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        <title>Ferdinand Lassalle</title>
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            <forname>Stefan</forname>
            <surname>Großmann</surname>
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        </author>
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            <idno>890175551</idno>
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        EIGENTUM
DES
INSTITUTS
FÜR
WELTWIRTSCHAFT
KIEL

BIBLIOTHEK
I  36673
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        \

'i

j
        <pb n="3" />
        Menschen
in  Selbstzeugnissen  und
zeitgentssischen  Berichten
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        Bak  2006““29
        <pb n="5" />
        L

Ferdinand
a  s  f  a  I  I  e

Von
Stefan  roßmann

Verlag  Ullstein  &amp;amp;  C  o

/  Berlin
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        'hfodisd  nie  für  /Außenhandel
—  fSibliolhek  —
All«  Rechte,  insbesondere  daS  Recht  der  Übersetzung,  vorbehalte»
Amerikanisches  Copyright  ISIS  by  Ullstein  &amp;amp;  Co,  Berlin
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        Einleitung:  Lassalle  aus  der  Nähe  .  9
Der  Knabe-Jüngling  Lassalle  .  .  17
Aus  Lassalles  heroischer  Zeit  .  .  4  7
Lassalle  vor  Gericht  .  .  .  .  81
Eine  Liebesepisode  .  .  .  .145
Gegen  die  Presse  .  .  .  .215
Das  letzte  Kapitel  .  .  .  .22  9
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        \

Einleitung
        <pb n="9" />
        11

Lassalle  aus  der  Nähe
Dieses  kleine  Buch  will  ein  Bild  des  Menschen
Ferdinand  Lassalle  geben.  Kein  Versuch,  die  Sache
Ferdinand  Lassalles  auszubreiten,  wird  hier  gemacht,
sondern  der  Leser  soll  erkennen,  wie  Ferdinand  Lassalle
sich  selbst  sah.
Lassalle  gehörte  nicht  zu  den  selbstvergessenen  Propheten, ­
  die  nie  in  den  Spiegel  schauen.  War  er  ein
Prophet,  nun,  so  wußte  er  auch  genau,  wie  er  aussah.
Er  hat  sein  eigenes  seelisches  Porträt  als  fünfzehnjähriger ­
  Schüler  schon  in  seinem  Tagebuch  festgehalten,
er  hat  seinen  geliebten  Eltern  jede  Veränderung  in  seinem
geistigen  Aussehen  und  Ansehen  mitgeteilt,  er  hat  die
Gräfin  Hatzfeld  mit  allem  Tiefen  und  Hohen  seines
Innern  genau  bekanntgemacht  und  hat  schließlich  vor
jeder  Frau,  die  er  liebte,  eine  große  Generalbeichte
seines  Lebens  abgelegt.  Mit  welchem  grandiosen  Schwung
ist  der  autobiographische  Abriß  hingeschmissen,  den  er
für  Sonja  Sontzeff  wie  im  Fieber  niederschrieb.  Dieser
grandiose  Schmiß,  eine  berauschende  Mischung  von
klarster  Nüchternheit  und  brausender  Trunkenheit,  war
keinem  deutschen  Politiker  eigen  außer  Ferdinand  Lassalle.
Er  nahm  Höhen  und  Tiefen  mit  herrlichem  Schwung
in  Besitz,  wie  ein  Skiläufer,  der  so  viel  Antrieb  und
Schwungsicherheit  hat,  daß  er  über  Hügel  und  Täler
in  sausender  Gewalt  ab-  und  wieder  aufwärts  fliegt.
        <pb n="10" />
        12

Die  anderen  sind  neben  diesem  sausenden  Temperament
behutsame  Gänger,  vorsichtig  Trippelnde.
Versteht  sich,  daß  ein  Temperament  von  solchem  Elan
unter  schlichten  Menschen  gläubige  Anhänger  finden  konnte,
daß  aber  die  Geistigen,  deren  Wesen  Skepsis,  Bedenklichkeit ­
  und  Schwunglosigkeit  ist,  ihm  nie  ganz  gerecht
wurden.  Selbst  Karl  Marx  erwies  sich  neben  ihm  vor  allem
als  der  strengste  Professor  der  Volkswirtschaft,  kritisch,
Fehler  feststellend  und  ohne  volles  Verständnis  für  das
Wesentliche  an  Lassalle:  für  die  glühende  Kraft  seines
parteischaffenden  Wesens.  Je  lebendiger  die  Wirkungen
waren,  die  von  dem  schöpferischen  Politiker  Lassalle  ausgingen, ­
  um  so  kümmerlicher  war  sein  Kontakt  mit  Marx;
man  braucht  kein  Prophet  zu  sein,  um  festzustellen,  daß
»  Lassalle,  wenn  er  länger  gelebt  hätte,  von  Marx  manche
strenge  Zensur  empfangen  hätte,  und  daß  die  Stunde
gekommen  wäre,  in  der  dieser  selbstherrlichste  aller  Demokraten ­
  sich  die  Ausstellung  aller  wissenschaftlichen  Tadelbriefe ­
  verbeten  hätte.  Marx  aber  hatte  noch,  selbst  ein
schöpferischer  und  Lassalle  überlegener  Kopf,  die  Toleranz, ­
  die  den  Großen  eignet.  Mit  welchen  Oberlehrergefühlen ­
  aber  stehen  viele  wissenschaftliche  Sozialdemokraten ­
  Lassalle  gegenüber,  vor  allem  sein  strenger  Biograph ­
  Eduard  Bernstein!  Liest  man  Bernsteins  Einleitung ­
  zu  der  von  ihm  besorgten  Herausgabe  von
Lassalles  Werken,  so  fällt  einem  unwillkürlich  Jonathan
Swifts  Gulliver  ein:  ein  wissenschaftlich  bebrillter
Zwerg  krabbelt  über  den  Leib  eines  Niesen  und  stellt
allerlei  theoretische  Unregelmäßigkeiten  des  Bekrochenen
fest.  Vom  ungeheuren  Umfang  dieses  breitbrüstigen  Temperamentes ­
  kann  Bernsteins  reflektierende  Bedächtigkeit
        <pb n="11" />
        13

keine  Vorstellung  geben.  Dagegen  prägt  er  den
Volksmasscn  ziemlich  deutlich  ein,  daß  Lassalle  höchstwahrscheinlich ­
  an  einem  unsympathischen  Unterleibsleiden ­
  gelitten  habe.  Auch  ein  psychologischer  Zeichner
wie  Georg  Brandes  hat  für  das  Vulkanische  Lassalles
kein  rechtes  Verständnis.  Was  soll  man  dazu  sagen,
wenmBrandeö  als  Erklärung  für  das  brausende  Gerechtigkeitsgefühl ­
  Lassalles  annimmt.  Lassalle  habe  über
jüdische  „Chuzpe",  d.  i.  über  naiv-unverschämte  Anmaßung, ­
  verfügt.  Dieser  naturhafte  Donner  des  Lassalleschen ­
  Rechtsbewußtseins,  vor  dem  routinierte  Gerichtspräsidenten ­
  unsicher  wurden,  wird  von  Brandes  mit  der
arroganten  Technik  eines  unerzogenen  Advokaten  verglichen ­
  oder  verwechselt.
Dieses  Büchlein  zeigt  Lassalle  auS  der  nächsten  Nähe.
Mit  gelindem  Erschrecken  wird  der  Leser  schon  in  den
Tagebuchaufzeichnungen  des  Handelsschülers  die  kommende ­
  Schicksalstragödie  wahrnehmen:  die  maßlose
Wut,  die  der  ungewöhnliche  Jüngling  unter  armseligen
Lehrern  hervorruft,  sein  unwillkürlich  revolutionierendes
Temperament,  die  plötzlich  sich  einstellende  Zähigkeit
und  Unempfindlichkeit,  wenn  einmal  der  Kampf  begonnen ­
  hat,  und  sogar  schon  die  Melancholie  des  Schlusses.
In  den  Briefen  an  die  Eltern  wird  man  die  merkwürdige
Zweiteilung  des  jüdischen  Helden  wahrnehmen.  Er
brennt  nach  der  deutschen  Revolution  und  gibt  dem
Vater  Ratschläge,  welche  Papiere  er  unter  solchen  politischen ­
  Umständen  an  der  Börse  kaufen  soll.  Schon  in
diesen  Briefen  aber  deutlich  der  brennende  Wunsch'nach
politischer  Aktion.  Gegenüber  den  verzehrenden  Leidenschaften ­
  dieses  Mannes,  dessen  Hand  immer  gleich  gierig
        <pb n="12" />
        U

nach  den  höchsten  Kronen  der  wissenschaftlichen  Arbeit,
der  politischen  Macht,  der  sittlichen  Größe  langte,  gab
es  nur  ein  Betäubungsnüttel:  Arbeit!  Was  für  flammende ­
  Worte  hat  er  dem  faul  gewordenen  Herwegh
zugerufen:  „Das  beste  Mittel,  das  der  Mann  auf  eine
Wunde,  die  ihm  geschlagen,  legen  kann,  ist:  fieberhafte,
rasende,  rasende  fieberhafte  Tätigkeit,  mit  all  jener
Unterdrückung  von  Empfindung,  die  solche  Tätigkeit
von  selbst  nach  sich  zieht.  Ich  hab's  oft  ausprobiert  und
kann  Ihnen  sagen:  probatum  est!  Und  sich  nicht  Zeit
gönnen,  zu  empfinden.  Nur  vorwärts,  nur  vorwärts,
und  gearbeitet  mit  fliegender,  zitternder  Hast,  wie  unter
dem  Stock,  wie  unter  der  Fronpeitsche,  wie  unter  dem
Stachel!  O,  wie  das  hilft!  Das  Wunde  ist  vernarbt
während  der  Frone,  die  man  sich  auferlegt;  nicht  nur
der  Schmerz  ist  gemildert,  sondern  das  ganze  Stück
Gefühlsfähigkcit,  in  dem  er  haftete,  ist  mitverknorpelt
—  taut  mieux,  eine  Unempfindlichkeit  mehr,  eine  Blöße
weniger,  und  vorwärts,  nur  vorwärts  auf  dieser  rasenden
sinnlosen  Jagd,  die  unser  Leben  vorstellt."  Diese  Worte,
die  den  Lassalleschen  Rhythmus  unverhüllt  wiedergeben,
sind  im  Oktober  1861  geschrieben.
Drei  Jahre  später  war  Lassalle  tot.  Es  ist  durchaus
falsch,  das  Ende  Lassalles,  weil  es  im  Duell  kam,  als
ein  blödes  von  außen  angeflogenes  anzusehen.  Die  Gehetztheit,
  die  schon  der  oben  zitierte  Brief  an  Herwegh
bewies,  ist  in  den  letzten  Jahren  nicht  von  ihm  gewichen.
Sie  trieb  ihn  —  gegenüber  der  Gelassenheit  Bismarcks,
der  unzweifelhaft  einen  starken  Eindruck  von  ihm  hatte
—  in  eine  schiefe  Situation.  Ohne  diese  innere  Gepeitschtheit
  wäre  Lassalle  auch  durch  die  rothaarige
        <pb n="13" />
        Helene  von  Doenniges,  die  ihre  angeborenen  Talente  in
einem  abenteuerlichen  Leben  deutlich  ausbreitete,  nicht
in  den  Tod  zu  treiben  gewesen.  Sein  lechzender  Durst
nach  der  Macht  war  schon  unterbrochen  durch  ein  nicht
abzuweisendes  Gefühl  der  Übersättigung,  der  Übermüdung. ­
  Es  sind  durchaus  wahre  Worte,  die  er  einige
Tage  vor  seinem  Tode  an  die  Gräfin  Hatzfeld  schrieb:
„Ich  wünsche  nichts  sehnlicher,  als  die  ganze  Politik  loszuwerden ­
  ..  Ich  bin  der  Politik  müde  und  satt...
Ohne  höchste  Macht  läßt  sich  nichts  machen,  zum  Kinderspiel ­
  aber  bin  ich  zu  alt  und  zu  groß."
Er  stand  in  einer  Sackgasse.  Auf  dem  Wege  nach  rechts
war  die  große,  täglich  wachsende  Figur  Bismarcks  aufgepflanzt, ­
  der  Weg  nach  links  führte  ins  Allzuweite,  Unbegrenzte, ­
  in  der  Ferne  stand  lhier  die  wachsende  Silhouette ­
  von  Karl  Marx  auf  dem  Himmel.  Lassalle  aber,
von  Grund  aus  Politiker,  verzehrte  sich  nach  Gegenwartöwirkung.
  Wo  aber  gab  es  damals  für  Lassalle  in
Deutschland  eine  Gegenwart?
Bestände  denn  heute  für  einen  Lassalle  eine  Wirkungsmöglichkeit ­
  ?
Die  deutsche  Demokratie  ist  den  politischen  Mittelmäßigkeiten ­
  geneigter  als  einem  Ferdinand  Lassalle.

Stefan  Großmann
        <pb n="14" />
        Der
Knabe-Jüngling
Lassalle
        <pb n="15" />
        19

Aus  seinem  Tagebuch
Dar  Tagebuch  des  Knaben-Jünglings  Ferdinand  Lassalle  —  richtiger ­
  Lassal,  wie  sein  Vatername  lautete  —,  das  der  Fünfzehnjährige ­
  in  Breslau  als  Gymnasiast  begonnen  und  der  Sechzehnjährige ­
  auf  der  Handelsschule  in  Leipzig  beendete,  enthält  schon
den  ganzen,  glühenden  Lassalle,  noch  ein  wenig  verpuppt,  aber
besonders  in  den  letzten  Aufzeichnungen  sieht  man  schon,  wie  sich
der  kühne  Schmetterling  durchfrißt  und  die  ersten  Flügelschläge
tut.  Lassalle,  am  11.  April  1825  geboren,  hat  dieses  Tagebuch,
das  Paul  Lindau  1891  herausgab,  am  1.  Januar  1840  begonnen
und  im  Frühjahr  1841  beendet.  (Die  Kapitelaufschriften  rühren
natürlich  nicht  von  Lassalle  her.)

Einleitung
1.  Januar  1840
Vorliegende  Blätter  sind  bestimmt,  alle  meine  Handlungen, ­
  meine  Fehler,  meine  guten  Taten  aufzunehmen.
Ich  will  mit  der  größten  Gewissenhaftigkeit  und  Aufrichtigkeit ­
  in  ihnen  nicht  nur  das  aufzeichnen,  was  ich
tat,  sondern  auch  die  Motive  dieser  Handlungen  angeben. ­
  Für  jeden  Menschen  ist  es  sehr  wünschenswert,
seinen  eigenen  Charakter  kennenzulernen.  Und  wie
man  in  einem  Roman  aus  den  Handlungen  und  Gesprächen ­
  der  verschiedenen  Personen  auch  ihren  Charakter
kennenlernen  kann,  so  kann  wohl  auch  jeder,  der  sein
Tagebuch  aufmerksam  und  ohne  daß  ihn  Eigenliebe
        <pb n="16" />
        20

verblendet  —  wenn  er  anders  sich  mit  Gerechtigkeit  und
streng  geschildert  hat  —  durchliest,  hieraus  sich  selbst
kennenlernen.  Und  wenn  ich  eine  ungerechte  Tat  verübt ­
  habe,  werde  ich  dann  nicht  erröten,  wenn  ich  sie
später  überlese?  Dieses  doppelten  moralischen  Zweckes
willen,  wie  auch  wohl  deswegen,  weil  es  Vergnügen
gewährt,  wenn  man  nach  Jahren  liest  und  sich  ins  Gedächtnis ­
  zurückruft,  was  man  vor  Jahren  genossen  oder
gelitten  hat,  habe  ich  cs  unternommen,  ein  Tagebuch
zu  schreiben.
Ferdinand  Lassal

Der  fünfzehnjährige  Frauenfreund
Donnerstag,  2.  Januar
Vormittag  fiel  nichts  Bedeutendes  vor.  Nachmittaghatte
  die  Mütter  Herrn  und  Fräulein  Skutsch,  Madame
N.  und  Cousine  Dorchen  aufgefordert,  zu  Kroll  zu
kommen.  Später  sollte  man  bei  uns  soupieren.  Die
Gäste  versammelten  sich  um  zwei.  Auch  Or.  Shiff  kam.
Ich  zog  mich  an,  ging  in  das  Versammlungszimmer.
„Doktor  Shiff,"  sagte  ich  leise  zu  ihm,  „wie  gefällt  Ihnen
Madame  91?"  —  „Ausgezeichnet!  O,  wenn  ich  bei  der
ankommen  konnte..."  „Nichts  leichter  als  das,"  erwiderte ­
  ich.  „Ich  will  Ihnen,  was  durchaus  nötig  ist,
die  näheren  Details  mitteilen,  dann  probieren  Sie
frischweg.
Komm  den  Weibern  sanft  entgegen,
Du  gewinnst  sie,  auf  mein  Wort!
Doch  wer  kühn  ist  und  verwegen,
Kommt  gewiß  noch  besser  fort."
        <pb n="17" />
        21

So  rezitierte  ich  fast  laut  und  fuhr  dann  leiser  fort:  „Ich
glaube,  diese  Festung  wird  am  besten  mit  Sturm  genommen." ­

„Du  bist  ein  Engel!"  rief  der  Doktor,  schleppte  mich
zu  Madame  N.  und  fing  nun  dort  an,  sich  liebenswürdig
zu  machen.
Man  fuhr  zu  Kroll.  Gegen  6  Uhr  kam  man  zurück
und  ging  in  die  Vorderstube,  wo  der  Tisch  gedeckt  stand.
Auf  allgemeines  Verlangen  ging  Dr.  Shiff  zum  Klavier.
Bis  dahin  hatte  ich  noch  gar  nicht  geglänzt,  mir  auch
nichts  mit  Madame  N.  zu  tun  gemacht,  weil  ich  sehr
große  Zahnschmerzen  hatte.  Als  man  aber  zum  Souper
ging,  Madame  N.  sich  aufs  Sofa  setzte,  Shiff  seinen
Stuhl  hart  ans  Sofa  rückte,  so  setzte  ich  mich  zur  anderen
Seite  der  N.  aufs  Kanapee,  indem  ich  selbst  aufforderte,
diese  Ungebühr  zu  bemerken.  Nun  nahmen  wir,  Shiff
und  ich,  diese  N.  ins  Kreuzfeuer.  Der  Doktor  ist  geistreich, ­
  also  gegen  diese  Seite  konnte  ich  nichts  ausrichten.
Ich  sprach  auch  an  diesem  Abend  gut.  Shiff  hörte  mir,
wenn  ich  redete,  minutenlang  zu  und  sagte  dann:  „Ferdinand, ­
  du  bist  gar  nicht  bitter."  Er  sagte  dies  aber
so  langsam  und  ernst,  daß  er  es  wirklich  zu  glauben
schien.
Madame  N.  brach  nun  in  eine  Wut  von  Komplimenten ­
  gegen  mich  aus.  Später  drehte  sich  Shiff  gegen
meine  Schwester  und  sagte  zu  ihr:  „Ihr  Bruder  ist
geistreich,  und  dies  sehr."  „Wer  zweifelt  daran?"  erwiderte ­
  sie  prätentiös.
Plötzlich  sagte  Shiff  zur  N.:  „Madame,  ich  hätte  Sie
als  Braut  sehen  mögen!"  „Ich  bin  so  glücklich  gewesen,
Doktor!"  rief  ich  begeistert  aus.  „Und  nie  werde  ich  den
        <pb n="18" />
        22

Augenblick  vergessen,  als  Madame  zur  Trauung  schritt.
Denken  Sie  sich  dies  seelenvolle  Auge  halb  geöffnet,
halb  zu  Boden  geschlagen,  mit  den  Tränen  ringend,
die  es  zu  verdunkeln  drohten,  ein  Myrtenkranz  im
bräutlichen  Haar,  ein  rauschendes  weißes  Atlasgewand
um  diese  reizenden  Glieder..."
„Genug,  mein  Sohn,  du  wirst  zu  poetisch,"  rief  mein
Vater  halb  scherzend,  halb  mißfällig.  Madame  drückte
mir  fast  zu  zärtlich  die  Hand,  und  der  Gedanke  stieg  in  mir
auf:  Wäre  ich  doch  schon  zwanzig  Jahre  alt!  —  „Ich  gäb'
ich  weiß  nicht  was  darum,  wenn  ich  die  Gunst  dieses
Weibes  erringen  könnte!"  rief  der  Doktor,  vom  Tische
aufspringend,  mir  zu.  „Ha!"  lächelte  ich.  „Wäre  ich  nur
etwas  älter!..."  „Aber  rate  mir,  mein  Engel!"  rief  er.
„Hören  Sie,  Sie  begleiten  die  N.  nach  Hause  und
fragen  auf  dem  Weg  um  Erlaubnis,  ob  Sie  morgen
sie  besuchen  dürfen.  Sie  wird  es  Ihnen  nicht  abschlagen.
Dann  gehen  Sie  morgen  zu  ihr.  Ihr  Mann  verreist,
ihr  Schwager  ist  im  Geschäft  —  wahrscheinlich  ist  sie
allein.  Und  dann  mutig  voran!  Ich  wette,  Monsieur,
vous  serez  k  plaindre..."
Abends,  als  Madame  N.  heimeilen  wollte,  hatte  sich
Monsieur  Lachs  ihr  durch  meine  Schwester  zum  Begleiter
anbieten  lassen  und  war  natürlich  angenommen.  Shiff
ging  auf  meinen  Rat  dennoch  mit.  Ich  will  gleich  den
weiteren  Verlauf  des  Unternehmens  hier  mitteilen.
Shiff  wollte  sie  wegen  Lachs'  Anwesenheit  nicht  um
Erlaubnis,  sie  zu  besuchen,  bitten,  besuchte  sie  aber  dennoch ­
  am  anderen  Tage.  Unglücklicherweise  war  die
Schwägerin  da.  Bei  uns  erzählte  man,  daß  die  N.
sich  sehr  über  die  Zudringlichkeit  des  Shiff  gewundert
        <pb n="19" />
        23

fyaie.  Da  ich  es  auö  zwei  Quellen  gehört  habe,  halte
ich  es  für  wahr.  Doch  erkläre  ich  es  mir  so:  die  N.  wird
etwas  freundlich  gegen  Shiff  gewesen  sein,  darüber  wird
die  Schwägerin  sie  nachher  in  Lachö'  Gegenwart  aufgezogen ­
  haben,  und  sie  mag,  um  sich  zu  rechtfertigen,
auf  Shiff  räsoniert  haben.  Shiff  erzählte  mir  auch,
daß  sie  gegen  ihn  sehr  freundlich  war.  Er  ließ  sich  melden,
ob  er  genehm  wäre,  und  sie  kam  selbst  bis  auf  den
Flur  und  nötigte  ihn  zum  Wiederkommen.  Als  Shiff
aber  ihre  Äußerungen  von  mir  hörte,  beschloß  er,  darüber
beleidigt,  sie  nicht  zu  besuchen.  Wäre  das  nicht,  so  wäre
Monsieur  N.  wohl  schon  zu  beklagen.

Häusliche  Dramen
Sonnabend,  11.  Januar
Meine  Feder  schaudert  zurück,  da  sie  die  Szenen  dieses
Morgens  beschreiben  soll.  Aber  ich  habe  mir  Wahrheit
gelobt.
Schon  beim  Kaffeetrinken,  als  meine  Mutter  wiederholt ­
  darauf  aufmerksam  machte,  daß  Riekchen  S.'
wegen  so  schnell  aufgestanden  sei,  rief  mein  Vater  unwillig: ­
  „Schon  genug,  schon  genug!"
Man  räumte  auf.  Plötzlich  erhob  sich  in  der  Hinterstube ­
  ein  Lärm.  Emilie  hatte  wieder  den  Schrank,  in
welchem  die  silbernen  Leuchter,  einige  Weben  Leinewand ­
  usw.  liegen,  offen  stehen  lassen.  Meine  Mutter
kam  in  die  Stube  und  wurde  von  gerechtem  Unwillen
ergriffen.  Sie  rief  Emilien:  „Schon  wieder  läßt  du
den  Schrank  auf!"  und  gab  ihr,  worin  sie  vielleicht  zu
weit  ging,  eine  Ohrfeige.  Emilie  weinte  und  plärrte
        <pb n="20" />
        24

und  suchte  sich  zu  entschuldigen.  Auf  den  Lärm  eilte
meine  Schwester  hinein.
„Ach!"  jammerte  das  dumme  und,  wie  ich  seit  jenem
Tage  bestimmt  weiß,  falsche  Tier,  „die  Madame  ohrfeigt ­
  mich  so."
Meiner  Schwester  kam  dies  gelegen.  Noch  kochte  die
Wut  in  ihr,  daß  sie  nicht  tags  vorher  zu  Friedländers
gehen  konnte.  Sie  überhäufte  die  Mutter  mit  Vorwürfen. ­
  Der  Lärm  vervielfachte  sich.  Ich  stürzte  hinein,
riß  meine  Schwester  weg  und  zog  sie  in  die  andere
Stube.  Hier,  in  Gegenwart  meines  Vaters,  sprach  sie:
„Ach,  du  bist  unbarmherzig,  Emilie  will  fort,  sie  will
durchaus  fort."
„Nun,"  entgegnete  ich,  „meine  Mutter  befiehlt  ja,
sie  soll  noch  heute  fort."
„Dummer  Junge!"  rief  mein  Vater.  „Hat  man  sie
denn  auf  der  Straße  gefunden?  Man  muß  mit  dem
Vormund  sprechen."  Meine  Schwester  eilte  wieder
herein.  „Du  bleibst  hier!"  herrschte  mir  mein  Vater  zu.
Drinnen  benahm  sich,  wie  ich  später  hörte,  meine
Schwester  sehr  schlecht.
„Du  willst  eine  Waise  schlagen?"  rief  sie  wiederholt, ­
  „du?"
Mein  Vater  kani  auch  dazu,  wurde  sehr  hitzig,  ja  er
ging  so  weit,  daß  er  meine  Mutter  bei  der  Hand  faßte.
„Ich  lasse  in  meinem  Hause  keine  Waise  schlagen!"
donnerte  er  und  ging  wütend  heraus.
Er  ging  mit  nieiner  Schwester  zu  Geigers  Predigt.
Meine  Mutter  blieb  weinend  bei  mir,  dem  Weinenden,
zurück.  Ich  war  erbittert  gegen  meine  Schwester,  ja
        <pb n="21" />
        25

sogar  gegen  meinen  Vater,  denn  er  war  offenbar  zu
weit  gegangen.  Ich  tröstete  meine  Mutter.
„Ach,"  janimerte  meine  Mutter,  „Vaters  Benehmen
kränkt  mich  nicht  einmal  so  als  das  meines  eigenen
Kindes!"  Nun  war  ich  in  meinem  Zorn  gegen  meine
Schwester  so  unzart,  meiner  Mutter  Vorwürfe  zu
machen,  daß  sie  in  der  Sache  mit  T.  (einem  Bewerber
der  Schwester)  so  sehr  Partei  für  Riekchen  genommen
und  Vater  und  mich  so  viele  Monden  durch,  durch  Bitten,
Zanken  und  Vorwürfe,  unglücklich  gemacht  habe.  Ich
redete  ihr  darauf  gut  zu  und  gab  ihr  auch  Verhaltungsmaßregeln: ­
  sie  möchte  doch  sieben  gerade  sein  lassen
und  besonders  in  Vaters  Gegenwart  weder  Riekchen,
noch  Emilie,  noch  die  Köchin  ausmachen.  Ach!  wenn
doch  die  Mutter  dies  täte,  wieviel  Unannehmlichkeiten
würden  erspart  werden.
Der  Vater  kam  nach  Hause.  Er  war  aber  schon  beruhigt. ­
  Darauf  kam  Riekchen,  und  Vater  ging  ins  Gewölbe. ­
  Nun  fing  Mutter  an  und  wollte  mit  Riekchen
den  Tanz  beginnen;  jedoch  bewog  ich  sie,  ruhig  zu  sein,
da  ich  fürchtete,  der  Vater  würde  bald  heraufkommen,
und  es  würde  eine  neue  Szene  sein,  wenn  er  Mutter
im  Streit  mit  Riekchen  begriffen  fände.  Bloß  durch  diese
Worte  machte  ich  meinem  erbitterten  Gefühle  Luft:
„Das  glaube  mir,  ein  Kind,  welches  es  so  weit  bringt,
daß  zwischen  den  Eltern  von  Scheidung  die  Rede  ist,
dem  kann  es  nicht  gut  gehen."
Sie  suchte  sich  zu  verteidigen,  sprach  aber  dabei  sehr
übel,  oder  hart  vielmehr,  von  der  Mutter.  „Geh,  geh!"
sagte  ich,  indem  ich  sie  beim  Arm  ergriff  und  —  doch
von  Drücken  war  die  entfernteste  Idee  nicht  —  der  Tür
        <pb n="22" />
        26

zuwandte.  Nun  war  sie  gegen  mich  erbittert,  da  sie
sich  von  der  Richtigkeit  meiner  Vorwürfe  getroffen
fühlte.  Schnell  also  ergriff  sie  diesen  Vorwand  und,
ihre  Verstellungskunst  zu  Hilfe  nehmend,  begann  sie  ein
heftiges  Geschrei,  preßte  Tränen  auS  den  Augen  und
rief:  „Wie,  du  wagst  es,  niich,  deine  Schwester,  schlagen
zu  wollen?"  Bei  diesen  Worten  drang  sie  auf  mich  ein
und  schlug  nach  mir.  Ich  wollte  den  Schlag  erwidern,
aber  meine  Mutter  verhinderte  mich  daran.  Meine
Schwester  jedoch  lief  in  die  Vorstube,  warf  sich  auf
einen  Stuhl  und  schrie  und  weinte,  als  hätte  ich  sie
massakriert.  Da  erfaßte  mich  namenlose  Wut.  Ich  sah,
worauf  alles  berechnet  war.  Der  Vater  nmßte,  da  es
Essenszeit  war,  bald  heraufkommen.  Er  hätte,  wenn
er  sie  so  gefunden,  bald  auf  die  Mutter  gedacht,  und  es
wäre  eine  zweite  Szene  geworden,  in  deren  Nachspiel
ich  wohl  eine  bedeutende  Rolle  hätte  spielen  können.
Ich  sah  schon  meinen  geliebten  Vater  bleich  und  verstört
ohne  Mittagessen  zur  Stube  hinausschreiten,  meine  geliebte, ­
  seit  einiger  Zeit  so  unterdrückte  Mutter  weinend.
In  einem  Augenblick  überdachte  ich  alles.  Rasend
stürzte  ich  in  die  Stube,  wo  meine  Schwester  war.  Bang
eilte  meine  Mutter  mir  nach.  Schäumend  vor  Wut
warf  ich  mich  auf  die  Knie,  rang  wie  wahnsinnig  meine
Hände  und  schrie  mit  einem  solchen  Aufwand  von  Kraft,
daß  meine  Stimme  sogleich  heiser  wurde:  „Gott,  Gott,
gib,  daß  ich  gedenke,  gib,  daß  ich  nie  .  .  .  nie  dieser
Stunde  vergesse...  Ha,  Schlange  mit  deinen  Krokodilstränen ­
  ...  das,  diese  Stunde  sollst  du  bereuen  ...  Bei
Gott,  bei  Gott,  bei  Gott,  ich  beschwöre  es!  Und  leb'
ich  fünfzig  und  leb'  ich  hundert  Jahre  ...  ich  will  sie
        <pb n="23" />
        27

auf  dem  Totenbette  nicht  vergessen!  Aber  du  sollst  es
auch  nicht..."
Nach  diesen:  Ausbruch  der  höchsten  Wut  war  ich  ganz
erschöpft.  Meine  Mutter  hielt  mich  fortwährend,  und
meine  Schwester  hatte  aufgehört  zu  weinen  und  stand
wirklich  erschrocken  da.  Nur  mit  Mühe  ließ  ich  mich  besänftigen. ­
  Aber  wie  Frieden  nur  durch  Krieg  erlangt
wird,  so  war  auch  nur  mein  übergroßer  Zorn  das  Mittel
gewesen,  Ruhe  zu  schaffen.  Meine  Schwester,  die  sonst
so  stolze  Natur,  war  eingeschüchtert.  Sie  begab  sich  nach
der  Hinterstube.

Selbstmordspielereien
Mittwoch,  29.  Januar
Mittag  kaufte  niir  Mutter  eine  Mütze.  Auch  gut!
Nachmittag  wollte  ich  meine  Jnerpressibles  wechseln.
Es  waren  keine  Knöpfe  daran.  Darüber  entstand  Lärm.
Kein  Mensch  hatte  Zeit,  mir  welche  anzunähen.  Vater
befahl  mir,  die  Pantalons  wieder  aus-  und  meine  alten
anzuziehen.  „Ich  leide  nicht,  daß  du  so  eitel  bist,"  sagte
er.  „Ach,"  entgegnete  ich  unmutig,  „es  sind  ja  beides
Plündern."  Hierüber  wurde  er  sehr  zornig  und  prügelte
auf  mich  los,  indem  er  mir  zugleich  das  Weinen  verbot. ­
  Jedes  Wort,  das  ich  sagte,  brachte  ihn  zu  neuer
Wut.
„Ich  lasse  mich  nicht  so  prügeln,"  brüllte  ich,  in  Tränen
zerfließend.  Dies  machte  ihn  vollends  wütend.  Er  fiel
über  mich  her  und  prügelte  mich  schrecklich.  Dies  brachte
mich  vom  Weinen  plötzlich  ab.  Ich  trocknete  Meine
Tränen  und  blickte  höhnisch  drein,  aber  so  blaß  sah  ich
        <pb n="24" />
        28

aus,  daß  ich  vor  nur  selbst  erschrak.  Was  auch  mein
Vater  sagte,  ich  antwortete  bloß  durch  ein  trotzig  höhnisches ­
  Lächeln,  das  meinen  Vater  reizte,  mich  ins  Gesicht ­
  zu  schlagen.  Doch  hielt  er  an  sich.
Ruhig  zog  ich  mich  an,  sagte,  daß  ich  zu  Hiller  müsse,
und  ging  mit  dem  Vorsatz  hinunter,  mich  in  die  Ohle
zu  werfen.
Als  ich  an  das  Geländer  trat,  blieb  ich  stehen.  Ich
überlegte,  wie  ich  es  machen  sollte.
„Du  gehst  die  Stufen  hinunter,"  sagte  ich  zu  mir
selbst.  „Bist  du  aus  der  letzten,  so  steckst  du  deinen  Fuß
ins  Wasser,  darauf  erhebst  du  den  anderen  in  die  Höhe;
natürlich  stürzest  du  vornüber  und  bist  frei."
Hier  dachte  ich  an  meine  Mutter,  auch  wohl  an  meinen
Vater.  Doch  schritt  ich  entschlossen  nach  der  Treppe  zu,
denn  meine  Aufregung  war  zu  groß.
Da  plötzlich  hörte  ich  rufen:  „Ferdinand!"  Ich  drehte
mich  um.  Mein  Vater  stand  hinter  mir,  bleicher  noch  als
ich  selbst.
„Was  machst  du  hier?"
„Ich  sehe  mir  das  Floß  an."
„Du  brauchst  nicht  in  die  Stunde  zu  gehen,  geh  in«
Kontor."
Ich  folgte,  setzte  mich  aufs  Sofa,  und  in  einer  halben
Stunde  fand  ich,  daß  ich  sehr  unrecht  getan  habe,  einen
solchen  Vorsatz  gefaßt  und  meinem  Vater  solche  Furcht
verursacht  zu  haben.  Denn  daß  er  meinen  Plan  merkte,
zeigte  mir  seine  Blässe,  sein  Verbot,  in  die  Stunde  zu
gehen  —  er  wollte  mir  vermutlich  Zeit  geben,  mich  zu
        <pb n="25" />
        29

beruhigen  —,  und  auch  der  Umstand,  daß  er  dreimal
spater  hinaufkam,  sich  zu  erkundigen,  ob  ich  da  wäre.
Gott!  überlegte  ich  mir  nachher,  wenn  ich  mir  das  Leben
genommen  hätte,  wie  unglücklich  hatte  ich  nicht  meine
Eltern  gemacht!  Hu!  mich  schaudert.

An  der  Spitze  der  Juden...
Unterwegs  unterhielt  ich  mich  mit  Bloch  (einem
Schulkameraden).  Er  wollte  sich  ein  Air  geben  und
nannte  sich  einen  Atheisten.  Als  er  aber  sah,  daß  ich
ganz  anderer  Meinung  war,  so  sattelte  er  auch  um.
Wir  sprachen  viel  von  Seelenwanderung,  von  Geiger
und  dem  Judentum,  und  er  wunderte  sich,  daß  ich  mich
so  des  jüdischen  Glaubens  annehme.  Der  Esel!  Als
wenn  man  nicht  „treife"  essen  und  doch  ein  guter  Jude
sein  könnte.
Ich  sagte  ihm  dies,  und  in  der  Tat,  ich  glaube,  ich  bin
einer  der  besten  Juden,  die  es  gibt,  ohne  auf  das  Zeremonialgesetz
  zu  achten.  Ich  könnte  wie  jener  Jude  in
Bulwers  „Leila"  mein  Leben  wagen,  die  Juden  aus
ihrer  jetzigen  drückenden  Lage  zu  reißen.  Ich  würde
selbst  das  Schafott  nicht  scheuen,  könnte  ich  sie  wieder
zu  einem  geachteten  Volke  machen.  O,  wenn  ich  meinen
kindischen  Träumen  nachhänge,  so  ist  es  immer  meine
Lieblingsidee,  an  der  Spitze  der  Juden,  mit  den  Waffen
in  der  Hand,  sie  selbständig  zu  machen.
        <pb n="26" />
        30

Wenn  die  Nase  verunstaltet  wäre
Als  ich  von  Samuel  wegging,  fiel  ich  dicht  an  meinem
Hause  so  schrecklich  nieder,  daß  ich  gleich  aus  Nase  und
Mund  zu  bluten  anfing.  Ein  Mann  hob  mich  auf  und
brachte  mich,  der  ich  kaum  gehen  konnte,  zum  Vater
ins  Gewölbe.  Wie  dieser  sich  erschrak,  geht  über  alle
Beschreibung.  Da  er  hörte,  daß  Mutter  weggegangen
sei,  brachte  er  mich  hinauf,  machte  mir  Umschläge  mit
kaltem  Wasser.  Meine  ganze  Nase  und  mein  Mund
waren  schrecklich  geschwollen,  überall  Haut  losgerissen,
was  mir  viel  Schmerzen  machte.  Mein  Vater  fragte
mich  beständig,  wo  ich  Schmerzen  habe,  ja  er  weinte
beinahe,  der  gute  Vater.
Er  verbot  mir,  zu  Hiller  zu  gehen.  Ich  ging  aber,
weil  ich  vorige  Stunde  gefehlt  habe.  Doch  tat  es  mir
nachher  leid,  da  mir  Hiller  sagte,  wenn  ein  Lüftchen  zu
der  Geschwulst  käme,  so  bliebe  diese  lebenslänglich.
Dieser  Gedanke  verursachte  mir  doch  einiges  Unbehagen.
Isidor  traf  ich,  der  sich  wirklich  über  mein  Aussehen
entsetzte  und  sehr  viel  Teilnahme  zeigte.
Als  ich  nach  Hause  kam,  war  die  Mutter  da,  die  noch
von  nichts  wußte  und  sich  daher  nicht  wenig  erschrak,
als  ich  ihr  mein  Abenteuer  erzählte.  Abends  ließ  Vater
mir  Paetzold  holen,  der  mir  Umschläge  mit  Essig  verordnete. ­
  Ich  habe  große,  große  Furcht,  daß  nur  die
Nase  bleiben  wird,  so  onklee,  besonders  ist  es  meine
Schwester,  die  dies  bestätigt.  Na,  und  wenn  dies  geschehen ­
  sollte,  mein  Gesichtchen  wäre  dann  zwar  hin,
aber  ich  glaube,  ich  würde  mich  am  Ende  nicht  sehr
darüber  betrüben.  Aber  dies  weiß  ich  positiv,  daß  ich
        <pb n="27" />
        31

alle  Damengesellschaft  fliehen  würde;  denn  beim  Anblick ­
  einer  jeden  würde  der  Gedanke  in  mir  aufsteigen:
Wieviel  Triumphe  hattest  du  nicht  feiern  können,  wenn
nicht  der  verdammte  Fall  gewesen  sein  würde.  Ich
würde  mich  bloß  auf  den  Kreis  männlicher  Gesellschaft
beschränken,  leichtsinnig,  wie  ich  bin,  würde  ich  mich
wegsetzen  über  meine  Nase.  Aber  eine  gewisse  Brutalität ­
  würde  sich  meiner  bemächtigen,  wie  es  jedem
ergeht,  der  sich  nicht  in  Damengesellschaft  bewegt.
„Wir  passen  nicht  aufs  Gymnasium"
Freitag,  21.  Februar
In  der  Schule  erfuhr  ich,  da  die  Konduiten  schon
zirkulieren,  daß  mir  Tschirner  geschrieben  hatte:  der  alte.
Und  das  kränkte  mich  sehr.  Ich  hatte  mich  seit  voriger
Zensur  etwas  mehr  angestrengt  und  bedeutend  mehr
geleistet.  Es  ist,  wie  ich  ohne  Parteilichkeit  für  mich
sagen  kann,  eine  Ungerechtigkeit.  Ich  machte  Betrachtungen. ­
  Ich  dachte  nach,  wie  es  käme,  daß  so  ein  Hennige,
Preiser,  die  mir  doch,  wie  ich  selbst  sagen  muß,  an  Talent,
Auffassungsgabe,  Genie,  Beurteilungskraft,  Verstand,
Geist  nachstehen  —  und  dies  so  weit!  —  gute  Konduiten
bekommen,  während  ich  keine  ziemliche  erlangen  kann.
Ich  dachte  nach,  wie  es  kommt,  daß  ein  Wollheim,  der
zwar  viel  Genie  hat,  aber  so  faul  ist  wie  ich,  auf  der
ersten  Bank  sitzt  und  ich  auf  der  vierten.  Köhler  sagte  in
der  Stunde  zu  mir:  „Weißt  du,  Lassal,  ich  habe  so  oft
über  uns  beide  nachgedacht,  und  du  kannst  es  mir  wirklich
glauben,  wir  beide  passen  auf  kein  Gymnasium."  Und  en
vsrits,  ich  kann  keinen  anderen  Schluß  ziehen  als  den:
Hic  sura  barbarus,  quia  non  intelligor  illis.
        <pb n="28" />
        32

Zensurenschwindel
Freitag,  28.  Februar
Heute  kam  der  Rektor  mit  den  Konduiten.  Meine
war,  wie  ich  voraussehen  konnte,  ziemlich  schlecht.  Da
rief  der  Rektor  meinen  Namen.  Ich  stand  auf,  und  als
er  mir  die  schlechten  Zeugnisse  vorlaS,  erwiderte  ich,
ich  wüßte  nicht,  wie  ich  das  verdient  hatte.
„Ja,  ja,  Lassal,"  entgegnete  Schönborn,  „man  läßt
Ihren  Verdiensten  nur  keine  Gerechtigkeit  widerfahren.
Doch"  —  und  hierbei  langte  er  mir  die  Konduite  zu  —
„sagen  Sie,  warum  sehe  ich  nicht  die  Unterschrift  Ihres
Vaters  und  immer  die  Ihrer  Mutter?"
„Weil  mein  Vater  öfters  abwesend  ist,"  erwiderte
ich.  Und  in  dem  Buche  blätternd,  fügte  ich  hinzu:  „Doch
ist  auch  seine  Unterschrift  da."
„Lassen  Sie  doch  einmal  sehen,  wo  daö  ist."
Ich  langte  das  Brich  hinüber.
„Ein  einziges  Mal  hat  Ihr  Vater  unterschrieben,  und
das  war  voriges  Jahr.  Ist  Ihr  Vater  schon  ein  Jahr
abwesend  oder  bloß  immer,  wenn  Sie  die  Zensuren
bekommen?"
„Nein,"  erwiderte  ich,  und  ich  glaubte  fest,  der  Rektor
würde  zu  meinem  Vater  schicken  und  ihn  bitten  lassen,
selbst  zu  unterschreiben.  „Wenn  Vater  auch  da  ist,  so
läßt  er  doch  manchmal  die  Zensur  von  Mutter  unterschreiben." ­

„DaS  will  ich  Ihnen  erklären!"  schrie  Schönborn.
„Weil  Sie  die  Zensur  nie  dem  Vater  und  nur  der  Mutter
zeigen!"  Der  Mann  wußte  nicht,  daß  ich  eö  in  der
Virtuosität  so  weit  gebracht  habe,  sie  niemand  zu  zeigen.
        <pb n="29" />
        „Aber  das  verbitte  ich  mir!  Die  Unterschrift  Ihrer
Mutter  gilt  gar  nichts."
„Hoho!"  dachte  ich,  „meine  Mutter  hat  Prokura."
Jetzt  gab  er  mir  das  Buch  wieder.  Eine  Zentnerlast
fiel  von  meiner  Brust,  als  ich  das  kleine  Büchlein  noch
in  der  Hand  hatte.  Doch  war  mir  das  Ganze  sehr  unangenehm, ­
  und  ich  will  auch  gleich  sagen,  warum.  Bis  jetzt
hatte  ich  immer  den  Namen  meiner  Mutter  unterschrieben,
und  es  hielt  mich  eine  gewisse  Ehrfurcht  davon  ab,  das  gewichtige
  „Heymann  Lassal"  hinzuschreiben.  Diesmal  mußte
ich  aber  diese  Scheu  ablegen,  und  so  brachte  ich  andern  Tags
meine  Zensur  vom  Vater  unterschrieben,  nämlich  von
mir,  der  ich  nach  Bedürfnis  Vater,  Mutter  und  Sohn  bin.
Wirklich,  wenn  mein  Vater  über  das  Konduitenwesen
die  richtige  Ansicht  hätte,  ich  würde  ihm  die  Konduiten
zeigen,  und  wenn  mich  die  härteste  Strafe  erwartete.
Aber  mein  Vater  würde  sich  wirklich  zu  sehr  ärgern,  es
würde  ihn  auf  Wochen  angreifen,  er  würde  sich  Wunder
was  für  Gedanken  über  meine  Untauglichkeit  machen
und  nie  recht  glauben,  wenn  ich  ihm  zuriefe:
„Laß  dich  nicht  irren  der  Pöbels  Geschrei,
Richt  den  Irrtum  rasender  Toren."

Handelsschüler  in  Leipzig  Mai  1840  bis  Mai  1841
Dienstag,  26.  Mai
Als  ich  heute  Schiebe  fragte  wegen  eines  englischen
Lehrers,  so  verbot  er  mir,  ohne  Grund  Englisch  zu  lernen.
Tyrann!  Wir  bekamen  Zensuren.  Einige,  welche  die
Besten  waren,  erhielten  sie  nicht,  sondern  Schiebe
schickte  sie  ihren  Eltern.  Unter  dieser  Zahl  war  auch  ich.
-  Großmann,  Lassalle

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        <pb n="30" />
        34

Als  wir  später  Schiebe  fragten,  zeigte  er  uns  Kopien.
Meine  war  wirklich  gut.  Doch  sagte  mir  Schiebe:  „Bei
dir  habe  ich  noch  ein  Anhängsel  gemacht.  Du  hast  einen
zu  großen  Dünkel.  Du  willst  Voltaire  lesen  und  verstehst ­
  ihn  doch  nicht.  (So?)  Du  denkst,  du  weißt  Wunder
was,  alter  Lassal."
„Sie  entschuldigen,"  entgegnete  ich,  „ich  kann  mit
Sokrates  sagen:  Ich  weiß,  daß  ich  nichts  weiß."
Da  war  ich  schlecht  angelaufen.
„Ein  Kaufmann,  der  von  SokrateS  und  Cicero  spricht,"
sagte  Schiebe,  „wird  gar  bald  seinem  Bankerott  entgegengehen." ­
  Welche  Dummheit!!
Verdrießlich  lief  ich  weg.  Unten  stand  Heuschkel,  der
mir  wirklich  gut  ist.  Ich  erzählte  ihm  den  Auftritt.
„Das  hätte  ich  Ihnen  im  voraus  sagen  können.  Herr
Rektor  liebt  das  nicht.  Von  mir  haben  Sie  die  beste
Zensur  der  Klasse."
Demokrat  oder  Aristokrat?
Sonntag,  19.  Juli
Ich  war  im  Theater.  Loewe  gab  den  Fiesko.  Bei
Gott,  ein  großartiger  Charakter,  dieser  Graf  von  Lavagna!
Ich  weiß  nicht,  trotzdem  ich  jetzt  revolutionär-demokratisch-republikanische ­
  Gesinnungen  habe  wie  einer,  so
fühle  ich  doch,  daß  ich  an  der  Stelle  des  Grafen  Lavagna
ebenso  gehandelt  und  mich  nicht  damit  begnügt  hätte,
Genuas  erster  Bürger  zu  sein,  sondern  nach  dem  Diadem
meine  Hand  ausgestreckt  hätte.  Daraus  ergibt  sich,  wenn
ich  die  Sache  bei  Licht  betrachte,  daß  ich  bloß  Egoist  bin.
Wäre  ich  als  Prinz  oder  Fürst  geboren,  ich  würde  mit
        <pb n="31" />
        35

Leib  und  Leben  Aristokrat  sein.  So  aber,  da  ich  bloß
ein  schlichter  Bürgerssohn  bin,  werde  ich  zu  seiner  Zeit
Demokrat  sein.

„Der  Kerker  Deutschland"
Ich  lese  Börnes  Briefe,  die  mich  ungemein  ansprechen.
Wenn  man  sieht,  was  für  ein  großer  Kerker  Deutschland,
wie  Menschenrechte  mit  Füßen  getreten  werden,  wie
dreißig  Millionen  Menschen  von  dreißig  Tyrannen  gequält ­
  werden,  so  möchte  das  Herz  weinen  ob  der  Dummheit ­
  dieser  Leute,  die  ihre  Ketten  nicht  zerreißen,  da  sie
es  doch  könnten,  wenn  sie  nur  den  Willen  hätten.  Ich
bewundere  Börne.  Wahr  ist,  was  er  sagt,  wahr  seine
Verwünschungen  gegen  Deutschlands  und  Europas  Tyrannen, ­
  die  Asiens  Despoten  nichts  nachgeben.  Aber
seine  Worte:  „Kein  europäischer  Fürst  ist  so  verblendet,
daß  er  glaubt,  seine  Enkel  werden  seinen  Thron  besteigen," ­
  diese  Worte  muß  ich  leider  bezweifeln.  Es
muß  ärger  werden,  ehe  es  besser  wird.

Freundschaftsregeln
Mittwoch,  17.  Februar
Heute  nachmittag  gab  Heuschkel  meine  deutsche  Arbeit
über  „Freundschaftsregeln"  zurück.  Ich  hatte  in  dieser
Arbeit  die  ganze  Klasse  der  Philister  und  dummen
Theoretiker  auf  das  heftigste  angegriffen.  Weit  entfernt,
Freundschaftsregeln  aufzustellen,  war  meine  Arbeit  nichts
als  eine  heftige  Jnvektive  gegen  diejenigen,  die  sogar
unseren  Gefühlen  Regeln  vorschreiben  wollen.  Wie  H.
        <pb n="32" />
        36

hereintrat,  verlangte  sogleich  die  Klasse,  daß  meine  Arbeit
vorgelesen  werden  sollte.  Heuschkel  ließ  sich  zuerst  in
eine  Disputation  mit  mir  ein,  in  der  ich  jedoch  Sieger
blieb.  Der  idealen  Begriffe  wegen,  die  ich  für  die  wahre,
edle  Freundschaft  aufstellte,  nannten  mich  einige  überspannt. ­
  Die  Armen!  Wenn  sie  heute  schon  so  nüchtern
von  der  Freundschaft  sprechen,  was  werden  sie  in  einem
Alter  von  fünfzig  Jahren  darüber  sagen!  Wenn  sie
schon  heute  nur  jener  spießbürgerlichen  Freundschaft
fähig  sind,  heute  als  kaum  ins  Leben  getretene  Jünglinge, ­
  wie  engherzig  werden  sie  als  Greise  sein!  Ich
bedauere  sie,  diese  Menschen,  die  schon  von  ihrer  Geburt
an  alte,  bedächtige  Philister  sind.
Was  mich  aber  schmerzte,  war,  daß  auch  mein  Freund
Wilhelm  sich  unter  jenen  befand,  die  meine  Verehrung
für  das  Wort  „Freundschaft"  Überspannung  nannten.
Und  doch  weiß  ich,  oder  glaube  ich  wenigstens,  er  begreift ­
  mich.  Es  ist  bloß  Neckerei,  Scherz  von  ihm,  mich
überspannt  zu  nennen.  Und  doch,  wüßte  er,  wie  rauh
dieser  Scherz  die  zartesten  Saiten  meines  Gemütes  verstimmt, ­
  er  würde  ihn  lassen!  Nicht  um  meinetwillen
schmerzt  es  mich,  es  tut  mir  nur  weh,  ihn  auf  Augenblicke ­
  unter  die  gewöhnliche  Rasse  zählen  zu  müssen.
Heute  abend  spielte  ich  mit  L.,  der  zu  mir  kam,  Whist.
Eine  solche  Ehrlosigkeit  übersteigt  meine  kühnsten  Begriffe.
Au  einem  Menschen  zu  kommen,  der  mir  gestern  die
Tür  gewiesen  hat!  Das  fasse  ich  nicht.
Ein  widriges  Gefühl  ergreift  mich,  wenn  ich  Leute
wie  diesen  und  ähnliche  betrachte.  Denn  ich  sehe  in  ihnen
die  lebenden  Gründe,  warum  das  jüdische  Volk  so  verachtet ­
  wurde.  Solche  Leute  waren  es,  die  es  dahin
        <pb n="33" />
        37

brachten.  Diese  Niedrigkeit  der  Gesinnung,  dieses
Kriechende,  diese  Gemeinheit  —  pfui,  welch  abscheuliches ­
  Gemisch!  Ich  spreche  mit  L.,  erlaube  ihm,  mich
zu  besuchen,  um  Charaktere  dieser  Art  studieren  zu
können.
Der  einzige  schöne  Aug  ist  die  dem  Juden  angeborene
Gutmütigkeit,  die  er  in  hohem  Grade  besitzt.

Der  Sinn  der  Eleganz
Sonntag,  28.  Februar
Heute  kam  etwas  zuiu  Ausbruch,  worüber  ich  schon
lange  nachgedacht  hatte.  Meine  Garderobe  ist  nämlich
von  der  Art,  daß  ich  schon  unzählige  Male  ihretwegen
von  meinen  Bekannten  über  die  Achsel  angesehen,  von
meinem  Freunde  Wilhelm,  der  mit  Recht  in  jedem
Stück  und  jeder  Beziehung  die  Pflicht  der  Aufrichtigkeit, ­
  die  er  mir  schuldig  ist,  erfüllt,  aber  ausgelacht  und
getadelt  wurde.
Schon  ehe  ich  auf  die  Handelsschule  kam,  war  mein
Vater  ärgerlich,  wenn  er  sah,  daß  ich  auf  die  Kleidung
viel  gab,  und  hatte  es  sich  zur  Maxime  gemacht,  meinem
Hang  durchaus  nicht  nachzugeben.  Er  nannte  es  Eitelkeit ­
  usw.,  so  daß  schon  früher  dieser  Gegenstand  zu  lebhaften ­
  Debatten  Gelegenheit  gab.  So  schlecht  aber  wie
auf  der  Handelsschule  war  meine  Garderobe  noch  nie
gewesen:  ihre  Niederträchtigkeit  zu  beschreiben,  so  gewandt ­
  ist  meine  Feder  nicht.  Es  sei  genug,  daß  sie  sehr
oft  Gelegenheit  zu  Bitten,  dann  Tadel  und  zuletzt
Sarkasmen  von  seiten  Wilhelms  gab.
Was  sollte  ich  tun?
        <pb n="34" />
        38

Selbst  seinem  besten  Freunde  gegenüber  besitzt  der
Mensch  kleine  Eitelkeiten.  Ich  schämte  mich,  meinem
Freunde  W.  zu  gestehen:  ich  fühle  das  Bedürfnis,  mich
anständig  zu  kleiden,  so  gut  wie  er,  und  nur  die  Grille
meines  Vaters  sei  es,  die  mich  zwinge,  wie  einen  Gott
auch  nur  einen  und  noch  dazu  sehr  schlechten  Rock  zu
haben.
Ich  machte  es  also  wie  der  Fuchs  mit  den
Trauben.  Ich  tat,  als  läge  mir  an  Kleidung  nicht  das
geringste,  und  erheuchelte  mir  auf  diese  Weise  einen
Zynismus,  der  meiner  Seele  nur  allzu  fremd  ist.  Ich
bin  kein  Geck,  kein  Modenarr,  werde  mich  aber  dereinst
stets  auf  das  sorgfältigste  kleiden.  Kleider  machen
Leute,  ist  einmal  die  Meinung  des  neunzehnten  Jahrhunderts. ­
  Und  es  ist  töricht,  wenn  ein  Mensch,  der
von  den  Menschen  abhängt  und  von  ihnen  leben  will,
die  Urteile  und  sogar  die  Vorurteile  der  Welt  verhöhnt.
Verachten  mag  er  sie,  bespötteln  im  Innersten  seines
Herzens,  aber  ihnen  offen  Trotz  bieten  —  nein,  bei
Gott  nicht!  Dann  ist  er  ein  Tor.
Es  gewährt  gewiß  jedem  einiges  Vergnügen,  wenn
er  sich  fein  gekleidet  im  Spiegel  betrachtet.  Wer  sich
aber  um  deswegen  elegant  kleidet/um  sich  im  Spiegel
zu  gefallen,  ist  ein  Narr  und  ein^Geck.  Anderen  soll
meine  Kleidung  gefallen.  Ich  kleide  mich  schön  um
anderer  willen.  Und  mein  Vater  hat  unrecht,  wenn  er
mir  darin  wehrt.  Übrigens  ist  meine  Garderobe  so
miserabel,  daß  selbst  Frau  Direktor  mir  mehrmals  gesagt
hat:  „Wirklich,  Lassal,  wenn  Ihnen  nicht  alles  so  nobel
stände,  sähen  Sie  aus  wie  ein  Lump."
        <pb n="35" />
        39

Der  erste  Prozeß
Donnerstag,  11.  März
Heute  ist  Herrn  Direktors  Geburtstag.  Ich  gratulierte
ihm  und  begab  mich  dann  in  die  Schule.  Mit  einem
Entschuldigungszettel  Ferdinands  versehen,  begab  ich
mich  zu  Schieben.  Kaum  wurde  mich  dieser  gewahr,
wurde  er  wütend,  sagte,  weder  Zettel  noch  Cousin  gehe
ihn  was  an,  ich  hätte  gegen  das  Regulativ  verstoßen
und  müsse  um  neun  Uhr  vor  die  Synode  kommen.  Das
war  zu  viel.  Das  hieß  die  Pedanterie  und  den  Haß
aufs  höchste  steigern.  Ich  begab  mich  in  die  Klasse,
wo  gleich  die  Schüler  auf  mich  zueilten,  doch  ich  zog
mich  mit  Becker  zurück  und  erzählte  es  ihm.  Er  empfahl
mir  vor  allen  Dingen  stoische  Ruhe.
Um  neun  Uhr  wurde  ich  heruntergerufen.
Ich  trat  ein.  In  der  Mitte  saß  der  Direktor,  um  ihn
herum  in  einem  Halbkreis  sämtliche  Lehrer.  Ich  stellte
mich  dicht  am  Eingang  hin  mit  zusammengefalteten
Händen,  die  Augen  zu  Boden  geschlagen.  Während
der  ganzen  Verhandlung  war  ich  bemüht,  alle  die  Gefühle, ­
  die  mich  wechselweise  bestürmten,  auch  durch
kein  Jucken  meines  Mundes  zu  verraten.  Haß,  Verachtung, ­
  Hohn,  Ärger,  Trauer,  Wut,  Gleichgültigkeit
wechselten  in  meiner  Brust,  doch  verriet  nichts,  was  da
drinnen  vorging,  und  mit  der  größten  Anstrengung
zwang  ich  meine  Gesichtszüge  zu  einer  Ruhe,  die  schlecht
zu  meiner  Lage  paßte,  bei  einem  Eintretenden  aber
gewiß  dem  Gedanken,  ich  stehe  jetzt  vor  der  Synode,
widersprochen  hätte.
        <pb n="36" />
        40

„Immer  näher!"  erscholl  es.  Ich  trat  einige  Schritte
vor,  blieb  aber  in  meiner  vorigen  Stellung  und  würdigte
die  ganze  Versammlung  auch  keines  Blickes.
Der  Direktor  las  nun  mein  sogenanntes  Verbrechen
vor  und  erklärte,  daß  er  auf  meinen  Cousin  nicht  die
geringste  Rücksicht  nehme.  Nun  fing  ein  Schauspiel  an,
das  wirklich  im  wahren  Sinne  des  Wortes  sehenswert
war.  Schiebe,  Schierholz  und,  was  mich  am  meisten
ärgerte,  Feller  waren  die  Sprecher,  die  anderen  schwiegen. ­
  Diese  drei  aber  lösten  sich  unaufhörlich  ab.  Trotz
der  unbeschreiblichen  Verachtung,  die  ich  empfand,
wurde  ich  doch  ganz  wehmütig.  Mir  kam  vor,  ich  wäre
ein  toter  Adler  und  löge  auf  dem  Felde,  und  es  kämen
x  die  Raben  und  die  diebischen  Elstern  und  all  das  verächtliche ­
  Geflügel  und  pickten  mir  die  Augen  aus  und  nagten
mir  das  Fleisch  von  den  Knochen.  Plötzlich  aber  fing
ich  wieder  an  mich  zu  regen,  es  kam  Leben  in  mich,
und  ich  erhob  mein  rauschendes  Gefieder.  Krächzend
entflohen  die  Raben  und  Elstern,  ich  aber  schwang  mich
auf  zur  Sonne.
AuS  diesen  Träumereien  weckte  mich  unangenehm
der  Baß  des  Alten.  Gott,  was  räsonnierten  die  nicht  zusammen ­
  !  Kein  gutes  Haar  ließen  sie  an  mir.  Ich  wurde
für  heuchlerisch,  betrügerisch,  schlecht,  eigennützig,  überspannt, ­
  hinterlistig,  verrückt  und  verdreht  erklärt.  Da
die  guten  Herren  über  meine  Leistungen  nicht  reden
konnten,  das  Räsonnement  über  das  vorliegende  Verbrechen ­
  auch  bald  erschöpft  war,  so  singen  sie  an,  auf
meinen  Charakter  zu  kommen.
„Meine  Herren,"  fing  Feller,  diese  personifizierte
Falschheit,  an,  „Messieurs,  Sie  müssen  wissen,  Lassal
        <pb n="37" />
        41

betrachtet  alles  mit  dem  Auge  eines  Philosophen.  Wir  sind
nicht  seine  Vorgesetzten.  Den  Begriff  Vorgesetzten  gibt
er  überhaupt  nicht  zu.  Wir  sind  seine  Untergebenen,  denn
wir  werden  ja  bezahlt,  überhaupt  Liebe,  Hochachtung,
Dankbarkeit,  die  kennt  Lassal  nicht.  Alles,  was  aus  dem
Herzen  kommt,  ist  ihm  unbekannt,  sowie  das  Wort  Herz
selbst.  Er  hat  zu  niemand  Liebe.  Sein  Grundsatz  ist
Liebe  usw.  zu  heucheln,  solange  er  jemand  benutzen  kann."
„Ein  schöner  Grundsatz!"  höhnte  der  Alte.  „Dabei",
fuhr  Schiebe  fort,  „weiß  er  sich  einen  Schein  zu  geben."
„Einen  Schein,"  wiederholte  Schierholz.  „Einen  Schein,"
tönte  es  aus  Fellers  Lippen  wie  daö  Echo  in  Adersbach.
„Du  tatest  am  besten,"  sagte  nun  der  Alte,  „du  würdest
Komödiant.  Da  könntest  du  heute  den  Shylock  und
morgen  eine  andere  schlechte  Rolle  geben,  denn  du  bist
zu  jeder  schlechten  Rolle  fähig."
Und  in  diesem  Stile  ging  das  fort.
Hierauf  wurde  ich  ersucht,  hinauszutreten.  Als  ich
wieder  hineinkam,  las  mir  Herr  Direktor  ein  Urteil
vor:  Ich  hätte  drei  Wochen  Hausarrest,  und  wenn  ich
mir  noch  einmal  etwas  gegen  das  Regulativ  zuschulden
kommen  ließe,  würde  an  den  Vorstand  Anzeige  gemacht ­
  werden.  Als  ich  nach  Hause  kam,  war  schon  ein
Brief  Sch.s  an  Hander  angelangt,  in  dem  er  ihm  meinen
Hausarrest  anzeigte  und  ihn  ersuchte,  im  Fall,  daß  ich
ausginge,  es  ihm  anzuzeigen.  „Die  Justiz  würde  dann
prompt  sein,"  fügte  er  hinzu.
Dieser  Satz  jagte  nun  H.  viel  Schrecken  ein.  Er  zeigte
ihn  meinem  Cousin  und  legte  ihn  so  aus,  daß  Schiebe
mich  wegweisen  könne.  Zwar  ist  Schiebes  Macht  groß,
aber  das  kann  er,  Gott  sei  Dank,  nicht  so  leicht.  In  meinen
        <pb n="38" />
        42

Leistungen  war  ich  untadelhaft,  ich  will  auch  in  meinem
Betragen  jetzt  sehr  behutsam  sein.  Ich  will  mich  von
nun  an  nicht  gut  betragen,  denn  ich  habe  mich  nie  schlecht
ausgeführt,  aber  ich  will,  mit  einem  Wort,  mich  gar  nicht
betragen.  Bis  jetzt  war  meine  Hoffnung,  Ostern  abzugehen. ­
  Von  nun  an  ist  es  mein  fester  Entschluß,  den
vollen  Kurs  durchzumachen.  Ich  fürchte  S.  nicht.
Lebensentscheidung
Eine  lange,  eine  überaus  wichtige  Zeit  ist  jetzt  vorübergegangen. ­
  Mein  Vater  war  da.  Ich  habe  ihm  meinen
Wunsch,  meinen  unwiderruflichen  Entschluß,  zu  studieren, ­
  mitgeteilt  Er  war  im  Ansang  überrascht,  dann
sagte  er,  er  wolle  es  eine  Zeitlang  in  Erwägung  ziehen.
Ich  ging  so  weit,  zu  sagen,  es  bedürfe  hier  gar  keiner
Erwägung,  nur  seiner  Einwilligung  bedürfe  es,  denn
ich  würde  doch  nie  von  meinem  Entschluß  abstehen.
Das  war  freilich  zu  weit  gegangen,  meinem  Vater
jede  Wahl  abzusprechen,  übrigens  hatte  ich  keinen
kleinen  Kampf  zu  bestehen  in  meinem  eigenen  Innern.
Mein  Vater  sagte  mir,  wie  er  gehofft,  ich  würde  ihm  die
Last  abnehmen,  die  jetzt  so  drückend  auf  seinen  Schultern
zu  liegen  anfange.  Er,  der  kampfesmüde  Mann,  der
sich  sehnte,  seine  Tage  in  Ruhe  hinzubringen,  müßte,
wenn  ich  in  meinem  Entschluß  beharrte,  von  neuem  zu
arbeiten,  zu  ringen  anfangen,  um  Riekchen  und  Ferdinand ­
  zu  ernähren.  O  Gott,  das  wog  schwer  in  der
Wagschale!  Doch  weil  ich  nicht  anders  konnte,  weil
ich,  obwohl  ich  schmerzlich  rang,  dennoch  erklärte,  ich
müsse  meiner  Neigung,  meinem  unverkennbaren  Berufe
        <pb n="39" />
        43

folgen,  war  mein  Vater  fast  versucht,  zu  glauben,  ich
wäre  lieblos.
Er  fragte  mich,  was  ich  studieren  wollte.
„Das  größte,  umfassendste  Studium  der  Welt,"  entgegnete
  ich,  „das  Studium,  das  am  engsten  mit  den
heiligsten  Interessen  der  Menschheit  verknüpft  ist:  das
Studium  der  Geschichte."
Mein  Vater  fragte  mich,  wovon  ich  leben  wollte,  da
ich  in  Preußen  kein  Amt,  keinen  Lehrstuhl  erhalten
könnte  und  mich  doch  nicht  von  meinen  Eltern  trennen
wollte.  O  mein  Gott,  wenn  das  zu  vermeiden  wäre!
Doch  antwortete  ich  nur,  ich  würde  mich  überall  zu  ernähren ­
  wissen.
Mein  Vater  fragte  mich,  warum  ich  nicht  Medizin
oder  Jura  studieren  wollte.
„Der  Arzt  wie  der  Advokat,"  entgegnete  ich,  „sind
Kaufleute,  die  mit  ihrem  Wissen  Handel  treiben.  Oft
auch  der  Gelehrte.  Ich  sehe  es  an  Hander,  der  im  eigentlichen ­
  Sinne  des  Wortes  Kaufmann  ist."  Ich  wollte
studieren  der  Sache,  des  Wirkens  wegen.
Mein  Vater  fragte,  ob  ich  glaubte,  daß  ich  ein
Dichter  sei.
„Nein,"  antwortete  ich,  „aber  ich  will  mich  der  publizistischen ­
  Sache  widmen.  Jetzt,"  sagte  ich,  „jetzt  ist  die
Zeit,  in  der  man  um  die  heiligsten  Zwecke  der  Menschheit ­
  kämpft.  Bis  zum  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts
war  die  Welt  in  Ketten  dumpfen  Aberglaubens  gehalten.
Da  erhob  sich,  durch  die  Macht  der  Geister  angeregt,
eine  materielle  Gewalt,  die  blutig  das  Bestehende  in
Trümmer  stürzte.  Der  erste  Ausbruch  war  schrecklich  und
        <pb n="40" />
        44

mußte  es  sein.  Seitdem  hat  jener  Kampf  ununterbrochen
gewährt.  Er  wurde  geführt  nicht  durch  die  rohe  physische
Macht,  sondern  durch  die  Macht  des  Geistes.  In  jedem
Lande,  unter  jeder  Nation  erheben  sich  Männer,  die
mit  dem  Worte  kämpften,  fielen  oder  siegten.  Der  Kampf
um  die  edelsten  Zwecke,  er  wird  auf  die  edelste  Weise
geführt.  Freilich  muß  später  durch  die  physische  Gewalt
die  Wahrheit  unterstützt  werden,  denn  sie  wollen  es  nicht
anders,  die  Leute  auf  den  Thronen.  Nun,  so  laß  uns
die  Völker  nicht  aufregen,  nein,  erleuchten,  aufklären."
Mein  Vater  schwieg  lange,  dann  sagte  er:  „Mein
Sohn,  ich  verkenne  nicht  die  Wahrheit,  die  in  deiner
Rede  liegt,  aber  warum  willst  du  gerade  zum  Märtyrer
werden?  Du,  unsere  einzige  Hoffnung,  Stütze.  Die
Freiheit  muß  errungen  werden,  aber  sie  wird's  auch
ohne  dich.  Bleib  bei  uns,  mach  du  unser  Glück  aus,
wirf  dich  nicht  in  jenen  Kampf.  Selbst  wenn  du  in  ihm
siegst,  gehen  wir  doch  unter.  Wir  lebten  nur  für  dich.
Vergilt  uns.  Du  allein,  du  änderst's  nicht.  Laß  Leute
kämpfen,  die  nichts  zu  verlieren  haben,  an  deren  Geschick ­
  nicht  das  Herz  der  Eltern  hängt."
O  ja,  er  hat  recht!  Warum  soll  ich  gerade  zum  Märtyrer ­
  werden?  Doch  wenn  jeder  so  spräche,  so  feig  sich
zurückzöge,  wann  würde  dann  ein  Kämpfer  aufstehen?
Warum  soll  ich  gerade  zum  Märtyrer  werden?
Warum?  Weil  Gott  mir  die  Stimme  in  die  Brust
gelegt,  die  mich  aufruft  zum  Kampfe,  weil  Gott  niir
die  Kraft  gegeben,  ich  fühle  es,  die  mich  befähigt  zum
Kampfe!  Weil  ich  für  einen  edlen  Zweck  kämpfen  und
leiden  kann!  Weil  ich  Gott  um  die  Kräfte,  die  er  mir
        <pb n="41" />
        zu  bestimmtem  Zweck  gegeben,  nicht  betrügen  will!
Weil  ich,  mit  einem  Worte,  nicht  anders  kann!
Wir  kamen  endlich  so  weit,  daß  Vater  sagte,  Michaeli
sollte  sich's  entscheiden.  Bis  dahin  sollte  ich  und  würde
er's  sich  überlegen.  Doch  wir  verstehen  uns  noch  nicht
so  ganz.  Er  wehrt  mir  nicht  das  Studium  und  das  Fach,
doch  meine  Meinung  wehrt  er  mir.  Darum  sage  ich,
er  versteht  mich  nicht.  Er  will  mich  studieren  lassen  und
wehrt  mir  die  heilige,  durchwehendeJdee,  die  er  Liberalismus ­
  nennt!  Als  wenn  nicht  gerade  sie  es  wäre,  die
mich  zum  Studium  treibt,  sie,  um  die  ich  kämpfen  will,
und  ohne  die  ich  lieber  geblieben  wäre,  was  ich  bin!
        <pb n="42" />
        Aus
Lassalles
heroischer  Zeit
        <pb n="43" />
        49

Mer  Semester  hatte  Lassalle  in  Breslau,  zwei  in  Berlin  studiert.
1845  reiste  er  nach  Paris,  um  handschriftliche  Herallitstudien  zu
machen.  Dort  lernt  er  Heinrich  Heine  kennen.  Heines  Eindruck
ist  in  einem  Brief  an  Vamhagen  von  Ense  vom  3.  Januar  1845
festgehalten.

