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        <title>Der Antwerpener Hafen und die Pariser Wirtschaftskonferenz</title>
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            <forname>Max</forname>
            <surname>Oboussier</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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          <msIdentifier>
            <idno>886929202</idno>
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  <text>
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        Schriften  dcr  Deutsch-flâmischen  Gescllschaft.
n.

Oer  Antwerpener  Hafen  und  die
Pariser  Wirtschaftskonferenz.

Von
Max  Oboussier,
Dozent  an  der  mit  der  Unlversitât  Gcnt  verbundenen
  Hochschule  fûr  HandeUwisjenichaften.
Ans  dcm  Flâmischen  übcrsctzt
von
Karl  Minier.

Vcrlag  von  Gcorg  Stilkc,  Berlin  und  Brfisscl.
Hofbuchhfindlcr  $r.  Kalserl  und  Kfinfgl.  Hoheft  des  Kronprinzcn.

Dmd  der  WeatfWîachen  Veremsdruafcerei,  Münater  L  Westf
        <pb n="2" />
        1

Von
Max  Obouissier,
Dozenl  an  der  mit  der  UmversitSi  Geni  verbundenen
  Kothschu’e  für  Handeîswissensdiafien.

Ans  dem  Flamischen  überseizi
von
Karl  Miîtler.

Verlag  von  CÈeorg  Stiike,  Berlin  imd  Brüssel.
Hofbudihândler  Sr.  Kaiserl.  und  Konîgl.  Hoheit  des  Kronprinzen.

Drudî  der  Westfalischen  Vereinsdruc&amp;amp;erei,  Münster  i.  Westf
        <pb n="3" />
        (
        <pb n="4" />
        Inhalts-Verzeichnis-Sait*

Literatur  4
Vorwort  5
I.  Der  Schiîfahrtsverkehr.
Die  Lage  des  Hafens  7
Aatwerpen  und  der  europâische  Seeverkehr  .  9
Analyse  des  Verkehrs  13
Die  einheimische  Handelsflotte  21
Der  Wettbewerb  in  der  Schiffahrt  und  seine  Wirkungen  28
IL  Der  Güterverkehr.
Ailgemeines  ,  40
Analyse  der  Statistik,  Die  Durchluhr  44
Herkunft  und  Bestimmung  der  Durchluhr  48
Die  Rolle  der  Durchluhr  51
Der  durch  Belgien  gehende  Passagier-  und  Auswandererverkehr  ...  64
III.  Handel  und  Industrie.
Ailgemeines  67
Die  Lage  nach  dem  Kriege  70
Kann  der  deutsche  Handelsverkehr  ersetzt  werden?  76
Der  Einîuhrhandel  80
Der  Ausfuhrhandel  84
IV.  Die  Transportpolitik  and  der  Antwerpencr  Halen.
Ailgemeines  87
Eisenbahnen  und  Tarile  91
Verbesserung  der  Verbindungswege  zwischen  Antwerpen  und  seinem
iremden  Hinterland  96
Der  Antwerpener  Halen  99
Die  Handelsîlotte  104
SchluC  118
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        Literatur

Albert  (J.).  Le  port  de  Rotterdam,  Paris,  1914.
Annuaire  statistique  de  la  Belgique  (Ministère  de  l’Intérieur).
Annuaire  maritime  du  „LIoyd  anversois".
B  e  1  f  r  i  e  d  (Der),  Monatsschrift  £ür  Gegenwart  und  Geschichte  der
beigischen  Lande,  I.  Leipzig,  Insel-Verlag,  1916.
B  ü  r  k  1  i  n  (W.).  Handbuch  des  beigischen  Wirtschaftslebens.  Berlin,  1916,
Chambre  de  commerce  d'Anvers:  Rapports  et  Mémoires.
Christophe  (Ch.)  &amp;amp;  B  e  e  r  (M,  d  e).  Le  port  de  Gand.  [In;  Revue
économique  internationale,  1913,]
D  r  e  s  e  m  a  n  a  (O.),  Die  Verkehrsentwicklung  in  Belgien.  M.Giadbach,  1915,
Dubois  (E.)  &amp;amp;  Theunissen  (M,).  Anvers  et  la  vie  économique
nationale.  Les  ports  et  leur  fonction  économique.  T.  I.
Dussol  (A.).  Le  développement  maritime  de  l'Allemagne,  Paris,  1909,
Études  sur  la  Belgique,  Conférences  faites  au  VI e  cours  internationale
d'expansion  commerciale,  organisé  à  l'Institut  supérieur  de  commerce
d'Anvers.  Bruxelles,  1913.
H  î  s  s  e  n  h  o  v  e  n  (P,  v  a  n).  Les  grains  et  le  marché  d’Anvers.  Anvers,  1910.
Lannoy  (de).  La  Belgique,  pays  de  transit.  [In;  Revue  économique
internationale.  1911.]
Leener  (G.  de),  La  politique  des  transports  en  Belgique.  (Travaux  de
l'Institut  de  sociologie  Solvay.  Bruxelles,  1913.)
Leener  (G.  d  ej.  Ce  qui  manque  au  commerce  belge  d'exportation,
Bruxelles,  1906,
Leener  (G.  d  e).  La  question  des  tarifs  de  chemin  de  fer  en  Belgique,
[In;  Annales  des  Travaux  publics  de  Belgique,  Juni  1912.]
L  o  s  c  h  (H.  J.j.  Der  mitteleuropâische  Wirtschaftsblock  und  das  Schicksal
Belgiens,  Leipzig,  1914.
Moniteur  belge.
Neptune  (Le),  Journal  maritime  anversois.
Parent  (A.).  Le  commerce  de  Belgique;  à  propos  de  l'affranchissement
de  l'Escaut.  Bruxelles,  1863,
Perre  (A,  van  de).  De  bevaarbaarmaking  der  Maas  en  de  scheepvaart
tuschen  Aniwerpen  en  den  Rijn,  Antwerpen,  1913.
Port  (Le)  d'Anvers.  Statistiques  dressées  par  le  Service  du  port,
Praesent  (H.).  Antwerpens  geographische  Lage  und  wirtschaftliche  Bedeutung.
  Leipzig,  1915.
Renkin  (J.),  Anvers.  Installations  maritimes  et  système  défensif,
Bruxelles,  1905,
Renkin  (J.).  Les  chemins  de  fer  de  l'État  en  Belgique.  [In:  Revue
économique  internationale.  1905.]
Revue  internationale  des  valeurs  mobilières.  Bruxelles.
Revue  de  la  ligue  maritime  belge.
Schumacher  (H,),  Antwerpen.  Seine  Weitstellung  und  Bedeutung  für
das  deutsche  Wirtschaftsleben.  München,  Duncker  &amp;amp;  Humblot.  1916.
Stubmann.  Hamburg,  Rotterdam  und  Antwerpen  im  19.  und  20.  Jahrhundert.
  [In:  Marine-Rundschau.  1912.]
Tableau  général  du  commerce  de  la  Belgique,  (Ministère  des  Finances.)
Wa  xweiler  (E.).  Archives  de  sociologie,  publ.  par  l'Institut  Solvay,  Bruxelles.
Weltwirtschaftliches  Archiv.
Wiedenfeld  (K.),  Antwerpen  im  Weltverkehr  u,  Welthandel,  München,  1915,
W  i  n  g  e  n  (O,),  Die  internationale  Schiffsraumnot.  Jena,  1916.
        <pb n="6" />
        Vorwort.

Die  Pariser  Wirtschaftskonferenz,  die  vornehmlich  durch
En  glands  und  Frankreichs  Initiative  zustande  kam,  will  die
Signatarlander  zum  Abbruch  ihrer  wirtschaftlichen  Beziehungen
zu  Deutschland  und  seinen  Bundesgenossen  nach  dem  Kriege
bewegen.  Die  belgische  Regierung  ist  dieser  Konferenz  beigetreten
  und  bat  die  grofie  Bedeutung,  die  sie  ihr  beimiBt,
kundgegeben.
Gerade  zur  Zeit,  da  diese  Konferenz  zusammentrat,  vernahmen
  wir,  daB  unser  grofier  Landsmann  Emil  Waxweiler,
der  für  uns  der  beste  unter  den  Lehrern  gewesen  ist,  groBe
Besorgnis  hinsichtlich  der  wirtschaftlichen  Zukunft  unseres
Landes  hegte;  die  Richtlinien  der  Pariser  Konferenz  schienen
mit  seiner  wissenschaftlichen  Überzeugung  nicht  in  Einklang
zu  stehen,  Wir  woîîten  ihm  gerade  schreiben,  da  traf  uns  die
Nachricht  von  seinem  jahen  Ende  wie  ein  Blitz  aus  heiterem
Himmeî,  Der  Tod  streckte  ihn  gerade  in  dem  Augenblick
nieder,  wo  er  seinem  Vaterlande  in  der  vollen  Freiheit  seines'
edîen  Rechtssînns  auf  einem  Gebiete,  das  er  durch  CharaktergrôBe
  und  Geistesgaben  voll  und  ganz  beherrschte,  die  grôBten
Dienste  hâtte  beweisen  kônnen  durch  die  Zusammenstellung
und  die  kritische  Beleuchtung  der  einschlagigen  wirtschaftsund
  sozialpolitischen  Statistik.
Andere  als  er  haben  versucht,  unzeitige  und  verhângnisvoîle
  Entschlüsse  abzuwenden.  Wîrd  die  belgische  Regierung
auf  dem  Wege  verharren,  der  zu  den  ârgsten  Katastrophen
führt,  oder  wird  es  ihr  noch  gelingen,  Hait  zu  machen,  und  wird
sie  sich  noch  bei  Zeiten  darauf  besinnen,  daB  der  Untergang
des  Hafens  von  Antwerpen,  der  bei  der  Ausführung  der  auf  der
Pariser  Konferenz  gefaBten  Beschlüsse  unabwendbar  ist,  die
wirtschaftliche  Wohlfahrt  unseres  Landes  zugrunde  richten
würde?  Wir  hoffen  es,  Minister  Renkin  hat  einmal  gesagt:
,,Sagt  der  gesunde  Menschenverstand  uns  nicht,  daB  ein
inniger  Zusammenhang  besteht  zwischen  der  Betriebsmacht  des
Antwerpener  Hafens  und  der  Ausbreitung  unseres  Handels  und
unserer  Industrie,  des  Bronns  unserer  günstigen  Finanzlage?
Wâre  der  Antwerpener  Haîen  jamais  dem  Untergange  geweiht,
        <pb n="7" />
        6

so  versiegten  mit  ihm  die  Nâhrquellen  unserer  Staatskasse,  der
Handel  und  die  Industrie," 1 )
Ein  wirtschaftlicher  Organîsmus  wie  der  Antwerpener
Hafen  îst  ein  derartig  komplizierter,  daB  das  gerîngste  Hemmnis
  sein  Gedeihen  in  Frage  stellen  kann.
Vorliegende  Studie,  sine  ira  et  odio  fur  einen  raterlândischen
  Zweck  geschrieben,  wird  hoffentlich  die  Taubsten
und  Bîindesten  überzeugen,  daB  „die  Betrachtung  der  Wirklichkeiten
  allein  uns  in  wirtschaftîichen  Fragen  unsere  Stelîungnahme
  vorschrciben  kann  und  darî". 2 )
Unseres  Erachtens  îst  es  besser,  Katastrophen  vorauszusehen,
  als  sich  auf  die  Verteidîgung  einzurichten,  wenn  der
Feind  innerhalb  der  Mauern  ist,  Man  gibt  keinen  Feueralarm,
wenn  das  Haus  in  Asche  liegt,  noch  ruft  man  den  Arzt  zu
einem  Toten.
„Indem  das  Streben  nach  einem  hôheren  sozialen  Produktionsvermogen
  Individuel!  wie  Menschengruppen  zum  unvermeidlichen
  und  wohltâtigen  Kampîe  ausrüstet,  sagte  Waxweiler,
 3 )  bahnt  es  zugleîch  und  in  demselben  MaBe,  in  welchem
es  die  natürliche  Entîaltung  aller  Fahigkeiten  und  rechtmâBigen
Bestrebungen  fordert,  auch  den  Weg  zu  einem  friedlichen  Zusammenleben
  aller,  Indem  es  ein  grelles  Licht  auf  soziale
Zustânde  wirft,  arbeitet  es  einem  dauernden  Hasse  zwischen
Menschen  und  Klassen  wirksam  entgegen,"  Und  wir  fur  unser
Teîl  stimmen  den  mannhaften  Worten  des  Prâsidenten  Roosevelt ­
  zu,  wenn  er  sagt:  ,,Jeder  von  uns  muB  in  krâftigster  Weise
îür  sein  eigenes  Recht  in  die  Schranken  tretcn;  aile  Menschen
und  aile  Klassen  müssen  ihre  Selbstachtung  bewahren;  disse
Achtung  müssen  sie  auch  von  anderen  erheischen:  sie  müssen
darüber  wachen,  daB  ihnen  keiner  zu  nahe  tritt,  und  daB  ihnen
ein  HôchstmaB  von  Freiheît  im  Denken  und  Handeln  gesichert
ist,  Aher  HaB  gegen  andere  nâhren  ist  das  sicherste  Mittel,
um  sich  selbst  auf  die  Dauer  mehr  Schaden  zuzufügen,  als
denjenigen,  die  man  haBt."')
Antwerpen,  Januar  1917,
B  Renkin,  Anvers,  1905,
s )  De  Leener,  La  politique  des  transports,  p.  IX.
s )  Vorrede  zu;  Actualités  sociales.
4 )  La  vie  intense,  p,  288,
        <pb n="8" />
        *

■‘" s —“—-*-«  *r

—

I.
Der  Schiffahrtsverkebr.
Die  Lage  des  Haiens.
Der  Nordwesten  Europas,  dessen  wichtigster  Teil  in  den
EinfluBbereich  Antwerpens  fâllt,  kann  zweifellos  als  die  produktivste
  Gegend  der  Welt  gelten.  Belgien  bildet  den  Mittelpunkt
  einer  âuBerst  regen  Handels-  und  Betriebstâtigkeit,
Seine  reichen  Bodenschâtze  genügen  jedoch  den  Anforderungen
  Seiner  Industrie  nicht,  und  andererseits  bringt  das  Land
nicht  genug  Lebensmîttel  zum  Unterhalt  seiner  Bevôlkerung
hervor;  es  ist  für  vier  Fünftel  seines  Bedarfs  an  Getreide  au!
das  Ausland  angewiesen,  Diese  wirtschaftliche  Besonderhext
bat  ihm  eine  Politik  aufgezwungen,  die  auf  einen  môglichst
groBen  Warenaustausch  mit  anderen  Lândern  zugeschnitten
ist;  infolgedessen  muBte  die  Einfuhr  von  Nâhr-  und  Rohstoffen
einerseits  und  die  Ausfuhr  von  industriellen  Erzeugnissen
andererseits  einen  âuBerst  regen  AuBenhandel  entstehen  lassen,
Dank  den  natürlîcben  und  künstlichen  Verbindungswegen
bat  sicb  vor  allem  ein  reger  Handelsverkehr  und  Warenaustausch ­
  zwischen  unserem  Hafen  und  dem  Rheingebiet  entwickelt.
  Letzteres  zeîgt  dîeselben  Merkmale,  es  bat  dieselben
Bedürfnisse  wie  unser  Land,  Seine  Wasserverbindungen  reichen
bis  ins  Zentrum  Europas,  und  die  geplanten  Verbesserungen
des  Donauweges  werden  seinen  wirtschaftlichen  Aufschwung
in  naher  Zukunft  zur  hôchsten  Bedeutung  bringen.
Die  Lage  Antwerpens  ist  die  denkbar  günstigste  für  die
Entwickelung  seines  Schiffsverkebrs;  sie  muBte  daher  einen
sehr  vorteilhaften  EinfluB  auf  die  Grundlagen  seines  Wirtschaftslebens
  ausüben,  Antwerpen  bildet  den  Mittelpunkt  des
Schiffsverkebrs  von  Nordeuropa,  weil  es  der  am  weitesten
westlich  gelegene  Hafen  dieses  Teils  des  Festlandes  ist,  Havre,
das  übrigens  nicht  mehr  zu  den  grofien  Welthâfen  gezâhlt  wird,
liegt  zwar  westlicher  als  Antwerpen,  aber  auch  wieder  zu  weif
südlich  und  abseits  der  groBen  Bahn,  auf  welcher  der  überseeische
  Verkehr  Englands  und  Deutschlands  sicb  bewegt.
        <pb n="9" />
        8

Hi«rgegen  ist  Antwerpens  Lage  in  bezug  auf  diese  StraBe  die
allergünstigste,  Zieht  man  dann  noch  die  Vorteile  in  Betracht,
die  ihm  ans  der  reichen  Menge  und  der  Verschiedenartigkeit
seiner  Waren,  wie  ans  dem  Umfange  der  Bedürfnisse  seines
Hinterlandes  erwachsen,  so  braucht  einen  die  Bedeutung  seines
Verkehrs  nicht  mehr  wunder  zu  nehmen.
Hamburg  und  Bremen  liegen  300  SeemeÜen  weiter  ôstlich,
Amsterdam  und  Rotterdam  sind  die  natürlichen  Konkurrenten
  unseres  Hafens,  doch  ist  die  hollândische  Küste
schwerer  zugânglich.
Aile  diese  Umstânde  haben  s.  Zt.  ihren  Einflufi  zugunsten
unseres  Hafens  geîtend  gemacht,  aile  haben  dazu  beigetragen,
ihn  zu  einem  der  ersten  Anlaufhâfen  der  Welt  zu  machen,
Wenn  Antwerpens  Entfernung  vom  Meer  88  km  betrâgt,
so  hat  dies  seine  Vorteile  und  seine  Nachteile,  Unter  den  Vorteilen
  erwâhnen  wir,  auBer  der  grôBeren  Sicherheit,  die  Tatsache,
  daB  die  Waren,  die  zu  lôschen  oder  zu  laden  sind,  in
einem  Falle  um  so  vie!  tiefer  landeinwârts  gebracht  und  ira
anderen  dem  Ursprungsorte  um  so  viel  nâher  eingeschifft
werden.  In  beiden  Fâllen  bedeutet  das  eine  merkliche  Ersparnis
  an  Transportkosten,  und  die  auBerordentliche  Tragweite
dieses  Vorteils  erkennt  man  erst  dann,  wenn  man  weiB,  daB
ein  Unterschied  von  einigen  Centimen  eine  groBe  Rolle  im
Schiffsverkehr  spielen  kann  und  tatsâchlich  spielt.
Die  Nachteile  unserer  Lage  schreiben  sich  in  erster  Finie
der  Beschaffenheit  des  FluBlaufes  zu.  Die  Schelde  bietet  der
Schiffahrt  bis  zu  einer  Entfernung  von  18  km  stromabwârts
Krümmungen  von  verhâltnismâBig  geringem  Radius  (700  m),
ziemlich  enge  Passe  (150  m)  und  Untiefen,  die  bei  mittlerem
Niedrigwasser  nur  8  m  unter  dem  Wasserspiegel  liegen  (12,5  m
bei  mittlerem  Hochwasser).  Diese  verschiedenen  Hindernisse
benôtigen  einerscits  eine  Verlangsamung  der  Fahrt  wie  fortwâhrendes
  Ausbaggern,  wâhrend  sie  andererseits  die  Gefahr
von  ZusammenstôBen  crhôhen- 1 )
Einige  von  diesen  Schwierigkeiten  sind  überwunden
worden,  mit  anderen  wird  dasselbe  voraussichtîich  einst  gelingen.
  Verschiedene  Projekte  sind  seit  Jahren  ausgearbeitet
0  Hamburgs  Entfernung  vom  Meer  betrâgt  120  km,  doch  ist  die  Elbe
dort  gerade  und  tief;  Rotterdam  liegt  nur  34  km  vom  Meer,  und  die  ZugangsstraBe
  ist  gut.
        <pb n="10" />
        9

und  hâtten  auch  wohl  schon  lângst  zu  einem  guten  Erîoige
geführt,  wenn  die  Politik  sich  nicht  einer  Sache  bemâchtigt
hâtte,  in  welcher  die  Fachkenntnis  des  Ingénieurs,  der  gesunde
Menschenverstand  oder  die  Wissenscliaft  des  Nationalôkonomen
allein  den  zur  Lôsung  der  Frage  einzuschlagenden  Weg  hâtten
vorschreiben  sollen,
Zu  den  natürlichen  Nachteilen  des  Scheldelauîes  gesellen
sich  andere,  die  staatsrechtlicher  Art  sind.  Die  Scheldemündung
liegt  auf  hollandischem  Gebiet.  Wenn  man  weiB,  daB  Antwerpen
  und  Rotterdam  natürliche  Konkurrenten  lür  den
Schiffsverkehr  des  Nordens  sind,  sieht  man  leicht  ein,  daB
dieser  Umstand  den  Interessen  Antwerpens  nur  ungünstig  sein
kann,  Trotz  aller  Vereinbarungen,  die  zwischen  Holland  und
Belgien  getroffen  wurden,  hat  ersteres  Land  sich  geweigert,
für  das  Legen  von  Baken  und  die  Beleuchtung  in  dem  Teile
des  Stromes,  der  sich  innerhalb  seiner  Grenzen  befindet,  auf
seine  Kosten  Sorge  zu  tragen;  Belgien  hat  dessenthalbcn  verschiedene
  Millionep  an  Unkosten  auf  sich  genommen,  die  ihm
von  rechtswegen  nicht  zufielen,  Holland  lafit  den  Lotsendienst,
  den  es  von  Vlissingen  bis  zur  See  versieht,  in  einem
Zustande,  der  modernen  Ansprüchen  nicht  genügt  (Segeî-  und
Ruderkâhne),  wohingegen  auf  dem  Nieuwe  Waterweg  ailes  auf
der  Hôhe  der  Zeit  ist.  Wir  wollen  keinen  weiteren  Nachdruck
darauf  legen.  Wâre  es  denn  auch  wohl  môglich,  im  gegenwartigen
  Augenblick  etwas  zur  Abhülfe  dieser  Übelstânde  zu
unternehmen?  Wir  wissen  es  nicht,  wir  haben  übrigens  auch
keine  Vorschlâge  zu  machen,  die  den  Rechten  des  hollandischen
Volkes  in  irgend  einer  Weise  Abbruch  tun  kônnten.  Es  sollte
jedoch  jedem  Volke  zustehen,  die  Sicherheitsbedîngungen
seiner  Handelsschiffahrt  seîbst  zu  regeln,  Wie  dem  auch  sei,
wenn  wir  es  wollen,  müssen  wir  die  Grundlagen  für  unser
Gedeihen  in  unseren  eigenen  Abwehrmitteln  suchen.

Antwerpen  und  der  europaische  Seeverkehr-Die
  vôllige  Freigebung  der  Scheldeschiffahrt  (1863)  war
das  Signal  zu  einer  so  staunenswerten  Entwickehmg  unseres
Seeverkehrs,  daB  der  Antwerpener  Hafen  in  verhâltnismaBig
kurzer  Zeit  in  die  Reihe  der  grôfiten  Welthâfen  treten  konnte.
Wahrend  die  Hafenbewegtmg  von  1830  bis  1853  sich  nur  von
        <pb n="11" />
        -  "  1  -  '  ~  '  ■

—  10  —
719  Schiffen  mit  einer  Gesamttonnage  von  120  333  t  auf
2513  Schiffe  und  609  353  t°)  erhôhte,  setzte  von  1863  ab  ein
rascher  und  regelmaBiger  Aufstieg  des  Schiffsverkehrs  ein,  der
erst  mit  dem  Ausbruch  des  gegenwartigen  Krieges  zum  AbschluB
  kam,
Tabelle  I  gibt  Einzelheiten  über  diesen  krâftigen  Aufschwung,
 3 )  Zur  Ergânzung  fügen  wir  hinzu,  daI3  der  Schiffseingang
  in  den  ersten  sechs  Monaten  von  1914  die  Ziffer  von
3515  Schiffen  und  7  055  976  t  erreicht  batte  gegen  3512  Schiffe
und  6  990  529  t  für  denselben  Zeitraum  des  Jahres  1913.  Die
Statistik  laBt  ebenfalls  die  stetige  Zunahme  des  durchschnittlichen
  Tonnengehalts  der  Schiffe  erkennen.

Tabelle  I-J

  ahr

Zabi
der
Schiffe

GesamftonnenmaS


Durchschnittl.

TonnenmaO

Jahr

Zabi
der
Schiffe

QesamttonnenmaQ


Durchschnitti.

Tonnenmaf}

1795

2

?

?

1885

4420

3.422.172

775

1800

83

5.028

68

1890

4728

4.506,277

953

1805

2424

135.742

56

1895

4710

5.322.262

1130

1810

447

?

?

1900

5414

6.720.150

1240

1820

591

48.408

82

1901

5267

7.432.126

1411

1825

800

96.240

120

1902

5718

8.425.127

1473

1830

719

120.333

169

1903

584  7

9.064.662

1541

1835

1198

152.343

127

1904

6932

9.385.267

1606

1838

1531

258.048

167

1905

6094

9.900.305

1633

1840

1158

179.291

153

1006

6495

10.884.412

1676

1845

1919

287.530

148

1907

6284

11.181  226

1779

1850

1406

239.165

168

1908

6135

11.061.644

1801

1855

1996

372.124

186

1909

6470

11.940.332

1845

1860

2547

540.444

213

1910

6770

12.654,153

1839

1863

2513

609  353

239

1911

6896

13.349.6  &amp;lt;3

19  &amp;lt;6

1870

3967

1.362.600

330

1912

6973

13  761.591

1973

1875

4249

2.146.707

503

1913

7056

14.146.819

2005

1880

4475

3.063.825

684

a )  Angekommene  Schiffe.
s )  Bis  1883  wurde  der  Raumgehalt  der  in  den  Hafen  einlaufenden
Schiffe  nach  der  „Seetonne"  (=  IV2  m 3 ),  bestimmt  durch  gesetzliche
Verfügung  vom  26.  August  1822,  berechnet;  seit  dem  27.  August  1883
wird  die  „Moorsomtonne“  {=  2,83  m 3 )  der  Berechnung  zugrunde  gelegt.
        <pb n="12" />
        11

Tabelle  II  bringt  den  Verkehr  Antwerpens  mît  demjenigen
der  anderen  groBen  Welthâfen  in  Vergleich.  Da  die  in  Belgien
übliche  Schiffsraumbemessung  von  derjenigen  anderer  Lânder
abweicht,  war  es  zur  Erzielung  grôBerer  Genauigkeit  nôtig,
von  den  für  Antwerpen  aufgegebenen  Ziffern  13  %  in  Abzug
zu  bringen.

Tabelle  IL
Tonnengehalt  in  Mill.  Reg.-Tonnen.
(Eingelaufene  Schiffe.)

H  a  f  e  n

1870

1880

1890

1900

1910

1911

1912

1913

Zunahme
1900/12

Amsterdam

0.405

1.076

1.484

1.812

2.588

2.593

2.869

1.057

Antwerpen

1.362

3.088  3.920

5.847

11.009

11.614

11.987

12.308

6.140

Bordeaux

0.514

1.012  1.091

1.059

1.596

1.659

—

—

0.600

Bremen

0.660

1.169

1.733

2.494

4.130

4.516

4.210

—

1.716

Dünkirchen

n.365

0.765

1.248

1.341

2.332

2.408

2.233

—

0.892

Genua

1.392

1.495  2.612

4.117

6.620

6.520

7.255

7.392

3.138

Hamburg

1.389

2.766  5.202

8.037

12.657

13.176

13.797

14.185

5.760

Havre

1.206

1.969  2.671

2.136

3.530

3.550

3.572

—

1.436

London

4.089

5.970  7.708

9.580  12.154

13.163

12.986

—

3.406

Liverpool

3.416

4.913  5.782

6.000  10.881

11.323

11.810

—

5.810

Marseille

1.523

2.769  3.458

4.630

9  941

9.807

9.682

10.509

5.052

Rotterdam

1.026

1.601

2.918

6.326  10.876

11.194

12.179

13.036

5.853

Triest

0.960

1.111

1.471
1

2.158

4.198

4.234

4.572

5.480

2.414

Ans  dieser  Statistik  ist  Folgendes  ersichtlich:
1.  Die  grôBte  Verkehrssteigenmg  Antwerpens  fâllt  zwischen
1900  und  1912,
2.  Die  Zunahme  ist  am  ansehnlichsten  in  dem  Dezennium
1900—1910;  in  diesem  Zeitraum  verdoppelt  sich  der  Schiffseingang,
  Wir  kônnen  bei  dieser  Gelegenbeit  gleich  darauf
hinweisen,  daB  dieser  Aufstieg  parallel  lâuft  mit  der  auBerordentlichen
  wirtschaftlichen  Entfaltung  Deutschlands,  dessen
Ausfuhr  sich  wâhrend  dieser  Zeit  von  5940  Millionen  auf
9343  Millionen  Fr,  emporschwang,  wâhrend  diejenige  Frankreichs,
  an  der  wir  übrigens  nur  in  sehr  geringem  MaBe  teiî-
        <pb n="13" />
        12

nehmen,  von  4108  Milîionen  zu  6233  Milîionen  anstieg,  Die
Zunahme  für  Belgien  (Eigenhandel) 4 )  betrug  1485  Milîionen,
3,  Der  Schifîseingang  der  drei  vornehmsten  franzôsischea
Hâfen  am  Atlantischen  Ozean  erreicht  zusammen  nur  etwas
über  die  Halfte  von  demjenigen  des  Antwerpener  Haîens.
4.  Antwerpen  nimmt  1870  die  6,  Stelle  ein,  1880  die  3-{nur
  London  und  Liverpool  stehen  ihm  voran);  1890  wird  es
von  Hamburg  überflügelt,  1900  gleichfalls  von  Rotterdam;
1910  lâBt  es  Rotterdam  und  Liverpool  hinter  sich  und  tritt
wieder  an  die  3.  Stelle;  1911  behauptet  es  dièsen  Platz,  um
sich  1912  wieder  von  Rotterdam  den  Rang  ablaufen  zu  lassen,
doch  nur  mit  einem  ÜberschuB  von  192  000  t,  Bei  dieser
Gelegenheit  muB  erwâhnt  werden,  daB  das  Jahr  1913  von  dem
allgemeinen  belgischen  Arbeiterausstand  beeinfluBt  wurde,
Andererseits  ist  Rotterdam  vornehmlich  Einîuhrhafen 5 ),  wundervoll
  für  diesen  Zweck  eingerichtet,  wahrend  Antwerpen  einem
zweigliedrigen  regen  Verkehr  die  Stirn  zu  bieten  hat.  Dies
batte  für  letzteren  Hafen  verhângnisvolle  Güteranstauungen
zur  Folge,  woraus  Rotterdam  um  so  eher  Vorteil  ziehen  konnte,
aïs  das  Mehrenteil  seiner  Einfuhr  mit  einem  sehr  betrachtlichen
  Prozentsatze  derjenigen  Antwerpens  die  Bestimmung
gemein  hat,  namlich  Deutschland.
Überdies  kam  für  Antwerpen  noch  der  besondere  Umstand
in  Betracht,  daB  die  groBe  regeîmaBige  Schiffahrt  bei  ihm
überwog;  über  115,  beinahe  aile  fremde  Linien  besuchten
seinen  Hafen  und  brachten  es  fortwâhrend  in  direkte  Verbindung
  mit  allen  Hafen  der  Welt.  Der  Vorteil,  den  es  dadurch
den  Spediteuren  bot,  und  der  Gewinn,  der  dabei  für  uns  abfiel,
rechtfertigte  in  vollem  MaBe  die  zur  Begünstigung  der  regelmaBigen
  Schiffahrt  genommenen  MaBregeln,  auf  die  wir  noch
zurückkommen  werden.
Die  foîgencle  kleine  vergleichende  Tabelle  stellt  diese
groBe  Schiffahrt  ins  Licht,  selbst  wenn  wir  mit  dem  Umstande

*)  Bie  Statistik  des  Eigenhandels  schüefit,  wie  wir  spater  sehen
werden,  einen  betrâchtlichen  Teil  der  Durchfuhr  mit  ein.
5 )  Einfuhr  1912:  20  849  974  t,  Ausîuhr  5  388  426  t.  Die  hollândische
Statistik  bietet  wenig  Klarheit;  die  Einfuhrziffer  umfaBt  für  die  verzollbaren
  Waren  die  Einfuhr  auf  dem  See-,  FluS-  und  Schienenwege,  für  die
zolifreien  Güter  nur  die  von  der  See  eingeführten.  Für  die  letztere  Gruppe
betrâgt  die  Ziffer  für  Erze,  Getreide,  Holz,  Kohles,  Metalle  allein  16  310  000  t.
        <pb n="14" />
        13

Rechnung  halten,  daB  die  Küstenschiffahrt  für  Antwerpen  von.
wenig  Bedeutung  ist. 6 )
Tabelle  III. 7 )

H  af  e  n

Durchsdmittüches  TonnenmaQ
  der  eingelaufenen
Schiffe

1903

1912

Antwerpen  ....

1578

1973

Rotterdam  ....

1016

1184

Hamburg

653

766

Analyse  des  Verkehrs,
Gehen  wir  jetzt  zur  Analyse  der  Sonderstatistik  Antwerpens
  über  und  untersuchen  wir  die  SchluBîoîgerungen,  die
sich  daraus  ziehen  lassen,  Zunâchst  wollen  wir  sie  uns  in
Hinsicht  auf  die  Staatsangehôrigkcit  der  Schiffe  anschauen.
Die  Tabellen  IV  (Seite  14)  und  Ÿ  {Seite  15)  geben  eine  Übersicht
  darüber.
Für  das  Jahr  1913  machten  die  englischen  und  deutschen
Schiffe  demnach  bezw,  43  %  und  32  %,  d.  i,  zusammen  75  %
vom  Gesamtverkehr  aus,  wohingegen  nur  6,5  %  davon  auf  die
belgischc  Flagge  entfaîlen.  Die  franzôsische  Schiffahrt  spielt
eine  untergeordnete  Roile  im  Antwerpener  Seeverkehr;  sie
wird  von  der  hollândischen  wie  von  der  norwegischen  übertroffen
  und  von  der  japanischen  nahezu  erreicht  (1900—1911
selbst  überflügelt).
Flier  ist  die  Bemerkung  am  Platz,  daB  der  tagliche  Dienst
Antwerpen—Harwich  und  zurück  die  Ziffer  der  englischen
°)  Zu  ungunsten  Antwerpens  wird  Folgendes  geltend  geraacht:  Die
Schiffe,  inshesondere  der  deutschen  Linien,  heifit  es,  laufen  Antwerpen  auf
der  Ausreise  und  Rückreise  an  und  erscheinen  infolgedessen  für  eine  Rundreise
  zweimal  in  der  Antwerpener  Statistik,  wâhrend  dies  in  derjenigen
des  Heimathaîens  nur  einmal  geschieht.  Die  Bedeutung  dieser  Tatsache
ist  stark  überschâtzt  worden.  Darüber  angestellte  Untersuchungen  ergaben
  (s,  Stubmann  in  der  Marine-Rundschau,  1912,  S.  762),  daB  diese
„ktinstliche"  VergrôBerung  der  Antwerpener  Zahlen  sich  innerhalb  eines
Jahres  hochstens  auf  300  000  t  belâuft,  eine  Somme,  die  angesichts  der
gewaltigen  jahrlichen  Eingangstonnage  von  keiner  Bedeutung  ist,
7 )  H,  Schumacher,  Antwerpen.
        <pb n="15" />
        Tabelle  IV,
In  Antwerpen  eingclaufene  Schiffe,  nach  der  Flagge  geordnet.
{In  Registertonnen),

Flagge

1880

1890

1900

1910

1911

1912

1913

Deutsch

275.856

777.606

1.584.708

3.636.820

3.860.359

4.149.157

4,510.522

Englisch

1  718.799

2.565.755

3.210,678

5.824.371

6.194.965

6.269.438

6.173.231

Belgisch

388.429

483.689

521.183

1.107.164

1.146.027

921.731

921.722

Franzôsisdi  ....

82.294

137.871

145.415

307.278

302.447

322.265

330.569

v/sterreichisch  .  .  .

3.450

3.596

64.637

137.124

132.846

132.333

100.364

Russisch

29.105

18.927

49.447

40  424

39.474

45.787

53.832

Italienisch  .....

41.056

262273

36.129

35.592

43.733

22.609

52.099

Spanisch

53.598

50.074

91.071

104.956

104.501

73.585

62.172

Portugiesisch  ....

8.906

5.181

12.707

—

—

—

—

Moliândisch  ....

38.650

30.766

191.205

209.722

240.550

294.583

345.855

Danisch

116.408

142.735

140.896

271,462

282.028

262.241

273.545

SchwedisA  ....

109.527

79.809

181.327

285.906

268.741

274,813

290.048

Norwegisch  ....

141.824

111.600

212.442

222.814

269.199

330.711

388,607

Griechisch  .....

4.591

41.359

52.722

107.808

142.631

132.411

71.770

Japanisdi

—

—

192.987

340.282

309.674

301.637

315.693

Amerikanisch  ....

46.040

17.802

2.470

—

—

200.598

238.115
        <pb n="16" />
        1

T
—  15  —

Tabelle  V-Anteil
  der  hauptsâchlichsten  Flaggen  am  Schiffseingang.
(In  Registertonnen),

Jahr

Qesamt-Sdiiffseingang


Deufsch

Englisch

Franzôsisdi

Belgisdi

1880

3.063.825

275.856

1.718.779

82.294

338.492

1885

3.422  172

336.632

2.026.847

108.471

431.454

1890

4.506.277

777.605

2.565.755

137.871

483.689

1895

5.322.262

1.046.453

3.047.406

79.280

486.444

1900

6.720.150

1.584.708

3.210,678

145.415

521.183

1901

7.432.126

2  065.293

3.621.109

123.455

500.489

1903

9.064.662

2.411.842

4.322.662

.  194.084

552.570

1904

9.385.267

2.435.916

4.591.037

2^0.141

593,865

1905

9.900.305

2.919.703

5.016.452

239,511

553  745

1906

10.884.412

2.853.778

5.433.890

286.677

566.678

1907

11.181.226

2.895.043

5.653.239

278.095

575.340

1908

11.051.644

3.134.792

5.823.090

322.593

608  471

19n9

11.940.332

3.293.775

5.651.718

327.750

983.880

1910

12.654.153

3.636.820

5.824.371

307.278

1.107.164

1911

13.349.633

3.860.359

6.194.965

302.447

1.146.027

1912

13.761.591

4.149,157

6.269.438

322.265

921.731

1913

14.146.819

4.510.522

6.173.231

320.569

921.722

Flagge  um  ungefâhr  0,520  Mill,  t  beeinfluGt,  Für  die  deutschen
Schiffe  kommt  kein  âhnlicher  Dienst  auf  Antwerpen  in  Betracht;
  sie  bleiben  daher  in  Wirklichkeit  nur  um  etwa  I  Mill,  t
gegen  die  englischen  zurück  und  erreichen  80%  vom  Schiffsraum
  der  letzteren,  wahrend  dieser  Prozentsatz  1880  nur  16
betrug,
Wâren  wir  endlich  in  der  Lage,  eine  âhnliche  Statistik  wie
für  die  Eisenbahnen  aufzustellen,  worin  für  jede  Flagge  die
zurückgelegte  Meilenzahl  und  das  Gewicht  der  versandten
Güter,  oder  in  anderen  Worten,  ihr  Verkehrsumfang  in  Meilentonnen
  erschiene,  so  würde  sich  daraus  zweifellos  der  Vorrang
der  deutschen  Flagge  ergeben,  denn  sie  wird  vornehmlich  von
denjenigen  Linien  geführt,  die  Dienste  nach  den  fernsten  Be~
stimmungen  unterhalten,
Beachtung  verdient  auch,  daB  der  deutsche  Schiffsraum
um  das  Dreizehnfache,  der  englische  jedoch  nur  um  das  Dreieinhalbfache

  gestiegen  ist,  Letzterer  weist  1913  selbst  eine
Verringerung  von  100  000  t  gegen  1912  auf.
        <pb n="17" />
        E  —  .  -----  -—-----—

  16  —
Es  ware  von  Interesse  gewesen  festzustellen,  ob  dieser
Rückgang  eine  zufâllige  Erscheinung  war,  oder  ob  er  lestes
Geprâge  anzunehmen  im  Begriffe  stand,  Bereits  im  April
1910  konnten  wir  in  ,,La  Neptune"  von  Antwerpen  diesbezüglich
  lesen:
,,îch  stelle  als  Grundsatz  auf,  dafi  die  deutschen  Reedereien,  die  mit
jedem  Tage  an  Macht  gewinnen,  die  Englânder  liber  kurz  oder  lang  veranlassen
  werden,  sich  von  gewissen  Verkehrsunternehmungen  ab  Antwerpen ­
  zuriickzuziehen.
Die  Deutschen,  die  im  Stillen  arbeiten  und  sich  auf  aufierst  krâftige
Organismen  stützen,  haben  diese  letzten  Jahre  einen  Weg  zurückgelegt,
der  mich  zu  der  Prophezeiung  berechtigt,  daS  die  englischen  Reeder  an
dem  Tage,  wo  die  Deutschen  den  Augenblick  für  einen  Kampf  auîs
âufierste  als  günstig  erachten,  ihnen  zunâchst  für  eine  bestimmte  und
dann  für  andere  Verkehrsunternehmungen  die  Stirn  nicht  bieten  kônnen,
sondern  das  Feld  râumen  werden.
Die  Deutschen  haben  ihre  Meisterschaft  in  betreff  wirtschaftlicher
Kâmpfe  bewiesen.
Zur  finanziellen  Kraft,  die  sie  aus  den  gewaltigen  Kapitalien  ihrer
Aktiengesellschaften  schôpfen,  gesellt  sich  bei  ihnen  ein  Sinn  für  Méthode
und  eine  Ausdauer,  woran  sich  jeder  Widerstand  bricht.
Am  heutigen  Tage  bereits  wissen  aile  Fachleute  in  Antwerpen  eine
ganze  Anzahl  englischcr  Reeder  aufzuzâhlen,  die  seit  langem  auf  Antwerpen ­
  fahren,  doch  die  gestehen,  daC  sie  unseres  Hafens  überdrüssig  sind
auf  Grund  des  anhaltenden  endlosen  Wettbewerbs,  dem  sie  ausgesetzt  sind.
In  allen  Schiffahrtssyndikaten,  die  zu  Antwerpen  in  Beziehung  stehen,
geben  die  Deutschen  den  Ton  an.  Die  Englânder  kommen  hintennach;  sie
verlieren  an  Boden,  und  es  sind  die  Deutschen,  die  ihnen  diesen  abnehmen.
Im  allgemeinen  überlassen  die  groCen  englischen  Reedereien  die
deutschen  Hafen  den  Deutschen,  wogegen  diese  ihrerseits  mit  den  Englândern
  in  deren  eigenem  Lande  nicht  in  Wettbewerb  treten,
Wenn  wir  gelten  lassen,  daB  die  Deutschen  in  der  regelmâlligen
Schiffahrt  ab  Antwerpen  die  stârkeren  sind,  und  zwar  aus  mancherlei
Gründen;  wenn  wir  weiterhin  anerkennen,  daB  die  Englânder  Antwerpen
mehr  und  mehr  den  Rücken  kehren,  ist  die  Ansicht  nicht  mehr  als  eine
kühne  zu  betrachten,  dafi  die  Deutschen  eines  Tages  (vielleicht  in  nâchster
Zukunît)  von  den  Englândern  einen  vollstândigen  Rückzug  hinsîchtlich
gewisser  Verkehrsunternehmungen  ab  Antwerpen  erlangen  werden,
So  wie  die  Sache  heutzutage  steht,  wâren  nicht  viele  gegenseitige
Zugestândnisse  nôtig,  um  dahin  zu  geraten,  denn  der  Englânder  würde  viel
lieber  vom  Antwerpener  Hafen,  wo  er  seit  einigen  Jahren  mehr  Verluste
aïs  Gewinne  zu  buchen  hat,  absehen,  als  sich  einem  Kampfe  mit  dem
Deutschen  bloCstellen,  der  gegebenen  Falles  imstande  ist,  dem  Englânder
gewisse  Geschâfte,  selbst  im  Ausgang  von  englischen  Hâfen,  zu  verderben,"
Es  sei  auch  auf  die  Tatsache  hingewiesen,  daB  Deutschland
  uns  in  stetig  wachsendem  MaBe  die  Bunkerkohle  liefert,
für  die  wir  aufs  Ausland  angewiesen  sind.  Das  erklârt  die
Abnahme  der  englischen  Tonnenzahl  einigermaBen,  Doch
bleibt  die  Tatsache  des  Rückganges  nichtsdestoweniger  be-
        <pb n="18" />
        17

2

stehen  und  sollte  d  i  e  Leute  zum  Nachdenken  anspornen,  die
aus  Unverstand  oder  blindera  HaB  unsere  ganze  Schiffahrtswirtschaft
  über  den  Haufen  werfen  wollen.
Wenn  wir  nun  mit  Rücksicht  auf  Herkunft  und  Bestimmung
der  Schiffe  (Tabellen  VI  und  VII) 8 )  nâher  auf  die  Statistik
eingehen,  müssen  wir  in  erster  Linie  auf  die  ansehnliche  Zabi
Schiffe  weisen,  die  auf  Ballast  nach  England  ausgefahren  sind;
diese  Zabi  macht  50 x /2  %  von  der  Gesamtziffer  der  nach  dorthin
  ausgelauîenen  Schiffe  aus,  wâhrend  der  entsprechende
Prozentsatz  îür  Deutschland  nur  6  ist.
Diese  ohne  Ladung  nach  England  ausgelaufenen  Schiffe
sind  die  „Tramps“  oder  Wanderschiffe,  die  dort  Kohlen  einnehmen,
  nachdem  sie  hier  Getreide  oder  Rohstoffe  für  die
Industrie  gelôscht  haben.  Die  Mehrzahl  dieser  Schiffe  fâhrt
unter  englischer  Flagge,

Tab  elle  VI.
Eingelaufene  Schiffe,  nach  Herkunftslandern  geordnet.
1913,

Herkunftsland

i  Zabi  der
Schiffe

Tonnage

England

2.605

2.991  375

Norwegen

174

260.502

Schweden

175

139.369

Danemark

61

59.255

Deutschland

1.135

3.0S8.631

Frankreich

207

282.928

Holland

195

478  350

Die  deutsche  Flagge  dagegen  vertritt  vornehmlich  die
groBe,  regelmâBige  und  schnelle  Linienschiffahrt,  um  die
Rotterdam  uns  so  sehr  beneidet,  Das  durchschnittliche  TonnenmaB
  der  deutschen  und  englischen  Schiffe  —  1913  betrug  es
2700  t  bezw.  1940  t  —  lâBt  diesen  Unterschied  noch  mehr
hervortreten,  ebenso  wie  der  Umstand,  daB  die  besten  Anlegeplatze
  an  den  Scheldekaien  den  deutschen  Linien  vorbehalten
waren.  Die  vom  Kaiserîich  Deutschen  Konsulat  in  Antwerpen

8 )  Mit  EinschluB  des  Dienstes  Antwerpen—Harwich,  der  dort  mit
ungefâhr  300  Schiffen  und  520  000  t  erscheint.
        <pb n="19" />
        18

1913  für  die  deutsche  Flagge  aufgegebenen  Ziffern  sprechen
übrigens  gleichfalls  dafür,  Wir  lassen  sie  hier  îolgen: 5 )
Netto-Reg.-t
Eingelaufen;  1745  Schiffe  von  zusammen  3  863  463 10 )
f  24  Segelschiffe  „  „  51043  und
darunter  |  36  Seeleichter  „  „  16  619,
Die  1745  Schiffe  gehorten  89  verschiedenen  Reedereien;  der  Anteil

der  hauptsâchlichsten  davon

ist  folgender:

Netto-Reg,-t

Norddeutscher  Lloyd  .  .  .

von

zusammen  943  691

Hamburg—Amerika-Linie

.  ...  226

fl

n

„  658  558

Hansa-Linie

.  ...  129

11

n

„  419  449

Deutsch-Australische  D.-G,

.  ...  111

11

n

„  350  526

Roland-Linie  ......

