finanzierung  ausgegebenen  Noten  wieder  hereinzubekommen  durch  die
Ausgabe  der  langfristigen  Anleihen.  Im  wesentlichen  ist  somit  festzuhalten, ­
  daß  durch  die  hohe  Notenemission  eine  große  Geldfülle  erzeugt
wird,  die  ihre  schädlichen  Folgen  auf  Inlandspreise  und  Wechselkurse
ausübt.  Erklärt  nun  im  Hinblick  auf  diese  Tatsachen  ein  Vertreter  einer
Munition  oder  Getreide  liefernden  Nation  auf  dem  Weltmärkte:  Die  französische ­
  Frankennote  ist  nur  zu  33  Vs  %  ’ n  Gold  gedeckt,  d.  h.  zu
33  Vs  %  wen V er  a l s  in  normalen  Zeiten,  daher  muß  ich  meine  Ware
zu  einem  entsprechend  höheren  Preise  verkaufen,  so  wird  der  Franzose,
falls  er  den  Lieferanten  nicht  mit  einer  fremden  Valuta  befriedigen  kann,
dies  wohl  oder  übel  sich  gefallen  lassen  müssen,  da  er  eben  die  Waren
dringend  benötigt  und  daher  alle  Opfer  bringen  wird.  Hieraus  aber
einen  Schluß  zu  ziehen  und  als  Urteil  festzustellen,  die  Notenemission
bewirkte  allein  diese  Minderbewertung  des  französischen  Geldes,  dürfte
ein  zu  weitgehender  Schluß  sein.  Sie  wirkt  mit,  aber  ist  nicht  entscheidend. ­
  Hier  gibt  eine  Parallele  mit  England  das  beste  Beweismittel
für  die  Richtigkeit  dieser  Überlegungen.  England  hat  seine  Noten  voll
durch  Gold  gedeckt.  Nur  einmal  während  des  Krieges  wurde  die  Peelsche
Bank-Akte  laut  Wochen-Ausweis  vom  28.  Oktober  1915  durchbrochen 1 ).
Dennoch  kämpft  England  mit  allen  nur  erreichbaren  Mitteln  gegen  hohe
Preise  im  Inland  und  das  Disagio  des  Sterling  am  Weltmärkte.  Auch
hier  ist  die  Entwertung  des  Standardwechsels  in  erster  Linie  auf  das
Schuldverhältnis  Englands  zu  seinen  Kriegslieferanten  zurückzuführen.
Gewiß  ist  noch  der  Einwand  möglich,  daß  zwar  nicht  formell  infolge
eines  Gesetzes  die  Bank-Akte  suspendiert  worden  ist,  die  Bank  von  England
sie  aber  praktisch  nicht  befolgt,  indem  sie  nur  geringe  Mengen  Gold  und
nach  ihrem  eigenen  Ermessen  hergibt.  Somit  haben  die  Banknoten
der  Bank  von  England  tatsächlich  Zwangskurs,  genau  wie  in  Frankreich ­
  und  Deutschland,  und  sind  damit  nicht  mehr  vollwertige  Aus-2

 )  Nach  dem  Ausweis  vom  28.  Oktober  1915  betrugen  (in  Mill.  £):
Notenumlauf  der  Bank  von  England  .  32,8  Goldbestand  der  Notenbank  56,2
Regierungsgelder  (currency  notes)  ...  73,1  Gold  für  die  currency  notes  28,5
Notenumlauf  105,9  84,7
Gesamtgoldreserve  84,7
Ungedeckte  Noten  21,2
Maximum  des  ungedeckten  Notenumlaufs  18,45
d.  h.  also  ungedeckte  Noten  2,75
        <pb n="97" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

81

tauschmittel  im  Sinne  des  internationalen  Zahlungsverkehrs.  Aber  die
Einlösbarkeit  der  Noten  ist  doch  hier  wie  in  Frankreich  und  Deutschland ­
  nur  verschoben,  auf  einen  späteren  und  glücklicheren  Zeitpunkt
prolongiert  und  nicht  effektiv  für  immer  ausgesprochen.  Tatsächlich
ruht  in  der  Bank  von  Frankreich  ein  bestimmter  Goldschatz,  der  zur
realen  Deckung  ihrer  zirkulierenden  Noten  prädestiniert  ist  und  den
Noten  wirklichen,  inneren  Wert  verleiht.  Es  dürfte  so  ziemlich  schwer
fallen,  das  Disagio  des  Franken  allein  oder  vorwiegend  auf  eine  durch
übermäßige  Notenemission  herbeigeführte  Geldentwertung  erklären  zu
wollen,  obwohl  nochmals  betont  werden  soll,  daß  auch  sie  in  Grenzen
ihre  Einflüsse  zur  Geltung  bringt.
Durch  welche  Maßnahmen  sich  die  französische  Republik  aus  dieser
schlimmen  währungspolitischen  Lage  befreien  wird,  sei  es  noch  im  Kriege
oder  im  künftigen  Frieden,  ist  gar  nicht  vorauszusehen.  Hier  werden
der  Ausgang  des  Krieges  und  die  sich  anschließenden  Friedensbedingungen
ein  entscheidendes  Wort  mitzusprechen  haben,  so  daß  alle  Betrachtungen ­
  über  dieses  interessante  Problem  bis  in  friedliche  Zeiten  verschoben
werden  müssen.
Ein  Rückblick  auf  die  dargelegte  vielseitige  und  mit  so  weitherziger ­
  Bereitwilligkeit  entwickelte  Kredittätigkeit  der  Bank  von
Frankreich  kann  nur  das  Urteil  uneingeschränkten  Lobes  zulassen.
Es  steht  fest:  Die  Notenbank  versagte  im  entscheidenden ­
  Augenblicke  nicht,  und  sie  zeigt  sich
während  der  ganzen  bisherigen  Kriegszeit  als
ein  unerschütterlicher  Pfeiler,  auf  dem  alle
finanziellenTransaktionen  sicher  ruhen  können,
und  als  die  unerschöpfliche  Quelle,  aus  der  Staat
und  Volkswirtschaft  jede  berechtigte  und  notwendige ­
  Hilfe  in  weitestem  Maße  schöpfen  können. ­
  Sie  finanziert  den  Krieg,  sucht  das  Wirtschaftsleben  durch  leichten
Kredit  zu  beleben,  stützt  Banken  und  Private,  arbeitet  in  vollster  Kraft
an  dem  Abbau  der  Wechsel-,  Börsen-  und  Bankmoratorien,  regt  überall
zur  Arbeit  an  und  verzagt  nicht,  den  schweren  Kampf  gegen  die  Verschlechterung ­
  der  nationalen  Währung,  die  ihr  als  höchstes  Gut  anvertraut ­
  ist,  in  unermüdlicher  Tatkraft  und  energievoller  Hingebung
zu  führen.
Alle  diese  unschätzbaren  Dienste  und  ihre  Arbeit  als  Notenbank
Werden  als  wertvolle  Dokumente  zu  den  bereits  errungenen  in  ihre  Geschichte ­
  eingetragen  werden  und  so  für  immer  fortbestehen.
Eine  so  hervorragende  Stellung,  wie  sie  die  Bank  von  Frankreich
im  nationalen  Wirtschaftsleben,  im  Kredit-,  Bank-  und  Finanzwesen
einnimmt,  bleibt  von  Anfeindungen  nicht  verschont.  Wirtschaftspolitische ­
  und  rein  politische  Interessen  der  verschiedensten  Parteien  suchen
durch  ihre  Beziehungen  und  Machtmittel  Einfluß  auf  die  Notenbank
zu  gewinnen,  gegen  sie  anzurennen,  um  ihre  Kraft  in  einer  ihnen  jeweilig
genehmen  Weise,  oftmals  für  eigennützige  Zwecke  zu  gebrauchen.  Am
Respondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft#  6
        <pb n="98" />
        82

Erwin  Respondek,

heftigsten  werden  die  Kämpfe,  sobald  der  Zeitpunkt  anrückt,  an  dem
das  Privileg  der  Bank  von  Frankreich,  nämlich  das  Recht  der  alleinigen
Notenemission,  zur  Erneuerung  gelangt.  Es  ist  hier  nicht  der  Raum,
diese  sehr  bemerkenswerten  Vorgänge  nach  ihren  offenen  und  heimlichen ­
  Tendenzen  und  ihren  Resultaten  geschichtlich  darzustellen,  und
daher  möge  nur  das  Prinzip  herausgeschält  werden,  das  jenen  Bewegungen ­
  zugrunde  liegt.  Ist  die  Frage  der  Verlängerung  des  Notenprivilegs ­
  akut,  dann  kommt  es  lediglich  für  die  eine  Partei,  zu  der  die
Landwirtschaft,  die  Industrie  oder  der  Handel,  das  Gewerbe  und  stets
der  Staat  zählen  können,  darauf  an,  von  der  Bank  z.  B.  in  der
Kreditgewährung  größere  Zugeständnisse  zu  erlangen,  erhöhte,  billige
Vorschüsse  zu  erhalten  u.  a.  m.,  also  im  Kern  das  Privileg  zu  einem
Handelsobjekt  zu  stempeln.  Ähnlicher  Natur  waren  die  Ziele  bei
der  Privilegs-Debatte  im  Jahre  1897.  Heute  werden  die  Ziele  natürlich
äußerlich  andere  sein  und  im  wesentlichen  von  den  Ereignissen  des
Krieges  bestimmt  werden.  Es  erscheint  aber  als  höchst  unfruchtbare
Arbeit,  schon  jetzt  über  das  Problem  der  Privilegs-Erneuerung  zu  diskutieren, ­
  obwohl  die  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens  in  ihren  neuen
Bahnen,  obwohl  noch  alles  im  Flusse  ist  und  das  gegenwärtige  Privileg
dazu  erst  am  31.  Dezember  1920  abläuft.  Die  Notenbank  steht  immer
noch  mit  allen  Kräften  im  Kreise  der  ihr  gestellten,  tatsächlich  nicht
leicht  zu  meisternden  Aufgaben,  sie  verkörpert  immer  noch  den  Kredit
des  Staates,  ohne  den  die  nationale  Verteidigung  schwerlich  diesen
Gang  genommen  haben  könnte  und  die  gesamte  heimische  Wirtschaftsführung ­
  in  die  größten  Schwierigkeiten  versetzt  sein  würde.  Von  ihr
daher  jetzt  zu  fordern,  einen  innerpolitischen  Kampf  zu  führen,  ist  mehr
als  kurzsichtig,  ist  verantwortungslose  Gesinnung.  Es  ist  von  hier  aus
nicht  klar  zu  erkennen,  Welche  politischen  Strömungen  diesmal  an  der
Arbeit  sind.  Nur  so  viel  steht  fest,  daß  auch  jetzt  wieder  geheime  politische ­
  Kräfte  wirken,  deren  Ziele  ja  noch  nicht  bekannt  sind  oder  doch
nur  mit  Vorsicht  vermutet  werden  dürfen.  Es  besteht  vielleicht  in  einigen
Kreisen  die  Annahme,  daß  die  Notenbank  durch  ihre  neuen,  unzweifelhaft
hohen  Verdienste  um  die  Staats-  und  Volkswirtschaft  zu  einer  hohen
Macht  werden  könnte:  „die  Bank  wird  zu  mächtig,  ihr  Verdienst  um  das
Land  könnte  den  Einfluß  politischer  Streber  ausschalten“,  deshalb,
so  argumentiert  die  „Frankfurter  Zeitung“ 1 )  weiter:  „die  Bank  muß
fühlen,  daß  das  Parlament  Herr  der  Lage  ist,  die  Bank  muß  vor  allen
Dingen  bluten,  sie  soll  für  einen  Teil  der  Kriegskosten  aufkommen“.
Diese  Annahmen  brauchen  nicht  zu  stimmen,  jedenfalls  hat  die  „Frankfurter ­
  Zeitung“  aber  recht,  wenn  sie  bemerkt,  daß  bei  derartigen  Zielen,
„mit  solchen  Leuten“  jede  sachliche  Diskussion  ein  Ding  der  Unmöglichkeit ­
  ist.  Bei  einer  Realisierung  dieses  vermuteten  Zieles  würde  eben
die  Bank  von  Frankreich  aufhören  Notenbank  zu  sein.
Das  unterirdische  Treiben  gegen  das  französische  Noteninstitut
muß  aber  sehr  konsequent  und  kräftig  vor  sich  gegangen  sein,  da  der
h  a.  a.  O.  13.  Juli  igi6,  No.  192.
        <pb n="99" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzvvirtschaft.

83

Handelsminister  unter  den  Handelskammern  eine  Rundfrage  veranstaltete,
in  der  er  bat,  zur  Frage  der  Privilegs-Erneuerung  der  Bank  von  Frankreich ­
  Stellung  zu  nehmen.  Nicht  eine  von  ihnen  verkannte  die  gespannte
und  ernste  Situation  und  sämtliche  Antworten  zeugen  von  einer  überraschenden ­
  Übereinstimmung.  Leitend  waren  wohl  die  Gesichtspunkte
der  Pariser  Handelskammer,  die  folgende  vier  Thesen  aufstellte;
1.  „Die  Regierung  möge  unverzüglich  an  das  Parlament  mit  einer
Gesetzesvorlage  bezüglich  der  Verlängerung  des  Privilegs  der  Bank
von  Frankreich  herantreten.
2.  Die  Verlängerungsdauer  möge  von  hinreichend  langer  Dauer
sein,  um  der  Bank  einen  breiten  Anteil  an  der  wirtschaftlichen  Erneuerung
des  Landes  zu  sichern,
3.  Die  Dauer  sei  auf  mindestens  30  Jahre  festzulegen.
4.  Die  gegenwärtige  Organisation  der  Bank  sei  im  Prinzip  beizubehalten, ­
  ohne  neue  Lasten  und  Modifikationen,  welche  die  Freiheit
und  die  Wirksamkeit  ihrer  Tätigkeit  unterbinden  könnten;  dies  sei
unentbehrlich  bei  Durchführung  der  Maßnahmen,  welche  die  Bank
zu  treffen  haben  wird,  um  weiterhin  dem  Handel  und  der  Industrie
Frankreichs  die  weiteste  Entwicklung  zu  sichern". 1 )
Die  Erkenntnis,  die  aus  diesen  Worten  spricht,  zeugt  davon,  daß
die  maßgebenden  Kreise  des  Handels  und  der  Industrie  Arbeit  und
Verdienst  der  Bank  von  Frankreich  gleich  hoch  und  bedeutungsvoll
für  das  gesamte  Land  zu  schätzen  wissen  und  zu  würdigen  verstehen.
III.  Die  Pariser  Börse.
Die  Pariser  Börse  bot  schon  im  Jahre  1913  ein  sehr  bewegtes  Bild.
Äußere  aus  politischen  Komplikationen  herrührende  und  innere  Einflüsse ­
  gingen  an  ihr  nicht  spurlos  vorüber.  Die  kriegerischen  Verwickelungen ­
  auf  dem  Balkan,  die  bereits  seit  Oktober  1912  auf  den  Markt
sehr  stark  eingewirkt  haben  und  zur  Baisse-Tendenz  führten,  ließen
das  Kursniveau  inländischer  und  natürlich  in  viel  schärferem  Maße
ausländischer  —  balkanischer  —  Werte  erheblich  sinken.  Zu  diesen
unruhigen  und  gefahrvollen  kriegerischen  Vorgängen,  von  denen  man
in  den  Börsenkreisen  befürchtete,  daß  sie  leicht  nach  Europa  überspringen
könnten,  gesellten  sich  noch  im  eigenen  Lande  eine  wirtschaftliche
Stagnation,  eine  rückläufige  Konjunktur,  verworrene  innere  politische
Krisis,  unklare  Anleihe-  und  Steuerprojekte.  Alle  diese  Faktoren  übten
auf  Neuemissionen  und  großzügige  Spekulations-Unternehmungen  ihre
lähmenden  Wirkungen  aus.  Die  Nachfrage  nach  festverzinslichen  Werten
ging  zurück,  Industriewerte  wurden  abgestoßen.  Erstaunt  blickten
alle  Börsenplätze  auf  den  französischen  Markt,  der  anscheinend  doch
nicht  in  der  Lage  war,  diesem  stagnierenden  Dasein  durch  eine
energische  Kraftanstrengung  ein  Ende  zu  bereiten.  Der  Jahreswechsel
1 9 1 3/i4  brachte  keine  Änderung,  vielmehr  nahm  die  Börse  politische,

9  Frankfurter  Zeitung,  13.  Juli  1916,  No.  192.

6*
        <pb n="100" />
        Erwin  Respondek,

84

wirtschaftliche  und  finanzielle  Sorgen  in  das  neue  Jahr  hinüber  und
setzte  gleich  zu  Beginn  des  Jahres  1914  mit  scharfen  Kursrückgängen
ein.  In  den  Nachrichten  über  Lage  und  Stimmung  der  Pariser  Börse
kehrten  regelmäßig  die  Worte  „flau",  „matt“  usw.  wieder.  Ab  und  zu
erhoben  sich  kleinere  Ereignisse  über  den  alltäglichen  Gang.  So  rief
einmal  der  Zusammenbruch  der  Victorschen  Bank  auf  dem  Bankenmarkt
eine  kleine  Krise  hervor,  dann  wieder  ließ  der  Plan,  die  Maximalgrenze
für  Einlagen  bei  den  Sparkassen  von  1500  auf  3000  Frcs.  zu  erhöhen 1 ),
was  die  Kaufkraft  der  Sparkassen  steigern  würde,  den  Rentenmarkt
ein  wenig  beleben.  Aber  dies  alles  Waren  nur  kleine,  stimulierend  wirkende
Vorgänge.  Hinter  ihnen  traten  die  wirtschaftlichen  und  politischen
Schwierigkeiten  in  den  südamerikanischen  Staaten,  die  Wirren  in  Mexiko
immer  unangenehmer  fühlbar  in  den  Vordergrund  und  zogen  schließlich
bald  die  Börse  ganz  in  ihren  Bann.  Die  Kurse  wichen  stark,  und  die
Banken  konnten  zu  keiner  Intervention  schreiten.  Sie  waren  bereits
zu  sehr  mit  unverkäuflichen  Werten  immobilisiert  und  so  scharfen  Rückgängen ­
  gegenüber  machtlos.  Rentenbank-  und  Industriemarkt  lagen
darum  andauernd  schwach,  desgleichen  der  Markt  ausländischer  Anleihen. ­
  Die  Übersättigung  mit  fremden  Werten  in  Kreisen  des  Publikums ­
  trat  jetzt  doch  allzu  fühlbar  hervor.  Sie  erzeugte  trotz  weichender
Kurse  starkes  Realisationsbegehren  und  großen  Widerstand  gegen
Neuaufnahmen  fremder  Wertpapiere.  Keine  noch  so  glänzend  und
verlockend  verfaßten  Schilderungen  der  Tagespresse  vermochten  einen
günstigen  Stimmungswechsel  im  französischen  Publikum  für  neu  emittierte ­
  Südamerikaner,  Russen  und  andere  exotische  Staaten  zu  erzielen.
Und  gerade  durch  die  Einführung  neuer  Werte  glaubte  man  der  dahinvegetierenden ­
  Börse  frische  Lebenskräfte  zuzuführen!  Mit  hohem  Zins,
altbekannten  glanzvollen  Versprechungen  auf  Zukunftsgewinne  und
groß  angelegter,  zum  Teil  von  der  Regierung  wirksam  unterstützter
Propaganda,  sollten  die  ausländischen  Papiere  über  die  Börse  geleitet
werden,  damit  sie  um  so  sicherer  in  den  Besitz  der  Rentner  gelangten.
In  einer  Zeit,  da  die  französische  Regierung  die  parlamentarischen  Widerstände ­
  gegen  die  Emission  eines  französischen  Rententyps  zur  Ablösung
ihrer  schwebenden  Schulden  zur  Deckung  eines  Defizits  nicht  zu  brechen
imstande  war,  wurde  aber  die  Ausgabe  einer  Reihe  von  ausländischen
Werten  in  Szene  gesetzt,  nur  um  den  Markt  zu  beleben,  wie  man  diesen
Widerspruch  zu  erklären  versuchte!  So  wurden  im  Januar  1914  die
Serben  mit  175  Mül.  Frcs.  versorgt,  dann  traten  nach  einem  Monat  die
Russen  mit  einet  Eisenbahn-Anleihe  in  Höhe  von  665  Mül.  Frcs.  auf
den  Plan.  Wieder  4  Wochen  später  legten  die  Chinesen  eine  100  Mül.
Frcs.  Industrieanleihe  auf.  Im  nächsten  Monat  erschienen  die  Griechen
und  erhielten  175  Mül.  Frcs.  Auch  der  Türkei  gelang  es,  500  Mül.  Frcs.
aufzunehmen  usw.  Aber  der  französische  Kapitalist  verhielt  sich  in  der
Spekulation  und  Anlage  jener  Werte  durchaus  ablehnend,  abwartend
und  mißtrauisch,  so  verlockend  und  günstig  auch  die  Bedingungen
b  Die  Erhöhung  erfolgte  erst  im  März  1916.
        <pb n="101" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

85

waren.  Das  alte  Vertrauen  war  erschüttert  und  dies  kann  wenig  Verwundern. ­
  Der  kleine  Kapitalist,  Rentner,  Beamte  entsinnt  sich  mit
Schmerzen  der  verflossenen  Jahre,  in  denen  eine  rege  Propaganda  zum
Ankauf  jener  exotischen  Papiere  betrieben  wurde,  für  Länder,  die
jetzt  vollkommen  versagen,  in  ihrer  wirtschaftlichen  Leistungsfähigkeit
arg  enttäuschen  und  andererseits  durch  kriegerische  Neigungen  den
Wert  der  Anleihen  gefährden.  Sie  erinnern  sich,  wie  die  Zeitungen
damals  von  den  unermeßlichen  natürlichen  Reichtümern  und  zukünftigen ­
  Werten  aller  jener  Schuldnerländer  mit  unermüdlichem  Eifer
berichteten.  Ihre  Anleihen  waren  ja  auch  mit  hohen  Zinssätzen  ausgestattet, ­
  die  zunächst  den  investierten  Kapitalien  große  Vorteile  für
lange  Jahre  zu  gewährleisten  und  den  Schilderungen  zu  entsprechen
schienen.  Man  folgte  so  willig  den  Lockungen  und  leicht  und  reichlich ­
  flössen  die  Kapitalien.  Die  französische  Bankwelt  leitete  naturgemäß ­
  die  Strömung,  und  unter  ihrer  Führung  gingen  gewaltige  Summen
nach  Argentinien,  Brasilien,  Mexiko  usw.  usw.  nach  Staat,  Provinz,
Kommune  und  Übersee-Unternehmen  aller  Art,  wie  es  noch  eingehend
dargelegt  wird.  Ihre  Politik  in  der  Kapitalsanlage  war  ebenso  unkaufmännisch ­
  wie  gefährlich.  Die  „Frankfurter  Zeitung"  charakterisierte ­
  schon  frühzeitig  vollkommen  zutreffend  die  französischen  Finanzierungssitten, ­
  wenn  sie  sagt:
„Oberflächlichkeit,  ja  manchmal  Leichtfertigkeit  in  der  Prüfung
der  Geschäfte  und  die  Sucht,  rasch  und  viel  zu  verdienen“ 1 ).
Nunmehr  in  den  Zeiten  wirtschaftlicher  Depression,  politischer
Spannung,  nutzten  alle  Versprechungen  nichts  mehr,  das  Börsenpublikum ­
  war  nicht  mehr  zu  beeinflussen.  Die  Banken  hatten  so  einen
schweren  Stand  und  konnten  die  in  immer  stärkerem  Maße  auf  den  Markt
kommende  Ware  bald  nicht  mehr  aufnehmen.  Nur  mühsam  durch
gegenseitige  Hilfe  kam  man  über  alle  Schwierigkeiten  hinweg.  Wohl
konnte  die  „Frankfurter  Zeitung“  im  März  1914  noch  schreiben:
„Die  sprichwörtliche,  vielleicht  aber  auch  manchmal  überschätzte
Sparkraft  des  Landes,  wird  wohl  mit  der  Zeit  imstande  sein,  den  großen
Papierberg,  den  die  letzten  Jahre  geschaffen  haben,  zu  verdauen“ 2 ),
aber  der  Zustand  hochgradiger  Unlust  wegen  der  ausgeführten  unerfreulichen ­
  Tatsachen  war  nicht  mehr  aus  der  Welt  zu  schaffen,  denn  sie
sprachen  eine  zu  deutliche  und  nüchterne  Sprache.  Die  Banken  konnten
die  Werte  der  Frühjahrs-Emissionsperiode  nicht  placieren.
Unentwegt  türmten  sich  neue  Schwierigkeiten  namentlich  politischer
Natur  aut.  Waren  einmal  die  gefährlichen  Klippen  der  deutsch-russischen
Pieß-Polemik  glücklich  umschifft,  so  knüpften  sich  schon  wieder  an
die  alte  Rochette-Affaire,  den  Rücktritt  einiger  Minister,  neue  Sorgen.
Dann  wieder  brachte  ein  Senatsbeschluß,  der  sich  für  eine  Einkommensteuer ­
  auf  Anlagewerte  ausspricht,  die  für  fremde  Staatsfonds  ab  1.  Juli
I 914  in  Kraft  treten  soll  und  den  Banken  die  Inquisition  vorschreibt.

x )  Frankfurter  Zeitung,  1.  Mär?.  I9I4- 1
2 )  a.  a.  O.  1.  März  1914.
        <pb n="102" />
        86

Erwin  Respondek,

neue  Sorgen.  So  traten  immer  wieder  neue  Hemmungen  ein.  Das  Wirtschaftsleben ­
  selbst  ging  nur  langsam,  gleichsam  apathisch,  vorwärts.
Der  Industrie  mangelte  es  an  Aufträgen,  für  Handel  und  Gewerbe  stand
eine  noch  schlechtere  Konjunktur  in  drohendem  Anzuge,  und  die  Staatskasse ­
  kämpfte  unermüdlich  gegen  den  ewig  drückenden  Geldmangel.
Es  ist  daher  nicht  zu  verwundern,  daß  auch  diese  inneren  Zustände
der  Spekulation  den  Stempel  des  Pessimismus  aufdrückten  und  das
Kursniveau  ungünstig  beeinflussen  mußten.  Mit  Mühe  und  Not  wurden
alle  diese  Schäden  am  Kursgebäude  in  einem  grenzenlosen,  dem
Franzosen  angeborenen  Optimismus  immer  wieder  ausgebessert.  Es
fehlte  auch  nicht  an  Versuchen  trotz  all  dieser  Hemmnisse  in  die  Spekulation ­
  dennoch  einen  lebhafteren  Schwung  zu  bringen,  aber  ohne
jeglichen  wahrnehmbaren  Erfolg.  Im  Juni  brach  eine  volle  Krisis  ein.
Exekutionsverkäufe  und  freiwillige  Glattstellungen  waren  sehr  zahlreich, ­
  schienen  sich  zu  überstürzen.  An  einem  Tage  wurde  die  Platzund
  Provinzkundschaft,  an  einem  andern  Petersburg  und  Moskau  und
dann  wieder  Antwerpen  und  London  glatt  gestellt,  wie  der  Berichterstatter ­
  der  „Frankfurter  Zeitung“  aus  Paris  meldete.  Das  für  die  Börse
so  dringend  notwendige  kaltblütige  Überlegen  verschwand.  Die  wildesten ­
  Gerüchte  riefen  bei  den  Spekulanten  hohe  Angst  hervor  und  die
Baisse  erweckte  den  Anschein,  als  wollte  sie  sich  zu  einer  vernichtenden
Lawine  entwickeln.  Hierzu  kam,  daß  eine  scharfe  Verleumdungskampagne ­
  gegen  die  Banken  —  speziell  gegen  die  „Societe  Generale“  —  in
das  Publikum  die  größte  Beunruhigung  trug.  Es  drohte  ein  Generalsturm ­
  der  Depositen-Einleger  auf  die  Banken.  Der  Regierung  gelang
es  noch  durch  schnelles  Einschreiten  den  Zusammenbruch  zu  vermeiden,
aber  die  Börse  verharrte  dennoch  in  ihrer  nervös  überreizten  Stimmung.
Es  fiel  auf,  daß  deutsche  Staats-  und  Städte-Anleihen,  besonders  Reichsanleihe ­
  in  großen  Summen  gegen  Mitte  des  Jahres  abgestoßen  wurden
und  nach  Deutschland  zurückwanderten.  Seit  1870  hatte  die  Pariser
Börse  noch  keine  so  ernste  und  schwere  Zeit  durchgemacht.  Die  Auflage ­
  der  neuen  3%%  Rente  in  den  ersten  Tagen  des  Monats  Juli  wurde
unter  diesen  Umständen  für  den  Markt  zu  einer  fast  erdrückenden  Belastung. ­
  Der  Markt  war  nicht  mehr  aufnahmefähig  und  empfand  diese
Emission  als  eine  gefährliche  finanzielle  Kraftprobe,  die  um  so  ernster
wurde,  als  die  allgemeine  Lage  und  Stimmung  sich  zusehends  verschlechterten. ­

Denn  immer  neue  bedeutende  äußere  Ereignisse  wirkten  auf  die  Börse
ein.  Auf  politischem  Boden  war  zu  erkennen,  daß  in  Rußland  die  Kriegspartei ­
  sichtbar  die  Oberhand  erlangte,  das  befreundete  England  war
durch  die  irländische  Krisis  in  politischer  Beklemmnis.  Und  nun  wurde
der  Gipfel  des  Leidensweges  erreicht  durch  die  plötzliche  Ermordung
des  österreichischen  Thronfolgers.  Schärfste  Spannung  zwischen  Österreich ­
  und  Serbien.  Man  denkt  an  einen  europäischen  Krieg.  Neue
schwere  Schläge  für  die  Börse.  Dies  alles  war  zu  viel  für  eine  erschöpfte,
überarbeitete  und  nervöse  Börse,  wie  sie  Paris  in  jenen  Tagen  hatte.  Die
        <pb n="103" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

87

Baisse  entwickelte  sich  denn  auch  zur  Panik,  die  im  Kursblatt  vom  25.  Juli
1914  ihre  Spuren  anzeigt.  Sie  bietet  ein  Bild  der  wildesten  Verheerung.
Am  empfindlichsten  wurde  die  französische  Rente  mitgenommen,  und
in  der  Kulisse  mußte  das  Geschäft  in  Renten  suspendiert  werden,  im
Parkett  wurden  Blankoverkäufe  nicht  mehr  zugelassen  und  der  Kurs
der  3  %  Rente  von  74  %  auf  78  %  zwangsweise  festgesetzt.  Die  Syndikatskammer ­
  der  Agents  de  change  griff  ein:  Verkäufe  von  französischer
Rente  in  spekulativen  Abgaben  dürfen  nicht  effektuiert  werden,  spekulative ­
  Engagements  können  nur  dann  gelöst  werden,  sobald  die  Titel
beigebracht  sind  usf.  Doch  das  Kursniveau  sank  unaufhaltsam.  Die
Kurse  einiger  führender  Werte  zeigen  im  Vergleich  zu  denen  vom  18.  Juli
das  folgende  Bild:

Börsenkurse  während  der  Kriegskrisis.

Wertpapier

18.  Juli

25-  Juli

3%  Rente

82,07

78,00

3V2  %  Rente

gr,67

86,00

Russische  Konsols

87,00

82,50

5  °/o  Russen

102,50

98,87

Banque  de  Paris

i357,oo

1225,00

Credit  Lyonnais

i535,oo

1432,00

Societe  Generale

739,00

690,00

Azow-Don-Bank

1416,00

1290,00

Russisch-Asiatische  Bank

650,00

512,00

Rio-Tinto

1717,00

1604,00

Naphta  Nobel

458,00

420,00

Ungewißheit  und  Zweifel  über  die  weitere  Entwicklung  des  drohend
aufgetauchten  europäischen  Krieges  versetzten  die  Börse  in  eine  hochgradige ­
  Nervosität.  Für  die  Kopflosigkeit  und  Aufregung  jener  letzten
Tage  zeugt  ein  Zwischenfall.  Der  Pariser  Bankier  Rosenberg,  österreichischer ­
  Staatsbürger,  war  an  der  Börse  als  Urheber  zahlreicher
Baissen,  besonders  im  Rentenmarkt  bekannt.  Ara  27.  Juli  erschien  er
in  der  Börse  und  sofort  nahm  man  an,  daß  er  wieder  zu  Baisseattacken
ansetzen  wollte.  Eine  stürmische,  feindliche  Bewegung  löste  sich  gegen
ihn  aus;  „dieselben  Kommis,  die  sich  sonst  um  seinen  Standplatz  drängten,
um  Ordres  zu  erlangen,  waren  wieder  da,  aber  da  das  Geschäft  in  der
Kulisse  ruhte,  so  wuchs  ihre  Zahl  an,  es  kam  zu  Bemerkungen,  nachher
zu  Rufen,  und  schließlich  wurde  eine  feindliche  Demonstration  daraus,
die  derart  anWuchs,  daß  eine  seriöse  polizeiliche  Intervention  nötig
wurde,  und  der  Polizeipräfekt  auf  die  Nachricht  hin  persönlich  herbeieilte, ­
  um  weitere  Unbilden  zu  verhüten.“ 1 )
Doch  die  Ereignisse  eilten  in  überwältigender  Kraft  und  unhaltbar
ihrem  Ziele  entgegen.  Kein  Geringerer  als  Jaures  hatte  dieses  Ziel
klar  erkannt:

■*)  Frankfurter  Zeitung,  28.  Juli  1914.
        <pb n="104" />
        88

Erwin  Respondek,

„Hier  treiben  alle  schädlichen  Kräfte  zum  Kriege,  den  man  führen
will  zur  Erfüllung  eines  krankhaften  Ehrgeizes  und  weil  die  Börsen ­
  London  und  Paris  auf  Petersburg  spekuliert
habe  n" 1 ).
Endlich  wurde  die  Spannung  gelöst:  der  europäische  Krieg  war
gesichert.
Bei  der  Verkündung  des  Sieges  der  Kriegspartei  löste  sich  schließlich ­
  die  Spannung  in  einem  allgemeinen  Kurssturze  auf.  Angstverkäufe
der  kleinen  Börsenspekulanten,  die  durch  den  Verkauf  ihrer  Wertpapiere
ihre  Zahlungsbereitschaft  oder  Kassenbestände  auf  jeden  Fall  erhöhen
wollen,  Zwangsverkäufe  derjenigen,  die  mit  geliehenen  Kapitalien  arbeiten ­
  und  denen  jetzt  einerseits  die  emporgestiegenen  Geldsätze  und
dann  die  gewaltig  gefallenen  Kurse  die  Durchhaltung  ihrer  spekulativen
Engagements  unmöglich  machten  und  schließlich  die  Baisse-Attacken
der  berufsmäßigen  Spekulation,  warfen  Riesenbeträge  auf  den  Markt.
Die  Kurse  mußten  unhaltbar  fallen.  Die  Emissionshäuser  konnten  wegen
ihrer  ungenügenden  Liquidität  gegenüber  den  Forderungen  ihrer  Depositen-Gläubiger
  keine  systematischen  Stützungskäufe  vornehmen.
Sie  hätten  sich  aber  auch  bei  den  gewaltigen  Beträgen,  die  auf  den
Markt  geworfen  wurden  als  vollkommen  unzureichend  und  wirkungslos ­
  erwiesen.  Denn  die  Erschütterungen  auf  dem  Markte  der  Staatspapiere ­
  und  guter  inländischer  Effekten  waren  schon  sehr  erheblich.  Rein
spekulative  Werte  unterlagen  natürlich  dem  schärfsten  Rückgänge.  Um
weitere  Erschütterungen  zu  verhindern,  wurde  die  Börsentätigkeit  am
29.  Juli  suspendiert.
Für  diese  bewegte  Periode  bietet  der  Kurszettel  von  der  Pariser
Börse  die  beste  zahlenmäßige  Anschauung.  Einige  wichtige  Anleiheund
  Aktien-Papiere  mögen  in  ihrer  Kursbewertung  hervorgehoben
werden  und  zwar  an  einzelnen  Terminen,  die  für  den  Gang  der  Ereignisse ­
  gleichsam  hervorstehend  waren.  Dies  dürften  aus  dem  Jahre
1912  der  Tag  der  Kriegseröffnung  am  Balkan,  der  11.  Oktober  sein.
Weiterhin  der  31.  Dezember  1913  als  Jahrestermin,  der  25.  Juli  1914
als  letzter  Termin  der  Ultimonotierungen  und  schließlich  der  28.  Juli,
der  Tag  der  ersten  Kriegserklärung  Österreich-Ungarns  gegen  Serbien
und  zugleich  der  letzte  Börsentag  (s.  S.  89)'
Am  3.  August  1914  entschlossen  sich  die  Börsenbesucher,  die  Geschäfte ­
  wieder  aufzunehmen.  Jedoch  sollte  allen  spekulativen  Ausschreitungen ­
  entgegengetreten  werden,  indem  man  bestimmte,  daß  nur
Abschlüsse  in  Kassageschäften  gestattet  seien.  Die  Ultimooperationen
bleiben  für  die  ganze  Dauer  des  Krieges  geschlossen.  Aber  nur  langsam
entwickelte  sich  das  Börsengeschäft.  Am  3.  August  wurden  12  Werte
kotiert,  darunter  auch  die  3%  %  Rente,  sowie  die  3  %  ewige  Rente,
sonst  zum  großen  Teil  Eisenbahn-Obligationen.  In  den  nächsten  Tagen
x )  Aus  einem  Schreiben  von  Jaures  an  Vandervelde  nach  Belgien  zwei
Tage  vor  seiner  Ermordung.  Siehe  Reichstags-Stenogramm:  40.  Sitzung,  6.  April  1916,
S.  89g  (Zitat  in  der  Rede  von  Scheideinan  n).
        <pb n="105" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtsohaft.

89

Kursstand  einiger  Werte  an  bedeutsamen  Tagen.

Wertpapier

Tag  der  Notierung

1912

1913

1914

30.  Sept.

ir.  Okt.

31.  Dez.

25-  Juli

30.  Juli

3  %  ewige  Rente

90,40

88,6z

85,37

78,00

77,25

Kons.  Russen  .  .

94,00

88,55

—

82,50

—

4  %  Serben  .  .  .

86,75

68,35

—

71,00

72,00

4  °/ 0  unif.  Türken

89,50

80,25

85,80

78,00

76,20

Cr6dit  Lyonnais  .

1610,00

1525,00

1671,00

1432,00

1330,00

Societe  G6n6rale  .

840,00

8r2,oo

815,00

680,00

665,00

Compt.  National  .

1049,00

975,oo

1050,00

942,00

892,00

Suez

5940,00

5600,00

4955,oo

4500,00

4300,00

M6tropolitain.  .  .

660,00

604,00

591,00

458,00

440,00

Rio  Tinto  ....

2130,00

1883,00

2768,00

1604,00

1430,00

War  die  Beteiligung  am  Börsengeschäft  etwas  lebhafter  und  mannigfacher. ­
  Am  5.  August  wurden  80  und  am  6.  August  1914  bereits  120  Werte
kotiert.  Für  die  nachfolgende  Zeit  schwankt  die  Ziffer  der  gehandelten
Papiere  zwischen  100—130.
Diesen  ersten  Börsentransaktionen  darf  jedoch  keine  zu  große  Bedeutung ­
  beigelegt  und  damit  etwa  der  Pariser  Börse  das  Zeugnis  ausgestellt
werden,  daß  sie  in  der  frühesten  und  schwersten  Kriegszeit  den
Kassa  oder  Termin-Handel  in  Renten  und  anderen  Werten  aufrecht
erhalten  habe.  Die  Notierungen  der  in  den  Handel  hineingezogenen
Papiere  sind  vollkommen  nomineller  Natur,  die  ganz  willkürlich  hoch
oder  niedrig  gesetzt  werden,  je  nach  Stimmungsbedarf  für  engere  und
weitere  Kreise.  Werden  einmal  tiefe  Kursstände  einzelner  Werte  gemeldet, ­
  so  handelte  es  sich  sicherlich  um  Zwangsverkäufe  der  Spekulation ­
  oder  Verlegenheitsverkäufe  von  Inhabern,  die  auf  jeden  Fall
verkaufen  wollen,  da  sie  Geld  benötigen.  Aus  diesen  „festgestellten“
und  übermittelten  Kursen  dürfte  also  kaum  der  reale  Wert  der  Effekten
ersehen  werden.
Die  Pariser  Börse  hatte  seit  dem  Tage  ihrer  Wiedereröffnung
einen  schweren  Stand.  Und  obwohl  sie  sich  mit  einer  Reihe  von  Vorsichts-
  und  Schutzmaßnahmen  umgab,  war  sie  auf  Grund  der
kriegerischen  Ereignisse  einfach  nicht  lebensfähig.  Sie  gefiel  sich
zwar  in  dem  Scheine,  trotz  Krieg  und  Not  zu  arbeiten.  Aber  unter  dem
zwingenden  Einfluß  der  Kriegsereignisse  —  die  deutschen  Truppen
vollführten  im  August  einen  siegreichen  Vorstoß  über  St.  Quentin  in
der  Richtung  auf  Paris  —  sank  das  Geschäft  ungeachtet  aller  Gegenanstrengungen ­
  immer  mehr  auf  den  toten  Punkt  herab.  Am  1.  September ­
  1914  war  die  Gesamtzahl  der  kotierten  Werte  auf  34  gesunken,
nachdem  sie,  wie  bereits  ausgeführt,  am  6.  August  130  Papiere  zählte.
Unter  dem  Drucke  dieser  Verhältnisse  beschloß  die  Syndikatskammer
der  Pariser  Börsenmakler  die  Börse  zu  schließen.  Der  Polizeipräsident,
durch  Kriegsgesetze  zu  gesetzlichen  Handlungen  ermächtigt,  schloß
am  2.  September  die  Pariser  Börse.  Sein  Befehl  lautete:
        <pb n="106" />
        9 o

Erwin  Respondek,

r

A

„Erster  Artikel:  Die  Effekten-Börse  ist  und  wird  bis  auf  weiteres
geschlossen.
Zweiter  Artikel:  Der  Polizeikommissar,  nahe  am  Börsengebäude,
der  Direktor  der  Stadtpolizei  und  die  ihnen  untergeordneten  Beamten
haben  die  Pflicht,  jeden,  den  diese  Verordnung  angeht,  zu  ihrer  Beobachtung ­
  anzuhalten“. 1 )
Ais  das  Waffenglück  der  Republik  sich  Wandte,  die  Deutschen
einen  eiligen  Rückzug  nach  der  abgebrochenen  Schlacht  an  der  Marne
antreten  mußten,  erhoben  sich  in  den  Börsenkreisen  eine  Anzahl  von
Stimmen,  die  für  eine  Wiedereröffnung  der  Pariser  Börse  eintraten.
Diese  Forderung  war  ganz  mit  Recht  gestellt  worden  und  folgte  aus
schädlichen  Mißständen,  die  sich  an  das  unter  der  Hand  Kaufen  und
Verkaufen  knüpften.  Täglich  fanden  sich  nach  der  Einstellung  der
offiziellen  Notierungen  in  den  Tageszeitungen  Anzeigen,  die  einen  Ankauf
Von  Wertpapieren  mit  einem  io—15  %  und  höheren  Abschlag  von  den
Kursen  der  letzten  Julitage  effektuieren  wollten.  Die  großen  Schäden,
die  sich  für  den  Effektenbesitzer  durch  solche  Verkäufe  bei  den  Hinterbörsen ­
  ergeben,  liegen  auf  der  Hand.  Andererseits  zwingen  Börsenschluß ­
  und  Moratorium,  schlechter  Geschäftsgang  u.  ä.  zur  Realisation  von
Wertpapieren,  und  der  Effektenbesitzer  wird  auch  die  ungünstigsten  Angebote ­
  anzunehmen  sich  entschließen  müssen,  um  seine  Betriebskapitalien  zu
erneuern  oder  andere  Ausgaben  zu  bestreiten.  Schon  aus  diesen  Überlegungen ­
  wäre  eine  amtliche  Notierung  an  der  Pariser  Börse,  als  Zentralstelle ­
  für  das  ganze  Land,  von  großem  Interesse  für  Rentner  und  Kapitalisten. ­
  Aber  auch  für  das  Schatzamt  ist  eine  gleichmäßig  und  gut
arbeitende  Börse  in  Kriegszeiten  von  besonders  hohem  Vorteile  und
unumgänglicher  Notwendigkeit.  Dies  sprach  der  Finanzminister  selbst
aus,  wenn  er  in  einem  Schreiben  an  die  Presse  sagt:
„Das  Schatzamt  hat  unter  den  gegenwärtigen  Umständen  ein
Interesse,  die  Entlastung  der  Zeichner  zu  begünstigen,  indem  es  ihnen
die  Mittel  gibt,  ihfe  Zertifikate  zu  einem  Kurse  zu  handeln,  der  nicht
ungünstig  ist“ 2 ).
Die  Bemühungen  zur  Wiedereröffnung  der  Börse  in  Paris  waren
vergeblich.  Gegen  Paris  als  Börsenplatz  sprachen  viele  Momente,  die
die  günstigen  aufhoben.  Der  Feind  war  nicht  weit,  und  die  Regierung
hatte  ihren  Sitz  offiziell  von  Paris  nach  Bordeaux  verlegt,  die  Bank
von  Frankreich  und  die  Kreditbanken  sind  diesem  Beispiele  gefolgt.
Wollte  man  also  die  Börse  wieder  öffnen,  so  mußte  auch  die  Pariser  Börse
der  Auswanderung  nach  Bordeaux  folgen.  Von  Mitte  September  tagte
denn  die  Pariser  Börse  gleichfalls  in  Bordeaux.  Am  4.  Dezember  1914
wurde  sie  dort  geschlossen  und  nach  Paris  zurückverlegt.
Die  aus  Bordeaux  gemeldeten  Kurse  sind  gleichfalls  rein  nomineller
Natur.  Beide  Renten,  die  3  %  ew.  und  3y 2  %  amort.  Rente  wiesen
konstante  Kurse  auf.  Bordeaux  war  Provinzbörse  und  konnte  trotz
*)  L’Economiste  Franfais  1914,  No.  37,  S.  329.
")  L  Economiste  Franfais  1915,  S.  336.
        <pb n="107" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

QI

des  oktroyierten  Pariser  Zuges  seinen  Charakter  als  solche  nicht  abstreifen. ­
  Neben  Bordeaux  tagten  zu  gleicher  Zeit  die  Börsen  von  Lyon
und  Marseille.  Alle  3  Börsen  waren  jedoch  kein  geeigneter  Boden  für
Transaktionen  in  Renten  oder  gar  in  Favorit  werten.  Auch  stellten  sich
durch  die  Dreiteilung  Mißstände  heraus.  Es  kam  oftmals  vor,  daß  die  drei
Börsen  an  einem  Tage  in  der  Bewertung  eines  Papieres  mitunter  erhebliche
Kursdifferenzen  aufwiesen,  was  nun  nicht  im  Interesse  der  Öffentlichkeit
lag  und  bei  dem  Vorherrschen  einer  ausschlaggebenden  Börse  selten
oder  nicht  in  allzuhohen  Kursdifferenzen  vorkommt.  Immer  mehr
erkannte  man  die  Notwendigkeit  einer  zentralen  Stelle,  die  als  entscheidender ­
  Regulator  zu  wirken  imstande  war.  Im  Einverständnis
mit  der  Regierung  wurde  daher  nach  langen  Kämpfen  und  vielen  Widerständen ­
  die  Börse  schließlich  in  Paris  am  7.  Dezember  1914  wieder  eröffnet. ­

Gerade  in  der  Wiedereröffnung  der  Pariser  Börse  in  Paris  kann
man  neben  den  dargelegten  Motiven  auch  noch  ein  psychologisches
Moment  sehen.  Sie  dürfte  neben  der  wirtschaftlichen  Notwendigkeit
und  Zweckmäßigkeit  das  Ziel  verfolgen,  das  Publikum  langsam  an  die
unvermeidlichen  Kursverluste  zu  gewöhnen.  Das  Studium  des  Kurszettels ­
  ist  in  Frankreich  die  tägliche  Beschäftigung  der  Kapitalisten
und  kleinen  Sparer.  Sie  greifen  zuerst  nach  dem  Kurszettel  und  dann
zur  Arbeit.  Die  Regierung  trägt  dem  auch  Rechnung  und  läßt  die
Rentenkurse  sogar  an  das  Gemeindehaus  der  kleinsten  Örte  regelmäßig
anschlagen.  Es  ist  daher  wohl  verständlich,  daß  die  Kurse  —  gleichgültig ­
  ob  effektiv  oder  nominell  —  auf  alle  Kreise  einen  großen  Einfluß
ausüben  dürften.  Sie  sind  das  Spiegelbild  der  öffentlichen  Meinungen
und  Stimmungen  über  Krieg  und  Wirtschaft.
Als  die  Pariser  Börse  in  den  letzten  Tagen  des  Monats  Juli  1914  die
geschilderten  Krisen  zu  ertragen  hatte,  Kopflosigkeit  und  Furcht  das  Kursniveau ­
  so  erheblich  stürzen  ließen,  wurde  es  klar,  daß  mit  geplantem  Börsenschluß ­
  und  so  tiefen  Kursen  die  Li  quidation  der  auf  Ultimo  Juli
1914  laufenden  Engagements  unmöglich  war.  Wollte  man
sie  dennoch  durchführen,  dann  hätte  dies  gewiß  zum  Ruin  der  beteiligten
Makler  geführt.  Denn  die  Auflösung  von  500  Miß.  Frcs.,  die  als  Reportgelder ­
  fest  in  den  einzelnen  Effekten-Positionen  verankert  sind  und
durch  neue  Kapitalien  abgelöst  werden  müßten,  war  nicht  ohne  Hilfe
der  Bank  von  Frankreich  oder  der  anderen  Kreditinstitute  möglich.
Aber  die  Notenbank  stand  vor  den  elementaren  Ereignissen  einer  gewaltigen ­
  Kreditforderung  seitens  des  Staates,  einer  stürmischen  Kreditforderung ­
  von  seiten  der  Volkswirtschaft.  Sie  konnte  eine  halbe  Milliarde ­
  Franken  nicht  immobilisieren.  Und  die  Kreditbanken  lagen  selbst
in  den  ärgsten  Nöten.  Andererseits  stellt  es  eine  Unmöglichkeit  dar,
aus  privaten  kapitalkräftigen  Kreisen  diese  hohen  Summen  zu  erlangen.
Und  vor  allem  entsteht  die  recht  brennende  Frage,  welchen  Zins  die
Käufer  am  Ultimo  Juli  1914,  also  in  einer  Zeit,  wo  die  politische
Spannung  und  Krisis  zum  Kriege  führte  und  alles  mit  seinen  Geldreserven
        <pb n="108" />
        92

Erwin  Respondek,

höchste  Thesaurierungstaktik  befolgte,  hätten  zahlen  müssen.  Jedenfalls
einen  unerschwinglichen,  wenn  es  ihnen  überhaupt  wirklich  gelungen
sein  sollte,  die  Starrheit  der  Geldgeber  zu  brechen.
Unter  Beachtung  dieser  Lage  und  mit  Rücksicht  auf  die  wirtschaftliche ­
  Stellung  der  Agents  de  change  blieb  dem  Makler-Syndikat  kein
anderer  Weg,  als  die  Prolongation  aller  Engagements  ohne  jegliche
Veränderung  bis  zum  Ultimo  des  nächsten  Monates.  Diesen  außerordentlich ­
  weittragenden  Entschluß  gab  das  Syndikat  der  Pariser  Wechselmakler ­
  am  30.  Juli  1914  durch  die  folgende  Anzeige  bekannt:
„Unter  Anwendung  einer  Entscheidung  des  Syndikats  der  Wechselmakler, ­
  bestätigt  durch  den  Finanzminister  am  29.  Juli  1914,  werden
alle  Ultimooperationen  (Geschäfte  und  Reports),  abgeschlossen  per
31.  Juli  X914,  verschoben.“
Mit  anderen  Worten,  die  Börse  erteilte  sich  für  ihre  Verbindlichkeiten ­
  ein  Moratorium.  Bei  der  Bekanntgabe  der  Prolongation  der  Ultimoengagements ­
  entstand  sofort  eine  Spaltung  unter  den  hiervon  betroffenen ­
  Kreisen.  Die  eine  Partei  hielt  die  Maßnahme  für  verfehlt,  die
andere  für  durchaus  angebracht  und  vertrat  die  Forderung,  daß  die
Liquidierung  auch  weiterhin  noch  hinausgeschoben  werden  möge.  Sie
sahen  in  der  Reportierung  der  alten  Engagements  von  Monat  zu  Monat
zwar  auch  nur  eine  provisorische  Maßnahme,  die  aber  unter  allen  Umständen ­
  aus  Gründen,  die  in  den  außergewöhnlichen  Verhältnissen  ihre
Begründung  finden,  gerechtfertigt  und  notwendig  sei.  Mit  dem  Einzug ­
  ruhiger  Zeiten  und  Ansichten,  würden  auch  ruhige  Kursbewertungen ­
  vorgenommen  und  damit  ein  Abbau  leichter  sein.  Tatsächlich
wurde  die  Juli-Ultimo-Liquidation  weiter  von  Monat  zu  Monat  verschoben. ­
  Um  zu  einem  klaren  Erfassen  der  hohen  Bedeutung  dieser
Verordnung  zu  gelangen,  ist  eine  kurze  Darstellung  der  Organisation
der  Pariser  Börse,  unter  besonderer  Hervorhebung  aller  jener  Momente, ­
  die  für  jenen  Erlaß  von  Wichtigkeit  sein  können,  erforderlich.
Der  Pariser  Markt  zerfällt  in  zwei  Teile,  erstens  in  einen  offiziellen
Markt,  das  Parkett,  und  in  einen  offiziösen  Markt,  den  freien  Markt
oder  die  Coulisse.  Die  Makler  des  Parketts  werden  vom  Präsidenten
der  französischen  Republik  ernannt  und  führen  den  Namen  Agents  de
change  (Wechselmakler).  Sie  sind  also  Beamte,  die  in  ihrem  Zusammenschluß ­
  aller  Mitglieder  eine  Korporation,  das  Syndikat  der  Wechselmakler ­
  —  Syndicat  des  agents  de  change  —  bilden  und  über  ein  gemeinsames ­
  eigenes  Vermögen  verfügen.  Dieses  Vermögen  setzt  sich  zusammen
aus  den  angesammelten  Reserven,  dem  Werte  der  Amtsstellen  (jede
Stelle  zu  2  Milk  Frcs.)  und  den  gestellten  Kautionen.  Insgesamt
dürfte  es  nach  einer  älteren  Schätzung  Kaufmanns  190  Mill.
Frcs. 1 )  betragen.  Die  Maklerfirmen,  es  sind  deren  70,  wählen  selbst
eine  Syndikatskammer,  —  Chambre  syndicale  —  die  die  Aufsicht  über  alle
Mitglieder  führt,  Streitigkeiten  schlichtet,  das  Kursblatt  aufstellt  und
L )  Kaufmann,  Dr.  Eugen,  Das  französische  Bankwesen,  Tübingen  19x1,
S.  70,  dessen  Ausführungen  diesen  Angaben  zugrunde  liegen.
        <pb n="109" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

93

andere  börsentechnische  Arbeiten  ausführt.  Sie  zählt  8  Wechselmakler
als  Mitglieder.  Alle  Makler  haften  aus  ihren  Börsengeschäften  solidarisch,
d.  h.  jeder  Makler  hat  das  Recht,  auf  sein  eigenes  Risiko  zu  handeln
und  nur  im  Falle  seiner  Zahlungsunfähigkeit  übernimmt  das  Syndikat
die  von  ihm  eingegangenen  und  nicht  eingelösten  Verpflichtungen.
Ihre  Tätigkeit  als  Wechselmakler  erstreckt  sich  ausschließlich  auf  die
Kauf-  und  Verkaufsvermittlung  sowie  die  Notierung  der  amtlich  zugelassenen ­
  Wertpapiere.  Für  eigene  Rechnung  dürfen  sie  nicht  handeln,
wohl  aber  ist  es  ihnen  erlaubt,  Kauf-  und  Verkaufsorders  direkt  vom
Publikum  entgegenzunehmen  und  an  der  Börse  auszuführen.  Durch
die  solidarische  Haftung  der  Wechselmakler  ist  dem  Publikum  die  denkbar
größte  Sicherheit  für  eine  exakte  und  gute  Ausführung  der  Aufträge  gegeben.
Daher  lassen  die  Kunden  nicht  nur  die  Börsengeschäfte  durch  die  Wechselmakler ­
  ausführen,  auch  ihre  flüssigen  Gelder  finden  durch  ihre  Vermittlung ­
  Anlage  in  Reports.  Auf  diesem  Wege  werden  unter  verantwortungsvoller ­
  Mitarbeit  der  Wechselmakler  die  disponiblen  Gelder
der  weitesten  Kreise  in  Börsentermingeschäften  festgelegt.
Die  Oberaufsicht  über  die  gesamte  Börseneinrichtung  führt  nach
einem  Dekret  vom  7.  Oktober  1890,  ergänzt  am  29.  Juli  1898  der  Staat
durch  den  Finanzminister.  Er  entscheidet  auch  endgültig  über  die  Zulassung ­
  von  Wertpapieren  zur  offiziellen  Notiz  nach  Anhörung  des  Syndikats.
Über  die  Kotierung  ausländischer  Effekten  trifft  der  Finanzminister
allein  die  Entscheidung  und  das  Syndikat  hat  hier  keinen  Einfluß.
Der  freie  Markt,  die  Coulisse,  wird  an  der  Börse  offiziell  nicht  anerkannt. ­
  Sie  ist  in  den  Börsensälen  daher  sozusagen  nur  geduldet.  Auch  sie  hat
ihre  Mitglieder  zu  Syndikaten  zusammengeschlossen.  Die  Aufnahmebedingungen ­
  sind  erschwert,  um  schwache  und  unerwünschte  Elemente  von  vornherein ­
  auszuschließen.  Jedes  Mitglied  der  Korporation  hat  für  Termingeschäfte ­
  allmonatlich  vor  der  Ultimoregulierung  einen  Sicherungsfonds
von  100  000  Frcs.  zu  hinterlegen,  aus  dem  eventuell  Verluste  bei  Zahlungsunfähigkeit ­
  zunächst  gedeckt  werden  können.  Eine  solidarische  Haftung
aller  Coulissiers  für  die  aus  Börsengeschäften  eines  Mitgliedes  resultierenden ­
  Verbindlichkeiten  ist  jedoch  nicht  vereinbart.  Hier  haftet  also
ein  Coulissier  allein  für  seine  Verpflichtungen  aus  Börsengeschäften.  Die
Coulissiers  vermitteln  gleichfalls  Kauf-  und  Verkaufaufträge.  Ihnen  fließen
aber  größere  Kapitalien  zur  Anlage  in  Reports  nicht  zu.  Alle  Beschlüsse,
speziell  die  Zulassung  von  Neuemissionen  zur  Notiz,  unterliegen  der  Kontrolle
der  Regierung.  Daher  umfaßt  ihr  freier  Markt  vornehmlich  nur  diejenigen
Werte,  die  zur  offiziellen  Notiz  nicht  zugelassen  werden  können,  sei  es,
daß  sie  der  Regierung  nicht  genehm  sind  oder  den  Börsengesetzbestimmungen
  nicht  entsprechen  und  damit  die  Zulassungsstelle  des  Wechselmakler-Syndikats
  nicht  überschreiten  können.  So  zählen  zu  ihren  Papieren ­
  zum  großen  Teil  spekulative  Industrie-Bergwerks-Aktien  und
die  verschiedensten  Anteile  inländischer  und  ausländischer  Gesellschaften.
Parkett  und  Coulisse  stehen  sich  in  ihrer  Geschäftstätigkeit  nicht
etwa  feindlich  gegenüber,  vielmehr  greifen  ihre  gegenseitigen  Börsen ­
        <pb n="110" />
        94

Erwin  Respondek

arbeiten  in  der  Praxis  oft  ineinander.  Die  Coulisse  vermag  durch  ihre
Anpassungsfähigkeit  an  Konjunkturumschläge,  Krisen  aller  Art,  dem
Pariser  Finanzmarkte  eine  schätzenswerte  Elastizität  zu  gewähren
und  im  Verein  mit  dem  Parkett  durchaus  glücklich  und  marktregelnd
zu  wirken.
Aus  diesem  Aufbau  des  Pariser  Marktes  geht  die  überragende  und
wichtige  Stellung  des  Wechselmakler-Syndikats  deutlich  hervor.  Sie
wurde  in  bewußter  Weise  nach  den  gezeichneten  Richtungen  ausgebaut
und  die  weiten  Machtbefugnisse,  die  dem  amtlichen  Makler-  Syndikat
eingeräumt  sind,  haben  es  seinen  Mitgliedern  ermöglicht,  sich  in  den
spekulativen  und  anlagesuchenden  Schichten  der  Bevölkerung  eine
Vertrauen  und  Ansehen  sichernde  Position  zu  erwerben.  Weniger  bevorzugt ­
  und  fest,  dafür  aber  um  so  lebhafter  und  beweglicher  in  der  reinen,
eigenen  Spekulation  arbeitet  die  Coulisse.  Äußerlich  kommt  der  Unterschied ­
  zwischen  diesen  beiden  Elementen  der  Pariser  Börse  schon  in  der
Höhe  der  ihnen  anvertrauten  Reportengagements  zum  Ausdruck.  Der
Zahlungsaufschub,  den  sich  die  Börse  selbst  gewährte,  legt  Reportgelder
im  Markte  der  Wechselmakler  von  etwa  500  Mill.  Frcs.  und  in  dem  der
Coulissiers  dagegen  nur  von  150—160  Mill.  Frcs.  fest.  Er  traf  aber  beide
Gruppen  gleich  schwer,  und  man  suchte  daher  von  allen  Seiten  nach
einer  Lösung.  Es  ist  bereits  dargelegt,  daß  diese  Gelder  einen  Teil  der
Kapitalien  von  Privaten  und  auch  Banken  bilden,  die  durch  Vermittlung
beider  Maklergruppen  im  Reportgeschäft  investiert  wurden.  Sie  stellen
zum  größten  Teil  zeitweilig  im  Handels-  und  Zahlungsverkehr  nicht
benötigte  Kapitalien  dar,  die  aus  Rücksichten  auf  den  relativ  hohen
Zinsertrag  und  ihre  leichte  Realisierbarkeit  ohne  Bedenken  den  Maklern
zur  Anlage  überwiesen  wurden.  Nunmehr  ist  es  unmöglich,  sie  zurückzuleiten. ­
  Zwar  sind  sie  durch  den  Aufschub  nicht  verloren,  aber  der
Wirtschaft  entzogen  und  unproduktiv  festgelegt.  Dies  bedeutet  natürlich ­
  eine  schwere  Belastung  für  die  Geldgeber,  Banken  und  Private.
Die  letzteren  namentlich  forderten  daher  eine  möglichst  rasche  Abwicklung ­
  der  Engagements  und  erhofften,  wie  bereits  erwähnt,  eine  endgültige ­
  Regelung  am  Ultimo  des  Monats  August  1914.  Dennoch  wurden
die  Verbindlichkeiten  weiter  hinausgeschoben  und  von  Monat  zu  Monat
mußte  auch  späterhin  die  Prolongation  erneuert  werden.  In  der  Zwischenzeit ­
  wurden  zahlreiche  Vorschläge  diskutiert,  um  diese  Frage  zur  Zufriedenheit ­
  aller  Betroffenen  zu  lösen.  Man  sagte,  daß  die  Verhältnisse ­
  am  Ende  des  nächsten  Monats  kaum  vorteilhafter  sein  könnten,
als  am  Ende  des  vorherigen  und  daß  man  sofort  zur  Liquidierung  schreiten, ­
  die  Reportengagements  aus  Anlaß  einer  unerwarteten  höheren
Gewalt  lösen  müßte.  Diese  einfache  Lösung  des  komplizierten  Problems
ist  eine  ebensowenig  überzeugend  einleuchtende  und  richtige  wie  radikale
Maßregel.  Sie  ist  gewiß  höchst  leicht,  dürfte  aber  die  Reportgeldfrage
in  ihrem  Kern  selbst  nicht  treffen.  Denn  die  Kapitalien  sind  in  jenen
Engagements  seit  langer  Zeit  fest  angelegt,  bereits  vollständig  verbraucht,
und  an  ihre  Stelle  müssen  neue  Gelder  treten,  um  die  alten  Kapitalien,
        <pb n="111" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

95

die  man  zurückziehen  will,  zu  ersetzen.  Es  war  ein  neuer  Geldgeber  zu  suchen.
Leicht  ist  es  nicht,  in  schweren  Kriegstagen  Kapitalquellen  zu  finden,
die  stark  und  geneigt  genug  sind,  die  die  Börse  ungemein  belastenden,  festgelegten ­
  Gelder  durch  neues  Kapital  abzulösen  und  dazu  noch  nicht
allzu  hohes  Entgelt  für  diesen  Dienst  zu  fordern.  Das  Syndikat  beschritt
den  jetzt  einzig  gangbaren  Weg:  zur  Notenbank.  Sie  suchte  und  fand
bei  ihr  die  notwendige  Hilfe.  Die  Korporation  der  Wechselmakler  traf
mit  der  Bank  von  Frankreich  ein  Abkommen,  in  dem  die  Notenbank
einen  Maximal-Vorschuß  von  200  Milk  Frcs.  den  Wechselmaklem  zum
Abbau  der  Reportverbindlichkeiten  zusagte.  Sie  hat  späterhin  noch
50  Mill.  Frcs.  neuen  Kredit  zugesagt,  so  daß  also  den  Wechselmaklem
eine  Summe  von  250  Mill.  Frcs.  zur  Verfügung  stand.  Die  Hilfeleistung
war  aber  an  strenge  Vorschriften  geknüpft.  Ein  Wechselmakler,  der
von  ihr  zur  Ablösung  des  Engagements  Geld  wünscht,  hat  für  die  benötigte ­
  Summe,  deren  Höchstbetrag  für  ihn  allein  auf  200  000  Frcs.
limitiert  war,  einen  3  Monats-Solawechsel  mit  2  Unterschriften  von  anderen ­
  Wechselmaklern  einzureichen.  Dieser  Wechsel  wird  ihm  zum  offiziellen ­
  Banksatze  diskontiert  und  gleichzeitig  hat  er  in  Höhe  des  gewährten
Darlehns  Wertpapiere  zu  hinterlegen,  die  mit  40  %  des  Liquidationskurses ­
  in  Lombard  genommen  werden.  Als  Unterlage  dienen  ausschließlich ­
  gute  französische  Effekten.
Die  Bedingungen,  unter  denen  die  Notenbank  als  Geldgeber  für
die  offiziellen  Makler  auftritt,  sind  hart.  Denn  jene  Verknüpfung  von
Diskont-  und  Lombarddarlehen  bringt  dem  kreditbedürftigen  Wechselmakler ­
  nur  effektive  40  %  der  laufenden  Engagementssumme,  mit  denen
er  seine  Kunden  befriedigen  soll.  Andere  Effekten  als  die  aus  seinem
Reportgeschäft  besitzt  et  nicht  mehr,  und  diese  aus  dem  Ultimogeschäft
herkommenden  muß  er  sämtlich  der  Notenbank  als  Pfand  zuweisen.
Er  bleibt  somit  bei  seinen  Kunden  noch  mit  60  %  im  Debet  und  hat
hierfür  laut  Moratoriums-Verfügung  5  %  Debetzinsen  zu  zahlen.  Gleichzeitig ­
  läuft  eine  neue  verzinsliche  Verpflichtung  bei  der  Notenbank,
und  er  hat  weiterhin  auf  ein  wertvolles  Pfandobjekt  Verzicht  leisten
müssen.  Es  kann  daher  nicht  überraschen,  daß  die  Makler  von  dieser
Hilfe  nur  spärlich  Gebrauch  machen  wollten.  Gegen  50  Mill.  Frcs.  nur
haben  sie  auf  diesem  Wege  nach  einer  Mitteilung  der  „Frankfurter
Zeitung“ 1 )  reguliert.
Außer  dem  Eingreifen  der  Notenbank,  das  die  Wechselmakler  in
der  praktischen  Ausführung  doch  enttäuscht  haben  dürfte,  waren  sie
bestrebt,  aus  eigener  Kraft  Kapitalien  flüssig  zu  machen.  Das  Syndikat
genießt  einen  guten  Ruf,  und  es  wurde  nach  Erwägung  der  Geldmarktslage ­
  beschlossen,  einen  kleinen  Betrag  durch  Emission  von  Bons  mit
der  Unterschrift  der  Syndikats-Kammer  aufzunehmen.  Nach  einer
Mitteilung  des  Finanzministers  sollen  75  Mill.  Frcs.  dieser  Bons  ohne
Schwierigkeiten  untergebracht  worden  sein.  Von  dem  erlangten  Kapital
■wurden  die  aus  der  Abwicklung  entstandenen  Differenzen  beglichen,
ß  Frankfurter  Zeitung,  5.  Dezember  1914-
        <pb n="112" />
        Erwin  Respondek,