Heinrich  Heine  über  Lassalle
Herr  Lassalle,  der  Ihnen  diesen  Brief  bringt,  ist  ein
junger  Mann  von  den  ausgezeichnetsten  Kenntnissen
und  Geistesgaben,  mit  der  gründlichsten  Gelehrsamkeit,
mit  dem  weitesten  Wissen,  mit  dem  größesten  Scharfsinn, ­
  der  mir  je  vorgekommen.  Mit  der  reichsten  Begabung ­
  der  Darstellung  verbindet  er  eine  Energie  des
Wollenö,  eine  Habilits  im  Handeln,  die  mich  wahrhaft
in  Erstaunen  setzen,  und  wenn  seine  Sympathie  für
mich  nicht  erlischt,  so  erwarte  ich  von  ihm  den  tätigsten
Vorschub.  Jedenfalls  war  diese  Vereinigung  von  Wissen
und  Können,  von  Talent  und  Charakter  für  mich  eine
freudige  Erscheinung,  und  Sie  bei  Ihrer  Vielseitigkeit
im  Anerkennen  werden  ganz  gewiß  ihm  volle  Gerechtigkeit ­
  widerfahren  lassen.  Herr  Lassalle  ist  nun  einmal
ein  so  ausgezeichneter  Sohn  der  neuen  Zeit,  der  nichts
von  jener  Entsagung  und  Bescheidenheit  wissen  will,
womit  wir  uns  mehr  oder  minder  in  unserer  Zeit
        <pb n="44" />
        SO

Hindurchgelungerl  und  hindurchgefaselt.  Dieses  neue
Geschlecht  will  genießen  und  sich  geltend  machen
im  Sichtbaren;  wir,  die  Alten,  beugten  uns  demütig
vor  dem  Unsichtbaren,  entsagten  und  flennten  und
waren  doch  vielleicht  glücklicher  als  jene  harten  Gladiatoren, ­
  die  so  stolz  dem  Kampftode  entgegengehen.
Don  Paris  zurückgekehrt,  macht  er  die  Bekanntschaft  der  Gräfin
Sophie  Hatzfeldt  die  mit  ihrem  Mann  in  Krieg  lag.  1846  springt
er  in  die  große  Hilfsaktton  für  die  bedrängte  und  mißhandelte
Gräfin.  Im  März  1847  erfolgt  seine  erste  Verhaftung,  am  4.  Mai
sein  erster  Freispruch.  Im  August  1848  findet  der  große  Kassettenprozeß ­
  statt,  wieder  ein  prachtvoll  erkämpfter  Freispruch.  Eine
Verleumdungsklage  aber  hatte  ihm  zwei  Monate  Gefängnis  eingebracht. ­


Brief  an  die  Mutter
Aus  der  Düsseldorfer  Haft  schreibt  er,  im  Januar  1849,  an  die
Mutter  —  man  beachte  den  besänftigenden  Ton  zärtlichster  Kindesliebe. ­

Vielgeliebte  teure  Mutter!
Deinen  lieben  Brief,  der  mich  herzinnig  erfteut  hat,
habe  ich  schon  vor  längerer  Zeit  bekommen.  Ich  wartete
nun  täglich  mit  der  Beantwortung,  weil  ich  glaubte,
daß  der  liebe  Vater,  wenn  er  von  Breslau  zurückgekehrt,
nun  mir  auch  eine  Antwort  zukommen  lassen  würde.
Ich  habe  indes  vergeblich  gewartet  und  sehe  wohl,  daß
Papa  wirklich  gesonnen  ist,  jenen  so  ungerechten  Vorsatz ­
  auszuführen,  mir,  zur  Strafe,  weil  ich  verhaftet
worden,  nicht  zu  schreiben!  Welche  Logik!  Nun,  ich
kann  es  natürlich,  so  leid  es  mir  tut,  nicht  ändern.  Werde
        <pb n="45" />
        51

mich  übrigens  dadurch  nicht  abhalten  lassen.  Euch  von
Zeit  zu  Zeit  Nachricht  zu  geben,  zumal  wenn  irgend
etwas  vorfällt,  welches  meine  Lage  ändert.
Im  Laufe  März  komme  ich  vor  die  Assisen;  daß
nicht  das  Geringste  zu  fürchten  ist,  habe  ich  Euch  schon
von  vornherein  geschrieben  und  brauche  es  daher  erst
nicht  zu  wiederholen.  Ich  will  noch  hinzufügen,  daß
alle  politischen  Angeklagten,  welche  jetzt  in  Köln  vor
den  Geschworenen  gestanden,  wiederum  ohne  Ausnahme ­
  freigesprochen  wurden  (Marx,  Schneider,  Schapper,
  Engels,  Korsf,  Gottschalk,  Kinkel,  zwei  Dutzend
Arbeiter  usw.).  Was  so  vielen  möglich,  wird  doch  mir
um  so  eher  möglich  sein.  Obwohl  Ihr  also  in  solcher
Hinsicht  gewöhnlich  vor  lauter  Angst  zu  gar  keiner  ruhigen
Betrachtung  kommt,  so  hoffe  ich  doch,  daß  Ihr  Euch
diesmal  keine  unnötigen  Sorgen  machen  werdet.  Ich
freue  mich  auf  die  Prozedur  wie  ein  Gott.  Wie
der  fernhintreffende  Apollo  will  ich  meine  Lanzen
werfen,  und  ich  habe  im  voraus  Mitleid  mit  dem
Ärmsten,  der  die  klägliche  Aufgabe  haben  wird,  diese
spaßhafte  und  verbrecherische  Anklage  mir  gegenüber
zu  verteidigen.
Die  politischen  Verhältnisse  werden  wohl  gleichfalls  bald
zu  einer  entscheidenden  Lösung  gelangen  müssen.  Entweder ­
  kehrt  Deutschland  wirklich  wieder  und  für  immer
in  die  Nacht  der  alten  Zustände  zurück  —  und  dann  ist
alle  Wissenschaft  eine  Lüge,  alle  Philosophie  ein  bloßes
Spiel  des  Geistes,  Hegel  ein  dem  Irrenhaus  entlaufener
Narr,  und  es  gibt  keinen  Gedanken  in  dem  Zufall  der
Geschichte  —,  oder  die  Revolution  wird  bald  einen  neuen
und  entscheidenden  Triumph  feiern.
        <pb n="46" />
        Letzteres  hat  ungleich  mehr  Wahrscheinlichkeit.  Bereits ­
  fangen  auch  die  Slawen  an,  sich  dem  Bunde  der
revolutionären  Völker  anschließen  zu  wollen.
Das  wird  ein  Krachen  geben!  Diesen  Frühling  steht
Europa  in  Feuer  und  Flammen.  Wer  das  nicht  sieht,
ist  ein  Tor.  Gnade  Gott  dann  unsrer  preußischen  Wirtschaft! ­
  Durch  die  Novemberereignisse  sind  jetzt  auch  dem
Dümmsten  die  Augen  geöffnet,  die  Novemberverfolgungen ­
  sind  der  größte  Hohn  auf  Recht  und  Gesetz  gewesen, ­
  und  die  Lehre  wird  keine  verlorene  sein.
Ich  küsse  Dich  und  den  vielgeliebten  Papa  tausendmal
und  sehe  mit  Ungeduld  einigen  Zeilen  entgegen.  Euer
Euch  liebender
F.  Lassalle
Düsseldorf,  Gefängnis,  25.  2.  49

Lassalle  als  Angeklagter
„Wie  sehr  man  sich  aber  im  Düsseldorfer  Gefängnis
um  den  Herrn  Generalprokurator,  um  die  Gesetze  und
um  die  allergewöhnlichsten  Rücksichten  des  Anstandes
kümmert,  davon  folgendes  Exempel:
Ein  Gefängniswärter  erlaubte  sich  am  5.  Januar
einige  Brutalitäten  gegen  Lassalle  und  setzte  diesen  die
Krone  dadurch  auf,  daß  er  zum  Direktor  ging  und
Lassalle  verklagte,  als  habe  dieser  ihn  brutalisiert.
Eine  Stunde  nachher  tritt  der  Direktor,  vom  Jnstruktionsrichter
  begleitet,  in  Lassalleü  Zimmer,  ohne
ihn  zu  grüßen,  und  stellt  ihn  deswegen  zur  Rede.  Lassalle

62
        <pb n="47" />
        53

unterbricht  ihn  mit  der  Bemerkung,  unter  gebildeten
Leuten  sei  es  üblich,  daß  man  sich  begrüße,  wenn  man  zu
jemandem  ins  Zimmer  trete,  und  er  sei  berechtigt,  diese
Höflichkeit  vom  Direktor  zu  verlangen.
Das  war  dem  Herrn  Direktor  zu  viel.  Wütend  geht  er
auf  Lassalle  zu,  drängt  ihn  ans  Fenster  zurück  und  schreit
mit  möglichst  lauter  Stimme  und  unter  Begleitung  von
Gestikulationen  sämtlicher  Gliedmaßen:  .Hören  Sie-  Sie
sind  hier  mein  Gefangener  und  weiter  nichts,  Sie  haben
sich  der  Hausordnung  zu  fügen,  und  wenn  Ihnen  daö
nicht  beliebt,  so  werde  ich  Sie  ins  Cachot  werfen  lassen,
und  es  kann  Ihnen  noch  Ärgeres  passieren!'
Hierauf  wurde  Lassalle  ebenfalls  heftig  und  erklärte
dem  Direktor,  er  habe  kein  Recht,  ihn  nach  der  Hausordnung ­
  zu  bestrafen,  da  er  Untersuchungsgefangener
sei;  das  laute  Schreien  nütze  nichts  und  beweise  nichts;
wenn  dies  Haus  auch  ein  Gefängnis  sei,  so  sei  hier  doch
sein  Zimmer,  und  wenn  der  Direktor  (mit  dem  Finger
zeigend)  hier  bei  ihm  eintrete,  so  habe  er  ihn  zu
grüßen.
Jetzt  verlor  der  Direktor  alle  Besinnung.  Er  rückte
Lassalle  dicht  auf  den  Leib,  holte  weit  mit  ausgestrecktem
Arm  aus  und  schrie:  .Gestikulieren  Sie  nicht  mit  Ihrem
Finger,  oder  ich  schlage  Ihnen  gleich  mit  eigner  Hand
eine  ins  Gesicht,  daß...'
Lassalle  forderte  sofort  den  Jnstruktionsrichter  zum
Zeugen  für  diese  unerhörte  Mißhandlung  auf  und  stellte
sich  unter  seinen  Schutz.  Der  Jnstruktionsrichter  suchte
nun  den  Direktor  zu  besänftigen,  was  aber  erst  gelang,
nachdem  derselbe  die  Drohung  mit  Ohrfeigen  noch
mehrere  Male  wiederholt  hatte.
        <pb n="48" />
        54

Lassalle  wandte  sich  nach  dieser  Szene  an  den  Staatsprokurator ­
  von  Ammon  mit  dem  Antrage,  gegen  den
Direktor,  Herrn  Morret,  ein  Verfahren  einzuleiten.  Die
Gewaltsamkeiten  des  Direktors  konstituieren  nämlich
nicht  bloß  eine  Mißhandlung  und  schwere  Beleidigung,
sondern  auch  eine  Überschreitung  der  Amtsbefugnisse...
Und  nun  entwickelt  sich  ein  Streit  zwischen  Lassalle
und  Herrn  von  Ammon,  ob  dieser  befugt  sei,  ohne
weiteres  gegen  den  Gefängnisdirektor  Untersuchung  einzuleiten, ­
  oder  dazu  erst  der  Genehmigung  der  Regierung
bedürfe.  Der  erstere  stützte  sich  dabei  auf  die  soeben
oktroyierte  Verfassung,  der  andere  auf  eine  Kabinettsorder ­
  aus  dem  Jahre  1844.  Schließlich  wußte  sich  der
Herr  von  Ammon  gar  nicht  anders  zu  helfen,  als  daß
er  Lassalle  mit  der  Erklärung  entließ:  ,Sie  scheinen
zu  vergessen,  daß  Sie  Untersuchungsgefangener  sind.'"
Die  Assisenrede  hatihm  zu  seinem  glorreichsten  Freispruch  verhelfen.
Aber  diese  Folge  von  Prozessen,  Freisprüchen  und  Verurteilungen
hatte  den  reizbaren  Jüngling  gehärtet  und  gefestigt.  Wieder  ist  da«
Bekenntnis  dieser  inneren  Wandlung  in  einem  prächtigen,  unwillkürlich ­
  zur  Poesie  gesteigerten  Brief  an  die  Eltern  zu  lesen,  der
vermutlich  in  Düsseldorf  nach  beendeter  Sttafhaft  geschrieben  wurde.

„Im  Ungarwein  liegt  etwas  meiner  Natur
Verwandtes"
Meine  vielgeliebten  Eltern!
Lange  und  schmerzlich  habt  Ihr  mich  zwar  auf  jede
Nachricht  von  Euch  warten  lassen,  so  daß  ich  nicht  wenig
Eurethalben  in  Sorgen  und  Kummer,  auch  ziemlich  ungehalten ­
  war.
        <pb n="49" />
        55

Dafür  habt  Ihr  mir  aber  auch,  ich  muß  es  gestehen,  ein
unendlich  großes  Vergnügen,  einen  wirklichen  Seelengenuß ­
  durch  Euern  Brief,  so  voll  von  Atem  reinster
Vaterliebe,  gewährt,  der  mich  am  Tage  meines  Geburtsfestes ­
  begrüßte!  Was  soll  ich  zu  dem  Angebinde  sagen,
das  Ihr  mir  geschickt?  Es  spricht  sich  eine  so  tiefe  wie  zarte
Charakterkenntnis  darin  aus.  Der  heilige  Ungarwein
hat  seit  je  zu  den  Genüssen  gehört,  die  mir  mit  am  teuersten ­
  waren  und  am  meisten  Wirkung  auf  mich  äußerten.
In  dem  Feuer  der  Kraft  und  in  der  edlen  Herbigkeit
dieses  Weines  liegt  etwas  meiner  Natur  Verwandtes!
Wie  kein  anderer  vermag  er  mich  zu  begeistern!  Habt
Dank  für  Eure  Liebe,  Eure  Güte,  Eure  Sorgfalt  und
Euer  zartes  Sinnen,  Freude  mir  zu  bereiten.  Dieser
Vorsatz  ist  Euch  im  höchsten  Grade  gelungen,  und  ich
weiß,  daß  Euch  nichts  so  freuen  kann  als  diese  Gewißheit!
Oft  werde  ich  von  diesem  Weine  trinken,  und  jedesmal, ­
  wenn  er,  die  Pulsschläge  mir  vermehrend,  größere
Kraft  und  kühneren  Atem  mir  in  die  Seele  haucht,
werde  ich  der  Liebe  denken,  die  ihn  sandte!  Hart  geh'
ich  durchs  Leben;  alle  weicheren  Regungen  des  Herzens
unterdrückend,  führt  mich  mein  Pfad  von  Felsgeröll
zu  Klippe  und  Gestein,  und  mit  der  Art  muß  ich  den
Weg  mir  bahnen.  Im  steten  Kampf,  der  um  mich  tobt
und  stets  bereite  Kraft  verlangt,  müssen  des  Herzens
sanfte  Regungen,  muß  jede  süßere  Wehmut  schweigen!
Dafür  verlangt  mich  mehr  nur  als  die  andern  von
Zeit  zu  Zeit,  in  langem  Zwischenraum,  und  sei's  des
Jahrs  einmal,  im  Ozean  der  Liebe  mich  zu  baden,
unterzutauchen  in  die  heiligen  reinen  Wogen  und  neue
Kraft  und  neue  Unverwundbarkeit  aus  ihnen  mir  zu
        <pb n="50" />
        56

schöpfen.  Denn  wie  aus  dem  Quell  die  Glieder  badend
Frische  saugen,  und  wie  das  nachgiebige  Element  der
Flut  den  Körper  stärkt  zu  neuem  Ringen,  so  saugt  sich
aus  der  weichen,  wahren  Liebe  Schoß  der  Geist  die
Kraft,  um  einer  Welt  des  Hasses  zu  begegnen!
Es  stelle  einer  sich,  so  stark  er  will  —  diese  Gewißheit
braucht  er  doch:  geliebt  zu  werden!  Sonst  ist  die  Quelle
seiner  Kraft  versiegt,  und  leicht  verbraucht  ist  der  erworbene ­
  Vorrat!
Das  ist  der  wahre  Sinn  von  jener  Fabel  vom  Riesen,
dessen  Kraft  sich  stets  aufs  neu'  entzündet,  so  oft  den
Mutterschoß  der  Erde  er  berührt!
Das  seid  Ihr  mir!  An  Eurer  schrankenlosen  Liebe,
Eurem  Selbstaufgeben,  Eurer  Weichheit  erweicht  sich
mein  versteinert  Wesen,  trinkt  neue  Wärme,  neue  Glut
aus  ihm!  Drum  —  welches  harte  Schicksal  mir  begegne
—  ich  denk'  an  Euch:  und  frisch  ermannt  find'  ich  zum
Ungeheuren  selbst  die  Kraft!  Wie  sich  die  Venus  an  den
rauhen  Kriegsgott,  so  schmiegt  Ihr  Euch  an  mein  wildes
Wesen,  nachgebend  jedem  trotz'gen  Ungestüm!  Bei  Euch
nur  gelt'  ich,  weil  ich  bin,  nicht  weil  ich  handle  und
wie  ich  handle,  und  nimmer  wähnt  Ihr  in  des  eignen
Geistes  Macht  zu  fesseln  mir  die  ungestüme  Seele.  So
liebt  Ihr  mich  mit  allen  meinen  Knorr'n,  just  wie  der
Bergstrom  liebt  sein  Bette,  in  das  er  schäumend  querüber
Bahn  sich  brechend  sich  ergießt!
Nicht,  wollt  Ihr  selbstgeschaffene  Bahnen  ihm  bereiten, ­
  ihm  dämmend  feindlich  gegenübertreten  und
in  die  Regel  zwingen  seinen  Lauf.  Drum,  wie  der  Bergstrom ­
  liebt  sein  Bette,  so  lieb'  ich  Euch,  und  wo  der  jähe
Lauf  mich  hinträgt,  an  uralter  Eichen  hundertjähriger
        <pb n="51" />
        57

Wurzel  die  Kraft  versuchend,  aus  den  Usern  schäumend,
Befruchtung  bald  und  bald  Verderben  bringend,
doch  ewig  nur  zu  Hause  find'  ich  mich  bei  Euch!
Verlangt  heut  nicht  von  mir  \  vernünftiges  Wort.
Im  losgegebenen  Taumel  rasen  die  Gefühle,  und
dithyrambisch  reißen  sie  mein  Wesen  fort.  Doch  wie
der  Töne  Unterschied  sich  im  Akkord  harmonisch  löst
in  eines  Grundtons  Walten,  so  löst  sich  aller  wildverschiedenen ­
  Gefühle  Drang  in  ein  Gefühl  doch  auf,
in  Lieb'  zu  Euch!
In  wenig  Tagen  schreib'  ich  vernünftiger.
Euer
F.  Lassalle
Der  Schwärmer  Lassalle  ist  dabei  keineswegs  ein  fader  Moralist
gewesen.  Will  man  eine  Probe  seiner  psychologischen  Einsicht
und  männlichen  Denkart  haben,  so  lese  man  den  folgenden  von
Cd.  Bernstein  herausgegebenen  Brief,  den  Lassalle  in  den  fünfziger ­
  Jahren  an  eine  Verwandte  gerichtet  hat,  die  sich  von  ihrem
Mann  scheiden  lassen  wollte,  weil  sie  ihn  einmal  bei  ihrem  Dienstmädchen ­
  überrascht  hat.  Cr  ist  nur  als  Fragment,  ohne  Datum,
erhalten.

über  Eheirrungen
Diese  ganze  Zeit  über  wollte  ich  Dir  schreiben/um  Dir
meine  Gratulation  zu  bringen,  daß  Du  einem  so  schweren
Wochenbette  so  glücklich  entronnen  bist.  Leider  habe
ich  es,  durch  zu  viele  Geschäfte  in  Atem  gehalten,  so
lange  verschoben,  bis  ich  mich  zugleich  über  den  sehr
unangenehmen  Vorfall  auslasten  muß,  den  man  mir
gemeldet.
        <pb n="52" />
        K8

Ich  verkenne  nicht,  daß  Dich  jener  Anblick  mit  Recht
im  höchsten  Grade  beleidigen  und  entrüsten  mußte.  Es
ist  unverantwortlich  von  ***,  zum  Schauplatz  solcher
Dinge  das  eigene  Haus  zu  wählen  und  gar  noch  eine
Zeit,  in  der  Du  kaum  dem  Tode  entronnen.
Gleichwohl  scheinst  Du  mir  mehr  Gewicht  auf  die
Sache  zu  legen,  als  sie  bei  ruhig-vernünftiger  Betrachtung ­
  verdient!  —  Soweit  ich  herumgekommen,  habe  ich,
das  glaube  mir,  keinen  Ehemann  gesehen,  der  seiner
Frau  wirklich  die  eheliche  Treue  bewahrte,  sehr  viele  Ehen
aber,  die  trotzdem  sehr  glückliche  zu  nennen  waren!  Es
kann  auch  wirklich  einer  vernünftigen  Frau,  ist  ihre  Behandlung ­
  undStellung  nur  sonst,  wie  sie  wünschen  und
fordern  kann,  fast  ganz  einerlei  sein,  ob  ihr  Mann  Nebensprüngemacht, ­
  wenn  er  nur  so  viel  Rücksicht  und  Zartgefühl
hat,  dies  seiner  Frau  sorgfältig  zu  verstecken...

Ich  begreife,  wie  eine  Frau  sich  unglücklich  fühlen
kann,  wenn  ihr  Mann  ein  vollständiges  Verhältnis
mit  einer  andern  hat,  diese  liebt.  Natürlich,  sie  ist
durch  diese  neue  geliebte  Mätresse  usw.  in  jeder  Hinsicht ­
  verdrängt  und  kann  fürchten,  daß  dies  auch  auf
ihre  Behandlung,  Stellung  mächtig  influenzieren
wird.  Aber  eine  bloße  —  avec  permission  —  Schweinerei ­
  ...  würde  mich  so  wenig  wirklich  kränken,  beleidigen, ­
  unglücklich  machen,  wie  etwa  (folgt  ein  etwas
derber  Vergleich).
Wie  ich  auch...  schrieb  —  welchen  Brief  ich  Dich
gleichfalls  zu  lesen  bitte  —  kommt  alles  ausschließlich
        <pb n="53" />
        69

auf  die  Behandlung  an,  die  Du  bei  ihm  findest.
Bist  Du  mit  dieser  zufrieden?  Lebt  Ihr  im  ganzen  in  /
Eintracht?...  Dann  wäre  es  Torheit,  große  Torheit,
sich  wegen  eines  solchen  Fleisches-Faktums  scheiden
lassen  zu  wollen.

Wäre  Deine  Behandlung  und  Stellung  eine  solche,
daß  Du  schon  vor  diesem  Ereignis  eine  Scheidung  lebhaft ­
  gewünscht  hättest  und  mit  gutem  Fug  gewünscht
hättest  —  ei,  dann  würde  ich  sagen,  ergreife  diese  günstige ­
  Gelegenheit.  Aber  da  man  mir  schreibt,  Ihr
wäret  vielmehr...  in  ziemlich  gutem  Einvernehmen
miteinander  gewesen,  so  würde  ich  nicht  entfernt  daran
denken,  auch  nur  vierzehn  Tage  lang  meine  Zuftiedenheit
  durch  eine  derartige  Entdeckung  trüben  zu
lassen,  die  doch  bei  richtiger  Auffassung  zu  den  Umrissen ­
  einer  Bagatelle  herabsinkt.
Und  vollends  deswegen  eine  Ehe  trennen!  Das
Gesetz  und  die  offizielle  Moral  würden  Dir  zwar  recht
geben  —  aber  der  Menschenverstand,  der  mehr  wiegt
als  beide,  entschieden  unrecht.  —  Am  Ende  muß  ich
das  besser  wissen  als  Du,  gerade  weil  ich  ein  Mann
bin  und  die  Männer  kenne.  Du  magst  besser  wissen,
wie  eine  solche  Entdeckung  eine  Frau  schmerzt,  eben
weil  Du  eine  Frau  bist.  Aber  willst  Du  nur  mit  einiger
Vernunft  zu  Werke  gehen,  so  muß  vielmehr  der  Grad
des  Schmerzes,  den  Du  über  dieses  Ereignis  empfindest,
sich  richten  nach  dem  Grad  von  Wichtigkeit  und  Bedeutsamkeit, ­
  der  einer  solchen  Handlung  in  dem
        <pb n="54" />
        60

Seelenleben  eines  Mannes  innewohnt!  Und  da
kann  ich  Dir  sagen,  die  Männer  sind  fast  alle  so,  daß
dergleichen  Dinge  in  ihnen  nicht  mehr  Jmportance  und
Wert  haben,  als  es  für  eine  Frau  hat,  wenn  (folgt
wieder  ein  drastischer  Vergleich).
Das  Fatalste  war,  daß  Du  dazu  kamst.  Ich  an  Deiner
Stelle  würde  mich  daher  damit  begnügen,  mir  von
***  sein  Ehrenwort,  vielleicht  selbst  sein  schriftliches,
geben  zu  lassen,  daß  er  nie  wieder  in  Deinem  Hause
sich  ähnlich  vergehen  wird.  Darüber,  daß  er  es  nicht
außer  dem  Hause  tun  wird,  würde  ich  ihm  nicht  einmal
ein  Versprechen  abfordern.
Im  Gegenteil.  Ich  würde  ihm  erklären,  daß  ich  ihm
dies  vollkommen  freistelle.  Die  einzige  noble  Weise,  in
der  eine  edle  Frau  derartige  Vergehen  des  Mannes  straft,
ist,  daß  sie  ihm  Gleichgültigkeit  in  dieser  Hinsicht  zeigt,
freilich  darfauch  diese  Freiheit  außer  dem  Hause  sich  eben
nur  auf  die  Befriedigung  solcher  „dunklen  Momente"
erstrecken  und  nicht  in  komplette  Mätressenwirtschaft  ausarten, ­
  der  der  Mann  seine  Zeit,  Einkünfte  usw.  opfert.

Gern  wäre  ich  selbst  nach  *  gekommen,  glaubend,
daß  meine  persönliche  Gegenwart  auf  ihn  wie  Dich  am
besten  dabei  wirken  könnte,  aber  meine  fatalen  Verhältnisse ­
  lassen  es  nun  einmal  nicht  zu.
Dein  Ferdinand  Lassalle
        <pb n="55" />
        61

Vom  Januar  1863  an  ist  Lassalle  in  eine  Kette  von  polittschen
Prozessen  verstrickt.  Sein  Leben  ist  von  Gefahren  umstellt.  Rechtschaffene ­
  Freunde,  wie  der  au«  festem  Holz  geschnitzte  Lothar
Bücher,  linnen  LassalleS  Tempo  nicht  mehr  mitmachen.  Man
lese  den  wohlerwogenen,  vornehmen  Abschiedsbrief,  den  Lothar
Bücher  an  seinen  Freund  gerichtet  hat.

Sie  ruinieren  Ihre  Freunde
Berlin,  26.  April  1863
Lieber  Lassalle!
Was  ich  Ihnen  neulich  des  Abends  sagte  in  bezug
auf...,  Sie  möchten  es  nicht  wie  Urquhart  machen,
Ihre  Freunde  ruinieren  und  dadurch  zu  Feinden  machen,
war  prophetisch.  Am  andern  Morgen  zeigte  sich  eine
sehr  ernste  Verwickelung,  hervorgegangen  aus  der  Zusage,
die  ich  dem  Leipziger  Arbeiterverein  auf  Ihr  Verlangen
gemacht,  und  aus  der  Form,  in  welche  ich  diese  Zusage
gekleidet  hatte,  und  der  Wendung  gegen  die  Berliner
Presse,  die  ich  gewählt  hatte,  weil  es  mir  anständig
erschien,  jemanden,  mit  dem  man  in  den  vier  Pfählen
und  an  seinem  Herde  in  den  freundschaftlichsten  Beziehungen ­
  lebt,  draußen  nicht  zu  verleugnen,  sei  es  auch
nur  durch  Stillschweigen  in  einer  Streitfrage,  in  der  man
auf  seiner  Seite  steht,  oder,  um  es  kürzer  und  platter
auszudrücken,  weil  ich  es  für  anständig  hielt,  von  den
vielen  Prügeln,  die  auf  Sie  fielen,  auch  etwas  abzubekommen. ­
  Die  Verwickelung  ist  noch  nicht  gelöst,  kann
den  einen  oder  anderen  Ausgang  nehmen.  Ich  benutze
die  Zwischenzeit,  um  Ihnen  in  vollständiger  Gemütsruhe ­
  einen  Entschluß  mitzuteilen,  der,  unzählige  Male
        <pb n="56" />
        62

in  mir  aufgestiegen  und  immer  niedergedrückt,  während
der  verflossenen  Nacht  mit  einer  Klarheit  und  Festigkeit ­
  in  meine  Seele  getreten  ist,  wie  seit  vielen  Jahren
keiner.  Ich  muß  den  Umgang  mit  Ihnen  aufgeben.
Wenn  ich  ihn  fortsetzte,  so  würde  ich  über  kurz  und  lang
durch  Sie  entweder  in  schwere  Verwickelungen  hineingezogen ­
  oder  in  Lagen  versetzt  werden,  die  mich  zwängen,
mich  selbst  in  Verwickelungen  zu  stürzen.  Statt  einer
Motivierung  dieses  Entschlusses,  die  Sie  ja  auch  aus
unsern  mannigfachen  Disputationen  seit  Ihrer  Rückkehr ­
  aus  Italien  selbst  entnehmen  können,  lassen  Sie
mich  einfach  sagen:  es  ist  mein  Instinkt!  Noch  weniger
brauche  ich  Ihnen  zu  schreiben,  wieviel  mich  der  Entschluß ­
  kostet,  ich  wiederhole  nur,  was  ich  oft  hinter  Ihrem
Rücken  gesagt  habe,  daß  ich  dem  Umgänge  mit  Ihnen
mehr  Belehrung  und  Anregung  verdanke  als  irgendeinem ­
  andern  Verhältnisse.  Ich  kann  jetzt  in  voller
Freundschaft  von  Ihnen  scheiden,  wie  wenn  ich  nur  eine
Reise  anträte;  ob  ich  es  in  einigen  Tagen  noch  könnte,
weiß  ich  nicht.  Ich  überlasse  Ihnen  ganz,  wann  und  wo
Sie  über  den  Gegenstand  dieses  Briefes  sprechen  wollen,
ich  selbst  werde  längere  Zeit  keine  Nötigung  dazu  haben,
und  wenn  ich  endlich  muß,  einfach  sagen:  Ich  habe  mich
im  Bewußtsein  meiner  Schwäche  zurückgezogen.
Endlich  noch  eins:  ich  habe  wohl  erwogen,  daß  Sie
davon  gesprochen,  sich  vielleicht  von  der  Politik  zurückziehen ­
  zu  wollen.  Ich  kenne  Ihr  Temperament  genügend,
um  zu  wissen,  daß  die  Gefahr  damit  nicht  beseitigt
wäre.  Und  nun  schüttle  ich  Ihnen  herzlich  die  Hand.
gez.  L.  Bücher
Ihre  Bücher  in  den  nächsten  Tagen.
        <pb n="57" />
        63

In  seinen  „Erinnerungen"  (Cotta,  1917)  zeichnet  Paul  Lindau
den  Lassalle  dieser  letzten  Jahre.

Lassalles  Lebensgewohnheiten
Gleich  unsere  erste  Begegnung  war  sehr  gemütlich.
Er  hatte  von  der  Berwechslungsszene  schon  gehört,  und
sie  hatte  ihm  großen  Spaß  gemacht.  Mit  einer  Wärme,
die  mich  überraschte,  dankte  er  mir  dafür,  daß  ich  ihm
bei  seiner  ersten  Rheinreise  nicht  mit  gehässigen  und
hämischen  Bemerkungen,  die  er  bei  einer  liberalen  Zeitung ­
  als  selbstverständlich  vorausgesetzt  hatte,  sondern
sogar  mit  unverhohlener  Sympathie  begegnet  war.  Wir
legten  den  Heimweg  zu  Fuß  zurück.  Wir  sprachen  über
alles  mögliche,  und  unsere  Unterhaltung  hatte  noch  lange
kein  Ende  gefunden,  als  wir  vor  seinem  Hotel  am  Karlsplatz ­
  angekommen  waren.  Wir  umschritten  das  Quadrat
des  Platzes  in  lebhaftem  Zwiegespräch  wohl  vier-,  fünfmal; ­
  das  heißt:  die  Lebhaftigkeit  war  ganz  auf  seiner
Seite  und  das  Gespräch  auch.  Es  war  eigentlich  ein
Monolog:  Lassalle  sprach  fast  allein.  Ich  brauchte  bloß
ab  und  zu  ein  Stichwort  hinzuwerfen,  um  ihn  sogleich
zu  einem  längeren,  immer  sehr  interessanten  und  wohlgefügten ­
  Vortrage  zu  veranlassen.  Seine  Gebärden
hatten  etwas  von  südlicher  Lebhaftigkeit.  Er  blieb  oft
stehen  und  wechselte  in  seiner  Rede  öfter  die  Tonlage.
Er  fing  die  Sätze  in  hoher  Lage  an  und  senkte  die  Stimme
gegen  den  Schluß  zu  wohltönendem  Bariton.  Man
hörte  ihm  an,  daß  er  sich  für  den  öffentlichen  Vortrag
trainiert  hatte.  Er  sprach  sehr  scharf  und  bemühte  sich
sichtlich,  wenn  auch  nicht  immer  mit  vollem  Erfolg,
        <pb n="58" />
        64

seinen  schlesischen  Dialekt  ju?  verleugnen.  Wir  drückten
uns  zum  Abschied  herzlich  die  Hand  und  trafen  für  den
folgenden  Tag  eine  Verabredung  zu  gemeinsamem  Essen.
Als  ich  ihn  am  anderen  Mittag  abholte,  fand  ich  ihn
in  jener  eigentümlichen,  wie  mir  scheinen  will,  recht
unbequemen  Lage,  wie  sie  die  Amerikaner  besonders
lieben.  Er  hatte  sich  auf  das  Sofa  ausgestreckt,  der  Kopf
ruhte  auf  dem  tiefen  Sitze,  während  er  die  übergeschlagenen ­
  Beine  gegen  den  Tisch  stemmte,  so  daß  die  Füße
höher  lagen  als  der  Kopf.  In  der  Hand  hielt  er  einen
Blaustift  und  vor  sich  auf  dem  rechten  Schenkel  einige
beschriebene  Oktavblätter.  Es  war  das  Konzept  seiner
Rede,  die  er  am  anderen  Tage  halten  wollte,  und  die
er  nun  noch  einmal  memorierte  und  verbesserte.  Er
sprang  auf,  um  mich  zu  begrüßen.  Ich  wunderte  mich
über  die  bei  einem  Gelehrten  auffällige  Eleganz  seines
Morgenanzugs.  Derartiges  hatte  ich  bisher  nur  auf
der  Bühne  von  Vornehmheit  heuchelnden  Schauspielern
gesehen.  Daß  er  auf  sein  Äußeres  großen  Wert  legte,
war  mir  schon  am  Tage  vorher  aufgefallen.  Er  kleidete
sich  wie  jemand,  der  bei  jeder  neuen  Bestellung  mit
seinem  Schneider  eine  längere  Unterredung  hat;  aber
er  war  tadellos  gekleidet,  mit  ruhiger  Einfachheit,  etwa
wie  ein  Attache.  Wir  waren  sogleich  wieder  in  eifriger
Unterhaltung.  Als  er  auf  den  ihm  bevorstehenden  Prozeß ­
  zu  sprechen  kam,  geriet  er  in  starke  Erregung.  Am
meisten  ärgerte  er  sich  über  die  Motivierung  des  hohen
Strafmaßes.  Daß  der  Staatsprokurator  ihn  nicht  für
aufrichtig  hielt,  das  konnte  er  ihm  nicht  vergeben!  „Ich
werde  selbst  meine  Verteidigung  führen,"  sagte  er  mir,
„und  der  Herr  Staatsprokurator  soll  seine  Freude  an
        <pb n="59" />
        mir  erleben!  Wenn  der  Herr  glaubt,  daß  er  mich  mit
einigen  abgedroschenen  Aeitungsphrasen  abtun  kann,
dann  irrt  er  sich.  Ich  will  ihn  schon  lehren,  mich  ernst
zu  nehmen!"
Er  machte  übrigens  mir  gegenüber  kein  Geheimnis
daraus,  daß  seine  neue  agitatorische  Tätigkeit  für  ihn
mit  gewissen  recht  starken  Unannehmlichkeiten  verbunden
war.  „Glauben  Sie  mir,"  sagte  er,  „es  gehört  für  einen
Mann  meiner  Lebenögewohnheiten  und  meiner  gesellschaftlichen ­
  Neigungen  eine  starke  Selbstverleugnung
dazu,  um  diese  Agitation  so  durchzuführen,  wie  ich  sie
durchführen  muß.  Wenn  dazu  weiter  nichts  erforderlich
wäre,  als  meine  Zeit,  meine  Kraft,  wenn  ich  die  Bewegung ­
  von  meinem  Zimmer  aus  leiten  könnte,  ich
würde  Tag  und  Nacht  arbeiten,  ohne  eine  Miene  zu
verziehen;  aber  das  Sprechen  vor  den  Tausenden,  in
einer  Luft,  bei  der  man  nicht  atmen  kann,  und  diese
Anjubelungen,  auf  die  man  antworten  muß,  es  ist  mir
manchmal  schrecklich!  Einen  ganz  besonderen  Horror  habe
ich  vor  den  Arbeiterdeputationen,  wo  ich  immer  dasselbe ­
  zu  hören  bekomme  und  soundsoviel  harte,  heiße,
feuchte  Hände  drücken  muß.  Mir  sind  alle  körperlichen
Berührungen  fatal.  Aber  da  hilft  nun  mal  alles  nichts.
Es  gehört,  vorläufig  wenigstens,  dazu!  Und  es  muß
durchgemacht  werden.  Ich  denke  aber,  in  nicht  allzu
ferner  Zeit  werde  ich  mich  ganz  auf  die  geistige  Leitung
beschränken  können  und  mit  meiner  persönlichen  Agitation ­
  zurücktreten  dürfen.  Ich  sehe  jetzt  schon  einige
sehr  tüchtige  Leute,  und  cs  werden  noch  viel  tüchtigere
sich  heranbilden,  die  als  Redner  und  Agitatoren  ihre
volle  Schuldigkeit  tun  werden.  Vorläufig  aber  fühle

3  Großmann  Laffallk

65
        <pb n="60" />
        66

ich,  daß  ich  für  die  Sache  noch  unentbehrlich  bin,  und
ich  werde  meine  Pflicht  tun."  Er  schien  zur  Zukunft  der
von  ihm  vertretenen  Sache  das  vollste  Vertrauen  zu
haben.
Lassalle  war,  während  er  mit  mir  sprach,  in  dem
geräumigen  Hotelzimnier  beständig  auf  und  nieder  gegangen. ­
  Er  hatte  den  Kopf  etwas  gesenkt  und  bewegte
ihn  pendelnd  während  des  Sprechens  hin  und  her.
Jedem  Satze,  dem  er  Wichtigkeit  beilegte,  und  jedem
Worte,  das  er  betonte,  verlieh  er  durch  eine  energische
Handbewegung  besonderen  Nachdruck.
Wie  am  Abend  vorher,  so  hatte  ich  auch  jetzt  fast  gar
nicht  gesprochen.  Ich  schlug  eben  nur  die  Themata  an,
die  ich  von  ihm  behandelt  zu  hören  wünschte.  Inzwischen
war  es  zwei  Uhr  geworden.  Lassalle  sprach  immer
weiter  und  so  fesselnd,  daß  ich  ihn  nicht  unterbrechen
mochte.  Er  sprach  noch  eine  Stunde.  Ich  hatte  mich
ein  paarmal  erhoben,  um  ihn  daran  zu  erinnern,
daß  wir  eigentlich  zusammen  speisen  wollten,  aber
er  bemerkte  es  nicht.  Er  sprach  weiter,  bis  ich  endlich
um  halb  vier  Uhr  etwa  mit  dem  Geständnis  herausrückte:
„Wollen  wir  nicht  essen  gehen?  Ich  habe  furchtbaren
Hunger."  Lassalle  machte  mir  Vorwürfe,  daß  ich  ihn
nicht  früher  daran  erinnert  hatte,  zog  sich  schnell  den
Straßenanzug  an,  und  wir  klopften  eine  Treppe  tiefer
bei  der  Gräfin  Hatzfeldt.
Die  Gräfin  stand  an  der  Schwelle  der  Sechzig.  Als
mir  Lassalle  die  Ehre  erwies,  mich  ihr  vorzustellen,
nahm  sie  ihre  Zigarre  aus  dem  Munde  und  reichte
mir  ihre  wohlgepflegte  und  schön  geformte  Hand.  Mir
war  bekannt,  daß  sie  mit  ihrem  ährenblonden  Haar
        <pb n="61" />
        eine  gefeierte  Schönheit  gewesen  war.  Das  sah  man  ihr
freilich  nicht  mehr  an.  Sie  wirkte  auf  mich  auch  älter,
als  sie  war;  aber  sie  hatte  in  ihrem  ganzen  Wesen  etwas
ungemein  Liebenswürdiges,  Artiges;  und  die  Art  und
Weise,  in  der  die  Gräfin  und  Lassalle  miteinander  verkehrten, ­
  mußte  jeden  Unbefangenen  aus  das  angenehmste ­
  berühren:  von  seiner  Seite  wahrer  Re'pekt,
dankbare  Verehrung,  von  ihrer  Seite  wärmstes  freundschaftliches ­
  Interesse  an  allem,  was  ihren  jungen  Freund
berührte,  und  feinstes  Verständnis  eines  jeden  Wortes,
das  er  sprach.  Unser  gemeinsames  kleines  Diner  verlief
in  angeregtester  und  heiterster  Stimmung.

Mit  welchem  Schwung  Lassalle  auch  in  dieser  letzten  Zeit  am
Werke  war,  nicht  ermattet  und  nicht  im  geringsten  mutlos,  das
beweist  der  folgende,  am  13.  März  1864  geschriebene  Jubelbrief
an  seine  Schwester.  Gleich  nach  der  Prozeßgeschichte  setzt  ein
zarteres  Thema  ein.

Geliebtes  Kind!
Gestern  war  große  Bataille:  Mein  Hochverratöprozeß
fand  vor  deni  Staatögerichtshof  statt.  Es  ging  hart  her.
Der  Oberstaatsanwalt  plädierte  in  Person  und  beantragte ­
  bloß  die  Kleinigkeit  von  drei  Jahren  Juchthaus, ­
  fünf  Jahre  Stellung  unter  Polizeiaufsicht  und
hundert  Taler  Geldstrafe.  Die  Sitzung  dauerte  von
zehn  Uhr  bis  sechs  Uhr.  Ich  plädierte  vier  Stunden,
stellenweise  mit  der  Wut  eines  hyrkanischen  Königstigers! ­
  Drei-  bis  viermal  wurde  ich  durch  ein  wahres
        <pb n="62" />
        68

Wutgeheul  der  von  ihren  Sesseln  auffahrenden  Richter
unterbrochen.  Aber  ich  bändigte  meine  Löwen  so  gut
wie  Batty.  Ich  provozierte  sie,  mir  das  Wort  abzuschneiden, ­
  wenn  sie  wollten.  Solange  ich  aber  das  Wort
hatte,  würde  ich  sprechen  frei  wie  der  Vogel  in  der  Luft.
Mir  das  Wort  abzuschneiden  wagten  sie  nicht,  weil
es  offenbarer  Kassationsgrund  gewesen  wäre.  So  fielen
sie  denn  aus  ihrem  Aufruhr  immer  wieder  in  Nachgiebigkeit ­
  zurück,  und  ich  ging,  den  Kantschu  kräftig
schwingend,  immer  wacker  voran.
Als  sich  die  Richter  zur  Beratung  zurückzogen,  gewährte ­
  das  ganze  Auditorium  einen  äußerst  trübseligen
Anblick.  Meine  Freunde  hatten  sich  zahlreich  eingefunden. ­
  Keiner,  der  mich  nicht  für  einen  verlorenen
Mann  gehalten  hätte.  Einen  solchen  Eindruck  hatte  die
Erbitterung  der  Richter  gemacht.  Dorn,  der  als  Auschauer
  da  war  und,  wie  alle,  fast  verhungernd  treu
aushielt,  sagte  mir:  Der  Staatsgerichtshof  hat  noch  nie
jemand  freigesprochen.  Er  riet  mir,  schnell  fortzufahren
und  mich  in  Sicherheit  zu  bringen.  Denselben  Rat
gab  mir  Holthoff,  der  gleichfalls  nicht  den  geringsten
Glauben  an  eine  Freisprechung  mehr  hatte.  Denselben
Rat,  auf  mich  einstürmend,  alle  meine  Freunde.  Ich
aber  hielt  eö  meiner  nicht  würdig,  den  Rücken  zu
zeigen.  Ich  hielt  aus  wie  der  Fels  im  Sturm,  obgleich
im  Falle  der  Verurteilung  meine  sofortige  Verhaftung ­
  gewiß  war  und  ich  selbst  an  meine  Freisprechung
nicht  mehr  glaubte,  so  groß  war  die  Erbitterung  gewesen. ­

Was  die  Gräfin,  die  gleichfalls  zugegen  war,  dabei
gelitten  hat,  kannst  Du  Dir  denken.
        <pb n="63" />
        So  wartete  ich  denn  dis  Rückkehr  der  Richter  ab.
Es  war  das  viertemal  in  meinem  Leben,  daß
ich  mich  völliger  Vernichtung  gegenüber  befunden
habe.
Endlich  kamen  sie  und  verkündeten  meine  —  Freisprechung. ­

Du  hättest  die  Freude  meiner  Freunde  sehen  sollen,
zumal  der  Gräfin  und  Buchers,  der  beinah  Kobold
schoß!  Und  das  Gesicht  des  Oberstaatsanwalts,  der  aussah ­
  wie  eine  Katze,  die  Essig  getrunken!  Der  Präsident
kam  jetzt  sehr  liebenswürdig  auf  mich  zu,  versicherte  mir
seine  Bewunderung  für  meine  Stimme,  seine  Teilnahme
dafür,  daß  ich  dieselbe  so  sehr  angestrengt,  da  er  doch
aus  den  Akten  wisse,  daß  ich  ein  Halsleiden  habe,  und
behauptete  jetzt,  nur  im  Interesse  derselben  so  oft  auf
Mäßigung  gedrungen  zu  haben!
Ich  glaube,  es  ist  wirklich  die  erste  Freisprechring,  die
vor  denr  Staatsgerichtshof  erfolgt  ist.
Du  bist  die  erste,  der  ich  Nachricht  davon  gebe,  wohl
auch  die  einzige,  mit  Ausnahme  zweier  Zeilen,  die  ich
noch  gestern  der  geliebten  Mutter  schrieb.
Du  siehst  also,  daß  ich  bei  dieser  Gelegenheit  mein
sonstiges  Nicht-Schreiben  gutzumachen  weiß.
Freilich  habe  ich  diesmal  auch  noch  einen  ganz  besonderen ­
  Anlaß  dazu:
Eine  junge  Dame  nämlich,  die  auf  einige  Wochen  zu
ihrer  in  Wien  verheirateten  Schwester  Frau  von  C...
nach  Wien  gereist  ist,  wünscht  Deine  Bekanntschaft  zu
machen,  und  sie  ist  es,  durch  welche  Du  diesen  Brief
empfängst.
        <pb n="64" />
        0

Wie  schön  sie  ist,  wirst  Du  auf  den  ersten  Blick  sehen,
und  wie  liebenswürdig,  nach  kurzer  Bekanntschaft.  Es
wird  Dich  also  auch  nicht  wundernehmen  können,
wenn  ich  mich  ausnehnrend  füv  sie  interessiere.  Komme
ihr  also  auf  das  freundlichste  entgegen.  Sie  hat  überdies ­
  noch  ein  ganz  besonderes  Recht  auf  Deine  Liebenswürdigkeit, ­
  indem  sie  die  erste  ist,  von  der  Du  die  Nachricht ­
  meiner  Freisprechung  empfängst.
Ihre  Talente  wirst  Du  sehr  bald  beurteilen  können.
Sie  spielt  vortrefflich  Klavier,  was  kein  Wunder,  da
sie  eine  Schülerin  von  Bülow  ist,  der  ebenso  große
Stücke  auf  sie  hält  wie  ich.  Wir  haben  uns  in  ihrem
Hause  alle  Mittwoch  abend  gesehen,  schöne  Abende,
die  jetzt  durch  ihre  Abreise  zerstört  sind.  Übrigens  ist
auch  Bülow  verreist;  er  ist  am  10.  nach  Petersburg
gegangen  und  kommt  erst  am  20.  April  zurück.
Die  Gräfin  läßt  Dir  die  schönsten  Dinge  auf  Deinen
neulichen  Brief  erwidern.  Sie  ist  heut  noch  zu  erschöpft
von  der  großen  Bataille,  um  selbst  schreiben  zu  können,
wird  es  aber  nächstens  tun.
Meine  schöne  Schützlingin  wird  Dir  diesen  Brief
mit  einigen  begleitenden  Worten  schicken.  Sie  erwartet,
daß  Du  sie  dann  einladest.  Dich  zu  besuchen.
Nochmals,  komme  ihr  auf  das  herzlichste  entgegen
und  antworte  bald
Deinem
Ferdinand
Berlin,  13.  3.  64
Dieser  Brief  ist  so  lang,  daß  er  fünf  von  Deinen  aufwiegt, ­
  und  Du  bist  mir  daher  vier  Briefe  schuldig.
        <pb n="65" />
        71

über  Lassalles  Auftreten  vor  Gericht  sind  wir  durch  eine  anschauliche ­
  Schilderung  von  Paul  Lindau  unterrichtet.  In  seinen  „Erinnerungen" ­
  (Cotta,  1917)  schreibt  er:

Lassalle  vor  den  Richtern
Am  26.  Juni  traf  er  wieder  in  Düsseldorf  ein.  Er
hatte  mich  von  seiner  Ankunft  in  Kenntnis  gesetzt  und
eingeladen,  mit  ihm  eine  Abendstunde  zu  verplaudern.
Unser  Tisch  war  der  einzig  besetzte  im  Speisezimmer
des  Hotels  Domhardt.  Die  Gräfin  Hatzfeldt,  die  ihn
auch  diesmal  begleitet  hatte,  rauchte.  Lnssalle,  der  mit
dem  Konzept  seiner  Rede,  die  er  am  anderen  Tage  vor
den  Richtern  der  zweiten  Instanz  halten  sollte,  zufrieden
zu  sein  schien,  war  in  bester  Stimmung  und  sprach  fast'
allein.  Der  Düsseldorfer  Bevollmächtigte  lauschte  den
Worten  des  Meisters  andächtig  mit  halb  geöffneten
Lippen.  Wenn  ich  nicht  irre,  war  außer  uns  vieren  nur
noch  Reinhold  Schlingmann  an  unserem  Tisch,  der  zu
jener  Zeit  Buchhändler  in  Berlin  war  und  die  letzten
Schriften  Lassalles  verlegt  hatte.  Wir  trennten  uns  zu
verhältnismäßig  früher  Stunde,  denn  morgen  war  für
Lassalle  und  uns  alle  ein  anstrengender  Tag.
Es  war  ein  sehr  heißer  Junitag,  dieser  27.  Durch  die
Zuvorkommenheit  des  Vorsitzenden  war  mir  in  dem
kleinen  abgesteckten  Raume,  in  dem  außer  dem  hohen
Gerichtshöfe  nur  der  Angeklagte  und  sein  Verteidiger
verweilen  durften,  ein  bevorzugter  Platz  angewiesen.
Die  gleiche  Vergünstigung  war  der  Gräfin  Hatzfeldt
eingeräumt,  die  während  der  langen  Verhandlungen
neben  niir  saß  und  mir  in  liebenswürdiger  Weise  den
        <pb n="66" />
        72

unbeschränkten  Gebrauch  ihres  Flakons  mit  Eau  de
Cologne  verstattete.  Es  war  ein  Labsal  in  dem  niedrigen,
engen  Saal,  in  dem  vielleicht  für  höchstens  sechzig  Zuhörer ­
  Raum  war  und  in  dem  geroiß  hundertfünfzig
sich  zusammengepfercht  hatten.  Außerdem  waren  die
Korridore  schwarz  von  Menschen,  und  die  Arbeiter
standen  bis  auf  die  Straße,  um  Lassalle,  der  sich  jede
stürmische  Begrüßung  streng  verbeten  hatte,  bei  seinenr
Betreten  des  Gerichtsgebäudes  zum  mindesten  zu  sehen.
Es  war  gerade  neun,  der  Staatsanwalt  unterhielt  sich
mit  Lassalles  Verteidiger,  dem  Rechtsanwalt  Bloem,
da  entstand  eine  starke  Bewegung  int  Zuschauerraum;
Lassalle  trat  ein,  gefolgt  von  seinem  getreuen  Famulus,
dem  Düsseldorfer  Bevollmächtigten.  Lassalle  trug  unter
dem  linken  Arm  eine  Unmenge  Bücher,  die  er  kaum
umspannen  konnte,  vielleicht  fünfzehn  bis  achtzehn
Bände,  und  der  Bevollmächtigte  hinter  ihm  keuchte
unter  einer  noch  schwereren  Last.  Bloem  lächelte,  aber
der  Staatsanwalt  machte  ein  ganz  entsetztes  Gesicht
und  rief  unwillkürlich,  aber  doch  so  laut,  daß  wir  es
deutlich  vernehmen  konnten:  „Um  Gottes  willen!"
Lassalle,  der  mit  einer  vornehmen  Kopfbewcgung  den
Staatsanwalt  begrüßt  hatte,  stellte  seine  Bibliothek  aus
einem  Tische,  den  der  Gerichtsdiener  herbeigeschleppt
hatte,  auf  und  ordnete  dann  die  Bücher  systematisch.
Darauf  begrüßte  er  die  Gräfin  Hatzfeldt  mit  respektvoller ­
  Herzlichkeit  und  drückte  Bloeni  und  mir  die  Hand.
Er  hatte  auö  Achtung  vor  dem  hohen  Gerichtshof  großen
Gesellschaftsanzug  angelegt,  Frack  und  weiße  Binde.
Sobald  die  Herren  Richter  eintraten,  begab  sich  Lassalle
auf  die  Anklagebank  und  verneigte  sich  sehr  tief  vor  den
        <pb n="67" />
        73

eintretenden  Herren,  die  den  Gruß  ebenso  artig  erwiderten. ­
  Der  Vorsitzende  erklärte  die  Sitzung  für  eröffnet, ­
  und  unmittelbar  darauf  trat  Lassalle  vor  und
bat  um  die  Vergünstigung,  sich  hinter  den  Tisch  setzen
zu  dürfen,  auf  dem  er  „einiges  wissenschaftliche  Material", ­
  dessen  er  zu  seiner  Verteidigung  wohl  bedürfen
würde,  beisammen  habe.  Der  Wunsch  wurde  ohne
weiteres  erfüllt.
Die  Sache  war  zunächst  sehr  langweilig.  Es  wurden
die  umfangreichen  Akten  der  Vorverhandlung,  das  Urteil
mit  seinen  ellenlangen  Motiven  verlesen  und,  da  die
ganze  Broschüre  unter  Anklage  gestellt  war,  schließlich
die  ganze  Lassallesche  Rede,  in  dem  bewußten  monotonen ­
  Singsang  der  Protokolleser.  Das  dauerte  etwa
zwei  Stunden.  Es  war  bereits  halb  zwölf,  als  Lassalle
das  Wort  ergriff.  Um  eins  wurde  eine  Mittagspause
gemacht.  Am  Nachmittag  sprach  Lassalle  von  vier  bis
halb  sieben,  im  ganzen  also  vier  Stunden.  Über  sein
Verhalten  vor  dem  Gerichtshof  kann  ich  mich  auf  meine
früheren  Aufzeichnungen  beziehen.
Lassalles  Vortrag  machte  durchaus  den  Eindruck  der
freien  Rede,  die  allerdings  vorher  reiflich  durchdacht
und  durch  eine  gedrungene  schriftliche  Disposition  konsolidiert ­
  war.  Er  hielt  in  der  rechten  Hand  ein  Oktavblättchen, ­
  auf  das  er  von  Zeit  zu  Zeit  einen  flüchtigen
Blick  warf,  um  dann  eine  längere  Zeit  anscheinend  zu
ertemporieren.  Er  sprach  mit  musterhafter  Deutlichkeit
und  mit  großem  rhetorischen:  Schwünge.  Dieselbe  Eigenheit, ­
  die  ich  schon  in  der  Privatunterhaltung  an  ihm  beobachtet ­
  hatte:  das  Herumspringen  seines  modulationsfähigen ­
  Organs  in  allen  Stimmlagen,  zeigte  sich  auch
        <pb n="68" />
        74

hier  und  in  noch  verstärktem  Maße.  Sein  Vortrag  war
im  höchsten  Grade  wirksam,  wenn  auch  nicht  ganz  frei
vom  Theatralischen.
Für  jede  Stimmung,  die  er  Hervorrufen  wollte,  wußte
er  den  richtigen  Akzent  zu  finden;  aber  alles  machte
den  Eindruck  des  sehr  Beabsichtigten,  vorher  Studierten, ­
  zum  mindesten  vorher  Probierten.  Sei  es,
daß  er  spöttisch  und  ironisch  über  die  ungenügenden
Kenntnisse  seiner  Richter  Herzog,  sei  es,  daß  er  das
Pathos  des  eigenen  Bewußtseins  anwandte  und  den
Brustton  der  Überzeugung  anschlug  oder  durch  den
wehmütigen  Ausdruck  seines  Märtyrertums  zu  wirken
suchte,  trotz  aller  Bewunderung  für  die  Schärfe  der  Gedanken, ­
  für  die  Knappheit  und  die  Gewalt  des  Ausdrucks, ­
  für  die  hohe  Beredsamkeit  wurde  man  den  Eindruck ­
  des  Schauspielerischen  nicht  recht  los.  Dieser
Eindruck  wurde  noch  verstärkt  durch  das  lebhafte  Mienenspiel ­
  und  durch  die  Gesten,  mit  welchen  Lassalle  den
Vortrag  begleitete.
Der  Ausdruck  seines  Gesichts  wechselte  beständig.  Bald
spielte  ein  spöttisches  Lächeln  um  seinen  Mund,  und  er
schloß  halb  mitleidig,  halb  verächtlich  die  Augen  zur
Hälfte,  bald  öffnete  er  sie  in  ihrer  ganzen  Weite,  und
drohende  Blicke  schossen  zu  den  erhöhten  Sitzen  der
Richter  hinauf.  Bald  ließ  er  den  Kopf  in  vernachlässigter
Haltung  hin  und  her  schwanken  —  so  zum  Beispiel,
wenn  er  die  erheblichsten  und  schwierigsten  wissenschaftlichen ­
  Feststellungen  als  etwas  Nebensächliches,  jedem
Richter  unbedingt  Geläufiges  erwähnte  —,  bald  warf
er  den  Kopf  vornehm  und  kühn  in  den  Nacken  wie  ein
römischer  Imperator.
        <pb n="69" />
        75

Am  meisten  illustrierte  er  seine  gesprochenen  Gedanken ­
  durch  die  Handbewcgungen.  Hände  und  Arme
waren  in  fast  unausgesetzter  Tätigkeit.  Ruhig  verhielt
er  sich  nur  bei  den  scharfen,  rein  juristischen  Deduktionen,
für  die  er  die  volle  Aufmerksamkeit  der  Richter  beanspruchen ­
  wollte;  dann  stützte  er  sich  leicht  mit  der  linken
Hand  auf  den  Tisch  und  verbarg  die  rechte,  die  immer
eines  der  Oktavblättchen  hielt,  hinter  dem  Tuch  der
tiefausgeschnittenen  Weste.  Galt  es  aber  eine  rhetorische
Wirkung  zu  erzielen,  so  gestikulierte  er  mit  der  Rechten
in  ganz  merkwürdiger  Weise.  Da  schnellte  er  den  Arm
nach  vorn,  als  ob  er  boren  wollte,  da  zerhackte  er  mit
dem  zusammengekniffenen  Blättchen  die  Luft,  als  ob
er  Zweivierteltakt  im  Prestissimo  schlüge,  da  hob  er
wie  drohend  die  Hand  auf  und  fuchtelte  damit  so  leidenschaftlich, ­
  daß  ihm  mehrfach  die  geschriebenen  Seiten
entfielen  und  in  langsamen  Schwingungen  zu  Boden
flatterten.  Da  dieser  Effekt  sich  zwei-  oder  dreimal
und  immer  am  Schluß  eines  Gefüges  seiner  Beweisführung ­
  wiederholte  —  so  daß  die  Pause,  die  durch  das
Sammeln  und  Aufheben  der  Blätter  notwendig  wurde,
sehr  erwünscht  war  —&amp;gt;  so  konnte  ich  mich  dem  Eindrücke,
daß  auch  diese  Wirkung  beabsichtigt  sei,  nicht  ganz  verschließen. ­

i'  Während  der  langen  Rede  wechselte  Lassalle  auch
häufig  seine  Stellung.  Mitunter  lustwandelte  er  hinter
dem  mit  Büchern  bedeckten  Tische  auf  und  ab,  bisweilen
blieb  er  auch  einige  Minuten  wie  festgewurzelt  stehen,
um  alsbald  wieder  einige  Schritte  zu  machen  und  langsam ­
  den  Richtern  sich  zu  nähern.  Diese  vorschreitende
Bewegung  hatte  er  namentlich  am  Schlüsse  seiner
        <pb n="70" />
        76

Rede;  während  der  sehr  effektvollen  Sätze,  mit  denen
er  endete,  rückte  er  allmählich  ganz  unmerklich  vor,
so  daß  er  bei  dem  letzten  Worte  hart  an  den  Stufen
stand,  die  zu  dem  Podium  des  Tribunals  hinaufführten.
Den  Schlußpassus  sprach  er  mit  so  erhobener  Stimme
und  mit  so  lebhaften  Bewegungen  in  die  Richter
hinein,  daß  sich  der  Präsident  unwillkürlich  etwas
zurückbog.
So  weit  nieine  früheren  Auszeichnungen  über  „Lassalles
letzte  Rede".  Der  Verteidiger  beschränkte  sich  auf  wenige
Worte.  Lassalle  hatte  für  sich  so  viel  getan,  daß  dem
Advokaten  zu  tun  fast  nichts  mehr  übrigblieb.  Der
Staatsanwalt  sprach  sehr  maßvoll,  aber  er  beantragte
doch,  mit  Hinweis  auf  die  Antezedenzien  des  Angeklagten ­
  (seine  Vorbestrafung  im  November  1848  wegen
„Aufreizung  zu  gewaltsamem  Widerstände  gegen  die
Regierung  bis  zum  Blutvergießen")  das  höchste  Strafmaß: ­
  zwei  Jahre  Gefängnis.  Der  Gerichtshof  vertagte
die  Verkündigung  des  Urteils  cuif  den  1.  Juli.  Am
1.  Juli  wurde  Lassalle  zu  sechs  Monaten  Gefängnis
verurteilt.
Während  der  Zwischenzeit  vom  28.  bis  zum  30.  Juni
war  ich  nüt  Lassalle  täglich  fünf,  sechs  Stunden  zusannnen.
  Ich  brachte  in  der  „Düsseldorfer  Zeitung"
beinahe  den  Wortlaut  seiner  Rede.
Zum  Glück  hatte  Lassalle  sehr  langsam  gesprochen,
und  es  war  niir  vermöge  der  Kollegienheft-Schnellschrift, ­
  die  ich  als  Zeitnngsberichterstatter  für  meinen
P  ivatgebrauch  noch  vervollkommnet  hatte,  gelungen,
dem  Vortrage  n  it  diesen  nur  n  ir  verständlichen  Aufzeichnungen ­
  so  zu  folgen,  daß  ich  in.stände  war,  mit
        <pb n="71" />
        77