.  .  .  ,  62

11

n

„  204  007

Deutsch-Ostafrika-Linie  .  .

.  .  ,  .  44

11

n

„  167  939

Hamburg—Südamerikan,  D.-G

.  .  .  .  49

11

n

„  140  053

Deutsche  Levante-Linie  .  .

.  .  .  .  72

11

ii

„  125  025

D.-G,  ,,Neptun‘‘

.  ...  193

11

n

„  118  739

Kosmos-Linie

.  .  .  .  26

11

a

„  90  168

Oldenburg-Portugies.  D,  R.  .

.  .  .  .  63

11

n

„  63  840

Woermann-Linie

.  .  .  .  18

11

a

„  57  010

Es  ist  behauptet  worden,  dafi  die  deutschen  Schiffe  in
Antwerpen  vornehmlich  die  Ausfuhrprodukte  ihrer  eigeneh
Landesindustrie,  die  als  Transitgut  durch  Belgien  kommen,
geladen  und  somit  unserem  Lande  nur  wenig  Nutzen  gebracht
haben,  Das  trifft  ganz  und  gar  nicht  zu;  die  Zeit,  da  der
Handel  der  Flagge  folgte,  ist  lângst  vorüber,  „Im  Verkehr  mit
einem  besonders  wichtigen  Gebiet,"  schreibt  Prof.  Schumacher ­
 11 ),  „für  das  Antwerpen  mehr  Ladung  bietet  als  Hamburg
  und  Bremen  zusammen,  haben  sie  [d,  i,  die  deutschen
Dampfer]  in  den  vier  Jahren  1910—1913,  wie  ich  genau  feststellen
  konnte,  20  %  mehr  Frachttons  aus  Belgien  als  aus
Deutschland  in  Antwerpen  eingenommen,"  obgleich  der
Transitverkehr  im  Ausgang  über  Antwerpen,  wie  wir  spater
sehen  werden,  mindestens  die  Hâlfte  vom  Gesamtverkehr
betragt.

s )  Weltwirtschaftliches  Archiv,  Bd.  V,  II,  S,  281.
t0 )  Der  Schiffsraum  ist  nach  deutscher  Weise  berechnet.
J1 )  H,  Schumacher,  Antwerpen,  S,  120  f.
        <pb n="20" />
        19

2*

Tabelle  VIL
Ausgelaufene  Schiffe,  nach  Bestimmungslândern  geordnet,
1913.

Bestimmungsland


Qeladen

Auf  Ballast

Insgesamt

Zahl
der
Schiffe

Tonnage

Zahl
der
Schiffe

Tonnage

Zahl
der
Schiffe

Tonnage

England

2.178

2.218.961

1.163

2.358.021

3.341

4.576.982

Norwegen

134

113.743

40

117.455

174

231.198

Schweden

121

80.520

5

5.491

126

86.011

Danemark

61

39.369

1

1.312

62

40.681

Deutschland

569

1.213.775

50

80.147

619

1.292.922

Frankreich

214

194.923

33

54.679

247

249.602

Holland

81

122.826

71

-  97.476

152

220.302

Die  regelmaBigen  Linien,  deren  Dampfer  zu  festgesetzten,
lange  zum  voraus  bestimmten  Zeitpunkten  auslaufen,  bieten
dem  Befrachter  zahlreiche  Vorteile,  die  in  den  allermeisten
Fallen  gegen  die  zuweilen  etwas  hôheren  Tarife  auîwiegen.
Der  Fabrikant  z.  B,,  der  in  der  Regel  seine  Bezahlung  erst
gegen  Übergabe  des  Einschiffungsbeweises  empfângt,  kann
seine  Herstellung  und  den  Versand  seiner  Erzeugnisse  in
solchcr  Weise  regeln,  daB  er  dem  Schiffe  seine  Waren  im  gewünschten
  Augenblick,  den  er  zum  voraus  kennt,  übergibt;
bîeiben  dagegen  seine  Güter  auî  dem  Kai  oder  in  den  Speichern
licgen,  so  verliert  er  Zinsen,  und  die  Lagerungs-  und  Aufsichtsspesen,
  der  Zuschlag  für  Zeitversaumnis  der  Eisenbahnwagen
usw,  erhôhen  seinen  Kostenpreis,  wodurch  bald  seinem  Gewinn,
  bald  seiner  Absatzgelegenhiet  Abbruch  geschieht,  Dasselbe
  gilt  für  den  Spediteur,  der  die  Verschiffung  für  den
Lieîeranten  zu  einem  bedungenen  Preise  besorgt;  falls  er  sich
nicht  auf  einen  mehr  oder  weniger  bestimmten  Einschiffungszeitpunkt
  verlassen  kann,  sichert  er  sich  gegen  ailes  Risiko
durch  Erhohung  seiner  Raten,  was  natürlich  wieder  den  Preis
des  Fabrikanten  beeinfluBt,
Bei  den  vorstehenden  Ausführungen  über  die  Bedeutung
der  deutschen  und  englischen  Flagge  für  unseren  Hafenverkehr
  tritt  zugleich  auch  die  untergeordnete  Rolle,  die  unsere
        <pb n="21" />
        20

nationale  Schiffahrt  darin  spielt,  deutlich  zutage,  Wâhrencf.
sie  1885  mit  431  454  t  oder  11  %  vom  Gesamtverkehr  noch  den
zweiten  Rang  einnahm,  wird  sie  1890  durch  die  deutsche  Schifffahrt,
  die  mit  einem  Sprunge  das  Doppelte  erreicht,  auf  die
dritte  Steîle  zurückgedrângt,  Diesen  Piatz  hat  sie  seitdem
zwar  behauptet,  dock  ist  ihr  prozentuaier  Anteil  am  Hafenverkehr
  fortwâhrend  herabgesunken:
1880  1890  1900  1910  1912  1913
12%  10%  7,8%  8,8%  6,6%  6,5%
In  28  Jahren,  von  1885  bis  1913,  hat  sie  sich  nur  etwas
mehr  aïs  verdoppelt,  was  sehr  wenig  ist  im  Vergleich  mit  dem
Aufschwung,  den  die  Schiffahrt  in  anderen  Landern  genommea
hat;  selbst  die  franzôsische  Ziffer  hat  sich  in  dem  Zeitraum
vervierfacht.
Die  nachstehende  Statistik  (Tabelle  VIII) 12 ),  die  über  die
Tabelle  VIII.
Belgische  Handelsflotte,
Ausgelauîene  Schiffe,  nach  Bestimmungslândern  geordnet.

Besfimmungsland

Zahl  der
Schiffe

Tonnage

England

192

171.270

Deutschland  ........

13

12.424

Frankreich

23

18.775

Spanien  (Atlant.  Ozean)  ....

19

13.926

„  (Mittelmeer)

17

20.456

Italien

52

65.350

Türkei  .  .  .  •

9

17.455

RuQland  (Schwarze  See)  ....

12

25.158

Egypten

21

38.669

Belgischer  Kongo

18

83.942

Vereinigte  Staaten  von  Amerika  .

30

271.071

Brasilien

27

64.608

Uruguay  und  Argentinien.  .  .  .

23

59.575

Bestimmungslânder  der  ausgelaufenen  belgischen  Schiffe  für
1913  Auskunft  gibt,  lâBt  erkennen,  dalî  diese  vornehmlich  dem
Nahverkehr  dienten;  sie  liefen  die  Küsten  Englands,  Deutschlands,
  Frankreichs  und  Spaniens  an,  Ein  geringfügiger  Verkehr

12 )  Auszug  aus  der  amtlichen  Statistik  des  Antwerpener  Hafens,
        <pb n="22" />
        21

mit  Mitteîmeerhâîen  sowie  vereinzelte  überseeische  Bestimmungen
  vervollstândigen  das  Bild;  îür  allés  andere  sind  wir
ganz  und  gar  vom  Ausîande  abhângig.
Die  einheimische  Handelsflotte.
Der  verhâîtnismaBig  unbedeutende  Anteil  unserer  nationalen
  Schiffahrt  am  Antwerpener  Seeverkehr  ist  natürlich  der
geringen  Entwîckeîung  der  belgischen  Handelsflotte  zuzuschreiben.
  Tabelle  IX  zeigt,  daB  diese  wâhrend  der  letzten
Jahre  in  keiner  Weise  mit  dem  Aufschwunge  unseres  Schiffsverkehrs
  Schritt  gehaiten  hat.  Der  Anwuchs  von  1913  gegen
1912  erklârt  sich  u.  a,  durch  die  geschâftliche  Ausbreitung  der
Antwerpsche  Zeevaart  Maatschappij,  die  an  der  Trampîahrt
teilnimmt  (7  Dampîer  mit  zusammen  13526  t),  sowie  durch  die
Naturalisierung  von  2  Schiffen  der  Red  Star  Line  (12  910  t),
Tabelle  IX.
Die  belgische  Handelsflotte  am  31,  Dezember, 13  14 )

Jahr

Zahl  der
Schiffe

Netto-Sdiiffsraum

1860

116

33.111

1870

67

30.149

1880

66

75.666

1890

56

75.946

1900

73

113.259

1910

104

191.132

1911

101

166  420

1912

105

181.637

1913

125

236.903' 4 )

Von  der  Gesamtzahl  von  125  Fahrzeugen  sind  71  oder
60  %  ehemalige  fremde  Schiffe,  die  naturalisiert  wurden,  Nur
14  von  den  125  wurden  in  Belgien  gebaut;  es  befindet  sich  ein
einziges  groBes  Schiff  von  5020  t  darunter,  die  ,,Albertville"
der  ..Compagnie  Belge  Maritime  du  Congo".  Man  sieht  es,
ein  innîges  Zusammeawirken  von  Industrie  und  Reederei  gibt
es  bei  uns  nicht.

13 )  Nach  der  amtlichen  belgischen  Statistik.
14 )  Nach  dem  Lloyd  Anversois,
        <pb n="23" />
        22

Abgesehen  von  drei  Dampfern  der  Red  Star  Line,  weniger
bekannt  unter  ihrer  belgischen  Bezeichnung  „Société  Anonyme
de  Navigation  Belge-Américaine"  15  * ]  und  den  drei  Schiffen  der
(.Compagnie  Belge  Maritime  du  Congo",  die  schône  Post-  und
Passagierdampfer  sind,  besitzt  unsere  Handelsflotte  nur  gewôhnliche
  Frachtschiffe,  meistenteils  ziemlich  ait  und  von
geringem  durchschnittlichem  Tonnengehalt.
Tabelle  X.
1914.

Land

Einwohnerzahl ­


Anzahl
Dampfer 10 )

Brutto-Sdiiffsraum
  lu )

Netto-Schiffsraum
 10 )

Belgien 17 )  .  .

7.501.000

173

341.025

218.800

Danemark  .  .

2.757.000

576

770.430

454.262

Norwegen  .  .

2.391.000

1.656

1.957.353

1.173.036

Holland  .  .  .

5.945.000

709

1.471.710

910.123

Portugal  .

5.960.000

107

9^.429

55  449

Schweden  .  .

5.561  000

1.088

1.015.364

591.382

Tabelle  X  stellt  einen  Vergleich  -  auf  zwischen  unserer
Handelsflotte  und  derjenigen  einiget  anderer  Lânder,  die
Belgien  an  Einwohnerzahl  nachstehen.

*
*  *
Die  vornehmste  Ursache  der  schwachen  Stellung  unserer
Handelsflotte  ist  diese:  Vermdge  seiner  Lage  am  grofien  Schifffahrtswege
  von  Nordwest-Europa  bietet  Antwerpen  Deutschland
  und  England  aile  Bequemlichkeiten  für  das  Lôschen  und
Laden  von  Waren,  und  da  dieser  Vorteil  rege  ausgenützt  wird,
kann  es  seinen  eigenen  Bedarf  an  Schiffsraum  grôBtenteils
durch  Benützung  der  Schiffe  dieser  Lânder  befriedigen,  Andererseits
  war  der  ZufluB  von  Gütern  aller  Art  ein  so  reichlicher,
daB  unser  Hafen  notwendigerweise  zum  Brennpunkt  eines
starken  Wettbewerbs  zwischen  den  verschiedenen  Linien
werden  muBte.  Unter  seinem  Einflusse  wurden  dann  die  Tarife
auf  die  Dauer  so  stark  heruntergedrückt,  daB  die  Reedereien
15 )  Tatsâchlich  einem  auslândischen  Unternehmen  angehôrig,  das  sîe
nur  aus  Gründen  besonderer  Art  unter  belgischer  Flagge  fahren  Iâ6t.
10 )  Nach  Lloyd's  Register,  1914.
17 1  Umfafit  aile  belgischen  Dampfer  von  mehr  als  100  t  Raumgehalt,
        <pb n="24" />
        23

sich  gezwungen  sahen,  MaBregeln  dagegen  zu  ergreifen,  So
entstanden  die  Schiffahrtssyndikate,  deren  Streben  sich  darauf
richtete,  die  Tarife  auf  einer  Grundlage  zu  erhalten,  die  îür
einen  Gewinn  Raum  lieB,
Unter  diesen  Umstânden  glaubten  Antwerpener  Schiffsmakler
  und  Spediteure,  die  am  Seetransport  interessierten
belgischen  Exporteure  für  die  Sache  der  einheimîschen  Schifffahrt
  gewinnen  und  ihrem  Aufkommen  mit  Aussicht  auf  Erfolg
in  die  Hand  arbeiten  zu  kônnen,  Nach  ihrer  Behauptung
würde  die  Gründung  belgischer  Reedereien  die  Befrachtung
von  Dampfern  gestatten,  die  auBerhalb  des  Bereiches  der
Syndikate  stânden,  und  aus  diesem  Grunde  sich  dadurch  Transporte ­
  verschaffen  kônnten,  daB  sîe  den  Verfrachtern  günstigere
Tarife  anbôten,  wâhrend  das  Unternehmen  zu  gleicher  Zeit
einen  hinreichenden  Gewinn  abzuwerfen  vermôchte.  Mit  drei
Ausnahmen  danken  die  belgischen  Reedereien  samt  und
sonders  diesen  Umstânden  ihren  Ursprung,  Es  ist  nicht  der
eîgentliche  Betrieb  der  Reederei-Industrie,  wie  wir  ihn  in
Deutschland  und  England  fînden,  worauf  sie  es  abgesehen
N hatten.  Die  Gründer  verfolgten  in  ihrer  Eigenschaft  als
Spediteure  zunâchst  den  Zweck,  aus  der  Vermittlerrolle,  die
ihnen  gesichert  war,  Gewinn  zu  erzielen  und  dann  den  Syndikaten,
  deren  Interessen  denen  der  Verlader  widerstritten,
Konkurrenz  zu  machen.  Der  Umstand,  daB  dieselbe  Person
zu  gleicher  Zeit  zwei  Interessen  vertrat,  muBte  notwendigerweise
  zur  Bevorzugung  desjenigen  Interesses  führen,  das  den
grôBeren  Gewinn  abwarf, 18 )  Auf  dieser  Grundlage  konnten
die  Reedereien  nicht  gedeihen;  die  Ratenkâmpfe,  denen  sie
von  Seiten  der  Schiffahrtsverbande  und  der  auslândischen
Linien  ausgesetzt  waren,  brachten  ihnen  gewaltige  Verluste,
wâhrend  die  Agenten  oder  Spediteure,  die  sie  leiteten,  bedeutende
  Gewinne  einheimsten.  Die  industriellen  Kapitalisten
waren  selbstverstândlich  nicht  sehr  von  dieser  Sachlage  eingenommen,
  und  das  um  so  weniger,  als  der  stetig  wachsende
Wettbewerb  zwischen  den  auslândischen,  dem  Verbande  nicht
angeschlossenen  Linien  und  denen,  die  es  waren,  ihnen  dieselben
  Vorteile  gebracht  hâtte,  ohne  irgend  welches  Risiko

18 )  Siehe  den  Bericht,  vorgelegt  von  E.  Bech,  Vizeprâsident  der  Ligue
Maritime  Belge  auf  dem  Nationalen  Schifîarhtskongrelî  von  Brüssel  1910.
        <pb n="25" />
        24

ihrerseits;  darum  ist  beîgisches  Kapital  für  Schiffahrtsunternehmungen
  dieser  Art  auch  nicht  mehr  zu  finden,  Wir  werden
spâter  sehen,  wie  die  Regierung  sich  ins  Zeug  legen  muBte,
nm  ihren  Untergang  zu  verhüten,  Um  ihre  Flotte  zu  bilden,
kauîten  diese  Reeder-Spediteure  im  Auslande  alte  Dampîer
zusammen  und  gaben  ihnen  unterschiedslos  berühmte  Namen
aus  der  belgischen  Geschichte,  um  die  Aufmerksamkeit  auf
den  nationalen  Charakter  des  Unternehmens  zu  lenken  und
dem  patriotischen  Geiste  einen  Sporn  zu  geben,  der  durch  die
Ausbreitungspolitik  Leopolds  IL  geweckt  wurde.  Dieser  Kônig
und  sein  Nachfolger  Albert  haben  viel  für  die  belgische  Reederei
getan;  sie  UeBen  keine  Gelegenheit  vorbeîgehen,  um  der  Schifffahrtsausbreitung
  Belgiens  das  Wort  zu  reden.  Viel  Beachtung
fand  eine  Rede,  die  Léopold  IL  am  15.  November  1898  zu  Antwerpen
  hielt,  und  die  mit  den  Worten  schloB:  „Wir  waren  die
ersten  auf  dem  Festlande,  die  Eisenbahnen  bauten;  wir  müssen
auch  imstande  sein,  sie  durch  Schiffahrtslinien  zu  verlângern."
Diese  Worte  gaben  den  AnstoB  zu  einer  Propaganda,  die  mit
der  Gründung  der  „Ligue  Maritime  Belge"  und  verschiedener
Monats-  und  Tageblâtter  auf  den  Plan  trat,  Auf  Antrieb  des
Kônigs  setzte  die  Regierung  verschiedene  Gésetze  zur  Fôrderung
  der  belgischen  Schiffahrtsunternehmungen  durch,  Wir
werden  in  einem  spâteren  Kapitel  auf  sie  zurückkommen.
Selbst  unter  der  Voraussetzung,  daB  der  Betrieb  unserer
Reedereien  auf  fester,  Grundlage  beruht  hâtte  —-  was  nicht  der
Fall  war  —,  wâre  es  zu  spât  gewesen,  um  sie  zu  bedeutender
Entfaltung  zu  bringen.  1863,  als  der  Aufschwung  unseres
Flafens  seinen  Anfang  nahm,  wâre  die  Zeit  dazu  gewesen,
damais,  als  die  fremden  Reedereien  noch  nicht  so  feste  Wurzel
in  unserem  wirtschaftlichen  Leben  gefaBt  hatten,  Tatsâchlich
entsprach  der  Erfolg  der  Unternehmungen  auch  keineswegs
den  auf  sie  gesetzten  Hoffnungen;  bis  zum  Jahre  1912  hat
keine  einzige  dieser  Reedereien  Dividenden  ausgekehrt,  und
wenn  einige  es  1913  taten,  so  konnte  dies  nur  auf  Kosten  der
Abschreibungen  geschehen,  die  im  Hinblick  auf  den  Zustand
des  Schiffahrtsmaterîals  mehr  als  unzureichend  waren.
Es  gibt  noch  andere  Faktoren,  die  der  Entfaltung  der
Antwerpener  Eigenschiffahrt  entgegenwirkten;  ein  nâheres
Eingehen  auf  sie  würde  uns  zu  weit  führen,  Nur  auf  einen
wolîen  wir  noch  weisen,  Unser  Ausfuhrhandel  ist,  weil  er
        <pb n="26" />
        25

grôBtenteils  in  den  Hânden  von  Fremden  îiegt,  im  allgemeinen
vollstândig  auBer  Lage,  beigische  Reedereicn  durch  Versorgung
mit  Frachten  zu  unterstützen,  Seine  Lieferungen  geschehen
in  der  Regel  f.  o,  b-  {=  free  on  board),  das  heiBt,  bis  ans  Schiff;
der  Ladekontrakt  wird  entweder  vom  Kâufer  oder  vom  îremden
Kommissionâr  abgeschlossen,  und  diesen  steht  die  Wahl  der
Finie  zu.
In  einem  spâteren  Abschnitt  werden  wir  sehen,  daB
Belgiens  Handel  und  Industrie,  falls  die  auf  der  Pariser  Konferenz
  gefaBten  Beschlüsse  zur  Ausführung  geîangten,  sich  mit
der  nationalen  Handeîsflotte  begnügen  müBten,  Da  diese  aber
tatsâchlich  ganz  pnbedeutend  ist,  tâte  eine  Vermehrung  derselben
  in  betrâchtlichem  MaBstabe  not,  wenn  sie  den  Bedürfnissen
  der  belgischen  Wirtschaft  auch  nur  annâhernd  genügen
sollte,
Im  Hinblick  auf  das  môgliche  Eintreten  dieses  unverhofften
Bedürfnisses  einer  belgischen  Flotte  nützte  die  Regierung  den
günstigen  Augenblick  aus,  um  ihre  aîte  Politik  der  belgischen
Schiffahrtsausbreitung  in  die  Praxis  umzusetzen,  indem  sie
sich  mit  einer  kleinêh  Gruppe  beîgischer  Reeder,  die  im  Auslande
  bedeutende  Kriegsgewinne  zu  erzielen  in  der  Lage  waren,
ins  Einvernehmen  setzte.  Als  Ergebnis  trat  eine  Schifffahrtsgesellschaft
  „Lioyd  Royal  Belge"  am  26.  Juni  1916  in
De  Panne  ins  Leben  und  erhielt  daselbst  am  16,  Juli  1916  die
kônigliche  Bestâtigung.
Die  Gesellschaft,  deren  Sitz  Antwerpen  werden  solî,  verîügt
  über  ein  restlos  eingezahltes  Kapital  von  50  Millionen  Fr,
und  ist  zur  Ausgabe  von  vierprozentigen  Obligationen  bis  zu
einer  Hôhe  von  100  Millionen  Fr,  ermachtigt,  25%  dieser
Obligationen  wurden  ausgegeben  und  von  den  (englischen)
Gîâubigern  des  belgischen  Staates  gezeichnet  (Indépendance
belge  vom  26,  August  1916);  die  übrigbleibenden  75%  sollen
in  letzter  Hand  vom  Staat  übernommen  werden  zur  Konversion
eines  Darlehens  von  75  Millionen  Fr,,  das  der  Gesellschaft
behufs  Schiffsankauf  gewâhrt  wurde,  Das  Darlehen  ist  hypothekarisch
  auf  das  Schiffahrtsmaterial  der  Gesellschaft  gesichert.
  Fur  den  Faîl  einer  Vermehrung  des  Gesellschaftskapitals
  behalt  sich  der  Staat  das  Redit  vor,  die  Hâlîte  davon
zu  zeichnen,  stellt  aber  andererseits  die  Forderung,  daB  das
Kapital,  wenn  die  Ausgabe  neuer  Obligationen  sich  aïs
        <pb n="27" />
        ■  ■'  1

—  26  —
wünschenswert  herausstelle,  um  eine  Summe  erhôht  werden
müsse,  die  der  Halfte  des  Betrages  der  auszugebenden
Obligationen  gleichkommt.
Es  handelt  sich  also  um  ein  Unternehmen  groBen  Stils,
Um  so  mehr  fâllt  daher  die  geringe  Anzahl  der  Interessenten
auî;  denn  von  den  sieben  Gründern,  die  das  Gesetz  erheischt,
haben  drei  48,5  Mill,  Fr.,  also  97  %  des  Kapitals,  gezeichnet
und  eingezahlt.
Sobald  die  Sache  bekannt  wurde,  erhoben  sich  laute  Proteste ­
  aus  den  im  Ausland  weilenden  beîgischen  Kreisen,  die
am  Schiffahrtswesen  unseres  Landes  interessiert  sind;  in  erster
Lime  nahmen  die  ,.Union  des  Armateurs  Belges" 19 )  und  der
„Cercle  des  Expéditeurs,  Exportateurs  et  Importateurs
dAnvers" 20 )  denKampf  gegen  dieRegierung  auf,  „Le  Neptune"
und  „L'Indépendance  Belge",  die  beide  in  London  erscheinen,
machten  sich  zu  ihren  Sprachrohren;  die  Minister  Segers  und
van  de  Vyvere  nahmen  selbst  die  Verteidigung  ihrer  MaBnahmen
  in  dem  Blatte  „XX e  Siècle" 21 )  in  die  Hand,  Von  diesem
Zwist  und  der  Polemik,  die  er  im  Gefolge  hatte,  wolîen  wir
nur  die  folgenden  Punkte  erwahnen:
a)  Da  die  Reeder  ihr  Bedauern  darüber  ausgedrückt  hatten,
daB  die  Regierung  es  nicht  für  nôtig  gehalten  habe,  die  Kreise
zu  Rate  zu  ziehen,  die  auf  Grund  ihrer  fachmânnischen  Kenntnisse
  irnstande  seien,  die  beste  Losung  des  Frachtenproblems
nach  dem  Kriege  ins  Auge  zu  fassen,  antwortete  die  Regierung,
daB  sie  „eine  andere  Auffassung  von  ihrer  Wtirde  und  ihren
Rechten"  habe  und  daB  „sie  nicht  gewiîlt  sei,  sich  nach  der
Art  Minderjâhriger  der  Bevormundung  einer  interessierten
Genossenschaft  zu  unterstellen,  und  daB  sie  nicht  wünschte,
ihre  MaBnahmen  von  der  Bestâtigung  einer  Gruppe  abhangig
zu  machen". 22 )

19 )  Versammlung  vom  11.  Juli  1916,  woran  aile  Mitglieder,  mit  Ausschlufi
  der  Interessenten  natürlich  und  der  Red  Star  Line,  teilnahmen.
(Le  Neptune,  15.  Juli  1916.)
M )  Versammlung  vom  10.  August  1916,  (La  Métropole,  23,  Aug.  1916.)
21 )  Nummern  vom  22.  Juli  1916  und  folgenden  Tagen.
a2 J  Der  geschâtzte  Nationalôkonom  Herr  Charles  Le  Jeune  (Seeversicherer
  in  Antwerpen),  Vorsitzender  des  Comité  Maritime  International,
hat  in  der  Indépendance  Belge  eine  Kritik  des  Lloyd  Royal  Belge  verôffentlicht,
  die  wir  in  ihren  Hauptzügen  im  IV.  Abschnitt  wiedergeben,  und
die  wir  unsern  Lesern  ganz  besonders  zur  Durchsicht  empfehlen.
        <pb n="28" />
        27

b)  Die  indépendance  Belge 11  schreibt;  „Wir  kritisieren
den  ,,L.  R,  B,“,  dessen  Gründung  der  Schiffahrts-  und  der
Finanzminister  als  ein  géniales  Unternehmen  von  groBer  Notwendigkeit
  betrachten,  weil  wir  ihn  als  eine  Bürde  für  unsere
ôffentlichen  Finanzen  ansehen,  deren  Nôtwendigkeit  oder
Rechtfertigung  wir  nicht  anerkennen  kônnen,"
Sie  sagt  weiter:
„Warum  setzt  die  Regierung  einen  Zinssatz  von  4%  an,
wo  sie  selbst  doch  5—5%  %  zahlen  muB?“  —  „Werden  normale
Tarife  (nach  dem  Kriege)  imstande  sein,  das  Kapitai  gewinnbringend
  zu  machen,  wo  die  Reederei  ihr  Schiffsmaterial  zu  so
auBerordentlich  hohen  Preisen  erwerben  muBte?"
c)  Die  Antwort  der  Minister  enthâlt  diesen  bemerkenswerten
  Satz;  „Die  besclilagnahmten  belgischen  Schiffe  haben
eine  Entschâdigung  erhalten,  die  3%  mal  hôher  ist,  als  der  in
Engîand  gezahlte  Frachtsatz, 11
Wie  kann  die  Regierung  eine  solche  Haltung,  die  auf  die
Bevorzugung  einiger  Günstlinge  abzielt,  rechtfertigen?
d)  Die  Times  vom  12,  Oktober  1916  schreiben:  „Da  dem
Unternehmen  eine  ansehnliche  Regierungszulage  als  Stütze
dient,  darf  man  sich  der  Hoffnung  hingeben,  daB  es  zur  Verwirklichung
  seiner  Plane  imstande  sein  wird.“  Ist  es  nicht
bezeichnend,  daB  selbst  die  Englânder,  als  „business-men“
Vorbilder  der  Welt  und  Fachleute  ersten  Ranges  in  Schiffahrtssachen,
  sich  nur  bédîngungsweise  und  mit  Zurückhaltung  über
die  Lebensîâhigkeit  des  Unternehmens  auBern?  „LaBt  die
Reederei  aus  privater  Initiative  durch  den  Handelsgeist  sich
entwickeln,  ohne  Aufruf  an  den  Patriotismus  und  ohne  Regierungszulagen
 11 ,  lasen  wir  in  „Le  Neptune 11  vom  April  1910;  es
kann  keineswegs  schaden,  hier  daran  zu  erinnern,
e)  Die  Flotte  des  „L,  R,  B, 11  besteht  zur  Zeit  nur  aus
39  Schiffen  mit  einem  Gesamtgehaît  von  124  900  Bruttotonnen 2S ),
so  daB  ein  DurchschnittsmaB  von  etwa  3200  t  auf  jedes  einzelne
Schiff  entfâllt,  Sie  sind  demnach  vor  allem  für  die  Trampschiffahrt
  geeignet  —  26  von  den  39  Schiffen  gehôrten  der
Reederei  Brys  &amp;amp;  Gylsen  von  Antwerpen,  die  übrigen  fahren
noch  unter  englischer  Flagge.  Unwillkürlich  stellt  man  sich
dabei  die  einigermaBen  bange  Frage,  woher  die  Reederei  das  23

23 )  Lloyd's  List,  25,  September  1916.
        <pb n="29" />
        28

geeignete  Schiffsmaterial  zu  nehmen  gedenkt,  das  in  dem
Augenbiick,  wo  das  Land  seiner  bedarî,  zur  Verfügung  stehen
muB,  um  „an  die  Stelle  der  deutschen  Linien  zu  treten" 24 ),  d,  h,
der  Schiffe  des  Norddeutschen  Lloyds,  der  Hamburg—Amerika-Linie
  usw.  usw.
Von  alî  dem  empfângt  man  den  peinlichen  Eindruck,  daB
politische  Rücksichten  hier  über  kaufmânnische  Erwâ’gungen
den  Sieg  davongetragen  haben;  ein  Unternehmen,  das  auf  einer
derartigen  Grundlage  beruht,  kann  den  Interessen  der  Aligemeinheit
  nur  schaden  und  uns  keinc  hinreichenden  Garantien
für  die  Zukunft  bieten,
Der  ,.XX e  Siècle"  schreibt  natürlich  zu  recht:  „Es  wird
für  die  belgische  Industrie  besser  sein,  solche  Schiffe  zu  besitzen
  als  gar  keine" 25 ),  aber  da  Belgiens  Handel  und  Industrie
anerkanntermaBen  besonders  günstige  Bedingungen  u.  a.  hinsichtlich
  des  überseeischen  Transports  erheischen,  warum  denn
bestehende  Verhaltnisse  von  Grund  aus  umgestalten  wollen,
wenn  man  zum  voraus  weiB,  daB  das  Land  notwendigerweise
bei  dieser  Abanderung  verliert?  Müssen  die  wirtschaftlichen
Interessen  des  Lande  s,  die  einzigen,  die  seine  Lebensbedingungen
  zu  sichern  vermôgen,  Rücksichten  politischer  Art
untergeordnet  werden?  Wir  meinen,  Belgien  hat  genug  unter
dem  Kriege  gelitten,  und  man  sollte  ihm  die  Aufgabe  seiner
Wiederaufrichtung  nicht  noch  schwieriger  machen.  Die  Unzulanglichkeit
  unserer  Kauffahrteiflotte  springt  îns  Auge,  sic
ist  nicht  in  der  Lage,  die  Bedürînisse  unseres  überseeischen
Verkehrs  zu  befriedigen,  aber  keine  Handelsunternehmungen
mit  politischem  Untergrund  werden  uns  für  die  Verluste,  die
eine  Wirtschaftskriegs-Poîitik  im  Geîolge  haben  kann,  zu  entschâdigen
  imstande  sein,
Der  Weübewerb  în  der  Schifîahrt  und  seine  Wirkungen,
Die  geringe  Stârke  der  belgischen  Kauffahrteiflotte  behinderte
  übrigens  in  keiner  Weise  den  überseeischen  Transport, ­
  sei  es  der  eigenen  oder  der  îremden  industrielîen  Erzeugnisse,
  Diese  wie  jene  wurden  unterschiedslos  von  allerhand
Schiffen  ohne  Rücksicht  auf  Staatsangehôrigkeit  verladen,
24 )  XX e  Siècle,  7.  September  1916.
25 )  Nummer  vom  7,  September  1916.
        <pb n="30" />
        29

Herkunft  oder  Bestimmung  der  Güter  übten  auf  die  Transporttarife
  keinen  EinfluB  aus.  Die  deutschen  Schiffe  z,  B,  verluden
belgische  Waren  zu  denseiben  Bedingungen  wie  deutsche,  Und
die  belgischen  Linien  boten  ihrerseits  der  Eigenindustrie  keine
Begünstigung  irgend  welcher  Art.
Es  gibt  kein  Gebiet  des  Wirtschaftslebens,  auî  welchem
der  Wettbewerb  so  leicht  und  so  spontan  ins  Leben  tritt,  aîs
auf  dem  der  Schiffahrt.  Er  wirkt  ohne  jeglichen  Unterschied
zum  Vorteil  aller  Lânder,  die  wie  Belgîen  so  glücklich  sind,
cinen  groBen  Hafen  an  den  HauptschiffahrtsstraBen  zu  besitzen,
Dank  der  groBen  Mannigfaltigkeit  und  reichen  Menge  der
Güter,  die  ihm  aus  dem  eigenen  Lande  wie  aus  dem  deutschen
Hinterîande  zuflossen,  war  Antwerpen  stets  der  Mittelpunkt
auBerst  regen  Handeîsverkehrs,
Zwischen  den  beiden  groBen  seeîahrenden  Lândern,  England
  und  Deutschland,  ist  seit  lângerer  Zeit  ein  Kampf  um  die
Herrschaft  über  die  Weltschiffahrt  im  Gange,  Im  allgemeinen
lieBen  die  groBen  englischen  Reedereien  jedoch,  wie  schon
oben  erwâhnt,  den  Deutschen  die  deutschen  Hafen  über,
wâhrend  letztere  als  Entgelt  dafür  mit  den  Englandern  in  deren
eigenen  Hafen  nicht  in  Wettbewerb  traten,  Darüber  bestand
eine  Art  stillschweigenden  Übereinkommens.  Um  so  hart~
nackiger  bestritten  sie  einander  aber  den  Verkehr  der  internationalen
  Hafen,  insbesondere  wenn  diese  im  beiderseitigen
Bereich  lagen,  Bei  Kriegsausbruch  hatten  die  Deutschen  in
bezug  auf  die  groBen  regelmâBigen  und  schnellfahrenden  Linien
die  Überhand,  wâhrend  der  Kampf  um  die  gewôhnliche  Schiffîahrt
  no  ch  im  Gange  war.
Der  Wettbewerb  übt  einen  regelnden  EinfluB  auf  die
Preise  und  Bedingungen  aus,  zu  welchen  die  Spediteure  ihre
Güter  verladen  kônnen.
Wie  wir  spâter  sehen  werden,  erheischt  unsere  Industrie
vermoge  ihres  Charakters  als  verarbeitende  oder  Veredelungsindustrie
  besonders  günstige  Transportbedingungen,  wenn  sie
ihren  Platz  auf  den  überseeischen  Mârkten  behaupten  wiîî.
Andererseits  erfordert  der  Wettbewerb,  den  einige  andere
Hafen  Antwerpen  hinsichtlich  des  Verkehrs  mit  gewissen
Teilen  des  deutschen  Hinterlandes  machen,  das  Zusammenwirken
  aller  Faktoren,  welche  die  Preise  des  Transports  über
Antwerpen  môglichst  günstig  zu  gestalten  vermôgen,  Der
        <pb n="31" />
        30

Wettbewerb  der  fremden  Linien  setzte  Antwerpen  instand,
aile  gewünschten  Vorteile  zu  bieten.  Um  ihre  Ladung  zu  vervollstândigen,
  nahmen  diese  Linien  oft  bei  uns  Frachten  zu
niedrigeren  Satzen  an  als  in  Liverpool  oder  Hamburg.
Dieser  Sachlage  verdankten  wir  andererseits  eine  Haufigkeit
  der  Schiffsabfahrten  verbunden  mit  einer  Mannigfaltigkeit
von  Bestimmungsorten,  wie  kein  anderer  Hafen  sie  aufzuweisen
vermochte.  Aile  Hafen  der  Welt,  die  einigermaBen  von  Bedeutung
  waren,  standen  mit  Antwerpen  in  direkter  Verbindung.
Wenn  wir  die  Tonnage-Statistik  der  in  Antwerpen  eingelaufenen
  Schiffe  mit  derjenigen  der  geladenen  oder  gelôschten
  Waren  vergleichen  und  annehmen,  daB  einer  Netto-Registertonne
  im  Durchschnitt  eine  Ladung  von  2000—2500  kg
entspricht,  komxnen  wir  zu  dem  Ergebnis,  daB  die  7056  Schiffe
bei  uns  durchschnittlich  nur  ein  Drittel  ihres  Tonnengehalts
geloscht  und  etwa  ein  Viertel  davon  geîaden  haben.
Ohne  die  durch  den  Wettbewerb  geschaffene  rege  Nachîrage
  nach  Frachten  hâtten  wir  also  ganz  bedeutend  weniger
Schiffsein-  und  -ausgange,  ohne  ihn  würden  die  Schiffe  offenbar
nicht  um  eine  so  geringfügige  Teilîadung  Antwerpen  angelaufen
haben;  eine  Konzentration  der  Ladung  auî  eine  geringere  Anzahl
  von  Dampfern  hâtte  sich  dann  von  selbst  vollzogen,  und
wir  waren  eines  unserer  Hauptvorzügc  beraubt  gewesen.
Dagegen  kônnte  man  einbrîngen,  daB  die  regelmâBige
Schiffahrt,  die  ja  gerade  in  Antwerpen  so  stark  auf  den  Vordergrund
  tritt,  îm  alîgemeinen  Schiffsverbanden  angeschlossen  ist,
und  daB  diese  mâchtigen  Organisationen  untereinander  Vereinbarungen
  betreffs  Regelung  der  Abfahrtenfrequenz  und  der
Transporttarife  zu  treffen  pflegen.  Freilich  ist  nicht  zu  leugnen,
daB  die  heilsamen  Wirkungen  des  freien  Wettbewerbs  durch
letztgenannten  Umstand  in  den  meisten  Schifîahrtsgeschaften
stark  abgeschwâcht  werden,  Antwerpen  bildet  aber  in  den
wcitaus  meisten  Fallen  eine  Ausnahme,  Das  hat  zunachst  in
dem  dort  zur  Verfügung  stehenden  reichlichen  Schiffsraum
seinen  Grund,  und  dann  in  der  besonderen  Art  der  Güter,  die
zum  Schiffsversand  dorthin  kommen.  Die  schweren  Güter
(Eisen-  und  Stahlwaren,  Trager,  Eisenbahnschienen  usw.),  die
sich  für  den  Versand  mit  den  groBen  Linien  eignen,  sind  bei
uns  viel  mehr  vertreten  als  in  den  anderen  Hafen,  die  diese
Linien  anlaufen,  Da  sie  dieser  Warengattung  bedürfen  zur
        <pb n="32" />
        31

rationellen  Ausnützung  des  Schiffsraums  durch  Kombination
von  Schwer-  und  MaBgütern,  dieselbe  Warengattung  aber
andererseits  wieder  die  geeignetste  ïst  für  Dampfer  der  Trampschiffahrt,
  so  bewirkt  der  Wettbewerb,  der  hinsichtlich  ihrer
zwischen  diesen  beidenBetriebsartenderReederei  einsetzt,  einen
Niedergang  der  Frachtsàtze,  In  bezug  auf  leichte  und  wertvolle
Giiter,  die  man  gewôhnlich  mit  Schnelldampfern  der  regelmâBigen
  Linienfahrt  versendet,  ist  dieKonkurrenz  weniger  scharf,
Aus  dieser  Sachlage  haben  die  Antwerpener  Spediteure
wundergut  ihren  Vorteil  zu  ziehen  gewuBt  und  auf  die  Weise
viel  dazu  beigetragen,  daB  Antwerpen  einer  der  billigsten
Hâfen  der  Welt  geworden  ist.  Ein  Hafen,  der  als  Kopîstation
dient,  wie  Hamburg  oder  Bremen,  kann  dieselben  Vorteile
nicht  genieBen  wie  ein  Anlaufhafen  gleich  dem  unsrigen,
Unsere  Regierung  bat  übrigens  die  Notwendigkeit,  môglichst
  viele  regelmâBige  Linien  nach  Antwerpen  zu  ziehen,
sehr  gut  eingesehen;  sie  Hat  mit  einigen  dcrselben,  vor  aîlem
aber  mit  den  deutschen  Linien,  die  aus  den  schon  erwâhnten
Gründen  die  meisten  Vorteile  boten,  eine  Reihe  Vereinbarungen
getroffen,  auf  die  wir  spâter  zurückkommen,
Um  die  Notwendigkeit  des  international  en  Wettbewerbs
für  die  Bedürfnisse  der  belgischen  Industrie  noch  besser  ins
Licht  zu  stellen,  entnehmen  wir  dem  sehr  interessanten  Bûche
De  Leeners  „Was  dem  belgischen  Ausfuhrhandel  fehlt“ 20 )
folgende  Stelle:
,,Bis  zum  Mai  1904  hatten  vier  Dampferlinien  das  Transportwesen
von  Antwerpen  nach  Alexandrien  in  gewissem  Sinne  monopolisiert.  Das
waren  die  Deutsche  Levante-Linie,  die  Westcott  and  Laurance  Line,  die
Prince  Line  und  eine  belgische  Linie  der  Reederei  Deppe,  Die  drei  ersten
fuhren  unter  deutscher  oder  englischer  Flagge  bezw.  Die  vier  Linien
hatten  einen  gemeinsamen  Frachttarif  ausgearbeitet,  wie  man  deren  seit
einigen  Jahren  viele  in  der  regelmâCigen  Schiffahrt  antrifft,  Da  trat  eine
neue  Linie,  die  Sphinx  Line,  in  Wettbewerb  mit  dem  Verbande  und  bewirkte
  eine  Verbilligung  der  Frachtsatze  von  40—50  %,  Infolgedessen
konnten  viele  unserer  Erzeugnisse,  welche  die  hohen  Transporttarife  vom
e iyptischen  Markt  ferngehalten  hatten,  in  Alexandrien  verkauft  werden.
Dies  ist  ein  typisches  Beispiel  dalür,  welche  Dienste  eine  fremde  Handelsîlotte
  der  Ausfuhr  eines  Landes  leisten  kann.  In  dem  Verbande,  der  sich
zur  gemeinsamen  Preisregelung  der  Frachtsatze  gebildet  hatte,  wahrte  die
nationale  Linie  die  belgischen  Interessen  nicht  besser,  als  die  fremden
Gesellschaften."
2e )  De  Leener,  Ce  qui  manque  au  commerce  d'exportation  belge,
p.  16—17.
        <pb n="33" />
        32

Aus  der  Tatsache,  daB  dem  Handel  und  der  Industrie  aus
dem  internationalen  Wettbewerb  offenkundig  Vorteile  erwachsen,
  zieht  der  Autor  die  SchluBfolgerung,  daB  die  nationale
Flotte  gar  keinen  EinfluB  auf  die  wirtschaftliche  Entfaltung  des
Landes  bat.  Ihr  fâllt  als  allenfalisige  und  alleinige  Aufgabe  die
Einrichtung  von  direkten  Diensten  nach  gewissen  Lândern  in
den  wenigen  Fallen  zu,  wo  die  bestehende  Verbindung  dahin
die  Benützung  von  mehreren  Linien  sowie  zeitraubenden  und
kostspieligen  Umschlag  erforderlich  macht,
Gewisse  Verteidiger  der  belgischen  Handelsîlotte  gestehen
selbst  zu,  daB  es  dieser  unmôglich  ist,  uns  dieselben  Vorteile
zu  verschaffen  wie  die  fremden  Schiffe.  In  der  „Beîgique
maritime  et  coloniale"  vom  6.  Februar  1910  schreibt  Mr,  Hervy-Cousin:
  „Unsere  Handelsschiffe  kdnnten  uns  kaum  so  günstige
Bedingungen  bieten,"
Andererseits  war  die  Tatsache,  daB  mehrere  Schiffahrtslinien
  mit  gemeinsamer  Bestimmung  das  Zustrômen  von  Gütern
begünstigen,  der  entscheidende  Grund  für  die  deutsche  Regierung,
  um  die  Postdampfer  nach  Australien  und  Ostasien  Antwerpen,
  nicht  Rotterdam  anîaufen  zu  lassenj  der  belgische
Hafen  bot  ihnen  übrigens  auch  aile  Bequemlichkeiten  an,  wohingegen
  Rotterdam,  beeinfluBt  von  den  groBen  hollandischen
Linien,  keinerlei  Zugestandnisse  machen  wollte.
Endlîch  sind  die  Vorteile,  die  uns  die  fremde  Handelsîlotte
bietet,  derartige,  daB  deutsche  Reichtagsabgeordnete  im  Lauîe
der  Sitzung  1897/98,  als  die  den  deutschen,  regelmaBig  Antwerpen
  anlaufenden  Postdampferlinien  zu  gewâhrenden  Zuschüsse
  zur  Sprache  kamen,  die  Ansicht  ausdrückten,  man
kônne  der  belgischen  Regierung  vorschlagen,  einen  zu  be-«stimmenden
  Teil  der  genannten  Zuschüsse  auf  sich  zu  nehmen.
♦
♦  ♦
„Die  Zukunlt  des  Landes  liefe  Gefahr,  wenn  Antwerpen
aufhoren  sollte,  der  Mittelpunkt  regen  Schiffsverkehrs  zu  sein,"
hat  De  Leener 27 )  so  sehr  zu  recht  gesagt,  und  doch  würde  dies
das  Ergebnis  des  Wirtschaftskrieges  sein.