96

soweit  sie  zu  Lasten  ihrer  Mitglieder  gingen.  Aus  diesem  Bestreben,
nach  Möglichkeit  für  eine  Abdeckung  der  Verbindlichkeiten  der  dem
Syndikat  zugehörigen  Makler  zu  sorgen,  spricht  deutlich  das  solidarische
Gefühl  dieser  Gruppe,  das  gerade  in  Zeiten  der  Not  nicht  versagt.  —
Durch  die  Krediteröffnung  der  Notenbank  und  die  Ausgabe  eigener
Obligationen  haben  die  Wechselmakler  einen  Kapitalbetrag  von  325
Mill.  Frcs.  zur  freien  Verfügung.  Ihnen  stehen  gegen  500  Mill.  Frcs.
Report-Verbindlichkeiten  gegenüber,  so  daß  immerhin  noch  175  Mill.
Frcs.  vollkommen  ungedeckt  in  der  Luft  schweben.  Dieser  Betrag  wird
noch  wesentlich  dadurch  erhöht  sein,  daß  die  Wechselmakler  den  Diskont  -
und  Lombardkredit  der  Zentralbank  in  nur  geringem  Umfange  in  Anspruch ­
  nehmen  dürften.  Bis  zu  welchen  Summen  sie  im  Laufe  der  Zeit
gelangt  sein  werden,  ist  bisher  nicht  zu  ermitteln  gewesen.  Jedenfalls
werden  die  Makler  in  ihrer  Abneigung  gegen  diese  strenge  Kreditgewährung ­
  nicht  weit  über  den  von  der  „Frankfurter  Zeitung"  im  Dezember
1914  gemeldeten  Betrag  von  50  Mill.  Frcs.  hinausgekommen  sein.  Wenn
es  auch  den  Wechselmaklern  gelungen  ist,  vielleicht  150  Mill.  Frcs.
ihrer  Verbindlichkeiten  auf  diesen  beiden  Wegen  abzudecken,  so  stellt
die  Restsumme  mit  den  im  hilflosen  freien  Markt  lastenden  Verbindlichkeiten ­
  von  etwa  160  Mill.  Frcs.  einen  noch  zu  tilgenden  Gesamtbetrag
von  500—510  Mill.  Frcs.  dar.  Denn  die  ungedeckten  Engagements  der
Coulissiers  müssen  gleichfalls  abgebaut  werden,  wenn  das  Parkett  zur
Liquidierung  schreitet.  Nach  der  Struktur  des  Platzes  können  die  inneren ­
  Zusammenhänge  und  wechselseitigen  Beziehungen  zwischen  Parkett
und  Coulisse  nicht  geschieden  werden.  Eine  Regelung  der  Reportengagements ­
  für  die  Coulissiers  ist  notwendig,  sonst  bedeutet  alle  angebotene ­
  Hilfe  nur  eine  halbe  Maßregel.  Hierbei  boten  eine  Reihe  von
Faktoren  erhebliche  Schwierigkeiten.  Denn  der  freie  Markt  vermag  infolge ­
  seiner  Organisation  der  Bank  von  Frankreich  nicht  die  Sicherheiten
zu  bieten  wie  das  Parkett.  Um  ihr  dennoch  eine  relative  Sicherheit  für
etwaige  Hilfe  geben  zu  können,  entwarfen  die  Coulissiers  in  enger  Anlehnung ­
  an  das  durchgeführte  Abkommen  der  Wechselmakler  mit  der  Notenbank ­
  einen  ähnlichen  Plan.
Vor  Ausbruch  des  Krieges  hatte  jedes  Mitglied  des  freien  Marktes
100  000  Frcs.  in  die  Garantiekasse  der  Coulissiers-Korporation  gezahlt,
wie  dies  bei  einer  jeden  bevorstehenden  Ultimoliquidation  üblich  war.
Nach  Abwicklung  der  Juliliquidation  sollte  die  hinterlegte  Summe
wieder  zurückgelegt  werden.  Dieser  Betrag  —  gegen  11  Mill.  Frcs.  —
wurde  jedoch  mit  der  Prolongation  der  Ultimo-Liquidation  zurückgehalten ­
  und  später  in  „Nat.-Vert.-Wechseln“  angelegt.  Nach  dem
neuen  Plan  soll  nunmehr  dieses  Kapital  als  Grundkapital  für  eine  gemeinschaftliche, ­
  erst  zu  gründende  „Maklerbank“  dienen.  Das  Aktien-Kapital
  ist  auf  44  Mill.  Frcs.  festgesetzt  und  die  eingezahlten  11  Mill.
Frcs.  sollen  hiervon  das  erste  Viertel  bilden.  Diese  „Maklerbank"
hat  die  Aufgabe,  bei  der  eventuellen  Bevorschussung  durch  die  Bank
von  Frankreich  auf  die  laufenden  Reportengagements  den  freien  Maklern
        <pb n="113" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

97

die  dritte  Unterschrift  für  die  zu  diskontierenden  Wechsel  zu  liefern.
Hierzu  kommt  als  zweite  Sicherheit  die  Verpfändung  von  Wertpapieren
in  Höhe  der  gewährten  Diskontdarlehen.  Der  Aufbau  der  Hilfeleistung
schließt  sich  also  genau  den  Prinzipien  des  Abschlusses  der  Korporation
der  Wechselmakler  an.  Die  Notenbank  hat  ihre  Hilfe  jedoch  auch  auf
dieser  Basis  versagen  müssen.  Die  Coulissiers  kennen  trotz  ihrer  Vereinigung ­
  keine  solidarische  Haftung  und  die  neue  „Maklerbank“  kann
diese  Solidarität  nach  Ansicht  der  Notenbank  nicht  ersetzen.  Somit
wäre  die  Bank  von  Frankreich  allein  auf  den  Wert  der  freien  Maklerfirma, ­
  auf  die  Kreditwürdigkeit  des  einzelnen  Inhabers,  angewiesen.
Als  zweites  wesentliches  Moment  kommt  noch  hinzu,  daß  die  Qualität
der  Papiere  des  freien  Marktes,  die  zur  Verstärkung  des  gewährten
Darlehens  dienen  sollen,  nicht  einwandfrei  ist.  Uber  den  Wert  russischer ­
  Industriewerte,  afrikanischer,  kanadischer  Goldminen  -  Shares,
Bergwerks-Anteile,  Terrain-Aktien  und  anderer  Papiere  kann  man  im
Zweifel  sein,  und  sie  können  für  eine  Notenbank  als  Lombardpfänder
weder  im  Frieden  und  noch  viel  weniger  im  Kriege  in  Frage  kommen.  Von
dem  weiteren  Schicksal  dieses  Projektes  ist  nichts  bekannt  geworden,
so  daß  seine  Nichtausführung  angenommen  werden  kann.
Der  Versuch,  einen  wenigstens  teilweisen  Abbau  der  prolongierten
Reportgelder  mit  Hilfe  der  Notenbank  und  aus  eigenen  Kräften  zu  bewirken, ­
  war  nur  Stückwerk.  Eine  Liquidation  der  Report-Engagements
schien  also  auch  unter  der  Leitung  der  Notenbank  nicht  in  vollem  Umfange ­
  durchführbar.  Die  Notenbank  selbst  hielt  es  wohl  doch  nicht  für
ratsam,  ihre  Kapitalien  in  so  umfangreichen  Mengen  festzulegen,  und  die
Wechselmakler  empfanden  ihrerseits  die  Lasten  der  partiellen  Hilfeleistung ­
  als  zu  groß,  zu  unerträglich.
Aber  das  Verlangen  nach  einer  durchgreifenden,  restlos  bis  zum
letzten  Sou  abgewickelten  Liquidation  der  schwebenden  Engagements
gelangte  immer  schärfer  zum  Ausdruck.  Tatsächlich  ist  ein  solches  Ziel
für  die  Pariser  Börse  auch  sehr  erstrebenswert.  Denn  für  eine  geregelte,
glatte  und  gute  Börsentätigkeit  im  Frieden,  die  von  allen  Kreisen  als
wirtschaftlich  und  politisch  für  notwendig  erachtet  ist,  stellt  es  eine
der  ersten  Vorbedingungen  dar,  daß  die  alten  Report-Engagements  aus
dem  Moratorium  herausgezogen,  abgebaut  werden.  Nach  längeren
Besprechungen  und  Verhandlungen,  die  der  Finanzminister  R  i  b  o  t  mit
den  Agents  de  change  und  Coulissiers  gepflogen  hatte,  wurde  schließlich
ein  Beschluß  gefaßt,  der  dahin  ging,  die  prolongierten  Ultimo-Engagements ­
  zur  regelrechten  Abwicklung  zu  bringen.
Ein  Dekret  vom  15.  September  1915  ordnete  daher  die  Liquidation
der  gesamten  laufenden  Ultimo-Engagements  für  Ultimo  September
1915  an.  Die  Differenzen,  die  sich  aus  der  Realisation  ergeben,  sind  nach
einem  bestimmten  Schema  auszuzahlen.
Es  haben  10  %  am  Tage  der  Liquidation,  d.  h.  am  30.  September
und  xo  %  an  jedem  weiteren  Ultimo,  während  der  9  folgenden  Monate,
also  von  Ultimo  Oktober  1915  bis  Ultimo  Juni  1916  gezahlt  zu  werden.
Respondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanswirtschaft.  7
        <pb n="114" />
        Erwin  Respondek,

98

Es  besteht  natürlich  für  die  Käufer  kein  Zwang,  diesen  gestaffelten
Weg  zu  beschreiten,  sie  können  auch  sofort  in  voller  Höhe  leisten  und
Gegenleistung,  d.  h.  also  Lieferung  der  Effekten  fordern,  bzw.  im  Falle
der  Kompensation  gegeneinander  aufrechnen  und  die  Differenzen  begleichen. ­
  Wird  der  durch  das  Dekret  vorgezeichnete  Modus  gewählt,
so  sind  für  die  gestundeten  Reportgelder  Zinsen  zu  zahlen,  die  nach
dem  2.  Oktober  1915  eingetrieben  werden  können.  Mit  dieser  neuen
Regelung  der  Zahlungen  gestundeter  Reportgelder  fallen  die  Reportverpflichteten ­
  nunmehr  unter  das  allgemeine  Moratorium  und  können
hier  in  der  Eigenschaft  als  gewöhnliche  Schuldner  einen  Zahlungsaufschub ­
  für  ihre  Differenzen  vom  Richter  eingeräumt  erhalten.  Diese
ihnen  von  Ultimo  Oktober  1915  bis  Ultimo  Juni  1916  gestundeten  Summen
sind  aber  laut  dem  gleichen  Dekret  mit  6  %  zu  verzinsen.  Von  einer
Zahlungspflicht  gelten  diejenigen  Schuldner  als  befreit,  die  unter  den  Waffen
stehen  oder  ihren  Wohnsitz  in  dem  vom  Feinde  besetzten  Gebiete  haben.
Die  Verordnung  sieht  vor,  daß  die  Abwicklung  der  Ultimo-Engagements ­
  sowohl  am  offiziellen  als  auch  am  freien  Markte  erfolgt.  Zu  dieser
Bestimmung  war  man  eben  durch  die  dargelegten  wechselseitigen  Beziehungen ­
  beider  Märkte  genötigt,  da  es  nur  hierdurch  möglich  war,
alle  Schwierigkeiten,  die  sich  aus  der  Tatsache  ergeben,  daß  eine  Gruppe
bei  der  anderen  in  Debet,  die  andere  gleichzeitig  im  Kredit  ist,  aufzuheben. ­
  In  der  Form  und  Technik  der  Liquidation  trifft  das  Dekret
keine  Neuerungen.  Sie  erfolgt  demgemäß  nach  den  alten,  üblichen
Regeln,  wie  sie  die  Börse  bisher  beachtet  hat.  Dadurch,  daß  man  es  dem
Käufer  freigestellt  hat,  sofort  zu  zahlen  und  damit  die  Lieferung  zu  bewirken, ­
  oder  in  gestaffelter  Weise  das  gleiche  Ziel  zu  erlangen,  führte
man  eine  Scheidung  zwischen  kapitalkräftigen  und-schwachen  Käufern  ein.
Sie  ist  als  durchaus  vorteilhaft  anzusprechen.  Der  leistungsfähige  Käufer
kann  hierdurch  in  dem  Augenblick,  den  er  für  günstig  hält,  die  Wertpapiere ­
  abnehmen  und  so  das  Engagement  vielleicht  nicht  allzu  unvorteilhaft ­
  lösen.  Glaubt  er  sich  hierzu  aber  zu  schwach  oder  erscheint  ihm
die  augenblickliche  Lage  als  nicht  sehr  günstig,  dann  zahlt  er  seinen
Debetzins  und  die  monatliche  Quote.
Diese  in  Kürze  wiedergegebenen  Bestimmungen  sind  ganz  der  Lage
des  französischen  Kapitalmarktes  angepaßt.  Der  fühlbare  Mangel  an
flüssigen  Kapitalien  macht  es  einfach  unmöglich,  einen  anderen  Ausweg
zu  finden  und  eine  sofortige  und  vollständige  Rückzahlung  der  Reportgelder ­
  im  vollen  Umfange  zu  effektuieren.  Dagegen  ist  der  Mittelweg
einer  sukzessiven  Abschlagszahlung,  wie  ihn  die  Regierung  gewählt  hat,
—  unter  Ausschluß  der  vom  Kriege  direkt  Betroffenen  —  durchaus
angängig  und  wohl  auch  ohne  Schwierigkeiten  zurückzulegen,  zumal
die  Verpflichteten  unter  mildernden  und  rechtfertigenden  Umständen
einen  gerichtlichen  Zahlungsaufschub  für  die  jeweils  an  einem  Ultimo
fälligen  10  proz.  Raten  erwirken  können.  Ultimo  Juni  1916  dagegen
müssen  die  Engagements  unter  Einschluß  der  Debetzinsen  vollkommen
glatt  gestellt  sein.  Eine  Prolongation  ist  dann  ausgeschlossen.  Sonst
        <pb n="115" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finauzwirtschaft.

99

7*

wären  der  ganze  Aufbau  und  die  vielen  Anstrengungen  fruchtlos.  Für
die  Geldgeber,  Banken  und  Private  wird  diese  Maßnahme  nach  den  bisherigen ­
  Äußerungen  als  eine  bedeutsame  Erleichterung  empfunden,  und
die  Pariser  Börse  selbst  wird  nach  der  Abstreifung  dieser  hindernden
Fesseln  allmählich  ihre  normale  Tätigkeit  und  damit  ihre  bedeutende
Rolle  als  Zentralbörse  des  Landes  wirklich  wieder  aufnehmen  und
spielen  können.
Bis  zum  heutigen  Tage  sind  genaue  Angaben  über  die  tatsächlichen
Ergebnisse  dieser  Regelung  nicht  zu  ermitteln  gewesen.  Es  bleibt  daher
lediglich  abzuwarten,  ob  es  der  Regierung  gelungen  ist,  den  Abbau  der
Ultimo-Engagements  bis  zum  30.  Juni  1916  erwirkt  zu  haben,  oder  ob
aus  Gründen  der  schwachen  Kapitalskraft  einer  Reihe  Beteiligter  zu
einer  neuen,  versteckten  Prolongation  geschritten  werden  mußte.
Wie  in  den  ersten  Kriegsmonaten,  so  entwickelte  auch  in  den  weiteren ­
  Perioden  während  des  Krieges  die  Pariser  Börse  kein  sonderlich
bewegtes  Leben.  Sie  steht  unter  den  Zeichen  der  Unlust  und  Stagnation,
die  sich  fast  über  alle  Werte,  abgesehen  von  einigen  wenigen  inländischen
und  fremden  Spekulationswerten,  erstreckt  haben.  Nur  hin  und  wieder
wird  ein  militärisches  Ereignis  zum  kurzen  Aufflackern  der  Spekulation ­
  benutzt,  vermag  der  Ankauf  ausländischer  Effekten  (Amerikaner)
für  die  Valutaregulierung  eine  wirkliche  Notiz  zustande  zu  bringen.  Aber
im  wesentlichen  dürften  die  übermittelten  Kursnotierungen  oftmals
nur  rein  nomineller  Natur  sein.  In  der  großen  Linie  betrachtet,  kann  man
sagen,  daß  eine  unverkennbare  Tendenz  der  Senkung  des  Gesamtkursniveaus ­
  sowohl  auf  den  Anleihe-  als  auch  auf  den  Industrie-,  Bank-  und
anderen  Märkten  erfolgt.  Am  deutlichsten  geht  dies  bei  einer  Betrachtung
der  Kursbewegungen  französischer  Renten-Anleihen  hervor.  Die  3  %  ewige
Rente  sinkt  unaufhaltsam  und  die  3  %  wie  3%  %  amortisablen  Renten
folgen  ihr  nach.  So  kotierte  z.  B.  die  3  %  ewige  Rente

Am  31.  Dezember

1912  .  .

■  89.30

Kursverlust

3i-1913

  .  .

•  85,37

3.93

,,  31-1914

  .  .

.  72,10

13,27

31-1915

  .  .

•  63,75

8,35

„  31.  Januar

1916  .  .

.  61,00

2,75

Sie  schwankt  auch  weiterhin  gar  nicht  bedeutsam  und  hält  sich,
zwischen  61—62  %,  bei  einem  Kurse  bisweilen  wochenlang.  Auch  die
seit  Januar  1916  notierte  5  %  ewige  Rente  hat  ihren  Emissionskurs
schon  unterschritten.  Zum  Vergleich  sind  in  der  Kurstabelle  einige
Werte  nach  bestimmten  Gattungen  aufgeführt,  die  yielleicht  die  Gesamtstimmung ­
  und  Lage  der  Pariser  Börse  genügend  kennzeichnen  dürften
(s.  S.  100  u.  101).
Bald  nach  Ausbruch  des  Krieges  wurde  in  Frankreich  ein  systematischer ­
  Kampf  gegen  das  Deutschtum  entfesselt.  Er  umschloß  vor
allem  das  Gebiet  des  Handels.  Zahlreiche  Ligen  wurden  gebildet,  -—•
unter  ihnen  als  bedeutendste  die  „Ligue  antigermanique"  —  deren  Ziel
        <pb n="116" />
        100

Erwin  Respoudek,

1

Kursnotierung  der  französischen  Renten  an  der  PariserBörse,
Durchschnittskurse.

Tag  der
Notierung

Renten

3%  ewige

3%  amort.

3%%  amort.

5%  ewige

1914

Juli  io.

83,07

88,00

—

20.

8i,77

86,00

91,30

24.

80,55

83,50

88,95

28.

77,25

83.50

85,80

August  4.

74,50

84,00

83,00

5—3°-75,oo



80,00

82,50

Dezember  7*

72,50

74,50

86,50

8.—30.

70,50

77,05

86,50

1915

Januar  ....

73,5°

78,00

88,50

Februar  5.—11.

71,50

78,00

89,00

11.—18.

69,00

78,00

89,50

März

71,00

77,oo

9D25

April  ....

72,50

78,20

91.50

Mai

72,25

78,50

91,00

Juni

71,00

78,00

91,25

Juli

69,00

75,75

91,25

August  ....

68,50

75,oo

91,00

September  .  .

67,25

75,oo

91,25

Oktober  .  .  .

66,50

75,oo

9r,5°

November  .  .

65,00

75,oo

91,00

Dezember  .  .

64,50

72.50

90,85

1916

Januar  1.

63,75

72,40

90,25

88,10

15-63,00



—

90,00

88,35

Februar  i.

61,00

—

—

87,25

15.

61,00

—

90,00

88,25

März  1.

62,50

70,00

—

88,25

15-62,00



69,00

90,00

88,25

April  14.

63,00

69,00

91,25

88,00

Mai  1.

63,00

70,00

91,00

88,00

Juni  1.

62,75

—

90,50

88,20

Juli  1.

63,00

72,25

90,50

90,00

15-64,60



73,25

90,50

90,50

August  1.

64,00

73,50

89,90

89,75

15-63,70



73,6o

89,90

89,90

September  15.

62,60

74,00

90,25

90,00

28.

62,25

74,oo

90,75

90,00

Oktober  19.

61,60

—

—

90,00

in  der  Ausrottung  alles  dessen  was  deutsch  ist,  besteht.  Auch  die  Börse
schloß  sich  diesem  Kampfe  an.  Zum  Börsenhandel  wird  nach  einem
Beschluß  der  Syndikats-Kammer  der  Agents  de  change  kein  Deutscher,
Österreicher  oder  Ungar  mehr  zugelassen.  Alle  Chefs  und  Angestellten
müssen  Franzosen  sein.  Naturalisierte  Franzosen  haben  die  Verpflichtung, ­
  dem  Deutschtum  für  immer  zu  entsagen  und  dürfen  auch  keinerlei
        <pb n="117" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

101

Kurse  einiger  Hauptwerte  am  Jahresultimo  an  der  Pariser
Börse.

Tag  der  Notierung

Effekten-  Gattung

31.  Dezember
1913

31.  Dezember
1914

31.  Dezember
1915

Staatswerte:

3  %  ewige  Rente

85,37

72,10

63,75

3  %  amort.  Rente

89.50

78.50

7z,35

3  %  1891  Russen

75,9°

63,00

60,00

5  %  1906  Russen

103,10

93,15

86,00

4  %  unif.  Türken

85,80

62,25

60,00

Banken:

Banque  de  France

4655,oo

4625,00

4290,00

Banque  de  Paris

1660,00

1120,00

860,00

Credit  Lyonnais

1671,00

1175,00

938,00

Banque  de  1'Union  Parisienne  .  .  .

1015,00

658,00

565,00

Credit  mobilier  Franfais

623,00

400,00

335.00

Comptoir  National

1050,00

800,00

647,00

Societe  Generale

815,00

510,00

490,00

Banque  Ottomane

642,00

450,00

445,00

Banque  Union  Parisienne

1015,00

658,00

565,00

Bahn-Aktien:

Nord

1705,00

1400,00

1200,00

Lyon

1282,00

1130,00

995,00

Est

911,00

800,00

740,00

Midi

11X1,00

990,00

940,00

Ouest

893,00

755,00

694,00

Transport:

M6tropoIitain

591,00

438,00

400,00

Omnibus

600,00

400,00

415,00

Verschiedene  Aktien:

Rio  Tinto

1768,00

1477,00

1516,00

Sosnowice

1489,00

990,00

900,00

Naphte  russe

663,00

353,00

—

Creuzot-Schneider

2034,00

1900,00

1820,00

Distribution  d’Eleotricite

620,00

398,00

385,00

Suez

4955,0°

4200,00

4000,00

Beziehungen  zu  ihren  Angehörigen  in  Deutschland  bzw.  Österreich-Ungarn
  unterhalten!
Der  vollständige  Ausschluß  der  Deutschen  aus  dem  Pariser  Finanzmarkte ­
  wird  in  seinen  Wirkungen  sich  früher  oder  später  fühlbar  machen.
Es  ist  jedoch  zunächst  abzuwarten,  inwieweit  diese  Verfügung  aufrecht
erhalten  werden  wird,  ob  sie  im  Frieden  einige  Modifikationen  erfährt ­
  oder  wieder  vollkommen  abgeschafft  wird.
Eine  zweite  einschneidende  Maßnahme  wurde  im  Dezember  1914
durch  die  Syndikatskammer  der  vereinigten  Pariser  Wechselmakler
getroffen.  An  der  Börse  werden  Verkaufsanträge  nur  noch  für  Franzosen
ausgeführt,  die  ihren  Wohnsitz  in  Frankreich  haben  und  die  Herkunft
der  Stücke  nachweisen  können.  Dieses  Verbot  soll  den  Feind  treffen,
        <pb n="118" />
        102

Erwin  Respondek,

schädigt  aber  weit  mehr  das  verbündete  und  befreundete  Ausland,  als
Deutschland  oder  Österreich-Ungarn.  Das  Verbot  des  Verkaufs  von
Effekten  für  Rechnung  des  Auslandes  charakterisiert  am  besten  die
„Neue  Zürcher  Zeitung“,  wenn  sie  ausführt:
„Gerade  die  Schweiz  wird  hierdurch  empfindlich  geschädigt,  da
in  deren  großen  Bankinstituten  sich  wegen  der  Unsicherheit  in  Frankreich ­
  große  französische  Wertpapierdepots  angehäuft  haben.  Die  Vermittlungstätigkeit ­
  der  Banken  wird  mit  einem  Schlage  lahmgelegt“ 1 ).
IV.  Die  Kreditinstitute.
Im  französischen  Bankwesen  sind  5  Gruppen  scharf  zu  unterscheiden.
Nach  den  Grundzügen,  wie  sie  Kaufmann 2 )  entwickelt,  sind  dies:
1.  Die  Notenbank,
2.  Depositen-  und  Kreditbanken,
3.  die  Credit-Mobilier-Banken,
4.  der  Credit-Foncier  de  France,
5.  Privatbankiers,  Übersee-  und  Auslandsbanken.
(Diese  letzteren  werden  wegen  mangelnder  Unterlagen  im  Rahmen
dieser  Arbeit  nicht  betrachtet.)
Das  Notenbankwesen  Frankreichs  hat  seinen  typischen  Vertreter
in  der  Bank  von  Frankreich,  die  einer  eingehenden  Betrachtung  bereits ­
  unterzogen  wurde.
Der  französische  Immobiliarkredit  fand  im  Laufe  der  Jahrzehnte
und  erst  sehr  spät  eine  einheitliche  und  gut  organisierte  Zusammenfassung ­
  in  einem  großen  Zentralinstitut:  dem  Credit-Foncier
de  France.  Das  von  ihm  errungene  Monopol  konnte  der  Credit-Foncier
  entgegen  allen  Angriffen  der  anderen  Hypothekeninstitute
behaupten.  Seine  innere  Geschäfts-Organisation  ist  vortrefflich,  und  sein
halbamtlicher  Charakter  hat  ihm  nach  außen  hin  die  für  ein  Hypothekeninstitut ­
  notwendige  Festigkeit  verliehen  und  so  gelten  seine  Obligationen,
die  in  20  facher  Höhe  des  Aktien-Kapitals  ausgegeben  werden  dürfen,  in
den  Kreisen  der  Rentner  mit  als  eine  der  besten  Kapitalsanlagen.  Nach
seinen  eigenen  Statuten  darf  der  Credit-Foncier  Hypothekendarlehen
nur  gegen  erste  Hypotheken  gewähren.  Die  Geschäftspraxis  brachte
es  mit  sich,  daß  seine  Beleihungen  sich  vornehmlich  auf  städtische  Grundstücke ­
  erstrecken.  Daneben  befaßt  sich  die  Hypothekenbank  auch  mit
der  Emission  von  Anleihen,  Beleihung  und  Verwahrung  von  Wertpapieren,
Ausführung  von  Börsenaufträgen  und  der  Annahme  von  Depositen.
Der  Krieg  hat  auf  das  Hypothekar-Institut  bisher  einen  geringen
Einfluß  ausgeübt.  Es  war  ihm  nach  den  Angaben  in  seinen  Geschäftsberichten ­
  möglich,  seine  Zahlungsverpflichtungen  voll  aufrecht  zu
erhalten,  und  wie  die  Bank  in  ihrem  Geschäftsbericht  für  1914  ausführt,
stockten  die  Auszahlung  der  Depots,  der  Zinsen,  fälliger  Obligationen
1 )  Neue  Zürcher  Zeitung,  Januar  1915.
2 )  Dargestellt  nach  Kaufmann,  Dr.  E.,  Das  französische  Bankwesen.  Tübingen ­
  1911.
        <pb n="119" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

103

und  Pfandbriefobligationen  keinen  Augenblick.  Für  eine  derartige
konsequente  und  erfreuliche  Handlungsweise  dürften  die  Kunden  ihm
nur  Anerkennung  zollen  und  das  Verhalten  der  Bank  um  so  höher
veranschlagen,  als  die  Kreditinstitute,  wie  noch  auszuführen  sein  wird,
schon  vor  Ausbruch  des  Krieges  versagten.  Um  ihre  bankmäßige
Pflicht  auf  der  Passivseite  zu  erfüllen,  mußte  die  Hypothekenbank
die  aktiven  Geschäfte  erheblich  einschränken  und  zum  Teil  einstellen.
So  führte  der  Credit-Foncier  neue  Hypothekar-Beleihungsoperationen
nicht  mehr  durch  und  hielt  mit  den  Kreditgewährungen  anderer  Art
sehr  zurück.  Auch  in  der  Folgezeit  ruhten  die  geschäftlichen  Transaktionen ­
  fast  vollkommen  und  die  Leitung  des  Credit-Foncier  spricht
in  ihrem  Geschäftsbericht  für  das  Jahr  1915  offen  aus,  daß  die  Arbeit
im  Jahre  1914  noch  fast  normal,  im  verflossenen  Jahre  dagegen
annähernd  gelähmt  war.  Neue  Ausleihungen  wurden  gar  nicht  vorgenommen. ­
  Der  Crödit-Foncier  beschränkte  sich  vielmehr  darauf,  die
vor  Ausbruch  des  Krieges  in  Angriff  genommenen  Arbeiten  allmählich
zu  Ende  zu  führen.  Im  Jahre  1915  wurden  insgesamt  nur  22,6  Mill.  Frcs.
Hypothekar-Darlehen  gewährt,  während  sie  für  1914  noch  eine  Höhe
von  172  Mill.  Frcs.  erreichten;  die  Verringerung  beträgt  also  149,5  Mill.
Frcs.  Und  auch  diese  geringe  Summe,  die  im  Vergleich  zu  den  früheren
Jahren  verschwindet,  entspringt  nicht  etwa  wirklichen,  neuen  Hypotheken-Darlehen. ­
  Sie  stellt  die  Konsolidierung  von  Friedens-Krediteröffnungen ­
  dar,  nachdem  jetzt  die  Baulichkeiten  ihrer  Vollendung
zugeführt  wurden.  In  dieser  kleinen  Ziffer  kommt  die  geringe  Aktivität
des  ersten  französischen  Hypothekarinstituts  klar  zum  Ausdruck.
Dies  kann  im  Grunde  auch  wenig  überraschen.  Das  Bedürfnis  nach  neuen
Wohnungen,  größeren  Lagern  und  Läden  ist  höchst  bescheiden,  da  durch
die  Unsicherheit  der  Kriegsvorgänge,  die  teure  Lebenshaltung  und
Eingriffe  des  Krieges  in  das  Familienleben  alles  Streben  auf  Ersparnisse
gerichtet  ist.  Damit  fehlt  der  Bautätigkeit  jeglicher  Anreiz,  denn  der
Bauunternehmer  wird  schon  der  durch  die  Gesetzgebung  —  Miets-Moratorium
  —  geschaffenen  Lage  keinen  Reiz  abgewinnen  können.  So
muß  der  Realkredit  notwendig  in  den  Hintergrund  treten,  die  Bank
dadurch  zur  Passivität  gedrängt  werden.  Sie  sagt  es  selbst  recht  treffend;
„Für  den  Credit-Foncier,  dessen  Tätigkeit  durch  den  Krieg  nur  geschwächt
werden  konnte,  war  das  Jahr  1915  ein  Jahr  der  Erwartung“ 1 ).
Mit  der  Einschnürung  der  Darlehensgewährung  ist  auf  der  anderen
Seite  notwendig  der  Absatz  der  Hypothekenpfandbriefe  stark  beeinträchtigt. ­
  Die  umlaufenden  Obligationen  erreichten
am  31.  Dezember  1914  ....  4581,00  Mill.  Frcs.]
am  31.  Dezember  1915  ....  4649,00  „  „
d.  h.  eine  Zunahme  von  nur  68  Mill.  Frcs.  und  von  diesem  Zuwachs
entfallen  auf  Komraunalobligationen  39  Mill.  Frcs.  oder  57,3  %,  dagegen ­
  auf  Hypothekarobligationen  nur  29  Mill.  Fies,  oder  42,7  %.  Und

q  L’Economiste  Franpais,  22.  April  1916,  S.  571.
        <pb n="120" />
        104

Erwin  Respondek,

es  sei  nochmals  betont,  daß  diese  kleine  Lebhaftigkeit  durchgehends
nicht  neu  eingegangenen  Geschäften,  sondern  der  Abwicklung  alter
Engagements  entspringt.
Über  die  Lage  des  Immobiliarmarktes  vermögen  einige  Angaben
des  Credit-Foncier  über  die  jährlichen  Tilgungs-  und  Zinseingänge  bessere
Anhaltspunkte  zu  geben,  als  längere  rein  theoretisch  geführte  Überlegungen. ­
  Für  das  Jahr  1915  waren  insgesamt  150,6  Mill.  Frcs.  Amortisationen ­
  zu  erwarten.  Außerdem  stammt  aus  dem  vorangegangenen
Geschäftsjahre  ein  Rückstand  von  55,8  Mill.  Frcs.,  so  daß  also  206,4
Mill.  Frcs.  fällige  Verpflichtungen  der  Hypothekenschuldner  zur  Abdeckung ­
  fällig  waren.  Tatsächlich  aber  gingen  nur  88  Mill.  Frcs.  ein,  und
118,4  Mill.  Frcs.  mußten  in  das  neue  Jahr  hinübergenommen  werden.
Im  Laufe  des  Jahres  1916  wird  von  dieser  Summe  nach  Kräften  abgebaut, ­
  denn  schon  am  29.  Februar  standen  nur  noch  111,9  Mill.  Frcs.  aus.
Der  Tilgungsdienst  aus  den  Kommunaldarlehen  ging  verhältnismäßig ­
  glatt  vonstatten,  da  die  Departements,  Kommunen  und  anderen
öffentlichen  Körperschaften  aus  ihren  Einnahmen  die  erforderlichen
Summen  bereitstellen  können.  Hier  spielten  sich  die  in  Zahlen  ausgedrückte ­
  Verpflichtung  und  Leistung  wie  folgt  ab:

Restzahlung  vom  31.  Dezember  1914  ....  8,4  Mill.  Frcs.
Neuzahlung  im  Jahre  1915  r5o.3  „  „
Gesamtsumme  158,7  „  „
Leistung  ■  139,7  „  „
Restzahlung  am  31.  Dezember  19x5  19,0  „  „
„  „  29.  Februar  1916  16,9  „  „

Zieht  man  die  hier  weit  wichtigeren  Ziffern  aus  dem  Hypothekardarlehen ­
  schärfer  in  Betracht,  so  zeigen  sie  als  Resultat  das  Bild,  daß
von  2857  Mill.  Frcs.  ausgeliehenen  Hypotheken-Darlehen  während  einer
jährigen  Dauer  des  Krieges  allein  gegen  118  Mill.  Frcs.  Amortisationsrückstände ­
  zu  verbuchen  waren,  während  das  Soll  206  Mill.  Frcs.  betrug,
also  nur  88  Mill.  Frcs.  geleistet  wurden,  d.  h.  42,7  %  der  Gesamtsumme. ­
  Dieser  Ausfall  ist  keineswegs  beängstigend  hoch,  er  könnte  vielleicht ­
  als  durchaus  günstig  bezeichnet  werden,  sobald  die  Wirkungen
des  Moratoriums  in  die  Rechnung  hineinbezogen  werden.  Es  darf
bei  der  Kritik  dieser  Zahlen  auch  nicht  außer  acht  gelassen  werden,
daß  viele  ungünstige  Faktoren  noch  neben  jenem  drückendsten  aller  Übel
auf  die  Eingänge  der  Zahlungen  verzögernd  einwirken.  Ein  Teil  der
Schuldner  steht  unter  den  Waffen,  kann  durch  Verraögensverluste  anderer
Art  geschwächt  sein,  ein  Teil  hat  Haus  und  Hof  im  okkupierten  Gebiete,
in  Händen  des  Feindes,  und  wieder  ein  anderer  verbirgt  sich  zu  Unrecht,
aber  gesetzlich  unfaßbar,  hinter  den  schützenden  Bestimmungen  des
Moratoriums.  In  Deutschland  haben  die  Darlehensnehmer  der  Hypotheken-Aktienbanken
  nicht  im  entferntesten  mit  ähnlich  großen  Beschränkungen ­
  oder  direkten  kriegerischen  Einwirkungen  zu  kämpfen,  und
trotzdem  betrugen  die  Zinsrückstände  bei  den  führenden  35  Banken
        <pb n="121" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

105

b  Siehe  Die  Bank,  Mai  1916,  S.  392.

für  das  Jahr  1915  nicht  weniger  als  4,04  %  des  Zinssolls,  —  gegen  2,47  %
im  Jahre  1914 1 ).
Aus  den  Zinsgewinnquellen  ist  hervorzuheben,  daß  ihre  Ergiebigkeit
durch  die  geschilderten  Zustände  ungünstig  beeinflußt  werden  mußte.
Für  die  Hypothekendarlehen  empfing  das  Institut  1915;  116,6  Mül.
Frcs.,  zahlte  andererseits  für  seine  emittierten  Pfandbriefe  99,5  Milk
Frcs.,  so  daß  eine  Zinsdifferenz  von  17,1  Milk  Frcs.  zu  seinen  Gunsten
folgt.  Die  Erträgnisse  auf  Kommunaldarlehen  beliefen  sich  im  gleichen
Jahr  auf  77,4  Milk  Frcs.,  die  Gegenseite,  die  Kommunalobligationen
erforderten  70,5  Milk  Frcs.  Der  Zinssaldo  ist  also  6,9  Milk  Frcs.  Die
Lage  des  Hypothekar-Marktes,  die  hohen  Lasten,  die  auf  ihm  durch
die  Stundung  aller  Zahlungsverpflichtungen  ruhen  und  sich  weiter
anhäufen,  sowie  die  ungewissen  Zukunftsmöglichkeiten  lassen  es  angebracht ­
  sein,  die  geringen  Gewinne,  die  dem  Credit-Foncier  noch  zufließen,
für  die  Konsolidierung  schwacher  Posten  und  zur  Reserveaufspeicherung
zu  verwenden.  Der  Credit-Foncier  hat  daher  gewaltige  Summen  zur
Abschreibung  aufgewandt  und  seine  offenen  und  stillen  Reserven  weiter
ausgebaut.  Durch  diese  Befestigungen  war  er  zwar  gezwungen,  seine
Dividende  für  das  Jahr  1915  auf  25  Frcs.  für  eine  Aktie  setzen  zu  müssen:
„ein  Jahr  der  Erwartung  muß  einer  Dividende  der  Erwartung  entsprechen“, ­
  wie  er  es  selbst  entschuldigte,  verstärkte  dafür  aber  die  Solidität ­
  des  Instituts  in  hohem  Grade.
Über  die  Veränderung  einiger  wichtiger  Bilanzposten  während  der
Kriegszeit  unterrichtet  die  nachstehende  Zusammenstellung:

j!  C  r  6  d  i  t  -  F  0  n  c  i  e  r  de  France.
Aktien-Kapital  .  .  250  Mill.  Frcs.  Reserven  2r  Mill.  Frcs.

Bilanzdaten

Activa

Passiva

Bar-  und
Bank-Guthaben


Effekten
u.  andere
Werte

Hypotheken
Ausl.

Kommunal-Ausl. ­


Hypothekenobligationen ­

Pfandbriefe

Kommunale ­
  Obligationen ­


1913

Dezember

31-6,00



324,00

2788,00

2363,00

2555,00

1913,00

1914

Juni

3°-4,50



309,00

2883,00

2383,00

2617,00

1989,00

Dezember

3 1 -

28,00

181,00

2886,00

2368,00

2588,00

1993,00

1915

März

3 1 '

10,00

205,00

2884,00

2342,00

2605,00

2013,00

Oktober

3*-6,00



212,00

2858,00

2311,00

2613,00

2030,00

November

30-5,oo



220,00

2857,00

2311,00

2612,00

2031,00

Dezember

3 1 '

6,00

199,00

2857,00

2303,00

2617,00

2032,00

1916

Januar

3i-8,00



222,00

2845,00

2284,00

2617,00

2030,00

März

3 1 -

4,00

226,00

2844,00

2283,00

2636,00

2027,00

April

30.

5,oo

218,00

2837,00

2283,00

2637,00

2025,00

Mai

3 r -

5,oo

224,00

2838,00

2282,00

2634,00

2025,00

Juni

3°-5,00



241,00

2842,00

2274,00

2650.00

2024,00

Juli

3 1 -

7,00

260,00

2834,00

2255,00

2653,00

2025,00

August

3 1 -

4,00

264,00

2835,00

2255,00

2653,00

2025,00
        <pb n="122" />
        io6

Erwin  Respondek,

Inwieweit  der  Krieg  und  insbesondere  das  Miets-Moratorium  in
Zukunft  schädigend  auf  die  Güte  der  Pfandbriefe  und  Solidität  des  Unternehmens ­
  wirken  werden,  ist  heute  noch  nicht  festzustellen,  denn  alle
Reserven  können  vor  Erschütterungen  nicht  schützen,  sie  nur  mildern.
Zweifellos  dürfte  feststehen,  daß  der  Haus-  und  Grundbesitz  durch
den  langen  Krieg  tiefe  Wunden  erfahren  hat,  die  durch  die  gesetzliche
Prolongation  aller  Verpflichtungen  nur  eine  vorübergehende  und  scheinbare ­
  Heilung  gefunden  haben.  Ein  hoher  Ausfall  an  Mieten,  die
stete,  langfristige  Stundung  von  fälligen  Mietszahlungen,  die  seit  Kriegsbeginn ­
  ununterbrochen  durch  gesetzliche  Verfügungen  aufrecht  erhalten
wird,  vermindern  die  Einnahmen  der  Hausbesitzer  um  gewaltige  Summen.
Auf  der  Gegenseite  haben  sie  aber  unvermindert  große  Ausgaben  für
Reparaturen,  Instandhaltung  des  Hauses,  sowie  die  Entrichtung  von
Steuern  an  den  Staat  und  die  Kommune  zu  leisten.  Wenn  ihnen
auch  eine  bedeutsame  Erleichterung  zuteil  wurde,  nämlich  die  Bewilligung, ­
  ihre  Hypothekenzinsen  und  Hypothekenkapitalien,  soweit
ihr  Rückzahlungstermin  fällig  ist,  an  einem  späteren,  vom  Moratorium
vorgeschriebenen  Zeitpunkt  zu  bezahlen,  so  bleibt  im  Grunde  doch
diese  Vergünstigung  eine,  wenn  auch  versteckte,  so  doch  schwere  Belastung ­
  und  muß  einmal  offen  zutage  treten.  Hier  kann  nun  nicht
mehr  die  weitere  Entwicklung  vorweg  gegriffen,  am  allerwenigsten
die  zukünftige  Einwirkung  auf  den  Hypotheken-  und  Grundstücksverkehr
diskontiert  werden,  sondern  die  neue  Gestaltung  dieses  wichtigen  wirtschaftlichen ­
  Gliedes  muß  abgewartet  werden.  Dann  auch  erst  wird
die  innere  Kraft  des  Credit-Foncier  ihre  Probe  zu  bestehen  haben.  Faßt
das  erste  und  führende  französische  Hypothekeninstitut  allein  diese
wenigen,  hier  angedeuteten  Momente  in  den  Kreis  seiner  Betrachtungen,
blickt  es  auf  die  nach  Milliarden  zählenden  Verluste,  die  in  der  Kriegszone
eingetreten  sind,  so  wird  es  wohl  mitten  im  Kriege  und  auch  in  voller
Unkenntnis  über  seinen  endgültigen  Ausgang  keine  anderen  Sicherungen
und  Vorarbeiten  zur  Genesung  von  allen  Schäden  vornehmen  können,
als  die  gezeichnete  Konsolidierung  des  eigenen  Status.  Steht  die  Hypothekenbank ­
  auf  festem  Boden,  dann  werden  die  Schwachen  auf  sie  mit
Vertrauen  blicken  und  an  ihr  in  Zeiten  der  wirklichen  Bedrängnis  einen
sicheren  Rückhalt  finden.
Die  Credit-Mobilierbanken,  auch  Banques  d  ’  affaires ­
  genannt,  arbeiten  mit  ihren  eigenen  Kapitalien  und  nur
zuweilen  mit  Mitteln,  die  ihnen  von  Kapitalisten-Verbänden  zur  Verfügung ­
  gestellt  werden.  Ihre  Haupttätigkeit  und  vornehmliche  Arbeitsrichtung ­
  besteht  in  reinen  Finanzgeschäften.  Sie  führen  ebenso  gern  und
leicht  Neuemissionen  an  der  Pariser  Börse  durch,  wie  sie  sich  bei  großstiligen
  Emissionen  und  Finanztransaktionen  an  allen  europäischen
Börsen  aktiv  beteiligen.  So  nehmen  sie  seit  langem  den  regsten  Anteil
an  den  Emissionen  des  französischen  Staates,  sind  Emittenten  der
Anleihen  Argentiniens,  Ägyptens,  Belgiens,  Bulgariens,  Kanadas,  Chiles,
Chinas,  Griechenlands,  Hollands,  Mexikos,  Skandinaviens,  Österreichs,
        <pb n="123" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

107

Rumäniens,  Rußlands,  Schwedens,  der  Schweiz,  Spaniens,  der  Türkei
und  vieler  anderer  Staaten.  Nicht  allein  Emissionen  fallen  in  ihren
Geschäftskreis.  Sie  entwickeln  eine  ebenso  rege  Gründertätigkeit.  Sie
gründen  im  Inlande  und  Auslande  industrielle  Unternehmen  jeder  Art,
Eisen,  Kohle,  Petroleum,  Banken,  Handelshäuser  usf.  Mit  den  großen
und  kleinen  Sparern,  den  endgültigen  Abnehmern  ihrer  Aktienpapiere,
stehen  sie  in  keiner  direkten  Verbindung.  Die  Aufgabe  der  Placierung
ihrer  großzügigen  Emissionen  haben  die  Depositenbanken  zugewiesen
erhalten.  Beide  Bankgruppen  arbeiten  sich  eifrig  in  die  Hand  und
ihre  Verbindung  in  Ziel  und  Methode  war  es  vornehmlich,  die  Frankreich ­
  eine  Flut  von  ausländischen,  in  erster  Linie  russischen  und  dann
eine  Reihe  von  exotischen  Papieren  zuführte.  Arbeitsmethoden  und
finanzielle  Politik,  sowie  ihre  Erfolge  und  zukünftige  Richtung  werden
im  Zusammenhang  mit  den  Depositenbanken  weiter  unten  behandelt.
Die  Banques  d’affaires  hatten  unter  der  steten  drohenden  europäischen ­
  Kriegsgefahr  in  den  letzten  Jahren  stark  zu  leiden.  Sie  besitzen
durch  den  internationalen  Charakter  ihrer  Geschäftsrichtung  ein  besonders ­
  feines  und  empfindsames  Gefühl  für  politische  und  wirtschaftliche ­
  Komplikationen,  die  sich  erfahrungsgemäß  leicht  zu  Kriegen  entwickeln ­
  können.  Mit  kriegerischen  Verwicklungen  aber,  die  wieder  zu
überraschenden  Konstellationen,  zu  Siegen  und  Niederlagen,  Gewinnen
oder  Verlusten  führen,  stimmen  ihre  Berechnungen  eigentlich  wenig
überein.  Jedenfalls  ziehen  sie  in  ihre  Finanztransaktionen  den  Krieg
nicht  als  einen  sicheren  Faktor  in  die  Rechnung  hinein,  und  wenn  es
bei  Betrachtung  ihrer  Arbeit  den  Anschein  erweckt,  als  ob  ein  Zweig  ihrer
Anleiheemissions-Politik  in  einer  überraschenden  Harmonie  mit  der
Kriegs-Politik  der  Republik  bzw.  der  leitenden  Staatsmänner  lief,  so
kann  hieraus  noch  nicht  der  ganze  Stamm  als  kriegslüstern  bezeichnet
werden.  Immer,  sobald  die  Möglichkeiten  eines  Krieges  näher  rückten,
litten  die  Banques  d’affaires  am  schwersten  und  sie  waren  es,  die  sich
gegen  einen  solchen  aussprachen.  So  war  auch  schon  viele  Monate  vor
Kriegsbeginn,  bereits  seit  1913,  die  allgemeine  Stimmung  und  Lage  in
den  finanziellen  Kreisen  in  Paris  und  an  allen  Plätzen,  die  von  Paris  abhängen,
  wenig  befriedigend,  da  die  Credit-Mobilierbanken  an  kriegerische
Ereignisse  bestimmter  glaubten.  Bereits  in  den  ersten  Monaten  des  Jahres
1914  erschien  ihnen  die  Situation  sehr  bedenklich,  weil  mit  der  Zuspitzung ­
  der  politischen  Spannung  die  Gläubiger  unruhig  wurden  und
zur  Rückforderung  ihrer  Einlagen  in  beträchtlichem  Umfange  schritten.
Jene  etwas  heftigen  Auszahlungswünsche  der  Depositengläubiger  an  den
Schaltern  der  Banken  wurden  dazu  noch  von  einem  empfindlichen  Sinken
der  Kurse  jener  vielen  Werte,  an  denen  sie  als  Emissionshäuser  ureigenstes
Interesse  besitzen,  begleitet.  Durch  rasches  Realisieren  der  wertvollsten
Aktiven  und  energische  Versuche,  das  wankende  Kursgebäude  zu  stützen,
konnten  die  in  Fluß  gekommenen  Ereignisse  dennoch  nicht  mehr  aufgehalten ­
  werden.  Sie  entwickelten  sich  allmählich  immer  stärker.
Eine  derartige  Entwicklung  der  Dinge,  wie  sie  am  Vorabend  eines  Krieges
        <pb n="124" />
        io8

Erwin  Respondek,

vorauszusehen  sind,  konnte  nicht  im  Interesse  der  Banques  d’affaires
liegen.  Sie  würden  durch  eine  freiwillige,  bewußte  Begünstigung  des
Kriegskurses  in  weit  höherem  Maße  nur  ihre  eigene  Kraft  erheblich
schwächen  und  die  aus  einem  großen  Kriege  resultierenden  Schäden
selbst  in  einem  recht  reichlichen  Umfange  auf  sich  nehmen  müssen.
Daher  suchten  sie  auch  die  ersten  Sturmzeichen  frühzeitig  zu  bannen,
ihnen  ihren  verderblichen  Inhalt  durch  tatkräftiges  Zufassen  zu  nehmen. ­
  Ihre  Kunst  und  Macht  erwies  sich  jetzt  aber  entgegen  der  gewaltig ­
  angeschwollenen  kriegerischen  Strömung  als  ohnmächtig.  Sic
konnten  weder  den  Krieg  verhindern  noch  seine  Vorboten,  die  sich  in
einem  krisenhaften  Verhalten  von  Börse  und  Kunden  äußerten,  genügend ­
  meistern.  An  den  letzten  Tagen  vor  Kriegsausbruch  wuchsen
die  Ereignisse  vollends  zur  Panik  aus.  Schnell  griff  die  allgemeine
Krisis  um  sich,  und  alles  suchte  in  kopfloser  Bestürzung  seine  Einlagen
zum  Teil  gewaltsam  aus  den  Depots  zu  ziehen  und  seinen  Effektenbesitz
an  der  Börse  zu  verkaufen,  bis  Moratorium  und  Börsenschluß  ein  kategorisches ­
  Halt  geboten.
Der  Krieg  stellte  die  Banques  d’affaires  in  einen  neuen  Aufgabenkreis 1 ),
deren  Ziele  und  Lösung  vollends  nicht  klargelegt  werden  können,  da  der
endgültige  Ausgang  und  fühlbare  Einfluß  des  noch  währenden  Kampfes
auf  ihre  Lage  abzuwarten  ist.  Nach  zwei  Richtungen  vornehmlich  sind
die  Credit-Mobilierbanken  bemüht,  ihre  Politik  nach  den  gegebenen  Zuständen ­
  einzuschlagen  und  einzuhalten.  Es  ist  zu  scheiden,  einmal  eine
Geschäftspolitik  gegenüber  den  Kunden  und  dann  die  Verfolgung  eigener
Interessen,  die  in  erster  Reihe  auf  die  Festigung  ihrer  Lage  zielen.  Die
Hauptaufgabe  erblickten  die  Banken  daher  zunächst  darin,  die  einschneidenden ­
  Bestimmungen  des  Bankmoratoriums  abzuschwächen,
um  den  Kunden  ihre  schwierige  Lage  nicht  noch  zu  verschlimmern.
Sie  ließen  im  Einvernehmen  mit  den  Depositenbanken  durch  die  Gesetzgebung ­
  die  Auszahlungsquoten  von  5  auf  20,  25,  40,  50  %  staffeln
und  bereits  Ende  Dezember  1914  wurde  von  ihnen  der  uneingeschränkte
Zahlungsdienst  wieder  aufgenommen 2 ).  Gleichzeitig  führten  sie  allmählich
eine  Liquidation  —  freilich  nur  in  sehr  geringem  Umfange  —  der  durch
Börsenschluß  bewirkten  Ultimoprolongationsgeschäfte  durch  und  entlasteten ­
  dadurch  die  Debitoren.  Durch  diese  beiden  Hilfsmaßnahmen
ermöglichten  die  Banques  d’affaires  ihren  Kunden  die  Befriedigung  ihrer
Bedürfnisse  für  neue  Geschäfte,  kräftigten  damit  zugleich,  wenn  auch  in
bescheidenen  Grenzen,  das  allgemeine  wirtschaftliche  Leben,  oder  stellten
die  freien  Gelder  in  den  Dienst  der  nationalen  Anleihen.  Freilich  konnte
diese  Hilfe  den  Kunden  nur  in  eng  gezogenen  Grenzen  zuteil  werden,
da  die  Banken  auch  für  die  Aufrechterhaltung,  Förderung  und  Festigung
ihres  eigenen  Betriebes  ernste  Sorge  zu  tragen  haben.  In  der  eigenen
b  Vgl.  Geschäftsbericht  der  Banque  Framjaise  pour  le  Com.  et  l’Ind.  (L’Economiste
Frangais)  1916,  No.  3,  25.  Januar  1916,  S.  158.
)  Das  Bankmoratorium  wird  ausführlicher  unter  dem  Absatz  „Depositenbanken“
zusammenhängend  behandelt.
        <pb n="125" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

IO9

Geschäftspolitik  ging  das  Streben  dahin,  den  größten  Teil  der  Aktiven
zu  realisieren,  keinerlei  neue  Finanztransaktionen  vorzunehmen,  die  flüssige ­
  Mittel  binden  u.  a.  m.  Diese  neue  Richtung  in  der  Geschäftsgebahrung
  spiegelt  sich  auch  in  den  Bilanzen  wieder.  So  weist  z.  B.  die
„Banque  Franfaise  pour  le  Commerce  et  ^Industrie“  einige  interessante
Daten  auf.  Diese  Bank  hat  ihren  Effektenbestand  und  die  Reportengagements ­
  innerhalb  des  ersten  Kriegs]  ahres  um  fast  die  Hälfte  verkleinert. ­
  Im  einzelnen  waren  die  Posten  in  Mül.  Frcs.:
31.  Juli  1914  31.  Juli  1915
Effektenportefeuille  +5,00  26,00
Reports  54,00  25,00
Andererseits  ist  ein  Stillstand  oder  ein  größeres  Anwachsen  der  sofort
realisierbaren  Werte  zu  verzeichnen:
31.  Juli  1914  31.  Juli  1915
Barbestand  und  Bankguthaben  ....  35.00  33,00
Wechsel  45,00  78,00
Eine  ähnliche  Bewegung  dieser  Posten  zeigen  auch  die  anderen
Banken.  Der  Wechselbestand  weist  ein  Ansteigen  auf.  Diese  Zunahme ­
  ist  auf  den  Ankauf  der  N.  V.  Wechsel  zurückzuführen,  die  durch
ihre  Ausstattung  als  liquide  Anlage  wohl  geeignet  sind.  Zur  Frage  der
Rentabilität  ist  zu  bemerken,  daß  die  ausgewiesenen  geringen  Gewinne
der  Gcsamtlage  aller  Banques  d’affaires  entsprechen.
Eine  der  ergiebigsten  aller  ihrer  Gewinnquellen,  die  Gewinne  aus
den  Auslands-Anleiheemissionen,  ist  durch  den  Krieg  zum  Versiegen
gebracht.  Auch  die  zahlreichen,  im  Auslande  arbeitenden  Tochter-Unternehm'-n,
  Beteiligungen  an  den  verschiedensten  europäischen  und  exotischen ­
  Industriegesellschaften,  Bankanstalten  vermögen  nicht  mehr  die
früheren  Gewinne  zu  liefern  und  die  alten  Bewertungen  zu  rechtfertigen.
Denn  auch  sie  sind,  obwohl  vielleicht  weit  entfernt  vom  Kriegsschauplätze, ­
  dennoch  durch  die  Kriegsvorgängc  mehr  oder  weniger  stark  in
Mitleidenschaft  gezogen.  Sie  können  daher  eine  großzügige  Dividendenpolitik ­
  nicht  betreiben.  Börsenschluß  und  erschwerter  Effektenhandel
nach  der  Wiedereröffnung,  gestörte  Beziehungen  zu  der  Kundschaft  und
geringe  wirtschaftliche  Tätigkeit  lassen  die  Erträgnisse  aus  dem  regulären
Bankgeschäft,  soweit  sie  aus  dem  Charakter  ihrer  Banktätigkeit  überhaupt ­
  auch  früher  herauszuziehen  waren,  auf  ein  verschwindendes  Maß
zurückgehen.  Andererseits  erfordern  die  ungewisse  und  gefährdete  Lage
der  Tochter-Unternehmen  im  Auslande,  die  sehr  empfindliche  Senkung
des  Kursniveaus  fast  aller  kotierten  Werte,  die  im  schärfsten  Maße  die
fremden  Wertpapiere,  von  denen  die  Banques  d’affaires  hohe  Bestände
aufzuweisen  haben,  große  Abschreibungen  und  Reservedotierungen.
Durch  sorgfältige  Abschreibungen  und  besondere  Reservestellungen
suchen  daher  die  Banques  d’affaires  eine  Reihe  von  jenen  zweifelhaften
Posten  auf  eine  gesündere  Grundlage  zu  stellen,  um  vor  Überraschungen
geschützt  zu  sein,  und  um  bei  etwa  neueintretenden  Krisen  größere
Verluste  durch  erzwungene  Realisationen  zu  vermeiden.  Dies  alles  be-
        <pb n="126" />
        HO

Erwin  Respondek,

einflußt  die  Gewinn-  und  Verlust-Bilanz  ganz  erheblich  und  zeitigt  nur
kleine  Dividenden.
In  der  durch  die  gewaltige  Ausdehnung  des  Krieges  neu  geschaffenen
Lage  haben  die  Credit-Mobilier-Banken  ihr  natürliches  Arbeitsgebiet
verloren.  Rußland  und  sein  asiatisches  Hinterland  bieten  keinen  Tummelplatz ­
  mehr  für  breit  angelegte  Finanzierungen  von  Eisenbahnen,  Wasserwerken, ­
  Baku  und  seine  Petroleumquellen  können  nicht  mehr  vom
französischen  Kapital  ausgebaut  und  ausgebeutet  werden,  die  industriellen
Anlagen  aller  Art  in  den  exotischen  Ländern  sind  nicht  mehr  durchzuführen. ­
  Neugründungen  von  Banken,  Schiffahrts-Gesellschaften,
Handelshäusern  ruhen.  Überall  ein  Bild  des  Stillstandes  und  Abwartens,
da  alle  Arbeiten  durch  militärische  und  wirtschaftliche  Notwendigkeiten
des  eigenen  Landes  bestimmt  werden.  Aber  der  Ausfall  an  Betätigungsmöglichkeiten ­
  in  fernen  Gebieten  kann  den  Credit-Mobilier-Banken
keine  allzu  große  Verlegenheit  für  etwa  vorhandenen  Arbeitsdrang  bringen.
Sie  sind  nicht  zum  Stillstand  verurteilt,  da  an  Stelle  der  Fremdstaaten
nunmehr  das  eigene  Land  getreten  ist.  Und  das  eigene  Land  ist  wohl  in  ’
der  Lage,  jene  hohen  Kapitalwünsche  ausländischer  Staaten  allein
abzulösen  und  den  Finanziers  hinreichende  Arbeitsgelegenheiten  für
lange  Zeit  zu  geben.  Es  verweist  die  Banken  auf  den  nationalen  Krieg
und  seine  Finanzierung.  Es  gilt  Milliarden  zu  beschaffen.  Die
Credit-Mobilier-Banken  haben  zunächst  nur  zögernd,  dann  aber  überaus
intensiv  nach  dieser  Richtung  hin  gewirkt.  Sie  stellen  jetzt  ihre  vollen
Kräfte  in  den  Dienst  der  Unterbringung  von  Werttiteln  des  französischen ­
  Staates,  der  National-Verteidigungswechsel  und  -Obligationen
und  später  der  ersten  großen  Kriegs-Anleihe.  In  der  Finanzierung  der
Auslands-Bezüge  suchen  sie  die  Schwierigkeiten  der  Valuta-Beschaffung
dadurch  abzuschwächen,  daß  sie  neben  der  Abstoßung  fremder,  börsengängiger ­
  Papiere  bei  ihren  Geschäftsfreunden  Krediteröffnungen  erwirken. ­
  Ihre  alten  und  guten  Beziehungen  zu  vielen  englischen  und  amerikanischen ­
  Geschäftshäusern,  Banken,  Industriellen  nutzen  sie  jetzt  zum
großen  Vorteil  der  französischen  Regierung  für  die  Kriegslieferungen  aus.
So  schreibt  u.  a.  die  „Banque  de  l’Union  Parisienne“  in  ihrem  Geschäftsbericht ­
  für  das  Jahr  1915  über  diesen  Dienst  das  folgende:  „Andererseits ­
  haben  wir  mit  Hilfe  der  ersten  Banken  und  Kreditgesellschaften
unseres  Platzes  in  der  Frage  der  Verbesserung  unserer  Wechselkurse
durch  die  Initiative  der  Herren  Schneider  &amp;amp;  Cie  und  unter  ihrer
Bürgschaft  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  eine  langfristige
Kredit-Eröffnung  erlangt  in  Höhe  von  30  Mill.  Dollars  bei  einer  Gruppe,
die  sich  aus  den  ersten  amerikanischen  Banken  zusammensetzt“ 1 ).
Uber  die  Einwirkungen  des  Krieges  auf  die  Banques  d’affaires  geben
äußerlich  auch  noch  einige  Bilanzdaten  (S.  m)  einen  relativen  Aufschluß.
Aus  diesen  kurzen  Darlegungen  ist  wohl  ersichtlich,  daß  die  Banques
d’affaires,  eingeengt  in  ihrer  eigentlichen  Arbeit,  dennoch  nicht  zur  Passivität
  verurteilt  sind,  vielmehr  gerade  durch  ihren  internationalen  Cha-Siehe
  L'Ecoaomiste  Franpais,  15.  April  1916,  S.  534.
        <pb n="127" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

III

Banque  de  Paris  et  des  Pays-Bas.
Aktien-Kapital  .  .  .  100  Mill.  Frcs.
Reserven  104  Mül.  Frcs.

Activa

Passiva

Bilanzdaten

Bar-  und
Bank-Guthaben


Auslands-Guthaben


Wechsel

Debitoren

Effekten

Beteiligungen ­


Fremde
Gelder

1914
Dezember  31.

28,00

34,00

32,00

165,00

109,00

50,00

270,00

1915
Dezember  31.

32,00

21,00

30,00

107,00

99,00

29,00

146,00

Banque  Franqaise  pour  le  Commerce  et  ['Industrie.
Aktien-Kapital  ...  60  Mill.  Frcs.
Reserven  4  Mill.  Frcs.

Activa

Passiva

Bilanzdaten

Bar-  und
Bank-Guthaben


Auslands-Guthaben


Wechsel

Debitoren

Effekten

Beteiligungen ­


Fremde
Gelder

1914
Dezember  31.

34,00

44,00

48,00

25,00

13,00

149,00

1915
Juli  3 1 *

33,oo

—

26,00
Ribotins
78,00

20,00

27,00

5,0°

172,00

rakter  der  nationalen  Kriegs-  und  Wirtschaftsführung  hilfreich  zur
Seite  gehen  können.  Es  läßt  sich  naturgemäß  heute  noch  nicht  mit
absoluter  Sicherheit  feststellen,  wie  der  Krieg  tatsächlich  auf  ihre  Lage
eingewirkt  hat,  welches  später  die  Folgen  ihrer  früheren  Finanzpolitik
sein  werden,  und  auf  welcher  Grundlage  sie  sich  weiterentwickeln  dürften.
Daß  sie  nicht  in  den  alten  Bahnen  werden  weiterhin  wandeln  können,
soll  am  Schluß  des  nachfolgenden  Teiles  behandelt  werden,  daß  sie
andererseits  mit  Friedensschluß  diese  Bahn  nicht  sofort  werden  verlassen
können,  ist  klar,  da  eine  so  enge  Verknüpfung  und  eine  so  große  Interessengemeinschaft ­
  mit  den  vielen  Ländern  und  Unternehmen  einfach
nicht  plötzlich  und  gewaltsam  gelöst  werden  darf.
Sahen  die  Banques  d’affaires  ihr  Arbeitsfeld  im  Auslande,  so  sind
die  französischen  Depositen  -  und  Kredit-Banken  die  eigentlichen ­
  Förderer  der  heimischen  Wirtschaft,  die  ihre  Aufgabe  darin  finden,
einerseits  Kreditnehmer  als  Depositenbank  und  auf  der  anderen  Seite
Kreditgeber  durch  die  bekannten  bankmäßigen  Mittel  zu  sein.  Als  zweiter
Hauptzweig  ist  das  reine  Kommissionsgeschäft  zu  nennen.  Neben  diesen
regulären  Bankgeschäften  suchen  die  Depositenbanken  die  ihnen  durch
ihr  gewaltig  ausgedehntes  Filialnetz  zufließenden  Gelder  durch  eigene
Emissionstätigkeit  zinstragend  unterzubringen  und  in  Verbindung
mit  den  Banques  d’affaires  Anleihen  zu  placieren.  Ihre  außerordentlich
        <pb n="128" />
        1X2

Erwin  Respondek,

hohe  Bedeutung  für  die  gesamte  nationale  Wirtschaft  braucht  hier
nicht  ausführlich  gezeichnet  zu  werden,  da  sie  bekannt  ist 1 ).  Nur  einige
wenige  Zahlen  mögen  die  Entwicklung  von  den  ersten  Anfängen  bis  kurz
zum  Kriege  deutlich  veranschaulichen.  So  betrug  z.  B.  das  Wechselportefeuille ­
  der  drei  führenden  Banken 2 );

1880  30.  Mai  1914
Crüdit  Lyonnais  137,00  1700,00  Mill.  Frcs.
Societe  Generale  108,00  989,00  ,,  ,,

Comptoir  National  d'Escompte  136,00!  1237,00  „  „
Andererseits  stiegen  auch  die  Depositeneinlagen  und  Kreditore*
beträchtlich  an.  Im  einzelnen:

1880  30.  Mai  1914
Depositen-Einlagen:
Credit  Lyonnais  244,00  1015,00  Mill.  Frcs.
Societe  Generale  253,00  681,00  „  „
Comptoir  National  103,00  860,00  „  „
Kreditoren  :
Credit  Lyonnais  138,00  1456,00  ,,  „
Societe  Generale  73,00  1187,00  „  „
Comptoir  National  127,00  771,00  „  ,,

Noch  anschaulicher  gelangt  die  rasche  Entwicklung  dieser  drei
Depositen-Großbanken  zum  Ausdruck,  wenn  der  Gesamtbetrag  ihrer
fremden  Gelder  für  die  letzten  Jahrzehnte  hervorgehoben  wird.  In
Abständen  zu  fünf  Jahren  sind  nach  Kaufmann 3 )  die  folgenden
Ziffern  anzuführen  (in  Mill.  Frcs.):

Bewegung  der  fremden  Gelder  der  drei  Depositenbanken
C  r  6  d  i  t  Lyonnais,  S  o  c  i  6  t  e  Gäntrale,  Comptoir  National.

Jahr

Gesamtsumme ­


Bemerkungen

1872

427,00

1875

620,00

1880

953,00

1885

867,00

Nach  12  Jahren  also  etwa  verdoppelt  im  Vergleich  zu  1872

1886

1010,00

1890

1245,00

1895

1570,00

Nach  10  Jahren  eine  Verdoppelung  im  Vergleich  zu  1885

1900

2300,00

1905

3357,00

Nach  10  Jahren  wieder  eine  Verdoppelung  im  Vergleich  zu  1895

1909

4363,00

1913

5354,00

Nach  40  Jahren  eine  Verzwölffachung  im  Vergleich  zu  1872.

Diese  Zahlen  beweisen  den  großen  Aufschwung,  den  die  Kreditbanken ­
  in  ihrer  Rolle  als  Kreditnehmer  genommen  haben  und  in  der
sie  dem  Handel,  der  Industrie  und  dem  Gewerbe  als  Kreditgeber  nützliche ­
  Dienste  erweisen  konnten.  Aber  die  französischen  Kreditbanken
x )  Siehe  auch  die  Abhandlung  von  Kaufmann,  a.  a.  O.  S.  157  ff.
! l  Lachapelle,  Georges,  a.  a.  O.  S.  175.
s )  Kaufmann,  a.  a.  O.  S.  356.
        <pb n="129" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

113

haben  einen  ihnen  eigenen  Zug,  def  durch  die  Pflege  eines  Geschäftszweiges ­
  zum  markanten  Ausdruck  gelangt  ist,  entwickelt.  Es  ist
dies  die  in  den  letzten  zwei  bis  drei  Jahrzehnten  im  vorherrschenden
Maße  betriebene  Emissionstätigkeit  ausländischer  Wertpapiere.  In
Verbindung  mit  den  Banques  d’affaires  und  unter  dem  Drucke  der
französischen  Regierung  haben  die  Depositenbanken  das  französische
Kapital  in  eine  Richtung  gelenkt,  die  neben  gewinnpolitischen  im
wesentlichen  auch  durch  rein  politische  Gedanken  bestimmt  wurde,
und  die  sich  im  Kriege  als  ein  fundamentaler  Fehler  offenbarte.  Bei
dieser  Politik  der  Anleihe-Emissionen  muß  einige  Zeit  verweilt  werden,
sie  ist  eingehender  darzulegen,  denn  hier  dürften  die  Wurzeln  der  heutigen ­
  finanziellen  Schwäche  der  französischen  Republik  zu  finden  sein.
Frankreich  ist  Kapitalgeber 1 )  für  die  ganze  Welt.  Nur  wenige
Länder  gibt  es,  die  nicht  durch  französisches  Geld  reichlich  durchtränkt
und  noch  heute  der  Republik  tributpflichtig  wären.  Diese  Hingabe
von  Kapitalien  wurde  seit  vielen  Jahrzehnten  in  Frankreich  durch  die
Emission  ausländischer  Anleihen  durchgeführt.  Hierdurch  wuchs  der
Wertpapierbesitz  der  Franzosen  zu  einer  auffallenden  Höhe
heran.  Es  möge  zunächst  eine  Berechnung  des  wahrscheinlichen  Wertpapierbesitzes ­
  gegeben  werden,  bevor  auf  die  Ursachen  und  Ziele  dieser
Erscheinung  näher  eingegangen  wird.
Als  Grundlage  für  den  rechnerisch  zu  erfassenden  Bestand  der  an
den  französischen  Börsen  zugelassenen  Wertpapiere  wird  gewöhnlich
die  Börsen-Statistik  zugezogen.  Hiermit  sind  aber  eine  Reihe  von  Fehlern
verbunden.  So  werden  in  erster  Linie  solche  Papiere  nicht  erfaßt,  die
keinen  offenen  Markt  haben,  also  die  an  der  Coulisse  zugelassenen  Werte.
Diese  Summen  sind  nicht  gering.  Lachapelle  sagt  hierüber;
,,Die  verborgenen  Emissionen  ausländischer  Effekten  haben  in  diesen
letzten  Jahren  eine  sehr  große  Ausdehnung  angenommen  .  .  .“ 2 ).  Er  schätzt
den  nominellen  Betrag  der  jährlich  ohne  öffentliche  Zeichnung  und  ohne
Prospekt  ausgegebenen  Wertpapiere  auf  rund  1000  Mill.  Frcs.  Für  die
Jahre  1905—1914  stellt  er  folgende  Tabelle  (S.  114)  auf  (in  Mill.  Frcs.);
Dagegen  beträgt  die  Summe  der  in  gleicher  Periode  an  der  Pariser
Börse  offiziell  zugelassenen  Wertpapiere  für  französische  Werte  12  300,
für  ausländische  Werte  22  400  MUL  Frcs.
Weitere  Fehlerquellen  bieten  die  recht  hohen  Beträge,  die  aus  den
Rückkäufen  durch  das  Ursprungsland  entstehen,  dann  der  Abfluß  nach
dorthin  durch  spekulative  Arbitrage,  Tilgung,  Auslosung  und  zahlreiche
andere  Momente,  die  statistisch  gar  nicht  erfaßt  werden  können.  Im
wesentlichen  müssen  hier  vorsichtige  Schätzungen  die  statistischen  Erhebungen ­
  begleiten.
h  Arndt  betont  dieses  Wort,  da  nach  seiner  Ansicht  die  Bezeichnung  Frankreichs
als  „Bankier“  nicht  zütrifft.  Bankier  heißt  bei  ihm  der  „Kapital-Vermittler“,  während
doch  Frankreich  Kapital  hingibt.
2 )  a.  a.  O.  S.  198.
Kespondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

8
        <pb n="130" />
        Erwin  Respondek,

114

j

Jährliche  Emission  von  Effekten  ohne  Prospekt
oder  sonstige  öffentliche  Auflegung.

