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        <title>Der Antwerpener Hafen und die Pariser Wirtschaftskonferenz</title>
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          <persName>
            <forname>Max</forname>
            <surname>Oboussier</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>886929202</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
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  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        ﻿Schriften dcr Deutsch-flâmischen Gescllschaft.

n.

Oer Antwerpener Hafen und die
Pariser Wirtschaftskonferenz.

Von

Max Oboussier,

Dozent an der mit der Unlversitât Gcnt ver-
bundenen Hochschule fûr HandeUwisjenichaften.

Ans dcm Flâmischen übcrsctzt

von

Karl Minier.

Vcrlag von Gcorg Stilkc, Berlin und Brfisscl.

Hofbuchhfindlcr $r. Kalserl und Kfinfgl. Hoheft des Kronprinzcn.

Dmd der WeatfWîachen Veremsdruafcerei, Münater L Westf
        <pb n="2" />
        ﻿1

Von

Max Obouissier,

Dozenl an der mit der UmversitSi Geni ver-
bundenen Kothschu’e für Handeîswissensdiafien.

Ans dem Flamischen überseizi

von

Karl Miîtler.

Verlag von CÈeorg Stiike, Berlin imd Brüssel.

Hofbudihândler Sr. Kaiserl. und Konîgl. Hoheit des Kronprinzen.

Drudî der Westfalischen Vereinsdruc&amp;erei, Münster i. Westf
        <pb n="3" />
        ﻿(
        <pb n="4" />
        ﻿Inhalts-Verzeichnis-

Sait*

Literatur.......................................................... 4

Vorwort ........................................................... 5

I. Der Schiîfahrtsverkehr.

Die Lage des Hafens................................................ 7

Aatwerpen und der europâische Seeverkehr .	   9

Analyse des Verkehrs.............................................. 13

Die einheimische Handelsflotte.....................................21

Der Wettbewerb in der Schiffahrt und seine Wirkungen...............28

IL Der Güterverkehr.

Ailgemeines , .....................................................40

Analyse der Statistik, Die Durchluhr...............................44

Herkunft und Bestimmung der Durchluhr..............................48

Die Rolle der Durchluhr............................................51

Der durch Belgien gehende Passagier- und Auswandererverkehr ...	64

III. Handel und Industrie.

Ailgemeines........................................................67

Die Lage nach dem Kriege...........................................70

Kann der deutsche Handelsverkehr ersetzt werden?...................76

Der Einîuhrhandel..................................................80

Der Ausfuhrhandel..................................................84

IV. Die Transportpolitik and der Antwerpencr Halen.

Ailgemeines........................................................87

Eisenbahnen und Tarile.............................................91

Verbesserung der Verbindungswege zwischen Antwerpen und seinem

iremden Hinterland.......................................... 96

Der Antwerpener Halen..............................................99

Die Handelsîlotte.................................................104

SchluC........................................................... 118
        <pb n="5" />
        ﻿Literatur

Albert (J.). Le port de Rotterdam, Paris, 1914.

Annuaire statistique de la Belgique (Ministère de l’Intérieur).
Annuaire maritime du „LIoyd anversois".

B e 1 f r i e d (Der), Monatsschrift £ür Gegenwart und Geschichte der
beigischen Lande, I. Leipzig, Insel-Verlag, 1916.

B ü r k 1 i n (W.). Handbuch des beigischen Wirtschaftslebens. Berlin, 1916,
Chambre de commerce d'Anvers: Rapports et Mémoires.
Christophe (Ch.) &amp; B e e r (M, d e). Le port de Gand. [In; Revue
économique internationale, 1913,]

D r e s e m a n a (O.), Die Verkehrsentwicklung in Belgien. M.Giadbach, 1915,
Dubois (E.) &amp; Theunissen (M,). Anvers et la vie économique
nationale. Les ports et leur fonction économique. T. I.

Dussol (A.). Le développement maritime de l'Allemagne, Paris, 1909,
Études sur la Belgique, Conférences faites au VIe cours internationale
d'expansion commerciale, organisé à l'Institut supérieur de commerce
d'Anvers. Bruxelles, 1913.

H î s s e n h o v e n (P, v a n). Les grains et le marché d’Anvers. Anvers, 1910.
Lannoy (de). La Belgique, pays de transit. [In; Revue économique
internationale. 1911.]

Leener (G. de), La politique des transports en Belgique. (Travaux de
l'Institut de sociologie Solvay. Bruxelles, 1913.)

Leener (G. d ej. Ce qui manque au commerce belge d'exportation,
Bruxelles, 1906,

Leener (G. d e). La question des tarifs de chemin de fer en Belgique,
[In; Annales des Travaux publics de Belgique, Juni 1912.]

L o s c h (H. J.j. Der mitteleuropâische Wirtschaftsblock und das Schicksal
Belgiens, Leipzig, 1914.

Moniteur belge.

Neptune (Le), Journal maritime anversois.

Parent (A.). Le commerce de Belgique; à propos de l'affranchissement
de l'Escaut. Bruxelles, 1863,

Perre (A, van de). De bevaarbaarmaking der Maas en de scheepvaart
tuschen Aniwerpen en den Rijn, Antwerpen, 1913.

Port (Le) d'Anvers. Statistiques dressées par le Service du port,
Praesent (H.). Antwerpens geographische Lage und wirtschaftliche Be-
deutung. Leipzig, 1915.

Renkin (J.), Anvers. Installations maritimes et système défensif,
Bruxelles, 1905,

Renkin (J.). Les chemins de fer de l'État en Belgique. [In: Revue
économique internationale. 1905.]

Revue internationale des valeurs mobilières. Bruxelles.

Revue de la ligue maritime belge.

Schumacher (H,), Antwerpen. Seine Weitstellung und Bedeutung für
das deutsche Wirtschaftsleben. München, Duncker &amp; Humblot. 1916.
Stubmann. Hamburg, Rotterdam und Antwerpen im 19. und 20. Jahr-
hundert. [In: Marine-Rundschau. 1912.]

Tableau général du commerce de la Belgique, (Ministère des Finances.)
Wa xweiler (E.). Archives de sociologie, publ. par l'Institut Solvay, Bruxelles.
Weltwirtschaftliches Archiv.

Wiedenfeld (K.), Antwerpen im Weltverkehr u, Welthandel, München, 1915,
W i n g e n (O,), Die internationale Schiffsraumnot. Jena, 1916.
        <pb n="6" />
        ﻿Vorwort.

Die Pariser Wirtschaftskonferenz, die vornehmlich durch
En glands und Frankreichs Initiative zustande kam, will die
Signatarlander zum Abbruch ihrer wirtschaftlichen Beziehungen
zu Deutschland und seinen Bundesgenossen nach dem Kriege
bewegen. Die belgische Regierung ist dieser Konferenz bei-
getreten und bat die grofie Bedeutung, die sie ihr beimiBt,
kundgegeben.

Gerade zur Zeit, da diese Konferenz zusammentrat, ver-
nahmen wir, daB unser grofier Landsmann Emil Waxweiler,
der für uns der beste unter den Lehrern gewesen ist, groBe
Besorgnis hinsichtlich der wirtschaftlichen Zukunft unseres
Landes hegte; die Richtlinien der Pariser Konferenz schienen
mit seiner wissenschaftlichen Überzeugung nicht in Einklang
zu stehen, Wir woîîten ihm gerade schreiben, da traf uns die
Nachricht von seinem jahen Ende wie ein Blitz aus heiterem
Himmeî, Der Tod streckte ihn gerade in dem Augenblick
nieder, wo er seinem Vaterlande in der vollen Freiheit seines'
edîen Rechtssînns auf einem Gebiete, das er durch Charakter-
grôBe und Geistesgaben voll und ganz beherrschte, die grôBten
Dienste hâtte beweisen kônnen durch die Zusammenstellung
und die kritische Beleuchtung der einschlagigen wirtschafts-
und sozialpolitischen Statistik.

Andere als er haben versucht, unzeitige und verhângnis-
voîle Entschlüsse abzuwenden. Wîrd die belgische Regierung
auf dem Wege verharren, der zu den ârgsten Katastrophen
führt, oder wird es ihr noch gelingen, Hait zu machen, und wird
sie sich noch bei Zeiten darauf besinnen, daB der Untergang
des Hafens von Antwerpen, der bei der Ausführung der auf der
Pariser Konferenz gefaBten Beschlüsse unabwendbar ist, die
wirtschaftliche Wohlfahrt unseres Landes zugrunde richten
würde? Wir hoffen es, Minister Renkin hat einmal gesagt:

,,Sagt der gesunde Menschenverstand uns nicht, daB ein
inniger Zusammenhang besteht zwischen der Betriebsmacht des
Antwerpener Hafens und der Ausbreitung unseres Handels und
unserer Industrie, des Bronns unserer günstigen Finanzlage?
Wâre der Antwerpener Haîen jamais dem Untergange geweiht,
        <pb n="7" />
        ﻿6

so versiegten mit ihm die Nâhrquellen unserer Staatskasse, der
Handel und die Industrie,"1)

Ein wirtschaftlicher Organîsmus wie der Antwerpener
Hafen îst ein derartig komplizierter, daB das gerîngste Hemm-
nis sein Gedeihen in Frage stellen kann.

Vorliegende Studie, sine ira et odio fur einen rater-
lândischen Zweck geschrieben, wird hoffentlich die Taubsten
und Bîindesten überzeugen, daB „die Betrachtung der Wirk-
lichkeiten allein uns in wirtschaftîichen Fragen unsere Stelîung-
nahme vorschrciben kann und darî".2)

Unseres Erachtens îst es besser, Katastrophen vorauszu-
sehen, als sich auf die Verteidîgung einzurichten, wenn der
Feind innerhalb der Mauern ist, Man gibt keinen Feueralarm,
wenn das Haus in Asche liegt, noch ruft man den Arzt zu
einem Toten.

„Indem das Streben nach einem hôheren sozialen Pro-
duktionsvermogen Individuel! wie Menschengruppen zum un-
vermeidlichen und wohltâtigen Kampîe ausrüstet, sagte Wax-
weiler,3) bahnt es zugleîch und in demselben MaBe, in welchem
es die natürliche Entîaltung aller Fahigkeiten und rechtmâBigen
Bestrebungen fordert, auch den Weg zu einem friedlichen Zu-
sammenleben aller, Indem es ein grelles Licht auf soziale
Zustânde wirft, arbeitet es einem dauernden Hasse zwischen
Menschen und Klassen wirksam entgegen," Und wir fur unser
Teîl stimmen den mannhaften Worten des Prâsidenten Roose-
velt zu, wenn er sagt: ,,Jeder von uns muB in krâftigster Weise
îür sein eigenes Recht in die Schranken tretcn; aile Menschen
und aile Klassen müssen ihre Selbstachtung bewahren; disse
Achtung müssen sie auch von anderen erheischen: sie müssen
darüber wachen, daB ihnen keiner zu nahe tritt, und daB ihnen
ein HôchstmaB von Freiheît im Denken und Handeln gesichert
ist, Aher HaB gegen andere nâhren ist das sicherste Mittel,
um sich selbst auf die Dauer mehr Schaden zuzufügen, als
denjenigen, die man haBt."')

Antwerpen, Januar 1917,

B Renkin, Anvers, 1905,

s) De Leener, La politique des transports, p. IX.

s) Vorrede zu; Actualités sociales.

4) La vie intense, p, 288,
        <pb n="8" />
        ﻿*

■‘"s—“—-*-«-*r

—

I.

Der Schiffahrtsverkebr.

Die Lage des Haiens.

Der Nordwesten Europas, dessen wichtigster Teil in den
EinfluBbereich Antwerpens fâllt, kann zweifellos als die pro-
duktivste Gegend der Welt gelten. Belgien bildet den Mittel-
punkt einer âuBerst regen Handels- und Betriebstâtigkeit,
Seine reichen Bodenschâtze genügen jedoch den Anforde-
rungen Seiner Industrie nicht, und andererseits bringt das Land
nicht genug Lebensmîttel zum Unterhalt seiner Bevôlkerung
hervor; es ist für vier Fünftel seines Bedarfs an Getreide au!
das Ausland angewiesen, Diese wirtschaftliche Besonderhext
bat ihm eine Politik aufgezwungen, die auf einen môglichst
groBen Warenaustausch mit anderen Lândern zugeschnitten
ist; infolgedessen muBte die Einfuhr von Nâhr- und Rohstoffen
einerseits und die Ausfuhr von industriellen Erzeugnissen
andererseits einen âuBerst regen AuBenhandel entstehen lassen,
Dank den natürlîcben und künstlichen Verbindungswegen
bat sicb vor allem ein reger Handelsverkehr und Warenaus-
tausch zwischen unserem Hafen und dem Rheingebiet ent-
wickelt. Letzteres zeîgt dîeselben Merkmale, es bat dieselben
Bedürfnisse wie unser Land, Seine Wasserverbindungen reichen
bis ins Zentrum Europas, und die geplanten Verbesserungen
des Donauweges werden seinen wirtschaftlichen Aufschwung
in naher Zukunft zur hôchsten Bedeutung bringen.

Die Lage Antwerpens ist die denkbar günstigste für die
Entwickelung seines Schiffsverkebrs; sie muBte daher einen
sehr vorteilhaften EinfluB auf die Grundlagen seines Wirt-
schaftslebens ausüben, Antwerpen bildet den Mittelpunkt des
Schiffsverkebrs von Nordeuropa, weil es der am weitesten
westlich gelegene Hafen dieses Teils des Festlandes ist, Havre,
das übrigens nicht mehr zu den grofien Welthâfen gezâhlt wird,
liegt zwar westlicher als Antwerpen, aber auch wieder zu weif
südlich und abseits der groBen Bahn, auf welcher der über-
seeische Verkehr Englands und Deutschlands sicb bewegt.
        <pb n="9" />
        ﻿8

Hi«rgegen ist Antwerpens Lage in bezug auf diese StraBe die
allergünstigste, Zieht man dann noch die Vorteile in Betracht,
die ihm ans der reichen Menge und der Verschiedenartigkeit
seiner Waren, wie ans dem Umfange der Bedürfnisse seines
Hinterlandes erwachsen, so braucht einen die Bedeutung seines
Verkehrs nicht mehr wunder zu nehmen.

Hamburg und Bremen liegen 300 SeemeÜen weiter ôstlich,
Amsterdam und Rotterdam sind die natürlichen Kon-
kurrenten unseres Hafens, doch ist die hollândische Küste
schwerer zugânglich.

Aile diese Umstânde haben s. Zt. ihren Einflufi zugunsten
unseres Hafens geîtend gemacht, aile haben dazu beigetragen,
ihn zu einem der ersten Anlaufhâfen der Welt zu machen,
Wenn Antwerpens Entfernung vom Meer 88 km betrâgt,
so hat dies seine Vorteile und seine Nachteile, Unter den Vor-
teilen erwâhnen wir, auBer der grôBeren Sicherheit, die Tat-
sache, daB die Waren, die zu lôschen oder zu laden sind, in
einem Falle um so vie! tiefer landeinwârts gebracht und ira
anderen dem Ursprungsorte um so viel nâher eingeschifft
werden. In beiden Fâllen bedeutet das eine merkliche Erspar-
nis an Transportkosten, und die auBerordentliche Tragweite
dieses Vorteils erkennt man erst dann, wenn man weiB, daB
ein Unterschied von einigen Centimen eine groBe Rolle im
Schiffsverkehr spielen kann und tatsâchlich spielt.

Die Nachteile unserer Lage schreiben sich in erster Finie
der Beschaffenheit des FluBlaufes zu. Die Schelde bietet der
Schiffahrt bis zu einer Entfernung von 18 km stromabwârts
Krümmungen von verhâltnismâBig geringem Radius (700 m),
ziemlich enge Passe (150 m) und Untiefen, die bei mittlerem
Niedrigwasser nur 8 m unter dem Wasserspiegel liegen (12,5 m
bei mittlerem Hochwasser). Diese verschiedenen Hindernisse
benôtigen einerscits eine Verlangsamung der Fahrt wie fort-
wâhrendes Ausbaggern, wâhrend sie andererseits die Gefahr
von ZusammenstôBen crhôhen-1)

Einige von diesen Schwierigkeiten sind überwunden
worden, mit anderen wird dasselbe voraussichtîich einst ge-
lingen. Verschiedene Projekte sind seit Jahren ausgearbeitet

0 Hamburgs Entfernung vom Meer betrâgt 120 km, doch ist die Elbe
dort gerade und tief; Rotterdam liegt nur 34 km vom Meer, und die Zu-
gangsstraBe ist gut.
        <pb n="10" />
        ﻿9

und hâtten auch wohl schon lângst zu einem guten Erîoige
geführt, wenn die Politik sich nicht einer Sache bemâchtigt
hâtte, in welcher die Fachkenntnis des Ingénieurs, der gesunde
Menschenverstand oder die Wissenscliaft des Nationalôkonomen
allein den zur Lôsung der Frage einzuschlagenden Weg hâtten
vorschreiben sollen,

Zu den natürlichen Nachteilen des Scheldelauîes gesellen
sich andere, die staatsrechtlicher Art sind. Die Scheldemündung
liegt auf hollandischem Gebiet. Wenn man weiB, daB Ant-
werpen und Rotterdam natürliche Konkurrenten lür den
Schiffsverkehr des Nordens sind, sieht man leicht ein, daB
dieser Umstand den Interessen Antwerpens nur ungünstig sein
kann, Trotz aller Vereinbarungen, die zwischen Holland und
Belgien getroffen wurden, hat ersteres Land sich geweigert,
für das Legen von Baken und die Beleuchtung in dem Teile
des Stromes, der sich innerhalb seiner Grenzen befindet, auf
seine Kosten Sorge zu tragen; Belgien hat dessenthalbcn ver-
schiedene Millionep an Unkosten auf sich genommen, die ihm
von rechtswegen nicht zufielen, Holland lafit den Lotsen-
dienst, den es von Vlissingen bis zur See versieht, in einem
Zustande, der modernen Ansprüchen nicht genügt (Segeî- und
Ruderkâhne), wohingegen auf dem Nieuwe Waterweg ailes auf
der Hôhe der Zeit ist. Wir wollen keinen weiteren Nachdruck
darauf legen. Wâre es denn auch wohl môglich, im gegen-
wartigen Augenblick etwas zur Abhülfe dieser Übelstânde zu
unternehmen? Wir wissen es nicht, wir haben übrigens auch
keine Vorschlâge zu machen, die den Rechten des hollandischen
Volkes in irgend einer Weise Abbruch tun kônnten. Es sollte
jedoch jedem Volke zustehen, die Sicherheitsbedîngungen
seiner Handelsschiffahrt seîbst zu regeln, Wie dem auch sei,
wenn wir es wollen, müssen wir die Grundlagen für unser
Gedeihen in unseren eigenen Abwehrmitteln suchen.

Antwerpen und der europaische Seeverkehr-

Die vôllige Freigebung der Scheldeschiffahrt (1863) war
das Signal zu einer so staunenswerten Entwickehmg unseres
Seeverkehrs, daB der Antwerpener Hafen in verhâltnismaBig
kurzer Zeit in die Reihe der grôfiten Welthâfen treten konnte.
Wahrend die Hafenbewegtmg von 1830 bis 1853 sich nur von
        <pb n="11" />
        ﻿- "..... 1 - ' ~ ..................... ' ■

— 10 —

719 Schiffen mit einer Gesamttonnage von 120 333 t auf
2513 Schiffe und 609 353 t°) erhôhte, setzte von 1863 ab ein
rascher und regelmaBiger Aufstieg des Schiffsverkehrs ein, der
erst mit dem Ausbruch des gegenwartigen Krieges zum Ab-
schluB kam,

Tabelle I gibt Einzelheiten über diesen krâftigen Auf-
schwung,3) Zur Ergânzung fügen wir hinzu, daI3 der Schiffs-
eingang in den ersten sechs Monaten von 1914 die Ziffer von
3515 Schiffen und 7 055 976 t erreicht batte gegen 3512 Schiffe
und 6 990 529 t für denselben Zeitraum des Jahres 1913. Die
Statistik laBt ebenfalls die stetige Zunahme des durchschnitt-
lichen Tonnengehalts der Schiffe erkennen.

Tabelle I-

J ahr	Zabi  der  Schiffe	Gesamf-  tonnenmaS	Durch-  schnittl.  TonnenmaO	Jahr	Zabi  der  Schiffe	Qesamt-  tonnenmaQ	Durch-  schnitti.  Tonnenmaf}
1795	2	?	?	1885	4420	3.422.172	775
1800	83	5.028	68	1890	4728	4.506,277	953
1805	2424	135.742	56	1895	4710	5.322.262	1130
1810	447	?	?	1900	5414	6.720.150	1240
1820	591	48.408	82	1901	5267	7.432.126	1411
1825	800	96.240	120	1902	5718	8.425.127	1473
1830	719	120.333	169	1903	584 7	9.064.662	1541
1835	1198	152.343	127	1904	6932	9.385.267	1606
1838	1531	258.048	167	1905	6094	9.900.305	1633
1840	1158	179.291	153	1006	6495	10.884.412	1676
1845	1919	287.530	148	1907	6284	11.181 226	1779
1850	1406	239.165	168	1908	6135	11.061.644	1801
1855	1996	372.124	186	1909	6470	11.940.332	1845
1860	2547	540.444	213	1910	6770	12.654,153	1839
1863	2513	609 353	239	1911	6896	13.349.6 &lt;3	19 &lt;6
1870	3967	1.362.600	330	1912	6973	13 761.591	1973
1875	4249	2.146.707	503	1913	7056	14.146.819	2005
1880	4475	3.063.825	684				

a) Angekommene Schiffe.

s) Bis 1883 wurde der Raumgehalt der in den Hafen einlaufenden
Schiffe nach der „Seetonne" (= IV2 m3), bestimmt durch gesetzliche
Verfügung vom 26. August 1822, berechnet; seit dem 27. August 1883
wird die „Moorsomtonne“ {= 2,83 m3) der Berechnung zugrunde gelegt.
        <pb n="12" />
        ﻿11

Tabelle II bringt den Verkehr Antwerpens mît demjenigen
der anderen groBen Welthâfen in Vergleich. Da die in Belgien
übliche Schiffsraumbemessung von derjenigen anderer Lânder
abweicht, war es zur Erzielung grôBerer Genauigkeit nôtig,
von den für Antwerpen aufgegebenen Ziffern 13 % in Abzug
zu bringen.

Tabelle IL

Tonnengehalt in Mill. Reg.-Tonnen.

(Eingelaufene Schiffe.)

H a f e n	1870	1880	1890	1900	1910	1911	1912	1913	Zunahme  1900/12
Amsterdam	0.405	1.076	1.484	1.812	2.588	2.593	2.869			1.057
Antwerpen	1.362	3.088 3.920		5.847	11.009	11.614	11.987	12.308	6.140
Bordeaux	0.514	1.012 1.091		1.059	1.596	1.659	—	—	0.600
Bremen	0.660	1.169	1.733	2.494	4.130	4.516	4.210	—	1.716
Dünkirchen	n.365	0.765	1.248	1.341	2.332	2.408	2.233	—	0.892
Genua	1.392	1.495 2.612		4.117	6.620	6.520	7.255	7.392	3.138
Hamburg	1.389	2.766 5.202		8.037	12.657	13.176	13.797	14.185	5.760
Havre	1.206	1.969 2.671		2.136	3.530	3.550	3.572	—	1.436
London	4.089	5.970 7.708		9.580 12.154		13.163	12.986	—	3.406
Liverpool	3.416	4.913 5.782		6.000 10.881		11.323	11.810	—	5.810
Marseille	1.523	2.769 3.458		4.630	9 941	9.807	9.682	10.509	5.052
Rotterdam	1.026	1.601	2.918	6.326 10.876		11.194	12.179	13.036	5.853
Triest	0.960	1.111	1.471  1	2.158	4.198	4.234	4.572	5.480	2.414

Ans dieser Statistik ist Folgendes ersichtlich:

1.	Die grôBte Verkehrssteigenmg Antwerpens fâllt zwischen
1900 und 1912,

2.	Die Zunahme ist am ansehnlichsten in dem Dezennium
1900—1910; in diesem Zeitraum verdoppelt sich der Schiffs-
eingang, Wir kônnen bei dieser Gelegenbeit gleich darauf
hinweisen, daB dieser Aufstieg parallel lâuft mit der auBer-
ordentlichen wirtschaftlichen Entfaltung Deutschlands, dessen
Ausfuhr sich wâhrend dieser Zeit von 5940 Millionen auf
9343 Millionen Fr, emporschwang, wâhrend diejenige Frank-
reichs, an der wir übrigens nur in sehr geringem MaBe teiî-
        <pb n="13" />
        ﻿12

nehmen, von 4108 Milîionen zu 6233 Milîionen anstieg, Die
Zunahme für Belgien (Eigenhandel)4) betrug 1485 Milîionen,

3,	Der Schifîseingang der drei vornehmsten franzôsischea
Hâfen am Atlantischen Ozean erreicht zusammen nur etwas
über die Halfte von demjenigen des Antwerpener Haîens.

4.	Antwerpen nimmt 1870 die 6, Stelle ein, 1880 die 3-
{nur London und Liverpool stehen ihm voran); 1890 wird es
von Hamburg überflügelt, 1900 gleichfalls von Rotterdam;
1910 lâBt es Rotterdam und Liverpool hinter sich und tritt
wieder an die 3. Stelle; 1911 behauptet es dièsen Platz, um
sich 1912 wieder von Rotterdam den Rang ablaufen zu lassen,
doch nur mit einem ÜberschuB von 192 000 t, Bei dieser
Gelegenheit muB erwâhnt werden, daB das Jahr 1913 von dem
allgemeinen belgischen Arbeiterausstand beeinfluBt wurde,
Andererseits ist Rotterdam vornehmlich Einîuhrhafen5), wunder-
voll für diesen Zweck eingerichtet, wahrend Antwerpen einem
zweigliedrigen regen Verkehr die Stirn zu bieten hat. Dies
batte für letzteren Hafen verhângnisvolle Güteranstauungen
zur Folge, woraus Rotterdam um so eher Vorteil ziehen konnte,
aïs das Mehrenteil seiner Einfuhr mit einem sehr betracht-
lichen Prozentsatze derjenigen Antwerpens die Bestimmung
gemein hat, namlich Deutschland.

Überdies kam für Antwerpen noch der besondere Umstand
in Betracht, daB die groBe regeîmaBige Schiffahrt bei ihm
überwog; über 115, beinahe aile fremde Linien besuchten
seinen Hafen und brachten es fortwâhrend in direkte Ver-
bindung mit allen Hafen der Welt. Der Vorteil, den es dadurch
den Spediteuren bot, und der Gewinn, der dabei für uns abfiel,
rechtfertigte in vollem MaBe die zur Begünstigung der regel-
maBigen Schiffahrt genommenen MaBregeln, auf die wir noch
zurückkommen werden.

Die foîgencle kleine vergleichende Tabelle stellt diese
groBe Schiffahrt ins Licht, selbst wenn wir mit dem Umstande

*) Bie Statistik des Eigenhandels schüefit, wie wir spater sehen
werden, einen betrâchtlichen Teil der Durchfuhr mit ein.

5) Einfuhr 1912: 20 849 974 t, Ausîuhr 5 388 426 t. Die hollândische
Statistik bietet wenig Klarheit; die Einfuhrziffer umfaBt für die verzoll-
baren Waren die Einfuhr auf dem See-, FluS- und Schienenwege, für die
zolifreien Güter nur die von der See eingeführten. Für die letztere Gruppe
betrâgt die Ziffer für Erze, Getreide, Holz, Kohles, Metalle allein 16 310 000 t.
        <pb n="14" />
        ﻿13

Rechnung halten, daB die Küstenschiffahrt für Antwerpen von.
wenig Bedeutung ist.6)

Tabelle III.7)

H af e n	Durchsdmittüches Tonnen- maQ der eingelaufenen Schiffe	
	1903	1912
Antwerpen ....	1578	1973
Rotterdam ....	1016	1184
Hamburg		653	766

Analyse des Verkehrs,

Gehen wir jetzt zur Analyse der Sonderstatistik Ant-
werpens über und untersuchen wir die SchluBîoîgerungen, die
sich daraus ziehen lassen, Zunâchst wollen wir sie uns in
Hinsicht auf die Staatsangehôrigkcit der Schiffe anschauen.
Die Tabellen IV (Seite 14) und Ÿ {Seite 15) geben eine Über-
sicht darüber.

Für das Jahr 1913 machten die englischen und deutschen
Schiffe demnach bezw, 43 % und 32 %, d. i, zusammen 75 %
vom Gesamtverkehr aus, wohingegen nur 6,5 % davon auf die
belgischc Flagge entfaîlen. Die franzôsische Schiffahrt spielt
eine untergeordnete Roile im Antwerpener Seeverkehr; sie
wird von der hollândischen wie von der norwegischen über-
troffen und von der japanischen nahezu erreicht (1900—1911
selbst überflügelt).

Flier ist die Bemerkung am Platz, daB der tagliche Dienst
Antwerpen—Harwich und zurück die Ziffer der englischen

°) Zu ungunsten Antwerpens wird Folgendes geltend geraacht: Die
Schiffe, inshesondere der deutschen Linien, heifit es, laufen Antwerpen auf
der Ausreise und Rückreise an und erscheinen infolgedessen für eine Rund-
reise zweimal in der Antwerpener Statistik, wâhrend dies in derjenigen
des Heimathaîens nur einmal geschieht. Die Bedeutung dieser Tatsache
ist stark überschâtzt worden. Darüber angestellte Untersuchungen er-
gaben (s, Stubmann in der Marine-Rundschau, 1912, S. 762), daB diese
„ktinstliche" VergrôBerung der Antwerpener Zahlen sich innerhalb eines
Jahres hochstens auf 300 000 t belâuft, eine Somme, die angesichts der
gewaltigen jahrlichen Eingangstonnage von keiner Bedeutung ist,

7) H, Schumacher, Antwerpen.
        <pb n="15" />
        ﻿Tabelle IV,

In Antwerpen eingclaufene Schiffe, nach der Flagge geordnet.

{In Registertonnen),

Flagge	1880	1890	1900	1910	1911	1912	1913
Deutsch 		275.856	777.606	1.584.708	3.636.820	3.860.359	4.149.157	4,510.522
Englisch		1 718.799	2.565.755	3.210,678	5.824.371	6.194.965	6.269.438	6.173.231
Belgisch		388.429	483.689	521.183	1.107.164	1.146.027	921.731	921.722
Franzôsisdi ....	82.294	137.871	145.415	307.278	302.447	322.265	330.569
v/sterreichisch .	.	.	3.450	3.596	64.637	137.124	132.846	132.333	100.364
Russisch		29.105	18.927	49.447	40 424	39.474	45.787	53.832
Italienisch .....	41.056	262273	36.129	35.592	43.733	22.609	52.099
Spanisch		53.598	50.074	91.071	104.956	104.501	73.585	62.172
Portugiesisch ....	8.906	5.181	12.707	—	—	—	—
Moliândisch ....	38.650	30.766	191.205	209.722	240.550	294.583	345.855
Danisch			116.408	142.735	140.896	271,462	282.028	262.241	273.545
SchwedisA ....	109.527	79.809	181.327	285.906	268.741	274,813	290.048
Norwegisch ....	141.824	111.600	212.442	222.814	269.199	330.711	388,607
Griechisch .....	4.591	41.359	52.722	107.808	142.631	132.411	71.770
Japanisdi		—	—	192.987	340.282	309.674	301.637	315.693
Amerikanisch ....	46.040	17.802	2.470	—	—	200.598	238.115
        <pb n="16" />
        ﻿1

T	-----------

— 15 —

Tabelle V-

Anteil der hauptsâchlichsten Flaggen am Schiffseingang.
(In Registertonnen),

Jahr	Qesamt-  Sdiiffseingang	Deufsch	Englisch	Franzôsisdi	Belgisdi
1880	3.063.825	275.856	1.718.779	82.294	338.492
1885	3.422 172	336.632	2.026.847	108.471	431.454
1890	4.506.277	777.605	2.565.755	137.871	483.689
1895	5.322.262	1.046.453	3.047.406	79.280	486.444
1900	6.720.150	1.584.708	3.210,678	145.415	521.183
1901	7.432.126	2 065.293	3.621.109	123.455	500.489
1903	9.064.662	2.411.842	4.322.662	. 194.084	552.570
1904	9.385.267	2.435.916	4.591.037	2^0.141	593,865
1905	9.900.305	2.919.703	5.016.452	239,511	553 745
1906	10.884.412	2.853.778	5.433.890	286.677	566.678
1907	11.181.226	2.895.043	5.653.239	278.095	575.340
1908	11.051.644	3.134.792	5.823.090	322.593	608 471
19n9	11.940.332	3.293.775	5.651.718	327.750	983.880
1910	12.654.153	3.636.820	5.824.371	307.278	1.107.164
1911	13.349.633	3.860.359	6.194.965	302.447	1.146.027
1912	13.761.591	4.149,157	6.269.438	322.265	921.731
1913	14.146.819	4.510.522	6.173.231	320.569	921.722

Flagge um ungefâhr 0,520 Mill, t beeinfluGt, Für die deutschen
Schiffe kommt kein âhnlicher Dienst auf Antwerpen in Be-
tracht; sie bleiben daher in Wirklichkeit nur um etwa I Mill, t
gegen die englischen zurück und erreichen 80% vom Schiffs-
raum der letzteren, wahrend dieser Prozentsatz 1880 nur 16
betrug,

Wâren wir endlich in der Lage, eine âhnliche Statistik wie
für die Eisenbahnen aufzustellen, worin für jede Flagge die
zurückgelegte Meilenzahl und das Gewicht der versandten
Güter, oder in anderen Worten, ihr Verkehrsumfang in Meilen-
tonnen erschiene, so würde sich daraus zweifellos der Vorrang
der deutschen Flagge ergeben, denn sie wird vornehmlich von
denjenigen Linien geführt, die Dienste nach den fernsten Be~
stimmungen unterhalten,

Beachtung verdient auch, daB der deutsche Schiffsraum
um das Dreizehnfache, der englische jedoch nur um das Drei-

einhalbfache gestiegen ist, Letzterer weist 1913 selbst eine
Verringerung von 100 000 t gegen 1912 auf.
        <pb n="17" />
        ﻿E —	.	.-----	-—-----

— 16 —

Es ware von Interesse gewesen festzustellen, ob dieser
Rückgang eine zufâllige Erscheinung war, oder ob er lestes
Geprâge anzunehmen im Begriffe stand, Bereits im April
1910 konnten wir in ,,La Neptune" von Antwerpen diesbezüg-
lich lesen:

,,îch stelle als Grundsatz auf, dafi die deutschen Reedereien, die mit
jedem Tage an Macht gewinnen, die Englânder liber kurz oder lang ver-
anlassen werden, sich von gewissen Verkehrsunternehmungen ab Ant-
werpen zuriickzuziehen.

Die Deutschen, die im Stillen arbeiten und sich auf aufierst krâftige
Organismen stützen, haben diese letzten Jahre einen Weg zurückgelegt,
der mich zu der Prophezeiung berechtigt, daS die englischen Reeder an
dem Tage, wo die Deutschen den Augenblick für einen Kampf auîs
âufierste als günstig erachten, ihnen zunâchst für eine bestimmte und
dann für andere Verkehrsunternehmungen die Stirn nicht bieten kônnen,
sondern das Feld râumen werden.

Die Deutschen haben ihre Meisterschaft in betreff wirtschaftlicher
Kâmpfe bewiesen.

Zur finanziellen Kraft, die sie aus den gewaltigen Kapitalien ihrer
Aktiengesellschaften schôpfen, gesellt sich bei ihnen ein Sinn für Méthode
und eine Ausdauer, woran sich jeder Widerstand bricht.

Am heutigen Tage bereits wissen aile Fachleute in Antwerpen eine
ganze Anzahl englischcr Reeder aufzuzâhlen, die seit langem auf Ant-
werpen fahren, doch die gestehen, daC sie unseres Hafens überdrüssig sind
auf Grund des anhaltenden endlosen Wettbewerbs, dem sie ausgesetzt sind.

In allen Schiffahrtssyndikaten, die zu Antwerpen in Beziehung stehen,
geben die Deutschen den Ton an. Die Englânder kommen hintennach; sie
verlieren an Boden, und es sind die Deutschen, die ihnen diesen abnehmen.