27 )  De  Leener,  La  politique  des  transports  en  Belgique,  p.  317.
        <pb n="34" />
        33

Von  der  Schiffahrt  auî  der  Schelde,  die  nach  so  langwierigen
  und  mühsamen  Verhandlungen  von  den  Hemmnissen,
die  ihre  Entwickelung  bis  1863  lâhmten,  befreit  wurde  —  zu
welcher  Befreiung  aile  seefahrenden  Nationen,  die  an  unserem
Verkehr  interessiert  waren,  Beitrâge  zahlten  —  sollte  diejenige
jener  Nationen  sich  ausgeschlossen  sehen,  die  nach  dem  Zeugnisse
  des  Ministerprâsidenten  Barons  de  Brocqueville  am
meîsten  zu  ihrer  Entîaltung  beigetragen  hat!  Herr  de  Brocqueville ­
  wohnte  am  16.  Dezember  1911  dem  Festmahl  bei,  das  Herr
Albert  von  Bary  den  Notabilitâten  Antwerpens  und  Belgiens
gelegentlich  der  25.  Jahresfeier  des  Norddeutschen  Lloyds  in
Antwerpen  gab,  und  nahm  diese  Geîegenheit  wahr,  um  sich
über  die  groBzügigen  Plane  der  Regierung  in  bezug  auf  FluBkorrektion
  und  Ausbreitung  der  Hafenanlagen  auszulassen.
„Das  Gedeihen  des  Antwerpener  Hafens, 1 '  sagte  er,  „hangt  ab
von  den  groBen  Schiffahrtslinien,  die  ihn  regelmâBig  anlaufen,
und  unter  diesen  verdient  die  machtige  Bremer  Gesellschaft,
der  „Norddeutsche  Lloyd",  die  den  zwôlften  Teil  der  gesamten
Haîenbewegung  für  sich  beanspruchen  kann,  ganz  besondere
Erwâhnung." s8 )  Und  heute  will  der  Herr  de  Brocqueville  nicht
allein  die  Vorteile,  die  dem  Platze  Antwerpen  von  Seiten  des
N,  D,  L.,  sondern  überhaupt  aile  Vorteile,  die  ihm  aus  dem
deutschen  Schiffsverkehr  erwachsen,  durch  einen  Federzug  zu
nichte  machen!
Antwerpen  würde  also  fast  nur  noch  Schiffe  der  Bundesgenossen
  in  seinem  Hafen  sehen;  die  wenigen  neutralen  Schiffe,
die  vielleicht  auch  fürderhin  dort  anlaufen  würden,  waren
offenbar  nicht  zureichend,  um  ein  Gleichgewicht  herzustellen.
Der  îreie  Wettbewerb  ware  somit  aus  unserem  Hafen  verbannt,
und  was  das  für  unser  Land  bedeutet,  ist  aus  den  vorhergehenden
  Seiten  einigermaBen  ersichtlich,  wird  aber  auf  den
folgenden  noch  augenscheinlicher  zutage  treten.
Vor  dem  Kriege  verfügte  die  Handelsflotte  der  Welt  über
24  444  Schiffe  mit  einem  Gesamtgehalt  von  45  403  875  t, 2B )
Seitdem  betrugen  die  Schiffsverluste  auf  Grund  feindlicher
Handlungen  bis  30.  November  1916:

2a )  Die  Antwerpener  Zeitung  Le  Matin  vom  17.  Dezember  1911.
29 j  Nach  Lloyd's  List,  Juni  1914.

3
        <pb n="35" />
        34

-  Schiffe  Tonnengehaît
vom  1,  Aug.  1914  bis  30,  Sept,  1916:  1840  3  381  0C0  30 )
„  1.  Okt.  1916  „  30,  Nov.  1916:  399  778  763
Insgesamt:  2239  4  759  863
Hiervon  sind  bis  zum  30,  September  1916  wiederum
96  Schiffe  von  insgesamt  268  682  t,  die  repariert  werden
konnten,  in  Abzug  zu  bringen.
Die  englische  Handelsflotte  bat  die  meisten  Verîuste
crlitten.
Dazu  kommen  noch  die  Schiffsverluste  ans  verschiedenen
Ursachen  (Schiffbrüchen,  ZusammenstôBen  usw.);  nach  der
Liverpool  Underwriters’  Association  betrugen  sie  für  die  letzten
drei  Jahre:  1911:  476  206  t,  1912:  483158  t,  1913:  527  884  t,
also  im  Jahresdurchschnitt  etwa  %  Million  t.
Überdies  wird  die  Unterhaltung  der  Schiffe  wâhrend  des
Krieges  viel  zu  wünschen  übrig  gelassen  haben  und  der  VerschleiB
  sich  daher  als  ein  ungewôhnlich  groBer  herausstellen;
die  nôtigen  Reparaturarbeiten  werden  darum  nach  FriedensschluB
  wohl  einen  betrâchtlichen  Schiffsraum  für  einige  Zeit
festhalten,  Das  wird  vor  allexn  der  Fall  sein,  wenn  die  verschiedenen ­
  Regierungen  sich  entschlieBen  sollten,  den  Betrieb
der  Schiffahrtslinien  für  die  Dauer  des  Krieges  selbst  in  Hand
zu  nehmen,
Was  die  Schiffsneubauten  anlangt,  so  ist  keine  zuverlâssige
Nachricht  darüber  zu  bekommen.  Die  beiderseits  verôffentîichten
  Zahlen  weichen  zu  stark  von  einander  ab,  um  als
Grundlage  zu  einem  Urteil  darüber  dienen  zu  kônnen,  inwiefern
  die  ungeheuren  Verîuste  durch  Neubauten  ersetzt  werden, ­
 51 )  Hôchst  wahrscheinlich  ist  aber  mit  einer  merklichen
Verringerung  des  Weltschiffsraums  zu  rechnen,  die  sich  um  so
fühlbarer  machen  wird,  als  die  Wiederbevorratung  aller  Lânder
der  Welt  eine  ungeheure  Nachfrage  nach  Frachten  zur  Folge
haben  mufi.
Die  allgemeine  Unzulânglichkeit  der  Transportmittel,  die
sich  aus  dieser  Sachlage  ergeben  muB,  wird  Belgien  stark  in
ao )  Nach  Blom  &amp;amp;  van  der  Aa,  Amsterdam,
**)  Festgestellt  sei  hier,  daB  der  Verfasser  s.  Z.  von  dem  seit  1,  Februar
4917  eingetretenen  verschârften  Tauchbootkrieg  noch  keine  Kcnntnis  hatte;
es  besteht  ja  nunmehr  kein  Zweifel,  daB  die  Verîuste  auch  nicht  annâhernd
durch  Neubauten  wettgemacht  werden  konnen.  (Der  Übersetzer.)
        <pb n="36" />
        3*

—  35  —
Mitleidenschaft  ziehen,  und  zwar  auî  Grund  folgender  Aussichten
  für  die  Zukunft;
Im  Jahre  1912  betrug  z.  B,  der  Gesamt-Schiffseingang  in
den  englischen  Haien  74  214  Mill,  Netto-Reg.-t, 32 )  Von  diesem
Schiffsraum  fuhren  43  871  Mill.  Netto-Reg.-t  unter  englischer
und  30  342  Mill.  Netto-Reg.-t  unter  fremder  Flagge.  Von
letzterer  Zabi  entfallen  8  329  Mill,  Netto-Reg.-t  auf  die  deutschen
  und  ôsterreichischen  Schiffe,  die  somit  11  %  aller  auf
Engîand  fahrenden  Schiffe  ausmachten.  Da  nun  weiterhin  der
Anteil  der  Verbündeten  am  englischen  Schiffahrtsverkehr
5  073  Mill,  Netto-Reg.-t  (Frankreich  1888,  Belgien  1488,  RuBland
  1  000,  Italien  0  697)  erreicht,  faîlen  die  übrigbleibenden
16  942  Mill,  Netto-Reg.-t  auf  die  „Neutralen“,
Selbst  unter  der  Annahme,  daB  Englands  AuBenhandel
ungefâhr  auf  der  gleichen  Hôhe  bleibt,  kann  sein  Bedarî  an
Schiîfsraum  sich  nach  dem  Kriege,  wo  ungeheure  Vorrâte  neu
zu  beschaffen  sind,  nicht  verringern,  und  jedenîaîls  wird  das,
was  nach  FriedensschluB  von  seiner  zweifellos  merklich
reduzierten  Handelsflotte  verîügbar  ist,  stark  von  seinem
eigenen  Verkehr  in  Anspruch  genommen  sein. 33 )
Dasselbe  gilt  von  allen  anderen  Vôlkern,  Freilich  werden
die  Bedürfnisse  des  einen  Volkes  durch  den  Austausch,  der
eintreten  wird,  diejenigen  eînes  anderen  bis  zu  einem  gewissen
Grade  ausgleichen,  aber  dieser  Austausch  wird  durch  die  Art
der  Erzeugnisse  selbst,  woran  das  eine  Volk  Mangel  und  das
andere  ÜberfluB  hat,  eingeschrânkt,  und  zwar  um  so  mehr,  als
der  allgemeine  Charakter  der  Lânder  Nordwest-Europas  in
wirtschaîtlicher  Hinsicht  wesentlich  gleichartig  ist.
Was  Frankreich  anlangt,  so  wird  der  Mangel  an  Verkehrsmitteîn
  sich  dort  noch  weit  fühîbarer  machen,  da  dieses  Land
ja  in  Zukunft,  wenn  sein  bester  Kunde,  Deutschland,  ausgeschaltet
  wird,  viel  stârker  als  früher  von  der  Fin-  und  Ausfuhr
  über  See  abhangt,
Engîand  endlich  wird  es  sich  zur  Aufgabe  machen,  mit  der
deutschen  Handelsflotte  in  den  Hafen,  die  dieser  dann  noch

32 )  Weltwirtschaftliches  Arcliiy,  Bd,  II,  S.  254,
33 )  Die  Tatsache,  daB  Engîand  die  fur  auslândische  Rechnung  auf
sein  en  Werften  in  Bau  befindlichea  Schiffe  beschlagnalimt  hat,  obschon
die  Fertigstellung  vieler  davon  erst  in  ziemlich  îerner  Zeit  in  Aussicht
.steht,  iâfit  die  Annahme  nur  um  so  gegründeter  erscheinen.
        <pb n="37" />
        s.

—  36  —
offen  stehen,  in  Wettbewerb  zu  treten,  und  da  die  englischen
Reeder  groBe  Kriegsgewinne  erzielt  haben,  verspricht  dieser
Wettbewerb  ein  âuBerst  reger  zu  werden.
Die  Deutschen  ihrerseits  haben  für  ihre  Handelsflotte  einen
ziemlich  betrâchtlichen  Verlust  an  Schiffsraum  erlitten,  und
zwar  hauptsâchlich  infolge  der  Beschîagnahmungen,  welche
die  Verbündeten  zu  Anîang  des  Kricges  auf  offenem  Meere,
wie  in  den  Hafen  Englands,  Frankreichs,  und  spâter  Portugais,
Italiens  usw,  vornahmen.  Die  Gesamtsumme  des  so  verlorenen
Schiffsraums  betrâgt  ausschlieBlich  der  in  Italien  beschlagnahmten
  Schiffe,  1005  000  t 34 )  denen  nur  200  000  t  von  in
deutschen  Hafen  zurüchgehaltenen  Schiffen  der  Bündesgenossen
gegenüberstehen,  Ob  gegebenen  Falles  ein  Austausch  stattfinden
  wird,  hangt  offenbar  von  den  Frxedensbedingungen  ab.
Zufolge  Zeitungsnachrichten  ist  aber  inzwischen  für  die
Hamburg—Amerika-Linie  u,  a,  der  Dampfer  „Bismarck“  von
56  000  t  fertig  geworden;  der  Norddeutsche  Lloyd  hat  verschiedene
  Dampfer,  worunter  zwei  von  35000  t,  den  „Kolumbus“
und  den  „Hindenburg‘‘,  bauen  lassen,  Der  Gesamtgehalt  der
seit  Kriegsbeginn  auf  deutschen  Werften  gebauten  Schiffe  wird
auf  750  000  t  veranschlagt. 35 )
Aber  auch  hier  wird  der  Bedarf  ein  ungeheurer  sein  und
die  Inanspruchnahme  allen  verfügbaren  Schiffsmaterials  wie
die  Aushülfe  der  Neutralen,  die  allein  zu  helfen  imstande  sein
werden,  erheischen,
Wenn  Belgien  also,  um  darauf  zurückzukommen,  allen
seinen  wirtschaftlichen  Beziehungen  zu  Deutschland  entsagt,
befindet  es  sich  in  einer  sehr  zweifelhafteû  Lage,  Die  îremden
Schiffe,  die  sich  dann  noch  darauf  einlassen,  zu  uns  zu  koramen,
werden  dies  nur  zu  schwer  auf  uns  lastenden  Frachtsâtzen  tun;
unser  Hafen  bietet  ihnen  dann  keinen  einzigen  der  Vorteile
mehr,  die  ihm  Weltruf  verschafften,  und  unsere  durch  den  Krieg
so  hart  mitgenommene  Industrie  wird  mit  ihrer  Ausfuhrkraft
auch  die  gewünschte  Anziehungskraft  einbüBen.  Die  auf  Antwerpen
  fahrenden  Schiffe  werden  nicht  mehr  in  Wettbewerb

M )  Seitdem  hat  diese  Zahl  infolge  des  Kriegszustandes  bezw.  Abbruchs
  der  diplomatischen  Beziehungen  zwischen  Deutschland  einerseits
und  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  China  und  Brasilien  andererseits
  eine  ziemliche  Zunahme  erfahren,  (Anm.  des  Übersetzers.)
35 )  Nieuwe  Rotterdamsche  Courant,  12.  Dezember  1916.
        <pb n="38" />
        mit  einander  treten  und  ihren  Verkehr  xiach  Gutdünken  regeln,
Audi  dürfen  wir  uns  keine  allzu  groBe.  Hoffnungen  auf  ein
Abkommen  machen,  das  die  Verbündeten  unter  sich  treffen
würden,  um  den  unumganglich  notwendigen  Schiffsraum  zu
unserer  Verfügung  zu  stellen;  der  Krieg,  wo  die  Interessen
doch  soîidârster  Art  sind,  hat  uns  eine  ziemlich  skeptische
Ansicht  über  derartige  Abkommen  beigebracht.
Andererseits  wird  Antwerpen  seinen  Charakter  als  Anlauîhafen
  mit  allen  damit  verbundenen  Vorteilen  verlieren,  um
Linien-Kopfstation  zu  werden.
Die  Bunkerkohle  endlich  wird  uns,  îalls  wir  sie  von  England
  beziehen  müssen,  teurer  kommen,  als  wenn  Deutschland
sie  uns  lieferte.
Unberechenbar  sind  die  Folgen  dieser  Sachlage  für  Belgiens
Handel  und  Industrie.  Wir  haben  bereits  darauf  hingewiesen,
wie  unentbehrlich  letzterer  billige  Frachten  sind.  Schon  vor
dem  Kriege  hatten  einige  groBe  Industricn  des  Lütticher  Landes
unter  dem  Drucke  dieser  Notwendigkeit  selbst  einen  betrâchtlichen
  Teil  ihrer  Ein-  und  Ausfuhr  über  Rotterdam  (durch  die
Maas  und  die  Kanàle)  leiten  müssen.  Da  diesem  Hafen  gegebenen
  Falles  die  Erbschaft  unseres  deutschen  Verkehrs  zufâllt,
  wird  er  der  Schiffahrt  die  gewünschten  Vorteile  bieten,
um  dort  einen  Mittelpunkt  des  Seeverkehrs  zu  schaffen  und
auf  Unkosten  Antwerpens  einen  groBen  Teil  unserer  eigenen
Ausfuhrprodukte  an  sich  zu  ziehen.  30 )
*
*  *
Dieser  Überblick  über  die  Hafenbewegung  Antwerpens
ware  unvollstândig,  wenn  wir  nicht  auch  die  Binnenschiffahrt
in  Betracht  zôgen.  Die  nachstehenden  Zahlen  (Tabelle  XI)
werden  den  Umlang  dîeses  Verkehrs  dartun  und  die  bedeutende
Rolle  ins  Licht  stellen,  die  Deutschland  dank  der  Verbindung
zwischen  Rhein  und  Schelde  auch  auf  diesem  Gebiete  spielt.

so )  Diese  Gefahr  nimmt  einen  um  so  ernsteren  Charakter  an,  als  man
sich  in  Holland  eifrig  mit  dem  Projekt  der  Maaskanalisation  beschaftigt;
durch  seine  Ausführung  würde  der  Verkehrsweg  zwischen  dem  Lütticher
Lande  und  Rotterdam  sehr  vorteilhaft  für  dieses  Industriezentrum  werden.
        <pb n="39" />
        38

Tabelle  XL
Binnenschifîahrt,
1913.

Herkunft
oder
Bestimmung

Sdnffseingang

Schiffsausgang

Zahl

Sfers 3; )

Zahl

Sters

Binnenland  .  .

83.276

6.014.094

32.264

5.679.007

Deutschland  .

3.872

3.07O.014

3.592

2.405.495

Frankreich

478

130.731

703

199.363

Holland  .  .  .

6.330

801.128

7.232

1.643.044

însgesamt

43.956

10.021.976

43.791

9.926.909

Die  Statistik  unterÿcheidet  die  Binnenschiffe  nicht  hinsichtlich
  der  Flagge,  doch  ist  die  Annahme  jedenfalls  zulâssig,
daB  weitaus  die  Mehrzahl  der  groBen  Kâhne,  die  vom  Rhcin
kommen  oder  dahin  fahren,  die  deutsche  Flagge  führt.  Die
Liste  der  hauptsâchlichsten  Reedereien,  die  eine  Zweigniederlassung
  in  Antwerpen  haben,  dürfte  dieser  Annahme  als  Stütze
dienen  konnen.  Es  sind  u.  a.  die  îolgenden:  Mannheimer  Lagerhaus-Gesellschaft,
  Deutsch-belgische  Schiffahrts-Geseîlschaft,
Union  Rheinschiffahrts-Gesellschaft,  Karl  Scliroers,  Rheinisch-Westfâlisches
  Kohlen-Syndikat  usw.
Die  Anwesenheit  einer  so  groBen  Anzahl  Kâhne,  die  notwendigerweise
  Wettbewerb  nach  sich  zieht,  übt  auf  den  Handeî
und  die  Industrie  dieselbe  günstige  Einwirkung  ans,  die  wir  für
den  Seeverkehr  feststellen  konnten.
Antwerpen  darf  übrigens  den  Nebenverkehr,  der  ihm  ans
dem  Wassertransport  von  und  nach  Deutschland  erwâchst,  in
keiner  Weise  aufier  Acht  lassen.  Es  muB  ihn,  wie  De  Leener
sagt,  so  viel  wie  moglich  zu  lôrdern  suchen.  „Das  geiingt  ihm
denn  auch,  wie  die  wâhrend  der  letzten  zehn  Jahre  festgesteîlte
auBerordentliche  Zunahme  der  Tonnage  der  Rheinschiffe  bezeugt,
  die  nach  Belgien  gingen  oder  daher  kaxnen,  d,  î.  fast
ausschlieBlich  Antwerpen  als  Bestimmungs-  oder  Ausgangsplaz
  hatten,  Dieser  Verkehr,  der  für  1901  nur  2%  Mill,  t  betrug,
  erreichte  7,7  Mill.  t  für  1910."
Wir  verdanken  diesen  Zuwuchs,  der  dem  Hafen  von  Rotterdam ­
  direkt  entzogen  wurde,  der  Vorzugsstellung  unseres
        <pb n="40" />
        —  39  —
Hafens,  den  regelmâBige  Linien  in  weit  groBerer  Zabi  anlaufen
als  Rotterdam.
Auf  einem  beschrânkten  Gebiet  wie  diesem  tritt  wie  sonst
überail  ein  Gemeinschaftlichkeitsgefühl  ein,  dessen  Vernichtung
durch  KriegsmaBregeln  unsinnig  sein  würde.
*
.  *  *
Die  Seeverkehrslage  Antwerpens,  die  wir  nunmehr  nacîî
verschiedenen  Gesichtspunkten  untersucht  haben,  würde  sien
im  Falle  eines  Wirtschaîtskrieges  sehr  kritisch  gestalten.  Dahingegen
  dürften  wir  mit  Recht  der  Zukunît  ruhig  ins  Auge
schauen,  wenn  wir  das  Régime  der  Freiheit,  das  so  staunenswerte
  Ergebnisse  für  uns  gezeitigt  bat,  neu  erstehen  sehen
konnten,
Antwerpen  würde  vor  und  nach  wiederum  ,,dieser  Mitteipunkt
  regen  Schiffsverkehrs“  werden;  die  deutschen  Schiffe
würden  von  selbst  zu  uns  zurückkommen  zum  Lôschen  von
Getreide  und  Rohstoffen,  die  Deutschland  unentbehrlich  sind,
wie  zum  Laden  von  Ausfuhrprodukten;  aus  dem  neu  erstehenden
  Wettbewerb  würde  unsere  Industrie,  unser  Handel,  das
ganze  Land  Vorteil  ziehen  und  so  die  nôtigen  Faktoren  zu
neuem  Aufschwunge  finden,  Der  Antwerpener  Hafen  dieni
—  das  darf  man  nicht  vergessen  —  zuerst  und  vor  allem  dem
Durchfuhrverkehr,  Auf  diesem  Gebiet  sind  wir  abhangig  vom
Auslande,  Unsere  unzureichende  nationale  Handelsflotte  kann,
trotz  der  schlechthin  ungîückseligen  Gründung  des  Lloyd
Royal  Belge,  in  keiner  Weise  das  Unheil  abwehren,  das  uns
bedroht,  Sie  ist  unzureichend  dafür  und  wird  es  bleiben,
Man  muB  auch  offenkundigen  Tatsachen  Rechnung  tragen,
Antwerpen  ist  vermôge  seiner  geographischen  und  wirtschaftlichen
  Lage  auBerstande,  die  Vorzugsstellung  einer  Stadt  wie
Hamburg  zu  erlangen.  Hamburg  ist  der  Ausgangspunkt  einer
groBen  Anzahl  Linien,  worunter  sich  die  machtigste  der  Welf
befindet,  und  die  Elbufer  sind  der  Sitz  eines  auBerordentlicb
bedeutenden  Schiffsbaues  geworden,  Aus  Antwerpen  ein
zweites  Hamburg  machen  zu  wollen,  mag  ein  hochherziger
Traum  sein,  doch  haben  die  Tatsachen  solche  Hoffnungen  in
der  Vergangenheit  als  eitel  erwiesen,  und  sie  werden  es  auch
in  Zukunft  tun.
Antwerpen  braucht  den  Fremden,  HeiBen  wir  ihn  wiîlkommen,
  und  schlieBen  wir  die  Tür  nicht  vor  ihm.
        <pb n="41" />
        —  40  —
IL
Der  Güterverkehr.
Allgememes.
Der  Nordwesten  Europas  kennzeichnet  sich  in  wirtschaftlicher
  Hinsicht  durch  ein  starkes  Überwiegen  seines  Einfuhrbedarfs,
  Für  Deutschland,  England,  Holland,  Belgien  und
Frankreich  zusammen  beziffert  sich  der  EinfuhrüberschuB  1912
auf  7%  Milliarden  Fr.  In  Gewichtstonnen  ausgedrückt,  würde
dieser  Unterschied  noch  stârker  hervortreten,  denn  es  sind  vor
allem  Rohstoffe,  die  diesen  Lândern  zugeführt  werden,  wahrend
der  die  entgegengesetzte  Richtung  nehmende  Transport  sich
hauptsâchlich  auf  industrielle  Erzeugnisse  stützt,  deren  Wert
îm  Verhâltnis  zur  Gewichtseinheit  bedeutend  grôBer  ist,
Hieraus  ergibt  sich,  daB  der  für  die  Einfuhr  benôtigte  Schiffsraum
  jenen,  dessen  die  Ausfuhr  bedarî,  stark  überschreitet,
und  daB  daraus  eine  passive  Schiffsraumbilanz  fortflieBen  muB,
welche  die  wirtschaftlichen  Bedingungen  dieser  Lânder  beeinfluBt.

Das  Bestreben,  diesen  Unterschied  auszugleichen,  HeB
u-  a. 1 )  England  seine  Kohlenausfuhr  auf  eine  môglichst  groBe
Hôhe  bringen  und  spornte  vor  einigen  Jahren  die  Deutschen
an,  eine  gleiche  Politik  für  Rotterdam  einzuschlagen,  Dank
der  stets  in  den  englischen  Hâfen  zur  Verfügung  stehenden
Kohlenvorrâte  hat  der  Nordwesten  Europas  in  seiner  Gesamtheit
  ein  Gleichgewicht  zwischen  Einfuhr  und  Ausfuhr  in  seiner
Tonnagebilanz  herzustellen  vermocht.
Einzeln  genommen,  weisen  die  verschiedenen  Hâfen  trotzdem
  aile  dieses  Geprâge  auf,  doch  in  verschiedenem  Grade,
Am  stârksten  tritt  es  in  Rotterdam  hervor,  das  sich  vermoge
seiner  Lage  an  der  Rheinmündung  vor  allem  für  die  Handhabung
  von  Rohstoffen  eignet;  1912  betrug  seine  Einfuhr  denn
auch  20  850  000  t 2 ),  wahrend  die  Ausfuhr  kaum  5  9S9  900  t  (wovon
  3  085  800  t  Kohlen)  erreichte.  Antwerpen  dagegen  nimmt
*)  Wir  halten  hier  nur  mit  der  Ware  in  ihrer  Eigenschaft  als  Transportgegenstand
  Rechnung.
2 )  Die  Statistik  dieses  Hafens  bietet  wenig  Klarheit;  die  aufgeführte
Ziffer  umfafit  für  die  verzollbaren  Waren  die  Einfuhr  auf  dem  See-,  Flufiund
  Schienenwege,  für  die  zollfreien  Waren  dagegen,  die  die  überwiegende
Mehrheit  bilden,  nur  die  Einfuhr  über  den  Seeweg.
        <pb n="42" />
        41

in  dieser  Hinsicht  eine  Vorzugsstellung  ein;  dank  der  Warenmenge, ­
  die  ihm  aus  seinem  belgischen  und  vor  allem  aus  dem
Iremden  Hinterland  zuflieBen,  erreicht  seine  Ausfuhrziffer  annâhernd
  die  seiner  Einfuhr.  Viel  trâgt  dazu  auch  der  Umstand
bei,  daB  der  grôBte  Teil  des  belgischen  Überseeverkehrs  sich
in  unserem  Haîen  konzentriert,  wâhrend  in  den  meisten
Landern  ein  reger  Wettbewerb  zwischen  zwei  oder  mehreren
Hâfen  besteht.  Die  folgenden  Zahlen  geben  eine  Übersicht
ûber  diese  Konzentration  in  Antwerpen:

1912  Einfuhr  von  See  Ausfuhr  nach  See
(in  Tonnen  zu  1000  kg)
Belgien  11613  599  9  090  309
Antwerpen  10  080  450  8  076  385 3 )
Ein  Vergleich  zwischen  den  drei  groBen  Festlandhâfen  ergibt
  Folgendes:
In  Rotterdam  betrâgt  die  geladene
'*'*  ™  r  geloschten,

O  u

Warenmenge  .  ,  .

33%

In  Rotterdam  betrâgt  die
Warenmenge  (ohne  Kohlen)

geladene

16%

In  Hamburg  betrâgt
Warenmenge  ,  .  .

die

geladene

48%

In  Antwerpen  betrâgt
Warenmenge  .  ,  ,

die

geladene

80%

Wenn  wir  mit  dem  in  Rotterdam  zur  Feststellung  der  Einfuhr ­
  üblichen  System  Rechnung  halten  woilten,  müBten  wir  das
für  diesen  Hafen  auîgegebene  prozentuale  Verhâltnis  auf  28
und  15  bezw.  herabsetzen, 4 )  Was  Antwerpen  dagegen  anlangt,
so  würde  sich  in  Anbetracht  der  bedeutenden  Menge  leichter
Waren,  die  dort  geladen  werden,  zweifellos  ein  vollkommenes
Gleichgewicht  seiner  Bilanz  ergeben,  wenn  wir  die  Ausfuhrmenge
  in  Frachttonnen,  worauf  allein  es  für  den  Reeder  ankommt,
  festzustellen  vermôchten,
Dieses  Gleichgewicht  in  der  Ein-  und  Ausfuhr  bee'influBt
xn  hohem  MaBe  die  Seefrachten;  doch  darüber  spâter.
Die  stark  hervortretende  Passivitat  des  Rotterdamer
Hafens  hinsichtlich  der  Ein-  und  Ausfuhr  auf  dem  Seewege  übt
naturgemaB  ihre  Rückwirkung  auf  die  Rheinschiffahrt  aus,  die

3 )  Amtliche  belgische  Statistik.
4 )  Schumacher,  Antwerpen,  S.  139.
        <pb n="43" />
        42

dort  eine  hervorragende  Rolle  spielt,  Für  die  Bergfahrt  beliefen
  sich  die  Ladungen  1910  auf  12  994  000  t  von  1000  kg,
wohingegen  von  der  Talfahrt  nur  4  661000  t  (wovon  3  Mill.  t
Kohlen)  gelôscht  wurden;  1912  erreichte  der  gesamte  Rheinverkehr
  stromabwarts  nur  40  %  von  demjenigen  stromaufwârts.
Daher  ein  reger  Wettbewerb  um  Frachtgüter  in  ersterer
Richtung,  In  Antwerpen  dagegen  tritt  das  umgekehrte  Verhâltnis
  in  Erscheinung;  die  für  den  Rhein  (also  für  die  Bergfahrt) ­
  bestimmten  Ladungen  betrugen  nur  59  %  der  von  dort
(auf  der  Talfahrt)  empfangenen  Frachtmenge,
Die  nâchste  Folge  davon  war,  daB  der  Unterschîed  in  den
Frachtsâtzen  von  Antwerpen  oder  von  Rotterdam  nach  dem
Rhein  und  besonders  nach  dem  Oberrhein,  trotz  der  130  km
weiteren  Entîernung  Antwerpens,  oft  nur  unbedeutend  ist. 6 )
Das  ist  selbstverstândlich  ein  günstiges  Moment  für  unseren
Wettbewerb.  Andererseits  wird  Antwerpen  dadurch  zu  einem
Sammelpîatz  verfügbarer  Binnenschiffe,  hinsichtlich  deren  ès f
da  es  Verwendungsmôgîichkeiten  auf  mannigfachen  Binnenschiffahrtswegen
  für  sie  bietet,  ebenfalls  als  Anlaufhafen  geîten
kann.  Von  Antwerpen  konnen  die  Leichter  durch  Frankreich
zum  rheinischen  Industriegebiet  zurückkehren,  indem  sie  die
Wasserwege  von  Lüttich  oder  von  Aalst  und  St.  Quentin  nach
Touî,  von  Toul  nach  StraBburg  und  von  StraBburg  nach  Duisburg
  benützen.  Diese  Bedingungen  übten  einen  sehr  günstigen
EinfîuB  auf  die  Bedingungen  unseres  inlandischen  Verkehrs,
wie  desjenigen  nach  Frankreich,  aus,  was  naturgemâB  unserem
Handel  und  unserer  Industrie  zunutze  kam.
*
*  *
Die  statistischen  Aufsteîlungen  über  den  Schiffahrtsverkehr
  des  Antwerpener  Haîens,  die  wir  im  I,  Abschnitt  brachten
und  untersuchten,  gaben  uns  ein  Bild  sowohl  von  seinem
staunenswerten  Aufschwung  innerhalb  einer  verhaltnismâBig
geringen  Anzahl  Jahre,  wie  von  seinem  betrachtlichen  Anteil
am  Weltverkehr,
Die  wirkliche  Bedeutung  eines  Hafens  îiegt  aber  in  seinem
Güterverkehr,  in  der  geladenen  und  gelôschten  Warenmenge.
Wollte  man  namlich  die  Gesamttonnage  des  Schiffsein-  und  5

5 )  De  Leener,  La  politique  des  transports,  p,  262,
        <pb n="44" />
        43

-ausganges  als  MaBstab  dafür  annehmen,  so  kâme  z.  B,  Santa
Cruz  de  Tenerifa,  ein  Anlaufhafen  wie  kein  zweiter,  unmittelbar
nach  Bremen,  wâhrend  es  tatsâchlich  nie  genannt  wird,  wenn
von  Weîthaîen  die  Rede  ist,  Wollte  man  andererseits  nur  den
Wert  der  behandelten  Produkte,  der  vom  kommerziellen
Standpunkte  aus  ja  sicher  eine  groBe  Rolle  spielt,  aber  lür  den
Schiffsverkehr  von  untergeordneter  Bedeutung  ist,  in  Betracht
ziehen,  so  dürfte  vielleiclit  ein  Hafen  wie  Kapstadt,  vorausgesetzt,
  daB  ailes  Gold  und  aile  Diamanten  von  Transvaal,  dem
Oranje-Freistaat  und  Katanga  diesen  Weg  nehmen,  als  der
grôBte  Hafen  der  Weît  gelten,  wiewohl  ein  einziges  Schiff  für
seinen  Jahresverkehr  genügen  würde,
Indem  wir  also  vom  Gcwicht  der  behandelten  Warenmenge
ausgehen,  kônnen  wir  feststellen,  daB  der  Verkehrsanwuchs  des
Antwerpener  Hafens  wâhrend  der  letzten  fünfzig  Jahre  ein
erstaunlicher  ist.  Tabelle  XII  unten  weist  aus,  daB  die  Seeeinfuhr
  sich  von  1860—1912  verrünîzehnfacht,  die  Seeausfuhr
  sich  mehr  aïs  verfünfzigfacht  hat!
Tabelle  XII.
Warenbewegung  des  Antwerpener  Hafens.
(In  Tonnen  von  1000  kg.)

Jahr

Eing  an  g

A  u  s  g  a  n  g

auf  dem
Seewege

auf  dem
Land-  und
FluQwege

Insgesamt

auf  dem
Seewege

auf  dem
Land-  und
FiuQwege

Insgesamt

1860

660.992

83.657

744.646

155.560

121.876

277.436

1870

1.182.815

125.998

1.503.813

369  364

293.386

662.750

1875

1.710.009

141.181

1.851.190

381  643

313.398

695.041

1880

2.504.725

190.896

2.695.621

593  374

491.515

1.084.889

1885

2.536.812

392.967

2.929.80  &amp;lt;

894.254

586.873

1.481.127

1890

3.437.553

364.200

3.801.753

1  269.289

680.016

1.949.505

1895

4.126.583

509.907

4.636.490

2,189.947

851.510

2.741.457

1900

5.492.204

893.061

6.385.265

2.4nO.‘22l

1.101.683

3.501.904

1905

7.778.0  6

3.872.472

H.650.488

5.408  001

3  579.640

8.987.641

1906

8.588.193

4.105.247

12.493.441

5.913  558

4.216.592

10.130.151

1907

8.813.961

4.048.653

12.862.615

5.032.539

4.434.902

10.067.449

1908

8.296.0  '2

3.583  168

11.876.790

5.306.760

4.829.627

9.635.387

1909

8.792.238

4.450.509

13.242.737

5.879  293

5.222.673

11.HU.966

1910

9.264.889

5.182.877

14.447.766

6.951.742

5.520.994

12.472.736

1911

10.195.851

6.884.894

17.080.745

7.222.738

6.861.494

14.084.232

1912

10.080.450

8.556.191

18.636.6  H

8.076.385

6.932.990

15.009.375
        <pb n="45" />
        44

Ein  Vergleich  zwischen  dem  Güterverkehr  der  verschiedenen
  Hâfen  ist  schwieriger  herzustellen,  als  ein  solcher
zwischen  ihrem  Schiffahrtsverkehr;  namentlich  gestattet  die  in
Rotterdam  übliche  Aufstellungsweise  der  Statistik  nicht,  den
Anteil  der  See-Einfuhr  am  allgemeinen  Verkehr  genau  zu  ermitteln.
  Wir  geben  die  folgenden  Zahlen  als  einîache  Auskunît:

Hamburg 6 )

Antwerpen

1890:

7  599  000  t  =  100%

4  707  000  t  =

100%'

1900:

14  432  000  t  =  190%

7  892  000  t  =

168%

1910;

22  109  000  t  =  291  %

16  217  000  t  —

345  %'

1912:

24  757  0C0  t  =  325  %

18157  000  t  =

386%

Seeausfuhr:

Antwerpen

Rotterdam

1911:

7  222  738  t  =  100%

5  559156  t  =

100%

1912:

8076385  t  =  112%

5  989  729  t  =

107%

Analyse  der  Statistik,

Die  Durchfuhr,

Wenn  wir  môglichst  genau  feststellen  wollen,  welchen
Anteil  auf  der  einen  Seite  Belgien  (unser  Eigenhandel)  und  auf
der  anderen  das  Ausland  (die  Durchfuhr)  an  dem  Antwerpener
Güterverkehr  hat,  tut  eine  eingehende  Untersuchung  not.
Die  amtlichen  Aufstellungen  geben  die  gewünschten  Zahlen
nicht;  wir  müssen  daher  auf  die  Angaben  fürs  ganze  Land
zurückgreifen,  Aus  diesen  ergeben  sich  folgende  Einzeîheiten:
1.  Die  Einfuhr  auf  dem  Seewege  (Eigenhandel)  belief  sich
1912  auf  11  212  575  t  im  Werte  von  2,943  Mill.  Fr.  oder  35,8  und
59,4  %  bezw,  von  dem  Gesamtimport;  die  Ziffern  für  die  Seeausfuhr
  sind;  5  543  362  t  im  Werte  von  1,498  Mill.  Fr.  oder
26,6  und  37,9  %  vom  Gesamtexport.
2.  Der  von  See  kommende  Transit  erreicht  426  024  t  im
Werte  von  310  Mill.  Fr,  oder  6,1  und  12,3%  der  Gesamtdurchfuhr;
  der  seewarts  gehende  Transit  betrâgt  3  571  196  t  im
Werte  von  1,378  Mill-  Fr.  oder  53,8'und  55,9  %  vom  gesamten
Ausgangstransit.
Diese  Zahlen  bedürfen  jedoch  einer  gewissen  Berichtigung.
In  seiner  interessanten  Studie  „La  Belgique  pays  de  transit"
hebt  Prof,  De  Leener  von  der  Genter  Universitât  die  mannigfachen
  Faktoren  hervor,  welche  die  auîgegebenen  Zahlen  merklich
  von  der  Wirklichkeit  abweichen  lassen,

6 )  H.  Schumacher,  Antwerpen,  S.  115,
        <pb n="46" />
        45

Zwei  Ursachen,  schreibt  er,  verringern  den  Transit  in  der
Statistik;  Zunâchst  der  Grundsatz,  aile  zum  Verbrauch  für
den  Handel  oder  für  im  Kônigreich  wohnende  Personen
deklarierten  Waren  als  zum  Eigenhandel  gehôrig  zu  betrachten;
diese  Auslegung  weist  dem  Begriff  „Transit"  merkwürdig  enge
Grenzen  an.  Eine  Ware,  die  eine  belgische  Firma  kauft  imd
dann  wiederausführt,  ist  nach  dieser  Erklârung  aïs  ,.naturalisiez" ­
  anzusehen;  vom  wirtschaftlichen  Standpunkt  aus  gehôrt
sie  jedoch  unzweifelhaft  zur  Durchfuhr.  An  zweiter  Stelle
koramen  die  vorsâtzîich  oder  unvorsatzlich  gemachten  falschen
Angaben  der  Dekîaranten,  die  sich  einer  Vereinfachung  der
Fôrmlichkeiten  gegenübersehen,  wenn  sie  eine  Ware  ,,zum
Verbrauch' 1  aufgeben,  anstatt  „im  Transit".  Freilich  berichtigt
die  Zollbehôrde  amtlich  die  der  statistischen  Abteilung  gemachten ­
  Angaben,  wenn  sie  die  wirkliche  Bestimmung  der
Waren  zu  kennen  glaubt;  auf  jeden  Fait  sind  diese  Fâlle  jedoch
selten  im  Vergleich  zu  jenen,  die  ihr  entgehen,  Infolge  der
weitgehenden  Zollfreiheit  unseres  Landes  sind  diese  falschen
Deklarationen  beinahe  die  Regel, 7 )
Die  Statistik  des  Eigenhandels  führt  tatsachlich  eine  ganze
Anzahl  Waren  als  nach  Deutschland,  Frankreich  usw,  ausgeführt
  auf,  die  Belgien  nicht  erzeugt,  die  es  selbst  aus  überseeischen
  Lândern  bezieht,  und  die  demnach  nur  als  zur  Durchfuhr ­
  gehôrig  betrachtet  werden  kônnen.
Die  von  Prof.  De  Lannoy  auf  Grund  der  Statistik  für  1909
gemachten  Berechnungen  lassen  sich  folgendermaBen  kurz  zusammenfassen;
 8 )
a)  Waren,  die  Belgien  nicht  hervorbringt  (Mais,  Reis,  ungebrannter
  Kaffee,  Kakao,  Tee,  Kautschuk,  Petroleum  usw,).