Zuhilfenahme  des  unter  dem  Eindruck  des  Frischempfangenen ­
  noch  besonders  bereitwilligen  Gedächtnisses  den
ungefähren  Wortlaut  nach  dieser  Niederschrift  herzustellen. ­
  Nur  an  einigen  Stellen,  wo  ich  durch  die  interessante ­
  Persönlichkeit  des  Angeklagten  von  meiner
Arbeit  abgelenkt  war,  machte  mir  die  Redaktion  der
Rede  nach  meinen  Aufzeichnungen  Schwierigkeiten.  Um
diese  zu  heben,  wandte  ich  mich  an  Lassalle  selbst.  In
der  Zeitung  hatte  ich  zunächst  einen  kurzen  resümierenden
Bericht  gebracht  und  einen  ausführlichen  mir  vorbehalten.
Am  anderen  Tage,  am  28.,  ging  ich  zu  Lassalle  und
bat  ihn,  mir  bei  dem  Berichte  zu  helfen.  Ich  las  ihm
vor,  was  ich  geschrieben  hatte;  er  änderte  einige  wenige
Kleinigkeiten  und  füllte  durch  sein  Diktat  alle  Lücken
aus.  Die  Revision  und  die  Nachträge  erforderten  immerhin ­
  noch  mehrere  Stunden.  Ich  saß  als  Sekretär  am
Tische  und  schrieb  nach  dem  Diktate  Lassalles  noch
einige  zwanzig  Seiten,  so  daß  der  Bericht  über  die
Rede  allein  zwölf  bis  fünfzehn  Spalten  der  Zeitung
füllte.  Lassalle  diktierte  wieder  nach  seiner  Disposition,
indem  er  beständig  im  Zimmer  auf  und  ab  schritt.
Sein  Diktat  stimmte  mit  der  am  Tage  vorher  gehaltenen ­
  Rede  bis  auf  die  kleinste  Wendung  —  bis
aufs  „und",  wie  die  Schauspieler  sagen  —  genau
überein.  Es  fiel  mir  auf,  daß  er  auch  jetzt,  da  sich
das  Auditorium  auf  meine  Person  allein  beschränkte
und  er  keinerlei  rhetorische  Wirkung  zu  erzielen
brauchte,  ganz  dieselben  Akzente  wählte  wie  in  der
öffentlichen  Sitzung  und  an  den  betreffenden  Stellen
auch  dieselben  Bewegungen  machte  wie  am  Tage
vorher.
        <pb n="72" />
        78

Lassalles  Bekanntmachungen  als  Präsident  deS  Allgemeinen
deutschen  Arbeitervereins  waren  im  Stile  militärischer  Bekanntmachungen ­
  gehalten.  Er  hatte  sich  das  Recht  geben  lassen,  einen
Vertreter  zu  ernennen.  So  erließ  er  am  27.  Juni  1863  folgendes

Dekret
Arbeiter!  Bei  meiner  morgen  erfolgenden  Abreise
in  die  Bäder  der  Schweiz  ernenne  ich  bis  zu  meiner
Rückkehr  Herrn  vr.  Otto  Dämmer  in  Leipzig  zum
Vorsitzenden  des  Vereins.
Berlin,  27.  6.  63
Ferdinand  Lassalle

Lassalle  arbeitete  in  den  letzten  Jahren  mit  unerhörter  Spannkraft, ­
  man  möchte  sagen  mit  überheiztem  Kessel.  Cr  durfte,  ohne
Übertreibung,  an  seinen  Freund,  den  Oberst  Rüstow,  im  Februar
1862  schreiben:

Untertauchen  in  Arbeit
Ich  esse  und  trinke  und  habe,  was  Menschenbegehr.
Und  meine  Befriedigung  bei  dem  allem  —  die  gönne
ich  keinem  Hunde!  Es  geht  mir  schon  seit  vielen  Jahren
so,  inimer  wachsend,  das  einzige  Mittel  dagegen  ist  für
mich,  unterzutauchen  in  eine  Arbeit,  scheinbar  viel  zu
groß,  um  sie  in  dem  Dreifachen  der  Zeit,  die  ich  mir
dafür  gesteckt,  ausführen  zu  können.  Sowie  ich  mich  in
eine  neue  Oual  eingeschifft  habe,  dann  wird  von  dieser
Wut,  der  ich  dann  hingegeben,  jede  andere  latente  Stiinmung
  unterdrückt!  Ich  arbeite,  martere  mich,  ächze
mich  ab  an  denn  unmöglichen  Ziel,  drücke  mir  den
        <pb n="73" />
        rotglühenden  Stachel  immer  tiefer  in  die  Flanken,  verzehre
mich.  Hetze  mich  ab,  reibe  mich  auf,  und  in  dieser  verzehrenden ­
  Leidenschaft,  in  der  ich  dann  mich  ringe  und
winde,  die  mir  die  Seele  durchdringt  und  den  Geist
beschäftigt,  täglich,  bis  mir  die  Augen  zufallen,  in  dieser
wahnsinnigen  Nervenerzitterung  fühle  ich  mich  dann
gesättigt  und  mache,  das  Unmögliche  möglich.  Sowie
cs  aber  auf  dem  Tisch  liegt  und  mir  der  Stachel  aus
den  Eingeweiden  gezogen  ist,  falle  ich  zurück  in  die
Fauststimmung:  es  möchte  kein  Hund  so  länger  leben.
        <pb n="74" />
        Lassalle  vor  Gericht
        <pb n="75" />
        83

Eine  Verteidigungsrede  über  die  Wissenschaft  und  die  Arbeiter
vor  dem  Berliner  Kriminalgericht  gegen  die  Anklage,  die  besitzlosen
Klassen  zum  Haß  und  zur  Verachtung  gegen  die  Besitzenden
öffentlich  angereizt  zu  haben.  (16.  Januar  1863)

Meine  Herren  Präsident  und  Räte!
Ich  muß  damit  beginnen,  Ihre  Nachsicht  in  Anspruch
zu  nehmen.  Meine  Verteidigung  wird  eine  eingehende
sein.  Sie  wird  eben  deshalb  eine  nicht  gerade  kurze  sein
müssen.  Aber  ich  halte  mich  hiezu  berechtigt,  einmal
durch  die  Höhe  des  Strafmaßes,  mit  welchem  mich  der
§  100  des  Strafgesetzbuchs  bedroht,  ein  Strafinaß,  das
in  seinem  Maximum  nicht  weniger  als  zwei  Jahre  Gefängnis ­
  beträgt,  zweitens  aber  und  besonders  dadurch,
daß  es  sich  heute  um  noch  etwas  ganz  anderes  handelt,
als  um  eine  Strafe  und  um  einen  Mann!
Erlauben  Sie,  daß  ich  sofort  die  Debatte  aus  dem  Bereiche ­
  gewöhnlicher  Prozeßroutine  auf  die  Höhe  und  zu
der  Würde  erhebe,  welche  ihr  zukommen.
Die  Anklage,  die  gegen  mich  erhoben  worden  ist,  ist
ein  schlimmes  und  trauriges  Zeichen  der  gegenwärtigen
Lage  der  Dinge.
Sie  verletzt  nicht  nur  die  gewöhnlichen  Gesetze;  sie
bildet  sogar...
(Der  Staatsanwalt  erhebt  sich  protestierend)
        <pb n="76" />
        84

Präsident:  Ich  will  den  Angeklagten  unterbrechen,
da  er  sich  einen  durchaus  unstatthaften  Vorwurf  gegen
die  königliche  Staatsanwaltschaft  erlaubt.  In  solcher
Weise  dürfen  Sie  nicht  weitersprechen.
Angeklagter:  Ich  muß  mich  beziehen  auf  eine  Gesetzesstelle, ­
  Herr  Präsident,  auf  einen  Artikel  der  Verfassungsurkunde. ­

Präsident:  Dann  möchte  ich  doch  dem  Angeklagten
raten,  sich  etwas  anders  auszudrücken.  Der  Angeklagte
hat  sich  auf  den  bestimmten  Vorwurf,  der  ihm  gemacht
ist,  also  im  vorliegenden  Falle  darauf  zu  beschränken,
zu  erörtern,  ob  er  den  öffentlichen.  Frieden  in  der  ihm
zur  Last  gelegten  Weise  gefährdet  habe  oder  nicht.  Was
soll  hier  eine  Verletzung  der  Verfassung?
Aiugeklagter:  Im  Gegenteil,  Herr  Präsident,  ich
behaupte  ja  eben  —  lassen  Sie  mir  nur  Raum,  um
wenige  Sätze  zu  sagen;  Sie  werden  dann  sehen,  wie
relevant  es  ist!  —,  daß  ich  gar  nicht  dieses  Vergehens
überhaupt  angeklagt  werden  darf,  weil  mich  vor
allem  die  Verfassung,  und  diese  schon  ganz  allein,
schützen  müßte.  Ich  kann  doch  nicht  voraus  wissen,  welche
Erwägung  allein  zu  meiner  Entlastung  ausreicht  und
welche  überflüssig  wäre!  In  der  besonderen  Entwicklung ­
  der  Gedanken  und  Sätze  meiner  Verteidigung ­
  muß  ich  doch  frei  sein,  sonst  will  ich  lieber
schweigend  und  mit  über  die  Brust  gekreuzten  Armen
mein  Schicksal  über  mich  ergehen  lassen!
(Der  Angeklagte  setzt  sich  nieder.  Große  Bewegung  unter  den
Anwesenden.  Jetzt  erhebt  sich  der  Verteidiger)
Verteidiger:  Ich  spreche  n  eine  Ansicht  dahin  aus,
daß  ein  Angeklagter  berechtigt  ist,  zu  seiner  Verteidigung
        <pb n="77" />
        85

zu  sagen,  daß  ihn  die  Verfassung  schützen  müsse,  und  daß
eine  Nichtachtung  dieses  Schutzes  die  Verfassung  verletzt.
Präsident:  Gewiß  hat  er  dies  Recht!
Angeklagter  (sich  schnell  wieder  erhebend):  Dann  sind
wir  einverstanden,  und  ich  bitte,  mich  zu  hören.
(Es  wird  nicht  widersprochen.  Der  Angeklagte  nimmt  sein
Plädoyer  an  der  verlassenen  Stelle  wieder  auf.)
Lassalle  (fortfahrend):  Die  Anklage  verletzt  nicht  nur
die  gewöhnlichen  Gesetze,  sie  bildet  sogar  einen  entschiedenen ­
  Eingriff  in  die  Verfassung,  und  dies  ist  das  erste
Verteidigungsmittel,  das  ich  ihr  entgegenstelle.
I.  Der  Artikel  20  der  Verfassung  lautet:
„Die  Wissenschaft  und  ihre  Lehre  ist  frei."
Was  kann  und  soll  dieses  in  der  Verfassung  proklamierte ­
  „ist  frei"  bedeuten,  wenn  nicht  dies,  daß  die
Wissenschaft  und  ihre  Lehre  nicht  an  das  allgemeine
Strafgesetz  gebunden  sein  soll?
Soll  dies  „die  Wissenschaft  und  ihre  Lehre  ist  frei"
vielleicht  bedeuten,  „frei  innerhalb  der  Grenzen  des
allgemeinen  Strafgesetzbuches"?  Aber  innerhalb  dieser
Grenzen  ist  jede  Meinungsäußerung,  durchaus  nicht
bloß  die  Wissenschaft  und  ihre  Lehre,  vollkommen  frei.
Innerhalb  der  Grenzen  des  allgemeinen  Strafgesetzbuches ­
  ist  jeder  Zeitungsschreiber  und  selbst  jedes  Hökerweib ­
  vollkommen  frei,  zu  schreiben  und  zu  sprechen,
was  sie  wollen.  Diese  Freiheit,  die  jeder  Art  von  Meinungsäußerung ­
  zusteht,  brauchte  und  könnte  dann  nicht
für  „die  Wissenschaft  und  ihre  Lehre"  durch  einen
besonderen  Verfassungsartikel  verkündet  werden.
Jenen  Verfassungüartikel  in  diesem  Sinne  auslegen,
hieße  also  nichts  anderes,  als  ihn  einfach  fortleugnen,
        <pb n="78" />
        86

ihn  da  hinein  interpretieren,  daß  er  überhaupt  nicht
dastehe  —  was  freilich  eine  in  unserer  Zeit  nicht  unbeliebte ­
  Weise  ist,  die  Verfassting  in  aller  Stille  zu  beseitigen. ­

Kein  Zweifel  also,  daß,  da  die  erste  Regel  juristischer
Interpretation  die  ist,  eine  Gesetzesbestimmung,  geschweige ­
  denn  einen  Verfassungsartikel,  nicht  ins  Überflüssige ­
  und  Absurde,  nicht  ins  Nichtdastehen  zu  interpretieren ­
  —  kein  Zweifel  also,  sage  ich,  daß  dieser  Verfassungsartikel ­
  besagt,  was  er  eben  besagt:  daß  die
Wissenschaft  und  ihre  Lehre  frei,  an  die  Grenzen  des
gemeinen  Strafgesetzes  nicht  gebunden  sein  sollen.
Was  ewig  urfrei  und  in  keine  Schranken  geschlagen
dastehen  muß,  was  für  den  Staat  selbst  wichtiger  als
jedes  einzelne  Gesetz,  an  kein  einzelnes  Gesetz  als  Grenze
seiner  freien  Tätigkeit  gebunden  sein  darf  —  das  ist
der  Trieb  wissenschaftlicher  Erkenntnis!
Alle  Zustände  sind  unvollkommen.  Es  kann  sich
treffen,  daß  Institutionen,  welche  wir  für  die  unantastbarsten ­
  und  notwendigsten  halten,  die  verderblichsten
und  veränderungsbedürftigsten  sind.
Wer,  dessen  Blick  die  Veränderungen  der  Geschichte
seit  den  Zeiten  der  Inder  und  Ägypter,  wer,  dessen
Blick  auch  nur  den  beschränkten  Zeitraum  eines  Jahrhunderts ­
  genau  umfaßt,  leugnete  dies?
Der  ägyptische  Fellah  heizt  den  Herd  seiner  elenden
Lehmhütte  mit  den  Mumien  der  ägyptischen  Pharaonen,
den  allmächtigen  Erbauern  der  ewigen  Pyramiden.
Sitten,  Einrichtungen,  Gesetzbücher,  Königsgeschlechter,
Staaten,  Völker  —  sind  im  regen  Wechsel  verschwunden.
Aber  was,  mächtiger  als  sie  alle,  nie  verschwunden,
        <pb n="79" />
        87

immer  nur  gewachsen  ist,  was  sich  seit  den  ältesten
Zeiten  jonischer  Philosophie,  alles  andere  überdauernd,
imnier  nur  in  beständiger  Zunahme  entfaltet  hat,von
einem  Staate  dem  andern,  von  einem  Volke  dem
andern,  von  einer  Zeit  der  andern  in  heiliger  Ehrfurcht
überliefert,  das  ist  der  stolz  ragende  Baum  wissenschaftlicher ­
  Erkenntnis!
Und  welches  ist  die  Quelle  aller  unablässig  fortschreitenden, ­
  aller  unausgesetzt  und  unmerklich  sich  vermehrenden,
aller  friedlich  sich  vollziehenden  Verbesserung  in  der
Geschichte,  wenn  nicht  die  wissenschaftliche  Erkenntnis? ­
  Sie  muß  darum  walten  ohne  Schranken,  für  sie
darf  es  kein  Festes,  das  sie  nicht  in  den  Prozeß  ihrer
chemischen  Untersuchungen  zöge,  kein  Unberührbares,
kein  noli  me  tangere  geben.  Ohne  die  Freiheit  der
wissenschaftlichen  Erkenntnis  daher  nur  Stagnation,  Versumpfung, ­
  Barbarei!  Und  wie  sie  die  unausgesetzt
fließende  Quelle  aller  Vervollkommnung  menschlicher  Zustände ­
  ist,  so  ist  sie  und  ihre  die  Überzeugungen  langsam
gewinnende  Macht  zugleich  auch  die  einzige  Garantie
für  eine  friedliche  Entwicklung.  Wer  daher  diese  Quelle
verstopft,  wer  ihr  in  bezug  auf  irgendwelche  Zustände,
wer  ihr  an  irgendwelchen  Punkten  zu  fließen  verbietet,
der  hat  nicht  nur  den  Quell  der  Vervollkommnung  abgeschnitten ­
  und  Nacht  und  Barbarei  heraufbeschworen
—  er  hat  den  öffentlichen  Frieden  eingerissen  und
den  Staat  auf  gewaltsamen  Umsturz  und  Ruin  gestellt!
Denn  er  hat  jenes  Sicherheitsventil  verschlossen,  durch
welches  die  Gesellschaft  allmählich  in  sich  aufnimmt,
was  ihrer  unmerklich  sich  ändernden  Lage  entsprechend,
durch  die  Kraft  der  Wissenschaft  langsam  herausgeboren.
        <pb n="80" />
        88

sicher,  wenngleich  allmählich,  in  Köpfe  und  Zustände
übergeht.  Er  hat  das  Sicherheitsventil  geschlossen  und
den  Staat  auf  die  Erplosion  gestellt!  Er  hat  der
Wissenschaft  verboten,  Wunde  und  Heilmittel  aufzuzeigen, ­
  und  die  aus  der  verborgengehaltenen  Wunde
sich  endlich  ergebenden  Konvulsionen  des  Todeskampfes
an  die  Stelle  der  Krankheitserforschung  und  ihrer  Heilung ­
  gesetzt.
Die  unbeschränkte  Freiheit  der  wissenschaftlichen  Lehre
ist  daher  nicht  nur  ein  unnehmbares  Recht  des  Individuums, ­
  sie  ist  vor  allem  und  in  noch  höherein  Grade  die
Lebensbedingung  des  Ganzen,  das  Lebensinteresse  des
Staates  selbst.
Aber  wie,  meine  Herren?  Stelle  ich  vielleicht  hier  eine
nagelneue  und  unerhörte  Theorie  auf?  Mißbrauche  ich
vielleicht  den  Wortlaut  der  Verfassung,  um  mir  auö  einer
prozessualen  Verlegenheit  zu  helfen?
Nichts  leichter  statt  dessen,  als  Ihnen  den  historischen
Nachweis  zu  erbringen,  daß  diese  Bestimmung  der  Verfassung ­
  nie  anders  aufgefaßt  worden  ist,  daß  diese  Theorie
seit  je  und  jahrhundertelang  vor  der  Verfassung^durch
Usus  und  Praxis  unbestrittene  Geltung  bei  uns  hatte,
daß  sie  ein  traditioneller  und  charakteristischer  Grundzug
aller  germanischen  Nationen  seit  der  frühesten  Zeit  ist.
Zur  Zeit  des  Sokrates  konnte  man  noch  angeklagt
werden,  xcuvov;  ’&amp;amp;eovg,  neue  Götter,  gelehrt  zu  haben,
und  Sokrates  trank  den  Giftbecher  unter  dieser  Anklage.
Im  Altertum  war  dies  natürlich.  Der  antike  Geist  war
so  durch  und  durch  identisch  mit  seinen  staatlichen  Zuständen
  —  und  die  Religion  gehörte  zu  den  Grundlagen ­
  des  Staates  —,  daß  er  sich  in  keiner  Weise  von
        <pb n="81" />
        89

denselben  losschälen,  sich  nicht  häuten  konnte.  Er
mußte  mit  diesen  Staatseinrichtungen  stehen  und  fallen,
und  er  fiel  mit  denselben!  In  einem  solchen  Volksgeiste ­
  war  jede  wissenschaftliche  Lehre,  welche  eine  Verneinung ­
  einer  der  Grundlagen  des  Staates  enthielt,
ein  Angriff  mif  das  Lebensprinzip  dieses  Volkes  selbst
und  konnte  als  solcher  behandelt  werden.
Eine  ganz  andere  Erscheinung  tritt  nach  dem  Untergänge ­
  der  antiken  Welt  mit  den  germanischen  Nationen
auf.  Es  sind  dies  Nationen,  die  sich  schälen  und  häuten
können,  die  in  der  Entwicklungsfähigkeit  ihres  Lebensprinzips, ­
  des  subjektiven  Geistes,  die  Biegsamkeit  in
sich  tragen,  die  verschiedenartigsten  Wandlungen  in  sich
selbst  durchzumachen;  Nationen,  welche  die  zahlreichsten
und  gewaltigsten  dieser  Wandlungen  bereits  durchgemacht ­
  haben  und  in  ihnen  statt  Tod  und  Untergang
immer  nur  die  Grundlage  höherer  Entwicklung  und
höherer  Blüte  fanden.
Das  Mittel  zur  Vorbereitung  und  Durchführung
dieser  zu  inrmer  höherer  Blüte  führenden  Wandlungen,
deren  Element  sie  in  sich  tragen,  haben  diese  Völker  an
dem  Prinzip  der  unbeschränkten  Freiheit  der  wissenschaftlichen ­
  Forschung  und  Le./re.
Früher  daher,  und  weit  früher,  als  man  in  der  heutigen,
gebildeten  Welt,  welche  die  Freiheit  der  Wissenschaft
zu  den  modernen  Errungenschaften  zu  zählen  pflegt,  in
der  Regel  ahnt,  weit  früher,  sage  ich,  bricht  in  diesen  Völkern ­
  der  Instinkt  durch,  daß  die  Freiheit  der  Wissenschaft
weder  an  die  Autorität  einer  Person  noch  einer  menschlichen ­
  Satzung  gebunden  sein  dürfe,  daß  sie  vielmehr
die  allen  menschlichen  Einrichtungen  überlegene  und
        <pb n="82" />
        90

ihnen  vorgehende,  sich  auf  ein  göttliches  Recht  stützende
Kraft  sei.
Wir  sind  gewohnt,  meine  Herren,  auf  das  Mittelalter
vornehm  als  auf  eine  Zeit  der  Nacht  und  Barbarei  herabzublicken. ­

Aber  in  vielen  Stücken  mit  hohem  Unrecht,  und  in
keiner  Hinsicht  mit  größerem  Unrecht,  als  in  bezug  auf
das  damals  durch  die  wiederholtesten  und  solennesten
Fälle  anerkannte  Recht  der  Wissenschaft,  ohne  alle  Rücksicht ­
  und  gegen  König  und  Papst  ihre  feierliche  Stimme
zu  erheben.
Meine  Herren,  im  Februar  1412  erlaubt  sich  die  Universität ­
  von  Paris,  welche  keineswegs  irgendwie  mit
der  Finanzverwaltung  des  Landes  oder  mit  ihrer  Kontrolle ­
  betraut  war,  eine  Adresse  an  den  König  von
Frankreich,  Karl  VI.,  zu  richten,  wie  sie  selbst  sagt:  „pour
la  chose  publique  de  vostre  royaume“,  „für  die  öffentliche ­
  Sache  des  Königreiches",  in  der  sie  ganz  besonders
die  Finanzverwaltung  des  Landes,  dann  aber  auch  alle
andern  Zweige  der  Verwaltung  der  schärfsten  Kritik
unterwirft,  das  vernichtendste  Verdamnmngsurteil  darüber ­
  auöspricht.  Und  zu  welcher  ganz  andern  Kühnheit
der  Sprache  und  der  Forderungen,  als  die  ist,  zu  der
sich  unser  Abgeordnetenhaus  erhoben  hat  oder  erheben
würde,  schwingt  sich  in  dieser  Usmoustranee  die  Pariser
Universität  empor!
Sie  weist  dem  Könige  nach,  daß  die  Staatseinkünfte
nicht  nach  ihrer  Bestimniung  verwendet  würden,  und
schließt  diese  Nachweisungen  nnt  dem  peremtorischen
Ausruf:  „Item  und  man  muß  wissen,  wo  dieses  Geld
geblieben  ist."  Sie  schildert  ihm  seine  gesamte  Finanz-
        <pb n="83" />
        91

Verwaltung,  und  zwar  seine  höchsten  Beamten,  die
Finanzminister,  Gouverneurs  und  Schatznieister  der
Krone  vor  allen,  als  eine  Bande  gesetzloser  Missetäter,
als  eine  Bande  von  miteinander  zum  Ruine  des  Landes
verschworenen  Spitzbuben  ohne  alle  Ausnahme!  Sie
wirft  dem  Könige  vor,  wie  er  den  Obersten  Gerichtshof,
das  Parlament  von  Paris  besetzt  und  den  Namen  des
Rechtes  dadurch  entweiht  habe!  Sie  hält  ihin  vor,  mit
wie  viel  geringeren  Summen  seine  Vorgänger  regiert,
„zu  welcher  Zeit  gleichwohl  das  Land  gut  regiert  war,
ganz  anders  als  jetzt".
Ihr  Recht  zu  dieser  sanglanten  Uemcmgtranos  stützt
die  Universität  ausdrücklich  auf  nichts  anderes  als  darauf,
daß  sie  die  Wissenschaft  sei,  von  der  jedermann  wisse,
daß  sie  vollkommen  uneigennützkg  sei,  daß  es  nicht  ihre
Gewohnheit  sei,  die  Ämter  unter  sich  zu  haben  und  die
Profite,  noch  sich  in  irgend  anderer  Weise  darum  zu
bekümmern,  als  mit  ihren;  Studium,  eben  deshalb  aber
sei  es  ihre  Pflicht,  zu  sprechen,  wo  der  Fall  es  erheische.
Und  sie  konkludiert  nun  auf  nichts  Geringeres  als
dahin:  der  König  müsse  ohne  jeden  Verzug  (saus  quelquo
diktiern)  alle  Gouverneurs  der  Finanzen  ohne  alle  Ausnahme ­
  (saus  nul  excepter)  ihrer  Ämter  entsetzen,  sie
verhaften  und  ihre  Güter  vorläufig  mit  Sequester  belegen ­
  lassen  imb  unter  der  Strafe  des  Todes  und  der
Vermögenskonfiskation  verbieten,  daß  nicht  einer  der
untern  Finanzbeamten  mit  diesen  Gouverneurs  Rücksprache ­
  nehme.
Wenn  Sie  diese  lange  UemouZtranoe  lesen,  meine
Herren  —  Sie  finden  sie  in  der  Chronik  jener  Zeit  von
Enguerrand  de  Monstrelet  —,  so  werden  Sie  sich  nicht
        <pb n="84" />
        92

verhehlen  können,  daß,  wenn  diese  Adresse  in  unsern
Tagen,  z.  B.  vvn  der  Berliner  Universität,  erlassen
worden  wäre,  es  kaukn  ein  Verbrechen  des  Strafkoder
gäbe,  welches  der  Staatsanwalt  nicht  darin  gefunden
hätte!
Verleumdung  und  Beleidigung  von  Beamten  in  bezug
auf  ihr  Anit,  Schmähung  und  Verhöhnung  der  Einrichtungen ­
  des  Staats  und  der  Anordnungen  der  Obrigkeit, ­
  Majestätsbeleidigung,  Anreizung  der  Angehörigen
des  Staats  zum  Haß  und  zur  Verachtung'—  und  ich
weiß  nicht  wieviel  Verbrechen  noch  würden  unsere
Staatsanwälte  darin  gefunden  haben!
Das  war  1412.
Diese  Beispiele,  die  übrigens  beliebig  vermehrt  werden
könnten,  werden  genügen,  um  zu  zeigen,  wie  unbeschränkt
und  an  keine  strafrechtlichen  Grenzen  gebunden  schon  im
frühen  Mittelalter,  sogar  Papst  und  König  gegenüber,
die  Freiheit  der  Wissenschaft  war,  die,  ich  wiederhole  es,
freilich  im  Mittelalter,  nur  eine  korporative  Existenz
hatte.
Die  Theorie,  die  ich  aufstelle,  sie  hat  schon  seit  mehr
als  500  Jahren  selbst  in  katholischen  Zeiten  und  bei
romanischen  Völkern  ihre  Praxis  gehabt.
Kömmt  der  Protestantismus  und  errichtet  die  Staatsgebäude ­
  selbst,  die  er  schafft,  auf  dem  Prinzipe  der
freien  Forschung!  Dies  Prinzip  ist  seitdem  die  Grundlage ­
  unserer  ganzen  staatlichen  Existenz.  Die  protestantischen ­
  Staaten  haben  kein  Recht  zu  existieren  ohne
dasselbe,  haben  keine  Möglichkeit  dazu!  Wann  wäre
seitdem  eine  strafrechtliche  Anklage  wegen  einer  wissenschaftlichen ­
  Lehre  in  Preußen  erhört  gewesen?
        <pb n="85" />
        93

Als  Christian  Wolf  die  Leibnizsche  Philosophie  in
Halle  popularisierte,  insinuierte  man  dem  damaligen
Soldatenkönige  Friedrich  Wilhelm  I.,  daß  nach  Wolfs
Lehre  von  der  prästabilierten  Harmonie  die  Soldaten
nicht  aus  freieni  Willen  desertierten,  sondern  vermöge
dieser  besondern  Einrichtung  Gottes,  der  prästabilierten
Harmonie,  und  daß  diese  Lehre  also,  in  das  Militär  verbreitet, ­
  höchst  gefährlich  wirken  müßte.  Es  ist  wahr,
daß  dieser  Soldatenkönig,  der  den  Staat  in  seinen  Regimentern ­
  sah,  hiedurch  aufs  äußerste  aufgebracht,  sofort
eine  Kabinettsorder  an  Wolf  erließ,  im  November  1723,
in  der  er  ihm  befahl,  bei  Strafe  des  Stranges  binnen
zweimal  vierundzwanzig  Stunden  die  preußischen  Staaten
zu  verlassen  —  und  Wolf  mußte  fliehen.  Aber  wenn
die  Lettres  de  cachet  der  Könige  ohne  Appell  sind  in  der
Zeit,  so  sind  sie  dafür  ohne  Ansehen  und  ohne  Bedeutung
in  der  Geschichte,  überdies  hatte  jener  Soldatenkönig
nur  eine  offene  freie  Gewalttat  begangen  und  nicht  die
Formen  des  Rechts  entweiht.  Er  drohte,  er  werde
Wolf  hängen  lassen,  und  er  hätte  dies  durch  seine  Soldaten
ausführen  lassen  können.  Auch  die  Gewalt  hat  noch  eine
gewisse  Würde,  wenn  sie  offen  auftritt.  Aber  er  beleidigte ­
  nicht  seine  Richterkollegien  durch  das  Ansinnen,
daß  sie  die  Wissenschaft  verurteilen  sollten!  Es
fiel  ihm  nicht  ein,  die  Gewalt  in  Recht  zu  verkleiden!
Zudem,  kaum  besteigt  Friedrich  der  Große,  er,  der
zwar  gewiß  Soldaten  brauchte,  aber  deshalb  doch  ein
Staatskönig  und  kein  Soldatenkönig  war,  am
31.  Mai  1740  den  Thron,  als  er  sechs  Tage  darauf,
am  6.  Juni  1740,  wegen  Wolfs,  an  den  übrigens  auch
schon  Friedrich  Wilhelm  I.,  seine  Gewalttat  bereuend.
        <pb n="86" />
        94

später  sehr  ehrenvolle,  aber  vergebliche  Rückberufungsschreiben ­
  erlassen  hatte,  folgendes  Handschreiben  an  den
Konsistorialrat  Reinbeck  richtet:
„Ich  bitte  ihn,  sich  umb  des  Wolfen  mühe  zu  geben,
ein  Mensch,  der  die  Wahrheit  sucht  und  sie  liebet,  mus
unter  aller  menschlichen  Gesellschaft  werth  gehalten
werden  und  glaube  ich,  daß  er  eine  Conquete  im  Land
der  Wahrheit  gemacht  hat,  wehn  er  den  Wolf  hierher
persuadiret."
So  trug  denn  also  auch  dieser  Konflikt  nur  dazu  bei,
den  alten  Grundsatz,  daß  die  wissenschaftliche  Erforschung
und  Verkündung  der  Wahrheit  an  keine  Grenze  und
Rücksicht  gebunden  sei  und  nur  sich  selber  zur  höchsten
und  einzigen  Rücksicht  habe,  mit  neuein  Glanze  zu  umgeben ­
  und  vom  Throne  selbst  herunter  anerkennen  zu
lassen.
Selbst  das  Dasein  Gottes  war  vor  der  Lehre  der  Wissenschaft ­
  nicht  geschützt!  Sie  konnte  frei,  sie  kann  noch  heute
frei,  selbst  nach  dem  neuen  Strafgcsetzbuche,  welches
nur  die  Lästerung,  die  für  den  Andersgläubigen  kränkende ­
  Beschimpfung  Gottes,  nicht  aber  die  Leugnung
seines  Daseins  verbietet,  ihre  Beweise  gegen  seine
Existenz  führen.
Dezennien  lang  vor  der  Verfassung  war  die  unbedingte
Freiheit  der  Wissenschaft  in  Preußen  der  letzte  Jufluchtswinkel,
  in  den  sich  Preußens  Lobredner  retteten,  der
letzte  Stolz,  mit  dem  sie  prunkten.
Sie  alle  erinnern  sich  noch  des  immensen  Aufsehens,
welches  der  Fall  Bruno  Bauers  erregte,  des  Privatdozenten ­
  an  der  theologischen  Fakultät  zu  Bonn,  welchem
unter  dem  absolutistisch-pietistischen  Ministerium  Eich-
        <pb n="87" />
        95

Horn  ominösen  Angedenkens  die  Licentia  docendi  wegen
seiner  Evangelienlehre  entzogen  werden  sollte;  der  erste
Fall  in  diesem  Jahrhundert,  in  welchem  eine  —  und
doch  wie  unendlich  geringere  —  Antastung  der  Freiheit
der  Wissenschaft  gewagt  wurde.  Die  Fakultäten  kamen
in  Aufregung,  die  Gutachten  schwirrten  monatelang
hin  und  her,  Männer  von  den  ruhmreichsten  Namen,
wie  Marheinecke  und  andre,  erklärten  Protestantismus
und  Intelligenz  für  in  ihren  Grundfesten  bedroht,  wenn
solche  in  Preußen  unerhörte  Anmaßung  Erfolg  haben
könne,  und  selbst  solche  Gutachten,  welche  gehorsam  nach
dem  niinisteriellen  Wunsche  ausfielen,  basierten  ihre
Konklusion  doch  nur  darauf,  daß  es  sich  hier  um  eine
Licentia  docendi  in  der  theologischen  Fakultät  handle,
mit  deren  Grundprinzipien  jene  Bauersche  Evangelienlehre ­
  in  Widerspruch  stehe,  und  erklärten  ausdrücklich,  daß,
.hätte  es  sich  hier  um  eine  Licentia  docendi  in  einer  nichttheologischen, ­
  in  einer  philosophischen  Fakultät  gehandelt,
die  Entscheidung  die  entgegengesetzte  hätte  sein  müssen.
Niemandem  aber,  und  Eichhorn  selbst  nicht,  war  der
Gedanke  in  den  Sinn  gekommen,  jene  Lehre  vor  das
Forum  des  Strafrechts  zu  ziehen!  Einen  theologischen
Lehrstuhl  entzog  man  dem  Verkünder  untheologischer
wissenschaftlicher  Resultate;  dieselben  mit  dem  Büttel
zu  bekämpfen  —  so  weit  war  man  unter  dem  Absolutismus ­
  noch  nicht  gediehen!
Selbst  unter  dem  pietistischen  Absolutismus  Eichhorns,
unter  dieser  Lcclesia  miiitans  der  Verfinsterung,  bewahrte
man  doch  noch  einen  solchen  Rest  von  Scham  vor  den
uralten  Traditionen,  daß  man  in  jener  Zeit,  wo  die
Repressivgesetze  durch  die  Präventivzensur  überflüssig
        <pb n="88" />
        96

gemacht  waren,  auch  vor  dem  Drucke  dieser  die  Würde
und  Freiheit  der  Wissenschaft  bewahren  wollte.  Nach
irgendeinem  äußern  Kriterium  der  Wissenschaftlichkeit
eines  Buches  haschend,  suchte  man  ein  solches,  wie  ungeschickt ­
  die  getroffene  Wahl  auch  war,  in  dem  äußern
Umfang  eines  Werkes  und  verordnete:  Bücher  über
zwanzig  Bogen  sind  zensurfrei.
Diese  mehr  als  fünfhundertjährigen  Traditionen,  dieser
Satz,  der  lange,  ehe  er  Gesetz  war,  durch  Praxis  und  Usus
bei  allen  modernen  Nationen  in  Geltung  war,  diese
uralte  Überlieferung  des  geistigen  Lebensprozesses  der
germanischen  Nationen  ist  es,  welche  die  Gesellschaft
endlich  im  Artikel  20  der  Verfassung  zusammenfaßt,
jedem  spätern  Gesetzgeber  selbst  als  Norni  zurufend:
„Die  Wissenschaft  und  ihre  Lehre  ist  frei."
Ist  frei  ohne  Schranken,  frei  ohne  Grenze,  frei  ohne
Riegel!  Alles  hat  in  gesetzlichen  Zuständen  seine
Grenze;  jede  Macht,  jede  Funktion,  jede  Befugnis.  Das
einzige,  was  selber  grenzenlos  und  unendlich,  auch  in
grenzenloser  und  unendlicher  Freiheit  wie  die  Sonne
im  Äther  über  allen  festen  Zuständen  schweben  soll,  das
ist  das  Sonnenauge  theoretischer  Erkenntnis!
Frei  soll  sie  sein,  selbst  bis  zum  Mißbrauch  frei!
Denn  wenn  selbst  bei  der  Wissenschaft  und  ihrer  Lehre
von  einem  Mißbrauche  die  Rede  sein  könnte  —  was
aus  das  allerernsthafteste  bestritten  werden  kann,  meine
Herren  —,  hier  wäre  der  Punkt,  wo  die  Verhütung  des
Mißbrauchs  in  einem  Fall  die  Segnungen  des  Gebrauchs ­
  in  Millionen  Fällen  verhindern  könnte.  Wenn
irgendwelche  Staatsinstitutionen,  wenn  irgendwelche
Klasseneinrichtungen  gegen  die  Wissenschaft  geschützt
        <pb n="89" />
        wären,  so  daß  diese  nicht  lehren  dürfte,  diese  Einrichtungen ­
  sind  mangelhaft  oder  schädlich,  ungerecht  oder
verderblich  —  wessen  Geist  wäre  dann  so  allumfassend,
so  überschauend  die  Geister  aller  seiner  Zeitgenossen
und  der  nachftlgenden  Generationen,  daß  er  auch  nur
eine  Ahnung  zu  haben  vermöchte,  welche  segensreiche
Entdeckungen,  welche  fruchtbringendsten  Entwicklungen,
welche  Bereicherungen  des  Geistes  durch  diese  eine  feste
Grenze  gegen  Mißbrauch  im  Keim  erstickt  werden,  welche
gewalttätige  Erschütterungen  oder  welcher  Verfall  dadurch
über  den  Staat  heraufbeschworen  werden  könnten?
Zudem,  was  ist  Gebrauch  und  waS  Mißbrauch  in
der  Wissenschaft,  wo  scheiden  sich  beide  und  wer  bestimmt ­
  dies?  Dies  müßte  —  so  erleuchtet  Sie  ohne
allen  Zweifel  sein  mögen,  meine  Herren  Präsident  und
Räte,  und  gerade  je  erleuchteter  Sie  sind,  desto  lebhafter
werden  Sie  dies  selbst  fühlen  —  nicht  ein  Gerichtshof
sein,  sondern  ein  Hof,  zusammengesetzt  aus  der  Blüte
aller  wissenschaftlichen  Kapazitäten  der  Zeit  in  allen
Fächern  und  Zweigen  der  Wissenschaft.  Was  sage  ich?
AuS  der  Blüte  aller  Kapazitäten  der  Zeit?  Nein,  auch
noch  aus  der  aller  Folgezeiten!  Denn  wie  oft  zeigt  uns
nicht  die  Geschichte  gerade  die  bahnbrechenden  Geister
der  Wissenschaft  im  feindlichsten  Gegensatz  mit  der  Wissenschaft ­
  ihrer  Tage!
Nach  fünfzig-,  nach  hundertjährigen  Debatten  oft  ist
in  der  Wissenschaft  erst  festgestellt,  was  Gebrauch,  was
Mißbrauch  war.  —
In  der  Tat  ist  auch  seit  der  Verfassung  noch  niemals
eine  Anklage  gegen  eine  wissenschaftliche  Lehre  versucht
worden.

4  «r»ßmann,  Lassa»«

S7
        <pb n="90" />
        98

Wir  haben  in  Preußen,  meine  Herren,  seit  1848,  seit
1850  Hartes  und  Schweres  getragen,  und  müde  und
wund  vom  Tragen  sind  unsre  Schultern!
Aber  selbst  unter  Manteuffel-Westphalen  und  bis  auf
den  heutigen  Tag  ist  uns  dies  eine  erspart  geblieben,
eine  wissenschaftliche  Lehre  unter  Anklage  gestellt  zu
sehen.
Angriffe  der  schärfsten  Natur,  Angriffe,  die  an  und
für  sich  auf  das  leichteste  hätten  strafrechtlicher  Verfolgung ­
  ausgesetzt  werden  können,  sie  blieben  unverfolgt,
wenn  sie  in  einen:  wissenschaftlichen  Werke,  wenn  sie  als
wissenschaftliche  Lehre  auftraten.
Ich  bin  selbst  in  der  Lage,  hievon  Zeugnis  ablegen
zu  können.
Vor  nicht  ganz  zwei  Jahren  veröffentlichte  ich  ein
Werk,  in  welchem  eö  mir  vielleicht  gelungen  ist,  Ihre
eigene  Wissenschaft,  meine  Herren,  die  Wissenschaft,
aus  welcher  die  Rechtsprechung  herfließt,  einige  Fortschritte ­
  machen  zu  lassen,  mein  System  der  erworbenen
Rechte.  Ich  sage  in  demselben  (Band  I,  Seite  238):  „Die
Wissenschaft,  deren  erste  Pflicht  schärfstes  Denken  ist,
kann  deshalb  auch  gar  nicht  auf  das  Recht  verzichten,
die  Schärfe  der  Begriffsbestimmungen  in  der  ihr  allein
entsprechenden  Schärfe  und  Bestimmtheit  der  Ausdrücke ­
  niederzulegen."  Und  hierauf  gestützt,  trete  ich
in  dem  Werke  den  Nachweis  an,  daß  die  preußische
Agrargesetzgebung  seit  1850  nichts  anderes  sei,  als  —
ich  bediene  mich  dort  wörtlich  dieser  Worte  —  ein
widerrechtlich  und  wider  das  eigene  RechtSbewußtsein
  am  armen  Manne  zugunsten  der  reichen
Grundaristokratie  begangener  Raub!
        <pb n="91" />
        Wie  leicht  wäre  es  gewesen,  in  diesen  Worten,  wenn  sie
anderwärts  gestanden  hätten,  öffentliche  Schmähung  der
Einrichtungen  des  Staats  oder  Anreizung  zu  Haß  und  Verachtung ­
  gegen  die  Anordnungen  der  Obrigkeit  zu  finden!
Aber  sie  standen  in  einem  wissenschaftlichen  Werk,
sie  waren  ein  Resultat  sorgfältig  ausgeführter  wissenschaftlicher ­
  Lehre  —  und  so  blieben  sie  unverfolgt!
Aber  freilich,  das  war  noch  vor  zwei  Jahren!
Der  Anklage,  welche  gegen  mich  erhoben  wird,  schleudere ­
  ich  meinerseits  die  Anklage  entgegen,  durch  den
heutigen  Tag  über  Preußen  die  Schmach  gebracht  zu
haben,  daß  zum  ersten  Male,  seitdem  dieser  Staat  besteht,
die  Lehre  der  Wissenschaft  vor  das  Forum  des  Strafrechts ­
  gezogen  wird!
Präsident:  Ich  muß  Sie  wegen  dieser  Ausdrucksweise ­
  zur  Ordnung  rufen.  Kein  preußischer  Richter  kann
es  dulden,  daß  in  dieser  Weise  eine  Verteidigung  geführt
wird.  Ich  werde  Ihnen  das  Wort  entziehen  und  es
Ihrem  Verteidiger  übertragen.
Angeklagter:  Das  werden  Sie  nicht,  Herr  Präsident! ­
  Wenn  Sie  mir  das  Wort  entziehen,  so  werde  ich
der  Gewalt  weichend  mit  meinem  Verteidiger  den  Saal
verlassen.  Aber  die  Verteidigung  wird  frei  sein  oder
gar  nicht!
Staatsanwalt:  Ich  bitte,  wenigstens  protokollarisch
von  diesen  Ausdrücken  Akt  zu  nehmen.
Lassalle  (fortfahrend):  Oder  was  wird  mir  der
Staatsanwalt  antworten,  wenn  er  in  tbosi  meine  Ausführungen ­
  zugeben,  wenn  er  anerkennen  muß,  die
Wissenschaft  und  ihre  Lehre  sei  frei,  und  also  frei  von
jeder  strafrechtlichen  Beschränkung?

4'

99
        <pb n="92" />
        100

Wird  er  mir  vielleicht  bestreiten  wollen,  daß  ich  ein
Vertreter  der  Wissenschaft  sei?  Oder  wird  er  vielleicht
leugnen  wollen,  daß  das  Werk,  um  das  es  sich  in
dieser  Anklage  handelt,  ein  wissenschaftliches  Produkt ­
  fei?
Der  Staatsanwalt  scheint  selbst  sich  dadurch  beengt  zu
fühlen,  daß  er  es  hier  mit  einer  wissenschaftlichen  Produktion ­
  zu  tun  hat,  denn  er  beginnt  in  der  Anklageschrift
mit  dem  Satz:  „Obgleich  sich  der  Angeklagte  den  Schein
der  Wissenschaftlichkeit  gegeben  hat,  so  hat  derselbe
doch  eine  durch  und  durch  praktische  Tendenz."
Den  Schein  der  Wissenschaftlichkeit?  Und  warum
nur  den  Schein?  Ich  fordere  den  Staatsanwalt  auf,
mir  zu  erweisen,  warum  dieser  wissenschaftlichen  Leistung ­
  nur  der  Schein  der  Wissenschaftlichkeit  zukommen
soll!
Ich  glaube,  ich  bin,  wenn  es  sich  um  die  Frage  handelt:
was  Wissenschaft  ist  oder  nicht,  besser  befugt  mitzusprechen ­
  als  der  Staatsanwalt.
In  verschiedenen  und  schwierigen  Gebieten  der  Wissenschaft ­
  habe  ich  umfangreiche  Werke  zutage  gefördert,
keine  Mühen  und  keine  Nachtwachen  gescheut,  um  die
Grenzen  der  Wissenschaft  selbst  zu  erweitern,  und  ich
kann  vielleicht  mit  Horaz  sagen:  militavi  non  sine
gloria.
Aber  ich  selbst  erkläre  Ihnen:  Niemals,  nicht  in  meinen
umfangreichsten  Werken,  habe  ich  eine  Zeile  geschrieben,
die  strenger  wissenschaftlich  gedacht  wäre,  als  diese  Produktion ­
  von  ihrer  ersten  Seite  bis  zur  letzten.
Ich  behaupte  ferner,  daß  diese  Broschüre  nicht  nur  ein
wissenschaftliches  Werk  wie  so  manches  andere  ist,  welche«
        <pb n="93" />
        101

bereits  bekannte  Resultate  zusammenfaßt,  sondern  daß
sie  sogar  in  der  vielfachsten  Hinsicht  eine  wissenschaftliche
Tat,  eine  Entwicklung  von  neuen  wissenschaftlichen
Gedanken  ist.
Welches  ist  daS  Kriterium  für  die  Wissenschaftlichkeit
eines  Buches?  Doch  kein  anderes  als  sein  Inhalt.
Werfen  Sie  also  einen  Blick  auf  den  Inhalt  dieser
Broschüre.
Dieser  Inhalt  ist  nichts  anderes  als  eine  auf  vierundvierzig ­
  Seiten  zusammengedrängte  Philosophie  der
Geschichte,  beginnend  mit  dem  Mittelalter  und  gehend
bis  auf  die  heutige  Zeit.
Es  ist  eine  Entwicklung  des  objektiven  vernünftigen
Gedankenprozesses,  welcher  der  europäischen  Geschichte
seit  länger  denn  ein  Jahrtausend  zugrunde  liegt;  eine
Entfaltung  der  inneren  Seele,  welche  der  scheinbar  nur
tatsächlichen,  scheinbar  nur  empirischen  historischen  Realität ­
  innewohnt  und  sie  als  ihre  bewegende  und  zeugende
Macht  aus  sich  herausgesetzt  hat.  Es  ist  der  trotz  der  Kürze
der  Broschüre  genau  entwickelte  Nachweis,  daß  die  Geschichte ­
  nichts  anderes  ist  als  eine  mit  innerer  Notwendigkeit ­
  und  unter  der  Larve  scheinbar  rein  äußerlicher  und
materieller  Verhältnisse  sich  vollbringende  stetige  Fortentwicklung ­
  der  Vernunft  und  der  Freiheit.
Drei  große  Weltperioden  führe  ich  in  dem  kurzen
Rahmen  dieser  Broschüre  an  dem  Leser  vorüber,  von
jeder  einzelnen  zeigend,  daß  sie  auf  einem  einheitlichen
Gedanken  beruht,  der  alle  noch  so  sehr  auseinanderliegenden ­
  Gebiete,  alle  noch  so  verschiedenen  und  zerstreuten
Erscheinungen  dieser  Periode  beherrscht;  von  allen  drei
Perioden  untereinander  wiederum  zeigend,  daß  jede
        <pb n="94" />
        102

vorhergehende  nur  die  notwendige  Anbahnung  und
Vorbereitung  der  nachfolgenden,  jede  nachfolgende  nur
die  eigene  immanente  Fortentwicklung,  die  konsequente
Folge  und  Vollendung  der  vorhergehenden  sei,  alle  drei
also  wiederum  untereinander  eine  höhere  Einheit  und
vernünftige  Notwendigkeit  bilden.
Zuerst  die  Periode  der  Feudalität  oder  des  Lehnswesens. ­
  Ich  zeige,  daß  diese  in  allen  ihren  Erscheinungen
auf  dem  einen  Prinzip  der  Herrschaft  des  Grundbesitzes ­
  beruht,  und  zeige  zugleich,  warum  in  jener  Zeit,
nämlich  infolge  der  noch  unendlich  überwiegend  im
Ackerbau  bestehenden  Produktion  der  Gesellschaft,  der
Grundbesitz  notwendig  das  herrschende  Element,
d.  h.  die  Bedingung  aller  staatlichen  und  gesellschaftlichen
Geltung  sein  muß.
Und  bemerken  Sie,  meine  Herren,  mit  welcher  strengen
wissenschaftlichen  Objektivität  und  wie  fern  von  aller
Tendenzmacherei  ich  verfahre.
Wenn  es  ein  Faktum  gibt,  welches  geeignet  war,  jene
Tendenz  daran  anzuknüpfen,  welche  der  Staatsanwalt
dieser  Broschüre  insinuieren  will,  die  besitzlosen  Klassen
zum  Hasse  gegen  die  Besitzenden  zu  erregen,  so  sind  es
die  Bauernkriege!
Wenn  es  ein  Faktum  gibt,  welches  bisher  in  der  Wissenschaft ­
  wie  in  der  Volksmeinung,  zumal  bei  den  besitzlosen ­
  Klassen  der  Gesellschaft,  mit  der  höchsten  Gunst  der
Erinnerung  an  eine  nationale  und  ungerecht  mit  Gewalt
unterdrückte  Erhebung  ausgestattet  war,  so  sind  es  die
Bauernkriege!
Nun  wohl,  unbekümmert  um  diese  Gunst  und  diesen
Schimmer,  mit  welchem  bisher  Wissenschaft  und
        <pb n="95" />
        108

populäre  Meinung  die  Bauernkriege  umgeben  hatten,
entreiße  ich  ihnen  diesen  falschen  Schein  und  zeige,  daß
sie  eine  im  innersten  Grunde  reaktionäre  Bewegung
waren,  die  im  Interesse  der  Freiheitsentwicklung  verunglücken ­
  mußte.
Ferner:
Wenn  es  ein  Institut  in  Deutschland  gibt,  welchem  ich
für  die  Gegenwart  aus  tiefster  Seele  feind  bin  und
welches  ich  als  die  Ursache  unseres  nationalen  Verfalls,
unserer  Schande  und  unserer  Ohnmacht  betrachte,  so  ist
«S  das  Institut  des  Territorialfürstentums!
Nun  wohl,  jene  Broschüre  ist  so  streng  und  objektiv
wissenschaftlich,  so  durchaus  entfernt  von  jeder  persönlichen ­
  Tendenz,  daß  ich  darin  selbst  zeige,  wie  für
jene  Zeit  die  Entstehung  des  Territorialfürstentums  ein
historisch  berechtigtes  und  revolutionäres  Moment,  wie
es  ein  ideeller  Fortschritt  war,  indem  es  den  Gedanken ­
  einer  von  den  Eigentumsverhältnissen  unabhängigen ­
  Staatsidee  darstellt  und  entwickelt,  während
auch  noch  die  Bauernkriege  den  Staat  und  die  staatliche
Berechtigung  auf  das  Prinzip  des  Grundeigentums
gründen  wollten.
Ich  zeige  nun  ferner,  wie  auf  die  Periode  deö  LehnSwesens
  eine  zweite  Weltperiode  folgt;  ich  zeige,  wie,
während  die  Bauernkriege  nur  in  ihrer  Einbildung  revolutionär ­
  waren,  ungefähr  gleichzeitig  mit  ihnen  eine
wirkliche  Revolution  einzutreten  beginnt,  nämlich  der
durch  die  Entwicklung  der  Industrie  und  der  bürgerlichen
Produktion  entstehende  Aapitalreichtum,  welcher
einen  vollständigen  Umschwung  aller  Verhältnisse  vollbringt, ­
  der  in  der  französischen  Revolution  von  1789  nur
        <pb n="96" />
        104

seinen  letzten  Akt,  seine  rechtliche  Sanktion  feiert,
tatsächlich  aber  sich  bereits  seit  drei  Jahrhunderten
allmählich  vollzogen  hatte.
Ich  weise  durch  genaueres  Eingehen,  mit  dessen  Rekapitulation ­
  ich  Sie  nicht  behelligen  will,  die  nationalökonomischen ­
  Faktoren,  die  durch  neue  Produktionsinstrumente ­
  und  dadurch  bedingte  neue  Produktionsweisen
vor  sich  gehende  Entwicklung  nach,  welche  allmählich
aus  der  industriellen  Produktion  den  weit  überwiegenden ­
  Hebel  und  Träger  deö  gesellschaftlichen  Reichtums ­
  machen,  den  Grundbesitz  in  tiefen  Schatten  stellen
und  zu  einer  verhältnismäßigen  Machtlosigkeit  herabdrücken ­
  muß.
Ich  weise  nach,  wie  jetzt  infolgedessen  das  Kapital
als  das  herrschende  Element  dieser  zweiten  Weltperiode
sich  ebenso  notwendig  im  öffentlichen  Recht  zur  privilegierten ­
  Bedingung  der  staatlichen  Berechtigung,  zur
Bedingung  der  Teilnahme  an  der  Bestimmung,  deS
Staatswillens  und  Staatszweckes  machen  muß,  wie  dies
früher  mit  dem  Grundbesitz  im  öffentlichen  Rechte  der
Feudalzeit  der  Fall  gewesen  war.  Ich  weise  nach,  wie
im  direkten  oder  indirekten  Zensus,  in  den  Kautionsund ­
  Stempelgesetzen  für  die  Presse,  in  der  indirekten
Steuer  usw.  das  Kapital  als  Bedingung  zur  Teilnahme
an  der  gesellschaftlichen  Herrschaft  mit  derselben  Konsequenz ­
  und  historischen  Notwendigkeit  sich  entwickeln
muß  wie  früher  der  Grundbesitz.
Auch  diese  zweite  Weltperiode,  die  dreihundertfünfzig
Jahre  angefüllt  hat,  sage  ich  ferner,  ist  innerlich  bereits
abgelaufen,  und  mit  der  französischen  Revolution  deS
Jahres  1848  ist  die  Morgendämmerung  einer  neuen
        <pb n="97" />
        106

und  dritten  Weltperiode  angebrochen,  die  durch  da«  von
ihr  proklamierte  allgemeine  gleiche  Wahlrecht  jedem
ohne  alle  Rücksicht  auf  irgendwelche  Besitzverhältnisse
einen  gleichmäßigen  Anteil  an  der  Herrschaft  über  den
Staat,  an  der  Bestimmung  de«  Staatswillens  und  de«
Staatszweckes  sichert  und  somit  die  weder  an  die  Be«
dingung  des  Grundbesitzes  noch  des  Kapitalbesitzes  gebundene ­
  freie  Arbeit  als  das  herrschende  Prinzip  der
Gesellschaft  einsetzt.
Ich  entwickle  nun  den  Unterschied  in  der  sittlichen  Idee
der  Bourgeoisie  und  der  sittlichen  Idee  des  Arbeiterstandes ­
  und  ferner  den  sich  hieraus  wieder  ergebenden
Unterschied  in  der  Auffassung  des  Staatszweckes  in
beiden  Klassen.  Wenn  die  Adelsidee  die  Geltung  de«
Individuums  an  eine  bestimmte  natürliche  Abstammung
und  gesellschaftliche  Lage  band,  so  ist  es  die  sittliche  Idee
der  Bourgeoisie,  daß  jede  solche  rechtliche'  Beschränkung
ein  Unrecht  sei,  das  Individuum  vielmehr  gelten  müsse
rein  als  solches,  und  ihm  nichts  anderes  als  die  ungehinderte ­
  Selbstbetätigung  seiner  Kräfte  als  einzelner  zu  garantieren ­
  sei.  Wären  wir  nun,  sage  ich,  alle  von  Natur  gleich
reich,  gleich  gescheit,  gleich  gebildet,  so  möchte  diese  sittliche ­
  Idee  eine  ausreichende  sein.  Da  aber  diese  Gleichheit ­
  nicht  stattfinde  noch  stattfinden  könne,  da  wir  nicht
als  Individuen  schlechtweg,  sondern  mit  bestimmten
Unterschieden  des  Besitzes  und  der  Anlagen  in  die  Welt
treten,  die  dann  auch  wieder  entscheidend  werden  über
die  Unterschiede  der  Bildung,  so  sei  diese  sittliche  Idee
noch  keine  ausreichende.  Denn  wäre  nun  dennoch  in
der  Gesellschaft  nichts  zu  garantieren  als  die  ungehinderte
Selbstbetätigung  des  Individuums,  so  müsse  da«  in
        <pb n="98" />
        106

seinen  Konsequenzen  zu  einer  Ausbeutung  des  Schwächeren ­
  durch  den  Stärkeren  führen.  Die  sittliche  Idee
des  Arbeiterstandes  sei  daher  die,  daß  die  ungehinderte
freie  Betätigung  der  individuellen  Kräfte  durch  das  Individuum ­
  für  sich  allein  noch  nicht  ausreiche,  sondern  daß
zu  ihr  in  einem  sittlich  geordneten  Gemeinwesen  noch
hinzutreten  müsse:  die  Solidarität  der  Interessen,
die  Gemeinsamkeit  und  Gegenseitigkeit  in  der
Entwicklung.
Aus  diesem  Unterschiede  der  sittlichen  Idee  ergebe  sich
sofort  auch  der  Unterschied  in  der  Auffassung  des  Staatszweckes ­
  bei  beiden  Ständen.
Die  Bourgeoisie  habe  die  Doktrin  produziert:  die
Aufgabe  des  Staats  bestehe  darin,  die  persönliche  Freiheit ­
  des  einzelnen  und  sein  Eigentum  zu  schützen!  Dies
sei  die  Doktrin  der  wissenschaftlichen  Vertreter  der  Bourgeoisie, ­
  dies  die  Doktrin  ihrer  politischen  Führer  oder
des  Liberalismus.
Aber  dies  sei  eine  höchst  dürftige,  unwissenschaftliche
und  der  wahren  Natur  des  Staates  nicht  entsprechende
Theorie.
Die  Geschichte  sei  ein  Kampf  mit  der  Natur,  mit  dem
Elend,  der  Unwissenheit,  der  Machtlosigkeit  und  somit
der  Unfreiheit  aller  Art,  in  der  wir  uns  im  Naturstand,
am  Anfang  der  Geschichte,  befinden.  Die  fortschreitende
Besiegung  dieser  Machtlosigkeit,  das  sei  die  Entwicklung
der  Freiheit,  welche  die  Geschichte  darstelle.  In  diesem
Kampfe  würden  wir  niemals  einen  Schritt  vorwärts
gemacht  haben  oder  jemals  weiter  machen,  wenn  wir
ihn  als  einzelne,  jeder  für  sich,  jeder  allein  geführt
hätten  oder  führen  wollten.
        <pb n="99" />
        107

Der  Staat  sei  nun  gerade  diese  Einheit  und  Verbindung
der  Individuen  zu  einem  sittlichen  Ganzen,  welche  die
Funktion  habe,  diesen  Kampf  zu  führen,  eine  Vereinigung) ­
  welche  die  Kräfte  aller  einzelnen,  in  die  sie  eingeschlossen ­
  sind,  millionenfach  vermehrt,  die  Kräfte,
welche  ihnen  allen  als  einzelnen  zu  Gebote  stehen
würden,  millionenfach  vervielfältigt.
Der  Zweck  des  Staates  sei  also  nicht  der,  dem  einzelnen
nur  die  persönliche  Freiheit  und  das  Eigentum  zu  schützen,
mit  welchen  er  nach  der  Idee  der  Bourgeoisie  angeblich
schon  in  den  Staat  eintritt,  während  er  in  Wahrheit  beide,
Freiheit  und  Eigentum,  erst  im  Staate  und  durch  den
Staat  produziert.  Der  Zweck  des  Staates  könne  vielmehr ­
  kein  andrer  sein,  als  das  zu  vollbringen,  was  von
Haus  aus  schon  seine  natürliche  Funktion  sei,  also
formell  ausgesprochen:  durch  die  Staatsvereinigung  die
einzelnen  in  den  Stand  zu  setzen,  solche  Zwecke  und  eine
solche  Stufe  des  Daseins  zu  erreichen,  die  sie  als  einzelne
niemals  erreichen  könnten.
Der  letzte  und  inhaltliche  Zweck  des  Staates  sei  somit
der:  das  menschliche  Wesen  zur  positiven  Entfaltung
und  fortschreitenden  Entwicklung  zu  bringen,  mit
andern  Worten:  die  menschliche  Bestimmung,  daheißt
  alle  Kultur,  deren  das  Menschengeschlecht  fähig
sei,  zum  wirklichen  Dasein  herauszuringen  und  zu
gestalten.  Er  sei  die  Erziehung  und  Entwicklung  deS
Menschengeschlechts  zur  Freiheit.
In  der  Tat  arbeite  auf  diese  Auffassung  des  Staats
unter  uns  schon  die  antike  Bildung,  welche  nun  einmal
die  unverlierbare  Grundlage  des  deutschen  Geistes  geworden ­
  sei,  mächtig  hin,  wofür  ich  die  Worte  des  großen
        <pb n="100" />
        108

Hauptes  unsrer  Wissenschaft,  August  Böckhs,  anführe:
„Der  Begriff  des  Staates  sei  nach  ihm  notwendig  dahin
zu  erweitern,  daß  der  Staat  die  Einrichtung  sei,  in  welcher
die  ganze  Tugend  der  Menschheit  sich  verwirklichen  solle."
Vor  allem  aber  sei  die  entwickelte  Staatsidee  die  Idee
des  Arbeiterstandes  zu  nennen.  Denn  wenn  auch  jeder
andre  durch  Einsicht  und  Bildung  sich  zu  dieser  Erkenntnis ­
  erheben  könne,  so  liege  sie  dem  Arbeiterstande  durch
die  hilflose  Lage,  in  welcher  sich  seine  Mitglieder  als
einzelne  befinden,  schon  instinktmäßig,  schon  materiell
und  ökonomisch  nahe.
Diese  ökonomische  Lage  erzeuge  notwendig  in  diesem
Stande  den  tiefen  Instinkt,  daß  es  die  Bestimmung  deö
Staates  sei  und  sein  müsse,  dem  einzelnen  durch  die  Vereinigung ­
  aller  zu  einer  solchen  Entwicklung  zu  verhelfen,
zu  der  er  als  einzelner  nicht  befähigt  wäre.
In  der  Tat  aber  stelle  diese  sittliche  Staatsidee  nicht
eine  solche  dar,  die  nicht  auch  bisher  schon  die  treibende
Idee  des  Staates  gewesen.  Sondern  im  Gegenteil,
dies  sei,  wie  schon  aus  dem  vorigen  folge,  seit  je  die  nur
unbewußte  Natur  des  Staats  gewesen,  die  sich  durch
den  vernünftigen  Zwang  der  Dinge  auch  ohne  den
Willen  des  Staates,  auch  gegen  den  Willen  seiner
Leiter  mehr  oder  weniger  immer  ausgeführt  habe.
Indem  die  Idee  des  Arbeiterstandes  als  die  herrschende
Idee  des  Staates  ausgestellt  werde,  werde  also  nur,  was
auch  bisher  schon  seit  je  die  dunkle  organische  Natur  des
Staates  gewesen,  zur  Erkenntnis  gebracht  und  zum
bewußten  Zwecke  der  Gesellschaft  herausgerungen.
Dies  ist  die  große  Kontinuität  und  Einheit  aller
menschlichen  Entwicklung,  daß  nichts  Neues  in  sie  hinein-
        <pb n="101" />
        109

A

schneit,  daß  in  ihr  nur  immer  zur  bewußten  Erkenntnis
gebracht  und  nun  mit  Willensfreiheit  verwirklicht
wird,  was  seit  je  schon  an  sich  die  unbewußt  wirkende
organische  Natur  der  Dinge  gewesen  ist.
Mit  der  französischen  Februarrevolution  des  Jahres
1848  sei  nun  aber  dieses  Bewußtsein  eingetreten  und  verkündet ­
  worden.  Denn  man  habe  dies  erst  symbolisch
dargestellt,  indem  man  einen  Arbeiter  in  die  provisorische
Regierung  berufen,  und  man  habe  ferner  das  allgemeine
gleiche  und  direkte  Wahlrecht  proklamiert,  welches  das
formelle  Mittel  zur  Verwirklichung  dieser  Idee  sei.  Mit
dem  Februar  1848  sei  somit  die  Geschichtsperiode  angebrochen, ­
  in  welcher  mit  Bewußtsein  die  sittliche  Idee
des  Arbeiterstandes  als  die  herrschende  Idee  der  Gesellschaft ­
  verkündet  wird.
Wir  könnten  uns  Glück  wünschen,  in  einer  Geschichtsperiode ­
  zu  leben,  welche  der  Verwirklichung  dieses  hohen
Zieles  geweiht  sei.  Vor  allem  aber  folge  daraus  für  den
Arbeiterstand,  daß  eS  die  Bestimmung  dieser  Geschichtsperiode ­
  sei,  die  Idee  seines  Standes  zur  herrschenden
Idee  der  Gesellschaft  zu  machen,  die  Pflicht  der  sittlichsten,
feierlichsten  und  in  den  Ernst  des  Gedankens  vertieften
Haltung.
Dies  ist  in  konzentriertester  Kürze  der  Inhalt  und
Gedankengang  jenes  gedruckten  Vortrages.
Was  ich  dann  erstrebt  habe,  ist  nichts  andres,  als  dem
Hörer  das  innere  philosophische  Verständnis  der  Geschichte,
dieser  schwersten  aller  Wissenschaften,  zu  eröffnen,  sie
ihm  als  ein  an  sich  nach  notwendigen  Gesetzen  stufenweise ­
  entwickelndes  vernünftiges  Ganze  zum  Bewußtsein
zu  bringen.
        <pb n="102" />
        110

Ein  in  eine  solche  Aufgabe  Vertiefter  hat  sicher  das  Recht,
dem  Staatsanwalt  zuzurufen,  was  bei  der  Einnahme  von
Syrakus  der  mathematische  Figuren  im  Sand  entwerfende
und  in  tiefes  Sinnen  darüber  verlorene  Archimedes  dem  ihn
mit  dem  Schwert  anfallenden  rohen  Söldner  zurief:  Noli
turbare  circulos  meos!  „Wolle  meine  Zirkel  nicht  stören!"
Fünf  Wissenschaften  und  mehr,  Geschichte  im  engern
Sinne,  die  Wissenschaft  des  Rechts  und  der  Rechtsgeschichte,
  Nationalökonomie,  Statistik,  Finanz,  und  endlich ­
  die  letzte  und  schwierigste  der  Wissenschaften,  die
Gedankenwissenschaft  oder  Philosophie,  haben  sich  die
Hand  reichen,  haben  beherrscht  werden  müssen,  um  mich
in  den  Stand  zu  setzen,  diese  Broschüre  zu  verfassen.
Welch  ein  Ausbund  von  Wissenschaft  muß  der
Staatsanwalt  sein,  wenn  dies  alles  noch  nicht  hinreicht,
um  vor  seinen  Augen  einem  Werke  das  Attribut  eines
wissenschaftlichen  zu  verdienen!
Präsident  (bei  der  Erhebung  deL  StaatLanwalteS  jum
Proteste  den  Redner  unterbrechend):  Ich  rufe  nun,  in  Übereinstimmung
  mit  dem  Gerichtshöfe,  den  Angeklagten
zum  letzten  Male  zur  Ordnung.  Diese  wird  gröblich
verletzt,  wenn  er  in  so  direkter  Weise  den  Staatsanwalt
einen  „Ausbund  von  Wissenschaftlichkeit"  nennt.
Verteidiger:  Ich  möchte  der  Erwägung  anheimgeben, ­
  ob  dem  Angeklagten,  der  in  dem  Gefühle  seiner
Unschuld  sehr  erregt  sein  niag,  nicht  die  Worte  etwas
weniger  streng  abgewogen  werden  sollten.
Präsident:  Je  mehr  der  Angeklagte  überzeugt  wäre
von  seiner  Unschuld  und  von  der  Reinheit  seiner  Sache,
um  so  weniger  hätte  er  Veranlassung,  den  Herrn  Staatsanwalt ­
  persönlich  zu  beleidigen.
        <pb n="103" />
        111

Angeklagter  (das  Wort  wieder  nehmend):  Ich  bitte,
mir  eine  Verständigung  hierüber  zu  gestalten...
Präsident:  Dazu  ist  hier  nicht  der  Ort.
Angeklagter:  Ich  muß  bemerken,  daß  mir  nicht
entfernt  in  den  Sinn  gekommen  ist,  die  Staatsanwaltschaft ­
  zu  beleidigen.  Sie  hat  wohl  ein  Recht  darauf,  hier
nicht  beleidigt  zu  werden.  Ein  Recht  auf  besondere
Schonung  hat  sie  nicht!
Staatsanwalt:  Ich  verlange  keine  Schonung.
Aber  ich  verlange,  daß  nunmehr,  dem  bereits  gefaßten
Beschlusse  des  hohen  Gerichtshofes  gemäß,  dem  Angeklagten ­
  das  Wort  entzogen  bleibe,  da  er  den
Staatsanwalt  verletzt  hat.
(Kurze  Pause.  Dar  Kollegium  wechselt  einig«  Worte.  Dann)
Präsident:  Der  Gerichtshof  spricht  sich  dahin  aus,
daß  der  Angeklagte  wohl  nicht  gemeint  hat,  der  Staatsanwalt ­
  sei  wirklich  ein  Ausbund  von  Wissenschaftlichkeit. ­
  So  ungehörig  aber  die  Ausdrucksweise  erscheint,
so  will  der  Gerichtshof  diesmal  noch  von  der  Entziehung
des  Wortes  absehen.
Lassalle  (fortfahrend):  Aber  die  Anklageschrift  gibt
bei  genauerer  Betrachtung  selbst  an,  warum  diesem
Werke  das  Requisit  eines  wissenschaftlichen  nicht  zukomme.
Sie  sagt:  „Obgleich  sich  der  Angeklagte  Lassalle  bei
diesem  Vortrage  den  Schein  der  Wissenschaftlichkeit  gegeben ­
  hat,  so  hat  derselbe  doch  —  eine  durch  und  durch
praktische  Tendenz."
Also,  weil  der  Vortrag  angeblich  eine  praktische  Tendenz ­
  hat,  deshalb  ist  er  nach  dem  Staatsanwalt  nicht
wissenschaftlich!  Das  Requisit,  die  Bedingung  der  Wissenschaftlichkeit, ­
  ist  nach  dem  Staatsanwalt,  keine  praktische
        <pb n="104" />
        112

Tendenz  zu  haben!  Ich  möchte  den  Staatsanwalt  —
ein  Schelling  hat  die  Anklageakte  gegen  mich  unterzeichnet ­
  —  fragen:  Wo  hat  er  das  gelernt?  Bei
seinem  Vater—  sicher  nicht!  Schelling,  der  Vater,  gibt
als  den  Zweck  der  Philosophie  keinen  geringeren  an  als
den:  die  gesamte  Zeit  umzuformen.
Und  sicher  wird  der  Staatsanwalt  auch  wenig  Glück
bei  den  andern  Männern  der  Wissenschaft  nüt  dieser
seiner  nagelneuen  und  merkwürdigen  Entdeckung  machen!
„Was  wollen  denn  zuletzt"  —  sagt  Fichte  in  seinen
Reden  an  die  deutsche  Nation  —  „alle  unsre  Bemühungen ­
  um  die  abgezogensten  Wissenschaften?  Lasset  sein,
der  nächste  Zweck  dieser  Bemühungen  sei  der,  die  Wissenschaft ­
  fortzupflanzen  von  Geschlecht  zu  Geschlecht  und  in
der  Welt  zu  erhalten,  warum  sollen  sie  denn  auch  erhalten ­
  werden?  Offenbar  nur,  um  zu  rechter  Zeit
das  allgemeine  Leben  und  die  ganze  menschliche
Ordnung  der  Dinge  zu  gestalten.  —  Dies  ist  ihr
letzter  Zweck;  mittelbar  dient  sonach,  sei  eS  auch  erst  in
einer  späteren  Zukunft,  jede  wissenschaftliche  Bestrebung
dem  Staate."
So  weit  Fichte!
Meine  Herren  Präsident  und  Räte!  Es  würde  eine
Geringschätzung  gegen  Ihren  eigenen  erleuchteten  Blick
in  sich  schließen,  wenn  ich  diese  staatsanwaltliche  Entdeckung, ­
  nicht  praktische  Tendenz  zu  haben,  sei  ein  notwendiges ­
  Requisit  der  Wissenschaft,  auch  nur  eines  einzigen ­
  weiteren  Wortes  der  Widerlegung  würdigen  wollte.
Ich  hatte  in  der  Tat  bei  dieser  Broschüre  die  ausnehmend ­
  praktische  Tendenz,  meine  Leser  zum  Verständnis
ihrer  Zeit  zu  bringen  und  dadurch  für  immer  bestimmend
        <pb n="105" />
        5.  q
W

113

Bak  200C Wdfwtrc ^'  o-W
  ^  K  I  9  i  C.  .