Im allgemeinen überlassen die groCen englischen Reedereien die
deutschen Hafen den Deutschen, wogegen diese ihrerseits mit den Eng-
lândern in deren eigenem Lande nicht in Wettbewerb treten,

Wenn wir gelten lassen, daB die Deutschen in der regelmâlligen
Schiffahrt ab Antwerpen die stârkeren sind, und zwar aus mancherlei
Gründen; wenn wir weiterhin anerkennen, daB die Englânder Antwerpen
mehr und mehr den Rücken kehren, ist die Ansicht nicht mehr als eine
kühne zu betrachten, dafi die Deutschen eines Tages (vielleicht in nâchster
Zukunît) von den Englândern einen vollstândigen Rückzug hinsîchtlich
gewisser Verkehrsunternehmungen ab Antwerpen erlangen werden,

So wie die Sache heutzutage steht, wâren nicht viele gegenseitige
Zugestândnisse nôtig, um dahin zu geraten, denn der Englânder würde viel
lieber vom Antwerpener Hafen, wo er seit einigen Jahren mehr Verluste
aïs Gewinne zu buchen hat, absehen, als sich einem Kampfe mit dem
Deutschen bloCstellen, der gegebenen Falles imstande ist, dem Englânder
gewisse Geschâfte, selbst im Ausgang von englischen Hâfen, zu verderben,"

Es sei auch auf die Tatsache hingewiesen, daB Deutsch-
land uns in stetig wachsendem MaBe die Bunkerkohle liefert,
für die wir aufs Ausland angewiesen sind. Das erklârt die
Abnahme der englischen Tonnenzahl einigermaBen, Doch
bleibt die Tatsache des Rückganges nichtsdestoweniger be-
        <pb n="18" />
        ﻿17

stehen und sollte d i e Leute zum Nachdenken anspornen, die
aus Unverstand oder blindera HaB unsere ganze Schiffahrts-
wirtschaft über den Haufen werfen wollen.

Wenn wir nun mit Rücksicht auf Herkunft und Bestimmung
der Schiffe (Tabellen VI und VII)8) nâher auf die Statistik
eingehen, müssen wir in erster Linie auf die ansehnliche Zabi
Schiffe weisen, die auf Ballast nach England ausgefahren sind;
diese Zabi macht 50x/2 % von der Gesamtziffer der nach dort-
hin ausgelauîenen Schiffe aus, wâhrend der entsprechende
Prozentsatz îür Deutschland nur 6 ist.

Diese ohne Ladung nach England ausgelaufenen Schiffe
sind die „Tramps“ oder Wanderschiffe, die dort Kohlen ein-
nehmen, nachdem sie hier Getreide oder Rohstoffe für die
Industrie gelôscht haben. Die Mehrzahl dieser Schiffe fâhrt
unter englischer Flagge,

Tab elle VI.

Eingelaufene Schiffe, nach Herkunftslandern geordnet.

1913,

Herkunftsland	i Zabi der Schiffe	Tonnage
England	2.605	2.991 375
Norwegen	174	260.502
Schweden	175	139.369
Danemark	61	59.255
Deutschland	1.135	3.0S8.631
Frankreich	207	282.928
Holland	195	478 350

Die deutsche Flagge dagegen vertritt vornehmlich die
groBe, regelmâBige und schnelle Linienschiffahrt, um die
Rotterdam uns so sehr beneidet, Das durchschnittliche Tonnen-
maB der deutschen und englischen Schiffe — 1913 betrug es
2700 t bezw. 1940 t — lâBt diesen Unterschied noch mehr
hervortreten, ebenso wie der Umstand, daB die besten Anlege-
platze an den Scheldekaien den deutschen Linien vorbehalten
waren. Die vom Kaiserîich Deutschen Konsulat in Antwerpen

8) Mit EinschluB des Dienstes Antwerpen—Harwich, der dort mit
ungefâhr 300 Schiffen und 520 000 t erscheint.

2
        <pb n="19" />
        ﻿18

1913 für die deutsche Flagge aufgegebenen Ziffern sprechen
übrigens gleichfalls dafür, Wir lassen sie hier îolgen:5)

Netto-Reg.-t

Eingelaufen; 1745 Schiffe	von zusammen 3 863 46310)

f	24	Segelschiffe	„	„	51043 und

darunter |	36	Seeleichter	„	„	16 619,

Die 1745 Schiffe gehorten 89 verschiedenen Reedereien; der Anteil

der hauptsâchlichsten davon	ist folgender:			Netto-Reg,-t
Norddeutscher Lloyd . . .			von	zusammen 943 691
Hamburg—Amerika-Linie	. ... 226	fl	n	„	658 558
Hansa-Linie		.	...	129	11	n	„	419 449
Deutsch-Australische D.-G,	. ... 111	11	n	„	350 526
Roland-Linie ......	. . . , 62	11	n	„	204 007
Deutsch-Ostafrika-Linie . .	. .	, .	44	11	n	„	167 939
Hamburg—Südamerikan, D.-G	.	. . .	49	11	n	„	140 053
Deutsche Levante-Linie . .	. .	. .	72	11	ii	„	125 025
D.-G, ,,Neptun‘‘		. ... 193	11	n	„	118 739
Kosmos-Linie		. . . . 26	11	a	„	90 168
Oldenburg-Portugies. D, R. .	. . . .	63	11	n	„	63 840
Woermann-Linie		. . . . 18	11	a	„	57 010

Es ist behauptet worden, dafi die deutschen Schiffe in
Antwerpen vornehmlich die Ausfuhrprodukte ihrer eigeneh
Landesindustrie, die als Transitgut durch Belgien kommen,
geladen und somit unserem Lande nur wenig Nutzen gebracht
haben, Das trifft ganz und gar nicht zu; die Zeit, da der
Handel der Flagge folgte, ist lângst vorüber, „Im Verkehr mit
einem besonders wichtigen Gebiet," schreibt Prof. Schu-
macher11), „für das Antwerpen mehr Ladung bietet als Ham-
burg und Bremen zusammen, haben sie [d, i, die deutschen
Dampfer] in den vier Jahren 1910—1913, wie ich genau fest-
stellen konnte, 20 % mehr Frachttons aus Belgien als aus
Deutschland in Antwerpen eingenommen," obgleich der
Transitverkehr im Ausgang über Antwerpen, wie wir spater
sehen werden, mindestens die Hâlfte vom Gesamtverkehr
betragt.

s) Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. V, II, S, 281.

t0) Der Schiffsraum ist nach deutscher Weise berechnet.

J1) H, Schumacher, Antwerpen, S, 120 f.
        <pb n="20" />
        ﻿19

Tabelle VIL

Ausgelaufene Schiffe, nach Bestimmungslândern geordnet,

1913.

Bestimmungs-  land	Qeladen		Auf Ballast		Insgesamt	
	Zahl  der  Schiffe	Tonnage	Zahl  der  Schiffe	Tonnage	Zahl  der  Schiffe	Tonnage
England	2.178	2.218.961	1.163	2.358.021	3.341	4.576.982
Norwegen	134	113.743	40	117.455	174	231.198
Schweden	121	80.520	5	5.491	126	86.011
Danemark	61	39.369	1	1.312	62	40.681
Deutschland	569	1.213.775	50	80.147	619	1.292.922
Frankreich	214	194.923	33	54.679	247	249.602
Holland	81	122.826	71	- 97.476	152	220.302

Die regelmaBigen Linien, deren Dampfer zu festgesetzten,
lange zum voraus bestimmten Zeitpunkten auslaufen, bieten
dem Befrachter zahlreiche Vorteile, die in den allermeisten
Fallen gegen die zuweilen etwas hôheren Tarife auîwiegen.
Der Fabrikant z. B,, der in der Regel seine Bezahlung erst
gegen Übergabe des Einschiffungsbeweises empfângt, kann
seine Herstellung und den Versand seiner Erzeugnisse in
solchcr Weise regeln, daB er dem Schiffe seine Waren im ge-
wünschten Augenblick, den er zum voraus kennt, übergibt;
bîeiben dagegen seine Güter auî dem Kai oder in den Speichern
licgen, so verliert er Zinsen, und die Lagerungs- und Aufsichts-
spesen, der Zuschlag für Zeitversaumnis der Eisenbahnwagen
usw, erhôhen seinen Kostenpreis, wodurch bald seinem Ge-
winn, bald seiner Absatzgelegenhiet Abbruch geschieht, Das-
selbe gilt für den Spediteur, der die Verschiffung für den
Lieîeranten zu einem bedungenen Preise besorgt; falls er sich
nicht auf einen mehr oder weniger bestimmten Einschiffungs-
zeitpunkt verlassen kann, sichert er sich gegen ailes Risiko
durch Erhohung seiner Raten, was natürlich wieder den Preis
des Fabrikanten beeinfluBt,

Bei den vorstehenden Ausführungen über die Bedeutung
der deutschen und englischen Flagge für unseren Hafenver-
kehr tritt zugleich auch die untergeordnete Rolle, die unsere

2*
        <pb n="21" />
        ﻿20

nationale Schiffahrt darin spielt, deutlich zutage, Wâhrencf.
sie 1885 mit 431 454 t oder 11 % vom Gesamtverkehr noch den
zweiten Rang einnahm, wird sie 1890 durch die deutsche Schiff-
fahrt, die mit einem Sprunge das Doppelte erreicht, auf die
dritte Steîle zurückgedrângt, Diesen Piatz hat sie seitdem
zwar behauptet, dock ist ihr prozentuaier Anteil am Hafen-
verkehr fortwâhrend herabgesunken:

1880	1890	1900	1910	1912	1913

12%	10%	7,8%	8,8%	6,6%	6,5%

In 28 Jahren, von 1885 bis 1913, hat sie sich nur etwas
mehr aïs verdoppelt, was sehr wenig ist im Vergleich mit dem
Aufschwung, den die Schiffahrt in anderen Landern genommea
hat; selbst die franzôsische Ziffer hat sich in dem Zeitraum
vervierfacht.

Die nachstehende Statistik (Tabelle VIII)12), die über die

Tabelle VIII.

Belgische Handelsflotte,

Ausgelauîene Schiffe, nach Bestimmungslândern geordnet.

Besfimmungsland	Zahl der  Schiffe	Tonnage
England		192	171.270
Deutschland ........	13	12.424
Frankreich		23	18.775
Spanien (Atlant. Ozean) ....	19	13.926
„	(Mittelmeer)		17	20.456
Italien			52	65.350
Türkei .	. .	•		9	17.455
RuQland (Schwarze See) ....	12	25.158
Egypten		21	38.669
Belgischer Kongo		18	83.942
Vereinigte Staaten von Amerika .	30	271.071
Brasilien		27	64.608
Uruguay und Argentinien. .	.	.	23	59.575

Bestimmungslânder der ausgelaufenen belgischen Schiffe für
1913 Auskunft gibt, lâBt erkennen, dalî diese vornehmlich dem
Nahverkehr dienten; sie liefen die Küsten Englands, Deutsch-
lands, Frankreichs und Spaniens an, Ein geringfügiger Verkehr

12)	Auszug aus der amtlichen Statistik des Antwerpener Hafens,
        <pb n="22" />
        ﻿21

mit Mitteîmeerhâîen sowie vereinzelte überseeische Bestim-
mungen vervollstândigen das Bild; îür allés andere sind wir
ganz und gar vom Ausîande abhângig.

Die einheimische Handelsflotte.

Der verhâîtnismaBig unbedeutende Anteil unserer natio-
nalen Schiffahrt am Antwerpener Seeverkehr ist natürlich der
geringen Entwîckeîung der belgischen Handelsflotte zuzu-
schreiben. Tabelle IX zeigt, daB diese wâhrend der letzten
Jahre in keiner Weise mit dem Aufschwunge unseres Schiffs-
verkehrs Schritt gehaiten hat. Der Anwuchs von 1913 gegen
1912 erklârt sich u. a, durch die geschâftliche Ausbreitung der
Antwerpsche Zeevaart Maatschappij, die an der Trampîahrt
teilnimmt (7 Dampîer mit zusammen 13526 t), sowie durch die
Naturalisierung von 2 Schiffen der Red Star Line (12 910 t),

Tabelle IX.

Die belgische Handelsflotte am 31, Dezember,13 14)

Jahr	Zahl der Schiffe	Netto-Sdiiffsraum
1860	116	33.111
1870	67	30.149
1880	66	75.666
1890	56	75.946
1900	73	113.259
1910	104	191.132
1911	101	166 420
1912	105	181.637
1913	125	236.903'4)

Von der Gesamtzahl von 125 Fahrzeugen sind 71 oder
60 % ehemalige fremde Schiffe, die naturalisiert wurden, Nur
14 von den 125 wurden in Belgien gebaut; es befindet sich ein
einziges groBes Schiff von 5020 t darunter, die ,,Albertville"
der ..Compagnie Belge Maritime du Congo". Man sieht es,
ein innîges Zusammeawirken von Industrie und Reederei gibt
es bei uns nicht.

13)	Nach der amtlichen belgischen Statistik.

14)	Nach dem Lloyd Anversois,
        <pb n="23" />
        ﻿22

Abgesehen von drei Dampfern der Red Star Line, weniger
bekannt unter ihrer belgischen Bezeichnung „Société Anonyme
de Navigation Belge-Américaine" 15 *] und den drei Schiffen der
(.Compagnie Belge Maritime du Congo", die schône Post- und
Passagierdampfer sind, besitzt unsere Handelsflotte nur ge-
wôhnliche Frachtschiffe, meistenteils ziemlich ait und von
geringem durchschnittlichem Tonnengehalt.

Tabelle X.

1914.

Land	Einwohner-  zahl	Anzahl  Dampfer10)	Brutto-Sdiiffs- raum lu)	Netto-Schiffs- raum10)
Belgien17)	.	.	7.501.000	173	341.025	218.800
Danemark .	.	2.757.000	576	770.430	454.262
Norwegen .	.	2.391.000	1.656	1.957.353	1.173.036
Holland .	.	.	5.945.000	709	1.471.710	910.123
Portugal .	5.960.000	107	9^.429	55 449
Schweden .	.	5.561 000	1.088	1.015.364	591.382

Tabelle X stellt einen Vergleich - auf zwischen unserer
Handelsflotte und derjenigen einiget anderer Lânder, die
Belgien an Einwohnerzahl nachstehen.

*

* *

Die vornehmste Ursache der schwachen Stellung unserer
Handelsflotte ist diese: Vermdge seiner Lage am grofien Schiff-
fahrtswege von Nordwest-Europa bietet Antwerpen Deutsch-
land und England aile Bequemlichkeiten für das Lôschen und
Laden von Waren, und da dieser Vorteil rege ausgenützt wird,
kann es seinen eigenen Bedarf an Schiffsraum grôBtenteils
durch Benützung der Schiffe dieser Lânder befriedigen, Anderer-
seits war der ZufluB von Gütern aller Art ein so reichlicher,
daB unser Hafen notwendigerweise zum Brennpunkt eines
starken Wettbewerbs zwischen den verschiedenen Linien
werden muBte. Unter seinem Einflusse wurden dann die Tarife
auf die Dauer so stark heruntergedrückt, daB die Reedereien

15)	Tatsâchlich einem auslândischen Unternehmen angehôrig, das sîe
nur aus Gründen besonderer Art unter belgischer Flagge fahren Iâ6t.

10) Nach Lloyd's Register, 1914.

171 Umfafit aile belgischen Dampfer von mehr als 100 t Raumgehalt,
        <pb n="24" />
        ﻿23

sich gezwungen sahen, MaBregeln dagegen zu ergreifen, So
entstanden die Schiffahrtssyndikate, deren Streben sich darauf
richtete, die Tarife auf einer Grundlage zu erhalten, die îür
einen Gewinn Raum lieB,

Unter diesen Umstânden glaubten Antwerpener Schiffs-
makler und Spediteure, die am Seetransport interessierten
belgischen Exporteure für die Sache der einheimîschen Schiff-
fahrt gewinnen und ihrem Aufkommen mit Aussicht auf Erfolg
in die Hand arbeiten zu kônnen, Nach ihrer Behauptung
würde die Gründung belgischer Reedereien die Befrachtung
von Dampfern gestatten, die auBerhalb des Bereiches der
Syndikate stânden, und aus diesem Grunde sich dadurch Trans-
porte verschaffen kônnten, daB sîe den Verfrachtern günstigere
Tarife anbôten, wâhrend das Unternehmen zu gleicher Zeit
einen hinreichenden Gewinn abzuwerfen vermôchte. Mit drei
Ausnahmen danken die belgischen Reedereien samt und
sonders diesen Umstânden ihren Ursprung, Es ist nicht der
eîgentliche Betrieb der Reederei-Industrie, wie wir ihn in
Deutschland und England fînden, worauf sie es abgesehen
Nhatten. Die Gründer verfolgten in ihrer Eigenschaft als
Spediteure zunâchst den Zweck, aus der Vermittlerrolle, die
ihnen gesichert war, Gewinn zu erzielen und dann den Syn-
dikaten, deren Interessen denen der Verlader widerstritten,
Konkurrenz zu machen. Der Umstand, daB dieselbe Person
zu gleicher Zeit zwei Interessen vertrat, muBte notwendiger-
weise zur Bevorzugung desjenigen Interesses führen, das den
grôBeren Gewinn abwarf,18) Auf dieser Grundlage konnten
die Reedereien nicht gedeihen; die Ratenkâmpfe, denen sie
von Seiten der Schiffahrtsverbande und der auslândischen
Linien ausgesetzt waren, brachten ihnen gewaltige Verluste,
wâhrend die Agenten oder Spediteure, die sie leiteten, be-
deutende Gewinne einheimsten. Die industriellen Kapitalisten
waren selbstverstândlich nicht sehr von dieser Sachlage ein-
genommen, und das um so weniger, als der stetig wachsende
Wettbewerb zwischen den auslândischen, dem Verbande nicht
angeschlossenen Linien und denen, die es waren, ihnen die-
selben Vorteile gebracht hâtte, ohne irgend welches Risiko

18) Siehe den Bericht, vorgelegt von E. Bech, Vizeprâsident der Ligue
Maritime Belge auf dem Nationalen Schifîarhtskongrelî von Brüssel 1910.
        <pb n="25" />
        ﻿24

ihrerseits; darum ist beîgisches Kapital für Schiffahrtsunter-
nehmungen dieser Art auch nicht mehr zu finden, Wir werden
spâter sehen, wie die Regierung sich ins Zeug legen muBte,
nm ihren Untergang zu verhüten, Um ihre Flotte zu bilden,
kauîten diese Reeder-Spediteure im Auslande alte Dampîer
zusammen und gaben ihnen unterschiedslos berühmte Namen
aus der belgischen Geschichte, um die Aufmerksamkeit auf
den nationalen Charakter des Unternehmens zu lenken und
dem patriotischen Geiste einen Sporn zu geben, der durch die
Ausbreitungspolitik Leopolds IL geweckt wurde. Dieser Kônig
und sein Nachfolger Albert haben viel für die belgische Reederei
getan; sie UeBen keine Gelegenheit vorbeîgehen, um der Schiff-
fahrtsausbreitung Belgiens das Wort zu reden. Viel Beachtung
fand eine Rede, die Léopold IL am 15. November 1898 zu Ant-
werpen hielt, und die mit den Worten schloB: „Wir waren die
ersten auf dem Festlande, die Eisenbahnen bauten; wir müssen
auch imstande sein, sie durch Schiffahrtslinien zu verlângern."
Diese Worte gaben den AnstoB zu einer Propaganda, die mit
der Gründung der „Ligue Maritime Belge" und verschiedener
Monats- und Tageblâtter auf den Plan trat, Auf Antrieb des
Kônigs setzte die Regierung verschiedene Gésetze zur Fôrde-
rung der belgischen Schiffahrtsunternehmungen durch, Wir
werden in einem spâteren Kapitel auf sie zurückkommen.

Selbst unter der Voraussetzung, daB der Betrieb unserer
Reedereien auf fester, Grundlage beruht hâtte —- was nicht der
Fall war —, wâre es zu spât gewesen, um sie zu bedeutender
Entfaltung zu bringen. 1863, als der Aufschwung unseres
Flafens seinen Anfang nahm, wâre die Zeit dazu gewesen,
damais, als die fremden Reedereien noch nicht so feste Wurzel
in unserem wirtschaftlichen Leben gefaBt hatten, Tatsâchlich
entsprach der Erfolg der Unternehmungen auch keineswegs
den auf sie gesetzten Hoffnungen; bis zum Jahre 1912 hat
keine einzige dieser Reedereien Dividenden ausgekehrt, und
wenn einige es 1913 taten, so konnte dies nur auf Kosten der
Abschreibungen geschehen, die im Hinblick auf den Zustand
des Schiffahrtsmaterîals mehr als unzureichend waren.

Es gibt noch andere Faktoren, die der Entfaltung der
Antwerpener Eigenschiffahrt entgegenwirkten; ein nâheres
Eingehen auf sie würde uns zu weit führen, Nur auf einen
wolîen wir noch weisen, Unser Ausfuhrhandel ist, weil er
        <pb n="26" />
        ﻿25

grôBtenteils in den Hânden von Fremden îiegt, im allgemeinen
vollstândig auBer Lage, beigische Reedereicn durch Versorgung
mit Frachten zu unterstützen, Seine Lieferungen geschehen
in der Regel f. o, b- {= free on board), das heiBt, bis ans Schiff;
der Ladekontrakt wird entweder vom Kâufer oder vom îremden
Kommissionâr abgeschlossen, und diesen steht die Wahl der
Finie zu.

In einem spâteren Abschnitt werden wir sehen, daB
Belgiens Handel und Industrie, falls die auf der Pariser Kon-
ferenz gefaBten Beschlüsse zur Ausführung geîangten, sich mit
der nationalen Handeîsflotte begnügen müBten, Da diese aber
tatsâchlich ganz pnbedeutend ist, tâte eine Vermehrung der-
selben in betrâchtlichem MaBstabe not, wenn sie den Bedürf-
nissen der belgischen Wirtschaft auch nur annâhernd genügen
sollte,

Im Hinblick auf das môgliche Eintreten dieses unverhofften
Bedürfnisses einer belgischen Flotte nützte die Regierung den
günstigen Augenblick aus, um ihre aîte Politik der belgischen
Schiffahrtsausbreitung in die Praxis umzusetzen, indem sie
sich mit einer kleinêh Gruppe beîgischer Reeder, die im Aus-
lande bedeutende Kriegsgewinne zu erzielen in der Lage waren,
ins Einvernehmen setzte. Als Ergebnis trat eine Schiff-
fahrtsgesellschaft „Lioyd Royal Belge" am 26. Juni 1916 in
De Panne ins Leben und erhielt daselbst am 16, Juli 1916 die
kônigliche Bestâtigung.

Die Gesellschaft, deren Sitz Antwerpen werden solî, ver-
îügt über ein restlos eingezahltes Kapital von 50 Millionen Fr,
und ist zur Ausgabe von vierprozentigen Obligationen bis zu
einer Hôhe von 100 Millionen Fr, ermachtigt, 25% dieser
Obligationen wurden ausgegeben und von den (englischen)
Gîâubigern des belgischen Staates gezeichnet (Indépendance
belge vom 26, August 1916); die übrigbleibenden 75% sollen
in letzter Hand vom Staat übernommen werden zur Konversion
eines Darlehens von 75 Millionen Fr,, das der Gesellschaft
behufs Schiffsankauf gewâhrt wurde, Das Darlehen ist hypo-
thekarisch auf das Schiffahrtsmaterial der Gesellschaft ge-
sichert. Fur den Faîl einer Vermehrung des Gesellschafts-
kapitals behalt sich der Staat das Redit vor, die Hâlîte davon
zu zeichnen, stellt aber andererseits die Forderung, daB das
Kapital, wenn die Ausgabe neuer Obligationen sich aïs
        <pb n="27" />
        ﻿.............................................. ........................................................................ ■ ■' ....................................................................................................................................................................................................................... 1

— 26 —

wünschenswert herausstelle, um eine Summe erhôht werden
müsse, die der Halfte des Betrages der auszugebenden
Obligationen gleichkommt.

Es handelt sich also um ein Unternehmen groBen Stils,
Um so mehr fâllt daher die geringe Anzahl der Interessenten
auî; denn von den sieben Gründern, die das Gesetz erheischt,
haben drei 48,5 Mill, Fr., also 97 % des Kapitals, gezeichnet
und eingezahlt.

Sobald die Sache bekannt wurde, erhoben sich laute Pro-
teste aus den im Ausland weilenden beîgischen Kreisen, die
am Schiffahrtswesen unseres Landes interessiert sind; in erster
Lime nahmen die ,.Union des Armateurs Belges"19) und der
„Cercle des Expéditeurs, Exportateurs et Importateurs
dAnvers"20) denKampf gegen dieRegierung auf, „Le Neptune"
und „L'Indépendance Belge", die beide in London erscheinen,
machten sich zu ihren Sprachrohren; die Minister Segers und
van de Vyvere nahmen selbst die Verteidigung ihrer MaB-
nahmen in dem Blatte „XXe Siècle"21) in die Hand, Von diesem
Zwist und der Polemik, die er im Gefolge hatte, wolîen wir
nur die folgenden Punkte erwahnen:

a)	Da die Reeder ihr Bedauern darüber ausgedrückt hatten,
daB die Regierung es nicht für nôtig gehalten habe, die Kreise
zu Rate zu ziehen, die auf Grund ihrer fachmânnischen Kennt-
nisse irnstande seien, die beste Losung des Frachtenproblems
nach dem Kriege ins Auge zu fassen, antwortete die Regierung,
daB sie „eine andere Auffassung von ihrer Wtirde und ihren
Rechten" habe und daB „sie nicht gewiîlt sei, sich nach der
Art Minderjâhriger der Bevormundung einer interessierten
Genossenschaft zu unterstellen, und daB sie nicht wünschte,
ihre MaBnahmen von der Bestâtigung einer Gruppe abhangig
zu machen".22)

19) Versammlung vom 11. Juli 1916, woran aile Mitglieder, mit Aus-
schlufi der Interessenten natürlich und der Red Star Line, teilnahmen.
(Le Neptune, 15. Juli 1916.)

M) Versammlung vom 10. August 1916, (La Métropole, 23, Aug. 1916.)

21) Nummern vom 22. Juli 1916 und folgenden Tagen.

a2J Der geschâtzte Nationalôkonom Herr Charles Le Jeune (See-
versicherer in Antwerpen), Vorsitzender des Comité Maritime International,
hat in der Indépendance Belge eine Kritik des Lloyd Royal Belge ver-
ôffentlicht, die wir in ihren Hauptzügen im IV. Abschnitt wiedergeben, und
die wir unsern Lesern ganz besonders zur Durchsicht empfehlen.
        <pb n="28" />
        ﻿27

b)	Die indépendance Belge11 schreibt; „Wir kritisieren
den ,,L. R, B,“, dessen Gründung der Schiffahrts- und der
Finanzminister als ein géniales Unternehmen von groBer Not-
wendigkeit betrachten, weil wir ihn als eine Bürde für unsere
ôffentlichen Finanzen ansehen, deren Nôtwendigkeit oder
Rechtfertigung wir nicht anerkennen kônnen,"

Sie sagt weiter:

„Warum setzt die Regierung einen Zinssatz von 4% an,
wo sie selbst doch 5—5% % zahlen muB?“ — „Werden normale
Tarife (nach dem Kriege) imstande sein, das Kapitai gewinn-
bringend zu machen, wo die Reederei ihr Schiffsmaterial zu so
auBerordentlich hohen Preisen erwerben muBte?"

c)	Die Antwort der Minister enthâlt diesen bemerkens-
werten Satz; „Die besclilagnahmten belgischen Schiffe haben
eine Entschâdigung erhalten, die 3% mal hôher ist, als der in
Engîand gezahlte Frachtsatz,11

Wie kann die Regierung eine solche Haltung, die auf die
Bevorzugung einiger Günstlinge abzielt, rechtfertigen?

d)	Die Times vom 12, Oktober 1916 schreiben: „Da dem
Unternehmen eine ansehnliche Regierungszulage als Stütze
dient, darf man sich der Hoffnung hingeben, daB es zur Ver-
wirklichung seiner Plane imstande sein wird.“ Ist es nicht
bezeichnend, daB selbst die Englânder, als „business-men“
Vorbilder der Welt und Fachleute ersten Ranges in Schiffahrts-
sachen, sich nur bédîngungsweise und mit Zurückhaltung über
die Lebensîâhigkeit des Unternehmens auBern? „LaBt die
Reederei aus privater Initiative durch den Handelsgeist sich
entwickeln, ohne Aufruf an den Patriotismus und ohne Regie-
rungszulagen11, lasen wir in „Le Neptune11 vom April 1910; es
kann keineswegs schaden, hier daran zu erinnern,

e)	Die Flotte des „L, R, B,11 besteht zur Zeit nur aus
39 Schiffen mit einem Gesamtgehaît von 124 900 Bruttotonnen2S),
so daB ein DurchschnittsmaB von etwa 3200 t auf jedes einzelne
Schiff entfâllt, Sie sind demnach vor allem für die Tramp-
schiffahrt geeignet — 26 von den 39 Schiffen gehôrten der
Reederei Brys &amp; Gylsen von Antwerpen, die übrigen fahren
noch unter englischer Flagge. Unwillkürlich stellt man sich
dabei die einigermaBen bange Frage, woher die Reederei das 23

23)	Lloyd's List, 25, September 1916.
        <pb n="29" />
        ﻿28

geeignete Schiffsmaterial zu nehmen gedenkt, das in dem
Augenbiick, wo das Land seiner bedarî, zur Verfügung stehen
muB, um „an die Stelle der deutschen Linien zu treten"24), d, h,
der Schiffe des Norddeutschen Lloyds, der Hamburg—Amerika-
Linie usw. usw.

Von alî dem empfângt man den peinlichen Eindruck, daB
politische Rücksichten hier über kaufmânnische Erwâ’gungen
den Sieg davongetragen haben; ein Unternehmen, das auf einer
derartigen Grundlage beruht, kann den Interessen der Ali-
gemeinheit nur schaden und uns keinc hinreichenden Garantien
für die Zukunft bieten,

Der ,.XXe Siècle" schreibt natürlich zu recht: „Es wird
für die belgische Industrie besser sein, solche Schiffe zu be-
sitzen als gar keine"25), aber da Belgiens Handel und Industrie
anerkanntermaBen besonders günstige Bedingungen u. a. hin-
sichtlich des überseeischen Transports erheischen, warum denn
bestehende Verhaltnisse von Grund aus umgestalten wollen,
wenn man zum voraus weiB, daB das Land notwendigerweise
bei dieser Abanderung verliert? Müssen die wirtschaftlichen
Interessen des Lande s, die einzigen, die seine Lebensbedin-
gungen zu sichern vermôgen, Rücksichten politischer Art
untergeordnet werden? Wir meinen, Belgien hat genug unter
dem Kriege gelitten, und man sollte ihm die Aufgabe seiner
Wiederaufrichtung nicht noch schwieriger machen. Die Un-
zulanglichkeit unserer Kauffahrteiflotte springt îns Auge, sic
ist nicht in der Lage, die Bedürînisse unseres überseeischen
Verkehrs zu befriedigen, aber keine Handelsunternehmungen
mit politischem Untergrund werden uns für die Verluste, die
eine Wirtschaftskriegs-Poîitik im Geîolge haben kann, zu ent-
schâdigen imstande sein,

Der Weübewerb în der Schifîahrt und seine Wirkungen,

Die geringe Stârke der belgischen Kauffahrteiflotte be-
hinderte übrigens in keiner Weise den überseeischen Trans-
port, sei es der eigenen oder der îremden industrielîen Erzeug-
nisse, Diese wie jene wurden unterschiedslos von allerhand
Schiffen ohne Rücksicht auf Staatsangehôrigkeit verladen,

24)	XXe Siècle, 7. September 1916.

25)	Nummer vom 7, September 1916.
        <pb n="30" />
        ﻿29

Herkunft oder Bestimmung der Güter übten auf die Transport-
tarife keinen EinfluB aus. Die deutschen Schiffe z, B, verluden
belgische Waren zu denseiben Bedingungen wie deutsche, Und
die belgischen Linien boten ihrerseits der Eigenindustrie keine
Begünstigung irgend welcher Art.

Es gibt kein Gebiet des Wirtschaftslebens, auî welchem
der Wettbewerb so leicht und so spontan ins Leben tritt, aîs
auf dem der Schiffahrt. Er wirkt ohne jeglichen Unterschied
zum Vorteil aller Lânder, die wie Belgîen so glücklich sind,
cinen groBen Hafen an den HauptschiffahrtsstraBen zu besitzen,

Dank der groBen Mannigfaltigkeit und reichen Menge der
Güter, die ihm aus dem eigenen Lande wie aus dem deutschen
Hinterîande zuflossen, war Antwerpen stets der Mittelpunkt
auBerst regen Handeîsverkehrs,

Zwischen den beiden groBen seeîahrenden Lândern, Eng-
land und Deutschland, ist seit lângerer Zeit ein Kampf um die
Herrschaft über die Weltschiffahrt im Gange, Im allgemeinen
lieBen die groBen englischen Reedereien jedoch, wie schon
oben erwâhnt, den Deutschen die deutschen Hafen über,
wâhrend letztere als Entgelt dafür mit den Englandern in deren
eigenen Hafen nicht in Wettbewerb traten, Darüber bestand
eine Art stillschweigenden Übereinkommens. Um so hart~
nackiger bestritten sie einander aber den Verkehr der inter-
nationalen Hafen, insbesondere wenn diese im beiderseitigen
Bereich lagen, Bei Kriegsausbruch hatten die Deutschen in
bezug auf die groBen regelmâBigen und schnellfahrenden Linien
die Überhand, wâhrend der Kampf um die gewôhnliche Schiff-
îahrt no ch im Gange war.

Der Wettbewerb übt einen regelnden EinfluB auf die
Preise und Bedingungen aus, zu welchen die Spediteure ihre
Güter verladen kônnen.

Wie wir spâter sehen werden, erheischt unsere Industrie
vermoge ihres Charakters als verarbeitende oder Veredelungs-
industrie besonders günstige Transportbedingungen, wenn sie
ihren Platz auf den überseeischen Mârkten behaupten wiîî.
Andererseits erfordert der Wettbewerb, den einige andere
Hafen Antwerpen hinsichtlich des Verkehrs mit gewissen
Teilen des deutschen Hinterlandes machen, das Zusammen-
wirken aller Faktoren, welche die Preise des Transports über
Antwerpen môglichst günstig zu gestalten vermôgen, Der
        <pb n="31" />
        ﻿30

Wettbewerb der fremden Linien setzte Antwerpen instand,
aile gewünschten Vorteile zu bieten. Um ihre Ladung zu ver-
vollstândigen, nahmen diese Linien oft bei uns Frachten zu
niedrigeren Satzen an als in Liverpool oder Hamburg.

Dieser Sachlage verdankten wir andererseits eine Haufig-
keit der Schiffsabfahrten verbunden mit einer Mannigfaltigkeit
von Bestimmungsorten, wie kein anderer Hafen sie aufzuweisen
vermochte. Aile Hafen der Welt, die einigermaBen von Be-
deutung waren, standen mit Antwerpen in direkter Verbindung.
Wenn wir die Tonnage-Statistik der in Antwerpen ein-
gelaufenen Schiffe mit derjenigen der geladenen oder ge-
lôschten Waren vergleichen und annehmen, daB einer Netto-
Registertonne im Durchschnitt eine Ladung von 2000—2500 kg
entspricht, komxnen wir zu dem Ergebnis, daB die 7056 Schiffe
bei uns durchschnittlich nur ein Drittel ihres Tonnengehalts
geloscht und etwa ein Viertel davon geîaden haben.

Ohne die durch den Wettbewerb geschaffene rege Nach-
îrage nach Frachten hâtten wir also ganz bedeutend weniger
Schiffsein- und -ausgange, ohne ihn würden die Schiffe offenbar
nicht um eine so geringfügige Teilîadung Antwerpen angelaufen
haben; eine Konzentration der Ladung auî eine geringere An-
zahl von Dampfern hâtte sich dann von selbst vollzogen, und
wir waren eines unserer Hauptvorzügc beraubt gewesen.