Jahr

Wertpapiere

französische

ausländische

1905

200,00

800,00

1906

700,00

1450,00

1907

100,00

400,00

1908

50,00

650,00

1909

600,00

1700,00

1910

450,00

1800,00

I9II

150,00

1400,00

1912

1100,00

400,00

1913

1000,00

950,00

1914

1200,00

1800,00

in  10  Jahren

5550,00

1*35°, 00

Der  französische  Nationalökonom  E.  T  h  e  r  y  ! )  berechnet  den
Besitz  Frankreichs  an  Wertpapieren  bis  1907  wie  folgt  (Millionen  Frcs.):

Wertpapiere  inländischen  Ursprungs  bis  1907  ....  38  480,00
„  ausländischen  Ursprungs  bis  1908  ...  61  421,00
Er  spezifiziert  auch  die  ausländischen  Effekten,  von  denen  die  wichtigsten ­
  angeführt  sein  mögen,  um  als  Illustration  für  die  Verteilung
auf  die  einzelnen  Länder  zu  dienen.
Land
Russische  Werte
Österreichische  Werte
Ägyptische  Werte
Türkische  Werte
Holländische  Werte
Schweizerische,  italienische  Werte
Portugiesische,  englische  und  koloniale  Werte
Belgische,  Kongo-,  brasilianische  Werte  .  .  .
Balkan,  ohne  Türkei,  -Werte
Dagegen  veranschlagt  H  e  n  g  e  r  in  seiner  Abhandlung *  2 )  den  Gesamtbositz
  der  Franzosen  an  Wertpapieren  bis  zum  Jahre  1910  auf
110  417  Milliarden  Frcs.  Hierbei  unterscheidet  er:
Besitz  an  französischen  Wertpapieren  in  Höhe,  von  .  .  77292,00  Mill.  Frcs.
„  „  ausländischen  „  „  „  „  .  .  33  125,00  „  „
Insgesamt  110417,00  Mill.  Frcs.
Wenn  auf  den  Ziffern  von  Henger  ab  1910  weitergebaut  werden
darf,  so  entwickelt  sich  das  Bild  wie  folgt:  Nach  dem  Annuaire  Statistique
  de  la  France  wurden  emittiert:
x )Th6ry,  Edmond,  Les  Progres  economiques  de  la  France.  Paris  1908.
2 )  Henger,  Hans,  Die  Kapitals-Anlage  der  Franzosen  in  Wertpapieren,  Berlin
1913,  S.  12  u.  89.

Nominelles  Kapital
10  900,00  Mill.  Frcs.
3  650,00
3  050,00
2  500,00
1  450,00
.  ...  je  1  400,00
*  J-je  rund  1  500,00
1  050,00
        <pb n="131" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

115

Berechnung  des  Wertpapierbesitzes  bis  zum  Ende
des  Jahres  1914  (in  Mill.  Frcs.).

Wertpapiere

französische

ausländische

Im  Jahre  1911
,,  „  1912
„  „  1913
„  „  1914,  I.  Semester  ....
II.  ,.  ....

814,00
2  060,00
2  169,00
547,oo
I  945,oo 1 )

3  782,00
3  081,00
2  758,00
2  212,00

Summe
Plus  H  e  n  g  e  r  sehe  Ziffern

7  535,oo
77  292,00

11  833,00
33  125,00

Gesamtsumme
Dagegen  eine  Schätzung  der  „Neuen
Zürcher  Zeitung“ *  2 )

84  827,00
80  000,00

44  958,00
45  000,00

Zu  dieser  Summe  wäre  noch  der  Betrag  von  den  inoffiziell  in  den
Verkehr  und  Besitz  der  Franzosen  gebrachten  Effekten  zuzurechnen,
der  mit  L  a  c  h  a  p  e  11  e  für  die  Zeit  von  1911—1914  auf  insgesamt
8000,00  Mill.  Frcs.  zu  veranschlagen  ist.
Diese  Aufstellung  in  ihren  absoluten  Zahlen,  die  aus  den  angeführten
Gründen  keinen  Anspruch  auf  volle  Richtigkeit  erheben,  zeigt  deutlich,
daß  der  Effektenbesitz  Frankreichs  an  inländischen  und  insbesondere
an  ausländischen  Wertpapieren  außerordentlich  hoch  ist.  Einige  Vergleichsziffern ­
  mit  England  und  Deutschland  werden  die  Stellung  Frankreichs ­
  als  Gelddarleiher  noch  anschaulicher  zu  charakterisieren  vermögen.
Der  Besitz  an  ausländischen  Effekten  für  die  drei  Staaten  beträgt  schätzungsweise ­
  :
Frankreich  45,00  Milliarden  Frcs.
Deutschland  25,00  ,,  ,,  3 )
England  86,00  „  „  4 )
Uber  den  Anteil  der  fremden  Staaten  an  dieser  Summe  sind  genaue
statistische  Daten  nicht  vorhanden.  Im  Statistique  Annuaire  sind  bis
1900  einige  Angaben  zu  finden,  die  hier  wiedergegeben  werden  mögen
(s.  S.  116).
Woher  schöpfte  Frankreich  diese  hohe  Kapitalkraft,  und
was  bestimmte  vor  allem  die  leitenden  Kreise,  sie  in  Form  von  Anleihen ­
  in  das  Ausland  zu  verlegen  und  nicht  im  Innern  zu  verwenden  ?
Frankreich  ist  ein  von  der  Natur  gesegnetes  Land.  Seine  vortreffliche ­
  geographische  Lage  erzeugt  reiche  Bodenfrüchte,  so  daß  es  zum
Land  des  ständig  wachsenden  Reichtums  wurde.  Die  natürlichen  Kapitalsquellen, ­
  ergiebige  Kohlen-  und  Erzbergwerke,  vortrefflicher  Acker-4
 )  National-Verteidigungs-Wechsel  sind  inbegriffen.
2 )  8i.  November  1914.
3 )  Nach  Helfferich,  Deutschlands  Volkswohlstand  1888—1913.  Berlin  1915
S.  in.  (20  Milliarden  Mk.)
4 )  Nach  Frankfurter  Zeitung:  Sonderabdruck  „Gegen  die  englische  Finanzvormacht“
r 9t5,  S.  15.  (70  Milliarden  Mk.)
        <pb n="132" />
        n6

Erwin  Respondek,

Ausländische  Effekten  im  französischen  Besitz  nach  Ländern
geordnet.
Entwurf  auf  Basis  der  Veröffentlichung  des  „Statistique  Annuaire  de  la  France“  aller  in
Frankreich  in  der  Zeit  von  1884—1900  gestempelten  Effekten
(in  MilL  Frcs.).

Gesamt-Land



Periode

1884—1888

1889—1893

1894—1898

1899—1900

1884—1900

Europa:

Deutschland  .  .  .

4,9

13,70

5,70

5,80

30,10

Österreich-Ungarn

289,00

206,50

305,50

21,30

822,30

England

9.5°

58,00

40,70

5,60

113,80

Rußland

634,90

3335.00

1995,90

641,30

6607,10

Italien

311,50

328,60

156,00

8,80

804,90

Belgien

62,90

34,90

113,20

7,70

218,70

Schweiz

2,10

66,90

131,40

55,40

255,80

Holland

21,20

13,00

86,30

2,00

122,50

Dänemark  ....

3,30

2,00

165,40

18,70

189,40

Schweden  ....
Norwegen  ....

}  26,90

49,50

169,00

115,00

360,40

Spanien

229,20

201,00

247,00

125,50

802,70

Portugal

380,70

511,90

59,90

6,80

959,30

Serbien

10,00

36,00

154,70

—

200,70

Griechenland  .  .  .

114,80

24,80

44,90

2,00

186,50

Bulgarien  ....

—

4,90

38,30

—

43,20

Türkei

662,70

547,00

524,00

19,30

1753,00

Afrika:

Ägypten

82,50

547,90

99,40

10,00

739,80

Tunesien

162,70

364,50

—

—

527,20

Kongo

—

2,70

33&amp;gt;oo

—

35,70

Madagaskar  .  .  .

—

14,10

—

14,10

Amerika;

Vereinigte  Staaten

g,  60

5,oo

3,60

—

18,20

Haiti

—

—

47,80

—

47,80

Kanada

5,40

44,40

29,80

—

79,60

Argentinien.  .  .  .

155,00

57,90

71,20

26,00

310,10

Brasilien

6,90

159,00

242,10

82,20

490,20

Chile

—

5,30

2,40

—

7,70

Peru

1,30

—

—

—

i,3°

Uruguay
Mexiko  und  Nica-9,00



27,30

8,40

3,60

48,30

ragua  ....

0,80

6,80

2,50

6,50

16,60

Honduras  ....

0,70

0,70

0,30

—

1,70

Venezuela  ....

—

5,00

17,80

2,10

24,90

Asien:

Tonkin

—

91,90

—

91,90

China  ....

—

—

394,40

65,40

459,80

Britisch-Indien  .  .

—

1,80

0,90

—

2,70

Australien

0,90

1,20

0,60

—

2,70
        <pb n="133" />
        Frankreichs  Bank  und  Finanzwirtschaft.

117

bau  und  Weinbau,  eine  sorgsam  gepflegte  und  kräftig  ausgebaute  Seidenzucht, ­
  Fischfang  usf.  lassen  die  Bevölkerung  rasch  zum  Wohlstände
gelangen,  und  die  Sparsamkeit  der  Franzosen,  die  sprichwörtlich  geworden ­
  ist,  häufte  die  aus  Naturreichtum  und  Arbeit  erzielten  Vermögensüberschüsse ­
  zu  immer  größeren  Kapitalien  an.  Für  sie  mußte  eine  produktive ­
  Verwendung  gesucht  werden.  Aber  die  heimischen  Industrien
und  der  heimische  Handel  waren  nicht  imstande,  die  reichen  Geldmittel
vollständig  aufzunehmen,  um  sie  zinstragend  in  Arbeit  wieder  umzusetzen. ­
  Beide  litten  an  einem  stark  fühlbaren  Mangel  an  Unternehmungsund ­
  Arbeitslust  und  wiesen  die  Kapitalien  auf  andere,  in  fremde  Länder
führende  Wege.  Hierauf  stützten  die  Finanzmänner  der  Republik  ihre
Geldpolitik,  und  in  Verbindung  mit  den  rein  politischen  Elementen
zielte  die  gemeinsame  Richtung  dahin,  machtpolitische  Pläne  zu  fördern,
für  die  Republik  durch  eine  bereitwillige,  leichte  und  allseitige  Hingabe
gewaltiger  Mengen  von  Kapitalien  die  Freundschaft  der  ihr  genehmen
Staaten  zu  erlangen,  um  auf  deren  tatkräftige  Hilfe  in  jeder  Lage  rechnen
zu  können.  Das  Verständnis  dieser  Tatsachen  für  die  Vergangenheit,
gegenwärtige  Lage  und  zukünftige  Entwicklung  der  französischen  Finanzwirtschaft ­
  wird  durch  eine  'eingehendere  Erörterung  des  wirtschaftspolitischen ­
  Problems  an  Klarheit  gewinnen.  Um  von  vornherein  jeden
Anschein  der  Parteilichkeit  oder  gewollten  Beeinflussung  des  Endergebnisses ­
  dieser  Betrachtung  zu  vermeiden,  möge  sie  in  ihrem  grundsätzlichen ­
  Aufbau  nur  auf  Äußerungen  französischer  Handels-,  Gewerbeund
  Industrietreibender  gestellt  werden,  die  von  den  letzteren  in  einer
Enquete  der  Zeitschrift  „R  evue  Financiere  Universell  e“ 1 )
gemacht  wurden  und  von  Arndt  einer  kritischen  Prüfung  und  Darstellung ­
  unterzogen  worden  sind *  2 ).
Aus  den  Antworten  der  Befragten  entnimmt  Arndt  zunächst  die
Bestätigung,  daß  die  Großunternehmen  mit  reichlichen  Kapitalien  versorgt ­
  waren,  und  daß  der  Mangel  an  Kredit  bei  den  mittleren  und
kleinen  Betrieben  auf  wenige  Millionen  beschränkt  war,  der  natürlich
im  Vergleich  zu  den  Riesensummen,  die  ins  Ausland  flössen,  gar  nicht
ins  Gewicht  fallen  könne.  Also  das  Angebot  an  Kapitalien  war  demnach
vorhanden,  es  fehlte  nur  die  Nachfrage.  Bei  näherer  Prüfung  der  Enquete
nach  dieser  Richtung  hin,  ist  zu  erkennen,  daß  die  Ursachen  des  offensichtlichen ­
  und  auffallend  geringen  Grades  in  der  Kapitalnachfrage
in  erster  Linie  im  Fehlen  an  Unternehmungslust  des  französischen  Wirtschaftlers ­
  und  Kaufmanns  zu  suchen  ist.  Kleinmütige  Ängstlichkeit
und  allzu  vorsorgliche  Sorgsamkeit  treten  in  allen  Antworten  immer
wieder  hervor.  Der  französische  Unternehmer  will  in  seinen  Geschäften
immer  ganz  sicher  gehen  und  wagt  nicht  gern,  irgendein  Werk  zu  beginnen, ­
  das  mit  einem  Risiko  verbunden  ist.  Das  Ideal  ist  höchste  Sparsamkeit, ­
  um  in  Zeiten  des  Alters  ruhig  und  mit  Beschaulichkeit  sein

J )  Siehe  Revue  Universelle,  1913,  Februar-August.

2 )  Vgl.  Arndt,  Weltwirtschaftliches  Archiv  1916,  Januar-Heft,  dessen  Ausführungen ­
  im  wesentlichen  hier  gefolgt  wird.
        <pb n="134" />
        Erwin  Respondek,

Il8

Lebensende  zu  genießen.  „Der  Geist  der  Vorsicht  beherrscht  den  Geist
des  Unternehmens“ 1 ),  sagt  Yves  Guyot  vom  französischen
Kaufmann  im  Vergleich  zum  Amerikaner  und  Deutschen.  Freilich
stimmen  nicht  alle  diesem  Urteile  über  den  Franzosen  zu.  So  ist  u.  a.
P.  Leroy  Beaulieu  entgegengesetzter  Ansicht.  Er  bezeichnet
diese  Anschauung  als  eine  Legende,  denn  die  Kanäle  von  Suez,  Panama
und  Korinth,  die  spanischen,  portugiesischen,  italienischen,  österreichischen, ­
  russischen  und  türkischen  Eisenbahnen  wurden  mit  französischem
Gelde  gebaut,  die  französischen  Kapitalisten  besitzen,,ebenso  viel  Transvaal-Goldaktien
  wie  der  Engländer,  mexikanische  Goldwerte,  Kupfer-Aktien
aller  Länder,  Sibirien  eingeschlossen,  und  sie  haben  sich  auf  russische
Industriewerte  gestürzt,  desgleichen  auch  auf  die  Kautschuk-  und  Petroleumwerte; ­
  oft  haben  sie  dafür  gebüßt“ *  2 ).
Ihm  kann  mit  Recht  Arndt  entgegenhalten,  daß  dies  nicht
als  ernste,  zielbewußte  Arbeit  zu  bezeichnen  ist,  vielmehr  als  Kühnheit
des  Spielers,  die  mit  Leichtfertigkeit  zusammenfällt.
Für  den  aus  Mangel  an  Aktivität  der  heimischen  Wirtschaft  entstandenen ­
  Überschuß  war  im  Innern  des  Landes  aber  genügende  Verwendungsmöglichkeit ­
  gegeben,  und  alle  gegenteiligen  Behauptungen
haben  keine  überzeugende  Kraft.  Kohle  und  Eisen,  die  Grundpfeiler
der  nationalen  Wirtschaften  sind  wohl  da.  Ihre  gegenseitige  Lage  ist
allerdings  ungünstig  und  schränkt  eine  intensive  und  vorteilhafte
Ausnutzung  ein.  Aber  für  die  „schwarze  Kohle“  wäre  dort,  wo  sie
schwer  und  unter  hohen  Kosten  zu  transportieren  ist,  leicht  Ersatz
durch  die  „weiße  Kohle“  zu  schaffen,  wie  Arndt  meint,  die  der
französischen  Industrie  Millionen  Pferdekräfte  für  die  Bearbeitung
der  reichen  Eisenerzlager  zuführen  könnte.  —  So  hätten  Milliarden
zur  Hebung  der  Naturschätze  vorteilhaft  verwandt  werden  können.
Die  gesteigerte  Produktion  würde  ihrerseits  von  selbst  auf  eine  Verbesserung ­
  der  Verkehrswege,  den  Ausbau  von  Häfen  (Marseille,  Bordeaux,
Nantes,  le  Havre  und  andere)  und  auf  Erhöhung  der  Leistungsfähigkeit
von  Binnenwasserstraßen  führen.  Nicht  allein  auf  wirtschaftlichem
Gebiete  galt  es  zu  wirken.  Auch  die  kulturelle  und  soziale  Verbesserung
auf  dem  Gebiete  der  Gesundheitspflege  erforderten  —  nach  Ansicht
einsichtiger  Franzosen  —  viele  Millionen  Franken.  Mit  wachsender
Produktionsausdehnung  und  mit  der  Verbindung  von  Arbeit  und  Kapital
wären  letzten  Endes  die  Vorbedingungen  und  gesunden  Grundlagen
für  eine  steigende  Bevölkerungszahl  gegeben  und  der  fühlbare  Mangel
an  Arbeitskräften,  der  nach  Ansicht  der  Franzosen  der  entscheidende
Faktor  gegen  eine  wirtschaftliche  Expansion  ist,  hätte  seine  Gefährlichkeit ­
  verloren 3 ).  Hinzu  kommt,  daß  die  Arbeiter  schwer  zu  behandeln
seien  und  die  Unternehmer  über  Disziplinlosigkeit,  Streiks,  Sabotage

h  Siehe  Fiaance  Universelle,  April  1913,  S.  5.  Zitat  angeführt  nach  Arndt.

2 )  a.  a.  O.  1912.  S.  3.

3 )  Nach  dem  Reichs-Stat.  Jahrbuch  für  1915  zählte  die  Bevölkerung  Frankreichs
1886:  38,3,  1911;  39,6  Mill,,  die  von  Deutschland  1886:  48,0,  1911:  64,9  Mill.  Seelen.
        <pb n="135" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

II 9

und  ähnliches  mehr  ständig  zu  klagen  hätten.  Dieses  Argument  weist
Arndt  ganz  zu  Recht  mit  den  Worten  zurück;  „Selbstverständlich
aber  können  derartige  Schwierigkeiten  für  tatkräftige  Unternehmer
in  einem  40  Millionenvolke,  das  Freizügigkeit  besitzt,  kein  wirkliches,
dauerndes  Hindernis  bilden.  Man  kann  doch  nicht  im  Ernste  behaupten,
daß  willensstarke,  kapitalkräftige  Fabrikanten  oder  entschlossene  Regierungs-Vertreter ­
  nicht  imstande  sein  würden,  zur  Anlage  von  Elektrizitätswerken ­
  in  den  Gebirgsgegenden,  zum  Betrieb  von  Hochöfen  und
Stahlwerken  im  Nordosten,  zum  Ausbau  der  großen  Häfen  usw.  genügend
Arbeitskräfte  zu  vereinigen“ 1 ).
Als  ein  weiteres  Hindernis  an  der  Entfaltung  aller  produktiven  Kräfte
erscheint  dem  Franzosen  schließlich  noch  der  Staat.  Auch  dieses  Urteil
klingt  immer  wieder  in  den  Antwortschreiben  der  Befragten  anklagcnd
hervor.  Der  Staat  erscheint  ihnen  gleichsam  als  ein  ständiger  Verfolger,
der  stets  darauf  bedacht  ist,  jeden  Fleiß,  der  von  gewinnbringendem
Erfolg  begleitet  ist,  mit  hohen  Steuern  zu  erfassen.  So  fehlt  dem  Franzosen ­
  das  Vertrauen  zur  Sachlichkeit  und  Ehrlichkeit  der  öffentlichen
Gewalten,  und  nichts  charakterisiert  die  Spannung  zwischen  Bürger
und  Staat  besser  als  ein  Ausspruch  von  Yves  Guyots;  „Wie  könnte
der  Staat  dem  Sparer  Vertrauen  einflößen  ?  Er  verschleudert  und  macht
Schulden.  Der  Minister  und  der  Beamte  wird  immer  das  Interesse  des
Sparers  Erwägungen  der  inneren  oder  äußeren  Politik  unterordnen:
weit  entfernt,  Sicherheit  zu  bieten,  können  diese  nur  als  störende  Elemente ­
  aufgefaßt  werden“ 1  2 ).
So  fanden  die  Ersparnisse  des  Volkes  weder  in  Handel  noch  in  Industrie ­
  und  Verkehr  Arbeit  und  lohnende  Verwendung.  Sie  nahmen
daher  zunächst  ihren  Weg  zu  den  Banken  und  Sparkassen.  In
welchem  Maßstabe  diese  Entwicklung  vor  sich  ging,  zeigen  zwei  Zahlen.
In  den  drei  großen  Sammelbecken  Frankreichs,  Credit  Lyonnais,  Societe
  Generale,  Comptoir  National  d’Escompte  de  Paris,  waren  die
fremden  Gelder:
Im  Jahre  1872  427,00  Mül.  Frcs.
„  „  1913  5354,0°  „
Diese  hohen  Geldeinlagen  sicherten  den  Depositenbanken  in  Frankreich ­
  eine  monopolartige  Stellung  und  ermöglichten  es  ihnen,  die  Zinssätze ­
  nach  ihrem  Belieben  zu  normieren.  Und  sie  verzinsten  die  Guthaben ­
  nur  sehr  niedrig.  Gelder,  die  nicht  vor  einem  Jahre  kündbar
sind,  erzielten  im  Durchschnitt  nur  1  %  im  Jahre.  Kurzfristige  Gdder
oft  nur  y 2  %  oder  gar  o  %.  Die  natürliche  Folge  dieser  Zinspolitik
war,  daß  die  Rentner  ihre  Ersparnisse  nicht  als  Depositen  liegen  lassen
wollten,  vielmehr  in  der  Effekten-Anlage  ihr  Heil  erblickten.  Diese
Strömung  nach  einem  besseren  Zins  wurde  von  den  Banken  beachtet,
und  zunächst  führten  sie  die  Sparkapitalien  den  französischen  Staats1 ­
 )  a.  a.  O.  S.  44.
2 )  a.  a,  O.,  Finance  Universelle,  April  1913,  S.  12.  Angeführt  nach  Arndt.
        <pb n="136" />
        120

Erwin  Respondek,

papieren  zu.  Die  3  %  Rente  stieg  durch  die  stete  Nachfrage  rasch  im
Kurse.  Sie  kotierte:
Im  Jahre  1877  70,57%
„  ,,  1878  74,6i%
und  bereits  1893  105,25  %
verzeichnete  also  in  20  Jahren  eine  für  ein  Rentenpapier  bedeutsame
Steigerung  von  rund  35  %.
Mit  diesem  scharfen  Kursaufstieg  war  andererseits  ein  Sinken
der  Zinsrentabilität  verbunden,  und  der  Rentner  war  bald  wieder  mit
dieser  geringen  Verzinsung  nicht  zufrieden.  Er  wollte  ein  noch  besseres
Erträgnis  seiner  Gelder  erzielen.  Nun  setzten  hier  Finanz  und  Politik
zur  gemeinsamen  Arbeit  ein,  um  den  Kapitalisten  ihre  Wünsche  zu  erfüllen, ­
  wobei  sie  gleichzeitig  auch  ihre  eigenen  finanz-  und  machtpolitischen
  Ziele  einflechten  zu  können  glaubten.  Mit  der  politischen  Freundschaft ­
  Rußlands  zu  Frankreich,  die  im  Jahre  1891  zum  Bündnis  führte,
der  Aufnahme  politischer  Interessen  Frankreichs  in  den  Balkanländern
und  anderen  Staaten,  setzte  die  Zeit  der  schier  endlosen  Einführung
großer  Anleihen  jener  Länder  für  die  französische  Republik  ein.  Nicht
allein  die  Mehrzahl  der  europäischen  Staaten  war  ständiger  Geldsucher
am  Pariser  Kapitalmärkte.  Auch  die  exotischen  Staaten  appellierten
an  die  Kapitalkraft  Frankreichs  und  fanden  dort  stets  williges  Gehör.
Nur  auf  zwei  Faktoren  wurde  von  den  französischen  Führern  bei
dieser  Arbeit  streng  geachtet  —  hohe  Verzinsung  und  dann  politische
Freundschaft.  Der  Rentner  zeichnete  gern  5  %  Russen,  Balkanier,  6  %
Mexikaner.  Die  Regierung  flocht  geschickt  ihre  Ziele  hinein,  jenes  Verlangen ­
  der  zur  Herrschaft  gelangten  politischen  Kreise,  in  fremden  Staaten
wenigstens  durch  französisches  Gold  Einfluß  zu  erlangen.  Das  Nationalgefühl ­
  der  Franzosen,  ihre  stark  ausgeprägte  Leidenschaft  nach  Ehre,
Ruhm  und  Ansehen  unterstützten  den  Staat  in  seiner  eingeschlagenen
politischen  Richtung.  Sie  zielte  auf  Vergeltung  für  die  Niederlagen
in  dem  70er  Kriege.  Was  nicht  offen  ausgesprochen  wurde,  ließ  die  „immer
mehr  einseitige  Orientierung  der  Kapitals-Anlage  nach  rein  politischen
Gesichtspunkten“ 1 )  wohl  erkennen.
Bald  bildeten  sich  bei  diesen  Transaktionen  bei  den  Banques  d’affaires
als  Schöpfer  der  Auslands-Emissionen  und  den  Depositenbanken  als
ihre  Mithelfer  und  unentbehrlichen  Absetzer,  in  Verbindung  mit  der
Regierung  und  der  nicht  ausschaltbaren  Presse  —  einzelne  Finanzgruppen
mieten  für  ihre  Transaktionen  oft  den  ganzen  Handelsteil  der  führenden
Tageszeitungen  —  ein  ganz  charakteristischer  Weg  aus.  Jedes  Land,
das  in  Paris  eine  Anleihe  unter  bringen  wollte,  mußte  zunächst  im  Ministerium ­
  des  Äußeren  vorsprechen,  um  die  Zustimmung  zur  offiziellen
Kotierung  an  der  Pariser  Börse  zu  erhalten.  Diese  Genehmigung  wurde
vom  Leiter  des  auswärtigen  Amtes  nur  unter  zwei  Bedingungen  erteilt:
9  Siehe  Kaufmann,  Dr.  E.  2.  Kriegsheft  für  Sozialwissenschaft  und  Sozialpolitik ­
  1915,  S.  433.
        <pb n="137" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

121

Erstens,  politische  Freundschaft  oder  gar  sofort  fester  Vertrag  und  zweitens, ­
  Bestellungen  bei  der  französischen  Industrie.  Diese  Verbindung
von  Weltpolitik  mit  Geschäft  ist  auch  bei  den  anderen  führenden  Staaten
—  England  und  Deutschland  —  zu  beobachten.  Aber  kein  anderes  Land
als  gerade  Frankreich  verfolgte  in  einer  so  äußerst  rücksichtslosen  Einseitigkeit ­
  das  rein  politische  Moment.  Dieses  Streben,  namentlich
Rußland  und  den  Balkan  unter  seinen  politischen  und  militärischen
Einfluß  zu  stellen,  brachte  den  französischen  Financiers  bald  die  Prägung ­
  des  berühmten  und  jetzt  berüchtigten  Wortes:  „politique
f  inane  iere"  ein.  Auf  die  mannigfachen  Variationen  in  der  Anleihe-Unterbringung
  nach  banktechnischen  Gesichtspunkten  hin  kann  hier
nicht  eingegangen  werden.  Es  möge  genügen,  darauf  hinzuweisen,  daß
jede  der  angewandten,  Methoden  den  Banken  reichliche  Gewinne  einbrachte, ­
  und  daß  auch  die  Tagespresse  als  unentbehrliches  Instrument
aus  diesen  Transaktionen  nicht  unerhebliche  Gewinne  zog.  Nach  all
den  hohen  Abzügen  wurden  dann  die  Anleihen  unter  die  kleinen  Rentner
gebracht,  die  oftmals  aus  Unkenntnis  oder  schrankenlosem  Vertrauen
nicht  nach  Güte  und  Sicherheit  fragten,  sondern  willig  zeichneten,  da
diese  Werte  ihnen  eine  4—5  %  Verzinsung  versprachen.  Auf  diese
Weise  wurden  viele  Milliarden  Franken  im  Auslande  investiert,  wie  die
aufgestellten  Berechnungen  es  näher  anzeigen.  Die  russischen  Werte
allein,  deren  Zeichnung  als  patriotische  Tat  hingestellt  wurde,  haben
eine  Höhe  von  etwa  20  Milliarden  Frcs.  erreicht.
Dieses  dargelegte  System  des  Austausches  politischer  Bündnisse
gegen  Gold,  von  Armeen  gegen  Anleihen,  wirkt  bei  Ausbruch  des  Krieges
schwer  belastend  und  schädigend  auf  das  Land  zurück.  Die  ungesunde
Festlegung  so  hoher  Summen  französischen  Kapitals  im  Auslande  führte
in  der  kritischen  Zeit  dazu,  daß  die  Depositenbanken  die  Guthaben
ihrer  Kunden  sperren,  ihre  Schalter  am  Anfang  der  Kriegskrisis  schließen
mußten.  Denn  in  ihren  Kellern  ruhen  hunderte  von  Millionen  unverkäuflicher ­
  und  jetzt  zum  Teil  wertloser  Effekten.  Das  Urteil  in  der  Schuldfrage ­
  wird  aber  wohl  kaum  ausschließlich  über  die  Führer  dieser  Bewegung ­
  —  der  finanziellen  Oligarchie  —  gesprochen  werden  dürfen,
wie  es  oft  mit  Unrecht  geschehen  ist 1 ).
Selbst  in  Frankreich  werden  die  Banken  nicht  in  Schutz  genommen.
Sie  etwa  als  unschuldig  hinzustellen,  liegt  allen  fern,  und  einige  Schriftsteller ­
  scheuen  sich  sogar  nicht,  die  Ursachen  dieser  unheilvollen  Auslands-Investitionssucht
  allein  in  gewinnsüchtigen  Zielen  der  Bankwelt
zu  suchen.  Lachapelle  z.  B.  sagt  hierüber  in  seinen  Betrachtungen ­
  über  den  französischen  Wertpapierbesitz  das  Folgende:  i)
i)  Uebelhör  unterzieht  die  Politik  und  praktische  Arbeit  dieser  finanziellen’  Oligarchie ­
  einer  überaus  erfreulichen,  objektiven  Betrachtung  und  gelangt  zu  dem  Ergebnis,
daß  der  stolze  Monumentalbau  der  finanziellen  Oligarchie,  „der  in  Generationen  voll  der
fleißigsten  Arbeit  geschaffen  war“  (S.  38)  nicht  aus  gewinn-  oder  rachsüchtigen  Motiven
heraus  errichtet  wurde,  vielmehr  Nation  und  Regierung,  Industrie  und  Handel  zu  der  gezeichneten ­
  Richtung  drängten.  Vgl.  66.  Heft  der  politischen  Flugschrift  von  Ernst
Jäckh,  „Der  deutsche  Krieg“.
        <pb n="138" />
        122

Erwin  Respondek,

„Es  ist  wahr,  daß  die  Kreditinstitute  dem  Beispiel  der  Regierung,
der  Minister  und  der  Abgeordneten  gefolgt  sind,  die  in  der  Vergangenheit ­
  sehr  oft  eine  persönliche  Politik  vertreten  haben,  die  dem  nationalen
Interesse  sehr  scharf  entgegen  war.  Wenn  unsere  Kreditinstitute  es  vorzogen, ­
  ausländische  Wertpapiere  an  Stelle  französischer  Werte  zu  emittieren, ­
  so  geschah  es,  weil  die  ersteren  ihnen  eine  viel  größere  Gewinnmarge ­
  und  höhere  Provisionen  ließen  als  die  zweiten,  und  daher  haben
sie  das  allgemeine  Interesse  ihrem  privaten  Interesse  geopfert“ 1 ).
So  einfach  liegt  jedoch  die  Schuldfrage  nicht,  obwohl  dem  Urteil
des  Franzosen  Berechtigung  zuerkannt  werden  muß.  Es  darf  nicht
außer  acht  gelassen  werden,  daß  der  überreiche  Zustrom  frei  verfügbarer ­
  Kapitalien  den  Depositenzins  auf  ein  Minimum  drückte,  den
die  Einleger  und  Sparer  nicht  akzeptieren  wollten  und  konnten.  Dies
rief  auf  der  anderen  Seite  die  notwendige  Verwertung  in  irgendeiner
arbeitenden  Wirtschaft  hervor,  die  gewillt  war,  höheren  Zins  zu  vergüten.
Fanden  die  Gelder  im  Innern  keine  Arbeit,  so  mußten  sie  notwendig
ins  Ausland  fließen.  Eine  auch  nur  annähernd  einwandfreie  Untersuchung,
inwieweit  hierbei  der  Wunsch  der  Rentner  nach  besserem  Zinsertrag,
die  Furcht  vor  der  Verfolgung  von  seiten  des  Fiskus  mit  Steuern,  sobald
er  gute  französische  Werte  kauft,  oder  seine  Spekulationssucht  stimulierend ­
  auf  die  Emission  jener  hoch  verzinslichen  ausländischen  Wertpapiere ­
  durch  die  Banken  einwirkten,  oder  die  Banken  aus  eigenen,  gewinnsüchtigen ­
  Wünschen  zum  Ankauf  der  Effekten  anregten,  ist  äußerst
schwierig  zu  führen.  Sie  dürfte  im  Endresultat  wohl  eine  wechselseitige
Beeinflussung  ergeben.  Dann  ist  ein  nicht  zu  kleiner  Posten  in  das  Schuldkonto ­
  der  französischen  Regierung  einzutragen.  Sie  bewegte  sich,  wie
schon  erwähnt,  durch  gewissenlose  Politiker  des  In-  und  Auslandes
geführt,  in  einem  kriegslüsternen  Kurs  und  benutzte  die  Kapitalkraft
des  Landes  für  ihre  politischen  Zwecke.  Die  Emissionen  der  ausländischen ­
  Werte  wurden  von  ihr  dazu  noch  vom  steuerfiskalischen  Gesichtspunkte ­
  aus  begünstigt,  um  durch  die  Effekten-Emissionssteuer
die  Staatskassen  aufzufüllen.  Es  ist  also  nicht  zu  verkennen,  daß  auch
von  hier  aus  Fehler  gemacht  wurden,  die  unter  Einschluß  der  Rentner-Wünsche
  und  Bankpolitik  eher  das  Urteil  eines  allseitigen  Verschuldens,
als  einer  alleinigen  Schuld  der  Finanzkreise  rechtfertigen  lassen.
Bereits  vor  Ausbruch  des  Krieges  war  das  Vertrauen  der  Bankgläubiger ­
  zu  den  großen  Kreditinstituten  stark  erschüttert.  Dies  war
nur  zu  natürlich.  Eine  so  leicht  geführte  Bankpolitik,  wie  sie  bereits
geschildert  wurde,  mußte  einmal  zum  Schaden  ausschlagen.  Die
„Frankfurter  Zeitung“  faßt  die  Lage  der  Banken,  wie  sie  in  den  letzten
Friedensmonaten  vorherrschte,  sehr  gut  zusammen.  Sie  sagt  wörtlich:
„Enorme  Verluste  an  mexikanischen,  brasilianischen,  argentinischen
und  anderen  Papieren  haben  die  Kaufkraft  des  Publikums  geschwächt
und  sein  Vertrauen  geschmälert,  während  gleichzeitig  die  Furcht  vor
h  a.  a.  O.  S.  202.
        <pb n="139" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

123

den  neuen  Steuern  vielfach  dazu  führte,  die  Kapitalien  im  Ausland
in  Sicherheit  zu  bringen.  So  lange  die  Haussetendenz  dauerte  und  die
Vertrauensseligkeit  der  Kundschaft  keine  Grenzen  kannte,  haben  die
Banken  glänzende  Geschäfte  gemacht  Jetzt  zeigt  sich
die  Kehrseite;  die  Kundschaft  ist  übersättigt,  die  Kurse  sind  stark  gefallen, ­
  und  die  Emittenten  haben  sehr  viel  zurücknehmen  müssen,  ohne
die  Kurse  halten  zu  können.  Die  Banken  befinden  sich  daher  jetzt  in
einer  wenig  beneidenswerten  Lage  " 1 )
Zu  dieser  unerquicklichen  Lage,  die  im  wesentlichen  mit  der  Börsendepression ­
  zusammenhing  und  durch  sie  deutlicher  hervortrat,  kam
noch  hinzu,  daß  seit  einigen  Wochen  —  vor  Ausbruch  des  Krieges  —■
in  der  Tagespresse  eine  unerfreulich  scharfe  Verleumdungskampagne
gegen  die  Kreditbanken  einsetzte.  In  Zeitungsartikeln,  Broschüren
aller  Art  wurden  gegen  einzelne  Banken  die  ärgsten  Verdächtigungen
ausgesprochen,  die  leicht  zu  einer  Existenzgefährdung  aller  Kreditinstitute ­
  führen  konnten.  Die  Alarmnachrichten,  deren  Schlagwörter  vornehmlich ­
  Unsolidität  sowie  baldige  Insolvenz  waren,  machten  die  Di,positeneinleger
  scheu,  die  dann  in  ihren  dunklen  Befürchtungen  die  Banken
stürmen  sollten.
Trotz  aller  Bestrebungen  des  Finanzministers,  den  unschönen  und
gefährlichen  Hetz-  und  Wühlarbeiten  ein  Halt  zu  gebieten  und  ihnen
die  verderbenbringenden  Spitzen  abzubrechen,  gelang  es  den  Unterminiere,
an  einer  Stelle  ihr  Ziel  zu  erreichen;  die  Depositengläubiger  stürmten
im  Mai  die  „Societe  Generale“.  Diese  Bank  soll  nach  den  Ausstreuungen
jener  geheimen  Kräfte  durch  verfehlte  Terrain-  und  Effektenspekulationen
  Gelder  verloren  haben,  die  ihr  eigenes  Kapital  um  viele  Millionen ­
  Franken  überschreiten.  Das  Vertrauen  der  Depositengläubiger
war  daher  vollkommen  geschwunden.  Den  Schaltern  der  Bank  drohte
ein  gefährlicher  Sturm,  so  daß  sie  sich  genötigt  sah,  von  der  Regierung
ein  Vertrauensvotum  zu  erbitten.  Dieses  wurde  ihr  von  der  Bank  von
Frankreich  auf  Veranlassung  der  Regierung  nach  Prüfung  ihrer  Bilanzen
und  Bücher  erteilt.  So  konnte  die  Gewalt  des  ersten  Ansturms  gebrochen ­
  werden  und  die  „Societe  Generale“  vor  dem  Zusammenbruch
bewahrt  bleiben.  Der  Run  auf  dieses  zweitgrößte  Kreditinstitut  wird
von  ihm  selbst  auf  Zeitungsverleumdungsarbeit  zurückgeführt.  Nach
dem  Ausweise,  den  die  Bank  nach  Ablauf  dieser  Vorgänge  bekannt  gab,
schien  sie  vollauf  in  der  Lage,  die  Abhebungen  befriedigen  zu  können,
schien  also  in  ihrer  Liquidität  keineswegs  erschüttert  gewesen  zu  sein.
Die  Zahlen  ihrer  Monatsbilanz  weisen  die  folgenden  Daten  auf  (in
Mill.  Frcs.):
Ende  April  1914  bar 2 )  1236,00,  sofort  fällige  Verbindlichkeiten  1689,00
Ende  Juni  1914  bar  (nach  dem  Run)  923,00,  „  „  „  1413,00
Die  Vorgänge  in  den  Beziehungen  zwischen  der  „Societe  Generale“
und  ihren  Gläubigern  kann  man  als  die  ersten  Vorboten  für  eine  mögh
  Siehe  Frankfurter  Zeitung,  27.  Mai  1914.
2 )  bar  s=  sofort  greifbare  Aktiva  (Kasse,  Bankguthaben,  Wechsel).
        <pb n="140" />
        124

Erwin  Respondek,

liehe  Krisis  betrachten,  die  notwendig  zwischen  Banken  und  Kundenkreis ­
  irn  Falle  eines  Krieges  sich  entwickeln  mußte.  Es  kann  nur  als
bedingt  gelten,  wenn  auf  Grund  der  Bilanzen  angenommen  wird,  daß
die  Banken  den  Anstürmen  ihrer  Depositengläubiger  mit  ihren  leicht
realisierbaren  Aktiven  gewachsen  sein  müssen.  Denn  die  restlose  Befriedigung ­
  aller  Abhebungen  ist  tatsächlich  nicht  durchführbar.  Werden
unter  diesem  Gesichtspunkte  Aktiva  und  Verbindlichkeiten  der  drei
größten  Banken  einander  gegenübergestellt,  so  zeigen  sie,  daß  die  ausgesprochene ­
  Behauptung  volle  Geltung  hat.  Am  31.  Mai  1914,  also
zwei  Monate  vor  Ausbruch  des  Krieges,  ergab  sich  das  folgende  Bild
(in  Mill.  Frcs. 1 ):

Liquiditätsbild  der  drei  Depositengroßbanken
am  31.  M  ai  1914.

Depositen
und
Kreditoren

Barguthaben
und
Wechselbestand

Differenz

Credit  Lyonnais

2471,00

1590,00

881,00

Society  G6n6rale

1868,00

962,00

906,00

Comptoir  National

1631,00

1202,00

429,00

5970,00

3754,00

2216,00

Würden  nach  diesen  Zahlen  alle  Depositengläubiger  und  Kreditoren
zur  sofortigen  Abhebung  schreiten,  so  könnten  diese  drei  Banken  nur
62,9  %  ihrer  Gläubiger  befriedigen  und  dies  auch  nur  nach  und  nach
und  so  lange,  als  es  ihnen  offen  steht,  ihr  Wechselportefeuille  bei  der
Notenbank  zu  rediskontieren.
Der  Krieg  erbrachte  denn  auch  den  Beweis  des  wenig  haltbaren
Zustandes  der*  Mehrzahl  der  französischen  Kreditinstitute.  Glücklicherweise ­
  kam  den  Kreditbanken  zu  Beginn  der  Kriegskrisis
ein  günstiges  Moment  zugute.  Die  französische  Volkswirtschaft  befand ­
  sich  nicht  in  einem  Zustande  höchstangespannter  Konjunktur,
vielmehr  war  seit  längerer  Zeit  ein  Stillstand  im  Wirtschaftsleben  und
in  den  Betrieben,  die  mit  den  Kreditbanken  eng  verankert  sind,  eingetreten. ­
  Von  neuen  Belastungen  während  der  Krisis  blieben  die  Banken
jedoch  nicht  verschont.  Die  stark  weichenden  Kurse  mußten  gestützt
werden  und  führten  ihnen  neue  große  Posten  Effekten  zu  ihren  schon
vorhandenen  hohen  Beständen  zu.  Die  Banken  waren  mit  flüssigen
Mitteln  an  und  für  sich  wenig  gekräftigt,  und  als  kurz  vor  Ausbruch
des  Krieges  die  Börse  geschlossen  und  auf  ihre  Kassen  von  den  Kunden
Sturm  gelaufen  wurde,  Diskontforderungen  und  Depotentziehungen  in
einem  gewaltigen  Umfange  einsetzten,  versuchten  sie  durch  Rediskontierung ­
  des  Wechselportefeuilles  bei  der  Notenbank  diesen  Forderungen
zu  genügen.  In  einer  kurzen  Spanne  Zeit,  in  der  die  Banken  den  ersten

*)  Lachapelle,  Georges,  a.  a.  O.  S.  190.
        <pb n="141" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

125

Ansturm  ihrer  Kunden  ruhig  heranfluten  und  über  sich  ergehen  ließen,
hatten  die  Kassen  viele  Millionen  Frcs.  Einlagen  auszuzahlen.  Allein
der  „Credit  Industriel"  zahlte  in  sechs  Tagen,  vom  27.  Juli  an  bis  zum
x.  August,  150  502  000  Frcs.  an  seine  Depositengläubiger  und  Kreditoren ­
  zurück 1 ).  Auch  die  anderen  Banken  berichten,  daß  ihnen  in  jenen
kritischen  Tagen  einige  hundert  Millionen  Franken  entzogen  wurden,  die
sie  zum  Teil  mit  den  aus  Rediskontierungen  herrührenden  Mitteln  zu
effektuieren  suchten.  Ihre  Wechselportefeuilles  hatten  somit  eine  beträchtliche ­
  Abnahme  zu  verzeichnen,  dafür  erhöhte  sich  aber  das  Portefeuille ­
  der  Notenbank  in  der  gleichen  Zeit,  vom  27.  Juli  bis  6.  August
um  rund  2352  Milk  Frcs. *  I  2 ).  Diese  den  Banken  zugewendete  Hilfe  konnte
dennoch  keine  hinreichende  Befriedigung  gegenüber  allen  Anforderungen
gewähren.  Die  Notenbank  mußte  aber  eine  weitere  Diskontierung  im
Hinblick  auf  ihre  Aufgaben  gegenüber  dem  Staat  versagen,  und  die
Banken  stellten  damit  ihrerseits  die  Zahlungen  ein.  Sie  wurden  hierzu
um  so  dringender  gezwungen,  nicht  allein  durch  die  berechtigte  und
verständliche  Zurückhaltung  der  letzten  Kreditquelle  des  Landes,  als
auch  durch  den  Umstand,  daß  durch  den  Börsenschluß  in  Paris  und  an
allen  anderen  Plätzen  ihnen  jede  Ausgleichsmöglichkeit  und  Heranziehung
von  Kapitalien  durch  Effektenverkäufe  unterbunden  war.  Die  Coulisse  der
Pariser  Börse  schloß  am  27.  Juli  keine  Geschäfte  mehr  ab,  am  3.  August
wurde  die  Börse  vollkommen  geschlossen.  Am  Londoner  Markt  waren
nicht  einmal  internationale  erstklassige  Werte  zu  verkaufen,  und  die  Stock-Exchange
  verschloß  am  31.  Juli  ihre  Pforten.  Mailand  und  Rom,  Zürich
und  Amsterdam  stellten  ihre  Notierungen  gleichfalls  ein.  Damit  war
von  vornherein  jeder  Weg  des  Verkaufs  guter  heimischer  und  internationaler ­
  Effekten,  die  man  in  der  Bankpolitik  bislang  als  sofort  greifbare ­
  Reserve  anzusehen  pflegte,  versperrt.
Den  Geschäftsleuten,  die  nach  alter  Sitte  sofort  bei  Abgabe  der
Waren  auf  ihre  Kunden  ziehen  und  die  Tratten  bei  ihren  Banken  diskontieren, ­
  um  Lohn-  und  Gehaltszahlungen,  Steuern  und  andere  Abgaben ­
  zu  leisten,  wurden  die  Wechsel  nicht  mehr  diskontiert.  Die  Depositenkunden ­
  standen  vor  versperrten  Schaltern.
Gesetzlich  wurden  die  Banken  zur  Einstellung  ihrer  legitimen  Zahlungsverpflichtungen ­
  durch  die  Verordnung  vom  9.  August  1914  ermächtigt, ­
  die  mit  rückwirkender  Kraft  ab  1.  August  1914  ausgestattet
wurde.
Das  Moratorium  vom  9.  August  1914  über  die  Rückziehung  von
Bardepots  bei  Banken  und  Kreditinstituten  —  Bankmoratorium  —  ist
wohl  neben  dem  Wechselmoratorium  die  einschneidendste  Maßregel  im
b  Siehe  Geschäftsbericht  des  Credit  Industriel,  abgedruckt  im  L’Economiste  Franpais
I 9i5,  S.  6i4/rs.  Nach  dem  Bericht  überstiegen  die  Auszahlungen  die  Einzahlungen  um
68  754  000,00  Frcs.,  d.  h.  also  81  748  000,00  Frcs.  flössen  der  Bank  aus  anderen  Quellen
2U ,  eingegangene  Außenstände,  Rediskontierung  bei  der  Notenbank  usf.,  so  daß  sie  immer
noch  rund  69,00  Milk  Frcs.  aus  eigener  Kraft  abführen  konnte.
2 )  Rede  von  Ribot  in  der  Kammer  vom  18.  Dezember  rgi4,  siehe  L'Economiste
Franpais  No.  52,  S.  652—653.
        <pb n="142" />
        I2Ö

Erwin  Respondek,

französischen  Wirtschaftsleben,  die  auch  das  offene  Geständnis  der
schwachen  Lage  der  Banken  darstellt.
Der  Erlaß  ordnet  eine  Frist  von  vollen  30  Tagen  ab  1.  August  1914
für  die  Auszahlung  von  Bardepots  und  Kreditsalden  aus  Konto-Korrentguthaben
  an.  Im  Laufe  des  genannten  Zeitraums  hat  jeder  Gläubiger
jedoch  das  Recht,  sein  Guthaben,  das  unter  250  Frcs.  groß  ist,  voll
abzuheben.  Über  den  Betrag  von  250  Frcs.  hinaus  kann  er  aber  nur
noch  5  %  vom  Überschuß  abheben.  Besitzt  er  also  z.  B.  bei  seiner
Bank  ein  Kreditsaldo  von  1250  Frcs.,  so  ist  die  Bank  zur  nachstehenden

Auszahlung  laut  Gesetz  verpflichtet:
Ursprünglicher  Kreditsaldo  -j-  1250,00  Frcs.
Fester  Satz  der  Auszahlung  250,00  Frcs.
5  °/ 0  des  Überschusses  von  1000,00  Frcs.  50,00  „
Gesamtabhebungssumme  300,00  Frcs.  —  300,00  ,,
Kreditsaldo  ab  neuen  Datums  +  950,00  Frcs.

Unabhängig  von  dieser  Limitierung  ist  der  Bankgläubiger  berechtigt,
höhere  Rückzahlungen  in  einigen  durch  den  Erlaß  gleichzeitig  angeordneten ­
  Fällen  zu  erwirken.  Übt  er  z.  B.  einen  landwirtschaftlichen,  industriellen ­
  oder  kaufmännischen  Beruf  aus,  in  dem  er  ein  Arbeiterund ­
  Angestelltenpersonal  beschäftigt,  so  muß  die  Bank  ihm  von  seinem
Guthaben  an  einem  jeden  Lohntage  den  Gesamtbetrag  der  Löhne  —
unter  Vorlegung  der  Lohnliste  —  auszahlen.  Alle  zur  Erwerbung  von
Rohstoffen  notwendigen  Kapitalien  unterliegen  den  Beschränkungen
des  Moratoriums  gleichfalls  nicht.  Dem  Landwirt  sind  für  seine  Einkäufe
an  Sämereien,  Dünger,  Nutz-  und  Zugvieh  usf.  keine  Limite  gezogen.
Der  Industrielle  kann  beliebige  Summen  zum  Ankauf  von  Rohstoffen
aufwenden.  Die  Auszahlung  seitens  der  Bank  für  die  Ausnahmefälle
erfolgt  jedoch  zu  Händen  des  Lieferanten  unter  Vorlegung  der  Faktur.
Die  Industriellen  und  Lieferungsunternehmer,  die  Aufträge  für  die  Bedürfnisbefriedigung ­
  der  Landesverteidigung  erhielten,  dürfen  alle  erforderlichen ­
  Summen  in  voller  Höhe  abheben.  Das  Recht  der  Abhebung ­
  wurde  weiterhin  ausgedehnt  auf  alle  Depotinhaber,  die  Gelder
zum  Zwecke  der  Bezahlung  von  direkten  und  indirekten  Steuern,  Abgaben ­
  jeder  Art  an  den  Staat,  die  Departements  und  Gemeinden  benötigen. ­
  Hier  erfolgt  die  Auszahlung  zugunsten  jener  öffentlichen  Verwaltungen ­
  mittels  Scheck  an  die  Order  des  berechtigten  Staats-  oder
Gemeindebeamten.  Die  ergänzende  Verordnung  vom  29.  August  verfügt ­
  aber,  daß  alle  diese  erweiterten  Abhebungen  in  keinem  Falle  mehr
als  60  %  des  Kreditsaldos  vom  2.  August  1914  überschreiten  dürfen.
Es  ist  dies  ein  Schutz  gegen  zu  hohe  Abhebungen.  Nur  Gelder  für  die
Zahlung  von  Leibrenten,  Steuern  und  die  für  die  Heereslieferungen
nötigen  Summen  sind  in  voller  Höhe  —  also  unbeachtet  aller  Einschränkungen ­
  —  auszuzahlen.
Von  Monat  zu  Monat  wurde  dieses  Bankmoratorium  prolongiert.
Zu  gleicher  Zeit  sorgte  aber  die  Regierung  durch  Erweiterung  der  Aus ­
        <pb n="143" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

127

zahlungsgrenzen  für  einen  langsamen  Abbau.  In  systematischer  Zusammenstellung ­
  bietet  dieser  Abbau  das  folgende  Bild:

Abbau  des  Bankmoratorxums.

Verordnung  1914

Gültig  für  den
Zeitraum

Festes  Kontingent ­

Frcs.

%  Zuschlag
vom
Überschuß

Höchstbetrag
der  Gesamtabhebungen ­


9.  August  ....

1.  Aug.  bis  1.  Sept.

250,00
vom  Saldo

5%

vom  Saldo

29.  August  ....

1.  Sept.  ,

1.  Okt.

250,00

20  %

6°  %

28.  September.  .  .

1.  Okt.  ,

1.  Nov.

250,00

2 5  %

66%  %

27.  Oktober  .  .  .

1.  Nov.  ,

1.  Dez.

1000,00

4°%

66%%

27.  Oktober  .  .  .

1.  Dez.  ,

1.  Jan.

1000,00

5°%

75%

Im  Dezember  1914  gaben  die  Banken,  wie  oben  erwähnt,  die  einstimmige ­
  Erklärung  ab,  auf  die  Vergünstigungen  des  Moratoriums  vom
1.  Januar  1915  ab  zu  verzichten  und  den  Zahlungsdienst  in  uneingeschränkter ­
  Weise  wieder  aufzunehmen.
Das  Prinzip  —  festes  Kontingent  plus  prozentualer  Zuschlag  vom
Uberschuß  —  ist  auch  bei  den  anderen  europäischen  Ländern,  soweit
sie  ein  Moratorium  für  ihre  Kreditinstitute  erlassen  haben,  zu  beobachten. ­
  Als  Vorbild  für  diese  Art  der  Begrenzung  von  Auszahlungen
aus  Guthaben  bei  Banken,  dürfte  der  französischen  Regierung  die  bekannte ­
  Kriegsklausel,  die  „clause  de  sauvegarde“,  der  Sparkassen  gedient ­
  haben.  Diese  „clause  de  sauvegarde“  ist  dem  französischen  Sparer
in  seinem  Sparbuche  abgedruckt  und  ihm  so  schon  seit  vielen  Jahren
zur  Kenntnis  gegeben.  Sie  tritt  in  Kriegs-  und  Krisenzeiten  zugunsten
der  Sparkasse  in  Kraft  und  bestimmt,  daß  der  Sparer  nach  einer  vierzehntägigen ­
  Kündigung  nur  jedesmal  50,00  Eres,  ausgezahlt  erhält.
Diese  Maßregel  bewirkt  eine  leichtere  Verteilung  der  ersten  Anstürme
auf  einen  längeren  Zeitraum  und  kann  durch  den  hierbei  erlangten
Zeitgewinn  die  Angstabhebungen  vielleicht  auf  ein  Mindestmaß  beschränken. ­

Das  feste  Kontingent  250  Frcs.  plus  5  %  des  Überschusses  für  einen
vollen  Monat  gleicht  im  Grunde  der  festen  Abhebungsquote  50  Frcs.  und
vierzehntägiger  Fristauflauf  bis  zur  neuen  Abhebung  von  den  Sparkassen, ­
  so  daß  mit  aller  Sicherheit  angenommen  werden  kann,  daß  die
Regierung  bei  dem  Erlasse  des  Bankmoratoriums  von  dem  Sparkassenpiinzip
  sich  leiten  ließ.  Auf  dieses  System  gestützt,  glaubte  vielleicht
die  französische  Regierung  einer  schädlichen  Einwirkung  auf  die
Banken  dadurch  entgegenzutreten,  daß  sie  auch  für  sie  eine  solche
..clause  de  sauvegarde“  schuf.
Den  Kriegszahlungsmodus  der  Sparkassen,  der  seit  Jahren  bekannt  war
und  fest  stand,  plötzlich  auf  die  Banken  zu  übertragen,  heißt  aber  doch
die  Begriffe  von  Sparkasse  und  Bank  verwechseln.  Es  heißt  weiterhin
die  wirtschaftliche  Struktur  der  Sparkassengelder  und  Bankdepotgelder
        <pb n="144" />
        128

Erwin  Respondek,

verkennen.  Die  Einlagen  des  Sparers  bei  den  öffentlichen  Sparkassen  sind
nur  für  ihn  selbst  bestimmt,  sind  durchaus  für  ihn  zunächst  totes  Kapital,
das  ihm  erst  einmal  in  einer  späteren  Zeit  als  Hilfsquelle  dienen  soll.
Die  Einlagen  der  Depositengläubiger  dagegen  tragen  zum  großen  Teil
einen  ganz  anderen  Charakter.  Sie  sind  für  ihn  die  jederzeit  notwendigen
Betriebsmittel  seines  Unternehmens,  die  er  nur  zur  sicheren,  besseren
und  bequemeren  Verwaltung  seiner  Bank  übergeben  hat.  Sie  sind
gleichsam  für  ihn  und  sein  Geschäft  das  tägliche  Brot,  das  jederzeit
in  jeder  notwendigen  Menge  frei  sein  muß.  So  ist  es  klar,  daß  die
Sperrung  der  Bankguthaben  von  der  weittragendsten  Bedeutung  für
das  ganze  nationale  Wirtschaftsleben  sein  mußte.  Handel  und  Verkehr ­
  empfanden  diesen  scharfen  Druck  überaus  schwer.  Was  nützen
auch  z.  B.  die  besonderen  Berücksichtigungen  der  produzierenden  Kreise  ?
Diese  können  gewiß  ihren  Betrieb  im  alten  Umfange  weiterführen,
und  dies  ist  vorteilhaft  für  die  Wirtschaft  als  Ganzes.  Aber  die
Produzenten  werden  die  Herstellung  von  Kleidungsstücken,  Maschinen,
Gebrauchsgegenständen  aller  Art  einschränken  müssen,  denn  die  Abnehmer ­
  können  ja  auch  bei  dringendem  Gebrauch  wenig  oder  nichts
kaufen,  weil  die  Banken  ihnen  ihre  Guthaben  nur  beschränkt  auszahlen.
Gegen  die  Lasten  des  Bankmoratoriums  wurde  auch  bald  von  den  betroffenen ­
  Kreisen  energisch  Front  gemacht.  Alle  Demonstrationen
konnten  aber  an  der  Tatsache  nichts  ändern,  daß  die  Banken  ihre  Auszahlungen ­
  zunächst  auf  die  gesetzlich  festgesetzten  Quoten  beschränkten
und  hieran  festhielten.  Man  entwarf  Pläne  zur  Abhilfe.  Einen  bedeutsamen, ­
  wenn  auch  nicht  originellen  Vorschlag  entwickelte  der  französische
Nationalökonom  Raphael-Georges  Levy 1 ).  Er  empfiehlt  eine  Art
Überweisungsverkehr  für  Kunden  bei  ein  und  derselben  Bank  und  zwischen ­
  Banken  untereinander,  sobald  die  Kunden  ihre  Konten  bei  verschiedenen ­
  Instituten  haben.  Der  Kunde  A  weist  seine  Bank  an,  dem
Kunden  B  z.  B.  1000,00  Frcs.  zu  überweisen.  Die  Bank  nimmt  daraufhin ­
  eine  Umschreibung  in  ihren  Büchern  vor  und  beglaubigt  dies  dem
Kunden  A  durch  ein  übertragbares  Zertifikat.  Das  Zertifikat  soll  zirkulieren, ­
  nicht  wie  Geld,  aber  wie  irgendeine  andere  Bankanweisung.  Hierdurch ­
  würden  Handel  und  Verkehr  die  Möglichkeit  gegeben  sein,  ungestört ­
  durch  die  Beschränkungen  des  Moratoriums  in  der  Abwicklung
ihrer  Geschäfte  fortzufahren.  Die  Regelung  des  Verkehrs  unter  verschiedenen ­
  Bankkunden,  die  ihre  Konten  nicht  bei  der  gleichen  Bank  haben,
will  Levy  durch  ein  neu  zu  schaffendes,  eigens  hierfür  bestimmtes  „Bankgeld“ ­
  vornehmen.  Dieses  „Bankgeld“  ist  nichts  anderes  als  eine  Anweisung ­
  auf  die  Bank,  nach  der  dem  Inhaber  des  „Bankgeldes“  bei  seiner
Bank  eine  Gutschrift  auf  seinem  Konto  gewährleistet  wird.  Die  Banken
rechnen  untereinander  durch  Austausch  jener  „Bankgeld-Abschnitte“
im  Clearing  ab.
Diese  theoretischen  Erörterungen  fanden  trotz  der  Wichtigkeit
und  des  Ernstes  des  Gegenstandes  keine  praktische  Ausführung.  Was
1 )  Vgl.  seinen  Aufsatz  im  „Figaro“,  22.  August  1914.
        <pb n="145" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

I29

die  Banken  bestimmt  haben  mag,  sich  einem  solchen  Buchverkehr
zu  verschließen,  ist  nicht  bekannt  geworden  und  auch  nicht  recht
ersichtlich.  Denn  zweifellos  birgt  dieser  Zahlungsmodus,  den  man
nur  als  einen  erweiterten  Scheckverkehr  bezeichnen  kann,  und  der  so
durchaus  nichts  Originelles  ist,  den  großen  Vorteil  in  sich,  daß  die
Handeltreibenden  über  uneingeschränkte  Summen  verfügen  können,
ohne  ihre  Depots  zurückzuziehen.  Der  Bank  kann  es  wohl  im  Prinzip
gleichgültig  sein,  daß  die  Forderungen  an  ihren  Kunden  A  kleiner  und
dafür  die  Forderungen  an  B  größer  werden,  und  daß  im  erweiterten
Verkehr  die  Bank  A  einmal  Kreditor,  dann  wieder  Debitor  der  Bank
B  wird  und  umgekehrt.  Aber  gerade  in  diesem  auf  den  ersten  Blick
verständig  und  unbeachtlich  erscheinenden  Austausch  der  Schuldverpflichtungen ­
  liegen  gewisse  Gefahren.  So  z.  B.  wird  die  schwache
Bank  A  fürchten,  daß  ihr  Kreditor  A  durch  einen  Strohmann  sein
Guthaben  nach  einer  Bank  B  durch  das  „Bankgeld“  überführt,  zu  der
er  ein  größeres  Vertrauen  besitzt  und  wo  er  seine  Kapitalien  sicherer
aufbewahrt  glaubt.  Wenn  andererseits  aber  die  Bank  A  insolvent  wird,
trägt  die  Bank  B  den  Verlust,  da  sie  im  Verrechnungsverkehr  keinen
realen  Gegenwert  für  das  „Bankgeld“  bei  der  Bank  A  findet.
Die  Untätigkeit  der  Banken  verstärkte  die  Forderungen  der  Bankgläubiger ­
  nach  einer  umfangreicheren  Erhöhung  der  Auszahlungsquoten.
Die  Regierung  konnte  aber  diesen  immer  dringender  werdenden  Wünschen ­
  nicht  ent  gegenkommen.  Es  war  nicht  angängig,  die  obligatorischen
Auszahlungen  mit  einem  Male  höher  zu  bemessen,  ohne  die  Banken
der  Gefahr  auszusetzen,  daß  sie  durch  zu  große  Abhebungen  von  ihren
Aktiven  entblößt  würden.
Mit  Vorsicht,  gleichsam  Schritt  für  Schritt,  erhöhte  die  Regierung
die  Kontingente,  bis  die  Banken  sich  stark  genug  fühlten,  auf  den  gesetzlichen ­
  Schutz  Verzicht  leisten  zu  können.
Es  fehlte  in  den  ersten  Monaten  neben  dem  Vorschläge  von  Levy
nicht  an  zahlreichen  Anregungen,  um  die  allgemeinen,  für  alle  Banken
erlassenen  Verordnungen  zu  verändern.  So  schlug  man  unter  anderem
eine  Individualisierung  bei  der  Bemessung  der  Auszahlungsquoten  vor.
Hiernach  sollten  die  auf  einer  festen  Basis  stehenden  Kreditinstitute
höhere  Quoten  auszahlen  als  diejenigen,  deren  Güte  nicht  ganz  bestimmt ­
  und  zuverlässig  erwiesen  sei.  Es  ist  aber  klar,  daß  eine  derartige
Spezialisierung  der  französischen  Banken  nach  ihrer  Qualität  zunächst
eine  Krediterschütterung  im  Inlande  und  dann  auch  im  Auslande  hervorgerufen
  hätte.  Weiterhin  würde  diese  Methode  eine  eingehende,
längere  Prüfung  aller  Banken  durch  die  Regierung  vorausgesetzt  haben.
Abgesehen  von  den  vielen  technischen  Schwierigkeiten  eines  solchen
Verfahrens,  dürfte  die  Regierung  kaum  die  Verantwortung  über  ihre
Urteile  von  gut  und  schlecht  und  die  hieraus  resultierenden  Folgen
auf  sich  nehmen  können.
In  den  Kreisen  der  Unternehmer  und  Privaten  wurde  die  Tatsache
des  Bankmoratoriums  als  eine  unverzeihliche  Beeinträchtigung  ihrer
Respondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.  9
        <pb n="146" />
        130

Erwin  Respondek,

Freiheit  in  Gelddispositionen,  als  ein  Vertrauensbruch  der  Banken  angesehen. ­
  Ihre  Kritik  identifizierte  das  Bankmoratorium  einfach  mit
einer  absoluten  Illiquidität,  ohne  alle  jene  inneren  und  äußeren  Faktoren, ­
  die  zur  Zahlungseinstellung  und  -beschränkung  zwangen,  in  Rechnung ­
  zu  stellen.  Man  vergaß  so  gern  die  der  Geschäfts-  und  Privatwelt ­
  zugebiiligten  Verlängerungen  der  Zahlungsfristen  aus  Wechsel-,
Vorschuß-  und  Kaufforderungen,  besonders,  daß  die  Verlängerung  aller
Verbindlichkeiten  aus  den  Reportengagements  große  Summen  von  Kapitalien, ­
  dazu  noch  eine  bevorzugte  Kapitalsanlage,  die  bisher  mit  am
liquidesten  galt,  immobilisierte.  Daß  auch  hier  alle  alten  Theorien  und
Dogmen  der  Bankpolitik  versagten,  kann  unmöglich  den  Banken  belastet ­
  werden.
Allgemeine  Panik  unter  den  Depositen-Gläubigern,  die  nach  Wiedergabe ­
  ihrer  Einlagen  und  Depots  stürmisch  drängten,  allgemeines  Moratorium, ­
  das  den  Banken  ihre  wertvollsten  Aktiven  unrealisierbar  machte
und  andererseits  ihre  Zahlungspflichten  beschränkte,  eingeschränkte  und
später  vollkommen  aufgehobene  Rediskontierungsmöglichkeit  bei  der
Notenbank,  Börsenpanik  und  Börsenschluß  waren  nicht  die  einzigen
Schläge.  Noch  eine  andere  Kraft  wirkte  auf  sie  ein  und  erzeugte  höchste
Besorgnis  und  tiefste  Bestürzung.  Die  deutschen  Truppen  stürmten
eilenden  Schrittes  in  der  Linie  auf  Paris.  In  den  kritischen  Tagen
des  September  flohen  eine  große  Anzahl  der  führenden  Banken  nach
Bordeaux.  Mit  großer  Hast  wurden  bares  Geld,  Effekten,  Wechsel
und  andere  Dokumente  in  die  ungefährdete  Zone  gebracht,  um  die  Originalwerte ­
  vor  einer  befürchteten  Zerstörung  zu  schützen.  Nur  wenige
Banken  schlossen  sich  diesem  Auszug  nach  Bordeaux  nicht  an.  Sie
verblieben  in  Paris,  wie  sie  angaben,  um  Beruhigung  und  Vertrauen  in
die  Bevölkerung  zu  tragen.
Es  war  klar,  daß  unter  all  diesen  gezeichneten  einschlagenden  Gesetzesbestimmungen, ­
  dem  allgemeinen  Kriegswirrwarr,  die  Depositenbanken ­
  annahmen,  während  der  ersten  Kriegsraonate  ihre  natürlichen  bankmäßigen ­
  Aufgaben  gegenüber  den  Kunden  vernachlässigen  zu  können.
Schecks  auf  das  Ausland,  auch  auf  die  allerbesten  englischen  und  amerikanischen ­
  Häuser  waren  bei  ihnen  nicht  zu  negozieren.  Sie  Verweigerten
die  Auszahlung  von  Schecks,  die  in  den  von  den  deutschen  Truppen
besetzten  Gebieten  ausgestellt  wurden,  auch  wenn  sie  von  der  Ausstellung ­
  der  betreffenden  Schecks  vorher  benachrichtigt  waren.  Sogar
das  Inkasso  von  Wechseln  lehnten  sie  ab 1 ).
Nach  Meldungen  des  „Temps“ 2 )  standen  Kunden  vor  verschlossenen
x )  So  meldet  der  „Figaro“  am  26.  August  1914  das  folgende  Vorkommnis:  Eine
Kaufmannsfirma,  die  seit  vielen  Jahren  Kundin  einer  Großbank  ist,  reichte  derselben  ein
Paket  Wechsel  (25  000  Frcs.)  auf  die  Provinz  zum  Inkasso  ein.  Die  Bank  weist  die  provisionsweise ­
  Einziehung  unter  dem  Hinweis  auf  das  Moratorium  zurück.  Die  Bemerkung
des  Kunden,  daß  das  Moratorium  fakultativ  und  nicht  obligatorisch  sei,  und  der  Schuldner
bei  Präsentation  des  Wechsels  somit  zahlen  wird,  sobald  er  es  kann  oder  will,  blieb  ohne
Erfolg.
2 )  Temps,  August-Oktober  1914.
        <pb n="147" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

131

Türen,  als  sie  die  Ersparnisse,  die  sie  kurz  vor  Ausbruch  des  Krieges
ihren  Banken  anvertraut  hatten,  abzuheben  wünschten.  Im  Monat  Oktober ­
  liegt  die  Mehrzahl  der  Fälligkeitstermine  für  die  Kouponszahlungen.
Viele  französische  und  ausländische  Unternehmen  stützen  sich  auf
die  erlassenen  Moratorien  und  zahlen  ihre  Zinsen  nicht.  Auch  die  französischen ­
  Banken  machten  zum  Teil  vom  Moratorium  der  Dividendenund
  Zinszahlungen  Gebrauch,  ja  die  Zurückhaltung  ihrer  Dividenden
war  durch  Dekret  vom  13.  September  1914  geboten.  Es  bestimmte
nämlich:  „Diejenigen  Gesellschaften,  die  Dividenden  entrichten,  verzichten ­
  damit  eo  ipso  auf  die  ihnen  im  Moratorium  bewilligten  Erleichterungen“. ­

