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        <title>Die Bodenreform im Lichte des humanistischen Sozialismus</title>
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            <forname>Heinrich</forname>
            <surname>Wehberg</surname>
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            <idno>890236992</idno>
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        ﻿
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        ﻿ZUM FÜNFUNDZWANZIGJÄHRIGEN
JUBILÄUM DER BEGRÜNDUNG DES
BUNDES DEUTSCHER BODENREFORMER

---	= 1888-1913

DIE

BODENREFORM

IM LICHTE DES

HUMANISTISCHEN SOZIALISMUS

VON

DR. HEINRICH (WEHBERG

ERSTEM VORSITZENDEN DES
„BUNDES FÜR. BODENBESITZREFORM“

VON 1888—1890

MIT EINEM BILDNIS

VERLAG VON DUNCKER &amp; HUMBLOT
MÜNCHEN UND LEIPZIG
1913

Weltwirtschaftliches Archiv

j ZUR CESPCSC*-tUHG. j
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        ﻿
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        ﻿ZUM FUNFUNDZWANZIGJÄHRIGEN
JUBILÄUM DER BEGRÜNDUNG DES
„BUNDES DEUTSCHER BODENREFORMER“
.........1888—1913........

DIE

BODENREFORM

IM LICHTE DES

HUMANISTISCHEN SOZIALISMUS

VON

Dr. HEINRICH WEHBERG

ERSTEM VORSITZENDEN DES
„BUNDES FÜR BODENBESITZREFORM“

VON 1888-1890

MIT EINEM BILDNIS

VERLAG VON DUNCKER &amp; HUMBLOT
München und Leipzig

1913

1

Weltwirtschaftliches hrchiv
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        ﻿Alle Rechte Vorbehalten.

Altenburg, S.-A.
Pierersche Hofbuchdruckerei
Stephan Geibel &amp; Co.
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        ﻿Inhaltsverzeichnis.

Seite

Zur Erinnerung an Heinrich Wehberg............. I

I.	Programm des Humanistischen Sozialismus........... 1

II.	Die	Bodenreform im Lichte des Freihandels • • • •	19

III.	Die	Verstaatlichung der Bergwerke...............104

IV.	Die	Wohnungsfrage................................123
        <pb n="7" />
        ﻿Zur Erinnerung an Heinrich Wehberg.

Bei dem eifrigen und gewiß nicht unbegründeten Be-
streben eine große Anhängerschar zu gewinnen,
haben die neueren Bodenreformer die Ideen ihrer ersten
Vorkämpfer mehr und mehr verlassen. Die Begründer
der Bodenreformbewegung, die einst in heller Begeisterung
die sie ganz beherrschende Lehre verkündet und den ersten
Samen ausgestreut haben, finden heute nicht mehr die Be-
achtung, die ihnen vielleicht zukommen dürfte. Je schärfere
Gegnerschaft aber die gegenwärtigen Ziele des „Bundes
Deutscher Bodenreformer“ finden, umso größeres Interesse
darf die Ideenwelt jener Vorkämpfer für sich in Anspruch
nehmen. Denn wer sich in dem Kampfe gegen die Boden-
reformbestrebungen, der seit der Begründung des „Schutz-
verbandes, für Deutschen Grundbesitz“ besonders heiß
entbrannt ist, ein eigenes Urteil bilden will, muß ganz ge-
wiß ebenso sehr die Lehren der früheren wie der jetzigen
Bodenreformer kennen.

Stamms und Flürscheims Schriften haben seinerzeit
einige Verbreitung gefunden, so daß sich eine erneute Her-
ausgabe ihrer leicht zugänglichen Werke erübrigt. Etwas
anderes ist es mit den Schriften Heinrich Wehbergs,
die fast alle nach seinem Austritte aus dem Vorstande des
„Deutschen Bundes für Bodenbesitzreform“ erschienen sind
und von den leitenden Bodenreformern totgeschwiegen
wurden. Das ist umso natürlicher, als in jenen Schriften
die damalige und heutige Richtung des Bundes sehr an-
gegriffen wurde. Wehberg hatte den Ehrenposten des
ersten Vorsitzenden des Bodenreformbundes 1890 deswegen
niedergelegt, weil er die Annahme, daß die Grundrente
        <pb n="8" />
        ﻿VI

Zur Erinnerung an Heinrich Wehberg.

ewig steigen werde, für verderblich hielt. Er hat diese
Überzeugung bis zum Ende seines Lebens vertreten, und
da er in allen Schriften davon ausging, daß bei einer or-
ganischen Reform die Grundrente sinken werde, so fand er
infolge dieses mit der herrschenden Bodenreformrichtung
kollidierenden Grundsatzes seiner Arbeiten keinerlei Gehör.
Nur kurz haben die Bodenreformer in Nummer 24 der Zeit-
schrift „Frei Land“ vom Jahre 1891 seine Bedenken zu
widerlegen versucht. Daß die Theorien Wehbergs aber
eine etwas größere Beachtung verdienen, geht nicht nur
daraus hervor, daß hervorragende Männer der Wissenschaft
bezüglich der Grundrente heute auf ähnlichem Standpunkte
stehen. Sogar Führer der Bodenreformbewegung sind später
schwankend an dem geworden, was der offizielle Bund ver-
tritt. So schrieb dem Verfasser dieses der holländische
Bodenreformer Jan Stoffel am 18. Mai 1911: „Ich stehe
ganz auf dem Boden der von Wehberg vertretenen An-
schauungen.“ Bekanntlich ist Stoffel einer der hervor-
ragendsten Bodenreformer der ersten Zeit und auch stell-
vertretender Vorsitzender des Bundes gewesen. Ebenso
bedeutsam ist aber, daß sogar Flürscheim, der Begründer
und allererste Vorkämpfer der Bewegung, Anfang 1911 eben-
falls brieflich erklärte: „Vielleicht ist Wehberg bei dem
Streite um die Bodenrente dennoch im Rechte gewesen.“

Diese Tatsachen mögen erklären, weshalb hiermit noch-
mals einige der Wehberg sehen Bodenreformschriften der
Öffentlichkeit übergeben werden.

Selbst wenn heute sowohl die Ansichten Wehbergs wie
diejenigen Flürscheims und Stamms für die praktische
Bodenreformbewegung keine Bedeutung hätten, so würde
daraus noch lange nicht folgen, daß man ihre Schriften
vergessen soll. Keine Bewegung, die zu einem machtvollen
Kulturfaktor geworden ist, tut gut daran, die ersten Vor-
kämpfer der Vergessenheit anheimfallen zu lassen und nur
        <pb n="9" />
        ﻿Zur Erinnerung an Heinrich Wehberg.