Einfuhr
Qesamfhandel


Einfuhr
Eigenhandel

Ausfuhr
irrtümlich  zum
Eigenhandel  gerechnef


Durchfuhr

Angegeben

Richtig

Angegeben

Richtig

459.082

434.829

234.931

199  898

24.253

224.151

b)  Waren,  die  Belgien  in  ungenügender  Menge  für  seinen

7 )  Von  31  000  000  t  in  Belgien  eingeführter  Waren  waren  1912  nur
3  000  000  t  Zollabgaben  unterworfen.
8 )  In  Tausenden  Fr.
        <pb n="47" />
        eigenen  Bedarf  erzeugt  (Weizen,  Gerste,  Roggen,  Holzbrei,
Kîeien,  Eisenerz,  Rohkupfer  usw.)  :

1.183.872

1.120.590

656.234

466.110

63  280

527.638

c)  Waren,  die  verarbeitet  worden  sind  (enthülster  Reis,
roher  und  gepochter  Flachs,  Wollwaren,  Diamanten  usw,):

712.184

370.341

135.475

266.986

341.841

608.827

Wenn  wir  ailes  zusammenfassen,  erscheinen  die  Zahlen
nach  ihrer  Berichtigung  folgendermafien  (in  Tausenden  Fr.):

Eigenhandel:

Ziffern

Amtliche

Berichtigte

Einfuhr:

3  704  316

2  805  195

Ausfuhr:

2  809  723

1  876  728

Durchfuhr:

Eingang:

2  290  366

3189  487

Ausgang;

2  290  366

3  223  361  9 )

Gesamthandel:  11094  771  11094  771
Demnach  belâuît  sich  der  Transit,  der  nach  den  amtlichen
Angaben  nur  42  %  des  Gesamthandeis  ausmacht,  in  Wirklichkeit
  auf  58%  desselben,  wohingegen  der  Eigenhandel  von  58
auf  42  %  herabsinkt;  die  Durchfuhr  übersteigt  also  den  Eigenhandel ­
  um  38  %.
Wenn  man  die  Durchfuhr  (im  Ausgang)  als  Ausfuhr  betrachtete
  und  dem  Ausfuhr-Eigenhandel  gegenüberstellte,
ergâbe  sich  selbst,  daB  sie  letzteren  um  75  %  oder  etwa
1,3  Milliarden  übersteigt,
Nun  betrifft  die  Berichtigung  gerade  Produkte,  die  wir  auf
dem  Seewege  einführen,  und  da  die  anderen  belgischen  Hâfen
—  darüber  sind  sich  aile  beîugten  Leute  einig  —  für  den  Durchfuhrverkehr
  dieser  Waren  nicht  in  Betracht  kommen,  konnen
wir  uns  ein  Bild  von  der  überwiegenden  Bedeutung  des  Transits
in  der  Einfuhr  über  Antwerpen  machen,
Und  in  bezug  auf  die  Ausfuhr  seewarts  ist  die  Lage  annâhernd
  dieselbe.

°)  Wie  hieraus  ersichtlich  ist,  hat  Prof.  De  Lannoy  mit  dem  erhôhten
Wert  der  Durchfuhr  b  eim  Ausgang,  der  den  vom  Lande  erzielten  Bruttogewinn
  darstellt,  Rechnung  gehalten.
        <pb n="48" />
        47

Zur  Vermeidung  von  Zollfôrmlichkeiten  werden  namlich
bekanntermafien  zollfreie  Waren  beim  Eingang  fast  allgemein
,,zum  Verbrauch"  deklariert,  selbst  wenn  sie  für  die  Durchîuhr
bestimmt  sind,  Dies  geschieht  vor  allem  bei  der  Einfuhr  auî
Kanâlen  und  Flüssen  (Antwerpen,  1912:  2  681746  1,  wovon
2175  077  t  Rheinschiffahrt)  ;  im  Eisenbahntransport  bewirken
die  Vorzugstarife,  welche  die  Durchîuhrgüter  genieBen,  daB
diese  UnregelmâBigkeiten  weniger  hâufig  vorfallen,
Zufolge  der  Statistik  kommt  etwa  die  Hâlîte  der  eingeschifften
  Waren  vom  Ausland. 10  11 )  Stelit  man  der  Ziffer  dieses
Warenausgangs  diejenige  des  Eingangs  vom  Auslande  auî  dem
Land-  und  FluBwege  gegenüber,  so  fâlit  das  mangelnde  EbenmaB
  sofort  ins  Auge,  Es  wurde  namlich  festgestellt  “),  daB
diese  Zuluhr  etwa  68  %  der  Gesamt-Warenausfuhr  über  Antwerpen
  darstellt,  Der  einzige  Einwurf,  der  sich  machen  lieBe,
ist  der,  daB  ein  Teil  der  Waren  für  den  ôrllichen  Verbrauch
bestimmt  ist.  Man  konnte  weiterhin  die  Gütermenge,  die  auî
der  Durchîuhr  durch  Belgien  gegangen  ist  und  beinahe  zweiîeilos
  ihren  Weg  über  Antwerpen  nach  einem  bestimmten  überseeischen
  Lande  genommen  hat,  hinzuzâhien  und  dazu  50%
des  Antwerpener  Eisenbahn-Güterverkehrs  îügen,  welcher
Prozentsatz  das  allgemeine  Verhaltnis  der  Durchîuhr  zum
Gesamt-Eisenbahnverkehr  in  Belgien  darstellt.  Auî  diese
Weise  kame  man  zu  dem  Ergebnis,  daB  61  %  vom  Antwerpener
Verkehr  zur  Durchîuhr  gehôrt,  Doch  ist  auch  diese  Ziffer
wiederum  unzuverlâssig;  die  Naturalisierung  zollîrei  eingehender
  Waren,  die  für  die  Durchîuhr  bestimmt  sind,  lâBt  das  Verhaltnis ­
  merklich  geringer  erscheinen,  als  es  in  Wirklichkeit  ist.
Aus  diesen  Beschauungen  leiten  wir  ab,  daB  der  Anteil  der
Durchîuhr  an  der  Antwerpener  Ausîuhr  seewârts  mindestens
50  %  und  hôchstens  68  %  betrâgt,  Man  kann  also  sagen,  daB
in  Antwerpen  auî  jede  Tonne  belgischer  Waren  1%  Tonnen
Waren'  fremder  Herkunft  verladen  werden. 12 )
Aus  dieser  Untersuchung  geht  hervor,  daB  das  Gedeihen
unseres  Hafens  mehr  von  dem  Verkehr  abhangt,  den  ihm  die
Nachbarlânder  sichern,  als  von  dem  für  Belgien  bestimmten
oder  aus  Belgien  kommenden  Transport.
10 )  3  570  000  t  au!  8  076  000  t.
11 )  Dubois  &amp;amp;  Theunissen,  Anvers  et  la  vie  économique  nationale.
12 )  Dubois  &amp;amp;  Theunissen,  Anvers  et  la  vie  économique  nationale.
        <pb n="49" />
        48

Der  EinfiuB  des  Durchfuhrhandels  auf  den  Verkehr  Antwerpens
  wird  noch  mehr  ins  Licht  gestellt  durch  eine  vergleichende
  Zusammenstellung  der  betreffenden  Zahlen,  wie
Tabelle  XIII  sie  bietet,
Tabelle  XIII.
(In  Mill.  t)

Jahr

Ausfuhr  nach  Sée
über  Antwerpen

Durchfuhr l3 )

1901

4,145

+

1,745

2,879

?M)

1902

4,988

H-0,843



3,544

+

0,665

1903

5,505

+

0,517

3,596

+

0,052

1904

5,072

0,433

3,285

—

0,671

1905

5,408

+

0,336

3,602

+

0,407

1906

5,913

+

0,505

4,406

+

0,714

1907

5,032

0,881

4,337

—

0,o69

1908

5,306

+

0,274

4,308

—

0,029

1909

5,879

+

0,573

4,786

+

0,478

1910

6,951

+

1,072

5,537

+

0,751

1911

7,222

+

0,271

6,123

+

0,586

1912

8,076

+

0,854

6,'.91

+

0,468

1913

?

—

7,803

+

1,212

Herkunît  und  Bestîmnumg  der  Durchfuhr,
Der  jeweiiige  Anteil  der  Nachbarlânder  an  dem  über
unseren  Hafen  gehenden  Durchfuhrverkehr  lâBt  sich  auf  Grund
der  statistischen  Zusammenstellungen  nicht  ermitteln;  dafür
sind  diese  zu  lückenhaft. 15 )  Aber  auch  hier  werden  einige  allgemeine
  Angaben  uns  Kir  unsere  Bewertung  zu  statten  kommen.
—
13 )  Amtliche  Zahlen,  also  nicht  berichtigt.
“)  Die  Statistik  gibt  die  Durchfuhr  erst  seit  1901  in  Tonnen  auf,
“)  Wir  geben  hier  einige  Andeutungen  über  den  internationale®
Verkehr  in  Antwerpen  (ausschlieClich  auf  dem  Wasserwege)  für  1912,  nach
den  hauptsachlichsten  Herkunfts-  und  Bestimmungslândern  der  Güter;

Qelôscht
(In  Tonnen

Qeladen
von  1000  kg)

Deufsdhland

2.361  775

1.779.104

Argentinien

1.090.702

-  776.375

Vereinigfe  Staaten  .  .  .

1.285  676

728,604

Frankreidi

193.258

364.816

QroQbritannien  .  .  .  .

1.536.272

1.543.566

Niederlande  .....

426.532

527.4  &amp;gt;6

Rumaniep

1.017.832

27,376

Auf  ein  Total  von

12.762.196

10.159.104
        <pb n="50" />
        49

Die  folgenden  sind  die  amtlichen  Zahlen  für  die  Durchfuhr
  im  Eingang:

Zollverein
Frankreich
Niederlande
Auî  ein  Total  von

1911
4  091  630  t
815  985  t
603  983  t
6  091630  t

1912
4  387147  t
885  398  t
698194  t
6  591988  t

1913
5  004  758  t
1  239  797  t
787  739  t
7  803  735  t

Selbstverstândlich  kommt  diese  ganze  Durchfuhr  nicht
nach  Antwerpen  zur  Einschiffung;  der  Verkehr  von  einem
Nachbarlande  Belgiens  zu  einem  anderen  spielt  hier  eine  gewîsse
  Rolle,  Die  Durchfuhr  von  Deutschland  nach  Frankreich
z,  B.  ist  bedeutend  genug,  daB  sie  eine  ergiebige  Einnahmequelle
  für  unsere  Eisenbahnen  darstellt;  Ireilich  kônnen  wir
ihre  Ziffer  nicht  einmal  annahernd  feststellen,  doch  befahigt
uns  die  Statistik,  für  1913  folgende  Angaben  zu  machen:
730  000  t  Steinkohlen,  400  000  t  Koks,  90  000  t  Briketts,  57  000  t
Steinkohlenteer.  Dieselbe  Erscheinung  tritt,  wiewohl  in  vîel
geringerem  Umfange,  auch  in  entgegengesetzter  Richtung  zutage;
  selbst  kehren  100  000  t  Erz,  die  aus  Frankreich  kommen,
nach  Zurücklegung  einer  kurzen  Strecke  auf  belgischem  Gebiet
in  ihr  Herkunftsland  zurück.

Andererseits  gibt  die  Hafenstatistik  uns  Aufklarung  über
den  Gütereingang  auf  dem  Wasserwege:
1912
Deutschland  2175  077  t
Frankreich  81  110  t
Niederlande  422  848  t

und  wir  konnen  annehmen,  daB  beinahe  ail  diese  Waren  zur
Einschiffung  bestimmt  waren.  Vermelden  wir  zum  Schlusse
noch,  dafi  der  Deutsche  Stahlwerksverband  allein  1913  mehr
als  1  000  000  t  über  Antwerpen  versandt  hat, 10 )  16  17 )

16 )  H.  Schumacher,  Antwerpen,  S.  41,
17 )  Antwerpen  verdankt  ferner  einen  bedeutenden  Teil  seines  Güter-  /
verhehrs  folgendem  Umstande:  Einige  Produktionsmittelpunkte  Deutschlands
geben,  obwohl  sie  ihre  Waren  unter  anderseits  ebenso  günstigen  Bedingungen
über  Hamburg  oder  Bremen  versenden  konnten,  in  sehr  vielen  Fâllen  dennoch
Antwerpen  den  Vorzug,  weil  dieser  Hafen  ihnen  eine  Zeitersparnis  von
10—15  Tagen  bietet.  Die  deutschen  Dampfer  gehen  namlich  4—6  Tage
spâter  von  Antwerpen  ab  als  von  Hamburg  oder  Bremen.  Um  bestimmt
auf  Einschiffung  seiner  Waren  rechnen  zu  konnen,  muB  der  Verlader  diese
aber  zeitig  genug  abschicken,  daB  sie  die  deutschen  Hafen  erreichen,  wenn
4
        <pb n="51" />
        Für  die  Durchfuhr  in  entgegengesetzter  Richtung  gibt  die
Statistik  folgende  Ziffern:

Bestimmungslânder:  1911
Deutschland  736  299  t
Frankreich  1  757  884  t
Niederlande  418  413  t

1912  1913
870  697  t  920  653  t
1936330  1  2111447  1
461  215  t  601  026  t

Verschiedene  Anmerkungen  von  Wichtigkeit  sind  hier  unumgânglich
  nôtig.
Die  Berechmmgen  von  Prof.  De  Lannoy  lieBen,  wie  wir
gesehen  haben,  die  Unzuverlâssigkeit  der  Durchfuhrstatistik
klar  zutage  Ireten,  und  seine  Berichtigungen  betrafen  gerade
Produkte,  die  wir  von  See  einfüliren;  ihre  Wiederausfuhr  kann
daher,  von  einigen  Ausnahmen  abgesehen,  nur  über  die
hollândische,  deutsche  (Zollverein)  oder  franzôsische  Grenze
statlfinden.
Nun  macht  die  geringe  Entfernung  Rotterdams  wie  sein
Charakter  als  Einfuhrhafen  es  unwahrscheinlich,  daB  bedeutende
  Mengen  der  wiederausgeführten  Güter  nach  Holland
gehen,  Frankreich  andererseits  bringt  gegen  uns  ein  „Surtaxed'entrepôt“-System
  zur  Anwendung,  das  die  Einfuhr  von  Wolle
{ausgenommen  die  von  den  englischen  Kolonien),  Getreide,
Kaffee,  auslândischem  Leder  usw,  usw,  über  Antwerpen  verhindert,
 *  18 )  Auch  die  Differentialtarife  der  franzôsischen  Eisenbahnen
  zielen  auf  die  Benachteiligung  Antwerpens  zugunsten
der  franzôsischen  Hâfen  ab.
Infolge  dessen  ist  der  grôfite  Teil  der  Hôhereinschatzung,
die  nach  Prof,  De  Lannoy  zugunsten  der  über  unsere  Landesgrenzen
  nach  auswârts  gehenden  Durchfuhr  gemacht  werden
muB,  namlich  667  Mill,  Fr. 19 ),  nach  aller  Wahrscheinlichkeit  auf
Deutschlands  Konto  zu  stellen.  Die  Ziffer  des  Verkehrs  auf
den  Wasserwegen  von  Antwerpen  nach  diesem  Lande  stützt

die  betreffenden  Dampfer  anfangen  zu  laden,  d,  i.  5—6  Tage  vor  ihrer
Abfahrt;  in  Antwerpen  dagegen  werden  Güter  noch  an  Bord  genommen,
wenn  sie  am  Tage  vor  der  Abfahrt  ankommen.  Da  es  sich  in  solchen  Fâllen
gewôhnlich  um  wertvolle  Waren  handelt,  bedeutet  dies  eine  Ersparnis  an
Zinsen  für  den  Kâufer,  der  den  Lieferanten  erst  nach  Einschiffung  bezahlen
muS,  und  zugleich  eine  lângere  Lieferungsfrist  für  den  Fabrikanten.
18 )  Antwerpener  Handelskammer,  Bericht  1911,  S,  XIII.
19 )  Vorsichtshalber  lassen  wir  die  industriel!  verarbeiteten  Produkte
auBer  acht.
        <pb n="52" />
        51

übrigens  diese  Annahme;  denn,  auf  ein  Total  von  2  082  719  t
gingen  1302  344  t  nach  Deutschland 20  21 ),  wâhrend  nur  247  397  t
den  Weg  nach  Frankreich  einschlugen,  Wenn  sich  nun  die
jenen  667  MilL  Fr,  entsprechende  Tonnenzahl  berechnen  lieBe,
würde  eine  ganz  bedeutende  Steigerung  der  Durchfuhrziffer,
insbesondere  nach  Deutschland,  zutage  treten,
Falls  wir  nun  Frankreichs  Verkehr  über  Antwerpen  annâhernd
  abschatzen  wollten,  müBten  wir  von  der  für  1913  aufgegebenen
  Ziffer  (2111  447  t)  zunâchst  die  vorhin  erwâhnten
1  277  000  t  Steinkohlen,  Briketts,  Koks  und  Teer  abziehen,  weil
sie  von  Deutschland  kommen;  dann  wâren  von  den  übrigbîeibenden
  834  447  t  weiterhin  die  100  000  t  Erz,  die  zwischen
franzôsischen  Eisenbahnstationen  nur  eine  Wegesstrecke  über
belgisches  Gebiet  geführt  werden,  sowie  die  hollandischfranzôsische
  Durchîuhr  in  Abzug  zu  bringen.
Im  Hinblick  auf  die  vorstehenden  Ausführungen  wie  auf
die  belgische  Transportpolitik  (wovon  in  einem  folgenden  Abschnitt
  des  nâheren  die  Rede  sein  wird),  die  sich  die  Begünstigung
  des  deutschen  Verkehrs  über  Antwerpen  zum  Hauptziel
setzte,  kommen  wir  denn  zu  der  SchluBfolgerung,  daB  Deutschland ­
  den  Lowenanteil  am  Durchfuhrverkehr  über  unseren
Hafen  hat,
Und  da  die  Durchfuhr  ungeîâhr  60%  vom  Gesamtverkehr
betrâgt,  von  100  t  vertransportierter  Güter  40  t  belgisch  und
60  t  auslandisch  (also  Durchîuhr]  sind,  ergibt  sich  für  uns,
selbst  unter  der  Annahme,  daB  nur  zwei  Drittel  von  letzteren
60  t  auf  Deutschland  entfallen,  die  weitere  SchluBfolgerung,
daB  der  deutsche  Güterverkehr  dem  belgischen  gleichsteht.
Die  Roîle  der  Durchîuhr,
Kann  Antwerpen  ohne  die  deutsche  Durchfuhr  ein  groBer
internationaler  Hafen  bleiben?  Kann  Belgien,  von  weîchem
„Antwerpen  das  Lebensorgan,  das  Herz  der  wirtschaftlichen
Tâtigkeit  ist,  dessen  Pulsschlâge  sich  durch  den  ganzen  sozialen
Kôrper  fühlbar  machen' 121 ),  sich  seiner  entschlagen,  ohne
bedeutenden  Schaden  zu  nehmen?

20 )  Wâhrend  die  Durchfuhrstatistik  für  1912  nur  870  000  t  für  die
Durchfuhr  nach  diesem  Lande  ausgeführter  Güter  und  401  000  t  für  die
Gesamtdurchîuhr  der  von  See  eingeführten  Waren  aufgibt,
21 )  Dubois  &amp;amp;  Theunissen,  Anvers  et  la  vie  économique  nationale,  p,  19,
4*
        <pb n="53" />
        52

Das  sind  Fragen,  die  wir  jetzt  untersuchen  müssen,
Unser  Handel  und  unsere  Industrie,  insbesondere  letztere
infolge  ihres  vorwiegend  verarbeitenden  Charakters,  bedürfen
niedriger  Frachtsatze,  um  in  hinreichendem  MaBe  ausführen
zu  konnen,  Das  in  Abschnitt  I  angeführte  Beispiel  ist  ausschîaggebend;
  ,,in  zahlreichen  belgischen  Industriezweigen
übersteigt  der  Gewinn  einige  Zehner  von  Centimen  auf  die
Tonne  nicht,  Der  Unterschied  zwischen  dem  Herstellungsund
  dem  Verkaufspreise  muB  daher  innerhalb  dieser  engen
Grenze  gehalten  werden.  Fine  geringe  Erhôhung  der  Transportkosten
  genügt,  um  jeglichen  Gewinn  zunichte  zu  machen,"  22 )
Die  Frage  der  Transportkosten  spielt  hier  also  eine  bedeutungsvolle
  Rolle  —  AnlaB  genug  zu  einer  eingehenden
Untersuchung,  inwiefern  der  Frachtsatz  vom  Durchfuhrhandeî
beeinfluBt  wird.
Die  Verschiedenartigkeit  der  Ausfuhrgüter  Antwerpens
ermôglichte  den  Schiffsmaklern  die  mannigfaltigsten  Verbindungen
  von  Schwergut  und  MaBgut  und  damit  die  âuBerste
Ausnützung  des  Schiffsraums,  ÂuBerst  niedrige  Frachtsatze
waren  die  Folge  davon,  Da  die  belgische  Industrie  aber  hauptsâchlich
  Halbfabrikate,  also  Waren  einer  Kategorie,  herstellt,
  ist  es  sehr  zu  bezweiîeln,  ob  ein  gleicher  Grad  der  Vollkommenheit
  in  der  gegenseîtigen  Erganzung  der  Güter  ohne
Mithille  der  deutschen  Industrie  erreichbar  ware.
Die  Geschwindigkeit,  mit  welcher  Güter  an  Bord  geliefert
werden  konnen,  in  anderen  Worten,  der  „Despatch“,  ist  ein
anderer  Faktor,  der  die  Frachtsatze  beeinfluBt  und  daher  hier
besprochen  werden  muB. 23 )
Wenn  es  sich  um  landwirtschaftliche  Erzeugnisse  handelt,
die  iahreszeitweise  geerntet  werden,  übersteigt  die  zur  Verschiffung
  bereitstehende  Menge  diejenige,  welche  die  Schiffe
laden  konnen,
Falls  Erze  zu  laden  sind,  kann  die  Fôrderung  oft  mit  dem
Ladebedarf  in  Einklang  gebracht  werden.  Auch  laBt  sich  die
Produktion  zuwexlen  durch  Einstellung  weiterer  Arbeitskrâfte
erhôhen.

22 )  De  Leener,  Politique  des  transports,  p,  19,
3 )  Dubois  &amp;amp;  Theunissen,  Anvers  et  la  vie  économique  nationale,.
S.  141  ff.
        <pb n="54" />
        53

Für  industrielle  Erzeugnisse  dagegen  wird  die  tâgliche
Produktionsmôglichkeit  fest  begrenzt  durch  die  Leistungsîâhigkeit
  der  mechanischen  Einrichtungen,  und  so  sind  Fâlle
môgiich,  in  denen  die  Lieferung  nicht  so  schnell  erfolgen  kann,
als  die  Schiffe  zu  laden  vermôgen,  Sie  würden  daher  warten
müssen;  jeder  verlorene  Tag  kommt  aber  bei  der  Berechnung
des  Frachtsatzes  in  Anmerkung.
Ein  Beispiel  wird  dies  veranschaulichen,
Antwerpen  empfângt  jeden  Tag  durchschnittlich  16  Schiffe;
die  belgische  Industrie  erzeugt  jâhrlich  1350  000  t  GuBeisen
und  führt  350  000  t  davon  ein,
Gesetzt  nun,  diese  16  Schiffe  laden  nur  Eisen  und  das  Land
hait  kein  Kilogramm  von  dem  aus  dem  Hochofenprodukt  verarbeiteten
  Eisen  für  seinen  eigenen  Gebrauch  zurück,  so
kônnten  nur  3666  t  tâglich,  also  ungefâhr  350  t  pro  Schiff  und
Tag  an  Bord  geliefert  werden,  Das  Schiff  kann  aber  bequem
taglich  700  t  empfangen  und  verstauen,  Ein  Schiff  von  3500  t,
das  für  seine  Ladung  auf  die  belgische  Industrie  allein  angewiesen
  wâre,  kônnte  demnach  erst  in  10  Tagen  geladen  sein,
Da  es  jedoch,  nach  dem  MaBstabe  von  700  t  per  Tag  berechnet,
fâhig  ware,  seine  Ladung  in  fünf  Tagen  zu  beendigen,  verliert
es  fünf  Tage,  das  macht  für  eine  Reise  von  50  Tagen  einen
Zuschlag  von  10  %  auf  den  Frachtpreis.
Griffe  jedoch  die  lothringische  Industrie,  die  jâhrlich
4  Mill.  t,  wie  die  westfâlische  Industrie,  die  jâhrlich  5  Mill.  t
erzeugt,  mit  ein,  so  kônnten  2225  t  per  Tag  und  per  Schift
geliefert  werden,  d,  i,  dreimal  so  viel  als  das  Schiff  empfangen
kann,
Dies  hat  freilich  nur  den  Wert  eines  Beispiels,  aber  es
HeBe  sich  generalisieren,  Auf  jeden  Fall  gelit  daraus  hervor,
daB  die  industrielle  Dichtigkeit  des  Hinterlandes  einen  bedeutenden
  EinfluB  auf  den  Frachtsatz  ausübt,
Selbstverstândlich  kommt  es  nur  âuBerst  selten  vor,  daB
ein  Schiff  auf  seine  Ladung  wartet,  aber  die  Gebrâuche  eines
Hafens,  wie  die  Mittel  seiner  Güterabîertigung  passen  sich  den
Warenmengen,  welche  die  Produzenten  liefern  kônnen,  auf
natürliche  Weise  an,  und  die  ,,Despatch“-Frage  kommt  zuguterletzt
  in  den  Frachtsâtzen  durch  einen  Unterschied  von
Shillings  und  Pence  zum  Ausdruck.
        <pb n="55" />
        54

Endîich  gibt  es  noch  einen  vierten  Faktor,  der  unmittelbar
auf  Verbüîigung  der  Frachtsâtze  hinwirkt;  der  Raumgehalt
der  Schiffe,
Je  groBer  das  Schiff  ist,  desto  niedriger  stellen  sicli  im
Verhâltnis  die  Unkosten  und  desto  billiger  sind  die  Fracbten.
So  braucht  ein  Dampîer  von  2000  t  eine  Bemannung  von
mindestens  19  Kôpfen,  wâhrend  ein  solcher  von  4000  t  reich-’ich
  besetzt  ist  mit  27  Mann,  das  Komxnando  mit  eingeschlossen.
Dann  aber  stehen  die  Unkosten  für  Lohn  und  Verpflegung  in
diesen  beiden  Fâllen  keineswegs  im  Verbaltnis  von  27  zu  19,  wie
man  glauben  kônnte,  Das  Kommando  bleibt  für  den  Dampîer
von  40001  wesentlich  dasselbe  wie  für  den  von  20001.  Vielleicht
werden  zwei  Offiziere  und  ein  Maschinist  mehr  angenommen,
und  der  Rest  des  Unterschiedes  zwischen  den  beiderseitigen
Besatzungen  entfallt  auf  Heizer  und  einige  Matrosen,  für
welche  die  Lohnsâtze  und  Verpflegungskosten  sich  naturgemaB
niedriger  stellen  als  für  Offiziere,  Es  ergibt  sich  also  ein  merklicher
  Unterschied  zugunsten  des  grôBeren  Schiffes,
Andererseits  sind  für  ein  solches  die  Kosten  der  Meilentonne
  um  vieles  niedriger.
Ein  Schiff  von  6250  t  z,  B.  verbraucht  tâglich  21  t  Kohlen,
um  eine  Geschwindigkeit  von  9  Meilen  die  Stunde  zu  entwickeln,
  ein  Schiff  von  2050  t  dagegen  verbraucht  bei  derselben
  Fahrgeschwindigkeit  ungefahr  9  t  Kohlen  per  Tag.  Man
sieht  es  also:  der  Raumgehalt  der  beiden  Schiffe  steht  im  Verhâltnis
  von  3:1,  der  Kohlenverbrauch  aber  nur  in  dem  von
2%  :  1,  was  einer  Bruttoersparnis  von  2 / fl  gleichkommt.  Und
dieser  Vorteil  steigert  sich  proportionell  mit  der  Lange  der
Fahrt.  Nimmt  man,  um  dies  an  einem  konkreten  Beispiel  zu
zeigen,  an,  daB  die  Schiffe  8000  Seemeilen  zu  durchlaufen
haben,  ohne  ihren  Kohlenvorrat  zu  erneuern,  so  kann  man
darauf  rechnen,  daB  das  Schiff  von  6250  t  in  der  Praxis  für
40  Tage  Bunkerkohle  mitnehmen  muB,  also  ungefahr  850  t;
es  braucht  also  den  Kohlen,  die  keine  Fracht  bezahlen,  nur
14%  von  seinem  Tonnengehalt  einzurâumen,  Das  Schiff  von
2050  t  dagegen  muB  360  t  Kohlen  mitnehmen  und  18%'  von
seinem  Schiffsraum  unproduktiv  lassen,
Infolgedessen  kommt  der  Transport  auf  einem  Schiff  von
6000  t  —  caeteris  paribus  —  um  ungefahr  ein  Drittel  billiger
zu  stehen  als  auf  einem  Schiff  von  2000  t.
        <pb n="56" />
        55

Endlich  ist  es,  wie  widersprechend  dies  auch  scheinen
môge,  weit  bequemer,  groBe  Warenmengen  auf  groBen  Schiffen
nach  gewissen  schwer  zugânglichen  Hâfen  zu  schaffen,  als  auf
solchen  von  geringerem  Raumgehalt.
Die  Sache  liegt  aber  so:  Die  Hauptschwierigkeit,  die  sich
der  Schiffahrt  entgegenstellt,  ist  die  geringe  Tiefe  der  Fahrrinne,
  der  sich  der  Tiefgang  eines  Schiffes  anzupassen  hat.
Nun  hat  cin  Schiff  von  2000  t  in  der  Regel  einen  Tiefgang  von
etwa  18  FuB,  ein  modernes  Schiff  von  6250  t  dagegen  einen
solchen  von  kaum  mehr  als  23  FuB,  Gesetzt  nun,  zwei  Schiffe,
eins  von  2000  und  eins  von  6000  t,  befinden  sich  z.  B,  vor  der
Hafenbarre  von  Forcados,  die  nur  eine  Fahrrinne  von  18  FuB
hat,  so  kann  ersteres  Schiff  mit  einer  Ladung  von  hôchstens
2000  t  die  Einfahrt  machen.  Das  zweîte  dagegen  kann  auf
18  FuB  Tiefgang  4000  t  tragen  und  demnach  mit  einer  doppelten
Ladung  einfahren,
Wenn  man  folglich  aile  Faktoren;  Verschiedenartigkeit
der  Produkte,  beschleunigte  Abfertigung  und  eine  Warenmenge,
  welche  die  Benützung  groBer  sparsamer  Schiffe  zulaBt,
zusammen  ins  Auge  faBt,  erkennt  man,  daB  die  Durchfuhr  über
Antwerpen  einen  unmittelbaren  EinfluB  auf  die  Frachtsatze
hat,  der  dem  Lande  mittelbar  wieder  zugute  kommt.
Aus  diesem  Grunde  allein  müBten  wir  der  Güterdurchfuhr
über  unseren  Hafen  aus  allen  Krâften  Fôrderung  angedeihen
lassen,
Aber  das  ist  nicht  die  einzige  Seite  der  Frage;  unserer
Industrie  ersprieBt  auch  noch  ein  unmittelbarer  und  handgreiflicher
  Vorteil  aus  der  Tatsache,  daB  Abfahrten  um  so  ôfter
statthaben  kônnen,  je  groBer  die  zum  Versand  einkommenden
Warenmengen  sind,
1.  Gehen  wir  etwas  nâher  auf  den  ersten  Punkt  ein,  der
sich  übrigens  nahe  anschlieBt  an  das,  was  wir  oben  sagten  über
die  Ersparnis,  die  der  Transport  auf  groBen  Schiffen  mit  sich
bringt,  Eine  Abfahrt  aus  einem  Hafen  ist  erst  dann  moglich,
wenn  die  eingehende  Warenmenge  reichlich  genug  ist,  um  den
Beîrachter  nicht  offensîchtlich  im  Rückstande  zu  lassen  gegen.
einen  Nachbarhafen,  über  welchen  im  allgemeinen  grôBere
Warenmengen  ausgeführt  werden,
Ein  Beispiel  wird  dies  klarer  machen,  Antwerpen  führt
im  Durchschnitt  monatlich  1000  t  nach  Neu-Seeland  aus;  daraus
        <pb n="57" />
        lieBe  sich  auf  die  Môglichkeît  einer  direkten  Verbindung
schlieBen,  Doch  London  fertigt  monatlich  drei  Schiffe  von
tmgefâhr  7000  t  dahin  ab,  und  unter  diesen  Urastânden  ist  es
vorteilhafter,  für  Neu-Seeland  bestimmte  Güter  von  Antwerpen
nach  London  zu  bringen.
Die  Transportspesen  von  Antwerpen  nach  London  {allen
jedoch  dem  belgischen  Fabrikanten  zur  Last,  da  er  mit  seinen
englischen  Konkurrenten,  die  diese  Spesen  nicht  zu  tragen
haben,  in  Wettbewerb  treten  muB,
Würden  also  in  einem  gegebenen  Augenblick  die  über
Antwerpen  gehenden  Durchfuhrgüter  nach  einem  anderen
Hafen,  z.  B.  Rotterdam,  abgeleitet,  so  schlügen  unzweifelhaft
viele  unserer  eigenen  Waren  denselben  Weg  ein,  und  ware
es  auch  nur  auf  Grund  der  Ersparnis  am  Frachtpreise,  die
sich  für  den  Exporteur  daraus  ergâbe.  Die  hinzukommenden
Kosten  für  den  Transport  von  Antwerpen  nach  Rotterdam
fielen  jedoch  wiederum  unseren  Fabrikanten  zur  Last.
Ein  anderer  Faktor  würde  der  Bewegung  noch  mehr  Kraft
beisetzen.  In  der  Regel  führt  der  Fabrikant  nicht  selbst  aus;
er  überlâBt  dies  dem  Exporteur.  Dieser  bezieht  seine  Produkte
  nicht  von  einem  einzigen  Fabrikanten,  noch  aus  einem
einzigen  Lande,  Andererseits  liegt  es  in  seinem  Intéressé,
dem  Transporteur  môglichst  ansehnliche  Warenmengen  zu
liefern,  da  er  auf  diese  Weise  einen  Druck  auf  den  Frachtsatz
ausüben  und  sich  bessere  Bedingungen  sichern  kann,  Wenn
also  der  Schwerpunkt  der  Durchfuhr  sich  verlegte,  würden
sicher  viele  belgische  Erzeugnîsse  schon  aus  dem  Grunde  mitgerissen
  werden,  daB  sie  einen  Teil  von  Parti  en  bilden,  für  die
es  im  Interesse  des  Exporteurs  liegt,  sie  nicht  zu  scheiden.
Die  hinzutretenden  Transportkosten  würden  demnach  auch
hier  mittelbar  oder  unmittelbar  auf  unsere  nationale  Gewerbtatigkeit
  fallen.
2.  Unbestreitbar  ist,  daB  die  Abfahrten  von  einem  Hafen
um  so  hâufiger  sind,  je  bedeutendere  Warenmengen  dort  gehandhabt
  werden.
In  der  Regel  erhalt  der  Fabrikant  auf  Einreichung  des
Einschiffungsbeweises  hin  seine  Bezahîung,  Je  schneller  die
Abfahrten  daher  aufeinanderfolgen,  desto  mehr  Gelegenheit
ist  ihm  geboten,  seine  Waren  zu  versenden,  die  Konossemente
zu  erhalten  und  zu  seinem  Geîde  zu  gelangen.
        <pb n="58" />
        57

Die  Haufigkeit  der  Abfahrten  erspart  infolgedessen  dem
Lande  im  allgemeinen  eine  gewisse  Anzahl  Tage  Zinsen  au!
aile  Erzeugnisse,  die  über  Antwerpen  gehen,
Diese  Zinsen  sind  nicht  auf  den  durchschnittlichen  Reingewinn
  zu  berechnen,  oder  wie  Zinsen,  die  gewôhnlich  für
Kapitalien  bezahlt  werden,  sondern  auî  eine  viel  ansehnlichere
Ziffer,  und  zwar  ans  zwei  Gründen,
Der  erste  ist,  daB  die  gewohnliche  Zahlungsfrist  drei
Monate  nicht  überschreitet;  wenn  aîso  der  Reingewinn  des
Kaufmanns  auî  eine  Sendung  5  %  betrâgt,  kehrt  dieser  Gewinn
viermal  im  Jahre  wieder  und  belauft  sich  infolgedessen
auf  20%.
Zweitens  muB  das  Anlagekapîtal  eines  Fabrikanten  ihxn,
Èntgelt  bringen  für  seine  persônliche  Tâtigkeit,  seine  Fachkenntnisse,
  die  Besoîdung  von  Angesteîlten  jeder  Art,  wie  für
das  übernommene  Risiko,  Der  Ertrag  des  von  ihm  wiederverwendeten
  Geldes  bemiBt  sich  demnach  nicht  nach  dem
Zinssatz,  den  ihm  sein  Bankier  gewâhrt,  sondern  nach  demjenigen,
  den  er  dadurch  erzielt,  daB  er  sein  Kapital  durch  seine
Arbeit  fruchtbringend  macht.
Die  jahrliche  Brutto-Rente,  die  das  in  der  Industrie  angelegte
  Kapital  auîbringt,  laBt  sich  demnach  auf  eine  Durchschnittsziffer
  von  15—20  %  veranschlagen,  Um  nun  den  Gewinn, ­
  den  die  Allgemeinheit  dank  den  ôfteren  Abfahrten  einheimst,
  rîchtig  bewerten  zu  kônnen,  woîlen  wir  einmal  ein
Verschwinden  des  fremden  Hinterlandes  von  Antwerpen  annehmen,

Da  das  Schiffsmaterîal,  das  dem  Gütertransport  dient,  unmôglich
  von  heute  auf  morgen  eine  durchgreifende  Umwandlung
  erîahren  kann,  muB  man  logischerweise  annehmen,  daB
der  Tonnengehalt  der  Schiffe  derselbe  bleiben  wird,  und  daB
die  Schiffe  jedesmal,  wenn  sie  Antwerpen  anlaufen,  ein
MindestmaB  an  Ladung  erheischen,  das  demjenigen  gleichkommt,
  weîches  sie  gegenwartig  dort  einnehmen,
Der  nunmehr  eintretende  verringerte  WarenzufluB  wird
notwendigerweise  einen  grofieren  Zeitabstand  zwischen  dem
jeweiligen  Auslaufen  der  Schiffe  nach  sich  ziehen,
Nehmen  wir,  um  dies  an  einem  konkreten  Beispiel  zu
zeigen,  an,  daB  die  über  Antwerpen  nach  den  Vereinigten
Staaten  gehende  Ausîuhr  im  Transit-  und  Eigenhandel  jahrlich
        <pb n="59" />
        58

560  000  t  betrâgt.  Diese  Gütermenge  wird  von  260  Schiffen,
also  durchschnittlich  3165  t  per  Schiff,  vertransportiert.  Nun
beiauft  sich  der  Transport  der  naturalisierten  Waren  aber  auf
397  000  t,  Infolgedessen  würden  dann  nur  noch  160  Abîahrten
jâhrlich  stattfinden  kônnen,  oder  im  Durchschnitt  eine  Abfahrt
auf  2,4  Tage,  anstatt  auf  1,4  Tage  wie  gegenwârtig.
Daraus  würde  also  im  Durchschnitt  eine  Versaumnis  von
einem  Tag  für  die  Gesamtheit  des  Transports  eigener  und
naturalisierter  Güter  fortfiieBen,
Doch,  die  Unwahrscheiniichkeit  der  Unterstellung,  die
dieser  Berechnung  zugrunde  gelegt  wurde,  ist  leicht  ersichtîich,
Das  fremde  Hinterland  kann  unmôglich  von  heute  auf  morgen
verschwinden,  Was  jedoch  eintreten  kann,  ist  die  Ableitung
seiner  Ausfuhr  auf  einen  Hafen,  der  im  Wettbewerb  mit  Antwerpen
  steht.  In  diesem  Falle  würden  unsere  eigenen  Erzeugnisse,
  wie  wir  oben  auseinandergesetzt  haben,  denselben  Weg
einschlagen.  Das  Ergebnis  wâre  ebenso  verhângnisvoll,  denn
wir  hâtten  zunachst  für  einen  lângeren  Landtransport  zu
zahlen,  und  dann  müBte  der  Fabrikant  langer  warten,  bis  er
wieder  in  den  Besitz  seines  Geldes  gelangte.
Es  ist  unmôglich,  den  Schaden,  der  uns  daraus  entstehen
müBte,  auch  nur  annâhernd  zu  berechnen,  doch  ist  es  beinahe
sicher,  daB  wir  uns  für  zahlreiche  Produkte  im  Nachteil  gegen
unsere  deutschen  Konkurrenten  befinden  und  notwendigerweise
  für  viele  Waren  von  ihnen  verdrângt  sehen  würden.
Noch  cin  Punkt  verdient  Beachtung.  Für  die  Ableitung
dicses  Durchfuhrverkehrs  ist  es  nicht  nôtig,  daB  aile  Produkte
zu  ein  und  demselben  Hafen  gezogen  werden.  Es  genügt,
wenn  nur  ein  Teil,  sei  es  das  Schwergut  oder  das  MaBgut,
seinen  Weg  zum  Konkurrenzhafen  nimmt.  Obwohl  Rotterdam, ­
  wie  wir  oben  sahen,  in  bezug  auf  die  Einfuhr  Antwerpen
voransteht  und  für  das  ganze  Rhein-  und  Ruhrbecken  die
günstigere  Lage  besitzt,  geht  doch  die  Ausfuhr  dieser  Gegenden
zum  grôBten  Teile  liber  unseren  Hafen,  einzig  und  allein  infolge
der  besseren  Frachtkombination,  die  sic!}  dort  bewerkstelligen
laBt,  Würde  also  in  einem  gegebenen  Augenblick  das  Gleichgewicht
  gestôrt,  indem  die  Produkte  infolge  besserer  Zugangswege
  zum  Hinterland,  infolge  von  Vorzugstarifen,  oder  auch
infolge  besserer  inlândischer  Bedingungen  billiger  in  einem
anderen  Hafen  f,  o,  b,  geîiefert  werden  kônnten,  und  wenn  die
        <pb n="60" />
        59