So  war  es  verständlich,  daß  der  Credit  Lyonnais,  das  älteste  und
angesehenste  Bankinstitut,  erklärte,  und  zwar  im  Monat  August,  auf
Anordnung  der  französischen  Regierung  seine  Restdividende  von  12,5
Mül.  Eres,  für  das  Jahr  1913  nicht  zahlen  zu  können.  Hierin  wurde
von  vielen  Seiten  das  erste,  untrügliche  Zeichen  des  vollkommenen  Zusammenbruchs ­
  des  französischen  Depositenbanksystems  gesehen.  Der
Triumph  war  verfrüht,  denn  die  von  der  Bank  eingenommene  Haltung
war  gesetzlich  durchaus  geboten.  Auch  wenn  hier  keine  Verordnung
über  die  Nichtzahlung  der  Dividenden  Vorlage,  wären  die  Kreditbanken
gegenüber  ihren  Depositen-Gläubigern  geradezu  verpflichtet  gewesen,
ihre  Dividenden  zurückzuhalten.  Halten  die  Banken  den  Depositen-Gläubigern
  ihre  Einlagen  vor,  dann  dürfen  sie  naturgemäß  um  so  weniger
ihre  Gewinne  den  Aktionären  auszahlen.  Dies  würde  eine  ungerechtfertigte ­
  Bevorzugung  der  Aktionäre  vor  den  Deponenten  sein.
Zahlten  die  Banken  auch  ihre  eigenen  Dividenden  nicht,  so  hatten
sie  aber,  gemäß  ihres  Charakters  als  Bank,  der  Kundschaft  ihre
Dienste  für  die  Kouponseinlösungen  der  Staatsanleihen,  Aktien
usw.  zur  Verfügung  zu  stellen.  Zwar  hielten  nur  eine  kleine  Anzahl
der  ausländischen  Staaten,  so  die  Spanier,  Italiener,  Schweizer,
Holländer,  sowie  der  französische  Staat  und  die  großen  Eisenbahnen  ihren
Zinsendienst  aufrecht,  aber  die  Kreditbanken  trafen  keinerlei  Vorbereitungen ­
  für  die  Einlösung  der  von  den  fremden  Ländern  und  zum  Teil
heimischen  Gesellschaften  bercitgestellten  Zinsen.  Diese  Vernachlässigung ­
  eines  für  den  französischen  Rentner  so  wichtigen  Dienstes
verstieß  im  schärfsten  Maße  gegen  das  öffentliche  Interesse  und  löste
bald  heftige  Anklagen  aus.  Erst  unter  dem  Drucke  der  öffentlichen
Kritik  nahmen  die  Banken  den  Koupons-Einlösungsdienst  wieder  auf,
hielten  jedoch  dafür  die  Auszahlung  zurück.  Die  Pariser  Kaufleute
gaben  ihren  Bankverbindungen  Koupons,  die  von  den  Banken  bei  den
Anleiheschuldnern  auch  eingelöst  wurden.  Dagegen  bewirkten  sie  die
Auszahlung  des  Gegenwertes  an  ihre  Kunden  nicht,  sondern  suchten
die  Zahlung  hinauszuschieben.  Diese  unrechtmäßige  Vorenthaltung  der
Auszahlung  erregte  natürlich  in  den  Geschäftskreisen  wiederum  große
Erbitterung.  So  fiel  es  schwer,  den  an  sich  schon  durch  das  Versagen
der  Banken  gespannten  Verkehr  wieder  in  eine  regelrechte,  sichere  und
9*
        <pb n="148" />
        132

Erwin  Respondek,

vertrauensvollere  Bahn  zu  bringen.  Für  den  glatten  Fortgang  des  Geschäftes ­
  war  dies  sehr  hinderlich.  Das  Moratorium  schützt  die  Banken
vor  zu  hohen  Geldentziehungen,  dennoch  hielten  sie  sich  von  der  Gewährung ­
  neuer  Kredite  fast  vollkommen  zurück.  Die  Wirtschaftenden,
vor  allem  die  solide  Industrie,  empfanden  auch  dies  besonders  schwer,
weil  es  ihnen  unmöglich  wurde,  mit  eigenen  Mitteln  den  Betrieb  im
erwünschten,  verstärkten  Maße  wieder  aufnehraen  zu  können.
In  dieser  passiven  Haltung  verharrten  die  Banken  längere  Zeit
zum  Nachteil  der  mit  ihnen  arbeitenden  Kunden  und  damit  auch  zum
eigenen  Schaden.  Ihre  Kreditwürdigkeit  hat  hierdurch  sehr  gelitten.
Nichts  beweist  das  besser,  als  die  Notwendigkeit,  sich  gegen  die  verschiedensten ­
  Anschuldigungen  und  Vorwürfe  zu  verteidigen,  ihre  Lage
und  Politik  zu  rechtfertigen.  In  den  Jahresberichten  für  1914  sind
denn  auch  vornehmlich  Loblieder  auf  ihre  Arbeit  zu  finden.  So  versichern
sie,  daß  es  den  kleinen  und  mittleren  Kunden  keineswegs  an  hinreichendem
Diskontkredit  mangeln  konnte,  da  sie  ihnen,  freilich  soweit  es  mit  den
Erfordernissen  einer  flüssigen  Kasse  in  Einklang  zu  bringen  war,  bereitwilligst ­
  ihre  Hilfe  zur  Verfügung  stellten.  Sie  beteuern  auch  zum  Teil
ihre  Unschuld  an  dem  Darniederliegen  des  Wirtschaftslebens,  das  allein
durch  das  allgemeine  Moratorium  nicht  wieder  aufleben  könnte.  Sie
seien  unschuldig.  Aber  in  ihren  Berichten  sind  bisweilen  direkte  Widersprüche ­
  zu  entdecken.  Im  Widerspruch  mit  ihren  Unschuldsbeteuerungen
sind  z.  B.  die  Mitteilungen  des  Comptoir  National  im  Geschäftsbericht
für  das  Jahr  1914.  Hier  sagt  die  Bankleitung  wörtlich:  „Um  vollkommen ­
  zu  den  normalen  Arbeitsmethoden  zurückzukehren,  haben
wir  natürlich  warten  müssen,  bis  der  Finanzminister  in  seinem  Expose
im  Dezember  1914  anerkannte,  daß  die  Bank  von  Frankreich  sich  bereit
erklärt,  zu  den  gleichen  Bedingungen  zu  rediskontieren  wie  vor  dem
Kriege“,  und  weiterhin;  „Sobald  diese  Versicherung  gegeben  wurde,
haben  wir  bezüglich  der  Depots  auf  jegliche  Einschränkung  verzichtet 1 )“.
Diese  Stellungnahme  der  einen  Bank  ist  sehr  bezeichnend.  Sie  ist
auch  verständlich,  beweist  aber  zugleich,  daß  die  Banken  aus  sich  heraus,
aus  eigener  Initiative  auf  eine  Verbesserung  ihrer  Lage  nicht  hinwirken
konnten  und  wollten.  Insoweit  können  sie  sich  vor  den  Anfeindungen
ihrer  Depositen-Gläubiger  nicht  bewahren  und  deren  Rechtmäßigkeit
nicht  erschüttern.
Die  Stellung  der  Kreditbanken  in  der  französischen  Volkswirtschaft,
ihr  geschildertes  eigenartiges  Verhalten  im  Kriege  gegen  Handel  und
Industrie,  das  im  wesentlichen  auf  eigene  Vorteile  bedacht  und  der  Arbeit
der  Unternehmenden  nur  hinderlich  ist,  hat  auch  der  Finanzminister
R  i  b  01  in  seiner  Kammerrede  vom  12.  Dezember  1914  gegeißelt.
Er  wies  in  vorsichtiger  Weise  auf  ihre  Lage  hin  und  die  Fehler,  die  von
ihnen  vor  dem  Kriege  gemacht  wurden  und  zu  den  heutigen  Schwierigkeiten ­
  geführt  haben.  Er  stellte  die  in  der  Bankwelt  große  Erregung  und
Aufsehen  erregenden  Thesen  auf,  daß  erstens  die  Banken  die  Gelder  ihrer
9  L'Economiste  Franjais  i.  Mai  1915,  No.  18,  S.  573.
        <pb n="149" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

133

Kunden  nicht  liquid  genug  angelegt  hätten,  zweitens  die  Regierang
daher  in  Zukunft  ihre  Anlagen  besser  überwachen  und  bei  der  Zulassung
von  Werten  zur  Börse  vorsichtiger  werden  müsse,  und  endlich  die  Bankbilanzen ­
  künftig  eingehend  geprüft  würden.
In  dieser  kurzen  Zusammenfassung  wird  mit  scharfen  Zügen  ein
ebenso  wichtiges  wie  schwieriges  Arbeitsproblem  für  den  kommenden
Frieden  von  amtlicher  Seite  angekündigt.  Hiernach  dürfte  also  nach
Beendigung  des  Krieges  als  erste  Vorsichtsmaßregel,  um  neue  Fehler  zu  vermeiden, ­
  eine  staatlich  geleitete  Bankpolitik  verfolgt  werden,  die  einen  Zwang
auf  die  Depositenbanken  ausübt,  vor  allem  hinreichende  Barbestände
zu  halten,  nicht  übertriebene  Immobilisationen  zu  machen  und  ihren
Liquiditätsgrad  durch  eine  klare  Bilanz  besser  zutage  treten  zu  lassen.
Unzweifelhaft  würde  viel  erreicht,  wenn  die  Banken  die  ihnen  vom  Finanzminister
  vorgezeichneten  neuen  Richtungen  einschlagen  wollten.  Schon
sehr  erfreulich  wäre  es  aber,  wenigstens  frühzeitig  von  den  Banken  klare,
ausführlicher  als  bisher  spezialisierte  Bilanzen  zu  erhalten.  Die  ersten
Kreditbanken  zeichnen  sich  durch  verdunkelte  Bilanzaufstellungen,
ungenügende  Postengliederangen  geradezu  aus.  So  führt  z.  B.
der  Credit  Lyonnais  in  seinen  Bilanzen  7  Posten  auf  der  Aktivseite
und  10  auf  der  Passivseite.  Dagegen  führen  die  Berliner  Banken  in  ihren
Bilanzaufstellungen  bis  zu  20  und  mehr  Reihen  alLin  auf  einer  Seite.
Natürlich  wehrte  sich  die  Bankwelt  sofort  mit  aller  erschwinglichen
Beredsamkeit  gegen  die  vom  Finanzminister  angekündigten  staatlichen
Änderungsabsichten.  Man  verspricht  sich  von  der  staatlichen  Aufsicht ­
  keinen  Nutzen,  aber  desto  mehr  Schaden.  Denn  die  Beschränkung
der  ökonomischen,  produktiven  Kräfte  wäre  unausbleiblich,  und  damit
die  Entfaltung  des  Landes  zu  einer  Zeit,  in  der  es  gilt,  die  schweren
Wunden  des  Krieges  zu  heilen,  in  Frage  gestellt:  „Es  ist  das  Regime
der  Freiheit,  das  die  Möglichkeit  gab,  dem  Handel  die  Erleichterungen
im  Diskont  und  Kredit  zu  verschaffen,  ohne  die  er  nicht  mehr  leben
könnte" 1 ),  führt  der  Comptoir  National  aus  und  will  damit  zum  Ausdruck ­
  bringen,  daß  die  Bankwelt  schematische,  straffe  Eingriffe  niemals
dulden  würde.
Wenn  ein  mit  den  französischen  Geld-  und  Kreditverhältnissen
so  vertrauter  Mann,  wie  es  der  Finanzminister  doch  sein  muß,  über  die
Banken  ein  derartiges  Urteil  spricht,  hieraus  die  natürlichen  Konsequenzen ­
  zieht  und  die  angekündigten  Reformen  für  notwendig  hält,  so  wird
man  ihm  Glauben  schenken  dürfen  und  auf  seine  Kraft,  das  aufgestellte
Programm  zu  realisieren,  sicherlich  rechnen  können.  So  werden  wohl
alle  Widersprüche  der  französischen  Bankleiter  erfolglos  bleiben.
Dennoch  wäre  es  ein  Fehler  und  nicht  zum  geringsten  eine  Ungerechtigkeit, ­
  die  vielseitigen  Vorwürfe,  Verwünschungen  und  Verurteilungen, ­
  die  man  in  der  gezeichneten  Richtung  vielleicht  nur  gewissen ­
  Instituten  in  ihrem  vollen  Umfang  machen  kann,  auf  das  gesamte ­
  französische  Bankwesen  zu  übertragen.  Gibt  doch  der  Finanz-!)
  Comp.  Nat.  Geschäftsbericht  L’Economiste  Franfais  1915,  S.  574.
        <pb n="150" />
        134

Erwin  Respondek,

minister  selbst  zu,  daß  die  Regierung  auch  Fehler  gemacht  hat,  daß
sie  die  Beaufsichtigung  des  Kreditwesens  vernachlässigte,  ihre  Gesetzes-Macht
  nicht  in  der  richtigen  Art  ausgeübt  und  zur  Geltung
gebracht  hat.  Eines  ist  ohne  weiteres  klar.  Hätten  die  Banken  nur  als
Zeichnungsstelle  und  nicht  als  Emissionshaus  gewirkt,  sich  nur  mit  der
Eskomptierung  erstklassiger  Kommerzwechsel  befaßt,  Vorschüsse  auf  erstklassige ­
  französische  Wertpapiere  gewährt  und  wären  sie  nur  spärlich  Reportengagements ­
  eingegangen,  so  würden  die  durch  das  Dekret  vom  9.
August  1914  für  sie  getroffenen  Schutzmaßnahmen  nicht  nötig  gewesen  sein.
Die  Banken  können,  wie  schon  früher  ausgeführt,  nicht  gut  allein
als  die  Schuldigen  hingestellt  werden.  Vielmehr  liegen  hier  Wechselwirkungen ­
  zwischen  Bank  und  Staat  und  Gesamtwirtschaft  vor,  die
neben  allen  Vorteilen  aus  dem  gegenseitigen  ergänzenden  Verkehr  und
Zusammenwirken  auch  —  in  Zeiten  der  Krisis  —  ihre  Schattenseiten
und  Schäden  naturnotwendig  in  sich  bergen  und  vor  allem  in  der  schärfsten ­
  Krisis,  dem  Weltkriege,  in  krassen  Formen  zum  Vorschein  treten
müssen.
Die  Erklärung  der  französischen  Bankwelt,  vom  1.  Januar  1915
ab  auf  die  Wohltaten  des  Moratoriums  Verzicht  zu  leisten,  konnte  als
der  ernste  und  entschlossene  Wille  gedeutet  werden,  an  der  Überwindung
der  wirtschaftlichen  Hemmnisse  und  an  der  nationalen  Arbeit  tätigen
Anteil  zu  nehmen.  In  dem  ersten  Chaos  der  Kriegswirrnisse  haben  die
Banken,  wie  ausführlich  dargelegt  wurde,  zweifellos  versagt  und  durch
ihr  eigenartiges,  passives  Verhalten  gegen  alles  was  Arbeit  hieß,  hat
die  französische  Handelswelt  Veranlassung  zu  bitteren,  gerechtfertigten
Klagen  gehabt.  Diese  Schwächen  suchten  die  Banken  nach  Verlauf
der  ersten  Stagnation  durch  das  eifrige  Bestreben,  sich  zu  stärken,  um
mit  neuen  Mitteln  umsichtig  und  wirksam  in  das  Wirtschaftsgetriebe
einzutreten,  wieder  auszugleichen.
Sie  waren  bemüht,  dem  Schatzamte  bei  der  Beschaffung  der
Mittel  behilflich  zu  sein,  ihm  ihr  weites  Kundenfeld  zuzuführen.  Hierdurch ­
  wollten  sie  gewiß  der  Sache  selbst  dienen,  daneben  aber  auch
wohl  die  schlechten  Eindrücke,  die  die  französische  Regierung  von
ihnen  gewonnen  hat,  wieder  austilgen.  Als  die  Regierung  ihre
„National-Verteidigungs-Wechsel“  ausgab,  stellten  die  Banken  sich
bereitwilligst  in  den  Dienst  des  Staates,  um  den  Absatz  zu  fördern.
Sie  entfalteten  in  den  Kreisen  ihrer  Kundschaft  eine  große  Propaganda ­
  und  erzielten  auch  nach  ihren  Mitteilungen  günstige  Erfolge.
Die  Schatzwechsel-Käufer  erhielten  eine  höhere  Quote  zur  Zeichnung
der  „Ribotins“  ausgezahlt,  und  die  Banken  übernahmen  die  Mühen
der  Verwaltung  und  Erneuerung.  Bei  der  Emission  der  „National-Verteidigungs-Obligationen“ ­
  wurde  jedoch  die  Tätigkeit  der  Banken  ausgeschaltet. ­
  Es  ist  nicht  zu  ermitteln,  ob  die  Regierung  auf  ihre  Dienste
Verzicht  leistete,  oder  die  Banken  selbst  die  Mitarbeit  versagten.  In
jedem  Palle,  gleichgültig  welches  die  Ursache  sein  mag,  ist  es  zu  bedauern, ­
  daß  in  der  so  wichtigen  Frage  der  finanziellen  Kriegführung
        <pb n="151" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

135

die  Kreditbanken  und  das  Schatzamt  sich  zur  Zusammenarbeit
nicht  ergänzt  haben.  Dagegen  haben  sie  ihre  Kräfte  zur  Zeichnung
und  Unterbringung  der  5  %  ewigen  Rente  voll  entfaltet  und  durch  ihre
weitverzweigten  Filialen  und  Kassen  unter  die  Kundschaft  eine  rührige
Propaganda  getragen.  Sie  konnten  auch  große  Erfolge  aufweisen,  wie
später  noch  näher  ausgeführt  wird.
Die  schwere  Kriegszeit,  die  militärischen  und  wirtschaftlichen  Ereignisse ­
  wiesen  ihnen  die  neue  Arbeitsrichtung  in  der  Volkswirtschaft
von  selbst  zu.
Die  Banken  haben  im  Verlauf  der  späteren  Kriegsmonate  ihre  Anstrengungen ­
  zunächst  dahin  zu  lenken  gesucht,  das  alte  Vertrauen  ihrer
Kunden,  mit  denen  sie  im  Kreditverkehr  stehen,  wiederzugewinnen.
Bei  der  Gewährung  neuer  Kredite  sahen  sie  es  aber  als  ihre  erste  Pflicht
an,  nach  der  Kreditwürdigkeit  des  Darlehnsempfängers  zu  fragen,  um
so  eine  einwandfreie  Garantie  für  die  Rückzahlung  der  Kapitalien
zu  haben.  Es  ist  daher  verständlich,  daß  die  Bilanzen  der  Depositen-Banken
  geringe  Wechselbestände  ausweisen  werden  und  nur  einen
kleinen  Prozentsatz  von  kaufmännischen  Wechseln  in  ihren  Portefeuilles
bergen  dürften.  Aber  nicht  allein  die  größere  Zurückhaltung  von  ihrer
Seite  löst  eine  geringere  Inanspruchnahme  aus.  Auch  die  private  Geschäftswelt ­
  selbst  zieht  es  seit  Erlaß  des  Wechselmoratoriums  vor,  ihre
Zahlungsverbindlichkeiten  fast  ausschließlich  gegen  sofortige  Kasse
zu  erfüllen  und  kein  Ziel  mehr  zu  gewähren.  Dies  beweisen  die  Bilanzziffern, ­
  obwohl  das  Bild  ein  wenig  getrübt  ist,  da  fast  alle  Banken  die
mit  ihren  frei  verfügbaren  Mitteln  angekauften  kurzfristigen  National-Verteidigungswechsel
  in  den  gemeinsamen  Posten  „Wechselbestand“
hineinbringen.  Nach  den  Jahresbilanzen  der  drei  ersten  Bankinstitute
zeigt  der  Wechselbestand  für  die  Jahre  1914  und  1915  im  Vergleich
zu  1912  und  1913  die  nachstehende  Bewegung  (in  Mül.  Frcs.):

Wechselbestand  in  den  letzten  4  Jahren.

Bankinstitut

31.  Dezember

1912

1913

191+

1915

Credit  Lyonnais
Societe  Generale
Comptoir  National

i4ir,oo
865,00
947,00

I5l8,00
890,00
1004,00

654,00
278,00
355,00

992,00
263,00
636,00

3223,00

3412,00

1287,00

i8gr,oo

Erst  aus  der  Gegenüberstellung  der  unter  den  Einwirkungen  des
Krieges  stehenden  Jahre  zu  den  beiden  vorangegangenen  Friedensjahren ­
  wird  ersichtlich,  wie  scharf  doch  die  schwere  Kriegskrisis  auf  einen
der  bevorzugten  Geschäftszweige  gewirkt  hat.  Im  Jahre  1914  haben  die
5  Kriegsmonate  eine  Verminderung  des  Wechselvorrats  von  2125  Milk  Frcs.
gegenüber  dem  Jahre  1913  gebracht.  Aber  alle  Kreditbanken  wurden
stark  mitgenommen,  nicht  nur  die  drei  besonders  hervorgehobenen,
        <pb n="152" />
        136

Erwin  Respondek,

von  denen  die  Societe  Generale  die  schwächste  Position  aufweist.  Die
Erschöpfung  dieser  letzten  Bank  geht  auch  aus  dem  gesunkenen  Wechselbestande
  des  Jahres  1915  hervor,  in  dem  die  beiden  anderen  Banken
eine  Steigerung  zu  verzeichnen  haben,  die  zum  überwk  genden  Teil  auf
den  Ankauf  von  Nat.  Verteidigungs-Wechseln  zurückzuführen  ist.  Der
Ankauf  jener  Schatzwechsel,  der  durchgehends  von  den  gekräftigten
Banken  vorgenommen  wird,  steht  im  guten  Einklang  mit  den  Forderungen ­
  der  erhöhten  Liquidität  und  ist  in  der  krisenreichen  Kriegszeit
eines  der  sichersten  Geschäfte.  Ja,  die  durch  den  Krieg  bewirkte  Stilllegung ­
  großer  Teile  der  von  den  Banken  bisher  betriebenen  Transaktionen,
so  die  Emission  von  Anleihen  und  Aktien,  Wechselpensionsgeschäfte,
Akzeptgeschäfte,  Lombard,  Report  und  andere  Anlagemöglichkeiten  hat
den  Lauf  des  noch  vorhandenen  Kapitalstromes  zu  den  Schatzwechseln
von  selbst  hingedrängt.  Daher  rührt  auch  die  Erhöhung  der  Wechselportefeuilles ­
  trotz  passiver  Haltung  der  Handels-  und  Industrieunternehmen, ­
  bzw.  der  Zurückhaltung  auf  Seiten  der  Kreditbanken.  Im  bedingten ­
  Zusammenhänge  mit  den  Wechseldiskontierungen  stehen  auch
die  Bestände  an  baren  Geldmitteln  und  Bankguthaben.  Beide  zählen  zu
den  flüssigsten  Mitteln  der  Banken  und  können  nicht  Voneinander  geschieden ­
  betrachtet  werden.  Für  die  gleichen  Termine  und  Bankinstitute ­
  sind  die  Ziffern  für  den  Bar-  und  Bankguthabenbestand  wie
folgt  (in  Mill.  Eres.):

Bar-  und  Bankguthaben  in  den  letzten  4  Jahren.

Bankinstitut

1912

1913

1914

1915

Credit  Lyonnais
Soci6t6  Generale
Comptoir  National

193,°°
159,0°
125,00

174,00
*73,0°
124,00

721,00
102,00
386,00

589,00
120,00
289,00

477,00

471,00

1209,00

998,00

Auf  die  bemerkenswerte  Stärkung  der  Kassenbestände  1914,
die  auf  weit  mehr  als  den  doppelten  Betrag  der  vorangegangenen
Friedensjahre  gebracht  wurden,  folgte  dann  nach  der  allgemeinen  Beruhigung ­
  unter  den  Kunden  eine  immerhin  beträchtliche  Verkleinerung.
Die  Differenz  wird  wohl  zum  großen  Teil  zur  Anlage  in  kurzfristigen
Schatzwechseln  der  französischen  Regierung  verwandt  worden  sein.
Während  des  laufenden  Jahres  1916  scheinen  die  Banken  in  diesem
Streben  stetig  vorwärts  zu  schreiten.  So  zeigt  das  Comptoir  National  am:
31.  Januar  1916  einen  Wechselbestand  von  719,00  Mill.  Pros.
29.  Februar  1916  „  „  „  758,00  „  „
3r.  März  1916  „  „  „  784,00  „  „
31.  August  1916  „  „  „  850,00  „  „
und  auch  der  Bestand  des  Credit  Lyonnais  weist  eine  steigende  Richtung ­
  auf;
        <pb n="153" />
        Frankreichs  Bank-  und,  Finanzwirtschaft.

137

31.  Dezember  1915  992,00  Milk  Frcs.
31.  Januar  1916  1019,00  „  „
29.  Februar  1916  1022,00  „  „
31.  August  1916  1x59,00  „  „
Gleichzeitig  ist  diese  Bewegung  auch  von  einer  Erhöhung  der  Barbestände ­
  begleitet,  die  z.  B.  beim  Credit  Lyonnais  in  den  ersten  zwei  Monaten
des  Jahres  1916  rund  87,00  Mill.  Frcs.  ausmachte.  Diese  Zunahme
der  Kassenbestände  hält  sich  bei  den  anderen  Banken  zwar  in
mäßigen  Grenzen,  ist  aber  doch  vielfach  zu  beobachten.  Sie  dürfte
auf  die  Zunahme  der  Depositengelder-Einlagen  in  erster  Linie  zurückzuführen ­
  sein,  dann  aber  auch  möglicherweise  eine  Folge  der  Einschränkung ­
  und  des  Abbaus  der  anderen  aktiven  Geschäfte  darstellen.  In  der
Lombardgewährung,  gegen  Effektensicherung,  wird  strengste  Zurückhaltung ­
  geübt,  Vorschüsse  zur  Effektenspekulation  sind  infolge  des  Börsenschlusses ­
  und  des  Kassahandels  seit  der  Wiedereröffnung  fortgefallen. ­
  Mit  der  Unmöglichkeit  des  Verkaufs  von  Effekten  und  der  Realisierung ­
  der  Reportengagements  war  bei  diesen  Aktiva-Posten  zwar
eine  gewisse  Verkalkung  eingetreten,  die  aber  bald  gelöst  werden
sollte.  Die  Mobilisierung  der  hier  festgelegten  Gelder  setzte  im  Verlauf
des  Jahres  1915  in  fast  unmerklicher  Weise  ein,  als  nämlich  die  Pariser
Börse  sich  stark  genug  wähnte,  den  freien  Verkehr  im  beschränkten
Umfange  wieder  aufzunehmen  und  das  Börsenmoratorium  vom  Ultimo
Juli  1914  mit  Unterstützung  der  Notenbank  aufzulösen.  Der  Abbau  der
durch  dieses  Moratorium  gebundenen  Kapitalien  erfolgte  unter  Förderung ­
  der  Banken  langsam,  auch  nicht  restlos.  Einen  solchen  systematischen ­
  Abbau  haben  vornehmlich  die  größeren  Banken  betrieben,
und  für  den  Grad  der  Schnelligkeit  sind  einige  Ziffern,  die  aus  den
Bilanzaufstellungen  des  Comptoir  National  hervorgehen,  bezeichnend.
Am  31.  Dezember  1914  wies  es  noch  einen  Bestand  von  50,00  Mill.  Frcs.
auf  und  Ultimo  1915  nur  noch  von  21,00  Mill.  Frcs.
Auf  Debitoren-Konto  ist  nach  den  ausgewiesenen  Summen  durchgehends
  ein  scharfer  Rückgang  zu  verzeichnen.  Über  diesen  Posten,
der  vielfach  auch  den  führenden  französischen  Kreditbanken  als  das
bekannte  Sammelsurium  dient,  können  aus  den  Bilanzziffern  keine
sicheren  Schlüsse  gezogen  werden.  Möglich,  daß  die  Banken  den  Debetzins ­
  so  hoch  aufsetzten  und  hielten,  daß  die  Kunden  es  vorzogen,  für
schnelle  Ablösung  Sorge  zu  tragen.  Weiterhin  können  die  Buchkredite,
die  über  Debitoren  laufen,  z.  T.  auf  anderen  Konten  eine  ausgleichende
Verbuchung  erfahren  haben.  Viel  wahrscheinlicher  ist  die  Vermutung,
daß  die  Mehrzahl  der  Debitoren  aus  eigener  Kraft  und  freiwillig
ihre  Schulden  tilgten,  weil  sie  durch  die  Kriegskonjunktur,  die
sich  durch  raschen  Umsatz,  bare  Zahlung  und  hohen  Verdienst  auszcichnet,
  zu  neuen  Geldern  gelangt  sind.  In  dem  Maße  nun,  wie  die
Debitoren  abnahmen,  können  die  Kreditoren  auf  der  Passivseite  gewonnen ­
  haben,  wie  es  auch  die  Bilanzen  einer  Reihe  von  Banken  tatsächlich ­
  anzeigen.  Gewiß  nur  eine  Vermutung,  denn  das  wechselvolle
        <pb n="154" />
        13»

Erwin  Respondek,

Anwachsen  und  Sinken  der  Kreditoren  kann  auch  auf  andere  Ursachen
zurückgeführt  werden.  So  z.  B.  Errichtung  von  neuen  Konten  der
durch  Kriegslieferungen  am  Güterkreislauf  stärker  Beteiligten  oder  neu
Eingetretenen,  Rückkehr  des  Vertrauens  und  damit  Wiederaufnahme
der  Geschäftsbeziehungen  u.  ä.  m.,  andererseits  Auflösung  der  Konto-Korrent-Verbindung
  wegen  mangelnden  Vertrauens  zur  Bank  oder
Schließung  des  Geschäfts  usw.  Mit  Bestimmtheit  lassen  sich  daher
die  einzelnen  Verschiebungen  innerhalb  dieser  beiden  Posten  aus
den  bloßen  Zahlen  nicht  herauslesen.  Die  Kreditbanken  selbst
schweigen  in  ihren  Jahresberichten  sehr  geflissentlich.  Die  gleichen
Schwankungen  nach  unten  und  oben  wie  die  Kreditoren  zeigen
auch  die  fremden  Gelder,  die  für  die  geschäftliche  Struktur  der  Banken
im  Kriege  von  ebenso  hohem,  vielleicht  noch  größerem  Einflüsse  sind
als  im  Frieden.  Es  war  klar,  daß  nach  den  ersten  sturmvollen  Tagen,
die  eine  starke  Senkung  der  Depositeneinlagen  mit  sich  brachten,  nicht  sofort ­
  eine  ebenso  stürmische  Bewegung  in  entgegengesetzter  Richtung
eintreten  würde.  Eine  Reihe  von  Banken,  so  wiederum  die  Societe
Generale,  haben  sich  von  ihren  Verlusten  an  Depositen-Geldern  nicht
wieder  erholen  können.  Für  die  Societe  Generale  waren  die  Bestände
am  Jahresende  1913:  673,00  Mill.  Frcs.,  1914;  457,00  Mill.  Frcs.,  1915:
417,00  Mill.  Frcs.
Andere  dagegen  können  mit  relativ  höheren  Ziffern  auf  warten.
Das  Comptoir  National  hat  hier  während  des  Jahres  1915  und  auch
seit  Anfang  1916  eine  stete  Zunahme  zu  verzeichnen.  Am  31.  Dezember
1912  waren  die  fremden  Gelder  bei  ihm  645,00  Mill.  Frcs.,  am  31.  Dezember ­
  1913:  695,00  Mill.  Frcs.,  am  31.  Dezember  1914:  482,00  Mill.  Frcs.,
am  31.  Dezember  1915:  574,00  Mill.  Frcs.,  am  31.  März  1916  schon
644,00  Mill.  Frcs.
Eine  ähnliche  Steigerung  können  auch  einige  andere  Depositenbanken ­
  aufweisen.  Diese  einseitige  Bevorzugung  bestimmter  weniger
Banken  hat  ihre  Ursache  ausschließlich  im  Vertrauensmoment,  das  von
den  Sparern  und  kleinen  Kapitalisten  zur  Zahlungsfähigkeit  und  zum  Zahlungswillen ­
  der  Banken  in  Abhängigkeit  gebracht  wird.  Die  Depositen-Gläubiger
  werden  auch  in  der  Befristung  ihrer  Einlagen  den  Grad  ihrer
Vertrauensseligkeit  in  Gestalt  gestaffelter  Rückzahlungsquoten  zum
Ausdruck  bringen.  Obwohl  die  französischen  Kreditbanken  ihre  Depositengelder ­
  nicht  nach  dem  z.  B.  in  Deutschland  üblichen  Bilanzschema
gliedern:  Kreditoren  (provisionsfrei)  innerhalb  7  Tagen  fällig,  darüber
bis  3  Monate  fällig,  nach  3  Monaten  fällig,  vielmehr  nur:  Scheckkonto
und  Depots  mit  festem  Verfall,  so  ist  doch  schon  aus  dieser  Zweiteilung  ersichtlich, ­
  wie  erheblich  sich  die  Lage  der  kurzfristigen  Gelder  auf  Rechnung ­
  der  für  längere  Perioden  gebundenen  Gelder  verschoben  hat.  Es
lassen  sich  hieraus  Schlüsse  auf  den  Charakter  der  fremden  Gelder  ziehen.
Sie  sollen  einesteils  als  sofort  greifbare  Reserven  dienen,  sobald  irgendwelche ­
  Krisen  sich  bemerkbar  machen  würden,  andererseits  für  eine
bewegliche  Kapitalsanlage  stets  bereit  liegen,  d.  h.  frei  verfügbar  sein,
        <pb n="155" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

139

um  dorthin  gelegt  zu  werden,  wo  sie  unter  der  jetzt  geltenden  Sicherheit ­
  einen  möglichst  hohen  Ertrag  abwerfen.  Sie  werden  daher  vornehmlich ­
  zum  Ankauf  der  3-  oder  höchstens  6-raonatlichen  Nat.-Vert.-Wechsel
  verwandt.  In  welchem  Umfange  dieser  Austausch  der  Gelder
von  Depositencharakter  in  Wechselanlage  und  umgekehrt  stattfindet,
kann  nicht  erfaßt  werden,  da  hierfür  alle  erforderlichen  Angaben  fehlen.
Desgleichen  ist  es  nicht  möglich,  den  Abgang  der  Depositengelder
bei  den  Einzahlungen  auf  die  erste  Kriegsanleihe  zahlenmäßig  darzustellen, ­
  da  die  Banken  hierüber  Schweigen  beobachtet  haben.  Sie  würden
jedenfalls  interessante  Aufschlüsse  in  den  Fragen  der  Zusammensetzung
der  fremden  Gelder  und  den  von  der  Bankkundschaft  tatsächlich  bewirkten ­
  Zeichnungen  auf  die  kurz-  oder  langfristigen  Anleihetitel  zu
geben  vermögen.  Aus  der  Zweckbestimmung  der  Depositengelder,  wie
sie  sich  in  den  Köpfen  der  Einleger  jeweilig  herausbilden  mag,  aus  ihrer
von  den  täglichen,  bedeutungsvollen  Kriegsereignissen  entscheidend  beeinflußten ­
  Stellungnahme  zur  wirtschaftlichen  Arbeit,  aus  der  militärischen ­
  Entwicklung  und  eigenen  Position  werden  die  Kreditinstitute
ihrerseits  ihre  Geschäfts-  und  Anlagcpolitik  ableiten  müssen.  Sie  stehen
beim  Nahen  neuer  Krisen  immer  vor  den  beiden  Möglichkeiten:  entweder ­
  Massenabhebungen  oder  neues  Moratorium.
Diese  veränderte  Position  auf  der  Passivseite  zwingt  sie  zu  einer
vorsichtigen,  allen  Komplikationen  gewachsenen  Anlagepolitik  auf  der
Aktivseite.  Sie  treiben  so  während  der  Kriegszeit  in  weiser  Vorsicht
eine  doppelte  Politik.  Höchst  erreichbare  Liquidität  und  Stärkung  ihres
eigenen  Status,  dagegen,  beeinflußt  hierdurch  und  durch  andere  Kriegsnotwendigkeiten, ­
  gegenüber  ihren  Kunden  eine  zurückgezogene,  für  sie  ungefährliche, ­
  doch  genügende  Kreditgewährung.  Bezeichnend  für  den  ersten
Kreis  ihrer  neuen  Kriegspolitik  sind  die  bereits  ausführlicher  geschilderten
Bestrebungen,  ihre  Kassenbestände  und  Bankguthaben  bei  sich  und  der
Zentralbank  zu  stärken,  und  der  Ankauf  von  Schatzwechseln,  die  mit  den
anderen  Wechseln,  soweit  sie  nicht  durch  das  Moratorium  für  die  gesetzlich ­
  vorgeschriebenen  Zeiten  immobilisiert  sind,  gleichfalls  zu  den  flüssigen ­
  Mitteln  erster  Ordnung  zählen.  Sie  können  nämlich  bei  der  Notenbank ­
  jederzeit  rediskontiert  werden.  Wobei  zu  beachten  bleibt,  daß
„jederzeit"  relativ,  also  abhängig  von  der  Menge  ist.  Es  zählt  weiterhin  mit
zur  Erhöhung  ihrer  Zahlungsbereitschaft  und  Solidität,  wenn  auf  die  Liquidierung ­
  der  alten  Report-  und  Lombardengagements  gedrängt  wird  und
die  neuen  Darlehnskredite  lediglich  auf  die  Basis  guter  französischer
Werte,  insbesondere  der  neuen  10  jährigen  Nat.-Vert.-Obligationen  und
der  ersten  Kriegsanleihe  gestellt  werden.  Parallel  mit  den  Bemühungen,
die  Aktiven  auf  eine  beweglichere  Linie  zu  bringen,  ihre  Rückwandlung
in  bare  Münze  ohne  Schwierigkeiten,  große  Zeit-  und  Wertverluste  zu
erreichen,  gehen  die  Banken  in  ihrem  Verhalten  gegenüber  den  Kunden
vor  allem  darauf  aus,  übermäßige  Kreditwünsche  zu  beschränken.  Sie
haben  in  engen  Grenzen  die  Diskontierung  von  Handelswechseln  im  Laufe
der  letzten  Monate  wieder  aufgenommen,  Darlehen  und  Buchkredite
        <pb n="156" />
        140

Erwin  Respondek,

gegen  absolut  sichere  Effektenunterpfänder  gewährt,  in  allem  jedoch
Mäßigung  als  oberstes  Leitprinzip  walten  lassen.  Nach  den  Angaben
in  ihren  Geschäftsberichten  zielten  sie  dahin,  die  Deponenten  zum  Ankauf ­
  der  Kriegsanleihen  zu  bewegen.  Hier  bot  sich  ihnen  ein  Feld,  auf
dem  sie  den  anlagesuchenden  Kunden  zuverlässige  und  uneigennützige
Berater  und  Führer  sein  können.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  sie  gegenwärtig ­
  als  die  einzig  empfehlenswerte  Kapitalsanlage  nur  die  Nat.-Vert.-Wechsel
  sowie  die  5  %  Rente  propagieren.
So  führt  der  Credit  Lyonnais  an,  daß  seine  Kunden  rund  83,00  Milk
Frcs.  5  %  ewige  Rente  gezeichnet  haben,  die  einem  nominellen  Kapital
von  1655,00  Milk  Frcs.  entsprechen.  Bei  der  Unterbringung  der  Nat.-Vert.-Wechsel
  und  -Obligationen  habe  er  tätigen  Anteil  genommen  und
seit  den  Emissionstagen  seien  von  seiner  Kundschaft  bis  zum  15.  Dezember ­
  1915  über  3800,00  Milk  Frcs.  gekauft  worden.  Das  Comptoir
National  meldet,  daß  bei  ihm  140  000  Zeichner  an  seinen  Schaltern
für  725,00  Milk  Frcs.  nominelles  Kapital  5  %  Rente  nachgefragt  haben.
Die  Banken  übten  demnach  hier  lediglich  eine  vermittelnde  Tätigkeit  aus,
ohne  sich  selbst  zu  engagieren.  Aus  der  Behandlung  der  einzelnen  Geschäftszweige ­
  kann  die  Ansicht  gewonnen  werden,  daß  es  den  Banken  weniger
auf  die  Rentabilität  ihrer  Arbeit  während  der  schweren  Kriegszeit  als
auf  die  sichere  Fundierung  ihrer  Gesamtlage  und  Vermeidung  irgendwelcher ­
  neuer  Erschütterungen  ankommt.  Konsolidierung  scheint  jetzt
bei  ihnen  die  Parole  zu  sein.
Eine  so  tiefgreifende  Änderung  in  der  Geschäftspolitik  konnte
nicht  vor  sich  gehen,  ohne  merkliche  Spuren  an  den  Gewinnziffern  zu
hinterlassen.  Die  Zinseinnahmen  haben  keine  großen  Summen  erreicht,
denn  der  Mehrgewinn,  der  auf  der  aktiven  Seite  durch  das  erhöhte  Landeszinsniveau ­
  zu  erzielen  ist,  bewegt  sich  in  engen  Grenzen  und  wird  dazu
noch  von  den  auf  der  passiven  Seite  zu  leistenden  höheren  Depositenzinsen ­
  verkleinert.  Aus  den  hohen  Kassenbeständen  folgen  nur  Zinsopfer. ­
  Provisionseinnahmen  sind  geringer  geworden,  da  mit  dem  Börsenschluß ­
  und  dem  späteren  kleinen  Verkehr  die  ergiebigen  Gewinnquellen
aus  dem  Effekten-Kommissionsgeschäft  zum  Versiegen  gebracht  sind.
Der  Verkehr  auf  dem  provisionspflichtigen  Konto-Korrentkonto  ist  trotz
der  flotten  Kriegskonjunktur  nicht  so  rege,  daß  er  diesen  Ausfall  auszugleichen ­
  imstande  wäre.  Neben  dem  Fortfall  der  Kommissionsgebühren
beeinflussen  das  Fehlen  der  Kursgewinne  aus  Effektenspekulationen,
sowie  die  Unmöglichkeit,  zwischen  den  befreundeten  oder  neutralen
Börsen  im  größeren  Stile  zu  arbitrieren,  das  Gewinnergebnis  recht  erheblich. ­
  Aber  besonders  eine  Gewinnquelle,  die  mit  Ausbruch  des  Krieges
zum  vollständigen  Versiegen  gelangte,  dürfte  von  den  Kreditbanken,
—  wie  von  den  Credit  Mobilier-Banken  —  am  empfindlichsten  vermißt
werden.  Dies  sind  die  in  so  reichlichen  Mengen  und  auf  so  leichte  und
schnelle  Art  gewonnenen  Kommissionen  und  Kursdifferenzen  aus  den
ausländischen  Anleihe-  und  Aktienemissionen.  Aus  diesem  intensiv
gepflegten  Geschäftszweig  holten  die  Banken  ihre  höchsten  Gewinn ­
        <pb n="157" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

141

quoten  heraus.  Jetzt  sind  sie  ausgeschlossen.  Und  die  als  Ersatz  dienenden ­
  inneren  Anleihen,  die  französischen  Staatsobligationen,  bieten
keinen  auch  nur  annähernden  Ausgleich,  da  der  prozentmäßige  Sondervorteil ­
  sehr  gering  im  Vergleich  zu  den  alten,  namentlich  an  russischen
Anleihe-Emissionen  erzielten  Differenzen  ist.  Neue,  aus  der  Kriegslage
resultierende  Quellen  haben  sich  ihnen  bisher  nicht  erschlossen.  Es  sei
denn,  daß  die  Banken  durch  den  Valutahandel  die  hier  vorhandenen
hohen  Spannungen  gewinnbringend  ausnützen.
Für  das  Endergebnis  des  Bruttogewinnes,  das  nach  diesen  Darlegungen ­
  für  die  Gesamtheit  der  Banken  in  keiner  Weise  befriedigend
sein  kann,  tritt  zur  Feststellung  und  zum  ziffernmäßigen  Nachweis  des
Reingewinns  noch  ein  Moment  erheblich  beeinflussend  hinzu.  Das  sind
die  stillen  und  offenen  Reservespeisungen  zahlreicher  Bilanzposten.
Durch  beträchtlich  hohe  Rücklagen  haben  die  führenden  Banken  sich
nicht  gescheut,  das  Gewinnerträgnis  zu  verkleinern,  nur  um  ihre  finanzielle ­
  Grundlage  zu  festigen.  Im  Hinblick  auf  ihre  früheren  fehlerhaften
und  Verhängnisvollen  Arbeiten,  die  heutige  unsichere  Lage  und  ihre  ungewisse ­
  zukünftige  Gestaltung  hielten  sie  es  für  angebracht,  vorzusorgen,
selbständig  und  frühzeitig  auf  eine  gesündere  Basis  zu  gelangen,  um
nach  Möglichkeit  dem  am  Ende  des  Jahres  1914  angekündigten
staatlichen  Eingreifen  jeden  Anhaltspunkt  zu  nehmen.  Soweit  ihren
Bilanzaufstellungen  und  Berichten  dies  zu  entnehmen  ist,  dürften  sie
nicht  auf  dem  Unrechten  Wege  sein.  Nur  kann  heute  weder  über  absolute ­
  Richtigkeit  und  Zweckmäßigkeit  der  Arbeitsmethoden,  noch  über
gesunde  Fundierung  ihrer  Lage  gesprochen  werden,  ebenso  nicht  vom
Gegenteil  der  beiden  Dinge,  da  in  diesen  Fragen  die  Einwirkungen  des
Krieges  vollends  abzuwarten  sind,  und  erst  ein  gewisser  Abstand  von
ihnen  nach  Friedensschluß  gewonnen  werden  muß,  bevor  das  endgültige
Urteil  gefällt  werden  kann.
Zur  näheren  Unterrichtung  mögen  noch  die  wichtigsten  Posten  aus
den  Bilanzen  der  drei  größten  Depositenbanken  wiedergr  geben  werden.
Namentlich  der  Credit  Lyonnais  und  das  Comptoir  National  bieten
durch  ihre  Monatsausweise  eine  gute  Anschauung  von  der  allmählichen
Entwicklung  ihrer  Lage  auf  der  Passiv-  und  Aktivseite  (s.  S.  142  u.  143).
Die  Kreditbanken  nahmen  an  den  Bestrebungen  der  Regierung,  im
Auslande  Kapitalien  aufzunehmen,  teil  und  haben  auch  Erfolge  erzielt.
Bis  zum  heutigen  Tage  ist  es  aber  schwer,  hierüber  genaue  Angaben
zu  erhalten  und  daher  nicht  möglich,  festzustellen,  wieviel  Kapitalien
und  zu  welchen  Bedingungen  die  Banken  bei  ihren  ausländischen  Verbindungen ­
  in  Form  der  Krediteinräumung  flüssig  machen  konnten,  und
wo  sie  überall  bereitwillige  Darlehnsgeber  fanden.  Es  soll  trotzdem  ein
Überblick  gegeben  werden,  wobei  vorausgeschickt  sei,  daß  nach  Möglichkeit ­
  nur  die  tatsächlichen  Abschlüsse  genannt  werden  unter  Ausschaltung ­
  provisorischer  Meldungen,  doppelter  Bestätigungen  aus  verschiedenen ­
  Quellen,  die  geprüft  und  bei  Übereinstimmung  nur  einmal  angeführt
wurden.
        <pb n="158" />
        Erwin  Respondek

142

Society-Generale.
Aktien-Kapital  .  .  500  Mül.  Frcs.
Reserven  121  MUL  Frcs.

öilanzdaten

Aktiva

Passiva

Bar-  und
Bank-Guthaben


Wechsel

Darlehn
und
Reports

Debitoren ­


Depositen ­


Kreditoren ­


Akzepte

1913

Dezember  31.

159,00

865,00

377,00

503,00

596,00

978,00

—

1913

Dezember  31.

173,00

890,00

438,00

560,00

673,00

in8,oo

—

1914

Juni  30.

160,00

652,00

403,00

O
O

644,00

1007,00

144,00

Dezember  31.

102,00

278,00

375,00

608,00

457,00

624,00

106,00

1915

Juni  30.

83,00

25o,oo

304,00

561,00

430,oo

535,00

54,00

Dezember  31.

120,00

263,00

288,00

522,00

417,00

573,00

46,00

Credit  Lyonnais.
Aktien-Kapital  .  .  250  Mill.  Frcs.
Reserven  175  Mill.  Frcs.

Aktiva

Passiva

Bilanzdaten

Bar-  und
Bank-Guthaben


Wechsel

Darlehn
und
Reports

Debitoren ­


Depositen ­


Kreditoren ­


Akzepte

1912
Dezember  31.

193,00

1411,00

362,00

743,00

862,00

1235,00

166,00

1913

Dezember  31.

174,00

1518,00

354,00

740.00

913,00

1270,00

142,00

1914

Juni  30.

231,47

1648,00

357,00

714,00

961,00

1417,00

117,00

Dezember  31.

721,36

654,00

322,00

509,00

655,00

1083,00

15,00

1915

M&amp;lt;ärz  31.

714,00

746,00

278,00

448,00

620,00

1004,00

14,00

April  30.

758,00

768,00

269,00

430,00

630,00

1010,00

17,00

Mai  31.

678,00

901,00

262,00

402,00

649,00

1034,00

15,00

Juni  30.

808,00

858,00

254,00

396,00

657,00

1084,00

16,00

Juli  3 1 *

777,00

928,00

252,00

409,00

665,00

1143,00

14,00

August  31.

806,00

920,00

247,00

391,00

671,00

1140,00

13,00

September  30.

812,00

918,00

242,00

397,00

685,00

1133,00

13,00

Oktober  31.

815,00

982,00

235,00

405,00

701,00

1x78,00

15,00

Dezember  31.

589,00

992,00

241,00

383,00

593,00

1049,00

19,00

1916

Januar  31.

601,00

1019,00

245,00

377,00

638,00

1042,00

19,00

Februar  29.

676,00

1022,00

241,00

372,00

650,00

1097,00

19,00

April  30.
Mai  31.
Juni  30.
Juli  31.

722,00

1067,00

231,00

35i,oo

673,00

1137,00

18,00

673,00

1104,00

231,00

364,00

698,00

1114,00

17,00

676,00

1150,00

229,00

362,00

711,00

1140,00

19,00

704,00

1172,00

228,00

375,00

750,00

II53;00

22,00

August  31.

766,00

H59&amp;gt;oo

226,00

369,00

768,00

1179,00

20,00
        <pb n="159" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

143

Comptoir  National  d’E  s  c  o  m  p  t  e.
Aktien-Kapital  .  .  200  Mül.  Frcs.
Reserven  42  Mill.  Frcs.

Bilanzdaten

Aktiva

Passiva

Bar-  und
Bank-Guthaben


Wechsel

Darlehn
und
Reports

Debitoren ­


Depositen ­


Kreditoren ­


Akzepte

1912

Dezember  31.

125,00

947,00

238,00

134,00

645,00

612,00

187,00

1913

Dezember  31.

124,00

1004,00

258,00

166,00

695,00

668,00

175,00

1914

Dezember  31.

386,00

355,00

224,00

179,00

482,00

506,00

31,00

1915

März  31.

363,00

527,00

199,00

132,00

583,00

453,00

34,oo

Mai  31.

366,00

585.00

184,00

130,00

626,00

461,00

31,00

Juni  30.

393,0°

560,00

160,00

146,00

611,00

472,00

30,00

Juli  31-352,00



581,00

180,00

126,00

627,00

436,00

28,00

August  31.

407,00

588,00

177,00

119,00

645,00

464,00

33,oo

September  30.

406,00

598,00

172,00

131,00

641,00

482,00

36,00

Oktober  31.

422,00

641,00

158,00

135,00

685,00

488,00

38,00

November  30.

430,00

602,00

i53,o°

148,00

669,00

481,00

46,00

Dezember  31.

289,00

636,00

153,00

129,00

574,00

453,00

51,00

1916

Januar  31.

245,00

719,00

150,00

124,00

608,00

456,00

48,00

Februar  29.

249,00

758,00

145,00

128,00

630,00

481,00

49,oo

März  31.

282,00

784,00

138,00

130,00

644,00

514,00

51,00

April  30.

292,00

810,00

148,00

116,00

673,00

527,00

50,00

Mai  31.

314,00

800,00

149,00

117,00

668,00

532,oo

55,00

Juni  30.

306,00

8n,oo

144,00

xi6,oo

686,00

533,00

48,00

Juli  31.

291,00

827,00

141,00

125,00

762,00

523,00

44,00

August  31.

298,00

850,00

139,00

Il8,00

728,00

5n,oo

44,00

Eine  Pariser  Bankengrappe  versuchte  auf  Anregung  der  französischen ­
  Regierung  in  Amerika  Anleihen  aufzunehmen.  Es  gelang  ihr,
in  New  York  bei  der  „National  -  City  -  Bank  of  New  York“  10  Mill.
Doll.  5  %  französische  Schatzbons  mit  einjähriger  Laufzeit  unterzubringen. ­
  Der  Betrag  diente  zum  Ankauf  amerikanischer  Waren,  besonders ­
  von  Getreide,  für  Rechnung  des  Staates.  Auch  bei  J.  P.  Morgan
&amp;amp;  Co.,  die  bereits  1870—1871  eine  französische  Anleihe  übernommen
hatten,  versuchten  die  Privatbanken  eine  Anleihe  in  Höhe  von  500,00
Mill.  Frcs.  aufzunehmen.  Morgan  &amp;amp;  Co.  übermittelten  die  Anfrage  der
französischen  Banken  nach  Washington  und  machten  den  Abschluß
von  der  Zusage  des  amerikanischen  Bundesrats  abhängig.  Ihre  Stellung
zu  diesem  Anleiheversuch  kennzeichnen  sie  in  einer  Auslassung,  in  der
Morgan  &amp;amp;  Co.  unter  anderem  sagen:  „Falls  die  amerikanische  Regierung ­
  keine  eigene  Meinung  äußern  würde,  so  würden  wir  uns  leiten
lassen  von  den  Interessen  der  Allgemeinheit,  so  wie  wir  diese  Interessen
beurteilen.“
        <pb n="160" />
        144

Erwin  Respondek,

Der  Präsident  der  amerikanischen  Union  hat  keine  direkte  Antwort ­
  erteilt,  sondern  erklärt,  daß  er  sich  mit  dieser  Anfrage  amtlich
nicht  befassen  wolle  und  die  Verantwortung  der  Bank  überlasse!  Hiernach ­
  ist  wohl  mit  Sicherheit  anzunehmen,  daß  die  Anleihe  von  J.  P.
Morgan  &amp;amp;  Co.  übernommen  wurde.
Im  Verlauf  des  Jahres  19x5  entwickelten  die  Banken  eine  lebhaftere ­
  Kreditvermittlungstätigkeit,  ohne  freilich  besonders  große  Erfolge ­
  zu  erzielen.  Gegen  sichere  Pfänder,  die  sich  charakteristischerweise ­
  nicht  aus  französischen  Wertpapieren,  sondern  aus  amerikanischen
Effekten  zusammensetzten,  nahmen  sie  in  New  York  für  die  Republik
Vorschüsse  auf.  Die  Summen  sind  nicht  einwandfrei  festzustellen.  In
der  „Bank" 1 )  wird  vermerkt,  „größere  Vorschüsse“,  die  anderen  Zeitschriften ­
  und  Blätter  melden  unter  Vorbehalten.  Für  die  im  internationalen ­
  Kreditverkehr  durch  Banken  aufgenommenen  Vorschüsse
hat  die  Notenbank  oftmals  Bürgschaft  übernommen.  So  vornehmlich
in  London  und  New  York.  Laut  Bericht  für  1915  gab  die  Notenbank
in  London  wechselmäßige  Garantie  für  einen  Vorschuß,  der  einer  Pariser
Bank  gewährt  wurde,  und  sie  stellte  für  einen  Akzeptkredit  in  Höhe  von
5  Mül.  £,  der  von  einer  Gruppe  Londoner  Bankiers  auf  einjährige  Dauer
eröffnet  wurde,  Kaution 2 ).  Auch  auf  dem  amerikanischen  Markt  übernahm ­
  die  Bank  wechselmäßige  Bürgschaft  für  2  Mill.  Doll.  Außerdem
führte  sie  mit  Brown  Brothers  eine  Anleihe-Transaktion  von  20  Mill.  Doll,
durch.  Einer  anderen  französischen  Bankengruppe  wurde  durch  ihre  grundsätzliche ­
  Garantie  von  19  Banken  und  Trust-Gesellschaften  New  Yorks
Akzeptkredit  eingeräumt,  der  durch  90  tägige  Tratten  in  Anspruch  genommen ­
  werden  kann 3 ).  Die  Notenbank  mußte  die  Zusicherung  geben,
am  Tage  der  Fälligkeit  für  Golddeckung  Sorge  zu  tragen,  falls  die  anderen
Ausgleichsmittel  versagen  sollten.  Weiter  berichtet  die  Bank  von  Krediteröffnung ­
  für  ein  großes  industrielles  Unternehmen  in  New  York 4 ).
Andererseits  bedient  sich  die  Notenbank  der  internationalen  Beziehungen ­
  der  Kreditinstitute  und  sucht  durch  sie  auf  den  internationalen ­
  Geldmärkten  Kapitalien  aufzunehmen.  Ende  Juni  1915  gelingt  es
den  Banken  für  ihre  Notenbank  bei  dem  Londoner  Bankhause  Montague
  einen  mit  französischen  Schatzscheinen  gedeckten  Kredit  von.
etwa  100  Mill.  Frcs.  aufzunehmen 5 ).  Dieser  Betrag  bleibt  in  London
stehen  und  wird  durch  Schecks  zur  Bezahlung  der  aus  England  bezogenen
Waren  verwandt.  Ein  weiterer  kleiner  Kredit  wurde  den  Banken  von
einem  New  Yorker  Finanzhause  (J.  P.  Morgan  &amp;amp;  Co.)  eröffnet,  und
zwar  in  Höhe  von  20  Mill.  Doll. 6 ).  Auch  dieser  Betrag  wurde  zur  Abzahlung ­
  der  bestehenden  Verbindlichkeiten  aus  Warenlieferungen  ver-9
  Die  Bank,  Juli  1915,  S.  647.
2 )  Bank  von  Frankreich,  Geschäftsbericht  1915,  S.  15.
a )  a.  a.  O.  S.  15.
ä )  Die  „Frankfurter  Zeitung“  vermutet,  daß  es  die  Firma  Schneider-Creuzot  sei.
(siehe  März  1916).
5 )  Die  Bank,  August  1915,  S.  764.
*)  Bank,  September  1915,  S.  848.
        <pb n="161" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

145

wandt.  Schließlich  erhielten  die  französischen  Banken  noch  einen  kleinen
Währungskredit  von  15  Milk  Doll. 1 ).
Betrachtet  man  diese  Summen,  die  zwar  durchaus  nicht  als  vollständig ­
  und  genau  erfaßt  gelten  können,  so  dürfte  man  nicht  die  Überzeugung ­
  gewinnen,  daß  es  den  französischen  Kreditbanken  sonderlich
gelungen  ist,  reichliche  Geldmittel  dem  Staate  auf  dem  Wege  des  internationalen ­
  Kredits  zuzuführen  und  damit  seine  Kriegsfinanzierung  so
wirksam  zu  unterstützen,  wie  es  angesichts  der  gewaltig  anwachsenden
Kriegslasten  und  -lieferungen  notwendig  wäre.  Irgendwelche  Anhaltspunkte, ­
  die  ein  Bild  über  den  Charakter  der  Krediteröffnungen  selbst
geben  könnten,  sind  nicht  aufzufinden.  Es  können  auch  nicht  einmal
die  Zinsopfer  und  die  anderen  Lasten  in  eine  kritische  Beleuchtung  hineingezogen ­
  werden,  die  natürlich  zur  Beurteilung  der  Kreditarbeit  von
Bedeutung  sind,  da  es  wiederum  hierüber  an  sicheren  Angaben  mangelt.
Ende  Juli  1916  hat  die  französische  Regierung  durch  Mithilfe  der
Bankwelt  in  Amerika  eine  Anleihe  in  Höhe  von  100,00  Milk  Doll,  aufgenommen. ­
  Sie  ist  mit  5  %  verzinslich  und  in  drei  Jahren  rückzahlbar.
Die  Emission  erfolgt  durch  ein  Garantie-Syndikat.  Demnach  hat  die
Gegenpartei  —  J.  P.  Morgan  &amp;amp;  Co.,  The  First  National  Bank,  National
City  Bank,  Guaranty  Trust  Company  —  zunächst  der  französischen
Regierung  einen  Kredit  eröffnet,  der  später  durch  die  Ausgabe  von
Obligationen  in  den  Verkehr  gebracht  werden  soll.  Das  Konsortium
erhält  von  der  Regierung  als  Unterlage  für  diesen  Kredit  Effekten
neutraler  Staaten.
Obwohl  die  Arbeit  der  französischen  Banken  im  künftigen  Frieden
in  allen  ihren  einzelnen  Richtlinien  nicht  vorausgesagt  werden  kann,
so  dürften  die  Finanzmänner  ihre  Lehren  aus  den  Ereignissen  und
Kriegserfahrungen  schon  gezogen  haben.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,
daß  nach  wie  vor  das  reguläre  Bankgeschäft  auch  nach  Beendigung
des  Krieges  in  alter  Linie  fortgeführt  werden  kann  und  muß.  Nur  die
Methode  erfährt  eine  Änderung.  Welche  neuen  großzügigen  Finanztransaktionen ­
  durch  die  Lösung  der  zahlreichen  neuen  Probleme,  Wiederaufbau ­
  der  heimischen  Wirtschaft,  Neuorganisierung  des  internationalen
Geldverkehrs  und  Liquidierung  der  jetzt  nur  überdeckten  Schäden,
durchzuführen  sein  werden,  hängt  vollkommen  vom  Friedensschlüsse
ab.  Hier  schon  jetzt  die  Perspektiven  zeichnen  zu  wollen,  würde  leicht
in  das  Reich  des  Märchenhaften  und  Unhaltbaren  führen.  Jedoch  darf
mit  aller  Sicherheit  die  Konsequenz  auf  einem  Gebiete  gezogen  werden:
die  Neuorientierung  der  „politique  financiere“.
In  Frankreich,  allerdings  nicht  in  Bank-,  sondern  in  Handelsund ­
  Industrickreisen,  wurden  nach  den  Erfahrungen  im  Kriege  die
Fehler  der  weiter  oben  gezeichneten  „politique  financiere“  rückhaltlos
und  mit  Erbitterung  ausgesprochen.  Es  drang  doch  die  Erkenntnis
durch,  daß  diese  gewaltigen  Kapitalexporte  nach  allen  Richtungen  der
Welt  hin,  die  wohl  unter  den  wirtschaftlichen  Verhältnissen,  wie  sie  in

l )  Die  Bank,  Dezember  1915,  S  1130.
Respondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

IO
        <pb n="162" />
        146

Erwin  Respondek,

J

Frankreich  in  Erscheinung  traten,  ihre  Bemäntelung  finden  konnten,
zu  einer  ärgeren  Vernachlässigung  in  der  Kapitalsversorgung  des  französischen ­
  Handels  und  der  französischen  Industrie  geführt  haben,  die
sich  nunmehr,  wo  es  gilt,  die  heimische  Wirtschaft  für  die  außerordentlichen ­
  Kriegserfordernisse,  leistungsfähig  zu  machen,  rächen.  Die
Industriellen  sprechen  ihr  Urteil  auch  ruhig  aus.  So  ist  es  überaus  bemerkenswert, ­
  was  ein  Vertreter  der  Industriellen,  Victor  Camb
  o  n  ,  in  einer  Rede  vor  der  „Societd  des  Ingenieurs  Civils  de  France"
zu  diesem  wichtigen  Punkte  in  höflicher,  aber  eindeutiger  Sprache  ausführte. ­
  Victor  Cambon  sagt  an  einer  Stelle  seines  Vortrages  in
Beziehung  zu  den  Kreditinstituten:
„Bis  jetzt  haben  sie  nur  die  Gewohnheit  gehabt,  von  der  Industrie
Geld  einzunehmen.  Sie  haben  so  viel  Kapital  gehabt,  wie  sie  gewünscht
haben,  und  haben  das  französische  Sparkapital  immer  mehr  aufgespeichert, ­
  vielfach  haben  sie  es  auch  im  Ausland  angelegt.  Eine  derartige
Tätigkeit  ist  so  einfach  und  so  gewinnbringend.  Ein  verschuldeter  Staat
braucht  500  Mill.  In  einer  Woche  kann  er  diese  Summe  haben.  Das
französische  Publikum  wird  zu  diesem  Zwecke  500  Mill.  einzahlen,  das
Kreditinstitut  wird  dem  Schuldner  400  Mill.  geben  und  unter  verschiedenen ­
  Bezeichnungen  einen  Gewinn  von  100  Mill.  einkassieren.  Das
ist  doch  viel  einfacher  und  verursacht  viel  weniger  Arbeit,  als  wenn
man  mit  gutem  Vorbedacht  die  gleiche  Summe  an  tausend  verschiedene
Handelshäuser  vorschießt“ 1 ).
Hier  ist  deutlich  zum  Ausdruck  gebracht,  daß  die  Kreditbanken
Frankreichs  Kraft  ins  Ausland  verlegt  haben,  damit  jeder  eigenen
wirtschaftlichen  Festigung  und  Entfaltung  den  Boden  entzogen  und
Frankreich  den  Zufällen  auf  ökonomischem  und  politischem  Gebiete
in  vollkommene  Abhängigkeit  gebracht  haben.  Frankreich  versäumte ­
  und  vernachlässigte,  was  Deutschland  in  rastloser,  intensivster
Arbeit  an  sich  selbst  vollbrachte  und  Helfferich  in  den  Worten
zusammenfaßte:  „Deutschland  hat  seine  ganze  wirtschaftliche  Ausrüstung ­
  erneuert  und  modernisiert,  in  der  Industrie  sowohl  wie  in  der
Landwirtschaft,  in  den  kommunalen  und  staatlichen  Betrieben.  Es
hat  damit  seine  produktiven  Kräfte  in  einem  Maße  gesteigert,  wie  in
dem  gleichen  Zeitraum  kein  anderes  Land."  Und  weiterhin:  „Frankreich ­
  dagegen  ist  geradezu  das  Kehrbild  unserer  Entwicklung:  alter
Reichtum  und  geringe  wirtschaftliche  Tätigkeit  im  Innern,  infolgedessen
starker  Überfluß  von  Kapitalien  für  Anlagen  in  ausländischen  Werten.“ *  2 )
Das  Ziel  ist  verfehlt.  Frankreich  gefiel  sich  in  dem  Scheine  einerunerreichbaren
  und  unerschütterlichen  finanziellen  Kraft,  wie  ihn  die
stete  und  hohe  Kapitalhergabe  im  Lande,  in  den  Kreisen  der  eigenen
Führer  auch  hervorrufen  mußte.  Wäre  dies  vermieden  worden,  so  hätte

’)  Koloniale  Rundschau  1915,  Heft  11/12,  S.  488  ff.:  Frankreich  und  die  industrielle
Expansion.
2 )  Helfferich,  Karl,  Deutschlands  Volkswohlstand  1888—1913.  Berlin
19x3,  Vorwort  S.  XI.
        <pb n="163" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft,

147

Frankreich  von  der  gewaltigsten  aller  Erschütterungen  verschont  bleiben
können  oder  zum  mindesten,  falls  der  große  europäische  Krieg  unvermeidlich ­
  war,  mit  einem  sicheren  und  kräftigeren  Rüstzeug  in  den
Kampf  zu  treten  vermocht.
Es  bleibt  für  die  Zukunft  das  neue  Ziel:  Die  noch  vorhandenen
Energien  nach  wirtschaftlichen  Gesetzen  zur  guten  und  fortschreitenden
Entwicklung  zu  erwecken,  die  wirtschaftliche  Leistungsfähigkeit  und
Widerstandsfähigkeit  zu  heben  und  die  hierbei  errungenen  materiellen
Gewinne  für  die  vielen  noch  zu  lösenden  kulturellen  und  sozialen  Aufgaben ­
  zu  verwenden.  Eine  klare  und  bestimmt  gewollte  Erkenntnis
wird  die  Leiter  des  französischen  Kapitals,  die  Leiter  des  französischen
Wirtschaftsgetriebes  und  die  Regierung  auf  diese  neue,  gesunde
Bahn  bringen  müssen,  eine  Bahn,  die  ihnen  auch  der  Franzose  Camb
  o  n  in  scharfen  Strichen  vorgezeichnet  hat:
„Wir  wollen  unseren  Finanzleuten  nahelegen,  daß  sie  etwas  weniger,
und  unseren  Industriellen,  daß  sie  etwas  mehr  über  unsere  Grenzen
hinausschauen.  Besonders  müssen  wir  sie  davon  überzeugen,  daß  die
Schuldner,  welche  nur  imstande  sind,  eine  schwache  Sicherheit  zu  bieten,
als  kreditunwürdig  angesehen  werden  müssen.  Ein  intelligenter  Mann,
der  arbeitet  und  gebildet  ist,  stellt  ebenfalls  einen  „Bankwert“  dar.
Die  Aufgabe  der  Kapitalisten  muß  darin  bestehen,  zu  unterscheiden,
wer  des  Kredites  würdig  ist  und  derartigen  Leuten  ist  ihre  Hilfe  zu
gewähren.  Bereiten  wir  uns  dazu  vor,  unsere  Produkte ­
  auszuführen,  anstatt  daß  wir  weiterhin
unser  Kapital  an  das  Ausland  abgeben.“ 1 )

V.  Staatsfmanzen.

Um  zur  Beurteilung  der  staatsfinanziellen  Operationen,  wie  sie  die
französische  Republik  während  dieses  Krieges  verfolgt,  zu  gelangen,
ist  zunächst  eine  kurze  Darstellung  der  finanziellen  Entwicklung  vor
Ausbruch  des  Krieges  zu  geben.
Charakteristisch  für  den  französischen  Staatshaushalt  war  der  stete
Kampf  mit  finanziellen  Sorgen.  Die  Staatskassen  wiesen  selten  nennenswerte ­
  Bestände  auf  und  konnten  daher  aus  eigener  Kraft  das  Gleichgewicht ­
  in  den  Friedensbudgets  nicht  hersteilen.  Die  Staatsschuld  stieg  so
von  Jahr  zu  Jahr  und  erreichte  am  1.  Januar  1913  eine  Höhe  von  rund
33  Milliarden  Frcs.  Ihr  Stand  am  1.  Januar  1913  bot  für  die  beiden
Hauptgruppen:  Konsolidierte  Schuld  und  Rückzahlbare  Schuld  das
folgende  Bild  (in  Mill.  Frcs.):

Konsolidierte  Schuld:
3°/ 0  ewige  Rente  21922,2
Rückzahlbare  Schuld:
3  °/ 0  amortisable  Rentei
Annuitäten  ------1
  10  959,3

Schatzscheine
Schwebende  Schulden

ile  Renten
:hulden  f

*)  a.  a.  O.  S.  489.