VII

der Gegenwart und Zukunft zu leben. Wohl muß die größte
Kraft den Aufgaben des Tages gehören, aber in Feierstunden
soll sich der Blick zurückwenden in die goldenen Tage der
ersten Begeisterung, wo Männer mit unerschütterlichem Ver-
trauen auf ihre gute, große Sache, wenn auch unpraktischen
Sinnes, zum ersten Male die Wahrheit verkündeten. Wer
sich näher mit dem Leben dieser ersten Reformer befaßt,
empfindet eine ehrfurchtsvolle Hochachtung vor der Cha-
rakterfestigkeit und der nie ermüdenden Standhaftigkeit
dieser Idealisten, die, abgewandt von den Aufgaben des
Alltags, für die großen Ziele des Vaterlandes und der Mensch-
heit wirkten. Man wird solchen Männern, und seien sie
noch so verträumt, nie damit gerecht, daß man sie als
heillose Utopisten verspottet. Denn haben sie, wie dies
bezüglich der Bodenreformer ganz gewiß zutrifft, bei ihrer
Mitwelt eine gewisse Beachtung gefunden, so haben sie
die Diskussion einer wichtigen Frage veranlaßt. Und
schließlich sind doch zahlreiche heutige Bodenreformer
in erster Linie durch jene Vorkämpfer gewonnen worden.
Muß somit nicht schon die Pflicht zur Dankbarkeit dahin
führen, jener Männer mehr zu gedenken, als dies heute der
Fall ist? Ferner ist es gewiß, daß das Beispiel der Be-
gründer der deutschen Bodenreformbewegung in hohem
Maße auf die jüngeren Anhänger dieser großartigen Reform-
bewegung aneifernd und begeisternd wirken wird. An
dem Idealismus der Alten werden sich die heutigen Boden-
reformer stählen und die Kraft für den Kampf gegen die
organisierten Gegner gewinnen können.

Der Erinnerung an die ersten Jahre des Bundes für
Bodenbesitzreform werden sich daher die heutigen Boden-
reformer mehr als bisher widmen müssen, und gerade die
fünfundzwanzigjährige Wiederkehr des Gründungstages soll
dazu die erste Veranlassung bieten. Hoffentlich wird man
bald daran gehen, besonders auchFlürscheim ein bleibendes
        <pb n="10" />
        ﻿VIII

Zur Erinnerung an Heinrich Wehberg.

Denkmal zu setzen. Unsagbar viel verdankt die Bewegung
diesem charaktervollen Vorkämpfer, der einen großen, den
besten Teil seines Lebens in reinstem Idealismus der Ver-
tretung der Bodenreformidee gewidmet hat. Aber auch
die hervorragenden Verdienste von Arons, Stoffel usw.
sollten in Bodenreformkreisen mehr gewürdigt werden, als
dies heute der Fall ist.

Wenn von Wehberg seit vielen Jahren in der breiten
Öffentlichkeit kaum gesprochen wurde, so lag das nicht zum
wenigsten an seiner vornehmen Zurückhaltung. Er liebte,
wie es in einem ihm gewidmeten Nachrufe im „Tag“ heißt,
das laute politische Wesen nicht. Was er zu sagen hatte,
hatte er in seinen Schriften niedergelegt, und sehnsuchtsvoll
wartete er zwanzig Jahre lang auf die Stunde, da seine Ideen
durchdringen würden. Seine ganze Kraft war in dieser Zeit
dem Wohle der rheinischen Arbeiter gewidmet, in deren
Vereinen er allwöchentlich ein oder mehrere Vorträge hielt,
um sie über die Bodenreform und die soziale Frage zu
belehren. Als Arzt war er in dieser Zeit erfüllt von seiner
Aufgabe, den Nächsten zu helfen. In dem kleinen Kreise,
in dem er lebte, suchte er durch sein Wort und sein Bei-
spiel das Verständnis für die Idee des humanistischen
Sozialismus zu wecken. In der Düsseldorfer Bürgerzeitung
schrieb er ein Jahrzehnt lang hunderte von Leitartikeln.
Erscheint es auch eigenartig, daß er in dieser Zeit nur
selten versuchte, über den Bereich der Rheinprovinz hinaus
zu wirken, so geht doch aus jenen Tatsachen sein uneigen-
nütziger Charakter und sein ganz der Menschheit gewidmetes
Streben um so schöner hervor. Nie kam es ihm darauf an,
daß man von ihm redete. Er wollte Gutes tun, gleich viel
welcher Art.

Schon in seiner Jugendzeit offenbarte sich dieser ideale
Charakterzug in schönster Weise. Als er seine medizinischen
Examina aufs glänzendste bestanden hatte, und man ihm
        <pb n="11" />
        ﻿Zur Erinnerung an Heinrich Wehberg.

IX

eine ehrenvolle Stellung an der Bonner Universität als
Dozent anbot, da lehnte er ab, weil er sich dann nicht
genug dem widmen konnte, was ihm als der höchste Beruf
des Mannes galt, dem Kampfe für den Fortschritt auf
sozialem Gebiete. Er ließ sich 1880, nachdem er in Tübingen,
Greifswald und Bonn studiert hatte, als Arzt nieder und
hat in Düsseldorf 33 Jahre eine ausgedehnte Praxis aus-
geübt. Mehrere Jahre war er leitender Arzt des Sanatoriums
Waldesheim. Auf medizinischem Gebiete war er stets be-
müht, dem Fortschritte die Wege zu ebnen. Er gehört zu
den allerersten, die in Deutschland für die Antialkohol-
bewegung eintraten.

Im Jahre 1885, im dreißigsten Lebensjahre (er war am
26. September 1855 auf dem Gute Berge bei Volmarstein
an der Ruhr geboren), wurde Wehberg mit der Boden-
reformidee durch das Buch „Demokratie und Bismarck, ein
ehrliches Wort über das Recht auf Arbeit“ (1885) von
Ferdinand Gilles bekannt. Gilles gehörte mit ihm dem
Düsseldorfer Wahlverein der deutschen Fortschrittspartei an
und hatte in dem erwähnten Buche auf Flürscheims
Ideen hingewiesen. Wehberg suchte den Wahlverein für
die Bodenreformidee zu gewinnen und zog sich, als dieser
sich abgeneigt zeigte, von ihm zurück.