Dagegen kônnte man einbrîngen, daB die regelmâBige
Schiffahrt, die ja gerade in Antwerpen so stark auf den Vorder-
grund tritt, îm alîgemeinen Schiffsverbanden angeschlossen ist,
und daB diese mâchtigen Organisationen untereinander Ver-
einbarungen betreffs Regelung der Abfahrtenfrequenz und der
Transporttarife zu treffen pflegen. Freilich ist nicht zu leugnen,
daB die heilsamen Wirkungen des freien Wettbewerbs durch
letztgenannten Umstand in den meisten Schifîahrtsgeschaften
stark abgeschwâcht werden, Antwerpen bildet aber in den
wcitaus meisten Fallen eine Ausnahme, Das hat zunachst in
dem dort zur Verfügung stehenden reichlichen Schiffsraum
seinen Grund, und dann in der besonderen Art der Güter, die
zum Schiffsversand dorthin kommen. Die schweren Güter
(Eisen- und Stahlwaren, Trager, Eisenbahnschienen usw.), die
sich für den Versand mit den groBen Linien eignen, sind bei
uns viel mehr vertreten als in den anderen Hafen, die diese
Linien anlaufen, Da sie dieser Warengattung bedürfen zur
        <pb n="32" />
        ﻿31

rationellen Ausnützung des Schiffsraums durch Kombination
von Schwer- und MaBgütern, dieselbe Warengattung aber
andererseits wieder die geeignetste ïst für Dampfer der Tramp-
schiffahrt, so bewirkt der Wettbewerb, der hinsichtlich ihrer
zwischen diesen beidenBetriebsartenderReederei einsetzt, einen
Niedergang der Frachtsàtze, In bezug auf leichte und wertvolle
Giiter, die man gewôhnlich mit Schnelldampfern der regel-
mâBigen Linienfahrt versendet, ist dieKonkurrenz weniger scharf,

Aus dieser Sachlage haben die Antwerpener Spediteure
wundergut ihren Vorteil zu ziehen gewuBt und auf die Weise
viel dazu beigetragen, daB Antwerpen einer der billigsten
Hâfen der Welt geworden ist. Ein Hafen, der als Kopîstation
dient, wie Hamburg oder Bremen, kann dieselben Vorteile
nicht genieBen wie ein Anlaufhafen gleich dem unsrigen,

Unsere Regierung bat übrigens die Notwendigkeit, môg-
lichst viele regelmâBige Linien nach Antwerpen zu ziehen,
sehr gut eingesehen; sie Hat mit einigen dcrselben, vor aîlem
aber mit den deutschen Linien, die aus den schon erwâhnten
Gründen die meisten Vorteile boten, eine Reihe Vereinbarungen
getroffen, auf die wir spâter zurückkommen,

Um die Notwendigkeit des international en Wettbewerbs
für die Bedürfnisse der belgischen Industrie noch besser ins
Licht zu stellen, entnehmen wir dem sehr interessanten Bûche
De Leeners „Was dem belgischen Ausfuhrhandel fehlt“20)
folgende Stelle:

,,Bis zum Mai 1904 hatten vier Dampferlinien das Transportwesen
von Antwerpen nach Alexandrien in gewissem Sinne monopolisiert. Das
waren die Deutsche Levante-Linie, die Westcott and Laurance Line, die
Prince Line und eine belgische Linie der Reederei Deppe, Die drei ersten
fuhren unter deutscher oder englischer Flagge bezw. Die vier Linien
hatten einen gemeinsamen Frachttarif ausgearbeitet, wie man deren seit
einigen Jahren viele in der regelmâCigen Schiffahrt antrifft, Da trat eine
neue Linie, die Sphinx Line, in Wettbewerb mit dem Verbande und be-
wirkte eine Verbilligung der Frachtsatze von 40—50 %, Infolgedessen
konnten viele unserer Erzeugnisse, welche die hohen Transporttarife vom
eiyptischen Markt ferngehalten hatten, in Alexandrien verkauft werden.
Dies ist ein typisches Beispiel dalür, welche Dienste eine fremde Handels-
îlotte der Ausfuhr eines Landes leisten kann. In dem Verbande, der sich
zur gemeinsamen Preisregelung der Frachtsatze gebildet hatte, wahrte die
nationale Linie die belgischen Interessen nicht besser, als die fremden
Gesellschaften."

2e) De Leener, Ce qui manque au commerce d'exportation belge,
p. 16—17.
        <pb n="33" />
        ﻿32

Aus der Tatsache, daB dem Handel und der Industrie aus
dem internationalen Wettbewerb offenkundig Vorteile er-
wachsen, zieht der Autor die SchluBfolgerung, daB die nationale
Flotte gar keinen EinfluB auf die wirtschaftliche Entfaltung des
Landes bat. Ihr fâllt als allenfalisige und alleinige Aufgabe die
Einrichtung von direkten Diensten nach gewissen Lândern in
den wenigen Fallen zu, wo die bestehende Verbindung dahin
die Benützung von mehreren Linien sowie zeitraubenden und
kostspieligen Umschlag erforderlich macht,

Gewisse Verteidiger der belgischen Handelsîlotte gestehen
selbst zu, daB es dieser unmôglich ist, uns dieselben Vorteile
zu verschaffen wie die fremden Schiffe. In der „Beîgique
maritime et coloniale" vom 6. Februar 1910 schreibt Mr, Hervy-
Cousin: „Unsere Handelsschiffe kdnnten uns kaum so günstige
Bedingungen bieten,"

Andererseits war die Tatsache, daB mehrere Schiffahrts-
linien mit gemeinsamer Bestimmung das Zustrômen von Gütern
begünstigen, der entscheidende Grund für die deutsche Regie-
rung, um die Postdampfer nach Australien und Ostasien Ant-
werpen, nicht Rotterdam anîaufen zu lassenj der belgische
Hafen bot ihnen übrigens auch aile Bequemlichkeiten an, wo-
hingegen Rotterdam, beeinfluBt von den groBen hollandischen
Linien, keinerlei Zugestandnisse machen wollte.

Endlîch sind die Vorteile, die uns die fremde Handelsîlotte
bietet, derartige, daB deutsche Reichtagsabgeordnete im Lauîe
der Sitzung 1897/98, als die den deutschen, regelmaBig Ant-
werpen anlaufenden Postdampferlinien zu gewâhrenden Zu-
schüsse zur Sprache kamen, die Ansicht ausdrückten, man
kônne der belgischen Regierung vorschlagen, einen zu be-
«stimmenden Teil der genannten Zuschüsse auf sich zu nehmen.

♦

♦ ♦

„Die Zukunlt des Landes liefe Gefahr, wenn Antwerpen
aufhoren sollte, der Mittelpunkt regen Schiffsverkehrs zu sein,"
hat De Leener27) so sehr zu recht gesagt, und doch würde dies
das Ergebnis des Wirtschaftskrieges sein.

27) De Leener, La politique des transports en Belgique, p. 317.
        <pb n="34" />
        ﻿33

Von der Schiffahrt auî der Schelde, die nach so lang-
wierigen und mühsamen Verhandlungen von den Hemmnissen,
die ihre Entwickelung bis 1863 lâhmten, befreit wurde — zu
welcher Befreiung aile seefahrenden Nationen, die an unserem
Verkehr interessiert waren, Beitrâge zahlten — sollte diejenige
jener Nationen sich ausgeschlossen sehen, die nach dem Zeug-
nisse des Ministerprâsidenten Barons de Brocqueville am
meîsten zu ihrer Entîaltung beigetragen hat! Herr de Brocque-
ville wohnte am 16. Dezember 1911 dem Festmahl bei, das Herr
Albert von Bary den Notabilitâten Antwerpens und Belgiens
gelegentlich der 25. Jahresfeier des Norddeutschen Lloyds in
Antwerpen gab, und nahm diese Geîegenheit wahr, um sich
über die groBzügigen Plane der Regierung in bezug auf FluB-
korrektion und Ausbreitung der Hafenanlagen auszulassen.
„Das Gedeihen des Antwerpener Hafens,1' sagte er, „hangt ab
von den groBen Schiffahrtslinien, die ihn regelmâBig anlaufen,
und unter diesen verdient die machtige Bremer Gesellschaft,
der „Norddeutsche Lloyd", die den zwôlften Teil der gesamten
Haîenbewegung für sich beanspruchen kann, ganz besondere
Erwâhnung."s8) Und heute will der Herr de Brocqueville nicht
allein die Vorteile, die dem Platze Antwerpen von Seiten des
N, D, L., sondern überhaupt aile Vorteile, die ihm aus dem
deutschen Schiffsverkehr erwachsen, durch einen Federzug zu
nichte machen!

Antwerpen würde also fast nur noch Schiffe der Bundes-
genossen in seinem Hafen sehen; die wenigen neutralen Schiffe,
die vielleicht auch fürderhin dort anlaufen würden, waren
offenbar nicht zureichend, um ein Gleichgewicht herzustellen.
Der îreie Wettbewerb ware somit aus unserem Hafen verbannt,
und was das für unser Land bedeutet, ist aus den vorher-
gehenden Seiten einigermaBen ersichtlich, wird aber auf den
folgenden noch augenscheinlicher zutage treten.

Vor dem Kriege verfügte die Handelsflotte der Welt über
24 444 Schiffe mit einem Gesamtgehalt von 45 403 875 t,2B)
Seitdem betrugen die Schiffsverluste auf Grund feindlicher
Handlungen bis 30. November 1916:

2a) Die Antwerpener Zeitung Le Matin vom 17. Dezember 1911.
29j Nach Lloyd's List, Juni 1914.

3
        <pb n="35" />
        ﻿34

- Schiffe Tonnengehaît
vom 1, Aug. 1914 bis 30, Sept, 1916:	1840	3 381 0C0 30)

„	1. Okt. 1916 „ 30, Nov. 1916:	399	778 763

Insgesamt: 2239	4 759 863

Hiervon sind bis zum 30, September 1916 wiederum
96 Schiffe von insgesamt 268 682 t, die repariert werden
konnten, in Abzug zu bringen.

Die englische Handelsflotte bat die meisten Verîuste
crlitten.

Dazu kommen noch die Schiffsverluste ans verschiedenen
Ursachen (Schiffbrüchen, ZusammenstôBen usw.); nach der
Liverpool Underwriters’ Association betrugen sie für die letzten
drei Jahre: 1911: 476 206 t, 1912: 483158 t, 1913: 527 884 t,
also im Jahresdurchschnitt etwa % Million t.

Überdies wird die Unterhaltung der Schiffe wâhrend des
Krieges viel zu wünschen übrig gelassen haben und der Ver-
schleiB sich daher als ein ungewôhnlich groBer herausstellen;
die nôtigen Reparaturarbeiten werden darum nach Friedens-
schluB wohl einen betrâchtlichen Schiffsraum für einige Zeit
festhalten, Das wird vor allexn der Fall sein, wenn die ver-
schiedenen Regierungen sich entschlieBen sollten, den Betrieb
der Schiffahrtslinien für die Dauer des Krieges selbst in Hand
zu nehmen,

Was die Schiffsneubauten anlangt, so ist keine zuverlâssige
Nachricht darüber zu bekommen. Die beiderseits verôffent-
îichten Zahlen weichen zu stark von einander ab, um als
Grundlage zu einem Urteil darüber dienen zu kônnen, inwie-
fern die ungeheuren Verîuste durch Neubauten ersetzt wer-
den,51) Hôchst wahrscheinlich ist aber mit einer merklichen
Verringerung des Weltschiffsraums zu rechnen, die sich um so
fühlbarer machen wird, als die Wiederbevorratung aller Lânder
der Welt eine ungeheure Nachfrage nach Frachten zur Folge
haben mufi.

Die allgemeine Unzulânglichkeit der Transportmittel, die
sich aus dieser Sachlage ergeben muB, wird Belgien stark in

ao) Nach Blom &amp; van der Aa, Amsterdam,

**) Festgestellt sei hier, daB der Verfasser s. Z. von dem seit 1, Februar
4917 eingetretenen verschârften Tauchbootkrieg noch keine Kcnntnis hatte;
es besteht ja nunmehr kein Zweifel, daB die Verîuste auch nicht annâhernd
durch Neubauten wettgemacht werden konnen. (Der Übersetzer.)
        <pb n="36" />
        ﻿

— 35 —

Mitleidenschaft ziehen, und zwar auî Grund folgender Aus-
sichten für die Zukunft;

Im Jahre 1912 betrug z. B, der Gesamt-Schiffseingang in
den englischen Haien 74 214 Mill, Netto-Reg.-t,32) Von diesem
Schiffsraum fuhren 43 871 Mill. Netto-Reg.-t unter englischer
und 30 342 Mill. Netto-Reg.-t unter fremder Flagge. Von
letzterer Zabi entfallen 8 329 Mill, Netto-Reg.-t auf die deut-
schen und ôsterreichischen Schiffe, die somit 11 % aller auf
Engîand fahrenden Schiffe ausmachten. Da nun weiterhin der
Anteil der Verbündeten am englischen Schiffahrtsverkehr
5 073 Mill, Netto-Reg.-t (Frankreich 1888, Belgien 1488, RuB-
land 1 000, Italien 0 697) erreicht, faîlen die übrigbleibenden
16 942 Mill, Netto-Reg.-t auf die „Neutralen“,

Selbst unter der Annahme, daB Englands AuBenhandel
ungefâhr auf der gleichen Hôhe bleibt, kann sein Bedarî an
Schiîfsraum sich nach dem Kriege, wo ungeheure Vorrâte neu
zu beschaffen sind, nicht verringern, und jedenîaîls wird das,
was nach FriedensschluB von seiner zweifellos merklich
reduzierten Handelsflotte verîügbar ist, stark von seinem
eigenen Verkehr in Anspruch genommen sein.33)

Dasselbe gilt von allen anderen Vôlkern, Freilich werden
die Bedürfnisse des einen Volkes durch den Austausch, der
eintreten wird, diejenigen eînes anderen bis zu einem gewissen
Grade ausgleichen, aber dieser Austausch wird durch die Art
der Erzeugnisse selbst, woran das eine Volk Mangel und das
andere ÜberfluB hat, eingeschrânkt, und zwar um so mehr, als
der allgemeine Charakter der Lânder Nordwest-Europas in
wirtschaîtlicher Hinsicht wesentlich gleichartig ist.

Was Frankreich anlangt, so wird der Mangel an Verkehrs-
mitteîn sich dort noch weit fühîbarer machen, da dieses Land
ja in Zukunft, wenn sein bester Kunde, Deutschland, aus-
geschaltet wird, viel stârker als früher von der Fin- und Aus-
fuhr über See abhangt,

Engîand endlich wird es sich zur Aufgabe machen, mit der
deutschen Handelsflotte in den Hafen, die dieser dann noch

32)	Weltwirtschaftliches Arcliiy, Bd, II, S. 254,

33)	Die Tatsache, daB Engîand die fur auslândische Rechnung auf
sein en Werften in Bau befindlichea Schiffe beschlagnalimt hat, obschon
die Fertigstellung vieler davon erst in ziemlich îerner Zeit in Aussicht
.steht, iâfit die Annahme nur um so gegründeter erscheinen.

3*
        <pb n="37" />
        ﻿s.

— 36 —

offen stehen, in Wettbewerb zu treten, und da die englischen
Reeder groBe Kriegsgewinne erzielt haben, verspricht dieser
Wettbewerb ein âuBerst reger zu werden.

Die Deutschen ihrerseits haben für ihre Handelsflotte einen
ziemlich betrâchtlichen Verlust an Schiffsraum erlitten, und
zwar hauptsâchlich infolge der Beschîagnahmungen, welche
die Verbündeten zu Anîang des Kricges auf offenem Meere,
wie in den Hafen Englands, Frankreichs, und spâter Portugais,
Italiens usw, vornahmen. Die Gesamtsumme des so verlorenen
Schiffsraums betrâgt ausschlieBlich der in Italien beschlag-
nahmten Schiffe, 1005 000 t34) denen nur 200 000 t von in
deutschen Hafen zurüchgehaltenen Schiffen der Bündesgenossen
gegenüberstehen, Ob gegebenen Falles ein Austausch statt-
finden wird, hangt offenbar von den Frxedensbedingungen ab.

Zufolge Zeitungsnachrichten ist aber inzwischen für die
Hamburg—Amerika-Linie u, a, der Dampfer „Bismarck“ von
56 000 t fertig geworden; der Norddeutsche Lloyd hat ver-
schiedene Dampfer, worunter zwei von 35000 t, den „Kolumbus“
und den „Hindenburg‘‘, bauen lassen, Der Gesamtgehalt der
seit Kriegsbeginn auf deutschen Werften gebauten Schiffe wird
auf 750 000 t veranschlagt.35)

Aber auch hier wird der Bedarf ein ungeheurer sein und
die Inanspruchnahme allen verfügbaren Schiffsmaterials wie
die Aushülfe der Neutralen, die allein zu helfen imstande sein
werden, erheischen,

Wenn Belgien also, um darauf zurückzukommen, allen
seinen wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland entsagt,
befindet es sich in einer sehr zweifelhafteû Lage, Die îremden
Schiffe, die sich dann noch darauf einlassen, zu uns zu koramen,
werden dies nur zu schwer auf uns lastenden Frachtsâtzen tun;
unser Hafen bietet ihnen dann keinen einzigen der Vorteile
mehr, die ihm Weltruf verschafften, und unsere durch den Krieg
so hart mitgenommene Industrie wird mit ihrer Ausfuhrkraft
auch die gewünschte Anziehungskraft einbüBen. Die auf Ant-
werpen fahrenden Schiffe werden nicht mehr in Wettbewerb

M) Seitdem hat diese Zahl infolge des Kriegszustandes bezw. Ab-
bruchs der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland einerseits
und den Vereinigten Staaten von Amerika, China und Brasilien anderer-
seits eine ziemliche Zunahme erfahren, (Anm. des Übersetzers.)

35) Nieuwe Rotterdamsche Courant, 12. Dezember 1916.
        <pb n="38" />
        ﻿mit einander treten und ihren Verkehr xiach Gutdünken regeln,
Audi dürfen wir uns keine allzu groBe. Hoffnungen auf ein
Abkommen machen, das die Verbündeten unter sich treffen
würden, um den unumganglich notwendigen Schiffsraum zu
unserer Verfügung zu stellen; der Krieg, wo die Interessen
doch soîidârster Art sind, hat uns eine ziemlich skeptische
Ansicht über derartige Abkommen beigebracht.

Andererseits wird Antwerpen seinen Charakter als An-
lauîhafen mit allen damit verbundenen Vorteilen verlieren, um
Linien-Kopfstation zu werden.

Die Bunkerkohle endlich wird uns, îalls wir sie von Eng-
land beziehen müssen, teurer kommen, als wenn Deutschland
sie uns lieferte.

Unberechenbar sind die Folgen dieser Sachlage für Belgiens
Handel und Industrie. Wir haben bereits darauf hingewiesen,
wie unentbehrlich letzterer billige Frachten sind. Schon vor
dem Kriege hatten einige groBe Industricn des Lütticher Landes
unter dem Drucke dieser Notwendigkeit selbst einen betrâcht-
lichen Teil ihrer Ein- und Ausfuhr über Rotterdam (durch die
Maas und die Kanàle) leiten müssen. Da diesem Hafen ge-
gebenen Falles die Erbschaft unseres deutschen Verkehrs zu-
fâllt, wird er der Schiffahrt die gewünschten Vorteile bieten,
um dort einen Mittelpunkt des Seeverkehrs zu schaffen und
auf Unkosten Antwerpens einen groBen Teil unserer eigenen
Ausfuhrprodukte an sich zu ziehen. 30)

*

* *

Dieser Überblick über die Hafenbewegung Antwerpens
ware unvollstândig, wenn wir nicht auch die Binnenschiffahrt
in Betracht zôgen. Die nachstehenden Zahlen (Tabelle XI)
werden den Umlang dîeses Verkehrs dartun und die bedeutende
Rolle ins Licht stellen, die Deutschland dank der Verbindung
zwischen Rhein und Schelde auch auf diesem Gebiete spielt.

so) Diese Gefahr nimmt einen um so ernsteren Charakter an, als man
sich in Holland eifrig mit dem Projekt der Maaskanalisation beschaftigt;
durch seine Ausführung würde der Verkehrsweg zwischen dem Lütticher
Lande und Rotterdam sehr vorteilhaft für dieses Industriezentrum werden.
        <pb n="39" />
        ﻿38

Tabelle XL
Binnenschifîahrt,

1913.

Herkunft  oder  Bestimmung	Sdnffseingang		Schiffsausgang	
	Zahl	Sfers3;)	Zahl	Sters
Binnenland .	.	83.276	6.014.094	32.264	5.679.007
Deutschland .	3.872	3.07O.014	3.592	2.405.495
Frankreich	478	130.731	703	199.363
Holland .	.	.	6.330	801.128	7.232	1.643.044
însgesamt	43.956	10.021.976	43.791	9.926.909

Die Statistik unterÿcheidet die Binnenschiffe nicht hin-
sichtlich der Flagge, doch ist die Annahme jedenfalls zulâssig,
daB weitaus die Mehrzahl der groBen Kâhne, die vom Rhcin
kommen oder dahin fahren, die deutsche Flagge führt. Die
Liste der hauptsâchlichsten Reedereien, die eine Zweignieder-
lassung in Antwerpen haben, dürfte dieser Annahme als Stütze
dienen konnen. Es sind u. a. die îolgenden: Mannheimer Lager-
haus-Gesellschaft, Deutsch-belgische Schiffahrts-Geseîlschaft,
Union Rheinschiffahrts-Gesellschaft, Karl Scliroers, Rheinisch-
Westfâlisches Kohlen-Syndikat usw.

Die Anwesenheit einer so groBen Anzahl Kâhne, die not-
wendigerweise Wettbewerb nach sich zieht, übt auf den Handeî
und die Industrie dieselbe günstige Einwirkung ans, die wir für
den Seeverkehr feststellen konnten.

Antwerpen darf übrigens den Nebenverkehr, der ihm ans
dem Wassertransport von und nach Deutschland erwâchst, in
keiner Weise aufier Acht lassen. Es muB ihn, wie De Leener
sagt, so viel wie moglich zu lôrdern suchen. „Das geiingt ihm
denn auch, wie die wâhrend der letzten zehn Jahre festgesteîlte
auBerordentliche Zunahme der Tonnage der Rheinschiffe be-
zeugt, die nach Belgien gingen oder daher kaxnen, d, î. fast
ausschlieBlich Antwerpen als Bestimmungs- oder Ausgangs-
plaz hatten, Dieser Verkehr, der für 1901 nur 2% Mill, t be-
trug, erreichte 7,7 Mill. t für 1910."

Wir verdanken diesen Zuwuchs, der dem Hafen von Rotter-
dam direkt entzogen wurde, der Vorzugsstellung unseres
        <pb n="40" />
        ﻿

— 39 —

Hafens, den regelmâBige Linien in weit groBerer Zabi anlaufen
als Rotterdam.

Auf einem beschrânkten Gebiet wie diesem tritt wie sonst
überail ein Gemeinschaftlichkeitsgefühl ein, dessen Vernichtung

durch KriegsmaBregeln unsinnig sein würde.

*

. * *

Die Seeverkehrslage Antwerpens, die wir nunmehr nacîî
verschiedenen Gesichtspunkten untersucht haben, würde sien
im Falle eines Wirtschaîtskrieges sehr kritisch gestalten. Da-
hingegen dürften wir mit Recht der Zukunît ruhig ins Auge
schauen, wenn wir das Régime der Freiheit, das so staunens-
werte Ergebnisse für uns gezeitigt bat, neu erstehen sehen
konnten,

Antwerpen würde vor und nach wiederum ,,dieser Mittei-
punkt regen Schiffsverkehrs“ werden; die deutschen Schiffe
würden von selbst zu uns zurückkommen zum Lôschen von
Getreide und Rohstoffen, die Deutschland unentbehrlich sind,
wie zum Laden von Ausfuhrprodukten; aus dem neu erstehen-
den Wettbewerb würde unsere Industrie, unser Handel, das
ganze Land Vorteil ziehen und so die nôtigen Faktoren zu
neuem Aufschwunge finden, Der Antwerpener Hafen dieni
— das darf man nicht vergessen — zuerst und vor allem dem
Durchfuhrverkehr, Auf diesem Gebiet sind wir abhangig vom
Auslande, Unsere unzureichende nationale Handelsflotte kann,
trotz der schlechthin ungîückseligen Gründung des Lloyd
Royal Belge, in keiner Weise das Unheil abwehren, das uns
bedroht, Sie ist unzureichend dafür und wird es bleiben,

Man muB auch offenkundigen Tatsachen Rechnung tragen,
Antwerpen ist vermôge seiner geographischen und wirtschaft-
lichen Lage auBerstande, die Vorzugsstellung einer Stadt wie
Hamburg zu erlangen. Hamburg ist der Ausgangspunkt einer
groBen Anzahl Linien, worunter sich die machtigste der Welf
befindet, und die Elbufer sind der Sitz eines auBerordentlicb
bedeutenden Schiffsbaues geworden, Aus Antwerpen ein
zweites Hamburg machen zu wollen, mag ein hochherziger
Traum sein, doch haben die Tatsachen solche Hoffnungen in
der Vergangenheit als eitel erwiesen, und sie werden es auch
in Zukunft tun.

Antwerpen braucht den Fremden, HeiBen wir ihn wiîl-
kommen, und schlieBen wir die Tür nicht vor ihm.
        <pb n="41" />
        ﻿





— 40 —

IL

Der Güterverkehr.

Allgememes.

Der Nordwesten Europas kennzeichnet sich in wirtschaft-
licher Hinsicht durch ein starkes Überwiegen seines Einfuhr-
bedarfs, Für Deutschland, England, Holland, Belgien und
Frankreich zusammen beziffert sich der EinfuhrüberschuB 1912
auf 7% Milliarden Fr. In Gewichtstonnen ausgedrückt, würde
dieser Unterschied noch stârker hervortreten, denn es sind vor
allem Rohstoffe, die diesen Lândern zugeführt werden, wahrend
der die entgegengesetzte Richtung nehmende Transport sich
hauptsâchlich auf industrielle Erzeugnisse stützt, deren Wert
îm Verhâltnis zur Gewichtseinheit bedeutend grôBer ist,
Hieraus ergibt sich, daB der für die Einfuhr benôtigte Schiffs-
raum jenen, dessen die Ausfuhr bedarî, stark überschreitet,
und daB daraus eine passive Schiffsraumbilanz fortflieBen muB,
welche die wirtschaftlichen Bedingungen dieser Lânder be-
einfluBt.

Das Bestreben, diesen Unterschied auszugleichen, HeB
u- a.1) England seine Kohlenausfuhr auf eine môglichst groBe
Hôhe bringen und spornte vor einigen Jahren die Deutschen
an, eine gleiche Politik für Rotterdam einzuschlagen, Dank
der stets in den englischen Hâfen zur Verfügung stehenden
Kohlenvorrâte hat der Nordwesten Europas in seiner Gesamt-
heit ein Gleichgewicht zwischen Einfuhr und Ausfuhr in seiner
Tonnagebilanz herzustellen vermocht.

Einzeln genommen, weisen die verschiedenen Hâfen trotz-
dem aile dieses Geprâge auf, doch in verschiedenem Grade,
Am stârksten tritt es in Rotterdam hervor, das sich vermoge
seiner Lage an der Rheinmündung vor allem für die Hand-
habung von Rohstoffen eignet; 1912 betrug seine Einfuhr denn
auch 20 850 000 t2), wahrend die Ausfuhr kaum 5 9S9 900 t (wo-
von 3 085 800 t Kohlen) erreichte. Antwerpen dagegen nimmt

*) Wir halten hier nur mit der Ware in ihrer Eigenschaft als Trans-
portgegenstand Rechnung.

2)	Die Statistik dieses Hafens bietet wenig Klarheit; die aufgeführte
Ziffer umfafit für die verzollbaren Waren die Einfuhr auf dem See-, Flufi-
und Schienenwege, für die zollfreien Waren dagegen, die die überwiegende
Mehrheit bilden, nur die Einfuhr über den Seeweg.
        <pb n="42" />
        ﻿41

in dieser Hinsicht eine Vorzugsstellung ein; dank der Waren-
menge, die ihm aus seinem belgischen und vor allem aus dem
Iremden Hinterland zuflieBen, erreicht seine Ausfuhrziffer an-
nâhernd die seiner Einfuhr. Viel trâgt dazu auch der Umstand
bei, daB der grôBte Teil des belgischen Überseeverkehrs sich
in unserem Haîen konzentriert, wâhrend in den meisten
Landern ein reger Wettbewerb zwischen zwei oder mehreren
Hâfen besteht. Die folgenden Zahlen geben eine Übersicht
ûber diese Konzentration in Antwerpen:

1912	Einfuhr von See Ausfuhr nach See

(in Tonnen zu 1000 kg)

Belgien	11613 599	9 090 309

Antwerpen	10 080 450	8 076 3853)

Ein Vergleich zwischen den drei groBen Festlandhâfen er-
gibt Folgendes:

In Rotterdam betrâgt die geladene

'*'* ™ r geloschten,

O u

Warenmenge .	,	.			33%
In Rotterdam betrâgt die Warenmenge (ohne Kohlen)		geladene	16%
In Hamburg betrâgt Warenmenge ,	.	.	die	geladene	48%
In Antwerpen betrâgt Warenmenge .	,	,	die	geladene	80%

Wenn wir mit dem in Rotterdam zur Feststellung der Ein-
fuhr üblichen System Rechnung halten woilten, müBten wir das
für diesen Hafen auîgegebene prozentuale Verhâltnis auf 28
und 15 bezw. herabsetzen,4) Was Antwerpen dagegen anlangt,
so würde sich in Anbetracht der bedeutenden Menge leichter
Waren, die dort geladen werden, zweifellos ein vollkommenes
Gleichgewicht seiner Bilanz ergeben, wenn wir die Ausfuhr-
menge in Frachttonnen, worauf allein es für den Reeder an-
kommt, festzustellen vermôchten,

Dieses Gleichgewicht in der Ein- und Ausfuhr bee'influBt
xn hohem MaBe die Seefrachten; doch darüber spâter.

Die stark hervortretende Passivitat des Rotterdamer
Hafens hinsichtlich der Ein- und Ausfuhr auf dem Seewege übt
naturgemaB ihre Rückwirkung auf die Rheinschiffahrt aus, die

3)	Amtliche belgische Statistik.

4)	Schumacher, Antwerpen, S. 139.
        <pb n="43" />
        ﻿42

dort eine hervorragende Rolle spielt, Für die Bergfahrt be-
liefen sich die Ladungen 1910 auf 12 994 000 t von 1000 kg,
wohingegen von der Talfahrt nur 4 661000 t (wovon 3 Mill. t
Kohlen) gelôscht wurden; 1912 erreichte der gesamte Rhein-
verkehr stromabwarts nur 40 % von demjenigen stromaufwârts.
Daher ein reger Wettbewerb um Frachtgüter in ersterer
Richtung, In Antwerpen dagegen tritt das umgekehrte Ver-
hâltnis in Erscheinung; die für den Rhein (also für die Berg-
fahrt) bestimmten Ladungen betrugen nur 59 % der von dort
(auf der Talfahrt) empfangenen Frachtmenge,

Die nâchste Folge davon war, daB der Unterschîed in den
Frachtsâtzen von Antwerpen oder von Rotterdam nach dem
Rhein und besonders nach dem Oberrhein, trotz der 130 km
weiteren Entîernung Antwerpens, oft nur unbedeutend ist.6)
Das ist selbstverstândlich ein günstiges Moment für unseren
Wettbewerb. Andererseits wird Antwerpen dadurch zu einem
Sammelpîatz verfügbarer Binnenschiffe, hinsichtlich deren èsf
da es Verwendungsmôgîichkeiten auf mannigfachen Binnen-
schiffahrtswegen für sie bietet, ebenfalls als Anlaufhafen geîten
kann. Von Antwerpen konnen die Leichter durch Frankreich
zum rheinischen Industriegebiet zurückkehren, indem sie die
Wasserwege von Lüttich oder von Aalst und St. Quentin nach
Touî, von Toul nach StraBburg und von StraBburg nach Duis-
burg benützen. Diese Bedingungen übten einen sehr günstigen
EinfîuB auf die Bedingungen unseres inlandischen Verkehrs,
wie desjenigen nach Frankreich, aus, was naturgemâB unserem
Handel und unserer Industrie zunutze kam.

*

* *

Die statistischen Aufsteîlungen über den Schiffahrtsver-
kehr des Antwerpener Haîens, die wir im I, Abschnitt brachten
und untersuchten, gaben uns ein Bild sowohl von seinem
staunenswerten Aufschwung innerhalb einer verhaltnismâBig
geringen Anzahl Jahre, wie von seinem betrachtlichen Anteil
am Weltverkehr,

Die wirkliche Bedeutung eines Hafens îiegt aber in seinem
Güterverkehr, in der geladenen und gelôschten Warenmenge.
Wollte man namlich die Gesamttonnage des Schiffsein- und 5

5)	De Leener, La politique des transports, p, 262,
        <pb n="44" />
        ﻿43

-ausganges als MaBstab dafür annehmen, so kâme z. B, Santa
Cruz de Tenerifa, ein Anlaufhafen wie kein zweiter, unmittelbar
nach Bremen, wâhrend es tatsâchlich nie genannt wird, wenn
von Weîthaîen die Rede ist, Wollte man andererseits nur den
Wert der behandelten Produkte, der vom kommerziellen
Standpunkte aus ja sicher eine groBe Rolle spielt, aber lür den
Schiffsverkehr von untergeordneter Bedeutung ist, in Betracht
ziehen, so dürfte vielleiclit ein Hafen wie Kapstadt, voraus-
gesetzt, daB ailes Gold und aile Diamanten von Transvaal, dem
Oranje-Freistaat und Katanga diesen Weg nehmen, als der
grôBte Hafen der Weît gelten, wiewohl ein einziges Schiff für
seinen Jahresverkehr genügen würde,

Indem wir also vom Gcwicht der behandelten Warenmenge
ausgehen, kônnen wir feststellen, daB der Verkehrsanwuchs des
Antwerpener Hafens wâhrend der letzten fünfzig Jahre ein
erstaunlicher ist. Tabelle XII unten weist aus, daB die See-
einfuhr sich von 1860—1912 verrünîzehnfacht, die See-
ausfuhr sich mehr aïs verfünfzigfacht hat!

Tabelle XII.

Warenbewegung des Antwerpener Hafens.

(In Tonnen von 1000 kg.)

Jahr		Eing an g		A u s g a n g		
	auf dem Seewege	auf dem Land- und FluQwege	Insgesamt	auf dem Seewege	auf dem Land- und FiuQwege	Insgesamt
1860	660.992	83.657	744.646	155.560	121.876	277.436
1870	1.182.815	125.998	1.503.813	369 364	293.386	662.750
1875	1.710.009	141.181	1.851.190	381 643	313.398	695.041
1880	2.504.725	190.896	2.695.621	593 374	491.515	1.084.889
1885	2.536.812	392.967	2.929.80 &lt;	894.254	586.873	1.481.127
1890	3.437.553	364.200	3.801.753	1 269.289	680.016	1.949.505
1895	4.126.583	509.907	4.636.490	2,189.947	851.510	2.741.457
1900	5.492.204	893.061	6.385.265	2.4nO.‘22l	1.101.683	3.501.904
1905	7.778.0 6	3.872.472	H.650.488	5.408 001	3 579.640	8.987.641
1906	8.588.193	4.105.247	12.493.441	5.913 558	4.216.592	10.130.151
1907	8.813.961	4.048.653	12.862.615	5.032.539	4.434.902	10.067.449
1908	8.296.0 '2	3.583 168	11.876.790	5.306.760	4.829.627	9.635.387
1909	8.792.238	4.450.509	13.242.737	5.879 293	5.222.673	11.HU.966
1910	9.264.889	5.182.877	14.447.766	6.951.742	5.520.994	12.472.736
1911	10.195.851	6.884.894	17.080.745	7.222.738	6.861.494	14.084.232
1912	10.080.450	8.556.191	18.636.6 H	8.076.385	6.932.990	15.009.375
        <pb n="45" />
        ﻿44

Ein Vergleich zwischen dem Güterverkehr der ver-
schiedenen Hâfen ist schwieriger herzustellen, als ein solcher
zwischen ihrem Schiffahrtsverkehr; namentlich gestattet die in
Rotterdam übliche Aufstellungsweise der Statistik nicht, den
Anteil der See-Einfuhr am allgemeinen Verkehr genau zu er-
mitteln. Wir geben die folgenden Zahlen als einîache Auskunît:

	Hamburg6)	Antwerpen	
1890:	7 599 000 t = 100%	4 707 000 t =	100%'
1900:	14 432 000 t = 190%	7 892 000 t =	168%
1910;	22 109 000 t = 291 %	16 217 000 t —	345 %'
1912:	24 757 0C0 t = 325 %	18157 000 t =	386%
	Seeausfuhr:		
	Antwerpen	Rotterdam	
1911:	7 222 738 t = 100%	5 559156 t =	100%
1912:	8076385 t = 112%	5 989 729 t =	107%
	Analyse der Statistik,	Die Durchfuhr,	

Wenn wir môglichst genau feststellen wollen, welchen
Anteil auf der einen Seite Belgien (unser Eigenhandel) und auf
der anderen das Ausland (die Durchfuhr) an dem Antwerpener
Güterverkehr hat, tut eine eingehende Untersuchung not.

Die amtlichen Aufstellungen geben die gewünschten Zahlen
nicht; wir müssen daher auf die Angaben fürs ganze Land
zurückgreifen, Aus diesen ergeben sich folgende Einzeîheiten:

1.	Die Einfuhr auf dem Seewege (Eigenhandel) belief sich
1912 auf 11 212 575 t im Werte von 2,943 Mill. Fr. oder 35,8 und
59,4 % bezw, von dem Gesamtimport; die Ziffern für die See-
ausfuhr sind; 5 543 362 t im Werte von 1,498 Mill. Fr. oder
26,6 und 37,9 % vom Gesamtexport.

2.	Der von See kommende Transit erreicht 426 024 t im
Werte von 310 Mill. Fr, oder 6,1 und 12,3% der Gesamtdurch-
fuhr; der seewarts gehende Transit betrâgt 3 571 196 t im
Werte von 1,378 Mill- Fr. oder 53,8'und 55,9 % vom gesamten
Ausgangstransit.

Diese Zahlen bedürfen jedoch einer gewissen Berichtigung.