Insgesamt  32  881,5
        <pb n="164" />
        148

Erwin  Respondek,

Eine  dermaßen  hohe  Staatsschuld  muß  überraschen,  namentlich,
wenn  sie  in  Vergleich  zu  den  Schuldenlasten  des  Deutschen  Reiches
und  seiner  Bundesstaaten  gesetzt  wird.  Hier  betrugen  die  Staatsschulden ­
  1913/14  nur  gegen  25  946,00  Mill.  Frcs.,  obwohl  Deutschland
einen  so  gewaltigen  Ausbau  in  industrieller,  landwirtschaftlicher  und
gewerblicher  Richtung  genommen  hat,  den  Frankreich  nicht  verzeichnen
kann.  Der  turmhohe  Schuldenstand,  der  in  Friedenszeiten  eine  sehr
empfindliche  Last  darstellte,  konnte  gar  nicht  oder  zum  wenigsten  nicht
einmal  in  engen  Grenzen  abgedeckt  werden.  Es  fehlte  dem  Schatzamte ­
  an  den  hierfür  erforderlichen  Mitteln.  Wie  geschickt  man  auch
das  Budget  aufbauen  mochte,  es  schloß  selten  mit  erheblichen  Überschüssen ­
  ab.  War  einmal  ein  Plus  erzielt,  so  wurde  es  zur  Ausbalanzierung
  dus  nächstjährigen  Defizits  verwandt.  Dies  zeigen  auch  die  endgültigen ­
  Ziffern  der  Budgets  in  den  letzten  Jahren  deutlich  an  (in  Mill.
Frcs.):
Budgetendziffern  der  letzten  Jahrzehnte.

Jahr

Einnahmen

Ausgaben

Defizit  (—)
oder
Überschuß  (+)

1890

3191,00

3303,00

112,00

1895

3666,00

3405,00

-f-  261,00

1900

3815,00

3746,00

-f-  69,00

1901

3576,00

3701,00

125,00

1902

3582,00

3699,00

117,00

1903

3668,00

3597,00

+  71,00

1904

3739,00

3639,00

-j-  100,00

1905

3766,00

3707,00

+  59,00

1906

3837,00

3852,00

15,00

1907

3968,00

3880,00

+  88,00

I908

3966,00

4021,00

—  55,oo

1909

4141,00

4186,00

—  45,oo

1910

4274,00

4322,00

—  48,00

I9II

4689,00

4548,00

-j-  141,00

1912

4857,00

4743&amp;gt;oo

+  114,00

1913

5067,00

5092,00

25,00

’Vmnach  bewegten  sich  die  Einnahmen  vielfach  unter  den  Ausgab ­
  n,  wenn  sie  auch  in  den  Finanzjahren  1911  und  1912  im  kräftigen
Üb  rg  wicht  zu  sein  schienen.  Im  Jahre  1913  sind  sie  aber  wiederum
unti.r  die  Ausgaben  gesunken.  In  den  letzten  14  Jahren  haben  die  Einnahm ­
  n,  absolut  betrachtet,  auch  keine  sonderliche  Steigerung  erfahren.
Sin  waren
im  Jahre  1900  ....  3815,00  Mill.  Frcs.
„  „  1913  ■  ■  .  ■  5067.00  „  „
d.  h.  eine  Zunahme  .  .  1252,00  Mill.  Frcs.
t  fortschreitender  politischer  Gegensätzlichkeit  zu  Deutschland
wuch  das  Verlangen  nach  einer  Kräftigung  des  Heeres  und  der  Flotte.
E  b  gann  eine  zielbewußte  Aufbesserung  des  Etats  für  den  Kriegs ­
        <pb n="165" />
        Frankreichs  Bank-  und  Flnänzwirtschaft.

149

minister,  der  nunmehr  erhebliche  Summen  zur  Reorganisation  einzelner
Teile  der  militärischen  Ausrüstung  benötigte.  Sie  waren  es  zum  großen
Teil,  die  jene  bekannten  erbitterten,  parteipolitischen  Kämpfe  ausiösten
und  Schwierigkeiten  in  der  Bilanzierung  des  Staatsbudgets  hervorriefen.
Für  1913  waren  dem  Kriegsminister  300,00  Mill.  Frcs.  außergewöhnliche
Kredite  zur  Bestreitung  seiner  Ausgaben  bewilligt  und  für  1914  schon  487,00
Mill.  Frcs.  Diese  Summen  hoben  sich  beträchtlich  ab  von  den  bisher  für
das  Ressort  „Krieg“  ausgeworfenen  Beträgen.  In  den  Jahren  von  1890
bis  1900  erreichten  sie  im  Durchschnitt  50  bis  60  Mill.  Frcs.  —  die  höchste
Ziffer  wurde  1891  erreicht  mit  125,00  Mill.  Frcs.,  die  tiefste  1896  mit
36,00  Mill.  Frcs.  —  und  auch  in  der  Zeit  von  1900—1912  überschreiten
sie  100,00  Mill.  Frcs.  nur  zweimal. 1 )  Mit  dem  Hinweis  auf  Deutschland,
das  bedeutend  erheblichere  Summen  für  die  gesamte  Verwaltung  des
Reichsheeres  aufwandte,  wurde  das  Verlangen  nach  einer  stärkeren
Speisung  des  Kriegsressorts  begründet.
Bei  der  Aufstellung  des  Budgets  für  das  Jahr  1914  ergaben  sich
die  größten  Schwierigkeiten  in  der  Bilanzierung  des  errechneten  Defizits.
Das  Budget  umfaßte  ordentliche  Ausgaben  in  Höhe  von  5191,00  Mill.
Frcs.,  denen  ein  überaus  optimistisch  veranschlagter  Einnahmebetrag
von  4781,00  Mill.  Frcs.  entgegengestellt  wurde.  Zum  Ausgleich  des  resultierenden ­
  Defizits  von  410,00  Mill.  Frcs.  wurde  eine  neue  Einnahmequelle ­
  geschaffen,  der  man  den  etwas  dehnbaren  Namen  „außergewöhnliche ­
  Einnahmen“  gab,  und  die  wenigstens  auf  dem  Papier  das  erwünschte ­
  Gleichgewicht  herzustellen  hatte.  Tatsächlich  aber  kamen  zu
den  an  und  für  sich  schon  unhaltbaren  Höherbewertungen  der  einzuinen
Einnahmeposten  im  Etat  noch  auf  der  Ausgabeseite  eine  Reihe  von
außergewöhnlichen  Zuwendungen  an  einzelne  Ressorts  hinzu,  die  das
Bild  wesentlich  veränderten.  Denn  in  den  ordentlichen  Ausgaben  wurden
u.  a.  die  Kosten  nicht  eingeschlossen,  die  durch  die  militärische  Besetzung
von  Marokko  entstanden,  und  die  auf  231,00  Mill.  Frcs.  geschätzt  wurden.
Für  die  Ausgaben  des  Kriegsministers  im  außerordentlichen  Etat  setzte
man  weiterhin  für  das  zu  balanzierende  Finanzjahr  einen  Betrag  von

1 )  Eine  Gegenüberstellung  der  Militärausgabeu  Frankreichs  und  Deutschlands  gibt
L  a  c  h  a  p  e  11  e  ,  a.  a.  O.  S.  106.  Nach  ihm  waren  die  Summen  wie  folgt  (in  Mill.  Frcs.):

Jahr

Frankreich

Deutschland

Jahr

Frankreich

Deutschland

1891

125,00

170,00

1902

55,00

119,00

1892

86,00

176,00

1903

35,00

105,00

1893

58,00

190,00

1904

40,00

91,00

1894

54,00

169,00

1905

59,00

137,00

1895

44,00

113,00

1906

138,00

159,00

1896

36,00

116,00

1907

92,00

193,00

1897

55,00

148,00

1908

60,00

241,00

1898

82,00

149,00

1909

72,00

205,00

1899

109,00

160,00

1910

98,00

142,00

IQOO

87,00

149,00

I9II

93,00

142,00

1901

72,00

143,00

1912

119,00

208,00
        <pb n="166" />
        i5o

Erwin  Respondek,

487,00  Mill.  Frcs.  aus,  und  schließlich  veranschlagte  man  die  Erfordernisse ­
  für  die  Marine  mit  128,00  Mill.  Frcs.  Werden  diese  Sonderauslagen
zum  Budgetdefizit  zugeschlagen,  so  erreicht  die  Spannung  zwischen
Budgetausgaben  und  Budgeteinnahmen  eine  Höhe  von  1256,00  Mill.
Frcs.  Es  bestand  auch  für  die  Zukunft  keine  Aussicht  auf  eine
Entlastung  des  Budgets.  Vielmehr  hatte  die  Finanzverwaltung  die
Überzeugung  gewonnen,  daß  die  militärischen  Forderungen  anwachsen
würden.  Mit  der  Einführung  der  dreijährigen  Dienstzeit  und  der  damit
verbundenen  Erhöhung  der  Effektivbestände,  den  nach  Ansicht  und
Wunsch  des  Kriegsministers  rasch  und  intensiv  durchzuführenden  Reorganisationen ­
  des  Heeres  und  der  Marine,  müssen  Mehraufwendungen
in  schnell  steigender  Richtung  bedingt  sein 1 ).  Sie  würden  den  Budgetaufstellungen ­
  der  nächsten  Jahre  genügend  Hindernisse  und  Mühen
bereiten.  Es  ergab  sich  daher,  daß  in  der  Frage  des  Budgetausgleichs
für  1914  rechtzeitig  Sorge  dafür  zu  tragen  ist,  daß  die  Politik  des  Aufschiebens ­
  nicht  mehr  möglich  ist.  Nur  in  der  Wahl  der  Mittel  konnte
man  kein  einheitliches  Resultat  erzielen.  Ob  Steuern  oder  eine  Anleihe ­
  die  Mehrausgaben  decken  sollten,  bildete  den  Angelpunkt  der
schärfsten  politischen  Kämpfe  im  letzten  Halbjahr  vor  Ausbruch  des
Krieges,  um  den  mehrere  Ministerien  herum-  und  abgeschwenkt  wurden.
Eine  politische  Gruppe,  die  Rechte  und  Mitte  der  Kammer,  vertrat ­
  die  Ansicht,  daß  nur  eine  neue  Rentenanleihe  die  Situation  zu
retten  vermöge.  Diese  Idee  Wurde  von  R  i  b  o  t  in  überaus  gewandter
und  auch  rücksichtsloser  Form  verfochten.  Immer  wieder  wurde  darauf
hingewiesen,  daß  auf  dem  Wege  der  Steuererhebung  diese  Summen
nicht  erlangt  werden  könnten,  da  das  Defizit  zu  hoch  wäre,  und  der
Steuerertrag  auch  bei  Einführung  neuer  Steuern  enttäuschen  würde.  Jene
Gruppe  hatte  allen  Grund,  gegen  die  Verwirklichung  des  Steuergedankens
anzukämpfen.  Denn  das  französische  Steuersystem  zieht  die  besitzenden
Klassen  nicht  in  dem  scharfen  Maße  heran  wie  etwa  England,  sondern
legt  durch  Monopole  und  Verbrauchssteuern  den  minder  Bemittelten
hohe  Abgaben  auf.  Die  indirekte  Steuererhebung  wurde  seit  langen
Zeiten  auf  diese  Weise  zu  Lasten  des  kleinen  Rentners  immer  weiter
ausgebaut,  bis  dieses  System  schließlich  einmal  von  den  Kleinen  als  lästig
empfunden  wurde  und  zu  dem  Rufe  nach  Besteuerung  des  reichen  Mannes
J )  Wie  vorhergesehen  wurde,  zeigten  die  Verhandlungen  und  Vorlagen  über  die
außerordentlichen  Kredite  für  die  nationale  Verteidigung,  die  in  der  Kammer  am  10.  Juli
1914  geführt  wurden,  eine  Steigerung  der  militärischen  Ausgaben.  Sie  erforderten  einen
Betrag  von  754,00  Mill.  Frcs.  und  waren  wie  folgt  auf  die  einzelnen  Posten  verteilt  (in

Mill.  Frcs.):
Eisenbahn-Dienst  .  28,2
Artillerie  404,3
Genie-Truppen  231,3
Luftschiffahrt  ........  21,4
Intendantur  48,0
Sanitäts-Dienst  6,8
Landvermessung  0,5
Pulver  und  Salpeter  14,0
        <pb n="167" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

151

führte.  Eine  „Einkommensteuer“  sollte  die  gewünschte  Entlastung  des
Kleinen  und  ersehnte  Belastung  des  Großen  gewähren,  für  deren  Einführung
besonders  die  Linke  unter  C  a  i  11  a  u  x  arbeitete,  gegen  die  aber  von  den  besitzenden ­
  Klassen  ein  Kampf  entfesselt  wurde,  dem  dieser  Finanzminister
und  andere  Vertreter  der  Einkommensteuer  zum  Opfer  fielen.  Die  Regierung ­
  ließ  in  diesen  Wirren  den  Plan  der  Deckung  des  Defizits  mittels
einer  Steuer  fallen  und  suchte  die  Mehrausgaben  durch  Emission  einer
Rentenanleihe  zu  decken.  Das  Finanzministerium  entschloß  sich,  einen
neuen  Rententyp  auszugeben.  Von  allen  Seiten  wurden  jedoch  sofort
gegen  die  Neuemission  einer  Rente  die  schärfsten  Bedenken  geäußert,
da  man  seit  20  Jahren  keine  Anleihe  aufgelegt  hatte.  Man  befürchtete
eine  Erschütterung  des  Kursniveaus  der  alten  Renten,  außerdem  wäre
die  Zeit  für  eine  2000,00  Mill.-Rente,  wie  sie  zunächst  geplant  wurde,
nicht  vorteilhaft,  da  der  Pariser  Markt  durch  die  letzten  exotischen
Anleihen  zu  geschwächt  sei.  Der  Ausgabebetrag  wurde  daher  auf  1800,00,
dann  auf  1300,00  und  schließlich  auf  805,00  Mill.  Frcs.  festgesetzt.  Die
ungünstige  Lage  des  Marktes  zwang  die  Finanzverwaltung,  den  Typus
einer  tilgbaren  Rente  zu  wählen.  Am  7.  Juli  emittierte  sie  eine  3%  %
tilgbare  Rente  zu  91  %,  in  Höhe  von  805,00  Mill.  Frcs.,  die  innerhalb
von  25  Jahren  rückzahlbar  gestellt  wurde.  Unter  Berücksichtigung
der  eingeräuraten  Vorteile  ergab  sich  eine  Verzinsung  Von  4%  %.  Diese
Bedingungen,  unter  denen  die  Regierung  ihre  Kapitalien  aufnehmen  mußte,
haben  im  Inlande  und  Auslande  lebhafte  Überraschungen  hervorgerufen.
Jedenfalls  sind  sie  ein  Zeugnis  für  den  schweren  Druck,  der  auf  den  Finanzkreisen ­
  schon  vor  Kriegsausbruch  lastete.  Dafür  erfuhr  die  3%  %  Rente  eine
40  fache  Überzeichnung.  Aber  nur  zu  bald  stellte  sich  dieser  Riesenerfolg
als  ein  Scheinerfolg  heraus.  Nachdem  die  erste  Ratenzahlung  geleistet
war,  verkauften  die  Konzertzeichner  die  ihnen  zugeteilten  Stücke,  und  es
entwickelte  sich  bald  an  der  Börse  in  der  neuen  3%  %  Rente  eine  wilde
Agiotage.  Am  24.  Juli  1914  sank  der  Kurs  auf  go  %.  Nach  der  Fälligkeit ­
  der  dritten  Rate  waren  dem  Staate  insgesamt  nur  380,00  Mill.  Frcs.
zugeflossen.  Und  aus  dem  Erlös  dieser  Anleihe  sollten  die  Ausgleichsgelder ­
  für  das  Budgetdefizit  gezogen  werden!  In  der  Zwischenzeit,  als
die  politischen  Parteien  zu  keiner  Einigung  gelangen  konnten  und  dadurch ­
  die  Emission  der  geplanten  und  ersehnten  Anleihe  verzögerten,
mußte  das  Schatzamt  zur  Bestreitung  der  ersten  Ausgaben  ihre  Bons
du  Tresor  bei  ihren  alten  Abnehmern  placieren,  die  bis  zum  30.  April
1914  gegen  572,00  Mill.  Frcs.  aufnahmen.  Sie  sollten  durch  die  Eingänge ­
  aus  der  Rentenanleihe  wieder  zur  Einziehung  gelangen.  Aber  allen
diesen  geplanten  Transaktionen,  sowie  der  weiteren  friedlichen  staatsfinanziellen ­
  Entwicklung  setzte  der  Ausbruch  des  Krieges  ein  Ende.
Das  Schatzamt  stellte  am  31.  Juli  1914  die  Kassenbilanz  auf.  An
flüssigen  Mitteln  waren  etwa  430,00  Mill.  Frcs.  zu  zählen,  die  einesteils
aus  den  ersten  Einzahlungen  der  eben  aufgelegten  3  %  %  amort.  Rente
und  dann  aus  dem  ständigen  Vorschuß  der  Bank  von  Frankreich  im
Betrage  von  200,00  Mill.  Frcs.  stammten.  Ihnen  stand  eine  schwebende
        <pb n="168" />
        152

Erwin  Respondek,

Schuld  von  1608,00  Mill.  Frcs.  gegenüber.  Hiervon  entfielen  auf  die
ausgegebenen  Schatzscheine  427,00  Mill.  Frcs.  Demnach  stand  also
das  Schatzamt  am  Vorabend  des  Krieges  mit  1178,00  Mill.  Frcs.  im
Debet.  Gewiß  ist  dies  für  die  Beurteilung  der  finanziellen  und  wirtschaftlichen ­
  Quellen  des  Landes  kein  betrübendes  oder  beängstigendes  Zeichen.
Es  legt  nur  die  Schwierigkeiten  dar,  die  das  Schatzamt  in  der  Heranziehung ­
  von  Kapitalien  in  die  Staatskasse  zu  überwinden  hatte.
Durch  den  Krieg  ist  die  Finanzverwaltung  vor  neue  Aufgaben  gestellt. ­
  Die  alten  Pläne  mußten  einer  Revision  unterzogen  werden,  das
Staatsbudget,  die  Deckung  des  Defizits,  kurz  der  ganze  finanzielle  Staatshaushalt ­
  erlitten  eine  vollkommene  Umänderung.  Es  galt  nunmehr,
alles  auf  die  außergewöhnlichen  und  eigenartigen  Erfordernisse  der
Kriegswirtschaft  einzustellen  und  als  einziges  Ziel  eine  methodisch  angelegte ­
  und  systematisch  verfolgte  Kriegsfinanzierungspolitik
zu  treiben.  Alle  anderen  Ziele  traten  naturgemäß  hinter  die  neue,  gewaltige ­
  Aufgabe  weit  zurück.
Die  große  Frage,  worin  liegt  die  Lösung  des  Problems  der  Kriegsfinanzierung, ­
  die  im  Staatshaushalt  jetzt  die  allererste  Stelle  einnimmt,
war  Licht  zu  beantworten.  Von  vornherein  stand  in  dem  ersten  Dunkel,
fest,  daß  der  gigantische  Kampf  auch  gigantische  Summen  von  Geldern
zur  entschlossenen  und  finanziell  unbehinderten  Kriegführung  erfordern
würde.  Daher  sind  alle  nur  verfügbaren  Kapitalien  zuvörderst  für  die
Kriegsfinanzierung  heranzuziehen  oder  zum  mindesten  für  jeden  Bedarfsfall ­
  immer  frühzeitig  bereitzustellen.  Aber  wie  klar  und  scharf
auch  die  Richtung  erkannt  war  und  wie  entschlossen  auch  die  führenden
Männer  sein  mochten,  von  ihr  nicht  abzuweichen  und  dadurch  den
Erfolg  der  Kriegsfinanzierung  in  Frage  zu  stellen,  gegen  die  natürlichen
Kräfte,  gegen  grundlegende  Leistungsunfähigkeit  und  für  das  Land  ungünstige ­
  Kriegsereignisse  können  sie  nicht  ankämpfen.
Für  eine  hinreichende  und  gesicherte  Deckung  der  Kriegskosten
stehen  dem  Schatzamte  verschiedene  Wege  und  Mittel  zur  Verfügung,
so  daß  etwaige  Schwierigkeiten  aus  der  Wirtschafts-  oder  Kriegslage  dennoch ­
  überwunden  oder  umgangen  werden  können.  In  erster  Linie  kann
die  Zentralnotenbank  in  den  Kriegsdienst  gestellt  werden.  Es  ist  dies
ein  Zug,  der  bei  allen  kriegführenden  Staaten  Europas  zu  beobachten  ist.
Diese  Hilfeleistung  der  Notenbank  soll  aber  nur  erste  Hilfe  sein,  sie  darf
von  keiner  langen  Dauer  sein  und  nicht  zu  einer  unlimitierten  Festlegung
ihrer  flüssigen  Mittel  führen.  Vielmehr  muß  der  Staat  nach  kürzerer
Zeit  seine  Schulden  ablösen,  um  die  Kraft  der  Notenbank  für  ihre  übrigen
wichtigen  Aufgaben  nicht  allzusehr  zu  schwächen,  und  diese  Notwendigkeit ­
  zwingt  ihn,  sich  eine  andere  ergiebige  Kapitalquelle  zu  erschließen.
Für  größere  Zeitperioden  und  unbegrenzte  Summen  ist  daher  nur  eine
fest  fundierte  Anleihe  das  gegebene  Mittel.  Das  Volk  soll,  nach  den
ersten  Diensten  der  Notenbank,  auch  sein  Gut  für  die  glückliche  und
tatkräftige  Durchführung  des  Krieges  bereitstellen  und  nötigenfalls
opfern.  Ist  aber  die  heimische  Wirtschaft  zu  schwach  oder  nicht  ge ­
        <pb n="169" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

153

willt,  dem  Staate  ihre  finanziellen  Güter  darzubieten,  so  wird  dieser
sich  an  das  kapitalkräftigere  Ausland  wenden  müssen,  um  dort  durch
Anleihen  und  Krediteröffnungen  die  für  seine  Kriegführung  unumgänglich ­
  notwendigen  Kapitalien  zu  erlangen.  Die  Beschaffung  des  Kapitals
zur  Kriegführung  ist  hiernach  auf  drei  Wegen  möglich:  durch  Notenbank, ­
  Anleihe  im  Inlande  oder  Krediteröffnung  im  Auslande.
Um  nun  in  den  gefahrvollen  und  an  Wechselfällen  so  reichen  Tagen
des  Krieges  in  der  Wahl  der  Mittel  nicht  behindert  oder  eingeengt  zu
sein,  hatte  die  französische  Regierung  in  der  Parlamentssitzung  vom
4.  August  1914  sich  eine  Blankovollmacht  für  ihre  künftigen  Handlungen ­
  erteilen  lassen.  Sie  darf  während  der  Vertagung  der  Kammern
sich  provisorisch  eröffnen:  „alle  ergänzenden  und  außergewöhnlichen
Kredite,  die  für  die  Bedürfnisse  der  nationalen  Verteidigung  notwendig
sind,  durch  von  der  Regierung  zu  erlassende  Dekrete,  die  vom  Ministerrat ­
  beschlossen  und  genehmigt  worden  sind".  Ihre  Maßnahmen  unterliegen ­
  seitens  der  gesetzgebenden  Körperschaften  nur  der  nachträglichen
Genehmigung.
Schon  die  Tradition  führte  den  Finanzminister  zunächst  zur  Notenbank. ­
  Zu  ihr  hatte  das  Schatzamt  das  alte  Vertrauen  bewahrt,  und  auch
jetzt  wurde,  wie  in  früheren  Jahrzehnten,  die  Bank  von  Frankreich
zur  ausschließlichen  Kriegsfinanzierung  herangezogen.  Es  wurde  bereits ­
  unter  dem  Kapitel  „Notenbank"  ausführlich  dargelegt,  wie  die
Vorschußpflicht  der  Bank  von  Frankreich  gemäß  den  Anforderungen
gesteigert  wurde,  und  wie  von  Woche  zu  Woche  die  Vorschüsse  gewaltig ­
  anwuchsen  und  in  den  kürzesten  Zeitabschnitten  hohe  Ziffern
erreichten;
Am  31.  Juli  1914  ....  205,00  Mill.  Frcs.
,,  1.  Oktober  1914  ....  2x00,00  ,,  ,,
„  15.  Oktober  1914  ....  2400,00  „  „
,,  10.  Dezbr.  1914  ....  3600,00  ,,  ,,
„  24.  Dezbr.  1914  ....  3900,00  „  „
Dieses  rasche  Anwachsen  m  den  ersten  fünf  Kriegsmonaten  kann
wenig  verwundern,  denn  die  Ausgaben  für  die  Kriegführung  wurden
durch  die  Kosten  der  Mobilmachung  erhöht.  Auch  späterhin  ruhte  die
Last  der  Geldbeschaffung  auf  der  Notenbank,  trotz  aller  Bestrebungen,
neue  Kapitalquellen  zu  erschließen.  Hieifür  gibt  die  nachstehende
Tabelle  einen  kleinen  Überblick.  Im  Laufe  der  Monate  betrugen  dann
die  Vorschüsse  (in  Mill.  Frcs.):
So  vom  1.  August  1914  bis  1.  Februar  1915  4100,00
„  1.  Februar  1915  „  x.  April  1915  4800,00
„  1.  April  1915  „  I.  August  1915  6500,00
„  1.  August  1915  „  I.  Dezbr.  1915  7600,00
„  1.  Dezbr.  1915  ,,  3°-  Dezbr.  1915  5200,00  (X.  Kriegs-Anleihe)
„  1.  Januar  1916  „  4-  Mai  1916  7600,00
„  4.  Mai  1916  „  6.  Juli  1916  8300,00
„  6.  Juli  1916  „  3.  August  1916  8500,00
Diese  Z  hlen  zeigen  das  Gesamtbild  der  Inanspruchnahme  während
zweier  Kriegsjahre  an.  Im  Dezember  1915  sank  die  Vorschußsumme
        <pb n="170" />
        154

Erwin  Respondek,

um  2400  Mill.  Frcs.  Dieser  Abbau  konnte  durch  die  Eingänge  aus  der
ersten  Kriegsanleihe  bewirkt  werden.  Dann  aber  mußte  die  Notenbank
wiederum  im  alten  Umfange  ihren  Dienst  aufnehmen.
Außer  diesen  direkten  Vorschüssen  an  den  Staat  leistete  die
Notenbank  auch  Zahlungen  für  dessen  Rechnung  an  die  verbündeten ­
  und  befreundeten  Länder.  Durch  Dekret  vom  27.  Oktober  1914
wurde  dem  Finanzminister  für  die  Vorschußgewährung  an  jene  Länder ­
  ein  Kredit  von  340,5  Mill.  Frcs.  eröffnet,  von  dem  an  die  belgische ­
  Regierung  250,  an  die  Serben  90  und  der  Bank  von  Montenegro ­
  0,5  Mill.  Frcs.  überwiesen  werden  konnten.  Kurze  Zeit  darauf ­
  erbat  auch  Griechenland  einen  Kredit,  der  durch  den  Erlaß  vom
20.  November  1914  in  einer  Höhe  von  20  Mill.  Frcs.  gewährt  worden
ist.  Bei  diesem  durch  die  Gesetzgebung  gebilligten  Akt  setzte  der  Finanzminister ­
  gleichzeitig  einen  größeren  Vorratskredit  durch,  den  er  für
die  geldbedürftigen  kleineren  Staaten,  aber  auch  für  Rußland  in  den
nächsten  Monaten  aufzubrauchen  annahm.  Es  wurde  diesen  Ländern
ein  Staatskredit  von  1350,5  Mill.  Frcs.  als  Gesamtsumme  zugesprochen.
Nach  den  bisher  zuverlässig  bekannt  gewordenen  Ziffern  empfingen
demnach

250,00  Mill.  Frcs.
9°,oo  „  „
o»5°  y,  ,,
20,00  ,,  „

Belgien
Serbien
Bank  von  Montenegro
Griechenland

Summe  360,50  Mill.  Frcs.
Gesamtsumme  des  eröffneten  Kredits  .  .  .  1350,50  „  „

Restbetrag  990,00  Mill.  Frcs.

Diese  Vorschüsse  konnte  die  Bank  von  Frankreich  den  einzelnen
Staaten  nicht  direkt  leisten,  da  ein  Bankstatut  es  verbietet,  fremden
Regierungen  Darlehen  zu  gewähren.  Man  wählte  daher  einen  Umweg.
Die  französische  Regierung  diskontiert  bei  der  Notenbank  für  Rechnung
jener  Staaten  Schatzwechsel  und  schafft  ihnen  auf  diesem  Wege  ein
frei  verfügbares  Guthaben.  Es  ist  also  zu  betonen,  daß  die  an  Verbündete ­
  bewirkten  Vorschüsse  ausschließlich  für  Rechnung  des  französischen
Staates  gehen 1 ).
Der  seit  Ende  November  1914  noch  unverbrauchte  Kredit  in  Höhe
von  990  Mill.  Frcs.  soll  vornehmlich  für  künftige  Vorschüsse  an  Belgien
und  Rußland  bereit  stehen.  Seit  dem  n.  März  1915  veröffentlicht  die
Notenbank  in  ihrem  Bankausweise  einen  Posten;  „diskontierte  französische ­
  Schatzscheine  als  Staatsvorschuß  an  die  fremden  Regierungen“,
J )  K  ö  p  p  e  ,  a.  a.  O.,  S.  738,  stellt  einen  anderen  Weg  dar.  Nach  ihm  hat  Frankreich
sich  mit  England  und  Rußland  dahin  geeinigt,  „alle  von  ihnen  an  verbündete  oder  befreundete ­
  Länder  gewährten  Vorschüsse  gemeinsam  zu  tragen.“  Weiterhin  würden  die  Vorschüsse ­
  durch  ein  Finanzkonsortium  für  Rechnung  der  französischen  Regierung  ausgezahlt.
Die  630,00  Mill.  Frcs.  Schatzscheine,  die  von  der  Notenbank  bis  zum  24.  Dezember  1915
diskontiert  und  deren  Erlös  zu  diesen  Vorschüssen  an  die  verbündeten  Staaten  verwandt
wurde,  gingen  nach  der  Darstellung  von  Koppe  durch  das  Finanzkonsortium.  Diese
abweichende  Berichterstattung  beruht  auf  der  Benutzung  verschiedener  Quellen.  Der  im
Text  dargelegte  Modus  wird  nach  den  Angaben  französischer  Quellen  geschildert.
        <pb n="171" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

155

in  dem  diese  noch  freien  Vorschußsummen  verbucht  werden.  Eine
Spezifikation  dieses  Postens,  wonach  zu  erkennen  wäre,  welche  Staaten
und  in  welcher  Höhe  sie  an  diesem  Diskontkredite  beteiligt  sind,  ist
nicht  zu  ermitteln.
Sie  beliefen  sich  in  der  Gesamtsumme  am:
n.  März  1915  auf  71,40  Mill.  Frcs.
29.  Juli  1915  auf  310,00  „  „
31.  März  1916  auf  890,00  „  „
27.  Juli  1916  auf  1179,00  „  „
28.  August  1916  auf  1345,00  „  „
Das  Schatzamt  stützte  sich  also  während  der  ganzen  Kriegszeit  in
einem  nicht  geringfügigen  Umfange  auf  die  Zentralnotenbank.  Soweit ­
  es  in  den  ersten  Kriegsmonaten  die  Bank  von  Frankreich  vollends
für  sich  in  Anspruch  nahm  und  mit  ihren  Vorschüssen  Krieg  führte,
kann  ihm  hieraus  kein  Vorwurf  gemacht  werden.  Denn  die  Vorbedingungen ­
  für  die  Auflage  einer  Kriegsanleihe  waren  in  den  ersten
Kriegsmonaten  nicht  gegeben.  Das  Nationalvermögen  der  französischen ­
  Republik  ist  unter  die  weitesten  Kreise  der  Bevölkerung  verteilt. ­
  und  große  Kapitalien  sind  nur  in  wenigen  Händen  konzentriert.
Diese  Zersplitterung  bildet  zwar  eine  gewisse  nationale  Stärke  des
Landes,  ist  aber  für  die  erfolgreiche  Durchführung  großer  Anleihe-Transaktionen,
  die  auf  dem  Subskriptionswege  aufzubringen  wären,
durchaus  hinderlich.  Die  großen,  von  wenigen  Händen  geleiteten  Vermögen ­
  sind  vielfach  im  Auslande  oder  werden  von  dort  aus  verwaltet, ­
  und  die  Besitzer  mittlerer  Vermögen  haben  in  den  politischen  Krisen ­
  der  letzten  Jahre  große  Verluste  —  vor  allem  an  ausländischen
Werten  —  erlitten  und  halten  sich  seit  längerer  Zeit  vom  Anleihemarkt
fern.  Hierzu  kommt,  daß  die  regelmäßigen  Eingänge  von  Zinsen,  Koupons
  und  Dividendenscheinen  aus  den  ausländischen  und  zum  großen
Teil  auch  der  inländischen  Effekten  ausbleiben,  und  dieser  hohe  Ausfall
konnte  leicht  die  Annahme  hervorrufen,  daß  die  Kapitalien  wohl  verloren ­
  sein  werden.  Sie  wurden  ja  von  den  Kriegführenden  in  Festungen,
Munition,  Kriegsgerätschaften  aller  Art,  so  vor  allem  in  Rußland,  Balkan,
Belgien  angelegt  und  sind  nun  entweder  vernichtet  oder  in  den  Händen
des  Feindes.  Der  scharfe  Rückgang  der  3  %  Rente,  die  hohen  Kursstürze ­
  der  französischen  Eisenbahn-Obligationen  und  Aktien  sind  auch
nur  geeignet,  Furcht  und  Argwohn  der  Kapitalisten  zu  stärken.  Schließlich ­
  ist  noch  das  laufende  Einkommen  infolge  des  gestörten  Wirtschaftslebens ­
  geringer  oder  zum  Teil  gänzlich  fortgefallen.  Die  Kreditbanken
waren  mit  ausländischen  Effekten  überladen  und  zahlungsunfähig.
Ein  nicht  zu  unterschätzender  Faktor  für  die  Möglichkeit  und  den  Erfolg ­
  einer  Anleihe-Auflegung  liegt  im  Vertrauen  des  Volkes  zum  Staate.
Aber  das  siegreiche  Vordringen  des  Feindes  im  eigenen  Lande  war  eher
geeignet,  der  Bevölkerung  den  Glauben  an  den  eigenen  Sieg  zu  erschüttern ­
  oder  gar  vollends  zu  nehmen,  als  etwa  Vertrauen  zur  Regierung ­
  einzuflößen.  Sollte  es  aber  dennoch  gelungen  sein,  den  Patriotismus ­
  des  Volkes  zu  erwecken,  damit  er  sich  auch  auf  den  finanziellen
        <pb n="172" />
        Erwin  Respondek,

156

Opfermut  erstreckt,  so  wäre  wiederum  das  unglücklich  gefaßte  Moratorium, ­
  das  insbesondere  in  der  ersten  Zeit  alle  Kapitalien  festkgtc,
ein  unüberwindliches  Hindernis.  So  sprachen  in  der  Tat  alle  Faktoren
gegen  die  Auflage  einer  Kriegsanleihe.  Es  schien  in  den  ersten  Kriegsmonaten, ­
  daß  die  Finanzierung  des  Krieges  mit  Mitteln  des  Volkes
sich  nicht  durchführen  lassen  würde.
Bald  wurde  jedoch  mit  der  Größe  des  Kampfes  auch  der  Umfang
der  finanziellen  Erfordernisse  erkannt,  und  der  Finanzminister  mußte
rechtzeitig  für  eine  Unterstützung  der  Bank  von  Frankreich  Sorge
tragen.  Er  suchte  zunächst  eine  Anleihe-Emission  zu  umgehen  und  auf
Umwegen  sein  Ziel  zu  erreichen.  Trotz  der  wenig  günstigen  Lage  und
der  vielen  Faktoren,  die  eher  gtgen  als  für  ein  solches  Beginnen  sprachen,
wandte  sich  der  Finanzminister  dennoch  direkt  an  das  Volk,  und  zwar
mit  einer  ebenso  neuartigen  wie  originellen  Operation.
Das  Schatzamt  hatte  das  Recht,  Schatzscheine  bis  zu  einer  Höhe
von  940  Mill.  Frcs.  auszugeben.  Von  ihnen  waren  bis  zum  14.  September ­
  1914  nur  350  Mill.  Frcs.  in  Zirkulation.  Mehr  konnten  die  alten
Kunden  des  Tresors  nicht  abnehmen,  da  ihre  Kapitalquellen  sich  durch
die  gegenwärtigen  Zustände  verschlossen.  Ein  Wechsel  in  den  alten
Traditionen  und  Gewohnheiten  lag  daher  sehr  nahe.  Am  13.  September
1914  dekretierte  die  Regierung,  daß  ihre  Schatzscheine,  „Bons  du  Tresor“,
die  früher  nur  an  Banken,  Handelskammern  und  andere  Korporationen
abgegeben  werden  durften,  nunmehr  auch  dem  Volke  zugänglich  zu
machen  sind.  Dieser  Appell  an  die  weite  Öffentlichkeit,  an  das  Volk,
erwies  sich  als  eine  glückliche  Wendung.
Die  neuen  Kriegsschatzscheine  erhielten  einen  besonderen  Titel  und
zwar  den  Aufdruck:  „Bons  de  la  defense  nationale“.  Sie  lauten
auf  Abschnitte  von  100,  500  und  1000  Frcs.,  ihre  Laufzeit  ist  für  jede
Gattung  auf  3,  6  und  12  Monate  festgelegt  und  mit  5  %  verzinslich.
Die  Zinsen  zahlt  der  Staat  im  voraus,  da  sie  beim  Ankauf  der  „National-Verteidigungswechsel“
  vom  Kurs  sofort  abgeschlagen  werden.  Am
21.  Dezember  1914  wurde  der  Zins  auf  4  %  herabgesetzt.  Außerdem
trug  das  Schatzamt  zur  Beweglichkeit  des  Besitzes  dadurch  bei,  daß  es
die  National-Verteidigungswechsel  auf  den  Inhaber  stellte.  Daneben
konnten  die  Kapitalisten  und  Sparer  die  neuen  Schatzwechsel  auch
in  der  Form  eines  Orderpapiers  erhalten.  Und  dies  zu  allen  Summen
und  den  vorgeschriebenen  3  Arten  von  Laufzeiten.  Bei  ihrer  Emission
setzte  sich  die  Regierung  eine  Grenze,  bis  zu  der  sie  National-Verteidigungs-Wechsel
  absetzen  wollte.  Ihre  Umlaufsgrenze  wurde  aber  den
Bedürfnissen  der  Kriegslage  entsprechend  allmählich  erhöht.  So  erfuhr
die  Kontingentierung  im  Laufe  der  Zeit  die  nachstehenden  Veränderungen ­
  und  Erhöhungen:
Emissionsrecht  der  Schatzscheine:
bis  zum  Kriegsausbruch  940,00  Mill.  Frcs.
erhöht  durch:
Dekret  vom  3.  Dezember  1914  auf  ....  1400,00  Mill.  Frcs.
„  „  15.  Januar  1915  auf  3500,00  „  „
        <pb n="173" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

157

Dekret  vom  27.  März  1915  auf  4500,00  Mill.  Frcs.
„  „  8.  Mai  1915  auf  6000,00  „  „
„  „  ?  Juni  1915  auf  7000,00  „  „

Rückzahlung  der  fälligen  Wechsel  bzw.  deren  Umtausch  in  neue
Abschnitte  vollzieht  sich  Zug  um  Zug  an  den  öffentlichen  Kassen,
d.  h.  bei  dem  Schatzamt,  den  Verwaltungskassen  und  Postanstalten.  Alle
Bons  werden  bei  Verfall  zu  Pari  zurückgenommen  und  genießen  a  priori
Vorzugsrechte  bei  Subskriptionen  von  künftigen  Anleihen.
Die  National  -  Verteidigungswechsel  stellten  für  die  unsichere
Lago  der  ersten  Kriegsmonate  eine  durchaus  lohnende  und  vor  allem
vom  Gesichtspunkt  ihrer  Realisierbarkeit  aus  eine  brauchbare,  bewegliche ­
  Kapitalsanlage  dar,  und  ihr  Zukunftswert  war,  dank  des  eingeräuraten
  Vorzugsrechts  für  künftige  Anleihen,  gesichert  und  gut.  Die  Verzinsung ­
  ist  nominell  5  %.  Auf  100  Frcs.  Werden  jedoch  nur  95  Frcs.  eingezahlt, ­
  so  daß  sich  der  Zinsfuß  in  Wirklichkeit  auf  5%  %  erhöht.  Die
kurze  Laufzeit,  3,  6  oder  xz  Monate,  ist  ganz  dem  Empfinden  und  den
Wünschen  des  einzelnen  angepaßt.  Er  kann  je  nach  der  Kriegslage  und
den  eigenen  Bedürfnissen  seine  Kapitalien  für  kürzere  oder  längere  Zeit,
also  in  recht  beweglicher  Form  dem  Staate  vorschießen.  Zweifellos  ist  der
Typ,  der  eine  verdeckte,  kurzfristige  Anleihe  sein  soll,  glücklich  gewählt
und  durch  die  zahlreichen  Variationen  in  Summe,  Laufzeit  usf.  durchaus
geschmeidig.  Die  Presse  entfaltete  eine  äußerst  rege  Propaganda,  in  der
sie  botonte,  daß  der  Kauf  der  Verteidigungs-Wechsel  nicht  nur  aus  patriotischen, ­
  sondern  auch  aus  kapitalistischen  Gründen  geboten  ist.  Die
Banken  Verkündeten,  daß  sie  an  Stelle  des  durch  das  Moratorium  angeordneten ­
  Limits  eine  höhere  Auszahlung  zum  Zwecke  des  Ankaufs  der  National-Verteidigungs-Wechsel ­
  effoktuieren  werden,  so  z.  B.  im  September
an  Stelle  der  dekretierten  20  %  etwa  40  %  oder  50  % x ).  Trotz  aller  Bestrebungen ­
  und  der  Devise  der  nationalen  Verteidigung  weist  der  Absatz
der  Schatzscheine,  die  der  Volksmund  nach  dem  Finanzminister  R  i  b  o  t
kurz  „Ribotins“  nennt,  einen  nur  geringen  Erfolg  auf.  Das  Schatzamt
gab  daher  auch  nur  wenige  Ziffern  über  die  zirkulierenden  Schatzwechsel
bekannt.  Lediglich  bei  den  Erhöhungen  der  Emissionslimite  machte  der
Finanzminister  der  Kammer  einige  Angaben.
Vom  15.  September  1914,  dem  ersten  Emissionstage,  bis  zum  5.
Oktober  waren  217,8  Mill.  Frcs.  der  Verteidigungs-Wechsel  abgesetzt
und  zwar *  2 ):

in  der  Zeit  vom  15.—20.  September  51,5  Mill.  Frcs.
„  „  „  „  21.—25.  September  49,4  „  „
„  „  „  „  26.—30.  September  51,5  „  »
„  „  „  „  i.—5-  Oktober  65,4  „

Insgesamt  217,8  Mill.  Frcs.

1)  Vgl.  Koppe,  a.  a.  O.  S.  741,  der  die  Erschwerung  des  Absatzes  auf  das  Bankmoratorium ­
  zurückführt.
2 )  L’Economiste  Franpais,  No.  40,  30.  Oktober  1914,  S.  376.
        <pb n="174" />
        158

Erwin  Respondek,

Überaus  interessant  ist  die  Gliederung  der  Gesamtsumme  nach
der  Laufzeit  der  „Ribotins“.  Es  entfielen  von  dieser  ersten  Summe  auf
3  Monats-Schatzscheine  .  .  .  .  n8,8  Mill.  Frcs.
6  »  »  33.7  „  „
12  ”  ”  65,1  „  „
d.  h.  also  über  50  %  des  bereitgestellten  Kapitals  wurden  in  den  mit
der  kürzesten  Laufzeit  versehenen,  bei  der  Notenbank  rediskontierbaren ­
  Schatzwechseln  angelegt.  Von  Monat  zu  Monat  stieg  der  Absatz
weiter  und  erreichte
Ende  November  gegen  700,00  Mill.  Frcs.
Mitte  Dezember  gegen  1050,00  „  „
am  21.  Januar  1915  2700,00  „  „

worunter  der  Absatz  in  den  warenliefernden  Ländern  einbegriffen  ist.
Der  Verkauf  erfolgte  nach  England  und  Amerika,  die  ihre  Waren-  und
Munitionslieferungen  zunächst  mit  diesen  National-Verteidigungs-Wechseln
  beglichen  erhielten.  Im  Januar  wurden  in  England  für  10  Mill.
Pfund  Sterling  =  255  Mill.  Frcs.  untergebracht,  die  entweder  von  den
Gläubigern  direkt  angenommen  und  behalten  wurden  oder  zur  Bank
von  England  zum  Rediskont  weiter  wanderten.
In  den  folgenden  Monaten  ging  die  Absatzkurve  immer  noch  steil
aufwärts.  Sie  erreichte
am  5.  März  1915  3542,00  Mill.  Frcs.
Hiervon  waren  in  Frankreich  abgesetzt  3187,80  Mill.  Frcs.
„  England  „  302,60  „  „
„  Amerika  „  51.80  „  „
Am  30.  April  waren  emittiert;
in  Frankreich  4337.9°  Mill.  Frcs.
„  England  302,60  „  „
„  Amerika  .  .  .  207,3°  ..  ..
Insgesamt  4847,80  Mill.  Frcs.
Anfang  Juli  zirkulierten  5140,00  „  „
Am  31.  Juli  X915 1 ):
in  Frankreich  6468,00  „  „
„  England  u.  Amerika  .  490,00  6958,00  „  „

Nach  den  Angaben,  die  der  Finanzminister  in  der  Kammersitzung
vom  26.  November  1915  machte,  zirkulierten  am  31.  Oktober  1915
von  den  National-Verteidigungs-Wechseln:
in  Frankreich  8353,00  Mill.  Frcs.
„  England  und  Amerika  1165,00  „  „
Insgesamt  9518,00  Mill.  Frcs.
Am  13.  Januar  1916  waren  nach  R  i  b  o  t,  Kammersitzung  vom
13.  Januar  1916,  in  Frankreich  und  verbündeten  Staaten  8900  Mill.  Frcs.
National-Verteidigungs-Wechsel  verkauft.

h  Mitteilung  des  Finanzministers  Rib  ot  in  der  Kammersitzung  vom  5.  August  19x5.
        <pb n="175" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

159

Trotz  der  mannigfachen  Vorteile  und  der  steten  Anregungen  der
Regierung  und  Presse  ging  der  Verkauf  der  National-Verteidigungs-Wechsel
  in  den  ersten  Monaten  nach  ihrer  Auflage  nur  äußerst  schleppend ­
  vor  sich.  Es  machte  sich  in  den  Kreisen  der  Käufer  eine  gewisse
Abneigung  gegen  die  Schatzwechsel  breit.  Man  führte  an,  daß  die  in  so
kurzen  Zeitabschnitten  zu  erneuernden  Schatzwechsel  dem  Kapitalisten
viel  Arbeit  verursachten!  Dieser  kann  und  will  sich  nicht  alle  3  oder  6
Monate  mit  der  Anlage  seiner  Gelder  beschäftigen!  Er  wünscht  vielmehr ­
  seine  Kapitalien  zu  einem  hohen  Zinssätze  für  eine  längere  Zeit
fest  und  sicher  unterzubringen.  Die  Regierung  verfolgte  diese  Erscheinungen ­
  mit  Aufmerksamkeit.  Auch  ihr  war  es  natürlich  lieb,  ein  längeres
Ziel  in  der  Kreditgewährung  zu  erhalten.  Aus  den  bereits  dargelegten
Gründen  war  es  ihr  aber  immer  noch  nicht  möglich,  eine  feste  Anleihe  zu
emittieren,  zumal  die  3%  %  Rente,  die  gegen  30  Milliarden  Frcs.  aufs
Papier  und  etwas  über  350  Mill.  Frcs.  aufs  Brett  brachte,  ein  genügendes
Warnungszeichen  darstellte.  Hier  griff  wiederum  die  geschickte  Hand
des  Finanzrainisters  R  i  b  0  t  ein,  um  eine  Brücke  für  die  gegenteiligen
Interessen  zu  schlagen.  Und  abermals  ist  seiner  Schöpfung  ein  glücklicher ­
  und  origineller  Zug  eigen.  Das  Gesetz  vom  10.  Februar  1915
autorisierte  den  Minister  zur  Ausgabe  von  ,,5  %  steuerfreien  10jährigen ­
  National-Verteidigungs-Obligationen,  späteste ­
  Verfallzeit  1925“.
Der  Zins  der  neuen  „Obligations  de  la  defense  nationale"  wird  auf
den  Nennbetrag  berechnet  und  ist  halbjährlich  am  16.  Februar  und
16.  August  eines  jeden  Jahres  im  voraus  zahlbar.  Der  Emissionskurs
ist  96%  %i  abzüglich  der  Zinsen  für  die  noch  nicht  abgelaufene  Zeit
des  ersten  Semesters,  sofern  die  Einzahlung  sofort  erfolgt.  Sie  sind  spätestens ­
  am  12.  Februar  1925  rückzahlbar.  Es  steht  jedoch  dem  Schatzamte ­
  frei,  die  Tilgung  nach  dem  16.  Februar  1920  zu  jedem  Zeitpunkte
zu  Pari  vorzunehmen  unter  Verrechnung  der  ersparten  Zinsen.  Einer
Steuer  unterliegen  die  Obligationen  für  die  ganze  Dauer  ihrer  Laufzeit
nicht.  Es  steht  jedem  Besitzer  frei,  sie  weiter  zu  begeben,  da  sie  entweder ­
  auf  den  Inhaber  oder  auf  Order  ausgestellt  sind.  Auch  ihnen
wurde  ein  weitgehendes  Vorzugszeichnungsrecht  eingeräumt.  Für  jede
künftige  Anleihe  des  Staates,  die  vor  dem  1.  Januar  1918  emittiert
werden  sollte,  können  sie  zum  Emissionskurs,  also  zu  96%%,  in  Zahlung
gegeben  werden,  zuzüglich  der  bis  dahin  bereits  erworbenen  Rückzahlungsprämie ­
  (Differenz  zwischen  dem  Emissionskurs  und  Parirückzahlungspreis ­
  für  die  verflossene  Zeit  berechnet),  jedoch  abzüglich  der
im  voraus  bezahlten,  laufenden  Zinsen  für  das  betreffende  Semester.
Die  Obligationen  zerfallen  in  Abschnitte  zu  100,  500  und  1000  Frcs.
Wie  früher  festgestellt  wurde,  haben  die  Inhaber  der  gezeichneten  National ­
  -Verteidigungs  -Wechsel  ein  Vorzugs  -  Zeichnungsrecht,  und  sie
können  ihre  Titel  zu  Pari  unter  Abzug  der  im  voraus  vergüteten  Zinsen
in  Zahlung  geben.  Schließlich  werden  auch  die  bis  zum  31.  Januar
1915  vollgezahlten  Stücke  der  3%  %  Rente  zu  ihrem  Emissionskurse,
        <pb n="176" />
        i6o

Erwin  Respondek,

91  %,  zuzüglich  laufender  Zinsen  als  Gegenwert  für  die  gezeichneten
Obligationssummen  in  Zahlung  genommen.
Die  Ausgabe  der  National-Verteidigungs-Obligationen  begann  am
25.  Februar  1915.  Zeichnungen  werden  bei  allen  Steuerkassen,  sonstigen ­
  öffentlichen  Staatskassen,  Postanstalten,  sowie  an  den  Schaltern
der  Bank  von  Frankreich  entgegengenommen.  Der  Gegenwert  hat
sofort  bei  der  Subskription  geleistet  zu  werden  und  zwar  in  Bargeld,
Banknoten,  Giroüberweisungen  durch  die  Notenbank,  National-Verteidigungs-Wechseln ­
  oder  Titeln  der  3%%  Rente.  Eine  bare  Auszahlung
der  Spitzen  bei  Zeichnungen  über  500  Frcs.  erfolgt  nicht,  sondern  es
ist  ein  höherer  Nominalbetrag  unter  barer  Zuzahlung  des  Mehrbetrages
zu  zeichnen.
Den  Inhabern  der  3%  %  Rente  ist  das  Recht  eingeräumt,  ihre
Titres  gegen  die  neuen  Obligationen  umzuwechseln.  Diese  Transaktion ­
  bringt  dem  Schatzamt  natürlich  keinen  Zufluß  neuer  Kapitalien, ­
  aber  sie  hat  den  einen  Vorteil,  daß  die  verunglückte  3  %  %
tilgbare  Rente  aus  der  Welt  geschafft  wird.  Auch  die  Ausübung  des
Umtauschrechtes  durch  die  Käufer  der  National-Verteidigungs-Wechsel
führt  der  Finanzverwaltung  keine  neuen  Mittel  zu.  Hier  hat  der  Staat
lediglich  die  Gewißheit,  daß  ihm  die  nur  für  kurze  Zeit  vorgestreckten
Kapitalien  jetzt  durch  die  Obligationen  für  7—8  Jahre  fest  und  unkündbar ­
  zur  Verfügung  stehen.
Dagegen  sind  es  zwei  Momente,  die  den  National-Verteidigungs-Obligationen
  einen  ganz  charakteristischen  Zug  der  schweren  Zeit  für
die  Finanzlage  des  Staates  verleihen.  Einmal  die  scharf  betonte  Steuerfreiheit ­
  und  dann  die  Zahlung  des  Anleihe-Zinses  im  voraus.  Alle  bisher
in  Frankreich  emittierten  Anleihen  unterlagen  einer  Steuerabgabe,
die  natürlich  letzten  Endes  die  Zeichner  tragen  mußten.  Nunmehr
verzichtet  aber  die  Regierung  auf  diesen  Vorteil  und  nimmt  hier  den
Subskribenten  eine  Last  ab.  Der  Bruch  mit  den  alten  Traditionen
konnte  auch  nicht  ohne  Wirkungen  auf  die  alten  Renten  bleiben.  Sie
gaben  im  Kurse  nach,  außer  der  3%  %  tilgbaren  Rente,  die  durch  ihr
Vorzugsrecht  gesucht  wurde.
Die  zweite  Bedingung,  unter  der  die  französische  Regierung  gezwungen ­
  war,  ihr  neues  Staatspapier  zu  emittieren,  ist  in  der  modernen
Finanzgeschichte  bisher  ohne  Beispiel  geblieben.  Ein  finanziell  führender
Staat  verpflichtet  sich,  die  Zinsen  für  ein  Darlehen  pränumerando  zu
zahlen  1  Es  geschieht  oft,  daß  einer  exotischen  Regierung,  deren  Zahlungsfähigkeit ­
  und  -willen  nicht  einwandfrei  sind,  vom  Emissionshause
aus  Sicherheitsgründen  die  Zinsen  für  mehrere  Semester  zurückbehalten
werden,  jedoch  in  aller  Stille,  um  den  geldbedürftigen  Staat  auf  dem  Weltmärkte ­
  nicht  in  Mißkredit  zu  bringen.  Der  Entschluß  Frankreichs,
den  Zinsendienst  im  voraus  zu  leisten,  muß  daher  sehr  überraschen
Hoher  Zins,  niedriger  Ausgabepreis  und  das  Vorzugszeichnungsrecht
  für  künftige  Anleihen  gewähren  den  Obligationären  die  weitgehendsten ­
  Vergünstigungen.  Die  effektive  Verzinsung  ist  unter  Ein-
        <pb n="177" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

161

Schluß  dieser  Vorteile  auf  etwa  5,7  %  zu  veranschlagen.  Bei  einer
Kalkulation  dieses  effektiven  Zinses  sind  die  folgenden  Faktoren  in  Erwägung ­
  zu  ziehen.
Der  Emissionskurs  ist  g6%  %•  Bei  sofortiger  Einzahlung  erhält
der  Zeichner  für  das  erste  Semester  1915,  also  die  Zeit  vom  16.  Februar
bis  16.  August  1915,  2,50  Frcs.  Zinsen  im  voraus  vergütet.
5  %  Zinsen  auf  die  Marge  vom  Emissionskurs  96,50  und  Nominalkapital ­
  100  gleich  3,50  Frcs.,  ergeben  ein  Plus  am  Jahreszins  von  0,175  %.
Der  Halbjahreszinsgewinn  auf  2,50  Frcs.  der  im  voraus  gezahlten  Zinsen
ist  0,025  %,  so  daß  der  effektive  Jahreszinssatz  auf  5,20  %  steigt.  Zu
diesem  Jahreszins  kommt  der  Zuschlag  der  Rückzahlungsprämie.
Das  Benefizium  der  Rückzahlungsprämie  ist  prozentual  insoweit
schwer  zu  kalkulieren,  als  der  Zeitpunkt  der  Rückzahlung  nicht  feststeht. ­
  Die  Amortisation  kann  nach  den  Emissionsbedingungen  frühestens ­
  nach  5  Jahren,  spätestens  nach  10  Jahren  erfolgen.
Angenommen,  die  Rückzahlung  wird  nach  5  Jahren  effektuiert,
dann  empfängt  der  Inhaber  der  Obligation  für
gezahlte  94,50  Frcs  100,00  Frcs.  =  +  3,50  Frcs.
abzüglich  der  im  voraus  gezahlten  Zinsen  %  Jahr  .  =  —0,25  „
somit  ist  der  Amortisationsgewinn  für  5  Jahre  ...=-)-  3,25  Frcs.
„  1  Jahr  ,.,&amp;lt;=+  0,65  „
Zum  effektiven  Jahreszins  von  5,20  %  zugeschlagen,  ergibt  dies
einen  durchschnittlichen  Jahreszins  von  5,85  %.  Erfolgt  die  Rückzahlung ­
  nach  10  Jahren,  dann  empfängt  der  Inhaber  der  Obligation  für
gezahlte  94,50  Frcs  100,00  Frcs.  =  -f-  3,50  Frcs.
abzüglich  der  im  voraus  gezahlten  Zinsen  für  y 2  Jahr  =  —0,25  „
somit  ist  der  Amortisationsgewinn  für  10  Jahre  ..=-(-  3,25  Frcs.
„  1  Jahr  .  .  =  +  0,30  „
d.  h.  ein  durchschnittlicher  Jahreszins  von  5,50%.
Wenn  man  nun  eine  durchschnittliche  Laufzeit  von  7—8  Jahren
veranschlagen  darf,  so  ergibt  dies  einen  durchschnittlichen  Jahreszinssatz ­
  von  5,70  %.  Außerdem  birgt  die  Aussicht  des  Umtausches  bereits
erworbener  Obligationen  in  zukünftige  feste  Anleihetitel  gleichfalls  jetzt
noch  nicht  erfaßbare  Vorteile  in  sich.
Nach  Fassung  der  Ausgabe,  Typ,  Amortisation  u.  a.  kann  die
Ausgabe  der  10  jährigen  National-Verteidigungs-Obligationen  als  ein
efster  Versuch  angesehen  werden,  die  schwebenden  Schulden  der  Finanzverwaltung ­
  für  eine  gewisse  Zeit  zu  konsolidieren.  Aber  diese  Absicht
ist  bei  dem  geringen  Zeichnungserfolg  nicht  vollkommen  zu  erreichen.
Nach  den  jeweiligen  Berichten  des  Finanzministers  in  der  Kammer
sind  geringe  Zeichnungsergebnisse  zu  beobachten,  wobei  auch  bei  den
National-Verteidigungs-Obligationen  das  Schatzamt  die  Emissionsgrenze
nicht  starr  festsetzte,  sondern  ähnlich  wie  bei  den  Schatzwechseln  je
nach  der  Lage  erhöhen  ließ.
Respondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

II
        <pb n="178" />
        IÖ2

Erwin  Respondek,

1

Der  Absatz  der  neuen  Obligationen  ging  nicht  so  glatt  vor  sich,
wie  es  allgemein  erhofft  wurde.  Es  wurden  gezeichnet:

Vom  27.  Februar  bis  17.  März  1915  durch  Konversion  der
3/4  %  Rente  und  Ribotins  936,00
durch  bar  124,00
Bis  Ende  April  1915  durch  Konversion  der  314%  Rente  781,00
durch  direkte  Subskription  und  Konversion  der  Ribotins
ab  27.  Februar  ■  .  969,00

im  Monat  Mai  231,00
„  „  Juni  •  392,00
„  „  Juli  ■  ■  322,00

Bis  31.  Juli  1915  insgesamt

1060,00  Mill.  Fros. 1 )

1750,00

945,00  „
2695,00  Mill.  Frcs.

Am  31.  Oktober  1915  waren  nach  einer  Mitteilung  des  Finanzministers
in  seiner  Kammerrede  vom  26.  November  1915  =  3659  Mill.  Frcs.  abgesetzt. ­
  Hierunter  fallen  Barzeichnungen  und  Konversionen  von  National-Verteidigungs-Wechseln
  in  Höhe  von  2739  Mill.  Frcs.
Nach  Mitteilung  von  R  i  b  01  in  der  Kammerrede  vom  13.  Januar
1916  waren  bis  zu  diesem  Tage  3824  Mill.  Frcs.  abgesetzt.
Die  Ergebnisse  der  Zeichnungen  sind,  nach  diesen  Ziffern  zu  urteilen,
keineswegs  als  „durchaus  zufriedenstellend“  zu  bezeichnen,  wie  es  der
Finanzminister  in  seinen  Kammerreden  immer  anzuführen  pflegte.
Unter  Berücksichtigung  der  konvertierten  Summen  ist  die  Beteiligung
der  baren  Zeichner  vielmehr  als  höchst  mangelhaft  anzusprechen.  Worin
die  Zurückhaltung  der  großen  und  kleinen  Kapitalisten  ihren  Grund
haben  mag,  ist  nicht  ersichtlich,  da  die  Obligationen  ein  reicher  Kranz
von  Vergünstigungen  für  die  Gegenwart  und  Zukunft  umgibt.  Die
Einwände,  daß  die  Obligationen  zu  geringe  Haussechancen  für  die
Börsenspekulation  haben,  wie  sie  aus  manchen  Kreisen  angeführt
wurden,  sind  nicht  stichhaltig.  Man  vergißt  mit  Unrecht,  daß  ein  Vorzugszeichnungsrecht ­
  für  künftige  Anleihen  doch  die  besten  Haussechancen
in  sich  birgt  und  eine  ebenso  hohe  Vergünstigung  darstellt,  wie  der
Ekart  zwischen  Emissionskurs  und  Parirückzahlungskurs.  Es  mag  aber
vielleicht  daran  gelegen  haben,  daß  die  National-Verteidigungs-Obligationen
  nicht  auf  den  Rentenmarkt  an  der  Börse  eingeführt  wurden.
Eine  offizielle  Notiz  im  Börsenhandel  hätte  möglicherweise  die  Spekulation ­
  angereizt,  lebhaftere  Käufe  in  den  Schatzobligationen  vorzunehmen ­
  und  wäre  auch  für  das  anlagesuchende  Publikum  vorteilhafter
gewesen.  Einmal  sehen  die  Kapitalisten  und  Sparer  einen  täglichen
Kurs  und  dürften  so  das  beruhigende  Gefühl  gewinnen,  jederzeit  in  der
Lage  zu  sein,  im  Falle  des  Bedürfnisses  realisieren  zu  können.  Gegen
9  Vgl.  dagegen  Koppe,  a.  a.  O.  S.  745.  Zeichnungen  auf  N.  V.-Obligationen
für  die  Periode  bis  zum  21.  März:
Durch  Umtausch  der  3Y 2 %  Rente  ....  575, 00  Mül.  Frcs.
„  „  von  N.  V.-Wechsein  .  .  .  153,00  „  „
demnach  durch  bare  Zeichnungen  332,00  ,,  „
Insgesamt  1060,00  Mill.  Frcs.
Ribot  gab  als  Barzeichnungssumme  nur  253,00  Mill.  Frcs.  an.
        <pb n="179" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

163

«ine  Notiz  an  der  Börse  sprachen  andererseits  gewisse  Bedenken  zugunsten ­
  des  Schatzamtes.  Übrigens  ist  die  Beweglichkeit  der  Obligationen
in  Grenzen  gewährleistet,  da  die  Bank  von  Frankreich  diese  Titel  beleiht. ­
  Große  Schwierigkeiten  für  eine  erfolgreiche  Anleihezeichnung
dürften  dagegen  weniger  in  dem  unglücklichen  Moratorium  liegen,  obwohl ­
  nicht  verneint  werden  kann,  daß  die  einengenden  Beschränkungen
des  Wechselmoratoriums  einer  gewaltsamen  Erstickung  des  Wirtschaftslebens ­
  gleichkamen.  Während,  im  Augenblicke  des  Kriegsausbruchs,
Deutschland  und  England  die  Zahlungen  aller  Schulden  garantierten,
legte  Frankreich  durch  seine  Moratoriumserlasse  die  Gelder  seiner
Kapitalisten  und  Sparer  fest.  Hierzu  kam,  daß  mit  Hilfe  dieses
Gesetzesaktes  nun  bald  gewandte  Geschäftsmänner  eigenartige  Verhältnisse ­
  zwischen  Staat  und  beschütztem  Schuldner  konstruierten,
die  einer  näheren  Ausführung  bedürfen.  Die  Schuldner,  sei  es,  daß
sie  wechselmäßig  haften  oder  Warenschulden  haben,  sind  verpflichtet,
ihren  Gläubigern  5  %  Verzugs-  oder  Aufschubszinsen  für  ihre  Verpflichtungen ­
  zu  zahlen.  Diese  Abgabe  stellt  zunächst  für  sie  eine  Belastung
dar.  Nunmehr  aber  emittiert  der  Staat  seine  hochverzinslichen  National-Verteidigungs-Wechsel
  und  -Obligationen.  Die  letzteren  haben,  wie
berechnet  wurde,  einen  Jahreszins  von  durchschnittlich  5,70  %.  Legt
nun  der  in  der  Zwischenzeit  vielleicht  wieder  vollkommen  zahlungsfähig
gewordene  Schuldner  die  gesetzlich  gestundete  Summe  in  Obligationen
an,  anstatt  seine  Verpflichtungen  abzudecken,  so  erzielt  er  einen  immerhin
ansehnlichen  Zinsgewinn  —mit  fremdem  Gelde.  So  bietet  die  Emission
der  National-Verteidigungs-Obligationen  für  den  gewandten  Kaufmann
auf  Kosten  des  Staates  eine  Gelegenheit  für  gute  Geschäfte.  Für  den
Staat  bedeutet  dieses  Spiel  mit  fremdem  Gelde  eine  Gefahr.  Er  hat
als  Zeichner  und  endgültige  Gläubiger  nicht  die  Eigentümer  jener
blockierten  Kapitalien,  sondern  nur  deren  zeitlichen  Besitzer.  Bei  einem
Rückschlag  in  der  militärischen  oder  wirtschaftlichen  Konjunktur
werden  ihn  diese  Gelegenheitskapitalisten  im  Stiche  lassen  und  die
Rückzahlung  fordern.  Bei  der  zukünftigen,  notwendigen  Abschaffung
des  Moratoriums  hat  er  gleichsfalls  den  gefährlichen,  hohen  Abfluß
dieser  Kapitalien  in  Rechnung  zu  stellen  und  so  eine  Entblößung  des
Staatsschatzes  zu  befürchten,  vielleicht  zu  einer  Zeit,  die  für  seine  Finanzen ­
  gerade  nicht  günstig  ist.  Es  gäbe  nun  eine  Möglichkeit,  diesem  Verfahren ­
  zu  begegnen,  die  in  Frankreich  angeregt  wurde.  Das  Moratorium
wäre  zu  ungunsten  aller  derjenigen  aufzuheben,  die  mit  Mitteln  ihrer
Gläubiger  National  -Verteidigungs  -  Obligationen  gekauft  haben.  Alsdann ­
  könnte  der  Staat  diese  Summen  in  seine  Kassen  führen,  d.  h.
eine  Umschreibung  in  seinen  Büchern  bezüglich  der  Gläubiger  vornehmen.
Dann  hat  er  zu  seinen  Gunsten  die  ursprünglichen  Kapitalisten  als
endgültige  Gläubiger.  Aber  dieses  Projekt  praktisch  zu  realisieren,  dürfte
auf  große  Schwierigkeiten  stoßen.  Es  würde  in  das  Selbstbestimmungsrecht ­
  der  Wirtschaftenden  tief  einschneiden,  Unmut  erzeugen  und  unredliche ­
  Bestrebungen  mancher  Kreise  hervorrufen,  die  eine  Umgehung
        <pb n="180" />
        164

Erwin  Respondek,

des  Zwanges  zu  ihrem  Vorteil  ermöglichen.  Aus  allen  diesen  Komplikationen ­
  die  richtige  Lösung  zu  finden,  ist  nicht  leicht,  wenn  der  Staat
nicht  den  Weg  der  generellen  Aufhebung  des  Moratoriums  beschreiten  will.
Nach  den  Mitteilungen  des  Finanzministers  R  i  b  o  t  im  Senat
vom  5.  August  1915  zirkulierten  in  Frankreich  und  im  Auslande  unter
Einschluß  aller  Konversionen  und  Barzahlungen  am  31.  Juli  1915,  d.  h.

nach  etwa  10  Monaten:
National-Verteidigungs-Wechsel  6958,00  MiU.  Frcs.
„  „  Obligationen  2695,00  „  „

Zusammen  9653,00  MiU.  Frcs.

