20 verblendet — wenn er anders sich mit Gerechtigkeit und streng geschildert hat — durchliest, hieraus sich selbst kennenlernen. Und wenn ich eine ungerechte Tat ver übt habe, werde ich dann nicht erröten, wenn ich sie später überlese? Dieses doppelten moralischen Zweckes willen, wie auch wohl deswegen, weil es Vergnügen gewährt, wenn man nach Jahren liest und sich ins Ge dächtnis zurückruft, was man vor Jahren genossen oder gelitten hat, habe ich cs unternommen, ein Tagebuch zu schreiben. Ferdinand Lassal Der fünfzehnjährige Frauenfreund Donnerstag, 2. Januar Vormittag fiel nichts Bedeutendes vor. Nachmittag- hatte die Mütter Herrn und Fräulein Skutsch, Madame N. und Cousine Dorchen aufgefordert, zu Kroll zu kommen. Später sollte man bei uns soupieren. Die Gäste versammelten sich um zwei. Auch Or. Shiff kam. Ich zog mich an, ging in das Versammlungszimmer. „Doktor Shiff," sagte ich leise zu ihm, „wie gefällt Ihnen Madame 91?" — „Ausgezeichnet! O, wenn ich bei der ankommen konnte..." „Nichts leichter als das," er widerte ich. „Ich will Ihnen, was durchaus nötig ist, die näheren Details mitteilen, dann probieren Sie frischweg. Komm den Weibern sanft entgegen, Du gewinnst sie, auf mein Wort! Doch wer kühn ist und verwegen, Kommt gewiß noch besser fort."