In seiner interessanten Studie „La Belgique pays de transit"
hebt Prof, De Leener von der Genter Universitât die mannig-
fachen Faktoren hervor, welche die auîgegebenen Zahlen merk-
lich von der Wirklichkeit abweichen lassen,

6)	H. Schumacher, Antwerpen, S. 115,
        <pb n="46" />
        ﻿45

Zwei Ursachen, schreibt er, verringern den Transit in der
Statistik; Zunâchst der Grundsatz, aile zum Verbrauch für
den Handel oder für im Kônigreich wohnende Personen
deklarierten Waren als zum Eigenhandel gehôrig zu betrachten;
diese Auslegung weist dem Begriff „Transit" merkwürdig enge
Grenzen an. Eine Ware, die eine belgische Firma kauft imd
dann wiederausführt, ist nach dieser Erklârung aïs ,.naturali-
siez" anzusehen; vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gehôrt
sie jedoch unzweifelhaft zur Durchfuhr. An zweiter Stelle
koramen die vorsâtzîich oder unvorsatzlich gemachten falschen
Angaben der Dekîaranten, die sich einer Vereinfachung der
Fôrmlichkeiten gegenübersehen, wenn sie eine Ware ,,zum
Verbrauch'1 aufgeben, anstatt „im Transit". Freilich berichtigt
die Zollbehôrde amtlich die der statistischen Abteilung ge-
machten Angaben, wenn sie die wirkliche Bestimmung der
Waren zu kennen glaubt; auf jeden Fait sind diese Fâlle jedoch
selten im Vergleich zu jenen, die ihr entgehen, Infolge der
weitgehenden Zollfreiheit unseres Landes sind diese falschen
Deklarationen beinahe die Regel,7)

Die Statistik des Eigenhandels führt tatsachlich eine ganze
Anzahl Waren als nach Deutschland, Frankreich usw, ausge-
führt auf, die Belgien nicht erzeugt, die es selbst aus über-
seeischen Lândern bezieht, und die demnach nur als zur Durch-
fuhr gehôrig betrachtet werden kônnen.

Die von Prof. De Lannoy auf Grund der Statistik für 1909
gemachten Berechnungen lassen sich folgendermaBen kurz zu-
sammenfassen;8)

a) Waren, die Belgien nicht hervorbringt (Mais, Reis, un-
gebrannter Kaffee, Kakao, Tee, Kautschuk, Petroleum usw,).

Einfuhr  Qesamf-  handel	Einfuhr  Eigenhandel		Ausfuhr irrtümlich zum Eigenhandel ge- rechnef	Durchfuhr	
	Angegeben	Richtig		Angegeben	Richtig
459.082	434.829	234.931	199 898	24.253	224.151

b) Waren, die Belgien in ungenügender Menge für seinen

7)	Von 31 000 000 t in Belgien eingeführter Waren waren 1912 nur
3 000 000 t Zollabgaben unterworfen.

8)	In Tausenden Fr.
        <pb n="47" />
        ﻿eigenen Bedarf erzeugt (Weizen, Gerste, Roggen, Holzbrei,
Kîeien, Eisenerz, Rohkupfer usw.) :

1.183.872

1.120.590

656.234

466.110

63 280

527.638

c) Waren, die verarbeitet worden sind (enthülster Reis,
roher und gepochter Flachs, Wollwaren, Diamanten usw,):

712.184

370.341

135.475

266.986

341.841

608.827

Wenn wir ailes zusammenfassen, erscheinen die Zahlen
nach ihrer Berichtigung folgendermafien (in Tausenden Fr.):

Eigenhandel:	Ziffern	
	Amtliche	Berichtigte
Einfuhr:	3 704 316	2 805 195
Ausfuhr:	2 809 723	1 876 728
Durchfuhr:		
Eingang:	2 290 366	3189 487
Ausgang;	2 290 366	3 223 361 9)

Gesamthandel: 11094 771	11094 771

Demnach belâuît sich der Transit, der nach den amtlichen
Angaben nur 42 % des Gesamthandeis ausmacht, in Wirklich-
keit auf 58% desselben, wohingegen der Eigenhandel von 58
auf 42 % herabsinkt; die Durchfuhr übersteigt also den Eigen-
handel um 38 %.

Wenn man die Durchfuhr (im Ausgang) als Ausfuhr be-
trachtete und dem Ausfuhr-Eigenhandel gegenüberstellte,
ergâbe sich selbst, daB sie letzteren um 75 % oder etwa
1,3 Milliarden übersteigt,

Nun betrifft die Berichtigung gerade Produkte, die wir auf
dem Seewege einführen, und da die anderen belgischen Hâfen
— darüber sind sich aile beîugten Leute einig — für den Durch-
fuhrverkehr dieser Waren nicht in Betracht kommen, konnen
wir uns ein Bild von der überwiegenden Bedeutung des Transits
in der Einfuhr über Antwerpen machen,

Und in bezug auf die Ausfuhr seewarts ist die Lage an-
nâhernd dieselbe.

°) Wie hieraus ersichtlich ist, hat Prof. De Lannoy mit dem erhôhten
Wert der Durchfuhr b eim Ausgang, der den vom Lande erzielten Brutto-
gewinn darstellt, Rechnung gehalten.
        <pb n="48" />
        ﻿47

Zur Vermeidung von Zollfôrmlichkeiten werden namlich
bekanntermafien zollfreie Waren beim Eingang fast allgemein
,,zum Verbrauch" deklariert, selbst wenn sie für die Durchîuhr
bestimmt sind, Dies geschieht vor allem bei der Einfuhr auî
Kanâlen und Flüssen (Antwerpen, 1912: 2 681746 1, wovon
2175 077 t Rheinschiffahrt) ; im Eisenbahntransport bewirken
die Vorzugstarife, welche die Durchîuhrgüter genieBen, daB
diese UnregelmâBigkeiten weniger hâufig vorfallen,

Zufolge der Statistik kommt etwa die Hâlîte der ein-
geschifften Waren vom Ausland.10 11) Stelit man der Ziffer dieses
Warenausgangs diejenige des Eingangs vom Auslande auî dem
Land- und FluBwege gegenüber, so fâlit das mangelnde Eben-
maB sofort ins Auge, Es wurde namlich festgestellt “), daB
diese Zuluhr etwa 68 % der Gesamt-Warenausfuhr über Ant-
werpen darstellt, Der einzige Einwurf, der sich machen lieBe,
ist der, daB ein Teil der Waren für den ôrllichen Verbrauch
bestimmt ist. Man konnte weiterhin die Gütermenge, die auî
der Durchîuhr durch Belgien gegangen ist und beinahe zweiîei-
los ihren Weg über Antwerpen nach einem bestimmten über-
seeischen Lande genommen hat, hinzuzâhien und dazu 50%
des Antwerpener Eisenbahn-Güterverkehrs îügen, welcher
Prozentsatz das allgemeine Verhaltnis der Durchîuhr zum
Gesamt-Eisenbahnverkehr in Belgien darstellt. Auî diese
Weise kame man zu dem Ergebnis, daB 61 % vom Antwerpener
Verkehr zur Durchîuhr gehôrt, Doch ist auch diese Ziffer
wiederum unzuverlâssig; die Naturalisierung zollîrei eingehen-
der Waren, die für die Durchîuhr bestimmt sind, lâBt das Ver-
haltnis merklich geringer erscheinen, als es in Wirklichkeit ist.

Aus diesen Beschauungen leiten wir ab, daB der Anteil der
Durchîuhr an der Antwerpener Ausîuhr seewârts mindestens
50 % und hôchstens 68 % betrâgt, Man kann also sagen, daB
in Antwerpen auî jede Tonne belgischer Waren 1% Tonnen
Waren' fremder Herkunft verladen werden.12)

Aus dieser Untersuchung geht hervor, daB das Gedeihen
unseres Hafens mehr von dem Verkehr abhangt, den ihm die
Nachbarlânder sichern, als von dem für Belgien bestimmten
oder aus Belgien kommenden Transport.

10)	3 570 000 t au! 8 076 000 t.

11)	Dubois &amp; Theunissen, Anvers et la vie économique nationale.

12)	Dubois &amp; Theunissen, Anvers et la vie économique nationale.
        <pb n="49" />
        ﻿48

Der EinfiuB des Durchfuhrhandels auf den Verkehr Ant-
werpens wird noch mehr ins Licht gestellt durch eine ver-
gleichende Zusammenstellung der betreffenden Zahlen, wie
Tabelle XIII sie bietet,

Tabelle XIII.

(In Mill. t)

Jahr	Ausfuhr nach Sée über Antwerpen			Durchfuhrl3)		
1901	4,145	+	1,745	2,879		?M)
1902	4,988	H-	0,843	3,544	+	0,665
1903	5,505	+	0,517	3,596	+	0,052
1904	5,072		0,433	3,285	—	0,671
1905	5,408	+	0,336	3,602	+	0,407
1906	5,913	+	0,505	4,406	+	0,714
1907	5,032		0,881	4,337	—	0,o69
1908	5,306	+	0,274	4,308	—	0,029
1909	5,879	+	0,573	4,786	+	0,478
1910	6,951	+	1,072	5,537	+	0,751
1911	7,222	+	0,271	6,123	+	0,586
1912	8,076	+	0,854	6,'.91	+	0,468
1913	?		—	7,803	+	1,212

Herkunît und Bestîmnumg der Durchfuhr,

Der jeweiiige Anteil der Nachbarlânder an dem über
unseren Hafen gehenden Durchfuhrverkehr lâBt sich auf Grund
der statistischen Zusammenstellungen nicht ermitteln; dafür
sind diese zu lückenhaft.15) Aber auch hier werden einige all-

gemeine Angaben uns Kir unsere Bewertung zu statten kommen.
—

13) Amtliche Zahlen, also nicht berichtigt.

“) Die Statistik gibt die Durchfuhr erst seit 1901 in Tonnen auf,

“) Wir geben hier einige Andeutungen über den internationale®
Verkehr in Antwerpen (ausschlieClich auf dem Wasserwege) für 1912, nach
den hauptsachlichsten Herkunfts- und Bestimmungslândern der Güter;

	Qelôscht (In Tonnen	Qeladen von 1000 kg)
Deufsdhland		2.361 775	1.779.104
Argentinien		1.090.702	- 776.375
Vereinigfe Staaten .	. .	1.285 676	728,604
Frankreidi		193.258	364.816
QroQbritannien .	.	.	.	1.536.272	1.543.566
Niederlande .....	426.532	527.4 &gt;6
Rumaniep		1.017.832	27,376
Auf ein Total von	12.762.196	10.159.104
        <pb n="50" />
        ﻿49

Die folgenden sind die amtlichen Zahlen für die Durch-
fuhr im Eingang:

Zollverein
Frankreich
Niederlande
Auî ein Total von

1911

4 091 630 t
815 985 t
603 983 t
6 091630 t

1912

4 387147 t
885 398 t
698194 t
6 591988 t

1913

5 004 758 t
1 239 797 t
787 739 t
7 803 735 t

Selbstverstândlich kommt diese ganze Durchfuhr nicht
nach Antwerpen zur Einschiffung; der Verkehr von einem
Nachbarlande Belgiens zu einem anderen spielt hier eine ge-
wîsse Rolle, Die Durchfuhr von Deutschland nach Frankreich
z, B. ist bedeutend genug, daB sie eine ergiebige Einnahme-
quelle für unsere Eisenbahnen darstellt; Ireilich kônnen wir
ihre Ziffer nicht einmal annahernd feststellen, doch befahigt
uns die Statistik, für 1913 folgende Angaben zu machen:
730 000 t Steinkohlen, 400 000 t Koks, 90 000 t Briketts, 57 000 t
Steinkohlenteer. Dieselbe Erscheinung tritt, wiewohl in vîel
geringerem Umfange, auch in entgegengesetzter Richtung zu-
tage; selbst kehren 100 000 t Erz, die aus Frankreich kommen,
nach Zurücklegung einer kurzen Strecke auf belgischem Gebiet
in ihr Herkunftsland zurück.

Andererseits gibt die Hafenstatistik uns Aufklarung über
den Gütereingang auf dem Wasserwege:

1912

Deutschland	2175 077	t

Frankreich	81 110	t

Niederlande	422 848	t

und wir konnen annehmen, daB beinahe ail diese Waren zur
Einschiffung bestimmt waren. Vermelden wir zum Schlusse
noch, dafi der Deutsche Stahlwerksverband allein 1913 mehr
als 1 000 000 t über Antwerpen versandt hat,10) 16 17)

16)	H. Schumacher, Antwerpen, S. 41,

17)	Antwerpen verdankt ferner einen bedeutenden Teil seines Güter- /
verhehrs folgendem Umstande: Einige Produktionsmittelpunkte Deutschlands
geben, obwohl sie ihre Waren unter anderseits ebenso günstigen Bedingungen
über Hamburg oder Bremen versenden konnten, in sehr vielen Fâllen dennoch
Antwerpen den Vorzug, weil dieser Hafen ihnen eine Zeitersparnis von

10—15 Tagen bietet. Die deutschen Dampfer gehen namlich 4—6 Tage
spâter von Antwerpen ab als von Hamburg oder Bremen. Um bestimmt
auf Einschiffung seiner Waren rechnen zu konnen, muB der Verlader diese
aber zeitig genug abschicken, daB sie die deutschen Hafen erreichen, wenn

4
        <pb n="51" />
        ﻿Für die Durchfuhr in entgegengesetzter Richtung gibt die
Statistik folgende Ziffern:

Bestimmungslânder:	1911

Deutschland	736 299 t

Frankreich 1 757 884 t
Niederlande	418 413 t

1912	1913

870 697 t 920 653 t
1936330 1	2111447 1

461 215 t 601 026 t

Verschiedene Anmerkungen von Wichtigkeit sind hier un-
umgânglich nôtig.

Die Berechmmgen von Prof. De Lannoy lieBen, wie wir
gesehen haben, die Unzuverlâssigkeit der Durchfuhrstatistik
klar zutage Ireten, und seine Berichtigungen betrafen gerade
Produkte, die wir von See einfüliren; ihre Wiederausfuhr kann
daher, von einigen Ausnahmen abgesehen, nur über die
hollândische, deutsche (Zollverein) oder franzôsische Grenze
statlfinden.

Nun macht die geringe Entfernung Rotterdams wie sein
Charakter als Einfuhrhafen es unwahrscheinlich, daB be-
deutende Mengen der wiederausgeführten Güter nach Holland
gehen, Frankreich andererseits bringt gegen uns ein „Surtaxe-
d'entrepôt“-System zur Anwendung, das die Einfuhr von Wolle
{ausgenommen die von den englischen Kolonien), Getreide,
Kaffee, auslândischem Leder usw, usw, über Antwerpen ver-
hindert,* 18) Auch die Differentialtarife der franzôsischen Eisen-
bahnen zielen auf die Benachteiligung Antwerpens zugunsten
der franzôsischen Hâfen ab.

Infolge dessen ist der grôfite Teil der Hôhereinschatzung,
die nach Prof, De Lannoy zugunsten der über unsere Landes-
grenzen nach auswârts gehenden Durchfuhr gemacht werden
muB, namlich 667 Mill, Fr.19), nach aller Wahrscheinlichkeit auf
Deutschlands Konto zu stellen. Die Ziffer des Verkehrs auf
den Wasserwegen von Antwerpen nach diesem Lande stützt

die betreffenden Dampfer anfangen zu laden, d, i. 5—6 Tage vor ihrer
Abfahrt; in Antwerpen dagegen werden Güter noch an Bord genommen,
wenn sie am Tage vor der Abfahrt ankommen. Da es sich in solchen Fâllen
gewôhnlich um wertvolle Waren handelt, bedeutet dies eine Ersparnis an
Zinsen für den Kâufer, der den Lieferanten erst nach Einschiffung bezahlen
muS, und zugleich eine lângere Lieferungsfrist für den Fabrikanten.

18)	Antwerpener Handelskammer, Bericht 1911, S, XIII.

19)	Vorsichtshalber lassen wir die industriel! verarbeiteten Produkte
auBer acht.
        <pb n="52" />
        ﻿51

übrigens diese Annahme; denn, auf ein Total von 2 082 719 t
gingen 1302 344 t nach Deutschland20 21), wâhrend nur 247 397 t
den Weg nach Frankreich einschlugen, Wenn sich nun die
jenen 667 MilL Fr, entsprechende Tonnenzahl berechnen lieBe,
würde eine ganz bedeutende Steigerung der Durchfuhrziffer,
insbesondere nach Deutschland, zutage treten,

Falls wir nun Frankreichs Verkehr über Antwerpen an-
nâhernd abschatzen wollten, müBten wir von der für 1913 auf-
gegebenen Ziffer (2111 447 t) zunâchst die vorhin erwâhnten
1 277 000 t Steinkohlen, Briketts, Koks und Teer abziehen, weil
sie von Deutschland kommen; dann wâren von den übrig-
bîeibenden 834 447 t weiterhin die 100 000 t Erz, die zwischen
franzôsischen Eisenbahnstationen nur eine Wegesstrecke über
belgisches Gebiet geführt werden, sowie die hollandisch-
franzôsische Durchîuhr in Abzug zu bringen.

Im Hinblick auf die vorstehenden Ausführungen wie auf
die belgische Transportpolitik (wovon in einem folgenden Ab-
schnitt des nâheren die Rede sein wird), die sich die Begünsti-
gung des deutschen Verkehrs über Antwerpen zum Hauptziel
setzte, kommen wir denn zu der SchluBfolgerung, daB Deutsch-
land den Lowenanteil am Durchfuhrverkehr über unseren
Hafen hat,

Und da die Durchfuhr ungeîâhr 60% vom Gesamtverkehr
betrâgt, von 100 t vertransportierter Güter 40 t belgisch und
60 t auslandisch (also Durchîuhr] sind, ergibt sich für uns,
selbst unter der Annahme, daB nur zwei Drittel von letzteren
60 t auf Deutschland entfallen, die weitere SchluBfolgerung,
daB der deutsche Güterverkehr dem belgischen gleichsteht.

Die Roîle der Durchîuhr,

Kann Antwerpen ohne die deutsche Durchfuhr ein groBer
internationaler Hafen bleiben? Kann Belgien, von weîchem
„Antwerpen das Lebensorgan, das Herz der wirtschaftlichen
Tâtigkeit ist, dessen Pulsschlâge sich durch den ganzen sozialen
Kôrper fühlbar machen'121), sich seiner entschlagen, ohne
bedeutenden Schaden zu nehmen?

20)	Wâhrend die Durchfuhrstatistik für 1912 nur 870 000 t für die
Durchfuhr nach diesem Lande ausgeführter Güter und 401 000 t für die
Gesamtdurchîuhr der von See eingeführten Waren aufgibt,

21)	Dubois &amp; Theunissen, Anvers et la vie économique nationale, p, 19,

4*
        <pb n="53" />
        ﻿52

Das sind Fragen, die wir jetzt untersuchen müssen,
Unser Handel und unsere Industrie, insbesondere letztere
infolge ihres vorwiegend verarbeitenden Charakters, bedürfen
niedriger Frachtsatze, um in hinreichendem MaBe ausführen
zu konnen, Das in Abschnitt I angeführte Beispiel ist aus-
schîaggebend; ,,in zahlreichen belgischen Industriezweigen
übersteigt der Gewinn einige Zehner von Centimen auf die
Tonne nicht, Der Unterschied zwischen dem Herstellungs-
und dem Verkaufspreise muB daher innerhalb dieser engen
Grenze gehalten werden. Fine geringe Erhôhung der Trans-
portkosten genügt, um jeglichen Gewinn zunichte zu machen," 22)
Die Frage der Transportkosten spielt hier also eine be-
deutungsvolle Rolle — AnlaB genug zu einer eingehenden
Untersuchung, inwiefern der Frachtsatz vom Durchfuhrhandeî
beeinfluBt wird.

Die Verschiedenartigkeit der Ausfuhrgüter Antwerpens
ermôglichte den Schiffsmaklern die mannigfaltigsten Ver-
bindungen von Schwergut und MaBgut und damit die âuBerste
Ausnützung des Schiffsraums, ÂuBerst niedrige Frachtsatze
waren die Folge davon, Da die belgische Industrie aber haupt-
sâchlich Halbfabrikate, also Waren einer Kategorie, her-
stellt, ist es sehr zu bezweiîeln, ob ein gleicher Grad der Voll-
kommenheit in der gegenseîtigen Erganzung der Güter ohne
Mithille der deutschen Industrie erreichbar ware.

Die Geschwindigkeit, mit welcher Güter an Bord geliefert
werden konnen, in anderen Worten, der „Despatch“, ist ein
anderer Faktor, der die Frachtsatze beeinfluBt und daher hier
besprochen werden muB.23)

Wenn es sich um landwirtschaftliche Erzeugnisse handelt,
die iahreszeitweise geerntet werden, übersteigt die zur Ver-
schiffung bereitstehende Menge diejenige, welche die Schiffe
laden konnen,

Falls Erze zu laden sind, kann die Fôrderung oft mit dem
Ladebedarf in Einklang gebracht werden. Auch laBt sich die
Produktion zuwexlen durch Einstellung weiterer Arbeitskrâfte
erhôhen.

22)	De Leener, Politique des transports, p, 19,

3) Dubois &amp; Theunissen, Anvers et la vie économique nationale,.
S. 141 ff.
        <pb n="54" />
        ﻿53

Für industrielle Erzeugnisse dagegen wird die tâgliche
Produktionsmôglichkeit fest begrenzt durch die Leistungs-
îâhigkeit der mechanischen Einrichtungen, und so sind Fâlle
môgiich, in denen die Lieferung nicht so schnell erfolgen kann,
als die Schiffe zu laden vermôgen, Sie würden daher warten
müssen; jeder verlorene Tag kommt aber bei der Berechnung
des Frachtsatzes in Anmerkung.

Ein Beispiel wird dies veranschaulichen,

Antwerpen empfângt jeden Tag durchschnittlich 16 Schiffe;
die belgische Industrie erzeugt jâhrlich 1350 000 t GuBeisen
und führt 350 000 t davon ein,

Gesetzt nun, diese 16 Schiffe laden nur Eisen und das Land
hait kein Kilogramm von dem aus dem Hochofenprodukt ver-
arbeiteten Eisen für seinen eigenen Gebrauch zurück, so
kônnten nur 3666 t tâglich, also ungefâhr 350 t pro Schiff und
Tag an Bord geliefert werden, Das Schiff kann aber bequem
taglich 700 t empfangen und verstauen, Ein Schiff von 3500 t,
das für seine Ladung auf die belgische Industrie allein ange-
wiesen wâre, kônnte demnach erst in 10 Tagen geladen sein,
Da es jedoch, nach dem MaBstabe von 700 t per Tag berechnet,
fâhig ware, seine Ladung in fünf Tagen zu beendigen, verliert
es fünf Tage, das macht für eine Reise von 50 Tagen einen
Zuschlag von 10 % auf den Frachtpreis.

Griffe jedoch die lothringische Industrie, die jâhrlich
4 Mill. t, wie die westfâlische Industrie, die jâhrlich 5 Mill. t
erzeugt, mit ein, so kônnten 2225 t per Tag und per Schift
geliefert werden, d, i, dreimal so viel als das Schiff empfangen
kann,

Dies hat freilich nur den Wert eines Beispiels, aber es
HeBe sich generalisieren, Auf jeden Fall gelit daraus hervor,
daB die industrielle Dichtigkeit des Hinterlandes einen be-
deutenden EinfluB auf den Frachtsatz ausübt,

Selbstverstândlich kommt es nur âuBerst selten vor, daB
ein Schiff auf seine Ladung wartet, aber die Gebrâuche eines
Hafens, wie die Mittel seiner Güterabîertigung passen sich den
Warenmengen, welche die Produzenten liefern kônnen, auf
natürliche Weise an, und die ,,Despatch“-Frage kommt zu-
guterletzt in den Frachtsâtzen durch einen Unterschied von
Shillings und Pence zum Ausdruck.
        <pb n="55" />
        ﻿54

Endîich gibt es noch einen vierten Faktor, der unmittelbar
auf Verbüîigung der Frachtsâtze hinwirkt; der Raumgehalt
der Schiffe,

Je groBer das Schiff ist, desto niedriger stellen sicli im
Verhâltnis die Unkosten und desto billiger sind die Fracbten.

So braucht ein Dampîer von 2000 t eine Bemannung von
mindestens 19 Kôpfen, wâhrend ein solcher von 4000 t reich-
’ich besetzt ist mit 27 Mann, das Komxnando mit eingeschlossen.
Dann aber stehen die Unkosten für Lohn und Verpflegung in
diesen beiden Fâllen keineswegs im Verbaltnis von 27 zu 19, wie
man glauben kônnte, Das Kommando bleibt für den Dampîer
von 40001 wesentlich dasselbe wie für den von 20001. Vielleicht
werden zwei Offiziere und ein Maschinist mehr angenommen,
und der Rest des Unterschiedes zwischen den beiderseitigen
Besatzungen entfallt auf Heizer und einige Matrosen, für
welche die Lohnsâtze und Verpflegungskosten sich naturgemaB
niedriger stellen als für Offiziere, Es ergibt sich also ein merk-
licher Unterschied zugunsten des grôBeren Schiffes,

Andererseits sind für ein solches die Kosten der Meilen-
tonne um vieles niedriger.

Ein Schiff von 6250 t z, B. verbraucht tâglich 21 t Kohlen,
um eine Geschwindigkeit von 9 Meilen die Stunde zu ent-
wickeln, ein Schiff von 2050 t dagegen verbraucht bei der-
selben Fahrgeschwindigkeit ungefahr 9 t Kohlen per Tag. Man
sieht es also: der Raumgehalt der beiden Schiffe steht im Ver-
hâltnis von 3:1, der Kohlenverbrauch aber nur in dem von
2% : 1, was einer Bruttoersparnis von 2/fl gleichkommt. Und
dieser Vorteil steigert sich proportionell mit der Lange der
Fahrt. Nimmt man, um dies an einem konkreten Beispiel zu
zeigen, an, daB die Schiffe 8000 Seemeilen zu durchlaufen
haben, ohne ihren Kohlenvorrat zu erneuern, so kann man
darauf rechnen, daB das Schiff von 6250 t in der Praxis für
40 Tage Bunkerkohle mitnehmen muB, also ungefahr 850 t;
es braucht also den Kohlen, die keine Fracht bezahlen, nur
14% von seinem Tonnengehalt einzurâumen, Das Schiff von
2050 t dagegen muB 360 t Kohlen mitnehmen und 18%' von
seinem Schiffsraum unproduktiv lassen,

Infolgedessen kommt der Transport auf einem Schiff von
6000 t — caeteris paribus — um ungefahr ein Drittel billiger
zu stehen als auf einem Schiff von 2000 t.
        <pb n="56" />
        ﻿55

Endlich ist es, wie widersprechend dies auch scheinen
môge, weit bequemer, groBe Warenmengen auf groBen Schiffen
nach gewissen schwer zugânglichen Hâfen zu schaffen, als auf
solchen von geringerem Raumgehalt.

Die Sache liegt aber so: Die Hauptschwierigkeit, die sich
der Schiffahrt entgegenstellt, ist die geringe Tiefe der Fahr-
rinne, der sich der Tiefgang eines Schiffes anzupassen hat.
Nun hat cin Schiff von 2000 t in der Regel einen Tiefgang von
etwa 18 FuB, ein modernes Schiff von 6250 t dagegen einen
solchen von kaum mehr als 23 FuB, Gesetzt nun, zwei Schiffe,
eins von 2000 und eins von 6000 t, befinden sich z. B, vor der
Hafenbarre von Forcados, die nur eine Fahrrinne von 18 FuB
hat, so kann ersteres Schiff mit einer Ladung von hôchstens
2000 t die Einfahrt machen. Das zweîte dagegen kann auf
18 FuB Tiefgang 4000 t tragen und demnach mit einer doppelten
Ladung einfahren,

Wenn man folglich aile Faktoren; Verschiedenartigkeit
der Produkte, beschleunigte Abfertigung und eine Waren-
menge, welche die Benützung groBer sparsamer Schiffe zulaBt,
zusammen ins Auge faBt, erkennt man, daB die Durchfuhr über
Antwerpen einen unmittelbaren EinfluB auf die Frachtsatze
hat, der dem Lande mittelbar wieder zugute kommt.

Aus diesem Grunde allein müBten wir der Güterdurchfuhr
über unseren Hafen aus allen Krâften Fôrderung angedeihen
lassen,

Aber das ist nicht die einzige Seite der Frage; unserer
Industrie ersprieBt auch noch ein unmittelbarer und hand-
greiflicher Vorteil aus der Tatsache, daB Abfahrten um so ôfter
statthaben kônnen, je groBer die zum Versand einkommenden
Warenmengen sind,

1.	Gehen wir etwas nâher auf den ersten Punkt ein, der
sich übrigens nahe anschlieBt an das, was wir oben sagten über
die Ersparnis, die der Transport auf groBen Schiffen mit sich
bringt, Eine Abfahrt aus einem Hafen ist erst dann moglich,
wenn die eingehende Warenmenge reichlich genug ist, um den
Beîrachter nicht offensîchtlich im Rückstande zu lassen gegen.
einen Nachbarhafen, über welchen im allgemeinen grôBere
Warenmengen ausgeführt werden,

Ein Beispiel wird dies klarer machen, Antwerpen führt
im Durchschnitt monatlich 1000 t nach Neu-Seeland aus; daraus
        <pb n="57" />
        ﻿lieBe sich auf die Môglichkeît einer direkten Verbindung
schlieBen, Doch London fertigt monatlich drei Schiffe von
tmgefâhr 7000 t dahin ab, und unter diesen Urastânden ist es
vorteilhafter, für Neu-Seeland bestimmte Güter von Antwerpen
nach London zu bringen.

Die Transportspesen von Antwerpen nach London {allen
jedoch dem belgischen Fabrikanten zur Last, da er mit seinen
englischen Konkurrenten, die diese Spesen nicht zu tragen
haben, in Wettbewerb treten muB,

Würden also in einem gegebenen Augenblick die über
Antwerpen gehenden Durchfuhrgüter nach einem anderen
Hafen, z. B. Rotterdam, abgeleitet, so schlügen unzweifelhaft
viele unserer eigenen Waren denselben Weg ein, und ware
es auch nur auf Grund der Ersparnis am Frachtpreise, die
sich für den Exporteur daraus ergâbe. Die hinzukommenden
Kosten für den Transport von Antwerpen nach Rotterdam
fielen jedoch wiederum unseren Fabrikanten zur Last.

Ein anderer Faktor würde der Bewegung noch mehr Kraft
beisetzen. In der Regel führt der Fabrikant nicht selbst aus;
er überlâBt dies dem Exporteur. Dieser bezieht seine Pro-
dukte nicht von einem einzigen Fabrikanten, noch aus einem
einzigen Lande, Andererseits liegt es in seinem Intéressé,
dem Transporteur môglichst ansehnliche Warenmengen zu
liefern, da er auf diese Weise einen Druck auf den Frachtsatz
ausüben und sich bessere Bedingungen sichern kann, Wenn
also der Schwerpunkt der Durchfuhr sich verlegte, würden
sicher viele belgische Erzeugnîsse schon aus dem Grunde mit-
gerissen werden, daB sie einen Teil von Parti en bilden, für die
es im Interesse des Exporteurs liegt, sie nicht zu scheiden.
Die hinzutretenden Transportkosten würden demnach auch
hier mittelbar oder unmittelbar auf unsere nationale Gewerb-
tatigkeit fallen.

2.	Unbestreitbar ist, daB die Abfahrten von einem Hafen
um so hâufiger sind, je bedeutendere Warenmengen dort ge-
handhabt werden.

In der Regel erhalt der Fabrikant auf Einreichung des
Einschiffungsbeweises hin seine Bezahîung, Je schneller die
Abfahrten daher aufeinanderfolgen, desto mehr Gelegenheit
ist ihm geboten, seine Waren zu versenden, die Konossemente
zu erhalten und zu seinem Geîde zu gelangen.
        <pb n="58" />
        ﻿57



Die Haufigkeit der Abfahrten erspart infolgedessen dem
Lande im allgemeinen eine gewisse Anzahl Tage Zinsen au!
aile Erzeugnisse, die über Antwerpen gehen,

Diese Zinsen sind nicht auf den durchschnittlichen Rein-
gewinn zu berechnen, oder wie Zinsen, die gewôhnlich für
Kapitalien bezahlt werden, sondern auî eine viel ansehnlichere
Ziffer, und zwar ans zwei Gründen,

Der erste ist, daB die gewohnliche Zahlungsfrist drei
Monate nicht überschreitet; wenn aîso der Reingewinn des
Kaufmanns auî eine Sendung 5 % betrâgt, kehrt dieser Gewinn
viermal im Jahre wieder und belauft sich infolgedessen
auf 20%.

Zweitens muB das Anlagekapîtal eines Fabrikanten ihxn,
Èntgelt bringen für seine persônliche Tâtigkeit, seine Fach-
kenntnisse, die Besoîdung von Angesteîlten jeder Art, wie für
das übernommene Risiko, Der Ertrag des von ihm wieder-
verwendeten Geldes bemiBt sich demnach nicht nach dem
Zinssatz, den ihm sein Bankier gewâhrt, sondern nach dem-
jenigen, den er dadurch erzielt, daB er sein Kapital durch seine
Arbeit fruchtbringend macht.

Die jahrliche Brutto-Rente, die das in der Industrie an-
gelegte Kapital auîbringt, laBt sich demnach auf eine Durch-
schnittsziffer von 15—20 % veranschlagen, Um nun den Ge-
winn, den die Allgemeinheit dank den ôfteren Abfahrten ein-
heimst, rîchtig bewerten zu kônnen, woîlen wir einmal ein
Verschwinden des fremden Hinterlandes von Antwerpen an-
nehmen,

Da das Schiffsmaterîal, das dem Gütertransport dient, un-
môglich von heute auf morgen eine durchgreifende Umwand-
lung erîahren kann, muB man logischerweise annehmen, daB
der Tonnengehalt der Schiffe derselbe bleiben wird, und daB
die Schiffe jedesmal, wenn sie Antwerpen anlaufen, ein
MindestmaB an Ladung erheischen, das demjenigen gleich-
kommt, weîches sie gegenwartig dort einnehmen,

Der nunmehr eintretende verringerte WarenzufluB wird
notwendigerweise einen grofieren Zeitabstand zwischen dem
jeweiligen Auslaufen der Schiffe nach sich ziehen,

Nehmen wir, um dies an einem konkreten Beispiel zu
zeigen, an, daB die über Antwerpen nach den Vereinigten
Staaten gehende Ausîuhr im Transit- und Eigenhandel jahrlich
        <pb n="59" />
        ﻿58

560 000 t betrâgt. Diese Gütermenge wird von 260 Schiffen,
also durchschnittlich 3165 t per Schiff, vertransportiert. Nun
beiauft sich der Transport der naturalisierten Waren aber auf
397 000 t, Infolgedessen würden dann nur noch 160 Abîahrten
jâhrlich stattfinden kônnen, oder im Durchschnitt eine Abfahrt
auf 2,4 Tage, anstatt auf 1,4 Tage wie gegenwârtig.

Daraus würde also im Durchschnitt eine Versaumnis von
einem Tag für die Gesamtheit des Transports eigener und
naturalisierter Güter fortfiieBen,

Doch, die Unwahrscheiniichkeit der Unterstellung, die
dieser Berechnung zugrunde gelegt wurde, ist leicht ersichtîich,
Das fremde Hinterland kann unmôglich von heute auf morgen
verschwinden, Was jedoch eintreten kann, ist die Ableitung
seiner Ausfuhr auf einen Hafen, der im Wettbewerb mit Ant-
werpen steht. In diesem Falle würden unsere eigenen Erzeug-
nisse, wie wir oben auseinandergesetzt haben, denselben Weg
einschlagen. Das Ergebnis wâre ebenso verhângnisvoll, denn
wir hâtten zunachst für einen lângeren Landtransport zu
zahlen, und dann müBte der Fabrikant langer warten, bis er
wieder in den Besitz seines Geldes gelangte.

Es ist unmôglich, den Schaden, der uns daraus entstehen
müBte, auch nur annâhernd zu berechnen, doch ist es beinahe
sicher, daB wir uns für zahlreiche Produkte im Nachteil gegen
unsere deutschen Konkurrenten befinden und notwendiger-
weise für viele Waren von ihnen verdrângt sehen würden.

Noch cin Punkt verdient Beachtung. Für die Ableitung
dicses Durchfuhrverkehrs ist es nicht nôtig, daB aile Produkte
zu ein und demselben Hafen gezogen werden. Es genügt,
wenn nur ein Teil, sei es das Schwergut oder das MaBgut,
seinen Weg zum Konkurrenzhafen nimmt. Obwohl Rotter-
dam, wie wir oben sahen, in bezug auf die Einfuhr Antwerpen
voransteht und für das ganze Rhein- und Ruhrbecken die
günstigere Lage besitzt, geht doch die Ausfuhr dieser Gegenden
zum grôBten Teile liber unseren Hafen, einzig und allein infolge
der besseren Frachtkombination, die sic!} dort bewerkstelligen
laBt, Würde also in einem gegebenen Augenblick das Gleich-
gewicht gestôrt, indem die Produkte infolge besserer Zugangs-
wege zum Hinterland, infolge von Vorzugstarifen, oder auch
infolge besserer inlândischer Bedingungen billiger in einem
anderen Hafen f, o, b, geîiefert werden kônnten, und wenn die
        <pb n="60" />
        ﻿59

Scliiffe in der GewiBheit, dort eine beschleunigte Abfertigung
wie bessere Frachten zu finden, sich zu einer Herabsetzung
des Frachtsatzes bewegen lieBen, würden wir vor und nach
die Güter ihren Weg zum Konkurrenzhafen nehmen sehen.
Zunâchst in kleinen Par tien; dann würden die Sendungen, da
die eine Ware die andere nach sich zieht, schneeballartig an-
wachsen, sich mehren, stetig anschwellen und zuletzt unsere
eigenen Waren mit sich fortreiBen, zum groBen Nachteile Ant-
werpens, der halben Million Einwohner unserer Handels-
metropole und unseres Volkes im allgemeinen,

Falîs die Eisen- und Stahlfabrikate Rheinlands und
Lothringens morgen auf Rotterdam abgeleitet werden, wer
verbürgt uns, daB nicht auch ein Teil unseres Eisens not-
gedrungen denselben Weg einschlagt? Die Kosten des Extra-
transports würden sich mindestens auf 1 sh. per Tonne be-
îaufen, und es bliebe unseren Industriellen nur die Wahl, Be-
stellungen abzulehnen oder, wenn moglich, den Ertrag ihres
Kapitals, die Abschreibungen auî ihre Einrichtungen und die
Lôhne ihrer Arbeiter herabzusetzen.