Bei der am 4. Juli 1886 erfolgenden Begründung der
Landliga wurde Wehberg in den Vorstand dieser Ver-
einigung gewählt. Diese entfaltete einige Monate lang eine
überaus eifrige Propaganda für die Bodenreformbewegung
und erregte auch viel Beachtung. Bereits der erste Jahres-
tag der Vereinigung am 30. Mai 1887 zeigte jedoch schon
ihre Ohnmacht. Wehberg schrieb über diese Versammlung,
er sei aus ihr sehr deprimiert fortgegangen; denn was er
gefunden, seien nicht die Männer, die eine große Reform
zustande bringen könnten. Als dann Flürscheim an
die Gründung eines neuen Bundes dachte, schloß sich ihm
        <pb n="12" />
        ﻿

"Wehberg an. 1888 erschien Wehbergs erste Bodenreform-
schrift: „Welches ist der erste Stand? Beantwortet im
Geiste des humanistischen Sozialismus.“ Der Grundgedanke
des Buches war unter anderen, daß es in Wahrheit nur
einen großen Stand zufriedener und glücklicher Menschen
gebe, den der geistigen und körperlichen Arbeiter.

Am 16. September 1888 erfolgte in Frankfurt a. M. die
Begründung des „Bundes für Bodenbesitzreform“. Flür-
scheim, der zahlreiche Gegner außerhalb der Bodenreform-
bewegung hatte, lehnte die Übernahme des Vorsitzes ab
und schlug Wehberg zum Vorsitzenden vor, dessen Wahl
einstimmig erfolgte. Letzterer leitete auch die erste General-
versammlung des Bundes in Köln am 15. September 1889
sowie die vom 1. Januar 1890 ab erscheinende Wochen-
schrift „Frei Land“. Der Bund blühte unter seiner Leitung
stetig auf. Die anfangs 118 Mitglieder zählende Vereinigung
verdoppelte sich bald. Wer die Schwierigkeiten der ersten
Organisation kennt, weiß, daß dieses Resultat nicht gering
anzuschlagen ist. Leider kam es schon bald zwischen
Wehberg und Flürscheim über die Frage der Grund-
rente zu Meinungsverschiedenheiten, die den freiwilligen
Austritt Wehbergs aus dem Vorstande des Bundes am
1. Juni 1890 zur Folge hatten. Die in diesem Buche ent-
haltene Schrift „Die Bodenreform im Lichte des Frei-
handels“ (1891) enthält im einzelnen die Gründe seines da-
maligen Verhaltens. Nach der Trennung von Flürscheim
trat Wehberg in den Vorstand der Stammschen Boden-
reformvereinigung „Der Allwohlsbund“ ein, die aber ohne
Bedeutung blieb und schon bald wieder einging.

Trotz seiner Opposition gegen die leitenden Ideen
des Bodenreformbundes hat W e h b e r g diesem seine
Sympathie lange Zeit bewahrt. 1894 hielt er noch auf der
Generalversammlung einen Vortrag über „Ehelosigkeit und
Sozialreform “. Als sich Damaschke im September 1895 an ihn
        <pb n="13" />
        ﻿Zur Erinnerung an Heinrich Wehberg.

XI

um Rat wandte, wie trotz der schlechten Kassenverhältnisse
die Weiterführung von „Frei Land“ zu ermöglichen sei, da
sandte Wehberg sogleich mehr als den dritten Teil der
zur Fortsetzung der Bundeszeitschrift nötigen Summe ein.
Erst in späteren Jahren, als der Bund beharrlich das ab-
lehnte, was er für richtig hielt, zog er sich mehr und mehr
von ihm zurück. Auch mit der vom Bunde befürworteten
Reichswertzuwachssteuer konnte er sich nicht befreunden.
(Den Anteil, den Wehberg an der Bodenreformbewegung
genommen hat, ersieht man aus der Schrift von Hans
Wehberg: „A. Theodor Stamm und die Anfänge der
deutschen Bodenreformbewegung“ 1911, Bonn, Carl Georgi).
1891 bzw. 1895 erschienen zwei Schriften über „Die Ver-
staatlichung der Bergwerke“, und über „Die Wohnungs-
frage im Lichte des humanistischen Sozialismus“, die eben-
falls in diesem Buche enthalten sind.

Am 16. Dezember 1912 ist Dr. Wehberg im Alter von
57 Jahren am Herzschlage verstorben. Niemand hat wohl
ein treffenderes Bild seines Charakters entworfen als sein
Jugendfreund Professor Dr. Busch, der am Grabe unter
anderen folgende Worte sprach:

„Er war ein Mann! Nehmt alles nur in allem ; wir werden
selten seines gleichen sehn.“ — Das soll keine hohle Lob-
preisung sein; die würde wahrlich schlecht passen zu der
einfachen, offen ehrlichen, jede Phrase hassenden Art des
teuren Toten, vielmehr meine ich, daß das Dichterwort sich
auf wenige Menschen besser anwenden läßt als auf Heinrich
W e h b e r g.

Fern vom Getriebe der großen Welt, niemals strebend
nach äußerer Ehre, nach öffentlicher Anerkennung, stets sich
selbst treu, in allem Tun und Lassen nur der eigenen,
innersten Überzeugung folgend, einzig seinen Ideen und
seiner Wissenschaft lebend, der Heilkunst, die er in der
idealsten Weise auffaßte, so hat er 33 Jahre lang seinen
schweren Beruf ausgeübt bis fast zum letzten Atemzuge. -
Ein Held der Arbeit, ein unermüdlicher Vorkämpfer für
seiner Mitmenschen Wohlfahrt, ein freigiebiger Freund der
Armen, ein stets zuverlässiger Helfer der Kranken, ist er
in den Sielen gestorben, obgleich das schwere Leiden, das
        <pb n="14" />
        ﻿XII

Zur Erinnerung an Heinrich Wehberg.

ihn so jählings fällen sollte, schon länger seine beste Kraft
untergrub. Aber die zähe Energie, ein Erbteil seiner West-
falen-Heimat, seine starke Willenskraft, die ihm auch bei
seinen Patienten mehr galt als Medizin, hielten ihn aufrecht,
ließen ihn, den selbst Schwerleidenden, noch Leiden stillen. —
„Mensch sein heißt Kämpfer sein“, und er war ein tapferer
Streiter!