Scliiffe  in  der  GewiBheit,  dort  eine  beschleunigte  Abfertigung
wie  bessere  Frachten  zu  finden,  sich  zu  einer  Herabsetzung
des  Frachtsatzes  bewegen  lieBen,  würden  wir  vor  und  nach
die  Güter  ihren  Weg  zum  Konkurrenzhafen  nehmen  sehen.
Zunâchst  in  kleinen  Par  tien;  dann  würden  die  Sendungen,  da
die  eine  Ware  die  andere  nach  sich  zieht,  schneeballartig  anwachsen,
  sich  mehren,  stetig  anschwellen  und  zuletzt  unsere
eigenen  Waren  mit  sich  fortreiBen,  zum  groBen  Nachteile  Antwerpens,
  der  halben  Million  Einwohner  unserer  Handelsmetropole
  und  unseres  Volkes  im  allgemeinen,
Falîs  die  Eisen-  und  Stahlfabrikate  Rheinlands  und
Lothringens  morgen  auf  Rotterdam  abgeleitet  werden,  wer
verbürgt  uns,  daB  nicht  auch  ein  Teil  unseres  Eisens  notgedrungen
  denselben  Weg  einschlagt?  Die  Kosten  des  Extratransports ­
  würden  sich  mindestens  auf  1  sh.  per  Tonne  beîaufen,
  und  es  bliebe  unseren  Industriellen  nur  die  Wahl,  Bestellungen
  abzulehnen  oder,  wenn  moglich,  den  Ertrag  ihres
Kapitals,  die  Abschreibungen  auî  ihre  Einrichtungen  und  die
Lôhne  ihrer  Arbeiter  herabzusetzen.
Wer  verbürgt  uns,  dafi  die  Bewegung  nicht  schon  eingesetzt
  hat?
Rotterdam  breitet  seinen  EinfluB  mehr  und  mehr  aus;  es
ist  bereits  ein  bedeutenderer  Hafen  als  Antwerpen.  Für  die
Wasserverbindung  mit  dem  Hinterland  ist  seine  Lage  uns
gegenüber  die  günstigere,  So  gut  wie  wir  findet  es  sich  am
Knotenpunkt  des  mitteleuropâischen  FluBnetzes.  Antwerpen
besitzt  ihm  gegenüber  nur  diesen  Vorzug,  daB  es  der  Mittelpunkt
  des  Eisenbahnnetzes  ist  und  sich  auf  die  belgische  Industrie ­
  stützen  kann.  Sollte  jedoch  eines  Tages  der  deutsche
Staat  Rotterdam  durch  die  Gewâhrung  von  Vorzugstarifen  wie
durch  die  ganze  wundervolle  Méthode,  die  seine  wirtschaft-Hche
  Organisation  kennzeichnet,  begünstigen,  so  ist  von  dem
Tage  an  zu  befürchten,  daB  unsere  eigenen  Produkte  mitgezogen
  werden,  und  daB  Antwerpen  zum  Range  eines  Lokalhafens
  herabsinkt, 24 )
Die  reiche  Gütermenge  gestattet  eine  Herabsetzung  der
Lagerspesen,  deren  Betrag  ebenfalls  bei  der  Berechnung  des
Fabrikpreises  der  î.  o.  b.  gelieferten  Güter  in  Betracht  kommL

24 )  Dubois  &amp;amp;  Theunissen,  Anvers  et  la  vie  économique  nationale.
        <pb n="61" />
        60

Dank  den  Umstânden  waren  diese  Spesen  in  Antwerpen  bedeutend
  niedriger  als  sonst  irgendwo,  was  unseren  Hafen
wiederum  konkurrenzfâhiger  machte,
*
*  *
Die  Statistik  des  belgischen  Eigenhandels  zeigt,  daB  unsere
Einfuhr  1913  die  Ausluhr  um  1  Milliarde  300  Millionen  Fr,
überstieg;  diese  Biîanz  wâre  gefâhrlich  passiv,  wenn  unser
Land  keine  anderen  Ertragsquellen  besâfie.
Prof,  De  Lannoy  bat  auf  eine  der  letzteren  hingewiesen,
die  besonderste;  die  Berichtigung  unserer  Statistik,  die  wir
ihm  danken,  lâBt  zutage  treten,  daB  kein  einziges  Land,  Holland
vielleicht  ausgenommen,  im  internationalen  Zwischenhandel
eine  so  auBerordentlich  hohe  Geschâftsziffer  erreicht  wie
unseres,  „Drei  Milliarden  und  200  Millionen,"  schreibt  er 25 ),
„werden  an  Waren  auî  unseren  Eisenbahnen  vertransportiert,
in  unseren  Hafen  geîôscht,  in  unseren  Magazinen  gelagert  und
zuweilen  in  unseren  Fabriken  für  Rechnung  des  Auslandes
verarbeitet,  Was  tragen  uns  die  Dienste,  die  wir  diesen
Landern  leisten,  ein?  Zur  Beantwortung  dieser  Frage  îehlen
uns  die  nôtigen  Anhaltspunkte,  doch  sind  die  ausgezahlten
Summen  ohne  allen  Zweiîel  bedeutende,  Unser  internationaler
Handel  besteht  in  seinem  überwiegenden  Teile  aus  Geschaîten,
deren  Abwickelung  stets  mit  Gewinn  schiieBt,  da  es  Durchfuhrgeschâfte
  sind,"  Und  in  der  Tat  belief  unsere  Einfuhr  sich
1913  auî  5,050  Mill.,  die  Ausîuhr  auf  nur  3,716  Miîl.,  dagegen
erreichte  unsere  Durchfuhr  {nach  den  nicht  berichtigten
Zahîeni)  2,460  Mill,,  aîso  nahezu  50  %  von  unserer  Einfuhr
und  60%  von  der  Ausfuhr.
Zur  Verteidigung  der  industriellen  Interessen  Belgiens
schreibt  De  Leener:  ,,Die  überseeische  Durchfuhr  ist  eine
Quelle  fruchtbringender  Regsamkeit  für  das  belgische  Volk,
Es  macht  unsere  Kapitalien  ertragsfahig  und  gibt  einer  Menge
Leute  Beschaftigung,  Der  Kauptvorteil  ist  jedoch  in  dem
mittelbaren  Nutzen  zu  suchen,  der  unserer  Landesindustrie
daraus  ersprieBt,
Die  Ausîuhr  ist  für  die  belgische  Industrie  eine  Lebensîrage,
  Verschiedene  Zweige  derselben  konnen  sich  überhaupt  *

ïr&amp;gt; )  In  1909.  Seitdem  ist  diese  Zifîer  noch  bedeutend  gestiegen!
        <pb n="62" />
        61

nur  vermittelst  der  Ausîuhr,  insbesondere  nach  überseeischen
Lândern,  aufrecht  erlialten,  Ernste  Schâdigung  würde  dem
Lande  daher  durch  das  Fortfallen  direkter,  regelmâBiger  und
mogîichst  billiger  Verbindungen  mit  allen  Lândern  der  Welt
entstehen,  Solche  Verbindungen  aber  kônnen  nur
in  einem  H  a  f  e  n  mît  bedeutendem  und  vielseitigem
  Verkehr  entstehen,  Belgien  allein  ist
nie  ht  imstande,  einen  solchen  Verkehr  zu
schafîen.  Es  ist  daher  eine  besondere  Wohltat,
d  a  6  die  Nachbarlânder  diesera  Mangel  ab  -
helfen." 26 )
In  seiner  Propagandaschriît  zugunsten  des  Antwerpener
Haîens  (S,  31)  hebt  Minister  Renkin  den  gleichzeitigen  Aufstieg
  des  Hafenverkehrs  und  des  «Budget  des  voies  et  moyens"
(Staatseinkünfte)  wâhrend  der  letzten  zv/anzig  Jahre  hervor
und  stellt  lest,  daB  dieser  Verkehr  die  Einkünfte  unmittelbar
und  mitteibar  beeinîluBt.  Da  nun  aber  der  Haîenverkehr  sich
aus  dem  Eigenhandel  und  der  Durchfuhr  aufbaut,  letztere  aber
den  bedeutenderen  Teil  dazu  liefert,  ist  die  günstige  Beeinflussung
  der  Staatseinkünfte  in  demselben  MaBstabe  auf
Rechnung  der  Durchfuhr  zu  setzen-Endlich
  ist  der  Wechselkurs,  der  in  unserm  internationalen
Handel  eine  so  hervorragende  Rolle  spielt,  in  der  Regel  zu
unseren  Ungunsten;  das  rührt  u,  a.  von  dem  MiBverhâltnis
zwischen  unserer  Produktion  und  unserem  Bedarf  fier,  Da  es
aber  schwierig  sein  würde,  erstere  zu  vermehren  und  das  Anwaehsen
  des  letzteren  zu  verhindern,  müssen  wir  notgedrungen
dem  Fortbestande  des  Durchfuhrverkehrs  die  grôBte  Bedeutung
zuerkennen.
Es  will  uns  scheinen,  daB  diese  ganze  Reihe  von  Argumenten
  genügen  wird,  um  die  Notwendigkeit  der  Durchfuhr
für  unsere  Volkswirtschaît  klar  ins  Licht  zu  stellen,
Deutschland  nimmt  eine  so  überwiegende  Stelle  in  unserem
Zwischenhandel  ein,  daB  die  Ausschaltung  dieses  Kunden,  wie
die  Pariser  Konferenz  sie  vorschlâgt,  unseren  Untergang  nach
sich  ziehen  würde.  Die  englisch-deutschen  und  franzôsischdeutschen
  Handelsbeziehungen,  die  von  so  groBem  Nutzen  für

26 )  De  Leener,  La  politique  des  transports,  p.  241.
        <pb n="63" />
        ——  ”—p  ■  p;— ;  pj  ;  ;  1  i  1  '

—  62  —
uns  waren,  würden  ebenfails  aufhôren,  und  was  uns  dann  noch
übrig  bliebe,  wâre  von  keiner  Bedeutung  mehr.
Es  würde  uns  tatsâchiich  nichts  aïs  die  Vermittlung  der
franzôsisch-niederlândischen  und  einiger  franzôsischen  Durchfuhr
  von  und  nach  Übersee  verbleiben.  Die  SchutzzollmaBregeln
  Frankreichs,  sein  ,,Surtaxe-d'Entrepôt“-System,  die
Differentiaîtarife  von  den  Eisenbalmgesellschaften  (Cie.  du
Nord;  Cie,  de  l'Est;  Cie  de  l'Ouest;  P,  L,  M.)  zugunsten  Havres,
Dünkirchens  und  Marseilles  eingeîührt,  haben  die  franzdsische
Durchfuhr  über  Antwerpen  natürlich  auî  einer  auBerst  geringen
Hôhe  gehalten, 27 )  Selbst  Biiîiard  beklagt  sich  in  seinem  Bûche
„La  Belgique  industrielle  et  commercielîe  de  demain"  über
Frankreich:  „Es  verschanzt  sich  vorsâtzlich  in  sich  selbst,  und
in  wirtschaftlicher  Hinsicht  môchte  es  sich  selbst  genügen."
Man  wird  uns  vielleicht  sagen,  daB  das  edelmütige  und
ritterliche  Frankreich  den  Opfern,  die  Belgien  sich  im  gegenwartigen
  Kriege  zu  seineii  Gunsten  aulerlegt  hat,  Rechnung
tragen  und  uns  Vorzugstarife  bewilligen  wird,  Das  ist  moglich,
doch  vergessen  wir  vor  allem  nicht,  daB  die  Geschaftswelt  nur
Geschâfte  kennt.  Zudem  dürfte  es  für  Frankreich  ganz  und
gar  unmôglich  sein,  die  bis  jetzt  befolgte  Politik  aufzugeben,
und  zwar  u,  a.  aus  dem  guten  Grunde,  daB  der  materielle
Schaden,  den  dieses  Land  durch  den  Krieg  erlitten  hat,  sich
als  groB  genug  herausstellen  wird,  um  ihm  die  auBerste  Ausnützung
  aller  ihm  verbleibenden  und  für  seinen  Wiederaufbau
geeigneten  Hülfsqueîlen  und  Mittel  zur  gebieterischen  Pflicht
zu  machen, 28 )
Übrigens  sind  bereits  Anzeichen  vorhanden,  die  nicht  im
entferntesten  auf  Vergütungen,  für  uns  hindeuten,  sondern  die

27 )  Die  fortschreitende  Fôrderung  der  Erzlager  im  Becken  von  Briey
(Ost-Frankreich)  hâtte  nicht  allein  der  Einfuhr  für  unsere  industriellen
Bedürfnisse  zustatten  kommen,  sondern  auch  ein  bedeutender  Faktor
werden  kônnen  in  unserèm  Durchfuhrhandel  über  Antwerpen  vornehmlich
nach  England  —  wir  hâtten  damit  eine  gute  Rückfracht  gehabt  für  die
Tramp  s  chiffe,  die  jetzt  auf  Ballast  dahin  zurückgehen  —  doch  machen
die  von  Dünkirchen  ins  Werk  gesetzten  Bemühungen,  sich  diesen  Transport
zu  sichern,  aile  unsere  Hoffnungen  zunichte.  Siehe  den  Bericht  der  Antwerpener
  Handclskammer  von  1911,  S.  XIV,
ïS )  Wir  wollen  nur  daran  erinnern,  daB  die  Bilanz  der  franzôsischen
Eisenbahnen  nach  den  Angaben  des  Petit  Journal  für  die  letzten  drei  Jahre
einen  Verlust  von  1,1  Milliarden  Fr,  aufweisen,  wovon  0,206  Milliarden  für
Rechnung  des  Staates,  (Offizielle  Zahlen.)
        <pb n="64" />
        63

uns  vielmehr  einen  erbitterteren  Wettbewerb  von  seiten  der
franzôsischen  Hafen  in  Aussicht  stellen  als  je  zuvor-Es
  geht  nâmlich  ans  Berichten  von  franzôsischer  Seite
hervor,  daB  im  gegenwârtigen  Augenblick  mit  âufierster  Kraftentfaltung
  an  der  Ausbreitung  und  Verbesserung  gewisser
franzôsischer  Hafen  gearbeitet  wird.  In  Havre  z,  B.  werden
groBe  Trockendocks  und  ein  Vorhafen  gebaut,  die  den  grôfiten
Schiffen  Zugang  gewâhren;  ein  Dock  von  860X800  m  ist  bereits
fertig,  Die  Plane  hinsichtlich  des  Haîens  von  Marseille  sind
noch  grofizügiger,  ja,  sie  zielen  darauf  hin,  diesen  Hafen  zu
einem  der  bedeutendsten  Handelsmittelpunkte  der  Welt  zu
machen,  Der  Kanal  Marseille—Arles,  von  welchem  bereits
8  km  im  Felsen  gehauen  sind,  soll  das  Mittelmeer  in  direkte
Verbindung  mit  der  kanalisierten  Rhône  bringen;  nach  seiner
Vollendung  wird  Marseille  dem  Netze  der  SchiffahrtsstraBen,
die  in  die  Nordsee  ausmünden,  angeschlossen  sein.  Überdies
will  man  am  Lac  de  Berre  eins  der  grôfiten  Stapelhâuser  der
Welt  aufrichten. 29  30  * )
Bordeaux  endlich  soll  vermittelst  einer  neuen  Durchfuhr-Eisenbahnlinie
  mit  Genf  verbunden  und  dadurch  eine  Wegkürzung
  von  60  km  erzielt  werden;  ein  bedeutender  Teil  der
Ein-  und  Ausfuhr  der  Schweiz,  die  Antwerpen  vor  dem  Kriege
zu  seinen  guten  Kunden  zâhlen  konnte,  wird  alsdann  seinen
Weg  über  jenen  Hafen  nehmen.
Um  nach  ail  dem  noch  eines  Bruchteils  der  franzôsischen
Übersee-Ausfuhr  habhaît  zu  werden,  müBte  Antwerpen  auf  die
industriellen  Erzeugnisse  von  Nordwest-Frankreich  noch  dieselbe
  Anziehungskraft  ausüben  kônnen  wie  vor  dem  Kriege,
Diese  Anziehungskraft  bestand  hauptsachlich  in  den  niedrigen
Lagerungsspesen  und  Frachtsâtzen,  in  der  Haufigkeit  des
Schiffsausgangs  und  der  Mannigîaltigkeit  der  Bestimmungshâfen.
  Doch  haben  wir  gesehen,  dafi  ail  diese  Vorteile  grôBtenteils
  von  der  deutschen  Durchfuhr  abhangig  sind,  und  da  wir
nach  den  Bestimmungen  des  wirtschaftlichen  ..Krieges"  diese
Durchfuhr  fahren  lassen  müBten,  würde  Antwerpen  sich  nicht
niehr  auf  sie  stützen  kônnen;  infolgedessen  kônnte  mit  einer.
29 )  Nieuwe  Rotterdamsche  Courant  vom  11,  Januar  1917.
30 )  Franzôsische  Mitteilung  aus  offizieller  Quelle,  die  sich  im  Oktober
1916  in  allen  Zeitungen  fand.
        <pb n="65" />
        64

franzôsischen  Durchfuhr  von  irgend  welcher  Bedeutung  nicht
mehr  gerechnet  werden,
Nach  ali  den  materiellen  Verlusten,  die  wir  erlitten  haben,
bîeibt  uns  nur  zu  hoffen,  daB  man  eine  Politik  einschlagen  wird,
die  uns  gerecht  wird  und  die  den  wirtschaftlichen  Bedürfnissen
des  Landes  besser  angepaBt  ist.

Der  durch  Belgien  gehende  Passagîer-  und  Auswandererverkchr.


Wenn  die  genaue  Anzahl  der  Passagiere,  die  „in  direktem
oder  unterbrochenem  Transit"  durch  Belgien  nach  Deutschland
  gehen  oder  daher  kommen,  sich  auch  nicht  feststellen
lâBt,  muB  sie  in  Anbetracht  unserer  geographischen  Lage
immerhin  eine  bedeutende  sein.

Dieser  Verkehr  dient  u,  a.  dem  Fâhrdienst  Ostende—
Dover,  den  der  Staat  seit  Mârz  1846  auf  eigene  Rechnung
betreibt,  als  Grundlage-  Vermittelst  ihrer  niedrigen  Fahrsatze
trat  diese  Linie  mit  jener  von  Calais  in  scharfen  Wettbewerb;
trotzdem  blieb  sie  bis  etwa  1890  von  untergeordneter  Bedeutung. ­
  Die  Zahl  der  belôrderten  Passagiere  war  merklichen
Schwankungen  unterworfen;  1870  betrug  sie  z.  B,  37  313,
1875  36  038  und  1880  nur  26  225  Erst  gegen  Ende  des  vorigen
Jahrhunderts  nahm  der  Dienst  seinen  Aufschwung,  Die
Internationale  Schlafwagen-Gesellschaft,  die  mit  der  Leitung
der  belgischen  Eisenbahnen  in  enger  Verbindung  stand,  richtete
mit  der  Zeit  jene  internationalen  Schnellzüge  ein,  denen  die
Linie  Ostende—Dover  vor  dem  Kriege  groBtenteils  ihren  Ruf
und  regen  Verkehr  verdankte.

Die  Zahl  der  Passagiere
Hôhe  an:

1895;

115601

1900;

114813

1905:

136  081

schwoll  zu

auBerordentlicher

1910;

222  410

1911:

181  040

1912;

190  617 31 )

Die  genannten  Züge  gingen  aile  über  Deutschland;  vor
alîem  sind  zu  nennen:  der  Schnellzug  Ostende—Konstantinopel
mit  direkten  Eisenbahnwagen  für  Budapest,  Belgrad,  Bukarest,
Constantza,  und  der  „Nord-ExpreB“,  der  Ostende  unmittelbar  1

S1 )  Annuaire  statistique  de  la  Belgique,
        <pb n="66" />
        mit  Berlin,  Petersburg,  Warschau,  Moskau  und  von  da  über  die
transsibirische  Bahn  mit  Wladiwostok  und  Nagasaki  verband.
Wenn  der  Staat  trotz  des  nach  Millionen  zâhlenden
Defizits 32 ),  das  ihm  der  Dienst  Ostende—Dover  eintrug,  unbeirrt
  seinen  Betrieb  fortsetzte,  so  kann  er  dies  nur  in  der
Erkenntnis  getan  haben,  daB  die  Reisenden,  die  auf  diese
Weise  in  unser  Land  kamen,  lür  dieses  eine  Quelle  bedeutenden
  Gewinns  darstellten.
Endlich  verdient  Erwâhnung,  daB  die  Anlagen  des  Hafens
Zeebrugge  vorzugsweise  das  Anlaufen  der  groBen  Paketlahrtdampfer
  für  den  Passagier-  und  Postdienst  bezwecken  sollte.
Was  den  Auswandererverkehr  über  Antwerpen  anlangt,
so  bat  dieser  in  den  letzten  Jahren  eine  ansehnliche  Ziffer
erreicht.  Die  Tabellen  XIV  und  XV  bieten  verschiedene
Einzelheiten  darüber:

Tabelle  XIV.
Auswandererverkehr,

Jahr

Hamburg

Bremen

Antwerpen

1907

155.982

234  013

100.318

1908

48.598

74.626

35.559

1909

113.535

144.417

67.509

1910

118.131

157.896

71.692

1911

86.895

115.044

59.599

1912

134.169

169.951

87.971

1913

192.733

239.564

115.061

Tabelle  XV,
Auswandererverkehr  über  Antwerpen.
a)  Mit  direktem  Abgang  aus  Antwerpen;
1850  1860  1870  1880  1890  1900  1905  1910  1912
7.016  2,442  126  19.980  38.671.40.763  .83.815  81.497  87.971

32 )  1911:  Einnahmen;  1  717  836  Fr,
Ausgaben:  5  961  732  „
1912:  Einnahmen:  1  823  368  „
Ausgaben:  3  544  881  „
(Annuaire  statistique  de  la  Belgique.)
        <pb n="67" />
        66

b)  Rückwanderer  mit  direkter  Ankimft  in  Antwerpen;
1875  1880  1890  1895  1900  1905  1908  1909  1910
2.202~  Î.300”  9.757  7.665  9.038  12.601  30.848  14.918  19.271
1911  1912
23.410  19.394

c)  Staatsangehorigkcit  und  Bestimmungsland  der  Auswanderer;
  Jahr  1912:

Staatsangehôrigkeit


Zahl

Bestimmungsland

Vereinigte
Staaten

Süd-Amerika


Afrika

Asien

Australien

Deutsche  .  .

2.082

1.605

57

28

1

391

Amerikaner.

756

756

—

—

—

—

Englander  .

6.466

8

3

—

—

6.455

^sterreicher

38.124

38.110

12

—

—

2

Belgier  .  .  .

2.067

2.011

47

—

—

9

Franzosen  .

151

131

4

—

—

16

Italiener  .  .

633

558

73

—

—

2

Luxemburger

82

75

7

—

—

—

Holiander  .

466

219

8

—

—

239

Russen  .  .  .

30.614

30.410

180

—

—

24

Schweden  .

92

53

39

—

—

—

Verschiedene

1.668

1.523

118

—

—

27

Zusammen

83.201

75.459

548

28

1

7.165

Indirekte  Auswanderung:

Belgier  .  .  .
Fremde  .  .  .

2.335
2.435

2.239
2.326

96
106

3

—

—

Zusammen

4.770

4,565

202

3

—

—

Auswanderung  insgesamt;

Belgier  .  .  .
Fremde  .  .  .

4.402
83.569

4.250
75.775

143
607

31

1

9
7.156

Zusammen

87.971

80.025

750

31

1

7.165

Auch  auf  diesem  Gebiete  würde  die  Pariser  Konferenz
verhangnisvoll  für  uns  sein;  der  Krieg  an  sich  wird  ohnehin
schon  einen  bedeutenden  Rückgang  in  diesem  wichtigen  Faktor
unseres  Verkehrs  zuwege  bringen.
        <pb n="68" />
        5*

■—  ————————

—  67  —
111.
tiandel  und  industrie.
Aîigemeines.
Der  AuBenhandel  Belgiens  hat,  dank  der  âuBerst  günstigen
geographischen  Lage  des  Landes,  einen  so  staunenswerten
Auîschwung  genommen,  dafi  dieses  in  die  Reihe  der  groBen
Handelsvôlker  der  Welt  eintreten  konnte;  die  nachstehenden
Angaben  weisen  es  ans:
Tabelle  XVI.
Spezialhandel,

j(  Einfuhr  Ausfuhr
jahre  [|  (In  NUL  Fr.)

1831

89.988

96.555

1840

205.610

139628

1850

221.923

210.032

1860

516.686

470.258

1880

1.680.891

1.216.741

1890

1.672.115

1.437,023

1900

2.215.752

1,922.884

19"5

3.068.336

2.3H3.676

1910

4.264.960

3.407.428

1911

4.508.472

3.580.349

1912

4.9  8.009

3.951.478

1913')

5.049.8o9

3.715.813

Tabelle  XVII.
AuBenhandel.
(In  Milliarden  Fr.)

1911

1912

1913

Grofibritannien

26,25

28,6

30,2

Deutschland  .  .

22,25

24,6

26,1

Ver.  Staaten  .

18,3

19,8

22,1

Frankrcich  .  .  .

i  14,1

15,0

16,3

Niederland,  .  .

12,8

14,2

(?)

Belgien  ....

8,0

8,9)

8,7 3 )

L )  1913:  Jahr  des  Generalstrciks,
! )  1913:  Jahr  des  Generalstreiks,
        <pb n="69" />
        —  68  —

Nach  Warenkategorien  betrachtet,  gibt  der  Spezialhandel
für  1913  folgendes  Bild:
Tabelle  XVIII.

Warengattung

Einfuhr  |  Ausfuhr
(In  Tausenden  Fr.)

I.  Lebende  Tiere  ....

6  .273

1,3  %

44.413

1,2  %

II.  Getrankeu.Nahrungsmittel



1.034.822

20,5  „

327.663

8,8  „

111.  Rohstoffe  und  Halbfabrikate



2.667.035

52,8  „

1.826.078

49,1  ,

IV.  Fabrikate

869.478

n,a  „

1.436.430

38,7  „

V.  Kostbare  Metalle.  .  .

413.251

8,2  „

81.230

2,2  „

(auch  gemünzt)

In  Übereinstimmung  mit  dem  industriellen  Charakter
unseres  Landes  überwiegt  demnach  die  Einfuhr  von  Nahrungsmitteln,
  Rohstoffen  und  Halbfabrikaten,  wâhrend  die  Ausfuhr
der  letzteren  diejenige  der  Fabrikate,  für  die  wir  immer  noch
einigermaBen  abhangig  vom  Auslande  sind,  merklich  übersteigt.
Der  beste  Kunde  Belgiens  ist  Deutschland.  1912  kauften
wir  von  ihm  für  703120  000  Fr.  Waren,  wahrend  wir  ihrn  für
1  007  469  000  Fr.  verkauften,  Gegen  1911  ist  die  Einfuhr  um
16,7%,  die  Ausfuhr  um  5%  gestiegen,  45,9%  dieser  Einfuhr
bestehen  aus  Halbfabrikaten  oder  Rohstoffen  für  unsere  Industrie, ­
  45,4%  aus  Fabrikaten,  Wir  verkaufen  Deutschland
hauptsâchlich  Rohstoffe,  Halbfabrikate  und  Nahrungsmittel;
die  beiden  erstercn  zusammen  bilden  63,7  %  und  letztere
14,2%  vom  Totalverkauf.  Es  ist  vornehmlich  durch  den  Einfuhrhandel
  Antwerpens,  daB  dieser  Prozentsatz  eine  solche
Hôhe  erreicht.  Die  Ausfuhr  von  Fabrikaten  betrâgt  19,2%.
Unsere  Handelsbilanz  mit  Deutschland  schlieBt  demnach
um  304  Mill,  Fr-  zu  unseren  Gunsten  ab.  In  Anbetracht  unserer
ungünstigen  finanziellen  Lage,  die  unsere  Nationalbank  fortwahrend
  zwingt,  sich  in  Frankreich  mit  Gold  und  Silber  zu
versorgen,  ist  diese  Tatsache  nicht  ohne  Bedeutung.
An  Zollgebühren  hat  unser  Handel  mit  Deutschland  der
beîgischen  Staatskasse  ungefâhr  20  200  000  Fr.  zuflieBen  lassen.
Die  folgende  Tabelle  zeigt  den  Anteil  Deutschlands  am
Spezialhandel  Belgiens  mit  dem  Auslande  wahrend  der  letzten
23  Jahre,  AuBer  der  hervorragenden  Stellung,  die  diesem
        <pb n="70" />
        69

Lande  darin  zukommt  um  von  der  Durchfuhr,  die  wir  im
vorhergehenden  Abschnitt  behandelten,  nicht  zu  reden  —,  tritt
vor  allem  der  Aufstieg  der  Ausfuhr  in  der  Tabelle  zutage,  Angesichts
  der  Passivitât  unserer  allgemeinen  Handelsbilanz  ist
diese  Tatsache  von  hôchster  Bedeutung,

Anteil  Deutschlands  am  belgischen  Handel. 3 ]

|  1880  i  1890

1900

1910

1911

1912

%  |  %

%

%

%

%

An  der  Einfuhr  .  .  .

14,5  10,9

14,7

13,5

13,4

14,2

„  „  Ausfuhr.  .  .

19,1  i  18,9

22,1

25,9

26,8

25,5 3  4 )

Daraus  erklârt  sich  die  hohe  Bedeutung,  welche  die  Antwerpener
  Handelskanimer  unsern  kommerziellen  Beziehungen
zu  diesem  Lande  zuschrieb;  das  Zentralbureau  sagte  in  seinem
Bericht  von  1911;  „Die  Geschâftsabwicklungen  zwischen  Belgien
und  dem  Zollverein  weisen  einen  merklichen  Fortschritt  auL
Es  ist  erlreuîich,  dies  festzustellen,  wenn  man  sich  erinnert,
daB  Deutschland  das  einzige  groBe  Land  ist,  mit  welchem  wir
ein  langfristiges  Handelsabkommen  abgeschlossen  haben,  Da
dieses  Abkommen  1917  ablâuft,  ist  es  für  unsere  amtlichen
Wirtschaftsbeflissenen  nicht  zu  früh,  ernstlich  an  die  Vorteile
zu  denken,  die  wir  bei  seiner  Erneuerung  erzieien  oder  behaupten
  kônnen,"
Nach  Deutschland  ist  Frankreich  das  Land,  mit  welchem
wir  die  meisten  Geschâfte  rnachen.  1912  erreichte  die  Einfuhr
von  dort  908  048  000  Fr.,  die  Ausfuhr  dahin  752  314  000  Fr,
Wollte  man  ausschlieBlich  auf  Grand  dieser  Gesamtziffern  sich
ein  Urteil  bilden,  müBte  man  unsere  Lage  hinsichtlich  Frankreichs,
  angesichts  des  bedeutenden  Einfuhrüberschusses  aîs
verderbîich  ansehen,  Glücklicherweise  bedürfen  die  amtlichen
Zahîen  jedoch  einer  Berichtigung.  Wie  wir  soeben  erwahnten,
muB  unsere  Nationalbank  in  stetig  zunehmendem  MaBe  Silber
und  Goîd  aus  Frankreich  holen,  ohne  darum  doch  das  Disagio
zwischen  dem  belgischen  und  franzôsischen  Kurse  aus  dem
Wege  raumen  zu  kônnen-  Hait  man  nun  mit  diesen  Sendungen
3 )  H.  Waentig,  in  Belfried  I.
4 )  BeeinfluBt  durch  die  infolge  des  Balkan-  und  des  türkisch-italienischen
  Krieges  geschaffene  Unsicherheit.  Vgl.  den  Bericht  der  Antwerpener
Handelskammer,  1912,
        <pb n="71" />
        70

kostbarer  Metalle  Rechnung,  so  erscheinen  die  Zahlen  îolgendermaBen;
  Einfuhr  628360  000  Fr.,  Ausfuhr  711000  000  Fr.
Der  Anteil  Frankreichs  am  belgischen  Aussenhandel  ist
folgender:  4||

1870

1880

1890

1900

1910

1911

1912

An  der  Einfuhr  .  .  ,  .

%
25,4

%
20,0

%
19,5

'  %
16,9

%
17,5

%
16,4

%
16,B"

„  „  Ausfubr....

33,4

32,7

24,8

22,1

19,6

19,4

19,0

Diese  Zahlen  lassen  einen  starken  Rückgang  erkennen,
insbesondere  hinsichtlich  der  Ausfuhr,  Noch  sfèirker  traie  die
Verminderung  zutage,  wenn  wir  von  den  aüfgegebenen  Prozenten
  die  Gold-  und  Silbersendungen,  die  von  Jahr  zu  Jahr
an  Bedeutung  gewinnen,  in  Abzug  brachten,  1911  betrugen
diese  tatsachlich  25,4  %  von  unserer  Einfuhr  und  5,5  %  von
der  Ausfuhr;  für  1912  sind  die  entsprechenden  Zahlen:  30,8%
und  5,4%,  für  1913;  37,3%  und  10,1%.
An  Zoll  flossen  der  belgischen  Staatskasse  1912  aus  eingeführten
  franzôsischen  Erzeugnissen  13,3  Mill.  Fr,  zu.
England  komrnt  an  dritter  Stelle.  1912  verkaufte  es  uns
für  505  527  000  Fr.  Waren  und  wir  sandten  ihm  für  540285000  Fr,
Verglichen  mit  Frankreich  und  vor  allem  mit  Deutschland,  ist
es,  vom  Standpunkte  unserer  Handelsbiîanz  betrachtet  °),  nur
ein  recht  mittelmâBiger  Kunde,  Zur  richtigen  Beurteilung
unserer  Beziehungen  zu  diesem  Lande  mulB  man  mit  der  Tatsache
  Rechnung  halten,  daB  es  für  einen  grofien  Teil  unserer
Ein-  und  Ausfuhr  nur  aïs  Vermittler  oder  Zwischenperson  auîtritt,
  wâhrend  Deutschland  und  Frankreich  wirkliche  Ablader
und  Empfanger  sind.
Die  Lage  nach  dem  Krîege,
Das  war  Belgiens  Lage  vor  dem  Kriege  hinsichtlich  seiner
drei  Hauptkunden,  Seitdem  hat  die  Wirtschaftslage  der  Welt
durch  den  Krieg  tiefgreiîende  Wandlungen  erfahrem  Die
kriegführenden  Lânder,  und  insbesondere  die  Verbündeten
(„Entente“-Mâchte)  sind  vor  allem  Importeure  gewesen,  wâhrend ­
  die  Ausfuhr  infolge  der  Konzentrierung  aller  Krâfte  auf

B )  Revue  internationale  des  valeurs  mobiliaires,  23.  12.  14.
        <pb n="72" />
        71

die  Erzeugung  und  den  Transport  von  Kriegsbedarf  bedeutend
gesunken  ist,
Auf  Grund  der  nachstehenden  Ziffern  für  den  Spezialhandel
  wird  man  sich  Rechenschaft  darüber  geben  konnen;

Einfuhr

Ausfuhr

1914

1915

In  1915

1914  |  1915

In  1915

Frankreich  .  .  .
(In  1000  Fr.)
England  ....
(In  1000  Pfd.  St.)
Europ.Ru01and 7 )
(In  1000  Rub.)
Asiat.  RuOland
(in  1000  Rub.)
Die

6.402.169
696.635
928.524
155.110
Bilanz  de

8.074.492
853.753,3
593.639
407.559
s  franzos

+  1.672.323
+  157.121,2
—  334.885
+  252.449
ischen  AuB

4.868.834
861.728
87.455
enhandels

3.022.302
384.647,8
299.621
77.525
weist  n

—  1.846.532
46.074 e )
-562.107
—  9.93®
leist

ein  Passiv  von  über  3,5  Milliarden  Fr,  für  1915  auf;  seit  1914
bat  die  Passivitât  bis  zum  31.  Dezember  1915  5  Milliarden  Fr,
überschritten,  und  das  Jahr  1916  wird  sie  noch  in  auBerordentlichem
  MaBe  gesteigert  haben,
Für  England  belauft  sich  das  Passiv  für  1915  auf  203  Mill,
Pfund  Sterling  oder  ungeîâhr  5  Milliarden  75  Millionen  Fr,
Für  das  europaische  RuBland  hat  das  Passiv,  das  1914
66  796  000  Rub.  betrug,  1915  294  018  000  Rub,  erreicht,  und
dasjenige  des  asiatischen  RuBîands  ist  von  67  655  000  auf
330  034  000  Rub.  gestiegen;  das  Passiv  von  ganz  RuBland  belauft ­
  sich  also  auf  624  052  000  Rub.  oder  1659  978  300  Fr.
Der  AuBenhandel  der  Vereînigten  Staaten  von  Amerika
dagegen  hat  wahrend  des  Krieges  einen  unglaublichen  Auîschwung
  genommen  und  das  Land  um  Milliarden  bereichert.
Ein  Vergleich  zwischcn  den  beiden  letzten  Jahren  ergibt;
(In  1000  Dollars.)

Einfuhr

Ausfuhr

1914

1915

1915

1914

1915

1915

1.789.276

1.778.597

Abnahme
10.670

2.113.6^4

3.547.480

Zunahme
1.433.856

6 )  Diese  Statistik  umfafit  nicht  die  Einfuhr  und  Ausfuhr  von  Waren,
deren  Eigentiimer  die  verbündeten  Regierungen  sind.
7 )  Nach  deî  Agence  économique  et  financière.
        <pb n="73" />
        72

Das  Übergewicht  der  Ausfuhr  über  die  Einfuhr  betrug  für
1914  324  348  000  und  für  1915  1768  883  000  oder  ungefâhr
9  Milliarden  190  Millionen  Fr,
Die  den  Verbündeten  gemachten  Lieferungen  von  Kriegsmaterial,
  sowie  die  ihnen  gewâhrten  Anleihen  haben  den
Schwerpunkt  der  Weltfinanzen  nach  New  York  verlegt,  Vor
dem  Kriege  wurden  beinahe  aile  überseeischen  Finanzoperationen
  für  Europas  Rechnung  in  London  abgewickeltj  in
dieser  Sachlage  steht  eine  merkliche  Wandlung  in  Aussicht,
zumal  da  die  Amerikaner  reichlich  ihren  Vorteil  aus  dem
europâischen  Wirrwarr  gezogen  haben,  Ihre  Industrie  hat  neue
Absatzgebiete  erobert  und  sich  auf  Plâtzen  fest  eingenistet,  wo
ihre  Produkte  früher  nur  mâfiig  von  der  Hand  gingen,
Neue  Fabriken  wurden  spezielî  für  die  Erzeugung  von
Kriegsbedarf  errichtet,  doch  da  ihre  Einstellung  auf  Friedensarbeit
  für  den  gepaBten  Augenblick  vorgesehen  ist,  wird  die
Produktion  der  amerikanischen  Gewerbtâtigkeit  auch  spâter
eine  intensive  bleiben  und  neue  Absatzgebiete  erheischen.  Fin
erbitterter  Wettbewerb  zwischen  ihr  und  der  europâischen
Industrie  steht  in  Aussicht,  Man  denke  nur  an  die  wundervolle
Organisation  der  amerikanischen  Ausfuhr;  die  der  National
Cash  Register  Co,  welche  die  Welt  in  Staunen  setzt,  ist  nur  ein
Beispiel  aus  hundert,
Andererseits  hat  die  amerikanische  Finanzwelt  ihren  EinfluB
  auf  Kosten  Europas  ausgebreitet.  Ein  neues  Gesetz  gibt
den  amerikanischen  Banken  das  Redit,  Zweighâuser  im  Auslande
  aufzurichten,  und  diese  haben  schleunigst  davon  Gebrauch
  gemacht,  Wir  weisen  u,  a,  auf  die  Gründung  der
American  International  Corporation  (Kapital  250000  000),
woran  die  Morgan-Gruppe,  die  Standard  Oil  Co.,  die  National
City  Bank,  wie  die  Firma  Kuhn,  Lob  &amp;amp;  Co,  beteiligt  sind.
Diese  Gruppe  hat  bis  jetzt  u.  a.  die  Latin  American  Co.  für  die
südamerikanischen  Republiken  ins  Leben  gerufen;  zu  den
Unternehmungen,  die  sie  dort  ins  Auge  geîaBt  und  teilweise
sogar  schon  in  Angriff  genommen  hat,  gehôrt  der  Bau  von
Eisenbahnen,  die  Anlage  von  Wasserleitungen,  Hâfen,  Elektrizitâtswerken
  usw,  AuBerdem  hat  sie  soeben  ein  Abkommen
mit  China  getroffen  für  ein  Eisenbahnunternehmen,  das  60  bis
100  Millionen  Dollars  erfordern  wird-
        <pb n="74" />
        73

Auch  Japan  hat  nichts  versâumt,  um  den  günstigen  Augenbiick
  zur  Ausbreitung  seines  Eînflusses  in  Asien  auszunützen.
Die  kriegführenden  Lânder  werden  nach  FriedensschluB,
jedes  für  sich,  ihr  Augenmerk  zuerst  und  vor  allem  darauf
richten  müssen,  eine  feste  Grundlage  für  ihre  Volkswirtschaft
zu  schaffen.  Hohe  Schutzzolîschranken  werden  die  nâchste
Folge  davon  sein,  und  dann  eine  rege  Tâtigkeit  zugunsten  einer
intensiven  Ausfuhr,  die  ihrerseits  wiederum  einen  erbarmungslosen
  Wettbewerb  hervorrufen  wird,  gegebenen  Falles  Hand
in  Hand  mit  der  Organisation  des  Wirtschaftskrieges,  England,
Frankreich,  Italien  und  RuBland  z.  B,  einerseits  werden,  da  sie
ihrer  guten  deutschen  Kundschaft  entsagt  haben,  sich  andere
Absatzgebiete  suchen  müssen,  denn  ein  voîlkommener  gegenseitiger
  Ausgleich  ist  unmôglich.  Deutschland  andererseits
wird  sich  in  derselben  Lage  sehen,  und  da  die  „neutralen“
Mârkte  allein  ihm  offenstehen  werden,  wird  der  Wettbewerb
auî  diesen  ein  zügelloser  sein.  Dem  Kampfe  wird  in  diesem
Lande  bereits  vorgearbeitet;  die  Industrie  zentralisiert  sich,
mâchtige  Produktionsverbânde  treten  ins  Leben,  treffen  Übereinkünfte
  mit  einander,  beteiligen  sich  finanziell  an  groBen
Schiffahrtsunternehmungen,  um  den  Transport  gemeinschaftlich
  zu  organisieren.  Die  deutsche  Industrie  hat  ihre  Organisationsfâhigkeit
  bewiesen,  ihr  Geschick  in  der  Eroberung  von
Absatzgebieten  ist  bekanntL  Wir  wollen  nur  an  folgende  Tatsache
  erinnern:  Nachdem  Frankreich  zur  Beschrânkung  der
deutschen  Einfuhr  seine  Eingangszôlîe  erhôht  hatte,  nahm  diese
Einfuhr  1911,  anstatt  herunterzugehen  oder  stationâr  zu  bleiben,
im  Gegenteil  um  55  Millionen  oder  10%  zu s )  (1910;  543  Mil!,:
1911:  599  Mil!.).
Was  soll  unter  diesen  Umstânden  aus  Beîgien  werden?
Wird  die  belgische  Exportindustrie  die  mannigfachen
Schwierigkeiten,  die  diesen  neuen  Bedingungen  entspringen
werden,  zu  überwinden  wissen?
Wir  haben  bereits  verschiedene  Faktoren  untersucht,  ohne
welche  unsere  Industrie  auf  den  auslândischen  Mârkten  nicht
konkurrieren,  geschweige  denn  gedeihlich  fortkommen  kônnte;
es  lohnt  sich  also  nicht,  darauf  zurückzukommen,  Aber  es  gibt
auch  Faktoren,  die  ihre  Kraft,  welche  hauptsâchlich  in  ihren

8 )  Antwerpener  Handelskammer,  Bericht  1911,  S.  XVI,
        <pb n="75" />
        74

niedrigen  Produktionskosten  lag,  schwâchen  werden,  Der
Mangel  an  Arbeitskrâften  und  die  daraus  entspringende  Lohnsteigerung,
  die  sozialen  Verpflichtungen  und  erhôhten  Steuern
werden  neue  Schwierigkeiten  sein,  denen  man  gegenüberstehen
wîrd;  îreilich  wird  das  ailes  auch  in  anderen  Lândern  statthaben,
  aber  die  beîgische  Industrie  wird  sich  am  schwersten
dadurch  getroffen  fühlen.  Tatsâchlich  werden  viele  unserer
besten  Arbeiter  im  Auslande  bleiben.  In  Frankreich 9 )  vor
allem  haben  ernstliche  Versuche  eingesetzt,  sie  zurückzuhalten;
Holland,  England  und  Amerika  werden  dasselbe  tun,  Der
beîgische  Arbeiter,  der  überall  für  sein  Geschick  und  seine
Ausdauer  bekannt  ist,  wird  das  Ziel  für  die  Begehrlichkeit  der
interessierten  Vôlker  werden-  Diejenigen,  die  im  Lande  zurückgeblieben
  sind,  werden  sich  nach  nahezu  dreijahriger  Untâtigkeit
  wieder  aufraffen  müssen,  und  es  wird  viel  Zeit  vergehen,
bevor  sie  sich  ihrer  regelmaBigen  Beschaftigung  wieder  angepaBt
  haben,
Als  unmittelbare  Folge  des  Weltkrieges  steht  wahrscheinlich
  eine  ganz  bedeutende  Ausbreitung  des  Einflusses  der
Arbeiter  auf  das  Geschick  der  Nation  bei  uns  in  Aussicht;  die
Besteuerung  des  Einkommens  und  die  AbschlieBung  der  ganzen
sozialen  Gesetzgebung  werden  sich  als  unvermeidlich  erweisen.
Der  Arbeiter,  der  aus  England,  aus  Frankreich,  aus  Amerika
zu  uns  zurückkehrt,  wird  dort  Bekanntschaft  gemacht  haben
mit  Lohnen  und  Gesetzesbestimmungen  zum  Schutze  des  Prolétariats, ­
  die  bedeutend  günstiger  für  ihn  sind  als  diejenigen,
die  er  im  eigenen  Lande  gewohnt  war;  er  wird  ihre  Einführung
fordern,  und  es  wird  schlecht  angehen,  sie  ihm  zu  weigern,
Der  dazu  erforderliche  Einsatz  von  Kraft  wird  um  so  bedeutender
  sein,  als  er  sich  gegen  jahrhundertealte  Gewohnheiten
richtet  und  unsere  Industrie  sich  noch  stets  vorwiegend  von
den  Manchester-Prinzipien  und  den  Theorien  von  Adam  Smith
leiten  laBt  und  daher  stark  individualistisch  geblieben  ist,
Endlich  werden  sich  auf  dem  Gebiete  unserer  mechanischen
Ausrüstung  ansehnliche  Neuanschaffungen  als  nôtig  erweisen,
da  der  Bestand  durch  Requisitionen,  Zerstôrungen  usw.  viele
EinbuBen  erlitten  hat,  Wir  müssen  neue  Vorrâte  von  Rohstoffen
  einlegen,  unser  inlândisches  Transportwesen,  besonders