6,

auf  alle  Handlungen  einzuwirken,  die  sie  in  der  ganzen
Dauer  ihres  Lebens  vornehmen.
Welches  ist  nun  aber  das  Requisit  der  Wissenschaft,
welches  der  Staatsanwalt  hier  vermissen  kann?
Ist  eS  vielleicht  der  ihm  etwa  erforderlich  scheinende
äußere  Umfang  deS  Werkes?  Der  Umstand,  daß  diese
Produktion  nur  in  einer  Broschüre  von  drei  Bogen  und
nicht  in  einem  in-folio  von  drei  dicken  Bänden  besteht?
Seit  wann  aber  wäre  der  Umfang  statt  des  Inhalte«
der  Maßstab  für  die  Wissenschaftlichkeit  eines  Werkes
gewesen?
Im  vorigen  Jahre  hielt  ich  bei  der  Feier  von  Fichte«
Geburt  als  Redner  der  philosophischen  Gesellschaft  eine
Festrede,  in  welcher  ich  die  innere  Geschichte  der  deutschen
Metaphysik  zu  geben  hatte.  Diese  Broschüre  umfaßt
sogar  nur  fünfunddreißig  Seiten,  während  die  gegenwärtige ­
  vierundvierzig  Seiten  zählt.
Wird  der  Staatsanwalt,  um  dieser  Kürze  halber,
leugnen  wollen,  daß  sie  eine  wissenschaftliche  Produktion ­
  war?
Wer  sieht  nicht  vielmehr,  daß  die  hier  in  Rede  stehende
wissenschaftliche  Leistung  gerade  eine  um  so  vollere  und
schwierigere  war,  als  ich  einerseits  genötigt  war,  meine
Ausführungen  auf  einen  zweistündigen  Vortrag,  auf
den  Raum  einer  Broschüre  von  vierundvierzig  Seiten
zusammenzudrängen,  und  als  ich  andrerseits  zu  einem
Publikum  sprach,  bei  welchem  ich  keine  wissenschaftlichen
Voraussetzungen  machen  konnte.  Die  Besiegung  dieser
Schwierigkeiten  erfordert,  wenn,  wie  hier,  der  wissenschaftlichen ­
  Tiefe  nichts  vergeben  werden  soll,  eine  Präzision, ­
  eine  Konzentrierung  und  eine  Klarheit
        <pb n="106" />
        114

des  Gedankens,  welche  bei  weitem  den  Grad  der  wissenschaftlichen ­
  Anstrengung  überschreitet,  die  in  der  Regel
für  umfangreiche  Werke  gemacht  zu  werden  braucht.
Welches  ist  also,  ich  frage  nochmals,  das  Requisit  der
Wissenschaftlichkeit,  welches  diesem  Vortrage  fehlt?
Sollte  es  vielleicht  der  Ort  sein,  wo  ich  ihn  gehalten
habe?
Und  hier  berühre  ich  in  der  Tat  den  innersten  Kern,
aber  auch  den  wundesten  Fleck  dieser  Anklage.
Möchte  doch  —  so  sagt  sich  offenbar  der  Staatsanwalt
—  dieser  Vortrag  immerhin  gehalten  worden  sein,  wo
er  wollte,  von  dem  Katheder  herab  oder  in  der  Singakademie ­
  vor  der  sogenannten  Elite  eines  gebildeten
Publikums;  aber  daß  dieser  Vortrag  vor  dem  eigentlichen
Volke,  daß  er  vor  Arbeitern  gehalten  und  an  Arbeiter
gerichtet  ist  —,  das  macht  ihn  zu  einen:  nichtwissenschaftlichen, ­
  das  macht  ihn  zu  einem  Verbrechen!
Crimen  novum  atque  inauditum!
Ich  könnte  mich  darauf  beschranken,  Ihnen  zu  erwidern,
daß  eS  für  den  Inhalt  eines  Vortrags,  und  somit  für
seine  Wissenschaftlichkeit,  vollkommen  gleichgültig  sei,
an  welchem  Orte  er  gehalten  worden,  ob  in  der  königlichen ­
  Akademie  der  Wissenschaften  vor  der  Blüte  der
Gelehrten  oder  in  einem  Saale  der  Dorstadt  vor  den
Maschinenbauarbeitern.
Aber  ich  bin  Ihnen,  meine  Herren,  eine  vollere  Antwort ­
  schuldig.  —  Zuerst  muß  ich  Ihnen  mein  Erstaunen
ausdrücken,  daß  hier  in  Berlin,  in  der  Stadt,  wo  Fichte
seine  unsterblichen  populär-philosophischen  Borträge,
seine  Reden  über  die  Grundzüge  des  gegenwärtigen
Zeitalters  und  seine  Reden  an  die  deutsche  Nation  vor
        <pb n="107" />
        115

allem  Publikum  gehalten  hat,  eine  solche,  die  Wissenschaftlichkeit ­
  an  den  Ort  knüpfende  Ansicht  auch  nur  bei
irgend  jemand  noch  möglich  ist!
Dies  gerade  ist  die  Größe  der  Bestimmung  dieser  Zeit,
auszuführen,  was  finstere  Jahrhunderte  nicht  einmal
zu  denken  für  möglich  gehalten  haben,  die  Wissenschaft ­
  an  das  Volk  zu  bringen!
Mag  man  sich  die  Schwierigkeiten  dieser  Aufgabe  vorstellen, ­
  so  groß  man  will  —,  unsere  Anstrengungen  sind
bereit,  mit  ihnen  zu  ringen,  unsere  Nachtwachen  sind
da,  sie  zu  überwinden!
Zwei  Dinge  allein  sind  groß  geblieben  in  dem  allgemeinen ­
  Verfall,  der  für  den  tiefern  Kenner  der  Geschichte ­
  alle  Zustände  des  europäischen  Lebens  ergriffen
hat,  zwei  Dinge  allein  sind  frisch  geblieben  und  fortzeugend ­
  mitten  in  der  schleichenden  Auszehrung  der
Selbstsucht,  welche  alle  Adern  des  europäischen  Lebendurchdrungen
  hat:  die  Wissenschaft  und  das  Volk,
die  Wissenschaft  und  die  Arbeiter!
Die  Vereinigung  beider  allein  kann  den  Schoß  europäischer ­
  Zustände  mit  neuem  Leben  befruchten.
Die  Allianz  der  Wissenschaft  und  der  Arbeiter,
dieser  beiden  entgegengesetzten  Pole  der  Gesellschaft,
die,  wenn  sie  sich  umarmen,  alle  Kulturhindernisse  in
ihren  ehernen  Armen  erdrücken  werden  —,  da&amp;lt;  ist
das  Ziel,  dem  ich,  solange  ich  atme,  mein  Leben  zu
weihen  beschlossen  habe!
Die  Männer,  die  sich  unbekümmert  um  alle  Schwierigkeiten ­
  und  ringend  aus  allen  Kräften  ihres  Geistes  der
Ricsenaufgabe  unterziehen,  Wissenschaft  und  wissenschaftliches ­
  Denken  in  dar  Volk  zu  bringen  —,  verdienen  sie
        <pb n="108" />
        116

wirklich  dadurch  die  Anklage,  die  Besitzlosen  zum  Hasse
gegen  die  Besitzenden  aufstacheln  zu  wollen,  oder  verdienen ­
  sie  dadurch  nicht  vielmehr  den  Dank  und  die
Liebe  gerade  der  besitzenden  Klassen,  gerade  der  Bourgeoisie ­
  vor  allen?
Woher  kommt  alle  politische  Furcht  der  Bourgeoisie
vor  dem  Volke?
Werfen  Sie  einen  Blick  der  Erinnerung  in  die  Monate
März,  April  und  Mai  des  Jahres  1848.
Haben  Sie  vergessen,  wie  eö  damals  hier  aussah?
Die  Polizeimacht  war  gebrochen,  das  Volk  füllte  alle
Gassen  und  öffentlichen  Plätze.  Und  alle  Gassen,  alle
öffentlichen  Plätze  und  alles  Volk  —  ausschließlich  in
der  Hand  eines  Karbe,  eines  Lindenmüller  und  ähnlicher
gedankenloser  Agitatoren,  Männer  ohne  Wissen,  ohne
Bildung,  ohne  Einsicht,  aufgewirbelt  vom  Sturme,  der
das  politische  Leben  bis  in  seine  Tiefen  peitschte!  Die
Bourgeoisie,  scheu  und  furchtsam  das  Zimmer  hütend,
jeden  Augenblick  zitternd  für  ihr  Eigentum  und  ihr  Leben,
das  sie  in  der  Hand  roher  Agitatoren  sah,  die  nur  zu  gutmütig ­
  waren,  um  von  ihrer  Macht  den  gefürchteten
Gebrauch  zu  machen.  Die  Bourgeoisie,  heimlich  betend
für  die  Rückkehr  des  Polizeizwanges,  unter  einer  Furcht
bebend,  die  sie  noch  bis  heute  nicht  vergessen  hat,  und  deren
Angedenken  sie  noch  bis  heute  unfähig  zum  politischen
Kampfe  macht!
Woher  kam  es,  daß  in  einer  Stadt,  die  sich  stolz  die
Metropole  der  Intelligenz  nennt,  in  einer  so  großen
Stadt,  dem  Sitze  der  leuchtendsten  Geister,  das  Volk
monatelang  einem  Karbe  und  Lindenmüller  gehören
und  Sie  für  Leben  und  Eigentum  zittern  konnten?
        <pb n="109" />
        117

Wo  waren  die  Intelligenz  Berlins,  die  Männer  der
Wissenschaft  und  des  Gedankens,  wo  waren  Sie  alle,
meine  Herren?
Eine  ganze  Stadt  ist  nicht  feige.
Aber  Sie  sagten  sich:  das  Volk  versteht  unsere  Gedanken, ­
  versteht  selbst  unsere  Sprache  nicht.  Ein  Abgrund ­
  besteht  zwischen  unserem  wissenschaftlichen  Denken
und  der  Bildung  der  Menge,  zwischen  der  Sprache  des
wissenschaftlichen  Gedankens  und  den  Vorstellungen  deö
Volks.  Es  würde  uns  nicht  begreifen.  Darum  gehört
dem  Rohesten  die  Tribüne!
Das  sagten  Sie  sich,  und  schwiegen!  —  Nun,  meine
Herren,  sind  Sie  so  sicher,  daß  nie  wieder  eine  politische
Erschütterung  zurückkehren  wird?  Wollen  Sie  schwören,
daß  Sie  am  Ende  der  geschichtlichen  Bewegungen  stehen?
Wollen  Sie  dann  wieder  Ihr  Leben  und  Eigentum
in  der  Hand  eines  Karbe  und  Lindenmüller  wissen?
Wenn  nicht,  so  danken  Sie  den  Männern,  die  sich
der  Arbeit  gewidmet  haben,  jenen  Abgrund  auszufüllen,
welcher  wissenschaftliches  Denken  und  wissenschaftliche
Sprache  von  dem  Volke  trennt,  und  so  die  Barriere  einzureißen, ­
  welche  Bourgeoisie  und  Volk  auseinanderhält.
Danken  Sie  jenen  Männern,  welche  auf  Kosten  ihrer
eigenen  geistigen  Anstrengungen  eine  Arbeit  übernommen ­
  haben,  deren  Resultate  dann  Ihnen  allen  und
jedem  einzelnen  von  Ihnen  zugute  kommen!
Speisen  Sie  diese  Männer  auf  dem  Prytaneion  —
und  stellen  Sie  sie  nicht  unter  Anklage!
Aber  es  ist  mir  nicht  gestattet,  mir  meine  Verteidigung
so  leicht  zu  machen.  Die  Anklage,  die  Besitzlosen  zum  Hasse
gegen  die  Besitzenden  haben  aufreizen  wollen,  ist  eine
        <pb n="110" />
        118

solche,  die,  selbst  abgesehen  von  der  Strafe,  auch  den
Namen  und  Leumund  des  Bürgers  bedroht.  Sie  ist
eine  solche,  die  selbst  aus  rein  juristisch  formellen  Gründen
abgewiesen,  noch  immer  einen  Verdacht  auf  dem  Angeklagten ­
  zurücklassen  könnte.  Sie  werden  daher,  meine
Herren  Präsident  und  Räte,  nur  einen  Beweis  meiner
Achtung  vor  Ihnen  darin  erblicken,  wenn  ich  meine  Ehre
vor  Ihnen  ebenso  sorgsam  wahre  wie  meine  Freiheit,
und  deshalb  ebenso  sorgfältig  die  tatsächlichen  wie  die
rechtlichen  Gründe  entwickle,  welche  die  Anklage  widerlegen, ­
  und  Sie  werden  daher,  ich  bin  dessen  gewiß,  es
mit  derselben  Nachsicht  hinnehmen,  daß  auch  dieser  zweite
Teil  meiner  Verteidigung  nicht  viel  kürzer  ausfallen  kann
als  der  erste.
Ich  bin  angeklagt,  gegen  den  §  100  des  Strafgesetzbuchs ­
  verstoßen  zu  haben.  Derselbe  lautet:
„Wer  den  öffentlichen  Frieden  dadurch  gefährdet,
daß  er  die  Angehörigen  des  Staats  zum  Haß  oder  zur
Verachtung  gegeneinander  öffentlich  anreizt,  wird
mit  Geldstrafe  von  zwanzig  bis  zu  zweihundert  Talern
oder  mit  Gefängnis  von  einem  Monat  bis  zu  zwei
Jahren  bestraft."
Dieser  Vortrag  kann  unmöglich  die  Wirkung,  zu
Haß  und  Verachtung  anzureizen,  und  ebenso  unmöglich
die  Absicht  dazu  gehabt  haben.
Wodurch  könnten  Haß  und  Verachtung  allein  verdient
werden?
Durch  Schlechtigkeit,  welche  wieder  nur  bestehen
kann  in  willkürlich  freien  Handlungen  der  Menschen.
Ich  aber  zeige  in  meinem  Vortrage,  daß  die  Herrschaft
des  Prinzips  der  Bourgeoisie,  gegen  welche  ich  nach
        <pb n="111" />
        119

dem  Staatsanwalt  zum  Hasse  anreizen  soll,  eine  welthistorisch ­
  notwendige,  ökonomische  und  sittliche  Entwicklungsstufe ­
  ist,  daß  sie  gar  nicht  nicht  sein  konnte  und
mit  derselben  Naturnotwendigkeit  bekleidet  ist  wie  die
physischen  Entwicklungsprozesse  der  Erde.
Haßt  man  auch  die  Natur,  weil  man  mit  ihr  ringt?
ihre  Prozesse  zu  leiten,  ihre  Produktionen  zu  verbessern
strebt?
Aber  ferner:  Wie  hat  der  Staatsanwalt  meine  Lehre
begriffen!
Es  ist  der  Grundgedanke  meines  Vortrags,  daß  keineswegs ­
  die  Besitzenden  als  Personen,  bewußt  und  frei,
absichtlich  und  verantwortlich,  die  Herrschaft  der  Bourgeoisie ­
  produziert  haben,  sondern  daß  umgekehrt  sie,
die  Bourgeois,  nur  die  unbewußten,  willenlosen,  und
darum  unverantwortlichen  Produkte,  nicht  Produzenten, ­
  dieser  Weltlage  sind,  die  sich  aus  ganz  andern
Gesetzen  als  aus  dem  subjektiven  Willen  entwickelt  habe.
Sogar  den  Widerstand,  diese  Herrschaft  aufzugeben,
führe  ich  auf  das  Gesetz  der  menschlichen  Natur  zurück,
in  der  es  liege,  bei  dem  Gegebenen  zu  verharren  und  dies
für  das  Notwendige  zu  erachten.  Und  eine  Lehre,  welche
den  Besitzenden  sogar  die  Verantwortlichkeit  für  den
bestehenden  Zustand  entzieht,  sie  aus  Produzenten  desselben ­
  zu  seinen  Produkten  niacht,  will  der  Staatsanwalt
beschuldigen,  zu  Haß  und  Verachtung  gegen  diese  Personen ­
  angereizt  zu  haben.
Kein  Arbeitsmann  hat  meinen  Vortrag  so  schlecht  verstanden ­
  wie  der  Staatsanwalt,  und  ich  überlasse  ihm  die
Wahl,  ob  seine  Fähigkeit  zu  verstehen  oder  sein  Wille
dazu  so  gering  ist.
        <pb n="112" />
        120

Aber  noch  mehr:  ich  zeige,  daß  die  Herrschaft  der  Idee
der  Bourgeoisie  eine  weltbefreiende,  historische  Tat,
daß  sie  der  gewaltigste  sittliche  und  kulturhistorische  Fortschritt ­
  war,  daß  sie  sogar  die  unerläßliche  weltgeschichtliche ­
  Vorbedingung  und  Durchgangsstufe  war,  um  zu
der  Entwicklung  der  Idee  des  Arbeiterstandes  zu  führen.
Ich  versöhne  so  den  Arbeiterstand  mit  der  Herrschaft
der  Bourgeoisie  in  der  Geschichte,  indem  ich  die  objektive
Vernünftigkeit  dieser  Herrschaft  aufzeige.  Ich  versöhne ­
  ihn  damit,  denn  das  ist  die  höchste  Versöhnung,
daß  wir  die  Vernünftigkeit  von  dem  begreifen,  waS  uns
beengt.
Und  wenn  ich  nun  weiter  zeige,  daß  auch  die  Idee  der
Bourgeoisie  noch  nicht  die  höchste  Stufe  der  geschichtlichen ­
  Entwicklung,  noch  nicht  die  letzte  Blüte  der  Vervollkommnung ­
  ist  —,  daß  hinter  ihr  eine  noch  höhere
Manifestation  des  Menschlichen  steht,  zu  welcher  jene
frühere  Stufe  den  Grund  gelegt  hat,  heißt  dies  zu  Haß
und  Verachtung  gegen  diese  anreizen?
Ebensogut  müßten  die  Arbeiter  dann  sich  selber,
die  gesamte  menschliche  Natur,  in  sich  wie  in  andern
hassen  und  verachten,  weil  es  eben  das  Gesetz  der
menschlichen  Natur  ist,  nur  schrittweise  sich  zu  entfalten ­
  und  in  jeder  früheren  Entwicklung  die  unumgängliche ­
  Bedingung  der  folgenden  zu  haben.
Ich  bin  angeklagt,  die  Besitzlosen  zum  Hasse  und  zur
Verachtung  gegen  die  besitzenden  Klassen  aufgereizt
zu  haben.
„Durch  diese  Darstellung"  —  sagt  die  Anklage  in  ihrer
Begründung  —„werden  aber  offenbar  die  Arbeiter  zum
Haß  und  zur  Verachtung  gegen  die  Bourgeoisie,  d.  h.
        <pb n="113" />
        121

die  besitzlosen  Klassen  gegen  die  besitzenden  Klassen
aufgereizt."  Und  nachdem  die  Anklage  diese  Definition
des  Wortes  „Bourgeoisie"  an  dieser  Stelle  sachte  und
unmerklich  eingeführt  hat,  konkludiert  sie  am  Schlüsse
formell  dahin:
„Der  Privatmann  F.  L.  wird  hiernach  angeklagt:
1.  durch  seinen  Vortrag  usw.,  2.  durch  die  Veröffentlichung ­
  der  diesen  Vortrag  enthaltenden  Broschüre  die
besitzlosen  Klassen  der  Angehörigen  des  Staates  gegen
die  Besitzenden  zum  Hasse  und  zur  Verachtung  öffentlich ­
  angereizt  zu  haben."
Ich  spreche  allerdings  in  meinem  Vortrage  von  der
„Bourgeoisie".  Wie  aber  definiere  ich  dieses  Wort?  Es
wird  hinreichen,  eine  einzige  Stelle,  die  ausdrückliche
Definition  des  Wortes  Bourgeoisie,  die  ich  in  jener  Broschüre ­
  gebe,  anzuführen,  um  zu  zeigen,  welches  unbegreifliche, ­
  welches  unerhörte,  welches  gar  nicht  zu  qualifizierende ­
  quiä  pro  quo  mir  der  Staatsanwalt  unterzuschieben ­
  versucht,  indem  er  mich  beschuldigt,  die  besitzlosen ­
  Klassen  zum  Haß  und  zur  Verachtung  gegen  die
Besitzenden  angereizt  zu  haben.
Ich  sage  S.  20  jener  Broschüre  wörtlich:
„Es  ist  hier  an  der  Zeit,  meine  Herren,  wenn  ich
nicht  Gefahr  laufen  will,  daß  mein  Vortrag  vielleicht
großen  Mißverständnissen  ausgesetzt  sei,  mich  über
die  Bedeutung  des  Wortes  Bourgeoisie  oder  große
Bourgeoisie  als  politischer  Parteibezeichnung,  mich
über  die  Bedeutung,  die  das  Wort  Bourgeoisie  in
meinem  Munde  hat,  auszusprechen.  —
In  die  deutsche  Sprache  würde  das  Wort  Bourgeoisie
mit  Bürgertum  zu  übersetzen  sein.  Diese  Bedeutung
        <pb n="114" />
        aber  hat  es  bei  mir  nicht.  Bürger  sind  wir  aUe,  der
Arbeiter,  der  Kleinbürger,  der  Großbürger  usw.  Das
Wort  Bourgeoisie  hat  vielmehr  im  Laufe  der  Geschichte
die  Bedeutung  angenommen,  eine  ganz  bestimmte
politische  Richtung  zu  bezeichnen,  die  ich  nun  sofort
darlegen  will.
Die  gesamte  nichtadlige  bürgerliche  Klasse  zerfiel,  als
die  französische  Revolution  eintrat,  und  zerfällt  noch
heute,  im  großen  und  ganzen  wieder  in  zwei  Unterklassen; ­
  nämlich  erstens  die  Klasse  derer,  welche  ganz  oder
hauptsächlich  aus  ihrer  Arbeit  ihr  Einkommen  beziehen
und  hierin  durch  gar  kein  oder  nur  durch  ein  bescheidenes
Kapital  unterstützt  werden,  welches  ihnen  eben  die
Möglichkeit  gibt,  eine  produktive,  sie  und  ihre  Familie
ernährende  Tätigkeit  auszuüben;  in  diese  Klasse  gehören
also  die  Arbeiter,  die  Kleinbürger  und  Handwerker  und
im  ganzen  auch  die  Bauern.  Und  zweitens  die  Klasse
derer,  welche  über  einen  großen  bürgerlichen  Besitz,
über  das  großeKapital  verfügen  und  auf  Grund  einer
solchen  großen  Kapitalbasis  produzieren  oderRenteneinkommen
  daraus  beziehen.  Man  könnte  diese  die  Großbürger
  nennen.  Aber  auch  ein  Großbürger,  meine
Herren,  ist  darum  an  und  für  sich  noch  durchaus  kein
Bourgeois!  Kein  Bürgerlicher  hat  etwas  dagegen,
wenn  ein  Adlig  er  sich  in  seinem  Zimmer  über  seine  Ahnen
und  seinen  Grundbesitz  freut.  Aber  wenn  der  Adlige
diese  Ahnen  oder  diesen  Grundbesitz  zur  Bedingung
einer  besonderen  Geltung  und  Berechtigung  im  Staat,
zur  Bedingung  einer  Herrschaft  über  den  Staatswillen
machen  will,  dann  beginnt  der  Zorn  des  Bürgerlichen
gegen  den  Adligen,  und  er  nenntihn  einen  Feudalen.
        <pb n="115" />
        128

Es  verhält  sich  nun  ganz  entsprechend  mit  den  tatsächlichen ­
  Unterschieden  des  Besitzes  innerhalb  der  bürgerlichen ­
  Welt.
Daß  sich  der  Großbürger  in  seinem  Zimmer  der
großen  Annehmlichkeit  und  des  großen  Vorteils  erfreue,
welche  ein  großer  bürgerlicher  Besitz  für  den  Besitzenden
in  sich  schließt  —  nichts  einfacher,  nichts  natürlicher
und  nichts  rechtmäßiger  als  das!"
Beiläufig  also,  meine  Herren,  so  sehr  reize  ich  in  dieser
Broschüre  die  besitzlosen  Klassen  zum  Hasse  gegen  die
Besitzenden  auf,  daß  ich  ausdrücklich  für  die  Rechtmäßigkeit ­
  dieses  Besitzes  eintrete,  die  Freude
über  die  Vorteile  und  Annehmlichkeiten,  die  er  gewährt,
für  die  natürlichste  und  rechtmäßigste  Sache  von  der
Welt  erkläre!
Ich  fahre  unmittelbar  in  jener  Definition  fort:
„So  sehr  der  Arbeiter  und  der  Kleinbürger,  mit
einem  Worte  die  ganze  nicht  Kapital  besitzende  Klasse,
berechtigt  ist,  vom  Staate  zu  verlangen,  daß  er  sein
ganzes  Sinnen  und  Trachten  darauf  richte,  wie  die
kummervolle  und  notbeladene  materielle  Lage  der
arbeitenden  Klasse  zu  verbessern  und  wie  auch  ihnen,
durch  deren  Hände  alle  die  Reichtümer  produziert
werden,  mit  denen  unsere  Zivilisation  prunkt,  deren
Händen  alle  die  Produkte  ihre  Entstehung  verdanken,
ohnewelchediegesamteGesellschaft  keinen  Tag  existieren
könnte,  zu  einem  reichlichen  und  gesicherten  Erwerbe
und  damit  wieder  zu  der  Möglichkeit  g  eistig  er  Bildung
und  somit  erst  zu  einem  wahrhaft  menschenwürdigen
Dasein  zu  verhelfen  sei  —,  wie  sehr,  sage  ich,  die  arbeitenden ­
  Klassen  auch  berechtigt  sind,  dies  vom  Staate  zu
        <pb n="116" />
        134

fordern  und  dies  als  seinen  wahrhaften  Zweck  hinzustellen, ­
  so  darf  und  wird  dennoch  der  Arbeiter
niemals  vergessen,  daß  alles  einmal  erworbene
gesetzliche  Eigentum  vollständig  unantastbar  und
rechtmäßig  ist."
So  sehr  also  reize  ich  die  besitzlosen  Klassen  zum  Hasse
gegen  die  Besitzenden  auf,  daß  ich  ihnen  in  einem  fort
die  Unantastbarkeit  und  Heiligkeit  alles  einmal  erworbenen ­
  gesetzlichen  Eigentums  der  besitzenden  Klasse
predige  und  sie  zur  Achtung  desselben  ermahne!
„Wenn  aber"  —  fahre  ich  in  jener  Broschüre  fort  —
„der  Großbürger,  nicht  zufrieden  mit  der  tatsächlichen
Annehmlichkeit  eines  großen  Besitzes,  den  bürgerlichen ­
  Besitz,  das  Kapital,  auch  noch  als  die  Bedingung ­
  hinstellen  will,  an  derHerrschaft  über  den
Staat,  an  der  Bestimmung  des  Staatswillens
und  des  Staatszweckes  teilzunehmen,  dann  erst
wird  der  Großbürger  zum  Bourgeois,  dann
macht  er  die  Tatsache  des  Besitzes  zur  rechtlichen
Bedingung  der  politischen  Herrschaft,  dann
charakterisiert  er  sich  als  einen  privilegierten  Stand
im  Volke,  der  nun  das  herrschende  Gepräge  seines
Privilegiums  allen  gesellschaftlichen  Einrichtungen
ebensogut  aufdrücken  will,  wie  dies  der  Adel  im
Mittelalter,  wie  wir  gesehen  haben,  mit  dem  Privilegium ­
  deö  Grundbesitzes  getan."
Dann  also  gilt  mir,  wie  ich  ausdrücklich  und  sorgsam
definiere,  der  Besitzende,  der  Großbürger  erst  als  Bourgeois, ­
  wenn  er  dazu  übergeht,  die  ganz  unverfängliche ­
  und  unanstößige  Tatsache  seines  größeren  Besitzes
als  rechtliche  Bedingung  für  die  Teilnahme  an  der
        <pb n="117" />
        125

Bestimmung  des  Staatswittens  hinzustellen;  kurz,  wenn
er  dazu  übergeht,  den  Kapitalbesitz  zum  rechtlichen,  politischen ­
  Privilegium  zu  gestalten,  die  Rechtsgleichheit
zwischen  Besitzenden  und  Nichtbesitzenden  aufzuheben
und  die  Freiheit  des  Volkes  und  seiner  Entwicklung
dadurch  zugunsten  des  größern  Besitzes  und  seiner  festen
Herrschaft  zu  konfiszieren.  Erst  dadurch  wird  die  Bourgeoisie, ­
  wie  ich  ausdrücklich  hervorhebe,  überhaupt  zu
einem  privilegierten  Stande,  was  sie  bis  dahin  trotz
aller  bloß  tatsächlichen  Ungleichheit  des  Besitzes  nicht  ist.
Ich  zeige  in  der  Broschüre,  wie  dies  alles  eintritt  im
Zensus,  durch  welchen  eben  die  Bedingung,  an  der  Bestimmung ­
  des  Staatswillens  und  Staatszweckes  durch
die  Wahl  zu  den  gesetzgebenden  Körpern  teilzunehmen,
an  einen  bestimmten  Kapitalbesitz  gebunden  wird.  Ich
zeige  ferner,  daß  dies  ganz  ebensosehr  der  Fall  ist  beim
direkten  unverhüllten,  wie  beim  verkappt  auftretenden
Zensus,  und  endlich,  daß  unser  gegenwärtiges  oktroyiertes ­
  Dreiklassenwahlgesetz  vom  Jahre  1849  einen  solchen
verkappten  Zensus  darstellt.
Der  obwohl  rein  theoretische  Angriff,  welchen  jene
Broschüre  enthält,  ist  somit  gegen  das  Dreiklassenwahlgesetz ­
  gerichtet,  niemals  aber  gegen  die  besitzenden
Klassen,  deren  tatsächlichen  Besitz  ich  vielmehr  auf  das
wiederholteste  als  durchaus  unanfechtbar,  unanstößig,
unantastbar  und  vollkommen  rechtmäßig  verteidige.
Das  Dreiklassenwahlgesetz  ist  eine  Institution  unseres
Staates.
Warum  klagt  mich  also  der  Staatsanwalt  nicht  lieber
auf  §  101  des  Strafgesetzbuches  an,  „die  Einrichtungen
des  Staats  dem  Hasse  oder  der  Verachtung  ausgesetzt
        <pb n="118" />
        126

zu  haben"?  Sicher,  hätte  der  Staatsanwalt  diese  Anklage ­
  gewählt,  ich  würde  ihm  zu  antworten  gewußt
haben!  Heute  hierauf  einzugehen,  wäre  überflüssig,
denn  ich  bin  dessen  nicht  angeklagt,  und  diese  Verteidigung ­
  würde  ins  Unendliche  wachsen,  wenn  ich  mich
auch  noch  gegen  die  Vergehen  verteidigen  wollte,  deren
ich  nicht  angeklagt  bin.
Warum  wählt  aber  der  Staatsanwalt  von  allen  unmöglichen ­
  Anklagen  gerade  die  unmöglichste?  Warum
vertauscht  er  nur  das  Objekt  niemes  Angriffs?  Es  weist
jemand  nach,  daß  das  Dreiklassenwahlgesetz  ein  Unrecht
sei,  weil  es  die  von  ihm  für  völlig  unverfänglich  erklärten
Unterschiede  des  tatsächlichen  Besitzes  zur  rechtlichen  Bedingung ­
  der  politischen  Herrschaft  über  den  Staat  macht
—  und  es  wird  gegen  ihn  die  vergiftete  Beschuldigung
geschleudert:  die  besitzlosen  Klassen  zum  Hasse  gegen
die  Besitzenden  angereizt  zu  haben!
Gibt  es  kein  Mittel,  meine  Herren,  gegen  solche  Verunglimpfung ­
  des  Namens  und  Leumunds  vor  allem  Volke  ?
Kann  man  bei  uns  selbst  nur  sagen,  daß  die  Einführung
des  Drciklassenwahlgesctzes  den  besitzenden  Klassen,
daßsiedemdeutschenBürgertu  m  zur  Lastfalle?  Von  der
französischen  Bourgeoisie  kann  man  Ähnliches  sagen.  Dort
hat  schon  die  revolutionäre  ^.sssrnbläe  oonstituanto  den
Zensus  eingeführt.  Nicht  aber  bis  jetzt  von  der  deutschen.
Als  durch  die  Märzrevolution  des  Jahres  1848  die
preußische  Bourgeoisie  bei  uns  zur  Herrschaft  kam,
führte  sie  durch  Gesetz  vonr  8.  April  1848  das  allgemeine
gleiche  Wahlrecht  ein!
Die  deutsche  Bourgeoisie  in  der  Paulskirche  zu  Frankfurt ­
  dekretierte  das  allgemeine  gleiche  Wahlrecht!
        <pb n="119" />
        137

Die  preußische  Revisionskammer  von  1849  bestätigte
das  allgemeine  gleiche  Wahlrecht!
Oktroyiert,  von  der  Negierung  oktroyiert
wurde  dasDreiklassenwahlgesetz,  das  wirjetzt  haben!
Warum  deckt  der  Staatsanwalt  die  Regierung  mit
dem  Rücken  der  preußischen  Bourgeoisie?
A  tout  seigneur  tout  honneur!
Die  preußische  Regierung  ist  es,  nicht  die  besitzenden ­
  Klassen  in  Preußen,  welche  für  alle  Zeiten  und
vor  allem  Volke  die  Schuld  und  Verantwortlichkeit ­
  des  oktroyierten  Dreiklassenwahlgesetzes
tragen  wird!
Welches  aber  auch  die  Gründe  gewesen  sein  mögen,
welche  den  Staatsanwalt  zu  dieser  seltsamen  Verwechslung ­
  veranlaßt  haben  —  vielleicht  ergeben  sie  sich  uns
noch  späterhin  —,  jedenfalls  fehlt  auch  dies  zweite  Requisit ­
  der  Anklage.  Es  ist  nicht  gegen  die  besitzenden
Klassen  der  Nation,  es  ist  nicht  gegen  das  angereizt
worden,  wogegen  die  Anklage  angereizt  zu  haben  mich
beschuldigt.
Es  fehlt  aber  auch  endlich  daS  dritte  Requisit,  die
Gefährdung  des  öffentlichen  Friedens.
Einen  einzigen  Satz  enthält  die  Anklage,  der  ihren
Tragebalken  bilden  soll.  Dafür  wird  aber  dieser  Satz
wahrscheinlich  auch  aus  Kernholz  gezimmert  sein!  Die
Anklageschrift  sagt  im  Eingang:  „Die  leitenden  Gedanken
dieses  Vortrages  sind  folgende",  und  nachdem  sie  nun
ein  sein  sollendes  Resume  dieser  Gedanken  gegeben,
fährt  sie  folgendermaßen  fort:  „Durch  diese  Darstellungen ­
  und  durch  die  mehrfach  wiederkehrenden  Hinweisungen ­
  auf  eine  demnächst  bevorstehende  soziale
        <pb n="120" />
        128

Revolution  werden  aber  offenbar  die  Arbeiter  zum  Hasse
und  zur  Verachtung  gegen  die  Bourgeoisie,  d.  h.  die
besitzlosen  Klassen  gegen  die  Besitzenden  aufgereizt,  und
hierdurch  der  öffentliche  Friede  gefährdet,  namentlich
da  darin  die  direkte  Aufforderung  enthalten  ist,  mit  der
glühendsten  und  verzehrendsten  Leidenschaft  daS  Ziel
einer  Herrschaft  der  arbeitenden  Klassen  über  die  andern
Klassen  der  Gesellschaft  zu  verfolgen."
Dies  ist  der  einzige  Satz  rechtlicher  Begründung,  den
die  Anklageschrift  enthält.  Wenn  wir  diesen  Satz,  der
einem  nicht  mit  robusten  Lungenflügeln  Begabten  das
Asthma  zuziehen  könnte  und  der  gerade  so  geschrieben  ist,
daß  er  unter  der  flimmernden  Undeutlichkeit  deS  Gedan»
kenwirrwarrö,  den  er  anregt,  der  oberflächlichen  Betrachtung ­
  seine  ganze  Jnhaltlosigkeit  verbergen  kann  —,  wenn
wir  diesen  Satz  näher  untersuchen,  so  werden  Sie  staunen,
meine  Herren,  über  die  Masse  juristischer  Ungeheuerlichkeiten, ­
  tatsächlicher  Unwahrheiten  und  Entstellungen
und  endlich  schreiender  Sinnwidrigkeiten,  die  er  enthält!
Wodurch  soll  ich  also  diesem  Satze  zufolge  zu  Haß
und  Verachtung  angereizt  haben?  „Durch  diese  Darstellungen", ­
  sagt  der  Satz;  also  durch  rein  theoretische,
durch  rein  objektiv-historische  Darstellung,  durch  das,
was  der  Anklageakt  selbst  die  Darstellung  meiner  leitenden
Gedanken  nennt,  durch  nichts  anders  als  durch  die
wissenschaftliche  Lehre  selbst  soll  ich  zu  Haß  und
Verachtung  angereizt  haben!  Der  Anklageakt  mag  sich
also  winden  wie  er  will  —,  er  kann  sich  nicht  dem  Geständnis ­
  entziehen,  daß  er  nichts  andres  als  rein  wissenschaftliche ­
  Entwicklungen,  daß  er  die  Wissenschaft  und
ihre  Lehre  in  Anklage  stellt!
        <pb n="121" />
        Aber  der  Satz  fügt  noch  ein  „und"  hinzu.  Durch  diese
Darstellungen  „und  durch  die  mehrfach  wiederkehrenden
Hinweisungen  auf  eine  demnächst  bevorstehende  soziale
Revolution"  soll  die  Anreizung  vollbracht  worden  sein.
Welches  sind  die  Hinweisungen  auf  eine  „demnächst
bevorstehende  soziale  Revolution"?  Wo  stehen
sie?  Warum  zitiert  sie  der  Staatsanwalt  nicht?  Ich
fordere  ihn  dazu  auf:  Er  kann  sie  nicht  zitieren.  Es
existieren  in  dieser  Broschüre  keine  Stellen,  welche  seine
Insinuationen  unterstützen  würden.
Allerdings  gebrauche  ich,  wenn  ich  auch  nicht  von
einer  „demnächst  bevorstehenden  sozialen  Revolution"
spreche,  wie  der  Staatsanwalt  behauptet  —  ich  spreche
vielmehr  nur  von  einer  mit  dem  Februar  1848  bereits
eingetretenen  sozialen  Revolution  —,  allerdings  gebrauche
ich  sehr  häufig  im  Laufe  dieser  ganzen  Broschüre  das
Wort  „revolutionär"  und  „Revolution".  Mit  diesem
Wort  will  mich  der  Statsanwalt  zu  Boden  schlagen!
Denn  er,  dasselbe  imnier  nur  in  seiner  engen  juristischen
Bedeutung  nehmend,  vermag  das  Wort  „Revolution"
nicht  zu  lesen,  ohne  geschwungene  Heugabeln  vor  seiner
Phantasie  zu  sehen!  Das  ist  aber  nicht  die  wissenschaftliche
Bedeutung  dieses  Wortes,  und  schon  der  konstante  Sprachgebrauch ­
  in  meiner  Schrift  hätte  den  Staatsanwalt
darüber  belehren  können,  daß  hier  das  Wort  in  seinem
andern,  wissenschaftlichen  Sinne  genommen  ist.  So
nenne  ich  darin  die  Entwicklung  des  Landesfürstentunis
eine  revolutionäre  Erscheinung.
So  erkläre  ich  ausdrücklich  die  Bauernkriege,  die  doch
wahrhaftig  hinreichend  mit  Gewalt  und  Blutvergießen
ins  Leben  traten,  für  eine  nur  in  ihrer  Einbildung

Großmanri,  Laffalle

129
        <pb n="122" />
        130

revolutionäre  Bewegung,  für  eine  in  Wahrheit  durchaus
nicht  revolutionäre,  für  eine  reaktionäre  Bewegung.
Den  Fortschritt  der  Industrie  dagegen,  der  sich  im
16.  Jahrhundert  entwickelt,  nenne  ich,  obgleich  dabei
doch  kein  Schwert  aus  der  Scheide  gezogen  wurde,
wiederholt  und  fortlaufend  ein  „wirklich  und  wahrhaft ­
  revolutionäres  Faktum",  ebenso  nenne  ich
die  Erfindung  der  Baumwollenspinnmaschine  von  1775
eine  vollständige,  eine  tatsächlich  eingetretene  Revolution.
Mißbrauche  ich  vielleicht  die  Sprache  oder  führe  ich
auch  nur  einen  neuen  Sprachgebrauch  ein,  indem  ich
das  Wort  „Revolution"  in  diesem  Sinne  nehme,  indem
ich  es  auf  die  friedlichsten  Erscheinungen  anwende  und
den  blutigsten  Aufständen  verweigere?
Schelling,  der  Vater,  sagt  (Untersuchungen  über  das
Wesen  der  menschlichen  Freiheit,  Bd.  VH,  S.  351):
„Der  Gedanke,  die  Freiheit  einmal  zum  Eins  und  Alles
der  Philosophie  zu  machen,  hat  den  menschlichen  Geist
überhaupt  nicht  bloß  in  bezug  auf  sich  selbst  in  Freiheit
gesetzt  und  der  Wissenschaft  in  allen  ihren  Teilen  einen
kräftigern  Umschwung  gegeben  als  irgendeine  frühere
Revolution."  Schelling,  der  Vater,  sieht  also  gleichfalls ­
  nicht,  wie  die  Phantasie  des  Staatsanwalts,  bei
dem  Worte  „Revolution"  Heugabeln  vor  seinen  Augen
blitzen.  Er  nimmt  dies  Wort,  indem  er  es  aus  die  Einwirkung ­
  des  philosophischen  Grundprinzips  anwendet,
gleich  mir  in  einem  mit  materieller  Gewalt  durchaus
nicht  zusammenfallenden  Sinne.
Welches  ist  dieser  wissenschaftliche  Sinn  des  Wortes
„Revolution"  und  wie  unterscheidet  sich  Revolution  von
Reform?
        <pb n="123" />
        **

131

Revolution  heißt  Umwälzung,  und  eine  Revolution  ist
somit  stets  dann  eingetreten,  wenn,  gleichviel  ob  mit  oder
ohne  Gewalt  —  auf  die  Mittel  kommt  es  dabei  gar  nicht  an
—ein  ganzneu  es  Prinzip  an  die  Stelle  des  bestehenden
Austandesgesetztwird.Reformdagegentrittdannein,wenn
das  Prinzip  desbestehenden  Zustandes  beibehalten  und  nur
zu  mildern  oder  konsequentem  und  gerechtem  Folgerungen
entwickelt  wird.  Auf  die  Mittel  kommt  es  wiederum  dabei
nicht  an.  Eine  Reform  kann  sich  durch  Insurrektion  und
Blutvergießen  durchsetzen  und  eine  Revolution  im  größten
Frieden.  Die  Bauernkriege  waren  der  Versuch  einer
durch  Waffengewalt  zu  erzwingenden  Reform.  Die  Entwicklung ­
  der  Industrie  war  eine  in  der  friedlichsten  Weise
sich  vollziehende  totale  Revolution,  denn  ein  ganz  neues
Prinzip  wurde  dadurch  an  Stelle  des  bis  dahin  bestehenden ­
  Zustandes  gesetzt.  Beide  Gedanken  werden
gerade  in  dieser  Broschüre  sorgfältig  und  lang  entwickelt.
Warum  hat  mich  der  Staatsanwalt  allein  nicht  verstanden? ­
  Warum  ist  ihm  allein  unverständlich  geblieben,
was  jeder  Arbeitsmann  verstand?
Wenn  ich  also  selbst  von  einer  „demnächst  bevorstehenden ­
  sozialen  Revolution"  gesprochen  hätte,  obgleich
dies  nicht  der  Fall  ist,  hatte  ich  deshalb  notwendig  an
gewaltsamen  Umsturz,  an  Heugabeln  und  Bajonette
denken  müssen?
Was  kann  ich  für  die  literarische  Unbelesenheit  des
Staatsanwalts?  Für  seine  Unbekanntschaft  mit  dem,  was
sich  in  allen  Richtungen  der  Gegenwart  bereits  vollbringt
und  von  der  Wissenschaft  auch  bereits  anerkannt  und
einregistriert  worden  ist?  Bin  ich  der  wissenschaftliche
Prügeljunge  des  Staatsanwalts?
        <pb n="124" />
        132

Staatsanwalt  (schnell  einfallend):  Herr  Präsident!  Ich
glaube,  diese  Äußerung  des  Angeklagten  genügt,  seinen
Angriffen  gegen  die  Staatsanwaltschaft  die
Krone  aufzusetzen.  Ich  beantrage  deshalb,  auf  Grund
des  Artikels  134  des  Ausatzgesetzes  vom  3.  Mai  1852
dem  Angeklagten  das  Wort  zu  entziehen,  und  ihn,
wenn  er  jetzt  noch  zu  antworten  fortfahren  sollte,  aus
dem  Sitzungssaal  zu  entfernen.
(Sensation)
Präsident:  Dem  Angeklagten  ist  nunmehr  das  Wort
entzogen,  jede  weitereÄußerung  desselben  also  unstatthaft.
Angeklagter  (lebhaft  einfallend):  Herr  Präsident!  Ich
muß  hierüber  einen  Beschluß  desgesamten  Gerichtshofes ­
  extrahieren!  Ich  beantrage  einen  solchen
und  verlange,  daß  mir  zur  Begründung  dieses  Antrages
das  Wort  gegeben  wird.
Staatsanwalt:  Ich  muß  dagegen  protestieren,  daß
der  Angeklagte  noch  spricht,  da  ihm  das  Wort  vom  Präsidenten ­
  entzogen  worden  ist.
Angeklagter:  Dies  ist  eine  Verwechslung  der  Begriffe. ­
  Es  ist  mir  das  Wort  au  fand  entzogen  worden.
Ich  habe  nun  auf  einen  Beschluß  des  Hofes  darüber
provoziert,  und  der  Hof  kann  über  eine  so  wichtige  Sache
gar  nicht  entscheiden,  ohne  mich  zuvor  darüber  gehört
zu  haben.
Präsident:  Der  Angeklagte  hat  das  Wort  darüber,
ob  ihm  das  Wort  zu  entziehen  sei.
Staatsanwalt:  Dann  bemerke  ich  wenigstens,  daß
der  Angeklagte  über  nichts  andres  sprechen  kann.
Angeklagter:  Beruhigen  Sie  sich,  ich  werde  bei  der
Stange  bleiben.
        <pb n="125" />
        133

Präsident  (zum  Staatsanwalt):  Dies  ist  ja  schon  gesagt
worden,  daß  der  Angeklagte  nur  hierüber  zu  sprechen  hat.
Angeklagter  (fortfahrend):  Herr-  Präsident  und  meine
Herren  Räte!  Ich  stelle  mich  unter  den  Schutz  eines
anderen  Artikels  als  des  vom  Staatsanwalte  allcgierten
  Gesetzes,  des  Artikels  108  (liest):  .Wenn  unzulässigerweise ­
  dem  Angeklagten  die  Verteidigung
abgeschnitten  oder  wesentlich  beschränkt  worden
ist/  so  bildet  das  einen  der  ausdrücklich  vorgesehenen
Kassationsgründe  für  das  ganze  Verfahren.  Die  Streitfrage ­
  kann  sich  jetzt  nur  darum  drehen:  was  ist  unter
einer  unzulässigen  Abschneidung  der  Verteidigung ­
  zu  verstehen?  Jedenfalls  eine  solche,  die  eintritt, ­
  ohne  daß  der  Angeklagte  die  mündliche  Verhandlung ­
  als  solche,  wes  Inhaltes  siegeistig  auch  sei,
durch  irgendwelche  positive  Handlungen  gestört  hat.  —
Ich  konzediere  nicht  einmal  das  Prinzip,  daß  wegen
einer  Beleidigung  des  Staatsanwaltes  durch  irgendwelchen ­
  Wortlaut  dem  Angeklagten  das  Wort  abzuschneiden ­
  ist.  Der  Angeklagte  kann  deswegen  anderweitig
von  neuem  verfolgt  werden;  jede  Prävention  führt
hier  zur  Verletzung  der  gesetzlichen  Freiheit  der  Verteidigung. ­
  Ihn  aber  wegen  einer  bereits  gefallenen
Äußerung  nun  borg  la  loi  zu  setzen,  dazu  gibt  es  erst  recht
keinen  Grund.  Aus  der  gesamten  Praxis  —ich  kenne  die
Geschichte  sämtlicher  politischen  Prozesse  sehr  genau  —,
selbst  in  Zeiten  der  gewaltigsten  Aufregung,  muß  ich
konstatieren,  daß  die  Höfe  sich  nur  dann  erlaubten,
die  Angeklagten  aus  den  Debatten  zu  setzen,  wenn  sie,
ich  erinnere  z.  V.  an  die  Prozesse  vor  dem  Pairshof  zu
Paris,  an  den  Prozeß  zu  Bourges,  durch  Widersetzlichkeit
        <pb n="126" />
        und  tumultuarisches  Betragen  die  Fortführung  der  Verhandlung ­
  unmöglich  machten.  Aber  es  würde  beispiellos
sein  und  ebenso  juristisch  wie  logisch  unbegründet,  wenn
mir  wegen  eines  geistigen,  wenn  selbst  beleidigenden  Angriffes ­
  auf,den  öffentlichen  Ankläger,  statt  mich  deshalb
von  neuem  zu  verfolgen,  die  Wahrnehmung  meines
Rechts  in.  dieser  Sache,  meine  Verteidigung,  abgeschnitten ­
  wird!  —  Zweitens,  Herr  Präsident  und  meine
Herren  Räte,  kann  in  der  gefallenen  Äußerung  tatsächlich
auch  gar  keine  Beleidigung  des  Staatsanwaltes  gefunden
werden.  Das  Gesetz  —  ich  wiederhole  es  —  verpflichtet
mich  nur,  den  Staatsanwalt  nicht  zu  beleidigen,  und
hierzu  bin  ich  auch  entschlossen;  aber  auf  dieser  äußersten ­
  Linie  seines  und  meines  Rechts  werde  ich  mich
halten;  aber  das  Gesetz  verlangt  keineswegs  Respekt
oder  Ehrfurcht  Dor  demselben.  Werfe  ich  also  die
Frage  auf:
„Bin  ich  der  wissenschaftliche  Prügeljunge
des  Staatsanwalts?"
wie  kann  eine  Bezeichnung,  die  ich  mir  selber  beilege,
die  Beleidigung  eines  andern  sein?
(Sensation)
Aber  ich  will  versuchen,  die  Sache  dem  Gerichtshöfe
noch  klarer  zu  machen;  ich  werde  mir  erlauben,  einen
Maßstab  vorzulegen,  wonach  die  Frage  immer  entschieden ­
  werden  kann:  ob  eine  Äußerung  für  den  Staatsanwalt ­
  beleidigend  ist  oder  nicht.  Eine  Äußerung  ist  nur
dann  für  den  Staatsanwalt  beleidigend,  wenn  sie  auch
für  jeden  Privatmann  beleidigend  wäre.  Denn  eine
spezifische,  besondre  Ehre,  eine  andre  Ehre  als  die  allgemein ­
  bürgerliche,  hat  der  Staatsanwalt  nicht.  Ein
134
        <pb n="127" />
        135

andres  ist  es,  daß,  wenn  wirklich  der  objektive  Tatbestand ­
  einer  Beleidigung  vorliegt,  die  Beleidigung  eines
Beamten,in  Beziehung  aufsein  Amt,  härtergeahndet
wird.  Setzen  Sie  nun  den  Fall,  meine  Herren  Richter,
daß  ich  in  einer  literarischen  Kontroverse  zu  jemandem
gesagt  hätte:  „Bin  ich  denn  Ihr  wissenschaftlicher
Prügeljunge?"  und  dieser  hätte  dieses  Tribunal  mit
neuen  Klagen  wegen  Beleidigung  angegangen,  Sie  hätten
ihn  mit  Lachen  sofort  abgewiesen.  Ich  behaupte,
der  Staatsanwalt  verwechselt  bei  seinem  Antrage,
mich  aus  dem  Saale  bringen  zu  lassen  ...
(Sensation)
...Respekt  mit  Beleidigung!  —
(Kurze  Pause:  Bewegung  unter  den  Anwesenden.  Die  Richter
beraten.  Cs  ergreift  noch  das  Wort  der)
Verteidiger:  Aber,  meine  Herren,  ich  muß  doch
sehr  bitten,  die  Verteidigung  nicht  in  dieser  Weise  zu
beschränken.  Ich  weise  meinerseits  auch  auf  den  Inhalt
des  Artikels  134.  Er  verordnet  nicht,  wie  ihn  der  Herr
Staatsanwalt  zu  zitieren  scheint,  sondern  wörtlich  folgendes ­
  (liest):
„Wenn  der  Angeklagte  die  Verhandlung
vor  dem  erkennenden  Gerichte  durch  ungebührliches ­
  Betragen  stört,"
so  soll  das  Gericht  ihn  entfernen  lassen  können.  Meine
Herren  Richter!  Sie  werden  doch  nimmermehr,  wenn
ein  Angeklagter,  der  mit  tiefster  Bewegung  seines  Gemütes ­
  sich  verteidigt,  einen  vielleicht  harten  Ausdruck
gebraucht,  oder  selbst  ein  anstößiges  Wort  sich  entschlüpfen ­
  läßt  und  wenn  er  auch  öfter  in  diesen  Fehler
verfallen  sollte  —,  dies  als  ein  ungebührliches
        <pb n="128" />
        136

Betragen  im  Sinne  des  Gesetzes  ansehen  und  mit  gänzlicher ­
  Entfernung  des  Angeklagten  ahnden  können.  Ich
finde  es  geradezu  unerhört,  meine  Herren,  den  Angeklagten ­
  auf  Grund  des  §  134  wie  einen  rohen
Bauer  zu  behandeln,  der  durch  ungebührliches  Betragen ­
  die  notwendige  äußere  Ordnung  gröblich  verletzt! ­
  Niemand  wird  dem  Herrn  Angeklagten  auch  nur
entfernt  ein  derartiges  Betragen  mit  Recht  vorwerfen
dürfen.  Ich  protestiere  auf  das  ernstlichste,  aus  diesem
Grunde  dem  Herrn  Angeklagten  seine  Verteidigung
abzuschneiden.  Der  Herr  Präsident  hat  zwar  auf  Grund
eines  früheren  Beschlusses  jetzt  ohne  weiteres  die  Wortentziehung ­
  proklamiert;  aber  über  einen  erst  zu  erwartenden ­
  Fall  durfte  der  Gerichtshof  nichts  Definitives ­
  festsetzen.  Der  Herr  Angeklagte  hat  daher  mit
Recht  einen  neuen  Beschluß  des  hohen  Gerichtshofes
erbeten,  und  dürfte  dieser  nunmehr  zu  fassen  sein.
Präsident:  Der  Gerichtshof  wird  beraten  und
beschließen.
(Kurze  Pause.  Große  Bewegung  unter  den  Anwesenden.  Die
Richter  besprechen  sich,  ohne  sich  zurückzuziehen.  Als  der  Präsident
wieder  das  Wort  ergreift,  tritt  augenblicklich  gespannte  Stille  ein.)
Präsident:  In  den  zu  wiederholten  Malen  im  Vortrage ­
  des  Angeklagten  vorgekommenen  Beleidigungen
gegen  die  Staatsanwaltschaft  —  und  speziell  gegen
den  hier  fungierenden  Herrn  Staatsanwalt  —,  wie  der
Angeklagte  sich  immer  direkt  gegen  den  Staatsanwalt ­
  ausdrückt  —,  hat  der  Gerichtshof  allerdings
ein  ungebührliches  Verfahren  im  Sinne  des  Artikels ­
  134  gesehen.  Selbst  in  der  Art,  wie  Angeklagter
gesprochen,  lag  etwas  Ungebührliches.  Und  es  war
        <pb n="129" />
        137

daher  auf  Artikel  134  Bezug  zu  nehmen.  —  Indessen
nach  den  erhaltenen  Versicherungen  über  den  wirklich
gebrauchten  Ausdruck,  der  anders  durch  mein  Ohr
verstanden  war,  indem  ich  glaubte,  gehört  zu  haben,  der
Staatsanwalt  sei  der  juristische  Prügeljunge  ...
(Lebhafte  Bewegung  unter  den  Zuhörern)
,..  möchte  in  der  letzten  Stelle  der  Verteidigung  eine
neue  Beleidigung  des  Herrn  Staatsanwalts  nicht  gefunden ­
  werden  können.  Der  Gerichtshof  nimmt  daher
davon  Abstand,  den  früheren,  auch  jetzt  noch  aufrechterhaltenen ­
  Beschluß  auf  eventuelle  Wortentziehung  hier
eintreten  zu  lassen,  und  gibt  somit  dem  Angeklagten
Gelegenheit,  sich  weiter,  ohne  abermalige  Beleidigungen,
auszulassen.
Lassalle  (fortfahrend):  Ja,  wenn  ich  das  (der
wissenschaftliche  Prügeljunge  des  Staatsanwalts,  Anm.
d.  H.)  wäre,  wenn  ich  einzustehen  hätte  für  diese
seine  Unbekanntschaft  mit  alledem,  was  auf  den  verschiedenartigsten ­
  Gebieten  der  Wissenschaft  bereits  Ausdruck ­
  und  Anerkennung  gefunden  hat  —,  die  Strafen,
die  Sie  mir  dann  in  Ihrer  Indignation  zudiktieren
dürften,  meine  Herren  Präsident  und  Räte,  könnten
enorm  sein!
Ich  verstehe  die  Sprache  des  Staatsanwalts  ebensowenig, ­
  als  er  die  meinige  versteht.  Im  Griechischen
nannte  man  denjenigen  barbaros,  einen  Barbar,  der
unsre  Sprache  nicht  verstand  und  dessen  Sprache  wir
nicht  verstanden.  Und  so  sind  wir  beide,  der  Staatsanwalt ­
  und  ich,  Barbaren  füreinander!
Endlich  weist  jener  Satz  der  Anklageschrift,  mit  dessen
Analyse  ich  mich  befasse,  noch  ein  drittes  Moment  nach.
        <pb n="130" />
        138

wodurch  ich  zu  Haß  und  Verachtung  gegen  die  Bourgeoisie ­
  angereizt  haben  sott.  Er  leitet  dies  mit  einem
„namentlich"  ein.  ES  soll  durch  diese  Darstellungen  und
diese  Hinweisungen  zu  Haß  und  Verachtung  angereizt
worden  sein,  „namentlich  da  darin  auch  die  direkte
Aufforderung  enthalten  ist,  mit  der  glühendsten  und
verzehrendsten  Leidenschaft  das  Ziel  einer  Herrschaft
der  arbeitenden  Klassen  über  die  andern  Klassen  der
Gesellschaft  zu  verfolgen".  Gesetzt,  dem  wäre  so  —,  die
Aufforderung  an  eine  Klasse  der  Gesellschaft,  das  ehrgeizige ­
  Ziel  einer  Herrschaft  über  die  andern  Klassen
zu  verfolgen,  würde  mannigfachen  Tadel  verdienen
müssen,  aber  gesetzlich  wäre  sie  immer  noch  ganz  erlaubter ­
  Natur,  wenn  sie  nicht  zu  strafbaren  Handlungen
zu  schreiten  anreizt.  Jede  Klasse  der  Gesellschaft  kann
nach  der  Herrschaft  über  den  Staat  streben,  solange
sie  nicht  zu  unerlaubten  Mitteln  zur  Verwirklichung
dieses  Zieles  greift.  Kein  Ziel  ist  staatlich  strafbar,
immer  nur  die  Mittel  sind  es.  Der  reine  Tendenzprozeß, ­
  mit  dem  wir  es  hier  zu  tun  haben,  muß  naturgemäß ­
  in  jeder  Zeile  der  Anklageschrift  zum  Vorschein
kommen,  indem  sie  immer  nur  anklagt,  zu  Zielen  aufzufordern, ­
  nie  strafbare  Mittel  oder  die  Aufforderung
dazu  in  meinem  Vortrage  nachzuweisen  versucht.  Und
wäre  selbst  von  mir  aufgefordert  worden,  durch  strafbare ­
  Mittel  das  Ziel  einer  Herrschaft  der  arbeitenden
Klassen  über  die  andern  Klassen  der  Gesellschaft  zu
verfolgen,  so  würde  ich  dann  unter  Uniständen  auf  Grund
des  Artikels  61  oder  auf  andre  Artikel  des  Strafgesetzes
hin  angeklagt  werden  können,  niemals  aber  auf  §  100,
niemals  auf  Grund  dessen:  die  Arbeiter  zu  Haß  und
        <pb n="131" />
        139