Ich weiß, daß seine hohen Geistesgaben, die außer-
gewöhnliche manuelle Geschicklichkeit seine Universitäts-
lehrer veranlaßten, dem jungen Arzte eine ehrenvolle Stellung
an der Hochschule anzubieten; er aber zog den einfachen
Beruf vor, der seinem Unabhängigkeitsgefühle allein zusagte
und der vor allem ihm mehr Gelegenheit zu bieten schien,
wirkliche Not zu lindern. Und er war nicht nur ein Arzt
des Leibes! Wir alle haben es erfahren, wie er stets be-
strebt war, auch auf das Bessere im Menschen, auf den
Charakter einen veredelnden Einfluß auszuüben — ein echter
Seelenarzt. Wie oft sein kluger Hat, seine reichen Er-
fahrungen auf allen Gebieten des Lebens Segen brachten,
das wird seine große Bescheidenheit nie ganz kund getan
haben. “

Wehberg war einer jener Männer, die ganz von ihrer
Aufgabe erfüllt waren, der Menschheit nicht nur durch
ihre wissenschaftlichen Arbeiten, sondern auch durch
ihr, vorbildliches Leben voranzuleuchten. Er war seiner
politischen Gesinnung nach ebenso wie Flürscheim ein
Demokrat. Die Bodenreform war ihm nicht nur wie manchen
anderen eine interessante wissenschaftliche Theorie, oder
nur ein Prinzip, durch dessen Vertretung man sich Ruhm
und Ehre verschaffen konnte. Der Grundgedanke, von
dem aus allein sein Leben und Streben verstanden werden
kann, war sein Mitleid mit der Arbeiterklasse, deren Ver-
hältnisse er eingehend studiert hatte. Unter der Erkennt-
nis der tiefen sozialen Schäden unserer Zeit litt er wie
wenige andere, und er fühlte in sich die heilige Aufgabe,
nach seinen Kräften zur Besserung dieser Zustände bei-
zutragen. Dafür schien ihm die Bodenreform das ge-
eignetste Mittel zu sein. Unfaßbar war ihm, dem großen
Idealisten, daß man um zeitlicher Erfolge willen die Augen
        <pb n="15" />
        ﻿Zur Erinnerung an Heinrich Wehberg.

XIII

von dem Kerne des ganzen Problems wenden und in der
Einführung der Reichswertzuwachssteuer einenSieg oder auch
nur einen Erfolg der ihm heiligen Sache erblicken könne.
Ihm erschien die Betonung des Grundgedankens der Boden-
reform eine unerläßliche und bedeutsame Pflicht, und er
war fest davon überzeugt, daß die deutsche Bodenreform-
bewegung über kurz oder lang den Irrtum der heutigen
Führer erkennen und jenen Weg einschlagen würde, den
er dereinst vorgezeichnet und bis zum Ende seines Lebens
standhaft vertreten hatte.
        <pb n="16" />
        ﻿I.

Programm des Humanistischen
Sozialismus.*)

1891.

Der Sozialismus ist nicht etwa nur
eine volkswirtschaftliche Kategorie,
sondern die Religion der Zukunft.

Der humanistische Sozialismus erstrebt die möglichst
große Befreiung der Menschheit vom wirtschaftlich-
sittlichen Unrecht und Elend. Wir hegen die feste Über-
zeugung, daß dieses durch menschliche Unwissenheit und
vielfach durch Selbstsucht hervorgerufene Elend bei ent-
schlossenem Willen und bei Anwendung der richtigen
Mittel zum großen Teile beseitigt werden kann.

Wir haben die Überzeugung, daß das Gedeihen der Mensch-
heit auf der freien Entwicklung der geistigen und der
wirtschaftlich-sittlichen Kräfte beruht. Heilig ist uns
das bewährte Prinzip der Selbsthilfe, aber wir sehen die Ent-
wicklung der Arbeitskräfte durch die bestehenden un-
beschränkten privaten Grundeigentumsverhältnisse mehr ge-
lähmt, als es durch eine weitgehende staatlichpolizeiliche Be-
hinderung irgendwo möglich wäre. Wir sehen den wirtschaft-
lich Schwachen, obgleich er dem Gesetze gemäß berechtigt sein
sollte, seine Kräfte frei zu gebrauchen, an den Klippen der

*) Diese Grundsätze sind eine erhebliche Erweiterung und Fort-
bildung des Programms des von A. Th. Stamm begründeten und
später von Wehberg geleiteten „Allwohlsbundes“. Solange der All-
wohlsbund (1888—1894) bestand, hat Wehberg diese Ideen unter dem
Titel „Programm des Allwohlsbundes“, später als „Sozialistisches
Programm“ im Anhang seiner Schriften propagiert. Vgl. Weh her g,
A. Th. Stamm und die Anfänge der Deutschen Bodenreformbewegung,
1911, S. 39.

Weh bei*g, Die Bodenreform.

1
        <pb n="17" />
        ﻿2	Programm des Humanistischen Sozialismus.

vorhandenen Grundeigentums- und der hauptsächlich hier-
aus hervorgegangenen Kapitalsverhältnisse rettungslos zu-
grunde gehen. Wir sehen den wirtschaftlich Starken im
Besitze der Möglichkeit, sieh den Ertrag fremder Arbeit
anzueignen, und finden in der ungerechten Einschränkung
der Entwicklung der geistigen und der wirtschaftlich-sittlichen
Arbeitskräfte den Punkt, von dem das soziale Leiden ausgeht.'

Das kapitalistische System ist die Konsequenz eines
extremen Individualismus, den der Liberalismus lehrte.
Im Gegensätze zu Liberalismus, Anarchismus und Kommu-
nismus steht der Sozialismus, welcher eine Ordnung der
Dinge erstrebt, in der die Gesellschaft als eine harmonische
Vereinigung, als ein Organismus erscheint, in dem die
einzelnen Glieder, zwar jedes verschieden von dem andern
in Anlagen und Leistungen, ihren durch den modernen
Stand der Produktion bedingten vollberechtigten Platz ein-
nehmen. Wenngleich der Kommunismus, der Gleichheit
mit Gleichberechtigung verwechselt, durch das straffe äußere
Band einer festen gesellschaftlichen Organisation das Ge-
samt- wie das Einzelinteresse wahren zu können vorgibt,
so wird die Gesellschaft dennoch dadurch, daß die durch
gewissenhafte Ernährung und Erziehung, sowie sittliches
Vorleben der Eltern meist tüchtigeren Elemente auf dem
Standpunkt der geistig und körperlich schwächsten Bürger
niedergedrückt werden, an jeglichem Aufstiege verhindert
sein. Dadurch wird notwendigerweise das Streben und das
Wohlbefinden der Einzelnen wie der Gesamtheit vermindert
werden. Wie der Liberalismus das Gesamtwohl dem Interesse
der zwar wenigen Starken opfert, so wird der Kommunismus
in praxi entgegen aller schönen Theorie zugunsten der
Schwachen dasselbe vollbringen. Dringend wünschenswert,
ja notwendig ist es aber, daß sowohl in wissenschaftlichen
als in Volkskreisen, diese klare, unzweideutige Definition
der Begriffe „Sozialismus“ und „Kommunismus“
        <pb n="18" />
        ﻿Programm des Humanistischen Sozialismus.

3

festen Boden gewinne, um so einer Verständigung aller
ehrlichen Bürger die Wege zu ebnen.

