Die Bodenreform im Lichte des Freihandels. 49 Man könnte diese Beispiele beliebig vermehren, so häufig sind sie! Daß die Schutzzölle den Latifundienbesitzern besonders zugute kommen, wo guter Absatz der Produkte ist, ist offenkundig, aber das darf uns nicht abhalten, der Wahrheit die Ehre zu geben, daß sie für die Bauern not wendig waren. Wir können nicht so wohlfeil die Agrarfrage der Gegenwart lösen, wie es in der letzten Wahlagitation ein freisinniger Kandidat machen wollte. Befragt, wie er ge dächte, der landwirtschaftlichen Notlage abzuhelfen, ant wortete er ganz unverfroren, die Bodenpreise seien zu hoch, sie müßten sinken, dann würden die Bauern schon ihre Existenz finden. Er meinte damit, daß die Besitzer ihr Anwesen aufgeben sollten, wenn sie nicht mehr auf ihm leben könnten. Aber Mittel und Wege, die Schuldver pflichtungen zu mildern und abzulösen, gab er nicht an. Das sind natürlich oberflächliche Ansichten. Wenn also auch die Großgrundbesitzer bei den Zöllen am meisten gewonnen haben, so waren dieselben doch notwendig, um den Bauernstand zu halten. Unter 5,227,344 landwirtschaftlichen Betrieben sind in Deutschland nur 778,932 von 10 Hektaren, und da meint man, daß der kleine Besitzer gar keinen Nutzen davon gehabt, da er wenig oder fast nichts zu verkaufen habe. Nun ist aber zu beachten, daß das erste, wofür der Landmann sorgt, nicht einmal die ausreichende Befriedigung von Nahrung und Kleidung ist, sondern die Sicherung von Wohnung bzw. seine Heimats stätte. Er sorgt zuerst, daß er wohnen bleiben kann, daß ihn der Gläubiger nicht von Haus und Hof treibt, wenn man von den Leichtsinnigen absieht, welche aber gottlob eine verschwindende Minderheit bilden. Auch der kleine Bauer verzehrt seine Früchte nicht zuerst, sondern bringt sie zu Markte, um Geld zur Befriedigung der Gläubiger zu haben. Und da ist klar für jeden, der die Verhältnisse als wahr kennt, daß auch die Zölle ihm nützen. Ohne sie Wehberg, Die Bodenreform. 4