Verachtung  angereizt  zu  haben.  Denn  durch  die  Aufforderung, ­
  nach  einer  Herrschaft  über  die  andern  Klassen
der  Gesellschaft  zu  trachten,  würden  die  Arbeiter  zum
Ehrgeiz,  aber  niemals  zum  Haß  und  zur  Verachtung
gegen  Dritte  aufgefordert  sein.  Der  Ehrgeiz  der
Arbeiter  ließe  sich  doch  nicht  der  Bourgeoisie  imputieren,
  und  weil  ihr  nicht  einmal  i  mputabel,  kann  doch
auch  nicht  Haß  und  Verachtung  gegen  sie  dadurch  erregt
werden!  Dieser  Satz  entbehrt  also  wiederum  eines
jeden  grammatisch-logischen  Sinnes.  Das  „namentlich",
mit  welchem  die  Anklageschrift  diesen  letzten  Beweis  für
die  Anreizung  zum  Haß  einleitet,  ist  vielmehr  ein
„namenlos",  nämlich  eine  namenlos  sinnwidrige
Behauptung.  Wo  aber  hat  endlich  der  Staatsanwalt
aus  meiner  Schrift  herausgelesen,  daß  ich  dazu  aufgefordert ­
  habe,  das  Ziel  einer  „Herrschaft  der  arbeitenden ­
  Klassen  über  die  andern  Klassen  der  Gesellschaft
zu  verfolgen"?
Ich  spreche  in  meiner  ganzen  Broschüre  nur  davon,
daß  es  die  Bestimmung  der  mit  dem  Februar  1848  begonnenen ­
  Weltperiode  sei,  das  sittliche  Prinzip  des
Arbeiterstandes,  die  in  meiner  Broschüre  entwickelte  und
Ihnen  im  Eingänge  dieser  Rede  rekapitulierte  Idee  des
Arbeiterstandes,  zum  herrschenden  Prinzipe  der  Gesellschaft ­
  zu  machen,  diese  Idee  zur  leitenden  Staatsidee
zu  machen.
Ich  drücke  mich  wiederholt  auf  das  schärfste  und  bestimmteste ­
  so  aus.  Ich  sage,  wie  1789  die  Revolution
des  dritten  Standes  war,  so  sei  es  diesmal  der  vierte
Stand,  „welcher  sein  Prinzip  zum  herrschenden  Prinzipe ­
  der  Gesellschaft  erheben  und  alle  ihre  Einrichtungen
        <pb n="132" />
        340

mit  ihm  durchdringen  will".  Oder:  „Wer  also  die  Idee
des  Arbeiterstandes  als  das  herrschende  Prinzip  der
Gesellschaft  anruft"  und  auf  derselben  Seite:  „Das
Prinzip  des  Arbeiterstandes  als  das  herrschende
Prinzip  der  Gesellschaft  soll  jetzt  von  uns  noch  in  dreierlei ­
  Beziehung  betrachtet  werden."  Und:  „Vielleicht
kann  der  Gedanke,  das  Prinzip  der  untersten  Klassen
der  Gesellschaft  zu  dem  herrschenden  Prinzip  des
Staates  und  der  Gesellschaft  zu  machen,  als  ein  sehr
gefährlicher  erscheinen."  Ich  entwickle  dann  den  Unterschied ­
  der  sittlichen  und  politischen  Idee  der  Bourgeoisie
und  der  sittlichen  und  politischen  Idee  des  Arbeiterstandes ­
  und  schließe  mit  den  Worten:  „Das  ist  es,  meine
Herren,  was  die  Staatsidee  des  Arbeiterstandes
genannt  werden  muß"  usw.
Und  hieraus,  daß  ich  eine  hohe,  sittliche  Idee  als  berufen
darstelle,  leitende  Staatsidee  in  der  jetzigen  Geschichtsperiode ­
  zu  werden,  die  höchste  sittliche  Idee,  welche  meine
Intelligenz  fassen  kann,  die  höchste  sittliche  Idee,  welche
bis  jetzt  von  der  Staatsphilosophie  herauögerungen  ist,
und  daraus,  daß  ich  den  Nachweis  führe,  diese  Idee  sei,
als  dem  natürlichen  Instinkt  und  der  ökonomischen  Lage
des  Arbeiterstandes  naturgemäß  entsprechend,  die  Idee
des  Arbeiterstandes  zu  nennen  —,  hieraus  macht
mir  der  Staatsanwalt  die  Ungeheuerlichkeit,  ich  hätte
die  arbeitenden  Klassen  aufgefordert,  das  Ziel  einer
Klassenherrschaft  über  die  andern  Klassen  der
Gesellschaft  zu  verfolgen.
Der  Staatsanwalt  scheint  zu  glauben,  daß  ich  die  besitzenden ­
  Klassen  von  den  arbeitenden  Klassen  unterjocht ­
  wissen,  daß  ich  die  Geschichte  umkehren  und  etwa
        <pb n="133" />
        141

die  Gutsbesitzer  und  Fabrikanten  zu  den  Hörigen  und
Handlangern  der  Arbeiter  machen  will.
War  denn  aber,  eine  wie  verschiedene  Sprache  wir
beide  auch  sprechen,  und  welche  Barbaren  wir  füreinander ­
  auch  sein  mögen,  irgendein  solches  oder  ähnliches
Mißverständnis  nur  möglich?
Ich  entwickle  ausführlich:  gerade  dadurch  unterscheide
sich  der  vierte  Stand,  daß  in  seinem  Prinzip  keine  ausschließende ­
  Bedingung  weder  rechtlicher  noch  tatsächlicher
Art  enthalten  ist,  die  er  als  herrschendes  Privilegium
gestalten  und  durch  die  Einrichtungen  der  Gesellschaft
hindurchführen  könnte.  Ich  sage  wörtlich:  „Arbeiter  sind
wir  alle,  insofern  wir  nur  eben  den  Willen  haben,  uns
in  irgendeiner  Weise  der  menschlichen  Gesellschaft  nützlich
zu  machen.  Dieser  vierte  Stand,  in  dessen  Herzfalten
daher  kein  Keim  einer  neuen  Bevorrechtigung  mehr
enthalten  ist,  ist  eben  deshalb  gleichbedeutend  mit  dem
ganzen  Menschengeschlecht.  Seine  Sache  ist  daher  in
Wahrheit  die  Sache  der  gesamten  Menschheit;  seine  Freiheit ­
  ist  die  Freiheit  der  Menschheit  selbst,  seine  Herrschaft
ist  die  Herrschaft  aller."  Und  ich  fahre  darauf  fort:  „Wer
also  die  Idee  des  Arbeiterstandes  als  das  herrschende
Prinzip  der  Gesellschaft  anruft  in  dem  Sinne,  wie  ich
Ihnen  dies  entwickelt,  der  stößt  nicht  einen  die  Klassen
der  Gesellschaft  spaltenden  und  trennenden  Schrei  aus;
der  stößt  vielmehr  einen  Schrei  der  Versöhnung  aus,
einen  Schrei,  der  die  ganze  Gesellschaft  umfaßt,  einen
Schrei  der  Ausgleichung  für  alle  Gegensätze  in  den
gesellschaftlichen  Kreisen"  usw.  Und  während  ich  aus
tiefster  Seele  und  aus  vollster  Brust  nach  der  Beendigung ­
  aller  Klassenherrschaft  und  aller  Klassengegensätze
        <pb n="134" />
        rufe,  beschuldigt  mich  der  Staatsanwalt,  die  Arbeiter
zur  Klassenherrschaft  über  die  besitzenden  Klassen  aufgefordert ­
  zu  haben.
Ich  stehe  jetzt  am  Schlüsse,  meine  Herren.  Umsonst
frage  ich  mich,  ob  es  möglich  war,  sich  einen  Erfolg  von
dieser  Anklage  bei  Ihnen,  meine  Herren  Präsident  und
Räte,  zu  versprechen.  Aber  vielleicht  lag  eine  andre
Berechnung  zugrunde.  Der  politische  Kampf  zwischen
der  Bourgeoisie  und  der  Regierung  hat  eine  gewisse
matte  Lebhaftigkeit  angenommen.  Vielleicht  sagte  man
sich,  daß  unter  diesen  Umständen  die  Anklage  auf  Anreizung ­
  der  nichtbesitzendcn  Klassen  zum  Haß  und  zur  Verachtung, ­
  gegen  die  Besitzenden  als  ein  treffliches  Ableitungsmittel ­
  dienen  könne;  vielleicht  hoffte  man,  daß  eine
solche  Anklage,  wenn  auch  abgewiesen  von  Ihnen  —  Sie
kennen  den  alten  Grundsatz:  „calumniare  audacter,
semper  aliquid  liaeret“  (verleumde  kühn,  es  bleibt  doch
stets  was  hängen)  —,  immer  noch  wirken  würde  wie  ein
nasses  Handtuch  um  das  in  leiser  Röte  erglühende  Gesicht ­
  unsrer  Bourgeoisie  geworfen,  und  ich  sollte  der
hierfür  in  die  Wüste  gestoßne  Sühnbock  sein!  Aber
auch  diese  Absicht,  meine  Herren,  wird  nicht  erreicht
werden.
Sie  wird  zuschanden  werden  vor  der  einfachen  Lektüre
jener  Broschüre,  zu  der  ich  die  Bourgeoisie  vor  allem
auffordere.  Sie  wird  zuschanden  werden  vor  der  Macht
meiner  Stimme,  und  gerade  deshalb  habe  ich  auch  das
Tatsächliche  in  meinen  Vertcidigungsmitteln  so  eingehend ­
  entwickeln  müssen.  Bourgeoisie  und  Arbeiter
sind  wir  die  Glieder  eines  Volkes  und  ganz  einig
gegen  unsere  Unterdrücker!  —  Ich  schließe.  Ein
142
        <pb n="135" />
        Mann,  welcher,  wie  ich  Ihnen  dies  erklärt  habe,  sein
Leben  dem  Wahlspruche  gewidmet  hat,  „die  Wissenschaft
und  die  Arbeiter",  dem  würde  auch  eine  Verurteilung,
die  er  auf  seinem  Wege  findet,  keinen  andern  Eindruck
machen  können  als  etwa  das  Springen  einer  Retorte
dem  in  seine  wissenschaftlichen  Experimente  vertieften
Chemiker.  Mit  einem  leisen  Stirnrunzeln  über  den
Widerstand  der  Materie  setzt  er,  sowie  die  Störung  beseitigt ­
  ist,  ruhig  seine  Forschungen  und  Arbeiten  fort.
Aber  um  der  Nation  und  ihrer  Ehre  willen,  um  der
Wissenschaft  und  ihrer  Würde,  um  des  Landes  und  seiner
gesetzlichen  Freiheit,  um  des  Angedenkens  willen,  das
die  Geschichte  Ihrem  eignen  Namen,  meine  Herren
Präsident  und  Räte,  bewahren  wird,  rufe  ich  Ihnen  zu:
Sprechen  Sie  mich  frei!
        <pb n="136" />
        147

L

1877  erschien  im  Novemberheft  der  Petersburger  Zeitschrift
„Europäischer  Bote"  das  Tagebuch  der  Frau  S-  S-  —  später  erst
erfuhr  man  ihren  vollen  Namen  Sonja  Sontzeff  —,  das  eine
sehr  interessante  Episode  aus  Ferdinand  LassalleS  Leben  behandelte. ­
  Sonja  Sontzeff  hätte  ihren  kranken  Vater  im  Jahre  1860
auf  einer  Reise  in  die  deutschen  Bäder  begleitet.  In  Aachen  begegnete ­
  ihr  im  Hotel  Grand  Monarque  Lassalle,  „ein  junger  Mann,
etwas  über  Mittelgröße,  er  hielt  sich  gerade.  Seine  ganze  Figur
drückte  etwas  Stolz,  man  könnte  sogar  sagen  Hochmut  aus,  wenn
nicht  auf  seinem  schönen,  bemerkenswert  klugen  und  blassen  Gesicht
die  Züge  eines  in  Gedanken  konzentrierten  Menschen  zu  lesen
gewesen  wären."  Auf  einem  Tanzabend  lernten  sie  sich  kennen
und  —  Lassalle  verließ  Vater  und  Tochter  nicht  mehr.  Sie  trafen
sich  allabendlich  bis  zur  Abreise.  Nun  folgte  ein  von  Lassalle  stürmisch ­
  geführter  Briefwechsel.  Doch  Sonja  war  voll  innerer  Unsicherheit. ­
  Hier  die  Blätter  aus  ihrem  Tagebuch  vom  Herbst  1860.
Lassalle  als  Bewerber
Das  Befinden  meines  Vaters  hatte  sich  aufs  neue
etwas  verschlimmert,  und  wir  beeilten  uns,  nicht  nach
Rußland,  sondern  nach  Dresden  zu  reisen,  wo  man
meinem  Vater  den  Doktor  Walther  empfohlen  hatte.
Ich  schrieb  an  Lassalle,  daß  wir  noch  nicht  bald  in  Berlin
fein  würden,  und  bat  ihn,  uns  nach  Dresden  zu  schreiben.
Wie  groß  war  daher  unser  Erstaunen,  als  wir,  unterwegs
in  Aachen  anhaltend,  um  unsern  auf  dem  Tisch  liegengelassenen ­
  Paß  mitzunehmen.  Lassalle  antrafen,  der
uns  auch  nicht  erwartet  hatte.  Der  Ausdruck  seiner
        <pb n="137" />
        148

Freude  war  so  glühend  und  zärtlich,  daß  sich  meine  Vermutungen ­
  in  betreff  der  Art  seiner  Gefühle  für  mich
bestätigten.  Aber  gleichzeitig  konnte  ich  mich  nicht  der
Überzeugung  verschließen,  daß  selbst  einfache  Freundschaft ­
  von  einem  Manne  wie  Lassalle  zu  einem  so  jungen
Mädchen,  die,  was  den  Altersunterschied  anbelangt,
höchstens  nur  seine  Schülerin  sein  konnte,  schon  über
und  über  genug  wäre.  Ich  verscheuchte  meinen  Verdacht
und  fuhr  fort,  ebenso  einfach,  herzlich  und  unbefangen
ihm  gegenüber  zu  sein  wie  früher.  Nachdem  wir  etwa
zwei  Tage  in  Aachen  geblieben  waren,  reisten  wir  nach
Dresden  ab.  Lassalle  und  die  Gräfin  fuhren  mit  uns
bis  Köln,  von  wo  aus  wir  verschiedene  Wege  einschlugen:
sie  nach  Berlin,  wir  nach  Dresden.  Unterwegs  sprach
Lassalle  viel,  erzählte  uns  von  seinen  Triumphen  in
Köln  und  Düsseldorf,  beschrieb  seine  Verhaftungen  und
mehrfachen  Gefängnisstrafen;  dann  sprach  er  über  das
Gericht,  welches  ihn  zu  richten  hatte,  und  daß  er  demselben ­
  bewiesen  habe,  daß  die  vor  ihm  befindlichen
Richter  nicht  würdig  seien,  ihn  zu  richten;  daß  er  von
den  Geschworenen  glänzend  freigesprochen  und  von  der
Menge  mit  Hurrarufen  auf  den  Händen  hinausgetragen
worden  sei;  er  erzählte  ferner,  daß,  als  er  nach  der
Freisprechung  auf  dem  Platze  seinen  alten  Vater  getroffen
habe,  dieser  schluchzend  ihm  in  die  Arme  gefallen  sei
mit  dem  Ausrufe:  „Mein  Kind,  mein  Kind!"  Überhaupt
war  Lassalle  während  der  ganzen  Reise  besonders  heiter
und  gesprächig;  er  schien  sich  in  einem  aufgeregten  Zustand
zu  befinden,  der  aber  bei  der  Ankunft  in  Köln  gänzlich
verschwand.  In  Köln  blieben  wir  zwei  Tage  und  besahen
uns  vieles.  Unbeholfene  deutsche  Führer  begleiteten
        <pb n="138" />
        149

uns  und  erklärten  uns  eintönig  die  Merkwürdigkeiten
der  Stadt.  Au  anderer  Aeit  würde  diese  Eintönigkeit
Lassalle  außer  sich  gebracht  haben,  er  würde  sicher  die
Führer  fortgejagt  und  alles  selbst  erklärt  haben;  aber  jetzt
schwieg  er  die  ganze  Aeit,  war  sehr  blaß  und  schien  entweder ­
  zerstreut  oder  dann  wieder  wie  konzentriert  mit
einem  ihn  verfolgenden  Gedanken  beschäftigt.  Ich  hörte
ihn  einigemal  tief  aufseufzen  und  begegnete  zuweilen
seinen  mit  sonderbarem  Ausdruck  auf  mich  gerichteten
Blicken.
Alles  dies  dauerte  bis  zum  Mittag  des  zweiten  Tages
unseres  Aufenthalts  in  Köln.  Während  des  Mittagessens, ­
  obschon  er  nichts  angerührt  und  die  ganze  Aeit
über  geschwiegen  hatte,  belebte  sich  sein  Antlitz,  die
Augen  begannen  wieder  zu  glänzen,  und  sein  ganzes
schönes,  edles  Gesicht  nahm  den  Ausdruck  eines  festen,
unerschütterlichen  Entschlusses  an.  Es  schien,  als  ob  er
sich  vorgenommen  habe,  etwas  zu  tun,  und  daß  keine
Macht  ihn  von  diesen!  Entschluß  abbringen  solle.  Ich
war  der  Überzeugung,  daß  ich  der  Entwicklung  einer
neuen  Tat  oder  Idee,  die  im  Geiste  dieses  seltenen
Mannes  entstanden  war,  beiwohne.  Ich  konnte  es  aber
nicht  übers  Herz  bringen,  ihn  zu  fragen,  was  er  in  diesen
zwei  Tagen  gedacht,  geschaffen  habe.  Ich  glaubte,  daß
er  selbst  es  nicht  werde  unterlassen  können,  es  mir  als
seiner  Freundin  zu  sagen.  In  der  Tat,  er  sagte  es  selbst.
Aber  wie  weit  ich  davon  entfernt  war,  zu  ahnen,  was
in  der  Seele  dieses  Menschen  vorging,  bewies  meine  vollständige ­
  Verwirrung,  als  er,  zufällig  mit  mir  allein,  schnell
an  das  Fenster,  an  dem  ich  stand,  herantrat  und  plötzlich, ­
  gänzlich  unerwartet  für  mich,  mir  seine  grenzenlose,
        <pb n="139" />
        160

leidenschaftliche  Liebe  gestand.  Er  sagte,  daß  schon  seit
langem  mir  sein  ganzes  Herz  gehöre,  daß  ein  Leben
ohne  mich  für  ihn  undenkbar  sei,  daß  er  mich  nicht  für
ein  gewöhnliches  hübsches  Mädchen,  sondern  für  ein
höheres,  von  Gott  mit  Empfänglichkeit  und  Begeisterung
für  alles  Erhabene  ausgestattetes  und  mit  moralischer
Macht  begabtes  Wesen  halte  usw.  Er  sprach  dies  alles  mit
solch  glühenden,  leidenschaftlichen  Ausdrücken,  daß  sie  sich
nicht  wiedergeben  lassen.  Er  flehte  mich  an  um  Gegenliebe,
so  heftig  und  unabweisbar.  Es  schien,  als  ob  jeder
Gesichtsmuskel  das,  was  seine  Worte  aussprachen,  abspiegelte. ­
  Ich  stand  vor  ihm  wie  betäubt.  Da  trat
mein  Vater  herzu.  Ich  wollte  eben  Lassalle  offenherzig
gestehen,  daß  ich  ihn  mit  solcher  Liebe  nicht  liebe,  daß
ich  noch  nicht  diese  Glut,  dieses  Feuer  kenne;  daß  meine
Seele  noch  frei  sei,  aber  er  flüsterte  nur  entschieden  zu:
„Später!  Wie  auch  Ihre  Antwort  sein  niöge,  ich
will  sie  allein  hören,  niemand,  selbst  Ihr  Vater  nicht,
darf  dabei  sein."
Nach  diesen  Worten  ging  Lassalle  schnell  hinaus.  Ich
stand  unbeweglich.  Auf  die  Frage  meines  Vaters,  was
mir  sei,  fing  ich  an,  alles,  Wort  für  Wort,  ihm,  meinen!
besten  Freunde,  von  dessen  Seele  ich  ein  Teil  zu
sein  mir  bewußt  war,  zu  sagen  —  alles,  was  sich  zugetragen. ­
  Dieses  Feuer,  diese  Leidenschaft  hatten  mich  er
schüttelt,  ich  war  davon  betäubt,  noch  mehr,  ich  fühlte
mich  geschmeichelt,  ich  war  gerührt  —  aber  mein  Herz
schwieg.
Mein  Vater  war  fürchterlich  aufgeregt.  Er  hatte  schon
lange  bemerkt,  wie  stark  die  Persönlichkeit  Lassalles
auf  meine  jugendliche  Einbildungskraft  gewirkt  hatte.
        <pb n="140" />
        151

und  er  fürchtete  die  Leidenschaft  Lassalles  für  mich;
es  schien  ihm  unmöglich,  daß  ich  solche  Leidenschaft  nicht
mit  ganzer  Seele  erwidern  würde.  Ich  muß  gestehen,
mir  selbst  schien  es  befremdend,  fast  unbegreiflich,  daß
ich  seiner  Liebe,  seinem  Flehen  gegenüber  gleichgültig
bleiben  konnte.  Ich  dachte  lange  darüber  nach  und  kam
endlich  zu  dem  Schluß,  daß  ich  mir  selbst  unverständlich ­
  sei,  und  daß  es  unmöglich  sei,  die  Liebe  eines
solchen  Mannes  nicht  mit  Gegenliebe  zu  erwidern;
daß  ich  entweder  dieses  Gefühl  nicht  verstehe,  nicht
verstehen  könne,  oder  daß  die  Liebe  in  mir  noch  nicht
ausgegangen  sei.  Einmal  schien  es  mir,  als  ob  es  unmöglich ­
  sei,  seine  Gefühle  abzuwehren,  dann,  nach
einigen  Minuten,  schien  es  mir  noch  unmöglicher,  seine
Liebe  anzunehmen.
Am  Abend  tranken  wir  alle  den  Tee  bei  der  Gräfin,  die,
wahrscheinlich  von  Lassalle  eingeweiht,  meinen  Vater  in
einem  Winkel  des  Zimmers  mit  dem  Durchblättern  von
Kupferstichen  beschäftigte.  Kaum  war  ich  mit  Lassalle  allein
am  Teetisch  (er  war  sehr  blaß  und  hatte  ein  sehr  ermüdetes ­
  Aussehen),  als  er,  mit  erstickter  Stimme,  flüsternd,
um  meine  Antwort  bat.  Er  sah  mich  mit  so  viel  Liebe
an,  erwartete  niit  solcher  Angst  meine  Antwort,  daß  er
mir  leid  tat  und  ich  antwortete,  daß  ich  ihn  vielleicht  lieben
werde.  Aber  ich  sagte  es  so  ruhig,  so  kalt,  daß  es  mir  in
demselben  Moment  schien,  als  ob  es  nie  der  Fall  sein  würde.
Während  er  fragte,  hatte  er  meine  Hand  ergriffen.
Nach  meiner  Antwort  ließ  er  sie  sofort  los,  sein  Antlitz
wurde  noch  bleicher  und  nahm  einen  solchen  kalten
Ausdruck  an,  daß  es  mich  erschreckte,  und  ich  bemerkte
ihm,  daß  er,  wie  es  schiene,  mit  meiner  Antwort  nicht
        <pb n="141" />
        152

zufrieden  sei  —  er  hatte  keine  Zeit,  etwas  darauf  zu
erwidern,  denn  mein  Vater  trat  herzu,  und  das  Gespräch
wurde  allgemein.
Lassalle  war  den  ganzen  Abend  sehr  aufgeregt.  Ich
war  damals  noch  so  sehr  Kind,  daß  ich  die  ganze  Tiefe
seines  Gefühls  nicht  zu  würdigen  vermochte,  und  mir
war  es  an  diesem  Abend,  vor  dem  Teetische  sitzend,
nur  verdrießlich,  daß  alles  so  gekommen  war.  Biö  dahin
war  es  mir  in  der  Nähe  dieses  Mannes  so  wohl,  ich  konnte
seinen  Verstand,  seine  Energie,  sein  Genie  begreifen
und  würdigen.  Ich  hielt  mich  bis  zu  dieser  Zeit  für  seine
Schülerin,  höchstens  für  seine  junge  Kameradin,  und
das  freute  mich,  ich  fühlte  mich  in  seiner  Gegenwart
leicht,  er  schien  mir  wie  verwandt.  Und  jetzt  schien  sich
plötzlich  alles  verändert  zu  haben.  Er  war  mir  wie
fremd  geworden.  Weshalb  hatte  er  in  mir  das  Weib
erkannt!  Warum  mußte  er  mich  mit  dieser  alltäglichen,
gewöhnlichen  Liebe  lieben?  Das  war  für  niich  zu  beengend, ­
  für  ihn  zu  aufregend.  Ich  sah  darin  ein  Ende
unserer  Freundschaft.  Ich  konnte  in  mir  die  Erwiderung
auf  seine  Liebe  nicht  erwecken.  Weshalb?  Ich  weiß
es  selbst  nicht.  Ich  verstand  damals  noch  nicht  und
lernte  es  erst  viel  spater  fühlen,  was  Liebe  sei,  diese
alles  in  sich  aufnehmende,  alles  unpassende,  sich  selbst
nährende  Liebe,  welche  weder  „weshalb"  noch  „warum"
fragt,  das  ganze  Wesen  des  Menschen  beherrscht  und
den  Gegenstand  für  uns  so  teuer,  so  unentbehrlich  macht
wie  die  Luft,  die  wir  atmen.
Ich  wußte  nicht,  daß  wir  nur  dann  lieben,  wenn  wir
nicht  mehr  fragen  können,  wenn  wir  gezwungen  sind,  trotz
allem  Wunsche  „nein"  zu  sagen,  „ja"  sagen  zu  müssen.
        <pb n="142" />
        153

Alles  dies  lernte  ich  erst  später  kennen  —  und  nicht
in  bezug  auf  Lassalle.
Wieder  erforderte  die  Krankheit  des  Vaters  eine  Trennung,
ehe  eine  Entscheidung  gefallen  war.  Da  holte  Lassalle  zu  einem
großen  Streich  aus.  In  einem  Brief  von  ungeheurem  Format
gab  er  Sonja  ein  erschreckendes  und  doch  verführendes  Bild  seines
Wesens.  Diese  Beichte,  im  Oktober  1860  niedergeschrieben,  ist
von  grandiosem  Schwünge.

Lassalles  Selbstporträt
Ach,  Sophie,  um  wie  viel  süßer  wäre  es,  zu  Ihnen
zu  sprechen!  Aber  unglücklicherweise  ist  es  leichter  für
mich,  Ihnen  zu  schreiben!  Sie  machten  selbst  den  Vorschlag, ­
  die  unö  beschäftigende  Frage  schriftlich  zu  verhandeln. ­
  Ich  dagegen  bestand  darauf,  sie  in  persönlicher
Unterredung  zu  beenden.  Ich  werde  also  zu  Ihnen
sprechen;  ich  schreibe  Ihnen  jedenfalls  das,  was  ich
Ihnen  gesagt  haben  würde.  Sie  dürfen  Ihre  Entscheidung ­
  nicht  in  einem  Moment  großmütigen  Eifers  fassen.
Sie  müssen  alles  reiflich  überlegen.
Erlauben  Sie  mir,  mit  der  Erklärung  dessen  zu  beginnen, ­
  was  Ihnen  während  unserer  Unterredung  in
Köln  an  mir  sonderbar  vorgekommen  sein  mag.  Sie
antworteten  mir,  daß  Sie  mich  vielleicht  lieben  würden!
Ich  bin,  wie  ich  Ihnen  bereits  sagte,  ein  im  höchsten
Grade  stolzer  Mensch;  ich  werde  nie  imstande  sein,
ein  Weib  im  Sturm  zu  nehmen,  ich  werde  sogar  nie
dazu  mitwirken,  ein  schwankendes  Gefühl,  welches  von
        <pb n="143" />
        154

selbst  nicht  zur  Entfaltung  gekommen  wäre,  zu  dieser
zu  bringen.
Ein  Weib  muß  mich  aus  freiem  Willen  lieben,  freiwillig ­
  und  ganz;  sie  muß  sich  mir  selbst  hingeben,  nur
dann  werde  ich  sie  nehmen.  Sie  nannten  mich  bei  dieser
Gelegenheit  ein  verzogenes  Kind.  Nein,  nicht  weil
ich  die  Rolle  eines  verwöhnten  Kindes  spielte,  nicht
aus  Hoffart,  nur  aus  Pflichtgefühl  handle  ich  so  Ihnen
gegenüber.
Wenn  ein  Weib  mich  nicht  mit  der  ganzen  Macht
ihres  Wesens  liebt,  wenn  sie  nicht  in  allen  Tiefen  ihres
Herzens,  durch  überwältigende  Macht  zu  mir  hingezogen, ­
  liebt  —  werde  ich  nicht  imstande  sein,  sie  durch
die  Verbindung  mit  mir  glücklich  zu  machen.  Ich  würde
ihr  vielleicht  mehr  Unglück  als  Glück  bringen.  Es  gibt
Verhältnisse,  bei  denen  eine  gemäßigte  Liebe  für  das
Glück  eines  Weibes  genügt;  in  den  meisten  Fällen  ist
es  sogar  so.  Es  gibt  aber  auch  Lagen  —  und  das  ist  die
meinige  —,  in  welchen  die  Liebe  des  Weibes  ein  alles
verzehrendes  Feuer,  welches  durch  Hindernisse  nur  verstärkt ­
  wird,  ein  unbesiegbarer  Orkan,  der  sich  fortwährend
selbst  erneut,  sein  muß,  um  ewig  zu  währen  und  dieses
Weib  auch  zugleich  zu  entschädigen  für  alle  Fährlichkeiten,
die  es  laufen  müßte.
Deshalb  ist  es  für  mich  eine  Ehrenpflicht,  nur  eine
zuverlässige,  gigantische,  unbezwingliche  Liebe  anzunehnien.
  Sonst  kann  ich  nicht  von  Ihrem  Glücke  überzeugt ­
  sein,  und  sicher  werde  ich  lieber  tausendmal  alle
Annehmlichkeiten  des  Lebens,  so  süß  sie  auch  sein  mögen,
selbst  entbehren,  als  Ihnen,  glückliches  und  angebetetes
Kind,  das  ungeheure  Unrecht  anzutun,  das  Glück  Ihrer
        <pb n="144" />
        155

Existenz  aufs  Spiel  zu  setzen,  um  die  meinige  zu  verschönern. ­

Selbst  wenn  das  Pflichtgefühl  in  bezug  auf  Sie  mich
nicht  nötigen  würde,  so  zu  denken,  die  Vorsicht  und  der
Egoismus  würden  mich  doch  noch  dazu  zwingen,  denn
wenn  ich  Sie  je  unglücklich  sehen  müßte,  so  würde  ich
es  selbst  auch  sein!  Für  mich  selbst  bin  ich  herzlos.  Ich
habe  weder  Erbarmen  noch  Mitleid,  noch  sonst  ein  Gefühl ­
  für  meine  eigene  Eristenz,  die  ich  einem  langen  und
unaufhörlichen  Kampfe  gewidmet  habe.  Dies  ist  der
Grund,  weshalb  ich  nie  unglücklich  sein  kann,  solange
ich  allein  bin!  Für  mich  ist  kein  Unglück  möglich.
Man  mag  den  kahlen,  einsamen  Fels  meines  Lebens
zertrümmern,  ich  werde  nichts  fühlen,  wie  auch  der  Fels
nichts  fühlt,  wenn  er  zertrümmert  wird.
Aber  Sophie,  wenn  ich  auch  ein  fühlloser  Fels  in
bezug  auf  mich  selbst  bin,  so  habe  ich  doch  Gefühl.  Ich
fühle  für  die  und  durch  die,  welche  ich  liebe.  Das  Unglück ­
  derer,  die  ich  liebe,  macht  mich  um  so  unglücklicher,
trotz  meiner  Fühllosigkeit  gegen  mich  selbst,  weil  ich  nur
in  denen,  die  ich  liebe,  mein  ganzes  Bedürfnis  auf  Glück,
auf  Ruhe,  auf  zärtliche  und  angenehme  Eindrücke
konzentriere.  Und  deshalb  ist  das  Unglück  derer,
die  ich  liebe,  auch  die  einzige  Pforte,  durch  welche  Unglück ­
  in  mein  eigenes  Leben  dringen  kann.  Und  ich
will  diese  Pforte  nicht  diesem  Feinde  öffnen,  der
schleichend,  hinterlistig,  gierig  darauf  ausgeht,  mich  zu
bekämpfen.
Wenn  Sie  mich  also  nicht  mit  dieser  Liebesglut  lieben,
die  unwiderstehlich  und  voll,  in  sich  selbst  alle  Garantien
des  Glücks  trägt,  solange  Sie  mich  besitzen  —  so  werde
        <pb n="145" />
        ich  aus  einem  etwas  anderen  als  dem  gewöhnlichen
Egoismus  mich  entschließen,  Ihre  Existenz  nicht  mit
der  meinigen  zu  verbinden,  um  Sie  nicht  unglücklich  zu
machen,  da  ich  dadurch  selbst  elend  und  unglücklich
werden  würde,  denn  ich  würde  dadurch  das  stolze  Selbstgefühl, ­
  diese  innere  Einheit,  welche  die  Stütze  meines
Lebens  ausmacht,  zertrümmern.
Stellen  Sie  sich  dies  alles  vor  —  und  Sie  werden
begreifen,  weshalb,  als  Sie  mir  das  Geständnis  einer
zweifelnden  und  unsicheren,  schwachen  und  schüchternen
Liebe  machten,  ich  nicht  „ein  wenig  kalt",  wie  Sie
geglaubt  und  gesagt  haben,  sondern  im  Zustande  einer
nervösen  Aufregung  war.
Ich  war  gereizt  und  hart  gegen  Sie,  weil  Sie
mich  nicht  genug  liebten,  aber  ich  war  nicht  kalt  aus
Mangel  an  Liebe  meinerseits.
Ich  hatte  in  jenem  Augenblicke  sozusagen  ein  feindliches ­
  Gefühl  Ihnen  gegenüber,  weil  Sie  mich  so  viel
liebten,  um  mich  in  Unruhe  zu  versetzen,  aber  nicht
genügend,  um  mir  die  Gewißheit  zu  geben,  die  ich
haben  muß,  daß  Sie  mich  stark  genug  lieben,  um  diese
Liebe  auch  annehmen  zu  können.
Es  bedurfte  indes  nur  eines  kurzen  Nachdenkens,  um
eine  Minute  nachher  meine  Meinung  zu  ändern.  Damit,
daß  ein  so  keusches  und  züchtiges  Mädchen  wie  Sie
einem  Manne  freiwillig  gesteht,  „daß  sie  ihn  vielleicht
lieben  wird",  ist  es  bewiesen,  daß  sie  ihn  schon
ganz  liebt.  Ich  sagte  mir,  daß  der  Zweifel  nur  in  der
Keuschheit  Ihres  Ausdrucks,  nicht  in  der  Grundlage
Ihrer  Gefühle  lag.
Und  in  dieser  Voraussetzung  schreibe  ich  Ihnen  das
156
        <pb n="146" />
        157

Folgende:  In  dieser  Voraussetzung  werde  ich  mit
Ihnen  sprechen  und  sende  ich  Ihnen  dieses  Manuskript.
Irre  ich  auch  in  dieser  Voraussetzung,  so  bewahren  Sie
meinen  Brief  dennoch.  Es  ist  nichts  darin,  worauf  ich
nicht  stolz  sein  könnte,  und  Sie  sollen  es  behalten  als  ein
Andenken  an  einen  Mann,  der  die  Erinnerung  an  Sie,
o  meine  „letzte  Rose",  ewig  und,  wie  es  auch  kommen
niag,  heilig  halten  und  verehren  wird.  Dieses  Manuskript,
junges  Mädchen,  soll  Ihnen  bleiben  als  eine  Trophäe
der  Anziehungskraft  Ihres  Wesens,  denn  früher  oder
später  wird  die  Zeit  kommen,  welche  Ihnen  bezeugen
wird,  daß  es  keine  kleine  und  verächtliche  Erinnerung
ist,  einem  Manne  meines  Schlags  daö  Gefühl  der  Liebe,
den  Gedanken  an  Vermählung  eingeflößt  zu  haben.
Der  Gedanke  an  Vermählung!  Bis  jetzt  war  meine
Liebe  nur  ein  verzehrendes  Feuer  für  die  Frauen,  welche
sich  darein  stürzten.  Ich  kenne  kein  Weib,  welches,  auch
nur  einen  Augenblick  überzeugt,  daß  der  Gedanke  an
eine  Verbindung  mir  erträglich  sein  könnte,  nicht  eiligst
mich  zu  fesseln  bemüht  sein  würde.  Ich  sage  Ihnen,
daß  ich  deshalb  junge  Mädchen  immer  vermieden  habe.
Zweimal  nur  sprach  ich  von  Liebe  mit  jungen  Mädchen,
die  mich  leidenschaftlich  liebten  und  die  in  mir  den
Wunsch  erweckt  hatten,  sie  zu  besitzen.  Und  in  beiden
Fällen  fing  ich  mit  dem  Geständnis  an,  daß  ich  sie  nie
heiraten  würde!  Außer  diesen  zwei  Ausnahmen  hielt  ich
mich  nur  an  verheiratete  Frauen,  deren  „verzogenes  Kind"
ich  war,  wie  sie  es  einmal  nannten,  und  von  denen
einige  mich  wirklich  liebten.  Sie  wissen,  daß  Frauen,
wenn  sie  lieben,  die  Gewohnheit  haben,  immer  Fragen  zu
stellen.  Und  es  gab  nicht  eine,  der  ich  nicht  mit  gewohnter
        <pb n="147" />
        158

Offenherzigkeit  geantwortet  hätte,  daß,  auch  wenn
sie  ffei  wäre,  ich  sie  doch  nicht  heiraten  würde,  und
trotzdem,  oder  vielleicht  auch  gerade  infolgedessen,  wurde
ich  heftig  geliebt!  Ich  wollte  nehmen,  aber  mich  nicht
selbst  geben.
Ja,  ich  schwöre  es  Ihnen,  bis  jetzt  gab  es  kein  Weib
auf  der  Welt,  bei  dem  der  Gedanke  an  Heirat  mir
nicht  ein  Frösteln  verursacht  hatte.  Sie  sind  die  einzige, ­
  die  ich  mit  der  zärtlichen  Liebe  verehre,  um
mich  hinzugeben,  die  einzige,  für  welche  ich  das  ungeheure ­
  Opfer  einer  Heirat  zu  bringen  bereit  bin,
und  Sie  wissen,  meine  Meinung  über  die  Opfer  der
Liebe  geht  dahin,  sie  nicht  als  Opfer,  sondern  als
Glück  fühlen  zu  lassen.
Sie  sind  die  einzige,  die  ich  zur  Frau  nehmen  könnte
und  so,  wie  Sie  sind,  nehmen  würde.  Sie  könnten  mir
selbst  sagen,  Sie  anders  zu  nehmen,  ich  würde  es  nicht
tun!  Sehen  Sie,  meine  schöne  Rose,  das  kommt  daher,
weil  ich  Sie  ebenso  verehre  wie  liebe.  Ich  liebe  Sie
vielleicht  deshalb  so,  weil  ich  Sie  verehre.
Also  denn:  ich  werde  Sie  heiraten,  wenn  Sie  einwilligen. ­
  Aber  werden  Sie  auch  einwilligen?
Das  ist  jetzt  die  Frage,  und  es  ist  Zeit,  mit  den  Bekenntnissen ­
  zu  beginnen,  die  ich  Ihnen  zu  machen  habe.
Ich  sage  Ihnen  im  voraus,  Sophie,  daß  ich  alles,
was  ich  kann,^  vorbringen  werde,  um  Ihnen  die  Lust
zu  vertreiben,  mich  zu  nehmen,  ja,  ich  werde  mir
Mühe  geben,  dies  zu  tun.  Und  in  jedem  Falle  werde
ich  dadurch  nur  gewinnen.  Wenn  Sie  unerschütterlich
bleiben,  so  werde  ich  die  einzige,  wahre  Garantie
haben,  daß  Sie  mich  hinlänglich  lieben,  um  in  der
        <pb n="148" />
        159

Verbindung  mit  mir  ein  dauerhaftes  und  unzerstörbares
Glück  zu  finden.
Und,  umgekehrt,  wenn  meine  Bekenntnisse  Sie  abstoßen ­
  und  schrecken,  so  werde  ich  doch  gewinnen!  Denn
wenn  es  möglich  ist,  Sie  abzustoßen  und  zu  erschrecken,
so  heißt  das,  Sie  fühlen  keine  genügend  starke  und
leidenschaftliche  Liebe  zu  mir,  um  in  einer  Verbindung
mit  mir  die  einzige  und  unerschütterliche  Bürgschaft
für  ein  wahres  Glück  zu  finden.  Und  wenn  schon  der
Gedanke  daran  Sie  erschrecken  kann,  so  laufe  ich  um  so
mehr  Gefahr,  Sie  —  und  mich  mit  Ihnen  —  wirklich
unglücklich  zu  machen.
Dies  ist  in  der  Gedankenreihe,  die  ich  schon  ausgesprochen ­
  habe,  inbegriffen.  Und  wenn  es  so  ist,  so  ist
es  besser,  daß  wir  uns  trennen;  ich  will  dann  lieber  nicht
Gefahr  laufen,  ein  so  zartes  und  duftiges  Blümchen,
wie  Sie,  zu  brechen  in  der  Verbindung  mit  meiner
rauhen  Eristenz  eines  Kämpfers.  —  Ich  werde  mir  also
alle  Mühe  geben,  Ihnen  angst  zu  machen.  Ich  werde
nicht  nur  nichts  vor  Ihnen  verbergen,  ich  werde  —
auch  alles  mit  den  grellsten  Farben  malen.
Beginnen  wir  also,  und  Sie  werden  sehen,  daß  ich
einem  verzauberten  Prinzen  gleiche,  und  daß  man  —
wie  in  der  Ihnen  bekannten  Mozartschen  Oper  „Die
Aauberflöte"  —  durch  Wasser  und  Feuer  hindurch  muß,
um  mich  zu  bekommen.  Das  ist  nicht  so  leicht  wie  mit
andern  Männern.
Ich  werde  alle  Hindernisse  eins  nach  dem  andern
aufzählen,  um  das  traurige  und  melancholische  Vergnügen ­
  zu  haben,  auf  die  Zahl  der  Ursachen  zu  blicken,
die  unserer  Verbindung  im  Wege  stehen.
        <pb n="149" />
        160

Ich  fange  damst  an,  Ihnen  zu  sagen,  daß  ich  mich  nicht
eher  entschließen  werde,  Sie  zu  heiraten,  bis  ich  nicht
von  meiner  Krankheit  ganz  wiederhergestellt  bin.  Sie
müssen  einen  Mann  in  seiner  ganzen  Kraft  und  Stärke
haben,  wie  ich  es  noch  vor  einigen  Monaten  war.  Möge
mich  der  Himmel  vor  dem  großen  Unrecht  bewahren.
Sie  zur  Krankenwärterin  zu  machen!
Da  ich  die  Krankheit  aber  nicht  für  ein  ernstliches
Hindernis  halte,  weil  ich  nicht  zweifle,  in  einigen  Monaten
vollkommen  gesund  zu  sein,  so  will  ich  diesen  Grund
nicht  rechnen.
Aber  es  gibt  wichtigere  Sachen!
1.  Vor  allen  Dingen,  Sophie,  ist  reiflich  zu  überlegen, ­
  daß  ich  ein  Mann  bin,  der  seine  ganze  Existenz
einer  heiligen  Sache,  der  Sache  des  Volks  bis  in  ihre
äußersten  Konsequenzen  gewidmet  hat.  Diese  Sache
ist  bestimmt,  noch  in  unserem  Jahrhundert  zu  triumphieren, ­
  aber  sie  wird  ihre  Anhänger  noch  oft  schweren
Niederlagen  und  Gefahren  aussetzen.  In  diesem  Kampfe
könnte  ich  in  schreckliche  Lagen  kommen,  die  keine  Anhänglichkeit ­
  von  mir  abwenden  kann.  Mein  Vermögen,
meine  Freiheit,  mein  Leben  selbst  können  fortwährend
gefährdet  sein.  Nichts  ist  bei  mir  sicher!  Indem  Sie
mich  heiraten,  bauen  Sie  Ihre  Existenz,  Ihr  Haus  auf
der  Höhe  eines  Vulkans!  Werden  Sie  den  Mut  haben,
im  Falle  des  Mißlingens  alles  zu  tragen:  Verbannung,
Gefängnis,  Ruin,  Armut  und  selbst  den  Tod?  Und
was  noch  schlimmer,  vielleicht  ein  Leben  voller  Entbehrungen? ­

Wenn  nicht,  so  gehen  Sie  solchen  furchtbaren  Existenzen, ­
  welche  heute  den  Anblick  vollkommenen  Glücks
        <pb n="150" />
        6  Großmann,  Laffalle

16t

gewähren  und  morgen  mir  den  Trümmern  ihres  Schiffbruches ­
  alles  bedecken,  auö  dem  Wege.
Nicht  ohne  tiefe  Melancholie  glaube  ich  Ihre  Antwort
vorauszusehen!  Ja,  Sie  glauben,  daß  Sie  es  können.
Eine  so  edle  Natur  wie  die  Ihre  hat  den  Glauben  an
sich  selbst.  Aber  deshalb  hat  sie  noch  nicht  die  nötigen
Kräfte,  um  in  langer  Prüfungszeit  diesen  Glauben  zu
betätigen!  „Viele  sind  berufen,  wenige  sind  auserwählt,"
so  sagt  die  Heilige  Schrift.  Welche  frische,  kühne  und
edle  Natur,  vor  einem  Berge  stehend,  fühlt  nicht  Kraft
genug  in  sich,  den  Gipfel  zu  erreichen,  um  von  dort
aus  sich  an  dem  prachtvollen  Schauspiel  einer  unbegrenzten ­
  Aussicht  hoch  über  dem  Niveau  der  Dinge  zu
erfteuen!  Alle  Hindernisse  werden  besiegt  und  der
Gipfel  erreicht!  Nur  Feiglinge  bleiben  zurück!
Aber  nun  beginnt  das  Steigen,  viele  und  viele  Stunden;
man  klimmt  immer  weiter  empor;  die  Kräfte  erlahmen
mehr  und  mehr,  die  Brust  zieht  sich  zusammen,  der
Atem  stockt.  Und  immer  neue  Felsen  versperren  den
Weg;  neue  Abgründe,  neue  scharfe  Steine,  an  denen
Ihr  Fuß  strauchelt!
Ach,  Sophie,  ich  will  nicht  von  den  schwachwerdenden
Naturen  sprechen,  welche  umkehren;  aber  wie  viele
kühne  und  edle  Naturen  bleiben  liegen,  zerschlagen
und  tot  durch  die  Mühsal  des  Weges!  Den  Gipfel
erreichen  nur  die,  welche  sozusagen  physische  Geisteskraft ­
  haben.
Übrigens  wenn  Sie  mir  sagen,  daß  Sie  Vertrauen
zu  Ihren  Kräften  haben,  so  werde  ich  es  auch  haben,
und  glauben  Sie  mir,  es  wird  eine  kräftige  Hand  sein,
die  Sie  auf  diesem  Wege  unterstützen  wird!
        <pb n="151" />
        162

2.  Aber  werden  Sie  auch  den  zweiten  Schlag,  den
ich  Ihnen  zu  erteilen  habe,  überwinden?  Sophie,  ich
bin  —  ein  Jude.  Mein  Vater  und  meine  Mutter  sind
Juden,  und  wenn  ich  auch  innerlich  ebensowenig  Jude
bin  wie  Sie,  sogar  noch  weniger,  wenn  es  möglich  ist,
so  habe  ich  mich  doch  noch  nicht  von  meiner  Religion
losgesagt,  weil  ich  auch  keine  andere  annehmen  wollte.
Ich  kann  wohl  versichern,  daß  ich  nicht  mehr  Jude  bin,
aber  ohne  Lüge  kann  ich  auch  nicht  versichern,  Christ
geworden  zu  sein.
Bei  uns  macht  es  nichts  mehr  aus,  Jude  zu  sein;  denn
bei  uns  in  Deutschland,  in  Frankreich,  in  England  ist
dies  nur  eine  Religion,  keine  Nationalität.  Man  ist
bei  uns  Jude,  wie  man  Protestant  oder  Katholik
ist.  Bei  uns  besonders,  wenn  man  einen  Ruf  von
Geist  und  Talent  hat,  wie  ich,  wird  nian  allen  gleich,
und  es  gibt  nichts,  das  ich  nicht  erreichen  könnte,  wenn
ich  einwilligen  würde,  mit  der  eristierenden  Regierung
zu  paktieren.
Aber  das  ist  alles  ganz  anders  bei  Ihnen  in  Rußland.
Sie  selbst  sagten  mir,  daß  das  Judentum  dort  eine
Nationalität,  nicht  eine  Religion  ist.  Es  ist  wahr.  Sie
lieben  meinen  Freund  Heine,  obschon  er  auch  ein  Jude
war;  aber  es  ist  doch  ein  großer  Unterschied  zwischen
poetischer  Verehrung  und  einer  Ehe  in  der  wirklichen
Welt.  Ihre  Landsleute  werden  Sie  wegen  der  Heirat
mit  einem  Juden  verachten!  Sie,  Abkömmling  von
Fürsten,  einen  Menschen  heiraten,  welcher  —  es  ist  wahr
—  wenn  die  Abstammung  ein  Recht  zum  Stolze  gäbe,
stolzer  sein  könnte  wie  ihr  alle,  da  er  von  einem  Volke
abstammt,  welches  älter  ist  als  alle  Fürsten  und
        <pb n="152" />
        ~

6*

163

Edelleute,  die  nur  etliche  Jahrhunderte  existieren;  vom
ersten  zivilisatorischen  Volke,  welches  in  der  Geschichte
auftritt,  und  von  den  alten  Königen  Syriens.
Es  ist  wahr,  ich  könnte  Ihnen  das  Opfer  bringen,
Christ  zu  werden,  obgleich  nach  unseren  Gesetzen  keine
Notwendigkeit  dazu  vorhanden,  uub  die  Ehe  zwischen
Christen  und  Juden  gestattet  ist.  Und  wenn  es  eine
unumgängliche  Bedingung  wäre,  ich  würde  es  vielleicht
tun.  Aber  es  würde  mir  schwer  fallen,  Sophie.  Ich
will  es  Ihnen  sagen,  weshalb.  Ich  liebe  die  Juden
durchaus  nicht,  ja  im  allgemeinen  verabscheue  ich  sie.
Ich  sehe  in  ihnen  nur  die  sehr  entarteten  Söhne  einer
großen,  aber  längst  entschwundenen  Vergangenheit.
Diese  Leute  haben  während  der  in  der  Sklaverei  verbrachten ­
  Jahrhunderte  auch  die  Eigenschaft  der  Sklaven
angenommen;  und  deshalb  bin  ich  ihnen  äußerst  ungünstig ­
  gesinnt.  Ich  habe  auch  gar  keine  Verbindung
mit  ihnen.  Unter  meinen  Freunden  und  in  der  Gesellschaft, ­
  die  mich  hier  umgibt,  ist  fast  nicht  ein  einziger
Jude.  Es  sind  also  keinerlei  Rücksichten,  die  mir  diesen
Wechsel  etwas  peinlich  nrachen  würden.
Aber,  Sophie,  ich  bin  ein  Mann  der  Politik,  und,  was
noch  mehr  sagen  will,  ich  bin  das  Haupt  einer  Partei.
Und  die  Partei,  welche  die  meinige  ist,  muß  an  dem
Grundsätze  festhalten,  nie  einem  Vorurteil  sich  zu  beugen,
da  dies  nur  Feigheit  sein  würde,  und  nie  darf  sie  einen
Akt  der  Heuchelei  begehen.  Wie  soll  ich  es  also  mit  dem
christlichen  Glauben  machen,  wenn,  was  jedermann
weiß  und  ich  auch  nie  verhehlen  werde,  ich  ebensowenig
von  der  christlichen  wie  von  der  jüdischen  Religion  im
Herzen  trage!  Würde  es  nicht  den  Anschein  haben,  daß
        <pb n="153" />
        164

ich  um  äußerer  Vorteile  willen  einem  Vorurteile  nachgebe? ­
  Hierin  liegt  ein  übergroßer  Rigorismus,  ein  Rigorismus, ­
  der  in  meiner  Persönlichkeit  begründet  ist,
denn  meine  Partei  würde  meiner  Taufe  nicht  den  geringsten ­
  Widerstand  entgegensetzen,  ich  kann  ihn  durch
genug  gewichtige  Gründe  erklären,  um  so  mehr,  da  die
Taufe  in  solchen  Fällen  als  eine  reine  Formalität  angesehen ­
  wird;  und  da  ich  nicht  die  Notwendigkeit
zugebe,  da  ich  auch  nicht  im  entferntesten  gesonnen  bin,
irgendeines  Vorurteils  halber  Ihrer  Liebe  zu  entsagen,
so  werde  ich  vielleicht  dieses  Opfer  bringen,  wenn  es
unumgänglich  sein  sollte,  und  mich  taufen  lassen.
Das  heißt,  ich  werde  es  tun,  wenn  Ihr  Vater  oder  Ihre
Mutter  absolut  darauf  bestehen,  ich  werde  es  aber  keinesfalls ­
  tun,  wenn  nur  Sie  es  wünschen  sollten.  Meine
Frau  darf  durchaus  keine  Vorurteile  haben.
3.  Gehen  wir  jetzt  zu  meiner  gesellschaftlichen  Stellung
über.  Fangen  wir  mit  der  guten  Seite  an.  Schon  seit
einigen  Jahren  erfreue  ich  mich  in  der  Gelehrtcnwelt
eines  sehr  großen  Rufes,  welcher  fortwährend  wächst.
Alle  Berühmtheiten,  die  wir  haben,  Humboldt  und  Böckh
haben  lnich  mit  dem  Namen  ihres  Freundes  beehrt.
Mein  Ruf  wird  sich  noch  viel  und  immer  mehr  vergrößern,
sowohl  durch  die  Nachwirkung  schon  erschienener  als  durch
noch  zu  veröffentlichende  Arbeiten.
In  der  eigentlichen  Welt  ist  meine  Stellung
folgende.  Im  allgemeinen  verhalten  sich  nur  wenige
bei  uns  in  Preußen  gleichgültig  mir  gegenüber.  Fast
unsere  ganze  Gesellschaft  teilt  sich  in  bezug  auf  mich
in  zwei  Parteien.  Die  eine  —  zu  welcher  die  ganze
Aristokratie  und  der  größte  Teil  der  Bourgeoisie  gehört,
        <pb n="154" />
        165

häufig  sogar  Personen  mit  einem  leichten  Anflug  von
Liberalismus  —  fürchtet  und  haßt  mich.  Die  andere
Partei,  zu  welcher  der  übrige  Teil  der  Bourgeoisie  und
das  Volk  gehört,  achtet,  liebt  mich,  verehrt  mich  sogar
nicht  selten.  Für  diese  bin  ich  ein  Mann  von  größtem
Genie  und  von  einem  fast  übermenschlichen  Charakter,
von  dem  sie  die  größten  Taten  erwarten.  Jene,  die
Feinde,  erwarten  wohl  auch  große  Taten  von  mir.  Aber
eben  deshalb,  weil  sie  mich  mehr  fürchten  als  irgend
jemand  anders,  hassen  sie  mich  so  unbeschreiblich,  daß  ich
Ihnen  keinen  richtigen  Begriff  von  diesem  alles  verschlingenden ­
  Haß  geben  kann.
Sie  suchen  mich  fortwährend  zu  verfolgen.  Es  ist
wahr,  auch  meine  Feinde  achten  mich  innerlich  ebensosehr ­
  wie  meine  Freunde,  häufig  sogar  noch  mehr,  weil
sie  mich  noch  besser  erraten.
Aber  gerade  deshalb,  weil  sie  mich  im  geheimen  achten,
haben  sie  immer  gesucht,  mich  um  so  mehr  zu  verleumden;
denn  Verleumdung  ist  die  einzige  Waffe  dieser  angefaulten ­
  Parteien,  welche  den  langsam  sich  herannahenden
Tod  in  sich  selbst  fühlen.  Ich  schritt  immer  mit  erhobener
Stirn  daher,  mit  Verachtung  auf  den  Lippen,  mit  der
Waffe  in  der  Hand,  immer  siegreich,  stets  die  Lüge  niederschmetternd, ­
  die  Verleumdung  verwirrend,  über  den
Haß  triumphierend.  Aber  dadurch  habe  ich  noch  mehr
Haß  auf  mich  gehäuft,  der  um  so  wütender  ist,  als  er
immer  machtlos  gegen  mich  war,  und  weil  ich  aus  allen
gegen  mich  gerichteten  Angriffen  immer  reiner  und
glänzender  hervorgegangen  bin.  Sie  wissen  es  ja,
Sophie,  daß  nichts  den  Haß  mehr  nährt  als  Ohnmacht
und  Niederlage.
        <pb n="155" />
        166

Jetzt,  Sophie,  erwägen  Sie  dies  wohl,  wenn  Sie  Ihr
Schicksal  mit  dem  weinigen  vereinigen,  so  wird  auch
Ihre  Existenz  zur  Zielscheibe  des  Hasses  und  der  Verleumdung ­
  werden.  Ich  fürchte,  daß  Ihr  Verstand,  der
Verstand  eines  jungen  Mädchens,  zu  schnell  über  diese
Fragen  hinweggehen  wird.  Wissen  Sie,  was  der  unaufhörliche ­
  Haß  einer  feindlichen  Menge  bedeutet?  Ja,
Sie  wissen  es  durch  den  Verstand  und  durch  die  Phantasie; ­
  aber  Sie  kennen  es  noch  nicht  aus  der  Erfahrung
schrecklicher  Erinnerungen!  Denken  Sie,  daß  beim  geringsten ­
  Aufall,  bei  jedem  unbedeutenden  Ereignis  es
möglich  sein  könnte,  daß  eine  Masse  von  Feinden  sich
dessen  bemächtigt,  es  vergrößert,  cs  unwürdig  entstellt,
dasselbe  als  Mittel  gegen  Sie  oder  gegen  mich  benutzt,
lügenhaft  verzerrt,  was  Sie  gesagt,  getan,  gedacht  haben.
Ich  selbst  gestehe  Ihnen,  obgleich  ich,  wie  schon  gesagt,
immer  mit  der  Verachtung  auf  den  Lippen  und  mit  der
Waffe  in  der  Hand  vorwärtsgeschritten  bin,  obschon  ich
immer  die  Verleumdung  niedergeschlagen  und  besiegt
habe,  daß  sie  es  doch  war,  die  mir  die  einzigen  seltenen
Stunden  wahren  Leidens  im  Leben,  deren  ich  mich  erinnere, ­
  gebracht  hat,  wie  es  weder  Gefängnis  noch  Gefahren ­
  mir  je  zufügen  könnten.
Und  wenn  auch  ich,  ein  rauher  Krieger,  eine  für  den
Kampf  eigens  organisierte  Natur,  stark  durch  mein  Bewußtsein, ­
  nicht  unterliegen  und  schließlich  alles  siegreich
durchführen  könnte,  würden  Sie,  im  Falle  der  Not,
alles  das  ertragen  können?  Sie,  ein  Samtblümlein,
nicht  für  den  Kanipf,  sondern  für  ein  ungetrübtes  Glück
und  für  die  süßesten  Eindrücke  geschaffen!  Bedenken
Sie  wohl,  Sophie,  wenn  ich  nur  ein  einziges  Mal  Sie
        <pb n="156" />
        187

leiden  sähe,  würde  ich  um  so  Schrecklicheres  ausstehen ­
  !
O,  glauben  Sie  mir  Sophie,  es  gibt  einsame  Geschöpfe, ­
  denen  kein  glückliches  Wesen  sich  nähern  darf!
Lesen  Sie  mein  Trauerspiel.  Alles,  was  ich  Ihnen  hier
sagen  könnte,  habe  ich  Hutten  aussprechen  lassen.  Auch
er  hatte  alle  Verleumdungen,  alle  Arten  von  Haß,  jede
Feindseligkeit  ertragen.  Ich  habe  aus  ihm  den  Spiegel
niemer  Seele  gemacht,  und  ich  konnte  dies,  da  sein  Schicksal ­
  und  das  meinige  einander  vollständig  gleich  und  von
überraschender  Ähnlichkeit  sind.  Nur  die  Nachwelt  ist
gerecht  gegen  Männer  wie  er.  Deshalb  ist  man  gezwungen,
sich  ein  trauriges  Glück  durch  Entsagung  auf  jedes  wahre
und  wirkliche  Glück  zu  bereiten.  Lesen  Sie,  was  Hutten
zu  Maria  sagte.  Fast  das  gleiche,  was  ich  Ihnen  eben
gesagt  habe,  wenn  auch  in  anderen  Worten,  und  dies
wird  Ihnen  alles  noch  besser  verständlich  machen.  Das
sind  keine  „deutschen  Hirngespinste",  wie  Sie  eines
Abends  beinerkten:  es  ist  eine  traurige,  sehr  traurige
Notwendigkeit  für  solche  einsam  stehenden  Wesen,  auch
allein  zu  bleiben,  weil  sie  sonst  noch  denen  Kummer  bereiten, ­
  die  sie  lieben,  welche  aber  keine  so  mächtige,
stählerne  Organisation  haben  wie  sie!
Sie  werden  mir  aber  vielleicht  sagen:  „Was  kümmert's
mich,  daß  die  eine  Hälfte  der  Menschheit  Sie  haßt,  wenn
es  eine  Hälfte  gibt,  die  nach  Ihren  eigenen  Worten  Sie
hochschätzt,  Sie  liebt  und  bewundert?"  Erstens,  Sophie,
ist  die  Teilung  ungleich;  die  mich  hassende  Hälfte  ist  noch
die  mächtige,  herrschende,  welche  beinahe  alle  hervorragenden ­
  Plätze,  alle  Stellen  einnimmt,  welche  über  alle
Vergnügungen  und  Zerstreuungen,  über  alles,  was  das
        <pb n="157" />
        168

Leben  verschönert,  verfügt.  Die  andere  Hälfte  ist  noch
die  ohnmächtigere,  welche  Ihr  Leben  nicht  sonderlich
ausschmücken,  Ihnen  nicht  diesen  Glanz,  diese  Zerstreuungen, ­
  diese  Freuden  bieten  kann,  an  die  Sie
in  Ihrer  aristokratischen  Gesellschaft  vielleicht  gewöhnt
sind.
Und  noch  mehr,  selbst  unter  denen,  die  mich  lieben  und
mich  bewundern,  werden  sich  viele  finden  —  Sie  begreifen, ­
  daß  ich  jetzt  von  den  Frauen  sprechen  will  —,
denen  Sie  durchaus  nicht  gefallen  werden;  und  doch
wird  dies  in  Ihren  gegenseitigen  Beziehungen  von  Bedeutung ­
  sein.  Während  die  aristokratische  Welt  Ihnen
die  Heirat  mit  einem  solchen  Menschen,  wie  ich  bin,  nicht
verzeihen  wird,  werden  jene  Sie  deshalb  beneiden,  eines
Glückes  halber,  das  Ihre  Verdienste  übersteige.  Viele  von
unseren  Frauen  werden  es  Ihnen,  einer  Ausländerin,
nicht  verzeihen,  daß  Sie  die  Frau  eines  Mannes  geworden ­
  sind,  den  sowohl  Freunde  wie  Feinde  einstimmig ­
  vor  allein  für  einen  ungewöhnlichen  Mann
halten;  werden  Ihnen  die  siegreiche  Erreichung  dessen
nicht  verzeihen,  was  keine  von  ihnen  zu  erreichen  imstande ­
  war.
Und  dann  beginnt  der  Kampf  mit  ihrer  Eigenliebe-,
denn  je  mehr  sie  im  geheimen  erkennen  werden,  daß  Sie
wirklich  ein  Weib  sind,  das  ihnen  hoch  überlegen,  desto
mehr  werden  sie  suchen,  Sie  als  mittelmäßig  und  unbedeutend ­
  hinzustellen.  Darauf  folgen  Verleumdung,
Lästerungen.  Wenn  Sie  mit  einem  Manne  sprechen
werden  in  Ihrer  liebenswürdigen  und  berechtigten
Offenheit,  so  werden  sie  daraus  schon  Folgerungen  über
unlautere  Beziehungen  ableiten.
        <pb n="158" />
        169

Sie  werden  also  Haß  bei  meinen  Feinden  und  gehässigen ­
  Neid  bei  vielen  Frauen  der  andern  Partei
finden.
4.  In  bezug  auf  die  Frauen  habe  ich  noch  etwas  weiteres
hinzuzufügen.  Die  Aristokratie  haßt  nnch,  wie  ich  Ihnen
schon  gesagt  habe,  fast  ohne  Ausnahme.  In  unserer  Bourgeoisie ­
  haben  die  Frauen  überhaupt  noch  wenig  Anziehendes ­
  und  Angenehmes  in  ihrer  Lebensweise.  Die
Männer  in  unserer  Bourgeoisie  besitzen  die  Macht  der
Bildung  und  des  Geistes.  Aber  die  Frauen  haben  von
der  Bildung  noch  nicht  dies  Aroma  von  Liebenswürdigkeit, ­
  diese  Signatur  guter  Manieren  erhalten,  welche
für  jede  Frau,  die  in  aristokratischen  Kreisen  gelebt  hat,
unentbehrlich  sind.  Es  gibt  allerdings  Ausnahmen,  aber
sie  sind  sehr  selten.  Von  diesen  Ausnahmen  abgesehen,
werden  unsere  Frauen  Ihnen  durchaus  nicht  recht  konvenieren.