Wir wollen die freie Entwicklung der Arbeitskräfte, die
jetzt eine trügerische Redensart ist, gemäß den Fortschritten
in Wissenschaft, Technik und Produktion, zur lebendigen
Wahrheit machen. Uns ist dies die höchste, notwendigste,
würdigste und glänzendste Aufgabe für den Einzelnen, wie
für die Gesamtheit. Die gewissenhafte Beherzigung der
Allrechte und des Allwohls muß als gehorsame Ausführung
des Willens des Weltenschöpfers zur Pflicht, zur Lebens-
richtschnur des Einzelnen wie der Gesamtheit und zur
Religion der Menschheit werden. Kurz der Sozialismus
muß als gesamte moderne idealistische, aber
dem Leben zugewandte Weltanschauung alle
Sphären des materiellen und geistigen Lebens
durchströmen und erwärmen. Er allein wird durch
das von ihm entfachte internationale Solidaritätsgefühl die
wilden Lohnkämpfe auf allen Gebieten des öffentlichen
Lebens zu einem friedlichen Ausgleiche bringen! Wir er-
kennen jede Steigerung des Erwerbes, sowie jede Ver-
schiedenheit des Vermögens, die auf eigene Tüchtigkeit,
auf Fleiß, Ehrlichkeit, Berechnung und Einsicht zurück-
zuführen sind, als vollkommen berechtigt, notwendig und
der heilsamen Entwicklung der Menschheit dienend an. Für
unsittlich, verwerflich und das Gemeinwohl gefährdend
halten wir dagegen jedes Einkommen und alle Vermögens-
unterschiede, die auf der Ausbeutung fremder Arbeit und
der Aneignung ihrer Früchte beruhen, in wie verschleierter
Gestalt dies auch sein mag. Wir wollen, daß jedem un-
verkürzt die Früchte seiner Arbeit zufallen. So wird auch
der Unternehmer den vollen Lohn seiner geistigen Tätigkeit
erhalten und braucht sich fortan nicht mehr an den Arbeitern
für die Ausbeutung durch Grundrente und Zins schadlos
zu halten.

1*
        <pb n="19" />
        ﻿4	Programm des Humanistischen Sozialismus.

H.

Wir erkennen, daß selbst die weitgehendste p o 1 i t i s c h e
Freiheit für sich allein das menschliche Elend noch nicht
aus der Welt schafft, ebenso aber sind wir uns klar bewußt,
daß dessen erfolgreiche Beseitigung nur auf Grund der ge-
meinnützigen Gestaltung aller öffentlichen Angelegenheiten
und des vollkommen durchgeführten Selbstbestimmungs-
rechtes des Volkes möglich ist.

Wir verlangen daher als Vorbedingung aller gedeihlichen
wirtschaftlichen Reformen:

1.	die treue Wahrung und Erweiterung der Rechte des
Volkes und der Volksvertretung; Beseitigung aller noch
bestehenden, irgendwie gearteten Vorrechte der Geburt.

2.	Das volle Eintreten für alle auf wirtschaftliche, geistige
und sittliche Hebung des Wohles der Gesamtheit ge-
richteten Bestrebungen, das in ehrlicher und logischer
Weise nur möglich ist auf dem Boden der modernen
(sozialistischen) Weltanschauung.

3.	Die Befreiung alles öffentlichen Unterrichtes von der
Bevormundung durch irgend welche Kirche, Trennung
der Kirche vom Staate und unablässige Arbeit an der
Emporhebung des gesamten Volkes zu immer höherer
veredelten Bildung durch die freiesten und besten
öffentlichen Bildungsanstalten jeder Art.

III.

Wie die Sklaverei des Altertums, die Leibeigenschaft
des Mittelalters und die Negersklaverei das unbeschränkte,
von der Volksgemeinschaft losgelöste Privatbodeneigentum
zur Grundlage hatten, so sind die noch gegenwärtig so tief
betrübenden und bedrohlichen Gesellschaftszustände aus dem
Privatmißbrauch des Erdbodens, des Urgeschenkes
für Alle, hervorgewachsen. Denn das unbeschränkte Privat-
bodeneigentum blieb die Hauptquelle aller arbeitslosen Ein-
        <pb n="20" />
        ﻿Programm des Humanistischen Sozialismus.

5

künfte, vornehmlich an Grundrente, Zins- und Unternehmer-
profit. Jeder Versuch des Ankämpfens gegen die Folgen
dieser Grundursachen, ohne die Grundursache selbst zu ändern,
lenkt daher vomHauptziel ab und ist unfruchtbar und schädlich.
Somit befriedigt keine Sozialreform seitens des Staates, die
nur ein vorläufiges kleines Linderungsmittel gegen die soziale
Not der Lohnarbeiter bietet und den Kern des sozialen Übels
außer acht läßt. Als unheilbringender Irrtum erscheint uns
aber die Erstrebung des von der kommunistischen Sozial-
demokratie vielseitig noch befürworteten Zwangsstaates mit
Verstaatlichung des Ackerbaues und der Industrie. Viel-
mehr ist es ein Anachronismus, der gerade bei Vertretern
der materialistischen Geschichtsauffasung besonders erstaun-
lich erscheint, die Menschheit in die Gleichheit kommu-
nistischer Urzustände zurückführen zu wollen.

Im unbeschränkten Privateigentum und dessen Mißbrauch
durch arbeitslosen Ertragsgenuß, bestehend in Ansammlung
großer Bodenflächen in Einzelhänden und den dadurch
emporgeschraubten Pachten und Hypothekenschulden, wo-
durch Bauern, Handwerker, Unternehmer ausgesogen werden,
sehen wir also die Grund- und Hauptursache, aus der mit
Naturnotwendigkeit die gegenwärtigen gesellschaftlichen
Mißstände hervorgehen mußten. Durchaus falsch ist es,
der leider noch herrschenden Anschauung gemäß, das un-
beschränkte Privateigentum für eine Naturnotwendigkeit zu
halten und sich dem Mißbrauche gegenüber auf ein untätiges
Gehen- und Geschehenlassen zu beschränken. Wir machen
dem Liberalismus den Vorwurf, den so klar zutage liegenden
Unterschied zwischen der wirklichen und der vermeintlichen
Naturnotwendigkeit nicht erkannt und gewürdigt zu haben.

Die noch gegenwärtig so ungerechten Grundlagen der
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustände sind das
Erzeugnis der bisherigen wirtschaftlichen Entwicklung und
menschlichen Tuns, können aber heute durch die mit den
        <pb n="21" />
        ﻿wissenschaftlichen und technischen Fortschritten verbesserte
menschliche Einsicht und gerechtes menschliches Handeln
geändert und mit geeigneten Grundlagen vertauscht werden,
so daß aus den jetzigen schlechten Verhältnissen bessere Zu-
stände hervorgehen müssen.