Wer verbürgt uns, dafi die Bewegung nicht schon ein-
gesetzt hat?

Rotterdam breitet seinen EinfluB mehr und mehr aus; es
ist bereits ein bedeutenderer Hafen als Antwerpen. Für die
Wasserverbindung mit dem Hinterland ist seine Lage uns
gegenüber die günstigere, So gut wie wir findet es sich am
Knotenpunkt des mitteleuropâischen FluBnetzes. Antwerpen
besitzt ihm gegenüber nur diesen Vorzug, daB es der Mittel-
punkt des Eisenbahnnetzes ist und sich auf die belgische In-
dustrie stützen kann. Sollte jedoch eines Tages der deutsche
Staat Rotterdam durch die Gewâhrung von Vorzugstarifen wie
durch die ganze wundervolle Méthode, die seine wirtschaft-
Hche Organisation kennzeichnet, begünstigen, so ist von dem
Tage an zu befürchten, daB unsere eigenen Produkte mit-
gezogen werden, und daB Antwerpen zum Range eines Lokal-
hafens herabsinkt,24)

Die reiche Gütermenge gestattet eine Herabsetzung der
Lagerspesen, deren Betrag ebenfalls bei der Berechnung des
Fabrikpreises der î. o. b. gelieferten Güter in Betracht kommL

24) Dubois &amp; Theunissen, Anvers et la vie économique nationale.
        <pb n="61" />
        ﻿60

Dank den Umstânden waren diese Spesen in Antwerpen be-
deutend niedriger als sonst irgendwo, was unseren Hafen
wiederum konkurrenzfâhiger machte,

*

* *

Die Statistik des belgischen Eigenhandels zeigt, daB unsere
Einfuhr 1913 die Ausluhr um 1 Milliarde 300 Millionen Fr,
überstieg; diese Biîanz wâre gefâhrlich passiv, wenn unser
Land keine anderen Ertragsquellen besâfie.

Prof, De Lannoy bat auf eine der letzteren hingewiesen,
die besonderste; die Berichtigung unserer Statistik, die wir
ihm danken, lâBt zutage treten, daB kein einziges Land, Holland
vielleicht ausgenommen, im internationalen Zwischenhandel
eine so auBerordentlich hohe Geschâftsziffer erreicht wie
unseres, „Drei Milliarden und 200 Millionen," schreibt er25),
„werden an Waren auî unseren Eisenbahnen vertransportiert,
in unseren Hafen geîôscht, in unseren Magazinen gelagert und
zuweilen in unseren Fabriken für Rechnung des Auslandes
verarbeitet, Was tragen uns die Dienste, die wir diesen
Landern leisten, ein? Zur Beantwortung dieser Frage îehlen
uns die nôtigen Anhaltspunkte, doch sind die ausgezahlten
Summen ohne allen Zweiîel bedeutende, Unser internationaler
Handel besteht in seinem überwiegenden Teile aus Geschaîten,
deren Abwickelung stets mit Gewinn schiieBt, da es Durch-
fuhrgeschâfte sind," Und in der Tat belief unsere Einfuhr sich
1913 auî 5,050 Mill., die Ausîuhr auf nur 3,716 Miîl., dagegen
erreichte unsere Durchfuhr {nach den nicht berichtigten
Zahîeni) 2,460 Mill,, aîso nahezu 50 % von unserer Einfuhr
und 60% von der Ausfuhr.

Zur Verteidigung der industriellen Interessen Belgiens
schreibt De Leener: ,,Die überseeische Durchfuhr ist eine
Quelle fruchtbringender Regsamkeit für das belgische Volk,
Es macht unsere Kapitalien ertragsfahig und gibt einer Menge
Leute Beschaftigung, Der Kauptvorteil ist jedoch in dem
mittelbaren Nutzen zu suchen, der unserer Landesindustrie
daraus ersprieBt,

Die Ausîuhr ist für die belgische Industrie eine Lebens-
îrage, Verschiedene Zweige derselben konnen sich überhaupt *

ïr&gt;) In 1909. Seitdem ist diese Zifîer noch bedeutend gestiegen!
        <pb n="62" />
        ﻿61

nur vermittelst der Ausîuhr, insbesondere nach überseeischen
Lândern, aufrecht erlialten, Ernste Schâdigung würde dem
Lande daher durch das Fortfallen direkter, regelmâBiger und
mogîichst billiger Verbindungen mit allen Lândern der Welt
entstehen, Solche Verbindungen aber kônnen nur
in einem H a f e n mît bedeutendem und viel-
seitigem Verkehr entstehen, Belgien allein ist
nie ht imstande, einen solchen Verkehr zu
schafîen. Es ist daher eine besondere Wohltat,
d a 6 die Nachbarlânder diesera Mangel ab -
helfen."26)

In seiner Propagandaschriît zugunsten des Antwerpener
Haîens (S, 31) hebt Minister Renkin den gleichzeitigen Auf-
stieg des Hafenverkehrs und des «Budget des voies et moyens"
(Staatseinkünfte) wâhrend der letzten zv/anzig Jahre hervor
und stellt lest, daB dieser Verkehr die Einkünfte unmittelbar
und mitteibar beeinîluBt. Da nun aber der Haîenverkehr sich
aus dem Eigenhandel und der Durchfuhr aufbaut, letztere aber
den bedeutenderen Teil dazu liefert, ist die günstige Be-
einflussung der Staatseinkünfte in demselben MaBstabe auf
Rechnung der Durchfuhr zu setzen-

Endlich ist der Wechselkurs, der in unserm internationalen
Handel eine so hervorragende Rolle spielt, in der Regel zu
unseren Ungunsten; das rührt u, a. von dem MiBverhâltnis
zwischen unserer Produktion und unserem Bedarf fier, Da es
aber schwierig sein würde, erstere zu vermehren und das An-
waehsen des letzteren zu verhindern, müssen wir notgedrungen
dem Fortbestande des Durchfuhrverkehrs die grôBte Bedeutung
zuerkennen.

Es will uns scheinen, daB diese ganze Reihe von Argu-
menten genügen wird, um die Notwendigkeit der Durchfuhr
für unsere Volkswirtschaît klar ins Licht zu stellen,

Deutschland nimmt eine so überwiegende Stelle in unserem
Zwischenhandel ein, daB die Ausschaltung dieses Kunden, wie
die Pariser Konferenz sie vorschlâgt, unseren Untergang nach
sich ziehen würde. Die englisch-deutschen und franzôsisch-
deutschen Handelsbeziehungen, die von so groBem Nutzen für

26) De Leener, La politique des transports, p. 241.
        <pb n="63" />
        ﻿..—— -----”—p ■	p;—;----pj ;	; 1 i	1	'

— 62 —

uns waren, würden ebenfails aufhôren, und was uns dann noch
übrig bliebe, wâre von keiner Bedeutung mehr.

Es würde uns tatsâchiich nichts aïs die Vermittlung der
franzôsisch-niederlândischen und einiger franzôsischen Durch-
fuhr von und nach Übersee verbleiben. Die SchutzzollmaB-
regeln Frankreichs, sein ,,Surtaxe-d'Entrepôt“-System, die
Differentiaîtarife von den Eisenbalmgesellschaften (Cie. du
Nord; Cie, de l'Est; Cie de l'Ouest; P, L, M.) zugunsten Havres,
Dünkirchens und Marseilles eingeîührt, haben die franzdsische
Durchfuhr über Antwerpen natürlich auî einer auBerst geringen
Hôhe gehalten,27) Selbst Biiîiard beklagt sich in seinem Bûche
„La Belgique industrielle et commercielîe de demain" über
Frankreich: „Es verschanzt sich vorsâtzlich in sich selbst, und
in wirtschaftlicher Hinsicht môchte es sich selbst genügen."

Man wird uns vielleicht sagen, daB das edelmütige und
ritterliche Frankreich den Opfern, die Belgien sich im gegen-
wartigen Kriege zu seineii Gunsten aulerlegt hat, Rechnung
tragen und uns Vorzugstarife bewilligen wird, Das ist moglich,
doch vergessen wir vor allem nicht, daB die Geschaftswelt nur
Geschâfte kennt. Zudem dürfte es für Frankreich ganz und
gar unmôglich sein, die bis jetzt befolgte Politik aufzugeben,
und zwar u, a. aus dem guten Grunde, daB der materielle
Schaden, den dieses Land durch den Krieg erlitten hat, sich
als groB genug herausstellen wird, um ihm die auBerste Aus-
nützung aller ihm verbleibenden und für seinen Wiederaufbau
geeigneten Hülfsqueîlen und Mittel zur gebieterischen Pflicht
zu machen,28)

Übrigens sind bereits Anzeichen vorhanden, die nicht im
entferntesten auf Vergütungen, für uns hindeuten, sondern die

27) Die fortschreitende Fôrderung der Erzlager im Becken von Briey
(Ost-Frankreich) hâtte nicht allein der Einfuhr für unsere industriellen
Bedürfnisse zustatten kommen, sondern auch ein bedeutender Faktor
werden kônnen in unserèm Durchfuhrhandel über Antwerpen vornehmlich
nach England — wir hâtten damit eine gute Rückfracht gehabt für die
Tramp s chiffe, die jetzt auf Ballast dahin zurückgehen — doch machen
die von Dünkirchen ins Werk gesetzten Bemühungen, sich diesen Transport
zu sichern, aile unsere Hoffnungen zunichte. Siehe den Bericht der Ant-
werpener Handclskammer von 1911, S. XIV,

ïS) Wir wollen nur daran erinnern, daB die Bilanz der franzôsischen
Eisenbahnen nach den Angaben des Petit Journal für die letzten drei Jahre
einen Verlust von 1,1 Milliarden Fr, aufweisen, wovon 0,206 Milliarden für
Rechnung des Staates, (Offizielle Zahlen.)
        <pb n="64" />
        ﻿63

uns vielmehr einen erbitterteren Wettbewerb von seiten der
franzôsischen Hafen in Aussicht stellen als je zuvor-

Es geht nâmlich ans Berichten von franzôsischer Seite
hervor, daB im gegenwârtigen Augenblick mit âufierster Kraft-
entfaltung an der Ausbreitung und Verbesserung gewisser
franzôsischer Hafen gearbeitet wird. In Havre z, B. werden
groBe Trockendocks und ein Vorhafen gebaut, die den grôfiten
Schiffen Zugang gewâhren; ein Dock von 860X800 m ist bereits
fertig, Die Plane hinsichtlich des Haîens von Marseille sind
noch grofizügiger, ja, sie zielen darauf hin, diesen Hafen zu
einem der bedeutendsten Handelsmittelpunkte der Welt zu
machen, Der Kanal Marseille—Arles, von welchem bereits
8 km im Felsen gehauen sind, soll das Mittelmeer in direkte
Verbindung mit der kanalisierten Rhône bringen; nach seiner
Vollendung wird Marseille dem Netze der SchiffahrtsstraBen,
die in die Nordsee ausmünden, angeschlossen sein. Überdies
will man am Lac de Berre eins der grôfiten Stapelhâuser der
Welt aufrichten.29 30 *)

Bordeaux endlich soll vermittelst einer neuen Durchfuhr-
Eisenbahnlinie mit Genf verbunden und dadurch eine Weg-
kürzung von 60 km erzielt werden; ein bedeutender Teil der
Ein- und Ausfuhr der Schweiz, die Antwerpen vor dem Kriege
zu seinen guten Kunden zâhlen konnte, wird alsdann seinen
Weg über jenen Hafen nehmen.

Um nach ail dem noch eines Bruchteils der franzôsischen
Übersee-Ausfuhr habhaît zu werden, müBte Antwerpen auf die
industriellen Erzeugnisse von Nordwest-Frankreich noch die-
selbe Anziehungskraft ausüben kônnen wie vor dem Kriege,
Diese Anziehungskraft bestand hauptsachlich in den niedrigen
Lagerungsspesen und Frachtsâtzen, in der Haufigkeit des
Schiffsausgangs und der Mannigîaltigkeit der Bestimmungs-
hâfen. Doch haben wir gesehen, dafi ail diese Vorteile grôBten-
teils von der deutschen Durchfuhr abhangig sind, und da wir
nach den Bestimmungen des wirtschaftlichen ..Krieges" diese
Durchfuhr fahren lassen müBten, würde Antwerpen sich nicht
niehr auf sie stützen kônnen; infolgedessen kônnte mit einer.

29)	Nieuwe Rotterdamsche Courant vom 11, Januar 1917.

30)	Franzôsische Mitteilung aus offizieller Quelle, die sich im Oktober

1916 in allen Zeitungen fand.
        <pb n="65" />
        ﻿64

franzôsischen Durchfuhr von irgend welcher Bedeutung nicht
mehr gerechnet werden,

Nach ali den materiellen Verlusten, die wir erlitten haben,
bîeibt uns nur zu hoffen, daB man eine Politik einschlagen wird,
die uns gerecht wird und die den wirtschaftlichen Bedürfnissen
des Landes besser angepaBt ist.

Der durch Belgien gehende Passagîer- und Auswanderer-

verkchr.

Wenn die genaue Anzahl der Passagiere, die „in direktem
oder unterbrochenem Transit" durch Belgien nach Deutsch-
land gehen oder daher kommen, sich auch nicht feststellen
lâBt, muB sie in Anbetracht unserer geographischen Lage
immerhin eine bedeutende sein.

Dieser Verkehr dient u, a. dem Fâhrdienst Ostende—
Dover, den der Staat seit Mârz 1846 auf eigene Rechnung
betreibt, als Grundlage- Vermittelst ihrer niedrigen Fahrsatze
trat diese Linie mit jener von Calais in scharfen Wettbewerb;
trotzdem blieb sie bis etwa 1890 von untergeordneter Be-
deutung. Die Zahl der belôrderten Passagiere war merklichen
Schwankungen unterworfen; 1870 betrug sie z. B, 37 313,
1875 36 038 und 1880 nur 26 225 Erst gegen Ende des vorigen
Jahrhunderts nahm der Dienst seinen Aufschwung, Die
Internationale Schlafwagen-Gesellschaft, die mit der Leitung
der belgischen Eisenbahnen in enger Verbindung stand, richtete
mit der Zeit jene internationalen Schnellzüge ein, denen die
Linie Ostende—Dover vor dem Kriege groBtenteils ihren Ruf
und regen Verkehr verdankte.

Die Zahl der Passagiere
Hôhe an:

1895;	115601
1900;	114813
1905:	136 081

schwoll zu	auBerordentlicher
1910;	222 410
1911:	181 040
1912;	190 61731)

Die genannten Züge gingen aile über Deutschland; vor
alîem sind zu nennen: der Schnellzug Ostende—Konstantinopel
mit direkten Eisenbahnwagen für Budapest, Belgrad, Bukarest,
Constantza, und der „Nord-ExpreB“, der Ostende unmittelbar 1

S1) Annuaire statistique de la Belgique,
        <pb n="66" />
        ﻿mit Berlin, Petersburg, Warschau, Moskau und von da über die
transsibirische Bahn mit Wladiwostok und Nagasaki verband.

Wenn der Staat trotz des nach Millionen zâhlenden
Defizits32), das ihm der Dienst Ostende—Dover eintrug, un-
beirrt seinen Betrieb fortsetzte, so kann er dies nur in der
Erkenntnis getan haben, daB die Reisenden, die auf diese
Weise in unser Land kamen, lür dieses eine Quelle bedeuten-
den Gewinns darstellten.

Endlich verdient Erwâhnung, daB die Anlagen des Hafens
Zeebrugge vorzugsweise das Anlaufen der groBen Paketlahrt-
dampfer für den Passagier- und Postdienst bezwecken sollte.

Was den Auswandererverkehr über Antwerpen anlangt,
so bat dieser in den letzten Jahren eine ansehnliche Ziffer
erreicht. Die Tabellen XIV und XV bieten verschiedene
Einzelheiten darüber:

Tabelle XIV.
Auswandererverkehr,

Jahr	Hamburg	Bremen	Antwerpen
1907	155.982	234 013	100.318
1908	48.598	74.626	35.559
1909	113.535	144.417	67.509
1910	118.131	157.896	71.692
1911	86.895	115.044	59.599
1912	134.169	169.951	87.971
1913	192.733	239.564	115.061

Tabelle XV,

Auswandererverkehr über Antwerpen.

a)	Mit direktem Abgang aus Antwerpen;

1850 1860 1870 1880 1890	1900	1905	1910 1912

7.016 2,442 126 19.980 38.671.40.763 .83.815 81.497 87.971

32) 1911:	Einnahmen;	1	717 836	Fr,

Ausgaben:	5 961 732	„

1912:	Einnahmen:	1	823 368	„

Ausgaben:	3	544 881	„

(Annuaire statistique de la Belgique.)
        <pb n="67" />
        ﻿66

b)	Rückwanderer mit direkter Ankimft in Antwerpen;

1875 1880 1890 1895 1900 1905 1908 1909 1910
2.202~ Î.300” 9.757 7.665 9.038 12.601 30.848 14.918 19.271

1911	1912

23.410 19.394

c)	Staatsangehorigkcit und Bestimmungsland der Aus-
wanderer; Jahr 1912:

Staats-  angehôrigkeit	Zahl	Bestimmungsland				
		Vereinigte  Staaten	Süd-  Amerika	Afrika	Asien	Australien
Deutsche . .	2.082	1.605	57	28	1	391
Amerikaner.	756	756	—	—	—	—
Englander .	6.466	8	3	—	—	6.455
^sterreicher	38.124	38.110	12	—	—	2
Belgier . . .	2.067	2.011	47	—	—	9
Franzosen .	151	131	4	—	—	16
Italiener . .	633	558	73	—	—	2
Luxemburger	82	75	7	—	—	—
Holiander .	466	219	8	—	—	239
Russen . . .	30.614	30.410	180	—	—	24
Schweden .	92	53	39	—	—	—
Verschiedene	1.668	1.523	118	—	—	27
Zusammen	83.201	75.459	548	28	1	7.165

Indirekte Auswanderung:

Belgier . . . Fremde . . .	2.335  2.435	2.239  2.326	96  106	3	—	—
Zusammen	4.770	4,565	202	3	—	—

Auswanderung insgesamt;

Belgier . . . Fremde . . .	4.402  83.569	4.250  75.775	143  607	31	1	9  7.156
Zusammen	87.971	80.025	750	31	1	7.165

Auch auf diesem Gebiete würde die Pariser Konferenz
verhangnisvoll für uns sein; der Krieg an sich wird ohnehin
schon einen bedeutenden Rückgang in diesem wichtigen Faktor
unseres Verkehrs zuwege bringen.
        <pb n="68" />
        ﻿■— -————————



— 67 —

111.

tiandel und industrie.

Aîigemeines.

Der AuBenhandel Belgiens hat, dank der âuBerst günstigen
geographischen Lage des Landes, einen so staunenswerten
Auîschwung genommen, dafi dieses in die Reihe der groBen
Handelsvôlker der Welt eintreten konnte; die nachstehenden
Angaben weisen es ans:

Tabelle XVI.

Spezialhandel,

j( Einfuhr Ausfuhr
jahre [| (In NUL Fr.)

1831	89.988	96.555
1840	205.610	139628
1850	221.923	210.032
1860	516.686	470.258
1880	1.680.891	1.216.741
1890	1.672.115	1.437,023
1900	2.215.752	1,922.884
19"5	3.068.336	2.3H3.676
1910	4.264.960	3.407.428
1911	4.508.472	3.580.349
1912	4.9 8.009	3.951.478
1913')	5.049.8o9	3.715.813

Tabelle XVII.
AuBenhandel.
(In Milliarden Fr.)

	1911	1912	1913
Grofibritannien	26,25	28,6	30,2
Deutschland . .	22,25	24,6	26,1
Ver. Staaten .	18,3	19,8	22,1
Frankrcich . . .	i 14,1	15,0	16,3
Niederland, . .	12,8	14,2	(?)
Belgien ....	8,0	8,9)	8,73)

L) 1913: Jahr des Generalstrciks,
!) 1913: Jahr des Generalstreiks,

5*
        <pb n="69" />
        ﻿



— 68 —

Nach Warenkategorien betrachtet, gibt der Spezialhandel
für 1913 folgendes Bild:

Tabelle XVIII.

Warengattung	Einfuhr	|	Ausfuhr  (In Tausenden Fr.)			
I. Lebende Tiere ....	6 .273	1,3 %	44.413	1,2 %
II. Getrankeu.Nahrungs-				
mittel		1.034.822	20,5 „	327.663	8,8 „
111. Rohstoffe und Halb-				
fabrikate		2.667.035	52,8 „	1.826.078	49,1 ,
IV. Fabrikate		869.478	n,a „	1.436.430	38,7 „
V. Kostbare Metalle. . .	413.251	8,2 „	81.230	2,2 „
(auch gemünzt)				

In Übereinstimmung mit dem industriellen Charakter
unseres Landes überwiegt demnach die Einfuhr von Nahrungs-
mitteln, Rohstoffen und Halbfabrikaten, wâhrend die Ausfuhr
der letzteren diejenige der Fabrikate, für die wir immer noch
einigermaBen abhangig vom Auslande sind, merklich übersteigt.

Der beste Kunde Belgiens ist Deutschland. 1912 kauften
wir von ihm für 703120 000 Fr. Waren, wahrend wir ihrn für
1 007 469 000 Fr. verkauften, Gegen 1911 ist die Einfuhr um
16,7%, die Ausfuhr um 5% gestiegen, 45,9% dieser Einfuhr
bestehen aus Halbfabrikaten oder Rohstoffen für unsere In-
dustrie, 45,4% aus Fabrikaten, Wir verkaufen Deutschland
hauptsâchlich Rohstoffe, Halbfabrikate und Nahrungsmittel;
die beiden erstercn zusammen bilden 63,7 % und letztere
14,2% vom Totalverkauf. Es ist vornehmlich durch den Ein-
fuhrhandel Antwerpens, daB dieser Prozentsatz eine solche
Hôhe erreicht. Die Ausfuhr von Fabrikaten betrâgt 19,2%.

Unsere Handelsbilanz mit Deutschland schlieBt demnach
um 304 Mill, Fr- zu unseren Gunsten ab. In Anbetracht unserer
ungünstigen finanziellen Lage, die unsere Nationalbank fort-
wahrend zwingt, sich in Frankreich mit Gold und Silber zu
versorgen, ist diese Tatsache nicht ohne Bedeutung.

An Zollgebühren hat unser Handel mit Deutschland der
beîgischen Staatskasse ungefâhr 20 200 000 Fr. zuflieBen lassen.

Die folgende Tabelle zeigt den Anteil Deutschlands am
Spezialhandel Belgiens mit dem Auslande wahrend der letzten
23 Jahre, AuBer der hervorragenden Stellung, die diesem
        <pb n="70" />
        ﻿69

Lande darin zukommt um von der Durchfuhr, die wir im
vorhergehenden Abschnitt behandelten, nicht zu reden —, tritt
vor allem der Aufstieg der Ausfuhr in der Tabelle zutage, An-
gesichts der Passivitât unserer allgemeinen Handelsbilanz ist
diese Tatsache von hôchster Bedeutung,

Anteil Deutschlands am belgischen Handel.3]

| 1880 i 1890		1900	1910	1911	1912
	% | %	%	%	%	%
An der Einfuhr . . .	14,5 10,9	14,7	13,5	13,4	14,2
„	„ Ausfuhr. . .	19,1 i 18,9	22,1	25,9	26,8	25,53 4)

Daraus erklârt sich die hohe Bedeutung, welche die Ant-
werpener Handelskanimer unsern kommerziellen Beziehungen
zu diesem Lande zuschrieb; das Zentralbureau sagte in seinem
Bericht von 1911; „Die Geschâftsabwicklungen zwischen Belgien
und dem Zollverein weisen einen merklichen Fortschritt auL
Es ist erlreuîich, dies festzustellen, wenn man sich erinnert,
daB Deutschland das einzige groBe Land ist, mit welchem wir
ein langfristiges Handelsabkommen abgeschlossen haben, Da
dieses Abkommen 1917 ablâuft, ist es für unsere amtlichen
Wirtschaftsbeflissenen nicht zu früh, ernstlich an die Vorteile
zu denken, die wir bei seiner Erneuerung erzieien oder be-
haupten kônnen,"

Nach Deutschland ist Frankreich das Land, mit welchem
wir die meisten Geschâfte rnachen. 1912 erreichte die Einfuhr
von dort 908 048 000 Fr., die Ausfuhr dahin 752 314 000 Fr,
Wollte man ausschlieBlich auf Grand dieser Gesamtziffern sich
ein Urteil bilden, müBte man unsere Lage hinsichtlich Frank-
reichs, angesichts des bedeutenden Einfuhrüberschusses aîs
verderbîich ansehen, Glücklicherweise bedürfen die amtlichen
Zahîen jedoch einer Berichtigung. Wie wir soeben erwahnten,
muB unsere Nationalbank in stetig zunehmendem MaBe Silber
und Goîd aus Frankreich holen, ohne darum doch das Disagio
zwischen dem belgischen und franzôsischen Kurse aus dem
Wege raumen zu kônnen- Hait man nun mit diesen Sendungen

3)	H. Waentig, in Belfried I.

4)	BeeinfluBt durch die infolge des Balkan- und des türkisch-italieni-
schen Krieges geschaffene Unsicherheit. Vgl. den Bericht der Antwerpener
Handelskammer, 1912,
        <pb n="71" />
        ﻿70

kostbarer Metalle Rechnung, so erscheinen die Zahlen îolgen-
dermaBen; Einfuhr 628360 000 Fr., Ausfuhr 711000 000 Fr.

Der Anteil Frankreichs am belgischen Aussenhandel ist
folgender:	4||

	1870	1880	1890	1900	1910	1911	1912
An der Einfuhr . . , .	%  25,4	%  20,0	%  19,5	' %  16,9	%  17,5	%  16,4	%  16,B"
„	„ Ausfubr....	33,4	32,7	24,8	22,1	19,6	19,4	19,0

Diese Zahlen lassen einen starken Rückgang erkennen,
insbesondere hinsichtlich der Ausfuhr, Noch sfèirker traie die
Verminderung zutage, wenn wir von den aüfgegebenen Pro-
zenten die Gold- und Silbersendungen, die von Jahr zu Jahr
an Bedeutung gewinnen, in Abzug brachten, 1911 betrugen
diese tatsachlich 25,4 % von unserer Einfuhr und 5,5 % von
der Ausfuhr; für 1912 sind die entsprechenden Zahlen: 30,8%
und 5,4%, für 1913; 37,3% und 10,1%.

An Zoll flossen der belgischen Staatskasse 1912 aus ein-
geführten franzôsischen Erzeugnissen 13,3 Mill. Fr, zu.

England komrnt an dritter Stelle. 1912 verkaufte es uns
für 505 527 000 Fr. Waren und wir sandten ihm für 540285000 Fr,
Verglichen mit Frankreich und vor allem mit Deutschland, ist
es, vom Standpunkte unserer Handelsbiîanz betrachtet °), nur
ein recht mittelmâBiger Kunde, Zur richtigen Beurteilung
unserer Beziehungen zu diesem Lande mulB man mit der Tat-
sache Rechnung halten, daB es für einen grofien Teil unserer
Ein- und Ausfuhr nur aïs Vermittler oder Zwischenperson auî-
tritt, wâhrend Deutschland und Frankreich wirkliche Ablader
und Empfanger sind.

Die Lage nach dem Krîege,

Das war Belgiens Lage vor dem Kriege hinsichtlich seiner
drei Hauptkunden, Seitdem hat die Wirtschaftslage der Welt
durch den Krieg tiefgreiîende Wandlungen erfahrem Die
kriegführenden Lânder, und insbesondere die Verbündeten
(„Entente“-Mâchte) sind vor allem Importeure gewesen, wâh-
rend die Ausfuhr infolge der Konzentrierung aller Krâfte auf

B) Revue internationale des valeurs mobiliaires, 23. 12. 14.
        <pb n="72" />
        ﻿71

die Erzeugung und den Transport von Kriegsbedarf bedeutend
gesunken ist,

Auf Grund der nachstehenden Ziffern für den Spezial-
handel wird man sich Rechenschaft darüber geben konnen;

	Einfuhr			Ausfuhr		
	1914	1915	In 1915	1914	|	1915		In 1915
Frankreich . . .  (In 1000 Fr.) England .... (In 1000 Pfd. St.) Europ.Ru01and7) (In 1000 Rub.) Asiat. RuOland (in 1000 Rub.)  Die	6.402.169  696.635  928.524  155.110  Bilanz de	8.074.492  853.753,3  593.639  407.559  s franzos	+ 1.672.323  + 157.121,2  — 334.885  + 252.449  ischen AuB	4.868.834  861.728  87.455  enhandels	3.022.302  384.647,8  299.621  77.525  weist n	—	1.846.532  46.074e)  -562.107  —	9.93®  leist

ein Passiv von über 3,5 Milliarden Fr, für 1915 auf; seit 1914
bat die Passivitât bis zum 31. Dezember 1915 5 Milliarden Fr,
überschritten, und das Jahr 1916 wird sie noch in auBerordent-
lichem MaBe gesteigert haben,

Für England belauft sich das Passiv für 1915 auf 203 Mill,
Pfund Sterling oder ungeîâhr 5 Milliarden 75 Millionen Fr,
Für das europaische RuBland hat das Passiv, das 1914
66 796 000 Rub. betrug, 1915 294 018 000 Rub, erreicht, und
dasjenige des asiatischen RuBîands ist von 67 655 000 auf
330 034 000 Rub. gestiegen; das Passiv von ganz RuBland be-
lauft sich also auf 624 052 000 Rub. oder 1659 978 300 Fr.

Der AuBenhandel der Vereînigten Staaten von Amerika
dagegen hat wahrend des Krieges einen unglaublichen Auî-
schwung genommen und das Land um Milliarden bereichert.
Ein Vergleich zwischcn den beiden letzten Jahren ergibt;

(In 1000 Dollars.)

Einfuhr				Ausfuhr	
1914	1915	1915	1914	1915	1915
1.789.276	1.778.597	Abnahme  10.670	2.113.6^4	3.547.480	Zunahme  1.433.856

6)	Diese Statistik umfafit nicht die Einfuhr und Ausfuhr von Waren,
deren Eigentiimer die verbündeten Regierungen sind.

7)	Nach deî Agence économique et financière.
        <pb n="73" />
        ﻿72

Das Übergewicht der Ausfuhr über die Einfuhr betrug für
1914 324 348 000 und für 1915 1768 883 000 oder ungefâhr
9 Milliarden 190 Millionen Fr,

Die den Verbündeten gemachten Lieferungen von Kriegs-
material, sowie die ihnen gewâhrten Anleihen haben den
Schwerpunkt der Weltfinanzen nach New York verlegt, Vor
dem Kriege wurden beinahe aile überseeischen Finanz-
operationen für Europas Rechnung in London abgewickeltj in
dieser Sachlage steht eine merkliche Wandlung in Aussicht,
zumal da die Amerikaner reichlich ihren Vorteil aus dem
europâischen Wirrwarr gezogen haben, Ihre Industrie hat neue
Absatzgebiete erobert und sich auf Plâtzen fest eingenistet, wo
ihre Produkte früher nur mâfiig von der Hand gingen,

Neue Fabriken wurden spezielî für die Erzeugung von
Kriegsbedarf errichtet, doch da ihre Einstellung auf Friedens-
arbeit für den gepaBten Augenblick vorgesehen ist, wird die
Produktion der amerikanischen Gewerbtâtigkeit auch spâter
eine intensive bleiben und neue Absatzgebiete erheischen. Fin
erbitterter Wettbewerb zwischen ihr und der europâischen
Industrie steht in Aussicht, Man denke nur an die wundervolle
Organisation der amerikanischen Ausfuhr; die der National
Cash Register Co, welche die Welt in Staunen setzt, ist nur ein
Beispiel aus hundert,

Andererseits hat die amerikanische Finanzwelt ihren Ein-
fluB auf Kosten Europas ausgebreitet. Ein neues Gesetz gibt
den amerikanischen Banken das Redit, Zweighâuser im Aus-
lande aufzurichten, und diese haben schleunigst davon Ge-
brauch gemacht, Wir weisen u, a, auf die Gründung der
American International Corporation (Kapital 250000 000),
woran die Morgan-Gruppe, die Standard Oil Co., die National
City Bank, wie die Firma Kuhn, Lob &amp; Co, beteiligt sind.
Diese Gruppe hat bis jetzt u. a. die Latin American Co. für die
südamerikanischen Republiken ins Leben gerufen; zu den
Unternehmungen, die sie dort ins Auge geîaBt und teilweise
sogar schon in Angriff genommen hat, gehôrt der Bau von
Eisenbahnen, die Anlage von Wasserleitungen, Hâfen, Elek-
trizitâtswerken usw, AuBerdem hat sie soeben ein Abkommen
mit China getroffen für ein Eisenbahnunternehmen, das 60 bis
100 Millionen Dollars erfordern wird-
        <pb n="74" />
        ﻿73

Auch Japan hat nichts versâumt, um den günstigen Augen-
biick zur Ausbreitung seines Eînflusses in Asien auszunützen.

Die kriegführenden Lânder werden nach FriedensschluB,
jedes für sich, ihr Augenmerk zuerst und vor allem darauf
richten müssen, eine feste Grundlage für ihre Volkswirtschaft
zu schaffen. Hohe Schutzzolîschranken werden die nâchste
Folge davon sein, und dann eine rege Tâtigkeit zugunsten einer
intensiven Ausfuhr, die ihrerseits wiederum einen erbarmungs-
losen Wettbewerb hervorrufen wird, gegebenen Falles Hand
in Hand mit der Organisation des Wirtschaftskrieges, England,
Frankreich, Italien und RuBland z. B, einerseits werden, da sie
ihrer guten deutschen Kundschaft entsagt haben, sich andere
Absatzgebiete suchen müssen, denn ein voîlkommener gegen-
seitiger Ausgleich ist unmôglich. Deutschland andererseits
wird sich in derselben Lage sehen, und da die „neutralen“
Mârkte allein ihm offenstehen werden, wird der Wettbewerb
auî diesen ein zügelloser sein. Dem Kampfe wird in diesem
Lande bereits vorgearbeitet; die Industrie zentralisiert sich,
mâchtige Produktionsverbânde treten ins Leben, treffen Über-
einkünfte mit einander, beteiligen sich finanziell an groBen
Schiffahrtsunternehmungen, um den Transport gemeinschaft-
lich zu organisieren. Die deutsche Industrie hat ihre Organi-
sationsfâhigkeit bewiesen, ihr Geschick in der Eroberung von
Absatzgebieten ist bekanntL Wir wollen nur an folgende Tat-
sache erinnern: Nachdem Frankreich zur Beschrânkung der
deutschen Einfuhr seine Eingangszôlîe erhôht hatte, nahm diese
Einfuhr 1911, anstatt herunterzugehen oder stationâr zu bleiben,
im Gegenteil um 55 Millionen oder 10% zus) (1910; 543 Mil!,:
1911: 599 Mil!.).

Was soll unter diesen Umstânden aus Beîgien werden?

Wird die belgische Exportindustrie die mannigfachen
Schwierigkeiten, die diesen neuen Bedingungen entspringen
werden, zu überwinden wissen?

