63 In seinen „Erinnerungen" (Cotta, 1917) zeichnet Paul Lindau den Lassalle dieser letzten Jahre. Lassalles Lebensgewohnheiten Gleich unsere erste Begegnung war sehr gemütlich. Er hatte von der Berwechslungsszene schon gehört, und sie hatte ihm großen Spaß gemacht. Mit einer Wärme, die mich überraschte, dankte er mir dafür, daß ich ihm bei seiner ersten Rheinreise nicht mit gehässigen und hämischen Bemerkungen, die er bei einer liberalen Zei tung als selbstverständlich vorausgesetzt hatte, sondern sogar mit unverhohlener Sympathie begegnet war. Wir legten den Heimweg zu Fuß zurück. Wir sprachen über alles mögliche, und unsere Unterhaltung hatte noch lange kein Ende gefunden, als wir vor seinem Hotel am Karls platz angekommen waren. Wir umschritten das Quadrat des Platzes in lebhaftem Zwiegespräch wohl vier-, fünf mal; das heißt: die Lebhaftigkeit war ganz auf seiner Seite und das Gespräch auch. Es war eigentlich ein Monolog: Lassalle sprach fast allein. Ich brauchte bloß ab und zu ein Stichwort hinzuwerfen, um ihn sogleich zu einem längeren, immer sehr interessanten und wohl gefügten Vortrage zu veranlassen. Seine Gebärden hatten etwas von südlicher Lebhaftigkeit. Er blieb oft stehen und wechselte in seiner Rede öfter die Tonlage. Er fing die Sätze in hoher Lage an und senkte die Stimme gegen den Schluß zu wohltönendem Bariton. Man hörte ihm an, daß er sich für den öffentlichen Vortrag trainiert hatte. Er sprach sehr scharf und bemühte sich sichtlich, wenn auch nicht immer mit vollem Erfolg,