Wir finden,es ganz widersinnig, daß die nicht von Menschen
gemachte, für die gesamte Menschheit bestimmte und nicht
willkürlich vermehrbare Erde unter dieselben Rechts-
anschauungen fallen soll, wie die durch menschliche Arbeit
vermehrbaren Güter. Wir folgern daraus, daß der Einzelne
immer nur berechtigt sein kann, die Erträge seiner mit Unter-
stützung des Kapitales auf den Erdboden verwendeten Arbeit
für sich als unbeschränkte Nutznießung zu beanspruchen, aber
nicht das unbeschränkte Eigentum amErdboden, welchen
mit den ihm anhaftenden Kräften nicht die Menschen-
arbeit, sondern die Arbeit der Natur erzeugt hat;
nicht diejenigen Steigerungen der Grundwerte, die
unter den bisher bestehenden krankhaften Verhältnissen
des unbeschränkten Privateigentums ohne Arbeit des
Eigentümers sich ergeben, z. B. durch Herstellung
öffentlicher Verkehrswege und sonstige Verbesserungen,
durch Anwachsen von Ortschaften und Städten, durch
Anwendung von Erfindungen, sowie überhaupt durch
Gesamtarbeit.

IV.

Wir verlangen deshalb, daß mindestens die Eigentums-
oberhoheit über den Erdboden an die Gemein-
schaft (Gemeinde, Kreis, Provinz, Staat) zurück-
falle, so daß die nicht auf die Arbeit des Einzeleigentümers
zurückzuführenden Grundzinserträge — die reinen Leistungen
der Naturkräfte — nach und nach wieder in den Gemein-
schaftsnießbrauch übergehen. Ein solcher Gemeinschaftsnieß-
brauch, z. B. aus unveräußerlichem Gemeindeland, ist noch
von Alters her in vielen Einzelgemeinden aufrecht erhalten.
        <pb n="22" />
        ﻿Programm des Humanistischen Sozialismus.



Die Grundzinsgemeinschaft bringt uns daher ein neues
Bodenrecht, im Gegensatz zu dem römischen Becht, welches
mit der Begründung des unbeschränkten Privateigentums
am Erdboden den Kapitalismus und die Yölkerknechtung
hervorrief, ferner im Gegensatz zum germanischen ßechte,
welches die Oberlehnsherrlichkeit dem Fürsten wie der
Adelsklasse überwiesen hatte. Es ist uns eine große Genug-
tuung, das Prinzip eines organisch sich entwickelnden
Bodenrechtes an Stelle der schablonenhaften Verstaatlichung
durch Ankauf oder single tax zumal in Erwartung steigender
Grundwerte wenigstens in Deutschland zur Geltung gebracht
zu sehen.

In mehr als einer Weise kann die Bückwandlung des
Privatgrundzinses in die Grundzinsgemeinschaft bewirkt
werden, und zwar am vorteilhaftesten bei einem natur-
gemäßen, durch keine Eingangszölle auf Lebensmittel usw.
und Ansammlung riesiger Grundflächen in einzelnen Händen
künstlich in die Höhe getriebenen Stand der Grundzinsen
(— Grundrente). Denn gerade die hohen Bodenpreise mit
ihren großen Pachten und Hypothekenschulden zugunsten
der Großgrundbesitzer und Kapitalisten, erdrücken die Bauern,
Handwerker, Unternehmer usw. und machen ihnen die Kon-
kurrenz des Auslandes so schwer. Die Bückkehr zu
voll em Freihandel wollen wir auf langsamem, orga-
nischem Wege in Verbindung mit Beformen, welche die
Schuldzinsen erleichtern, erstrebt sehen.

Unbedingt schon in nächster Zukunft in reines Staats-
und Gemeindeeigentum sollte derjenige Boden übergehen,
auf welchem die Naturkräfte aus freiem Antriebe oder ohne
wesentliches Zutun menschlicher Arbeit Werte erzeugen,
also Wälder, Wiesen, Weiden, Moore, unterirdische Schätze
(Bergwerke, Mineral-Gasquellen) und Wasserkräfte. Denn
es hätte bei Verstaatlichung der Grundzinsen keinen Sinn,
diesen Boden im Einzeleigentum zu lassen, da sein ganzer
        <pb n="23" />
        ﻿8

Programm des Humanistischen Sozialismus.

Ertrag doch dem Gemeinwesen durch die Grundzinsensteuer
anheimfallen würde. Zur Förderung einer rationellen Boden-
kultur ist darauf Bedacht zu nehmen, daß Staat und Ge-
meinden den Boden zurückgewinnen, der als Hügel, Berg,
Gebirge sich nur zur Anlage von Wald eignet, ferner den,
welcher längs den Wasserläufen zu Weiden und Wiesen
bestimmt ist. Damit würden auch die Gefahren einer Über-
schwemmung außerordentlich vermindert werden.

Ackerland bzw. Gartenland, sowie Baugrund dagegen
kann ebensowohl Staats- und Gemeindeeigentum mit Ver-
pachtung an Private sein, als Privateigentum mit Ver-
staatlichung der Grundzinsen bleiben. Wir halten zur Zeit,
so lange noch die „Monopolgrundrente“ und die Hypotheken-
belastung besteht, das freie, allerdings durch die Grund-
zinsensteuer beschränkte Privateigentum an Ackerland und
Gartenland noch für ersprießlicher, als die unbeschränkte
Einführung eines kurzen Pachtsystems, da nach allgemeiner
Meinung das Interesse der Landwirte an der Pflege des
Bodens meistens größer sein soll, wenn sie ihn in
freiem Eigentum haben. Einer gänzlichen Verstaatlichung
im Sinne bloßer Verpachtung stehen zur Zeit auch die
Anschauungen der Bauern selbst schroff entgegen. Wir
unterscheiden also zur Zeit strengstens zwischen der Ver-
staatlichung und der Nationalisierung des Grund und Bodens.

Jedenfalls kann eine große Reihe höchst einschneidender
sozialistischer Reformen durchgeführt werden, ohne daß die
Frage nach völliger Verstaatlichung des Ackerlandes, Bau-
grundes und Gartenlandes mit reiner Verpachtung zur Dis-
kussion gestellt zu werden braucht. Diese Angelegenheit
wird fernere Geschlechter beschäftigen. Heute aber kann
schon ein Vorkaufsrecht des Staates und der Gemeinden,
nicht etwa der landwirtschaftlichen Verbände, eine volle
Verstaatlichung mit ausschließlicher Verpachtung an Selbst-
bebauer allmählich einleiten.
        <pb n="24" />
        ﻿Programm des Humanistischen Sozialismus.