Alles  dies  bringt  mich  auf  den  Gedanken,  daß,  im  Falle
unserer  Verheiratung,  ich  meinen  Bekanntenkreis  bedeutend ­
  einschränken  werde.  Dies  macht  für  mich  absolut
nichts  aus.  Ich  habe  immer  soviel  als  möglich  eine  weitläufige ­
  Bekanntschaft  zu  vermeiden  gesucht;  man  mußte
mich  immer  zu  neuen  Bekanntschaften  nötigen.  Obschon
ich  die  Menschheit  innig  liebe,  so  liebe  ich  doch  nicht  die
Individuen,  welche  heutzutage  vorgeben,  Menschen  zu
sein.  Aber  im  Falle  unserer  Verbindung  werde  ich
meinen  Kreis  noch  bedeutend  verkleinern.  Wir  werden
nur  mit  einigen  Freunden  und  Freundinnen  verkehren.
Wir  werden  gewiß  dadurch  nichts  verlieren.  Denn  wenn
Sie  ganz  Berlin  nehmen,  so  werden  Sie  nur  sehr  wenige
Häuser  finden,  in  denen  man  sich  ganz  behaglich  fühlt,
        <pb n="159" />
        170

und  noch  weniger  solche,  die  Ihnen  passen  würden.
Deutschland  ist  kein  Land  für  gesellschaftliches
Leben.
Bei  alledem  werden  Sie  vielleicht  ein  wenig  einsän:
sein.  Wissen  Sie  auch,  schönes  Blümchen,  das  der  Hellen
Sonne  bedarf,  was  der  Schatten  der  Einsamkeit  bedeutet?
Anstatt  des  Geräusches  und  der  Bewegung  der  großen
Welt,  die  Sie  mit  dem  Glanze  Ihrer  Jugend  und  Ihres
Zaubers  erfüllen  könnten  —  die  Einsamkeit?  Taugt
das  wohl  für  Sie?  Können  Sie  auch  darein  willigen,  all
Ihr  einziges  Glück  in  mir  allein  zu  finden?  Und  noch
dazu,  wenn  Sie  mich  nicht  den  ganzen  Tag  haben
können.  Denn,  Sophie,  eine  Hälfte  meines  Tages  nmß
immer  wissenschaftlichen  Arbeiten  gewidmet  sein.  Ich
würde  nie  der  Wissenschaft  entsagen  können.
In  dieser  Hälfte  also  würden  Sie  vielleicht  zuweilen  das
Alleinsein,  die  Langeweile  empfinden!  Werden  Sie  nie
seufzen,  ein  Ihrer  so  wenig  würdiges  Los  gewählt
zu  haben?
Freilich,  ich  verhehle  es  Ihnen  nicht,  es  könnte  wohl
sein,  daß  nur  gewisse  Ereignisse  eintreten,  eine  Flut  von
Bewegung,  Geräusch  und  Glanz  auf  Ihr  Leben  fallen
würde,  wenn  Sie  mein  Weib  sein  werden.  Aber  nicht
wahr,  Sophie,  mit  so  großen  Dingen,  die  das  Ziel
der  Anstrengungen  des  ganzen  Menschengeschlechts  bilden,
darf  man  nicht  eine  bloße  Spekulation  auf  individuelles
Glück  machen?
Deshalb  darf  man  in  keiner  Weise  darauf  rechnen.
5.  Gehen  wir  jetzt  zu  meiner  finanziellen  Lage  über.
Sie  haben  zuerst  angefangen,  von  der  Ihrigen  zu  sprechen,
und  sagten,  daß  Sie  nicht  wüßten,  ob  Sie  irgendein
        <pb n="160" />
        171

Vermögen  haben,  odersogar,  daß  Sie  überzeugt  seien,  keins
zu  besitzen.  Ich  habe  Ihnen  geantwortet,  daß  mich  dies
durchaus  nicht  berühre,  und  ich  wiederhole  dies  nochmals.
Es  ist  dies  nicht  die  stolze  Verachtung  eines  verliebten,
enthusiastischen  jungen  Kopfes,  der  den  Wert  des  Geldes
noch  nicht  kennt  und  der,  wenn  er  ihn  später  kennengelernt ­
  hat,  Reue  fühlen  wird.  O  nein,  das  ist  es  nicht,
und  ich  konstatiere  dies  ausdrücklich,  weil  dies,  wenn  auch
nicht  in  Ihren  Augen,  so  doch  in  den  Augen  Ihrer  Eltern
die  Garantie  Ihres  Glückes  mit  mir  erhöhen  könnte.
Nein,  es  ist  kein  Jüngling  mit  schimärischen  Ideen,  der
mit  Ihnen  spricht.  Es  ist  ein  gereifter  Mann,  welcher
dem  Alter  nach  nur  fünfunddreißig,  den  Erfahrungen
nach  neunzig  Jahre  zählt.
Ich  fange  also  damit  an,  Ihnen  zu  sagen,  daß  ich  das
Geld  nur  dann  verachte,  wenn  es  mit  etwas  Höherem,
Edlerem,  für  meinen  Willen  Teuerem  wetteifern  will.
Aber  das  Geld  an  sich  ist  eins  der  Mittel  zur  höchsten
Tätigkeit  auf  Erden,  und  als  solches  Mittel  für  meinen
Willen  und  nicht  als  Zweck  desselben  verstehe  ich  es
nach  seinem  wahren  Wert  zu  schätzen.
Ich  will  Ihnen  sogar  mit  meiner  gewohnten  Offenheit ­
  das  Geständnis  machen  —  und  das  könnte  Sie  vielleicht ­
  überraschen  —,  daß  ich  vielleicht  imstande  gewesen
wäre,  eine  Frau  mit  einer  Mitgift  von  drei  bis  vier
Millionen  Talern  zu  heiraten,  bloß  dieses  Vermögens
wegen,  ohne  weiter  ihre  Person  zu  berücksichtigen.  Denn
wenn  diese  Frau  mir  ein  Vermögen  von  solcher  Höhe  zugebracht ­
  hätte,  wo  das  Geld  dann  eine  Macht  wird,  so
würde  ich  mir  vielleicht  gesagt  haben:  „Mit  einem  solchen
Vermögen  kannst  du  deine  großen  wissenschaftlichen.
        <pb n="161" />
        172

künstlerischen  und  besonders  politischen  Ziele  fördern."
Dann  würde  ich  vielleicht  mit  dieser  Person  eine  Verbindung ­
  unter  dem  äußern  Schein  einer  Ehe  eingegangen ­
  sein,  doch  ihre  Persönlichkeit  würde  für  mich
gleichgültig  gewesen  sein.
Aber  da  ich  Sie  ausschließlich  des  inneren  Glückes
halber  heiraten  will,  so  sehe  ich  auch  nur  auf  Ihre  Person,
und  alles  übrige  ist  mir  gleich.  Ich  würde  Sie  auch
heiraten,  wenn  Sie  weiter  nichts  besäßen  als  daö  hübsche
Nationalkostüm,  in  dem  Sie  sich  für  mich  photographieren
ließen,  und  würde  Sie  ebenso  kräftig  und  feurig  an  mein
Herz  drücken,  als  wenn  Sie  mir  alle  Millionen  des
Orients  zubringen  würden.
Wenn  dies  aber  auch  gegenüber  Ihrem  Besitztum
so  ist  und  so  sein  muß,  so  darf  es  doch  nicht  sein  von
Ihrer  Seite  in  bezug  auf  mein  Vermögen,  denn  als
meine  Frau  haben  Sie  es  mit  mir  zu  teilen  und  davon
zu  leben.
Ich  lebe,  wie  Sie  es  hier  sehen  werden,  ziemlich  behaglich
und  sogar  mit  einem  gewissen  Lurus.  Das  kommt  daher,
weil  ich  bei  unsern  Preisen  in  Deutschland  für  einen
Junggesellen  auch  zienilich  reich  bin,  wir  werden  uns  nur  in
anständigem  und  angenehmemWohlstande  befinden,  wenn
wir  unser  zwei  sind,  und,  Sophie,  namentlich  wenn
wir  mehr  als  zwei  sein  werden!  Ich  will  Ihnen  die  genaue
Ziffer  meines  Vermögens  nennen.  Ich  habe  viertausend
Taler  Rente,  als  ganz  unabhängiges  Vermögen.  Nach
dem  Tode  meiner  Eltern  werde  ich  allerdings  ungefähr
zwei-  bis  dreitausend  Taler  mehr  Einkünfte  haben;
da  ich  aber  Vater  und  Mutter  aufs  zärtlichste  liebe,  so
hoffe  ich,  daß  dies  so  spät  als  möglich  eintreten  werde.
        <pb n="162" />
        173

Wir  werden  also  nur  viertausend  Taler  Einkommen
haben.  Freilich,  das  ist  bei  uns  viel  mehr,  als  es  Ihnen
scheinen  wird,  die  Sie  an  Ihre  russischen  Preisverhältnisse
  gewöhnt  sind.
Vergleichen  wir  z.  B.  unsere  Beamtenhierarchie.  Bei
uns  machen  viertausend  Taler  das  Jahresgehalt  eines
Regierungspräsidenten  aus,  und  selbst  die  Minister  erhalten ­
  nicht  mehr  als  achttausend  Taler,  also  nur  das
Doppelte  meiner  Einkünfte.
Sie  werden  begreifen,  daß  wir  damit  bei  uns  behaglich
und  angenehm  würden  leben  können,  aber  wir  müßten
ordentlich  rechnen,  unsere  Mittel  zusanimennehmen,
uns  dies  und  jenes  auch  versagen  untz  unS  nur  selten
einen  Luxus  gestatten.
Bisher  hatte  ich  die  Gewohnheit,  vor  keiner  Ausgabe
zurückzuschrecken,  wenn  ich  etwas  wünschte,  ich  hatte  es
auch  nicht  nötig,  da  ich  inimer  für  einen  Junggesellen
ziemlich  reich  war.  Wenn  Sie  aber  mein  Weib  sein
werden,  wird  das  nicht  mehr  so  gehen.  Es  wird  allerdings
nicht  nötig  sein,  etwas  in  meinen  alltäglichen  Lebensbedürfnissen ­
  zu  verringern.
Wir  werden  zu  zweien  noch  ebenso  leben  können,  wie
ich  gewöhnlich  allein  lebe.  Nur  die  großen  Ausgaben,
die  ich  zuweilen  zu  splendiden  und  luxuriösen  Festen  für
Freunds  oder  zu  sehr  kostspieligen  Reisen,  für  teure
Bücher  und  dergleichen  zu  machen  liebte,  werde  ich  bedeutend ­
  mäßigen  müssen.  Ich  werde  nicht  ohne  Berechnung ­
  leben  dürfen.
Fürchten  Sie  nichts.  Ich  werde  alles  das  und  zwar
gern  tim,  ich  werde  auch  außerdem  noch  vielem  sehr  gern
        <pb n="163" />
        174

entsagen  —  und  mit  welcher  Wonne!  —  viel  mehr  wie
nötig  ist,  um  mit  Ihnen  zu  leben.
Eins  nur  werde  ich  nicht  können.  Ich  werde  Ihnen
nichts  abschlagen  können,  Sophie.  Ich  werde  eS  immer
bedauern,  daß  ich  nicht  reich  genug  bin,  um  Ihr  Leben
mit  all  dem  Luxus  zu  schmücken,  der  allein  würdig  wäre,
ein  solch  anbetungswürdiges  Wesen  wie  Sie  zu  umgeben.
Ich  werde  nie  oder  nur  sehr  schwer  den  traurigen  Mut
haben,  Ihnen  irgendeine  Ausgabe  abzuschlagen.
Es  ist  übrigens  auch  eines  Mannes  unwürdig,  einem
geliebten  Weibe  etwas  leicht  abzuschlagen.
Sie  müssen  also  selbst  vernünftig  sein,  widrigenfalls
überlasse  ich  es  Ihnen,  nach  Gutdünken  zu  schalten;  aber
das  könnte  unser  Vermögen  zerrütten.
Ich  könnte  allerdings  durch  Arbeit  Geld  verdienen.  Ich
sage  noch  mehr,  ich  kenne  wenig  Leute,  die  soviel  wie  ich
verdienen  könnten,  wenn  dies  meine  Absicht  wäre.
Ich  werde  daö  aber  nie  tun.  Möge  dieses  Unglück  von
mir  fernbleiben,  diese  geistige  Prostitution  —  bei  Geistesarbeiten ­
  den  Gelderwerb  als  Ziel  vor  Augen  zu
haben!  Es  ist  nichts  gerechter,  als  bei  materieller  Arbeit
auf  Gelderwerb  zu  rechnen.  Aber  eS  ist  nichts  unwürdiger,
widernatürlicher,  nichts  verhängnisvoller,  als  in  bezug
auf  geistige  Arbeit,  die  in  eine  ganz  andere  Kategorie
fällt,  so  zu  handeln.  Ich  werde  also  nie  durch  meine
Arbeit  Geld  zu  verdienen  suchen.
Nun  frage  ich  Sie,  Sophie,  werden  Sie  Vernunft
genug  haben,  sich  mit  einem  solchen  Einkommen  zu  begnügen, ­
  und  werden  Sie  mit  einer  angenehmen,  aber
bescheidenen  Behaglichkeit  zufrieden  sein?
        <pb n="164" />
        175

6.  Jetzt  gehe  ich  über  zu  dem  Triumphe  meines
Lebens!
Um  Ihnen  alles,  was  nötig  ist,  über  den  Roman
meines  Lebens  zu  sagen,  muß  ich  einiges  aus  dem  Lebensroman ­
  anderer  berühren.
Im  Januar  1846  machte  ich  in  Berlin  die  Bekanntschaft
der  Gräfin  Hatzfeldt,  die  Sie  kennen.  Es  ist  eine  Frau,
von  deren  Seelengröße  ich  Ihnen  keinen  richtigen  Begriff ­
  geben  kann.  Aber  so  hoch  auch  der  Adel  ihrer  Seele,
so  tief  auch  ihr  Verstand  ist,  ebenso  groß  ist  auch  das
Elend  ihres  Schicksals.
Ihr  Mann,  zugleich  ihr  Cousin,  Graf  Edmund
Hatzfeldt,  haßte  sie,  quälte  und  verfolgte  sie  auf  unwürdige ­
  Weise,  wie  man  es  in  den  überspanntesten
Romanen  nicht  findet.
Im  Besitze  von  fünf  Millionen,  der  Reichste  von  der
ganzen  Familie,  im  Besitze  aller  Vorrechte  und  Macht,
welche  damals  und  auch  jetzt  noch  unsere  höhere  Aristokratie ­
  besaß  (es  ist  eine  der  bedeutendsten  Familien  in
ganz  Deutschland),  kannte  er  keine  Grenzen  in  den
Qualen,  denen  er  sie  in  seinem  Hasse  unterwarf.  Er  hielt
sie  in  seinen  Bergschlössern  gefangen,  versagte  ihr  Arzt
und  Arznei  während  ihrer  Krankheiten,  entriß  ihr  fortwährend, ­
  durch  heimliche  Entführungen,  ihre  Kinder  —
das  ganze  Leben  dieser  entschlossenen  Frau  war  ein  fortwährender ­
  Kampf  um  ihre  Kinder,  den  sie  erst  gewann,
aber  immer  wieder  von  neuem  verlor.  Er  ließ  sie  ohne
alle  Eristenzmittel,  und  während  er  ein  enormes  Vermögen ­
  verschwendete  und  sein  Leben  in  den  unwürdigsten
Ausschweifungen  durchbrachte,  unterstützte  und  erkaufte
er  Verleumdungen  gegen  sie.
        <pb n="165" />
        176

Sie  hatte  sehr  mächtige  Verwandte.  Vater  und  Mutter
der  Gräfin  waren  schon  lange  tot,  aber  ihre  Brüder,  ihre
natürlichen  Beschützer,  und  auch  ihre  Schwäger  nahmen
die  höchsten  Stellungen  ein.  Es  ist  wahr,  diese  ganze
Familie  war  sehr  aufgebracht  gegen  den  Grasen,  und
alle  verdammten  ihn  heftig.  Häufig  während  der  Dauer
dieser  Ehe  machten  sie  Anstrengungen,  um  den  Grafen
zu  dem  Versprechen  zu  bringen,  daß  er  sein  Betragen
ändern  wolle;  mehrmals  veranstalteten  sie  Familienrat
und  zwangen  auch  den  Grafen,  freiwillige  Abmachungen
zu  unterschreiben,  um  das  Los  der  Gräfin  vor  seinen  Verfolgungen ­
  zu  schützen.  Der  Graf  gab  jedesmal  nach,
versöhnte  sich  auch  scheinbar  und  unterschrieb  alles,  was
man  von  ihm  verlangte;  nach  drei  Tagen  aber  begannen
seine  Freveltaten  von  neuem.  Freiwillige  Abmachungen
unter  Eheleuten  haben  nach  unseren  Gesetzen  nichts  zu
bedeuten.  &amp;lt;
Da  der  Graf'nie  sein  Wort  als  Edelmann  hielt  und
seine  mündlichen  oder  schriftlichen  Versprechungen  schon
am  nächsten  Tage  wieder  brach,  so  blieb  der  Gräfin  nichts
anderes  übrig,  als  sich  ans  Gericht  zu  wenden.
Einmal,  im  Jahre  1843,  veranlaßte  der  Fürst  Hatzfeldt,
der  Bruder  der  Gräfin,  sogar  den  König,  zugunsten  der
Gräfin  zu  intervenieren.  Der  König  befahl  durch  eine
Kabinettsorder  dein  Grafen,  sein  schändliches  Benehmen
gegen  die  Gräfin  zu  ändern.  Aber  der  Gras  blieb  auch
dagegen  taub,  und  da  der  König  bei  uns  nicht  die  Macht
des  Aaren  hat  und  in  Privatangelegenheiten  nicht  eingreifen ­
  kann,  so  blieb  auch  dies  ohne  jegliche  Wirkung.
Es  gab  nur  noch  ein  einziges  Rettungsmittel:  die  Hilfe
der  Gerichte.  Dieses  Mittel  war  schon  längst  ins  Auge
        <pb n="166" />
        177

gefaßt  worden.  Seit  vielen  Jahren  schon  hatte  die  Gräfin
ihre  Familie,  ihre  Brüder  auf  den  Knien  flehentlich
gebeten,  den  Beistand  der  Gerichte  anzurufen.  Aber
dies  gerade  wollte  die  Familie  absolut  nicht.  Da  bei
uns  alle  Prozesse  öffentlich  sind,  so  hatte  der  Graf  durch
das  Übermaß  seiner  Infamien  dieses  Mittel  —  voni
Standpunkt  der  Familie  aus  —  unmöglich  gemacht,
denn  mit  Recht  fürchtete  die  Familie  vor  allem  die
Öffentlichkeit  für  den  stolzen  Namen  des  gemeinsamen
Geschlechts,  wovon  der  Graf  einer  der  Hauptrepräsentanten ­
  war.  Sie  schrak  zurück  vor  dem  Gedanken,  alle
die  von  einem  der  Ihrigen  begangenen  Schandtaten  zu
entschleiern;  sie  schrak  davor  zurück,  ihre  eigene  Schuld
an  die  Öffentlichkeit  gelangen  zu  lassen,  daß  sie  so  lange
solch  unerhörte  Untaten  geduldet  hatte.  Sie  schrak  in
aristokratisch-politischem  Interesse  davor  zurück,  uni  dem
Hasse,  den  das  Volk  überall  gegen  die  Aristokratie  hegt,
nicht  neue  Nahrung  zu  geben.
Oft  hatte  die  Familie  der  Gräfin  gesagt:  Gedulde  dich
noch;  wenn  der  Graf  noch  einmal  sein  Wort  bricht  und
dies  oder  jenes  tut,  dann  sei  versichert,  wir  werden  ihm
selbst  den  Prozeß  machen.  Der  Graf  hatte  dies  oder  jenes
wieder  getan,  aber  immer,  wenn  nun  die  Gräfin  den
Prozeß  anfangen  wollte,  sagte  man  ihr:  Wenn  du  den
Prozeß  beginnst,  wirst  du  unsere  gemeinschaftliche  Feindin, ­
  wir  werden  uns  alle  gegen  dich  kehren!  O  Sophie,
welch  feigen  Mißbrauch  hat  man  mit  der  feigen  Schwachheit ­
  eines  Weibes  getrieben!  Die  Gräfin,  allein,  ohne
einen  Pfennig  Geld,  ohne  jegliche  Hilfe  und  mit  der
Gewißheit,  die  ganze  Familie  gegen  sich  zu  haben,  konnte
nicht  daran  denken,  sich  selbst  zu  helfen.
        <pb n="167" />
        178

Und  bedenken  Sie,  Sophie,  diese  Lage  hatte  schon  fast
zwanzig  Jahre  lang  gedauert,  denn  der  Graf  hatte  die
Gräfin  geheiratet  als  Mädchen  von  fünfzehn  Jahren
und  sie  gequält  vom  ersten  Tage  ihrer  Verheiratung  an.
Ganz  zufällig  war  ich  zugegen,  als  der  Graf  zu  Anfang
1846  sich  neuer  Untaten  gegen  seine  Frau  schuldig  machte.
Im  Winter  1845  hatte  man  eine  neue  Versöhnung
zwischen  ihnen  zustandegebracht,  wie  imnier  aber  von
seiner  Seite  nur  äußerlich.  Im  April  1846  sollten  sie
wieder  zusammenkommen.  Anstatt  dies  zu  tun,  schrieb
der  Graf  kurz  vorher  an  den  zweiten  Sohn  der  Gräfin,
Paul,  den  sie  anbetete  und  der  sie  zärtlich  liebte,  das
einzige  Kind,  das  der  Graf  ihr  nicht  hatte  entteißcn  oder
abwendig  machen  können  —  der  Graf,  sage  ich,  schrieb
insgeheim  diesem  vierzehnjährigen  Sohne,  daß  er  ihn
enterben  würde,  wenn  er  der  Mutter  nicht  heimlicherweise
entfliehe.  Paul  brachte  diesen  Brief  seiner  Mutter;  ich
traf  sie  von  Tränen  und  Kummer  niedergebeugt  an  und
erfuhr  nach  und  nach  ihre  ganze  Geschichte.
Können  Sie,  Sophie,  sich  wohl  einen  richtigen  Begriff
von  dem  Eindruck  machen,  den  diese  Geschichte  in  mir,
eitlem  eifrigen  Revolutionär,  hervorrief,  als  ich  sie  angehört ­
  hatte,  als  mir  die  Gräfin  die  unumstößlichen
Beweise  der  Tatsachen  in  der  Korrespondenz  mit  ihren
Verwandten  und  anderen  Papieren  gegeben  hatte?
Ich  sah  vor  mir,  in  der  Person  eines  einzelnen  individuellen ­
  Lebens,  die  Verkörperung  aller  empörenden
Ungerechtigkeiten  der  veralteten  Welt,  die  Verkörperung
aller  Mißbräuche  der  Macht,  der  Gewalt  und  des  Reichtums, ­
  gerichtet  gegen  den  Schwachen,  allen  Druck
unserer  sozialen  Ordnung.
        <pb n="168" />
        179

Ich  bin  von  jeher  ein  Revolutionär  aus  der  Schule
Robespierre  gewesen,  der  in  seiner  Konstitution  schrieb:
„Soziale  Unterdrückung  ist  es,  wenn  auch  nur  ein  einziges
Individuum  unterdrückt  wird."  Ich  sah  den  vollen
Egoismus,  die  ganze  Feigheit  der  aristokratischen  Welt,
welche  dieses  edle  Wesen  ihren  herzlosen  und  angefaulten ­
  Vorurteilen  opferte.  Nachdem  ich  diese  ganze
Geschichte  untersucht  hatte,  erkannte  ich  wohl,  daß  der
wahre  Ursprung  und  die  Ursache  des  Unglücks  der  Gräfin
nur  in  dem  Adel  ihrer  Seele  lag,  die  sich  nie  vor  dem
tyrannischen  Geist  ihres  Mannes  erniedrigen  und  unterwerfen ­
  oder  seinen  rmwürdigen  Launen  hatte  schmeicheln
wollen,  die  nie  die  Grundsätze  des  Schönen,  Wahren
und  Erhabenen  hatte  verleugnen  wollen.  Ich  sah,  daß
diese  Frau  sich  während  einer  Reihe  von  zwanzig  Jahren
im  Unglücke  verzehrt  hatte,  nicht  obgleich,  sondern  weil
sie  größer  und  edler  war  als  alles,  was  ich  bis  dahin
angetroffen  hatte.
Ich  schämte  mich  für  die  Menschheit!
Und  alle  diese  Schrecken  und  Unterdrückungen  gegen
ein  wehrloses  Weib!  Ich  schämte  mich  meiner  Nation!  —
Es  ist  wahr,  es  fehlt  meiner  Nation  —  ich  spreche
nicht  von  dem  niedern  Volke,  dieses  hat  viel  Edelmut  —,
eS  mangelt  der  deutschen  Aristokratie  und  Bourgeoisie
jede  Spur  von  Ritterlichkeit.  Sonst  wäre  so  etwas  nicht
möglich  gewesen!
Ich  sagte  mir  selbst  also:  Möge  niemand  sagen  können,
daß  du  alles  dies  kennst  und  trotzdem  diese  Frau  ruhig
erwürgen  läßt,  ohne  ihr  zu  Hilfe  zu  kommen.  Wenn
du  das  tust,  mit  welchen:  Rechte  würdest  du  anderen
ihren  Egoismus  und  ihre  Feigheit  vorwerfen  können.
        <pb n="169" />
        180

Ich  war  ein  junger  Mensch  von  zwanzig  Jahren.  Ich
hatte  eben  die  Universität  verlassen,  wo  ich  Philosophie
studierte.  Ich  verstand  nichts  von  Jurisprudenz.  Nichts
hielt  mich  zurück!
Der  Gräfin,  welche  nicht  mehr  wußte,  was  sie  tun
sollte,  und  fliehen  wollte,  um  sich  gegen  die  vom  Grafen
von  neuem  geplante  Wegnahme  ihres  Kindes  zu  schützen,
sagte  ich:  Sie  wissen  sehr  gut,  daß  Sie,  wenn  Sie  den
Prozeß  beginnen,  von  Ihren  Verwandten  im  Stiche
gelassen  werden,  sie  werden  sich  gegen  Sie  wenden,
wie  man  Ihnen  das  immer  gesagt  hat;  aber  Sie  wissen
ebensogut,  daß  Sie  von  der  Seite  nichts  als  leere  Worte
zu  erhoffen  haben.  Wenn  Sie  also  fest  entschlossen  sind,
entweder  zu  siegen  oder  zu  sterben,  so  will  ich  Ihre
Angelegenheit  in  diese  junge,  aber  starke  Hand  nehmen,
und  ich  schwöre  Ihnen,  für  Sie  zu  kämpfen  bis
zum  Tode.
Sie  hatte  Vertrauen  in  ihr  gutes  Recht,  in  ihre  und
meine  Kräfte.  Sie  nahm  meinen  Vorschlag  mit  vollem
Herzen  an.
Und  ich,  ein  junger,  machtloser  Jude,  erhob  mich
gegen  die  furchtbarsten  Mächte  —  ich  allein  gegen  die
ganze  Welt,  gegen  die  Macht  des  Ranges  und  der  ganzen
Aristokratie,  gegen  die  Macht  eines  unbegrenzten  Reichtums, ­
  gegen  die  Negierung  und  gegen  die  Beamten
aller  Art,  welche  stets  die  natürlichen  Verbündeten  von
Rang  und  Reichtum  sind,  gegen  alle  nur  möglichen
Vorurteile.
Und  jetzt,  Sophie,  begann  ein  Kampf,  so  schrecklich,
daß  keine  Feder  eine  Beschreibung  zu  liefern  vermag;
ein  Kampf,  der  meine  erste  Jugend  verschlungen  hat.
        <pb n="170" />
        181

ein  neunjähriger  Kampf,  voll  der  grausamsten  Leiden
für  die  Gräfin  und  für  mich;  ein  Kampf,  der  jeden  Tag
mit  undenkbaren  Gefahren  verbunden  war,  ein  unmöglicher ­
  Kampf,  in  dem  ich  aber  nicht  ein  einziges
Mal  auch  nur  um  einen  Schritt  zurückgewichen  bin,
und  den  ich  endlich  als  Sieger,  mit  einem  vollen  Triumphe
beendet  habe!  Heute  noch,  sechs  Jahre  nach  diesem
siegreichen  Ende,  kann  ich  es  selbst  kaum  begreifen,  wie
es  möglich  gewesen  ist,  daß  ich  ganz  allein  gegen  Stöße
aller  dieser  vereinten  Mächte  standhalten  und  den  Sieg
erkämpfen  konnte.
Im  Jahre  1846  hatte  ich  in  Berlin  zwei  sehr  intime
Freunde,  beide  sehr  hohen  und  reichen  Familien  Berlins
angehörig.  Einer  von  ihnen,  Oppenheim,  war  Richter
an  einem  Obergericht  in  Berlin,  was  bei  uns  ein  hohes
Amt  ist.  Er  war  der  Sohn  eines  der  reichsten  Bankiers
Deutschlands.  Sein  Vater  besaß  fünf  bis  sechs  Millionen
Taler.  Der  andere,  Mendelssohn,  war  Arzt  und  gehörte
einer  nicht  minder  vornehmen  und  angesehenen  Familie
an.  Beide  waren  älter  als  ich.  Aber  ich  hatte  zu  allen
Zeiten  die  Gabe,  daß  die  Menschen  auf  meine  Stinnne
hörten.
Ich  setzte  ihnen  die  Geschichte  dieser  Frau  auseinander
und  fragte  sie,  ob  sie  auf  Tod  und  Leben  mir  helfen
wollten,  sie  zu  schützen,  und  ob  sie,  wenn  es  sein  müßte,
wohl  auch  ihre  eigene  Existenz  zu  opfern  bereit  sein
würden.  Sie  schworen  eS  mir  zu.  Ich  reiste  darauf
mit  ihnen  in  die  Rheinprovinz,  nach  Düsseldorf,  in  die
Nähe  des  damaligen  Aufenthaltes  des  Grafen.  Er  war
in  Aachen.  Ich  ließ  durch  meine  Freunde  in  der  ganzen
Provinz  juridische  Beweise  für  die  verschwenderische  und
        <pb n="171" />
        182

ausschweifende  Lebensweise  des  Grafen  zusammenbringen ­
  und  vorbereiten,  um  gegen  ihn  den  Prozeß
auf  Beschlagnahme  wegen  Verschwendung  und  den
Prozeß  auf  Ehescheidung  zu  beginnen.  Ich  selbst  begab
mich  nach  Aachen,  um  genauer  die  Ursachen  seiner  neuen
feindlichen  Schritte  gegen  die  Gräfin  auszukundschaften.
Ich  erfuhr  sie  bald.  Ich  fand  ihn  in  Aachen  mit  einer
neuen  Mätresse,  einem  als  Intrigantin  bekannten
Weibe,  der  Baronin  von  Meyendorff,  geborene  Hagguere,
  Holländerin  von  Geburt,  Frau  des  Barons  von
Meyendorff,  des  Bruders  des  frühern  russischen  Gesandten ­
  in  Berlin.  Diese  Frau  hat  lange  Zeit  als  russische
Spionin  in  Paris  gedient,  namentlich  bei  dem  Herzog
von  Orleans.  Jetzt  hatte  sie  sich  den  Grafen  Hatzfeldt
als  Beute  erkoren.  Bald  hatten  wir  nicht  nur  die  Beweise
für  ihren  unerlaubten  Verkehr  mit  dem  Grafen  in  Händen, ­
  sondern  auch  dafür,  daß  er  ihr  unter  der  maskierten
Form  einer  Anleihe  eine  Schenkung  gemacht  hatte,
welche  die  Zukunft  des  Sohnes  der  Gräfin,  Paul,  völlig
ruinieren  mußte,  da  dessen  Vermögen  als  des  jüngsten
Sohnes  nicht  durch  die  großen  Familienmajorate,
welche  nur  den  ältesten  Kindern  gehören,  gesichert  war.
Der  Graf  hatte  die  Absicht,  ihn  zu  ruinieren,  denn  er
haßte  ihn  aus  tiefstem  Herzensgründe,  weil  es  ihm
nicht  gelungen  war,  ihn  der  Gräfin  zu  entreißen  oder
ihn  von  derselben  abzuwenden.
Zu  dieser  Zeit  war  er  eben  im  Begriff,  die  Schenkung
auf  die  Allodialgüter,  welche  die  Zukunft  von  Paul
sichern  sollten,  hypothekarisch  einschreiben  zu  lassen.
Als  die  Gräfin  vernahm,  daß  die  Zukunft  ihres  angebeteten ­
  Kindes  auf  ewig  zugrundegerichtet  werden
        <pb n="172" />
        183

sollte,  konnte  sie  sich  bei  dieser  neuen  Unglücksbotschaft
nicht  länger  zurückhalten.  Sie  eilte  nach  Aachen  und,
mit  den  Beweisstücken  in  der  Hand,  begab  sie  sich  zum
Grafen.  Feig  wie  immer  spielte  er  für  einen  Augenblick ­
  den  Reuigen.  Er  gesteht,  bittet  um  Verzeihung,
verspricht  nicht  nur,  den  Akt  der  Schenkung  rückgängig
zu  machen,  sondern  auch  endlich  seine  Ungerechtigkeiten
gegen  sie  einzustellen.  Er  bittet  sie,  ihren  Notar  aus
Düsseldorf  zu  holen  und  mit  demselben  zurückzukommen,
er  wolle  sich  zu  allen?,  was  sie  verlange,  notariell  verpflichten. ­

Die  Gräfin  reist  nach  Düsseldorf  und  kommt  mit
ihrem  Notar  zurück.  Aber  schon  hatte  der  Graf  seine
Gesinnung  wieder  geändert,  auf  den  Rat  seiner  hinterlistigen ­
  Ratgeber,  die  ihn  habgierig  ausbeuteten.  Er
verschließt  die  Tür  vor  der  Gräfin,  empfängt  sie  nicht
mehr.  Er  antwortet  nicht  auf  die  schriftlich  an  ihn  gerichtete ­
  Anfrage,  ob  er  seine  unselige  Schenkung  rückgängig ­
  gemacht  habe  oder  nicht.  Er  läßt  sich  nur
durch  die  Meyendorff  sprechen,  welche  gleichzeitig  hier
ist  und  alle  Tage  mit  ihm  zubringt.
Die  zwei  Lager  stehen  einander  gegenüber,  das
unserige  und  das  seinige.  Man  beobachtet  sich  gegenseitig ­
  und  wartet  ab.
Plötzlich  bringt  man  mir  die  Nachricht,  daß  die  Meyendorff ­
  sich  nach  der  Eisenbahn  begibt,  um  nach  Köln  zu
seifen.  Ich  beauftrage  Oppenheim  und  Mendelssohn,
welche  bei  mir  waren,  ihr  überallhin,  wohin  es  auch
sei,  selbst  bis  ans  Ende  der  Welt,  zu  folgen,  sie  beständig
im  Auge  zu  behalten  und  sich  womöglich  Gewißheit  zu
verschaffen,  ob  die  Schenkungsurkunde  zurückgenommen
        <pb n="173" />
        184

ist  oder  nicht.  Sie  fliegen  davon.  Sie  kommen
mit  ihr  zu  gleicher  Zeit  in  Köln  an  und  steigen  mit  ihr
in  demselben  Hotel  ab.  Am  andern  Tage,  unmittelbar
vor  Abfahrt  des  Dampfbootes,  sieht  Oppenheim,  auf
der  Treppe  stehend,  wie  der  Bediente  der  Meyendorff
ihre  Gepäckstücke  hinausträgt.  Er  bemerkt,  daß  der  Bediente ­
  auch  eine  Kassette  mit  herausbringt,  wie  man
solche  gewöhnlich  zur  Aufbewahrung  von  Papieren  benutzt. ­
  Ein  unbedachter,  unüberlegter  Plan  steigt  rasch
in  Oppenheim  auf.  Da  der  Diener  eben  in  das  Zimmer
zurückgekehrt  war,  stürzt  er  sich  auf  die  Kassette,  ergreift
sie,  und  weil  er  von  Aachen  keinen  Koffer  mitgebracht
hatte,  worin  er  sie  hätte  verstecken  können,  eilt  er  in
Mendelssohns  Zimmer,  damit  dieser  die  Kassette  in
seinem  Koffer  verberge.  Dieser  ist  verblüfft  und  erstaunt ­
  über  diesen  unsinnigen  Streich,  will  aber  seinen
Freund  nicht  im  Stich  lassen;  da  der  Bediente  wegen
des  Verschwindens  der  Kassette  inzwischen  schon  im
ganzen  Hotel  Lärm  geschlagen,  nimmt  er  sie,  um  sie
in  feinem  Koffer  zu  verstecken,  da  aber  hierin  gar  kein
Platz  mehr  war,  so  ist  er  genötigt,  einige  Kleidungsstücke ­
  herauszunehmen  und  zurückzulassen.  Beide  reisen
nun  nach  verschiedenen  Richtungen  ab.  Mendelssohn
hat  den  Koffer  mit  der  Kassette  bei  sich.  Man  fängt
bereits  an,  im  ganzen  Hotel  eine  gründliche  Durchsuchung ­
  anzustellen,  und  da  nian  in  Mendelssohns
Zimmer  die  zurückgelassenen  Kleider  findet,  so  schöpft
rnan  Verdacht  gegen  ihn,  und  er  wird  verfolgt.  Als
Mendelssohn  sich  auf  der  Eisenbahn  von  der  Polizei
beobachtet  merkt,  springt  er  aus  dem  Waggon  nnb  verschwindet, ­
  indem  er  den  Koffer  in,  Stiche  läßt.  Er
        <pb n="174" />
        186

flüchtet  querfeldein  und  erreicht  endlich  Paris.  Aber
da  er  aus  Gefälligkeit  auch  den  Reisesack  Oppenheinis
mitgenommen,  denselben  indes  ebenfalls  im  Waggon
zurückgelassen  hatte,  so  findet  man  Oppenheims  Papiere
darin  und  arretiert  diesen  als  des  Diebstahls  verdächtig.
Der  Richter  eines  obern  Gerichtshofes,  der  Sohn
eines  fünffachen  Millionärs,  ins  Gefängnis  gebracht
wegen  Diebstahls!  Denken  Sie  sich,  welches  Auffehen
dies  in  ganz  Deutschland  machte.
Es  gelang  mir,  Zugang  in  das  Gefängnis  Oppenheims ­
  zu  finden.  Ich  nahm  ihm  das  Versprechen  ab,
daß,  falls  der  Graf  seiner  Frau  Gerechtigkeit  widerfahren ­
  lassen  wollte,  er,  Oppenheim,  über  die  eigentliche ­
  Veranlassung  seiner  Tat  schweigen  würde.  Er
versprach  eö  mir.  Ich  sage  eS  zu  seinem  Lobe,  dieses
Versprechen  war  eine  Heldentat  von  ihm,  denn  wenn
er  den  Grund  seiner  Tat  nicht  gestand,  so  lief  er  die
größte  Gefahr,  als  gemeiner  Dieb  verurteilt  zu  werden.
Das  war  ein  unerhörtes  Opfer.  Aber  wir  waren  übereingekommen, ­
  alles  zu  tun,  um  dieser  Frau  zu  helfen,
und  er  versprach  es  mir  fest.  Ich  ließ  dem  Grafen  den
Vorschlag  machen.  Er  wies  ihn  ab.  Nun  aber  entbrannte ­
  der  eigentliche  Kampf.  Er  entbrannte  mit  einer
Erbitterung  ohnegleichen.  Da  Mendelssohn  in  Paris
flüchtig  war  und  Oppenheim  im  Gefängnis  saß,  so
war  ich  schon  von  Anfang  des  Kampfes  ganz  allein
und  blieb  es  auch,  wie  Sie  bald  sehen  werden,  während
seiner  ganzen  Dauer.  Dies  verringerte  jedoch  nicht  im
mindesten  meinen  Mut.
Ich  begann  eine  Flut  von  Prozessen  über  den  Grafen
zu  ergießen.  Bis  dahin  hatte  ich  nicht  Jurisprudenz
        <pb n="175" />
        186

studiert,  jetzt  warf  mich  eine  förmliche  Wut  darauf.
Indem  ich  die  Prozesse  führte,  wurde  ich  selbst  Jurist;
in  wenigen  Monaten  konnte  ich  cs  mit  den  Advokaten
aufnehmen,  und  nach  zwei  Jahren,  ich  darf  es  sagen,
übertraf  ich  sie  alle.
Gleichzeitig  wandte  ich  mich  an  die  demokratische
Presse.  Die  ganze  demokratische  Presse  erhob  sich  auf
meinen  Ruf.  Ich  vernichtete  den  Grafen  in  der  öffentlichen ­
  Meinung.  Es  war  ein  täglicher  Kampf  und  ein
Kampf  auf  Leben  und  Tod.  Bei  dieser  Gelegenheit
ließ  mich  Heine,  wie  ich  Ihnen  bereits  einmal  erzählte,
im  Stich,  und  zwar  deshalb,  weil  die  Baronin  Meyendorff
  die  Freundin  der  anderen  russischen  Spionin,
der  Fürstin  Lieven,  und  diese  wieder  die  spezielle  Freundin ­
  von  Guizot  war,  von  dem  Heine  eine  Pension
bezog.
Aber  wenn  er  mir  fehlte,  so  unterstützten  mich  doch
andere,  und  es  gab  täglich  ein  Toben  in  der  ganzen
demokratischen  Presse  gegen  den  Grafen.
Unterdessen  kam  die  Assisensitzung  wegen  des  Kriminalprozesses ­
  gegen  Oppenheim.
Er  gestand  die  Tat,  aber  auch  die  Gründe,  die  ihn
dazu  verleitet,  und  da  es  mehr  als  unwahrscheinlich  war,
daß  er  sich  durch  die  Kassette  der  Frau  von  Meyendorff
hatte  bereichern  wollen,  und  da  die  öffentliche  Meinung
vollständig  auf  unserer  Seite  war,  so  wurde  er  feierlich
freigesprochen.
Jetzt  aber  zeigte  er  sich  schwach.  Seine  ganze  Familie
war  nach  Köln  gekommen  und  flehte  ihn  an,  mit  ihr
zurückzukehren.  Man  bat,  beschwor  ihn.  Und  dieser
Mann,  dessen  wunderbare  Haltung  ich  soeben  gerühmt
        <pb n="176" />
        187

habe,  hatte  die  Schwäche,  seinen  Verwandten  nachzugeben. ­
  Er  zog  sich  zurück  und  reiste  mit  ab.
Er  hatte  genug.  Wenn  er  aber  auch  genug  hatte,
ich  hatte  es  nicht!  Es  ist  wahr,  auch  mein  Vater,  den
ich  zärtlich,  sehr  zärtlich  liebe,  war  herbeigeeilt  und
flehte  mich  an,  mit  ihm  zurückzukehren,  diesen  fürchterlichen ­
  Kampf  nicht  weiter  fortzusetzen.  Aber,  Sophie,
merken  Sie  dies  wohl:  wenn  ich  mein  Wort  gebe,  so
ist's  für  die  Ewigkeit.  Mein  Vater  mußte  allein  zurückkehren. ­

Nachdem  Oppenheim  im  Dezember  1846  freigesprochen ­
  war,  kehrte  Mendelssohn  im  Juni  1847  aus
Paris  zurück,  denn  jedermann  und  alle  Juristen  erklärten
einstimmig,  daß  für  ihn  keine  Gefahr  mehr  vorhanden
sein  könne.  Wenn  Oppenheim,  der  die  Kassette  weggenommen ­
  hatte,  freigesprochen  war,  so  konnte  man
Mendelssohn,  der  nur  sein  Mitschuldiger  war,  unmöglich ­
  verurteilen.  Mendelssohn  kehrte  also  zurück  und
begab  sich  freiwillig  in  das  Kölner  Gefängnis.  Man
stellte  ihn  vor  den  Assisenhof.  Die  Verurteilung  schien
das  unmöglichste  Ding  von  der  Welt.
Aber  schon  hatte  der  Graf  seinerseits  Zeit  gehabt,
alle  Vorurteile,  allen  Einfluß,  allen  Haß  in  Bewegung
zu  setzen,  und  besonders  den  allmächtigen  Hebel  —
Gold  mit  freigebiger  Hand  ausgestreut.  Im  Januar  1848
ward  Mendelssohn,  mein  bester  Freund,  durch  ein  Geschworenengericht ­
  als  des  Diebstahls  in  einem  öffentlichen ­
  Gasthause  schuldig  zu  fünfjähriger  Zuchthausstrafe ­
  verurteilt.
Humboldt  bat  den  König,  diese  fünf  Jahre  Zuchthaus
in  ein  Jahr  Gefängnis  zu  verwandeln.  Der  König
        <pb n="177" />
        *

188

machte  aber  zur  Bedingung,  daß  Mendelssohn  Europa
verlassen  müsse.  Nachdem  er  aus  der  Haft  entlassen  war,
ging  er  nach  Konstantinopel  und  nach  Syrien.  Im
Jahre  1854  nahm  er  teil  am  Orientkriege  gegen  Rußland ­
  als  Arzt  eines  türkischen  Regiments,  und  dieser
meinem  Herzen  so  teure  Freund  starb  auf  einem  Parforcemarsche
  nach  Bajazid.
Nachdem  Mendelssohn  verurteilt  worden,  war  der
Gras  außer  sich  vor  Freude.  Denn  er  hoffte  nun  nichts
Geringeres,  als  auch  mich  dadurch  zu  vernichten.  Ich
hatte  freilich  nicht  das  geringste  mit  der  Kassette  der
Frau  von  Meyendorff  zu  tun;  ich  war  ja  in  Aachen,
als  nieine  Freunde  diesen  unüberlegten  Streich  in  Köln
verübten.  Da  man  mich  aber  im  allgeineinen  für  die
Seele  meiner  Freunde  hielt,  so  wurde  nun  gegen  mich
ein  Prozeß  anhängig  gemacht,  worin  ich  als  der  intellektuelle ­
  Urheber  ihres  Kölner  Streiches  angeklagt  wurde.
Ein  solcher  Prozeß  war  eigentlich  unmöglich,  unzulässig,
aber  der  Graf  rechnete  stark  darauf.  Man  hatte  Mendelssohn ­
  nur  deshalb  zugrundegerichtct,  um  sich  freien  Weg  zu
mir  zu  bahnen.  Die  königlichen  Staatsanwälte  stürzten
sich  mit  Wonne  auf  diesen  Prozeß.
Wer  aber  mit  ganz  anderer  Wonne,  mit  blitzenden
Augen  und  leidenschaftlichen!  Herzen  sich  darauf  warf,
das  war  ich!  Denn  ich  brauchte  ihn  unbedingt,  meinen
eigenen  Prozeß,  Sophie!
Ich  war  mit  Verleumdungen  überschüttet  worden.
Man  kann  sich  leicht  all  die  Klatschereien  denken,  die
durch  nieine  Haltung  hervorgerufen  wurden.  Ein  junger
Mensch  von  meinein  Alter,  der  sich  auf  diese  Weise
für  eine  ihm  ganz  ftemde  Frau  auswirft!  Es  begreift
        <pb n="178" />
        189

sich,  daß  viele  es  sich  nicht  anders  erklären  konnten,  als
daß  sie  ein  Liebesverhältnis  voraussetzten.  Da  die
Menschen  im  allgemeinen  weder  Prinzipien  noch  Gewissen ­
  haben,  so  begreifen  sie  nicht,  daß  es  andere  gibt,
für  welche  diese  Dinge  die  mächtigste  Triebfeder  sind.
Man  sagte  also,  ich  sei  in  sie  verliebt.  Aber  für  den
Grafen  war  eine  solche  schwarze  Verleumdung  noch
nicht  genug.  Er  suchte  das  Gerücht  zu  verbreiten,  trotz
meiner  unabhängigen  finanziellen  Lage,  daß  ich  mich
seiner  Angelegenheit  nur  aus  schändlicher  Spekulation
angenommen  habe.
Alles  das  ging  mir  sehr  zu  Herzen.  Wenn  die  Verleumdung ­
  von  Haus  ju  Haus  läuft,  so  kann  man  ihr  nicht
von  Haus  zu  Haus  nachlaufen,  um  sie  zu  widerlegen.
Deshalb  brauchte  ich  eine  Gelegenheit,  um  selbst  zum
ganzen  Volk  sprechen  zu  können!  Ich  brauchte  einen
Kriminalprozeß,  eine  feierliche  Gelegenheit,  um  alle
Verleumdungen  niederzuschlagen,  um  mit  Beweisstücken ­
  in  der  Hand  hervorzutreten,  um  die  Lüge  niederzuschmettern ­
  und  durch  unumstößliche  Tatsachen  die
wahre  Natur  meiner  Schilderhebung  für  die  Gräfin
klarzulegen.
Andererseits  war  es  mir  auch  nötig  im  Interesse  der
Gräfin.  Jetzt  hatte  ich  die  Gelegenheit,  vor  allem  Volke
diesen  Streit  zwischen  ihr  und  dem  Grafen  kundzutun
und  aufzudecken  und  durch  die  Darlegung  der  Geschichte ­
  dieser  Ehe  ihn  moralisch  zu  vernichten  und  ihr
eine  schreckliche  Genugtuung  zu  verschaffen,
l'.  Die  Advokaten  beschworen  mich  freilich,  das  nicht  zu
tun  und  in  diese  Debatten  nicht  auch  den  Streit  zwischen
ihr  und  ihm  hereinzuziehen,  um  meine  eigene  Gefahr
        <pb n="179" />
        190

zu  vergrößern.  Man  sagte  mir,  wenn  ich  mich  streng  in  den
Grenzen  der  gegen  mich  gerichteten  juridischen  Anklage,
der  moralische  Urheber  der  Tat  Oppenheims  zu  sein,
halte,  so  werde  ich  unangreifbar  sein.  Wenn  ich  aber
auf  der  Anklagebank  meine  Sache  mit  dem  Kampfe
gegen  den  Grafen  identifiziere,  so  würde  ich  allen  Haß
entfesseln,  alle  Leidenschaften  entflammen,  ich  würde
alle  diejenigen,  die  nicht  gänzlich  für  mich  seien,  zwingen,
mich  zu  verurteilen.  Und  solche  Verurteilung,  eine
Verurteilung  wegen  Aufhetzung  zu  dem  Verbrechen
des  Diebstahls,  das  wäre  nicht  bloß  eine  Zuchthausstrafe ­
  von  fünf  Jahren,  das  wäre  schlimmer  als  der
Tod!  Denn  das  wäre  ein  Urteilsspruch  voll  Schmach,
der  mich  in  den  Augen  der  Welt  ehrlos  machen,  der
nieine  Existenz  für  ewig  brechen,  der  meine  Ehre  brechen
müßte!
Weil  Oppenheim  bis  zu  einem  gewissen  Grade  derartigen
schüchternen  Ratschlägen  nachgegeben  hatte,  so  hatte
er  eine  trockene  Freisprechung  erlangt,  Mendelssohn  aber
eine  fürchterliche  Verurteilung.  Ich  war  fest  entschlossen,
keinem  von  diesen  klugen  Ratschlägen  Gehör  zu  geben.
Ich  warf  mich  auf  die  Anklagebank,  nicht  wie  ein  Mensch,
der  sich  verteidigen  soll,  sondern  wie  ein  Sieger,  der
seinem  sicheren  Triumphe  entgegengeht.  Ich  warf  mich
darauf,  die  Angriffe  in  der  Hand  sowohl  gegen  den
Grafen  als  gegen  seine  Mitschuldigen,  die  Richter.  Ich
fand  mehr  als  vierzehn  falsche  Zeugen  vor,  die  der  Graf
gegen  mich  gedungen  hatte.  Das  beunruhigte  mich  nicht
im  mindesten.  Ich  hatte  es  vorausgesehen.  In  einer
siebentägigen  Debatte,  die  ich  allein  leitete,  entlarvte
ich  schonungslos  die  falschen  Zeugen,  ich  verwirrte  und
        <pb n="180" />
        191

vernichtete  die  Verleumdung  auf  immer,  durch  unumstößliche ­
  Beweise  deckte  ich  die  Geschichte  dieser  Ehe  auf,
und  am  letzten  Tage  warf  ich  mich  in  einer  sechsstündigen
Rede  —  die  ich  hier  gedruckt  beifüge,  damit  Sie  die
Einzelheiten  kennenlernen  —,  nachdem  ich  der  gegen
mich  gerichteten  Anklage  einige  Fußtritte  versetzt,  auf
den  Kampf  zwischen  der  Gräfin  und  dem  Grafen,  indem
ich  ihre  Sache  offen  zu  der  meinigen  machte,  und  —
Freude!  —  ich  schlug  den  Grafen  und  seine  Helfer
gänzlich  zu  Boden.
Nichts,  Sophie,  kann  Ihnen  auch  nur  annähernd  eine
Vorstellung  von  dem  elektrischen  Eindruck  geben,  den
ich  hervorbrachte.  Die  ganze  Stadt,  die  Bevölkerung
der  ganzen  Provinz  schwamm  sozusagen  auf  den  Wogen
des  Enthusiasmus!  Das  Volk  hatte  das  Antlitz  eines
Mannes  geschaut.  Es  hatte  mich  verstanden.  Aber
nicht  nur  das  Volk,  alle  Klassen,  die  ganze  Bourgeoisie
war  ttunken  vor  Entzücken.  Einige  Details,  die  ich  Ihnen
in  Köln  erzählte,  sind  diesem  Prozesse  entnommen.  Als
wir  in  Düsseldorf  ankamen,  betäubten  mich  die  Einwohner ­
  dieser  Stadt  fast  mit  ihren  Zurufen.  Sie
spannten  die  Pferde  der  Equipage,  in  der  ich  mit  der
Gräfin  saß,  aus  und  zogen  uns  selbst.  Obschon  der  Prozeß ­
  kein  eigentlich  politischer  war,  hatte  das  Volk  wohl
begriffen,  daß  es  doch  im  tiefsten  Sinne  des  Wortes
ein  solcher  war,  daß  es  die  Auflehnung  gegen  die  Unterdrückung ­
  war.
Ich  war  nicht  nur  freigesprochen,  sondern  hatte  auch
meinen  Gegnern  einen  entscheidenden  Schlag  beigebracht.
Dieser  Tag  verschaffte  mir  in  der  Rheinprovinz  den  Ruf
eines  Redners  ohnegleichen  und  eines  Mannes  von
        <pb n="181" />
        192

unbegrenzter  Energie,  und  die  Zeitungen  trugen  diesen
Ruf  durch  die  ganze  Monarchie.  Alle  priesen  mich  als
einen  Menschen,  der  die  Fähigkeit  habe,  allein  gegen
die  ganze  Welt  anzukämpfen.  Seit  diesen.  Tage  erkannte
mich  die  demokratische  Partei  in  der  Rheinprovinz  als
einen  ihrer  Hauptführer  an.
Die  natürliche  Folge  davon  war,  daß  ich  drei  Monate
später  aufs  neue  im  Düsseldorfer  Gefängnis  saß,  da  ich
aus  Anlaß  des  Staatsstreiches  in  Berlin  (November
1848)  meinen  ersten  großen  politischen  Prozeß  hatte,
aus  welchem  ich  nicht  minder  siegreich,  mit  nicht  weniger
Glanz  hervorging.  Ich  werde  Ihnen  meine  Rede  aus
diesem  Prozesse  geben,  da  diese  gleichfalls  gedruckt  ist;
sie  wird  Sie  amüsieren.
Von  neuem  freigesprochen,  hatte  ich  immer  von
neuem  wieder  politische  Prozesse^  Durch  die  Prozesse,
welche  ich  gegen  den  Grafen  für  die  Gräfin  führte,
fast  erstickt,  war  ich  andererseits  auch  durch  die  Prozesse
und  Verhaftungen,  welche  die  Regierung  gegen  mich  verhängte, ­
  gehemmt.  Doch  nichts  war  imstande,  mich  aufzuhalten. ­
  Mit  einer  Hand  gegen  die  Regierung,  mit  der
anderen  gegen  den  Grafen  kämpfend,  war  ich  überall.  Ich
führte  die  Prozesse  gegen  den  Grafen  ohne  Unterbrechung,
sogar  aus  dem  Gefängnisse.  Selbst  auf  seiten  meiner
Feinde  erfuhr  ich  Erfolge,  die  geradezu  unerklärlich  sind.
Während  ich  in  Düsseldorf  ini  Gefängnisse  saß,  erhielt
ich  von  der  dortigen  Regierung,  meinen  ärgsten  politischen
Todfeinden,  die  Erlaubnrs,  jedesmal  das  Gefängnis
verlassen  zu  dürfen,  um  in  dem  Scheidungsprozeß  der
Gräfin  zu  plädieren,  eine  vollständig  gesetzwidrige  Erlaubnis, ­
  die  man  nichtsdestoweniger  nur  gab,  nur,  den
        <pb n="182" />
        man  auf  alle  mögliche  Art  und  Weise  verfolgte.  Dies
geschah  wohl  deshalb,  weil  meine  Haltung,  die  Haltung
eines  Mannes,  der  stark  durch  sein  Recht  und  auf  seine
Kraft  vertrauend,  ganz  allein  gegen  die  ganze  Welt
ankämpfte,  dieser  unerschütterliche  Wille,  diese  Frau
um  jeden  Preis  zu  schützen,  selbst  meinen  Feinden
imponierte.  Man  fühlte  nicht  genügenden  moralischen
Mut,  offen  diesem  eisernen  Willen  zu  widerstreben,  der
hinlänglich  bewiesen  hatte,  daß  er  vor  keinem  Opfer
zurückschrecke,  und  meine  Feinde  hatten  endlich  mich
achten  gelernt,  wie  ich  mehrfach  die  Beweise  davon
gehabt  habe.
Nach  1848  trat  in  den  Prozessen  der  Gräfin  eine
große  Änderung  ein.  Vor  der  Revolution,  in  den  Jahren
1846  und  1847,  begegneten  die  Richter  diesen  Prozessen ­
  mit  Sympathie,  denn  zu  dieser  Zeit  hatten  unsere
Richter  noch  vielfach  liberale  Anwandlungen  und  eine
Abneigung  gegen  den  Adel.  Aber  mit  der  Revolution
und  Gegenrevolution  von  1848  änderte  sich  dies  alles
mit  einem  Schlage.  Der  reaktionäre  und  antirevolutionäre ­
  Haß  herrschte  jetzt  in  unsern  Tribunalen  mit
blinder  Leidenschaftlichkeit.  Und  da  man  die  Gräfin
mit  mir  identifizierte,  und  ich  der  gehaßte  Führer  der
Revolutionspartei  in  der  Provinz  war,  so  war  dieser
solidarische  Haß  Grund  genug,  daß  die  Gräfin  alle  ihre
Prozesse  verlor.  Auch  der  Graf  tat  sein  möglichstes.
Die  Gräfin  verlor  also  einen  Prozeß  nach  dem  andern.
Es  verging  fast  keine  Woche,  die  uns  nicht  in  dieser  zahllosen ­
  Masse  von  Prozessen,  die  ich  gegen  den  Grafen
begonnen  hatte,  ungünstige,  uns  vernichtende  Urteile
brachte!  Ich  wurde  fortwährend  geschlagen!

7  Großmann,  Lassalle

193
        <pb n="183" />
        194

Aber  nun  erkannte  ich  erst  meine  wahre  Kraft.  Nach
jeder  Niederlage  erhob  ich  mich  wieder,  gefährlicher  wie
vorher.  Immer  neue,  schrecklichere  Angriffe  fand  ich
heraus.
Als  ich  die  feindlichen  Richter  sah,  hatte  ich  beinahe
selbst  schon  jede  Hoffnung  auf  Sieg  aufgegeben.  Aber
ich  wollte  wenigstens  kämpfen,  solange  ich  lebte,  und
nur  sterbend  nachgeben.
Was  soll  ich  Ihnen  sagen?  Nach  vielen  langen  Jahren,
nach  unsagbaren  Leiden,  war  ich  endlich  —  im  August
1854  —  dahin  gelangt,  dieses  Ungeheuer  von  einem
Menschen,  diesen  Starrkopf  vollständig  zu  besiegen.
Endlich  hatte  ich  diesen  vornehmen  Herrn  gebrochen!
Endlich  hielt  ich  ihn  unter  meinen  Füßen!  Ich  diktierte
ihm  den  Frieden  nicht  nur  unter  für  ihn  erniedrigenden, ­
  sondern  geradezu  entehrenden  Bedingungen.  Ich
hatte  endlich  diese  Frau  aus  seiner  Gewalt  befreit
und  ihn  gezwungen,  ihr  ein  sehr  großes  Vermögen
abzutreten.
Hiermit  hat  die  Gräfin  kein  großes  Glück  gehabt.
Sie  verlor  einen  großen  Teil  ihres  Vermögens  in  der
Krisis  von  1857,  einen  andern  großen  Teil  übergab
sie  ihrem  Sohn  Paul,  der  jetzt  in  Paris  lebt.  Dessenungeachtet ­
  hat  sie  noch  ein  sehr  großes  und  unabhängiges
Vermögen  behalten.
Nachdem  ich  den  Grafen  gezwungen  hatte,  sich  zu  unterwerfen, ­
  erlebte  ich  noch  die  Genugtuung,  zu  sehen,  wie
nun  auch  die  Verwandten  der  Gräfin  kamen,  um  Frieden
mit  ihr  zu  schließen.  Nachdem  sie  triumphiert  hatte,
bot  ihr  nun  auch  die  Familie,  die  sie  zur  Zeit  der  Gefahr
im  Stich  gelassen  hatte,  ihre  Hilfe  an.
        <pb n="184" />
        Es  war  im  August  1854,  als  dieser  Kampf  siegreich
beendet  wurde.
Drei  Jahre  später,  in  Berlin  im  Jahre  1857,  zwang
ich  durch  die  Veröffentlichung  meines  „Herakleitos"
unsere  großen  Gelehrten,  die  Humboldt  und  die  Böckh,
mich  mit  offenen  Armen  als  ihresgleichen  aufzunehmen.
Im  Jahre  1858  schrieb  ich  die  Tragödie  und  1859  die
Broschüre,  die  ich  Ihnen  gegeben  habe.
Im  Jahre  1860  machte  ich  —  o  süße  und  angenehme
Erinnerung  —  in  Aachen  die  Bekanntschaft  von  Sophie
Adrianowna.
Dies  sind  die  wichtigsten  Ereignisse  meines  Lebens!
Jetzt,  Sophie,  will  ich  Ihnen  noch  einige  Worte  sagen
in  bezug  auf  die  Gräfin.  Sie  haben  gesehen,  daß  ich
viel  für  diese  Frau  gekämpft  habe.  Jeder  Kampf  war
mir  inlmer  angenehm,  wenn  es  sich  um  sie  handelte,
und  durch  jeden  Kampf,  den  ich  für  sie  hatte,  wurde
sie  mir  immer  teurer.
Ich  liebe  sie  auch  mit  der  Liebe  des  zärtlichsten  Sohnes,
der  je  existiert  hat;  ich  liebe  sie  wie  eine  Mutter,  nein!
ich  liebe  sie  noch  dreimal  mehr  als  meine  zärtlich  geliebte
Mutter.  Das  kommt  daher,  weil  sie  nur  weit  nähersteht ­
  durch  Seelenhöhe  und  Gefühlsgröße,  die  ich  noch
bei  niemand  sonst  gefunden  habe,  außer  bei  Ihnen.
Ja,  Sie  sind  die  einzige  Frau,  die  ich  bis  jetzt  kennengelernt ­
  habe,  die  ihr  darin  gleicht.  Ja,  Sie  gleichen  ihr
sehr!  Sie  sind  aus  demselben  Holze,  von  derselben
Geisteörichtung,  von  demselben  Enthusiasmus  für  alles,
was  es  Hohes  und  EdleS  gibt.  Welches  Glück  für  mich,
denselben  Typus  für  Mutter  und  Frau  gefunden  zu
haben.

r

195
        <pb n="185" />
        196

Ich  liebe  sie,  wie  ich  Ihnen  schon  sagte,  mit  der  Liebe
eines  Sohnes;  ich  liebe  sie  wie  eine  treue  Waffengefahrtin,
die  mit  mir  zehn  Jahre  des  Kampfes  und  der  Gefahren
geteilt  hat.
Ich  liebe  sie  endlich  mit  philosophischer  Liebe,  d.  h.
ich  liebe  sie  als  den  schönsten  Typus  des  Menschengeschlechts, ­
  als  den  Typus  der  leidenden  Menschheit,
wie  Christus  in  meinen  Augen  für  die  Sünde  der  Menschheit ­
  gekreuzigt  worden  ist,  und  den  ich  durch  die  Kraft
meines  Willens  dem  Kreuze  wieder  entrissen  habe.
Und  glauben  Sie  mir,  jeder  Mann,  der  sie  so  leidend,
ihre  Leiden  so  edel  und  staunenswert  tragen  gesehen,
wie  ich  sie  sah  im  Lauf  so  vieler  Jahre,  würde  sie  ebenso
lieben  und  verehren  wie  ich,  und  wenn  dieser  Mann
ein  Herz  von  Eisen  gehabt  hatte.
Ich  würde  also  mich  nie  glücklich  fühlen,  wenn  ich  sie
nicht  auch  glücklich,  zufrieden  und  froh  sehen  könnte.
Das  ist  die  Art  meiner  Gesinnung  in  bezug  auf  sie.
Selbst  wenn  dies  nicht  nieine  Gefühlsweise  wäre,  so
würde  es  doch  meine  Pflicht  sein,  mich  zu  solchen  Gefühlen ­
  zu  zwingen;  denn  vergessen  wir  nicht,  daß  diese
Frau  1846  ihr  Schicksal  in  meine  Hände  gelegt  hatte,
und  ich  halte  mich  für  immer  verantwortlich  für  ihre
Zufriedenheit  und  für  ihr  Glück.  Sie  hat  ihr  Schicksal
in  meine  Hand  gelegt;  und  zwar  nicht  heute,  wo  ich
einen  begründeten  Ruf  habe,  sondern  damals,  als  ich
ein  junger  Mensch  von  zwanzig  Jahren,  zwar  talentvoll, ­
  aber  anscheinend  machtlos  und  unbekannt  in  der
Welt  war.
Schande  dem  Menschen,  der  je  ein  solches  Vertrauen
vergessen  könnte.
        <pb n="186" />
        197

Es  gibt  Verhältnisse,  Sophie,  in  denen  ich  eher  meine
Eingeweide  verschlingen  würde,  als  daß  ich  jemand
betrügen  könnte,  der  mir  gesagt  hat:  „Ich  glaube  an  dich!"
Überdies  habe  ich  ihr  sehr  viel  zu  danken,  denn  sie
hat  mich  viel  besser  gemacht,  als  ich  war.  Ich  kann
wohl  sagen,  daß  ich  ein  ausgezeichnetes  und  warmes
Herz  hatte,  aber  ich  hatte  auch  die  Laster  der  Kraft.
Ich  hatte  in  mir  wilde  Instinkte,  einen  fürchterlichen
Zorn,  eine  grenzenlose  Leidenschaftlichkeit;  ich  konnte
grausani  hart  sein  und  ohne  Mitleid.  Sie  hat  mir  alles
dies  abgewöhnt.  Sie  hat  in  mir  die  guten  Instinkte
entwickelt  und  die  anderen  unterdrückt.  Wenn  ich  jetzt
so  bin,  daß  Sie  mit  mir  glücklich  werden  könnten,  so  ist
das  ihr  Werk.
Und  also,  Sophie,  weil  ich  die  Gräfin  wie  ein
Sohn  liebe,  werden  Sie,  wenn  Sie  mich  zum  Manne
nehmen,  sie  auch  lieben  müssen,  wie  eine  wirkliche
Mutter,  mit  der  wahren  Zärtlichkeit  einer  Tochter.
Wenn  nicht,  so  würde  ich  nicht  glücklich  sein.
Aber  andererseits,  wenn  Sie  gut  gegen  sie  sein  werden,
wird  sie  Sie  in  kurzer  Zeit  mehr  lieben  wie  mich!  Sie
wird  Sie  wie  eine  Tochter  lieben,  ebenso  zärtlich,  wie
sie  immer  ihre  eigenen  Kinder  geliebt  hat.
Ich  hoffe  sie  bestinimen  zu  können,  bei  uns  zu  wohnen,
um  alle  drei  glücklich  und  vereint  zu  leben.
.  Da  sie  außerordentlich  zartfühlend  ist,  so  wird  sie
das  vielleicht  nicht  wollen,  ohne  zu  wissen,  ob  Sie  sie
lieben  werden,  aber  ich  werde  mich  für  Sie  verbürgen
und  hoffe  ihr  dies  Versprechen  abzuringen.
Jetzt,  Sophie,  habe  ich  alles  gesagt,  was  ich  zu  sagen
hatte.
        <pb n="187" />
        198

Noch  eins  habe  ich  hinzuzufügen.  Ich  werde  Sie  nicht
heiraten  ohne  die  Einwilligung  und  ohne  die  Liebe
Ihres  Vaters.  Unheil  dem  Manne,  der  es  wagen  könnte,
ein  solches  Band,  wie  es  zwischen  Ihnen  und  Ihrem  Vater
existiert,  zu  zerreißen.  Ich  sage  nicht,  daß  ich  nicht  auch
die  Einwilligung  Ihrer  Mutter,  die  ich  nicht  die  Ehre
habe  zu  kennen,  brauche.
Ich  gebe  Ihnen  das  Recht,  diesen  Brief,  wenn  Sie
es  wollen,  Ihrem  Vater  zu  übersetzen.
Und  jetzt,  wenn  Sie  nach  allem,  was-ich  Ihnen  gesagt ­
  habe,  sich  entschließen,  meine  Frau  zu  werden,
was  würden  Sie  für  alle  Ihre  Opfer  eintauschen?
Nichts  als  zwei  Dinge!  Einen  Mann  und  ein  Herz!
Aber  auch  einen  Mann  in  wahrem  Sinne  des  Wortes,
und  ein  Herz,  das,  wenn  es  sich  einmal  gibt,  sich  auch
für  die  Ewigkeit  gibt!
Und  Sophie,  brauche  ich  es  noch  hinzuzufügen?  Wie
Ihre  Entscheidung  auch  ausfallen  möge  —  ich  kann  nur
mit  Zittern  daran  denken  —,  ich  werde  nie  aufhören.
Sie  und  Ihr  Andenken  zu  segnen!  Ich  werde  nie  aufhören, ­
  Ihnen  der  treueste  und  ergebenste  Freund  zu
sein!  Ich  werde  Sie  noch  segnen  mit  Tränen  in  den
Augen.
Lassalle
Fast  wollte  Sonja  „ja"  sagen.  Da  wurde  sie  plötzlich  von  einem
Heimweh  nach  Rußland  überrumpelt  und  begann  zu  zögern.  Sie
vertraut  sich  dem  Vater  an,  der  erwidert:  „Beeile  dich  nicht!"
Schlaflose  Nächte,  neuer  Briefwechsel  mit  Lassalle,  dann  rasch  ein
Wiedersehen  mit  Lassalle  in  Berlin.  Doch  folgen  wir  wieder
Sonjas  Tagebuch:
        <pb n="188" />
        199