“)  Le  Gaulois  vom  8.  November  1916,  u.  a.
        <pb n="76" />
        75

den  Eisenbahnbetrieb,  neu  einrichten,  und  1  a  s  t,  but  not
1  e  a  s  t,  gegebenen  Faites  Ersatz  suchen  für  das  in  vielen  Unternehmungen
  angelegte  deutsche  Kapital. 10 )
Kurz  und  gut,  die  belgische  Industrie  wird  sich  im  Augenblick
  der  Wiederaufnahme  des  Geschâftes  gegen  seine  Konkurrenzunternehmungen
  offenbar  im  Nachteil  befinden.
Zudem  will  man  für  unsere  Industrie  die  deutsche  Grenze
abschlieBen?  Wo  soll  sie  dann  ihre  Kohl  en,  gewîsse  Erze,
Eisen  und  Stahl,  chemische  Produkte,  Farben  und  Maschinen
holen?  England  und  Frankreich  werden  uns  natürlich
schleunigst  ihre  Offerten  machen,  aber  zu  welchen  Bedingungen?
  Da  Frankreich  nicht  genug  Kohlen  für  seinen  eigenen
Bedarî  erzeugt  und  eine  krâftige  Ausbeutung  der  Kohlenlager
in  den  belgischen  Kempen  erst  in  einigen  Jahren  eintreten
kann,  würden  wir  für  unser  Brennmaterial  auf  England  angewiesen
  sein;  der  Transport  würde  mehr  kosten,  die  Kohle
daher  auch,  Deutschland  lieferte  uns  1913  6  675  000  t;  da
nun  seit  verschiedenen  Jahren  ein  auBerordentliches  MiBverhaltnis
  bestand  zwischen  unserer  GuBeisen-  und  Kohlenproduktion
 11  * ),  hatten  einige  Fabriken,  die  ihre  Kohlen  aus
Deutschland  beziehen  muBten,  sich  selbst  in  bestimmten
Landesteilen  lokalisîert,  wo  sie  diese  am  billigsten  bekommen
konnten.  MüBten  sie  ihre  Kohlen  in  England  kaufen,  wâre
ihre  Existenz,  die  von  einem  kleinen  Unterschiede  zwischen
dem  Produktions-  und  Verkaufspreise  abhângt,  schwer  bedroht.
In  Belgien  gibt  es  selbst  mehrere  Koksofen,  die  ihre  Kohlen
aus  Deutschland  holen,  um  den  Koks  wieder  nach  dahin  auszuführen.
 15 )
Andererseits  würde  die  Umstellung,  die  der  Ausgîeich  des
unermeBîichen  Verlustes  der  belgischen  Ausfuhr  nach  Deutschland ­
  erfordern  würde,  zu  viel  Zeit  in  Anspruch  nehmen,  um
nicht  kritisch  zu  sein;  die  Hoffnung,  diesen  Ausfall  durch  eine
in  demselben  MaBe  gesteigerte  Ausfuhr  nach  anderen  Lândern
ausgeglichen  zu  sehen,  würde  sich  aïs  eine  Utopie  erweisen,
Das  îâBt  die  bevorstehende  Erhohung  der  Produktionskosten,
10 )  Vornehmlich  in  der  Zink-,  Eisen-  und  Glasindustrie.
1  ’)  Von  1903—1912  ist  die  Produktion  von  Roheisen  von  1,216  Milî.
auf  2,301  MOI.  per  Jahr  gestiegen,  wâhrend  die  Kohlenfôrderung  uni
1  MOI,  t  gesunken  ist.
J2 )  W.  Bürklin,  Handbuch  des  belgischen  Wirtschaftslebens,  S,  45.
        <pb n="77" />
        76

wie  die  zukünftige  Lage  des  Weîtmarktes,  wovon  wir  sprachen,
klar  erkennen,
Da  wir  den  Neutralen  die  „Klausel  der  meist  begünstigten
Nation"  nicht  anbieten  kônnen,  werden  diese  sie  uns  ebenfalls
verweigern,  doch  Deutschland  zugestehen 13 ),  und  dieser  Umstand
  ist  nicht  von  solcher  Art,  um  unseren  Exporteuren  auî
diesen  Markten  zu  nützen.  Von  seiten  Englands  dürfen  wir,
da  seine  Industrie  der  unserigen  wesentlich  gleichartig  ist,  nicht
viel  erwarten;  überdies  schlieBt  sich  das  ausgedehnte  britische
Weltreich,  das  zahlreiche  für  unseren  Absatz  in  Betracht
kommende  Gebiete  umfafit,  dem  Mutterlande  so  enge  an,  daB
es  diesem  besonders  günstige  Bedingungen  auf  seinen  Markten
vorbehâlt.
„Was  Wir  vorzugsweise  zu  fürchten  haben,“  lesen  wir  in  dem  Bericht
der  Antwerpener  Handelskammer  für  1912,  „und  worauf  wir  schon  oft  aïs
die  grôfite  Gefahr  hingewiesen  haben,  die  unserer  Ausfuhr  droht,  das  ist
die  Ausbreitung  der  differentiellen  Vorzugsiarife,  welche  die  Kolonien
unserer  groBen  kolonisierenden  Nachbarn  dem  Mutterlande  für  seine
industriellen  Erzeugnisse  gewahren.  Die  englischen  Konsularbcrichte
stellen  seit  ein  paar  Jahren  mit  einer  Genugtuung,  die  für  uns  nichts  Gutes
bedeutet,  fest,  daB  das  Inkrafttreten  dieser  Tarife  in  den  britischen
Kolonien,  und  bestimmter  in  Südafrika  und  in  Australien,  seine  Wirkungen
gezeigt  bat  in  einem  merklichen  Niedergange  der  fremden  (lies:  deutschen
und  belgischen)  Einfuhr  in  diese  Kolonien  und  einem  entsprechenden  Aufstieg
  der  Exnfuhrziffern  GroB-Britanniens,  Wir  wiederholen,  was  wir  in
unsern  vorhergehenden  Berichten  sagten;  Solange  unsere  Konkurrenten,
die  mâchtigen  Lânder,  derartige  Mittel  anwcnden,  bleibt  uns  nichts  anderes
übrig,  als  unaufhôrlich  die  Qualitât  unserer  Waren  zu  verbessern  und  zugleich
  zu  Preisen  zu  verkaufen,  die  uns  gestatten,  unseren  Konkurrenten
die  Stirn  zu  bieten,"
Und  was  wird  es  nach  dem  Kriege  sein?
Kann  der  deutsche  Handelsverkehr  ersetzt  werden?
„Das  Land,  wohin  wir  unsere  Bîicke  richten  müssen,  ist
Frankreich!  Von  Frankreich  muB  unser  Heil  kommen!"  ‘ruft
Robert  Billiard  ans  in  seinem  Bûche  „La  Belgique  industrielle
et  commerciale  de  demain",  LaBt  uns  untersuchen,  ob  diese
Worte  einen  Grund  von  Wahrheit  enthalten-Armand
  Julin  stellte  bereits  fest,  daB  die  wirtschaftliche
Entfaltung  Frankreichs  an  Kraft  verliere;  in  dem  Zeitraum  von
1860  bis  1890  übertraf  sie  diejenige  Deutschlands  und  Belgiens,

13 )  Henri  Lambert  in  der  Indépendance  belge  vom  15.  Juli  1916.
        <pb n="78" />
        77

aber  seitdem  haben  diese  beiden  Lânder  einen  Vorsprung
gewonnen,
Frankreichs  Lage  nach  dem  Kriege  wird  eine  schwierige
sein,  wie  immer  der  Kaxnpf  auch  ausfallen  môge.  Die  Worte,
die  Victor  Cambon,  ein  Neffe  des  franzôsischen  Gesandten  in
London,  gelegentlich  eines  Vortrages  in  der  „Société  des
ingénieurs  civils"  zu  Paris  aussprach,  geben  keinem  Zweifel
darüber  Raum.
,,Gesetzt,  Deutschland  würde  zum  SchluBe  zerschmettert,"  sagte  er f
,,gesetzt,  die  Bundesgenossen  hâtten  es  auf  Gnade  oder  Ungnade  in  ihrer
Gewalt  und  schnitten  nach  Belieben  Stücke  von  seinem  Grundgebiet  ab,
so  ware  Frankreich  darum  nicht  weniger  erschopft  an  Menschen,  Arbeitsmitteln
  und  Geld  an  sein  Ziel  gelangt.  Es  wird  eine  voile  Million  seiner
besten  Handwerker  auf  den  Schlachtfeldern  und  in  den  Hospitâlern  gelassen
  haben.  Nun  bedurfte  Frankreich  aber  schon  vor  dem  Kriege  der
Aushülfe  durch  fremde  Arbeitskrâfte.  Bei  Hunderttausenden  kamen  die
Belgier,  die  Deutschen  und  die  Italiener  hereingestrômt;  dieser  Zuflufi
wird  aufhôren,  da  der  Mangel  an  Arbeitskrâften  sich  nach  dem  Kriege
überall  geltend  machen  wird,  und  Frankreich  wird  vor  einem  Riesenwerk
der  Neueinrichtung  stehen.  Wird  es  dieses  erfüllen  konnen?  Die  Arbeit
wird  auBerordentlich  hohe  Lôhne  erheischen,  ohne  den  Wert  darzustellen,
den  sie  vor  dem  Kriege  batte;  und  wer  wird's  bezahlen?  Die  Entkraftigunf
wird  allgemein  sein.  Die  unnormale  Verschiebung  im  Reichtum  kommt
eher  den  Schmarotzern  zugut,  besonders  den  Kriegslieferantcn,  die  sich
wohlweise  aus  dem  Wechselspiel  der  Schlachten  halten,  zum  Schaden  derjenigen,
  die  in  den  Schützengrâben  kâmpfen,  und  die  die  wahre  lebende
Kraft  des  Landes  vergegenwartigen,  Was  die  Staatsfinanzen  angeht,  so
kann  niemand  sagen,  ob  die  ôffentliche  Schuld  um  30,  40  oder  50  Milliarden
anwachsen,  d.  h.,  ob  die  jâhrliche  Zinsenlast  allein,  mit  AusschluB  der
Amortisation,  sich  um  1,5,  lira  2  oder  um  2,5  Milliarden  vermehren  wird,
wozu  jâhrlich  mindestens  eine  Milliarde  Fr.  an  Militarpensionen,  wie  durch
Ausfall  in  den  Steuern  und  Einfuhrzollen  hinzutritt.
Ist  Frankreich  wenigstens  imstande,  die  Erbschaft  von  Deutschlands
Handel  und  Industrie  zu  übernehmen?  Frankreichs  Bürokratismus,  der
seinem  wirtschaftlichen  Aufschwung  fortwahrend  im  Wege  stand,  und  seine
soziale  Gesetzgebung,  beherrscht  ganz  und  gar  von  politischen  Leidenschaften,
  aller  Einsicht  in  bezug  auf  die  Bedürfnisse  der  wirtschaftlichen
Entwickelung  bar,  das  Régime  der  Phrase  und  der  Favoritismus,  die  die
franzôsische  Organisation  von  oben  bis  unten  durchfâulen,  haben  materiell
und  moralisch  einen  Dauerzustand  geschaffen,  der  kaum  gestattet,  sich  in
dieser  Hinsicht  Illusionen  hinzugeben,"  “)
Um  jene  Erbschaft  zu  übernehmen,  und  wâre  es  nur  Belgien
gegenüber,  das  1 I 12  seines  GesamtauBenhandels  (15,4  Milliarden)
vergegenwartigte,  müBte  Frankreich  sich  unermeBlich  anstrengen.
  Es  müBte  sowohl  seine  Produktion  wie  seinen  Ver-14

 )  Übergenommen  aus  der  Revue  internationale  des  valeurs  mobilières.
        <pb n="79" />
        78

brauch  verhâltnismâBig  stark  erhôhen,  um  uns  eine  Handelsziffer
  zu  besorgen,  die  unser  Handel  mit  Deutschland  aufzuweisen
  batte,  nâmlich  eine  Milliarde,  660  Millionen,  Wie  wir
bei  der  Untersuchung  über  den  Durchfuhrhandel  bereits  gesehen
  haben,  müBte  Frankreich  seine  ganze  Transportpolitik
fahren  lassen  und  seine  Zollgesetzgebung  abândern,  was  ihm
in  Anbetracht  der  Umstânde  so  groBe  materielle  Verluste  eintragen
  würde,  dafi  gar  nicht  daran  zu  denken  ist,  AuBerdem
wâre  zu  untersuchen,  inwieweit  Frankreich  uns  unsern  Handel
mit  Deutschland  vergüten  kônnte  mit  Rücksicht  auf  die  Art
der  ausgetauschten  Güter.  Eine  eingehende  Untersuchung
darüber  würde  uns  zu  weit  führen;  wir  werden  uns  damit
begnügen,  einige  Worte  darüber  zu  sagen, 10 )  Die  „Statistik
des  belgischen  Spezialhandels  mit  Frankreich,  GroBbritannien
usw,  für  1908/09,  untersucht  hînsichtlich  des  Ursprungs  und
des  Grades  der  Bearbeitung  der  ausgetauschten  Güter“,  1911
von  unserer  Regierung  herausgegeben,  ist  hierfür  um  so
wichtiger,  als  sie  den  Durchfuhrhandel  sorgfâltig  ausscheidet;
wir  entnehmen  ihr  die  folgende  Tabelle  (XIX),  die  zum  Vergleich
  dienen  kann,  obwohl  sie  von  1909  datiert.  In  erster
Linie  îallt  darin  der  überwiegende  Anteil  (53,6  %)  der  Fabrikate
an  unserer  Einfuhr  aus  Deutschland,  sowie  derjenige  der  Rohstoffe
  ins  Auge,  wohingegen  in  der  Ausfuhr  nach  diesem  Lande
die  Halbfabrikate  vorherrschen.  Unser  Handel  mit  Frankreich
zeigt  keine  derartige  Steilsprünge,  die  auf  eine  gewisse
Spezialîsierung  im  Austausch  schlieBen  lassen,  Andererseits
weist  der  Vergleich  zwischen  dem  deutsch-franzôsischen  Austausch ­
  und  dem  deutsch-belgischen  Handel,  den  Tabelle  XIX
bietet,  auf  einen  zu  verschiedenartigen  Charakter,  als  daB  an
die  Môglichkeit  eines  gegenseitigen  Ausgleîchs  gedacht  werden
konnte;  die  Spezialîsierung  zeichnet  sich  dafür  beiderseits  zu
scharî  ab  und  entspricht  den  in  Jedem  der  beiden  Lânder  bestehenden
  Produktionsbedingungen,  Und  diese  sind  wiederum
von  natürlichen,  soziologischen,  ethnographischen  und  anderen
Faktoren  abhângig;  einfach  willkürliche  Verordnungen  würden
sie  nicht  verândern  kônnen.

1B )  Für  nâhere  Einzelheiten  sehe  man  die  Studie  von  H.  Waentig,  Die
Zukunîtspliine  des  Herrn  Billiard,  in;  Belfried,  I.  Jg.,  S.  9  ff.
        <pb n="80" />
        79

Tabelle  XIX.

Warengattung

Belgische  Einfuhr
aus

Belgische  Ausîuhr
nach

1.  Lebende  Tiere
2.  Nahrungsmittel
3.  Rohstoffe  .  .  .
4.  Halbfabrikate  .
5.  Fabrikate.  .  .  .

Franki
Mill.  Fr.
4,3
72,9
109,0
85,0
109.2

•eich
0/
/O
1,2
19.2
26,6
22.3
28,7

Deutsc
Mill.  Fr.
1,7
3",7
111,1
64,6
239,9

dand
%
0,4
7,0
24.5
14.5
53.6

Frank
Mill.  Fr.
11,9
33.5
154,8
92.6
108,6

■eidi
%
8,0
8,4
38,6
23,0
27,0

Deutsc
Mill.  Fr.
34,4
24.9
42.9
126,4
52,1

iland
%
12,2
9,0
15,3
45,0
18,5

380,4  j  100,0

448,0

100,0

4ul,4  100,0  |  280,7

100,0

Tabelle  XX  A.
1913,

Warengattung

Belgische  Ausfuhr
nach  Deutschland

Franzosische  Einfuhr
aus  Deutschland

in  Mill.  Fr.

%

in  Mill  Fr,

%

1.  Lebende  Tiere.  .

39,37

9,1

0,75

0,1

2.  Nahrungsmittel.  .

29,25

6,8

108,37

11.0

3.  Rohstoffe

84,12

19,6

144,87

14,7

4.  Halbfabrikate.  .  .

129,12

37,8

160,12

16,2

5.  Fabrikate

115,-26,7



573,-58,0



396,86

100,0

987,11

100,0

Tabelle  XX  B.
1913.

Warengattung

Belgische  Einfuhr
aus  Deutschland

Franzosische  Ausfuhr
nach  Deutschland

1.  Lebende  Tiere  .  .
2.  Nahrungsmittel.  .
3.  Rohstoffe

in  Mill.  Fr.
0,50
56,87
178,87
105,37
347,12

%
0,1
8,2
26,0
15.3
50.4

n  Mill.  Fr.
9,75
127.50
229,38
124.50
237,87

%
1,3
17.5
31.5
17,1
32.6

4.  Halbfabrikate.  .  .
5.  Fabrikate

688,73

100,0

829,—

100,0

Kurz  und  gut,  Ideen  wie  Billiard  und  Genossen  sie  ruhmredig
  verkünden,  sind  Utopien,  und  die  Tatsache,  daB  der
Abbruch  der  wirtschaftlichen  Beziehungen  zu  Deutschland
Belgien  unersetzbaren  und  katastrophalen  materiellen  Schaden
        <pb n="81" />
        80

zufügen  würde,  lâBt  sich  nicht  leugnen, 16 )  Die  soeben  angeführten
  Zahlen  beweisen  es  sonnenklar.
Der  Emîuhrhandel,
Zur  Vervollstândigung  dieser  Untersuchung  bedari  es
einiger  Worte  über  den  Handel  des  Platzes  Antwerpen,  Seine
Bedeutung  hinsichllich  der  Schiffahrt  und  des  Verkehrs  wurde
bereits  ins  Licht  gestellt,  darauf  brauchen  wir  nicht  zurückzukommen.

Es  ist  sicher,  daB  Stôrungen  in  der  wirtschaftlichen  Ordnung
  unseres  Volkslebens  in  gleichem  MaBstabe  aul  seine  Be-1G

 )  Es  ist  sogar  von  einem  franzôsisch-belgischen  Zollverbande  die
Rede  gewesen.  Es  ist  zuweilen  nicht  ohne  Nutzen,  die  Geschichte  zu
durchblâttern,  wenn  man  die  Zukunft  ins  Auge  falit.  Die  Idee  eines
solchen  Verbandes  ist  nicht  neu,  sie  stand  1841  bereits  auf  dem  Programm.
Die  vom  belgischen  Parlament  ernannte  Untersuchungskommission  brachte
einen  ungünstigen  Bericht  darüber  ein.  Wir  entnehmen  demselben.
folgende  Stellen:
,,Belgien  empfindet  das  dringende  Bedürfnis,  sich  neue  Absatzgebiete
zu  verschaffen,  Sb  manches  Mal  hat  es  sich  betrogen  gesehen,  So  manches
Mal  haben  die  Handelsinteressen  des  Auslandes  indirekte  Wege  eingeschlagen,
  um  Belgien  irre  zu  führen  und  sein  Augenmerk  von  anderen
Mitteln,  sich  Quellen  des  Handelsaufschwungs  zu  schaffen,  abzulenken!
Es  ist  leicht,  eine  junge,  mit  den  Schlichcn  und  Enttâuschungen  der
Diplomatie  nicht  vertraute  Nation,  mit  frügerischen  Erwartungen  zu  nâhren.
Sie  mit  der  Hoffnung  auf  einen  Handelsverband  hinzuhalten,  ist  sicher  ein
ausgezeichnetes  Mittel,  um  ihre  Anstrengungen  zu  lâhmen,  um  ihren  Drang
nach  Handels-  und  Schiffahrtsunternehmungen  niederzuhalten  und  um  der
Ausbreitung  ihres  Handels  und  ihrer  Industrie  Hindernisse  in  den  Weg
zu  legen,"
,,Das  Gleichgewicht  Europas  erheischt,  da(3  Belgien  niemals  mit
Frankreich  vereinigt  wird,  Letztere  Macht  übt  Druck  genug  auf  die  benachbarten
  Staaten  aus,  sowohl  durch  die  ihr  innewohnende  Kraft  als
durch  den  Ehrgeiz,  sich  zu  vergrôBern,  Seit  Ludwig  XIV.  hat  sie  nicht
aufgehôrt,  diese  zu  beunruhigen.  Belgien,  weit  davon,  eine  politische  Vereinigung
  mit  Frankreich  zu  suchen,  weist  eine  solche  ab.  Es  beneidet
ihm  seine  Gesetze  nicht.  Es  kann  glücklich  leben  im  schirmenden  Schatten
sciner  eigenen  Einrichtungen,"
Die  Vorschriften  der  Regierung  an  den  belgischen  Gesandten  in  Paris,
den  Grafen  Le  Hon,  waren  noch  bestimmter  in  ihren  Ausdrücken;  wir
entnehmen  ihnen  folgende  Stelle:  ,,Eine  Zollschranke  muB  zwischen  den
beiden  Lândern  bestehen  bleiben:  das  ist  eine  Bedingung  siïie  quanon
des  (Handels-)  Vertrages,  Eine  Zollschranke  mu(3  aufrecht  erhalten  werden
aus  Gründen  national-politischer  und  moralischer  Art,  deren  Wert  Sie
wohl  einzuschatzen  wissen,  Zwischen  beiden  Lândern  mul3  ein  âuBerliches
Zeichen  bestehen  bleiben,  das  die  Existenz  und  Unabhângigkeit  des
belgischen  Staates  ankündet.''
        <pb n="82" />
        81

6

triebsamkeit  zurückwirken.  Die  belgische  Industrie  bildet
einen  hohen  Prozentsatz  seines  Verkehrs;  sie  ist  andererseits
vermôge  ihrer  Beschaffenheit  zum  groBen  Teile  vom  Gedeihen
des  Hafens  abhângig.  Der  Entfaltung  des  einen  Teils,  die
unter  dem  Antriebe  natürlicher  und  logischer  wirtschaftlicher
Gesetze  erfolgt  ist,  willkürlich  Schranken  setzen  wollen,  bedeutet
  die  Entwicklung  des  anderen  Teiles  in  Frage  zu  stellen;
da  die  Beeinfiussung  eine  wechselseitige  ist,  steigert  sie  sich
durch  die  Anhâufung  der  Wirkungen,
Als  eines  seiner  charakteristischen  Merkmale  zeigt  der
neuzeitige  Handel  die  Tendenz,  die  Rolle  der  Zwischenhand
zwischen  dem  Produzenten  und  dem  Konsumenten  zu  verringern,
  und  dann,  den  Handel  so  nahe  an  die  Verbrauchs-  oder
Erzeugungsmittelpunkte  zu  bringen,  aïs  die  Umstânde  es  erlauben.

Bis  zur  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  ungefâhr  batte  der
Handel  vorwiegend  seinen  Sitz  in  den  Seehâfen,  wo  die  überseeischen
  Waren  gegen  einheimische  Erzeugnisse  ausgetauscht
wurden.  Unter  der  Einwirkung  verbesserter  inlândischer  Verbindungen
  und  einiger  andere  Faktoren  bat  der  Handel  sich  %
jedoch  vor  und  nach  weiter  ins  Land  hinein  zurückgezogen,
Das  war  vornehmlich  der  Fall  hinsichtlich  des  Einfuhrhandels,
mit  dem  wir  uns  gerade  beschâftigen.  Am  stârksten  trat
diese  Neigung  in  den  Hafen  zutage,  wo  das  Lôschen  und  die
Weiterbefôrderung  der  eingeführten  Handelsartikel  mit  einem
MindestmaB  von  Vermittlung  vor  sich  ging,  in  anderen  Worten,
sich  auf  einfachen  Umschlag  beschrankte,  Zum  Nachteile
Rotterdams  und  Hamburgs  sind  Mannheim  und  Duisburg  auf
diese  Weise  für  das  Rheinbecken,  Berlin  für  das  Elbgebiet
wichtige  Markte  für  das  aus  überseeischen  Lândern  eingèführte
Getreide  geworden,
Antwerpen  hat  verhâltnismâBig  wenig  unter  dieser  Entwickelung
  gelitten,  erstens,  weil  Belgien  als  dichtbevolkertes
Industrieland  für  vier  Fünftel  seines  Verbrauches  an  Ackerbauerzeugnissen
  vom  Auslande  abhangig  war,  und  andererseits ­
  groBen  Bedarf  an  Rohstoffen  batte;  zweitens  erlaubte
seine  zentrale  Lage  eine  rationelle  Verteilung  nach  allen  Teilen
des  Inlandes  sowohl  als  nach  dem  fremden  Hinterlande,  das
dieselben  Merkmale  aufwies.
        <pb n="83" />
        82

Für  seinen  Einfuhrhandel  zâhlte  es  zu  den  wichtigsten
Umsatzplâtzen  Europas.  Die  Hauptartikel,  die  hier  zum  Kauf
und  Verkauf  gelangen,  sind;  Getreide,  Kaffee,  Wolle,  Haute,
Kautschuk,  Elfenbein,  Hôlzer,  Mineralôle,  chemische  Produkte,
Erze  usw.  usw,
Begiinstigt  wurde  dieser  Handel  noch  dadurch,  dafi  in
Antwerpen  zahlreiche  Ackerbau-,  Viehzucht-,  Darlehen-Gesellschaften
  usw-  ins  Leben  traten,  die  ihren  Betriebssitz  in  Südamerika,
  in  Kanada,  im  Kongo-Freistaat,  in  den  Balkanlandern
und  anderswo  hatten;  durch  sie  wurden  unsere  Beziehungen
mit  diesen  Produktionslandern  auf  eine  festere  Grundlage
gestellt.
Die  anhaltende  Überhâufung  in  unserem  Hafen  hat  dem
Handel  jedoch  viel  Eintrag  getan,  So  nimmt  fast  aile  für  die
flandrische  Textilindustrie  bestimmte  Baumwolle,  wie  ein  Teil
des  Holzes  seit  einiger  Zeit  seinen  Weg  über  Gent;  auch
werden  zahlreiche  Getreideladungen,  obwohl  in  Antwerpen
gehandelt,  zur  schleunigeren  Abfertigung  (despatch)  nach
Rotterdam  abgelenkt,
„Frankreich 17 )  kann  im  allgemeinen  nicht  zur  Kundschaft
unseres  Hafens  gezahlt  werden.  Es  entschlüpît  ihm  hauptsâchlich
  infolge  der  Surtaxe  d'entrepôt  (und  der  Staffeltarile),
  die  aile  nicht  unmittelbar  über  einen  îranzôsischen
Hafen  eingeführten  Waren  trifft.“
„Der  Hauptkunde  des  Antwerpener  Hafens  ist  Deutschland,
  Ein  erbitterter  Kampf  um  den  Vorrang  ist  im  Gange
zwischen  Bremen,  Hamburg,  Rotterdam  und  Antwerpen,"
Die  Tabelle  XX,  nach  den  amtlichen  Statistiken  für  1913
zusammengestellt,  gibt  eine  Idee  von  dem  Übergewicht
Deutschlands  im  Handel  mit  einigen  der  hauptsâchlichen
Waren,  die  aus  überseeischen  Lândern  in  Antwerpen  eingeîührt
  und  dort  gehandelt  werden,
Das  Getreide,  das  wiederausgeführt  wird,  kann  nur  aus
dem  Auslande  stammen,  denn  das  belgische  Getreide  vermag
infolge  der  Schutzzollschranken  unserer  Nachbarn  in  deren

17 )  Dubois  &amp;amp;  Theunissen,  Anvers  et  la  vie  économique
nationale,  p.  129,
        <pb n="84" />
        83

6*

Lândern  nicht  mit  den  einheimischen  Erzeugnissen  in  Wettbewerb
  zu  treten. 13 )
Vergessen  wir  übrigens  nicht,  daB  auch  der  von  See
hereingekommene  Transit  zu  eintrâglichen  Geschâften  AnlaB
gegeben  hat.

Tabelle  XX.

Warengattungen

Wiederausfuh
né
Deufsddand
Tonnen  (jvjill.  Fr.

r  (Spezialhandel)
ich
Frankreich
Tonnen  jMill.  Fr.

Weizen

265.030

55,0

78.300

16,2

Leinsamen

81.172

29,3

10.171

3,6

Rübsamen

i  35.222

11,4

1.568

0,5

Gerste

67.372

13,0

17.579

3,3

Rohwolle

54.192

191,6

27.391

96,0

Kautschuk

2.549

24,9

1.451

14,0

Roher  Kakao

1.757

2,9

16

—

Petroleum

12.660

2,a

546

—

Harze

19.510

9,8

3s5

0,1

Rohes  Elfenbein  ....

103

2,6

30

0,8

Tee

79

0,2

—

—

„Wenn  man  bedenkt,“

schreiben

Dubois

und  Theunissen,

„daB  33  %  von  diesen  eingeführten  Waren  (Spezialhandel)
wieder  ausgeführt  werden,  muB  man  zugeben,  daB  Antwerpen
hierdurch  allein  dem  belgischen  Lande  ein  Drittel  der  allgemeinen
  Unkosten,  die  der  Ankauf  seiner  Rohstoffe  mit  sich
bringt,  erspart.  Hait  man  obendrein  Rechnung  mit  allen  Waren,
die  in  Antwerpen  „gehandelt“,  doch  über  fremde  Hâfen  versandt
  werden,  wie  es  für  Getreide  der  Fall  ist  —  Rotterdam
ist  in  dieser  Hinsicht  abhangig  von  Antwerpen  —,  so  kommt
man  zu  einem  noch  hôheren  prozentualen  Verhâltnis  als  33.
Zum  Schlusse  sei  noch  erwahnt,  daB  verschiedene  tausend
Haushaltungen  von  diesem  Handel  leben,“
Beachtung  verdienen  ebenfalls  die  Geschaftsmôglichkeiten,
die  groBe  Hafen  wie  Antwerpen  bieten.  Da  der  Markt  mit
dem  Hafen  zusammenfâllt,  sind  die  ankommenden  Waren

ls )  Hissenhoven  (P.  van),  Les  grains  et  le  marché  d'Anvers
P-  212.
        <pb n="85" />
        sicher,  daB  sie  unmittelbaren  Umsatz  finden;  Getreide  z,  B.
findet  stets  unmittelbar  bei  seiner  Ankunft  in  Antwerpen  einen
Kaufer,  Dies  gereicht  denn  auch  wieder  der  Schiffahrt  zum
Vorteil. 19 )
Woîîte  man  min  dem  Antwerpener  Handel  die  Freiheit
nehmen,  mit  Deutschland  Geschafte  zu  machen,  würde  der
Schaden,  wie  ans  den  obigen  Ausführungen  hervorgeht,  unersetzlich
  sein,  Was  wir  früher  über  die  Durchîuhr  und  zu
Beginn  dieses  Abschnittes  über  den  belgischen  Handel  im  allgemeinen
  gesagt  haben,  enthebt  uns  der  Notwendigkeit,  auî
die  unberechenbaren  und  verhângnisvollen  Folgen  zurückzukommen,
  die  ein  derartiger  BeschluB  îür  Antwerpen  und  das
ganze  Land  nach  sich  ziehen  würde.
Der  Ausluhrhandel,
Der  eigentliche  Ausfuhrhandel  ist  in  Antwerpen  sozusagen
nicht  vertreten.  Fine  Organisation,  die  sich  mit  derjenigen  in
Hamburg  oder  London  vergleichen  lieBe,  gibt  es  bei  uns  nicht,
Diese  Handelsgattung  lâfit  übrigens  in  ganz  Belgien  sehr  viel
zu  wünschen  übrig,  obwohl  das  Land  etwa  75  %  von  den  Erzeugnissen
  seiner  Eisenindustrie,  95%  von  Fensterglas,  Waffen
und  Spitzen,  90%  von  Rohzink,  Zement  und  Spiegelglas,  75%
von  Zündholzern,  60  %  von  Streichgarn,  40  %  von  Kammgarn
und  Superphosphat  usw,  usw,  ausführt. 20 )
Parent  wies  1863  bereits  aul  diese  Lücke  hin 21 ),  Léopold  IL
hat  den  Hinweis  verschiedene  Male  wiederholt,  der  Nationaiôkonom
  De  Leener  hat  über  dieses  Thema  das  Buch  geschrieben
,,Ce  qui  manque  au  commerce  d'exportation  belge’ 1 ,  chne  daB
sich  eine  ernstliche  Wandlung  zum  Besseren  gezeigt  hâtte.
Die  Folge  ist,  daB  unser  Ausfuhr-,,Handel"  meistenteils  von
den  groBen  Exportfirmen  und  Kommissionâren  in  Berlin,  Hamburg, ­
  Wien,  Paris  und  London 22 )  abhângt;  unsere  Industrie

19 j  De  Leener,  Politique  des  transports,  p.  245.
20 j  H.  Schumacher,  Antwerpen,  S.  31.
*0  A,  Parent,  Du  commerce  de  Belgique  à  propos  de  l'affranchissement ­
  de  l'Escaut,
22 )  G,  de  Leener,  Ce  qui  manque  au  commerce  belge  d'exportation,
p.  218.  —  Die  Nachteile,  die  eine  derartige  Sachlage  in  Zukunft  mit  sich
bringen  kann,  liegen  klar  auf  der  Hand.
        <pb n="86" />
        85

begnügt  sîch  gewôhnliqh  mit  der  Lieferung  „f.  o,  b."  (îree  on
board)  und  übertrâgt  einem  Spediteur  des  Platzes  die  Einschiffung,
  Der  Verkauf  „c.  i,  f.“  (cost,  Insurance,  freight,  d,  i,
fret  bis  zur  überseeischen  Bestimmungj  bildet  eine  Ausnahme, 53 )
Antwerpens  Beteiligung  an  dem  Ausfuhrgeschâft  beschrânkt
  sich  also  in  der  Regel  auf  die  Handhabung  der  Güter.
Zahlreiche  und  bedeutende  Unternehmungen,  die  sich  diese

M )  Wir  entnehmen  der  Studie  von  De  Leener  (Ce  qui  manque  etc.)
folgende  schlagende  Beweise  für  die  Abhângigkeit  der  beigischen  Ausluhr
vom  Auslande:
„Aus  einigen  Tatsachen  lâiît  sich  das  untergeordnete  Verhâltnis,  in
welchem  die  belgische  Industrie  zum  englischen,  deutschen  und  franzôsischen
  Handel  steht,  unschwer  erweisen:
a)  Belgischer  Zement  kommt  durch  die  Vermittlung  Hamburger  und
Pariser  Kommissionare  in  Buenos  Aires  an;  grofie  engiische  Firmen,  die
Zweigniederlassungen  oder  Einkauîskontore  in  London  haben,  ftihren
beigischen  Zement  ein,  (Recueil  consulaire  1904,  Bd.  126,  S.  196.)
b)  Es  steht  zu  befürchten,  daB  unser  Zucker  vor  und  nach  vom  Markt
in  Marokko  verdrangt  wird,  wenn  nicht  Mafiregeln  zu  seinen  Gunsten  getroffen
  werden.  Die  Einfuhr  unseres  Zuckers  geschieht  in  der  Regel  nur
durch  die  Vermittlung  Hamburger  Kauîleute;  direkt  in  Belgien  gemachte
Bestellungen  sind  selten.  (Ibid.  1905,  Bd.  131,  S.  1291.
c)  Die  nach  Japan  ausgeführten  beigischen  Erzeugnisse  machen  den
Umweg  über  London  und  Hamburg,  wâhrend  der  direkte  Versand  bei
weitem  vorzuziehen  wâre,  (Ibid,,  Bd,  122,  S.  449.)
d)  Der  belgische  Generalkonsul  in  Moskau  schreibt:  „Unsere  Landsleute
  sollten  sich  für  die  Aufrichtung  von  Kommissionshâusern  ins  Zeug
legen,  welche  die  Ausführung  von  Bestellungen  auf  unsere  industriellen
Erzeugnisse  für  Rechnung  in  europâischen  oder  überseeischen  Landern  ansâssiger
  Kauîleute  zu  übernehmen  imstande  waren,  Es  kommt  oft  vor,
daB  Fremde,  da  sie  in  Belgien  keine  Firmen  zur  Übernahme  ihrer  Bestellungen
  finden,  oder  da  sic  nicht  unterrichtet  sind,  daB  die  von  ihnen
gewünschten  Waren  in  Belgien  erzeugt  werden,  sich  an  Kommissionsgeschâfte
  in  Hamburg,  London  oder  Paris  wenden,  um  ihnen  ihre  Bestellungen ­
  zu  übertragen,  (Congrès  international  d'expansion  économique
mondial,  Mons  1905.)
e)  Die  Ausfuhr  der  natürlichen  Zemente  von  Doornik  (Tournai)  geschieht ­
  durch  Vermittlung  von  auslandischen  Kommissionsfirmen  .  .  .  Die
Mârkte  des  fernen  Ostens  verteilen  ihre  Bestellungen  von  Spiegelglas
gleichmâBig  auf  Kommissionare  von  London  und  von  Hamburg  .  .  .  Die
Ausführung  von  Streichhôlzern  hângt  vornehmlich  von  englischen  Kaufleuten
  ab.  Über  diesen  Punkt  wurde  uns  Folgendes  berichtet;  Ein
belgischer  Konsul  hatte  dem  Ministerium  für  Industrie  und  Arbeit  ein
Muster  von  Streichholzdosen,  die  in  seinem  Bezirk  von  englischen  Kaufleutcn
  eingeführt  waren,  mit  der  Anfrage  übersandt,  zu  welchen  Bedingungen
  die  einheimischen  Fabrikanten  Waren  derselben  Güte  liefern
kônaten.  Die  Verwaltùng  lieB  Muster  und  Anfrage  an  einen  Kaufmann  von
Geeraardsbergen  weitergehen;  dieser  erkannte  sofort  in  dem  Muster,  das
ihm  aïs  Modell  dienen  sollte,  sein  eigenes  Fabrikat.”
        <pb n="87" />
        86

zur  Aufgabe  machen,  sind  denn  auch  am  Platze  ins  Leben
getreten.
Die  Spediteure  spielen  eine  bedeutende  Rolle  in  Antwerpen, ­
  und  durch  die  gründliche  Fachkenntnis,  die  sie  sich
in  ihrem  Handelszweige  erworben  haben,  wie  durch  ihr  Geschick,
  haben  sie  viel  dazu  beigetragen,  die  Ausfuhrbedingungen
über  Antwerpen  sehr  günstig  zu  gestalten-Denn
  der  Gewinn  der  Spediteure  hangt  mehr  von  der
Gütermenge,  als  von  der  Hôhe  des  Frachtsatzes  ab.  Und  dann,
je  grôBer  die  Frachtmenge  ist,  über  die  sie  zur  Einschiffung
verfügen,  desto  mehr  Druck  kônnen  sie  hinsichtlich  der  Frachtraten
  auf  die  Reeder  ausüben  und  desto  billiger  die  verschiedenen
  Operationen  der  Lieferung  an  Bord  usw,  ausführen.
Diese  Tatsache  hat  übrigens  verschiedene  von  ihnen  instandgesetzt,
  vermittelst  der  „tramps  affectés  aux  services  réguliers"
(zum  regelmaBigen  Dienst  verwandte  Trampschiffe)  mehr  oder
weniger  regelmâBige  Schiffahrtslinien  zu  gründen  und  auf  die
Weise  mit  den  angeschîossenen  Reedereien  in  Wettbewerb  zu
treten;  daB  die  belgische  Industrie  wie  der  Durchfuhrhandel
den  grôBten  Vorteil  daraus  zogen,  liegt  auf  der  Hand,
Je  grôBer  also  die  Warenmenge  ist,  die  ihnen  zur  Verfügung
  steht,  desto  günstiger  stellen  sich  die  Einschifîungsbedingungen
  in  Antwerpen,  und  desto  grôBer  wird  die  Anziehungskraft
  des  Hafens,
Doch,  die  Durchfuhr  allein  kann  diesen  regen  Verkehr
aufrecht  erhalten  oder  zur  Steigerung  bringen,  und  so  stehen
wir  wiederum  vor  dem  unvermeidlichen  Axiom:  Der  Ausfall
  des  fremden  Hinterlandes  ist  der  Tod
Antwerpen  s.
        <pb n="88" />
        87

IV.
Die  Transportpolitik  und  der  Antwerpener
Hafen.
Allgemeines.
In  seinen  Handelsbeziehungen  zum  Auslande  kann  ein
Land  als  Abnehmer  wie  aïs  Lieferant,  oder  aber  als  einfache
Zwischenhand  erscheinen.  Tatsâchlich  kauft  es  entweder
Waren  für  seinen  eigenen  Gebrauch  und  liefert  dagegen  seine
Boden-  oder  Industrieerzeugnisse,  oder  aber  es  beschrânkt  sich
auf  die  Rolle  einer  Zwischenperson,  indem  es  als  Verarbeiter
oder  als  Makler  in  den  geschâftlichen  Transaktionen  zwischen
fremden  Vôlkern  auftritt.
Die  erstgenannten  Operationen  machen  den  Spezial-,
Eigen-  oder  eigentlichen  Handel  aus,  die  letztgenannten  sind
als  Durchfuhr-  oder  Transithandel,  oder  einfach  als  Durchfuhr
(Transit)  bekannt.
Durch  erstere  wird  das  Land  um  den  ganzen  Wert  der  eingeführten
  Produkte  reicher  und  um  dasjenige  armer,  was  es  in
Bezahlung  geben  muB,  sei  es  Geld  oder  Gut;  sie  haben  einen
Austausch  im  Gefolge,  dessen  Konto  mit  Gewinn  oder  mit
Verlust  abschlieBen  kann.  Die  anderen,  die  Transitoperationen,
sind  in  der  Regel  gewinnbringend  und,  wenn  sie  nicht  unvorsichtig
  gemacht  werden,  erhôhen  sie  den  Aktivbestand  des
Landes.
Sie  besorgen  ihm  Frachten  für  seine  Transportwege,
speisen  seine  Mârkte  und  seine  Hâfen,  je  nachdem,  ob  die
Durchfuhr  direkt  oder  indirekt  ist,  und  sind  die  Quelle  eines
industriellen  Gewinns  in  dem,  was  man  Veredelungsverkehr
(,,improvement  trade“)  nennt.
Der  Durchfuhrhandel  ist  naturgemâB  besonders  wichtig  in
Landern  wie  Belgien,  denen  ihre  geographische  Lage  von  vornherein
  eine  Vermittlerrolle  zuweist,
Da  diese  Lânder  einen  bedeutendenTeil  ihres  Einkommens
aus  dieser  Handelsart  ziehen,  bestreben  sie  sich  natürlich,  sie
soviel  wie  moglich  zur  Entfaltung  zu  bringen,  Ihre  Wirtschaftspolitik
  setzt  sich  die  Fôrderung  der  einheimischen  Pro-
        <pb n="89" />
        88

duktion  und  die  Erweiterung  seines  auslândischen  Absatzgebietes
  nicht  als  alleiniges  Ziel,  sondern  sie  strebt  in  gleicher
Weise  eine  Verbesserung  ailes  dessen  an,  was  die  Beziehungen
zu  ihrer  Kundschaft  vorteilhafter  zu  gestalten  vermag-Wenn
  wir  von  den  Gebieten,  au!  denen  diese  Politik  zum
Ausdruck  kommen  kann,  nur  diejenigen  ins  Auge  îassen,  die
den  Verkehr  unseres  Hafens  unmittelbar  beeinflussen,  nehmen
wir  in  erster  Linie  walir,  daB  unsere  Zoîlpoîitik  im  Geiste  des
richtigen  Mittelweges  aufgefaBt  worden  ist,
Unser  Zollsystem  ist  nicht  freihândlerxsch  wie  dasjenige
Engîands,  aber  auch  bei  weitem  nicht  so  schutzzôllnerisch
wie  das  îranzôsische,  îtalienische  oder  deutsche  System,  Wenn
es  also  einerseits  nicht  dem  absoluten  Freihandel  huldigt,  geht
es  andererseits  auch  nur  bis  zu  einem  beschrânkten  und
mâBigen  Schutz,
Zahlreiche  Merkmale  eînes  îreisinnîgen  Geistes  kommen
darin  zum  Ausdruck;  a)  die  Abwesenheit  von  ProhibitivmaBregeln
  (ausgenommen  in  bezug  auf  Saccharin  und  Absynth;
letztere  MaBregel  aus  Gesundheitsrücksichten  genommen];
b)  die  Abwesenheit  von  differentiellen  Zollen  und  „Surtaxes
d'Entrepôt"  (ausgenommen  in  bezug  auf  Zucker,  der  aus
Landern  kommt,  die  der  internationalen  Zuckerkonvention  von
Brüssel  nicht  beigetreten  sind);  c)  die  Abwesenheit  von  Durchfuhr-
  und  Ausgangszôllen;  d)  Tarifsâtze  von  mâBiger  Hôhe. 1 )
Unser  Handelsvertragssystem  ist  sehr  einfach,  und  wir
haben  nie  ernstliche  Schwierigkeiten  mit  einem  der  Lânder
gehabt,  mit  denen  wir  Handelsbeziehungen  unterhalten.  Nur
ein  einziges  Mal  wurden  wir  zu  VergeltungsmaBregeîn  getrieben;
  das  war  1910,  als  Frankreich  seine  Einfuhrzolltarife
erhôhte;  da  haben  wir  unsererseits  die  Zôlle  auf  Weine,  Parfümerien,
  Seidenwaren  und  andere  Luxusartikel  erhôht, 2 )
Deutschland  war  das  einzige  bedeutende  Land,  mit  welchem
wir  einen  langîristigen  Handelsvertrag  hatten,’)
Mit  Recht  schrieb  Professer  De  Lannoy  von  der  Genter
Universitât  bei  der  Betrachtung  der  auBerordentlichen  Vorteile,
  die  unser  Land  aus  seiner  bevorzugten  geographischen
Lage  ziehen  kônnte:  *  5
9  Études  sur  la  Belgique,  IV,  2,
5 )  Ebenda.
s )  Antwerpener  Handelskammer;  Bericht  1911,  S,  XVI.
        <pb n="90" />
        89