9'

Bei dem Ackerlande unterstützt die menschliche Arbeit
und das Kapital in allen Entwicklungszuständen die Tätig-
keit der Naturkräfte. Daher wirft der Acker, mit welchen
Pflanzen immer er besetzt sei, Dank der sorgsamen Pflege
ein Erhebliches mehr für die Ernährung der Menschen ab,
als er geben würde, wenn das gleiche Stück Erdreich
im "Wesentlichen sich selbst überlassen, je nach seiner-
physikalischen und chemischen Beschaffenheit, mit Gras
oder Nutzhölzern bepflanzt wäre. Der Mehrertrag, der aus
der menschlichen Arbeit und aus der Verwendung vom
Kapital entspringt, ist also nicht lediglich Naturerzeugnis,
gehört also nicht der Gesamtheit, sondern dem Bebauer.
Dieser hat nur den Teil, welcher lediglich den Vege-
tation skräften entspricht, an die Gemeinschaft zurückzu-
erstatten. Die Höhe des Betrages ist schätzungsweise leicht
zu finden, wenn man — natürlich nach Ländern ohne Groß-
grundbesitzungen und Schutzzoll berechnet — untersucht,
was auf dem gleichen Boden ein Waldbestand, eine Wiese-
usw. liefern würde. Diese Abgabe an das Gemeinwesen
nennen wir den Grundzins oder die Grundrente, sie ent-
spricht den Leistungen der Vegetationskräfte und gehört
der Gemeinschaft, der Nation. Die Einziehung der Grund-
zinsen vom Ackerland durch eine Grundrentensteuer würde
auch dem privaten Großgrundbesitz (den Latifundien) den
Todesstoß versetzen, soweit dieses nicht schon durch die-
fortschreitende Verstaatlichung der Wälder, Weiden, Wiesen
und unterirdischen Schätze mittelst Ankaufs geschehen ist.
Von der Einführung der Silberwährung und einer gleich-
gerichteten Doppelwährung erwarten wir schwere Störungen
des Güterumlaufes. Die Verstaatlichung des Getreidehandels
ist besonders heute als eine gemeingefährliche Methode zur
Erhaltung hochgetriebener Grundrenten zu verwerfen.

Die heutige Grundsteuer hat mit der von uns erstrebten
Grundrenten Steuer wenig zu tun, da erstere nur eine kleine^
        <pb n="25" />
        ﻿10

Programm des Humanistischen Sozialismus.

Abgabe als Zeichen der alten Oberlehnsherrlichkeit des
Staates ist. Die Grundrentensteuer im Reformstaate wird
den ganzen Ertrag, den die Naturkräfte aus freiem Antriebe
leisten, fortnehmen. Die Bauern werden heute nicht
durch Grundsteuerabgabe, sondern durch die in die
Höhe getriebenen Pachten und Hypothekenverpilichtungen
erdrückt. Die „naturale Grundrente“ ist zur „Monopol-
grundrente“ geworden, seit Grund und Boden zum Schacher-
monopol in privaten Händen herabgewürdigt wurde. Der
Begriff der Monopolgrundrente faßt daher in sich 1. die
naturale Grundrente als einfache Leistungen der Natur-
kräfte und 2. die krankhaften Steigerungen der Bodenwerte
nnter dem ausgearteten Eigentumsrechte am Boden. Diese
krankhaften Steigerungen werden völlig beseitigt werden
müssen, soll anders der Bauernstand wie die gesamte Gemein-
schaft genesen. Daher gibt es für den einsichtsvollen Bauern
keinen schärferen Gegner als den Großgrundbesitzer bzw.
den Hypothekengläubiger, die im wesentlichen vom Schweiße
der Bauern bzw. der Bevölkerung leben. Die Grundsteuer
wird erst dann zur vollen Grundrentensteuer ausgebildet
werden können, wenn die hohen Bodenwerte (Monopol-
grundrente) und die darauf beruhenden Hypothekenlasten
geschwunden sein werden.

Zur Erleichterung der Schuldzinsen fordern wir als not-
wendige Ergänzung und Entschädigung für das Sinken des
Preises der Bodenprodukte bei notwendiger Rückkehr zum
Ereihandel im Rahmen eines Aktionsprogrammes neben den
wichtigen Konvertierungen der öffentlichen Anleihen die’
fortschreitende Verstaatlichung des gesamten Ver-
sicherungswesens mit obligatorischer Versicherung jedes
Staatsbürgers. Ferner die Verstaatlichung des Hypothekar-
kredites, um den Bauern usw. durch das hiernach eintretende
Sinken des Zinsfußes und durch die Verallgemeinerung der
Wohlhabenheit die Ablösung der gesamten Hypotheken-
        <pb n="26" />
        ﻿Programm des Humanistischen Sozialismus.

11

■schulden zu ermöglichen, jedoch in größerem Maße erst
■dann, wenn durch vorsichtige Rückkehr zum Freihandel,
durch allmähliche Beseitigung des Latifundien-Besitzes ein
weiteres Sinken der künstlich in die Höhe getriebenen
Grundwerte eingetreten sein wird. Wir meinen, daß ein
Herabdrücken des Zinsfußes auf 1—1l-2 Prozent im Laufe
einiger Menschenalter durch diese Reform möglich ist. Der
.Zins als solcher ist in naher Zukunft wirtschaftlich über-
lebt, da die durch Beseitigung der heutigen Unterkonsumtion
sich künftig ausdehnende Güterproduktion den Lohn jedes
jFleißigen so sehr erhöhen wird, daß ein Zinsgenuß auf
Kosten der Arbeit keinen Sinn hat. Im übrigen wird durch
die obligatorische Versicherung — die ja auch erst bei
höherem Einkommen in vollem Maße möglich ist, da jeder
Bürger sie für sich und seine Angehörigen selbst ohne
Staatszuschuß zahlen soll — das Leben und das Vermögen
des Staatsbürgers dem Zufalle mehr und mehr entzogen
werden.

Wir halten dagegen die agrarische Forderung, die heutigen
-gesamten Grundschulden, zumal ohne Berücksichtigung der
Verschuldungshöhe, auf den Staat zu übernehmen, für
•eine neue Auflage der Assignatenwirtschaft, für ein An-
sinnen, das nur dazu dienen kann, dem ganzen Volke die
■Schulden weniger aufzuladen und den Staat dem Bankrotte
entgegen zu treiben. Ebenso verderblich ist es, für eine
Verstaatlichung bzw. Kommunalisierung des städtischen
■Grund und Bodens, zumal bei den heutigen schwindelhaften
■Grundwerten, einzutreten. Die Lösung der städtischen
"Wohnungsfrage erscheint uns vielmehr nur möglich,
wenn durch eine großartige Ansiedlung auf dem Lande,
sowie durch Dezentralisation der Industrie vermittelst Klein-
bahnen, Talsperren, Kanäle usw. der Zuzug der ländlichen
Bevölkerung in die Städte gehemmt wird. Ja, es ist keine
Frage, daß ein großer Teil der heutigen Stadtbewohner,
        <pb n="27" />
        ﻿12