Begegnung  in  Berlin
Lassalle  war  an  diesem  Abend  sehr  interessant.  Es
schien  mir,  als  ob  die  frühere  Zeit,  die  Zeit  unserer
Freundschaft,  zurückgekehrt  sei.  Es  war  niir  wieder
leicht  zumute  in  seiner  Nähe,  obschon  Lässalle  im  allgemeinen ­
  in  trüber  Stimmung  war;  er  sprach  viel
weniger  und  leiser  als  gewöhnlich;  auch  schwieg  er  öfters,
nachdenkend,  längere  Zeit.  An  diesem  Abend,  wo  fortwährend ­
  ein  Schatten  von  wahrer  Traurigkeit  bei  ihm
durchblickte,  ohne  den  geringsten  theatralischen  Effekt,
zu  dem  er  sonst  häufig  genug  griff,  schien  er  mir  sehr
sympathisch.  Um  so  mehr,  da  er  in  bezug  auf  mich  nur
warme  Freundschaft  ausdrückte.  Und  gerade  dies  war
mir  am  wohltuendsten.  Er  blieb  lange  bei  uns  sitzen
und  stand  erst  dann  eilig  auf  und  verabschiedete  sich,
als  er  merkte,  daß  mein  Vater  ermüdet  war.
Am  anderen  Tage  um  zehn  Uhr  morgens  kann  er  angefahren ­
  und  nahm  uns  mit  sich  nach  Hause.  Er  wohnte
damals  in  einer  schönen  Straße,  die  ganz  aus  einer
Reihe  von  Villen  bestand,  der  Bellevuestraße.  Seine
-Wohnung  war  eine  Mischung  des  verfeinertsten  Komforts ­
  und  Dilettantismus  mit  strengem  Gelehrtentum;
die  Verkörperung  deö  letzteren  war  sein  Kabinett.  Ein
nicht  großes  Zimmer  mit  einem  großen  Arbeitstisch,
bedeckt  von  verschiedenen  Papieren  und  Schreibutensilien,
alles  einfach,  ernst  und  geschmackvoll.  Am  Tisch  ein  bequemer ­
  Arbeitsstuhl.  Alle  Wände  des  Zimmers  bis  zur
Decke  waren  mit  Regalen  bedeckt,  die  mit  Büchern,
teuren  Folianten,  altertümlichen  Papyrus,  Atlanten  und
dergleichen  vollgepfropft  waren.  Hier  hing  auch  ein  nicht
        <pb n="189" />
        200

großes  schönes  Porträt  der  Gräfin  Hatzfeldt,  aus  ihren
Jugendjahren.  Hinter  diesem  Kabinett  befand  sich  ein
in  orientalischem  Geschmacke  dekoriertes  Zimmer  mit
niedrigen  türkischen  Diwans,  die  mit  teuren  orientalischen
Seidenstoffen  bedeckt  waren,  Etageren,  Tischchen  und
Taburetts  mit  Inkrustationen  und  angefüllt  mit  Rauchutensilien; ­
  luxuriöse  Nargilehs,  teure  türkische  Pfeifenrohre ­
  mit  enormen  Bernsteinspitzen.  Aus  diesem  Zimmer
war  ein  Ausgang  in  einen  kleinen  Wintergarten,  der
mit  schönen  Pflanzen  angefüllt  war.  Der  Salon,  zugleich ­
  auch  Speisezimmer,  war  mit  guten  Bildern  und
seltenen  Stichen  geschmückt.  Mehrere  bekannte  Statuen ­
  in  Lebensgröße,  unter  ihnen  die  sehr  gut  ausgeführte ­
  Kopie  der  Venus  von  Milo.  Hier  stand  auch
ein  prachtvoller  Flügel.  Ein  nach  ausländischen  Begriffen ­
  ziemlich  großes  Gesellschaftszimmer  ging  niit  den
Fenstern  nach  der  Straße  und  war  mit  den  teuersten
Teppichen  versehen,  mit  schweren  samtenen  Drapierungen, ­
  mit  den  luxuriösesten  Möbeln,  einer  Menge
von  großen  Spiegeln,  Bronzen,  großen  japanischen  und
chinesischen  Vasen.  Dieses  Gesellschaftszimmer  gefiel  nur
nicht,  es  war  zu  bunt  und  zu  sehr  auf  den  Effekt  berechnet. ­

Lassalle  nahm  uns  wie  Verwandte  auf;  bald  kam
sein  Vater.  Letzterer  war  eine  schöne,  offene  Persönlichkeit; ­
  der  Typus  eines  sehr  kräftigen  und  gesunden
Alten,  von  nicht  großem  Wüchse,  mit  ganz  grauem,
dichtem  Haar.  Er  blickte  mit  unbeschreiblicher  Zärtlichkeit ­
  mit  seinen  blauen  Augen  auf  den  Sohn.  Man  sah
es,  daß  er  seinen  Sohn  zu  würdigen  wußte  und  stolz
auf  ihn  war.  Diese  ehrliche,  gute  Physiognomie  voll
        <pb n="190" />
        201

Verstand  machte  einen  sehr  angenehmen  Eindruck  und
flößte  Zutrauen  ein.  Die  Liebe  zum  Sohne  sprach  aus
dem  ganzen  Wesen  des  Alten.  Ich  erinnere  mich  einer
charakteristischen  Phrase  aus  dem  Gespräche  des  Vaters
mit  dem  Sohne:
„Vater!  Was  hast  du  heute  zu  tun?"  fragte  Lassalle
bald  nach  dessen  Ankunft.
„Bloß  dich  zu  lieben,  mein  Kind!"  antwortete  heiter
der  Alte,  indem  er  die  Hand  auf  die  Schulter  des  Sohnes
legte.
„Nun,  das  ist  ausgezeichnet.  Ich  besorge  eine  Loge
im  Theater.  Heute  wird  ,Lohengrin'  von  Wagner  gegeben, ­
  er  wird  selbst  das  Orchester  dirigieren."
„Ich  eile,  eine  Loge  zu  holen,  und  werde  bestimmt
eine  auftreiben."
Um  zwölf  Uhr  berieten  sich  mein  Vater  und  Lassalle
lange  nnt  Or.  Frerichs,  der  meinem  Vater  kein  solches
Vertrauen  einflößte  wie  Walther.  Darauf  kam  die  Gräfin
Hatzfeldt.  Der  alte  Lassalle  brachte  die  Billetts  zur
Loge  und  ging  selbst,  die  Mutter  Lassalles  zum  Mittagessen ­
  abzuholen.  Die  Mutter  war  das  gerade  Gegenteil ­
  von  ihrem  Manne.  So  kräftig,  jugendlich,  frisch  und
beweglich  der  Alte  war,  so  gebrechlich,  schwach  und  kraftlos ­
  war  seine  Frau.  Ein  kleines,  krankes  Mütterchen,
ganz  verschrumpft,  ganz  taub,  blickte  sie  ebenso  liebevoll
mit  ihren  kleinen  zusammengekniffenen  und  blöden
Augen  auf  den  Sohn  wie  auf  den  Vater.  Nur  mit  den
Augen  folgte  sie  dem  Gespräch  und  nickte  gutmütig
zustimmend  nnt  dem  Kopfe,  lächelnd,  als  ob  sie  sagen
wollte:  Ich  verstehe  nichts  von  dem,  was  ihr  alle
da  so  fröhlich  miteinander  plaudert,  aber  ich  freue  mich,
        <pb n="191" />
        202

daß  ihr  vergnügt  seid.  Auweilen  zupfte  sie  ihren  Mann
am  Ärmel  und  verlangte,  daß  er  ihr  erklären  solle,  was
um  sie  herum  gesprochen  würde.  Und  es  war  rührend
zu  sehen,  wie  der  Alte  versuchte,  ihr  das  zu  verdeutlichen, ­
  wovon  die  Rede  war,  ordentlich  wie  eine  gute
Wärterin  einem  kleinen  Kinde.  Überhaupt  ging  er  sehr
zärtlich  und  liebevoll  mit  ihr  um;  man  sah,  daß  ihm  dies
vollständig  zur  Gewohnheit  geworden  war.  Die  Hände
zitterten  ihr  vor  Schwäche  —  er  schnitt  ihr  das  Essen
vor.  Sie  hatte  eine  lange  und  schwere  Krankheit  durchgemacht, ­
  deren  Folge  eine  vollständige  Schwäche  des
Organismus  war.  Ungeachtet  dessen  glanzte  in  ihren
Augen  der  Ausdruck  vollkommenen  Glücks  und  der
Liebe  zu  den  zwei  Wesen,  die  bei  Tische  zu  ihren  beiden
Seiten  saßen.  Hätte  man  wohl,  wenn  man  dieses  alte
Mütterchen  ansah,  sich  vorstellen  können,  daß  dieses
schwache,  gebrochene  Geschöpf,  welches  so  hilflos  wie  ein
Kind  war,  sowohl  den  angebeteten  Mann  wie  auch  den
Sohn  ins  Grab  legen  würde!  Es  geschah  indes  also:
sie  überlebte  Mann  und  Sohn.
Die  Gräfin  war  sehr  liebenswürdig.  Ihre  immer
verständige  und  sympathische  Unterhaltung  belebte
unsern  kleinen  Kreis  sehr;  in  ihrer  Nähe  konnte  es  nie
uninteressant  sein.
Nach  dem  Mittagessen  begaben  wir  uns  zur  Gräfin,
in  ihre  kleine  und  sehr  einfache  Wohnung,  deren  Hauptschniuck
  eine  Büste  Lassalles  in  natürlicher  Größe  war,
aus  einem  etwa  zehn  Jahre  jüngern  Lebensalter  als
das,  wo  wir  miteinander  bekannt  wurden.  Diese  Büste
stand  am  auffallendsten  Platz,  und  es  war  sehr  interessant,
danebenstehend  auch  das  Original  zu  sehen.
        <pb n="192" />
        203

Direkt  von  der  Gräfin  aus  fuhren  wir  vier  ins
Theater.  Nach  den  Petersburger  und  anderen  europäischen
Theatern  kam  mir  das  Berliner  Opernhaus  düster,
schlecht  beleuchtet  vor.  Bald  fesselte  die  Musik  unsere
ganze  Aufmerksamkeit.  Das  Orchester  machte  seine
Sache  ausgezeichnet.  Wagner,  der  es  dirigierte,  schien
ihm  seine  Seele  einzuhauchen.  Lassalle,  der  uns  vorher
mit  dem  Inhalte  dieser  Oper  bekanntgemacht  hatte,
rezitierte  während  der  ganzen  Oper,  hinter  mir  sitzend,
das  Libretto  auswendig,  mit  einem  solchen  Eifer,  daß
es  schwer  war,  zu  entscheiden,  was  besser  war,  seine
Deklamation  oder  das  Spiel  der  Künstler  auf  der  Bühne.
Lassalle  hatte  eine  merkwürdig  ausgebildete  Intonation
der  Stimme  und  Übergänge  von  der  leidenschaftlichsten,
energischsten  Redeweise  bis  zum  zartesten  Ausdruck,  er
konnte  dadurch  den  stärksten  und  frappantesten  Eindruck
hervorbringen.  Seine  Rede  zeichnete  sich  durch  die
Abwesenheit  jeglicher  Monotonie  aus.  Niemals  noch
hörte  ich  eine  Oper  mit  solchem  Eifer,  niemals  verstand
ich  eine  besser,  bis  in  die  geringsten  Schattierungen.
Lassalle  schien  von  der  Oper  ganz  hingerissen.  In  den
Zwischenakten  sprach  er  von  der  Idee,  die  darin  durchgeführt ­
  sei,  von  den  Gefühlen,  die  sie  hervorruft.  Wie
ein  unaufhaltsamer  Strom  floß  seine  begeisterte  Rede
dahin,  seine  Augen  glänzten,  und  es  schien,  als  ob  er
nicht  spräche,  sondern  sänge,  wie  ein  nordischer  Barde.
Dieser  Abend  im  Theater  und  das  darauffolgende  Gespräch ­
  rissen  mich  hin  und  bezauberten  mich.  Dies  war
der  Moment,  in  welchenr  ich  von  Lassalle  am  meisten
gefesselt  war.  Ich  dachte,  heute  gäbe  ich  ihm  meine
Einwilligung.
        <pb n="193" />
        204

Am  anderen  Tage  besuchte  er  uns  sehr  früh,  wir
hatten  kaum  unser  Frühstück  beendet.  Er  trat  marmorbleich ­
  herein.  Kaum  nahm  er  sich  die  Zeit,  uns  zu  begrüßen, ­
  als  er  mich  zum  Fenster  zog  und  auf  das  lebhafteste ­
  und  ausdrücklichste  meine  sofortige  Einwilligung
zu  erzwingen  suchte.  Er  sprach  erst  leidenschaftlich,  dann
zärtlich,  seine  Stimme  vibrierte,  als  er  beteuerte,
daß  er  ohne  mich  nicht  leben  könne.  Seine  Hitze  und
Energie  schreckten  mich  und  brachten  eine  vollständige
Reaktion  in  meinen  Gefühlen  hervor;  meine  Hände
fielen  kraftlos  herab,  ich  wurde  ganz  kalt;  der  Eindruck  des
vergangenen  Abends  und  der  Nacht  waren  vollständig
verschwunden.
Mein  Held,  mein  Lehrer  hatte  sich  in  einen  gewöhnlichen ­
  Sterblichen  verwandelt,  der  eigensinnig
von  mir  das  Gefühl  begehrte,  welches  ich  für  ihn
nicht  besaß.  In  diesem  Moment  wurde  es  mir  vollständig ­
  klar.
„Lassalle,  ich  liebe  Sie  nicht,  ich  liebe  Sie  gar  nicht;
enden  wir.  Sie  tun  mir  leid,  aber  ich  kann  nichts  anderes
für  Sie  fühlen  als  Freundschaft."  Und  die  Tränen
traten  mir  in  die  Augen.
„Es  ist  nicht  wahr,"  schrie  er  auf.  „Heiraten  Sie  mich,
und  Sie  werden  mich  liebgewinnen.  Sie  werden  sehen,
daß  Sie  mich  lieben  werden."
„Es  ist  unmöglich!  Täuschen  Sie  sich  nicht  unnütz!"
„Ich  will  das  nicht  hören!  Jetzt  will  ich  Ihre  Antwort
nicht.  Sie  werden  daheim,  in  Rußland,  sich  nach  mir
sehnen;  ich  nehme  hier  Ihre  Abweisung  nicht  an."
Er  konnte  nicht  enden.  Zu  meinem  Vater  kam  der
Botaniker  Pritzel,  und  wir  fuhren  alle  zusammen  in  die
        <pb n="194" />
        205

Umgegend  von  Berlin,  um  dessen  pflanzliche  Seltenheiten ­
  zu  besehen,  die  meinen  Vater  sehr  interessierten.
Pritzel,  ein  Freund  Lassalles,  ist  ein  sehr  angenehmer
und  sympathischer  Mensch,  er  gefiel  uns  sehr.  Wir
kehrten  spät  zurück,  direkt  zum  Mittagessen  bei  Lassalle,
der  in  der  freien  Luft  wieder  zu  sich  gekommen  war
und  sich  vollkommen  beherrschte.  Wir  trafen  bei  ihm
die  Gräfin,  dem  berühmten  Pianisten  Bülow  und  den
Dichter  Scherenberg.  Nach  der  Versicherung  Lassalles
ist  dieser  Poet  ein  ehrlicher,  prächtiger  Mensch,  ein  eifriger
Deniokrat;  mir  kam  er  schwerfällig  und  schlaff  vor,
obschon  er  gegen  Ende  des  Mittags  auftaute  und  einige
Bruchstücke  seiner  neuen  Dichtung  deklamierte.  Bülow,
damals  ein  eben  erst  aufgehendes  Licht,  Schwiegersohn
Liszts,  war  klein,  quecksilbern,  hochmütig  und  schien
von  seiner  Wichtigkeit  aufgebläht;  anfangs  gefiel  er  uns
nicht,  aber  bald  unterlag  er  dem  wohltuenden  Einflüsse
des  einfachen  Lassalleschen  Kreises,  wurde  mitteilsam,
und  ohne  die  letzte  Speise  zu  beenden,  sprang  er  auf
und  begann  eine  Komposition  von  Liszt  zu  spielen,
von  der  ich  soeben  mit  ihm  gesprochen  hatte.  Er  spielte
bis  spät  in  den  Abend  hinein,  und  wir  alle  hörten  ihm
mit  Vergnügen  zu.  Sein  Spiel  wurde  häufig  von  der
Unterhaltung  unterbrochen,  an  der  auch  er  lebhaften
Anteil  nahni.  Diese  drei  Freunde  Lassalles  trennten
sich  auch  von  uns  wie  alte  Freunde.
Mein  Vater,  ich  und  Lassalle  brachten  die  Gräfin
nach  Hause  und  fuhren  dann  in  unser  Hotel.
Als  die  Gräfin  ausgestiegen  und  wir  drei  allein  im
Wagen  geblieben  waren,  wurden  wir  plötzlich  stumm,
wie  auf  Verabredung.  Wir  schwiegen  hartnäckig.  Es
        <pb n="195" />
        206

schien,  als  ob  jeder  von  uns  fühlte:  das  war  ein  unangenehm ­
  verbrachter  Tag,  er  ist  vorbei,  aber  es  schwelt
doch  außerdem  noch  etwas  Schweres  in  der  Luft,  was
begonnen  ist  und  fortdauern  muß.  Und  die  Fortsetzung
kam,  als  wir  im  Hotel  ankamen  und  in  unser  Zimmer
'  eingetreten  waren.  Lassalle  nahm  meinen  Vater  bei
der  Hand  und  fing  an,  ihm  eifrig  zu  beweisen,  daß  ich
ihn  ganz  bestimmt  lieben  müsse,  daß  ich  mit  ihm  unendlich ­
  glücklich  sein  würde.
„Machen  Sie,  daß  sie  mich  liebt,"  sagte  er  mit  Tränen
in  den  Augen,  „geben  Sie  sie  mir.  Sie  ist  mir  gewiß
jetzt  böse,  weil  ich  unsere  Verabredung  gebrochen  habe,
und  glaubt  deshalb,  daß  sie  mich  nicht  liebt,  begreifen
Sie  doch,  ich  kann  ohne  sie  nicht  leben."
Er  fiel  meinem  Vater  um  den  Hals  und  begann  laut
zu  schluchzen.  Die  Kräfte  verließen  mich;  ich  konnte
diese  Szene  nicht  länger  aushalten.  Ich  begann  auch  zu
weinen,  streckte  die  Hand  nach  ihm  aus,  bat  ihn  um  Verzeihung, ­
  daß  ich  ihn  so  lange  gequält  habe,  daß  ich  es
ihm  nicht  gleich  gesagt  habe,  daß  ich  ihn  nicht  liebe,
daß  ich  selbst  mir  erst  heute  klar  darüber  geworden  sei,
und  daß  ohne  volle,  grenzenlose  Liebe  ich  nie  heiraten
würde;  daß  ich  nur  den  heiraten  würde,  den  ich  so  lieben
könnte,  wie  er  mich  liebt;  daß,  wenn  ich  einwilligte,
seine  Frau  zu  werden,  ich  ihn  vollständig  unglücklich
machen  würde.
Er  beugte  sich  auf  meine  Hand  und  wiederholte  mit
Schluchzen,  daß  ich  ihm  meine  letzte  Antwort  aus  Rußland ­
  senden  möchte.  Alles  das  erschütterte  mich  so  sehr,
daß  meine  ganze  unbegrenzte  Freundschaft  zu  ihm
wieder  mit  neuer  Kraft  zum  Durchbruch  kam,  und  in
        <pb n="196" />
        (

207

meinem  Herzen  entstand  ein  neues  Gefühl  —  das  der
liebenden  Schwester.  Ich  legte  ihm  die  Hand  auf
den  Kopf  und  weinte  leise;  ich  konnte  nichts  mehr
sagen.
Mein  Vater  umarmte  ihn  auch  mit  Tränen  in  den
Augen  und  sagte:
„Leben  Sie  wohl.  Lassalle.  Sie,  als  starker  Mann,
dürfen  den  Mut  nicht  verlieren.  Zürnen  sie  ihr  nicht,
ich  war  Zeuge  dessen,  wie  lange  sie  mit  sich  kämpfte,
ehe  sie  Ihnen  ihr  letztes  Wort  sagte.  Enden  wir  lieber.
Leben  Sie  wohl!  Morgen  mit  dem  Frühzuge  reisen
wir.  Nicht  so  wäre  ich  gern  von  Ihnen  geschieden."
„Nein,  nein!  Entführen  Sie  sie  nicht  so  unerwartet!
Lieber  morgen  mit  dem  allerletzten  Zuge.  Bringen
Sie  noch  einen  Tag  bei  mir  zu!  Lassen  Sie  sie  mich  noch
einmal  in  meinem  Hause  sehen."
„Wozu?  Lassen  Sie  uns  lieber  jetzt  scheiden,"  sagte
mein  Vater.
„Nein,  ich  gehe  nicht  fort,  bevor  Sie  mir  nicht  das
Wort  geben,  daß  Sie  meine  Bitte  erfüllen.  Das  ist  ja
eine  solche  Kleinigkeit,  bin  ich  denn  das  nicht  einmal
wert?  Auf  Ihr  Wort  baue  ich,  und  wenn  Sie  es  mir
nicht  geben,  werde  ich  die  ganze  Nacht  vo.r  Ihrer  Schwelle
liegen  bleiben!"
Wir  mußten  nachgeben  und  noch  einen  Tag  länger
in  Berlin  bleiben.
Es  war  ein  trüber,  regnerischer  Tag;  er  harmonierte
ganz  mit  unserer  Geistesstimmung.  Lassalle  kam  sehr
früh  und  führte  uns  zu  sich  nach  Hause.  Die  Mutter
Lassalles  konnte  nicht  zu  Mittag  kommen,  und  der  alte
Herr  blieb  natürlich  bei  ihr.  Ich  war  während  der  ganzen
        <pb n="197" />
        208

Zeit  so  traurig,  mir  war  so  unbehaglich,  mein  Herz
zog  sich  so  schmerzhaft  zusammen,  daß  ich  krankzuwerden
und  dadurch  unsere  Rückreise  nach  Rußland  zu  verhindern ­
  fürchtete,  wohin  es  mich,  zermartert  wie  ich  war,
mit  allen  Kräften  meiner  Seele  zog.  Mein  Vater  begriff ­
  meinen  Zustand  und  bedauerte,  daß  er  dem  Wunsche
Lassalles  nachgegeben  hatte.
Lassalle  war  rührend  zärtlich.  Er  wiederholte  öfters,
daß  er  nur  von  Rußland  aus  eine  Entscheidung  annehme;
daß  er  hoffe,  die  Trennung  von  ihm  würde  meine  Gefühle ­
  für  ihn  wachrufen.  Ungeachtet  meiner  Bitte  unter
Tränen,  mich  nicht  zu  quälen,  fiel  er  immer  wieder  in
den  früheren  Ton  seiner  Erklärungen.  Wir  verbrachten
den  ganzen  Morgen  in  seinem  Kabinett.  Unser  aller
Stimmung  war  so  traurig,  daß  es  den  Anschein  hatte,
als  ob  eine  Leiche  im  Hause  sei.
Die  traurige  Stimmung  wurde  auf  kurze  Zeit  durch
die  Erscheinung  von  Lassalles  Schwager,  dem  Manne
seiner  einzigen  Schwester,  unterbrochen.  Diese  Figur
repräsentierte  den  Typus  des  reichgewordenen  Juden,
den  der  Firnis  der  europäischen  Zivilisation  noch  nicht
berührt  hat.  Der  Ausdruck  seines  Gesichts,  seine  Manieren ­
  waren  grob  und  eckig.  Seine  modische,  europäische ­
  Kleidung,  die  schwere  goldene  Kette  und  die
Menge  Ringe  mit  Edelsteinen  konnten  es  nicht  verbergen, ­
  daß  er  den  Laden  oder  die  Funktion  als  Agent
erst  unlängst  verlassen  haben  müsse.  Dieser  Herr  begann
fast  mit  den  ersten  Worten  über  Lassalle  herzufallen,
über  dessen  politische  und  soziale  Ideen,  über  seine
Propaganda.  Zwischen  ihm  und  Lassalle  begann  ein
origineller  Streit.  Er  erhitzte  sich  fürchterlich  und  warf
        <pb n="198" />
        209

Lassalle  dessen  reiche  Einrichtung  vor,  indem  er  zu  beweisen ­
  suchte,  daß  Lassalle  sein  ganzes  Vermögen  den
Arbeitern  überlassen  und  selbst  in  ihre  Reihen  treten
müsse.  Lassalle  antwortete  ruhig;  verächtlich  und  ironisch ­
  ihn  anblickend,  sagte  er,  daß  er  dazu  keine  Notwendigkeit ­
  sahe,  und  daß  dies  eher  ein  schädliches  Mittel
sei;  daß  er  eben  an  seinem  Platze  und  vermittels  seiner
Umgebung  mehr  Nutzen  bringen  könne,  und  daß  er  hoffe,
die  Arbeiter  würden  es  bald  vollständig  einsehen  lernen,
wie  sehr  ihre  Arbeit  von  Leuten  wie  sein  Schwager
erploitiert  werde.  Ihr  Streit  dauerte  noch  eine  Weile
in  dieser  Weise  fort,  endlich  empfahl  sich  Lassalles
Schwager  sehr  trocken,  wahrscheinlich  weil  er  bemerkt
hatte,  auf  wessen  Seite  unsere  Sympathie  war,  eilte
er  aus  dem  Kabinett,  ohne  sich  von  Lassalle  zu  verabschieden, ­
  und  fuhr  davon.
„Ist  er  wirklich  fortgefahren?"  fragte  ich  Lassalle,
„und  wird  er  nicht  wieder  zu  Ihnen  kommen?"
„Er  wird  schon  wiederkommen,  solche  Leute  kommen
immer  wieder,  obschon  er  mich  gründlich  haßt."
Bei  dieser  Gelegenheit  erzählte  uns  Lassalle  von  ihm
folgenden  Vorfall.
Der  Schwager  Lassalles  hatte  die  Gasbeleuchtung
Prags  übernommen  und  zog  dorthin.  Er  richtete  sein
Haus  luxuriös  und  elegant  ein,  um  enipfangen  zu
können,  und  haschte  nach  Popularität  unter  der  Prager
Geburts-  und  Finanzaristokratie.  Es  gelang  ihm,  indem
er  sorgfältig  seine  jüdische  Abstammung  verheimlichte,
in  die  höheren  administrativen  Kreise  Prags  einzudringen. ­
  Einst  gab  er  ein  Festdiner,  an  dem  die  ganze
Prager  vornehme  Welt  teilnahm.  Au  diesem  Diner
        <pb n="199" />
        210

kam  zufällig  der  alte  Lassalle.  Tochter  und  Schwiegersohn ­
  nahmen  ihn  kurz  vor  Tisch  ins  Gebet,  damit  er  sich
ja  nicht  verplaudere,  daß  sie  Juden  seien.  Den  Alten
empörte  das,  aber  er  schwieg.
Als  alle  sich  an  den  Tisch  gesetzt  hatten,  bat  der  alte
Lassalle  um  Aufmerksamkeit,  und  als  alles  still  war,
fragte  er  laut,  ob  auch  die  Anwesenden  wüßten,  daß  sie
an  dem  Tische  eines  Juden  saßen.  „Ich  halte  es  für
meine  Pflicht,  mitzuteilen,  daß  ich  ein  Jude  bin,  daß
meine  Tochter  eine  Jüdin  ist  und  daß  mein  Schwiegersohn ­
  ein  Jude  ist!  Ich  wünsche  nicht  durch  einen  Betrug
die  Ehre  zu  erkaufen,  mit  Ihnen  zu  speisen."  Begreiflich ­
  antworteten  die  gebildeten  Leute  mit  voller
Liebenswürdigkeit  und  ließen  Lassalle  hochleben.  Der
Schwiegersohn  aber  war  in  die  äußerste  Verlegenheit ­
  gebracht  und  konnte  dem  Alten  diesen  Einfall
nie  vergessen.
Zu  unserm  Mittagessen  kam  nur  die  Gräfin;  auch
sie  war  wie  trübsinnig  und  schweigsam,  obschon  sie  sich
mit  großer  Zärtlichkeit  an  mich  wandte.  Es  schien  mir,
als  ob  sie  mich  verstünde.
Mir  war  unbeschreiblich  schwer  zumute,  und  obschon
Zweifel  in  bezug  auf  die  Art  meiner  Gefühle  für  Lassalle
in  mir  nicht  mehr  aufstiegen,  wollte  ich  doch,  im  Hinblick ­
  auf  die  heiße,  unbegrenzte  Liebe,  welche  sich  in
jeder  Bewegung,  in  jedem  Blicke  kundtat,  mich  in  eine
Stimmung  versetzen,  in  der  ich  die  Möglichkeit  hätte,
selbstlos  seine  Liebe  zu  erwidern.  Und  je  mehr  ich  mich
selbst  überzeugen  wollte,  daß  das  möglich  sei,  um  so
trübsinniger  und  zurückhaltender  wurde  ich  gegen  meinen
Willen.
        <pb n="200" />
        211

Nach  dem  Mittagsmahls  verabschiedeten  wir  uns  von
der  Gräfin  und  fuhren  ins  Hotel,  um  uns  zur  Abreise
vorzubereiten.  Lassalle  folgte  und  verließ  uns  nicht
mehr,  bis  der  Zug,  mit  dem  wir  reisten,  sich  in  Bewegung ­
  setzte.  Es  verging  keine  Viertelstunde,  daß  er  mir
nicht  wiederholte:  „Ich  erwarte  Ihre  Antwort  aus
Rußland,  beeilen  Sie  sich  nicht,  prüfen  Sie  sich  ordentlich!"
Auf  ihn,  den  Traurigen,  Gramerfüllten  hinblickend,  gab
ich  ihm  das  Wort,  daß  ich  seinen  Wunsch  erfüllen  wolle.
Im  Wartesaal,  wo  wir  in  Erwartung  des  Abganges
uns  hingesetzt  hatten,  war  Lassalle  in  nervöser,  fieberhafter ­
  Aufregung;  er  saß  neben  mir,  konnte  aber  nicht
sprechen;  schweigend  schaute  er  mir  in  die  Augen,  und
wenn  er  den  Versuch  machen  wollte,  zu  sprechen,  verwandelten ­
  sich  seine  Worte  in  dumpfe  Töne  ohne  Zusammenhang ­
  und  in  unterdrückte  Seufzer.  Ich  konnte
nicht  ohne  Tranen  auf  ihn  blicken,  meine  Kehle  war  wie
zugeschnürt,  ich  war  in  einem  der  Ohnmacht  nahen  Zustande, ­
  bemühte  mich  aber  nach  Kräften,  diesen  Zustand
zu  verbergen,  um  in  ihm  keine  falschen  Hoffnungen  zu
erwecken.  Ich  dachte  immer,  wie  schön  es  wäre,  wenn
wir,  wie  früher,  als  Freunde  scheiden  könnten.
Nachdem  er  uns  in  den  Waggon  placiert  hatte,  stand
er,  die  Hände  auf  der  Brust  gekreuzt  und  mit  dem  Rücken
an  eine  eiserne  Säule  gelehnt,  so  trübsinnig  und  blaß,
daß  diesdr  Anblick,  wie  ich  ihn  das  letztemal  sah,  auf
ewig  sich  in  mein  Gedächtnis  eingeprägt  hat.  Als  unser
Zug  sich  in  Bewegung  setzte,  stürzte  er  ihm  plötzlich  nach,
blieb  aber  sofort  wieder  stehen,  winkte  mit  der  Hand,
schwankte  und  lehnte  sich  wieder  an  die  Säule.  Der
Zug  flog  dahin,  und  er  war  nicht  mehr  zu  sehen.
        <pb n="201" />
        212

Die  Krankheit  des  Vaters  zwang  zur  Heimreise.  Dort  in  Rußland ­
  war  Sonja  bald  mit  sich  selbst  im  klaren.  Von  dort  aus  schrieb
sie  ihre  Antwort  an  Lassalle.
Sonjas  „Nein"
Edler  und  werter  Freund!
Sie  können  nicht  glauben,  was  ich  alles  gelitten  habe
in  diesen  zwei  Monaten,  während  der  Kampf  in  mir
tobte,  und  was  ich  noch  jetzt  leide,  indem  ich  Ihnen
selbst  auch  eine  peinliche  Empfindung  verursache,  denn
ich  muß  Ihnen  sagen  „Nein".
Mein  Herz  füllt  sich  mit  Tränen  bei  diesem  Wort,
aber  wie  kann  ich  anders  handeln?  Ich  habe  so  lange
gezögert,  Ihnen  diese  entscheidende  Antwort  zu  geben,
weil  ich  «lein  Herz  völlig  ergründen  und  ganz  sicher
sein  wollte,  daß  meine  Zuneigung  zu  Ihnen  nur  begründet ­
  sei  in  der  wahrsten  und  begeistertsten  Bewunderung ­
  und  Achtung,  welche  Sie  allen  denen  einflößen,
die  Sie  kennen.  Ich  versichere  Sie,  Lassalle,  daß  wenn
ich  mich  nur  von  meiner  Vernunft  leiten  ließe,  ich
nicht  einen  Augenblick  zögern  würde.  Sie  zu  heiraten;
aber  was  kann  ich  mit  diesem  Herzen  tun,  das  zwar
unbezähmbar,  aber  doch  Herr  meines  Lebens  und
aller  meiner  Handlungen  ist?  Ich  versichere  Sie,
daß  ich  hierbei  mehr  an  Ihr  Glück  denke  als  an  das
meinige.
Nur  eins  verlange  ich  von  Ihnen:  sagen  Sie  mir,
daß  Sie  die  Freundschaft  annehmen,  die  ich  Ihnen  anbiete, ­
  und  die  ich  bewahren  werde,  solange  ich  lebe.  Es
wäre  zu  peinlich  für  mich,  Sie  nicht  immer  als  meinen
        <pb n="202" />
        Bak  200C* d Ki?f'’29

Freund  betrachten  zu  dürfen.  Sie  wissen,  daß  ich  den
Ernst  und  den  Wert  einer  wirklichen  Freundschaft  verstehe, ­
  und  ich  frage  Sie  offen  und  ernst,  aus  tiefstem
Herzensgründe,  ob  Sie  mein  Freund  bleiben  wollen.
Wie  auch  Ihre  Antwort  ausfallen  möge,  sie  wird  nie
die  schwesterliche  Zuneigung  verringern  oder  ändern
können,  welche  ich  nie  aufhören  werde,  Ihnen  zu  bewahren. ­

Ihre  ergebene
S.  S.
Lassalle  antwortete  noch,  er  habe  diese  Antwort  schon  in  Berlin
vorausgesehen.  Es  blieb  ein  dünnes  bißchen  Freundschaft  und
Verständigung  übrig,  das  Sonjas  Stolz  jedoch  bald  verwarf.  Im
Frühjahr  1863  flackert  der  Briefwechsel  wieder  auf.  Noch  eine
freundschaftliche  Regung  im  Herbst  1863.  Auch  da  spricht  Lassalle
von  dem  „Fieber,  das  ihn  verzehrt".  In  diesem  letzten,  erhaltenen
Brief  an  Sonja  S.  heißt  es:  „Schließlich,  eines  jeden  persönlichen
Glückes  beraubt,  strebe  ich  wenigstens  soviel  als  möglich  danach,
daß  mein  Dasein  den  Acker  bilde,  aus  dem  das  Gemeinwohl  der
Zukunft  erstehe."
        <pb n="203" />
        Gegen  die  Presse
        <pb n="204" />
        217

Rede  Lassalles,  gehalten  in  den  Versammlungen  des  Allgemeinen
Deutschen  Theatervereins  in  Barmen,  Solingen  und  Düsseldorf
am  20.,  27.  und  28.  September  1863.
Ich  kann  Euch  hier  nicht  die  Geschichte  der  europäischen
Presse  geben.  Genug,  einst  war  sie  wirklich  der  Vorkämpfer ­
  für  die  geistigen  Interessen  in  Politik,  Kunst
und  Wissenschaft,  der  Bildner,  Lehrer  und  geistige  Erzieher ­
  des  großen  Publikums.  Sie  stritt  für  Ideen  und
suchte  zu  diesen  die  große  Masse  emporzuheben.  Allmählich ­
  aber  begann  die  Gewohnheit  der  bezahlten  Anzeigen, ­
  der  sogenannten  Annoncen  oder  Inserate,  die
lange  gar  keinen,  dann  einen  sehr  beschränkten  Raum
auf  der  letzten  Seite  der  Zeitungen  gefunden  hatten,
eine  tiefe  Umwandlung  in  den:  Wesen  derselben  hervorzubringen. ­
  Es  zeigte  sich,  daß  diese  Annoncen  ein  sehr
ergiebiges  Mittel  seien,  um  Reichtümer  zusammenzuschlagen, ­
  um  immense  jährliche  Revenüen  aus  den  Zeitungen ­
  zu  schöpfen.  Von  Stund'  an  wurde  eine
Zeitung  eine  äußerst  lukrative  Spekulation  für  einen
kapitalbegabten  oder  auch  für  einen  kapitalhungrigen
Verleger.  Aber  um  viele  Anzeigen  zu  erhalten,  handelte
es  sich  zuvörderst  darum,  möglichst  viele  Abonnenten
zu  bekommen,  denn  die  Anzeigen  strömen  natürlich  in
Fülle  nur  solchen  Blättern  zu,  die  sich  eines  großen
Abonnentenkreises  erfreuen.  Von  Stund'  an  handelte
        <pb n="205" />
        218

es  sich  also  nicht  mehr  darum,  für  eine  große  Idee  zu
streiten  und  zu  ihr  langsam  und  allmählich  das  große
Publikum  hinaufzuheben,  sondern  umgekehrt,  solchen
Meinungen  zu  huldigen,  welche,  wie  sie  auch  immer
beschaffen  sein  mochten,  der  größten  Anzahl  von
Zeitungskäufern  (Abonnenten)  genehm  sind.  Von
Stund'  an  also  wurden  die  Zeitungen,  immer  unter
Beibehaltung  des  Scheins,  Vorkämpfer  für  geistige
Interessen  zu  sein,  aus  Bildnern  und  Lehrern  des  Volks
zu  schnöden  Augendienern  der  geldbesitzenden  und  also
abonnierenden  Bourgeoisie  und  ihres  Geschmackes,
die  einen  Zeitungen  gefesselt  durch  den  Abonnentenkreis,
den  sie  bereits  haben,  die  anderen  durch  den,  den  sie  zu
erwerben  hoffen,  beide  immer  in  Hinsicht  auf  den  eigentlichen ­
  goldenen  Boden  des  Geschäfts,  die  Inserate.
Von  Stund'  an  wurden  also  die  Zeitungen  nicht
nur  zu  einem  ganz  gemeinen,  ordinären  Geldgeschäfte,
wie  jedes  andere  auch,  sondern  zu  einem  viel  schlimmeren,
zu  einem  durch  und  durch  heuchlerischen  Geschäfte,
welches  unter  dem  Scheine  des  Kampfes  für  große
Ideen  und  für  das  Wohl  des  Volks  betrieben  wird.
Habt  Ihr  einen  Begriff  von  der  depravierenden
Wirkung,  die  diese  täglich  fortgesetzte  Heuchelei,  dieses
Pfaffentum  des  19.  Jahrhunderts,  allmählich  auf
Verleger  und  Zeitungsschreiber  hervorbringen  mußte?
Noch  ganz  andere  Wirkungen  aber  mußten  in  einer
Zeit  erhitzter  politischer  Parteikämpfe  eintreten.  Von
vornherein  konnten  natürlich  die  Zeitungen  in  diesem
Kampfe  nichts  anderes  vertreten  als  alle  Vorurteile  der
besitzenden  Klassen,  unter  denen  ja  bei  weitem  die  meisten
Abonnenten  sind,  die  wieder  die  Inserate  nach  sich  ziehen.
        <pb n="206" />
        219

Aber  das  ist  noch  das  wenigste.  Eine  noch  weit  verderblichere ­
  Konsequenz  war  folgende:  Ein  Schriftsteller  von
Ehre  würde  sich  lieber  die  Faust  abhacken,  als  das  Gegenteil ­
  von  dem  sagen,  was  er  denkt;  ja  sogar  als,  insofern
er  einmal  schreibt,  das  nicht  sagen,  was  er  denkt.  Kann
er  es  schlechterdings  nicht,  und  in  keinerWendung,
ausdrücken,  so  zieht  er  sich  lieber  zurück  und  schreibt
gar  nicht.  Bei  den  Zeitungen  ist  dies  ausgeschlossen
durch  das  lukrative  ZeitungSgeschäst.  Sie  müssen  forterscheinen, ­
  das  Geschäft  bringt  es  einmal  so  mit  sich.
Was  also  unsere  Regierungen  seit  1848  auch  anfangen
mochten,  die  Zeitungen  waren  von  vornherein  durch  das
Geschäft  darauf  angewiesen,  jeden  Kompromiß  mit  der
Regierung  zu  schließen,  ihr  nur  die  Art  von  Opposition
zu  machen,  welche  die  Regierung  selbst  noch  wollte  oder
zuließ!  Das  Geschäft  bringt  es  einmal  so  mit  sich!
Hieraus  entsprangen  seit  1848  eine  Reihe  der  schimpflichsten ­
  Kompromisse  unserer  Blätter  mit  der  Regierung.
Dinge,  die  gar  zu  wunde  Punkte  für  die  Regierung
bildeten,  berührte  man  gar  nicht;  Dinge,  welche  man
berührte,  berührte  man  nur  so  weit,  soweit  die  Regierung
eine  solche  Berührung  noch  zu  ertragen  beliebte.  Ja,
man  bezahlte  unter  Hinkeldey-Westfalen  häufig  von
seiten  der  Presse  heimlich  eine  Art  Leute,  welche  vermöge ­
  ihrer  Stellung  den  Zeitungen  darüber  berichten
sollten,  über  welche  Punkte  und  bis  zu  welcher  Grenze
die  Regierung  wohl  eine  Opposition  ertragen  würde  oder
nicht.  O,  Ihr  werdet  staunen,  wenn  der  Augenblick
gekommen  sein  wird,  wo  alle  die  Enthüllungen  gemacht
sein  werden,  welche  die  Geschichte  eines  Tages  hierüber
einzuregistrieren  haben  wird!
        <pb n="207" />
        220

‘I

Aber  damit  noch  immer  nicht  genug!  Die  ganze  Reihe
dieser  persönlichen  Konzessionen,  welche  die  Zeitungsschreiber ­
  rein  um  ihres  Geschäftes  willen  der  Regierung
machten,  die  Zeitungsschreiber  konnten  sie  natürlich  nicht
als  solche  rein  persönliche  Konzessionen  um  des  Geschäftes
willen  gemacht  eingestehen,  weil  sonst  die  Verachtung
des  Volkes,  der  Verlust  von  Lesern,  Abonnenten  und
Inseraten  die  unausbleibliche  Folge  gewesen  wäre.
Blieb  also  nichts  übrig,  als  diese  rein  geschäftlichen
Konzessionen  als  ebenso  viele  neue  Standpunkte
des  allgemeinen  Geistes  dem  Volke  vorzudemonstrieren ­
  und  aufzudrängen,  sie  als  Entwicklungen  und
heilsame  Kompromisse  des  Volkslebens  darzustellen ­
  und  so  den  Volksgeist  selbst  bis  auf  den  Grad
zu  entmannen  und  zu  verwässern,  welcher  für  die  Fortsetzung ­
  des  lukrativen  Jeitungsgeschäftes  erforderlich
war!  Daher  jener  Rückschritt  des  Volksgeistes  in  allen
Gebieten  des  öffentlichen  Lebens  seit  1848,  daher  jene
konterrevolutionäre  Stimmung  desselben,  die  man  so
lange  künstlich  großgezogen  hat,  daher  jene  Entmannung ­
  desselben,  die  1858  in  dem  „Neuen-Ära-Schwindel"
  —  gleichfalls  einer  Erfindung  unserer
liberalen  Zeitungen  und  der  „Berliner  Volks-Zeitung"
vor  allen  —  wie  in  einem  abschreckenden  Aussatze  zutage ­
  trat!
Zugleich  könnt  Ihr  Euch  selbst  denken,  welche  entsittlichenden ­
  Folgen  das  geschilderte  Verfahren  täglich  auf
den  Charakter  der  Zeitungsschreiber  weiter  hervorbringen
mußte,  welche  frivole  Verachtung  gegen  sich  selbst,  gegen
alle  ideellen  Zwecke,  gegen  Leser  und  Volk,  das  sich
jenen  Humbug  geduldig  aufbinden  ließ,  jene  tägliche
        <pb n="208" />
        221

Gewohnheit  der  Selbsterniedrigung  zur  Folge  haben
mußte.
Wenn  es  also  z.  B.  unserer  Regierung  einfiele,  zu
verordnen:  keine  Zeitung  darf  ferner  erscheinen,  welche
nicht  mit  fingergroßen  Buchstaben  die  Überschrift  trägt:
„Das  Volk  ist  eine  Kanaille,"  nun,  so  ist  gar  keinen
Augenblick  zu  zweifeln  —  denn  das  Geschäft  bringt  es
so  mit  sich!  —,  daß  unsere  liberalen  Blätter  erscheinen
würden  mit  der  fingergroßen  Überschrift:  „Das  Volk
ist  eine  Kanaille!"  Und  nicht  nur  das,  sondern  sie
würden  uns  jetzt  auch  noch  beweisen,  daß  das  gerade  der
höchste  Grad  echter  Überzeugungstreue  und  wahrer  Liebe
zum  Volke  sei,  daß  es  der  notwendige  neue  Kompromiß ­
  des  öffentlichen  Geistes  sei,  zu  sagen:  „Das  Volk
ist  eine  Kanaille!"
Wenn  jemand  Geld  verdienen  will,  so  mag  er  Kotton
fabrizieren  oder  Tuche  oder  auf  der  Börse  spielen.  Aber
daß  man  um  schnöden  Gewinstes  willen  alle  Brunnen
des  Volksgeistes  vergifte  und  dem  Volke  den  geistigen
Tod  täglich  aus  tausend  Röhren  kredenze  es  ist
das  höchste  Verbrechen,  das  ich  fassen  kann!  (Lang
anhaltendes,  sich  immer  wieder  erneuerndes  Bravo!)
Denkt  Euch  aber  noch  weiter  die  notwendige  Rückwirkung, ­
  welche  die  geschilderte  Arbeit  der  Zeitungen
auf  die  Beschaffenheit  der  Zeitungsschreiber  selbst  ausüben ­
  muß.  Ihr  wißt,  wie  der  Arbeiter  die  Arbeit,  so
bestimmt  wieder  in  hohem  Grade  wechselwirkend  die
Arbeit  die  Beschaffenheit  des  Arbeiters.  Das  lukrative
Annoncengeschäft  hat  den  Zeitungseigentümern  die
Mittel  gegeben,  ein  geistiges  Proletariat,  ein  stehendes
Heer  von  Zeitungsschreibern  zu  unterhalten,  durch  welches
        <pb n="209" />
        222

sie  konkurrierend  ihren  Betrieb  zu  vergrößern  und  ihre
Annonceneinnahmen  zu  vermehren  streben.  Aber  wer
soll  unter  dieses  Heer  gehen,  wer,  der  sich  selber  achtet,
wer,  der  nur  irgendwelche  Befähigung  zu  reellen  Leistungen ­
  auf  dem  Gebiete  der  Wissenschaft,  des  Gedankens
oder  des  bürgerlichen  Lebens  in  sich  fühlt?  Ihr,  Proletarier, ­
  verkauft  Euren  Arbeitsherren  doch  nur  Eure
Zeit  und  materielle  Arbeit.  Jene  aber  verkaufen  ihre
Seele!  Denn  der  Korrespondent  muß  schreiben,  wie
der  Redakteur  und  Eigentümer  will;  der  Redakteur  und
Eigentümer  aber,  was  die  Abonnenten  wollen  und
die  Regierung  erlaubt!  Wer  aber,  der  ein  Mann  ist,
würde  sich  zu  einer  solchen  Prostitution  des  Geistes
hergeben?  Ferner  bedenkt  die  zerrüttenden  Folgen,
welche  diese  metiermäßige  Beschäftigung  noch  in  anderer
Hinsicht  nach  sich  zieht.  Ihr,  Proletarier,  verkauft  Euch
doch  nur  zu  einem  Geschäft,  das  Ihr  kennt  und  versteht,
jene  aber,  die  geistigen  Proletarier,  müssen  täglich  lange
Spalten  füllen  über  tausend  Dinge,  über  Politik,  Recht,
Ökonomie,  Wissenschaft,  über  alle  Fächer  der  Gesetzgebung, ­
  über  diplomatische  und  geschichtliche  Verhältnisse
aller  Völker.  Ob  man  das  Hinreichende,  ob  man  das
Geringste  davon  verstehe  oder  nicht  —  die  Sache  muß
behandelt,  die  Zeitung  gefüllt  sein,  das  Geschäft  bringt  eS
so  mit  sich!  Dazu  der  Mangel  an  Zeit,  die  Dinge  näher
zu  studieren,  in  Quellen  und  Büchern  nachzuforschen,
ja  selbst  nur  sich  einigermaßen  zu  sammeln  und  nachzudenken. ­
  Der  Artikel  muß  fertig  sein,  das  Geschäft  bringt
es  so  mit  sich!  Alle  Unwissenheit,  alle  Unbekanntschaft
mit  den  Dingen,  alles,  alles  muß  möglichst  versteckt
werden  unter  der  abgefeimten  routinierten  Phrase.
        <pb n="210" />
        223

Daher  kommt  es,  daß,  wer  heute  mit  einer  halben
Bildung.in  die  Jeitungsschreiberkarriere  eintritt,  in  zwei
oder  drei  Jahren  auch  das  Wenige  noch  verlernt  hat,
was  er  wußte,  sich  geistig  und  sittlich  zugrundegerichtet
hat  und  zu  einem  blasierten,  ernstlosen,  an  nichts  Großes
mehr  glaubenden,  noch  erstrebenden  und  nur  auf  die
Macht  der  Clique  schwörenden  Menschen  geworden  ist!
Aus  all  diesen  Ursachen  ist  es  gekommen,  daß  sich  alle
tüchtigen  Elemente,  die  sich  früher  an  der  Presse  beteiligt ­
  haben,  allmählich  von  derselben  bis  auf  sehr  vereinzelte ­
  Ausnahmen  zurückgezogen  haben  und  die  Presse
so  zu  einem  Sammelpunkt  aller  Mittelmäßigkeiten,  aller
ruinierten  Existenzen,  aller  Arbeitsscheuen  und  Nichtswisser
  geworden  ist,  die,  zu  keiner  reellen  Arbeit  tüchtig,
in  der  Presse  immer  noch  eine  mühelosere  und  auskömmlichere ­
  Existenz  finden  als  irgend  sonst.
Das  sind  diese  modernen  Landsknechts  von  der  Feder,
das  geistige  Proletariat,  das  stehende  Heer  der  Zeitungsschreiber, ­
  das  öffentliche  Meinung  macht  und  dem  Volke
tiefere  Wunden  geschlagen  hat  als  das  stehende  Heer
der  Soldaten;  denn  dieses  hält  doch  nur  durch  äußere
Gewalt  das  Volk  zu  Boden,  jenes  bringt  ihm  die  innere
Fäulnis,  vergiftet  ihm  Blut  und  Säfte!  —  Daher  auch
die  Entfernung,  in  welcher  sich  bei  uns  alle  Männer  deö
wirklichen  Wissens  wie  in  heiliger  Scheu  von  den  Zeitungen ­
  halten.  Ich  habe  eine  ziemlich  ausgebreitete
Bekanntschaft  unter  den  Gelehrten.  Wie  oft  wurde
mir  nicht  bei  einer  gelegentlichen  Äußerung,  ob  man
nicht  über  diesen  oder  jenen  besonders  wichtigen  Gegenstand ­
  einen  Artikel  in  irgendeine  beliebige  Zeitung
liefern  wolle,  eine  Antwort  zuteil  voll  Staunen  und
        <pb n="211" />
        224

Verwunderung,  als  enthielte  dies  fast  eine  beleidigende
Zumutung!
Ich  habe  auch  in  meinem  Leben  zwei  bis  drei  Zeitungsschreiber ­
  näher  kennengelernt,  die  in  jeder  Hinsicht  eine
rühmliche  Ausnahme,  ja  einen  vollständigen  Gegensatz
zu  der  eben  gegebenen  Schilderung  bilden.  Zwei  derselben ­
  haben  sich  auch  bereits  aus  dieser  Karriere  zurückgezogen ­
  ;  aber  wie  oft  riefen  sie  nicht  alle  drei  in  schmerzlichem ­
  Ringen  zu  mir  aus:  Lieber  Eisenbahnarbeiter
sein  als  weiter  in  dieser  Karriere  zu  verbleiben,  die  uns
Geist  und  Seele  zugrunderichtet!
Ich  habe  Euch  gezeigt,  daß  das  Verderben  der  Presse
mit  Notwendigkeit  daraus  hervorgegangen,  daß  sie  unter
dem  Vorwand,  geistige  Interessen  zu  verfechten,  durch
das  Annoncenwesen  zu  einer  industriellen  Geldspekulation
wurde.  Es  handelt  sich  also  einfach  darum,  diese  beiden
Dinge  zu  trennen,  die  ja  auch  nichts  miteinander  zu
tun  haben.  Insofern  die  Presse  geistige  Interessen  vertritt, ­
  ist  sie  dem  Volköschulredner  oder  Kanzelprediger
vergleichbar;  insofern  sie  Annoncen  bringt,  ist  sie  der
öffentliche  Ausrufer,  der  öffentliche  Trompeter,  der  mit
hunderttausend  Stimmen  dem  Publikuni  anzeigt,  wo
eine  Uhrkette  verloren,  wo  der  beste  Tabak,  wo  das
Hoffsche  Malzextrakt  zu  haben  ist.  Was  hat  der  Prediger
mit  den,  öffentlichen  Trompeter  zu  tun,  und  ist  es  nicht
eine  Mißgeburt,  beide  Dinge  miteinander  zu  verbinden?
In  einen:  sozialdemokratischen  Staate  muß  also  ein
Gesetz  gegeben  werden,  welches  jeder  Zeitung  verbietet,
irgendeine  Annonce  zu  bringen,  und  diese  ausschließlich ­
  und  allein  den  vom  Staate  oder  von  den
Gemeinden  publizierten  Amtsblättern  zuweist.
        <pb n="212" />
        Von  Stund'  an  hören  die  Zeitungen  auf,  eine
lukrative  Geldspekulation  zu  sein.  Von  Stund'  an
ziehen  sich  die  spekulierenden  Kapitalien  von  ihnen
zurück.  Von  Stund'  an  verhungert  das  stehende  Heer
der  Zeitungsschreiber  oder  wird  Stiefelputzer;  das  ist
seine  Sache!  VonStund'an  hört  der  Zeitungsschreiber ­
  von  Metier  auf  und  an  seine  Stelle  tritt
der  Z  ei  tu  ngs  sch  reib  er  von  Beruf!  VonStund'an
eristieren  nur  solche  Zeitungen  und  können  nur  solche
Männer  Zeitungen  schreiben,  welche  ohne  Rücksicht  auf
lukrative  Bereicherung  die  Mission  in  sich  fühlen,  für  die
geistigen  Interessen  und  das  Wohl  des  Volkes  zu  kämpfen.
Wollt  Ihr  einen  Beweis  mehr  für  diese  notwendige
Wirkung  jener  Maßregel?  Seht  auf  die  Blätter,  die
im  Lauf  der  jetzigen  Bewegung  auf  unsere  Seite  getreten
sind:  der  Nordstern,  der  Volksfreund,  noch  zwei  bis  drei
andere  Blätter.  Es  sind  alles  Blätter,  welche  keine
Annoncen  haben  noch  bringen,  noch  jemals  zu  bringen
hoffen  oder  streben.  Es  sind  daher  auch  Blätter,  geschrieben ­
  von  Männern,  welche  aus  wirklichem  Interesse ­
  an  den  geistigen  Kämpfen  und  nicht  um  ihrer  Bereicherung ­
  willen  sich  diesem  Berufe  widmen,  von
Männern,  welche  daher  auch  in  jeder  Hinsicht  eine  vollständige ­
  Ausnahme  von  der  Schilderung  bilden,  die  ich
Euch  vorhin  entworfen.
Ebenso  unangreiflich  wäre  aber  auch  der  andere  Teil
jenes  Gesetzes,  welcher  die  Annoncen  ausschließlich  den,
sei  eS  vom  Staate,  sei  es  von  den  Gemeinden  publizierten ­
  Amtsblättern  überweist.  Insofern  die  Blätter
Annoncen  bringen,  stellen  sie,  wie  bereits  bemerkt,  nur
den  öffentlichen  Ausrufer  dar.  Es  ist  dies  also  eine

8  Großioava,  Lassalle

225
        <pb n="213" />
        226

Funktion,  die  ebenso  einfach  und  notwendig,  wie  etwa
der  Nachtwächterdienst,  zu  den  Attributen  des  öffentlichen ­
  Wesens  in  seiner  staatlichen  oder  städtischen  Organisation ­
  gehört.  Noch  heute  könnt  Ihr  etwa  in  kleinen
schwäbischen  Städten  sehen,  wie  von  einem  Trompeter
ausgeblasen  oder  von  einem  Gemeindebeamten  ausgeschellt ­
  wird,  was  verloren,  was  gefunden  usw.  Auch
trifft  bei  dieser  Arbeit  nicht  einmal  irgendeiner  jener
ohnehin  meist  sehr  schlechten  Gründe  zu,  die  man  gewöhnlich ­
  geltend  macht,  dem  Staat  oder  den  Gemeinden
irgendeine  produktive  Arbeit  zu  entziehen.  Es  ist  hierbei
weder  von  Erfindung  noch  von  einem  besonderen
individuellen  Unternehmergeist  die  Rede,  sondern  nur
von  einer  einfachen,  vom  Inserierenden  bestellten
mechanischen  Tätigkeit,  die  ganz  ebensogut  zum  Nutzen
und  im  Auftrag  eines  Kapitalisten  ausgeführt  werden
kann.  Und  eS  ist  überhaupt  nur  in  der  heutigen  Zeit,
zu  deren  Grundsätzen  es  einmal  gehört,  daß  alles  Profitable ­
  der  Profitwut  einzelner  Kapitalisten  zur  Ausbeutung ­
  anheimfallen  muß,  es  ist  nur  in  dieser  Zeit  zu
begreifen,  daß  dieser  öffentliche  Ausruferdienst  so  lange
dem  Nutzen  und  Interesse  einzelner  Kapitalisten  überlassen ­
  werden  konnte.  Durch  diese  vom  Staate  oder  den
Gemeinden  publizierten  Annoncenblätter  würden  ferner
jährlich,  viel  zu  niedrig  veranschlagt,  mindestens  ein  bis
zwei  Millionen  gewonnen  werden,  um  so  mehr,  als  sich
hier  alle  Betriebskosten  sehr  ermäßigen  würden,  als  sich
ferner  diese  Blätter  keine  Konkurrenz  untereinander
machen  und  in  keiner  noch  so  großen  Gemeinde  mehr  als
ein  einziges  Blatt  erscheinen  würde.  Diese  Millionen
könnten  also  benützt  werden,  um  ebenso  viele  Millionen
        <pb n="214" />
        8*

227

von  jenen  indirekten  staatlichen  oder  städtischen  Steuern  zu
streichen,  die  am  meisten  auf  die  ärmeren  Klassen  drücken,
und  die  widrige  Reklame  der  Ijcutigcn  Zeit,  das  Hoffsche
Malzcrtrakt  und  die  Goldbergschen  Rhcumatismuskctten
hätten  so  mindestens  ihre  gemeinnützige  Wirkung.
Das  also  ist  die  nach  allen  Seiten  hin  heilsame  Maßregel, ­
  welche  ini  sozialdemokratischen  Staate  eine  totale
Umwandlung  der  Presse  in  ihrem  innersten  Wesen
hervorrufen  würde.  Ich  habe  sie  Ihnen  entwickelt,  unr
beizeiten  die  Gemüter  des  Volks  darüber  zu  verständigen.
Verbreiten  Sie  das,  was  ichIhnen  hierüber  gesagt,  erheben
Sie  diese  Maßregel  zu  einer  Volkstradition.  Akkreditieren
Sie  sie  durch  das  tausendfältige  Echo  Ihrer  Stimme,  erheben ­
  Sie  sie  zu  einer  demokratischen  Forderung  ersten
Ranges,  damit  nichts  in  späterer  Aeit  Ihrem  Verständnis ­
  sich  widersetze!  Und  bis  dahin  halten  Sie  so  fest
daran:  der  wahre  Feind  des  Volkes,  sein  gefährlichster
Feind,  um  so  gefährlicher  deshalb,  weil  er  unter  der  Larve
seines  Freundes  auftritt,  das  ist  die  heutige  Presse!
Halten  Sie  fest,  mit  glühender  Seele  fest  an  dem
Losungswort,  das  ich  Ihnen  zuschleudere:  Haß  und
Verachtung,  Tod  und  Untergang  der  heutigen
Presse!  Es  ist  das  eine  kühne  Losung,  ausgegeben  von
einem  Mann  gegen  das  tauscndarmige  Institut  der
Zeitungen,  mit  welchem  schon  Könige  vergeblich  kämpften.
Aber  so  wahr  Sie  leidenschaftlich  und  gierig  an  meinen
Lippen  hängen,  und  so  wahr  meine  Seele  in  reinster
Begeisterung  erzittert,  indem  sie  in  die  Ihrige  überströmt,
so  wahr  durchzuckt  mich  die  Gewißheit:  der  Augenblick
wird  kommen,  wo  wir  den  Blitz  werfen,  der
diese  Presse  in  ewige  Nacht  begräbt!!!
        <pb n="215" />
        ———

Das  letzte  Kapitel
        <pb n="216" />
        231

Im  Frühling  deS  IahreS  1862  hat  Lassalle  Helene  von  Doennige«,
Ne  Tochter  deS  Historikers  Wilhelm  DoennigeS,  kennengelernt.  Sie
war  mit  einundzwanzig  Jahren  ein  reifes,  nicht  ganz  unerfahrenes
Mädchen,  und  ihre  blondrote  Schönheit  war  eine  auffallende.
Die  Bekanntschaft  mit  Lassalle  wurde  1862  abgebrochen,  weil  in
Berlin  darüber  zu  viel  geklatscht  wurde.  Der  RechtSanwalt  Ho!thoff,
  ein  durchdrungener  FortschrittSmann,  dennoch  LassalleS
Freund,  zugleich  zu  der  Familie  DeennigeS  in  naher  Beziehung
stehend,  hatte  —  so  erzählt  der  freilich  nicht  unbedingt  verläßliche
Testamentsvollstrecker  Lassallcs,  Bernhard  Becker  —  zu  Lassall«
gesagt:
„Sie  werden  so  viel  beachtet  und  beobachtet,  und
man  spricht  so  viel  von  Ihnen,  daß  ein  Mädchen,  dem
Sie  die  Cour  machen,  notwendig  ins  Gerede  kommen
muß,  was  ich  für  Helenen  nicht  wünschen  kann.  Wollen
Sie  mir  aber  im  voraus  einen  Hciratsantrag  für  sie
machen,  so  will  ich  Sie  bei  der  Familie  einführen."
Hierauf  habe  Lassalle  geantwortet:  „Nein,  lieber
Holthoff,  das  tue  ich  nicht;  ich  kaufe  keine  Katze  im
Sack.  DaS  Mädchen  gefällt  mir  äußerlich  sehr  gut;
wenn  sie  mir  innerlich  bei  näherer  Bekanntschaft  ebenso
gut  gefällt,  so  würde  ich  mich  dazu  entschließen,  sie  zu
heiraten.  Ich  kann  Ihnen  nur  versprechen,  daß  ich  nicht
        <pb n="217" />
        232

im  geringsten  die  Absicht  habe,  ein  bloßes  Verhältnis
mit  ihr  anzuknüpfen,  und  daß  ich,  wenn  sie  mir  zum
Heiraten  nicht  gut  genug  gefällt,  mich  ganz  ruhig  zurückziehen ­
  werde."
Im  Juli  1864  traf  Lassalle  Fräulein  von  Doenniges  in  Rigi-Kaltbad.
  Der  Roman  entwickelte  sich  im  Schnellzugstempo  zu
einer  Affäre,  die  Richard  Wagner  ungerecht  und  wegwerfend  „eine
Liebesgeschichte  aus  lauter  Eitelkeit  und  falschem  Pathos"  genannt
hat,  er,  der  selbst  so  oft  der  Ichsucht  und  der  Geschwollenheit  bezichtigt ­
  worden  ist.  Hatte  Sonja  Sontzeff  gezögert  und  nach
langer  Überlegung  abgelehnt,  so  liegt  von  Helene  von  DoennigeS
ein  klares  Ja  vor  —  in  dem  folgenden  Briefe,  in  dem  Helene  übrigens
auch  ihre  innere  Schwäche,  ihre  Willenlosigkeit,  zugibt:
Helenens  „Ja"
Wabern,  Dienstag  abends,  26.  Juli
Soll  ich  anfangen.  Ihnen  zu  danken  für  Ihre  lieben
Zeilen,  die  ich  irn  Moment  erhielt,  als  ich  die  Schiffbrücke ­
  überschritt,  oder  zu  sagen,  wie  lang  und  schwer
mir  der  Weg  von  Kaltbad  nach  Waeggis  geworden  ist?
Nein,  Sie  wissen  beides,  wissen,  daß  ich  mich  sehr  über
Ihr  kurzes  Erinnern  freute,  daß  mir  das  Herz  höher
klopfte,  als  ich  Ihre  zarte  Sorge  für  mich  und  meine
Gesundheit  las;  und  Sie  wissen,  daß  ich  verwöhnt  war
von  dem  so  schön  zurückgelegten  Weg  —  gestern  abends
und  heute  früh,  so  verwöhnt,  daß  ich  mich  ungern  in
meine  Einsamkeit  fand.  Daß  ich  Ihrem  Wunsche  nicht
nachkommen  konnte,  lag  nun  natürlich  daran,  daß  ich,
wie  Sie,  mein  Freund,  sagen,  willenlos  wie  ein  Kind
bin.  Aber  diesmal,  Freund  Satan,  wird  Ihnen  das
Kind  beweisen,  daß  es  seine  teuflische  Verwandtschaft
        <pb n="218" />
        333

fühlt,  daß  Ihre  dämonische  Nähe  endlich  dahin  gewirkt
hat,  daß  die  Natur  aus  ihrem  Schlaf  erwacht,  und  ein
Tropfen  Ihres  satanischen  Blutes  in  ihre  Adern  gerollt
ist,  ihr  Kraft  und  Lust  zum  Leben  gebend.  Als  ich  Sie
verließ,  und  zum  letzten  Male  Ihre  Lippen  meine  Hand
berührten,  da  sagte  ich  mir,  daß,  ehe  ich  Waeggis  verlasse, ­
  mein  Entschluß  fürs  Leben  gefaßt  sein  soll.  Eh
bien,  c’est  fait!
Und  nun  wissen  Sie  auch  mit  Ihrem  schönen,  herrlichen ­
  Geiste  und  Ihrer  so  großartigen,  mir  so  lieben
Eitelkeit,  wie  mein  Entschluß  lautet:  Ich  will  und
werde  Ihr  Weib  sein!-  Sie  sagten  mir  gestern  abends:
.Sagen  Sie  nur  ein  vernünftiges,  selbständiges  Ja  —
et  je  me  Charge  du  reste/  Gut,  mein  Ja  ist  da  —
chargez  vous  donc  du  reste;  nur  mache  ich  mir  ein
paar  ganz  kleine  Bedingungen,  et  les  voilä.  Ich  will,
denken  Sie,  das  Kind  sagt,  ich  will  —  ich  will  also,  daß
wir  alles  versuchen,  was  in  unseren  Kräften  steht,  und
in  Ihren  Kräften,  mein  schöner,  satanischer  Freund,
steht  ja  so  ungeheuer  viel  —  um  auf  eine  anständige,
vernünftige  Weise  zu  unserem  Ziele  zu  gelangen;  d.  h.
also,  Sie  kommen  zu  uns,  wir  versuchen  die  Eltern
ebenso  für  Sie  einzunehmen  als  und  so  ihre  Einwilligung ­
  zu  bekommen!  Wo  nicht,  sind  und  bleiben
sie  unerbittlich,  auch  wenn  wir  alles  getan  haben,  was
wir  tun  konnten  —  eh  bien  alors  tant  pis!  So  bleibt
noch  immer  Ägypten.  Dies  meine  eine  Bedingung.
Und  hier  die  zweite:  Ich  will  und  wünsche,  daß  dann
die  ganze  Sache  so  rasch  als  möglich  geht.  Denn  ich
kann  wohl  den  Nebel  und  den  Regen  von  heute  früh
aushalten,  ohne  sehr  krank  zu  werden  —  aber  noch^viele
        <pb n="219" />
        234

so  aufregende  Tage  und  ungewisse  quälende  Stimmungen,
wie  ich  schon  um  dieser  unsrer  Sache  wegen  durchgemacht ­
  habe  —  das,  mein  Freund,  halten  meine  Nerven
nicht  aus.  —  Aber  zu  dieser  Eile  habe  ich  noch  einen  Grund
—  ich  will  nicht,  daß  die  ganze  Welt  uns  bespricht  und
ihre  Meinung  sagt  über  eine  Angelegenheit,  die  sie
nichts  angeht,  und  mich  hierdurch  einer  Menge  Szenen
aussetzt,  die  ebensogut  vermieden  werden  können.  Einmal ­
  die  Sache  zu  unserer  Zufriedenheit  beendet,  mögen
sie  dann  ihre  Mäuler  und  Augen  aufreißen,  so  groß  sie
wollen,  dann  habe  ich  Sie,  Ferdinand,  als  Schutz  und
Stütze  —  et  je  ne  me  moquo  pas  mal  du  reste  du
monde.  —Ich  weiß,  daß  die  Hindernisse,  die  wir  zu  übersteigen ­
  haben,  sehr,  ja  riesengroß  sind,  aber  dafür  haben
wir  auch  ein  großes  Ziel,  und  Sie  einen  riesengroßen
Geist,  der  mit  Gottes  Hilfe  die  Felsen  zu  Sand  und
Staub  zermalmen  wird  —  so  daß  selbst  mein  schwacher
Atem  ihn  wegzublasen  vermag.  Mir  bleibt  von  allem
daS  schwerste  Stück  —  ich  muß  mit  kalter  Hand  ein
treues  Herz  (Racowitza),  das  mir  mit  wahrer  Liebe  ergeben ­
  ist,  töten,  ich  muß  mit  krassem  Egoismus  einen
schönen  Jugcndtraum  vernichten,  der  verwirklicht,  das
Glück,  das  Lebensglück  eines  edlen  Menschen  machen
sollte.  —Glauben  Sie  mir,  das  wird  mir  furchtbar  schwer,
aber  ich  will  jetzt,  und  so  will  ich  denn  um  Ihretwillen
auch  schlecht  werden.  ^  ^
CS  gibt  einen  Brief  von  Lassalle  an  die  Gräfin  Hatzfeldt,  der
zwei  Tage  nach  diesem  klaren  „Ja"  Helenens  geschrieben  ist.  Da
ist  Lassalles  Himmel  für  kurze  Zeit  ganz  wolkenlos,  sonnig,  froh.
Sv  menschlich-befreit  klingt  hier  LassalleS  Stimme,  daß  er  auch
die  innere  Freiheit  findet,  der  Politik  Adieu  zu  sagen.
        <pb n="220" />
        235

Stille  vor  dem  Sturm
In  diesem  Brief  an  die  Gräfin  Hatzfeldt  vom  28.  Juli  1864
heißt  eL:
Es  war  also  gestern  abend  ein  Viertel  vor  sieben
Uhr,  als  ich,  im  emsigen  Schreiben  an  Sie  begriffen,
zufällig  den  Blick  gegen  das  Fenster  kehre  —  und  siehe
da!  alle  Nebel  und  Wolken  fallend  und  wie  erfrierend,
und  die  Berge  sich  mächtig  und  glanzvoll  befreiend
schaue.  Es  war  nicht  mehr  möglich,  zum  Kulm  zu  ge»
langen,  aber  ich  schloß  den  Brief  in  aller  Eile  und  rannte
auf  das  Kaenzli,  fünfzehn  Minuten  von  hier,  von  wo
man,  wenn  auch  nicht  die  Kulmer  Aussicht,  so  doch
immerhin  eine  überaus  prächtige  Aussicht  hat,  die  ganze
Kette  von  Tödi  bis  Gespaltenhorn,  also  Uri-Notstock,
Titlis,  Weisstock,  alle  Berner  Berae  usw.
Selten  habe  ich  die  Berge  so  schön,  selten  einen  so
schönen  Sonnenuntergang  gesehen!  Der  Eigcr  war  in
leisem  Glühen.  Noch  lange  nach  Sonnenuntergang
konnte  ich  mich  nicht  von  der  Statte  losreißen!  Und
ebenso  schön  wieder  heute  früh.  Alle  Leiden  sind  wie
fortgewischt  —  wie  schnell  vergißt  doch  der  Mensch,
was  ihn  beschwerte  —,  und  ich  bin  lustig  und  voller
Lebenskraft,  als  hätte  ich  nicht  einen  Augenblick,geschweige
über  zehn  Tage  im  dicksten  Regen  und  undurchdringlichen
kalten  Nebel  hier  gesessen.  Auch  mit  meinen  furchtbaren ­
  Schreibereien  für  den  Verein  —  ich  habe  gestern
und  heute  Aktenstücke  und  Briefe  von  zusammen  sechSundsicbzig
  kleingeschriebenen  Seiten  nach  Berlin  geschickt ­
  —  bin  ich  endlich  fertig  und  atme  wieder
frei  auf!
        <pb n="221" />
        230

Wie  Sie  mich  doch  mißverstehen,  wenn  Sie  schreiben:
.Können  Sie  sich  nicht  auf  einige  Zeit  in  Wissenschaft,
Freundschaft  und  schöner  Natur  genügen?'  Sie  meinen,
ich  müsse  Politik  haben.
Auch  wie  wenig  Sie  au  kalt  in  niir  sind.  Ich  wünsche
nichts  sehnlicher,  als  die  ganze  Politik  loszuwerden,
um  mich  in  Wissenschaft,  Freundschaft  und  Natur  zurückzuziehen. ­
  Ich  bin  der  Politik  müde  und  satt.  Zwar  ich
würde  so  leidenschaftlich  wie  je  für  dieselbe  entflammen,
wenn  ernste  Ereignisse  da  wären,  oder  wenn  ich  die
Macht  hätte  oder  ein  Mittel  sähe,  sie  zu  erobern  —  ein
solches  Mittel,  das  sich  für  nnch  schickt;  denn  ohne  höchste
Macht  läßt  sich  nichts  machen.  Zum  Kinderspiel  aber
bin  ich  zu  alt  und  zu  groß.  Darum  habe  ich  höchst  ungern
das  Präsidium  übernommen.  Ich  gab  nur  Ihnen  nach.
Darum  drückt  es  mich  jetzt  gewaltig.  Wenn  ich  es  loswäre, ­
  jetzt  wäre  der  Moment,  wo  ich  entschlossen  wäre,
mit  Ihnen  nnch  Neapel  zu  ziehen!  (Aber,  wie  es  loswerden?!) ­

Denn  die  Ereignisse  werden  sich,  fürcht'  ich,  langsam,
langsam  entwickeln,  und  meine  glühende  Seele  hat  an
diesen  Kinderkrankheiten  und  chronischen  Prozessen  keinen
Spaß.  Politik  heißt  aktuelle,  momentane  Wirksamkeit.
Alles  andere  kann  man  auch  von  der  Wissenschaft  aus
besorgen.