„Unsere  Schifîahrtseinrichtungen  zu  entwîckein,  unsere
Verkehrsmittel  zu  vervollkomrnnen,  unsere  Zollfôrmlichkeiten
zu  vereinfachen,  das  müssen  die  leitenden  Grundsatze  unserer
Wirtschaîtspolxtik  sein,“  4  * j  ,
Und  es  îst  tatsâchlich  viel  nach  dieser  Richtung  hin  bei  uns
getan  worden,  und  die  erzielten  Ergebnisse  haben  voîlkommen
die  Opfer  gerechtfertigt,  die  Belgien  sich  um  dessentwiîlen
auferlegt  hat,
Aber  es  hatte  mehr  getan  werden  kônnen,  und  die  Ergebnisse
  würden  noch  augenscheinlicher  sein,  wenn  die  Parteipolitik
  nicht  eine  so  hervorragende  Rolle  gespieît  batte,  Sie
machte  ihren  EinfluB  auf  ailes  geltend,  was  zum  ôîfentlichen
Leben  in  Beziebung  stand;  sie  beherrschte  aile  Interessen,
So  hielt  der  damalige  Abgeordnete  und  spatere  Minister
Renkin  es  für  angebracht,  an  die  religiôsen  Gefühle  der
Katholiken  zu  appellieren,  um  sie  für  die  Regierungsvorlage
zur  Ausbreitung  des  Antwerpener  Hafens  zu  gewinnen 6 ),  desselben
  Hafens  doch,  von  welchem  der  Minister  Van  den  Peereboom
  in  der  Kammer  gesagt  hatte;  „.  .  ,  das  Interesse  Antwerpens,
  das  sich  mit  allen  groBen  Interessen  des  Landes
deckt  .  •  .  Aber  es  ist  der  Auîschwung  des  Landes,  der  mit
demjenigen  Antwerpens  verknüpft  ist!  Und  wenn  man  nôtigen
Falles  150,  200  Millionen  für  Antwerpen  ausgeben  wird,  wird
man  Gold  saen  fiir's  ganze  Land.“  “)
Dieser  verhangnisvolîe  EinfluB  der  Parteipolitîk  hat  sich
dermaBen  im  Lande  ausgebreitet  und  verâstelt,  daB  nichts  sich
ihm  entzîeht,  Ihm  ist  ailes  unterworfen:  die  Besetzung  von
Stellen  in  der  Verwaltung,  die  Eisenbahntariîe  (inlandischer
Transport),  der  Bau  von  Kanalen  usw.  usw.  In  der  Anwendung
von  Grundsâtzen  entspringt  daraus  ein  Mangel  an  Zusammenhang
  und  logischem  Geist,  den  unsere  Nationaiokonomen,  u.  a.
De  Leener  in  seiner  interessanten  Studie  „La  politique  des
transports  en  Belgique",  ins  Licht  gestellt  und  bekampft  haben.
Es  ist  also  unumganglich  notig,  daB  in  Zukunft  aile  Verwaltungsabteilungen,
  denen  die  Leitung  oder  Ausbeutung  wirtschaftlicher
  Faktoren  zufallt,  dem  Einflusse  der  poîitischea

4 )  Ch.  de  Lannoy,  La  Belgique  pays  de  transit.
6 )  Renkin,  Anvers;  Les  installations  maritimes  etc.  1905,  p.  34,
6 )  Rede  im  Abgeordnetenhaus,  Sitzung  1905.
        <pb n="91" />
        90

Macht  ganz  und  gar  entzogen  werden. 7 )  Die  Schweiz  und  die
australische  Konfôderation  konnten  uns  zum  Muster  für  die
Verwaltung  unserer  Eisenbahnen,  Deutschland  für  dlejenige
unseres  Hafens  dienen,
Was  die  Verwaltung  des  Antwerpener  Hafens  anlangt,  so
geben  wir  nachstehend  zur  Beleuchtung  der  Zustande  ein  Verzeichnis
  der  verschiedenen  Organe,  die  sich  darin  teilen:
î,  Der  Staat:
a)  Ministerium  der  ôffentlichen  Arbeiten:  Unterhaltüng
der  Scheldeufer,  Kaimauern  und  FluBsclileusen;  einige
Wege.
b)  Schiffahrtsministerium:  Polizei  der  Schelde  und  der
Reede;  Lotsenwesen,  Waterschout  (Schiffahrtskommissariat).

c)  Eisenbahnmïnisterium,
d)  Finanzministerium;  Zollwesen,
2-  Die  Provinz  Antwerpen,
3,  Die  S  t  a  d  t  :
a)  Schoffe  für  Handel  und  Schiffahrt;  Polizei  der  Kaie
und  Hafenbecken;  Hafenverwaltung;  Lotsenwesen  im
Binnenhafen;  Schleppdienst  usw.
b)  Schoffe  für  ôffentliche  Werke:  Unterhaltüng  des  Hafens;
Werke;  Bauten;  Ausnützung  der  Getreideelevatoren
uswc)
  Schoffe  für  Geldwesen,
4-  Die  Provinz  Ostflandern:  Linkes  Scheldeufer.
Unter  solchen  Bedingungen  ist  ein  zweckdienliches  und
gleichmaBiges  Zusammenwirken  auf  ein  Ziel  hin  unmoglich.
Erinnern  wir  hinsichtlich  dieser  Sache  noch  an  die  politischen
Zwistigkeiten  aus  AnlaB  der  Errichtung  des  Zentralbahnhofs,
der  Frage  des  groBen  Durchstichs,  derjenigen  des  lînken  FluBufers,
  der  Getreideelevatoren  usw,  usw.  Die  Klerikalen  waren
Parteiganger  des  groBen  Durchstichs,  die  Liberalen  waren
Parteiganger  der  Verwendung  des  linken  FluBufers  für  Schifffahrts-
  und  Industrieanlagen.
Da  wundert  es  einen  nicht  mehr,  wenn  befugte  Manner,
allen  voran  der  verstorbene  Vorsitzende  der  Antwerpener

7 )  De  Leener,  La  politique  des  transports,  p.  61.
        <pb n="92" />
        91

Handelskammer,  Charles  Corty,  die  Selbstverwaltung  für  den
Antwerpener  Haîen  forderten. 8 )
Seit  30  Jahren  hat  es  keine  Lebensfrage  für  den  Antwerpener ­
  Hafen  gegeben,  die  nicht  allen  Prüîungen  und  Widerschlâgen
  der  beîgischen  Politik,  einer  der  denkbar  schâdlichsten,
  unterworîen  gewesen  wâren,  Wenn  die  eîende  Politik
von  der  Zeit  vor  dem  Kriege,  wenn  die  bestândigen  Hetzereien,
die  gegenseitigen  Verdâchtigungen,  deren'  Zeugen  wir  gegenwârtig
  sind,  fortdauern,  ist  Belgien  unrettbar  verloren.  Unser
Land  braucht  Frieden,  Gesetztheit,  Ruhe,  Erwâgung.  Es  wird
ailes  das  in  reichlichem  MaBe  finden,  wenn  es  sich  durchdringen
lâBt  vom  Geiste  der  Vertragsamkeit  und  Gerechtigkeit  und
auî  diese  Weise  dazu  kommt,  sich  über  die  Parteiinteressen  zu
erheben  und  die  groBen  nationalen  Problème  durch  die  Anerkennung
  der  Rechte  jedes  Einzelnen  zu  lôsen,
Eisenbahnen  und  Tarife,
Betrachten  wir  die  verschiedenen  Gebiete  nunmèhr,  auf
welchen  der  Staat  tâtig  gewesen  ist,  uni  durch  geeignete  Begünstigungen
  unsere  Beziehungen  zu  den  Nachbarlandern  zu
vermehren  und  dadurch  den  Handel  des  Antwerpener  Haîens
zur  Entfaltung  zu  bringen,
Belgien  hat  nicht  nur  die  erste  Eisenbahn  auî  dem
europâischen  Festlande  gebaut  (5.  Mai  1835;  Inbetriebsetzung
der  Strecke  Brüssel—Mecheln),  sondera  es  war  auch  das  erste
Land,  das  ein  Eisenbahn  -  S  y  s  t  e  m  annahm,  Gleich  nach
unserer  Lostrennung  von  Holland  wurde  die  Verbesserung
unserer  Verbindungen  mit  Deutsehîand,  dem  Hinterland
unseres  Hafens,  durch  den  Bau  einer  Eisenbahn  von  Antwerpen
nach  Kôln  in  Aussicht  genommen.  Am  24,  August  1831  erhielten
  die  Ingenieure  Simons  und  De  Ridder  durch  ministeriellen
ErlaB  den  Auftrag,  Plane  daîür  auszuarbeiten,  Aus  verschiedenen ­
  Gründen  verzôgerte  sich  jedoch  die  Ausführung,
die  erst  einige  Jahre  spâter  in  Angriff  genommen  wurde;  am
14.  Oktober  1843  wurde  die  Bahn  dem  Verkehr  übergeben.
In  Voraussicht  der  günstigen  Wirkungen,  die  diese  Eisenbahn
auf  die  Entwickeîung  unseres  Hafens  ausüben  würde,  dachte
man  auch  gleich  daran,  sie  mit  dem  Industriemittelpunkt

8 )  Ch.  Corty,  Rapport  sur  l'autonomie  du  port.
        <pb n="93" />
        92

&amp;lt;

Düsseldorf  zu  verbinden,  dch  weigerte  die  hollandische  Regierung
  1845  Belgien  die  Zulassung,  die  Bahn  über  ihr  Gebiet  zu
führen,  und  der  Plan  muBte  auîgegeben  werden,.  Unterdessen
arbeitete  man  eifrig  an  der  Entwickîung  unseres  Eisenbahnnetzes,
  dessen  Mitteîpunkt  in  Mecheln,  môgÜcbst  nahe  bei
Antwerpen,  errîchtet  wurde.  Ostende  v/urde  über  Dendermonde,
  Geht  und  Brügge  angeschlossen,  und  eine  andere
Strecke  steilte  über  ttennegau  die  Verbindung  mit  Frankreich
ber,  1850  waren  625  km  îertiggestellt,  1870  869  km,  1880
2724,  1895  3299  und  1912  8535  km.  AuBer  den  vom  Staat
erbauten  und  bctriebenen  Eisenbahnen  gab  es  verschiedene
Privatbahnen,  die  1897  bis  auf  drei  vom  Staat  übernommen
wurden.  Unter  diesen  spîelte  die  Cie.  du  Nord  Belge  eine
grofie  Rolle,  indem  sie  mit  Hülfe  der  franzosischen  Bahnen
einen  AnschluB  Brüssels  und  des  Rheins  durch  das  Maastal  an
Paris  bewerkstelligte.  Sie  begünstigte  den  industriellen  Auîschwung
  des  Maasbeckens  auBerordentlich  und  besorgte  den
Durchîuhrverkehr  zwischen  Deutschland  und  Frankreich  über
Belgien,
Wie  ein  Vergleich  mit  anderen  Landern  ergibt,  besitzt
Belgien  das  dichteste  Eisenbahnnetz  der  Welt;

Tabelle

XXL

Lânder

Betriebslânge  auf  je  100  qkm

.

1890

1913

Belgien

17,8  km

29,9  km

Deutschland

7,9  „

11,8  „

Frankreich

17,0  „

9D  .

GroBbritannien  und  Irîand

10,3  .

12,0  „

Es  besitzt  auch  die  groBten  B’etriebsmittel;  auf  je  100  km
Betriebslânge  steilte  sich  das  Verhâltnis  1911,  wie  folgt;
Tabelle  XXII.

[  Lokomotiven

Personenwag
  en

Qüterwagen

Belgien  ....  ...

98

182

2060

Deutschland

47

10U

1049

GroBbritannien  und  îrland  .

61

141

_09l

Frankreich  .

33

33

886
        <pb n="94" />
        93

Was  die  Hôhe  des  Anlagekapitals  auf  1  km  Betriebslânge
anlangt,  so  stent  Belgien  1911  mit  613  000  Fr.  an  zweitef  Stelle,
übertroffen  nur  von  GroBbritannien  und  Irland,  wo  diese  Ziffer
877  000  Fr.  erreicht;  Frankreich  lâBt  es  mit  473  000  Fr,  und
Deutschland  mit  ungefâhr  390  000  Fr,  hinter  sich  zurück, 9 )
Die  Finanzpolitik,  durch  weîche  sich  der  Staat  für  den
Betrieb  seiner  Eisenbalmen  leiten  lieB,  wurde  von  Nothomb,
dem  Minister  der  ôffentlichen  Arbeiten,  in  seinem  Bericht  an
die  Kammer  vom  26.  November  1838  in  îolgenden  Worten
klar  dargelegt:  „Die  Staatsbahnen  sind  als  eine  Einrichtung  zu
betrachten,  die  weder  eine  Bürde  noch  eine  Einnahmequelle
des  Fiskus  sein  darf,  und  es  ist  von  ihr  nur  zu  fordern,  daB  sie
ihre  Ausgaben  deckt."  1906  bestatigte  der  Minister  Hubert
als  Berichterstatter  des  Eisenbahnetats  diese  Anschauungsweise:
  „Wenn  sie  [die  Eisenbahnen]  ihre  Unkosten,  die  Verzinsung
  und  Schuldentilgung  des  angeîegten  Kapitals  gedeckt
haben,  muB  der  ÜberschuB  zum  Zwecke  der  Betriebsverbesserung,
  der  Erniedrigung  von  Tarif  en  und  der  Erhôhung  von
Gehâltern  und  Lôhnen  an  sie  zurückkehren.“
Und  tatsâchlich  hat  sich  vom  Beginn  bis  auf  unsere  Tage
[1835—1912)  nur  ein  Aktivsaldo  von  27  Mill,  Fr,  ergeben:
200  Milî,  an  Überschüssen  stehen  173  Mill,  an  Fehlbetrâgen
gegenüber,  Das  Anlagekapital  hat,  obwohl  es  sich  in  dem
Zeitraum  verzehnfachte,  einerseits  nur  eine  bescheidene
Tilgung  erfahren  und  andererseits  sich  mit  einer  geringfügigen
Verzinsung  begnügt,  wohingegen  in  Deutschland  z.  B,  die  Eisenbahnen ­
  eine  Einnahmequelle  für  den  Staat  bilden,
Der  belgische  Staat  muB  daher  wohl  der  Ansicht  gewesen
sein,  daB  der  durch  die  Eisenbahnen  ins  Leben  gerufene  Verkehr,
  woran  die  Durchfuhr  einen  überwiegenden  Anteil  nimmt,
für  den  Handel  und  die  Industrie  des  Landes  eine  Gewinnquelle
bildet,  die  den  Betrieb  auf  einer  derartigen  Grundlage  rechtfertigt.
  Andererseits  ware  ohne  die  Durchfuhr  irgend  eine
Tilgung  und  Verzinsung  des  Anlagekapitals,  wie  geringfügig
diese  sich  auch  gegenwârtig  stellt,  nicht  mehr  moglich;  eine
auch  nur  einigermaBen  in  Betracht  kommende  Erhôhung  der
inlândischen  Tarife  würde  tatsâchlich  für  eine  groBe  Anzahl

*)  H,  Schumacher,  Antwerpen,  S,  153  f.
        <pb n="95" />
        94

unserer  industrielle!!  Unternehmungen  die  Ausfuhrmoglichkeit
verringern.
Ein  Verzicht  auf  den  deutschen  Durchiuhrhandel,  der
82  %  unserer  Gesamtdurchführ  ausmacht,  ware  daher  beklagenswert,
  und  das  um  so  mehr,  als  die  aus  dem  Krieg  erwachsenden
  Schâden  wie  die  Verluste,  die  eine  mehrjahrige
Unterbrechung  des  Betriebs  mit  sich  bringt,  ganz  bedeutend
sind,  Nur  ein  reger  internationaler  Handel  kann  die  gewaltigen
Bürden,  die  dem  Lande  daraus  zufallen  werden,  einigermaBen
erleichtern.
*
*  *
Das  belgische  Eisenbahntarifwesen  verfolgt  den  doppelten
Zweck,  sowchl  die  Ausfuhr  unserer  industriellen  Erzeugnisse
über  See  als  die  Durchfuhr  durch  Belgien  môglichst  zu  befôrdern,
 10 )
Ersterem  Zwecke  dienen  die  herabgesetzten  Tarife,  genannt
  „Tarifs  des  ports  de  mer"  (Seehafentarife),  die  den  îür
die  Ausfuhr  über  eincn  Seehafen  bestimmten  Gütersendungen
belgischer  Fabriken  und  Kohlenbergwerken  zugute  kommen,
Da  aus  ziemlich  genauen  Veranschlagungen  hervorgeht,  daB
Antwerpens  Anteil  an  dem  innerbelgischen  Güterverkehr  etwa
25  %  betrâgt,  spielen  diese  Tarife  eine  verhaltnismaBig  be~
deutende  Rolle  in  unserem  Eisenbahnbetrieb.  Unsere  Gewerbtâtigkeit
  erheischt  übrigens  vermôge  ihres  vorwiegenden
Charakters  als  verarbeitende  oder  Veredelungsindustrie,  in
welcher  der  Gewinn  oft  auf  einem  geringen  Unterschied
zwischen  dem  Einkaufs-  und  Verkaufspreise  beruht,  niedrige
Transportsâtze,  um  auf  den  auslandischen  Mârkten  konkurrieren
  zu  kônnen;  tatsachlich  ist  in  sehr  vieîen  Fallen  sowohl
  zur  Heranschaffung  der  Rohstoffe  wie  zur  Abführung  der
verarbeiteten  Waren  ein  Transport  auf  groBe  Entfernungen
erîorderlich,
Was  die  Durchfuhrtarife  angeht,  so  muBten  zahlreiche
Momente  bei  ihrer  Aufstellung  in  Betracht  gezogen  werden.
Für  die  deutsche  Durchfuhr  haben  wir  1.  die  Rheinfrachten,
2.  die  Tarife  der  hollandischen  Bahnen  zugunsten  Rotterdams,
,0 )  In  seinem  gegenwàrtigen  Zustande  hait  es  mit  dem  Kostenpreise
keine  Rechnung;  auf  einigen  Strecken  bucht  es  Gewinne,'  auf  anderen
Verluste.
        <pb n="96" />
        95

3.  die  deutschen  Tarife  für  Hamburg  und  Bremen.  Für  die
franzôsische  Durchfuhr  haben  wir:  die  Eisenbahntarife  (u,  a,
die  differentiellen)  und  die  Spezialtaxen,  die  dieses  Land
erhebt,  Das  eifrige  Streben,  dem  Antwerpener  Hafen  môglichst
  viel  Verkehr  zuzuführen,  bat  sie  selbst  bis  zu  dem  Punkte
beeinfluBt,  daB  gewisse  belgische  Industrielle  sich  durch  sie
dem  deutschen  Produzenten  gegenüber  benachteiligt  sahen,
So  zahlt  z.  B.  eine  Tonne  Stârke,  bei  voiler  Wagenladung  für
Seetransport  von  Aachen  nach  Antwerpen  versandt,  7,31  Fr.,
wâhrend  der  Spezialtarif  Nr,  8  den  Transport  von  Stârke,  auf
dem  gleichen  Abstand  von  150  km  bei  Mindestladung  von
10  Tonnen,  zur  Ausfuhr  über  See  von  einer  belgischen  Fabrik
nach'  Antwerpen  versandt,  auf  8,25  bringt. 11 )
Obwohl  der  verhâltnismâBig  geringe  Abstand  Antwerpens
von  der  deutschen  Grenze  der  Verwaltung  in  ihrer  Durchfuhrtarifpolitik
  nicht  viel  Spielraum  lieB,  ist  es  dieser  doch  gelungen,
  Antwerpen  eine  Vorzugsstellung  zu  sichern,  wenn  der
Abstand  zwischen  einem  gewissen  Punkte  in  Deutschland  und
Antwerpen  hôchstens  80  km  mehr  betrâgt  als  die  Entfernung
von  dort  nach  Hamburg-  AuBer  diesen  allgemeinen  wurden
Spezialtarife  für  den  Transport  von  Bunkerkohle  und  Eisen
aus  der  Ruhrgegend  eingeführt  und  den  grofien  Eisen-  und
Stahltransporten  aus  der  Saargegend,  aus  ElsaB-Lothringen
und  aus  Luxemburg  Rückvergütungen  gewâhrt,
Was  Frankreich  anlangt,  so  haben  wir  vor  ernstlicheren
Schwierigkeiten  gestanden.  Die  Schutzzollpolitik  dieses  Landes
hat  ihren  Rückschlag  auf  den  belgischen  Eisenbahntransport.
Eine  hohe  „Surtaxe  d’Entrepôt"  wird  von  den  meisten  in  Antwerpen ­
  geîôschten  Gütern  bei  ihrem  Eintritt  in  Frankreich
erhoben,  und  différentielle  Eisenbahntarife  begünstigen  die
Einîuhr  über  franzôsische  Hafen;  um  sich  trotzdem  môglichst
viel  von  diesem  Verkehr  zu  bewahren,  hat  die  belgische  Eisenbahnverwaltung
  Ausnahme-Durchîuhrtarife  eingeführt.  Trotz
alledem  lâBt  sich  aus  den  statistischen  Angaben  feststellen,  daB
unser  Durchfuhrhandel  mit  Frankreich  bei  weitem  nicht  eine
so  bedeutende  Ziffer  erreicht,  wie  derjenige  mit  Deutschland.
Noch  andere  Umstânde  begünstigen  die  Transporte  nach
und  von  Antwerpen  und  tragen  zur  Anschwellung  der  Vorteile

“)  De  Leener,  La  politique  des  transports,  p,  226.
        <pb n="97" />
        bei,  welche  die  Durchîuhr  über  unseren  Haîen  im  Vergleich
mit  anderen  Seehafen  genieBt:
a)  Miete  für  Wagendecken  in  Belgien  2  Fr.  ohne  Rücksioht  auf  Entfernungen;
  der  deutsche  Tarif  ist  zwei-  bis  dreimal  so  hoch.  b)  Zuschlage
für  Zeitversâumnis  von  Eisenbahnwagen;  in  Deutschland  sind  diese  Zuschlâge
  ziemlich  betrâchtlich  und  werden  in  der  Regel  strenge  erhoben;
in  Antwerpen  betragen  sie  kaum  die  Hâlfte  davon  und  werden  obendrein
in  den  meisten  Fâllen  nicht  erhoben,  ausgenommen,  wenn  es  sich  um
deutsche  Wagen  handelt,  für  welche  der  belgische  Staat  selbst  den  Zuschlag
  an  die  auslândische  Verwaltung  zu  entrichten  hat.  c)  Trotz  der
Abstânde  werden  die  Wagen  den  Empfângern  oder  Abladern  kostenlos
auf  den  Kai  oder  in  den  Binnenhafen  gebracht;  in  anderen  Hâfen  werden
besondere  Gebühren  für  diesen  Dienst  erhoben,  oder  diese  in  den  Tarifen
mit  einbegriffen.

In  dem  BewuGtsein,  daB  die  Opfer,  die  er  sich  auferîegte,
Früchte  tragen  würden,  hat  der  Staat  demnach  auf  diesem
Gebiete  ailes  Môgliche  getan,  um  den  Haîenverkehr  auf  ein
HôchstmaB  zu  bringen. 12 )
Verbesserung  der  Verbmdungswege  zwischea  Antwerpen
und  seinem  iremden  Hinterland.
Das  Netz  der  belgischen  Binnenschiffahrtswege,  das  eine
Gesamtlânge  von  1978  km  erreicht,  trâgt  aucli  sein  en  Teil  zu
einer  bequemeren  Verbindung  mit  Antwerpen  bei,  Freiîich
haben  diese  Wasserwege  seit  der  Anlage  von  Eisenbahnen,
deren  Überlegenheit  als  Transportmittel  anerkannt  wird,  ihre
aîlgemeine  Bedeutung  gegen  früher  in  gewissem  Grade  eingebüBt,
  ja,  man  hat  selbst  bei  uns  den  Bau  neuer  Kanale
bekampft  und  die  ausschlieBliche  Benützung  der  Eisenbahn
für  den  Verkehr  der  Zukunft  verkündigt. 13 )
Tatsache  ist  auf  jeden  Faîl,  daB  diese  Wasserwege  zur
Zeit  noch  einen  wichtigen  Faktor  im  Handel  unseres  Hafens
bilden,  sowohl  mit  dem  In-  aïs  mit  dem  Ausland;  vor  allem
spielen  sie  eine  hochbedeutende  Eolle  in  unseren  Beziehungen
zum  rheinischen  Hinterland.  Auch  hat  man,  seitdem  Holland
1867  die  Oosterschelde  durch  den  Damm  seiner  Eisenbahn
nach  Vlissingen  absperrte  und  uns  dafür  den  Kanal  von  Zuid-12

 )  Die  belgische  Eisenbahnverwaltung  batte  überdies  in  den  wichtigsten
  Landern  handelskundige  Vertreter,  deren  Hauptaufgabe  daria
bestand,  den  Durchfuhrhandel  nach  Moglichkeit  zu  fordern.
13 )  De  Leener,  La  politique  des  transports,  p.  147,
        <pb n="98" />
        97

7

Beveland 14 )  gab,  nicht  aufgehôrt,  mit  Nachdruck  auf  die  Notwendigkeit
  einer  Verbesserung  der  Verbindungswege  zwischen
Schelde  und  Rhein  hinzuweisen.
Die  in  Deutschland  am  Rhein  ausgeführten  Arbeiten  haben
diese  Wasserstrafie  mehr  und  mehr  südwarts  vordringen  lassen;
zuerst  erreichte  sie  StraBburg  und  ElsaB-Lothringen  und  den
Osten  Frankreichs,  dann  die  Stadt  Basel,  wo  ein  groBer  Flufihafen
  gebaut  wurde.  Seit  vier  Jahren  kônnen  Kâhne  von
1000't  Tragfâhigkeit  den  Strom  in  ôstlicher  Richtung  auf  der
Grenze  zwischen  Baden  und  der  Schweiz  bis  zur  Stadt  Rheinfeîden
  hinauffahren.  Da  die  erzielten  Ergebnisse  in  dieser
Gegend  der  Stromschnellen  vollkommen  befriedigt  haben,  sind
Arbeiten  vorauszusehen,  die  es  ermôglichen  werden,  den
Bodensee  zu  erreichen;  man  wird  dann  imstande  sein,  Güter
den  Rhein  hinauf  und  hinunterzubringen  zwischen  Bregenz  in
Ôsterreich  und  dem  Antwerpener  Hafen,  d.  i.  auf  einer  einzigen
Wasserstrafie  von  1200  km  Lange!
Hieraus  erklart  sich  die  stetig  zunehmende  Bedeutung,  die
der  Rhein  fur  unseren  Hafenverkehr  haben  kônnte,  wie  auch,
dafi  man  in  Anbetracht  der  Unzulânglichkeit  der  bestehenden
Verbindungswege  um  ihre  Vervollkommnung  besorgt  war.
Die  Idee,  Antwerpen  durch  einen  Kanal  mit  dem  Rhein
zu  verbinden,  ist  ait.  Zahlreiche  Plane  wurden  bereits  ausgearbeitet,
  doch  haben  die  zu  überwindenden  Schwierigkeiten,
die  Unkosten,  das  Hin-  und  Herschwariken  in  der  Wahl
zwischen  den  Projekten  und  mehrere  andere  Umstânde  die
Lôsung  der  Frage  stets  wieder  hintenangestellt.
Die  grôfite  Wegkürzung,  die  das  Projekt  des  geradesten
Weges,  von  Antwerpen  nach  Uerdingen  (zwischen  Düsseldorf
und  Ruhrort)  ergâbe,  ware  151  km  auf  die  336  km,  welchc  die
Schiffe  gegenwârtig  zurücklegen  müssen,  wenn  sie  unter  Be-M

 )  Dies  trotz  der  lebhaften  Proteste  von  Seiten  Belgiens;  Holland,  in
dessen  Intéressé  es  lag,  Belgien  nach  Môglichkeit  in  seiner  Bewegungsfreiheit
  zu  hemmen,  stützte  sich  auf  Art.  9  des  niederlândisch-belgischen
Vertrages  vom  19.  April  1839,  dessen  §  8  folgende  Bestimmung  enthalt:
„Wenn  natürliche  Ereignisse  oder  Kunstbauten  spaterhin  SchiffahrtsstraBen,
  die  im  gegenwartigen  Artikel  angedeutet  sind,  unbrauchbàr
machen  sollten,  wird  die  niederlândische  Regierung  der  belgischen  Schifffahrt,
  andere  Wege,  die  ebenso  sicher  und  ebenso  gut  und  bequem  sind,
als  Ersatz  für  die  genannten  unbrauchbar  gewordenen  Schiffahrtswege
anweisen,"
        <pb n="99" />
        98

nützung  der  unteren  Schelde  und  des  Kanals  von  Zuid-Beveland
  durch  hollândisches  Gebiet  fahren.
Ein  anderes  Projekt,  das  den  Weg  von  Antwerpen  zum
Rhein  um  50—60  km  kürzen  sollte,  labte  die  Durchbrechung
des  Dammes  von  Woensdrecht,  also  die  Wiedererôffnung  der
Schiffahrt  auf  der  Oosterschelde  ins  Auge,  Die  Unkosten
würden  sich  bei  weitem  nicht  so  hoch  stelien  als  die  für  einen
Kanalbau  und  die  Ergebnisse  sicher  sein.  Dies  Projekt  fand
krâftige  Unterstützung  von  seiten  der  Antwerpener  Haridelskammer;
  ihren  Auseinandersetzungen  darüber  vom  16.  Juli
1912  entnehmen  wir  folgende  Stelle;
,,Es  ist  bedauerlich,  daB  Belgien  die  Vollziehung  dieses  unglaublichen
Aktes  zugelassen  bat,  aber  es  wâre  noch  unverzeihlicher,  wenn  es  in
diesem  Augenblick,  da  Holland  um  neue  Zugestândaisse  15 )  bei  uns  ansucht,
nicht  die  Wiederherstellung  des  alten  Durchgangs  zum  Norden  vermitteist
der  Oosterschelde  zu  bekommen  suchte.
Selbstverstândlich  konnen  wir  nicht  daran  denken,  einen  Antrag  zu
stelien  auf  Fortschaffung  des  3600  m  langen  Sperrdamms  von  Woensdrecht,
über  den  die  Züge  von  Vlissingen  nach  Deutschland  laufen,  Doch  ist  uns
bekannt,  daB  belgische  Ingenieure  sich  mit  dem  Plan  befassen,  einen  Teil
dieser  Sperre  durch  eine  Brücke  zu  ersetzen,  unter  welcher  die  Schiffe
leicht  durchfahren  kônnten,  Belgien  nâhme  die  Ausführung  des  Werljes
auf  sich  und  zugleich  die  Unkosten  für  die  Baggerarbeiten,  die  sich  als
nôtig  erweisen  würden,  um  die  seit  ihrer  Abdammung  natürlicherweise
stark  vernachlâssigte  Oosterschelde  wieder  schiffbar  zu  machen.
Ganz  entschieden  muB  etwas  nach  dieser  Richtung  hin  getan  werden;
es  fahren  bereits  sehr  groBe  Rheinkâhne,  die  zu  lang  sind  für  die  gegenwârtigen
  Schleusen  des  Kanals  von  Hausweert,  Wohl  lâBt  der  niederîandische
  Waterstaat  Schleusen  von  140  m  Lange  bauen,  doch  das  erlaubt
keineswegs  die  Durchschleusung  von  zwei  oder  mehr  groBen  Kâhnen  zu
gleicher  Zeit,  noch  nimmt  es  die  Nachteile  einer  halb-maritimen  Schiffahrt
hinweg  oder  die  Verzôgerungen  der  Fahrt  durch  einen  Kanal,  der  durch
eine  Eisenbahnbrücke  versperrt  ist.  Die  Hollânder  müsscn  uns  einen
kürzeren  und  vollstândig  freien  Weg  zurückgeben,  der  uns  nicht  zwingt,
diese  Hindernisse  zu  überwinden  und  uns  nicht  zu  ihren  Gunsten  der
natürlichen  Vorteile  internationaler  Flüsse  beraubt,  die  so  gut  zu  unseren
Hâfen  führen  als  zu  den  ihrigen.
Wenn  dieser  Weg  wiederhergestellt  ist,  wird  der  Abstand  zwischen
Antwerpen  und  dort,  wo  die  Rheinarme  sich  in  ihre  Seemündungen  ergieBen,
  betrâchtlich  verkürzt  und  die  Gefahren  der  halb-maritimen  Schifffahrt
  werden  ebenso  betrâchtlich  vermindert  sein.  Auch  dann  hâtten  wir
noch  einen  weiteren  Weg  zum  deutschen  Rhein  aïs  Rotterdam,  doch  wâre
der  vollstândig  freie  Weg  von  Antwerpen  nur  noch  70—80  km  langer  aïs
der  von  Rotterdam,  wâhrend  der  Unterschied  gegenwârtig  infolge  des
Umweges  über  Hausweert  130  km  betrâgt,  abgesehen  noch  von  den

10 )  Die  Kanalisierung  der  Maas,  welche  die  Hollânder  ausführen
mochten,  jedoch  nicht  ohne  Zustimmung  Belgiens  in  Angriff  nehmen  konnen.
        <pb n="100" />
        99

Hindernissen,  die  zwei  Schleusen  und  eine  Brücke  mit  sich  bringen;
wenngleich  auch  dann  der  grôBere  Abstand  noch  gegen  uns  wâre,  kâmen
wir  doch  viel  nâher  daran,  auf  gleichem  FuBe  kâmpfen  zu  kônnen,  als  e»
gegenwàrtig  der  Fall  ist."

Endlich  entsprachen  unsere  Eisenbahnverbindungen  mit
dem  deutschen  Hinterland  den  stetig  wachsenden  Bedürfnissen
des  Verkehrs  nicht  mehr.  „Wir  stehen  immer  noch  auf  dem
Standpunkte,  eine  Verbindung  mit  Aachen  und  Kôln  vermittelst
  eines  kürzeren  und  weniger  behinderten  Weges  zu
fordern,  als  die  Vesdretalbahn  sie  bietet;  unsere  Strecke  Antwerpen—Kôln
  datiert  von  1843  und  entspricht  keineswegs
mehr  den  Forderungen  der  Kundschaft,  welche  Transporttarife
  fragt,  die  sich  auf  bis  ins  kleinste  gehende  Abstandsberechnungen
  gründen,  Andererseits  warten  wir  seit  einem
halben  Jahrhundert  vergebens  auf  die  Eisenbahn  Antwerpen—
Mainz,  auf  der  wir  auBer  Mainz  und  Frankfurt  das  Innere
Bayerns,  Württembergs  und  Ôsterreichs  erreichen  kônnten,
bhne  die  langsame  Befôrderung  und  die  erhôhten  Unkosten
langer  in  den  Kauf  nehmen  zu  müssen,  die  der  Umweg  über
Lüttich—Verviers—Aachen—Kôln  und  die  Rheinuferbahn  mit
sich  bringt.“ 10 )
Die  bestandige  Sorge  um  bessere  Verbindungen  zwischen
Antwerpen  und  Deutschland,  dem  besten  Kunden  seines  Hafens,
ist  ein  neuer  Beweis  fur  die  Bedeutung,  die  man  bei  uns  der
Erhaltung  und  Ausbreitung  unserer  Beziehungen  zu  diesem
Lande  beimaB,
Der  Antwerpcner  Hafen,
Fassen  wir  jetzt  die  Regierungspolitik  in  bezug  auf  den
Antwerpener  Hafen  selbst  ins  Auge.  Das  Feld  ihrer  Tatigkeit
war  auf  diesem  Gebiete  weiter  als  auf  dem  des  Transports
im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes;  tatsachlich  gab  es  hier  keine
Bedenken  mehr,  daB  gewissen  belgischen  Interessen  aus  der
allzu  deutlichen  Bevorteilung  des  Auslandes  Schaden  erwachsen
  kônne,  keine  Hindernisse  irgend  welcher  Art  stellten
sich  noch  in  den  Weg,  denn  nicht  allein  hatte  das  ganze  Land
10 )  Antwerpener  Handelskammer;  ,,Der  Antwerpener  Hafen  und  die
Vorzugstarife  der  preuBischen  Staatsbahnen,"  Darlegung  des  Bureaus,
Dezember  1913.

7*
        <pb n="101" />
        100

Nutzen  davon,  sondern  sein  Gedeihen  hing  nach  den  Worten
der  Regierung  selbst  von  demjenigen  unseres  Hafens  ab.
Als  die  Regierung  der  Niederlande  gleich  nach  unserer
politischen  Emanzipation  den  Pariser  Vertrag  von  1814  zerrissen
  und  auf  Grund  von  Art-  14  des  Friedensschlusses  zu
Münster  die  Blockade  der  Schelde  erklârt  batte,  konnte
Belgien  nur  dadurch  die  Auîhebung  dieser  Blockade  erwirken,
daB  es  den  Niederlanden  das  Recht  zugestand,  Schiffahrtszôllc
zu  erheben, 17 )  Die  belgische  Regierung  nahm  es  auf  sich,  diesen
Zoll  allein  zu  tragen.  Die  Summen,  die  das  Budget  des  jungen
Staatswesens  auf  diese  Weise  belasteten,  beliefen  sich  1840
nur  auf  612  313,33  Fr,,  doch  stiegen  sie  rasch  und  erreichten
1861  bereits  die  Hôhe  von  2184105,80  Fr,;  die  Gesamtsumme,
die  Belgien  den  Niederlanden  von  1839  bis  1862  für  diese  Zôlle
auskehrte,  betrâgt  27  322  808  Fr, 18 )
Durch  den  Vertrag  von  1863,  wodurch  Belgien  unter  Mithilfe
  aller  am  Antwerpener  Handel  interessierten  Staaten
diesen  Zoll  vermittelst  einer  einmalig  zu  entrichtenden  Summe
von  36  278  566  Fr,  abkaufte,  kam  eine  neue  Ausgabe  in  der
Hôhe  von  13  328  006  Fr,,  dem  Betrage  des  belgischen  Anteils
der  Abkaufssumme,  hinzu, 19 )  Die  an  Holland  für  Zoll  bezahlte
Summe  erhôhte  sich  dadurch  auf  40  650  806  Fr.
Da  Holland  sich  trotz  der  Vertrage  weigerte,  in  dem  Teile
der  Schelde,  der  sich  auf  seinem  Gebiete  befindet,  für  Baken
und  Licht  zu  sorgen,  muBte  Belgien  die  Unkosten  auch  hierîür
auf  sich  nehmen;  die  Gesamtausgaben,  die  Belgien  auf  Grund
davon,  daB  es  die  Schelde  in  befahrbarem  Zustande  erhielt,
erwuchsen,  beliefen  sich  für  den  Zeitraum  von  1850—1895  auf
25  620  000  und  für  den  von  1896—1912  auf  21370  000  Fr,
Zweimal  verpflichtete  die  Regierung  die  Stadt,  die  Hafengebühren
  herabzusetzen,  um  die  Kosten  des  Anlaufens  Antwerpens
  noch  mehr  zu  ermâBigen;  1861,  als  sie  dies  zum  ersten
Male  tat,  setzte  sie  einen  Hôchsttarif  von  0,70  Fr,,  das  zweite
Mal,  1895  (Gesetz  vom  12,  Juli),  einen  solchen  von  0,50  Fr,  per
Netto-Registertonne  fest-17
 )  Dieser  Zoll  betrug  Fl.  1,50  per  Tonne;  Fl,  1,12  bei  der  Bergfahrt
und  Fl.  0,38  bei  der  Talfahrt.
18 )  Auguste  Parent,  Du  commerce  de  Belgique  à  propos  de
1  affranchissement  de  l'Escaut,  p.  52.
19 )  Id M  ibid.,  p.  70.
        <pb n="102" />
        101

Seitdem  die  Bakengebühren  abgeschafft  waren  (1895),
bildete  das  Lotsenwesen,  die  FluBpolizei  und  ein  Anteil  an
den  Kaigebühren  die  einzige  Quelle  für  die  Einkünfte  des
Staates  aus  der  Schiffahrt,  Diese  beliefen  sich  1913  für  das
Lotsenwesen  und  die  Polizei  auf  5  060  050  Fr.,  wâhrend  die
ordentlichen  Ausgaben  des  Schiffahrtsministeriums  im  Budget
auf  9  622  688  Fr.  veranschlagt  waren;  wenn  man  nun  auch  mit
den  anderen  Einnahmen  dieses  Ministeriums  Rechnung  trâgt,
so  lassen  diese  Zahlen  doch  genugsam  erkennen,  daB  kein
Aktivsaldo  zur  Tilgung  und  Verzinsung  des  Anlagekapitals
übrig  blieb.  Was  die  Kaie  anlangt,  so  betrugen  die  Einnahmen
wâhrend  der  letzten  zehn  Jahre  durchschnittlich  jâhrlich
903  890  Fr.,  was  nur  0,9  %  ihrer  Anlagekosten  darstellt.
Bis  1914  hatte  der  belgische  Staat  etwa  350,1  Mill.  Fr.  für
den  Antwerpener  Hafen  ausgegeben, 20 )
Die  Stadt  hat  ihrerseits  131  700  000  Fr,  zu  den  Hafenbauten
beigetragen 21 )  ;  die  Einnahmen  überstiegen  1913  die  Ausgaben
um  6  870  000  Fr.,  wovon  jedoch  3  Mill,  Fr.  in  Abzug  zu  bringen
sind 22 ),  so  daB  nur  ein  Aktivsaldo  von  3  870  000  Fr.  oder  3%
zur  Verzinsung  und  nichts  zur  Tilgung  verbleibt-  Wir  müssen
noch  hinzufügen,  daB  die  Stadt,  wenn  sie  irgend  welchen
ÜberschuB  erzielen  kann,  dies  dem  Staate  zu  verdanken  hat,
der  viele  Unkosten  ohne  Vergütung  auf  sich  nimmt.

so )  Diese  Summe  verteilt  sich  annahernd  folgendermaGen:
1.  Zollgebühren,  an  die  Niederlande  ausgekehrt  Fr.  40,00  Mill,

2,  Verbesserung  der  Fahrbarkeit  der  Schelde  .  „  49,15
3,  Van  Dyckkaai,  Jordaenskaai  usw  13,00
4,  Kattendyk-  u.  Rynkaai;  Kattendykschleuse  .  „  1,10
5,  Bau  der  alten  Scheldekaie  (3500  m)  .  ,  .  .  „  85,10
6,  „  „  neuen  „  (2000  m]  ...  .  „  19,75
7,  Übereinkommen  mit  der  Soc,  Anon,  du  Sud
d'Anvers  „  4,95
8,  Enteignungen  1900—1904  24,50
9,  Enteignungen  für  das  Kanal-Bassin  (Gesetz
vom  30.  3.  1906)  ..  83,66
10,  Enteignungen  für  die  Flufikorrektion  (Ges.  1912)  „  25,90

Fr,  350,11  Mill,
21 )  Von  1820—1912,
22 )  Wie  aus  der  Aufstellung  der  einzelnen  Posten  des  Budgets  hervorgeht,
  wurden  diese  3  Mill.  von  dem  auCerordentlichen  Budget  für  aile
Einrichtungen  dort  eingestellt;  sie  stellen  demnach  keine  Vermehrung  der
Einnahmen  dar,  sondera  es  handelt  sich  um  eine  Eintragung,  die  behufs
Abschlusses  des  Gemeindebudgets  gemacht  wurde.
        <pb n="103" />
        102

Das  im  Antwerpener  Haîen  angelegte  belgische  Kapital
belâuft  sich  demnach  im  ganzen  auf  480  Mill.  Fr,  und  der  zur
Verzinsung  und  Tilgung  Verfügbare  Ertrag  auf  1  %,
Fine  derartige  Finanzpolitik  wâre  offenbar  nicht  zu  rechtfertigen,
  wenn  man  durch  diese  Handelsweise  nicht  ,,Gold  sate
für's  ganze  Land“. 23 )
Darum  zogerte  die  Regierung  auch  nicht,  der  Kammer  eine
neue  Ausgabe  von  etwa  120  Mill,  Fr.  zur  Ausbreitung  der
Schiffahrtseinrichtungen  vorzustellen,
,,Falls  der  Antwerpener  Hafen  nicht  umgestaltet  wird,“
schrieb  der  Minister  Renkin,  „ist  er  dem  Untergange  geweiht,
und  die  Einnahmen  der  Staatskasse,  Belgiens  Handel  und
Industrie  werden  mit  ihm  in  Verfall  geraten.  Entschîiefit  sich
das  Land  dagegen  zu  der  Kraftanstrengung,  welche  die  Regierung ­
  in  weiser  Voraussicht  von  ihm  erheischt,  so  wird  der
Wohlstand  des  Landes  durch  die  unzweifelhaften  Wirkungen
der  vorgestellten  Werkc  verbürgt  sein,  ohne  da.B  ein  Centime
an  neuen  Steuern  bezahlt  zu  werden  braucht." 21 )
GewiB,  aber  immerhin  doch  nur  unter  der  Voraussetzung,
daB  ein  Verkehrszuwachs  von  über  100%  Hand  in  Hand  gingc
mit  der  Inbetriebsetzung  der  34  km  Kaie  und  507  ha  Bassins,
die  uns  diese  Werke  bringen  würden,  Belgien  allein  hâtte
nie  mehr  als  einen  ganz  geringen  Teil  davon  liefern  kônnen;
demnach  muB  die  Regierung  auf  eine  entsprechende  Steigerung
der  Durchfuhr,  und  zwar  vor  allem  der  deutschen  Durchfuhr
gerechnet  haben,  Ihre  ganze  Transportpolitik  ist  übrigens  ein
Beweis  dafür.
„Antwerpen  wird  dieses  Hinterlandes  mehr  als  je  bedürfen,
  wenn  die  aufierordentliche  LIafenausbreitung  Tatsache
geworden  ist,”  sagte  der  Abgeordnete  Dr,  Van  de  Perre  hinsichtlich
  dieser  Sache- 25 )
«
*  *
In  seiner  Studie  „La  politique  des  transports  en  Belgique”
drückt  De  Leener  sich  folgendermaBen  über  das  finanzielle
Eingreifen  des  Staates  zugunsten  Antwerpens  ans:
23 )  Minister  Van  den  Peerebom;  siehe  oben,  S,  .  .
**)  4-  Renkin,  Anvers;  installations  maritimes  et  système  défensif,  p.  32.
■°)  A.  van  de  Perre,  De  bevaarbaarmaking  der  Maas  enz.,  blz,  32.
        <pb n="104" />
        103

„Was  Antwerpen  anlangt,  so  ist  dieses  Eingreilen  gerechîfertigt,
  weil  das  nationale  Interesse  es  fordert." 2&amp;lt;i )  „Wenn  es
sich  um  einen  Hafen  handelt,  dessen  wohltâtiger  EinfluB  sich
auf  die  Ailgemeinheit  des  Landes  erstreckt,  stoBt  das  staatliche
  Eingreilen  auf  keinen  Widerspruch  mehr;  im  Gegenteil,
es  wird  zur  dringenden  Pflicht." *  27 )  Er  erkennt  dem  Staat
jedoch  nicht  das  namliche  Recht  zu  hinsichtlich  der  anderen
belgischen  Hafen,  insbesondere  Gent  und  Zeebrugge,  weil
„ein  Hafen  vom  nationalen  Standpunkt  aus  nur  dann  zulâssig
ist,  wenn  er  dem  Lande  neuen  Verkehr  bringt," 28  29 )  was  er
ihnen  abspricht,  da  ,,man  sagen  kann,  dai3  der  groBte  Teii  des
Verkehrs,  der  die  belgischen  Konkurrenzhâfén  unterhalt,  Antwerpen ­
  entzogen  wird,"  ”)  und  dann  andererseits  ,,ailes,  was
den  Schiffahrtsverkehr  Antwerpens  verringert  oder  seiner
Entwickelung  entgegenwirkt,  zur  Verringerung  der  Vorteile
beitragt,  die  Belgiens  Industrie  und  Handel  aus  diesem  Hafen
erwachsen", 30 )
Die  nachstehende  Tabelle  beweist  übrigens,  daB  es  nôtig
ist,  aile  Krâfte  des  Landes  auf  einen  einzigen  Hafen  zu  konzentrieren:


Tabelle  XXIII.