Wir haben bereits verschiedene Faktoren untersucht, ohne
welche unsere Industrie auf den auslândischen Mârkten nicht
konkurrieren, geschweige denn gedeihlich fortkommen kônnte;
es lohnt sich also nicht, darauf zurückzukommen, Aber es gibt
auch Faktoren, die ihre Kraft, welche hauptsâchlich in ihren

8) Antwerpener Handelskammer, Bericht 1911, S. XVI,
        <pb n="75" />
        ﻿74

niedrigen Produktionskosten lag, schwâchen werden, Der
Mangel an Arbeitskrâften und die daraus entspringende Lohn-
steigerung, die sozialen Verpflichtungen und erhôhten Steuern
werden neue Schwierigkeiten sein, denen man gegenüberstehen
wîrd; îreilich wird das ailes auch in anderen Lândern statt-
haben, aber die beîgische Industrie wird sich am schwersten
dadurch getroffen fühlen. Tatsâchlich werden viele unserer
besten Arbeiter im Auslande bleiben. In Frankreich9) vor
allem haben ernstliche Versuche eingesetzt, sie zurückzuhalten;
Holland, England und Amerika werden dasselbe tun, Der
beîgische Arbeiter, der überall für sein Geschick und seine
Ausdauer bekannt ist, wird das Ziel für die Begehrlichkeit der
interessierten Vôlker werden- Diejenigen, die im Lande zurück-
geblieben sind, werden sich nach nahezu dreijahriger Untâtig-
keit wieder aufraffen müssen, und es wird viel Zeit vergehen,
bevor sie sich ihrer regelmaBigen Beschaftigung wieder an-
gepaBt haben,

Als unmittelbare Folge des Weltkrieges steht wahrschein-
lich eine ganz bedeutende Ausbreitung des Einflusses der
Arbeiter auf das Geschick der Nation bei uns in Aussicht; die
Besteuerung des Einkommens und die AbschlieBung der ganzen
sozialen Gesetzgebung werden sich als unvermeidlich erweisen.
Der Arbeiter, der aus England, aus Frankreich, aus Amerika
zu uns zurückkehrt, wird dort Bekanntschaft gemacht haben
mit Lohnen und Gesetzesbestimmungen zum Schutze des Pro-
létariats, die bedeutend günstiger für ihn sind als diejenigen,
die er im eigenen Lande gewohnt war; er wird ihre Einführung
fordern, und es wird schlecht angehen, sie ihm zu weigern,
Der dazu erforderliche Einsatz von Kraft wird um so bedeuten-
der sein, als er sich gegen jahrhundertealte Gewohnheiten
richtet und unsere Industrie sich noch stets vorwiegend von
den Manchester-Prinzipien und den Theorien von Adam Smith
leiten laBt und daher stark individualistisch geblieben ist,

Endlich werden sich auf dem Gebiete unserer mechanischen
Ausrüstung ansehnliche Neuanschaffungen als nôtig erweisen,
da der Bestand durch Requisitionen, Zerstôrungen usw. viele
EinbuBen erlitten hat, Wir müssen neue Vorrâte von Roh-
stoffen einlegen, unser inlândisches Transportwesen, besonders

“) Le Gaulois vom 8. November 1916, u. a.
        <pb n="76" />
        ﻿75

den Eisenbahnbetrieb, neu einrichten, und 1 a s t, but not
1 e a s t, gegebenen Faites Ersatz suchen für das in vielen Unter-
nehmungen angelegte deutsche Kapital.10)

Kurz und gut, die belgische Industrie wird sich im Augen-
blick der Wiederaufnahme des Geschâftes gegen seine Kon-
kurrenzunternehmungen offenbar im Nachteil befinden.

Zudem will man für unsere Industrie die deutsche Grenze
abschlieBen? Wo soll sie dann ihre Kohl en, gewîsse Erze,
Eisen und Stahl, chemische Produkte, Farben und Maschinen
holen? England und Frankreich werden uns natürlich
schleunigst ihre Offerten machen, aber zu welchen Bedin-
gungen? Da Frankreich nicht genug Kohlen für seinen eigenen
Bedarî erzeugt und eine krâftige Ausbeutung der Kohlenlager
in den belgischen Kempen erst in einigen Jahren eintreten
kann, würden wir für unser Brennmaterial auf England an-
gewiesen sein; der Transport würde mehr kosten, die Kohle
daher auch, Deutschland lieferte uns 1913 6 675 000 t; da
nun seit verschiedenen Jahren ein auBerordentliches MiBver-
haltnis bestand zwischen unserer GuBeisen- und Kohlen-
produktion11 *), hatten einige Fabriken, die ihre Kohlen aus
Deutschland beziehen muBten, sich selbst in bestimmten
Landesteilen lokalisîert, wo sie diese am billigsten bekommen
konnten. MüBten sie ihre Kohlen in England kaufen, wâre
ihre Existenz, die von einem kleinen Unterschiede zwischen
dem Produktions- und Verkaufspreise abhângt, schwer bedroht.
In Belgien gibt es selbst mehrere Koksofen, die ihre Kohlen
aus Deutschland holen, um den Koks wieder nach dahin aus-
zuführen.15)

Andererseits würde die Umstellung, die der Ausgîeich des
unermeBîichen Verlustes der belgischen Ausfuhr nach Deutsch-
land erfordern würde, zu viel Zeit in Anspruch nehmen, um
nicht kritisch zu sein; die Hoffnung, diesen Ausfall durch eine
in demselben MaBe gesteigerte Ausfuhr nach anderen Lândern
ausgeglichen zu sehen, würde sich aïs eine Utopie erweisen,
Das îâBt die bevorstehende Erhohung der Produktionskosten,

10) Vornehmlich in der Zink-, Eisen- und Glasindustrie.

1 ’) Von 1903—1912 ist die Produktion von Roheisen von 1,216 Milî.
auf 2,301 MOI. per Jahr gestiegen, wâhrend die Kohlenfôrderung uni
1 MOI, t gesunken ist.

J2) W. Bürklin, Handbuch des belgischen Wirtschaftslebens, S, 45.
        <pb n="77" />
        ﻿76

wie die zukünftige Lage des Weîtmarktes, wovon wir sprachen,
klar erkennen,

Da wir den Neutralen die „Klausel der meist begünstigten
Nation" nicht anbieten kônnen, werden diese sie uns ebenfalls
verweigern, doch Deutschland zugestehen13), und dieser Um-
stand ist nicht von solcher Art, um unseren Exporteuren auî
diesen Markten zu nützen. Von seiten Englands dürfen wir,
da seine Industrie der unserigen wesentlich gleichartig ist, nicht
viel erwarten; überdies schlieBt sich das ausgedehnte britische
Weltreich, das zahlreiche für unseren Absatz in Betracht
kommende Gebiete umfafit, dem Mutterlande so enge an, daB
es diesem besonders günstige Bedingungen auf seinen Markten
vorbehâlt.

„Was Wir vorzugsweise zu fürchten haben,“ lesen wir in dem Bericht
der Antwerpener Handelskammer für 1912, „und worauf wir schon oft aïs
die grôfite Gefahr hingewiesen haben, die unserer Ausfuhr droht, das ist
die Ausbreitung der differentiellen Vorzugsiarife, welche die Kolonien
unserer groBen kolonisierenden Nachbarn dem Mutterlande für seine
industriellen Erzeugnisse gewahren. Die englischen Konsularbcrichte
stellen seit ein paar Jahren mit einer Genugtuung, die für uns nichts Gutes
bedeutet, fest, daB das Inkrafttreten dieser Tarife in den britischen
Kolonien, und bestimmter in Südafrika und in Australien, seine Wirkungen
gezeigt bat in einem merklichen Niedergange der fremden (lies: deutschen
und belgischen) Einfuhr in diese Kolonien und einem entsprechenden Auf-
stieg der Exnfuhrziffern GroB-Britanniens, Wir wiederholen, was wir in
unsern vorhergehenden Berichten sagten; Solange unsere Konkurrenten,
die mâchtigen Lânder, derartige Mittel anwcnden, bleibt uns nichts anderes
übrig, als unaufhôrlich die Qualitât unserer Waren zu verbessern und zu-
gleich zu Preisen zu verkaufen, die uns gestatten, unseren Konkurrenten
die Stirn zu bieten,"

Und was wird es nach dem Kriege sein?

Kann der deutsche Handelsverkehr ersetzt werden?

„Das Land, wohin wir unsere Bîicke richten müssen, ist
Frankreich! Von Frankreich muB unser Heil kommen!" ‘ruft
Robert Billiard ans in seinem Bûche „La Belgique industrielle
et commerciale de demain", LaBt uns untersuchen, ob diese
Worte einen Grund von Wahrheit enthalten-

Armand Julin stellte bereits fest, daB die wirtschaftliche
Entfaltung Frankreichs an Kraft verliere; in dem Zeitraum von
1860 bis 1890 übertraf sie diejenige Deutschlands und Belgiens,

13) Henri Lambert in der Indépendance belge vom 15. Juli 1916.
        <pb n="78" />
        ﻿77

aber seitdem haben diese beiden Lânder einen Vorsprung
gewonnen,

Frankreichs Lage nach dem Kriege wird eine schwierige
sein, wie immer der Kaxnpf auch ausfallen môge. Die Worte,
die Victor Cambon, ein Neffe des franzôsischen Gesandten in
London, gelegentlich eines Vortrages in der „Société des
ingénieurs civils" zu Paris aussprach, geben keinem Zweifel
darüber Raum.

,,Gesetzt, Deutschland würde zum SchluBe zerschmettert," sagte erf
,,gesetzt, die Bundesgenossen hâtten es auf Gnade oder Ungnade in ihrer
Gewalt und schnitten nach Belieben Stücke von seinem Grundgebiet ab,
so ware Frankreich darum nicht weniger erschopft an Menschen, Arbeits-
mitteln und Geld an sein Ziel gelangt. Es wird eine voile Million seiner
besten Handwerker auf den Schlachtfeldern und in den Hospitâlern ge-
lassen haben. Nun bedurfte Frankreich aber schon vor dem Kriege der
Aushülfe durch fremde Arbeitskrâfte. Bei Hunderttausenden kamen die
Belgier, die Deutschen und die Italiener hereingestrômt; dieser Zuflufi
wird aufhôren, da der Mangel an Arbeitskrâften sich nach dem Kriege
überall geltend machen wird, und Frankreich wird vor einem Riesenwerk
der Neueinrichtung stehen. Wird es dieses erfüllen konnen? Die Arbeit
wird auBerordentlich hohe Lôhne erheischen, ohne den Wert darzustellen,
den sie vor dem Kriege batte; und wer wird's bezahlen? Die Entkraftigunf
wird allgemein sein. Die unnormale Verschiebung im Reichtum kommt
eher den Schmarotzern zugut, besonders den Kriegslieferantcn, die sich
wohlweise aus dem Wechselspiel der Schlachten halten, zum Schaden der-
jenigen, die in den Schützengrâben kâmpfen, und die die wahre lebende
Kraft des Landes vergegenwartigen, Was die Staatsfinanzen angeht, so
kann niemand sagen, ob die ôffentliche Schuld um 30, 40 oder 50 Milliarden
anwachsen, d. h., ob die jâhrliche Zinsenlast allein, mit AusschluB der
Amortisation, sich um 1,5, lira 2 oder um 2,5 Milliarden vermehren wird,
wozu jâhrlich mindestens eine Milliarde Fr. an Militarpensionen, wie durch
Ausfall in den Steuern und Einfuhrzollen hinzutritt.

Ist Frankreich wenigstens imstande, die Erbschaft von Deutschlands
Handel und Industrie zu übernehmen? Frankreichs Bürokratismus, der
seinem wirtschaftlichen Aufschwung fortwahrend im Wege stand, und seine
soziale Gesetzgebung, beherrscht ganz und gar von politischen Leiden-
schaften, aller Einsicht in bezug auf die Bedürfnisse der wirtschaftlichen
Entwickelung bar, das Régime der Phrase und der Favoritismus, die die
franzôsische Organisation von oben bis unten durchfâulen, haben materiell
und moralisch einen Dauerzustand geschaffen, der kaum gestattet, sich in
dieser Hinsicht Illusionen hinzugeben," “)

Um jene Erbschaft zu übernehmen, und wâre es nur Belgien
gegenüber, das 1I12 seines GesamtauBenhandels (15,4 Milliarden)
vergegenwartigte, müBte Frankreich sich unermeBlich an-
strengen. Es müBte sowohl seine Produktion wie seinen Ver-

14) Übergenommen aus der Revue internationale des valeurs mobilières.
        <pb n="79" />
        ﻿78

brauch verhâltnismâBig stark erhôhen, um uns eine Handels-
ziffer zu besorgen, die unser Handel mit Deutschland aufzu-
weisen batte, nâmlich eine Milliarde, 660 Millionen, Wie wir
bei der Untersuchung über den Durchfuhrhandel bereits ge-
sehen haben, müBte Frankreich seine ganze Transportpolitik
fahren lassen und seine Zollgesetzgebung abândern, was ihm
in Anbetracht der Umstânde so groBe materielle Verluste ein-
tragen würde, dafi gar nicht daran zu denken ist, AuBerdem
wâre zu untersuchen, inwieweit Frankreich uns unsern Handel
mit Deutschland vergüten kônnte mit Rücksicht auf die Art
der ausgetauschten Güter. Eine eingehende Untersuchung
darüber würde uns zu weit führen; wir werden uns damit
begnügen, einige Worte darüber zu sagen,10) Die „Statistik
des belgischen Spezialhandels mit Frankreich, GroBbritannien
usw, für 1908/09, untersucht hînsichtlich des Ursprungs und
des Grades der Bearbeitung der ausgetauschten Güter“, 1911
von unserer Regierung herausgegeben, ist hierfür um so
wichtiger, als sie den Durchfuhrhandel sorgfâltig ausscheidet;
wir entnehmen ihr die folgende Tabelle (XIX), die zum Ver-
gleich dienen kann, obwohl sie von 1909 datiert. In erster
Linie îallt darin der überwiegende Anteil (53,6 %) der Fabrikate
an unserer Einfuhr aus Deutschland, sowie derjenige der Roh-
stoffe ins Auge, wohingegen in der Ausfuhr nach diesem Lande
die Halbfabrikate vorherrschen. Unser Handel mit Frankreich
zeigt keine derartige Steilsprünge, die auf eine gewisse
Spezialîsierung im Austausch schlieBen lassen, Andererseits
weist der Vergleich zwischen dem deutsch-franzôsischen Aus-
tausch und dem deutsch-belgischen Handel, den Tabelle XIX
bietet, auf einen zu verschiedenartigen Charakter, als daB an
die Môglichkeit eines gegenseitigen Ausgleîchs gedacht werden
konnte; die Spezialîsierung zeichnet sich dafür beiderseits zu
scharî ab und entspricht den in Jedem der beiden Lânder be-
stehenden Produktionsbedingungen, Und diese sind wiederum
von natürlichen, soziologischen, ethnographischen und anderen
Faktoren abhângig; einfach willkürliche Verordnungen würden
sie nicht verândern kônnen.

1B) Für nâhere Einzelheiten sehe man die Studie von H. Waentig, Die
Zukunîtspliine des Herrn Billiard, in; Belfried, I. Jg., S. 9 ff.
        <pb n="80" />
        ﻿79

Tabelle XIX.

Warengattung	Belgische Einfuhr  aus				Belgische Ausîuhr nach			
1.	Lebende Tiere  2.	Nahrungsmittel  3.	Rohstoffe . . .  4.	Halbfabrikate .  5.	Fabrikate. . . .	Franki Mill. Fr. 4,3 72,9 109,0 85,0 109.2	•eich  0/  /O  1,2  19.2 26,6  22.3 28,7	Deutsc Mill. Fr.  1,7 3",7 111,1 64,6 239,9	dand  %  0,4  7,0  24.5  14.5  53.6	Frank Mill. Fr.  11,9  33.5 154,8  92.6 108,6	■eidi  %  8,0  8,4  38,6  23,0  27,0	Deutsc Mill. Fr. 34,4  24.9  42.9 126,4  52,1	iland  %  12,2  9,0  15,3  45,0  18,5
	380,4 j 100,0		448,0	100,0	4ul,4 100,0 | 280,7			100,0

Tabelle XX A.
1913,

Warengattung	Belgische Ausfuhr nach Deutschland		Franzosische Einfuhr aus Deutschland	
	in Mill. Fr.	%	in Mill Fr,	%
1. Lebende Tiere. .	39,37	9,1	0,75	0,1
2. Nahrungsmittel. .	29,25	6,8	108,37	11.0
3. Rohstoffe		84,12	19,6	144,87	14,7
4. Halbfabrikate. . .	129,12	37,8	160,12	16,2
5. Fabrikate		115,-	26,7	573,-	58,0
	396,86	100,0	987,11	100,0

Tabelle XX B.

1913.

Warengattung	Belgische Einfuhr aus Deutschland		Franzosische Ausfuhr nach Deutschland	
1.	Lebende Tiere . .  2.	Nahrungsmittel. .  3.	Rohstoffe		in Mill. Fr. 0,50 56,87 178,87 105,37 347,12	%  0,1  8,2  26,0  15.3  50.4	n Mill. Fr. 9,75  127.50 229,38  124.50 237,87	%  1,3  17.5  31.5 17,1  32.6
4.	Halbfabrikate. . .  5.	Fabrikate					
	688,73	100,0	829,—	100,0

Kurz und gut, Ideen wie Billiard und Genossen sie ruhm-
redig verkünden, sind Utopien, und die Tatsache, daB der
Abbruch der wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland
Belgien unersetzbaren und katastrophalen materiellen Schaden
        <pb n="81" />
        ﻿80

zufügen würde, lâBt sich nicht leugnen,16) Die soeben an-
geführten Zahlen beweisen es sonnenklar.

Der Emîuhrhandel,

Zur Vervollstândigung dieser Untersuchung bedari es
einiger Worte über den Handel des Platzes Antwerpen, Seine
Bedeutung hinsichllich der Schiffahrt und des Verkehrs wurde
bereits ins Licht gestellt, darauf brauchen wir nicht zurück-
zukommen.

Es ist sicher, daB Stôrungen in der wirtschaftlichen Ord-
nung unseres Volkslebens in gleichem MaBstabe aul seine Be-

1G) Es ist sogar von einem franzôsisch-belgischen Zollverbande die
Rede gewesen. Es ist zuweilen nicht ohne Nutzen, die Geschichte zu
durchblâttern, wenn man die Zukunft ins Auge falit. Die Idee eines
solchen Verbandes ist nicht neu, sie stand 1841 bereits auf dem Programm.
Die vom belgischen Parlament ernannte Untersuchungskommission brachte
einen ungünstigen Bericht darüber ein. Wir entnehmen demselben.
folgende Stellen:

,,Belgien empfindet das dringende Bedürfnis, sich neue Absatzgebiete
zu verschaffen, Sb manches Mal hat es sich betrogen gesehen, So manches
Mal haben die Handelsinteressen des Auslandes indirekte Wege einge-
schlagen, um Belgien irre zu führen und sein Augenmerk von anderen
Mitteln, sich Quellen des Handelsaufschwungs zu schaffen, abzulenken!
Es ist leicht, eine junge, mit den Schlichcn und Enttâuschungen der
Diplomatie nicht vertraute Nation, mit frügerischen Erwartungen zu nâhren.
Sie mit der Hoffnung auf einen Handelsverband hinzuhalten, ist sicher ein
ausgezeichnetes Mittel, um ihre Anstrengungen zu lâhmen, um ihren Drang
nach Handels- und Schiffahrtsunternehmungen niederzuhalten und um der
Ausbreitung ihres Handels und ihrer Industrie Hindernisse in den Weg
zu legen,"

,,Das Gleichgewicht Europas erheischt, da(3 Belgien niemals mit
Frankreich vereinigt wird, Letztere Macht übt Druck genug auf die be-
nachbarten Staaten aus, sowohl durch die ihr innewohnende Kraft als
durch den Ehrgeiz, sich zu vergrôBern, Seit Ludwig XIV. hat sie nicht
aufgehôrt, diese zu beunruhigen. Belgien, weit davon, eine politische Ver-
einigung mit Frankreich zu suchen, weist eine solche ab. Es beneidet
ihm seine Gesetze nicht. Es kann glücklich leben im schirmenden Schatten
sciner eigenen Einrichtungen,"

Die Vorschriften der Regierung an den belgischen Gesandten in Paris,
den Grafen Le Hon, waren noch bestimmter in ihren Ausdrücken; wir
entnehmen ihnen folgende Stelle: ,,Eine Zollschranke muB zwischen den
beiden Lândern bestehen bleiben: das ist eine Bedingung siïie quanon
des (Handels-) Vertrages, Eine Zollschranke mu(3 aufrecht erhalten werden
aus Gründen national-politischer und moralischer Art, deren Wert Sie
wohl einzuschatzen wissen, Zwischen beiden Lândern mul3 ein âuBerliches
Zeichen bestehen bleiben, das die Existenz und Unabhângigkeit des
belgischen Staates ankündet.''
        <pb n="82" />
        ﻿81

triebsamkeit zurückwirken. Die belgische Industrie bildet
einen hohen Prozentsatz seines Verkehrs; sie ist andererseits
vermôge ihrer Beschaffenheit zum groBen Teile vom Gedeihen
des Hafens abhângig. Der Entfaltung des einen Teils, die
unter dem Antriebe natürlicher und logischer wirtschaftlicher
Gesetze erfolgt ist, willkürlich Schranken setzen wollen, be-
deutet die Entwicklung des anderen Teiles in Frage zu stellen;
da die Beeinfiussung eine wechselseitige ist, steigert sie sich
durch die Anhâufung der Wirkungen,

Als eines seiner charakteristischen Merkmale zeigt der
neuzeitige Handel die Tendenz, die Rolle der Zwischenhand
zwischen dem Produzenten und dem Konsumenten zu ver-
ringern, und dann, den Handel so nahe an die Verbrauchs- oder
Erzeugungsmittelpunkte zu bringen, aïs die Umstânde es er-
lauben.

Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts ungefâhr batte der
Handel vorwiegend seinen Sitz in den Seehâfen, wo die über-
seeischen Waren gegen einheimische Erzeugnisse ausgetauscht
wurden. Unter der Einwirkung verbesserter inlândischer Ver-
bindungen und einiger andere Faktoren bat der Handel sich %
jedoch vor und nach weiter ins Land hinein zurückgezogen,
Das war vornehmlich der Fall hinsichtlich des Einfuhrhandels,
mit dem wir uns gerade beschâftigen. Am stârksten trat
diese Neigung in den Hafen zutage, wo das Lôschen und die
Weiterbefôrderung der eingeführten Handelsartikel mit einem
MindestmaB von Vermittlung vor sich ging, in anderen Worten,
sich auf einfachen Umschlag beschrankte, Zum Nachteile
Rotterdams und Hamburgs sind Mannheim und Duisburg auf
diese Weise für das Rheinbecken, Berlin für das Elbgebiet
wichtige Markte für das aus überseeischen Lândern eingèführte
Getreide geworden,

Antwerpen hat verhâltnismâBig wenig unter dieser Ent-
wickelung gelitten, erstens, weil Belgien als dichtbevolkertes
Industrieland für vier Fünftel seines Verbrauches an Acker-
bauerzeugnissen vom Auslande abhangig war, und anderer-
seits groBen Bedarf an Rohstoffen batte; zweitens erlaubte
seine zentrale Lage eine rationelle Verteilung nach allen Teilen
des Inlandes sowohl als nach dem fremden Hinterlande, das
dieselben Merkmale aufwies.



6
        <pb n="83" />
        ﻿82

Für seinen Einfuhrhandel zâhlte es zu den wichtigsten
Umsatzplâtzen Europas. Die Hauptartikel, die hier zum Kauf
und Verkauf gelangen, sind; Getreide, Kaffee, Wolle, Haute,
Kautschuk, Elfenbein, Hôlzer, Mineralôle, chemische Produkte,
Erze usw. usw,

Begiinstigt wurde dieser Handel noch dadurch, dafi in
Antwerpen zahlreiche Ackerbau-, Viehzucht-, Darlehen-Gesell-
schaften usw- ins Leben traten, die ihren Betriebssitz in Süd-
amerika, in Kanada, im Kongo-Freistaat, in den Balkanlandern
und anderswo hatten; durch sie wurden unsere Beziehungen
mit diesen Produktionslandern auf eine festere Grundlage
gestellt.

Die anhaltende Überhâufung in unserem Hafen hat dem
Handel jedoch viel Eintrag getan, So nimmt fast aile für die
flandrische Textilindustrie bestimmte Baumwolle, wie ein Teil
des Holzes seit einiger Zeit seinen Weg über Gent; auch
werden zahlreiche Getreideladungen, obwohl in Antwerpen
gehandelt, zur schleunigeren Abfertigung (despatch) nach
Rotterdam abgelenkt,

„Frankreich17) kann im allgemeinen nicht zur Kundschaft
unseres Hafens gezahlt werden. Es entschlüpît ihm hauptsâch-
lich infolge der Surtaxe d'entrepôt (und der Staffel-
tarile), die aile nicht unmittelbar über einen îranzôsischen
Hafen eingeführten Waren trifft.“

„Der Hauptkunde des Antwerpener Hafens ist Deutsch-
land, Ein erbitterter Kampf um den Vorrang ist im Gange
zwischen Bremen, Hamburg, Rotterdam und Antwerpen,"

Die Tabelle XX, nach den amtlichen Statistiken für 1913
zusammengestellt, gibt eine Idee von dem Übergewicht
Deutschlands im Handel mit einigen der hauptsâchlichen
Waren, die aus überseeischen Lândern in Antwerpen ein-
geîührt und dort gehandelt werden,

Das Getreide, das wiederausgeführt wird, kann nur aus
dem Auslande stammen, denn das belgische Getreide vermag
infolge der Schutzzollschranken unserer Nachbarn in deren

17) Dubois &amp; Theunissen, Anvers et la vie économique
nationale, p. 129,
        <pb n="84" />
        ﻿83

Lândern nicht mit den einheimischen Erzeugnissen in Wett-
bewerb zu treten.13)

Vergessen wir übrigens nicht, daB auch der von See
hereingekommene Transit zu eintrâglichen Geschâften AnlaB
gegeben hat.

Tabelle XX.

Warengattungen	Wiederausfuh  né  Deufsddand Tonnen (jvjill. Fr.		r (Spezialhandel) ich  Frankreich Tonnen jMill. Fr.	
Weizen		265.030	55,0	78.300	16,2
Leinsamen		81.172	29,3	10.171	3,6
Rübsamen		i 35.222	11,4	1.568	0,5
Gerste		67.372	13,0	17.579	3,3
Rohwolle		54.192	191,6	27.391	96,0
Kautschuk		2.549	24,9	1.451	14,0
Roher Kakao		1.757	2,9	16	—
Petroleum		12.660	2,a	546	—
Harze		19.510	9,8	3s5	0,1
Rohes Elfenbein ....	103	2,6	30	0,8
Tee		79	0,2	—	—
„Wenn man bedenkt,“	schreiben	Dubois	und Theunissen,	

„daB 33 % von diesen eingeführten Waren (Spezialhandel)
wieder ausgeführt werden, muB man zugeben, daB Antwerpen
hierdurch allein dem belgischen Lande ein Drittel der allge-
meinen Unkosten, die der Ankauf seiner Rohstoffe mit sich
bringt, erspart. Hait man obendrein Rechnung mit allen Waren,
die in Antwerpen „gehandelt“, doch über fremde Hâfen ver-
sandt werden, wie es für Getreide der Fall ist — Rotterdam
ist in dieser Hinsicht abhangig von Antwerpen —, so kommt
man zu einem noch hôheren prozentualen Verhâltnis als 33.
Zum Schlusse sei noch erwahnt, daB verschiedene tausend
Haushaltungen von diesem Handel leben,“

Beachtung verdienen ebenfalls die Geschaftsmôglichkeiten,
die groBe Hafen wie Antwerpen bieten. Da der Markt mit
dem Hafen zusammenfâllt, sind die ankommenden Waren

ls) Hissenhoven (P. van), Les grains et le marché d'Anvers
P- 212.

6*
        <pb n="85" />
        ﻿sicher, daB sie unmittelbaren Umsatz finden; Getreide z, B.
findet stets unmittelbar bei seiner Ankunft in Antwerpen einen
Kaufer, Dies gereicht denn auch wieder der Schiffahrt zum
Vorteil.19)

Woîîte man min dem Antwerpener Handel die Freiheit
nehmen, mit Deutschland Geschafte zu machen, würde der
Schaden, wie ans den obigen Ausführungen hervorgeht, uner-
setzlich sein, Was wir früher über die Durchîuhr und zu
Beginn dieses Abschnittes über den belgischen Handel im all-
gemeinen gesagt haben, enthebt uns der Notwendigkeit, auî
die unberechenbaren und verhângnisvollen Folgen zurückzu-
kommen, die ein derartiger BeschluB îür Antwerpen und das
ganze Land nach sich ziehen würde.

Der Ausluhrhandel,

Der eigentliche Ausfuhrhandel ist in Antwerpen sozusagen
nicht vertreten. Fine Organisation, die sich mit derjenigen in
Hamburg oder London vergleichen lieBe, gibt es bei uns nicht,
Diese Handelsgattung lâfit übrigens in ganz Belgien sehr viel
zu wünschen übrig, obwohl das Land etwa 75 % von den Er-
zeugnissen seiner Eisenindustrie, 95% von Fensterglas, Waffen
und Spitzen, 90% von Rohzink, Zement und Spiegelglas, 75%
von Zündholzern, 60 % von Streichgarn, 40 % von Kammgarn
und Superphosphat usw, usw, ausführt.20)

Parent wies 1863 bereits aul diese Lücke hin21), Léopold IL
hat den Hinweis verschiedene Male wiederholt, der Nationai-
ôkonom De Leener hat über dieses Thema das Buch geschrieben
,,Ce qui manque au commerce d'exportation belge’1, chne daB
sich eine ernstliche Wandlung zum Besseren gezeigt hâtte.
Die Folge ist, daB unser Ausfuhr-,,Handel" meistenteils von
den groBen Exportfirmen und Kommissionâren in Berlin, Ham-
burg, Wien, Paris und London22) abhângt; unsere Industrie

19j De Leener, Politique des transports, p. 245.

20j H. Schumacher, Antwerpen, S. 31.

*0 A, Parent, Du commerce de Belgique à propos de l'affranchisse-
ment de l'Escaut,

22) G, de Leener, Ce qui manque au commerce belge d'exportation,
p. 218. — Die Nachteile, die eine derartige Sachlage in Zukunft mit sich
bringen kann, liegen klar auf der Hand.
        <pb n="86" />
        ﻿85

begnügt sîch gewôhnliqh mit der Lieferung „f. o, b." (îree on
board) und übertrâgt einem Spediteur des Platzes die Ein-
schiffung, Der Verkauf „c. i, f.“ (cost, Insurance, freight, d, i,
fret bis zur überseeischen Bestimmungj bildet eine Ausnahme,53)

Antwerpens Beteiligung an dem Ausfuhrgeschâft be-
schrânkt sich also in der Regel auf die Handhabung der Güter.
Zahlreiche und bedeutende Unternehmungen, die sich diese

M) Wir entnehmen der Studie von De Leener (Ce qui manque etc.)
folgende schlagende Beweise für die Abhângigkeit der beigischen Ausluhr
vom Auslande:

„Aus einigen Tatsachen lâiît sich das untergeordnete Verhâltnis, in
welchem die belgische Industrie zum englischen, deutschen und fran-
zôsischen Handel steht, unschwer erweisen:

a)	Belgischer Zement kommt durch die Vermittlung Hamburger und
Pariser Kommissionare in Buenos Aires an; grofie engiische Firmen, die
Zweigniederlassungen oder Einkauîskontore in London haben, ftihren
beigischen Zement ein, (Recueil consulaire 1904, Bd. 126, S. 196.)

b)	Es steht zu befürchten, daB unser Zucker vor und nach vom Markt
in Marokko verdrangt wird, wenn nicht Mafiregeln zu seinen Gunsten ge-
troffen werden. Die Einfuhr unseres Zuckers geschieht in der Regel nur
durch die Vermittlung Hamburger Kauîleute; direkt in Belgien gemachte
Bestellungen sind selten. (Ibid. 1905, Bd. 131, S. 1291.

c)	Die nach Japan ausgeführten beigischen Erzeugnisse machen den
Umweg über London und Hamburg, wâhrend der direkte Versand bei
weitem vorzuziehen wâre, (Ibid,, Bd, 122, S. 449.)

d)	Der belgische Generalkonsul in Moskau schreibt: „Unsere Lands-
leute sollten sich für die Aufrichtung von Kommissionshâusern ins Zeug
legen, welche die Ausführung von Bestellungen auf unsere industriellen
Erzeugnisse für Rechnung in europâischen oder überseeischen Landern an-
sâssiger Kauîleute zu übernehmen imstande waren, Es kommt oft vor,
daB Fremde, da sie in Belgien keine Firmen zur Übernahme ihrer Be-
stellungen finden, oder da sic nicht unterrichtet sind, daB die von ihnen
gewünschten Waren in Belgien erzeugt werden, sich an Kommissions-
geschâfte in Hamburg, London oder Paris wenden, um ihnen ihre Be-
stellungen zu übertragen, (Congrès international d'expansion économique
mondial, Mons 1905.)

e)	Die Ausfuhr der natürlichen Zemente von Doornik (Tournai) ge-
schieht durch Vermittlung von auslandischen Kommissionsfirmen . . . Die
Mârkte des fernen Ostens verteilen ihre Bestellungen von Spiegelglas
gleichmâBig auf Kommissionare von London und von Hamburg . . . Die
Ausführung von Streichhôlzern hângt vornehmlich von englischen Kauf-
leuten ab. Über diesen Punkt wurde uns Folgendes berichtet; Ein
belgischer Konsul hatte dem Ministerium für Industrie und Arbeit ein
Muster von Streichholzdosen, die in seinem Bezirk von englischen Kauf-
leutcn eingeführt waren, mit der Anfrage übersandt, zu welchen Be-
dingungen die einheimischen Fabrikanten Waren derselben Güte liefern
kônaten. Die Verwaltùng lieB Muster und Anfrage an einen Kaufmann von
Geeraardsbergen weitergehen; dieser erkannte sofort in dem Muster, das
ihm aïs Modell dienen sollte, sein eigenes Fabrikat.”
        <pb n="87" />
        ﻿86

zur Aufgabe machen, sind denn auch am Platze ins Leben
getreten.

Die Spediteure spielen eine bedeutende Rolle in Ant-
werpen, und durch die gründliche Fachkenntnis, die sie sich
in ihrem Handelszweige erworben haben, wie durch ihr Ge-
schick, haben sie viel dazu beigetragen, die Ausfuhrbedingungen
über Antwerpen sehr günstig zu gestalten-

Denn der Gewinn der Spediteure hangt mehr von der
Gütermenge, als von der Hôhe des Frachtsatzes ab. Und dann,
je grôBer die Frachtmenge ist, über die sie zur Einschiffung
verfügen, desto mehr Druck kônnen sie hinsichtlich der Fracht-
raten auf die Reeder ausüben und desto billiger die ver-
schiedenen Operationen der Lieferung an Bord usw, ausführen.
Diese Tatsache hat übrigens verschiedene von ihnen instand-
gesetzt, vermittelst der „tramps affectés aux services réguliers"
(zum regelmaBigen Dienst verwandte Trampschiffe) mehr oder
weniger regelmâBige Schiffahrtslinien zu gründen und auf die
Weise mit den angeschîossenen Reedereien in Wettbewerb zu
treten; daB die belgische Industrie wie der Durchfuhrhandel
den grôBten Vorteil daraus zogen, liegt auf der Hand,

Je grôBer also die Warenmenge ist, die ihnen zur Ver-
fügung steht, desto günstiger stellen sich die Einschifîungs-
bedingungen in Antwerpen, und desto grôBer wird die An-
ziehungskraft des Hafens,

Doch, die Durchfuhr allein kann diesen regen Verkehr
aufrecht erhalten oder zur Steigerung bringen, und so stehen
wir wiederum vor dem unvermeidlichen Axiom: Der Aus-
fall des fremden Hinterlandes ist der Tod
Antwerpen s.
        <pb n="88" />
        ﻿87

IV.

Die Transportpolitik und der Antwerpener

Hafen.

Allgemeines.

In seinen Handelsbeziehungen zum Auslande kann ein
Land als Abnehmer wie aïs Lieferant, oder aber als einfache
Zwischenhand erscheinen. Tatsâchlich kauft es entweder
Waren für seinen eigenen Gebrauch und liefert dagegen seine
Boden- oder Industrieerzeugnisse, oder aber es beschrânkt sich
auf die Rolle einer Zwischenperson, indem es als Verarbeiter
oder als Makler in den geschâftlichen Transaktionen zwischen
fremden Vôlkern auftritt.

Die erstgenannten Operationen machen den Spezial-,
Eigen- oder eigentlichen Handel aus, die letztgenannten sind
als Durchfuhr- oder Transithandel, oder einfach als Durchfuhr
(Transit) bekannt.

Durch erstere wird das Land um den ganzen Wert der ein-
geführten Produkte reicher und um dasjenige armer, was es in
Bezahlung geben muB, sei es Geld oder Gut; sie haben einen
Austausch im Gefolge, dessen Konto mit Gewinn oder mit
Verlust abschlieBen kann. Die anderen, die Transitoperationen,
sind in der Regel gewinnbringend und, wenn sie nicht unvor-
sichtig gemacht werden, erhôhen sie den Aktivbestand des
Landes.

Sie besorgen ihm Frachten für seine Transportwege,
speisen seine Mârkte und seine Hâfen, je nachdem, ob die
Durchfuhr direkt oder indirekt ist, und sind die Quelle eines
industriellen Gewinns in dem, was man Veredelungsverkehr
(,,improvement trade“) nennt.