Der  Erlös  aus  dieser  doppelten  Anleiheform  ist  höchst  geringfügig, ­
  namentlich  wenn  in  Betracht  gezogen  wird,  daß  für  die  Sparer
und  Kapitalisten  jeder  Tag  ein  Zeichnungstag  ist,  an  dem  sie  die  jeweilig
freien  Gelder  dem  Staate  durch  den  Ankauf  jener  National-Verteidigungs-Wechsel
  oder  -Obligationen  hingeben  können.  Um  eine  lebhaftere  Zufuhr ­
  von  Kapitalien  zu  erreichen,  war  das  Schatzamt  bestrebt,  eine  rege
Propaganda  mit  Hilfe  der  Presse,  Schule  und  Kirche  zu  entfesseln.
Aber  kein  Mittel  löste  eine  höhere  Beteiligung  aus  und  vermochte  den
Kauf  jener  neuen  Titel  zu  beleben.  Auch  die  unermüdliche  und  intensiv
betriebene  Werbetätigkeit  der  Presse,  die  zu  gleicher  Zeit  eine  eindringliche ­
  Belehrung  über  die  mannigfachen  Vorteile  gab,  die  der  Ankauf
von  National-Verteidigungs-Wechseln  und  -Obligationen  in  sich  birgt,
konnte  das  Ergebnis  nicht  im  ersehnten  Ziele  beeinflussen.  Ganz  entschieden ­
  wurde  von  der  „finanziellen  Dienstpflicht“  der  Zurückgebliebenen ­
  gesprochen,  eine  hohe  und  schnelle  Zeichnung  dem  blutigen
Kampfe  auf  den  Schlachtfeldern  gleichgestellt.  Der  „Temps“  schrieb:
„Es  ist  Pflicht,  diese  Noten  in  Schatzscheine  umzuwandeln,  entweder
in  5  %  Schatzwechsel  mit  vorheriger  Zinszahlung  oder  in  5  %  Obligationen ­
  mit  vorheriger  Zinszahlung  und  Rückzahlungsprämie.  Weder
die  einen  noch  die  anderen  unterliegen  der  Steuer;  sowohl  die  einen  als
auch  die  anderen  werden  zu  den  künftigen  Anleihen  zugelassen.  Jeder
Zeichner  vollführt  die  Handlung  eines  guten  Franzosen 1 ).“  Der  Herausgeber ­
  des  L’Economistc  Frangais“  wendet  sich  in  flammenden  Worten
an  seinen  Leserkreis  mit  der  Aufforderung  zur  Zeichnung  der  Schatzscheine. ­
  In  seinen  Aufrufen  hält  er  die  Notwendigkeit  und  die  Vorteile
einer  reichlichen  Zeichnung  vor  Augen.  So  z.  B.  schreibt  er  wörtlich: 1  2 )
„.  .  .  .  jener  Sieg,  unsere  Helden  werden  ihn  uns  geben.  Aber  es
liegt  in  unserer  Hand,  seine  schnelle  Verwirklichung  zu  begünstigen.
Keine  Armee  ohne  Proviant,  kein  Proviant  ohne  Geld  im  Schatzamte.
Zeichnet  daher  immer  und  immer  wieder  die  Bons  und  Obligationen,
dann  die  große  nationale  Anleihe.  (Bereits  hier  der  Hinweis  auf  die
projektierte  Anleihe.)  Die  Stunde  des  Zögerns  ist  vorüber.  Frankreich,
dessen  finanzielle  Macht  die  Bewunderung  der  Welt  erregt,  muß  seiner

1 )  Temps  12.  August  1915.
2 )  a.  a.  O.  13.  November  1915,  S.  651.
        <pb n="181" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

165

selbst  würdig  bleiben.  Am  Tage,  wo  die  Anleihe  angekündigt  wird,  wird
sie  einen  einzigartigen  Erfolg  darstellen.  Wir  brauchen  den  Sieg  auf
dem  finanziellen  Schlachtfelde  wie  auf  dem  anderen  Schlachtfelde.  Wir
brauchen  ihn  vollkommen  und  unwiderstehlich“.
Alle  diese  Bestrebungen  und  Arbeiten  für  einen  guten  Absatz  der
kurzfristigen  Staatspapiere  blieben  ohne  nennenswerten  Erfolg.  Die
Schatzscheine  brachten  nicht  die  erhofften  Mittel  in  der  erforderlichen
Höhe.
Schließlich  wandte  sich  der  Staat  noch  an  die  kleinsten  aller
Rentner,  die  Centimes-Kapitalisten  in  den  kleinen  Städten  und  Dörfern.
Man  ging  offenbar  von  der  richtigen  Überlegung  aus,  daß  es  diesen
kleinen  Sparern  unmöglich  ist,  auf  einmal  100  Eres,  in  National-Verteidigungs-Wechseln ­
  oder  -Obligationen  anzulegen.  Dennoch  wollte  man
auch  bei  ihnen  den  Willen  zur  finanziellen  Opferbereitschaft  voraussetzen. ­
  Die  Regierung  suchte  daher  diese  Gelder  an  sich  zu  ziehen.
Sie  knüpfte  hierbei  an  die  bereits  bestehenden  Typen  an  und  emittierte
durch  Dekret  vom  20.  August  1915  ein  den  National-Verteidigungs-Wechseln
  parallel  laufendes  Papier,  die  „Bons  de  la  defense  nationale, ­
  au  porteur,  ä  un  an.“
Diese  Schatzscheine  lauten  auf  Abschnitte  von  20  und  5  Eres.  Sie
sind  auf  den  Inhaber  gestellt,  also  leicht  übertragbar  und  verfallen
nach  einem  Jahr.  Ihre  Verzinsung  ist  mit  5  %  gesichert  und  wird  nach
der  Verfallzeit  gezahlt.  Wenn  sie  also  nach  einem  Jahre  nicht  umgewechselt ­
  werden,  empfängt  der  Inhaber  eines

20  Frcs.-Bons  8  ctms.
5  Frcs.-Bons  2  „

Erreicht  der  Sparer  durch  steten  Ankauf  runde  Summen,  z.  B.  rooFrcs.,
so  steht  ihm  das  Recht  zu,  die  Bons  zum  Nennwert  in  Obligationen
jederzeit  umzutauschen.  Das  Bemerkenswerte  an  diesen  kleinsten  verzinslichen ­
  Schatzscheinen  ist  ihre  ungemein  leichte  Beweglichkeit.  Sie
tragen  einen  Verkehrscharakter,  wie  er  nur  noch  den  Banknoten  innewohnt, ­
  der  durch  den  5  und  20  Eres.-Nennwert  und  die  Ausstattung
mit  der  Inhaberklausel  zur  Volkstümlichkeit  leicht  erhoben  werden  kann.
Koppe  weiß  über  ihre  Beliebtheit  und  ihren  Erwerb  durch  die  Volkskreise ­
  auch  zu  sagen:  „Es  soll  den  Kleinbürgern  nämlich  ein  kindliches, ­
  sportmäßiges  Vergnügen  bereitet  haben,  ihre  Kapitalanlage  in
recht  vielen  solchen  kleinen  Abschnitten  zu  machen  und  sich  der
Masse  dieses  papierenen  Besitzes  sowohl  zu  freuen  als  zu  rühmen“ 1 ).
Es  kann  so  nicht  verwundern,  daß  von  einigen  Seiten  die  Anregung ­
  gegeben  wurde,  diese  Schatzscheine  mit  gesetzlicher  Zahlungskraft ­
  auszustatten,  und  dennoch  ihre  Verzinslichkeit  fortzuführen.
Natürlich  haben  einsichtige  Kreise  hiergegen  sofort  ihre  ernsten  Bedenken ­
  geäußert,  so  daß  die  Regierung  auch  ihrerseits  in  einem  offiziellen
Artikel  gegen  die  Ausführung  dieses  Gedankens  unter  Hinweis  auf  die
Folgen  für  Notenbank  und  Staatskredit  Stellung  nahm.

l )  a.  a.  O.  S.  742.
        <pb n="182" />
        i66

Erwin  Respondek,

Die  Emission  dieser  Inhaberbons  wird  dem  Schatzamte  wohl  nur
geringe  Summen  einbringen 1 ).  Aber  dadurch,  daß  auch  der  kleinste
Mann  zum  Ankauf  von  Staatspapieren  angehalten  wird,  läßt  die  Regierung ­
  keinen  Weg  aus  dem  Auge,  sich  neue  Kapitalsquellen  immer
wieder  zu  erschließen.  Auch  die  bescheidensten  der  französischen  Sparer
können  durch  vereinte  Teilnahme  an  den  finanziellen  Anstrengungen
ihres  Landes  sicherlich  willkommene  Hilfe  leisten.  Und  jeder  Betrag,
auch  ein  Sou,  ist  willkommen.
Diese  drei  Formen  von  Schatzscheinen,  wie  sie  die  französische  Regierung ­
  in  der  Zeit  von  Mitte  September  1914  bis  Ende  August  1915
schuf,  tragen  den  Stempel  der  Kurzfristigkeit.  Sie  sind  keine  Anleihen
in  dem  Sinne,  wie  es  den  finanziellen  Gepflogenheiten  und  Dogmen
entspricht,  sondern  gleichsam  nur  Anleiheersatz.  Ihre  endgültige  Konsolidierung ­
  blieb  daher  ein  Problem,  das  noch  der  Lösung  harrte.  Es
ist  aber,  bevor  in  den  Betrachtungen  über  die  weiteren  Wege  und  Mittel
der  Kapitalbeschaffung  berichtet  wird,  hier  zunächst  notwendig,  die
Periode  der  Schatzschein-Dekretierungen  in  den  Rahmen  des  Kriegsbudgets ­
  hineinzustellen  und  zu  sehen,  welche  Krediteröffnungen ­
  die  Regierung  bisher  erlangte,  und  wie  die  Budgetausgaben  sich
parallel  zu  den  Einnahmen  entwickelt  haben.
Bereits  am  13.  August  1914  erlangte  der  Finanzminister  die  Unterschrift ­
  des  Präsidenten  der  Republik  für  ein  Dekret,  das  zum  Budget
des  laufenden  Jahres  ergänzende  und  außerordentliche  Kredite  eröffnete.
  Dieser  erste  Kriegskredit  steht  nach  dem  Wortlaut  des  Erlasses
den  Ministerien  der  Finanzen,  des  Auswärtigen  und  Innern,  sowie  des
Krieges  und  der  Marine  zur  Verfügung.  Er  wurde  mit  einer  Gesamtsumme ­
  von  rund  2754,00  Mül.  Frcs.  ausgestattet.  Von  diesem  Betrag
wurden  allein  2686,00  Mill.  Frcs.  für  die  Kriegskosten  abgezweigt,  so
daß  für  die  beiden  anderen  Gruppen  nur  68,00  Mill.  Frcs.  zur  Verfügung
standen.  Die  Herbeischaffung  dieser  Summen  lag  dem  Schatzamte  ob,
das  bei  der  Notenbank  den  vollen  Betrag  sukzessive  abgehoben  hat.
In  den  weiteren  Kriegsmonaten  forderte  der  Finanzminister  eine
Reihe  von  neuen  Kriegskrediten,  die  hier  nur  in  ihrer  Gesamtziffer  angeführt ­
  sein  mögen,  da  sie  von  keinen  bedeutsamen  näheren  Erklärungen
begleitet  waren  und  der  Öffentlichkeit  nicht  bekannt  sind.  Es  wurden
im  Verlauf  der  ersten  fünf  Kriegsmonate,  also  vom  1.  August  1914  bis
zum  31.  Dezember  1914,  durch  Dekrete  Kredite  eröffnet,  die  in  ihrer
Gesamtsumme  6441,00  Mill.  Frcs.  erreichen.  Hierzu  kam  am  22.  Dezember ­
  1914  ein  Nachtragskredit  von  30,00  Mill.  Frcs.,  von  dem  aber
16,00  Mill.  Frcs.  zurückgezogen  wurden.  Somit  erreichten  die  Kredite
für  diese  Zeit  einen  Betrag  von  6455,00  Mill.  Frcs.  Hiervon  erhielt  das
Ministerium  für  den  Krieg  6092,00  Mill.  Frcs.  zugewiesen.
Für  das  erste  Semester  des  Jahres  1915  forderte  der  Finanzminister
einen  neuen  Kredit,  der  für  die  Zeit  vom  1.  Januar  1915  bis  30.  Juni
b  Zahlenmäßige  Mitteilungen  über  Zeichnungserfolge  sind  bis  jetzt  nicht  zu  ermitteln
  gewesen.
        <pb n="183" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

167

1915:  8525,00  Mül.  Frcs.  ausmachte  und  von  dem  für  die  Kriegskosten
5926,00  Mill.  Frcs.  zunächst  abgezweigt  worden  sind.  Erst  am  3.  Juni
1915,  anläßlich  einer  Kreditforderung  von  5939,00  Mill.  Frcs.  für  die
Periode  1.  Juli  bis  30.  September  1915,  von  denen  dem  Kriegsminister ­
  rund  4123,00  Mill.  Frcs.  zugeteilt  wurden,  entwarf  der  Finanzminister
  einen  klaren  Plan  der  bisherigen  Kriegsausgaben,  deren  wesentlichsten ­
  Posten  hervorgehoben  und  in  die  nachstehende  Tabelle  eingesetzt ­
  sind.  Sie  geben  Aufschluß  über  die  Kosten  für  die  Armee,  die  Zinsenlasten, ­
  Unterstützungen,  sozialen  Hilfsgelder  usf.  seit  Kriegsbeginn  bis
zum  30.  September  1915.

Kriegslasten  seit  1.  August  1914  bis  30.  September  1915  (in  Mill.  Frcs.).

Zeitpunkt

Kriegskosten ­


Staatsschuld ­


Unterstützungen ­


Ernährung
der  Zivilbevölkerung ­


Zivilver ­
 ­


Gesamtausgabe ­


1.  Aug.  bis  31.  Dezbr.
1914
I.  Jan-biS30.Sept.I9l5

5  815,32
10  422,69

59,72
1367,53

403,54
1913,27

20,00
166,80

178,80
1745,32

6  479,38
15  615,41

1.  Aug.  1914  bis
30.  Sept.  1915  .  •

16  238,01

1427,25

2318,81

186,80

1924,12

22  094,79

Faßt  man  die  vielen  zahlenmäßig  belegten  Angaben  des  Finanzministers ­
  in  einen  Sammelposten  zusammen,  etwa  unter  dem  Namen
„Gesamtausgaben  aller  Art  militärischer  und  ziviler  Natur",  so  ergibt
dies  für  einen  jeden  Monat  eine  Kriegslast  von:
Innerhalb  der  Zeit  von:
x.  August  bis  31.  Dezember  1914  .  .  .  1340,00,  5  Mon.  =  6  700,00  Mill.  Frcs.
1.  Januar  bis  31.  Juli  1915  1665,00,  7  „  =  11  655,00  „  „
1.  August  bis  30.  September  1915  .  .  1870,00,  2  „  =  3  74°,00  „  „
14  Mon.  =  22  095,00  Mill.  Frcs.
Es  ist  aus  dieser  Zusammenfassung  ersichtlich,  daß  die  Ausgaben
für  die  Kosten  des  Krieges  keine  konstanten  Größen  sind.  Sie  wachsen
vielmehr  von  Monat  zu  Monat.  Und  es  ist  auch  nicht  schwer  vorauszusagen, ­
  daß  sie  weiter  steigen  und  noch  höhere  Ziffern  erreichen  müssen.
Denn  die  Ursachen  für  die  schnelle  Steigerung  der  Kriegslasten  in  den
einzelnen  Monaten  sind  auf  mannigfache  Umstände  zurückzuführen,  die
nicht  kleiner,  sondern  größer  werden.  Zunächst  erfahren  die  Effektivbestände ­
  der  Armee  durch  die  lange  Dauer  des  Krieges  eine  beträchtliche ­
  Vermehrung.  Ausrüstungen,  Erneuerungen,  die  zum  Artilleriekampf
notwendigen  großen  Mengen  von  Munition  ■—■  so  erforderte  die  Herstellung ­
  von  Kanonen,  Maschinengewehren,  Gewehren,  Munition  für
die  Zeit  vom  1.  August  1914  bis  30.  September  1915  gegen  3067,00  Mill.
Frcs.  —,  dann  die  Dardanellenexpedition,  die  Unterstützungen  der  Familien, ­
  deren  Ernährer  im  Felde  stehen  und  der  zahlreichen  Flüchtlinge
aus  Nordfrankreich  und  Belgien,  die  Vorschüsse  an  die  Alliierten  und
        <pb n="184" />
        i68

Erwin  Respondek,

neutralen  Freunde  und  viele  andere  hohe  Ausgaben  rufen  allmählich
aber  stetig  einen  steigenden  Mehraufwand  hervor.  So  weisen,  um  nur
ein  Beispiel  anzuführen,  allein  die  Unterstützungen  an  die  Kriegerfamilien, ­
  die  bis  zum  31.  Oktober  1915  mit  1565,00  Milk  Frcs.  veranschlagt ­
  waren,  folgende  Bewegung  auf:
Ersten  5  Kriegsmonate  1914  340,70  Mül.  Frcs.  Für  je  1  Mon.  68,00  Mül.  Frcs.
1.  Semester  1915  764,80  „  „  „  „  1  „  127,50  „  „
3.  Trimester  1915  .  .  ■  ■  ■  460,30  ..  ..  ..  „  1  „  153.00  „  „
Summa  für  14  Monate  1565,80  Mül.  Frcs.
Die  Gesamtsumme  der  Kriegskosten  ist  laut  Aufstellung  für  die
ersten  14  Monate  rund  22  Milliarden  Frcs.  Zu  diesen  Ausgaben  fügt
der  Finanzminister  noch  einige  Beträge  für  unvorhergesehene  Zahlungen
hinzu  und  kommt  schließlich  zu  dem  Endresultat,  daß  bis  zum  30.  September ­
  1915  rund  24  Milliarden  Frcs.  verbraucht  sein  werden.
Nunmehr  wird  es  möglich  sein,  mit  Hilfe  dieser  Angaben  und  den
vorher  dargelegten  Kapitalzuflüssen  ein  Gerippe  zu  entwerfen,  das  ein
Bild  zu  geben  vermag,  wie  die  Einnahmen  und  Ausgaben  in  der  staatlichen ­
  Kriegswirtschaft  sich  zahlenmäßig  gestalten.  Die  Einnahmen
des  Schatzamtes  setzen  sich  zusammen  aus:
Einkünften  von  Steuern,  Abgaben,
Vorschüssen  der  Bank  von  Frankreich,
Einnahmen  von  National-Verteidigungs-Wechseln  und  Obligationen ­
  und
Kreditaufnahmen  im  Auslande.
Die  Ausgaben  des'  Schatzamtes  weisen  fünf  scharf  getrennte ­
  Gruppen  auf:
Kriegslasten  für  Armee,  Flotte,  Kolonien  und  Verwaltung,
Außerordentlicher  Zinsendienst  der  Staatsschulden,
Unterstützungsgelder  für  Angehörige  der  mobilisierten  Truppen,
Arbeitslose  und  -unfähige,
Ernährung  der  Zivilbevölkerung,
Allgemeine  Ausgaben  im  Kriegsverwaltungsdienste.
Es  sollen  jedoch  nur  die  Gesamtziffern  der  Einnahmen  und  Ausgaben ­
  zusammengestellt  werden,  um  die  Übersicht  nicht  zu  erschweren.
Den  Kriegsausgaben  für  14  Monate  in  Höhe  von  24  Milliarden  Frcs.
stehen  an  Kriegseinnahmen  die  folgenden  Summen  gegenüber.
Zunächst  die  reinen  Budgeteinnahmen.  Sie  betrugen  für  die  Zeit

vom:
1.  August  bis  31.  Dezember  1914  .  .  .  1188,00
1.  Januar  bis  30,  April  1915  1061,00  2249,00
für  9  Monate  also  2249,00  Mill.  Frcs.
„  1  Monat  im  Durchschnitt  250,00  „  „

Für  eine  Rechnungszeit  von  9  Monaten  bedeutet  dies  eine  sehr
niedrige  Einnahme.  Für  das  Jahr  1914  sind  die  Staatseinnahmen  gegenüber ­
  1913  um  658,00  Mill.  Frcs.  geringer.  Im  laufenden  Jahre  1915
        <pb n="185" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanz  Wirtschaft.

169

erfahren  sie  noch  eine  größere  Verminderung,  da  namentlich  die  Steuercinnahme
  gegenüber  1914  eine  Weitere  starke  Verringerung  aufweist.

Steuer-Einnahmen  (in  Milk  Frcs.).
(Zusammengestellt  nach  den  fortlaufenden  Angaben  des  Schatzamtes.)

Monat

1914

1915

Gegenüber
1914

1915

1916

Gegenüber
1915

Januar  .  .  .

356,00

259,00

97,00

259,0°

294,00

+

35,oo

Februar  .  .  .

273,00

206,00

—

67,00

206,00

247,00

+

41,00

März  ....

293,00

234,00

—

59,00

234,00

267,00

+

33,0°

April  ....

370,00

299,00

—

71,00

299,00

331,00

+

32,00

Mai

309,00

246,00

—

63,00

246,00

291,00

+

45,00

Juni  ....

311,00

242,00

—

69,00

242,00

275,00

+

33,00

Juli  ....

378,00

291,00

—

87,00

291,00

365,00

+

74,00

August  .  .  .

174,00

243,00

+

69,00

243,00

335,00

+

92,00

September

137,00

236,00

+

99,00

236,00

346,00

+

110,00

Oktober  .  .  .

224,00

308,00

+

84,00

308,00

November  .  .

190,00

232,00

+

42,00

232,00

Dezember  .  .

212,00

290,00

+

78,00

290,00

Insgesamt

3227,00

3086,00

—  141,00

3086,00

Zu  den  Budgeteinnahmen  von  2249,00  Mill.  Frcs.  mögen  die  folgenden
fünf  Monate  (1.  Mai  1915  bis  30.  September  1915),  da  das  Budget  bis
zum  30.  September  1915  aufgestellt  ist,  mit  der  Monats-Durchschnittseinnahme ­
  von  250,00  Mill.  Frcs.  als  wahrscheinliche  Ziffer,  veranschlagt
werden.  Dies  ergibt  1250,00  Mill.  Frcs.  Die  reinen  Budgeteinnahmen
für  die  Zeit  vom  1.  August  1914  bis  zum  30.  September  1915  ergeben
somit  in  ihrer  Gesamtsumme  den  möglichen  Eingang  von  3500,00  Mill.
Frcs.
Dieser  Betrag  ist  von  den  Budgetausgaben  abzuziehen  und  man
erhält  das  zu  deckende  Defizit:
Budget-Ausgaben  ...  24  000,00  Mill.  Frcs.
„  Einnahmen.  .  .  3  500,00  ,,  „
Defizit  20  500,00  Mill.  Frcs.
Die  Wahrscheinlichkeit  des  Kriegsendes  im  Monat  September  ist
gering.  Es  soll  daher  angenommen  werden,  daß  er  bis  zum  31.  Dezember
1915  währt.
Einnahmen  und  Ausgaben  mögen  für  die  Zeit  vom  1.  Oktober  bis
31.  Dezember  1915  die  gleichen  bleiben,  obwohl  die  Ausgaben  zweifellos
weiter  steigen  werden.  Dann  sind  die
monatlichen  Einnahmen  250,00  Mill.  Frcs.
monatlichen  Ausgaben  .  .  .  1870,00  „  „
eine  reine  Monatsausgabe  1620,00  Mill.  Frcs.
eine  reine  Ausgabe  für  3  Monate  ....  5000,00  „  „
Das  Defizit  für  die  Kriegszeit  vom  x.  August  1914  bis  31.  Dezember
1915  wäre  somit  25,5  Milliarden  Frcs.
        <pb n="186" />
        iyo

Erwin  Respondek,

Wie  ist  diese  Summe  von  25,5  Milliarden  Frcs.  zu  beschaffen?
Diese  Frage  mußte  sich  das  Schatzamt  Mitte  des  Jahres  1915  vorlegen.
Es  hatte  zwei  Quellen,  die  hilfreich  einspringen  konnten:  einmal  die
Notenbank  und  dann  der  Absatz  von  Schatzscheinen.
I.  Notenbank.  Die  Vorschüsse  der  Notenbank  an  den  Staat  erreichten ­
  am  31.  Juli  1915:  6500,00  Milk  Pres.  Die  Vorschußpflicht  ist
9000,00  Mill.  Frcs.  Es  verbleiben  dem  Staate:  2500,00  Mill.  Frcs.  für
weitere  Inanspruchnahme.  Mit  Rücksicht  auf  die  währungspolitischen
Gefahren  dürfte  der  Staat  eine  Erhöhung  der  Vorschußpflicht  kaum
vornehmen.  Die  Notenbank  möge  also  dem  Schatzamt  bis  zum  31.  Dezember ­
  1915:  9000,00  Mill.  Frcs.  liefern.
Eingang  aus  Quelle  I:  9000,00  Mill.  Frcs.
II.  Verkauf  der  National-Verteidigungs-Wechsel  und  -Obligationen
im  In-  und  Auslande.
Bis  zum  31.  Juli  1915  waren  abgesetzt:
6958,00  Mill.  Frcs.  National-Verteidigungs-Wechsel,
2695,00  „  „  „  „  Obligationen
9653,00  Mill.  Frcs.  in  io  Monaten.
Angenommen,  es  werden  in  jedem  Monat  noch  1000,00  Mill.  Frcs.
jener  Staatspapiere  verkauft,  so  ergibt  das  für  die  Zeit  vom  1.  August
bis  31.  Dezember  1915:  5000,00  Mill.  Frcs.
Dann  ist  der  Gesamtabsatz  bis  zum  31.  Dezember  1915:  Eingang
aus  Quelle  II:  15  000,00  Mill.  Frcs.
Die  Bilanzierung  von  Budgeteinnahmen  und  -ausgaben  ergibt  hiernach ­
  das  folgende  Bild:

X.  Einnahmen
a)  Notenbank  9  000,00
b)  Staatspapiere  ....  15  000,00  24  000,00  Mill.  Frcs.
II.  Ausgaben  •  ■  ■  25  500,00  ,,  ,,
Fehlbetrag  1  500,00  Mill.  Frcs.

Wenn  auch  die  bei  dieser  Aufstellung  in  Rechnung  gesetzten  Zahlen
höchst  problematisch  und  fehlerhaft  sein  mögen,  so  zeigen  sie  dennoch,
mit  Welchen  Schwierigkeiten  die  Finanzverwaltung  zu  kämpfen  haben
wird,  um  die  stetig  wachsenden  Ausgaben  gegenüber  den  konstanten
oder  gar  sinkenden  Einnahmen  zu  decken.  Hierzu  kommt  der  ungewisse ­
  Faktor  des  Absatzes  von  Schatzscheinen.  Das  Schatzamt  ist
nicht  sicher,  daß  er  in  genügenden  Mengen  vor  sich  gehen  wird  und  muß
dieser  Tatsache  wohlweislich  Rechnung  tragen.  Zur  Deckung  der  fehlenden ­
  Summen  werden  in  verstärktem  Umfange  Auslandskredite  herangezogen. ­

Am  24.  September  1915  stimmte  die  Kammer  für  eine  neue  Kreditvorlage. ­
  Sie  gewährte  für  das  letzte  Viertel  des  laufenden  Jahres,  also
für  die  Zeit  vom  x.  Oktober  bis  31.  Dezember  1915,  einen  Budgetkredit
von  6217,00  Mill.  Frcs.  Bei  der  Begründung  dieser  neuen  Kreditfordexung
  gab  der  Finanzminister  in  einem  längeren  Expose  auch  eine  Zu ­
        <pb n="187" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

171

sammenfassung  der  bisher  bewirkten  Ausgaben.  Nach  der  durch  Gesetz
vom  15.  Juli  1914  bewilligten  Budgetaufstellung  für  das  Rechnungsjahr
1914  waren  die  Ausgaben  für  1914  mit  5191,00  Mill.  Frcs.  angesetzt
worden.  Die  für  das  Jahr  1915  insgesamt  bewilligten  Kredite  erreichten
21907,00  Mill.  Frcs.,  das  Kriegsjahr  1914  (letzten  fünf  Monate)  fordert
6468,00  Mill.  Frcs.  Kredite,  so  daß  insgesamt  für  den  Krieg  vom  1.  August
1914  bis  31.  Dezember  1915;  28375,00  Mill.  Frcs.  gefordert  und  bewilligt ­
  wurden.  Hierzu  sind  die  Kredite  des  Friedens-Budgets  1914
für  die  letzten  fünf  Monate  in  der  veranschlagten,  gesetzlich  zugestimmten ­
  Höhe  von  schätzungsweise  2125,00  Mill.  Frcs.  hinzuzufügen,
so  daß  die  dem  Schatzamte  insgesamt  eingeräumten  Kredite  vom  1.  August ­
  1914  bis  31.  Dezember  1915:  30500,00  Mill.  Frcs.  erreichten.
Eine  tabellarische  Darstellung,  wie  sie  auch  der  Finanzminister  in
seiner  Rede  am  16.  September  1915  der  Kammer  vorlegte,  ergibt  für
die  gesamten  Ausgaben  des  Schatzamtes  in  der  Zeit  vom  1.  August
1914  bis  31.  Dezember  1915  ein  überaus  interessantes  Bild.  Zeigt  die
Tabelle  im  Gesamtbilde  eine  außerordentliche  Steigerung  der  einzelnen
Ausgabeposten,  so  führt  die  zweite  Darstellung  die  rasche  Steigerung  der
Monats-  und  Tagesausgaben  deutlich  vor  Augen  (vergl.  beide  Tabellen  auf
Seite  190).  Es  würde  nun  sehr  interessant  sein,  den  vom  Finanzrainister
angegebenen  Durchschnittsausgaben  auch  die  Einnahmen  des  Tresors
aus  der  Notenbank  und  dem  Verkehr  gegenüberzustellen.  Leider  liegen
über  die  monatliche  Bewegung  der  Notenbankvorschüsse  (bis  Anfang
1915)  seit  Kriegsbeginn  und  über  die  Absatzergebnisse  der  National-Verteidigungs-Wechsel
  und  -Obligationen  (hier  finden  überhaupt  keine
durchgehenden  Bekanntmachungen  statt)  keinerlei  zuverlässige  Mitteilungen ­
  aus  amtlicher  Quelle  vor.
Für  den  Finanzminister  dürfte  zu  diesem  Zeitpunkte  klar  gewesen
sein,  daß  mit  der  Fortführung  des  Krieges  auch  die  Kosten  immer  stärker
ansteigen  müßten,  trotz  aller  Einschränkungen  im  zivilen  Dienste.
Schon  für  jeden  der  drei  letzten  Monate  des  Jahres  stellten  sich  die  durchschnittlichen ­
  Monatsausgaben  auf  2075,00  Mill.  Frcs.,  d.  h.  pro  Tag
rund  70,00  Mill.  Frcs.,  und  wie  der  Finanzminister  bereits  in  der  Kammer ­
  öffentlich  zugab,  beständen  keine  Aussichten,  der  steigenden  Tendenz ­
  der  Ausgaben  Halt  zu  gebieten.  Dieser  Aussage  kann  man  in
der  Tat  die  vollste  Zustimmung  nicht  versagen.  Denn  der  Krieg  stellt
immer  neue  Aufgaben.  Soweit  es  die  Kräfte  zulassen,  müssen  aus  dem
Lande  heraus  neue  Reserveformationen  gebildet  werden.  Sie  bedeuten
für  den  Staat  eine  doppelte  Last,  denn  er  hat  sie  als  Soldaten  zu  unterhalten ­
  und  für  sie  neue  Ersatzkräfte  einzustellen,  denen  er  den  unverminderten ­
  Gehalt,  Lohn  u.  a.  weiterzahlen  muß.  Weiterhin  wird  der
Krieg  auf  neue,  ferne  Schauplätze  verlegt.  Der  Munitionsverbrauch  steigt
ins  Unermeßliche,  die  Wiederherstellung  der  Bewaffnung  und  viele  andere ­
  schwere  Lasten  sind  zu  tragen.  Auch  die  neuen  Staatspapiere
erfordern  einen  stetig  steigenden  Zinsendienst.  Andererseits  wachsen
die  nicht  rein  militärischen  Ausgaben,  die  aber  den  Krieg  zur  Ur ­
        <pb n="188" />
        172

Erwin  Respondek,

sache  für  ihre  Bewegung  nach  oben  haben,  fast  beängstigend  an.  So
die  Summe  der  Unterstützungsgelder  für  Familien,  deren  Ernährer
mobilisiert  sind.  Sie  erreichten  seit  Kriegsbeginn  2173,00  Mül.  Frcs.  Soziale ­
  Hilfsmaßnahmen  für  die  Zivilbevölkerung,  die  durch  den  Krieg
in  Mitleidenschaft  gezogen  ist,  Ernährung  der  armen  Zivilbevölkerung,
Unterstützung  der  Flüchtlinge,  belasten  das  Budget  sehr  empfindlich.
Zum  ersten  Male  weist  die  BudgetaufStellung  auch  den  Posten  „Kredite ­
  zum  Aufbau  der  Kriegsschäden“  auf.  Er  ist  zunächst  nur  300,00
Mill.  Frcs.  hoch,  ist  aber  ein  Posten,  der  sehr  bald  einen  größeren  Betrag ­
  erfordern  wird.  Der  Finanzminister  führt  der  Kammer  die  Ausgaben ­
  der  anderen  kriegführenden  Großmächte  vor  Augen,  die  sich
noch  höher  stellen,  und  sucht  durch  diesen  Vergleich  die  eigene  Bürde
ein  wenig  zu  Verkleinern.  Er  führt  an:
Kriegskosten  pro  Monat

in  Frankreich  .....  2075,00,  pro  Tag  70,00  Mill.  Frcs.
„  Deutschland  ....  2500.00  „  „  83,30  „  ,
„  England  2500,00,  „  „  83,30  „  „
„  Rußland  1600,00,  „  „  53,30  „  „

Aber  er  gab  sich  keinen  Täuschungen  hin.  Denn  wenn  auch  die
Ausgaben  für  die  Kriegführung  relativ  zu  den  anderen  Staaten  klein
sein  mögen,  so  sind  auf  der  anderen  Seite  dafür  die  Einnahmen  gleichfalls ­
  wesentlich  geringer  als  in  England  oder  Deutschland.  Zudem  gestaltet ­
  sich  die  Kriegskostendeckung  in  jenen  Ländern  durch  die  Anleiheemissionen ­
  viel  leichter  und  einfacher  als  in  Frankreich.  Der
Finanzminister  sitzt  an  der  Quelle,  so  daß  er  wohl  recht  genau  die  Kraft
der  beiden  Kapitalgeber  Notenbank  und  Ausland  kennen  wird.  Nach
einem  vollen  Kriegsjahre,  am  i.  August  1915,  hatte  die  Notenbank  dem
Staate  bereits  6500,00  Mill.  Frcs.  vorgeschossen.  Der  Spielraum  zwischen ­
  den  geleisteten  Vorschüssen  und  dem  Vorschußkontingent  beträgt
somit  2500,00  Mill.  Frcs.  Eine  Betrachtung  der  Bewegung  des  Notenumlaufs ­
  ergibt  hierzu  als  natürliche  Folge:

Notenumlauf  am  i.  August  1915  .  ...  12  600,00  Mill.  Frcs.
Notenkontingent  15  000,00  „  „
d.  h.  ein  Ekart  von  400,00  Mill.  Frcs.

Hiernach  könnte  also  das  Schatzamt  nicht  einmal  die  Vorschußpflicht ­
  der  Bank  voll  benutzen,  sondern  nur  noch  2400,00  Mill.  Frcs.
Vorschüsse  von  der  Notenbank  fordern,  wenn  nicht  etwa  die  Regierung
das  Notenemissionsrecht  nochmals  erhöhen  sollte.  Bei  einer  Erweiterung ­
  des  Notenkontingents  würde  als  Parallelaktion  dann  wohl  auch  die
Vorschußpflicht  der  Bank  von  Frankreich  erhöht  werden.  Hiergegen
sprechen  aber  zahlreiche  und  scharfe  Bedenken.  Uneingeschränkte
Emission  von  Noten  und  Zwangskurs  sind  an  der  zerrütteten  Valuta
mitschuldig.  Man  darf  also  annehmen,  daß  Ribot  eine  weitere  Ausdehnung ­
  der  Noten-  und  Vorschußgrenzen  nicht  in  Betracht  zieht.
Zum  mindesten  wird  er  sie  als  letzte  aller  Reserven  in  den  Hintergrund
        <pb n="189" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

173

gestellt  haben.  Das  Ausland  erweist  sich  in  der  Kreditgewährung  nicht
so  bereit,  wie  es  wohl  erwartet  werden  konnte.  Die  zweite  heimische
Kapitalquelle,  die  kurzfristigen  Schatzwechsel-  und  Obligationen,  vermag
nicht  die  erwünschten  Summen  zu  liefern.  Der  Absatz  der  National-Verteidigungs-Wechsel
  und  -Obligationen  gestaltete  sich  immer  schwieriger, ­
  war  überaus  unbefriedigend  und  hält  mit  der  Zunahme  der  Monatsausgaben ­
  keinesfalls  auch  nur  annähernd  Schritt.
Wie  auch  diese  Dinge  finanzpolitisch  liegen  und  sich  in  Zukunft
entwickeln  mögen,  so  darf  dennoch  angenommen  werden,  daß  das  Schatzamt ­
  die  finanziellen  Schwierigkeiten  zu  überwinden  imstande  sein  wird,
sei  es  mit  der  noch  freien  Summe  der  Notenbankvorschüsse,  sei  es  durch
den  denkbar  günstigsten  Absatz  der  Schatzwechsel  und  Obligationen,
sowie  durch  Kredit  Operationen  in  London  und  New  York.  Aber  früher
oder  später  wird  das  Schatzamt  zu  einem  anderen  Mittel  dennoch  seine
Zuflucht  nehmen  müssen,  jetzt  ohne  Rücksicht  auf  die  innere  ökonomische
und  äußere  militärische  Lage,  und  zwar  zu  einer  festen  Anleihe,  zu
dem  klassischen  französischen  Mittel  der  „nationalen  Anleihe“.  In  der
Tat  liegt  ja  der  Gedanke  sehr  nahe,  dem  Schatzarate  durch  eine  Anleihe ­
  Kapitalien  zur  Verfügung  zu  stellen.  Und  dies  um  so  mehr,  als
Frankreich  bereits  in  einer  ähnlichen  Lage  —  in  den  Jahren  1871—1872
—  diesen  Weg  beschritten  hatte.  Hierbei  hatte  man  —  freilich  in  den
Proportionen  jener  Zeit  —  einen  großen  Erfolg  erzielt.  Die  erste  2  Milliarden ­
  Frcs.-Anleihe 1 ),  die  mit  5  %  ausgestattet  zu  82%  emittiert
wurde,  brachte  dem  Tresor  effektiv  2293,00  Milk  Frcs.  Nach  13  Monaten
erbrachte  ein  neuer  Appell,  die  3  %  Rente  zu  84%  % *  2 ),  einen  guten  Erfolg, ­
  nämlich  3498,00  Mül.  Frcs.  Diese  Summen  und  die  Vorschüsse
der  Notenbank  ließen  Frankreich  die  Gesamtkosten  des  Krieges  1870/71,
die  R  i  e  ß  e  r  auf  9,3  Milliarden  veranschlagt 3 ),  rasch  abdecken.  So  sind
die  alten  Methoden  der  Anleiheoperation  glückliche  Vorbilder  für  eine
korrespondierende  Transaktion  in  der  heutigen  Zeit.
Die  Regierung  nahm  auch  bald  den  Gedanken  der  Anleiheemission  auf
und  ließ  ihn  durch  den  Finanzminister  R  i  b  o  t  bekannt  geben.  R  i  b  01
berührte  die  Anleihefrage  schon  recht  frühzeitig  in  seiner  Kammerrede  vom
16.  September  1915  mit  den  Worten:  „Die  Regierung  beabsichtigt,  Ihnen
demnächst  ein  Anleiheprojekt  vorzulegen.“  Mit  großem  Interesse  wurde  die
Anleihe  von  der  Öffentlichkeit  erwartet,  da  sie  zeigen  wird,  welche  Mittel
und  Wege  der  Finanzminister  anwenden  muß,  um  die  Emission  für  das
Schatzamt  nach  außen  hin  vorteilhaft  und  glänzend  wirken  zu  lassen  und  so
die  innere  Unvollkommenheit  der  finanziellen  Lage  der  Regierung  zu  überdecken. ­
  In  der  Öffentlichkeit  war  die  Stimmung  für  eine  Anleihe  gut.
Man  forderte  aber  in  den  vielen  Artikeln  eine  für  Frankreich  klassische
Anleihe,  die  den  nationalen  Gewohnheiten  entspricht,  also  eine  ewige
x )  Emittiert:  am  20.  Juni  1871.
2 )  Emittiert:  am  15.  Juli  1872.
3 )  R  i  e  ß  e  r,  J.,  Finanzielle  Kriegsbereitschaft  und  Kriegführung.

S.  16.

Jena  1913,
        <pb n="190" />
        174

Erwin  Respondek,

h  a.  a.  O.  September  1915.

Rente.  Diese  Wünsche  konnten  dem  Schatzamte  nur  genehm  sein,  denn
es  hätte  kaum  eine  amortisable  Rente  auflegen  können.  Dazu  ist  einmal ­
  die  Finanzverwaltung  des  Staates  durch  den  Krieg  und  die  zukünftigen ­
  Friedens-  und  Restaurationsarbeiten  bereits  zu  schwer  belastet, ­
  und  dann  hat  Frankreich  auch  schon  eine  amortisable  Rente,
die  im  Jahre  1953  zurückgezahlt  werden  soll.  Für  die  neu  aufzulegende
Rente  wurden  in  Finanzkreisen  bereits  aus  den  Andeutungen  im
September  in  den  Monaten  Oktober  und  November  bestimmte  Richtlinien
gezogen.  Im  allgemeinen  gingen  die  Wünsche  dahin,  einen  5  %  Rententyp ­
  zu  emittieren,  und  man  nannte  auch  einen  kontingentierten  Betrag
von  10  000,00  Mill.  Frcs.  und  einen  Emissionskurs  zwischen  88  bis  90  %.
Außer  dem  wäre  die  neue  Anleihe  von  allen  gegenwärtigen  und  zukünftigen ­
  Steuern  vollkommen  freizustellen:  „Dies  ist  die  unerläßliche  Vorbedingung ­
  für  den  Erfolg“ 1 ),  sagte  der  französische  Nationalökonom
Leroy-Beaulieu.  Hervorgehoben  werden  möge,  daß  von
vornherein  sich  die  Finanzkreise  gegen  eine  Umwandlung  der  3  %
ewigen  Rente  in  die  neue  Anleihe  wandten.  Man  wollte  also  offenbar ­
  das  englische  Beispiel  der  glanzvollen  Kombinations-Konvertierung
der  alten  Anleihen  in  die  2.  Kriegsanleihe,  die  jetzt  England  die  größten
Hindernisse  für  die  Auflage  einer  3.  Anleihe  bereitet,  nicht  nachahmen.
Diese  Neuerung  würde  nach  ihren  Ansichten  nicht  sehr  glücklich  sein
und  die  Geldnot  nicht  beseitigen  können.  Dagegen  ist  eine  Transformation ­
  der  National-Verteidigungs-Wechsel  und  -Obligationen  laut  Zusage ­
  angebracht.  So  konnte  man  bereits  die  Opfer  erkennen,  welche
die  Regierung  wohl  auf  sich  nehmen  würde,  um  einen  Milliardenerfolg ­
  zu  erzielen.  Sie  wird  den  Besitzern  der  Schatzscheine,  die  durch
eine  weitherzige  Bevorzugung  eine  effektive  Verzinsung  von  5,7  %  erzielen, ­
  noch  größere  Zugeständnisse  machen,  um  ihr  Versprechen  einlösen ­
  zu  können.
Bald  stand  es  fest,  daß  die  Regierung  noch  vor  Beendigung  des
Jahres  1915  eine  Anleihe  auflegen  würde.  Sie  wurde  für  den  Spätherbst
erwartet.  Mit  dem  Tage  ihrer  öffentlichen  Auflegung  sollte  gleichzeitig
die  große  geplante  Durchbruchsschlacht  an  der  Ostfront  mit  einem  glänzenden ­
  Erfolge  ihren  Anfang  nehmen.  Die  schweren  Kämpfe  im  Oktober ­
  brachten  Frankreich  nicht  den  heiß  ersehnten  Durchbruch  der
lebenden  deutschen  Mauer.  Die  Anleiheemission  wurde  verschoben.
Nach  längeren  Zögerungen  hat  die  französische  Regierung  sich
aber  endlich  entschlossen,  ohne  die  für  den  Erfolg  zweifellos  sehr
wertvolle  militärische  Mithilfe  mit  einer  festen  Anleihe  vor  das  Volk
zu  treten  und  in  Ermangelung  eines  zeitigen  Sieges  den  Waffensieg
vom  Geldsiege  abhängig  zu  machen.  Sie  legte  die  Zeichnungsfrist  für
ihre  erste  Kriegsanleihe  in  die  Zeit  November/Dezember.  Unter  den
Gesichtspunkten  der  politischen  und  militärischen  Lage  ist  für  die
französische  Republik  dieser  Zeitpunkt  als  ungünstig  zu  bezeichnen,
was  nicht  ohne  Einfluß  auf  das  Ergebnis  bleiben  konnte.  Die
        <pb n="191" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

175

*)  a.  a.  O.  27.  November  1915,  S.  696.

Offensivvorstöße  der  französischen  Armee,  wie  sie  noch  immer  vereinzelt ­
  vorgenommen  wurden,  reichten  nicht  aus,  um  einen  großen
Zeichnungstaumel  zu  erzeugen.  Auch  auf  dem  neuen  Kriegsschauplätze,
dem  Balkan,  ist  das  französisch-englische  Hilfskorps  nicht  erfolgreich.
Die  Zukunft  ist  also  ungewiß  und  auch  wenig  Vertrauen  einflößend.
Dennoch  mußte  Frankreich  jetzt  zu  der  Anleiheemission  schreiten.
Das  Schatzamt  knüpfte  bei  der  Wahl  der  Anleiheform  in  wohlüberlegter, ­
  Weise  an  die  alten  überlieferten  Gewohnheiten  und  Ansichten ­
  des  kleinen  Kapitalisten  und  großen  Unternehmers  an.  Es
paßte  den  Typ  der  öffentlichen  Strömung  an.  Eine  ewige  Rente,  mit
einem  den  heutigen  Umständen  angepaßten  hohen  Zinssätze,  ausgestattet ­
  mit  dem  Stempel  der  vollkommenen  Steuerfreiheit  und  anderen,
dem  Franzosen  geläufigen  Vorzügen,  schien  die  gegebene,  erfolgversprechende ­
  Anleihe  zu  sein,  wie  sie  sich  auch  die  Finanzkreise  vorstellten. ­

Durch  Gesetz,  Dekret  und  ministeriellen  Beschluß  vom  16.  November ­
  1915  wurde  die  „Emprunt  de  la  Defense  National ­
  e“  emittiert.  Sie  ist  eine  ewige  Rente  und  mit  einem  Eraissionskurs
von  88  %  und  einem  nominellen  Zinssatz  von  5  %  ausgestattet.  Das
Schatzamt  mußte  den  5  %  Rententyp  wählen.  Einmal  waren  die  Geldsätze ­
  die  zwingende  Norm,  und  dann  hatte  man  bereits  die  früheren
kurzfristigen  Anleihen,  die  National-Verteidigungs-Wechsel  und  -Obligationen, ­
  mit  diesem  nominellen  Zinssätze  ausgestattet.  Nun  ist,  wie
bereits  ausführlich  dargelegt,  der  effektive  Zins  unter  Einschluß  der
Tilgungsprämie  jener  umlaufenden  Schatzscheine  etwa  5,6  %.  Es  war
daher  der  Regierung  unmöglich,  ihre  erste,  feste  Anleihe  zu  Pari  herauszubringen. ­
  Diese  Unmöglichkeit  wurde  auch  im  Gesetzesentwurf  zugegeben ­
  und  gleichsam  eine  Entschuldigung  für  den  niedrigen  Emissionskurs ­
  ausgesprochen.  Es  heißt  dort  wörtlich;
„daß  der  Abstand,  der  zwischen  dem  Emissionskurse  und  dem
Paristande  vorhanden  sein  wird,  den  neuen  Stücken  Aussicht  auf  Höherbewertung ­
  geben  wird,  die  im  Hinblick  auf  zukünftige  Operationen
für  den  Staatskredit  hervorragend  günstig  sind.“
Der  Ekart  zwischen  dem  Emissionskurse  und  Pari  sichert  der  Anleihe ­
  eine  tatsächliche,  reine  Verzinsung  von  5,73  %  und  zwar  für  eine
Dauer  von  15  Jahren,  da  der  Staat  auf  das  Recht  der  Rückzahlung
bis  zum  31.  Januar  1931  Verzicht  leistet.  Mit  Recht  kann  Leroy-Beaulieu
  jeden,  der  unter  diesen  Vergünstigungen  nicht  zeichnet,
einen:
„Mann  ohne  gesunden  Menschenverstand,  ohne  Scharfblick“  nennen,
denn:
„wo  kann  man  auf  dem  ganzen  Erdball  eine  Anlage  finden,  die
einen  reinen  Zinsgenuß  von  5,73  %  gewährleistet,  fest  für  15  Jahre..  ," 1 )
Zweifellos  bietet  die  hohe  Spannung  zwischen  Emissionskurs  und,
Paristand  für  die  Zukunft  einen  hohen  Anreiz  und  der  Spekulation
        <pb n="192" />
        Erwin  Respoudek,

176

l )  a.  a.  O.,  siehe  S.  696.

einen  weiten  Spielraum.  Nun  bleibt  es  freilich  abzuwarten,  ob  die  in
den  Börsenkreisen  vorausgesagte  Kursbewegung  nach  oben  tatsächlich
stürmisch  vor  sich  gehen  wird.  Dann  erst  würde  hier  eine  verdeckte
Gewinnchance  liegen.  Der  Herausgeber  des  „L’Economiste  Framjais“
sieht  bereits  jenen  Zukunftsgewinn  und  schildert  ihn  in  dramatischer
Steigerung.  Er  sagt  :
„Die  rasche  Steigerung  der  Anteile  nach  dem  Frieden,  ihr  allmähliches ­
  Herannahen  auf  Pari,  dann  die  Eroberung  des  Paristandes  selbst,
und  der  Vorstoß  über  Pari  hinaus,  unterliegen  keinem  Zweifel." 1 )
Es  wäre  verfehlt,  die  erste  Anleiheoperation  in  bezug  auf  Kurs,
Zins,  Amortisationslasten  u.  a.  m.  in  einen  Vergleich,  etwa  zu  den  englischen ­
  oder  deutschen  Kriegsanleihen  zu  setzen,  um  dann  die  „Bedingungen, ­
  unter  denen  der  Bankier  der  Welt  sein  Geld  zur  Kriegführung ­
  aufnehmen  muß“,  als  „drückend,  niederschmetternd,  entehrend"
und  wie  sonst  alle  diese  schmückenden  Titel  gewählt  sein  mögen,  zu
beurteilen.  Vielmehr  sei  hier  vorläufig  darauf  hingewiesen,  daß  die
Zeit  und  die  Situation  es  erfordern,  einzig  und  allein  Kapitalien  zur
Fortsetzung  eines  schweren  Waffenganges  zu  beschaffen,  gleichgültig
unter  welchen  Opfern  für  die  Staatskasse  und  mit  welcher  Methode.
Von  einer  Begrenzung  der  Anleihehöhe  wird  im  Gegensatz  zu  den
alten  Emissionen  von  1870/71  diesmal  Abstand  genommen.  Den  Beispielen, ­
  die  Deutschland  und  England  gegeben  haben,  folgt  also  auch
Frankreich.  Der  Verzicht  auf  die  Limitierung  ergibt  ja  zwei,  gerade
für  die  Republik,  überaus  wichtige  Vorteile.  Einmal  besteht  die  sichere
Gewähr,  daß  auch  alle  dem  Schatzamt  angebotenen  Beträge  tatsächlich
angenommen  werden,  und  dann  ergibt  sich  hieraus  die  natürliche,  günstige ­
  Konsequenz,  daß  Konzert-  und  Scheinzeichnungen  ein  Riegel
vorgeschoben  wird.
Die  Anleihe  genießt  Steuerfreiheit.  Diese  bezieht  sich  natürlich
sowohl  auf  das  Stück  als  auf  den  Koupon.  Aber  sie  gilt  nicht  für  Steuern,
die  das  Vermögen  treffen,  also  auch  nicht  für  die  allgemeine  Einkommensteuer. ­
  Das  Schatzamt  hat  damit  eine  von  allen  Seiten  gestellte  Forderung ­
  erfüllt.  Leroy-Beaulieu  sagte  schon  vor  der  Emission,  daß
„dies  die  unerläßliche  Vorbedingung  für  den  Erfolg“  sei.  Dagegen  behält
sich  der  Staat  das  Recht  vor,  die  Rente  nach  Ablauf  von  15  Jahren,  also
am  1.  Januar  1931,  jederzeit  zu  konvertieren  oder  zurückzuzahlen.  Über
die  Bedingungen  der  möglichen  Konvertierung  sind  keine  Angaben  vorhanden. ­
  Sie  stehen  demnach  vollkommen  im  Ermessen  des  Staates,  so
daß  es  ihm  möglich  ist,  zu  seinen  Vorteilen  die  Einlösung  zu  bewirken.
Der  gezeichnete  Betrag  kann  in  doppelter  Weise  gezahlt  werden:
1.  in  bar,
2.  in  Titeln.
Für  die  Barzahlungen  sind  gestaffelte  Einzahlungsquoten  vorgesehen. ­
  Sie  sind  an  den  folgenden  Terminen  zu  leisten:
        <pb n="193" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

I?7

1.  Einzahlung  am  Zeichnungstage  ....  10,00  Frcs.
2.  „  „  15.  Januar  1916  .  .  .  26,00  ,,
3.  ,,  ,,  15.  Februar  1916  .  .  .  26,00  „
4.  „  „  15.  März  1916  ....  26,00
Um  den  kleinen  Sparern  eine  Beteiligung  an  der  Zeichnung  mit
ihren  Sparkapitalien  zu  ermöglichen,  mußten  die  Bestimmungen  des
Dekrets  vom  30.  Juli  1914  über  die  Spargelderauszahlungen  abgeändert
werden.  Darin  wurde  die  Summe,  die  ein  Sparer  in  Abständen  von
14  Tagen  abzuheben  berechtigt  war,  auf  höchstens  50  Frcs.  festgesetzt.
Nunmehr  kann,  sobald  er  an  den  Schaltern  der  Sparkassen  Anleihe ­
  zeichnet,  während  der  Dauer  der  Zeichnungen  ungeachtet  der
Auszahlungsbeschränkungen  sofortige  Abhebung  höherer  Summen  bewirken. ­
  Diese  Vorwegnahme  des  Sparguthabens  für  den  Anleihebetrag
darf  jedoch  die  Gesamteinlage  nicht  um  mehr  als  50  %  verringern.
Neben  den  Barzeichnungen  gehen  die  Konversionszeichnungen  und
zwar  unter  der  folgenden  Maßgabe:
Die  Rententitel  der  3%  %  Rente  aus  dem  Juli  1914  können  konvertiert ­
  werden,  sobald  sie  vor  dem  31.  Januar  1915  von  den  ursprünglichen ­
  Zeichnern  eingezahlt  worden  sind.  Zur  Zeichnung  werden  weiterhin
.zugelassen  die  während  des  Krieges  emittierten  kurzfristigen  National-Verteidigungs-Wechsel
  und  -Obligationen.  Auch  die  Schatzscheine  mit
einem  Nennwert  von  5  Frcs.  werden  zu  diesem  Wert  plus  2  ctms.  Zinsen
für  jeden  Monat,  der  seit  ihrer  Emission  verflossen  ist,  in  Zahlung  genommen. ­
  Die  Bons  von  20  Frcs.  zum  Nennwert  plus  8  ctms.  Zinsen,
die  Bons  von  100  Frcs.  und  darüber,  die  vor  dem  20.  November  1915
emittiert  sind,  zum  Nennwert,  abzüglich  der  Zinsen  vom  15.  Dezember
bis  zum  Tage  der  Fälligkeit,  jener  Zinsen  also,  die  im  voraus  bezahlt
wurden.  Die  National-Verteidigungs-Obligationen  werden  zu  ihrem  Eraissionskurse
  96,50,  unter  Einschluß  des  Prozentsatzes  der  Rückzahlungsquote ­
  und  unter  Abzug  der  Zinsen  vom  15.  Dezember  bis  15.  Februar
1916,  die  im  voraus  bezahlt  sind,  angenommen.
Den  Zeichnern,  die  am  Zeichnungstage  vollständige  Barzahlung
oder  in  jenen  Titeln  leisten,  wird  eine  Bonifikation  von  75  ctms.  gewährt ­
 1 ).  Der  Emissionskurs  für  diese  Zeichner  stellt  sich  somit  auf
87.25  %.  Schließlich  wird  auch  noch  die  alte  3  %  ewige  Rente  trotz
des  lebhaften  Protestes  fast  aller  Kreise  zur  Konversion  zugelassen.
Der  Einzahlungskurs  ist  von  der  Regierung  auf  66  %  festgelegt.  Zu  glei-&amp;gt;
  eher  Zeit  wird  aber  bestimmt,  daß  die  Inhaber  ihre  Zeichnung  nur  zu
’J  %  mit  der  3  %  ewigen  Rente  zahlen  können,  während  der  Rest  in  bar
zu  leisten  ist.  Auch  diese  ^“Methode  konnte  die  Widerwilligen  über  ihre
Bedenken  und  Abneigung  gegen  die  Hinzuziehung  der  alten  3  %  Rente
nicht  hinwegtrösten.  Man  wollte  die  finanztechnisch  gewiß  glanzvollen
Konversionstransaktionen  des  britischen  Schatzkanzlers  nicht  nachgeahmt ­
  sehen.  Für  Frankreich  kommt  es  nach  ihrer  Ansicht  jetzt  nur
l )  Nach  Koppe,  a.  a.  O.  S.  763,  wurde  die  Anleihe  den  Banken  zu  einem  Vorzugspreise ­
  von  85  %  überlassen.  f
Respondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

12
        <pb n="194" />
        Erwin  Respondek,

178

auf  den  Zufluß  effektiver  Kapitalien  an  und  nicht  auf  eine  großzügige,
vereinfachte  und  letzten  Endes  vielleicht  doch  nicht  verbilligte  Staatsschuldenverwaltung. ­

Die  Zeichnungen  wurden  am  25.  November  1915  eröffnet  und
sollten  spätestens  am  15.  Dezember  geschlossen  werden.  Tatsächlich
wurden  aber  über  diesen  Endtermin  hinaus  z.  B.  von  der  Notenbank
noch  Zeichnungen  entgegengenommen 1 ).
Die  Begebung  der  Anleihe  erfolgt  durch  öffentliche  Subskription.
Dieser  Weg  mußte  eingeschlagen  werden.  Auch  in  Frankreich  hätte
sich  schwerlich  ein  größeres  Bankenkonsortium  gefunden,  das  die  Garantie ­
  für  die  Unterbringung  einer  Milliardenanleihe  in  dieser  militärischen ­
  und  politischen  Situation  übernehmen  würde  und  auch  könnte.
Wenn  das  Schatzamt  sich  direkt  an  das  Volk  mit  seiner  Anleihe  wendet,
steht  es  also  ohne  jede  Vermittlung  als  Geldsuchender  da,  und  stellt  damit ­
  auch  selbst  unmittelbar  die  Vertrauensfrage  an  die  Nation.  Zudem
boten  Deutschland  und  England  hierfür  gute  Beispiele.  Als  Zeichnungsstellen ­
  gelten  die  Schatzämter,  Einnahmestellen  für  Zölle,  Steuern
und  Abgaben  aller  Art.  Auch  die  Bankwelt  wird  in  den  Dienst  der  Zeichnungsvermittlung ­
  gezogen.  Von  der  Notenbank,  den  Kreditinstituten
bis  zur  kleinsten  Wechselstube  herab,  werden  Zeichnungen  auf  die  erste
nationale  Anleihe  entgegengenommen.  Weiterhin  stellten  sich  die  staatlichen ­
  und  öffentlichen  Sparkassen,  die  Post,  Versicherungsgesellschaften,
die  alle  durch  ihre  Organisation  und  ihre  Fühlung  mit  dem  Publikum
in  der  Lage  sind,  eine  besonders  erfolgreiche  Tätigkeit  für  die  Unterbringung ­
  der  Anleihe  zu  entfalten,  in  den  Dienst.  Handelskammern,
Syndikate,  Berufsvereinigungen,  Aktiengesellschaften,  Vereine,  Verbände
der  verschiedensten  Art,  arbeiten  emsig  mit,  um  als  Zeichnungsstellen  für  die
ihnen  angeschlossenen  Mitglieder  an  der  Anleiheoperation  zu  wirken.  Unmittelbar ­
  nach  der  Veröffentlichung  der  Anleiheform  setzte  denn  auch  in
ganz  Frankreich  eine  lebhafte  Propaganda  ein,  um  die  verfügbaren,  freien-Mittel
  dem  Staate  restlos  zuzuführen.  Unter  der  Leitung  der  Regierung ­
  entfalteten  die  Tages-  und  Fachpressen  einen  staunenswerten
Eifer,  in  dem  Geschicklichkeit,  Übertreibung  der  vielen  Vorteile,  die
die  Anleihe  für  die  Anleihezeichner  bietet,  und  Ermahnungen  an  das
patriotische  Pflichtgefühl  in  regem  Wettstreit  arbeiteten.  Leroy-Beaulieu
  dürfte  das  Ziel  für  jene  vielen  offen  und  heimlich  wirkenden  Kräfte
am  klarsten  mit  den  Worten  gezeichnet  haben:  „Die  neue  Anleihe
muß  zu  einer  entscheidend  gewaltigen  und  eklatanten  Manifestation
werden  von  Frankreichs  Vaterlandsliebe  und  seiner  finanziellen  Kraft“ 1  2 ).
Nicht  allein  hinter  der  Front  wurden  alle  Kräfte  für  den  dringend  notwendigen ­
  hohen  Erfolg  angespannt.  Der  französische  Soldat  sollte
gleichfalls,  im  Antlitz  des  Feindes,  zum  finanziellen  Siege  verhelfen.

1 )  Berliner  Börsen-Courier  schreibt  am  25.  Dezember  1915:  „Die  Bank  von  Frankreich ­
  nimmt  weitere  Anmeldungen  entgegen,  die  bis  zum  22.  Dezember  auf  2950,00  Mill.,
Frcs.  angewachsen  sind.“

2 )  a.  a.  O.  27.  November  igrs,  S.  696.
        <pb n="195" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

179

Zur  Aufmunterung  erließ  der  Generalissimus  J  0  f  f  r  e  einen  Appell  an
seine  Soldaten,  der  überaus  kennzeichnend  ist  und  daher  wörtlich
wiedergegeben  werden  möge:
„Soldaten!
Am  25.  November  legt  Frankreich  eine  große  Anleihe  auf,  um  die
Mittel  für  die  nationale  Verteidigung  herbeizuschaffen.  Alle  Appelle,
die  es  seit  Beginn  des  Krieges  herausgegeben  hat,  wurden  erhört.  Jeder
kennt  den  Reichtum  Frankreichs,  alle  haben  Vertrauen  zu  seiner  Zukunft ­
  und  zu  dem  günstigen  Ausgang  des  Kampfes.
Alle  diejenigen,  die  zeichnen  werden,  erfüllen  die  Pflicht  eines  guten
Franzosen.  Sie  finden  hierbei  auch  ihre  Vorteile.
Jeder,  der  87,25  Frcs.  zahlt,  empfängt  einen  Titel  mit  5  %  Rente.
Dies  ist  also  eine  effektive  Anlage  von  5,75  %  in  französischer  Rente.
Ihr  habt  zweifellos  gehört,  wie  Eure  Eltern  sich  der  schrecklichen
Stunden  von  1870  erinnern.  Nach  diesem  Kriege  war  es  eine  Anleihe
zur  Befreiung  des  heimischen  Bodens.  Diesesmal  wird  es  —  wie  der
Finanzminister  sagt  —  dank  Eurer  Kraft:  die  Siegesanleihe.
Denket  an  alle  diese  Dinge,  schreibet  sie  an  die  Eltern  und  Freunde,
die  Ihr  hinter  Euch  im  heimatlichen  Lande  gelassen  habt.  Saget  ihnen,
daß  Anleihe  zeichnen,  Frankreich  dienen,  für  Frankreich  mit  uns  kämpfen
heißt,  Euch  die  wirksamste  Hilfe,  die  man  Euch  zu  gegenwärtiger
Stunde  bringen  kann,  und  zu  gleicher  Zeit  Eure  Zukunft  und  mit  Eurer
auch  die  Eurer  Kinder  sichern  heißt." 1 )
Auch  auf  das  befreundete  und  verbündete  Ausland  wurde  mit
allen  Mitteln  eingewirkt.  So  sollten  die  Neutralen  —  Holländer  und
Schweizer  im  besonderen  —  auch  Amerika  —  wenigstens  einen  kleinen
Teil  der  reichen  Gewinne,  die  sie  aus  dem  Zwischenhandel  während  des
Krieges  mühelos  gezogen  haben,  in  der  neuen  5  %  Anleihe  anlegen.
Für  sie  bedeutet  die  hohe  effektive  Verzinsung  die  denkbar  günstigste
Kapitalsanlage,  die  infolge  des  Disagios  der  französischen  Valuta  noch
gesteigert  ist.
In  der  Zeit  vom  25.  November  bis  zum  15.  Dezember  lag  die  öffentliche ­
  Zeichnung  auf.  Es  ist  jedoch  nicht  mit  Sicherheit  festzustellen,
wann  die  Anleihezeichnung  tatsächlich  geschlossen  wurde.  Der  offizielle
Termin  war  der  15.  Dezember  1915.  Die  Notenbank  nahm  aber,  wie
bereits  ausgeführt,  noch  weit  über  diesen  Zeitpunkt  hinaus  Zeichnungen
in  jeder  Höhe  an.  Von  wesentlicher  Bedeutung  ist  hier  aber  der  Erfolg ­
  der  ersten  Anleiheemission.  Einen  endgültigen  Bericht,  der  als
Grundlage  und  Rechtfertigung  für  die  von  ihm  neu  geforderten  Kredite ­
  für  die  Zinsleistungen  und  Lasten  der  bisher  emittierten  Anleihen
dienen  sollte,  erstattete  hierüber  der  Finanzminister *  2 )  in  der  Deputierten-Kammer
  am  13.  Januar  1916.
t)  L’Economiste  Franfais,  4.  Dezember  1915,  No.  49,  S.  739.
2 )  Die  „Frankfurter  Zeitung“  vom  21.  Februar  1916  nennt  das  Dokument,  das  die
Rede  des  Finanzministers  enthält:  „ein  Meisterstück  der  Verschleierungskunst“.
        <pb n="196" />
        i8o

Erwin  Respondek,

Die  Gesamtsumme  der  in  Frankreich  und  im  Auslande  gezeichneten
Renten  beläuft  sich  nach  Ri  bot  auf  756,5  Mill.  Frcs.  und  entspricht
einem  nominellen  Kapital  von  15  130  Mill.  Franken.  Durch  den  niedrigen ­
  Emissionskurs  und  die  auf  sofortige  Bar-  und  Vollzahlungen  gewährten ­
  Bonifikationen  sinkt  der  effektive  Ertrag  unter  diese  Ziffer.
Zunächst  fällt  der  nominelle  Betrag  durch  den  Emissionskurs  von  88  %
auf  13  314  Mill.  Frcs.  Hiervon  gehen  0,15%  als  Vergünstigung  an  die
Zeichner  ab,  die  sofort  bei  der  Zeichnung  den  Betrag  voll  einzahlten.
Sie  betrugen  nach  den  Angaben  des  Finanzministers  71  Mill.  Frcs.,  so
daß  dem  Staate  nur  13  243  Mill.  Frcs.  effektive  Mittel  bereit  gestellt
wurden.  Eine  zweite  und  die  bedeutsamste  Frage  liegt  in  der  Klassifizierung ­
  der  Zeichnungen  nach  Barzeichnung  und  Konvertierung,  da  ja
die  Einzahlungen  laut  Prospekt  in  Bar  und  Titres  erfolgen  durften.
Die  vom  Finanzminister  bekanntgegebenen  Zahlen  zeigen  hier  das  folgende ­
  Bild:
Bar  (unter  Ausschluß  der  Bonifikation  von  71,00  Mill.  Frcs.)  6368,00  Mill.  Frcs.

Konvertierung:  a)  N.-V.-Wechsel  .  .  ....  2227,9
b)  N.-V.-Obligationen  .  .  .  3191,9
c)  s}4%  Amort.  Rente  .  .  24,5
d)  3  %  ewige  Rente  ....  1430,5  6874,80

Insgesamt  13242,80  Mill.  Frcs.
Auf  das  Ausland  kommen  von  diesem  Ergebnis  im  ganzen  etwa
800  Mill.  Frcs.  England  steht  mit  einem  Betrage  von  602  Mill.  Frcs.
an  erster  Stelle,  während  in  den  anderen  befreundeten  und  verbündeten
Ländern  namentlich  durch  Vermittlung  der  im  Auslande  arbeitenden  französischen ­
  Banken  nach  einer  Schätzung  des  Ministers  R  i  b  o  t  etwa
200  Mill.  Frcs.  gezeichnet  wurden.  Dieses  Ergebnis  muß  als  sehr  gering
bezeichnet  werden,  da  es  zu  der  großen  Propaganda,  die  man  dort  entfaltete, ­
  in  keinem  rechten  Verhältnis  steht.  Die  englische  Zeichnung
von  602  Mill.  Frcs.  dient  lediglich  als  Bezahlung  für  die  Schuldverbindlichkeiten
  der  französischen  Regierung.  Von  diesen  Geldern  fließt  somit
auch  nicht  ein  „penny“  nach  der  französischen  Republik.  Außer  den
Vereinigten  Staaten  von  Amerika  und  Schweden,  die  keinen  Betrag
für  die  französische  Siegesanleihe  ausgaben,  haben  vor  allem  die  Schweiz
20  Mill.  Frcs.  und  Holland  80  Mill.  Frcs.  gezeichnet.  Wahrscheinlich
rühren  diese  Zeichnungen  von  der  französischen  Kundschaft  her,  die  in
neutralen  Ländern  für  Rechnung  der  Franzosen  hohe  Summen  Kapitalien
verwalten  und  sie  schon  im  Frieden  der  Kontrolle  und  Erfassung  durch
den  Fiskus  entziehen 1 ).  -lii  'Ü  -i  i;  4  ;
x )  Die  „Frankfurter  Zeitung“,  n.  Februar  1916,  No.  41,  S.  3  (siehe  auch  L’Economiste
Franfais  1916,  S.  206)  berichtet  über  die  einzelnen  Beträge,  die  auf  die  europäischen  und
außereuropäischen  Staaten  fallen,  ausführlicher:  Übertrag  39,10  Mill.  Frcs.