Staatlidies  Anlage-Verkehr



Unkosten

Hafen

kapital

in  100000  Nettoin

  Mill.  Fr  per

in  Mill.  Fr.

Reg.-Tonnen

100  000  f  Verkehr

Antwerpen  .  .

350

175

20

Gent

73

18

40

Brügge  ....

61

8

76

Ostende  .  .  .

48

4

120

Nieuwport  .  .

42,5

0,8

53

Briissel.  .  .  .

80

8,0

1000

20 )  De  Leener,  La  politique  des  transports,  p.  40.
27 )  Ibid.,  p.  21.
28 )  De  Leener,  La  politique  des  transports,  p.  258,
29 )  Ibid.,  p.  256.
•■&amp;gt;»)  Ibid.,  p.  260.
        <pb n="105" />
        104

Die  Handelsîlotte.
Um  diese  Untersuchung  über  die  belgische  Wirtschaftspolitik
  hinsichtlich  Antwerpens  zu  erganzen,  wollen  wir  noch
die  MaBregeln  ins  Auge  fassen,  die  zugunsten  der  belgischen
sowohl  als  der  auslândischen  Handelsflotte  genommen  wurden.
Bei  Einhaltung  der  chronologischen  Reihenfolge  kommen
wir  zunâchst  an  letztere.  In  richtiger  Erkenntnis  der  Dienste,
die  sie  uns  bei  unserem  Mangel  an  genügend  machtigen  einheimischen
  Reedereien  leisten  konnte,  bat  die  Regierung  ihr,
soweit  es  die  regelmafiige  Fahrt  angeht,  zahlreiche  Vorteile
gewahrt,
Sie  bat  mit  mehreren  Linien  Vereinbarungen  getroffen;
die  vornehmsten  davon  sind:
a)  Norddeutscher  Lloyd  (Ges,  v,  21,  Mai  1886),  Gegen
die  von  der  Gesellschaft  übernommene  Verpflichtung,  aile  ihre
auf  Australien  und  Ostasien  fahrenden  Postdampfer  auf  der
Hin-  und  Rückreise  Antwerpen  anlaufen  zu  lassen,  gewahrt
der  belgische  Staat  ihr  einen  jâhrlichen  Zuschufi  von  80  000  Fr,
und  vergütet  ihr  die  belgischen  und  hollandischen  Lotsengelder
  wie  auch  die  Bakengebühren  (seit  1895  abgeschafft),
die  ihren  Paketbooten  kraft  der  bestehenden  Gesetze  auferlegt
  wurden, 31 )
b)  Deutsch-AustralischeDampfschiffahrts-Gesellschaft  (Vertrag
  v,  24,  Juni  1889,  abgeândert  am  3,  Februar  1891;  Ges,  v,
5,  August  1889),  Die  Reederei  verpflichtet  sich  zur  Einrichtung
  eines  regelmâBigen  Dienstes  zwischen  Antwerpen  und
den  hauptsachlichsten  Hâfen  Australiens  gegen  eine  Zulage
von  1500  Fr,  für  jede  Überfahrt  auf  der  Hin-  und  Rückreise;
diese  Zulage  wird  nur  für  13  jahrliche  Reisen  gewahrt, 32 )
c)  Det  Forenede  Dampskibselskabet  (Übereinkommen  vom
17,  August  1887),  Die  Reederei  übernimmt  gegen  das  Recht,
unter  dem  Schutze  des  belgischen  Staates  fahren  zu  dürfen,
die  Verpflichtung,  einen  regelmâBigen  wochentlichen  Dienst
zwischen  Antwerpen,  Kopenhagen  und  der  Ostsee,  sowie  einen
monatlichen  Dienst  zwischen  Antwerpen  und  dem  Schwarzen
Meer  (Batum)  und  vice  versa  zu  unterhalten- 33 )
31 )  Moniteur  belge  vom  26,  Mai  1886.
3J )  Moniteur  belge  vom  16,  August  1889,
33 ]  Moniteur  belge  vom  5,  September  1887.
        <pb n="106" />
        105

d)  Red  Star  Line 3 ')  (Ges.  v,  14,  August  1887),  Durch  dieses
tibereinkommen  vergônnt  der  Staat  der  Reederei  die  Einrichtung
  eines  regelmâfiigen  Dienstes  für  die  Postsendungen
von  Antwerpen  nach  Nordamerika  und  umgekehrt  und  verbürgt
  ihr  ein  jâhrliches  Mindesteinkommen  von  340  000  Fr,  ans
diesem  Dienste, 35  * )
e)  Kosmos  Finie  und  einige  andere  regelmâfiige  Fini  en;
Befreiung  von  den  Lotsengebühren  (1883),
Was  die  einheimischen  Reedereien  anlangt,  so  bat  die
Regierung  die  Politik  der  Schiffahrtsausbreitung  Leopolds  IF
in  die  Praxis  umgesetzt  und  einigen  von  ihnen  finanzielle
Unterstützung  angedeihen  lassen,  „in  Anbetracht  der  Schwierigkeiten,
  auf  die  sie  stoBen,  um  Kapital  für  Unternehmungen
dieser  Art  zu  bekommen", 30 )  Auf  Grund  des  Gesetzes  vom
18,  August  1907  bat  sie  ihnen  einen  Kredit  von  5  Mill.  Fr. 37  38 )
erôffnet  gegen  Obligationen,  die  jahrlich  3  %  Zinsen  tragen
und  zum  Nennwert  innerhalb  einer  Frist  von  20  Jahren  tilgbar
sind,  Das  Ergebnis  dieser  Ausgabe  von  Obligationen  durfte
nur  zum  Ankauf  von  Schiffsmaterial  dienen,
Andererseits  trat  mit  der  Abkündigung  der  Gesetze  vom
10-  Februar,  5,,  9.  .und  10,  September  1908  die  See-  und  FluBhypothek
  ins  Leben,  und  bald  entstanden  Kreditanstalten  ad
hoc,  die  den  Bedürfnissen  der  belgischen  Reederei  entgegenkommen
  sollten.
Die  Frage,  ob  die  staatliche  finanzielle  Unterstützung  von
belgischen  Schiffahrtsunternehmungen,  die  sich  mit  den  Mitteln
der  privaten  Initiative  nur  mühsam  über  Wasser  halten  konnten,
gerechtfertigt  sei,  ist  seiner  Zeit  viel  besprochen  worden;  den
Standpunkt,  auf  den  die  integralen  Nationalokonomen  sich
stellten,  legte  De  Leener  folgendermaBen  dar;  „Da  der  Besitz
einer  belgischen  Handelsflotte  nicht  von  ôffentlichem  Nutzen
für  Belgien  ist,  kommen  wir  zu  der  SchluBfolgerung,  daB  eine
finanzielle  Unterstützung  des  Staates  nicht  gerechtfertigt  ist,“ 3S )
35 )  Wir  fügen  diese  Reederei  hier  ein,  weil  ihr  ganzes  Kapital  auslândisch
  ist;  freilich  fahren  einige  ihrer  Schiffe  unter  belgischer  Flagge,
35 )  Moniteur  belge  vom  21.  August  1887.
3G )  Zehnte  Abhandlung  über  die  belgische  Kauffahrteiflotte,  dem
Zentralausschufi  der  Antwerpener  Handelskammer  vorgelegt.
37 )  Ste.  Anon.  Océan;  2  Mill.;  Cie,  Royale  Belge-Argentine;  2  Mill.j
Cie.  Nationale  des  Transports  Maritimes;  I  Mill,
38 )  De  Leener,  La  politique  des  transports,  p,  301,
        <pb n="107" />
        106

So  lag  die  Sache  vor  dem  Kriege.  Seitdem  hat  die  Réglérung,
  wie  wir  gesehen  haben,  sich  an  der  Gründung  des  „Lloyd
Royal  Belge"  beteiligt,  Diese  Intervention,  umfangreicher  als
je,  wie  wir  oben  erwâhnten,  hat  einen  lebhaften  Widerstand
hervorgerufen.
Der  Herr  Charles  Le  Jeune,  dessen  erleuchtete  und  uneigennützige
  Vaterlandsliebe  wohl  niemand  in  Zweifel  ziehen
dürfte,  hat  Nachdruck  auf  diesen  Widerstand  gelegt  in  einem
Interview,  das  er  dem  Direktor  der  ,,Indépendance  Belge"
zugestand,  Wir  geben  die  weisen  Mahnungen  und  die  Kritik
unseres  verehrlichen  Mitbürgers  zur  Erwâgung  wieder;
—  Wurclen  Sie  nicht,  fragte  der  Schriftleiter  der  ..Indépendance
Belge"  Herrn  Le  Jeune,  von  Seiten  des  Schiffahrtsministeriums  ersucht,
ein  Konsortium  zur  Gründung  einer  belgischen  Kauffahrteiflotte  zu  bilden?
—  Ich  bin  nicht  darum  angesucht  worden,  ein  Konsortium  zu  bilden,
doch  hat  Herr  Segers,  Schiffahrtsminister,  zu  zwei  verschiedenen  Malen
um  meine  Beteiligung  an  Schiffahrtsunternchmungen  gefragt,  die  unter
seiner  Beschirmung  in  Bildung  begriffen  seien.  Das  erste  Mal,  gegen  Mitte
April  d.  J,,  handelte  es  sich  um  den  Ankauf  einer  Flotte  für  die  Summe
von  30  MOI,  Fr,  durch  Vermittlung  und  unter  finanzieller  Mitwirkung  der
Commission  for  Relief,  um  die  Bevorratung  der  in  Belgien  zurückgebliebenea
Bevôlkerung  sicher  zu  stellen,
Ich  stimmte  seinen  edelmütigen  Absichten  mit  Warme  zu  und  nahm
den  Vorsitz  des  Rates,  der  mir  angeboten  wurde,  gerne  an,  Dieser  Plan
wurde  aufgegeben,  ,,ohne  daB  man  mir  die  Gründe  dafür  auseinandersetzte."
  Kurz  darauf,  gegen  Ende  des  Monats  Mai,  kam  Herr  Segers  nach
London  und  stellte  mir  vor,  an  der  Gründung  des  ,,Lloyd  Royal  Belge"
mitzuwirken;  zu  gleicher  Zeit  bot  er  mir  den  Direktorposten  davon  an,
den  ich  ablehnte,  „da  meine  Ansichtcn  darüber  ungünstig  waren".
—  Darf  man  Sie  fragen,  ob  Sie  vor  oder  wahrend  der  Unterhandlungen
  um  Mitwirkung  an  oder  Beschirmung  der  Gründung  des  „Lloyd
Royal  Belge"  angegangen  wurden?
—  Ich  stand  vor  der  vollzogenen  Tatsache.  Der  Minister  setzte  mir
seinen  Plan  auseinander,  und  „bereits  am  26.  Juni  war  die  Gesellschaft
mit  unbegreiflicher  Eile  in  De  Panne  ins  Leben  getreten".
—  Sind  Sie  nicht  der  Ansicht,  daB  die  Reeder,  und  im  allgemeinen
aile  diejenigen,  die  am  Schiffahrtswesen  interessiert  sind,  wie  auch  die
Mitglieder  der  Handelskammer  hatten  zu  Rate  gezogen  werden  sollen?
—  Ja,  bestimmt.  Fine  so  gewichtige  Sache  erforderte  eine  gründliche
  Untersuchung,  demi  es  handelte  sich  um  nichts  weniger  aïs  die
Verpfândung  des  durch  den  Krieg  bereits  untergrabenen  Kredits  des
Landes  um  die  fabelhafte  Summe  von  100  Millioncn  Franken  zugunsten
eines  Geschâftes  sehr  fragwürdiger  Art,  das  Privatinteressen  dient.
„Nichts  zwang  die  Regierung,  sich  in  dieses  Abenteuer  zu  stürzen,  und  der
Kriegszustand,  auf  den  man  sich  beruft,  rechtfertigt  es  nicht."  Neben  der
Operation  selbst  stehen  Prinzipien,  die  sie  einführt.  Es  wird  eine  Art
Monopol  geschaffen,  dem  sich  der  Staat  unter  Bedingungen  anschlieBt,  die
ohne  Prâzedenzfall  dastehen,  und  die  Regierung  nimmt  ein  Unternehme»
        <pb n="108" />
        107

un  ter  seine  Obhut,  das  nicht  allein  mit  âhnlichen  Schiffahrtsunternehmungen,
sondern  auch  mit  anderen  belgischen  Interessen  in  Wettbewerb  treten
soil.  Die  Statuten  erlauben  nâmlich,  bis  ins  Unendliche  auf  den  verschiedensten
  Gebieten  einzugreifen,  und  der  Staat  nimmt  neue  Interventionen
  in  Aussicht,  denn  er  behalt  sich  für  den  Fall  der  Erhôhung  des
Aktienkapitals  von  fünfzig  Millionen  das  Vorzugsrecht  auf  die  Zeichnung
von  fünfzig  Prozent  der  neuen  Aktien  vor.
Das  ist  das  Programm,  das  man  uns  anbietet.
Schauen  wir  uns  jetzt  das  Geschaft  an,  das  man  uns  vorschlagt,
Man  will  neue  regelmafiige  Linien  ins  Leben  rufen,  und  man  beteiügt
sich  an  einer  Reederei,  „deren  Schiffe  in  keiner  Weise  denen  der  groOen
regelmaBigen  Linien  gleichen''.  Sie  sind  aile  langsame  Dampfer  —  von
7  bis  9  Knoten  ungefahr  —  und  viele  davon  sind  zehn  Jahre  ait  und
darüber,  Freilich  wird  man  nach  dem  Krieeg  mit  dem  Gelde  der  Regierung
andere  kaufen  kônnen.  Es  wird  jedoch  nicht  leicht  sein,  welche  zu  finden.
Keine  einzige  spczielle  Erwâgung  empfiehlt  demnach  diese  Reederei
für  den  bestimmten  Zweck.  Sicher  kann  es  die  nicht  sein,  da(3  sie  —
wie  aile  Reeder  mit  ganz  geringen  Ausnahmen  —  vermittelst  der  bekannten,
unmâflig  emporgeschraubten  Frachtsatze  wâhrend  des  Krieges  schweres
Geld  vcrdient  hat,
Bei  der  Verwesentlichung  eines  derartigen  Programms  und  einer
derartigen  Sache  von  Seiten  einer  Regierung  war  die  âuCerste  Vorsicht
am  Platze.  Die  dabei  in  Betracht  kommenden  finanziellen,  wirtschaftlichen
  und  selbst  sozialen  Fragen  dürfen  nicht  nach  Gutdünken  von  einem
Minis  ter,  wer  er  auch  sei,  durchgehauen  werden.  Es  ist  eine  neue  Politik,
mit  der  Ideen,  Personen  und  Tatsachen  zu  schaffen  haben,  „Es  kommt
einem  unglaublich  vor,  daI3  eine  derariige  Sache  in  Abwesenheit  der
6%  Millionen  Belgier  im  besetzten  Gebiete  geregelt  und  in  Überstürzung
abgetan  werden  konnte."
Es  ist  nicht  weniger  unzulâssig,  dafî  die  befugten  Gruppen  in  England,
Frankreich  und  Holland  dabei  übergangen  wurden.  Und  es  mangelt  hier
nicht  an  Vertretern  unserer  Reedereien,  des  Ober-Schiffahrtsrats,  wie
unsercr  Handels-  und  Gewerbekammern,  ohne  die  Mitglieder  unseres
Parlaments  zu  erwâhnen,
—  Kônnen  Sie  uns  in  einigen  Worten  Ihre  Ansicht  darlegen  über  die
Ausgabe  der  ersten  Partie  von  fünfundzwanzig  Millionen  vierprozentiger
Obligationen?
—  Das  ist  sehr  einfach,  Wie  die  Sache  sich  dartut,  besteht  sie  für
die  Gruppe  Brys  &amp;amp;  Gylsen  nur  in  der  Verschmelzung  der  vier  Gesellschaften,
  die  unter  ihrer  Leitung  standen,  in  eine  einzige,  sowie  ,,in  dem
den  Besitzern  dieser  Schiffe  zugesicherten  Vorteil,  beinahe  ausschlieflîich
Eigenttimer  derselben  zu  bleiben  und  nichtsdestoweniger  für  25  Millionen
vierprozentige  Obligationen,  für  die  der  Staat,  sowohl  was  Kapital,  aïs
was  Zinsen  angeht,  Bürge  ist,  in  Bezahlung  zu  empfangen."
Die  Haftpflicht  dieser  Gruppe  als  Aktionârin  beschrânkt  sich  auf  den
Wert  der  Aktien,  die  sie  in  der  Gesellschaft  besitzt,  deren  Kapital  fünfzig
Millionen  ist.  Als  Inhaberin  von  Obligationen  hat  sie  fünfundzwanzig
Millionen  an  Obligationen  vor  sich,  Wie  die  Sachlage  sich  auch  gestalten
môge,  und  selbst  wenn  die  Gesellschaft  zusammenbricht,  müssen  diese
Obligationen  bis  zur  vôlligen  Tilgung  von  Kapital  und  Zinsen  vom  Staate
bezahlt  werden,  Sie  sind  keiner  Gefahr  ausgesetzt.
Andererseits  entfâllt  auf  den  Staat,  da  der  ganze  Gewinn  den
Aktionâren  gehôrt,  nicht  der  geringste  Gewinn.  Hier  sehen  wir  also  ein.
        <pb n="109" />
        108

Vermôgen  von  fünfundzwanzig  Millionen,  das  den  Interessenten  garantiert
ist,  auBerhalb  des  Bereiches  aller  Gefahr  gestellt  und  vollkommen  unabhângig
  vom  Kapital,  wovon  aller  Vorteil,  d.  i,  der  mit  der  ganzen  Flotte
erzielte  Gewinn  den  Gründern  gehôrt.  Herr  Brys,  administrateur-délégué,
Herr  Gylsen,  administrateur-directeur,  und  Herr  Schobbens,  directeur,
haben  48  725  Aktien  von  je  1000  Fr.  auf  50  000  unter  sich  allein  verteilt!
—  Abschnitt  5  der  Statuten  führt  im  Art,  27  unter  der  Rubrik  ,,Bcstimmungen
  von  nationalem  Interesse"  die  Vorteile  auf,  welche  die  Belgier
bei  der  neuen  Gesellschafi  haben  werden.  Was  denken  Sie  davon?
—  Ich  will  nicht  bekritteln.  Bekanntlich  lassen  sich  aber  so  leicht
allerhand  Bedingungen  in  Statuten  setzen,  die  denen,  die  nicht  klar  in  der
Sache  sehen,  in  die  Augen  stechen.  Die  bemerkenswerten  Briefe  des
Herrn  Van  de  Vorst,  die  in  der  Indépendance  erschienen  sind,  haben  über
diese  sogenannten  Vorteile  den  Stab  debrochen.
Ich  kann  mich  also  darauf  beschranken  zu  sagen,  da!3  sie  lâcherlich
sind,  so  lâcherlich  selbst,  daB  ich  nicht  begreife,  daB  den  Schreibern  des
Textes  selbst  ihre  Nichtigkeit  nicht  aufgefallen  ist,
—  Wenn  ich  gut  verstanden  habe,  ist  das  Los  des  Staates  also  mit
dem  der  neuen  Gesellschaft  verbunden,  da  die  vorgesehene  Dauer  fünfzig
Jahre  betrâgt?  Denken  Sie,  daB  die  Schaffung  und  vor  allem  der  Bestand
einer  Schiffahrtslinie  von  der  Anzahl  Millionen  abhângt,  über  die  man
verfügt?  Gibt  es  nicht  zahlreiche  andere  Faktoren,  mit  denen  Rechnung
zu  halten  ist?
—  Das  Geschick  des  Staates  ist  für  fünfzig  Jahre  an  dieses  Unternehmen
  gefesselt,  denn  die  in  den  Statuten  vorgesehene  Dauer  ist  nicht
minder  als  ein  halbes  Jahrhundert.
Ein  Seereederei-Unternehmen  lâBt  sich  nicht  künstlich  durch  die
Macht  der  Millionen  ins  Leben  rufen.  Niemand  tragt  grôBere  Zuneigung
zu  unserer  Handelsflotte  aïs  ich;  niemand  wünschte  ihr  Gedeihen  mehr
aïs  ich  und  hat  es  so  zur  Sorge  seines  ganzen  Lebens  gemacht.  Aber  man
muB  mit  der  Wirklichkeit  Rechnung  halten.  Erinnern  wir  uns,  daB  der
Seehandel  vor  allem  anderen  international  ist,  und  daB  der  Antwerpener
Hafen  nur  vom  internationalen  Handel  leben  kann.  Vor  allem  in  einem
Lande  wie  dem  unsrigen,  und  in  Anbetracht  seiner  besonderen  Lage  ware
es  unmôglich,  ihn  durch  nationale  Vorrechte  lebensfâhig  zu  machen.  Ist
das  Schiff  übrigens  nicht  vermôge  seiner  Bestimmung  international?  Fâhrt
es  nicht  auf  einem  Gebiet,  das  niemand  gehôrt,  auf  der  See,  die  international ­
  ist  par  excellence?  Am  allerwenigsten  aber  kônnte  Antwerpen
  der  Mitwirkung  der  seefahrenden  Vôlker  entraten,  wollte  es
seinem  Hafen  den  erforderlichen  regen  Verkehr,  wie  die  maBigen  Frachtsâtze
  und  die  Transportgelegenheiten  erhalten,  die  dem  Handel  und  der
Industrie  unentbehrlich  sind.
Überdies  gibt  es  einen  anderen  Punkt,  den  man  nie  aus  dem  Auge
verlieren  darf,  das  ist  die  Ablôsung  des  Scheldezolles,  an  der  sich  eine
ganze  Reihe  Staaten  beteiligt  hat,  Unter  Mithilfe  ihrer  Millionen  wurde
das  prachtige  Résultat  erzielt,  daB  der  Strom  seiner  Fesseln  ledig  ward.
Es  würde  sich  schôn  ausnehmen,  wenn  man  sie  eines  Tages  ihrer  Rechte
berauben  und  gegen  andere  zurücksetzen  wollte!
Die  Antwort  würde  nicht  ausbleiben,  und  es  ware  Grund  dafür  vorhanden,
  Der  Kampf  auf  dem  Gebiete  der  Schiffahrt  besteht  demnach
noch  immer,  und  er  wird  bestehen  bleiben  —  übrigens  wird  er  heilsam
—•  aber  dieser  Kampf  bringt  groBe  Schwierigkeiten  mit  sich.  Kein
Unternehmen  erfordert  mehr  Ausdauer,  mehr  Erfahrung,  mehr  Initiative.
        <pb n="110" />
        109

Hâuflg  entbrennen  Kâmpfe  auf  dem  Gebiete  der  Syndikate,  der  Trusts,  der
Kartells;  es  ist  zuweilen  mit  der  Macht  von  Millionen,  daB  sehr  groBe
Gesellschaften  sich  jahrelang  den  Grund  streitig  machen.  In  den  letzten
Jahren  haben  wir  die  belgische  Handelsflotte  einen  guten  Aufschwung
nehmen  sehen.  Sie  muB  durçh  verstândige  Mithilfe  auf  dem  Wege  der
Privatinitiative  ermutigt  werden,  nicht  aber  auf  dem  Wege  des  Monopols,
von  der  Regierung  unterstützt  und  in  die  Hande  von  Leuten  gelegt,  die
ailes  zu  sagen  haben  —  denn  einer  der  ersten  Ahte  des  „Lloyd  Royal
Belge”  war  die  Bildung  eines  Verwaltungsausschusses,  bestehend  aus  dem
Triumvirat  der  drei  Hauptgründer,  dem  die  ausgedehntesten  Befugnisse
zustehen.  Sie  werden  nicht  allein  die  laufenden  Verwaltungsakte  ausführen,
  sondern  auch  —  was  sonst  stets  einem  Verwaltungsrat  vorbehalten
bleibt  —  Schiffe  verkaufen,  kaufen  und  hypothekarisch  belasten  kônnen.
Freilich  ist  die  Regierung  durch  zwei  Kommissâre  mit  gewissen  Interveniionsbefugnissen
  vertreten;  aber  ihre  Aufsicht  ist  bekanntlich  illusorisch,
da  man  sie  gewôhnlich  vor  die  vollzogene  Tatsache  stellt.

—  Gibt  es  wichtige  Gründe,  warum  das  System  nicht  angenommen
wurde,  das  Frankreich  zur  Vermehrung  seiner  Handelsflotte  in  Anwendung
  bringt?
—  Das  franzôsische  Schiffahrtspramiensystem  hat  nicht  die  geringste
Aussicht,  bei  uns  zur  Annahme  zu  gelangen.  Dieser  Protektionismus  ist
sehr  abfallig  beurteilt  worden,  und  das  um  so  mehr,  aïs  seine  Ergebnisse
negativer  Art  waren.
—  Sind  Sie,  der  Sie  die  Schiffahrtswelt  Antwerpens  so  gut  kennen,.
der  Ansicht,  daB  diese  eine  günstige  Stellung  zu  der  neuen  Kombination.
nehmen  wird?
—  Ich  zweifle  nicht  daran,  daB  sich  in  Antwerpener  Schiffahrtskreisen
eine  allgemeine  MiBbilligung  Luft  machen  wird  g  e  g  e  n  die  Kombination,
zu  der  die  Regierung  ihre  Hand  geliehen  hat.  Wenn  ich  den  Gerüchten
Glauben  schenken  darf,  die  mich  bis  jetzt  erreicht  haben,  besteht  kein
Zweifel  darüber,
—  Werden  die  verschiedenen  Branchen  unsercs  Handels  sich  nicht
von  der  dem  „Lloyd  Royal  Belge"  gestatteten  Konkurrenz  getroffen  fühlen?
—  Zweifellos,  Wenn  der  Staat  sich  durch  eine  Zwischenperson  an
einem  Unternehmen  beteiligt,  dessen  Statuten  eine  Einmischung  in  zahlreiche
  Berufe  vorsieht,  kann  es  nicht  fehlen,  daB  diese  sich  getroffen
fühlen  und  ihre  Stimme  hôren  lassen  werden,  Denn  die  Statuten  beschrânken
  sich  nicht  auf  die  Erraâchtigung  zum  Seereedereigeschâft  im
eigentlichen  Sinne  des  Wortes;  es  werden  in  ihnen  Vorkehrungen  getroffen
fur  ailes,  was  in  Verhindung  steht  mit  Spedition,  Transpoit  zu  Lande  und
zu  Wasser,  Verfrachtung,  Kauf,  Verkauf,  Schiffsbau  und  Schiffsreparatur
wie  für  aile  kommerziellen,  industriellen  und  finanziellen  Operationen,
sowohl  im  Ausland  als  in  Belgien,  sofern  sie  in  irgend  welcher  Weise  mit
der  Schiffahrt  und  dem  Transport  in  Verhindung  steben,  vor  allem  aber
für  den  Kauf  und  Verkauf  von  Waren,  das  Agenten-,  Makler-,  Stauer-,
Warenlagerungs-  und  Versicherungswesen,  Und  aïs  ob  das  noch  nicht
genug  sei,  wird  hinzugefügt,  daB  die  Gesellschaft  ermachtigt  ist  zum  Ankauf,
Bau,  Betrieb  und  Verkauf  aller  Immobilien,  Gebtiude,  Fabriken,  Schiffs-'verfte,
  Brücken,  Docks,  Magazine,  Eisenbahnen,  Hotels  usw.  Was  kônnte
        <pb n="111" />
        110

man  einer  solchen  Aufzâhlung  Beredteres  hinzufügen,  itm  zu  zeigen,  au!
welche  unglaubliche  Bahn  unsere  Regierung  sich  gestürzt  hat?“
Die  Zustimmung,  die  Herr  Charles  Le  Jeune  hiermit
unseren  obigen  Ausführungen  gibt,  bewerten  wir  nach  Gebühr.
Mit  dem  ihm  eigenen  unparteiischen  Blick  zieht  er  die  Aufmerksamkeit
  aller  auf  die  gefâhrliche  Politik,  die  von  der
belgischen  Regierung  eingeleitet  wird.  Das  Régime  des  freien
Wettbewerbs,  das  die  Kraft  unserer  ganzen  Wirtschaftsorganisation
  ausmachte,  ist  schwer  bedroht,  Das  weist  auf
eine  gefâhrliche  Geistesverfassung  hin,  Dieses  Eingreifen  des
Staates  legt  der  Handeîsfreiheit,  der  freien  Konkurrenz  Fesseln
an  und  gibt  dem  Verdachte  des  Begünstigungswesens  Raum,
was  ura  so  mehr  zu  bedauern  ist,  da  ein  Grund  vielleicht  nicht
vorliegt,  Wie  dem  auch  sei,  dieses  Vorgehen  bedarf  der  Gesundung,
  Auf  diesem  besonderen  Gebiete  dürfen  wir  ebenso
wenig  wie  sonstwo  die  willigen  Opfer  von  Handlungsweisen
und  Beschlüssen  werden,  die  den  Untergang  des  Antwerpener
Hafens  notwendigerweise  nach  sich  ziehen  müssen, 39 )
ScMuB.
Auf  den  vorhergehenden  Seiten  haben  wir  uns  bestrebt,
die  verschiedenen  Faktoren,  welche  das  Gedeihen  Antwerpens
auf  eine  feste  Grundlage  stellten,  einen  nach  dem  anderen
hervortreten  zu  lassen.
Unser  Schiffahrtsverkehr,  unsere  Warenbewegung,  unser
Handel  und  unsere  Gewerbtâtigkeit  bezeugen  in  schlagender,
unwiderlegbarer  Weise,  welch  einen  hervorragenden  Platz
Deutschland  in  unserer  Volkswirtschaft  einnahm.  Die  Pariser
Konferenz  machte  tabula  rasa  mit  ail  dem,  Bietet  sie  uns
hinreichenden  Ersatz  dafür?  Wir  haben  uns  vergebens  danach
umgesehen.  Weder  England  noch  Frankreich  werden  die
Katastrophe  wieder  gutmachen  kônnen,  die  wir  voraussehen,
s0 )  Im  Augenblick,  da  wir  diese  Studie  erscheinen  lassen,  erfahren
wir,  daB  Prof,  Charles  Gide  von  Paris  soeben  im  Economical  Journal  einen
Aufsatz  verôffentlicht  bat,  worin  er  nachweist,  daB  die  Pariser  Konferenz
dem  Wiederaufbau  des  Wirtschaftslebens  der  Entente-Staaten  ernstliche
Schwierigkeiten  in  den  Weg  legen  wird,  und  worin  er  u,  a.  eine  Meinungskundgebung
  der  ,,Fédération  des  Industriels  et  Commerçants  Français”
stützt.  Wenn  das  so  weiter  geht,  wird  die  Pariser  Konferenz  begraben
sein,  bevor  sie  gelebt  hat.
        <pb n="112" />
        111

Unserem  Hafen  zugetan,  dem  lebenspendenden  Bronn  ail
unseres  wirtschaftlichen  Reichtums,  kônnen  wir  uns  nicht  durch
Versprechungen  oder  fragwürdige  Entgeltleistungen  kôdern
lassen,  wo  die  Vergangenheit  uns  Tatsachen  und  Sicherlieiten
bietet.  MuB  es  wiederholt  werden?  Wir  haben  nahe  bei  uns,
nur  einige  Kilometer  entfernt,  einen  Seehafen,  der  unser
mâchtîgster  und  gefürchtetster  Konkurrent  geworden  ist,
Rotterdam  liegt  auf  der  Lauer,  bereit,  unsere  Erbschaft  anzutreten,
  Rotterdam  ist  vorwiegend  Einfuhrhafen,  Antwerpen
ist  ein  Hafen,  in  welchem  Einfuhr  und  Ausfuhr  sich  beinahe
vollkommen  die  Wagschale  halten.  Die  Kombination  der
Frachtgüter  ist  auf  Grund  oben  dargetaner  Umstânde  zu
unseren  Gunsten.  Um  diesen  ganzen  wirtschaftlichen  Organismus
  zu  erhalten,  bedarf  es  einer  Umsicht,  einer  Gewandtheit,
eines  Tastsinns,  wie  Entschlüsse  sie  nicht  aufweisen  kônnen,
die  inmitten  der  Schrecken  des  grausigsten  und  hafierfülltesten
aller  Kriege  genommen  wurden.  Die  durch  Holland  von  1830
bis  auf  unsere  Tage  befolgte  Politik  zielte  einzig  und  allein
darauf  ab,  die  Überlegenheit,  die  Antwerpen  seiner  vorzüglichen
  Lage  dankt,  mit  allen  ihm  zu  Gebote  stehenden
gesetzlichen  Mitteln  zugrunde  zu  richten;  das  war  sein  Recht,
und  es  tat  seine  Pflicht,  Eine  schlecht  verstandene  Politik,
eine  beschrânkte  Einsicht  haben  zuweilen  dem  Streben  unserer
nôrdlichen  Nachbarn  wundergute  Dienste  geleistet.  Die  Anstauung
  von  Gütern,  deren  Opfer  unser  Hafen  so  oft  war,  und
die  in  erster  Linie  einem  Mangel  an  Voraussicht  und  tatkraftigem
  Durchgreifen  zuzuschreiben  ist  —  die  Frage  der
Getreide-Elevatoren  v/ar  eins  der  zahlreichen  Beispiele  davon
—  hat  Rotterdam  mehr  Nutzen  gebracht,  als  not  war,
Infolge  der  belgischen  Umwalzung  von  1830  blieb  unser
Hafen  bis  1833  für  die  Schiffahrt  geschlossen,  und  verschiedene
Reeder  siedelten  nach  Rotterdam  über,  das  seine  Tonnage
soîort  anwachsen  sah. 1 )  Zur  gegenwartigen  Zeit  zwingt  uns
der  Weitkrieg  seit  2%  Jahren  zur  Untâtigkeit,  die  Schelde
und  unsere  Schiffahrtseinrichtungen  werden  verwahrlost,  wir
müssen  unsere  Eisenbahnen  wieder  in  betriebsfahigen  Zustand
setzen,  ail  unsere  Transportmittel  sind  mehr  oder  weniger
auBer  Ordnung,  und  wahrend  dieser  Zeit  vergrôBert  Holland,

0  J,  Albert,  Le  port  de  Rotterdam,  p.  5.
        <pb n="113" />
        112

das  sich  inzwîschen  bereichert  bat,  wohingegen  imsere  Staal
schuld  auf  nahezu  7  Milliarden  angeschwollen  ist,  den  Hafi
von  Rotterdam,  verbessert  seine  technische  Ausrüstung  in',
verwirklicht  auf  allen  Gebieten  die  zweckdienlichsten  wii
schaftlichen  Bedingungen,  wodurch  es  unsere  Kundschaft  &amp;lt;
sich  reiBen  kann.  Und  angesichts  dieser  Sachlage  stellt  me
uns  ProhibitivmaBregeln  vor,  die  unseren  ganzen  Handel  m
Deutschland  zugrunde  richten  müssen,  Was  tun  wir,  um  ui
gegen  derartige  gefahrvolle  Môglichkeiten  zu  schützen?  Welcl
MaBregeln  haben  die  Interessenten  ergriffen,  um  unseï
maritime  Lage  zu  wahren?  Das  sind  furchtbar  ernste  Fragei
deren  Beantwortung  wir  jenen  überlassen,  auf  deren  Schulter
mit  der  Pflicht  der  Fürsorge  und  des  Eingreifens  die  Veran
wortlichkeit  lastet,
Vor  kurzem  lasen  wir  in  einem  der  ersten  Schiffahrü
blatter  Englands,  in  „Fairplay",  daB  der  Antwerpener  Hafei
Deutschlands  Weinberg  Naboths,  nur  unter  der  Bedingung  a
Belgien  zurückgegeben  werden  darf,  daB  es  Deutschland  ail
Handelsvorteile,  die  es  dort  genoB,  in  dem  MaBe  entzieht,  il
welchem  man  dies  für  nôtig  erachten  würde:  „Germany  ,  .
Antwerp  was  her  Naboth's  vineyard,  and  that  port,  of  course!
has  to  be  restored  to  Belgium  with  such  restrictions  agains
German  trading  facilities  as  may  be  deemed  expédient,” 2 )
Wir  lesen  in  der  Bibel,  daB  Naboth  auf  den  Fluren  Jezraeh
einen  Weinberg  besaB,  der  an  den  Palast  Achabs,  des  Kônig;
von  Israël,  stieB,  Ein  Angebot  des  letzteren,  ihm  sein  Eigen
tum  abzukaufen,  schlug  Naboth  mit  der  Begründung  aus,  dal
das  mosaische  Gesetz  jegliche  VerauBerung  von  Matrimonialgiitern
  verbiete,  Um  die  Grille  ihres  Ehegatten  zu  befriedigen
bestach  die  Kônigin  Jezabel  zwei  falsche  Zeugen,  die  Naboth
der  Gotteslâsterung  beschuldigten  und  zu  Tode  brachten,
Môge  ,,Fairplay“  es  uns  nicht  für  ungut  nehmen,  aber  der
heiBersehnte  Weinberg  gehôrt  bis  jetzt  noch  der  Stadt  Antwerpen;
  laBt  uns  ihn  bewahren,  bebauen  und  ausnutzen  in
voiler  und  ganzer  Unabhângigkeit,  und  laBt  uns  den  Achabs
und  Jezabels  mifitrauen!

E  n  d  e.

2 )  Fairplay,  Nummer  vom  4,  Januar  1917.
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        m  -»  -  103  -
■  J  ntwerpen  anlangt,  so  ist  dieses  Eingreifen  gerecht-;
  das  nationale  Interesse  es  fordert.“  2e )  „Wenn  es
;  an  Hafen  handelt,  dessen  wohltâtiger  EinfluB  sich
r^îemeinheit  des  Landes  erstreckt,  stôfit  das  staat-:ifen
  au!  keinen  Widerspruch  mehr;  im  Gegenteil,
r  dringenden  Pflicht." 27 )  Er  erkennt  dem  Staat
:  t  das  nâmliche  Recht  zu  hinsichtlich  der  anderen
ij  Hafen,  insbesondere  Gent  und  Zeebrugge,  weil
vom  nationalen  Standpunkt  ans  nur  dann  zulâssig
-.er  dem  Lande  neuen  Verkehr  bringt,“  2S )  was  er
•icht,  da  „man  sagen  kann,  daB  der  grôBte  Teil  des
1er  die  belgischen  Konkurrenzhâfén  unterhâlt,  Ants
 ^r  tzogen  wird," 29 )  und  dann  andererseits  „alles,  was
ahrtsverkehr  Anlwerpens  verringert  oder  seiner
ng  entgegenwirkt,  zur  Verringerung  der  Vorteile
“*ie  Belgiens  Industrie  und  Handel  aus  diesem  Hafen
‘  30j
ichstehende  Tabelle  beweist  übrigens,  daB  es  nôtig
râfte  des  Landes  auf  einen  einzigen  Hafen  zu  kon-Tabelle

  XXIII.

fl

Staatliches  Anlagekapital

in  Mill.  Fr.

Verkehr
in  100000  Netto-Reg.-Tonnen


Unkosten
in  Mill.  Fr  per
100  000  t  Verkehr

1.  .

350

175

20

•  .  •

73

18

40

L  ,  #

61

8

76

.  .  .

48

4

120

t  .  .

42,5

0,8

53

.  .  .

80

8,0

1000

Levier,  La  politique  des  transports,  p.  40,
d„  p.  21.
Leener,  La  politique  des  transports,  p,  258.

'

jid.,  p.  256,
Did,,  p,  260.
        <pb n="115" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