Der Durchfuhrhandel ist naturgemâB besonders wichtig in
Landern wie Belgien, denen ihre geographische Lage von vorn-
herein eine Vermittlerrolle zuweist,

Da diese Lânder einen bedeutendenTeil ihres Einkommens
aus dieser Handelsart ziehen, bestreben sie sich natürlich, sie
soviel wie moglich zur Entfaltung zu bringen, Ihre Wirt-
schaftspolitik setzt sich die Fôrderung der einheimischen Pro-
        <pb n="89" />
        ﻿88

duktion und die Erweiterung seines auslândischen Absatz-
gebietes nicht als alleiniges Ziel, sondern sie strebt in gleicher
Weise eine Verbesserung ailes dessen an, was die Beziehungen
zu ihrer Kundschaft vorteilhafter zu gestalten vermag-

Wenn wir von den Gebieten, au! denen diese Politik zum
Ausdruck kommen kann, nur diejenigen ins Auge îassen, die
den Verkehr unseres Hafens unmittelbar beeinflussen, nehmen
wir in erster Linie walir, daB unsere Zoîlpoîitik im Geiste des
richtigen Mittelweges aufgefaBt worden ist,

Unser Zollsystem ist nicht freihândlerxsch wie dasjenige
Engîands, aber auch bei weitem nicht so schutzzôllnerisch
wie das îranzôsische, îtalienische oder deutsche System, Wenn
es also einerseits nicht dem absoluten Freihandel huldigt, geht
es andererseits auch nur bis zu einem beschrânkten und
mâBigen Schutz,

Zahlreiche Merkmale eînes îreisinnîgen Geistes kommen
darin zum Ausdruck; a) die Abwesenheit von ProhibitivmaB-
regeln (ausgenommen in bezug auf Saccharin und Absynth;
letztere MaBregel aus Gesundheitsrücksichten genommen];

b)	die Abwesenheit von differentiellen Zollen und „Surtaxes
d'Entrepôt" (ausgenommen in bezug auf Zucker, der aus
Landern kommt, die der internationalen Zuckerkonvention von
Brüssel nicht beigetreten sind); c) die Abwesenheit von Durch-
fuhr- und Ausgangszôllen; d) Tarifsâtze von mâBiger Hôhe.1)

Unser Handelsvertragssystem ist sehr einfach, und wir
haben nie ernstliche Schwierigkeiten mit einem der Lânder
gehabt, mit denen wir Handelsbeziehungen unterhalten. Nur
ein einziges Mal wurden wir zu VergeltungsmaBregeîn ge-
trieben; das war 1910, als Frankreich seine Einfuhrzolltarife
erhôhte; da haben wir unsererseits die Zôlle auf Weine, Par-
fümerien, Seidenwaren und andere Luxusartikel erhôht,2)
Deutschland war das einzige bedeutende Land, mit welchem
wir einen langîristigen Handelsvertrag hatten,’)

Mit Recht schrieb Professer De Lannoy von der Genter
Universitât bei der Betrachtung der auBerordentlichen Vor-
teile, die unser Land aus seiner bevorzugten geographischen
Lage ziehen kônnte: * 5

9 Études sur la Belgique, IV, 2,

5)	Ebenda.

s) Antwerpener Handelskammer; Bericht 1911, S, XVI.
        <pb n="90" />
        ﻿89

„Unsere Schifîahrtseinrichtungen zu entwîckein, unsere
Verkehrsmittel zu vervollkomrnnen, unsere Zollfôrmlichkeiten
zu vereinfachen, das müssen die leitenden Grundsatze unserer
Wirtschaîtspolxtik sein,“ 4 *j	,

Und es îst tatsâchlich viel nach dieser Richtung hin bei uns
getan worden, und die erzielten Ergebnisse haben voîlkommen
die Opfer gerechtfertigt, die Belgien sich um dessentwiîlen
auferlegt hat,

Aber es hatte mehr getan werden kônnen, und die Ergeb-
nisse würden noch augenscheinlicher sein, wenn die Partei-
politik nicht eine so hervorragende Rolle gespieît batte, Sie
machte ihren EinfluB auf ailes geltend, was zum ôîfentlichen
Leben in Beziebung stand; sie beherrschte aile Interessen,

So hielt der damalige Abgeordnete und spatere Minister
Renkin es für angebracht, an die religiôsen Gefühle der
Katholiken zu appellieren, um sie für die Regierungsvorlage
zur Ausbreitung des Antwerpener Hafens zu gewinnen6), des-
selben Hafens doch, von welchem der Minister Van den Peere-
boom in der Kammer gesagt hatte; „. . , das Interesse Ant-
werpens, das sich mit allen groBen Interessen des Landes
deckt . • . Aber es ist der Auîschwung des Landes, der mit
demjenigen Antwerpens verknüpft ist! Und wenn man nôtigen
Falles 150, 200 Millionen für Antwerpen ausgeben wird, wird
man Gold saen fiir's ganze Land.“ “)

Dieser verhangnisvolîe EinfluB der Parteipolitîk hat sich
dermaBen im Lande ausgebreitet und verâstelt, daB nichts sich
ihm entzîeht, Ihm ist ailes unterworfen: die Besetzung von
Stellen in der Verwaltung, die Eisenbahntariîe (inlandischer
Transport), der Bau von Kanalen usw. usw. In der Anwendung
von Grundsâtzen entspringt daraus ein Mangel an Zusammen-
hang und logischem Geist, den unsere Nationaiokonomen, u. a.
De Leener in seiner interessanten Studie „La politique des
transports en Belgique", ins Licht gestellt und bekampft haben.
Es ist also unumganglich notig, daB in Zukunft aile Ver-
waltungsabteilungen, denen die Leitung oder Ausbeutung wirt-
schaftlicher Faktoren zufallt, dem Einflusse der poîitischea

4) Ch. de Lannoy, La Belgique pays de transit.

6)	Renkin, Anvers; Les installations maritimes etc. 1905, p. 34,

6) Rede im Abgeordnetenhaus, Sitzung 1905.
        <pb n="91" />
        ﻿90

Macht ganz und gar entzogen werden.7) Die Schweiz und die
australische Konfôderation konnten uns zum Muster für die
Verwaltung unserer Eisenbahnen, Deutschland für dlejenige
unseres Hafens dienen,

Was die Verwaltung des Antwerpener Hafens anlangt, so
geben wir nachstehend zur Beleuchtung der Zustande ein Ver-
zeichnis der verschiedenen Organe, die sich darin teilen:
î, Der Staat:

a)	Ministerium der ôffentlichen Arbeiten: Unterhaltüng
der Scheldeufer, Kaimauern und FluBsclileusen; einige
Wege.

b)	Schiffahrtsministerium: Polizei der Schelde und der
Reede; Lotsenwesen, Waterschout (Schiffahrtskom-
missariat).

c)	Eisenbahnmïnisterium,

d)	Finanzministerium; Zollwesen,

2- Die Provinz Antwerpen,

3,	Die S t a d t :

a)	Schoffe für Handel und Schiffahrt; Polizei der Kaie
und Hafenbecken; Hafenverwaltung; Lotsenwesen im
Binnenhafen; Schleppdienst usw.

b)	Schoffe für ôffentliche Werke: Unterhaltüng des Hafens;
Werke; Bauten; Ausnützung der Getreideelevatoren
usw-

c)	Schoffe für Geldwesen,

4- Die Provinz Ostflandern: Linkes Scheldeufer.

Unter solchen Bedingungen ist ein zweckdienliches und
gleichmaBiges Zusammenwirken auf ein Ziel hin unmoglich.
Erinnern wir hinsichtlich dieser Sache noch an die politischen
Zwistigkeiten aus AnlaB der Errichtung des Zentralbahnhofs,
der Frage des groBen Durchstichs, derjenigen des lînken FluB-
ufers, der Getreideelevatoren usw, usw. Die Klerikalen waren
Parteiganger des groBen Durchstichs, die Liberalen waren
Parteiganger der Verwendung des linken FluBufers für Schiff-
fahrts- und Industrieanlagen.

Da wundert es einen nicht mehr, wenn befugte Manner,
allen voran der verstorbene Vorsitzende der Antwerpener

7)	De Leener, La politique des transports, p. 61.
        <pb n="92" />
        ﻿91

Handelskammer, Charles Corty, die Selbstverwaltung für den
Antwerpener Haîen forderten.8)

Seit 30 Jahren hat es keine Lebensfrage für den Ant-
werpener Hafen gegeben, die nicht allen Prüîungen und Wider-
schlâgen der beîgischen Politik, einer der denkbar schâd-
lichsten, unterworîen gewesen wâren, Wenn die eîende Politik
von der Zeit vor dem Kriege, wenn die bestândigen Hetzereien,
die gegenseitigen Verdâchtigungen, deren' Zeugen wir gegen-
wârtig sind, fortdauern, ist Belgien unrettbar verloren. Unser
Land braucht Frieden, Gesetztheit, Ruhe, Erwâgung. Es wird
ailes das in reichlichem MaBe finden, wenn es sich durchdringen
lâBt vom Geiste der Vertragsamkeit und Gerechtigkeit und
auî diese Weise dazu kommt, sich über die Parteiinteressen zu
erheben und die groBen nationalen Problème durch die An-
erkennung der Rechte jedes Einzelnen zu lôsen,

Eisenbahnen und Tarife,

Betrachten wir die verschiedenen Gebiete nunmèhr, auf
welchen der Staat tâtig gewesen ist, uni durch geeignete Be-
günstigungen unsere Beziehungen zu den Nachbarlandern zu
vermehren und dadurch den Handel des Antwerpener Haîens
zur Entfaltung zu bringen,

Belgien hat nicht nur die erste Eisenbahn auî dem
europâischen Festlande gebaut (5. Mai 1835; Inbetriebsetzung
der Strecke Brüssel—Mecheln), sondera es war auch das erste
Land, das ein Eisenbahn - S y s t e m annahm, Gleich nach
unserer Lostrennung von Holland wurde die Verbesserung
unserer Verbindungen mit Deutsehîand, dem Hinterland
unseres Hafens, durch den Bau einer Eisenbahn von Antwerpen
nach Kôln in Aussicht genommen. Am 24, August 1831 er-
hielten die Ingenieure Simons und De Ridder durch ministeriellen
ErlaB den Auftrag, Plane daîür auszuarbeiten, Aus ver-
schiedenen Gründen verzôgerte sich jedoch die Ausführung,
die erst einige Jahre spâter in Angriff genommen wurde; am
14. Oktober 1843 wurde die Bahn dem Verkehr übergeben.
In Voraussicht der günstigen Wirkungen, die diese Eisenbahn
auf die Entwickeîung unseres Hafens ausüben würde, dachte
man auch gleich daran, sie mit dem Industriemittelpunkt

8)	Ch. Corty, Rapport sur l'autonomie du port.
        <pb n="93" />
        ﻿92

Düsseldorf zu verbinden, dch weigerte die hollandische Regie-
rung 1845 Belgien die Zulassung, die Bahn über ihr Gebiet zu
führen, und der Plan muBte auîgegeben werden,. Unterdessen
arbeitete man eifrig an der Entwickîung unseres Eisenbahn-
netzes, dessen Mitteîpunkt in Mecheln, môgÜcbst nahe bei
Antwerpen, errîchtet wurde. Ostende v/urde über Dender-
monde, Geht und Brügge angeschlossen, und eine andere
Strecke steilte über ttennegau die Verbindung mit Frankreich
ber, 1850 waren 625 km îertiggestellt, 1870 869 km, 1880
2724, 1895 3299 und 1912 8535 km. AuBer den vom Staat
erbauten und bctriebenen Eisenbahnen gab es verschiedene
Privatbahnen, die 1897 bis auf drei vom Staat übernommen
wurden. Unter diesen spîelte die Cie. du Nord Belge eine
grofie Rolle, indem sie mit Hülfe der franzosischen Bahnen
einen AnschluB Brüssels und des Rheins durch das Maastal an
Paris bewerkstelligte. Sie begünstigte den industriellen Auî-
schwung des Maasbeckens auBerordentlich und besorgte den
Durchîuhrverkehr zwischen Deutschland und Frankreich über
Belgien,

Wie ein Vergleich mit anderen Landern ergibt, besitzt
Belgien das dichteste Eisenbahnnetz der Welt;

Tabelle	XXL	
Lânder	Betriebslânge auf je 100 qkm	
.	1890	1913
Belgien		17,8 km	29,9 km
Deutschland		7,9 „	11,8 „
Frankreich		17,0 „	9D .
GroBbritannien und Irîand	10,3 .	12,0 „

Es besitzt auch die groBten B’etriebsmittel; auf je 100 km
Betriebslânge steilte sich das Verhâltnis 1911, wie folgt;

Tabelle XXII.

	[ Lokomotiven	Personen- wag en	Qüterwagen
Belgien ....	...	98	182	2060
Deutschland		47	10U	1049
GroBbritannien und îrland .	61	141	_09l
Frankreich		 .	33	33	886

&lt;
        <pb n="94" />
        ﻿93

Was die Hôhe des Anlagekapitals auf 1 km Betriebslânge
anlangt, so stent Belgien 1911 mit 613 000 Fr. an zweitef Stelle,
übertroffen nur von GroBbritannien und Irland, wo diese Ziffer
877 000 Fr. erreicht; Frankreich lâBt es mit 473 000 Fr, und
Deutschland mit ungefâhr 390 000 Fr, hinter sich zurück,9)

Die Finanzpolitik, durch weîche sich der Staat für den
Betrieb seiner Eisenbalmen leiten lieB, wurde von Nothomb,
dem Minister der ôffentlichen Arbeiten, in seinem Bericht an
die Kammer vom 26. November 1838 in îolgenden Worten
klar dargelegt: „Die Staatsbahnen sind als eine Einrichtung zu
betrachten, die weder eine Bürde noch eine Einnahmequelle
des Fiskus sein darf, und es ist von ihr nur zu fordern, daB sie
ihre Ausgaben deckt." 1906 bestatigte der Minister Hubert
als Berichterstatter des Eisenbahnetats diese Anschauungs-
weise: „Wenn sie [die Eisenbahnen] ihre Unkosten, die Ver-
zinsung und Schuldentilgung des angeîegten Kapitals gedeckt
haben, muB der ÜberschuB zum Zwecke der Betriebsverbesse-
rung, der Erniedrigung von Tarif en und der Erhôhung von
Gehâltern und Lôhnen an sie zurückkehren.“

Und tatsâchlich hat sich vom Beginn bis auf unsere Tage
[1835—1912) nur ein Aktivsaldo von 27 Mill, Fr, ergeben:
200 Milî, an Überschüssen stehen 173 Mill, an Fehlbetrâgen
gegenüber, Das Anlagekapital hat, obwohl es sich in dem
Zeitraum verzehnfachte, einerseits nur eine bescheidene
Tilgung erfahren und andererseits sich mit einer geringfügigen
Verzinsung begnügt, wohingegen in Deutschland z. B, die Eisen-
bahnen eine Einnahmequelle für den Staat bilden,

Der belgische Staat muB daher wohl der Ansicht gewesen
sein, daB der durch die Eisenbahnen ins Leben gerufene Ver-
kehr, woran die Durchfuhr einen überwiegenden Anteil nimmt,
für den Handel und die Industrie des Landes eine Gewinnquelle
bildet, die den Betrieb auf einer derartigen Grundlage recht-
fertigt. Andererseits ware ohne die Durchfuhr irgend eine
Tilgung und Verzinsung des Anlagekapitals, wie geringfügig
diese sich auch gegenwârtig stellt, nicht mehr moglich; eine
auch nur einigermaBen in Betracht kommende Erhôhung der
inlândischen Tarife würde tatsâchlich für eine groBe Anzahl

*) H, Schumacher, Antwerpen, S, 153 f.
        <pb n="95" />
        ﻿94

unserer industrielle!! Unternehmungen die Ausfuhrmoglichkeit
verringern.

Ein Verzicht auf den deutschen Durchiuhrhandel, der
82 % unserer Gesamtdurchführ ausmacht, ware daher be-
klagenswert, und das um so mehr, als die aus dem Krieg er-
wachsenden Schâden wie die Verluste, die eine mehrjahrige
Unterbrechung des Betriebs mit sich bringt, ganz bedeutend
sind, Nur ein reger internationaler Handel kann die gewaltigen
Bürden, die dem Lande daraus zufallen werden, einigermaBen
erleichtern.

*

* *

Das belgische Eisenbahntarifwesen verfolgt den doppelten
Zweck, sowchl die Ausfuhr unserer industriellen Erzeugnisse
über See als die Durchfuhr durch Belgien môglichst zu be-
fôrdern,10)

Ersterem Zwecke dienen die herabgesetzten Tarife, ge-
nannt „Tarifs des ports de mer" (Seehafentarife), die den îür
die Ausfuhr über eincn Seehafen bestimmten Gütersendungen
belgischer Fabriken und Kohlenbergwerken zugute kommen,
Da aus ziemlich genauen Veranschlagungen hervorgeht, daB
Antwerpens Anteil an dem innerbelgischen Güterverkehr etwa
25 % betrâgt, spielen diese Tarife eine verhaltnismaBig be~
deutende Rolle in unserem Eisenbahnbetrieb. Unsere Gewerb-
tâtigkeit erheischt übrigens vermôge ihres vorwiegenden
Charakters als verarbeitende oder Veredelungsindustrie, in
welcher der Gewinn oft auf einem geringen Unterschied
zwischen dem Einkaufs- und Verkaufspreise beruht, niedrige
Transportsâtze, um auf den auslandischen Mârkten kon-
kurrieren zu kônnen; tatsachlich ist in sehr vieîen Fallen so-
wohl zur Heranschaffung der Rohstoffe wie zur Abführung der
verarbeiteten Waren ein Transport auf groBe Entfernungen
erîorderlich,

Was die Durchfuhrtarife angeht, so muBten zahlreiche
Momente bei ihrer Aufstellung in Betracht gezogen werden.
Für die deutsche Durchfuhr haben wir 1. die Rheinfrachten,
2. die Tarife der hollandischen Bahnen zugunsten Rotterdams,

,0) In seinem gegenwàrtigen Zustande hait es mit dem Kostenpreise
keine Rechnung; auf einigen Strecken bucht es Gewinne,' auf anderen
Verluste.
        <pb n="96" />
        ﻿95

3. die deutschen Tarife für Hamburg und Bremen. Für die
franzôsische Durchfuhr haben wir: die Eisenbahntarife (u, a,
die differentiellen) und die Spezialtaxen, die dieses Land
erhebt, Das eifrige Streben, dem Antwerpener Hafen môg-
lichst viel Verkehr zuzuführen, bat sie selbst bis zu dem Punkte
beeinfluBt, daB gewisse belgische Industrielle sich durch sie
dem deutschen Produzenten gegenüber benachteiligt sahen,
So zahlt z. B. eine Tonne Stârke, bei voiler Wagenladung für
Seetransport von Aachen nach Antwerpen versandt, 7,31 Fr.,
wâhrend der Spezialtarif Nr, 8 den Transport von Stârke, auf
dem gleichen Abstand von 150 km bei Mindestladung von
10 Tonnen, zur Ausfuhr über See von einer belgischen Fabrik
nach' Antwerpen versandt, auf 8,25 bringt.11)

Obwohl der verhâltnismâBig geringe Abstand Antwerpens
von der deutschen Grenze der Verwaltung in ihrer Durchfuhr-
tarifpolitik nicht viel Spielraum lieB, ist es dieser doch ge-
lungen, Antwerpen eine Vorzugsstellung zu sichern, wenn der
Abstand zwischen einem gewissen Punkte in Deutschland und
Antwerpen hôchstens 80 km mehr betrâgt als die Entfernung
von dort nach Hamburg- AuBer diesen allgemeinen wurden
Spezialtarife für den Transport von Bunkerkohle und Eisen
aus der Ruhrgegend eingeführt und den grofien Eisen- und
Stahltransporten aus der Saargegend, aus ElsaB-Lothringen
und aus Luxemburg Rückvergütungen gewâhrt,

Was Frankreich anlangt, so haben wir vor ernstlicheren
Schwierigkeiten gestanden. Die Schutzzollpolitik dieses Landes
hat ihren Rückschlag auf den belgischen Eisenbahntransport.
Eine hohe „Surtaxe d’Entrepôt" wird von den meisten in Ant-
werpen geîôschten Gütern bei ihrem Eintritt in Frankreich
erhoben, und différentielle Eisenbahntarife begünstigen die
Einîuhr über franzôsische Hafen; um sich trotzdem môglichst
viel von diesem Verkehr zu bewahren, hat die belgische Eisen-
bahnverwaltung Ausnahme-Durchîuhrtarife eingeführt. Trotz
alledem lâBt sich aus den statistischen Angaben feststellen, daB
unser Durchfuhrhandel mit Frankreich bei weitem nicht eine
so bedeutende Ziffer erreicht, wie derjenige mit Deutschland.

Noch andere Umstânde begünstigen die Transporte nach
und von Antwerpen und tragen zur Anschwellung der Vorteile

“) De Leener, La politique des transports, p, 226.
        <pb n="97" />
        ﻿bei, welche die Durchîuhr über unseren Haîen im Vergleich
mit anderen Seehafen genieBt:

a) Miete für Wagendecken in Belgien 2 Fr. ohne Rücksioht auf Ent-
fernungen; der deutsche Tarif ist zwei- bis dreimal so hoch. b) Zuschlage
für Zeitversâumnis von Eisenbahnwagen; in Deutschland sind diese Zu-
schlâge ziemlich betrâchtlich und werden in der Regel strenge erhoben;
in Antwerpen betragen sie kaum die Hâlfte davon und werden obendrein
in den meisten Fâllen nicht erhoben, ausgenommen, wenn es sich um
deutsche Wagen handelt, für welche der belgische Staat selbst den Zu-
schlag an die auslândische Verwaltung zu entrichten hat. c) Trotz der
Abstânde werden die Wagen den Empfângern oder Abladern kostenlos
auf den Kai oder in den Binnenhafen gebracht; in anderen Hâfen werden
besondere Gebühren für diesen Dienst erhoben, oder diese in den Tarifen
mit einbegriffen.

In dem BewuGtsein, daB die Opfer, die er sich auferîegte,
Früchte tragen würden, hat der Staat demnach auf diesem
Gebiete ailes Môgliche getan, um den Haîenverkehr auf ein
HôchstmaB zu bringen.12)

Verbesserung der Verbmdungswege zwischea Antwerpen
und seinem iremden Hinterland.

Das Netz der belgischen Binnenschiffahrtswege, das eine
Gesamtlânge von 1978 km erreicht, trâgt aucli sein en Teil zu
einer bequemeren Verbindung mit Antwerpen bei, Freiîich
haben diese Wasserwege seit der Anlage von Eisenbahnen,
deren Überlegenheit als Transportmittel anerkannt wird, ihre
aîlgemeine Bedeutung gegen früher in gewissem Grade ein-
gebüBt, ja, man hat selbst bei uns den Bau neuer Kanale
bekampft und die ausschlieBliche Benützung der Eisenbahn
für den Verkehr der Zukunft verkündigt.13)

Tatsache ist auf jeden Faîl, daB diese Wasserwege zur
Zeit noch einen wichtigen Faktor im Handel unseres Hafens
bilden, sowohl mit dem In- aïs mit dem Ausland; vor allem
spielen sie eine hochbedeutende Eolle in unseren Beziehungen
zum rheinischen Hinterland. Auch hat man, seitdem Holland
1867 die Oosterschelde durch den Damm seiner Eisenbahn
nach Vlissingen absperrte und uns dafür den Kanal von Zuid-

12)	Die belgische Eisenbahnverwaltung batte überdies in den wich-
tigsten Landern handelskundige Vertreter, deren Hauptaufgabe daria
bestand, den Durchfuhrhandel nach Moglichkeit zu fordern.

13)	De Leener, La politique des transports, p. 147,
        <pb n="98" />
        ﻿97

Beveland14) gab, nicht aufgehôrt, mit Nachdruck auf die Not-
wendigkeit einer Verbesserung der Verbindungswege zwischen
Schelde und Rhein hinzuweisen.

Die in Deutschland am Rhein ausgeführten Arbeiten haben
diese Wasserstrafie mehr und mehr südwarts vordringen lassen;
zuerst erreichte sie StraBburg und ElsaB-Lothringen und den
Osten Frankreichs, dann die Stadt Basel, wo ein groBer Flufi-
hafen gebaut wurde. Seit vier Jahren kônnen Kâhne von
1000't Tragfâhigkeit den Strom in ôstlicher Richtung auf der
Grenze zwischen Baden und der Schweiz bis zur Stadt Rhein-
feîden hinauffahren. Da die erzielten Ergebnisse in dieser
Gegend der Stromschnellen vollkommen befriedigt haben, sind
Arbeiten vorauszusehen, die es ermôglichen werden, den
Bodensee zu erreichen; man wird dann imstande sein, Güter
den Rhein hinauf und hinunterzubringen zwischen Bregenz in
Ôsterreich und dem Antwerpener Hafen, d. i. auf einer einzigen
Wasserstrafie von 1200 km Lange!

Hieraus erklart sich die stetig zunehmende Bedeutung, die
der Rhein fur unseren Hafenverkehr haben kônnte, wie auch,
dafi man in Anbetracht der Unzulânglichkeit der bestehenden
Verbindungswege um ihre Vervollkommnung besorgt war.

Die Idee, Antwerpen durch einen Kanal mit dem Rhein
zu verbinden, ist ait. Zahlreiche Plane wurden bereits aus-
gearbeitet, doch haben die zu überwindenden Schwierigkeiten,
die Unkosten, das Hin- und Herschwariken in der Wahl
zwischen den Projekten und mehrere andere Umstânde die
Lôsung der Frage stets wieder hintenangestellt.

Die grôfite Wegkürzung, die das Projekt des geradesten
Weges, von Antwerpen nach Uerdingen (zwischen Düsseldorf
und Ruhrort) ergâbe, ware 151 km auf die 336 km, welchc die
Schiffe gegenwârtig zurücklegen müssen, wenn sie unter Be-

M) Dies trotz der lebhaften Proteste von Seiten Belgiens; Holland, in
dessen Intéressé es lag, Belgien nach Môglichkeit in seiner Bewegungs-
freiheit zu hemmen, stützte sich auf Art. 9 des niederlândisch-belgischen
Vertrages vom 19. April 1839, dessen § 8 folgende Bestimmung enthalt:

„Wenn natürliche Ereignisse oder Kunstbauten spaterhin Schiffahrts-
straBen, die im gegenwartigen Artikel angedeutet sind, unbrauchbàr
machen sollten, wird die niederlândische Regierung der belgischen Schiff-
fahrt, andere Wege, die ebenso sicher und ebenso gut und bequem sind,
als Ersatz für die genannten unbrauchbar gewordenen Schiffahrtswege
anweisen,"

7
        <pb n="99" />
        ﻿98

nützung der unteren Schelde und des Kanals von Zuid-
Beveland durch hollândisches Gebiet fahren.

Ein anderes Projekt, das den Weg von Antwerpen zum
Rhein um 50—60 km kürzen sollte, labte die Durchbrechung
des Dammes von Woensdrecht, also die Wiedererôffnung der
Schiffahrt auf der Oosterschelde ins Auge, Die Unkosten
würden sich bei weitem nicht so hoch stelien als die für einen
Kanalbau und die Ergebnisse sicher sein. Dies Projekt fand
krâftige Unterstützung von seiten der Antwerpener Haridels-
kammer; ihren Auseinandersetzungen darüber vom 16. Juli
1912 entnehmen wir folgende Stelle;

,,Es ist bedauerlich, daB Belgien die Vollziehung dieses unglaublichen
Aktes zugelassen bat, aber es wâre noch unverzeihlicher, wenn es in
diesem Augenblick, da Holland um neue Zugestândaisse 15) bei uns ansucht,
nicht die Wiederherstellung des alten Durchgangs zum Norden vermitteist
der Oosterschelde zu bekommen suchte.

Selbstverstândlich konnen wir nicht daran denken, einen Antrag zu
stelien auf Fortschaffung des 3600 m langen Sperrdamms von Woensdrecht,
über den die Züge von Vlissingen nach Deutschland laufen, Doch ist uns
bekannt, daB belgische Ingenieure sich mit dem Plan befassen, einen Teil
dieser Sperre durch eine Brücke zu ersetzen, unter welcher die Schiffe
leicht durchfahren kônnten, Belgien nâhme die Ausführung des Werljes
auf sich und zugleich die Unkosten für die Baggerarbeiten, die sich als
nôtig erweisen würden, um die seit ihrer Abdammung natürlicherweise
stark vernachlâssigte Oosterschelde wieder schiffbar zu machen.

Ganz entschieden muB etwas nach dieser Richtung hin getan werden;
es fahren bereits sehr groBe Rheinkâhne, die zu lang sind für die gegen-
wârtigen Schleusen des Kanals von Hausweert, Wohl lâBt der nieder-
îandische Waterstaat Schleusen von 140 m Lange bauen, doch das erlaubt
keineswegs die Durchschleusung von zwei oder mehr groBen Kâhnen zu
gleicher Zeit, noch nimmt es die Nachteile einer halb-maritimen Schiffahrt
hinweg oder die Verzôgerungen der Fahrt durch einen Kanal, der durch
eine Eisenbahnbrücke versperrt ist. Die Hollânder müsscn uns einen
kürzeren und vollstândig freien Weg zurückgeben, der uns nicht zwingt,
diese Hindernisse zu überwinden und uns nicht zu ihren Gunsten der
natürlichen Vorteile internationaler Flüsse beraubt, die so gut zu unseren
Hâfen führen als zu den ihrigen.

Wenn dieser Weg wiederhergestellt ist, wird der Abstand zwischen
Antwerpen und dort, wo die Rheinarme sich in ihre Seemündungen er-
gieBen, betrâchtlich verkürzt und die Gefahren der halb-maritimen Schiff-
fahrt werden ebenso betrâchtlich vermindert sein. Auch dann hâtten wir
noch einen weiteren Weg zum deutschen Rhein aïs Rotterdam, doch wâre
der vollstândig freie Weg von Antwerpen nur noch 70—80 km langer aïs
der von Rotterdam, wâhrend der Unterschied gegenwârtig infolge des
Umweges über Hausweert 130 km betrâgt, abgesehen noch von den

10) Die Kanalisierung der Maas, welche die Hollânder ausführen
mochten, jedoch nicht ohne Zustimmung Belgiens in Angriff nehmen konnen.
        <pb n="100" />
        ﻿99

Hindernissen, die zwei Schleusen und eine Brücke mit sich bringen;
wenngleich auch dann der grôBere Abstand noch gegen uns wâre, kâmen
wir doch viel nâher daran, auf gleichem FuBe kâmpfen zu kônnen, als e»
gegenwàrtig der Fall ist."

Endlich entsprachen unsere Eisenbahnverbindungen mit
dem deutschen Hinterland den stetig wachsenden Bedürfnissen
des Verkehrs nicht mehr. „Wir stehen immer noch auf dem
Standpunkte, eine Verbindung mit Aachen und Kôln ver-
mittelst eines kürzeren und weniger behinderten Weges zu
fordern, als die Vesdretalbahn sie bietet; unsere Strecke Ant-
werpen—Kôln datiert von 1843 und entspricht keineswegs
mehr den Forderungen der Kundschaft, welche Transport-
tarife fragt, die sich auf bis ins kleinste gehende Abstands-
berechnungen gründen, Andererseits warten wir seit einem
halben Jahrhundert vergebens auf die Eisenbahn Antwerpen—
Mainz, auf der wir auBer Mainz und Frankfurt das Innere
Bayerns, Württembergs und Ôsterreichs erreichen kônnten,
bhne die langsame Befôrderung und die erhôhten Unkosten
langer in den Kauf nehmen zu müssen, die der Umweg über
Lüttich—Verviers—Aachen—Kôln und die Rheinuferbahn mit
sich bringt.“10)

Die bestandige Sorge um bessere Verbindungen zwischen
Antwerpen und Deutschland, dem besten Kunden seines Hafens,
ist ein neuer Beweis fur die Bedeutung, die man bei uns der
Erhaltung und Ausbreitung unserer Beziehungen zu diesem
Lande beimaB,

Der Antwerpcner Hafen,

Fassen wir jetzt die Regierungspolitik in bezug auf den
Antwerpener Hafen selbst ins Auge. Das Feld ihrer Tatigkeit
war auf diesem Gebiete weiter als auf dem des Transports
im eigentlichen Sinne des Wortes; tatsachlich gab es hier keine
Bedenken mehr, daB gewissen belgischen Interessen aus der
allzu deutlichen Bevorteilung des Auslandes Schaden er-
wachsen kônne, keine Hindernisse irgend welcher Art stellten
sich noch in den Weg, denn nicht allein hatte das ganze Land

10) Antwerpener Handelskammer; ,,Der Antwerpener Hafen und die
Vorzugstarife der preuBischen Staatsbahnen," Darlegung des Bureaus,
Dezember 1913.

7*
        <pb n="101" />
        ﻿100

Nutzen davon, sondern sein Gedeihen hing nach den Worten
der Regierung selbst von demjenigen unseres Hafens ab.

Als die Regierung der Niederlande gleich nach unserer
politischen Emanzipation den Pariser Vertrag von 1814 zer-
rissen und auf Grund von Art- 14 des Friedensschlusses zu
Münster die Blockade der Schelde erklârt batte, konnte
Belgien nur dadurch die Auîhebung dieser Blockade erwirken,
daB es den Niederlanden das Recht zugestand, Schiffahrtszôllc
zu erheben,17) Die belgische Regierung nahm es auf sich, diesen
Zoll allein zu tragen. Die Summen, die das Budget des jungen
Staatswesens auf diese Weise belasteten, beliefen sich 1840
nur auf 612 313,33 Fr,, doch stiegen sie rasch und erreichten
1861 bereits die Hôhe von 2184105,80 Fr,; die Gesamtsumme,
die Belgien den Niederlanden von 1839 bis 1862 für diese Zôlle
auskehrte, betrâgt 27 322 808 Fr,18)

Durch den Vertrag von 1863, wodurch Belgien unter Mit-
hilfe aller am Antwerpener Handel interessierten Staaten
diesen Zoll vermittelst einer einmalig zu entrichtenden Summe
von 36 278 566 Fr, abkaufte, kam eine neue Ausgabe in der
Hôhe von 13 328 006 Fr,, dem Betrage des belgischen Anteils
der Abkaufssumme, hinzu,19) Die an Holland für Zoll bezahlte
Summe erhôhte sich dadurch auf 40 650 806 Fr.

Da Holland sich trotz der Vertrage weigerte, in dem Teile
der Schelde, der sich auf seinem Gebiete befindet, für Baken
und Licht zu sorgen, muBte Belgien die Unkosten auch hierîür
auf sich nehmen; die Gesamtausgaben, die Belgien auf Grund
davon, daB es die Schelde in befahrbarem Zustande erhielt,
erwuchsen, beliefen sich für den Zeitraum von 1850—1895 auf
25 620 000 und für den von 1896—1912 auf 21370 000 Fr,

Zweimal verpflichtete die Regierung die Stadt, die Hafen-
gebühren herabzusetzen, um die Kosten des Anlaufens Ant-
werpens noch mehr zu ermâBigen; 1861, als sie dies zum ersten
Male tat, setzte sie einen Hôchsttarif von 0,70 Fr,, das zweite
Mal, 1895 (Gesetz vom 12, Juli), einen solchen von 0,50 Fr, per
Netto-Registertonne fest-

17)	Dieser Zoll betrug Fl. 1,50 per Tonne; Fl, 1,12 bei der Bergfahrt
und Fl. 0,38 bei der Talfahrt.

18)	Auguste Parent, Du commerce de Belgique à propos de
1 affranchissement de l'Escaut, p. 52.

19)	IdM ibid., p. 70.
        <pb n="102" />
        ﻿101

Seitdem die Bakengebühren abgeschafft waren (1895),
bildete das Lotsenwesen, die FluBpolizei und ein Anteil an
den Kaigebühren die einzige Quelle für die Einkünfte des
Staates aus der Schiffahrt, Diese beliefen sich 1913 für das
Lotsenwesen und die Polizei auf 5 060 050 Fr., wâhrend die
ordentlichen Ausgaben des Schiffahrtsministeriums im Budget
auf 9 622 688 Fr. veranschlagt waren; wenn man nun auch mit
den anderen Einnahmen dieses Ministeriums Rechnung trâgt,
so lassen diese Zahlen doch genugsam erkennen, daB kein
Aktivsaldo zur Tilgung und Verzinsung des Anlagekapitals
übrig blieb. Was die Kaie anlangt, so betrugen die Einnahmen
wâhrend der letzten zehn Jahre durchschnittlich jâhrlich
903 890 Fr., was nur 0,9 % ihrer Anlagekosten darstellt.

