56 schöpfen. Denn wie aus dem Quell die Glieder badend Frische saugen, und wie das nachgiebige Element der Flut den Körper stärkt zu neuem Ringen, so saugt sich aus der weichen, wahren Liebe Schoß der Geist die Kraft, um einer Welt des Hasses zu begegnen! Es stelle einer sich, so stark er will — diese Gewißheit braucht er doch: geliebt zu werden! Sonst ist die Quelle seiner Kraft versiegt, und leicht verbraucht ist der er worbene Vorrat! Das ist der wahre Sinn von jener Fabel vom Riesen, dessen Kraft sich stets aufs neu' entzündet, so oft den Mutterschoß der Erde er berührt! Das seid Ihr mir! An Eurer schrankenlosen Liebe, Eurem Selbstaufgeben, Eurer Weichheit erweicht sich mein versteinert Wesen, trinkt neue Wärme, neue Glut aus ihm! Drum — welches harte Schicksal mir begegne — ich denk' an Euch: und frisch ermannt find' ich zum Ungeheuren selbst die Kraft! Wie sich die Venus an den rauhen Kriegsgott, so schmiegt Ihr Euch an mein wildes Wesen, nachgebend jedem trotz'gen Ungestüm! Bei Euch nur gelt' ich, weil ich bin, nicht weil ich handle und wie ich handle, und nimmer wähnt Ihr in des eignen Geistes Macht zu fesseln mir die ungestüme Seele. So liebt Ihr mich mit allen meinen Knorr'n, just wie der Bergstrom liebt sein Bette, in das er schäumend querüber Bahn sich brechend sich ergießt! Nicht, wollt Ihr selbstgeschaffene Bahnen ihm be reiten, ihm dämmend feindlich gegenübertreten und in die Regel zwingen seinen Lauf. Drum, wie der Berg strom liebt sein Bette, so lieb' ich Euch, und wo der jähe Lauf mich hinträgt, an uralter Eichen hundertjähriger