36 hereintrat, verlangte sogleich die Klasse, daß meine Arbeit vorgelesen werden sollte. Heuschkel ließ sich zuerst in eine Disputation mit mir ein, in der ich jedoch Sieger blieb. Der idealen Begriffe wegen, die ich für die wahre, edle Freundschaft aufstellte, nannten mich einige über spannt. Die Armen! Wenn sie heute schon so nüchtern von der Freundschaft sprechen, was werden sie in einem Alter von fünfzig Jahren darüber sagen! Wenn sie schon heute nur jener spießbürgerlichen Freundschaft fähig sind, heute als kaum ins Leben getretene Jüng linge, wie engherzig werden sie als Greise sein! Ich bedauere sie, diese Menschen, die schon von ihrer Geburt an alte, bedächtige Philister sind. Was mich aber schmerzte, war, daß auch mein Freund Wilhelm sich unter jenen befand, die meine Verehrung für das Wort „Freundschaft" Überspannung nannten. Und doch weiß ich, oder glaube ich wenigstens, er be greift mich. Es ist bloß Neckerei, Scherz von ihm, mich überspannt zu nennen. Und doch, wüßte er, wie rauh dieser Scherz die zartesten Saiten meines Gemütes ver stimmt, er würde ihn lassen! Nicht um meinetwillen schmerzt es mich, es tut mir nur weh, ihn auf Augen blicke unter die gewöhnliche Rasse zählen zu müssen. Heute abend spielte ich mit L., der zu mir kam, Whist. Eine solche Ehrlosigkeit übersteigt meine kühnsten Begriffe. Au einem Menschen zu kommen, der mir gestern die Tür gewiesen hat! Das fasse ich nicht. Ein widriges Gefühl ergreift mich, wenn ich Leute wie diesen und ähnliche betrachte. Denn ich sehe in ihnen die lebenden Gründe, warum das jüdische Volk so ver achtet wurde. Solche Leute waren es, die es dahin