Bis 1914 hatte der belgische Staat etwa 350,1 Mill. Fr. für
den Antwerpener Hafen ausgegeben,20)

Die Stadt hat ihrerseits 131 700 000 Fr, zu den Hafenbauten
beigetragen21) ; die Einnahmen überstiegen 1913 die Ausgaben
um 6 870 000 Fr., wovon jedoch 3 Mill, Fr. in Abzug zu bringen
sind22), so daB nur ein Aktivsaldo von 3 870 000 Fr. oder 3%
zur Verzinsung und nichts zur Tilgung verbleibt- Wir müssen
noch hinzufügen, daB die Stadt, wenn sie irgend welchen
ÜberschuB erzielen kann, dies dem Staate zu verdanken hat,
der viele Unkosten ohne Vergütung auf sich nimmt.

so) Diese Summe verteilt sich annahernd folgendermaGen:

1. Zollgebühren, an die Niederlande ausgekehrt Fr. 40,00 Mill,

2,	Verbesserung der Fahrbarkeit der Schelde	.	„	49,15

3,	Van Dyckkaai, Jordaenskaai usw................13,00

4,	Kattendyk- u. Rynkaai; Kattendykschleuse	.	„	1,10

5,	Bau der alten Scheldekaie (3500 m) . , .	.	„	85,10

6,	„	„ neuen „	(2000 m] ...	.	„	19,75

7,	Übereinkommen mit der Soc, Anon, du Sud

d'Anvers....................................  „	4,95

8,	Enteignungen 1900—1904 ....................... 24,50

9,	Enteignungen für das Kanal-Bassin (Gesetz

vom 30. 3. 1906)...........................  ..	83,66

10,	Enteignungen für die Flufikorrektion (Ges. 1912)	„	25,90

Fr, 350,11 Mill,

21)	Von 1820—1912,

22)	Wie aus der Aufstellung der einzelnen Posten des Budgets hervor-
geht, wurden diese 3 Mill. von dem auCerordentlichen Budget für aile
Einrichtungen dort eingestellt; sie stellen demnach keine Vermehrung der
Einnahmen dar, sondera es handelt sich um eine Eintragung, die behufs
Abschlusses des Gemeindebudgets gemacht wurde.
        <pb n="103" />
        ﻿102

Das im Antwerpener Haîen angelegte belgische Kapital
belâuft sich demnach im ganzen auf 480 Mill. Fr, und der zur
Verzinsung und Tilgung Verfügbare Ertrag auf 1 %,

Fine derartige Finanzpolitik wâre offenbar nicht zu recht-
fertigen, wenn man durch diese Handelsweise nicht ,,Gold sate
für's ganze Land“.23)

Darum zogerte die Regierung auch nicht, der Kammer eine
neue Ausgabe von etwa 120 Mill, Fr. zur Ausbreitung der
Schiffahrtseinrichtungen vorzustellen,

,,Falls der Antwerpener Hafen nicht umgestaltet wird,“
schrieb der Minister Renkin, „ist er dem Untergange geweiht,
und die Einnahmen der Staatskasse, Belgiens Handel und
Industrie werden mit ihm in Verfall geraten. Entschîiefit sich
das Land dagegen zu der Kraftanstrengung, welche die Regie-
rung in weiser Voraussicht von ihm erheischt, so wird der
Wohlstand des Landes durch die unzweifelhaften Wirkungen
der vorgestellten Werkc verbürgt sein, ohne da.B ein Centime
an neuen Steuern bezahlt zu werden braucht."21)

GewiB, aber immerhin doch nur unter der Voraussetzung,
daB ein Verkehrszuwachs von über 100% Hand in Hand gingc
mit der Inbetriebsetzung der 34 km Kaie und 507 ha Bassins,
die uns diese Werke bringen würden, Belgien allein hâtte
nie mehr als einen ganz geringen Teil davon liefern kônnen;
demnach muB die Regierung auf eine entsprechende Steigerung
der Durchfuhr, und zwar vor allem der deutschen Durchfuhr
gerechnet haben, Ihre ganze Transportpolitik ist übrigens ein
Beweis dafür.

„Antwerpen wird dieses Hinterlandes mehr als je be-
dürfen, wenn die aufierordentliche LIafenausbreitung Tatsache
geworden ist,” sagte der Abgeordnete Dr, Van de Perre hin-
sichtlich dieser Sache-25)

«

* *

In seiner Studie „La politique des transports en Belgique”
drückt De Leener sich folgendermaBen über das finanzielle
Eingreifen des Staates zugunsten Antwerpens ans:

23)	Minister Van den Peerebom; siehe oben, S, . .

**) 4- Renkin, Anvers; installations maritimes et système défensif, p. 32.

■°) A. van de Perre, De bevaarbaarmaking der Maas enz., blz, 32.
        <pb n="104" />
        ﻿103

„Was Antwerpen anlangt, so ist dieses Eingreilen gerechî-
fertigt, weil das nationale Interesse es fordert."2&lt;i) „Wenn es
sich um einen Hafen handelt, dessen wohltâtiger EinfluB sich
auf die Ailgemeinheit des Landes erstreckt, stoBt das staat-
liche Eingreilen auf keinen Widerspruch mehr; im Gegenteil,
es wird zur dringenden Pflicht."* 27) Er erkennt dem Staat
jedoch nicht das namliche Recht zu hinsichtlich der anderen
belgischen Hafen, insbesondere Gent und Zeebrugge, weil
„ein Hafen vom nationalen Standpunkt aus nur dann zulâssig
ist, wenn er dem Lande neuen Verkehr bringt,"28 29) was er
ihnen abspricht, da ,,man sagen kann, dai3 der groBte Teii des
Verkehrs, der die belgischen Konkurrenzhâfén unterhalt, Ant-
werpen entzogen wird," ”) und dann andererseits ,,ailes, was
den Schiffahrtsverkehr Antwerpens verringert oder seiner
Entwickelung entgegenwirkt, zur Verringerung der Vorteile
beitragt, die Belgiens Industrie und Handel aus diesem Hafen
erwachsen",30)

Die nachstehende Tabelle beweist übrigens, daB es nôtig
ist, aile Krâfte des Landes auf einen einzigen Hafen zu kon-
zentrieren:

Tabelle XXIII.

	Staatlidies Anlage-	Verkehr	Unkosten
Hafen	kapital	in 100000 Netto-	in Mill. Fr per
	in Mill. Fr.	Reg.-Tonnen	100 000 f Verkehr

Antwerpen . .	350	175	20
Gent		73	18	40
Brügge ....	61	8	76
Ostende . . .	48	4	120
Nieuwport . .	42,5	0,8	53
Briissel. . . .	80	8,0	1000

20)	De Leener, La politique des transports, p. 40.

27)	Ibid., p. 21.

28)	De Leener, La politique des transports, p. 258,

29)	Ibid., p. 256.

•■&gt;») Ibid., p. 260.
        <pb n="105" />
        ﻿104

Die Handelsîlotte.

Um diese Untersuchung über die belgische Wirtschafts-
politik hinsichtlich Antwerpens zu erganzen, wollen wir noch
die MaBregeln ins Auge fassen, die zugunsten der belgischen
sowohl als der auslândischen Handelsflotte genommen wurden.

Bei Einhaltung der chronologischen Reihenfolge kommen
wir zunâchst an letztere. In richtiger Erkenntnis der Dienste,
die sie uns bei unserem Mangel an genügend machtigen ein-
heimischen Reedereien leisten konnte, bat die Regierung ihr,
soweit es die regelmafiige Fahrt angeht, zahlreiche Vorteile
gewahrt,

Sie bat mit mehreren Linien Vereinbarungen getroffen;
die vornehmsten davon sind:

a)	Norddeutscher Lloyd (Ges, v, 21, Mai 1886), Gegen
die von der Gesellschaft übernommene Verpflichtung, aile ihre
auf Australien und Ostasien fahrenden Postdampfer auf der
Hin- und Rückreise Antwerpen anlaufen zu lassen, gewahrt
der belgische Staat ihr einen jâhrlichen Zuschufi von 80 000 Fr,
und vergütet ihr die belgischen und hollandischen Lotsen-
gelder wie auch die Bakengebühren (seit 1895 abgeschafft),
die ihren Paketbooten kraft der bestehenden Gesetze auf-
erlegt wurden,31)

b)	Deutsch-AustralischeDampfschiffahrts-Gesellschaft (Ver-
trag v, 24, Juni 1889, abgeândert am 3, Februar 1891; Ges, v,
5, August 1889), Die Reederei verpflichtet sich zur Ein-
richtung eines regelmâBigen Dienstes zwischen Antwerpen und
den hauptsachlichsten Hâfen Australiens gegen eine Zulage
von 1500 Fr, für jede Überfahrt auf der Hin- und Rückreise;
diese Zulage wird nur für 13 jahrliche Reisen gewahrt,32)

c)	Det Forenede Dampskibselskabet (Übereinkommen vom
17, August 1887), Die Reederei übernimmt gegen das Recht,
unter dem Schutze des belgischen Staates fahren zu dürfen,
die Verpflichtung, einen regelmâBigen wochentlichen Dienst
zwischen Antwerpen, Kopenhagen und der Ostsee, sowie einen
monatlichen Dienst zwischen Antwerpen und dem Schwarzen
Meer (Batum) und vice versa zu unterhalten-33)

31) Moniteur belge vom 26, Mai 1886.

3J) Moniteur belge vom 16, August 1889,

33] Moniteur belge vom 5, September 1887.
        <pb n="106" />
        ﻿105

d)	Red Star Line3') (Ges. v, 14, August 1887), Durch dieses
tibereinkommen vergônnt der Staat der Reederei die Ein-
richtung eines regelmâfiigen Dienstes für die Postsendungen
von Antwerpen nach Nordamerika und umgekehrt und ver-
bürgt ihr ein jâhrliches Mindesteinkommen von 340 000 Fr, ans
diesem Dienste,35 *)

e)	Kosmos Finie und einige andere regelmâfiige Fini en;
Befreiung von den Lotsengebühren (1883),

Was die einheimischen Reedereien anlangt, so bat die
Regierung die Politik der Schiffahrtsausbreitung Leopolds IF
in die Praxis umgesetzt und einigen von ihnen finanzielle
Unterstützung angedeihen lassen, „in Anbetracht der Schwie-
rigkeiten, auf die sie stoBen, um Kapital für Unternehmungen
dieser Art zu bekommen",30) Auf Grund des Gesetzes vom
18, August 1907 bat sie ihnen einen Kredit von 5 Mill. Fr.37 38)
erôffnet gegen Obligationen, die jahrlich 3 % Zinsen tragen
und zum Nennwert innerhalb einer Frist von 20 Jahren tilgbar
sind, Das Ergebnis dieser Ausgabe von Obligationen durfte
nur zum Ankauf von Schiffsmaterial dienen,

Andererseits trat mit der Abkündigung der Gesetze vom
10- Februar, 5,, 9. .und 10, September 1908 die See- und FluB-
hypothek ins Leben, und bald entstanden Kreditanstalten ad
hoc, die den Bedürfnissen der belgischen Reederei entgegen-
kommen sollten.

Die Frage, ob die staatliche finanzielle Unterstützung von
belgischen Schiffahrtsunternehmungen, die sich mit den Mitteln
der privaten Initiative nur mühsam über Wasser halten konnten,
gerechtfertigt sei, ist seiner Zeit viel besprochen worden; den
Standpunkt, auf den die integralen Nationalokonomen sich
stellten, legte De Leener folgendermaBen dar; „Da der Besitz
einer belgischen Handelsflotte nicht von ôffentlichem Nutzen
für Belgien ist, kommen wir zu der SchluBfolgerung, daB eine
finanzielle Unterstützung des Staates nicht gerechtfertigt ist,“3S)

35) Wir fügen diese Reederei hier ein, weil ihr ganzes Kapital aus-
lândisch ist; freilich fahren einige ihrer Schiffe unter belgischer Flagge,

35) Moniteur belge vom 21. August 1887.

3G) Zehnte Abhandlung über die belgische Kauffahrteiflotte, dem
Zentralausschufi der Antwerpener Handelskammer vorgelegt.

37)	Ste. Anon. Océan; 2 Mill.; Cie, Royale Belge-Argentine; 2 Mill.j
Cie. Nationale des Transports Maritimes; I Mill,

38)	De Leener, La politique des transports, p, 301,
        <pb n="107" />
        ﻿106

So lag die Sache vor dem Kriege. Seitdem hat die Réglé-
rung, wie wir gesehen haben, sich an der Gründung des „Lloyd
Royal Belge" beteiligt, Diese Intervention, umfangreicher als
je, wie wir oben erwâhnten, hat einen lebhaften Widerstand
hervorgerufen.

Der Herr Charles Le Jeune, dessen erleuchtete und un-
eigennützige Vaterlandsliebe wohl niemand in Zweifel ziehen
dürfte, hat Nachdruck auf diesen Widerstand gelegt in einem
Interview, das er dem Direktor der ,,Indépendance Belge"
zugestand, Wir geben die weisen Mahnungen und die Kritik
unseres verehrlichen Mitbürgers zur Erwâgung wieder;

— Wurclen Sie nicht, fragte der Schriftleiter der ..Indépendance
Belge" Herrn Le Jeune, von Seiten des Schiffahrtsministeriums ersucht,
ein Konsortium zur Gründung einer belgischen Kauffahrteiflotte zu bilden?

— Ich bin nicht darum angesucht worden, ein Konsortium zu bilden,
doch hat Herr Segers, Schiffahrtsminister, zu zwei verschiedenen Malen
um meine Beteiligung an Schiffahrtsunternchmungen gefragt, die unter
seiner Beschirmung in Bildung begriffen seien. Das erste Mal, gegen Mitte
April d. J,, handelte es sich um den Ankauf einer Flotte für die Summe
von 30 MOI, Fr, durch Vermittlung und unter finanzieller Mitwirkung der
Commission for Relief, um die Bevorratung der in Belgien zurückgebliebenea
Bevôlkerung sicher zu stellen,

Ich stimmte seinen edelmütigen Absichten mit Warme zu und nahm
den Vorsitz des Rates, der mir angeboten wurde, gerne an, Dieser Plan
wurde aufgegeben, ,,ohne daB man mir die Gründe dafür auseinander-
setzte." Kurz darauf, gegen Ende des Monats Mai, kam Herr Segers nach
London und stellte mir vor, an der Gründung des ,,Lloyd Royal Belge"
mitzuwirken; zu gleicher Zeit bot er mir den Direktorposten davon an,
den ich ablehnte, „da meine Ansichtcn darüber ungünstig waren".

— Darf man Sie fragen, ob Sie vor oder wahrend der Unterhand-
lungen um Mitwirkung an oder Beschirmung der Gründung des „Lloyd
Royal Belge" angegangen wurden?

— Ich stand vor der vollzogenen Tatsache. Der Minister setzte mir
seinen Plan auseinander, und „bereits am 26. Juni war die Gesellschaft
mit unbegreiflicher Eile in De Panne ins Leben getreten".

— Sind Sie nicht der Ansicht, daB die Reeder, und im allgemeinen
aile diejenigen, die am Schiffahrtswesen interessiert sind, wie auch die
Mitglieder der Handelskammer hatten zu Rate gezogen werden sollen?

— Ja, bestimmt. Fine so gewichtige Sache erforderte eine gründ-
liche Untersuchung, demi es handelte sich um nichts weniger aïs die
Verpfândung des durch den Krieg bereits untergrabenen Kredits des
Landes um die fabelhafte Summe von 100 Millioncn Franken zugunsten
eines Geschâftes sehr fragwürdiger Art, das Privatinteressen dient.
„Nichts zwang die Regierung, sich in dieses Abenteuer zu stürzen, und der
Kriegszustand, auf den man sich beruft, rechtfertigt es nicht." Neben der
Operation selbst stehen Prinzipien, die sie einführt. Es wird eine Art
Monopol geschaffen, dem sich der Staat unter Bedingungen anschlieBt, die
ohne Prâzedenzfall dastehen, und die Regierung nimmt ein Unternehme»
        <pb n="108" />
        ﻿107

un ter seine Obhut, das nicht allein mit âhnlichen Schiffahrtsunternehmungen,
sondern auch mit anderen belgischen Interessen in Wettbewerb treten
soil. Die Statuten erlauben nâmlich, bis ins Unendliche auf den ver-
schiedensten Gebieten einzugreifen, und der Staat nimmt neue Inter-
ventionen in Aussicht, denn er behalt sich für den Fall der Erhôhung des
Aktienkapitals von fünfzig Millionen das Vorzugsrecht auf die Zeichnung
von fünfzig Prozent der neuen Aktien vor.

Das ist das Programm, das man uns anbietet.

Schauen wir uns jetzt das Geschaft an, das man uns vorschlagt,

Man will neue regelmafiige Linien ins Leben rufen, und man beteiügt
sich an einer Reederei, „deren Schiffe in keiner Weise denen der groOen
regelmaBigen Linien gleichen''. Sie sind aile langsame Dampfer — von
7 bis 9 Knoten ungefahr — und viele davon sind zehn Jahre ait und
darüber, Freilich wird man nach dem Krieeg mit dem Gelde der Regierung
andere kaufen kônnen. Es wird jedoch nicht leicht sein, welche zu finden.

Keine einzige spczielle Erwâgung empfiehlt demnach diese Reederei
für den bestimmten Zweck. Sicher kann es die nicht sein, da(3 sie —
wie aile Reeder mit ganz geringen Ausnahmen — vermittelst der bekannten,
unmâflig emporgeschraubten Frachtsatze wâhrend des Krieges schweres
Geld vcrdient hat,

Bei der Verwesentlichung eines derartigen Programms und einer
derartigen Sache von Seiten einer Regierung war die âuCerste Vorsicht
am Platze. Die dabei in Betracht kommenden finanziellen, wirtschaft-
lichen und selbst sozialen Fragen dürfen nicht nach Gutdünken von einem
Minis ter, wer er auch sei, durchgehauen werden. Es ist eine neue Politik,
mit der Ideen, Personen und Tatsachen zu schaffen haben, „Es kommt
einem unglaublich vor, daI3 eine derariige Sache in Abwesenheit der
6% Millionen Belgier im besetzten Gebiete geregelt und in Überstürzung
abgetan werden konnte."

Es ist nicht weniger unzulâssig, dafî die befugten Gruppen in England,
Frankreich und Holland dabei übergangen wurden. Und es mangelt hier
nicht an Vertretern unserer Reedereien, des Ober-Schiffahrtsrats, wie
unsercr Handels- und Gewerbekammern, ohne die Mitglieder unseres
Parlaments zu erwâhnen,

— Kônnen Sie uns in einigen Worten Ihre Ansicht darlegen über die
Ausgabe der ersten Partie von fünfundzwanzig Millionen vierprozentiger
Obligationen?

— Das ist sehr einfach, Wie die Sache sich dartut, besteht sie für
die Gruppe Brys &amp; Gylsen nur in der Verschmelzung der vier Gesell-
schaften, die unter ihrer Leitung standen, in eine einzige, sowie ,,in dem
den Besitzern dieser Schiffe zugesicherten Vorteil, beinahe ausschlieflîich
Eigenttimer derselben zu bleiben und nichtsdestoweniger für 25 Millionen
vierprozentige Obligationen, für die der Staat, sowohl was Kapital, aïs
was Zinsen angeht, Bürge ist, in Bezahlung zu empfangen."

Die Haftpflicht dieser Gruppe als Aktionârin beschrânkt sich auf den
Wert der Aktien, die sie in der Gesellschaft besitzt, deren Kapital fünfzig
Millionen ist. Als Inhaberin von Obligationen hat sie fünfundzwanzig
Millionen an Obligationen vor sich, Wie die Sachlage sich auch gestalten
môge, und selbst wenn die Gesellschaft zusammenbricht, müssen diese
Obligationen bis zur vôlligen Tilgung von Kapital und Zinsen vom Staate
bezahlt werden, Sie sind keiner Gefahr ausgesetzt.

Andererseits entfâllt auf den Staat, da der ganze Gewinn den
Aktionâren gehôrt, nicht der geringste Gewinn. Hier sehen wir also ein.
        <pb n="109" />
        ﻿108

Vermôgen von fünfundzwanzig Millionen, das den Interessenten garantiert
ist, auBerhalb des Bereiches aller Gefahr gestellt und vollkommen unab-
hângig vom Kapital, wovon aller Vorteil, d. i, der mit der ganzen Flotte
erzielte Gewinn den Gründern gehôrt. Herr Brys, administrateur-délégué,
Herr Gylsen, administrateur-directeur, und Herr Schobbens, directeur,
haben 48 725 Aktien von je 1000 Fr. auf 50 000 unter sich allein verteilt!

— Abschnitt 5 der Statuten führt im Art, 27 unter der Rubrik ,,Bc-
stimmungen von nationalem Interesse" die Vorteile auf, welche die Belgier
bei der neuen Gesellschafi haben werden. Was denken Sie davon?

— Ich will nicht bekritteln. Bekanntlich lassen sich aber so leicht
allerhand Bedingungen in Statuten setzen, die denen, die nicht klar in der
Sache sehen, in die Augen stechen. Die bemerkenswerten Briefe des
Herrn Van de Vorst, die in der Indépendance erschienen sind, haben über
diese sogenannten Vorteile den Stab debrochen.

Ich kann mich also darauf beschranken zu sagen, da!3 sie lâcherlich
sind, so lâcherlich selbst, daB ich nicht begreife, daB den Schreibern des
Textes selbst ihre Nichtigkeit nicht aufgefallen ist,

— Wenn ich gut verstanden habe, ist das Los des Staates also mit
dem der neuen Gesellschaft verbunden, da die vorgesehene Dauer fünfzig
Jahre betrâgt? Denken Sie, daB die Schaffung und vor allem der Bestand
einer Schiffahrtslinie von der Anzahl Millionen abhângt, über die man
verfügt? Gibt es nicht zahlreiche andere Faktoren, mit denen Rechnung
zu halten ist?

— Das Geschick des Staates ist für fünfzig Jahre an dieses Unter-
nehmen gefesselt, denn die in den Statuten vorgesehene Dauer ist nicht
minder als ein halbes Jahrhundert.

Ein Seereederei-Unternehmen lâBt sich nicht künstlich durch die
Macht der Millionen ins Leben rufen. Niemand tragt grôBere Zuneigung
zu unserer Handelsflotte aïs ich; niemand wünschte ihr Gedeihen mehr
aïs ich und hat es so zur Sorge seines ganzen Lebens gemacht. Aber man
muB mit der Wirklichkeit Rechnung halten. Erinnern wir uns, daB der
Seehandel vor allem anderen international ist, und daB der Antwerpener
Hafen nur vom internationalen Handel leben kann. Vor allem in einem
Lande wie dem unsrigen, und in Anbetracht seiner besonderen Lage ware
es unmôglich, ihn durch nationale Vorrechte lebensfâhig zu machen. Ist
das Schiff übrigens nicht vermôge seiner Bestimmung international? Fâhrt
es nicht auf einem Gebiet, das niemand gehôrt, auf der See, die inter-
national ist par excellence? Am allerwenigsten aber kônnte Ant-
werpen der Mitwirkung der seefahrenden Vôlker entraten, wollte es
seinem Hafen den erforderlichen regen Verkehr, wie die maBigen Fracht-
sâtze und die Transportgelegenheiten erhalten, die dem Handel und der
Industrie unentbehrlich sind.

Überdies gibt es einen anderen Punkt, den man nie aus dem Auge
verlieren darf, das ist die Ablôsung des Scheldezolles, an der sich eine
ganze Reihe Staaten beteiligt hat, Unter Mithilfe ihrer Millionen wurde
das prachtige Résultat erzielt, daB der Strom seiner Fesseln ledig ward.
Es würde sich schôn ausnehmen, wenn man sie eines Tages ihrer Rechte
berauben und gegen andere zurücksetzen wollte!

Die Antwort würde nicht ausbleiben, und es ware Grund dafür vor-
handen, Der Kampf auf dem Gebiete der Schiffahrt besteht demnach
noch immer, und er wird bestehen bleiben — übrigens wird er heilsam

—• aber dieser Kampf bringt groBe Schwierigkeiten mit sich. Kein
Unternehmen erfordert mehr Ausdauer, mehr Erfahrung, mehr Initiative.
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        ﻿109

Hâuflg entbrennen Kâmpfe auf dem Gebiete der Syndikate, der Trusts, der
Kartells; es ist zuweilen mit der Macht von Millionen, daB sehr groBe
Gesellschaften sich jahrelang den Grund streitig machen. In den letzten
Jahren haben wir die belgische Handelsflotte einen guten Aufschwung
nehmen sehen. Sie muB durçh verstândige Mithilfe auf dem Wege der
Privatinitiative ermutigt werden, nicht aber auf dem Wege des Monopols,
von der Regierung unterstützt und in die Hande von Leuten gelegt, die
ailes zu sagen haben — denn einer der ersten Ahte des „Lloyd Royal
Belge” war die Bildung eines Verwaltungsausschusses, bestehend aus dem
Triumvirat der drei Hauptgründer, dem die ausgedehntesten Befugnisse
zustehen. Sie werden nicht allein die laufenden Verwaltungsakte aus-
führen, sondern auch — was sonst stets einem Verwaltungsrat vorbehalten
bleibt — Schiffe verkaufen, kaufen und hypothekarisch belasten kônnen.
Freilich ist die Regierung durch zwei Kommissâre mit gewissen Inter-
veniionsbefugnissen vertreten; aber ihre Aufsicht ist bekanntlich illusorisch,
da man sie gewôhnlich vor die vollzogene Tatsache stellt.

— Gibt es wichtige Gründe, warum das System nicht angenommen
wurde, das Frankreich zur Vermehrung seiner Handelsflotte in An-
wendung bringt?

— Das franzôsische Schiffahrtspramiensystem hat nicht die geringste
Aussicht, bei uns zur Annahme zu gelangen. Dieser Protektionismus ist
sehr abfallig beurteilt worden, und das um so mehr, aïs seine Ergebnisse
negativer Art waren.

— Sind Sie, der Sie die Schiffahrtswelt Antwerpens so gut kennen,.
der Ansicht, daB diese eine günstige Stellung zu der neuen Kombination.
nehmen wird?

— Ich zweifle nicht daran, daB sich in Antwerpener Schiffahrtskreisen
eine allgemeine MiBbilligung Luft machen wird g e g e n die Kombination,
zu der die Regierung ihre Hand geliehen hat. Wenn ich den Gerüchten
Glauben schenken darf, die mich bis jetzt erreicht haben, besteht kein
Zweifel darüber,

— Werden die verschiedenen Branchen unsercs Handels sich nicht
von der dem „Lloyd Royal Belge" gestatteten Konkurrenz getroffen fühlen?

— Zweifellos, Wenn der Staat sich durch eine Zwischenperson an
einem Unternehmen beteiligt, dessen Statuten eine Einmischung in zahl-
reiche Berufe vorsieht, kann es nicht fehlen, daB diese sich getroffen
fühlen und ihre Stimme hôren lassen werden, Denn die Statuten be-
schrânken sich nicht auf die Erraâchtigung zum Seereedereigeschâft im
eigentlichen Sinne des Wortes; es werden in ihnen Vorkehrungen getroffen
fur ailes, was in Verhindung steht mit Spedition, Transpoit zu Lande und
zu Wasser, Verfrachtung, Kauf, Verkauf, Schiffsbau und Schiffsreparatur
wie für aile kommerziellen, industriellen und finanziellen Operationen,
sowohl im Ausland als in Belgien, sofern sie in irgend welcher Weise mit
der Schiffahrt und dem Transport in Verhindung steben, vor allem aber
für den Kauf und Verkauf von Waren, das Agenten-, Makler-, Stauer-,
Warenlagerungs- und Versicherungswesen, Und aïs ob das noch nicht
genug sei, wird hinzugefügt, daB die Gesellschaft ermachtigt ist zum Ankauf,
Bau, Betrieb und Verkauf aller Immobilien, Gebtiude, Fabriken, Schiffs-
'verfte, Brücken, Docks, Magazine, Eisenbahnen, Hotels usw. Was kônnte
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        ﻿110

man einer solchen Aufzâhlung Beredteres hinzufügen, itm zu zeigen, au!
welche unglaubliche Bahn unsere Regierung sich gestürzt hat?“

Die Zustimmung, die Herr Charles Le Jeune hiermit
unseren obigen Ausführungen gibt, bewerten wir nach Gebühr.
Mit dem ihm eigenen unparteiischen Blick zieht er die Auf-
merksamkeit aller auf die gefâhrliche Politik, die von der
belgischen Regierung eingeleitet wird. Das Régime des freien
Wettbewerbs, das die Kraft unserer ganzen Wirtschafts-
organisation ausmachte, ist schwer bedroht, Das weist auf
eine gefâhrliche Geistesverfassung hin, Dieses Eingreifen des
Staates legt der Handeîsfreiheit, der freien Konkurrenz Fesseln
an und gibt dem Verdachte des Begünstigungswesens Raum,
was ura so mehr zu bedauern ist, da ein Grund vielleicht nicht
vorliegt, Wie dem auch sei, dieses Vorgehen bedarf der Ge-
sundung, Auf diesem besonderen Gebiete dürfen wir ebenso
wenig wie sonstwo die willigen Opfer von Handlungsweisen
und Beschlüssen werden, die den Untergang des Antwerpener
Hafens notwendigerweise nach sich ziehen müssen,39)

ScMuB.

Auf den vorhergehenden Seiten haben wir uns bestrebt,
die verschiedenen Faktoren, welche das Gedeihen Antwerpens
auf eine feste Grundlage stellten, einen nach dem anderen
hervortreten zu lassen.

Unser Schiffahrtsverkehr, unsere Warenbewegung, unser
Handel und unsere Gewerbtâtigkeit bezeugen in schlagender,
unwiderlegbarer Weise, welch einen hervorragenden Platz
Deutschland in unserer Volkswirtschaft einnahm. Die Pariser
Konferenz machte tabula rasa mit ail dem, Bietet sie uns
hinreichenden Ersatz dafür? Wir haben uns vergebens danach
umgesehen. Weder England noch Frankreich werden die
Katastrophe wieder gutmachen kônnen, die wir voraussehen,

s0) Im Augenblick, da wir diese Studie erscheinen lassen, erfahren
wir, daB Prof, Charles Gide von Paris soeben im Economical Journal einen
Aufsatz verôffentlicht bat, worin er nachweist, daB die Pariser Konferenz
dem Wiederaufbau des Wirtschaftslebens der Entente-Staaten ernstliche
Schwierigkeiten in den Weg legen wird, und worin er u, a. eine Meinungs-
kundgebung der ,,Fédération des Industriels et Commerçants Français”
stützt. Wenn das so weiter geht, wird die Pariser Konferenz begraben
sein, bevor sie gelebt hat.
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        ﻿111

Unserem Hafen zugetan, dem lebenspendenden Bronn ail
unseres wirtschaftlichen Reichtums, kônnen wir uns nicht durch
Versprechungen oder fragwürdige Entgeltleistungen kôdern
lassen, wo die Vergangenheit uns Tatsachen und Sicherlieiten
bietet. MuB es wiederholt werden? Wir haben nahe bei uns,
nur einige Kilometer entfernt, einen Seehafen, der unser
mâchtîgster und gefürchtetster Konkurrent geworden ist,
Rotterdam liegt auf der Lauer, bereit, unsere Erbschaft anzu-
treten, Rotterdam ist vorwiegend Einfuhrhafen, Antwerpen
ist ein Hafen, in welchem Einfuhr und Ausfuhr sich beinahe
vollkommen die Wagschale halten. Die Kombination der
Frachtgüter ist auf Grund oben dargetaner Umstânde zu
unseren Gunsten. Um diesen ganzen wirtschaftlichen Organis-
mus zu erhalten, bedarf es einer Umsicht, einer Gewandtheit,
eines Tastsinns, wie Entschlüsse sie nicht aufweisen kônnen,
die inmitten der Schrecken des grausigsten und hafierfülltesten
aller Kriege genommen wurden. Die durch Holland von 1830
bis auf unsere Tage befolgte Politik zielte einzig und allein
darauf ab, die Überlegenheit, die Antwerpen seiner vor-
züglichen Lage dankt, mit allen ihm zu Gebote stehenden
gesetzlichen Mitteln zugrunde zu richten; das war sein Recht,
und es tat seine Pflicht, Eine schlecht verstandene Politik,
eine beschrânkte Einsicht haben zuweilen dem Streben unserer
nôrdlichen Nachbarn wundergute Dienste geleistet. Die An-
stauung von Gütern, deren Opfer unser Hafen so oft war, und
die in erster Linie einem Mangel an Voraussicht und tat-
kraftigem Durchgreifen zuzuschreiben ist — die Frage der
Getreide-Elevatoren v/ar eins der zahlreichen Beispiele davon
— hat Rotterdam mehr Nutzen gebracht, als not war,

Infolge der belgischen Umwalzung von 1830 blieb unser
Hafen bis 1833 für die Schiffahrt geschlossen, und verschiedene
Reeder siedelten nach Rotterdam über, das seine Tonnage
soîort anwachsen sah.1) Zur gegenwartigen Zeit zwingt uns
der Weitkrieg seit 2% Jahren zur Untâtigkeit, die Schelde
und unsere Schiffahrtseinrichtungen werden verwahrlost, wir
müssen unsere Eisenbahnen wieder in betriebsfahigen Zustand
setzen, ail unsere Transportmittel sind mehr oder weniger
auBer Ordnung, und wahrend dieser Zeit vergrôBert Holland,

0 J, Albert, Le port de Rotterdam, p. 5.
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        ﻿112

das sich inzwîschen bereichert bat, wohingegen imsere Staal
schuld auf nahezu 7 Milliarden angeschwollen ist, den Hafi
von Rotterdam, verbessert seine technische Ausrüstung in',
verwirklicht auf allen Gebieten die zweckdienlichsten wii
schaftlichen Bedingungen, wodurch es unsere Kundschaft &lt;
sich reiBen kann. Und angesichts dieser Sachlage stellt me
uns ProhibitivmaBregeln vor, die unseren ganzen Handel m
Deutschland zugrunde richten müssen, Was tun wir, um ui
gegen derartige gefahrvolle Môglichkeiten zu schützen? Welcl
MaBregeln haben die Interessenten ergriffen, um unseï
maritime Lage zu wahren? Das sind furchtbar ernste Fragei
deren Beantwortung wir jenen überlassen, auf deren Schulter
mit der Pflicht der Fürsorge und des Eingreifens die Veran
wortlichkeit lastet,

Vor kurzem lasen wir in einem der ersten Schiffahrü
blatter Englands, in „Fairplay", daB der Antwerpener Hafei
Deutschlands Weinberg Naboths, nur unter der Bedingung a
Belgien zurückgegeben werden darf, daB es Deutschland ail
Handelsvorteile, die es dort genoB, in dem MaBe entzieht, il
welchem man dies für nôtig erachten würde: „Germany , .
Antwerp was her Naboth's vineyard, and that port, of course!
has to be restored to Belgium with such restrictions agains
German trading facilities as may be deemed expédient,”2)

Wir lesen in der Bibel, daB Naboth auf den Fluren Jezraeh
einen Weinberg besaB, der an den Palast Achabs, des Kônig;
von Israël, stieB, Ein Angebot des letzteren, ihm sein Eigen
tum abzukaufen, schlug Naboth mit der Begründung aus, dal
das mosaische Gesetz jegliche VerauBerung von Matrimonial-
giitern verbiete, Um die Grille ihres Ehegatten zu befriedigen
bestach die Kônigin Jezabel zwei falsche Zeugen, die Naboth
der Gotteslâsterung beschuldigten und zu Tode brachten,

Môge ,,Fairplay“ es uns nicht für ungut nehmen, aber der
heiBersehnte Weinberg gehôrt bis jetzt noch der Stadt Ant-
werpen; laBt uns ihn bewahren, bebauen und ausnutzen in
voiler und ganzer Unabhângigkeit, und laBt uns den Achabs
und Jezabels mifitrauen!

E n d e.

2) Fairplay, Nummer vom 4, Januar 1917.
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        ﻿
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        ﻿m -»	- 103 -

■ J ntwerpen anlangt, so ist dieses Eingreifen gerecht-
; das nationale Interesse es fordert.“ 2e) „Wenn es
; an Hafen handelt, dessen wohltâtiger EinfluB sich
r^îemeinheit des Landes erstreckt, stôfit das staat-
:ifen au! keinen Widerspruch mehr; im Gegenteil,
r dringenden Pflicht."27) Er erkennt dem Staat
: t das nâmliche Recht zu hinsichtlich der anderen
ij Hafen, insbesondere Gent und Zeebrugge, weil
vom nationalen Standpunkt ans nur dann zulâssig
-.er dem Lande neuen Verkehr bringt,“ 2S) was er
•icht, da „man sagen kann, daB der grôBte Teil des
1er die belgischen Konkurrenzhâfén unterhâlt, Ant-
s^r tzogen wird,"29) und dann andererseits „alles, was
ahrtsverkehr Anlwerpens verringert oder seiner
ng entgegenwirkt, zur Verringerung der Vorteile
“*ie Belgiens Industrie und Handel aus diesem Hafen

‘ 30j

ichstehende Tabelle beweist übrigens, daB es nôtig
râfte des Landes auf einen einzigen Hafen zu kon-

Tabelle XXIII.

fl	Staatliches Anlage- kapital in Mill. Fr.	Verkehr  in 100000 Netto- Reg.-Tonnen	Unkosten in Mill. Fr per 100 000 t Verkehr
1. .	350	175	20
• . •	73	18	40
L , #	61	8	76
. . .	48	4	120
t . .	42,5	0,8	53
. . .	80	8,0	1000
Levier, La politique des transports, p. 40, d„ p. 21.  Leener, La politique des transports, p, 258.			'

jid., p. 256,
Did,, p, 260.
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  </text>
</TEI>