In  den  ersten  Augusttagen  erfuhr  Helene  von  ihren  Eltern,  daß
sie  die  Verbindung  mit  Lassalle  nicht  wünschten  und  nicht  zugäben.
Sofort  verständigt  Helene  durch  ein  heimliches  Briefchen  Lassalle,
den  sie  „mein  Glück  und  mein  Schicksal"  nennt,  von  diesem  Widerstand, ­
  und  sie  schreibt  dazu:  „Jedenfalls  bleibe  ich  felsenfest."  Ja,
        <pb n="222" />
        sie  kommt  selbst  in  LassalleS  Wohnung,  und  Lassalle,  durchaus
Kavalier,  beruhigt  das  Mädchen,  daS  sich  verzweifelt  auf  sein  Bett
geworfen,  und  führt  eS,  höchst  ritterlich,  in  die  Arme  der  suchenden
Mutter  zurück.  (Er  hat  diese  Stunde  später  mit  anderen  Augen
gesehen...)  Am  nächsten  Tag  erscheinen  zwei  Bevollmächtigte
der  Familie  DoennigeS  bei  Lassalle,  um  ihn  zu  ersuchen,  Genf  zu
verlassen  und  auf  Helene  zu  verzichten.  Die  Nacht  vom  3.  zum
4.  August  verbringt  Lassalle  schlaflos.  Am  4.  August  ruft  er  sich
einen  Helfer  und  Freund  herbei,  den  demokratischen  Oberst-Brigadier ­
  Rüstow.

Der  erste  Hilferuf
Rüstow!
Wenn  Du  je  einen  Funken  Freundschaft  für  mich  gefühlt ­
  hast,  so  setze  Dich  augenblicklich  auf,  ohne  auch  nur
den  nächsten  Aug  zu  versäumen,  und  eile  hierher  zu  mir
nach  Genf.  Es  handelt  sich  um  einen  rein  persönlichen
Dienst,  aber  um  Leben  und  Tod.  Aum  ersten  Male  in
meinem  Leben  brauche  ich,  der  ich  so  vielen  geholfen
habe,  andere.  Möge  nicht  der  erste,  an  den  ich  mich
wende,  mir  den  Rücken  kehren!  Rücken  kehren  —  daS
heißt  hier  auch  nur  der  kleinste  Aufschub!  Sage  auch
Frau  Emma  (Herwegh),  daß  sie  sich  bereit  hält,  im
Augenblick,  wo  sie  eine  telegraphische  Depesche  empfängt,
hierher  abzureisen.  Sehr  möglich,  daß  wir  sie  brauchen!
In  fliegender  Eile
Dein
F.  Lassalle

Seine  Korrektheit  hat  er  bald  heraus.  Das  beweist  der  folgende
Brief  an  die  mütterliche  Freundin,  an  die  Gräfin  Hatzfeldt.

237
        <pb n="223" />
        238

Lassalles  Gewissensbisse

Genf,  4.  August
Ich  kann  nicht  anders,  obgleich  ich  seit  vierundzwanzig
Stunden  dagegen  ankämpfe,  aber  ich  muß  mich  ausweinen ­
  an  der  Brust  meines  besten  und  einzigen  Freundes. ­
  Ich  bin  so  unglücklich,  daß  ich  weine,  seit  fünfzehn
Jahren  zum  ersten  Male!  Was  mich  dabei  noch  zermartert, ­
  ist  das  Verbrechen  meiner  Dummheit!  Wie
konnte  ich  so  beschränkt  sein,  auf  HelenenS  Wunsch  nicht
einzugehen,  sie  ihren  Eltern  zurückzuliefern  und  loyal
um  sie  zu  werben!  Ich  hätte  den  Besitzstand  benützen
und  mit  ihr  entfliehen  sollen!  Jetzt  ist  das  Unglück  da!
Sie  ist  unter  vollständiger  Sequestration  und  furchtbarster ­
  Mißhandlung.  Ich  weiß  noch  nicht,  wie  ich  mich
ihrer  bemächtigen  werde,  ob  durch  List,  durch  Gewalt.
Alles  ist  mir  gleich.  Sie  wissen  nicht,  was  sie  leidet,
das  edle  Geschöpf!  Ich  fühle  mich  so  steinunglücklich,
daß  ich  mich  autorisiert  fühle,  Sie  zu  bitten,  bloß  zu
meinem  Troste  hierherzukommen.  Sie  sind  ja  doch  die
einzige,  die  es  weiß,  was  es  heißt,  wenn  ich  Eiserner
mich  unter  Tränen  winde  wie  ein  Wurm!  Ob  Sie  mir
werden  helfen  können,  weiß  ich  nicht.  Aber  trösten,  etwas
beruhigen.  Ich  weiß  zwar  nicht  einmal,  ob  Sie  mich
noch  hier  finden,  und  wenn  Sie  im  Momente  des
Empfangs  dieses  Briefs  abreisten.  Denn  alle  Tage
kann  das  Bild  wechseln,  d.  h.  Helene  von  ihrem  Vater,
wozu  er  Lust  hat,  irgendwohin  geschickt  werden.  Aber
das  ist  doch  nur  eine  sehr  entfernte  Möglichkeit.  Träte
sie  ein,  so  reise  ich  natürlich  sofort  ihr  nach,  aber  im
selben  Augenblick  telegraphiere  ich  Ihnen  nicht  nur
        <pb n="224" />
        239

nach  Wildbad,  sondern  Telegraphenbureau  restante  auch
nach  Basel  und  Bern  und  lege  hier  noch  in  Genf  posto
restante  einen  Brief  für,Sie  nieder,  der  Ihnen  besagt,
was  aus  mir  geworden  ist.
Gehen  Sie  nicht  über  Zürich.  Rüstow  finden  Sie
ohnehin  nicht,  denn  ich  habe  ihm  heute  einen  Brief
geschrieben,  auf  den  er  sicher  hier  übermorgen  eintrifft.
Wohin  bin  ich  gekommen!  Ich,  der  allgemeine  Rater
und  Helfer,  bin  rat-  und  hilflos  und  brauche  andere!
Meine  Dummheit  richtet  mich  hin!  Der  Gewissensbiß ­
  frißt  niich  auf!  Aber  wenn  ich  mein  Verbrechen
nicht  wieder  gutmache,  koste  es,  was  es  wolle,  und  um
jeden  Preis,  so  will  ich  mein  Haupt  scheren  und  Mönch
werden.
Ach,  Gräfin!  Warum  sind  Sie  nicht  hier?
Genf,  4.  August
Pension  Bovet  au  Pacquis
Rue  Pacquis  Nr.  27
F.  Lassalle
Nachschrift.  Kommen  Sie  noch  nicht.  Alle  Minuten
kann  sich  der  Schauplatz  ändern.  Halten  Sie  sich  nur
bereit,  auf  die  erste  telegraphische  Depesche  an  den  Ort,
den  ich  Ihnen  bezeichne,  zu  kommen.
Wenn  ich  diese  Sache  nicht  durchsetze  —  und  ich  zweifle
sehr  daran,  so  bin  ich  für  immer  gebrochen  und  mit
allem  fertig.  Noch  viel  mehr  vielleicht,  als  des  Mädchens
Verlust,  zerbricht  mich  meine  Ginipelei.  Wenn  ich
sie  nicht  durch  Sieg  ausgleichen  kann,  verachte  ich  mich
selbst  für  immer  auf  das  schnödeste.
        <pb n="225" />
        240

Helene  selbst  war  —  nach  jenem  ergebnislosen  Besuch  in  Lassalles
Gemächern  —  schwankend  geworden.  Der  Bevollmächtigte  ihres
Vaters  konnte  einen  Aettel  vorweisen,  der  ihre  Sinnesänderung
bewies.  Sie  war  freilich  von  ihrer  Familie  hart  bedrängt  worden.
Am  7.  August  sandte  Lassalle  an  Helene  diesen  flammenden  Brief.
„Ich  liebe  Dich  bis  zum  Wahnsinn"
Sonntag,  7.  August
Helene!
Was  ich  leide,  übersteigt  alle  und  jede  Grenzen!  Doch
davon  ein  andernial.  —  Hier  nur  das  Wichtigste:
1.  Man  hat  Dir  gesagt,  daß  Du  wegen  der  Gesandteneigenschaft ­
  Deines  Vaters  unter  Münchener  Gesetz
ständest  und  folglich  noch  minderjährig  seiest.  Das  ist
falsch!  Du  bist,  solange  Du  hier  bist,  mit  einundzwanzig
Jahren  volljährig,  trotz  aller  jener  Einwendungen.  Du
kannst  jeden  Tag,  jeden  Augenblick  nnt  vollem  gesetzlichen ­
  Recht  das  Haus  Deines  Vaters  verlassen,  in
welchem  Du  sequestriert  bist.  Der  bloße  Umstand,  daß
Du  keine  Briefe  von  mir  empfangen  kannst  —  ich  habe
fünf  vergeblich  an  Dich  geschrieben  —,  stellt  eine  Sequestration ­
  dar.  Ich  habe  Dich  selbst  Deiner  Mutter
zurückgeführt,  weil  ich  Dir  einmal  zugesagt  hatte,  zuvor
alle  Rücksichten  und  alle  Wege  der  Güte  zu  erschöpfen.
Sie  sind  erschöpft,  fruchtlos  erschöpft,  und  ich  fordere
Dich  jetzt  auf.  Dein  Recht  in  Anspruch  zu  nehmen  und
Dich  unter  meinen  und  deS  Gesetzes  Schutz  zu  stellen.
2.  Es  ist  unmöglich,  daß  es  wahr  sei,  was  man  mir
sagte:  Du  habest  mich  aufgegeben.  Rur  die  Täuschung,
        <pb n="226" />
        241

daß  Du  noch  minderjährig  bist,  kann  Dir  eine  solche
Konzession  entrissen  haben.  Es  ist  unmöglich,  daß  Deine
Schwüre  Meineide  gewesen  sind,  daß  Du  die  Schwäche
bis  auf  diesen  Punkt  treibst.  Du  hast  kein  Recht,  alle
die  Zusicherungen  zu  brechen,  die  wir  so  fest  uns  gegeben ­
  hatten.  Du  hast  kein  Recht,  das  Übermaß  von
Rücksicht  und  Delikatesse,  mit  welchem  ich  Dich  Deiner
Mutter  zurückgab,  so  schrecklich  undankbar,  so  schändlich  zu
entgelten.  Du  hast  kein  Recht,  mich  zu  kompromittieren,
indem  Du  niich  in  freier  Initiative  in  ein  Unternehmen
verwickelt  hast,  auf  das  ich  mich  unter  der  Beteuerung,
daß  Du  felsenfest  entschlossen  seiest,  einließ.
3.  Willst  Du  mich  gleichwohl  Deinem  Vater  aufopfern, ­
  gut,  so  fordere  ich  wenigstens  noch  eine  einzige
Unterredung  von  Dir,  um  mein  Los  aus  Deinem  eigenen
Munde  zu  vernehmen.  Früher  kann  und  werde  ich  Dich
nicht  aufgeben.  Diese  Unterredung  —  die  letzte  unseres
Lebens  —  Du  kannst  und  darfst  sie  nicht  abschlagen.
Du  hast  mich  namenlos  unglücklich  gemacht;  ich  liebe
Dich  jetzt  mit  einer  Glut,  gegen  welche  alles  andere  und
Frühere  bloßer  Anfang  war.  Seit  Mittwochnacht  liebe
ich  Dich  bis  zum  Wahnsinn.

An  diesem  Tage  war  die  ganze  Familie  von  Doenniges  aus  Genf
verschwunden.  Lassalle  verbrachte  dort  noch  sechs  harte  Tage.
Lassalle  versuchte  in  Deutschland  Himmel  und  Hölle  für  sich  in
Bewegung  zu  sehen,  in  Mainz  wollte  er  die  Hilfe  des  Bischofs  erringen, ­
  in  München  sollte  ihm  der  Minister  des  Auswärtigen
Freiherr  von  Schrenk  beistehen,  auch  an  den  König  von  Bayern
hatte  er  gedacht.  Der  folgende  Brief  aus  München  an  die  Gräfin
Hatzfeldt  zeigt  Lassalle  in  rasender  Tätigkeit.
        <pb n="227" />
        242

Der  Weg  über  Deutschland  zu  Helenen
München,  18.  August
Gräfin!  Kein  Verdammter  in  so  entsetzlicher  Höllenqual ­
  !!!
Ihren  Brief  (von  Mainz)  erhalten.  —
1.  Auch  nach  bayerischem  Gesetz  ist  sie  mit  einundzwanzig ­
  Jahren  majorenn.  Gleichwohl  ist  auch  dann
noch,  da  sie  nicht  emanzipiert  ist,  Einwilligung  des
Vaters  nötig,  die  aber,  wenn  verweigert,  durch  die  Gerichte ­
  erteilt  werden  kann,  und  wie  mir  Dr.  Haenle
sagte,  auch  erteilt  werden  würde.  Haenle  nimmt  sich
meiner  Sache  mit  aller  Energie  an.  Er  will  die  Klage
auf  Einwilligung  in  meinem  Namen  stellen,  macht  sich
zwar  keine  Illusion,  daß  auf  dem  Rechtswege  praktisch
etwas  zu  erreichen  sei,  meint  aber  auch  den  Vater  durch
Furcht  vor  dem  Skandal  einzuschüchtern,  will  ihm  einen
Brief  schreiben,  worin  er  ihm  dieses  alles  vorstellt  usw.
2.  Ich  komme  soeben  voin  Minister  deö  Auswärtigen
zurück,  Baron  von  Schrenk,  mit  dem  ich  eine  fast  zweistündige ­
  Unterredung  gehabt.  Er  fand  mich  Herrn  von
Doenniges  gegenüber  ganz  im  Recht  und  ging  z.  B.
so  weit,  zu  sazen:  Ich  würde  Ihnen  unter  solchen  Umstanden ­
  meine  Tochter  nicht  verweigern,  obgleich  ich
begreife,  daß  es  nicht  angenehm  wäre,  einen  Schwiegersohn ­
  von  so  überwiegend  politischer  Bedeutung  zu
haben...  In  Summa,  er  war  ganz  für  mich,  war  sich
nur  nicht  darüber  einig,  was  er  tun  solle  und  könne;
ein  gütlicher  Brief  würde  nichts  nützen;  befehlen  könne
er  nicht.  Er  verabredete  mit  mir,  daß  ich  morgen
        <pb n="228" />
        218

um  zwölf  Uhr  mit  Haenle  zu  ihm  kommen  solle,  um
dann  gemeinschaftlich  mit  uns  festzustellen,  was  er  tun
könne.
3.  Anbei  einen  Brief  von  Holthoff.  Er  hat  einen  Brief
Helenens  vom  9.  aus  Bern  erhalten,  worin  sie  alles
widerruft,  was  sie  ihm  geschrieben.  Er  legt  aber  keinen
Wert  darauf,  schiebt  es  bloß  auf  rohe  Gewalt,  erklärt
es  für  ein  Diktat  des  Vaters.  In  einem  anderen  Briefe
von  ihm,  den  ich  soeben  erhalte,  spricht  er  dies  noch
stärker  aus,  sagt,  daß  dem  Briefe  Helenens  an  ihn  sogar
die  gewöhnlichsten  Höflichkeitsformen  fehlen,  er  im
rohesten  Geschäftsstil  geschrieben  sei  usw.  Er  hat
wohl  recht!  Aber  der  Gedanke  ist  dennoch  furchtbar! ­
  Ich  leide  jetzt  noch  entsetzlicher  als  bisher.  Meine
Ahnung  hat  sich  bestätigt!  Aber  ich  muß  sie  trotzdem
gewinnen!
4.  Von  Rüstow  langt  eine  Depesche  an.  Er  hat  Helenen ­
  irgendeinen  Brief  —  ich  weiß  nicht,  ob  einen  ganz
kurzen  lakonischen,  den  ich  ihm  ließ,  oder  den  langen
beweglichen,  sogenannten  Ambernyschen  Brief  —  endlich ­
  insinuiert  und  von  ihr  Antwort  bekommen,  die  er
mit  „ganz  schlecht"  bezeichnet.  Das  heißt  natürlich  nicht
mehr  als:  auch  der  Brief  an  Holthoff  hat  schwerlich,  hat
keinesfalls  einen  größeren  Wert.  Ach!  es  wäre  furchtbar, ­
  auch  noch  an  einer  Unwürdigen  zugrundegehen  zu
müssen!  Und  ich  selbst  trüge  die  Schuld  ihrer  Unwürdigkeit! ­
  Furchtbare,  furchtbare  Verwicklung.
5.  Die  Hauptsache  ist  jetzt,  daß  Sie  die  Arson  aufpacken, ­
  mit  ihr  nach  Genf  gehen  und  Helene,  vor  allen
Dingen  Helene  selbst  wieder  fest  machen.  (Denn  daß
        <pb n="229" />
        Helene  wieder  in  Genf  ist,  ergibt  sich  aus  RüstowS
Depesche  zwar  indirekt,  aber  doch  mit  Sicherheit.)  Sie
müssen  also  vor  allen  Dingen  Helene  bei  der  Arson
sprechen'  und  mit  Ihrer  ganzen  wilden  Beredsainkeit
in  sie  dringen.  Sie  müssen  vor  allen  Dingen  enttäuschen, ­
  denn  die  Arme  ist  getäuscht  sie  hält  sich  für
minorenn,  und  wer  weiß,  was  man  ihr  noch  alles  eingeredet ­
  haben  wird,  auch  über  mich  usw.  Sie  müssen
ihr  auch  den  sogenannten  Ambernyschen  Brief  (Rüstow
hat  ihn  und  weiß,  welcher  Brief  mit  diesem  Namen
genannt  ist)  insinuieren.  Sie  muß  ihn  auch  in  Ihrer
Gegenwart  mit  allen  seinen  Einlagen  durchlesen,  Sie
müssen  dieselben  erst  gelesen  haben,  ehe  Sie  mit  Helenen
sprechen,  um  zu  wissen,  wie  weit  Sie  sie  zu  nehmen
haben  (sie).  Stellen  Sie  mir  nur  Helene  wieder  her,
dann  verzweifle  ich  noch  nicht.  Die  Arson  muß  Ihnen
eine  Unterredung  in  Ihrem  Jimmer  mit  ihr  verschaffen.
Diese  Unterredung  rettet  alles.  Wenden  Sie  Ihre  ganze
Beredsamkeit  auf,  daß  die  Arson  mit  Ihnen  nach  Genf
geht  und  Ihnen  diese  Unterredung  mit  Helenen  verschafft. ­

Ehe  Sie  Bern  verlassen,  telegraphieren  Sie  mir  hierher ­
  und  melden  Ihre  Abreise  sowie  das  Hotel,  das  Sie
in  Genf  beziehen  werden,  damit  ich  weiß,  wohin  ich
schreiben  und  telegraphieren  soll.
Wie  die  Dinge  laufen,  und  da  Helene  dort  ist,  bleibe
ich  wohl  noch  mehrere  Tage  hier,  wenn  ich  hier  etwas
tun  kann,  Hölle  im  Herzen.
Ihr

244

F.  Lassalle
        <pb n="230" />
        245

Auf  Schleichwegen  sollt«  Helene,  die  nach  Genf  zurückgekehrt
war,  diesen  Brief  LassalleL  erhalten.

„In  fünf  Tagen  sind  wir  getraut"
München,  19.  August
Helene!
Meine  unbeschreiblichen  Qualen  schildere  ich  Dir  ein
andermal.  Hier  nur  soviel:
.  1.  Man  hat  Dich  getäuscht.  Du  bist  niajorenn.  Nicht
nur  nach  Genfer  Gesetz,  auch  nach  bayerischem  mit  einundzwanzig ­
  Jahren.  Nach  Genfer  Gesetz  kannst  Du
jeden  Augenblick  das  Haus  Deines  Vaters  verlassen,
eigne  Wohnung  nehmen  (Hotel  usw.),  die  drei  aotos
r68peotu6ux  machen  und  nach  drei  Monaten  von  dem
ersten  an  mich  heiraten.  Rüstow,  Amberny,  die  Genfer
Behörden,  die  alle  benachrichtigt  sind,  werden  Dich
während  dieser  drei  Monate  schützen,  übrigens  gibt  es
einen  kürzeren  Weg.  An  demselben  Tage,  wo  Du  das
Haus  Deines  Vaters  verlässest,  bringt  Dich  Rüstow  sicher
nach  Italien,  mich  hintelegraphierend.  In  fünf  Tagen
sind  wir  durch  den  ersten  besten  Priester  dort  katholisch
getauft  und  getraut.
2.  Aber  auch  nach  bayerischem  Recht  ist,  da  Du  majorenn ­
  bist,  die  Einwilligung  Deines  Vaters  zur  Ehe  nicht
unerläßlich,  sondern  kann  durch  die  Gerichte  gegeben
werden,  und  Haenle  hier  hat  mir  sein  Wort  darauf  gegeben, ­
  daß  ich  sie  erhalte.  Eine  Welt  ist  bereits  von
allen  Seiten  für  mich  in  Bewegung.  Sehr  nützlich  wäre
es  auch,  wenn  Du  mir  eine  schriftliche  Vollmacht,  einen
blößen  Brief  für  Advokat  Haenle  in  München  schicktest,
        <pb n="231" />
        246

worin  Du  ihn  beauftragst,  von  den  bayerischen  Gerichten
die  Einwilligung  zu  Deiner  Ehe  mit  mir  zu  erlangen.
3.  Dein  Brief  an  Holthoff  aus  Bern  beweist  nichts.
Er  ist  erzwungen.  Rüstow  telegraphiert  mir,  daß  Du
nach  eineni  Brief  von  Dir  an  niich,  den  er  hat,  niich
aufgibst.  Dies  ist  ebenso  erzwungen.  Nur  Folge  der
moralischen  und  physischen  Gewalt  und  der  Täuschung,
die  man  gegen  Dich  verübt.  Es  heißt  also  nichts  —  und
dennoch  starb  ich  tausend  Tode  bei  dieser  Nachricht.
4.  Ich  habe  gestern  zwei  Stunden  mit  dem  hiesigen
Minister  des  Auswärtigen,  Baron  von  Schrenk,  gesprochen, ­
  der  ganz  und  gar  auf  meiner  Seite  und  empört
ist.  Er  hat  mir  versprochen,  alles  zu  tun,  was  nur  irgend
niöglich.  Heute  soll  ich  wieder  zu  ihm  kommen,  wo  die
bestimmten  Schritte  zwischen  uns  festgestellt  werden.
Ist  es  möglich,  so  werden  selbst  noch  mächtigere  Mittel
in  Bewegung  gesetzt  werden,  was  bereits  vorbereitet
wird.  Himniel  und  Hölle  werde  ich  in  Bewegung  setzen,
Dich  zu  erringen.  (Das  kürzeste,  glatteste,  schnellste  bleibt
immer  das  faktische  Verlassen  des  Hauses  Deines  Vaters
und  die  Flucht  mit  Rüstow  nach  Italien  oder  mit  mir
selbst,  wenn  Du  vorziehst,  bis  ich  hier  alles  getan  habe
und  wieder  zurück  bin.)
5.  Ich  habe  Riesenkräfte,  und  ich  werde  sie  vertausendfachen, ­
  um  Dich  zu  erkänipfen.  Kein  Mensch  kann  Dich
mir  entreißen,  wenn  Du  fest  und  treu  bleibst.  Seit  ich
daran  zweifle,  bin  ich  der  Elendeste  aller  Menschen.  Ich
leide  stündlich  tausendfachen  Tod.  Und  doch,  es  ist  unmöglich! ­
  Du  kannst  mich  nicht  verraten,  einen  Mann
wie  mich,  einen  Mann,  der  Dich  rasend  liebt.  Ich  bin
mit  Demantketten  an  Dich  geschniiedet.  Ich  leide  tausend ­
        <pb n="232" />
        247

mal  mehr  als  Prometheus  am  Felsen.  Aber  wenn  Du
meineidig  wirst  nach  so  vielen  Eiden  und  solcher  Liebe
gegenüber,  so  wäre  die  Menschennatur  entehrt,  man
müßte  verzweifeln  an  jeder  Wahrheit,  jeder  Treue;  Lüge
wäre  alles,  was  eristiert.  Dies  sagen  alle,  die  diese
blutige  Geschichte  kennen.
6.  Deine  Briefe  an  die  Arson  habe  ich  —  sie  war  verreist, ­
  in  Jnterlaken,  sonst  würdest  Du  früher  von  mir
gehört  haben  —  erst  heute  hier  in  München  empfangen.
Welche  fatalistische  Komplikation.
7.  Schreibe  mir  nur  ein  einziges  Wort,  ob  Du  fest
und  treu  bleibst,  und  ich  bin  gestählt  vom  Wirbel  bis  zur
Aeh.  Kein  Mensch  soll  Dich  mir  gegen  Deinen  Willen
rauben.  Schreibe  rnir  auch,  ob  Du  die  Kammerzofe
für  treu  hältst.  F.  L.
Rüstow,  der  in  Genf  mit  der  eifrigen  Rechtschaffenheit  seines
Wesens  für  Lassalle  tätig  war,  kennte  dem  in  München  fiebernd
Wartenden  nichts  Beruhigendes  melden.  In  dieser  Wartezeit  wird
der  gründliche  Verdacht  gegen  Helene  in  Lassalle  lebendig.  Cr
schreibt  an  Oberst  Rüstow.

Der  grenzenlose  Verrat
München,  19.  August,  5  Uhr  nachm.
Wenn  dieses  Weib  von  mir  läßt,  für  das  ich  so  namenlos
  märtyrere,  so  ist  alles  geschändet,  waü  Mensch  heißt!
Ein  Fclsenherz,  das  so  liebt,  so  treu  aushält  wie  das
meinige,  so  zu  zerreißen!
Nun  höre  von  hier:  Ich  ging  gestern  zum  Minister
des  Auswärtigen,  Baron  von  Schränk,  und  sprach  mit
ihm  nicht  weniger  als  zwei  Stunden.  Obgleich  ich
        <pb n="233" />
        243

innerlich  den  tiefsten  Schmerz  empfinde,  bin  ich  doch  im
Handeln  innerlich  wieder  ganz  ich  selbst  und  war  es  mit
Schrenk  dreimal.  Ich  fand  von  vornherein  bei  ihm  die
zuvorkommendste  Aufnahme.  Er  verwickelte  mich  in
ein  politisches  Gespräch  über  die  ganze  Situation,  die
Lauts  politique,  die  Revolution,  meine  Organisationspläne ­
  usw.  Ich  ließ  mich,  furchtbar  leidend,  darauf  ein,
und  lebhaft  ein.

Kurz,  gehe  ich  jetzt  zugrunde,  so  ist  es  nicht  mehr  an
der  brutalen  Gewalt,  die  ich  gebrochen  habe,  sondern
—  wenn  sie  mir  eben  vor  dem  Notar  „Nein"  erklärt
statt  „Ja"  und  mit  mir  zu  gehen  —  an  dem  grenzenlosen ­
  Verrat,  an  dem  unerhörtesten  Wankelmut
und  Leichtsinn  eines  Weibes,  das  ich  weit  über  alles
Maß  des  Erlaubten  hinaus  liebe!  Es  wäre  wirklich
das  Grenzenloseste  von  allem,  wenn  ich  deshalb  den
Minister  des  Äußern  vermocht  habe,  ein  Kommissariat
zu  erteilen  und  sie  mir  vor  dem  Notar  sistieren  zu  lassen,
damit  sie  mir  auch  noch  das  furchtbare  Ridicule  gibt,
mich  mit  einem  „Nein"  abzuweisen.  Inzwischen,  wenn
sie  mir  den  Dolch  in  die  Brust  stoßen  will,  js  n'ai  rien
ä  dire!  Wenigstens  falle  ich  nicht  durch  den  Übermut
eines  brutalen  Mannes.  Ich  kann  sie  übrigens  unter
keinen  Umständen  für  so  vollendet  schlecht,  so  grenzenlos
schlecht  halten.
Dein  Lassalle
Lassalles  Plan  war:  Helene  in  Genf  vor  einen  Notar  zu  stellen.
Dem  solle  sie,  unbeaufsichtigt,  sagen:  Ja  oder  Nein.  Aber  er  ahnt
in  dem  folgenden  Brief  an  die  HaHfeldt  Helenens  Abfall.
        <pb n="234" />
        249

Die  Stunde,  die  über  mein  Leben  entscheidet
München,  10.  August,  Freitag  nachts
Alles,  alles  hängt  also  von  dem  Ausgang  dieser  einen
Stunde  ab,  die  über  mein  Leben  entscheidet.  Jetzt  würde
sogar  nicht  einmal  ein  inkonvenabler  Schein  auf  Helene
zurückfallen,  wie  früher  an  jenem  Mittwoch  abends.
Denn  jetzt  nach  jenen  Vorgängen,  nach  der  furchtbarsten
gegen  sie  verübten  Gewalt,  nachdem  sich  sogar  das
oberste  Ministerium  in  München  in  Bewegung  gesetzt
hat,  um  durch  eine  so  auffällige  Demarche  diese  Gewalt  zu
brechen  und  ihr  ihre  Freiheit  wiederzugeben,  nach^allem
diesen  kann  sie  auch  in  den  Augen  der  Welt  das  ohne  den
geringsten  Vorwurf  tun,  was  damals  ganz  anders  war.
Wenn  sie  umgekehrt  vor  dem  Notar  „Nein"  erklärt,
so  ist  das  grenzenloseste  Ridicule  die  Folge  dieses  mit
solcher  Mühe  errungenen  offiziösen  Kommissariats,  so
ist  jede  weitere  Hilfe  für  mich  vernichtet,  kurz,  so  hat
mir  die  Undankbare  und  Treulose  selbst  den  Dolch  in
diese  treue  Brust  gerannt!  Ich  falle  dann  mit  ihrem
und  durch  ihrem  Willen,  ein  furchtbares  Denkmal  davon,
daß  ein  Mann  sich  nie  an  ein  Weib  ketten  soll.  Ich  falle
dann  durch  den  entsetzlichsten  Verrat,  die  schnödeste
Felonie,  welche  die  allsehende  Sonne  je  geschaut  hat.
Alles,  alles,  alles  hängt  also  an  dem  Gewicht  dieser
einen  Stunde!
Ihnen  fällt  also  die  wichtigste,  folgenschwerste  Aufgabe
zu:  Helene,  ehe  dieser  momont,  supreme  naht,  wieder
fest  zu  machen.
Endlich  erhielt  Oberst  Rüstow  von  Helene  eine  Antwort  an
Lassalle.
        <pb n="235" />
        250

Helenens  ewige  Liebe  und  Treue
Sr.  Hochwohlgeboren  Herrn  Lassalle!
Nachdem  ich  mich  von  ganzem  Herzen  und  in  tiefster
Reue  über  die  von  mir  unternommenen  Schritte  wieder
mit  meinem  verlobten  Bräutigam  Herrn  Janko  von
Nacowitza  ausgesöhnt  und  dessen  Liebe  und  Verzeihung
wiedergewonnen  habe,  nachdem  ich  davon  auch  Ihrem
Rechtsanwalt  Herrn  Holthoff  in  Berlin  Nachricht  gegeben ­
  habe,  bevor  ich  dessen  abmahnenden  Brief  erhielt  —
erkläre  ich  Ihnen  freiwillig  und  aus  voller  Überzeugung,
daß  von  einer  Verbindung  zwischen  uns  nie  die  Rede
sein  kann,  daß  ich  mich  von  Ihnen  in  jeder  Beziehung
lossage  und  fest  entschlossen  bin,  meinem  verlobten
Bräutigam  ewige  Liebe  und  Treue  zu  widmen.
Helene  von  DoennigeS
Die  Antwort,  die  Lassalle  schrieb,  ist  Helene  leider  nicht  zugestellt ­
  worden.

Lassalles  letztes  Wort  an  Helene
Helene!
Ich  schreibe  Dir,  den  Tod  im  Herzen.  Rüstows  Depesche ­
  hat  mich  tödlich  getroffen.  Du,  Du  verrätst  mich!
Es  ist  unmöglich!  Noch,  noch  kann  ich  an  so  viel  Felonie,
so  furchtbaren  Verrat  nicht  glauben.  Man  hat  Deinen
Willen  vielleicht  momentan  gebeugt,  gebrochen.  Dich
Dir  selbst  entfremdet;  aber  es  ist  nicht  denkbar,  daß  dies
Dein  wahrer.  Dein  bleibender  Wille  sei.  Du  kannst
nicht  jede  Scham,  jede  Liebe,  jede  Treue,  jede  Wahrheit ­
  von  Dir  geworfen  haben  bis  zu  diesem  äußersten
        <pb n="236" />
        251

Grade!  Du  würdest  in  Verruf  gebracht  und  entehrt
haben  alles,  was  Mcnschcnantlitz  trägt  —  Lüge  wäre
jedes  bessere  Gefühl,  und  wenn  Du  gelogen  hast,
wenn  Du  fähig  bist,  diesen  letzten  Grad  der  Verworfenheit ­
  zu  erreichen,  so  heilige  Eide  zu  brechen  und  das
treueste  Herz  zu  zerstören  —  unter  der  Sonne  gäbe  es
nichts  mehr,  woran  irgendein  Mensch  noch  glauben  dürfte.
Du  hast  mich  niit  deni  Willen  erfüllt,  nach  Deinem
Besitz  zu  ringen;  Du  hast  gefordert,  zuerst  alle  konvenablen
  Mittel  zu  erschöpfen,  statt  Dich  von  Wabern
zu  entführen.  Du  hast  nur  die  heiligsten  Eide  mündlich
und  brieflich  geschworen;  Du  hast  mir  noch  in  Deinem
letzten  Schreiben  erklärt,  daß  Du  nichts,  nichts  bist  als
mein  liebendes  Weib  und  keine  Gewalt  der  Erde  Dich
abhalten  soll,  diesen  Entschluß  auszuführen.  —  Und
nachdem  Du  dieses  treue  Herz,  das,  tvenn  es  sich  einmal
ergibt,  sich  für  inimer  ergeben  hat,  gewaltsam  an  Dich
gezogen  —  schleuderst  Du  mich,  nachdem  der  Kampf
kaum  begonnen,  nach  vierzehn  Tagen  hohnlachend  in
den  Abgrund,  verrätst  und  zerstörst  mich?  Ja,  es  wäre
Dir  gelungen,  was  nie  einem  Schicksal  gelang.  Du  hättest
den  härtesten  Mann,  der  alle»  äußern  Stürmen  stand,
ohne  zu  zucken,  zertrümmert,  zerbrochen!
Diesen  Verrat  könnte  ich  nicht  überwinden!  Ich  wäre
von  innen  heraus  getötet.  Es  ist  nicht  möglich,  daß
Du  so  ehrlos,  so  schamlos,  so  pflichtlos,  so  ganz  und  gar
schändlich  und  unwürdig  bist!  Du  würdest  meinen  furchtbarsten ­
  Haß  und  die  Verachtung  einer  Welt  verdienen!
Helene!  Es  ist  nicht  Dein  Entschluß,  den  Du  Nüstow
mitgeteilt  hast.  Durch  Mißbrauch  guter  Gefühle  hat
man  ihn  in  Dir  hervorgerufen.  Du  würdest  ihn  —
        <pb n="237" />
        höre,  o  höre  mein  Wort!  —  wenn  Du  jetzt  an  ihm  festhieltest, ­
  beweinen  Dein  Leben  lang!
Helene,  treu  meinem  Wort:  „jo  ms  Charge  du  reste"
sitze  ich  hier  und  tue  alle  Schritte,  den  Widerstand  Deines
Vaters  zu  brechen.  Bereits  habe  ich  tteffliche  Mittel
in  der  Hand,  die  gewiß  nicht  wirkungslos  bleiben.
Und  führten  sie  nicht  zum  Ziel,  noch  besitze  ich  tausend
und  tausend  Mittel  und  will  alle  Hindernisse  zu  Staub
zerreißen,  wenn  Du  treu  bleibst;  denn  weder  meine
Kraft  noch  meine  Liebe  zu  Dir  hat  Grenzen:  Je  me
Charge  toujours  du  reste!  Die  Bataille  ist  ja  kaum
engagiert.  Kleinmütige!
Und  während  ich  hier  sitze  und  Unmögliches  bereits
erreicht  habe,  verrätst  Du  mich  dort  auf  die  Schmeicheleien
eines  anderen  Mannes!
Helene!  Mein  Schicksal  steht  in  Deiner  Hand!  Aber  wenn
Du  mich  zerbrichstdurch  diesen  bübischen  Verrat,den  ich  nicht
überwinde,  so  möge  mein  Los  auf  Dich  zurückfallen,  und
mein  Fluch  Dich  bis  zum  Grabe  verfolgen!  Es  ist  der  Fluch
des  treuesten,  von  Dir  tückisch  gebrochenen  Herzens,  mit
dem  Du  das  schändlichste  Spiel  getrieben.  Er  trifft  sicher!
Nach  Nüstows  Depesche  willst  Du  Deine  Briefe  zurück.
Du  würdest  sie  jedenfalls  niemals  anders  bekommen,
als  von  mir  nach  einer  persönlichen  Unterredung.  Denn
jedenfalls  noch  einmal  will  und  muß  ich  Dich  persönlich
sprechen.  Ich  will  und  muß  daö  Todesurteil  aus  Deinem
eignen  Munde  hören.  Nur  so  werde  ich  glauben,  was
sonst  unmöglich  scheint!
Ich  betreibe  hier  weiter  die  Schritte,  Dich  von  hier
aus  zu  erringen,  und  komme  dann  nach  Genf!
Mein  Los  über  Dich,  Helene!  F.  Lassalle

252
        <pb n="238" />
        Am  25.  August  war  Lassalle  in  Genf.  Noch  einmal  versuchte
Lassalle,  gestützt  auf  die  Hilfe  des  bayerischen  Ministers  des  Auswärtigen, ­
  bei  Herrn  von  DoennigeS  eine  Unterredung  zu  erlangen.
Die  Unterredung  kam  zustande  und  dauerte  viele  Stunden.  Lassalle
forderte  die  Entfernung  des  Herrn  von  Racowiha  aus  HelenenS
Nähe.  DaS  Verlangen  war  damals  schon  aussichtslos.  Schließlich
wiederholte  Lassalle  das  Verlangen  nach  einer  Erklärung,  die
Helene  vor  einem  Notar  abgeben  sollte.  Doch  vorher  erschien  sie
vor  LassakleS  herbeigeholtem  Anwalt  vr.  Haenle  und  vor  Oberst
Rüstow  „vollkommen  unbefangen,  in  konventioneller  Heiterkeit,
ohne  die  Spur  eines  übcrstandenen  Seelenkamvfes",  wie  der
Anwalt  feststellte.  Dieser  Eindruck  wurde  Lassalle  übermittelt.
Cr  lief  „wie  ein  Tiger"  im  Zimmer  auf  und  ab  und  schrieb  am
selben  Tag  diese  zwei  Schicksalsbriefe:

Lassalles  Provokation
Genf,  26.  August
Herrn  von  Doenniges  Hochwohlgeboren.
Nachdem  ich  durch  den  Bericht  des  Oberst  Rüstow
und  des  l)r.  Haenle  vernommen  habe,  daß  Ihre  Tochter
Helene  eine  verworfene  Dirne  ist  und  es  folgeweise
nicht  länger  meine  Absicht  sein  kann,  mich  durch  eine
Heirat  mit  ihr  zu  entehren,  habe  ich  keinen  Grund  mehr,
die  Forderung  der  Satisfaktion  für  die  verschiedenen
mir  von  Ihnen  widerfahrenen  Avanien  und  Beleidigungen ­
  länger  zu  verschieben  und  fordere  Sie  daher
auf,  mit  den  beiden  Freunden,  die  Ihnen  diese  Erklärung ­
  überbringen,  die  erforderlichen  Verabredungen
zu  treffen.
F.  Lassalle
253
        <pb n="239" />
        Genf,  26.  August
Herrn  von  Nacowitza,  Hochwohlgcboren.
Nachdem  Sie  durch  den  Oberst  Rüstow  zum  Teil  über
das  zwischen  nn'r  und  Fräulein  Helene  von  Doenniges
bestehende  Verhältnis  unterrichtet  worden  sind,  würde
es  Ihnen  vielleicht  auffallend  erscheinen  können,  nicht
von  nur  aufgesucht  und  über  die  Übernahme  der  eigentümlichen ­
  Rolle,  die  man  Ihnen  zugeteilt  hat,  zur  Rede
gestellt  zu  werden.
Zur  Erklärung  dessen  übersende  ich  Ihnen  Abschrift
der  Sie  interessierenden  Stelle  eines  Brieses,  den  ich
soeben  an  Herrn  von  Doenniges  zu  richten  mich  genötigt ­
  sah.
Sie  ersehen  daraus,  daß  Sie  in  mir  keineswegs  mehr
einen  Rivalen  haben,  und  daß  ich  Ihnen  gern  ein  Glück
von  nun  an  ungeteilt  gönne,  auf  das  ich  meinestcils  nach
den  heute  erlangten  Überzeugungen  freudig  verzichte.
Mit  aufrichtiger  Teilnahme
F.  Lassalle
über  das  Duell  liegt  uni  der  ausführliche  Bericht  d«S  Sekundanten ­
  Oberst  Rüstow  vor.
Das  Duell
Die  Würfel  waren  gefallen,  die  Briefe  Lassalles  an
Herrn  von  Doenniges  und  Herrn  von  Nacowitza  abgeschickt. ­
  Ich  war  in  Verzweiflung,  aber  die  Sache  ließ
sich  nicht  ändern,  ebensowenig,  wie  sie  hat  verhindert
werden  können.  Lassalle  bat  Oberst  Becker  und  mich,
ihm  vorkommenden  Falles  zu  sekundieren;  da  Becker  aus
prinzipiellen  Gründen  ablehnte,  wählte  er  (Lassallc)  an
254
        <pb n="240" />
        255

seiner  Statt  den  ungarischen  General  Bethlen;  die
Weigerung  Beckers  war  auch  der  Grund  gewesen,  daß
der  Brief  an  Doenniges,  statt  durch  Becker  und  mich
überbracht  zu  werden,  durch  einen  Kommissionär  besorgt ­
  worden  war.
Noch  an  vemselben  Abend  ging  ich  zweimal  in  das
HauS  des  alten  DoennigeS,  fand  ihn  aber  nicht.  Am
27.  vormittags  begab  ich  mich  zu  General  Bethlen,
um  mit  ihm  zu  Doenniges  zu  gehen,  er  konnte  mich
aber  nicht  begleiten,  und  ich  kehrte  deshalb  in  das  Hotel
Viktoria  zurück,  um  zu  sehen,  ob  mittlerweile  dort  eine
Botschaft  von  seiten  des  alten  Doenniges  eingetroffen
sei.  Im  Salon  der  Frau  Gräfin  von  Hatzfeldt  fand  ich
Lassalle,  der  mich  bald  auf  sein  Zimmer  führte.  Er
wollte  mir  mein  Ehrenwort  abnehmen,  mit  der  Frau
Gräfin  nichts  über  die  ganze  Angelegenheit  zu  reden,
was  ich  jedoch  entschieden  verweigerte.  Er  teilte  mir
darauf  mit,  daß  am  Morgen  Graf  Kayscrlingk  und
Dr.  Arndt  bei  ihm  gewesen  seien,  um  ihn  im  Namen
des  Herrn  von  Racowitza  zu  fordern.  Ich  erklärte,  auf
diese  Forderung  könne  er  sich  nicht  einlassen,  ehe  der
alte  Doennigos  ihm  Genugtuung  gegeben.  Dieser  habe
die  Priorität,  und  es  sei  gegen  alle  Regeln,  dem  Herrn
von  Racowitza,  der  sich  hier  wieder  dazwischenschicben
lasse,  zu  Gefallen  zu  sein.  Lassalle  antwortete,  mich  bei
meiner  Freundschaft  beschwörend,  es  dürfte  unter  keinen
Umständen  eine  Verzögerung  eintreten;  um  zwölf  Uhr
würden  Kayscrlingk  und  Arndt  wieder  bei  ihm  sein,  um
mich  zu  treffen.
Ich  protestierte,  sah  aber  bald,  daß  Lassalle  entschlossen
war,  und  fügte  mich  in  das  Unvermeidliche.  Ich  blieb
        <pb n="241" />
        auf  Lassalles  Zimmer.  Jur  angegebenen  Stunde  kamen
die  beiden  Herren  und  machten  mir,  nachdem  Lassalle
sich  entfernt,  ihre  Mitteilung.  Ich  wies  nachdrücklich  auf
die  Priorität  des  alten  Doenniges  hin;  allein  man  zeigte
mir  an,  daß  dieser  in  aller  Eile  nach  Bern  entflohen
sei  und  die  Vertretung  der  Familienehre  seinem  künftigen
Schwiegersöhne  anvertraut  habe.  Man  äußerte  das
Verlangen,  daß  das  Duell  noch  am  selbigen  Abende  —
27.  August  —  stattfinden  solle.  Hiergegen  protestierte
ich  auf  das  entschiedenste,  hervorhebend,  daß  ich  in  so
kurzer  Jeit  den  zweiten  Sekundanten  nicht  zur  Stelle
haben  könne.  Man  kam  zu  keinem  definitiven  Beschluß,
und  schließlich  wurde  verabredet,  daß  die  Herren  um
drei  Uhr  in  meine  Wohnung  kommen  sollten.
Nachdem  die  Herren  sich  entfernt,  erstattete  ich  Lassalle
Bericht  über  die  Jusammenkunft.  Nochmals  brachte
ich  die  Prioritätsfrage  vor  und  drang  auf  Ablehnung
der  Forderung  Racowitzas.  Lassalle  wies  aber  mit
Heftigkeit  jeden  Aufschub  zurück.  Ich  erwiderte,  die
Sache  habe  keine  solche  Eile;  Bethlen  schien  ebenfalls
einen  Auffchub  zu  wünschen  —  doch  Lassalle  wollte
auf  nichts  hören  und  forderte  mich  peremtorisch  aus,
für  den  nächsten  Morgen  alles  für  das  Duell  anzuordnen. ­

Was  sollte  ich  tun?  Lassalle  war  von  seinem  Entschluß ­
  nicht  abzubringen.  Meine  Aufgabe  war  nun,  die
nötigen  Vorbereitungen  möglichst  günstig  für  Lassalle
zu  treffen,  falls  das  Duell  nicht  zu  verhindern  sei,  was
ich  immer  noch  für  möglich  hielt.
Zunächst  eilte  ich  zu  General  Bethlen,  teilte  ihm  alles
mit  und  bestellte  ihn  auf  drei  Uhr  zu  mir.

256
        <pb n="242" />
        9  Großmann,  Laffatte

257

Um  drei  Uhr  erschienen  General  Bethlen,  Graf
Kayserlingk  und  Dr.  Arndt  in  meiner  Wohnung.  Ich
versuchte  ein  Arrangement  zu  bewerkstelligen.  Die
Gegenpartei  bestand  auf  folgenden  Bedingungen:  Abbitte ­
  seitens  Lassalles  und  Rückgabe  der  Briese  deS
Fräulein  von  DoennigeS.
Dies  nmßten  wir  zurückweisen.  Da  ich  aber  doch  die
Hoffnung  auf  eine  gütliche  Beilegung  nicht  aufgeben
wollte,  veranlaßte  ich,  daß  eine  nochmalige  Zusammenkunft ­
  bei  mir  auf  abends  acht  Uhr  festgesetzt  wurde.
Hierauf  wurde  der  Modus  des  Duelles  für  den  Fall,
daß  es  stattfinden  sollte,  festgesetzt.  Die  Gegner  bestanden
auf  gezogenen  Pistolen,  wir  auf  glatten,  und  unser  Vorschlag ­
  ging  auch  durch.  Ich  wußte  aber,  daß  glatte
Pistolen  schwer  zu  haben  waren,  daß  in  ganz  Genf  bloß
ein  gutes  Paar  existierte.
In  das  Viktoria-Hotel  zurückgekehrt,  bat  ich  Lassalle,
sich  etwas  einzuschießen,  und  gab  ihm  einen  Ort  an,  wo
er  Gelegenheit  habe.  Er  erklärte  das  aber  für  „dummes
Zeug".  Wie  ich  nachträglich  erfuhr,  war  Herr  von
Racowitza  anderer  Ansicht;  wenigstens  hieß  cs  allgemein
in  Genf,  er  habe  an  diesem  Nachmittag  auf  den:  Schützenstand ­
  hundertfünfzig  Ubungsschüsse  abgefeuert.
Um  drei  Uhr  war  zweite  Zusammenkunft  in  meiner
Wohnung.  Alle  Versuche,  zu  einem  Arrangement  zu
gelangen,  blieben  fruchtlos.  Die  Gegenpartei  beharrte
auf  ihren  Forderungen,  die  nicht  bloß  ich,  sondern
General-Vethlen  für  unzulässig  hielt.  Ich  war  indigniert
über  die  Forderung.  Lassalle,  der  so  tief  gekränkte,
sollte  abbitten!  Das  Duell  wurde  nun  auf  den  28.
morgens  festgesetzt.
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        258

Es  mochte  unterdessen  zehn  Uhr  geworden  sein,  und
ich  begab  mich  nun  ins  Viktoria-Hotel,  wo  ich  schon  am
Morgen  ein  Zimmer  bestellt  hatte,  um  bei  Lassalle  sein
zu  können.  Ich  teilte  ihm  das  Vorgefallene  mit,  und  er
nötigte  mich  dann,  einen  Brief  an  Dr.  Arndt  zu  schreiben,
in  welchem  ich  diesem  sagen  mußte,  daß  möglicherweise
für  den  28.  keine  glatten  Pistolen  zu  haben  wären;  für
den  Fall  nehme  er  gezogene  an,  und  da  General  Bethlen
solche  absolutverwerse,  würde  er  dann  an  dessen  StattHerrn
von  Hofstetten  zum  Sekundanten  wählen.  Diesen  Brief
besorgte  Herr  von  Hofstetten  selbst  noch  uni  elf  Uhr  nachts.
Ich  unterhielt  mich  noch  bis  um  Mitternacht  mit
Lassalle  und  machte  ihn  namentlich  darauf  aufmerksam,  daß
wir  die  Stellung  beim  Duell  beliebig  ausgemacht  hätten,
damit  er  sich  nach  seiner  Bequemlichkeit  postieren  könne,
und  daß  er  doch  nicht,  wie  es  seine  fehlerhafte  Gewohnheit
war,  zu  lange  zielen  möchte,  da  er  nicht  allein  schieße  usw.
Um  Mitternacht  ging  ich  zu  Bette.  Schon  um  drei
Uhr  des  anderen  Morgens  stand  ich  auf  und  eilte,  nachdem
ich  mich  angekleidet,  in  meine  Wohnung,  wo  ich  mehrere
Kleinigkeiten  zu  holen  hatte.  Von  da  ging  ich  zum
Büchsenschnried,  fand  ihn  —  um  vier  Uhr  —  an  der  Arbeit,
nahm  gleich  die  eine  Pistole  mit  und  kehrte  ins  Viktoria-Hotel
  zurück.  Unr  fünf  Uhr  weckte  ich  Lassalle,  der  sanft
schlief.  Zufällig  sah  er  gleich  die  Pistole.  Er  ergriff  sie,
fiel  mir  uin  den  Hals  und  sagte:  „Da  habe  ich  ja  gerade,
was  für  mich  paßt!"
Um  fünfeinhalb  Uhr  war  ich  wieder  beim  Büchsenschmied ­
  und  erhielt  nun  auch  die  andere  Pistole,  die  ich
ins  Hotel  brachte.
Dann  holte  ich  Bethlen  ab.
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        9 :

259

Nach  sechseinhalb  Uhr  fuhren  wir  mit  Hofstetten,  den
Lassalle  für  alle  Fälle  mitnehmen  wollte,  nach  Carouge,
einer  Vorstadt  von  Genf,  ab.  Hier  sollten  sich  die  Parteien ­
  um  siebeneinhalb  Uhr  treffen.  Vor  der  Abfahrt
hatte  mir  Lassalle  sein  Testament  übergeben,  das  ich
im  Fall  eines  unglücklichen  Ausgangs  der  Frau  Gräfin
von  Hatzfeldt  zur  Beförderung  an  die  Genfer  Justiz
übergeben  sollte;  wie  auch  geschehen  ist.  Vor  sieben  Uhr
waren  wir  in  Carouge.  Unterwegs  hatte  niich  Lassalle
wiederholt  gebeten,  ich  möge  doch  machen,  daß  das
Duell  auf  französischem  Boden  stattfinde,  damit  er  doch
in  Genf  bleiben  und  die  Angelegenheit  mit  dem  alten
„Ausreißer"  erledigen  konnte.  So  sehr  ich  niich  über
seine  Sicherheit  freute,  war  nur  das  doch  etwas  zu  arg.
Ich  bemerkte  ihm,  daß  er  auf  der  Mensur  nicht  allein
stehe,  lind  daß  jede  Kugel  treffen  könne,  man  dürfe
einen  Gegner  nie  verachten.  Aber  meine  Worte  inachten
keinen  Eindruck.
Vor  sieben  Uhr  waren  wir  in  Carouge,  und  da  die
Gegenpartei  noch  nicht  angekonnnen  war,  warteten  wir:
Lassalle,  der  nicht  die  geringste  Aufregung  verriet,  trank
eine  Tasse  Tee.
Uin  siebeneinhalb  Uhr  kamen  die  andern.  Sie  hatten
den  Dr.  Seiler  bei  sich,  der  einen  passenden  Ort  kannte.
Sie  fuhren  voraus,  und  wir  folgten.  Hofstetten  ließen
wir  in  Carouge  zurück,  er  sollte  in  einer  Droschke  nachfahren. ­
  In  der  Nähe  des  Platzes,  den  Dr.  Seiler  im  Auge
hatte,  stiegen  wir  aus  und  gingen  durch  das  Gebüsch,
bis  wir  an  Ort  und  Stelle  waren.
Ich  wurde  durch  das  Los  dazu  bestimnit,  für  den
ersten  Schuß  zu  laden  und  das  Kommando  zu  geben.
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        2.60

Die  Parteien  wurden  nun  auf  die  Mensur  gestellt,
während  ich  lud.  Man  ermahnte  mich  von  mehreren
Seiten,  ja  recht  akzentuiert  und  laut  zu  kommandieren;
dieser  Ermahnung  bedurfte  es  natürlich  nicht.  Für
jeden  Schuß  waren  zwanzig  Sekunden  gegeben,  welche
von  dem  ladenden  Sekundanten  dadurch  zu  markieren
waren,  daß  er  beim  Anfang  1,  bei  zehn  Sekunden  2,
bei  zwanzig  Sekunden  3  kommandierte.  Ich  beobachtete
die  Vorsicht,  vorher  noch  „Achtung!"  zu  rufen.
Ich  gab  das  Kommando  1.  Kaum  fünf  Sekunden
nachher  fiel  der  erste  Schuß,  und  zwar  von  seiten  des
Herrn  von  Racowitza.  Unmittelbar  nachher,  es  verging
nicht  eine  Sekunde,  antwortete  Lassalle.
Er  schoß  vorbei,  er  hatte  den  Tod  schon  im  Leibe.  Es  war
ein  Wunder,  daß  er  überhaupt  noch  hatte  schießen  können.
Nachdem  er  gefeuert,  trat  er  unwillkürlich  zwei  Schritte
links.  Nun  erst  hörte  ich  —  denn  ich  hatte  auf  die  Uhr
sehen  müssen  —,  wie  jemand  (ich  weiß  nicht,  war  es
General  Bethlen  oder  vr.  Seiler)  fragte:  „Sind  Sie
verwundet?"
Darauf  antwortete  Lassalle:  „Ja."
Wir  führten  ihn  nun  sogleich  auf  eine  Decke,  wo  man
ihn  niederlegte  und  den  ersten  Verband  anlegte.
Während  die  Gegenpartei  sich  entfernte,  führten  Doktor
Seiler  und  ich  Lassalle  zu  einer  Kutsche  und  halfen  ihm
hinein.  Wir  beide  fuhren  mit  ihm  und  unterstützten  ihn
unterwegs,  so  gut  es  ging.  Bethlen  fuhr  mit  Hofstetten  in
der  Droschke  zurück,  in  welcher  der  letztere  gekommen  war.
Ich  ließ  den  Kutscher  die  Wege  einschlagen,  wo  es
kein  Pflaster  gab.  Nur  zweihundert  Schritte  weit  hatten
wir  über  Steine  zu  fahren.,
        <pb n="246" />
        Lassalle  war  unterwegs  sehr  still;  nur  als  wir  über
daS  holperige  Steinpflaster  kanien,  sprach  er  von  dem
Schmerze,  den  ihm  die  Wunde  verursache,  und  fragte,
ob  wir  bald  zu  Hause  seien.
Daß  die  Wunde  gefährlich,  wußte  ich  aus  Erfahrung.
Daß  sie  tödlich  sei,  erfuhr  ich  erst  gegen  Mittag,  als  ich
auf  sein  Dringen  zu  einem  Notar  eilte,  von  Dr.  Seiler,
der  mir  begegnete.
Als  der  Notar  kam,  schickte  ich  ihn  wieder  fort,  weil
Lassalle  mir  damals  nicht  in  dem  Austand  schien,  jemand
zu  empfangen.
Am  28.  August  war  Lassalle  auf  den  Tod  verwundet  worden,
am  31.  August  1864  ist  er  gestorben.  Sein  Tod  ist  in  Deutschland ­
  eine  Zeitlang  von  vielen  gar  nicht  geglaubt  worden,  Märchen
und  Legenden  bildeten  sich.  Die  deutsche  Arbeiterbewegung,  die
er  ziemlich  monarchisch  organisiert  hatte,  stockte  und  konnte  sich
lange  nicht  erholen,  ihr  war  der  Kopf  abgeschlagen.  Weder  die
Gräfin  HaHfeldt,  die  ihn,  kindlicher  Wille,  politisch  beerben  wollte,
noch  I.  B.  v.  Schweitzer,  der  ihm  innerlich  verwandt  war,  haben
die  Lücke  einigermaßen  füllen  können.  Kläglichster  Sektenstreit
entstand.  Aber  die  Kleinheit  dieser  Führer  gab  dem  Lassallekultur
erst  recht  Nahrung.  Keiner,  der  ihm  begegnet  ist,  hat  von  Lassalle
gleichgültig  scheiden  können.  Cs  ging  jedem  wie  Richard  Wagner,
der  Lassalle  ein  einziges  Mal  begegnet  ist  und  dann  ihn  verkündet
hat  als  „den  Typus  des  bedeutenden  Menschen  unserer  Zukunft,
welche  er  die  germanisch-jüdische  nennen  müsse".
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        On  bet  Sammlung  »Menschen"
erschienen  ferner  in  gleicher  Ausstattung ­
  und  zu  gleichem  preis

M  i  r  a  b  e  a  u
von
Franz  Leppmann

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Heinrich  von  Kleist
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C.  F.  Reinho  ld

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Ullstein  &amp;amp;  (So  /  Berlin
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        '  Ullstein  Äffe
Berlin
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        the  scale  towards

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&amp;gt;  jenen  indirekten  staatlichen  oder  städtischen  Steuern  zu
ichen,  die  am  meisten  auf  die  ärmeren  Klassen  drücken,
b  die  widrige  Reklame  der  heutigen  Zeit,  das  Hoffsche
ilzcrtrakt  und  die  Goldbergschen  Rheumatismuskctten
ten  so  mindestens  ihre  gemeinnützige  Wirkung.
i)aS  also  ist  die  nach  allen  Seiten  hin  heilsame  Mastel, ­
  welche  im  sozialdemokratischen  Staate  eine  totale
iwandlung  der  Presse  in  ihrem  innersten  Wesen
'vorrufen  würde.  Ich  habe  sie  Ihnen  entwickelt,  um
Zeiten  die  Gemüter  des  Volks  darüber  zu  verständigen,
abreiten  Sicdas,wasichJhnen  hierüber  gesagt,  erheben
e  diese  Maßregel  zu  einer  Volkstradition.  Akkreditieren
e  sie  durch  das  tausendfältige  Echo  Ihrer  Stimme,  erben ­
  Sie  sie  zu  einer  denwkratischen  Forderung  ersten
ingeö,  damit  nichts  in  späterer  AcitIhrem  Vcrständ-!
  sich  widersetze!  Und  bis  dahin  halten  Sie  so  fest
ran:  der  wahre  Feind  des  Volkes,  sein  gefährlichster
ind,  um  so  gefährlicher  deshalb,  weil  er  unter  der  Larve
nes  Freundes  auftritt,  das  ist  die  heutige  Presse!
Halten  Sie  fest,  mit  glühender  Seele  fest  an  dem
sungswort,  da«  ich  Ihnen  zuschleudere:  Haß  und
erachtung,  Tod  und  Untergang  der  heutigen
resse!  Es  ist  das  eine  kühne  Losung,  ausgegeben  von
wm  Mann  gegen  das  tauscndarmige  Institut  der
itungen,  mit  welchem  schon  Könige  vergeblich  känrpften.
,er  so  wahr  Sie  leidenschaftlich  und  gierig  an  meinen
ppcn  hängen,  und  so  wahr  meine  Seele  in  reinster
.Meisterung  erzittert,  indem  sie  in  die  Ihrige  überströmt,
wahr  durchzuckt  mich  die  Gewißheit:  der  Augenblick
ird  kommen,  wo  wir  den  Blitz  werfen,  der
ese  Presse  in  ewige  Nacht  begräbt!!!
227
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        ﻿
        <pb n="251" />
        ﻿
        <pb n="252" />
        ﻿
        <pb n="253" />
        ﻿
      </div>
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  </text>
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