26 zuwandte. Nun war sie gegen mich erbittert, da sie sich von der Richtigkeit meiner Vorwürfe getroffen fühlte. Schnell also ergriff sie diesen Vorwand und, ihre Verstellungskunst zu Hilfe nehmend, begann sie ein heftiges Geschrei, preßte Tränen auS den Augen und rief: „Wie, du wagst es, niich, deine Schwester, schlagen zu wollen?" Bei diesen Worten drang sie auf mich ein und schlug nach mir. Ich wollte den Schlag erwidern, aber meine Mutter verhinderte mich daran. Meine Schwester jedoch lief in die Vorstube, warf sich auf einen Stuhl und schrie und weinte, als hätte ich sie massakriert. Da erfaßte mich namenlose Wut. Ich sah, worauf alles berechnet war. Der Vater nmßte, da es Essenszeit war, bald heraufkommen. Er hätte, wenn er sie so gefunden, bald auf die Mutter gedacht, und es wäre eine zweite Szene geworden, in deren Nachspiel ich wohl eine bedeutende Rolle hätte spielen können. Ich sah schon meinen geliebten Vater bleich und verstört ohne Mittagessen zur Stube hinausschreiten, meine ge liebte, seit einiger Zeit so unterdrückte Mutter weinend. In einem Augenblick überdachte ich alles. Rasend stürzte ich in die Stube, wo meine Schwester war. Bang eilte meine Mutter mir nach. Schäumend vor Wut warf ich mich auf die Knie, rang wie wahnsinnig meine Hände und schrie mit einem solchen Aufwand von Kraft, daß meine Stimme sogleich heiser wurde: „Gott, Gott, gib, daß ich gedenke, gib, daß ich nie . . . nie dieser Stunde vergesse... Ha, Schlange mit deinen Krokodils tränen ... das, diese Stunde sollst du bereuen ... Bei Gott, bei Gott, bei Gott, ich beschwöre es! Und leb' ich fünfzig und leb' ich hundert Jahre ... ich will sie