Kanada  12,00  Mill.  Frcs.  Norwegen  ....  9,00
Argentinien  .  .  .  10,00  „  „  Portugal  4,50
Brasilien  ....  2,30  „  „  Spanien  1,80
Ägypten  8,80  „  „  Dänemark  ....  4,00
Monaco  6,00  ,,  „  Griechenland.  .  .  4,70

Summa  39,10  Mill.  Frcs.  Insgesamt  63,10  Mill.  Frcs.
        <pb n="197" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

181

Es  ist  nun  im  einzelnen  auf  das  Ergebnis  des  Anleiheerfolges  und
eine  kritische  Betrachtung  der  effektiven  Werte,  die  dem  Staate  aus  der
Anleiheemission  zuflossen,  einzugehen.
An  Barzeichnungen  weist  das  Endergebnis  einen  Betrag  von  6368  Milk
Frcs.  auf.  Der  Finanzminister  wies  in  seinem  Bericht  darauf  hin,  daß  obige
Summe  unter  Ausschluß  der  Bonifikation  festgehalten  sei.  Somit  kann  nur
der  Emissionskurs  von  88  %  in  Ansatz  gebracht  werden.  Demnach  erreicht ­
  der  effektive  Betrag  der  Barzeichnungen  gegen  5603,84  Milk  Frcs. 1 ).
Aus  den  Barzeichnungen  konnte  die  Regierung  ihre  Schuldenlast
bei  der  Notenbank  in  größerem  Umfange  abdecken.  Von  dem  Erlös
der  Lombardierungen,  von  den  bei  der  Notenbank  angesammelten  Guthaben ­
  und  von  sonstigen  Einzahlungsstellen  flössen  dem  Schatzamte
direkt  oder  auf  das  Giro-Konto  bei  der  Notenbank  größere  Summen
zu.  In  der  Zeit  vom  9.  bis  zum  16.  Dezember  sank  der  Bestand  der
privaten  Depositen  von  2940  Milk  Frcs.  auf  2214  Milk  Frcs.,  d.  h.  um
726  Milk  Frcs.,  dagegen  stieg  der  Guthabensaldo  des  Schatzamtes  von
156  Milk  Frcs.  auf  2237  Milk  Frcs.,  d.  h.  um  2081  Milk  Frcs.  Ob  das
Schatzamt  seine  großen  Zeichner  anwies,  auf  Bankkonto  direkt  einzuzahlen, ­
  bzw.  von  Konto  zu  Konto  zu  überweisen,  oder  ob  es  den  Uberschuß ­
  selbst  dorthin  überwies,  ist  nicht  bekannt.  Mit  Hilfe  dieses  Guthabens ­
  und  einem  weiteren  Zuschuß  aus  den  Eingängen  in  seinen  Kassen
tilgt  das  Schatzamt  bei  der  Notenbank  einen  Teil  der  ihm  gewährten
Vorschüsse.  Diese  sinken  von  7600  Milk  Frcs.  am  16.  Dezember  bis
5200  Milk  Frcs.  am  23.  Dezember,  d.  h.  um  2400  Milk  Frcs.  Gleichzeitig
fällt  das  Guthaben  von  2237  Milk  Frcs.  auf  363  Milk  Frcs.,  die  Abnahme ­
  beträgt  also  1874  Milk  Frcs.
Die  weiteren  pflichtmäßigen  Einzahlungen  dürften  in  einem  langsamen ­
  Tempo  erfolgen,  da  die  Einzahlungspflicht  für  die  gezeichneten
Beträge  auf  3  Monate  verteilt  ist.  Welchen  Grad  von  Schnelligkeit
Kapitalkraft  und  Zahlungswillen  hier  entwickelt  haben,  kann  nicht  erörtert ­
  werden,  da  das  Schatzamt  den  Eingang  der  Barzeichnungen
nicht  bekannt  gibt.  Nach  einer  Berechnung  der  „Frankfurter  Zeitung“ *  2 )
dürfte  der  Eingang  bis  zum  18.  Januar  etwa  1468  Milk  Frcs.  betragen
haben,  d.  h.  nur  23  %,  während  am  Zeichnungstage  selbst  10  Frcs.  und
am  15.  Januar  weitere  26  Frcs.,  also  insgesamt  33  %  zu  leisten  waren.
Es  ist  weiterhin  bemerkenswert,  daß  diese  Summe  —  soweit  die  Wahrscheinlichkeitsrechnungen ­
  der  „Frankfurter  Zeitung“  zutreffen  —  noch  zu
etwa  35  %  mit  Hilfe  der  Notenbank  aufgebracht  wurde 3 ).

h  Anders  Koppe,  a.  a.  O.  S.  768:  „Die  6368,00  Mill.  Frcs.  dürfen  aber  mir  zum
Ausgabekurse  von  87,25  eingesetzt  werden.  Ein  sicherlich  beträchtlicher  Teil  von  ihnen
hat  sogar  erheblich  weniger  eingebracht,  da  die  Großbanken,  wie  erwähnt,  für  ihre  Zeichnungen ­
  nur  85  %  zu  zahlen  hatten.  Doch  muß  dieser  Ausfall  hier  außer  Betracht  bleiben,
da  nicht  bekannt  ist,  wieviel  von  der  Gesamtzeichnung  auf  die  Großbanken  entfiel.  Zum
Kurse  von  87*4  ergeben  die  Barzeichnungen  5556,08  Mill.  Frcs.“

2 )  a.  a.  O.,  31.  Februar  1916.

3 )  Nach  den  Wochenberichten  der  Notenbank  wies  der  Posten  „Vorschüsse  an  Private“ ­
  folgende  Bewegung  auf;
        <pb n="198" />
        l82

Erwin  Respondek,

Von  den  National-Verteidigungs-Wechseln  wurden  2228  Mill.  Frcs.
zum  Umtausche  gebracht.  Dies  sind  auf  die  Summe  der  im  Verkehr
befindlichen  Schatzwechsel  berechnet,  die  am  Vorabend  der  Anleihe
gegen  8900  Mill.  Frcs.  war,  25  %.  Im  Vergleich  mit  den  zur  Zeichnung ­
  eingereichten  10  jährigen  Obligationen,  deren  Gesamtabsatz  am
gleichen  Tage  (Vorabend  der  Anleiheemission)  die  Ziffer  von  3824  Mill.
Frcs.  erreichte  und  die  zur  Konversion  in  Höhe  von  3192  Mill.  Frcs.,
gleich  85  %  des  Gesamtabsatzes  begeben  wurden,  kann  der  Schluß
gezogen  werden,  daß  das  Resultat  den  Finanzminister  nicht  erfreuen
dürfte.  Zum  Ziel  gehörte  mit  die  Konsolidierung  der  schwebenden,  kurzfristigen ­
  Schuld.  Daher  wäre  das  umgekehrte  Konvertierungs-Verhältnis
der  beiden  Schatzscheintypen  dem  Finanzminister  sicherlich  angenehmer
gewesen.  Diese  Zahlen  sprechen  die  deutliche  Mahnung,  daß  das  kapitalkräftige ­
  Publikum,  die  Handel-  und  Gewerbetreibenden  keineswegs
ihre  in  kurzfristigen  Schatzanweisungen  angelegten  Gelder  in  einer  ewigen
Rente  festzulegen  geneigt  sind,  da  sie  dadurch  jede  Dispositionsfähigkeit ­
  für  nahe  und  fernere  Zukunft  verlieren  würden.  Hingegen  mußte  das
Umtauschrecht  der  langfristigen  Schatzschein-Obligationen  in  die  neue
Anleihe  hinein  zu  jenem  hohen  Erfolge  führen,  da  diese  Transaktion  große
Zinsvorteile  in  sich  schloß.  Bemerkenswert  ist  schließlich  noch  die  verhältnismäßig ­
  niedrige  Summe  der  zur  Konversion  eingereichten  3  %
Rente.  Schon  aus  der  Zinsdifferenz  —  3  %  Rente  —  5  %  Rente  —
von  2  %  ist  die  offenbare  Vorzugsbehandlung  ersichtlich,  die  den  Staat
bei  einem  Betrag  von  1430  Mill.  Frcs.  einen  Mehraufwand  an  Jahreszinsen ­
  von  28,6  Mill.  Frcs.  kostet.
Für  das  Schatzamt  ergaben  sich  außer  den  erwähnten  Vorteilen
bei  dieser  Anleihe-Konvertierungs-Transaktion  noch  erhebliche  Zinsersparnisse. ­
  Der  Zinsendienst  für  die  5  %  Anleihe  erfordert  nach  R  i  b  0  t
756,5  Mill.  Frcs.  Dafür  werden  im  Jahre  erspart  an  Zinsen  auf:
3  %  Rente  65,00  Mill.  Frcs.  (Zins  -f-  Amortisation)
3Vz%  Rente  2,30  „  „
National-Verteidigungs-Wechsel  113,50  „  „
„  „  Obligationen  ....  166,40  „  „
Insgesamt  347,20  Mill.  Frcs.
Wird  diese  Summe  von  der  Zinsenlast  für  die  5  %  Rente  abgezogen,
so  entfällt  auf  die  Anleihe  ein  Zinsendienst  von  rund  409  Mill.  Frcs.
Die  erste  französische  Kriegsanleihe  hat  nicht  den  Erfolg  errungen,
der  allgemein  erhofft  wurde  und  auch  der  finanziellen  Leistungsfähigkeit
Frankreichs  entsprochen  hätte.  Sie  wurde  wohl  zur  wahren  Volksanleihe,
wenn  man  erwägt,  daß  die  Zahl  der  Zeichner  3  133  489  beträgt 1 ),  ver-9.
  Dezember  1915  626,00  Mill.  Frcs.
13.  Januar  1916  rr38,oo  „  „
d.  h.  eine  Zunahme  von  .  .  .  512,00  Mill.  Frcs.  =  35%
der  Einzahlungen  auf  die  Anleihe  in  Höhe  von  1468,00  Mill.  Frcs.
x )  Hierzu  zum  Vergleich  die  Ziffern  der  Anleihezeichner  bei  den  vier  deutschen
Kriegsanleihen:
        <pb n="199" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

183

mochte  jedoch  den  Charakter  eines  eklatanten  Sieges  nicht  durchzusetzen. ­
  Von  größter  Enttäuschung  dürfte  die  geringe  Barzeichnung
sein,  und  sie  ist  nicht  geeignet,  das  Schatzamt  in  Kürze  nochmals  auf
den  Weg  der  festen  Anleihe  zu  weisen.  Nach  wie  vor  wird  somit  die
Republik  zur  Ausgabe  kurzfristiger  Schatzwechsel,  zur  Kreditaufnahme
im  Ausland  und  zur  weiteren  Inanspruchnahme  der  Notenbank  angewiesen ­
  sein.
Bis  zur  Wende  des  Jahres  1915  hatte  das  Schatzamt  die  Kosten
des  Krieges  mit  Hilfe  der  Notenbank,  der  Emission  von  Schatzscheinen
und  der  ersten  großen  Rentenanleihe  zu  tilgen  gesucht.  In  einem  Vergleich ­
  der  Gesamtausgaben  für  diese  Kriegsperiode  mit  dem  nominellen
Ertrag  aus  jenen  Kapitalquellen  geht  das  Verhältnis  zwischen  Dienstleistung ­
  der  Notenbank  und  der  anderen  Stützen  deutlich  hervor.  Mit
R  i  b  o  t  können  die  Kriegskosten  vom  1.  August  1914  bis  zum  31.  Dezember ­
  1915  auf  rund  28,5  Milliarden  Frcs.  veranschlagt  werden.  Nach
den  bekannt  gewordenen  Ziffern  waren  andererseits  die  Einnahmen:

1.  Notenbank-Vorschüsse  7  600,00  Milk  Frcs.
2.  Erlös  aus  N.-V.-Wechseln  bis  zum  31.  Dezember  1915  (abzüglich
aller  Konversionen)  6  963,00  „  „
3.  Erlös  aus  N.-V.-Obligationen  bis  zum  31.  Dezember  1915  (abzüglich ­
  der  Konvertierung  in  die  5  %  Rente)  .  632,00  „  „
4.  Erlös  aus  Krediteröffnungen  im  Auslande  (schätzungsweise  ermittelt ­
  und  abzüglich  der  Erneuerung  alter  Kredite)  ....  etwa  1  500,00  „  „
5.  Erlös  aus  der  5%  Rente  (Kurswert  abzüglich  der  3%%  Rente
und  y 3  der  3  %  Rente)  12  742,00  „  „
Gesamteinnahme  des  Schatzamtes  29  437.00  Mül.  Frcs.

Es  stehen  also  nach  dieser,  natürlich  etwas  problematischen  Aufstellung ­
  der  Kriegskosten  von  28,5  Milliarden  Frcs.,  Einnahmen  von  29,5
Milliarden  Frcs.  gegenüber.  Die  Bilanzierung  der  Ausgaben  durch  die
spärlich  fließenden  Einnahmen  war  nicht  leicht  und  konnte  nur  unter
den  geschicktesten  Wendungen  und  einer  höchst  dehnbaren  Anpassung ­
  an  die  wirtschaftlichen  und  militär-politischen  Situationen  erreicht ­
  werden.
Von  dem  Finanzminister  wurde  in  einer  späteren  Zeit  —  Bericht
in  der  Kammer  am  15.  Februar  1916  —  eine  Übersicht  von  den  Kriegskosten ­
  und  eine  ausführliche  Spezifikation  der  Einnahmen  des  Schatzamtes ­
  im  Laufe  des  Jahres  1915  gegeben,  die  für  einen  Vergleich  mit
den  vorangegangenen,  im  August  1915  vorgenommenen  Berechnungen
von  Interesse  sein  dürften.
Aus  den  Kreditoperationen  und  Haupteinnahmequellen  zog  das
Schatzamt  in  der  Zeit  vom  1.  Januar  bis  31.  Dezember  1915  gegen  22  873
Mill.  Frcs.

Anleihe

Zeichner

I

1  i7Z  233

II

2  691  000

III

3  355  176

IV

5  279  000
        <pb n="200" />
        184

Erwin  Respondek,

Am  Ende  des  Jahres  1915  besaß  das  Schatzamt
Guthaben  in  New  York.  .  .  .  174,00  Mill.  Frcs.
„  „  London  407,00  „  „
R  i  b  01  zieht  auch  die  von  der  französischen  Regierung  an  die
Verbündeten  und  befreundeten  Staaten  geleisteten  direkten  Vorschüsse,
die  sich  auf  762  Mill.  Frcs.  belaufen,  in  den  Kreis  der  Einnahmen  hinein,
ohne  die  Vorschüsse  an  Rußland,  die  mittels  Diskontierung  von  Schatzwechseln ­
  bei  der  Notenbank  erfolgten,  zu  berücksichtigen.  Vorschußleistungen ­
  empfingen:
Belgien  592,00  Mill.  Frcs.
Serbien  165,00  „  „
Griechenland  5,00  „  „
Montenegro  0,40  ,,  ,,
Sodann  flössen  dem  Schatzamte  noch  die  rückständigen  Einzahlungen ­
  aus  der  3%  %  amort.  Rente  zu,  in  Höhe  von  232  Mill.  Frcs.
Die  Haupteinnahmequellen  sind  außer  der  Notenbank  in  den  kurzfristigen ­
  und  festen  Anleihen  zu  suchen.  In  den  12  Monaten  stieg  der
Absatz  der  National-Verteidigungs-Wechsel  von  1288  Mill.  Frcs.  auf
6963  Mill.  Frcs.  unter  Abzug  der  in  National-Verteidigungs-Obligationen
und  später  in  5  %  Rente  konvertierten  Summen.  Somit  verbleiben
dem  Schatzamte  als  Reinerlös  5675  Mill.  Frcs.
Hiervon  waren  abgesetzt  in  England  und  Amerika  am
31.  Oktober  1914  102,00  Mill.  Frcs.
31.  Oktober  1915  1165,00  „  „
d.  h.  in  12  Monaten  ein  Plus  von  .  1063,00  Mill.  Frcs.
Aus  der  zweiten  Quelle,  den  National-Verteidigungs-Obligationen,
schöpfte  das  Schatzamt,  abzüglich  der  Konvertierungen  in  5  %  Rente,  nur
632  Mill.  Frcs.,  und  von  der  französisch-englischen  Dollaranleihe  hatte
es  am  31.  Dezember  1915  400  Mill.  Frcs.  einkassiert.  Schließlich  beliefen ­
  sich  die  Mittel  aus  der  ersten  festen  5  %  Anleihe  auf:
Eingezahlte  Beträge  in  Frankreich  .  10  579,00  Mill.  Frcs.
in  England.  .  .  388,00  „  „
Zusammen  10  967,00  Mill.  Frcs.
Es  verbleiben  noch  die  von  der  Notenbank  geleisteten  Vorschüsse.
Am  3t.  Dezember  1914  beliefen  sie  sich  auf  .  3900,00  Mill.  Frcs.
am  31.  Dezember  1915  auf  5200,00  „  „
also  ein  Plus  von  1300,00  Mill.  Frcs. 1 )
Nun  können  die  an  fremde  Staaten  geleisteten  Vorschüsse  nicht
unter  die  tatsächlichen  Kapitalszuflüsse  gerechnet  werden.  Sie  stellen
vielmehr  lediglich  einen  Aktivposten  dar,  der  vielleicht  in  Zukunft
1 )  Die  Vorschüsse  der  Notenbank  an  den  Staat  waren  am  16.  Dezember  7600,00  Mill.
Frcs.,  so  daß  tatsächlich  3700,00  Mill.  Frcs.  dem  Staate  zuflossen.  Aus  den  Eingängen
aus  der  5  %  Rente  zahlte  der  Staat  aber  2400,00  Mill.  Frcs.  zurück.  Somit  verbleibt  ein
bilanzmäßig  ausgewiesener  Zufluß  von  nur  1300,00  Mill.  Frcs.
        <pb n="201" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

185

in  bare  Münze  verwandelt  werden  kann.  Faßt  man  so  die  einzelnen  Summen ­

  zusammen,

1.  Barvorrat  des  Tresors  in  England  und  Amerika  .
2.  3V2  %  amort.  Rente
3.  N.-V.-Wechsel
4.  N.-V.-Obligationen
5.  Dollar-Anleihe
6.  5  %  Rente  (Frankreich  -)-  England)
so  ergibt  sich  als  Gesamtzufluß
unter  Hinzuziehung  des  Notenbankvorschusses  .  .  .
eine  Einnahme  von
die  mit  einem  Steuerzuschuß  von
insgesamt  mit

581,00  Mül.  Frcs.
232,00  „
5  675,00  „
632,00  „  „
400,00  „  „
10  967,00  „  „
18  487,00  Mül.  Frcs.,
r  300,00  „  „

19  787,00  Mül.  Frcs.,
3  086,00  „  „
22  873,00  Mül.  Frcs.

die  reinen  Kriegskosten  des  Jahres  1915  in  Höhe  von  21  906,7  Mill.  Frcs.
zu  decken  vermochten.
Die  durchgeführten  Berechnungen  über  Einnahmen  und  Ausgaben
des  Schatzamtes  während  des  Krieges  ergeben  das  Resultat,  daß  die
gewaltigen  Lasten  zu  2 / ä  von  der  Notenbank  und  zu  ®/ 5  von  der  Öffentlichkeit ­
  getragen  werden.
Der  Krieg  geht  weiter,  und  das  Schatzamt  wird  im  laufenden
Jahre  1916  vor  die  gleichen  Aufgaben  gestellt.  Bereits  am  26.  November
1915  legte  der  Finanzminister  der  Kammer  eine  Kreditforderung
für  1916.  vor.  Sie  soll  die  Ausgaben  des  Staatshaushaltes  für  die  Zeit  vom
1.  Januar  bis  31.  März  1916  decken,  deren  Höhe  auf  rund  8173  Mill.  Frcs.
veranschlagt  ist.  Die  Berechnung  und  Veranlagung  der  einzelnen  Posten
erfolgte  nach  den  alten  Grundsätzen  und  bisherigen  Erfahrungen.  Als
Anhaltspunkte  dienten  dem  Schatzamte  natürlich  außer  den  Erfahrungen
der  letzten  Monate  auch  noch  direkte  Schätzungen,  die  sich  vornehmlich ­
  auf  die  Ausgaben  für  die  Kriegführung  erstreckten.
Von  den  für  das  allgemeine  Budget  geforderten  7523  Mill.  Frcs.
wird  der  größte  Teil  für  militärische  Zwecke  verwandt,  nämlich  5973,8
Mill.  Frcs.  Von  besonderem  Interesse  ist  die  Beobachtung,  daß  die  militärischen ­
  Ausgaben  gegen  die  letzten  drei  Monate  des  vergangenen  Jahres  gewaltig ­
  gestiegen  sind.  So  führt  der  Finanzminister  die  folgenden  Daten  an:
Mehrausgabe  für  Januar-März  gegen  Oktober-Dezember  1915.

Heer  und  Marine  803,00  Mill.  Frcs.
Kleidung  86,00  „  „
Gesundheits-Sanitätsmaterial  80,00  „  „
Pulvervorschüsse  70,00  „  „
ArtiUeriematerialien  355,00  „  „

Die  Höhe  des  letzten  Postens  hängt  mit  den  Bestrebungen,  die
Kriegsmaterialien  im  Inlande  zu  erzeugen,  zusammen.  Die  Verlängerung ­
  des  Krieges,  der  ungeahnte  Mengen  Munition,  Waffen  und
andere  Kampfbedarfsartikel  vernichtet  und  verbraucht,  um  die  Menschen ­
  durch  Granaten  zu  ersetzen,  die  immer  weiter  um  sich  greifende ­
  Ausdehnung  der  Kriegsschauplätze  nach  allen  Winkeln  Europas,
        <pb n="202" />
        i86

Erwin  Respondek,

haben,  wie  vorauszusehen  und  -gesagt  war,  die  Ziffern  gewaltig  erhöht.
Auf  den  Monat  belaufen  sich  die  rein  militärischen  Ausgaben  auf  1750  Mill.
Frcs.,  d.  h.  34  Milliarde  Frcs.  mehr  als  für  den  gleichen  Zeitraum  in  den
letzten  drei  Monaten  des  Jahres  1915  und  fast  1  Milliarde  mehr  als  sie
für  einen  Monat  im  Jahre  1914  ausmachten.  Und  der  Finanzminister
sagte  in  seinem  Expose  an  einer  Stelle:  „Im  ganzen:  die  Steigerung
neigt  sichtlich  dazu,  sich  zu  beschleunigen“.
Auf  der  anderen  Seite  erhöhen  sich  die  indirekten  Lasten  des  Krieges,
die  Ausgaben  für  die  Zivilverwaltung,  an  deren  erster  Stelle  die  sozialen
Lasten  stehen.  Die  Gesamtbedürfnisse  der  Zivilverwaltung  für  das  Jahr
1916  wurden  auf  5358  Mill.  Frcs.  veranschlagt  unter  der  Voraussetzung,
daß  die  heutigen  Kriegszustände  weiter  bestehen  bleiben.  Für  1914
waren  sie  auf  4999  Mill.  Frcs.  angesetzt,  so  daß  hier  ein  Plus  von  359  Mill.
Frcs.  zu  verzeichnen  ist.  Als  wichtigster  Posten  kann  wohl  die  Unterstützung ­
  der  Familien  mobilisierter  Krieger  angesehen  werden.  Hier
betragen  die  Unterstützungsgelder  für  einen  Monat  etwas  über  200  Mill.
Frcs.  Bereits  im  Laufe  des  Jahres  19x5  stiegen  sie  von  68  auf  178  Mill.
Frcs.  Für  das  ganze  Jahr  1916  schätzt  sie  der  Finanzminister  auf  rund
2800  Mill.  Frcs.  Zur  Unterstützung  der  Flüchtlinge  und  für  Hilfeleistungen
in  den  von  der  Invasion  betroffenen  Gebieten  werden  50  Mill.  Frcs.  bereitgestellt. ­

Mitte  Februar  trat  der  Finanzminister  wiederum  mit  einet  neuen
Kreditforderung,  und  zwar  für  die  Zeit  vom  1.  April  bis  30.  Juni  1916
an  die  Kammer  heran.  Es  war  von  allen  Kreisen  vorausgesehen,  daß
die  nächsten  3  Monate  einen  bedeutenden  Mehraufwand  gegenüber
den  vergangenen  Epochen  zu  verzeichnen  haben  würden,  im  Hinblick
auf  die  geplante  Frühjahrsoffensive  und  ihre  Vorbereitungen.  Man  wird
wohl  aber  um  so  angenehmer  überrascht  gewesen  sein,  als  der  Finanzminister ­
  insgesamt  nur  8475  Mill.  Frcs.  forderte,  d.  h.  ein  Plus  von  302
Mill.  Frcs.  gegenüber  der  letzten  Kreditforderung.  Im  Rahmen  des
allgemeinen  Budgets  entfällt  der  Hauptanteil  wiederum  auf  die  militärischen ­
  Ausgaben,  die  vom  Schatzamt  auf  rund  6333  Mill.  Frcs.  veranschlagt ­
  wurden.  Es  ist  also  eine  Zunahme  von  385  Mill.  Frcs.  auf  die
rein  militärischen  Ausgaben  zu  verzeichnen.  Diese  Steigerung  ist,  wie
der  Finanzminister  angibt,  vornehmlich  auf  erhöhte  Materialanschaffungen ­
  zurückzuführen.  Er  gibt  einige  Ziffern  für  bestimmte  militärische
Ausgaben  an,  die  von  illustrativem  Wert  für  die  gewaltigen  und  nach
vielen  Richtungen  unproduktiven  Aufwendungen  sind.  Allein  für  die
im  Kriege  zur  machtvollsten  Waffe  ausgebaute  Artillerie  werden  2450
Mill.  Frcs.  ausgeworfen,  und  sie  erfordert  damit  von  den  gesamten  militärischen ­
  Ausgaben  etwa  39%.  Einige  andere  Posten  sind  zwar  kleiner,
aber  zählen  dennoch  nach  Millionen  und  verschwinden  keineswegs  unter
den  Milliardenziffern.  Es  werden  gefordert  (Neuanschaffung  usw.):
Für  das  Flugwesen  82,80  Mill.  Frcs.
„  Eisenbahnen  13,00  „  „
,,  Transportwesen  67,00  ,,  ,,
        <pb n="203" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

187

Für  Schlafgelder,  Quartiergelder  bei  Einwohnern,  Einrichtungen ­

  usw  13)7°  Mill.  Frcs.
„  Feldlager  für  die  Kolonialtruppen  11,50  „  „
„  Kasernen  und  andere  militärische  Bauten  .  .  .  4,50  „  „
„  Viehfutter  20,70  „  „
„  Nahrung  für  die  Armee  35,20  „  „
„  Materialien  der  Genietruppen  43,80  „  „
„  Pferdeankauf  62,20  „  „
„  Heizung  und  Beleuchtung  8,80  „  „
„  Zuschüsse  zur  Pulverfabrikation  44.00  „  „

und  weitere  Bedürfnisse,  wobei  wohl  beachtet  sein  muß,  daß  diese  Summen
für  3  Monate  berechnet  sind.  In  der  Übersichtstabelle  sind  die  weiteren
Ausgaben  für  den  öffentlichen  Schuldendienst,  soziale  Ausgaben,  in  ihrer
Gesamtziffer  eingefügt  und  sollen  hier  näher  nicht  betrachtet  werden.
Nur  noch  ein  Vergleich  mit  absoluten  Zahlen  möge  durchgeführt  sein,
der  einen  Begriff  von  der  Steigerung  der  Kriegslasten  gibt.  Die  Gesamtausgaben ­
  für  das  Jahr  1915  betragen  rund  22  Milliarden  Frcs.,
während  das  erste  Semester  des  laufenden  Jahres  allein  schon  16,5  Milliarden ­
  Frcs.  beansprucht,  wobei  mögliche  nachträgliche  Zuschüsse  nicht
in  Rechnung  gestellt  sind,  die  das  Bild  noch  ungünstiger  beeinflussen
dürften.  Es  besteht  die  Wahrscheinlichkeit  einer  Fortführung  des
Krieges  bis  zum  Ende  des  Jahres  1916.  Nimmt  man  an,  daß  die  Ausgaben ­
  konstant  bleiben,  so  erreichen  sie  am  31.  Dezember  1916  schon
die  gewaltige  Höhe  von  33  Milliarden  Frcs.  und  damit  im  Vergleich
zum  Vorjahre  eine  Steigerung  von  n  Milliarden  Frcs.
Im  Mai  forderte  R  i  b  o  t  von  der  Kammer  weitere  provisorische
Kredite  für  das  dritte  Quartal  des  laufenden  Budgetjahres:  7891  Mill.
Frcs.  im  allgemeinen  und  619  Mill.  Frcs.  im  außerordentlichen  Budget.
Damit  erreichen  die  seit  Kriegsausbruch  bewilligten  Kredite  rund  52,5
Milliarden  Frcs.,  die  sich  durch  die  fünf  Zwölftel  des  Budgetjahres  1914
auf  etwa  54,5  Milliarden  Frcs.  erhöhen.  Wiederum  sind  es  die  militärischen ­
  Anforderungen,  die  im  dritten  Quartal  eine  beträchtliche
Steigerung  zu  verzeichnen  haben,  nämlich  131,6  Mill.  Frcs.  gegenüber
dem  zweiten  Quartal.  Demnach  ist  ihre  absolute  Höhe  6464,6  Mill.
Frcs.  Damit  steigen  auch  die  monatlichen  Kriegslasten,  die  von  durchschnittlich ­
  1400  Mill.  Frcs.  für  1914  über  1800  bis  1900  Mill.  Frcs.  für
1915  auf  über  2600  Mill.  Frcs.  für  1916  anwuchsen.  Der  Finanzminister
legte  sich  in  seinem  Expos6  über  die  künftige  Gestaltung  der  Ausgaben
die  größte  Zurückhaltung  auf,  die  durchaus  verständlich  ist.  Aus
seinen  mit  bemerkenswerter  Sachlichkeit  vorgetragenen  Angaben  über
die  Erfolge  des  Schatzscheinverkaufs  und  der  ausländischen  Kredit--operationen
  ist  zu  entnehmen,  daß  beide  weit  davon  entfernt  sind,  Zufriedenheit ­
  und  den  Wunsch  auszulösen,  daß  es  in  den  gleichen  Bahnen
nur  so  weiter  gehen  möge.  Aus  dem  Schatzwechselverkauf  wurden
vom  31.  Dezember  1915  mit  3057  Mill.  Frcs.  bis  Mitte  Mai  mit  10  020
Mill.  Frcs.  gegen  6963  Mill.  Frcs.  erzielt.  Der  Absatz  von  fünfjährigen
National-Verteidigungs-Obligationen,  der  für  längere  Zeit  überhaupt
        <pb n="204" />
        i88

Erwin  Respondek,

wegen  Nichtverkaufs  seitens  der  Regierung  stockte,  betrug  von  Mitte
März  bis  Mitte  Mai  nur  133  Mül.  Frcs.  Die  sechsjährigen  Obligationen
nahmen  ab.  Im  ganzen  wurden  von  beiden  Sorten  765  Mül.  Frcs.  abgesetzt. ­
  Der  Schatzwechselumlauf  in  England  und  den  Ver.  Staaten
nahm  um  85  Mül.  Frcs.  ab.  Er  beträgt  jetzt  1079  Mül.  Frcs.  Dafür
haben  die  kleinen,  beschützten  Nationen  an  das  Solidaritätsgefühl  der
Franzosen  wieder  stark  appelliert,  und  sie  mußten  erhört  werden.  Gegen
158  Mül.  Frcs.  wurden  verteilt.  Davon  empfingen  Belgien  153  Mül.
Frcs.,  Serbien  5  Mül.  Frcs.  und  Montenegro  600  000  Frcs.  in  der  Zeit
vom  1.  Januar  1916  bis  zum  Berichtstage.  Bemerkenswert  ist  schließlich ­
  noch  die  Angabe,  daß  für  die  gleiche  Periode  aus  der  französischenglischen ­
  Dollaranleihe  auf  den  auf  Frankreich  entfallenden  Teil  von
1243  Mül.  Frcs.  843  Mül.  Frcs.  eingingen.  Uber  das  vom  Finanzminister
vorgelegte,  reichlich  umfangreiche  und  außerordentlich  verwickelte
Steuerprogramm  kann  hier  nicht  geschrieben  werden.
Die  finanzielle  Lage  der  französischen  Republik  ist  am  Ende  des
zweiten  Kriegsjahres  die  gleiche  wie  an  dem  des  ersten.  Damals  sah  man
ein,  daß  mit  den  bisherigen  Kreditoperationen  die  bevorstehenden
Lasten  nicht  ertragen  werden  könnten.  Durch  das  Mittel  der  Anleihe
glaubte  das  Schatzamt  den  Kapitalzufluß  zu  erhöhen  und  sicherzustellen. ­
  Wieweit  dies  erreicht  wurde,  haben  die  Ergebnisse  gezeigt.
Nunmehr  steht  die  Finanzverwaltung  vor  einer  Situation,  deren  Ähnlichkeit ­
  mit  Anfang  August  1915  unverkennbar  ist,  nur  daß  die  neuen  Ziffern
sich  weit  von  den  alten  Ziffern  entfernt  haben.  Gegen  16,5  Milliarden
Frcs.  machen  die  Kriegskosten  für  das  erste  Semester  1916  aus.  Gegen
18  bis  20  Milliarden  Frcs.  dürften  die  unentwegt  hochgehenden  Kriegskosten
  bis  zum  Ende  des  Jahres  19x6  erreichen.  Im  Absatz  der  Schatzschein-Typen ­
  sind  unüberwindbare  Stockungen  eingetreten.  Er  erreicht
keine  1000  Mül.  Frcs.  im  Monat.  Trotz  eifrigen  Bemühens  der  Banken
und  des  Schatzamtes  vermögen  im  Auslande  —  hier  namentlich  in
England  und  Amerika  —  nicht  die  Summen  flüssig  gemacht  zu  werden,
die  im  Vergleich  zu  den  gewaltigen  Waren-  und  Munitionsbezügen  einen
Ausgleich  schaffen  könnten.  Oder  der  große  Verbündete  und  der  geschäftstüchtige ­
  Freund  gewähren  gern  und  reichlich  Kredit  gegen  Gold.
Noch  am  6.  April  wies  die  Wochenbilanz  der  Notenbank  einen  Goldbestand ­
  von  4986  Mül.  Frcs.  auf  und  am  24.  August,  also  nach  5  Monaten
nur  noch  4335  MUL  Frcs.  in  der  eigenen  Kasse,  dagegen  im  Auslande
473  Mül.  Frcs.  Dieses  Gold  floß  nach  London  und  New  York.  In  der
gleichen  Zeit,  in  der  die  Bank  die  Auslandskredite  mit  ihrem  Golde  möglich
machte  und  unterstützte,  erweist  sie  nach  dem  Stande  der  Dinge  im
Innern  die  alten  Dienste.  In  der  gleichen  Zeit  stiegen  die  Vorschüsse
an  den  Staat:  6  April  7100,00  Mill.  Frcs.
24.  August  8600,00  „  „
d.  h.  um  1500,00  Mill.  Frcs.
Die  Entfernung  bis  zum  äußersten  Punkt  ist  nicht  mehr  weit,  und
es  ist  sehr  unwahrscheinlich,  daß  es  der  Bank  von  Frankreich
        <pb n="205" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

189

möglich  sein  wird,  noch  weitere  5  Monate  in  dem  gleichen  Umfange
nach  beiden  Richtungen  hin  zu  wirken.  Und  es  ist  auch  sehr  unwahrscheinlich, ­
  daß  mit  dem  31.  Dezember  1916  der  Friede  in  das  Land
einzieht.  Es  bleibt  auch  jetzt  wieder  nur  noch  der  Ausweg  vom  August
1915:  die  zweite,  große  nationale  Renten-Anleihe.  Möglich,  daß  sie  einen
Erfolg  erzielt,  der  von  den  drückenden  Sorgen  befreien  kann.
Im  gewohnten  Kreislauf  legt  inzwischen  der  Finanzminister  der
ßudgut-Kommission  wieder  den  fällig  gewordenen  Gesetzesentwurf  über
die  erforderlichen  Kriegskredite  vor.  Für  das  letzte  Viertel  des  laufenden ­
  Jahres  fordert  er  einen  provisorischen  Kredit  von  9133  Milk  Frcs.,
von  denen  8347  Mül.  Frcs.  auf  das  ordentliche  und  786  Mül.  Frcs.  auf
das  außerordentliche  Budget  entfallen.  Aus  dieser  neuen  Forderung  ist
die  Tendenz  steigender  Kriegskosten  abermals  sichtbar.  Denn  im
dritten  Vierteljahr  waren  insgesamt  8681  Mül.  Frcs.  genehmigt,  so  daß
die  Zunahme  jetzt  452  Mül.  Frcs.  beträgt.  Hiervon  entfällt  ein  Betrag
von  134  Milk  Frcs.  auf  Mehrausgaben  rein  militärischer  Natur  gegenüber
dem  dritten  Quartal.
Für  das  Jahr  1916  erreichen  die  Kredite  eine  Summe  von  32  351
Mill.  Frcs.,  und  die  allmählich  gesteigerten  Kreditforderungen  für  das
Jahr  1915  ergaben  in  ihrer  Endsumme  einen  Betrag  von  22  706  Mill.
Frcs.,  für  das  Jahr  1914:  12  012  Mill.  Frcs.  In  diesen  gewaltigen  Beträgen ­
  haben  die  Kriegsausgaben  den  ausschlaggebenden  Anteil,  während ­
  die  Lasten  für  den  inneren  Dienst  weit  geringer  sind,  obwohl  auch
sie  natürlich  durch  die  Verbuchung  von  außergewöhnlichen  Ausgaben,
die  durch  indirekte  Kriegseinwirkung  bedingt  sind,  so  in  erster  Linie
des  Zinsendienstes  der  Staatsschulden,  sozialen  Fürsorge,  Ernährung
der  Zivilbevölkerung,  Unterstützung  der  Flüchtlinge  u.  a.  m.,  hohe
Summen  erreichen.  Werden  einmal  ausschließlich  die  rein  militärischen
Ausgaben  den  bewilligten  Krediten  der  Jahre  1914,  1915  und  1916
zum  Vergleich  gegenübergestellt,  so  zeigen  sie  das  nachstehende  beachtenswerte ­
  Bild  in  Mill.  Frcs.):
Verhältnis  der  Gesamtkredite  zu  den  militärischen  Ausgaben
1914—1916.

Jahr

Gesamtbetrag
der  Kredite

Militärische
Ausgaben

Zunahme

absolut

prozentualer
Anteil

IW

6  589,00

5  867,00

88,9

1915

22  706,00

15  705,00

9705,00

69,  r

1916

32  351,00

23  35o,oo

9690,00

72,3

In  derselben  Weise  zeigen  auch  die  monatlichen  Kriegskosten  eine
unentwegt  anwachsende  Richtung,  deren  zahlenmäßiger  Ausdruck
in  runden  Ziffern  seit  dem  1.  August  1914  bis  zum  31.  Dezember  1916
in  den  nachstehenden  Tabellen  (S.  190)  aufgezeichnet  ist.
Es  brauchen  bei  Betrachtung  dieser  Ziffern  keine  Daten  über  die
Kriegslasten  der  anderen  Kriegführenden  zum  Vergleiche  herangezogen
        <pb n="206" />
        Erwin  Respondek,

Gesamtausgaben  des  Staatsschatzes  während  des  Krieges.
Zeitperiode:  i.  August  1914  bis  31.  Dezember  1916  (in  1000  Frcs.)

Zeit

Heer

Schuldendienst ­


Soziale
Fürsorge

Lebensmittel
für  Zivilbevölkerung ­


Andere
Ausgaben

Gesamt-Ausgaben


1914.  x.  Aug.  bis  31.  Dez.
1915.  1.  Jan.  bis  31.  Dez.
1916.  1.  Jan.  bis  30.  Sept.
1.  Jan.  bis  31.  Dez.

5  867  251
15  767  099
16  817  000
23  660  575

60  332
I  9OO  024
1  219  OOO
2  998  789

494  466
2  711  043
2  935  000
3  290  242

20  000
l66  800
21  OOO

147  386
2  261  124
1977  000
2  394  244

6  589  435
22  806  090
22  969  000
32  343  850

Gesamtausgaben  des  Schatzamtes  pro  Monat  und  Tag.
(In  Mill.  Frcs.)

Zeit

Monate

Ausgaben
Insgesamt

pro  Monat
Davon
militärische

Ausgaben
pro
Tag

1.  Aug.  bis  31.  Dez.  1914  .  .  .

5

1365,00

805,00

44,7°

1.  Jan.  bis  30.  Juni  1915  .  .  .

6

1665,00

1100,00

55,50

1.  Juli  bis  30.  Sept.  1915  .  .  .

3

1870,00

1300,00

62,00

1.  Okt.  bis  31.  Dez.  1915  .  .  .

3

2150,00

1570,00

69,00

1.  Jan.  bis  31.  März  1916.  .  .

3

2505,00

1750,00

83,50

1.  April  bis  30.  Juni  1916  .  .

3

2829,00

2111,00

94,00

1.  Juli  bis  30.  Sept.  1916  .  .

3

2837,00

2155,00

95,oo

1.  Okt.  bis  31.  Dez.  1916  .  .

3

3044,00

2200,00

101,50

zu  werden.  Schon  die  absoluten  Ziffern  wirken  so  überwältigend  auf
den  Prüfenden,  daß  es  genügt,  sie  einfach  zu  nennen.  Der  französische ­
  Finanzminister  hat  aber  in  seinem  Expose  für  die  eigene  Finanzwirtschaft ­
  einen  recht  bemerkenswerten  Vergleich  zwischen  den  Kriegskosten ­
  sowie  den  Einnahmen  des  Schatzamtes  der  Jahre  1915  und  1916
gezogen,  der  in  seinen  wesentlichen  Punkten  hier  in  ausgewählter  Zusammenstellung ­
  wiedergegeben  werden  möge.
Es  ist  schon  mehrfach  darauf  hingewiesen  worden,  daß  mit  der
Ausdehnung  der  Kriegsschauplätze  und  der  immer  ausgeprägteren  technischen ­
  Kriegführung  mit  Artillerie  und  wieder  Artillerie,  mit  Pionierarbeit ­
  und  Luftkämpfen  neben  den  laufenden  Ausgaben  für  Soldaten
und  Offiziere  die  Lasten  sich  stets  erhöhten.  Das  Plus  an  militärischen
Aufwendungen  findet  seine  Erklärung  ausschließlich  auf  diesem  Gebiete. ­
  In  seinem  Berichte  stellte  der  Finanzminister  auch  fest,  daß  von
der  Zunahme  der  Kreditforderungen  für  1916  gegenüber  1915  in  Höhe
von  9645  Mill.  Frcs.  allein  8402  Mill.  Frcs.  auf  die  erhöhten  Ausgaben
für  die  Landesverteidigung  zurückzuführen  sind.  Das  Plus  des  Jahres
1916  übertrifft  das  des  Jahres  1915  um  volle  50  %.  Und  eine  große
Reihe  von  Daten,  die  einen  Begriff  von  der  Verteilung  des  Mehraufwandes
auf  die  einzelnen  Posten  veranschaulichen  soll,  zeigt,  welch  hohe  Anforderungen ­
  die  technische  Kriegführung  stellt.  An  erster  Stelle  stehen
die  Aufwendungen  für  die  stärkste  und  weitest  ausgebaute  Waffe,  die
Artillerie,  mit  4990  Mill.  Frcs.  Dies  bedeutet,  daß  nicht  weniger  als  59,3  %
        <pb n="207" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

IQI

der  vollen  Zunahme  allein  auf  die  Artillerie  zu  verbuchen  sind.  In
weitem  Abstande  von  diesem  Posten  [folgen  sodann  die  Mehrausgaben
für  1916  gegenüber  1915:
in  der  Luftschiffahrt  658,00  Mill.  Frcs.
im  Geniekorps  277,00  „  „
für  Bauten  und  Ausrüstungen  der  Pulverfabriken.  .  .  .  260,00  „  „
für  Eisenbahnen  142,00  „  „

Auch  der  Sold  für  die  Truppen  weist  eine  beträchtliche  Zunahme
auf.  Sie  belief  sich  auf  rund  239  Mill.  Frcs.,  obwohl  die  Heeresverwaltung ­
  bestrebt  war,  die  Ausgaben  nach  Möglichkeit  zu  verringern.  Weiterhin ­
  erforderten  einen  Mehraufwand;
Zuweisungen  und  Unterstützungen  an  die  Familien  der
Mobilisierten  434.oo  Mill.  Frcs.
Verpflegung  der  Truppen  706,00  „  ,,
deren  so  auffällige  Zunahme  mit  dem  Kaufzwange  im  Auslande  zu  den
allseitig  erhöhten  Preisen  und  Wechselkursen  erklärt  wird.  Für  den
ausgedehnten  Fuhrpark  wurden  an  Brennmaterialien,  Zutaten  für  Automobile ­
  und  Flugzeuge  163  Mill.  Frcs.  mehr  aufgewendet.
Transportkosten,  Truppenverschiebungen  u.  ä.  erforderten  ein  Plus
von  287  Mill.  Frcs.,  Fourrage,  aus  Gründen  des  hohen  Preisstandes
319  Mill.  Frcs.  Als  neuer  Posten  wird  noch  die  Anwerbung  von  kolonialen ­
  und  exotischen  Arbeitern  aufgeführt  mit  rund  63  Mill.  Frcs.
Auf  der  ganzen  Linie  ist  also  eine  umfangreiche  Zunahme  der  einzelnen ­
  Posten  in  der  Kriegsrechnung  zu  verzeichnen,  —  abgesehen  von
den  Ausgaben  für  Bekleidung,  Lagerung,  Schlafräume  usw.,  die  um  133
Mill.  Frcs.  und  vom  Sanitätsdienst,  die  um  41  Mill.  Frcs.  vermindert
werden  konnten  —  die  mit  der  Fortsetzung  des  erbitterten  Kampfes
nicht  stehen  bleiben  wird,  sondern  sogar  in  der  Folgezeit  noch  eine
Steigerung  erfahren  dürfte.
Auch  das  Zivil-Budget  1916  weist  im  Vergleiche  zum  Vorjahre  eine
Zunahme  von  1243  Mill.  Frcs.  auf,  von  der  gegen  1032  Mill.  Frcs.  allein  für
den  Zinsendienst  der  Staatsschulden  abzusondern  sind.  Hier  kommt
die  hohe  Last  der  bisherigen  Schuldverpflichtungen  deutlich  zum  Ausdruck, ­
  die  in  ihrer  jetzigen  absoluten  Größe  um  so  unangenehmer  wirkt,
als  es  doch  für  jeden  einsichtigen  Fachmann  klar  ist,  daß  sie  in  den  vielen
Jahren,  in  denen  die  verbündeten  Regierungen  noch  Krieg  gegen  die
Zentralmächte  führen  wollen,  zu  einer  möglichen  Lähmung  oder  teilweisen ­
  Vernichtung  der  wirtschaftlichen  Kraft  im  Lande  ausreifen
können.  Eine  Zunahme  von  125  Mill.  Frcs.  weist  auch  der  Dienst  für
die  Unterstützung  der  Flüchtlinge  und  Evakuierten  auf.
An  diesem  Ort  Wären  gewiß  einige  Vergleiche  unter  Heranziehung
amtlicher  Angaben  zwischen  den  einzelnen  verbündeten  und  feindlichen
Kriegsstaaten  angebracht.  Sie  können  aber  leider  nicht  gezogen  werden,
da  von  fast  sämtlichen  anderen  Kriegführenden  keine  öffentlichen  Bekanntmachungen ­
  vorhegen.  Sie  sind  vielleicht  auch  entbehrlich,  denn
        <pb n="208" />
        192

Erwin  Respondek,

schon  aus  den  wenigen  allgemeinen  Anhaltspunkten,  die  von  der  französischen ­
  Regierung  vorliegen,  und  die  nur  Geltung  haben  für  einen
Kriegsschauplatz,  der  etwa  600  km  Grabenlänge  umfaßt  g&amp;gt;  gen  eine  etwa
1800  km  lange  Front  (Westen  und  Osten)  z.  B.  Deutschlands,  wird  leicht
zu  ermessen  sein,  welche  riesigen  Ausgaben  also  Deutschland  für  die  hier
hauptsächlich  genannten  Dienste  zu  bewirken  haben  wird,  um  den  Kampf
erfolgreich  führen  zu  können.  Auch  bei  den  verbündeten  und  feindlichen
Staaten  Deutschlands,  bei  England,  bei  Rußland,  Italien  usw.  dürften
die  Aufwendungen  nach  Milliarden  zugenommen  haben,  so  daß  mit
der  eigenen  ökonomischen  Gefährdung  auch  die  der  Verbündeten  und
Feinde  Frankreichs  in  vielleicht  annähernd  gleichem  Umfange,  bei  dem
einen  früher  als  bei  den  anderen,  in  Erscheinung  und  Wirksamkeit  treten
muß.  Aber  solange  das  militärische  Regime  die  lückenlose  Aufrechterhaltung ­
  aller  der  zur  siegreichen  Fortsetzung  des  Kampfes  notwendigen
Zuwendungen  an  Menschen,  Gütern  und  Kriegsausrüstungen  jeder
Art  braucht  und  fordert,  werden  die  hinter  den  Schützengräben  fließenden ­
  Quellen  nicht  versiegen,  es  sei  denn,  aus  natürlicher  Erschöpfung.
So  in  Frankreich,  so  beim  Feinde.
Unter  diesem  Gesichtspunkt  wird  es  nun  lehrreich  sein,  einmal  die
Einnahmequellen  des  französischen  Schatzamtes  auf  Grund  der  Mitteilungen ­
  von  Ri  bot  nach  ihrem  Ergiebigkeits-Koeffizienten  zu  untersuchen, ­
  um  hieraus  eine  gewisse  Kritik  über  das  Verhältnis  der  Lasten
zu  den  Trägern  zu  gewinnen.  Es  mögen  immer  zunächst  die  Einnahmen
des  Schatzamtes  während  der  beiden  ersten  Kriegsjahre  i.  August  1914
bis  31.  Juli  1916  dargelegt  werden,  bevor  auf  eine  Berechnung  der  möglichen ­
  Gesamteinnahmen  bis  zum  Tage  der  letzten  Budget-Aufstellung,
also  dem  31.  Dezember  1916,  übergegangen  wird.
Von  den  budgetären  Eingängen  für  die  Berichtszeit  wurde  unter
vorsichtiger  Schätzung  durch  das  Schatzamt  ein  Ertrag  von  etwa  8052
Mill.  Frcs.  erhofft.  Tatsächlich  war  das  Ergebnis  bedeutend  niedriger.
Es  kamen  lediglich  6246,7  Mill.  Frcs.  ein,  d.  h.  ein  Mindererlös  von  1805
Mill.  Frcs.  oder  22,4  %.  In  schematischer  Zusammenstellung  ergibt
die  Bewegung  der  indirekten  Einkünfte  das  folgende  Bild  (in  1000  Frcs):

Budget-Einnahmen  in  den  beiden  ersten  Kriegsjahren.

Eingänge

Perioden

Effektive

Budget-Voranschlag


Ausfall

1.  August  bis  31.  Dezember  1914  .  .  .

968  663

1  683  733

715  070

1.  Januar  bis  31.  Juli  1915
Erstes  Kriegsjahr

1  833  289
2  801  952

2  309  595
3  993  328

476  306
1  191  376

1.  August  bis  31.  Dezember  1915  .  .  .

1  344  246

1693  404

349  158

1.  Januar  bis  31.  Juli  1916
Zweites  Kriegsjahr
Erstes  und  zweites  Kriegsjahr  .  .  .

2  IOO  502
3  444  748
6  246  700

2  365  758
4  059  162
8  052  490

265  256
614  414
1  805  79°

Im  ersten  Kriegsjahr  wurden  offenbar  die  Einkünfte  an  Steuern,
Zöllen,  aus  Monopolen  usw.  noch  recht  zuversichtlich  beurteilt.  Davon
        <pb n="209" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

193

zeugt  das  in  der  Tabelle  ersichtliche  arge  Mißverhältnis  zwischen  Voranschlag ­
  und  Effektivertrag.  Dagegen  ließ  man  im  zweiten  Kriegs]  ahre
wohl  neben  der  Hoffnung  auf  gute  Resultate  auch  die  gesammelten
Erfahrungen  aus  dem  Vorjahre  zur  Geltung  gelangen  und  schätzte  ein
wenig  vorsichtiger.
Die  Gesamteinnahmen  erreichten,  wie  der  Bericht  betont,  gegen
78,65  %  der  Friedenseinnahmen.  Er  verweist  hierbei  auf  die  Tatsache,
daß  ein  immerhin  umfangreicher  Teil  des  Landes,  der  mit  zu  den  ertragreichsten ­
  und  steuerkräftigsten  Bezirken  und  dichtesten  Bevölkerungsgegenden ­
  zählt,  vom  Feinde  besetzt  sei.  So  sei  dieses  Ergebnis ­
  sehr  zufriedenstellend  und  ein  Zeichen  für  die  ungebrochene
Konsumtionskraft  der  restlichen  Gebiete.  Wenngleich  im  zweiten
Jahre  die  Einnahmen  eine  Steigerung  gegenüber  dem  ersten  um
etwa  642,00  Milk  Eres,  erfuhren,  so  kann  dennoch  nicht  auf  eine  wesentliche ­
  nochmalige  Erhöhung  gerechnet  werden.  Die  Steuerkraft  dürfte
auf  ihrer  Höchstgrenze  angelangt  sein.  Denn  so  wie  die  indirekten
Steuern,  Stempelsteuer,  Zölle  und  Monopole  den  oben  nachgewiesenen
Mindererlös  von  1805,00  Milk  Eres,  erbrachten,  weisen  auch  die  Eingänge
aus  den  direkten  Steuern,  die  mit  1221,00  Milk  Eres,  veranschlagt
waren  und  nur  942,00  Milk  Eres,  eintrugen,  ein  Minus  von  279,00  Milk
Eres.  auf.  Unter  Zugrundelegung  der  budgetären  Einnahmen  im  zweiten
Kriegsjahre  kann  daher  der  Erlös  für  die  letzten  fünf  Monate  des  laufenden ­
  Jahres  mit  höchstens  1500,00  Milk  Eres,  angenommen  werden 1 ).
Nach  diesen  Angaben  über  die  budgetären  Einnahmen  geht  nunmehr ­
  der  Bericht  dazu  über,  einen  Rückblick  auf  die  Lage  des  Schatzamtes ­
  selbst  und  die  während  der  beiden  ersten  Kriegsjahre  veränderte
öffentliche  Schuld  zu  geben.  Er  hebt  zunächst  das  Dekuvert  der  zweijährigen ­
  Kriegsbilanz  hervor.  Die  Differenz  zwischen  den  Einnahmen
und  Ausgaben  ergibt  als  ungedeckte  Verbindlichkeiten  eine  Summe  von
35,00  Milliarden  Eres.,  die  noch  erhöht  wird  durch  die  gesondert  aufgeführten ­
  Leistungen  an  die  Verbündeten  mit  1650,00  Milk  Eres.,  umfangreiche ­
  Vorschüsse  an  die  Handelskammern,  Gesellschaften  für  Verwundetenpflege, ­
  Zuwendungen  an  die  Eisenbahnen,  um  deren  Kapitalbedarf ­
  zu  decken.  Außerdem  wurden  größere  Beträge  dem  Departement ­
  du  Nord  und  für  die  Ernährung  der  Zivilbevölkerung  bereitgestellt ­
  und  aufgebraucht.  Eine  Reihe  von  Departements,  Kommunen,
die  Caisse  des  Depöts  et  Consignations,  Truppenkorps  und  andere  Kunden ­
  des  Schatzamtes  haben  ihre  Einlagen  zurückgezogen.  Insgesamt
belaufen  sich  diese  Ausgaben  auf  etwa  3  Milliarden  Eres.,  so  daß  der
Kassenausgang  des  Schatzamtes  einen  Betrag  von  38  Milliarden  Eres,
überschritten  hat.  Diese  Summe  war  also  zu  decken.  Unter  welchen
Schwierigkeiten  und  mit  welchem  wechselreichen  finanzpolitischen  Geschick ­
  der  Finanzmmister  arbeitete,  um  diese  Lasten  auf  seine  Kapitalsquellen ­
  zu  verteilen,  wurde  schon  zur  Genüge  gezeichnet.  Es  mögen
*)  Effektiv-Eingänge  vom  1.  August  1913  bis  31.  Juli  1916:  3445,00  Milk  Frcs.,  d.  h.
für  den  Monat  287,00  Mill.  Frcs.
Respondek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

13
        <pb n="210" />
        194

Erwin  Respondek,

daher  nur  die  Resultate  der  zweijährigen  Kapitalsbeschaffung  unter
scharfer  Sondierung  der  einzelnen  Geldquellen  genannt  werden,  an  die
sich  sodann  die  für  die  kalkulatorische  Erfassung  der  Einnahmen  bis
Ende  1916  notwendigen  Schätzungen  anschließen.
Hart  an  der  Grenze  ihrer  durch  Gesetz  vorgeschriebenen  Vorschußpflicht ­
  und  auch  ihrer  bankwirtschaftlichen  Leistungsfähigkeit  ist  mit
8500,00  Milk  Eres,  die  Bank  von  Frankreich  angelangt.  Die  erste  und
zuverlässigste  aller  Krcditquellen  neigt  sich  damit  bedenklich  ihrem
Ende  zu.  Nur  noch  500,00  Mill.  Frcs.  stehen  dem  Schatzamte  für  die
nächsten  Monate  zur  Verfügung,  die  gerade  einige  Tage  hinreichen
würden,  wollte  man  sie  restlos  benutzen,  um  mit  ihnen  allein  den
Krieg  zu  finanzieren.  In  der  Not  wird  das  Schatzamt  es  wohl  sorgsam
abwägen,  ob  es  vorteilhafter  ist,  die  Grenze  nochmals  um  vielleicht
3  Milliarden  oder  mehr  zu  erweitern  und  damit  für  die  dringenden  Ausgaben ­
  eine  stets  offene  Geldreserve  zu  besitzen,  oder  die  hohe  Belastung
von  9000,00  Mill.  Frcs.  stehen  zu  lassen  und  sie  durch  Eingänge  aus
Anleihen  abzudecken,  wieder  allmählich  aufzufüllen,  wieder  abzubauen,
und  das  Spiel  so  lange  Zeit  wie  möglich  fortzusetzen.  Jedenfalls  würde
die  finanzielle  Stärke  der  Notenbank  hierdurch  nicht  weiter  wesentlich
beeinträchtigt.  Ihr  Notenumlauf  würde  sich  zwischen  der  15.  und  18.
Milliarde  hin-  und  herbewegen,  während  die  Goldbasis  nach  Möglichkeit ­
  vor  Schmälerungen  zu  bewahren  wäre.  Anders  bei  einer  größeren
Erweiterung  der  Vorschußpflicht.  Mit  einer  solchen  Maßnahme  könnte
der  öffentliche  Kredit  der  Notenbank  leicht  zu  ernstem  Schaden  kommen, ­
  ihre  bisher  aufrechterhaltene  Beweglichkeit  vollständig  verloren
gehen.  Einem  bis  zu  20  Milliarden  Frcs.  aufgetürmten  Notenumlauf,
der  auf  der  Aktivseite  von  gegen  4000,00  Mill.  Frcs.  Gold  getragen
wird  —  wenn  nicht  noch  höhere  Summen  Goldes  nach  dem  Auslande
zur  Stützung  der  dort  aufgenommenen  Kredite  abfließen  —  vermag
auch  nicht  der  alte  gute  Klang  der  Bank  von  Frankreich  den  zu  einem
solchen  Experiment  notwendigen  Halt  zu  bieten.  Daher  kann  mit  gewisser ­
  Sicherheit  darauf  gerechnet  werden,  daß  von  einer  Erhöhung
der  Vorschüsse  abgesehen  wird,  obwohl  der  Finanzminister  bei  der
Vorlage  des  Gesetzentwurfs  für  die  zweite  Kriegsanleihe  am  12.  September ­
  1916  Andeutungen  machte,  die  auch  leicht  anders  ausgelegt
werden  können.  Er  trat  den  offenen  und  versteckten  Treibereien  gegen
die  Notenbank,  von  denen  in  dem  Absätze  „Notenbank“  bereits  geschrieben ­
  wurde,  entgegen  und  stellte  fest,  daß  über  das  Prinzip  der
Aufrechterhaltung  des  Notenprivilegs  eine  Diskussion  überhaupt  nicht
zu  führen  sei,  denn  die  Bank  von  Frankreich  sei  heute  die  unentbehrliche ­
  Basis  des  öffentlichen  Kredites  Frankreichs.  Lediglich  die  Bedingungen ­
  der  Erneuerung  dieses  Privilegs  wären  reiflich  zu  prüfen!
Es  möge  trotzdem  die  Annahme  bestehen,  daß  dem  Schatzamte  für
die  Zeit  vom  1.  August  bis  31.  Dezember  1916  nur  noch  500,00  Mill-Frcs.
  zufließen  werden.
Weniger  zuverlässig  in  ihrer  Wirkung  und  Ergiebigkeit  waren  die
        <pb n="211" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

I 95

drei  Schatzscheintypen.  Den  größten  Erfolg  weisen  immer  noch  die
kurzfristigen  National-Verteidigungs-Wechsel  auf,  die  unter  Ausscheidung ­
  aller  Rückzahlungen  und  Konvertierungen  am  31.  Juli  13  166,00
Mill.  Frcs.  einbrachten  und  deren  Absatz  verhältnismäßig  rege  ist.  Beachtenswert ­
  ist  die  erstmalige  Veröffentlichung  des  Ergebnisses  aus
dem  Verkaufe  der  National-Verteidigungs-Wechsel  zu  5  und  20  Frcs.,
von  denen  gegen  700  000  Stück  abgesetzt  wurden  im  Werte  von  etwa
7  Mill.  Frcs.  So  gering  dieser  Betrag  auch  ist,  so  zeigt  er  doch  die  Sparkraft ­
  in  den  kleineren  Schichten  in  einem  erfreulichen  Lichte.  Freilich
kann  dieser  Absatz  nicht  bis  zu  jenen  Höhen  hinaufgeführt  werden,
die  vielleicht  allgemein  erwartet  wurden,  obwohl  aus  den  Angaben  des
Berichtes  nicht  ersichtlich  ist,  ob  dieser  Betrag  den  Saldo  darstellt  —
die  kleinen  Abschnitte  können  bei  100  Frcs.  und  darüber  in  die  kurzfristigen ­
  Schatzscheine  eingetauscht  werden  —  oder  das  tatsächliche,
volle  Ergebnis  seit  ihrer  Emission.
Von  den  5  %  National-Verteidigungs-Obligationen  waren  1037,00
Mill.  Frcs.  untergebracht  unter  Ausschluß  der  Summen,  die  in  die  erste
5  %  Kriegsanleihe  konvertiert  wurden.  Gegen  283,00  Mill.  Frcs.  von
sechsjährigen  Obligationen  sind  bei  Verfall  jetzt  einzulösen.  Der  Absatz ­
  dieses  Typs  ist  ungemein  schwach,  er  konnte  auch  durch  kein  Mittel
aus  seiner  Stagnation  befreit  werden  und  soll  nach  einer  Meldung  der
„Frankfurter  Zeitung“  mit  der  Auflage  der  neuen  Kriegsanleihe  nicht
mehr  zur  Ausgabe  gelangen.
Für  die  Folgezeit  können  also  die  Obligationen  als  Einnahmequelle
außer  Ansatz  gelassen  werden,  und  der  Erlös  aus  den  Schatzwechseln,
der  mit  einem  monatlichen  Betrage  von  etwa  1000,00  Mill.  Frcs.  zu
schätzen  ist,  wird  demnach  für  die  letzten  fünf  Monate  gegen  5000,00
Mill.  Frcs.  einbringen.  Diese  Schätzung  wird  natürlich  gegenüber  der
Wirklichkeit  nur  annähernd  standhalten,  mußte  aber  vorgenommen
werden,  da  über  die  monatlichen  Absatzziffern  keine  zuverlässigen
Nachrichten  vorliegen.
An  dritter  Stelle  sind  die  Krediteröffnungen  bei  den  Verbündeten
und  befreundeten  Staaten  zu  nennen.  Im  Bericht  wird  als  Ergebnis
bis  zum  31.  Juli  aufgeführt:
Schatzscheine,  die  in  England  untergebracht  worden  sind,  in  Höhe
von  2315,00  Mill.  Frcs.,  Schatzscheine  in  Amerika  (Ver.  Staaten)  und
dort  erlangte  Kredite,  soweit  sie  realisiert  wurden,  gegen  1476,00  Mill.  Frcs.
Von  den  zahlreichen  anderen  Transaktionen  sagt  der  Bericht  kein
Wort.  Nun  wurde  bereits  der  Versuch  unternommen,  auch  nur  annähernd ­
  die  vielverzweigten  Kreditoperationen  mit  Unterstützung  der
Bankwelt  und  Gold-,  Effekten-,  Schatzschein-Sicherheiten  einheitlich  zu
erfassen  und  ihre  wahrscheinliche  Höhe  zu  bestimmen.  Dies  ist  und  bleibt
aber  ein  sehr  problematischer  Versuch 1 ).  Denn  es  ist  höchst  schwierig,
*)  Auch  die  „Frankfurter  Zeitung“  betont  diesen  Punkt  in  einer  Darstellung  der
Kredite,  die  Frankreich  zur  Stützung  der  Valuta  aufgenommen  haben  kann.  In  No.  256,
vom  15.  September  1916,  führt  sie  auf:

13*
        <pb n="212" />
        ig6

Erwin  Respondek.

jene  verdeckten  und  unklar  umschriebenen,  lückenhaft  mitgeteilten
Darlehnsabschlüsse  der  Regierung  und  der  Privatwelt  auf  ihre  Richtigkeit
und  Form  zu  prüfen.  Aus  diesen  Gründen  muß  auch  davon  abgesehen
werden,  für  die  Ergiebigkeit  dieser  Kapitalsquelle  eine  Schätzung  der
zukünftigen  Zeit  vorzunehmen.  Diese  Lücke  muß  dem  endgültigen
Defizit,  das  sich  aus  der  Gegenüberstellung  der  errechneten  möglichen
Eingänge  und  der  voraussichtlichen  Ausgaben  bis  zum  31.  Dezember
19x6  ergibt,  in  Parallele  gesetzt  werden.
Schließlich  gibt  der  Bericht  den  Reinerlös  der  ersten  5  %  Kriegsanleihe ­
  mit  ix  925,00  Milk  Frcs.  an.
Der  Gesamtbetrag  aus  diesen  verschiedenen  Einnahmezweigen  wird
auf  über  37  730,00  Milk  Frcs.  beziffert.  Gleichzeitig  legt  der  Bericht
einen  hohen  Wert  auf  die  Feststellung,  daß  die  Notenbank,  deren  Vorschußleistung ­
  am  31.  Juli  1916  mit  8300,00  Milk  Frcs.  aufgeführt  ist,
an  dieser  hohen  Summe  zu  nur  22  %  teilnimmt,  während  78  %  oder
mehr  als  %  der  Lasten  von  der  Öffentlichkeit,  der  Bevölkerung,  getragen ­
  würden.  Die  Darstellung  und  Bemessung  der  geleisteten  Arbeit
von  der  Bank  von  Frankreich  im  Lichte  dieser  einen  absoluten  Ziffer
ist  ein  ebenso  billiger  Ruhm  des  Schatzamtes  für  sich  selbst,  wie  er
brüchig  ist.  Zur  restlosen  Erkenntnis  der  Größe  und  Bedeutung  der
Kriegsfinanzierung  durch  die  Notenbank  reichen  kühle  Betrachtungen
über  die  direkten  Vorschüsse  nicht  aus.  Sie  müssen  vielmehr  ergänzt
werden  durch  die  schon  so  ausführlich  geschilderten  Hilfsleistungen  in
den  Fragen  der  Kapitalsbeschaffung  im  Auslande,  deren  Wurzeln  nur
in  dem  Schoße  der  Bank  von  Frankreich  ähre  Verankerung  und  Nahrung ­
  finden  konnten,  in  den  Hilfswerken  bei  den  Valutaproblemen,
Arbeiten  für  die  Hebung  und  Förderung  der  inneren  wirtschaftlichen
Kräfte  und  zahlreichen  anderen  wertvollen  Diensten.
Da  die  Einnahmen  von  37  730,00  Milk  Frcs.  die  ermittelten  Ausgaben ­
  von  38  000,00  Milk  Frcs.  nicht  deckten,  wurde  der  Fehlbetrag
aus  dem  Kassenbestande  des  Schatzamtes  herangezogen,  der  sich  insgesamt ­
  um  294,00  Milk  Frcs.  ermäßigte.
Bevor  auf  die  Bilanzierung  des  Budgets  bis  zum  Ende  des  laufenden
Jahres  übergegangen  wird,  mögen  hier  noch  die  Angaben  des  Finanzministers ­
  über  den  Stand  der  öffentlichen  Schuld  wiedergegeben  sein.
Das  Schatzamt  vermeidet  es,  die  Höhe  der  Staatsschuld  anzugeben.  Es
gewährt  nur  einen  Einblick  in  die  Größe  der  Spannung  zwischen  Nominalbetrag ­
  und  Bareingängen.  Ersterer  übersteigt  die  Eingänge  um  461,00
Milk  Frcs.  Diese  Differenz  wird  auf  318,00  Milk  Frcs.  ermäßigt  durch
die  Vorteile  aus  Verrechnungen  mit  Privatpersonen,  noch  ausstehenden
Zahlungen  von  etwa  233,00  Milk  Frcs.  auf  das  zweite  amerikanische

10,00  Mül.  Doll.

einjährige  5  %  Notes

25,00  „
45,00  „
100,00  ,,

30,00  ,,
30,00  „

5%  „
Bankkredite
einjährige  Handelskredite
Kredit  an  das  Haus  Rothschild  (getilgt)
gedeckte  kurzfristige  Anleihe.
        <pb n="213" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft,

197

Darlehen,  das  der  französischen  Regierung  518,00  Mill.  Frcs.  zuweist,
weiterhin  durch  Kursgewinne  von  seiten  des  Rückkaufes  der  3  %  %
Anleihe  zu  91  %  und  der  Konversion  der  3  %  Rente  zu  66  %  in  5  %
Anleihe.  Durch  die  letzteren  Transaktionen  wurde  die  Staatsschuld
um  mehr  als  3  Milliarden  Frcs.  ermäßigt.
Mit  Hilfe  der  Ausführungen  des  Schatzamtes  wurden  die  beiden
ersten  Kriegsjahre  nach  ihren  finanziellen  Anforderungen  und  deren
Befriedigung  eingehend  dargelegt.  Als  endgültiges  Ergebnis  ist  der
restlose  Ausgleich  zwischen  den  Ausgaben  des  Schatzamtes  und  den
aus  verschiedenen  Quellen  stammenden  Einnahmen  zu  verzeichnen.
Das  Defizit  von  38  Milliarden  Frcs.  fand  seine  Deckung.  Nunmehr
gilt  es,  den  Anforderungen  der  finanziellen  Kriegführung  in  den  letzten
fünf  Monaten  des  Jahres  1916  mit  den  zu  Gebote  stehenden  Mitteln  gerecht ­
  zu  werden,  um  die  militärische  Schlagfertigkeit  nicht  durch  mangelhafte ­
  Zufuhr  aller  notwendigen  Güter  und  Kräfte  zu  beeinträchtigen.
Hierüber  fehlen  nun  eine  Anzahl  von  Daten,  die  durch  vorsichtige  Annahmen ­
  ersetzt  werden  und  daher  die  kalkulatorische  Darlegung  des
nachfolgenden  Budgets  in  ein  minder  authentisches  Licht  setzen.  Sie
sollen  jedoch  auch  bloß  eine  Anschauung  über  die  Aufgaben  und  die
Möglichkeit  ihrer  Lösungen  vermitteln.
Als  durchschnittliche  Monatsausgabe  für  die  Jahresperiode  können
mit  R  i  b  o  t  2696,00  Mill.  Frcs.  angenommen  werden,  so  daß  nach
Abzug  der  Kriegskosten  für  den  Monat  Juli,  der  doch  in  das  zweite,
bereits  betrachtete  Kriegsjahr  fällt,  rund  15  000,00  Mill.  Frcs.  für
die  restlichen  fünf  Monate  verbleiben.  Es  entsteht  die  Frage,  woher
diese  15  000,00  Mill.  Frcs.  zu  beschaffen  sind.  Von  den  Steuereingängen ­
  sind  1500,00  Mill.  Frcs.  zu  erwarten  und  die  Notenbank  liefert ­
  nach  den  vorausgegangenen  Ermittlungen  500,00  Mill.  Frcs.,  von
dem  Schatzscheinabsatz  sind  5000,00  Mill.  Frcs.  zu  erwarten,  so  daß
im  günstigsten  Falle  immer  noch  ein  Defizit  von  8000,00  Mill.  Frcs.  zu
decken  ist.  An  diesem  Betrage  wird  das  Ausland  einen  hohen  Allteil
nehmen.  Während  im  Jahre  1915  nach  R  i  b  0  t  die  durchschnittlichen
Monatszahlungen  an  die  fremden  Staaten  noch  gegen  250,00  Mill.  Frcs.
ausmachten,  sind  sie  um  die  Mitte  des  Jahres  1916  auf  annähernd  600,00
Mill.  Frcs.  gestiegen.  Es  bestehen  nach  Lage  der  militärischen  und  wirtschaftlichen ­
  Ziele  die  sichersten  Aussichten,  daß  die  immer  größeren
Einkäufe  der  Regierung,  die  infolge  der  geringen  Mitarbeit  und  Produktion ­
  im  eigenen  Lande  in  verstärktem  Maße  in  das  Ausland  gelegt
werden  müssen  und  damit  die  monatlichen  Reraittierungen  stets  schwieriger ­
  zu  bewirken  sein  dürften.  Neben  der  Begleichung  der  effektiven
Gütersendungen  in  ihrem  vollen  Umfange  durch  Gegenwerte,  also  in  Waren,
Kapitalien  oder  durch  Krediteinräumung,  stellen  auch  die  Zinslasten  der
schon  recht  hohen,  vielseitigen  Darlehen  und  Krediteröffnungen  einen
nicht  leicht  zu  erfüllenden  Zahlungsdienst  dar.  Der  Hinweis  des  Berichts
auf  die  Sparsamkeit,  die  jetzt  im  Lande  und  an  der  Front  soweit  es  dort
möglich  ist,  geübt  werden  soll,  der  Ansporn  zur  gesteigerten  Produktion
        <pb n="214" />
        Erwin  Respondek,

198

im  eigenen  Lande,  sollen  einige  Erleichterungen  bringen  und  Frankreich
vom  Ausland  unabhängig  machen.  Ob  dies  gelingen  wird,  muß  die
Zukunft  lehren.  Zunächst  ist  Frankreich  noch  auf  den  Bezug  aus  Amerika
und  England  angewiesen,  und  es  wird  seine  Warenbezüge  in  diesen
letzten  Monaten  nicht  anders  decken  können  als  durch  abermalige  Krediteröffnungen ­
  seitens  der  Lieferanten.  Die  gegenseitige  militärische  und
politische  Abhängigkeit  wird  dieser  Tatsache  keinerlei  unüberbrückbare
.Schwierigkeiten  bereiten,  da  sie  das  Interesse  eines  erstrebten  siegreichen ­
  Krieges  einfach  erfordert.  In  welcher  Weise  dagegen  das  Schatzamt ­
  die  Leistungen  des  Inlandes  befriedigen  will,  kann  keinem  Zweifel
unterliegen.  Frankreich  wird  zur  Emission  einer  neuen  Kriegsanleihe
schreiten  müssen.  Und  bereits  am  12.  September  verkündete  der  Finanzminister,
  daß  im  Oktober  die  zweite  5  %  National-Verteidigungs-Anleihe
aufgelegt  würde.
In  Frankreich  ruht  das  Schwergewicht  der  Kriegsfinanzierung  unzweifelhaft ­
  auf  der  Notenbank.  Immer  wieder  wird  auf  die  Bank  von
Frankreich  zurückgegangen  werden,  die  am  Anfang  des  August  1916
mit  einer  Vorschußsumme  von  8600,00  Milk  Frcs.  der  gesetzlichen
Höchstgrenze  schon  bedenklich  nahe  gekommen  ist.  Diese  Verschuldung ­
  des  Schatzamtes  bei  der  Notenbank  kann  tatsächlich  als  eine
fest  fundierte  Schuld  betrachtet  werden.  Sie  wird  durch  größere  Eingänge ­
  aus  einer  Kriegsanleihe  zwar  teilweise  abgedeckt,  verliert  damit
scheinbar  den  Charakter  einer  fundierten  Anleihe,  aber  der  Staat  hat
in  seinen  Vertragsschlüssen  mit  der  Zentralbank  keinerlei  zeitlich
bindende  Verpflichtungen  für  die  Rückzahlung  jener  Kriegsvorschüsse
auf  sich  genommen.  Er  ließ  sich  für  die  Amortisationsquote  und  deren
zeitliche  Verteilung  volle  Freiheit.  Daneben  stützt  die  Notenbank  die
umfangreichen  Auslandskredite.
Lediglich  die  emittierten  Schatzscheine  sind  als  schwebende,  kurzfristige ­
  Schulden  anzusehen,  die,  allgemein  gesprochen,  bei  einer  zu
gewaltigen  Höhe  aus  Gründen  einer  gesunden  Finanzpolitik  zur  Konsolidierung ­
  drängen.  Ein  solcher  Zwang  liegt  nun  aber  für  Frankreich ­
  nicht  vor.  England,  das  durch  frühere,  etwas  ungesund  verwickelte ­
  Finanzierungsmethoden  seinen  Krieg  seit  länger  als  einem
Jahre  ausschließlich  mit  kurzfristigen  Schatzwechseln  finanziert  —  ausgenommen ­
  sind  Kreditaufnahmen  im  Auslande  —  erhöhte  ihren  Umlauf ­
  bis  Ende  September  auf  etwa  1025,00  Miß.  £  oder  rund  26  Milliarden
Frcs.  In  Deutschland  wird  der  Zwischenraum  zweier  Kriegsanleihen
durch  Schatzwechsel  ausgefüllt,  die  steigende  Höhen  erreichen,  bei  der
Emission  der  nächsten  Anleihe  jedoch  zum  weitaus  größten  Teil  wieder
abgedeckt  werden.  Die  Ziffern  erreichen  hier  8  bis  10,  später  noch  mehr
Milliarden  Frcs.
Frankreichs  schwebende  Verbindlichkeiten  sind  bis  zum  31.  Juli
1916  auf  etwa  15  000,00  Mill.  Frcs.  zu  schätzen  (darunter  13  166,00  Mill.
Frcs.  National-Verteidigungs-Wechsel,  der  Rest  kurzfristige  Darlehnsverbindlichkeiten ­
  im  Auslande),  die  an  sich  zu  einer  Konsolidierung
        <pb n="215" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

199

noch  nicht  zwingen  und  die  Emission  einer  zweiten  Anleihe  nicht  erforderlich ­
  machen.  Was  aber  auf  das  Schatzamt  entscheidend  einwirkt,  dennoch
zur  Anleiheauflage  zu  schreiten  und  damit  den  Vertrieb  der  Schatzwechsel
zu  beeinträchtigen,  ist  die  Tatsache,  daß  der  alte  Weg  nicht  mehr  gangbar ­
  ist,  daß  aus  dem  Verkaufe  von  National-Verteidigungs-Wechseln  allein
die  bevorstehenden  Lasten  nicht  ertragen  werden  können.  Durch  eine
zweite  Anleihe,  unter  vollkommen  neuen  Bedingungen  und  vorteilhafteren ­
  Ausstattungen,  soll  die  Stagnation  des  Kapitalzuflusses  überwunden ­
  und  durch  eine  einzige  große  Anstrengung  das  finanzielle  Rüstzeug ­
  zur  Kriegführung  erneuert  werden.
In  der  Wahl  der  Anleiheform  war  das  Schatzamt  nicht  verlegen.
Nichts  lag  näher  und  wies  schärfer  auf  ein  Beispiel  hin,  als  der  bereits
auch  vor  etwa  einem  Jahre  gewählte  und  praktisch  schon  so  oft  erprobte ­
  Typ  einer  ewigen  Rente.  Auch  die  neue,  geplante  Anleihe  wurde
durch  Dekret  vom  12.  September  als  eine  5%  ewige  Rente,  unkündbar ­
  bis  zum  1.  Januar  1931  und  in  analoger  Weise  der  ersten  Kriegsanleihe ­
  aufgebaut.  Ohne  jeden  Zweifel  ist  diese  5  %  ewige  Anleihe  für
den  französischen  Rentner  die  Anleihe.  An  einen  ewigen  Rententyp,  der
ihm  so  geläufig  ist,  knüpfen  sich  sein  vollstes  Verständnis,  sein  Vertrauen ­
  und  seine  Zeichnungsbereitschaft.  So  nicht  allein  im  November
1915,  vielmehr  schon  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert.  Für  die  Erzielung ­
  eines  Erfolges  ist  vielleicht  die  psychologische  Wirkung,  die  von
der  Anleihe  ausgdöst  wird,  jenes  einfache  „Dafürsein“,  von  hoher  Bedeutung. ­
  Eine  glückliche  Anpassung  an  die  Gewohnheiten  und  Meinungen ­
  der  weitesten  Bevölkerungsschichten  ist  die  notwendige  Stufe
zum  guten  Resultat.  Und  hierauf  hat  das  Schatzamt  offenbar  den
größten  Wert  gelegt,  denn  es  paßte  die  zweite  5  %  Rentenanleihe  in
allen  wichtigsten  Punkten  ihrer  Vorgängerin  an.  Nur  in  der  Zins-  und
effektiven  Kursbemessung  sind  einige  Abweichungen  zu  vermerken,
die  natürlich  Konzessionen  der  Regierung  an  die  Zeichner  darstellen,
um  größere  Erfolge  zu  erzielen.  Nach  außen  hin  wirkt  der  durch  Dekret
festgesetzte  Emissionspreis  im  Vergleich  zur  ersten  Anleihe  wie  ein
Fortschritt  zugunsten  der  Regierung.  Denn  der  Zeichnungspreis  wird
mit  88,75  %  bemessen,  während  die  erste  Anleihe  einen  für  Barzeichnungun
  und  mit  sofortiger  Einzahlung  verknüpften  effektiven  Kurs
von  87,25  %  darbot.  Zunächst  also  ein  Plus  von  1,50  %,  das  aber  wesentlich ­
  zusammenschrumpft,  sobald  die  zahlreichen  eingeräumten  Sondervorteile ­
  prozentmäßig  erfaßt  und  vom  Kurse  abgezogen  werden.  Wie
früher  wird  auch  jetzt  die  sofortige  Vollzahlung  des  gezeichneten  Betrages ­
  begünstigt.  Der  Einzahlende  erhält  nämlich  den  am  16.  November ­
  verfallenden,  ersten  Vierteljahreszinsschein  im  voraus  voll  vergütet. ­
  Nun  läuft  die  offizielle  Zeichnungsfrist  vom  5.  Oktober  bis  zum
29.  Oktober  1916,  so  daß  allen,  die  innerhalb  dieser  Frist  ihre  Einzahlung ­
  leisten,  eine  wesentliche  Rückvergütung  zuteil  wird.  Damit  sinkt
der  Zeichnungskurs  für  sie  um  etwa  1,25  %,  und  der  effektive  Anleihesatz ­
  wird  87,50  %.  Aber  nicht  allein  für  die  unverzügliche  Gtgenlei-
        <pb n="216" />
        200

Erwin.  Respondek,

stung  bei  der  Zeichnung  sind  jene  hohen  Vorteile  eingeräumt  worden.
Auch  für  alle  diejenigen  Zeichnungen,  die  in  zeitlich  gestaffelter  Reihenfolge ­
  ihre  prospektmäßig  vorgeschriebenen  Quoten  zu  zahlen  haben,
gelten  Zinsvorteile,  die  den  Zeichnungspreis  ermäßigen.  Die  Einzahlungen ­
  sind  zu  leisten:
Erste  .  .  15,00%  bei  der  Zeichnung
zweite  .  .  23%  %  am  26.  Dezember  1916
dritte  .  .  25,00%  „  16.  Februar  1917
vierte.  .  .  25,00%  „  16.  April  rgiy.
Somit  wird  gleichfalls  für  die  späteren  Einzahlungen  von  Mitte
November  ab  die  volle  Zinsvergütung  gewährt.  Mit  diesen  Berechnungen
ist  natürlich  auch  eine  Zinskalkulation  verbunden,  die  den  tatsächlichen
Zins  unter  Beobachtung  aller  Vergünstigungen  zu  ermitteln  hat.  Sie
ergibt  unter  Einschluß  der  Amortisationsprämien  einen  tatsächlichen
Ertrag  von  6,125  %•  Wiederum  hat  Leroy-Beaulieu  unzweifelhaft ­
  Recht,  wenn  er  von  der  zweiten  Anleihe,  deren  Effektivzins  er
allerdings  mit  nur  5,70  %  beziffert,  in  gleicher  Weise  wie  schon  einmal
bei  der  ersten  5  %  Rentenanleihe  betont:  „Man  würde  auf  der  ganzen
Welt,  unter  den  zahlungsfähigen  Staaten,  vergeblich  nach  ebenso  günstigen ­
  Bedingungen  suchen.“ 1 )
Von  Bedeutung  ist  fernerhin  bei  der  zweiten  Anleihe  die  Frage
der  Einzahlungsmittel.  Und  auch  hier  wie  dort  kann  in  bar  und  in  früher
emittierten  Anleihen  gezeichnet  werden.  Aber  nur  aus  den  reinen  Barzeichnungen ­
  können  dem  Schatzamte  die  für  die  bevorstehenden  Lasten
erforderlichen  Kapitalien  zufließen.  Die  Konsolidierung  schwebender
Schulden  oder  Hingabe  alter  Anleihetitel  vergrößert  das  nominelle
Zeichnungsergebnis,  ist  jedoch  für  die  Staatskasse  ohne  die  gerade
jetzt  erwünschte,  neues  Geld  schaffende  Wirkung.  Daher  wird  in
der  einsetzenden  Propaganda  erheblich  laut  die  Barzeichnung  betont.
Daneben  sind  nun  zur  Zahlung  auf  die  gezeichnete  Summe  noch  die
Bons  und  Obligationen  der  Nationalen-Verteidigung  zugelassen.  Von  den
National-Verteidigungs-Wechseln  waren  am  31.  Juli  1916  gegen  i3i66Mill.
Frcs.  im  Umlauf,  eine  Summe,  die  bis  zum  Zeichnungstermin  zugenommen ­
  haben  wird.  Sie  werden  wie  bares  Geld  bei  Zeichnungen  vom
Schatzamte  in  Empfang  genommen  und  damit  der  Konsolidierung
zugeführt.  Erheblich  geringer  ist  die  Umlaufsziffer  der  5  %  Obligationen,
deren  Besitzer  seit  ihrer  Entstehung  das  Recht  der  Konversion  in  spätere
Anleihen  zuerteilt  haben  und  die  von  den  1037  Milk  Frcs.  wohl  nicht
viel  zurückhalten  dürften.  Schließlich  ist  der  kleine  Rest  der  bekannten
3J2  %  amortisablen  Rente  des  Jahres  1914  ebenfalls  zur  Zahlung  zugelassen. ­
  Es  ist  mit  Sicherheit  anzunehmen,  daß  er  von  der  5  %  neuen
Anleihe  aufgesogen  und  von  der  Bildfläche  vollkommen  verschwinden
wird.  Durch  die  Nichtkotierung  an  der  Börse  ist  ihr  ja  der  Boden  zur
Existenz  an  und  für  sich  bereits  entzogen  worden.

x )  L’Economiste  Franjais,  30.  September  1916,  S.  448.
        <pb n="217" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

201

Für  diese  Anleihe  ist  der  Zeitpunkt  ihrer  Emission  glücklicher,
als  er  Ende  1915  für  die  erste  war.  Denn  die  militärischen  Erfolge  an
der  Somme  und  Ancre  werden  für  Propagandazwecke  mit  der  ihnen
eigenen  Form  kräftig  ausgenützt  werden.  Welchen  Erfolg  aber  die  Anleihe ­
  schließlich  erzielen  wird,  ist  unberechenbar.  Die  Pflicht  zur  Zeichnung ­
  wird  in  geschickter  Weise  mit  dem  hohen  Nutzen  verbunden,  so
daß  ein  günstiges  Ergebnis  nicht  unerwartet  sein  kann.  Im  wesentlichen ­
  versprechen  sich  viele  Kreise  eine  lebhaftere  Beteiligung  aller  durch
den  Krieg  hochgekommenen  Elemente,  jener  „les  nouveaux  riches",  die
ihre  Riesengewinne  aus  Kriegslieferungen  und  ähnlichen  ergiebigen
Geschäften  im  reichlichen  Umfange  in  der  5  %  Rente  anzulegen  haben.
Oftmals  und  eindringlichst  wird  auch  auf  die  Neutralen  hingewiesen
und  von  ihnen  eine  große  Beteiligung  erwartet.  Sie  genießen  doch  neben
den  Vorteilen,  die  der  Anleihe  anhaften,  außerdem  ein  Plus  in  der  Valutadifferenz. ­
  Wie  weit  auch  diese  Hoffnungen  sich  in  die  Wirklichkeit
umsetzen  werden,  muß  die  Zukunft  bald  lehren.
Ara  9.  November  verkündete  der  Finanzminister  in  der  Deputiertenkammer
  das  Ergebnis  der  Zeichnungen  auf  die  zweite  Kriegsanleihe: ­
  11360  Mül.  Frcs.  Über  die  näheren  Einzelheiten,  insbesondere ­
  von  der  Beteiligung  der  Barzeichnungen  und  Konversionen,  kann
wegen  des  bis  jetzt  noch  nicht  vorliegenden  ausführlichen,  authentischen ­
  Materials  der  obigen  Angabe  keine  Betrachtung  gewidmet
werden,  wie  es  auch  erst  in  späteren  Tagen  möglich  sein  wird,  die  zweite
Kriegsanleihe  in  das  Gesamtbild  der  Kriegsfinanzienmg  hineinzuweben.
Noch  sind  alle-Kräfte  auf  ein  Ziel  eingestellt:  Krieg  bis  zum  endgültigen ­
  Siege.  Um  einen  solchen  Kampf  gegen  einen  Gegner  zu  führen,
der  mit  eiserner  Konsequenz  das  gleiche  Ziel  unbeirrt  verfolgt,  ist  die
Aufrechterhaltung  und  Förderung  der  innenwirtschaftlichen  Arbeit
von  höchster  Bedeutung.  Nur  eine  starke,  gut  geregelte  Wirtschaft
bildet  die  Vorbedingungen  für  den  sicheren  Fortgang  des  militärischen
Kampfes.  Durch  kein  Hindernis  darf  die  Kriegführung  in  ihrer  vollsten
Intensität  behindert,  durch  keine  unzureichenden  Zuflüsse  von  Materialien, ­
  Lebensmitteln  und  Kriegsgütern  unmöglich  gemacht  werden.
Dieser  Gesichtspunkt  ist  bei  dem  Bestreben,  die  kriegswirtschaftliche
Arbeit  von  Bank-  und  Finanzkreisen  in  ihrer  Gesamtheit  zu  verstehen
und  zu  beurteilen,  wohl  zu  beachten.  Er  trat  in  den  ersten  Monaten
des  Krieges  nicht  klar  genug  hervor,  obwohl  er  gut  erkannt  war,  da  die
äußeren  Ereignisse  mit  zu  wuchtiger  Gewalt  auf  das  Land  und  die  Wirtschaft ­
  einstürmten.  Durch  die  zahlreichen  gesetzlichen  Schutz-  und
Sicherungsmaßnahmen  für  die  vom  Kriege  betroffenen  und  erschütterten
einzelnen  Schuldner  und  Gläubiger  wurden  auf  der  anderen  Seite  in
der  Gesamtwirtschaft  Störungen  hervorgerufen,  die  für  die  nationale  Arbeit ­
  von  schädlichster  Wirkung  sein  mußten.  Die  Moratorien  brachten
den  inneren  Verkehr  fast  zum  Stillstand,  die  Börse  und  Kreditinstitute
zeigten  in  diesem  Chaos  nicht  die  ruhige  Überlegung  und  Widerstands ­
        <pb n="218" />
        202

Erwin  Respondek,

kraft,  die  gegen  die  erste  Kopflosigkeit  der  großen  Menge  notwendig  waren.
Sie  selbst  waren  geschwächt  und  mußten  Schutz  durch  einschneidende
gesetzliche  Maßnahmen  suchen.  Nun  aber,  wo  diese  Lage  einmal  durch
erst  später  klar  und  endgültig  bestimmbare  Ursachen  geschaffen  war,  galt
es  der  Erkenntnis  und  dem  Ruf;  Produktion  und  Konsumtion  wie  früher,
einen  Untergrund  für  die  Verwirklichung  zu  geben.  Dieser  lag  in  einer
weiten  Kreditzuführung  durch  die  Banken  an  die  Regsamen  und  eine  stete
Zuweisung  von  Arbeit  seitens  der  Konsumenten.  Für  das  letzte  Bedürfnis
sorgte  der  Staat  als  größter  Konsument  und  für  das  erstere  in  überwiegendem
Maße  die  Bank  von  Frankreich.  Der  Verkehr  und  die  Wirtschaftenden
selbst  suchen  die  Wirksamkeit  der  von  diesen  beiden  Quellen  zufließenden
Mittel  durch  eigene  Anstrengungen  zu  erhöhen.  In  verständnisvoller
Erkenntnis  der  großen  Bedeutung  einer  freien,  von  keinem  Gesetz
eingeschränkten,  wirtschaftlichen  und  gewerblichen  Tätigkeit  arbeiten
sie  willig  nach  bestem  Können  an  der  Befreiung  von  jenen  Fesseln  mit.
Dies  zeigt  recht  deutlich  die  ununterbrochene  Abnahme  der  Moratoriumswechsel ­
  in  den  Ausweisen  der  Notenbank.  Freilich  kann  die  gesamte ­
  wirtschaftliche  Tätigkeit  im  besonderen  mit  Hilfe  der  Notenbank ­
  nicht  in  dem  Maße  zur  Entfaltung  gebracht  werden,  wie  es  für
innen  wirtschaftliche-  und  Kriegsbedürfnisse  erforderlich  ist.  Immer
wieder  greift  der  Staat  auf  die  Notenbank  direkt  zurück,  um  seine
Kriegskosten  teilweise  mit  Banknoten  zu  zahlen.  Ausschließlich  Anleihe-Titel ­
  kann  er  nicht  als  Ausgleich  für  die  gewaltigen  Lieferungen
an  Kriegsgütern,  Leistungen  an  Arbeit  und  sonstigen  Werten  hingeben.
Er  ist  immer  auf  die  Notenbank  angewiesen.  Und  diese  hohe  Inanspruchnahme ­
  der  Zentralnotenbank  zur  Kriegführung  bindet  ganz  erheblich ­
  die  Bewegungsfreiheit  und  Leistungsfähigkeit  der  Bank  von
Frankreich  für  die  heimische  Wirtschaftsführung.
Milliarden  sind  noch  nötig  zur  weiteren  Finanzierung  des  Krieges.
Sie  werden,  wenn  die  anderen  kleineren  und  weniger  zuverlässigen  Quellen
nicht  hinreichen  sollten,  von  der  Notenbank  geliefert  werden  müssen.
Denn  aus  dem  Auslande  fließen  nur  spärliche  Kapitalien.  Das  Volk
kann  sich  nur  langsam  entschließen,  auch  an  seinem  Gut  Opfer  zu  bringen.
Milliarden  sind  noch  nötig  zum  Wiederaufbau  alles  dessen,  was
der  Krieg  vernichtet  hat,  was  zur  Heilung  der  tiefen  Wunden  in  der
Wirtschaft  notwendig  ist,  was  einen  möglichen  Ersatz  für  die  vielen
unschätzbaren  Verluste  der  kostbarsten  aller  Reichtümer,  der  menschlichen ­
  Arbeitskräfte,  dienen  könnte.  Die  Lasten  der  Kriegsentschädigungen ­
  an  Departements  und  Gemeinden,  Eisenbahnen  und  Schiffahrt,
die  Wiederherstellung  des  durch  den  Krieg  zerstörten  Wirtschaftslebens,
der  Industrie,  des  Handels,  die  gleichfalls  hohe  Summen  erfordern,
sind  ins  Unermeßliche  gewachsen.  Selbst  wenn  das  Nationalvermögen
der  französischen  Republik  auf  etwa  250—280  Milliarden  Frcs.  veranschlagt ­
  werden  kann,  das  so  noch  große  Renten-Anleihen  und  hohe
Steuern  zu  tragen  vermag  und  auch  die  Geschichte  lehrt,  daß  der  natürliche ­
  Reichtum  an  Bodenfrüchten  und  -schätzen  des  Landes  seine  Wunden
        <pb n="219" />
        Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

203

schnell  verheilt,  so  muß  dennoch  der  Zeitpunkt  kommen,  an  dem  sich
die  führenden  Männer  klar  sind,  daß  dem  Kriege  eine  Grenze  zu  ziehen
ist,  um  tiefgreifende  und  dann  vielleicht  unheilbare  Schäden  für  Staat
und  Wirtschaft,  Land  und  Volk  zu  vermeiden.
Vor  dem  Kriege  war  Frankreich  überall  Kreditor  und  nirgendwo
Debitor.  Es  besaß  als  Land  des  Kapitalreichtums  eine  privilegierte
Stellung  in  der  Welt.  Jetzt  ist  dies  dahin,  und  sollte  Frankreich  im  künftigen ­
  Frieden  das  Streben  besitzen,  diese  Stellung  wieder  zu  gewinnen,
so  bedarf  es  eines  gewaltigen  Aufwandes  von  fester,  ernster  Arbeit,  guten
Organisationssinnes  und  einer  gesunden  Ökonomie  mit  Kapital-  und
Menschenkräften.
        <pb n="220" />
        Fürstlich  priv.  Hofbnchdruckerei  (F.  Mitzlaff),
Rudolstadt.
        <pb n="221" />
        Aktiva

Wochen-Ausweise  der  Bank  von  Frankreich.
Aktien-Kapital  .  .  18z  500  000  Reserven  22  106  000

Passiva

Ausweistag

1914

Juli

Oktober
Dezember
1915
Januar
Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

1916
Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

24-31-


15-10.

24.
28.
4-11.

15.
25-4-


23-1.

8.
15-22.

29.
6.
14-20.

27.
3-10.

17-24-


8.
15-22.

29.
5-12.

19.
26.
2.
9-15-





21.
28.
4-11.

18.
25.
2.
9-16.

23-3°.

6.
13-20.

27-17.


24-9-



23-31-


13-20.

28.
4-11.

25-15-



29.
6.
13-20.

27-3-


17-24.

31-7-



28.
5-12.

19.

4104,00
4141,00
4092,00
4450,00
4142,00
4158,00

4234,00
4234,00
4234,00
4238,00
4239,00
4240,00
4242,00
4244,00
4249,00
4251,00
4253,00
4192,00
4169,00
4127,00
3916,00
3907,00
3913,00
3916,00
3920,00
3921,00
3927,00
3932,00
3945.00
3987,00
4051,00
4129,00
4222,00
4322,00
4392,00
4266,00
4326,00
4377,oo
4438,00
4500,00
4550,oo
4601,00
4647,00
4693,00
4730,00
4755,oo
4782,00
4807,00
4835,00
4878,00
4946,00
5026,00
5071,00
5015,00
4989,00
4918,00
5006,00
5012,00
5019,00
5025,00
5031,00
5036,00
5015,00
5019,00
5023,00
5011,00
5006,00
4986,00
4893,00
4899,00
4804,00
4811,00
47i5,oo
4732,oo
4739,oo
4745,oo
4750,00
4757,oo
4763,00
4770,00
4776,00
4780,00
4787,00
4793,oo
4789,00
4802,00
4808,00
4813,00
4817,00
4822,00
4827,00
4833,00
4840,00
4856,00
4886,00

d

Silber

Guthaben  im  A

0

640,00

0

0

+

37,00

625,00

—

15,00

0

—

49,00

319,00

—  306,00

0

+  358,00

329,00

+

10,00

0

308,00

351,00

+

22,00

0

16,00

356,00

+

5,oo

0

+

76,00

366,00

+

10,00

187,00

0

367,00

+

1,00

200,00

+

0

374,0°

+

7,00

209,00

+

+

4,00

376,00

+

2,00

216,00

+

+

1,00

377,00

+

1,00

213,00

—

+

1,00

377,0°

0

298,00

+

+

2,00

377,00

0

424,00

+

+

2,00

378,00

+

1,00

548,00

1

+

5,00

377,00

—

1,00

583.00

+

+

2,00

378,00

+

1,00

624,00

+

+

2,00

377.00

—

1,00

611,00

—

—

61,00

376,00

—

1,00

620,00

+

—

23,00

377,oo

+

1,00

623,00

+

—

42,00

377,oo

0

635,00

+

—

211,00

375,00

—

2,00

833,00

—

9,00

377,0°

+

2,00

839,00

+

+

6,00

375.00

—

2,00

823,00

—

+

3,00

375,00

0

806,00

—

~h

4,oo

375,oo

0

789,00

—

+

1,00

373,0°

—

2,00

780,00

—

4-6,00



373,00

0

772,00

—

+

5,oo

372,00

—

1,00

745,00

—

4"

13,00

369,00

—

3,0°

783,00

+

+

42,00

368,00

—

1,00

849,00

+

+

64,00

367,00

—

1,00

912,00

+

+

78,00

368,00

—

1,00

893,00

—

+

93,oo

368,00

0

872,00

—

+

100,00

368,00

0

857,00

—

+

70,00

368,00

0

834,00

—

—

126,00

367,00

—

1,00

1009,00

+

+

60,00

367,00

0

981,00

—

+

51,00

364,00

•  —

3,oo

982,00

+

4*

51,00

365,00

+

1,00

974,00

—

+

62,00

366,00

1,00

973,00

—

+

50,00

364,00

—

1,00

982,00

+

+

51,00

364,00

0

987,00

4-46,00



363,00

—

1,00

1017,00

+

-tv

46,00

363.00

0

1030,00

+

+

37,00

363,00

0

1015,00

—

+

25,00

362,00

—

1,00

1014,00

—

4"

27,00

362,00

0

1006,00

—

+

25,00

362,00

0

996,00

—

1
~r

28,00

362,00

0

995.00

—

+

43,00

358,00

—

4,00

981,00

—

+

68,00

357,00

—

1,00

978,00

—

4*

80,00

358,00

+

1,00

974,00

—

+

45,00

352,00

—

6,00

990,00

+

56,00

352,00

0

1057,00

+

—

26,00

352,00

0

1094,00

+

—

71,00

352,00

0

1063,00

—

+

88,00

353,oo

+

1,00

1031,00

—

+

6,00

354,oo

+

1,00

1003,00

—

+

7,oo

353,00

—

1,00

964,00

~h

6,00

354,00

+

1,00

912,00

—

+

6,00

359,00

+

5,oo

890,00

+

5,oo

360,00

+

1,00

855,00

—

—

21,00

361,00

+

1,00

841,00

+

4,00

361,00

0

818,00

+

4,00

362,00

+

1,00

782,00

—

12,00

363,00

+

1,00

769,00

—

5,oo

361,00

—

2,00

747,00

—

—

20,00

363,00

+

2,00

742,00

—

93,oo

359,00

—

4,oo

781,00

+

+

6,00

359,00

0

736,00

—

95,00

359,00

0

769,00

+

+

7,oo

356,00

+

3,oo

698,00

—

96,00

354,00

—

2,00

781,00

+

~h

17,00

352,oo

—

2,00

759,00

+

7,oo

352,oo

0

701,00

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6,00

35o,oo

—

2,00

688,00

5,oo

349,00

—

1,00

620,00

+

7,00

346,00

—

3,oo

627,00

+

6,00

347,00

+

2,00

709,00

+

+

7,oo

343,00

—

4,oo

646,00

+

6,00

342,oo

—

1,00

589,00

+

4,00

342,00

0

602,00

4-4"



7,00

340,oo

—

2,00

591,00

+

6,00

339, 00

—

1,00

508,00

—

4,oo

338,00

—

1,00

618,00

4-+



13,00

338,00

0

584,00

+

6,oo

339,°o

+

1,00

667,00

4-+



5,oo

339,oo

0

691,00

4-+



4,oo

338,00

0

703,00

+

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5,oo

338,00

0

703,00

+

5,oo

338,00

0

653,00

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6,00

337,oo

—

1,00

723,00

+

+

7,oo

335,oo

—

2,00

830,00

4-+



16,00

332,00

—

3,00

889,00

4-+



20,00

329,00

■—

3,oo

778,00

13,00
g,oo
7,oo
3,0°
85,00
126,00
124,00
35,oo
41,00
13,00
9,oo
3,oo
12,00
2,00
6,00
16,00
17,00
17,00
9,00
8,00
27,00
38,00
66,00
63,00
19,00
21,00
15,00
23,00
i75,oo
28,00
1,00
8,00
1,00
9,00
5,oo
30,00
13,00
15,00
1,00

14,00
3,0°
4,00
16,00
67,00
37,oo
3 1 , 00
32,00
28,00
39,oo
52,00
22,00
35,oo
14,00
23,00
36,00
13,00
22,00
5,oo
39,oo
45,oo
33,oo
7i,oo
83,00
22,00
58,00
13,00
68,00
7,oo
82,00

Wechselbestand

Vorschüsse

Datum  des
Ausweises

Notenumlauf  !

Guthaben
des  Staatsschatzes ­


Laufende
Rechnung

Golddeckung

Vorschußpflicht  und
Notenkontingent

unverfallene

vom  Moratorium
betroffene

Private

Staat

Verbündete

der
emittierten
Noten

der  Noten

Depositen

u.  privaten
Depositen

Banknotenreserve ­


Staat-Vorschußreserve ­


1914

1541,00

0

O

0

?

0

739,00

0

0

0

Juli

24.

5  911,00

0

401,00

943,00

69,40

59.90

0

0

2444,00

+

903,00

O

0

744,00

0

205,00

—

534,00

0

0

31-6

  683,00

+

772,00

383,00

948,00

62,00

54,20

0

0

?

0

4476,00

0

0

0

2100,00

1895,00

0

0

Oktober

I.

9  299,00

-f-  2616,00

296,00

2177,00

44,00

35,30

2701,00

3900,00

?

0

4359, 00

—  117,00

841,00

+

97,00

2400,00

+

300,00

0

0

15-44,10



213,00

2231.00

3638,00

—  721,00

781,00

—

60,00

3600,00

+

1200,00

0

0

Dezember

10.

9  986,00

177,00

2672,00

41,50

32,70

2014,00

2400,00

258,00

+

45.00

3478,00

—160,00

745,00

—

36.00

3900,00

T“

300,00

0

0

24.

10  043,00

+

57,00

450,00

2651,00

41,40

32,70

1957,00

2100,00

1915

244,00

—

14,00

3182,00

—296,00

725,00

—

20,00

4100,00

+

200,00

0

0

Januar

28.

10  474,00

+

431,00

71,00

2328,00

40,40

33,00

1526,00

1900,00

245,00

+

1,00

3139,00

—  43,00

861,00

+

136,00

4100,00

0

0

0

Februar

4-10

  646,00

"h

172,00

63,00

1576,00

39,80

34,70

1354,00

1900,00

213,00

—

32,00

3117,00

—  22,00

852,00

—

9,00

4100,00

0

0

0

II.

xo  750,00

+

104,00

161,00

1545,00

39,40

34,40

1250,00

1900,00

229,00

+

16,00

3080,00

—  37.00

830,00

—

22,00

4200,00

+

100,00

0

0

18.

10  832,00

4-82,00



49,00

1647,00

39,10

33,90

1168,00

1800,00

233,00

+

4,0°

3053,0°

—  27,00

809,00

—

21,00

4400,00

+

200,00

0

0

25-10

  962,00

+

130,00

70,00

1652,00

38,70

33,60

1038,00

1600,00

312,00

+

79,00

3016,00

—  37.00

738,00

—

71,00

4500,00

+

100,00

0

0

März

4.

II  073,00

+

105,00

72,00

2363,00

38,30

31,50

927,00

1500,00

269,00

—

43,00

2968,00

—  48,00

7i5,oo

—

23,00

4600,00

+

100,00

71,00

0

II.

II  093,00

+

20,00

155,00

2390,00

38,20

31,40

907,00

1400,00

229,00

—

40,00

2879,00

—  89,00

684,00

—

31,00

4600,00

0

8t,00

+

10,00

25.

II  109,00

+

16,00

118,00

2451,00

38,00

31,20

891,00

1400,00

229,00

0

2809,00

—  70,00

68r,oo

—

3,00

4800,00

-j-200,00



81,00

0

April

I.

11  273,00  ;

+

164,00

74.00

1685,00

37,70

32,80

727,00

1200,00

231,00

+

2,00

2772,00

—  37,00

672,00

—

9,oo

4800,00

0

91,00

+

10,00

8.

II  423,00

+

150,00

64,00

1717,00

37.70

32,30

577.00

1200,00

226,00

—

5,oo

2681,00

—  91,00

672,00

0

5000,00

+

200,00

100,00

+

9,0°

15.

II  501,00

4~

78,00

102,00

1629,00

36,80

32,30

499,00

1000,00

222,00

—

4,°°

2659,00

—  22,00

659,00

—

13,00

5100,00

+

100,00

140,00

+

40,00

22.

II  540,00

+

39, 00

54,00

1654,00

36,30

31,70

460,00

900,00

236,00

+

14,00

2553,oo

—  106,00

650,00

—

9,00

5200,00

+

100,00

140,00

0

29.

II  584,00

+

44,00

43,00

1644,00

36,00

31.50

416,00

800,00

220,00

—

16,00

2524,00

—  29,00

650,00

0

5400,00

_L

200,00

150,00

+

10,00

Mai

6.

II  715,00

131,00

73,00

2290,00

35.20

29,40

285,00

3600,00

221,00

4*

1,00

2495,00

—  29,00

646,00

—

4,00

5500,00

+

100,00

165,00

+

15,00

14.

II  738,00

+

23,00

80,00

2332,00

33,40

27,50

3262,00

3500,00

236,00

+

15,00

2466,00

—  29,00

639,00

—

7,oo

5500,00

0

175,00

+

10,00

20.

II  833,00

+

95,00

62,00

2290,00

33&amp;gt;°°

26,40

3167,00

3500,00

244,00

1
~r

8,00

2423,00

—  43,00

635,00

—

4,00

5500,00

0

185,00

+

10,00

27.

II  827,00

—

6,00

75,00

2201,00

33,10

27,80

3173,00

3500,00

262,00

+

18,00

2375,00

—  48,00

613,00

—

22,00

5600,00

"f*

100,00

205,00

~r

20,00

Juni

3-II

  926,00

~r

99,00

74,00

2112,00

32,80

27,80

3074,00

3400,00

258,00

4,o°

2338,00

—  37,00

620,00

+

7,oo

5700,00

+

100,00

205,00

0

10.

12  016,00

+

90,00

44,00

2125,00

32,60

27,10

2984,00

3300,00

257,00

—

1,00

2304,00

—  34,00

621,00

+

1,00

5900,00

200,00

215,00

+

10,00

17.

12  044,00

+

28,00

132,00

2216,00

32,60

27,40

2956,00

3100,00

259, 00

+

2,00

2273,00

—  3 1 , 00

620,00

0

6000,00

100,00

230,00

+

15,00

24.

12  105,00

+

61,00

54,00

2275,00

32,40

27,30

2895,00

3000,00

271,00

+

12,00

2243,00

30,00

620,00

0

6400,00

+

400,00

230,00

0

Juli

I.

12  216,00

J-111,00



82,00

2365,00

32,20

26,90

2784,00

2600,00

261,00

—

10,00

2209,00

—  34,00

610,00

—

10,00

6400,00

0

260,00

+

30,00

8.

12  238,00

+

22,00

67,00

2384,00

32,00

27,10

2762,00

2600,00

268,00

+

7,0°

2191,00

—  18,00

610,00

0

6500,00

J-100,00



270,00

+

10,00

15-12

  448,00

+

210,00

97,00

2390,00

32,00

26,90

2502,00

2500,00

263,00

5,00

2163,00

—  28,00

601,00

—

9,oo

6500,00

0

290,00

+

20,00

22.

12  513,00

~h

65,00

193,00

2376,00

32,40

27,20

2487,00

2500,00

290,00

+

27,00

2140,00

—  23,00

591,00

—

10,00

6500,00

0

310,00

T*

20,00

29.

12  593,00

~r

90,00

221,00

2380,00

32,80

28,20

2407,00

2500,00

305,00

+

15,00

2115,00

25,00

589,00

—

2,00

6500,00

0

310,00

0

August

5-12

  725,00

+

132,00

219,00

2278,00

33)20

28,10

2275,00

2500,00

270,00

35,00

2095,00

20,00

588,00

—

1,00

6500,00

0

330,00

+

20,00

12.

12  826,00

+

101,00

90,00

2366,00

33,70

28,40

2174,00

2500,00

278,00

+

8,00

2075,00

20,00

593,0°

+

5,00

6500,00

0

440,00

+

110,00

19.

12  899,00

+

73,0°

111,00

2463,00

34,10

28,50

2101,00

2500,00

275,00

3,00

2060,00

—-  !5,oo

581,00

—

12,00

6500,00

0

460,00

20,00

26.

12  950,00

+

51,00

69,00

2474,00

32,90

27,60

2050,00

2500,00

284,00

+

9,oo

2045,00

15,00

582,00

+

1,00

6600,00

+

100,00

480,00

+

20,00

September  2.

13  060,00

_L

110,00

31,00

2499,00

33,10

27,80

1940,00

2400,00

264,00

20,00

2023,00

22,00

584,00

+

2,00

6700,00

+

100,00

480,00

0

9-13

  223,00

1

163,00

57,00

2479,00

33,10

27,90

1777,00

2300,00

246,00

—

18,00

2010,00

—  13,00

582,00

—

2,00

6700,00

0

520,00

-J-40,00



15-13

  267,00

1
T~

44,0°

76,00

2541,00

33,50

28,00

1733,00

2300,00

250,00

+

4,00

1995,00

—  15,00

582,00

O

6800,00

100,00

520,00

0

23-13

  310,00

4-43,00



118,00

2518,00

33,80

27,90

1690,00

2200,00

280,00

+

30,0°

1982,00

13,00

580,00

—

2,00

6900,00

+

100,00

530,00

+

10,00

3°-13

  458,00

+

148,00

64,00

2606,00

33,80

28,20

1542,00

2100,00

267,00

13,00

1956,00

26,00

585,00

+

5,00

7100,00

+

200,00

530,00

0

Oktober

7-13

  664,00

~'r

206,00

69,00

2627,00

33,70

28,10

1336,00

1900,00

274,00

+

7,oo

1945,00

—  11,00

577,oo

—

8,00

7100,00

0

530,00

0

14.

13  752,00

+

88,00

59,00

2612,00

33,80

28,40

1248,00

1900,00

268,00

6,00

1031.00

—  14,00

571,00

—

6,00

7100,00

0

530,00

0

21.

13  832,00

4_

80,00

83,00

2574,00

33,90

28,50

1168,00

1900,00

280,00

—

12,00

1916,00

—  15,00

564,00

—

7,00

7100,00

0

540,00

+

10,00

28.

13  868,00

+

36,00

38,00

2546,00

34,10

28,80

1132,00

1900,00

325,00

+

45,00

1906,00

10,00

561,00

—

3,00

7400,00

+

300,00

550,00

1
T

10,00

November  4.

14  079,00

+

211,00

52,00

2520,00

33,80

28,60

921,00

1600,00

273,00

52,00

1897,00

—  9,00

565,00

+

4,0°

7400,00

0

550,00

0

II.

14  188,00

1
T

109,00

59,00

2525,00

33,70

28,60

812,00

1600,00

282,00

+

9,00

1882,00

—  15,00

564,00

—

1,00

7500,00

100,00

560,00

+

10,00

18.

14  211,00

+

23,00

56,00

2617,00

38,80

28,50

789,00

1500,00

295,00
324,00

L

567,00

+

3,oo

7600,00

+

+

15,00

14  278,00

4-67,00



2671,00

33,9°

28,50

722,00

1400,00

+

29,00

1859,00

—  9,00

578,00

11,00

7600,00

0

595,00

+

20,00

Dczembei

2,

14  291,00

+

13,00

101,00

2690,00

34,10

28,70

709,00

1400,00

317,00

7,oo

1852,00

—  7,00

626,00

+

48,00

7600,00

0

595,00

0

9-14

  070,00

—

221,00

!  156,00

2940,00

34.10

29,00

930,00

1400,00

367,00

50,00

1846,00

—  6,00

1146,00

+

520,00

7600,00

0

615,00

+

20,00

16.

13  450,00

—

620,00

2237,00

2214,00

37,40

32,00

1550,00

1400,00

385,00

+

18,00

1839,00

—  7,00

1157,00

+

11,00

5200,00

—

2400,00

630,00

+

15,00

23-13

  201,00

—

249,00

363,00

2033,00

38,40

33,20

1799,00

3800,00

429,00

+

44,00

1834,00

—  5,00

1148,00

—

9.00

5200,00

0

630,00

0

1916

30.

13  309,00

_l_
1

108,00

174,00

2114,00  •

37,70

32,50

1691,00

3800,00

451,00

+

22,00

1826,00

—  8,00

1143,00

—

5,00

5300,00

+

100,00

670,00

+

40,00

Januar

6.

13  519,00

+

210,00

64,00

2117,00

36,90

31,20

1481,00

3700,00

394,00

57,00

1819,00

—  7,00

1138,00

—

5,oo

5500,00

+

200,00

680,00

+

10,00

13-13

  635,00

4-116,00



121,00

2055,00

36.50

31,20

1365,00

3500,00

401,00

+

7,oo

1804,00

—  15,00

1124,00

—

14,00

5500,00

0

710,00

+

30,00

20.

13  756,00

+

121,00

26,00

2049,00

36,40

31,60

1244,00

3500,00

406,00

+

5,oo

1788,00

—  16,00

1195,00

i
~r

71,00

5600,00

+

100,00

720,00

+

10,00

27-13

  858,00

+

102,00

100,00

2046,00

36,10

31,40

1142,00

3400,00

469,00

+

63,00

1778,00

—  10,00

1270,00

+

75,00

5600,00

0

750,00

+

30,00

Februar

3-14

  034,00

+

176,00

115,00

1910,00

35,80

31,40

966,00

3400,00

439,00

—

30,00

1765,00

—  13,00

1263,00

—

7,oo

5700,00

+

100,00

785,00

+

35,00

10.

14  145,00

+

111,00

84,00

1933, 00

35,50

29,40

855,00

3300,00

443,00

+

4,oo

1745,00

—  20,00

1254,00

—

9,oo

5800,00

+

100,00

785,00

0

17.

14  203,00

+

58,00

81,00

1929,00

35,40

31,10

797,00

3200,00

43 1 , 00

—

12,00

1725,00

—  20,00

1248,00

—

6,00

5900,00

+

100,00

805,00

+

20,00

24.

14  295,00

+

92,00

36,00

1942,00

35,20

30,90

705,00

3100,00

423,00

—

8,00

1718,00

—  7,oo

1248,00

0

6100,00

+

200,00

855,00

+

50,00

März

2.

14  460,00

+

165,00

59,00

1959, 00

34,70

30,50

540,00

2900,00

382,00

—

41,00

1712,00

—  6,00

124/},  00

—

4,oo

6300,00

+

200,00

855,00

0

9-14

  650,00

+

190,00

46,00

1946,00

34,70

30,20

350,00

2700,00

366,00

—

16,00

1703,00

—  9,00

1244,00

0

6500,00

+

200,00

865,00

+

10,00

16.

14  720,00

+

70,00

33,00

1959,00

34,10

30,10

280,00

2500,00

366,00

0

1689,00

—  14,00

1244,00

0

6700,00

+

200,00

865,00

0

23-14

  847,00

+

127,00

26,00

2006,00

33,90

29,70

153,00

2300,00

395,00

+

29,00

1673,00

—  16,00

1240,00

—

4,°o

6900,00

200,00

890,00

+

25,00

31-14

  952,00

+

105,00

79,00

2043,00

33,50

29,40

48,00

2100,00

366,00

—

29,00

1646,00

—  27,00

1234,00

—

6,00

7100,00

+

200,00

920,00

+

30,00

April

6.

15155,00

+

203,00

46,00

1994,00

32,90

29,00

2845,00

1900,00

381,00

—

15,00

l6l7,00

—  29,00

1227,00

—

7,oo

7100,00

0

945,00

+

25,00

13-15

  184,00

+

29,00

37,00

1984,00

32,20

28,70

2816,00

1900,00

419,00

+

38,00

1599,00

—  18,00

1219,00

—

8,00

7300,00

+

200,00

945,00

0

20.

1.5  239,00

1

55,00

78,00

2037,00

32,10

28,60

2761,00

1700,00

403,00

—

16,00

1582,00

—  17,00

1214,00

—

5,oo

7400,00

+

100,00

955,00

+

10,00

28.

15  278,00

4-I


39, 00

43,00

2092,00

31,80

27.60

2722,00

1600,00

446,00

+

43,00

1567,00

—  15,00

1214,00

0

7600,00

+

200,00

955,00

0

Mai

4-15

  423,00

I
T*

145,00

33,00

2040,00

31,50

27,40

2577,00

1400,00

394,00

—

52,00

1553,00

—  14,00

1218,00

+

4,00

7600,00

0

975,00

+

20,00

II.

15  432,00

1
~r

10,00

48,00

1980,00

30,60

27,00

2567,00

1400,00

422,00

+

28,00

1532,00

—  21,00

1208,00

—■

10,00

7700,00

+

100,00

1025,00

+

50,00

25-15

  435.00

+

3,0°

106,00

2009,00

30,60

27,00

2564,00

1300,00

442,00

+

20,00

1514,00

—  18,00

1199,00

—

9,0°

7800,00

+

100,00

1035,00

+

10,00

Juni

2.

15  531,00

+

96,00

55,00

2106,00

30,50

26,90

2468,00

1200,00

399,00

—

43,oo

1495,00

—  19,00

1202,00

+

3,oo

7900,00

+

100,00

1085,00

+

50,00

8.

15  665,00

134,00

42,00

2095,00

30,30

26,80

2334,00

1100,00

392,00

—

7,oo

1489,00

—  6,00

1215,00

+

13,00

8000,00

+

100,00

1095,00

+

10,00

15.

15  747,00

+

82,00

54,00

2048,00

30,30

26,70

2252,00

1000,00

389,00

—

3,oo

1473,00

—  16,00

1224,00

+

9,00

8000,00

0

1105,00

+

10,00

22.

15  735,00

—

12,00

32,00

2054,00

30,30

26,70

2265,00

1000,00

448,00

+

59,00

1469,00

—  4,00

1202,00

—

22,00

8100,00

+

100,00

1140,00

+

35,00

29.

15  806,00

+

71,00

38,00

2273,00

30,10

26,10

2194,00

900,00

411,00

—

37,00

1458,00

—  11,00

1210,00

+

8,00

8300,00

+

200,00

1170,00

-L

30,00

Juli

6.

16  045,00

+

239,00

42,00

2123,00

29,70

26,00

1955,00

700,00

429,00

+

18,00

1451,00

—  7,oo

1198,00

—

12,00

8500,00

+

200,00

1180,00

4-10,00



13-16

  113,00

+

68,00

64,00

2224,00

27,80

25.90

1887,00

500,00

424,0°

—

5,oo

1447,00

—  4,00

1192,00

—

6,00

8500,00

0

1190,00

+

10,00

20.

16  094,00

—

19,00

62,00

2220,00

29,70

26,10

1906,00

500,00

440,00

+

16,00

1441,00

—  6,00

1179,00

—

13,00

8500,00

0

1210,00

+

20,00

27.

16  090,00

—

4,oo

75,00

2273,00

29,70

26,10

1910,00

500,00

467,00

+

27,00

1438,00

—  3,oo

1177,00

—

2,00

8500,00

0

1220,00

+

10,00

August

3.

16  197,00

+

107,00

78,00

2158,00

29,70

26,10

1803,00

500,00

428,00

—

39,oo

1431,00

—  7,00

1174,00

—

4,00

8600,00

+

100,00

1250,00

+

30,00

10.

16  330,00

+

133,00

138,00

2129,00

29,30

60,  zo

1670,00

400,00

440,00

+

12,00

1425,00

—  6,00

1170,00

—

4,00

8600,00

0

1275,00

+

25,00

17-16

  316,00

—

14,00

142,00

2130,00

29,40

26,00

1684,00

400,00

425,00

—

15,00

1419,00

—  6,00

Il68,00

—

2,00

8600,00

0

1310,00

35,00

24.

16  376,00

+

60,00

159,00

2240,00

29,40

25,70

1624,00

400,00

449,00

+

24,00

1407,00

—  12,00

1162,00

—

6,00

8600,00

0

1345,00

+

35,00

31-16

  425,00

+

49,00

80,00

2214,00

29,30

25,70

1575,00

400.00

389,00

—

60,00

1399,00

—  8,00

1161,00

—

1,00

8700,00

+

100,00

1355,00

+

10,00

September  7.

16  599,00

+

174,00

171,00

2122,00

29,00

25,70

1401,00

300,00

381,00

—

8,00

1394,00

—  5,oo

1159,00

—

2,00

8700,00

0

1440,00

4_

5,00

14.

16  603,00

4-4,00



207,00

2146,00

29,00

25,70

1397,00

300,00

371,00

—

10,00

1390,00

—  4,00

1162,00

+

3,oo

8700,00

0

1440,00

0

21.

16  653,00

+

50,00

123,00

2181,00

29,00

25,60

1347,00

300,00

411,00

+

40,00

1386,00

—  4,00

1164,00

+

2,00

8700,00

0

1460,00

+

20,00

28.

16  714,00

+

61,00

136,00

2248,00

29,00

25,50

1286,00

300,00

512,00

+

101,00

1383,00

—  3,00

1173,00

+

9,00

8800,00

+

100,00

1510,00

+

50,00

Oktober

5-17

  011,00

+

297,00

59,00

2252,00

28,40

25,10

989,00

200,00

435,00

—

77,00

1380,00

—  3, 00

1177,00

+

4,oo

8800,00

0

1530,00

+

20,00

12.

17  029,00

+

18,00

48,00

2346,00

28,50

25,00

971,00

200,00

452,00

+

17,00

1377,00

—  3,00

1176,00

—

1,00

8800,00

0

1540,00

+

10,00

19.

16  800,00

4-229,00



79,00

3542,00

29,10

1  25,20

1200,00

200,00
        <pb n="222" />
        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena

Die  deutschen  Überseebanken.

Von  Dr.  R.  llanser.  (Abhandlungen
des  staatswissenschaftlichen  Seminars  zu
Jena.  Hrsg,  von  Prof.  Dr.  Pierstorff.  Bd.  IV,  Heft  3.)  1906.  Preis:  3  Mark.
Inhalt:  Die  deutschen  Überseehanken.  —  Deutsche  überseeische  Bank.  —
Deutsch-asiatische  Bank.  —  Brasilianische  Bank  für  Deutschland.  —  Bank  für  Chile
und  Deutschland.  —  Deutsch-ostafrikanische  Bank.  —  Deutsch-westafrikanische
Bank.  —-  Literatur.

Die  amerikanische  Bankreform.

Von  Dr.  Richard  Hauser.
(IV,  99  S.  gr.  8°.)  1914.  Preis:  3  Mark.

Inhalt:  Einleitung.  —  Das  bisherige  Bankwesen  der  Vereinigten  Staaten.  —
Reformversuche.  —  Die  Reformgesetzgebung.  (Distriktseinteilung'.  Aktienkapital.
Gewinnverteilung.  Bundesreserverat.  Bundesbeirat.  Organisation  der  Bundesreservebanken. ­
  Geschäfte  derselben.  Notenwesen.  Depositenreserven.  Bankkontrollen. ­
  Hypothekengeschäfte  der  Nationalbanken.  Auswärtige  Filialen  der  Nationalbanken.) ­
  Wertung  der  Reform  und  ihre  Folgen.  Das  Glaß-Owensche  Bankgesetz ­
  vom  23.  Dez.  1913  (Übersetzung).

Theorie  und  Politik  der  Zentralnotenbanken  in  ihrer  Entwicklung.
Von  Dr.  Sven  Ilelandei’.  Hauptamtlicher  Dozent  der  Nationalökonomie
und  Leiter  der  Handelshochschulkurse  zu  Gothenburg.
Erste  Hälfte:  Theorie  der  Zentralisation  im  Noteubankveseu.  (IX,  148  S.
gr.  8°.)  1916.  Preis:  3  Mark  60  Pf.
Inhalt:  Einleitung.  —  Zur  Methodologie.  —  1.  Die  wirtschaftliche  Verursachung ­
  der  modernen  Zentralnotenbank.  —  Die  politische  Verursachung  der
modernen  Zentralnotenbank.  —  Zusammenfassung.  —  Die  Bedeutung  der  Zentralisation ­
  im  Notenbankwesen.

Finanzielle  Kriegsbereitschaft  und  Kriegführung.
Von  Dr.  .J.  Ricsser,  Geh.  Justizrat  und  ordentl.  Honorar-Professor  an  der
Universität  Berlin.  Zweite,  neuhearbeitete  und  erheblich  vermehrte  Auflage.
(XI,  213  S.  gr.  8°.)  1913.  Preis:  5  Mark,  geh.  6  Mark.
Berliner  Börson-Courier  1913,  Nr.  302  :
.  .  .  Eine  vollkommene,  durch  Kürze  und  Klarheit  gleich  ausgezeichnete  Darstellung
und  Stellungnahme  zu  allen  bankmäßigen  Problemen  der  Gegenwart  .  .  .  kristallklar  und
jedem  Gebildeten  leicht  verständlich.  .  .  .

Das  weltwirtschaftliche  Problem  der  modernen  Industriestaaten.
VonDr.  Carl  von  Tysseka.  (VHI,2I0S,jgr.8°.)  1916.  Preis;  6Mark60Pf.
Das  Buch  behandelt  die  großen  Fragen  der  Wirtschaftspolitik.  Es  zeigt,  in
welcher  Weise  die  beiden  größten  Industriestaaten  Europas,  Deutschland  und  England, ­
  die  Probleme  der  weltwirtschaftlichen  Verpflechtung  zu  lösen  suchten.  Wohl
zum  erstenmal  in  dieser  umfassenden  Weise  wird  dem  Einfluß  der  Stellung  des
Staates  zur  Weltwirtschaft  auf  das  wirtschaftliche  und  soziale  Leben  des  Volkes
nachgegangen.  Im  letzten  Abschnitt  kommen  'die  Fragen  nach  der  zukünftigen  Gestaltung ­
  der  Wirtschaftspolitik  Deutschlands  nach  dem  Kriege  zur  Behandlung;  das
Problem  „Mitteleuropa“  findet  eine  eingehende  Darstellung.  Zum  Schlüsse  wird
versucht,  den  Weg  zu  weisen,  der  Deutschland  nach  dem  Krieg  zur  Weltherrschaft
und  damit  zur  Weltmachtstellung  führt.

Die  Eisenbahnpolitik  Frankreichs  in  Nordafrika  bHckü^vdasProbloni
  der  Transsaharabahn.  Von  Dr.  jur.  Albert  Sdiandcr,  Assistent
am  Kgl.  Institut  für  Seeverkehr  und  Weltwirtschaft  in  Kiel.  Mit  vier  farbige»
Karten.  (Probleme  der  Weltwirtschaft.  Hrsg,  von  Prof.  Dr.  B.  Harms.  Kiel.
12.  Band)  1913.  Preis;  20  Mark.

Inhalt:  Erster  Teil.  Algerien.  I.  Die  Geschichte  der  Eisenbahnpolitik
Frankreichs  in  Algerien.  II.  Das  System  der  Eisenbahnpolitik  Frankreichs  in  Algerien.
Erster  Abschnitt.  Die  gesetzlichen  Grundlagen  des  algerischen  Eisenbahnwesens.
Zweiter  Abschnitt.  Der  Vertrag.  Anhang.  —  Zweiter  Teil.  Tunesien.  I.  Die
Geschichte  der  Eisenbahnpolitik  Frankreichs  in  Tunesien.  II.  Das  System  der
Eisenbahnpolitik  Frankreichs  in  Tunesien.  Erster  Abschnitt.  Die  gesetzlichen
Grundlagen  des  tunesischen  Eisenbahnwesens.  Zweiter  Abschnitt.  Der  Vertrag.
Anhang.  —  Dritter  Teil.  Überblick  über  das  Problem  der  Transsaharnbahn.  •—
Literatur.  —  Karte  von  Algerien  und  Tunesien.
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        SofbucbdruckeroJ  Rudolstadt.

Verlag  von  Gustav  Tischer  in  Jena

Kriegswirtschaftliche  Untersuchungen
aus  dem  Institut  für  Seeverkehr  und  Weltwirtschaft  an  der  Universität  Kiel.
Diese  Sammlung  erscheint  nur  während  dos  Krieges.  Sie  bringt  insonderheit  solche
Arbeiten,  die  die  Darstellung  des  internationalen  Wirtschaftslebens  unter  dem  Einfluß  des
Krieges  zum  Gegenstand  haben.  Außerdem  enthält  sie  Untersuchungen  über  das  wirtschaftliche, ­
  finanzielle  und  soziale  Leben  in  den  kriegführenden  und  neutralen  Ländern.  Auch  die
kriegswirtschaftlichen  Maßnahmen  der  Gegner  Deutschlands  und  die  Bestrebungen  zur  Verdrängung ­
  Deutschlands  vom  Weltmarkt  finden  Beachtung.  Die  Arbeiten  entstehen  entweder
unmittelbar  im  Institut  oder  sie  werden  auf  dessen  Anregung  unter  seiner  Mitwirkung  vonauswärtigen ­
  Mitarbeitern  durchgeführt.  Die  Sammlung  bringt  auch  Übersetzungen  wichtiger
kriegswirtschaftlicher  Untersuchungen  aus  dem  feindlichen  und  neutralen  Ausland.
Erstes  Heft;  Der  Einfluß  des  Krieges  auf  den  Londoner  Geldmarkt.
Von  Dr.  Theodor  Plaut,  Assistent  am  Institut  für  Seeverkehr  und  Weltwirtschaft ­
  in  Kiel.  (VI,  105  S.  gr.  8°.)  1915.  Preis;  2  Mark,
Zweites  Heft;  Die  Pan-Amerikanische  Finanzkonferenz  vom  24.-29.  Mai
1915.  Von  Dr.  Johannes  Pfltzner,  Privatdozent  an  der  Universität  Gießen,
z.Zt.  Kiel.  (41  S,  gr.  8°.)  1915.  Preis:  1  Mark.
Drittes  Heft:  Die  Entwickelung  der  Außenhandelsbeziehungen  der  Vereinigten ­
  Staaten  von  Amerika  während  des  ersten  Kriegsjahres  1914/15.
Von  Ludwig  W.  Schmidt.  (IV,  40  S.  gr.  8°.)  1915.  Preis:  1  Mark  80  Pf.
Viertes  Heft;  Oie  nordamerikanischen  Interessen  in  Südamerika  vor  dem
Krieg.  Von  Dr.  Hermann  A.  L.  Lufft,  New-York.  (V,  88S.  gr.  8«.)  1916.
Preis;  1  Mark  80  Pf.
Fünftes  Heft:  Französische  Bestrebungen  zur  Verdrängung  des  deutschen
Handels.  Von  Dr.  Ernst  Oberfohren,  wissenschaftlichem  Mitglied  des  Königlichen ­
  Instituts  für  Seeverkehr  und  Weltwirtschaft  an  der  Universität  Kiel.  (IV.
60  S  gr.  8».)  1916.  Preis:  I  Mark  60  Pf.
Sechstes  Heft;  Die  Wirkung  des  Krieges  auf  den  überseeischen  Handel
Englands.  Vorlesung,  gehalten  von  J,  Rogenbaum,  M.  So,  in  der  Royal  Statistical
Society  zu  London  am  18.  Mai  1915  (nebst  Diskussion),  übersetzt,  bearbeitet  und
fortgeführt  im  Institut  für  Seeverkehr  und  Weltwirtschaft  in  Kiel.  (VI,  86  S.
gr.  8».)  1916.  Preis;  1  Mark  80  Pf.
Siebentes  Heft:  Beiträge  zur  Lage  der  chemischen,  insbesondere  der
Farbstoffindustrie  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.  Zusammengestellt ­
  und  übersetzt  von  Dr.  Johannes  Pfltzner,  Privatdozent  an  der  Universität ­
  Gießen,  z.  Zt.  Kiel.  (VI,  80  S.  gr.  8°.)  1916.  Preis:  1  Mark  60  Pf.
Achtes  Heft:  Die  internationale  Schiffsraumnot.  Ihre  Ursachen  und  Wirkungen. ­
  Von  Dr.  oec.  publ.  Oskar  Wiugen,  Archivar  des  Königlichen  Instituts
für  Seeverkehr  und  Weltwirtschaft.  (IV,  45  S.  gr.  8°.)  1916.  Preis  :•  1  Mark  50  Pf.
Neuntes  Heft;  Deutsche  und  englische  Industrie  auf  dem  Weltmärkte.
Eine  handelsstatistische  Untersuchung  über  das  Jahr  1918.  Von  Rudolf  Rarnim,
Hamburg.  Mit  8  Abbildungen  im  Text.  (VI,  45S.  gr.  8°.)  1916.  Preis:  1  Mark  40  Pf.
Zehntes  Heft:  Bericht  über  die  dringende  Notwendigkeit,  in  den  deutschen
und  österreichisch-ungarischen  Absatzgebieten  Fuß  zu  fassen,  nebst
Angaben  einiger  Mittel,  unseren  Export  nach  dort  zu  erweitern.  Von  Arien  Artaud,
Präsident  der  Handelskammer  in  Marseille.  Übersetzt  itn  Institut  für  Seeverkehr
und  Weltwirtschaft  in  Kiel.  (IV,  27  S.  gr.  8°.)  1916.  Preis:  60  Pf.
Elftes  Heft:  Literatur  zur  Frage  der  deutsch-österreichisch-ungarischen
Wirtschaftsannäherung.  Von  Dr.  (Jarl  Landauer,  Assistent  am  Königlichen
Institut  für  Seeverkehr  und  Weltwirtschaft  in  Kiel.  (VI,  68S.  gr.  8°.)  1916.
Preis:  1  Mark  50  Pf
Zwölftes  Heft:  Die  niederländische  Uebersee-Trust-Gesellschaft  (Neederlandsche
  Overzee  Trust  Maatschappij).  Von  Prof.  Dr.  Ferdinand  Töunies,  Geh.
Regierungsrat.  (IV,  34  S.  gr.  8°),  1916.  Preis:  75  Pf.
Dreizehntes  Heft:  Die  Pariser  Wirtschaftskonferenz  vom  14.  bis  17.  Juni  1916
und  die  ihr  voraufgegangenen  gemeinsamen  Beratungen  der  Ententestaaten
über  den  Wirtschaftskrieg  gegen  die  Mittelmächte.  Von  Friedrich  Kahl,
wissenschaftlichem  Mitarbeiter  am  Königlichen  Institut  für  Seeverkehr  und  Weltwirtschaft ­
  an  der  Universität  Kiel.  (IV,  94S.  gr.  8°.)  1917.  Preis:  2Mark.
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Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

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in  der  Tabelle  ersichtliche  arge  Mißverhältnis  zwischen  Vormund ­
  Effektivertrag.  Dagegen  ließ  man  im  zweiten  Kriegs]  ahre
&amp;gt;en  der  Hoffnung  auf  gute  Resultate  auch  die  gesammelten
gen  aus  dem  Vorjahre  zur  Geltung  gelangen  und  schätzte  ein
rsichtiger.
Gesamteinnahmen  erreichten,  wie  der  Bericht  betont,  gegen
der  Friedenseinnahmen.  Er  verweist  hierbei  auf  die  Tatsache,
|  immerhin  umfangreicher  Teil  des  Landes,  der  mit  zu  den  ersten ­
  und  steuerkräftigsten  Bezirken  und  dichtesten  Bevölkernden ­
  zählt,  vom  Feinde  besetzt  sei.  So  sei  dieses  Ergebzufriedenstellend ­
  und  ein  Zeichen  für  die  ungebrochene
ionskraft  der  restlichen  Gebiete.  Wenngleich  im  zweiten
ie  Einnahmen  eine  Steigerung  gegenüber  dem  ersten  um
,oo  Mill.  Eres,  erfuhren,  so  kann  dennoch  nicht  auf  eine  wesenthmalige
  Erhöhung  gerechnet  werden.  Die  Steuerkraft  dürfte
Höchstgrenze  angelangt  sein.  Denn  so  wie  die  indirekten
Stempelsteuer,  Zölle  und  Monopole  den  oben  nachgewiesenen
lös  von  1805,00  Mill.  Eres,  erbrachten,  weisen  auch  die  Eingänge
direkten  Steuern,  die  mit  1221,00  Mill.  Frcs.  veranschlagt
id  nur  942,00  Mill.  Frcs.  eintrugen,  ein  Minus  von  279,00  Mill.
.  Unter  Zugrundelegung  der  budgetären  Einnahmen  im  zweiten
ire  kann  daher  der  Erlös  für  die  letzten  fünf  Monate  des  lauwahres
  mit  höchstens  1500,00  Mill.  Frcs.  angenommen  werden 1 ).
1  diesen  Angaben  über  die  budgetären  Einnahmen  geht  nun-'
  Bericht  dazu  über,  einen  Rückblick  auf  die  Lage  des  Schatzbst
  und  die  während  der  beiden  ersten  Kriegs]  ahre  veränderte
e  Schuld  zu  geben.  Er  hebt  zunächst  das  Dekuvert  der  zwei-Kriegsbilanz
  hervor.  Die  Differenz  zwischen  den  Einnahmen
_  jaben  ergibt  als  ungedeckte  Verbindlichkeiten  eine  Summe  von
Uiarden  Frcs.,  die  noch  erhöht  wird  durch  die  gesondert  auf-1
  Leistungen  an  die  Verbündeten  mit  1650,00  Mill.  Frcs.,  ume
  Vorschüsse  an  die  Handelskammern,  Gesellschaften  für  Veripflege,
  Zuwendungen  an  die  Eisenbahnen,  um  deren  Kapital-1
  decken.  Außerdem  wurden  größere  Beträge  dem  Departe-Nord
  und  für  die  Ernährung  der  Zivilbevölkerung  bereitge--d
  aufgebraucht.  Eine  Reihe  von  Departements,  Kommunen,
e  des  Depöts  et  Consignations,  Truppenkorps  und  andere  Kun-Schatzamtes
  haben  ihre  Einlagen  zurückgezogen.  Insgesamt
sich  diese  Ausgaben  auf  etwa  3  Milliarden  Frcs.,  so  daß  der
isgang  des  Schatzamtes  einen  Betrag  von  38  Milliarden  Frcs.
tten  hat.  Diese  Summe  war  also  zu  decken.  Unter  welchen
jkeiten  und  mit  welchem  wechselreichen  finanzpolitischen  Ge--ir
  Finanzminister  arbeitete,  um  diese  Lasten  auf  seine  Kapitalsiij
  tu  verteilen,  wurde  schon  zur  Genüge  gezeichnet.  Es  mögen
fektiv-Eingänge  vom  i.  August  1915  bis  31.  Juli  1916:  3445,00  Mill.  Frcs.,  d.  h.
&amp;gt;nat  287,00  Mill.  Frcs.
idek,  Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschalt.
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  </text>
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