Programm das Humanistischen Sozialismus.

da er die Arbeitsstätte leicht auf den modernen Verkehrs-
mitteln erreichen kann, seinen Wohnsitz auf das Land ver-
legen wird. Die städtische Wohnungsfrage ist nur ein Teil der
gesamten sozialen Frage und untrennbar mit ihr verbunden...
In der Übergangszeit zu normalen und gesunden Verhältnissen!
wird man die in vielen Städten zugunsten städtischer Boden-
spekulanten durch die „Lage“ emporgeschnellten Grundzinsen!
auf maßvolle Weise durch den Steuerweg fassen können..
Die Gesetzentwürfe und Gesetze zur Sicherung der Forder-
ungen der Bauhandwerker innerhalb des kapitalistischen!
Systems dürfen die Aufmerksamkeit von den wahren Ur-
sachen der Handwerkernot nicht ablenken. — Viel könnem
zur Linderung der Wohnungsnot auch Baugenossenschaften,,
vor allem Arbeiter und Beamte, wirken, zumal wenn sie
an dem Genossenschaftseigentum festhalten, um die Frei-
zügigkeit der Genossenschafter zu sichern. Dennoch ist
ihnen vor der Hand eine große Vorsicht anzuempfehlen,
da der gegenwärtig so hohe Stand der Bodenpreise in
Großstädten manchen Genossenschaften zur verderblichen
Fallgrube geworden ist.

Wir erblicken eine gerechte Besteuerung nur in Grund-
zinsen- und Einkommensteuer und begrüßen in der preu-
ßischen Steuerreform einen erwartungsvollen Aufstieg zu
unseren Reformvorschlägen. Besonders wird die Über-
tragung der Grundsteuer an die Gemeinden die einsichtigen.
Bauern bald über die arbeitslosen Einkünfte der Großgrund-
besitzer aufklären. Es war daher durchaus richtig, den.
Großgrundbesitzern, welche heute das Staatswesen be-
herrschen, die Bestimmung über das Maß einer Grundsteuer
aus den Händen zu nehmen. Jede wahre Steuerreform,
die zur Entlastung der heute steuerzahlenden, schwer be-
lasteten Mittelschichten führen, dabei größere Erträge liefern
soll, muß eine Verbreiterung der steuerfähigen Kreise zum
Ziele haben, muß also die Wohlhabenheit verallgemeinern,.
        <pb n="28" />
        ﻿Programm des Humanistischen Sozialismus.

18

wie das durch gerechte Reformen heute leicht möglich ist.
Wir verwerfen jede indirekte Besteuerung, doch wollen
wir auf langsamem und organischem Wege die Beseitigung
der letzteren erzielen. Die finanzielle Selbständigkeit des
deutschen Reiches im besonderen wollen wir vorläufig
• durch die Überweisung der Einkünfte aus Bergwerken,
Eisenbahnen und Kanälen erreicht sehen. Eine sogennante
„einzige Steuer“ (impöt unique, single tax) im Sinne der
Physiokraten einführen zu wollen, erscheint uns als Irrtum,
-der außerdem krankhaft emporgetriebene Grundwerte zur
Voraussetzung hat. Die Physiokratie ist, ähnlich wie andere
krankhafte Erscheinungen unserer Übergangsepoche: z. B.
^Antisemitismus und Spiritismus, eine Verirrung.

Die Grundzinserträge, die jetzt dem ganz arbeitslosen
Einzelerwerb und somit der Volksausbeutung dienen, sind
dann das Grundzinseinkommen der Gemeinschaft.

Kurzum, was für die Grundzinsreform usw. erforderlich
wird, ist ohne Härte durchführbar, und zwar um so mehr,
da jedem die Verfügung über Grundeigentum verbleibt.
Das Streben nach dem Eigentum und der Nutzverwendung
eines Gruudstückes wird also durch dieses Aktionsprogramm
nicht berührt, wenn auch in der Übergangszeit den privaten,
Bisher möglichen Steigerungen der Baustellenwerte noch
besonders durch geeignete Gesetze und Bauordnungen ge-
.steuert werden muß.

Wir sind überzeugt, daß die Überführung der Grundrente
hn die Grundzinsgemeinschaft zur Folge haben würde:

1.	Eine solche Steigerung des öffentlichen und
privaten Einkommens, daß Mittel zur öffentlichen
Schuldentilgung, zur Gewinnung neuen Ackerbodens
durch Trockenlegung von Sümpfen und Mooren unter
staatlicher Initiative und Leitung, zur besten Volks-
bildung und zu den verschiedensten gemeinnützigen
Zwecken in ausgiebigstem Maße vorhanden sein werden.
        <pb n="29" />
        ﻿14

Programm des Humanistischen Sozialismus.

2.	Die Beschränkung der für die Selbsterwerbenden'
so verderblichen, übermäßigen Kapitalansamm-
lung in einer Hand, die sich zu ihrer Erhaltung
immer auf die Privatgrundwerte und deren Beleihung
stützt.

3.	Eine erhöhte Acker- und Gartenkultur, unter
Bückbildung der gemeinschädlichen Anhäufung von
Grundeigentum in der Hand Einzelner.

4.	Die Diensfbarmachung geeigneter Privat-
industrien und Verkehrsmittel, welche den
Charakter eines der Gesamtheit verderblichen Mono-
poles angenommen haben, und die Ausnutzung der
Erfindungen und Naturkräfte zugunsten der Gemein-
schaft. Auch die Beseitigung des arbeitslosen Erwerbs
durch die Börsen-, Gründer- und Aktienschwindeleien
würde dann sicher durchzusetzen sein, zumal sich die-
Produktivgenossenschaften neben privaten und Staats-
betrieben zu immer höherer Blüte entwickeln würden..
Diesen wird das Kapital, da es sich nach unseren
Reformen nicht mehr in Grund und Boden, Hypotheken,.
Versicherungswesen usw. mühelos Einkommen sichern
kann, aus öffentlichen und privaten Quellen unter-
stetig sinkendem Zinsfüße, wodurch sich die Möglich-
keit einer Ansammlung großer Vermögen ohne Arbeit
auf Kosten aller produktiven Berufe ständig vermindern,
würde, zur Verfügung stehen.

Den großen wirtschaftlichen Verbänden gegenüber-
wird in Zukunft die demokratische Staatsleitung im
Interesse der Gesamtheit auf Grund neu geschaffener-
Stellung zur Vermittelung berufen sein, um die Über-
griffe der Syndikate, Trusts, Genossenschaften usw.,.
welche bei Mißbrauch ihrer Machtfülle eine große-
Gefahr in sich bergen, zurückzuweisen. Sie wird das
am besten können, wenn die Urquelle aller Güter
        <pb n="30" />
        ﻿Programm des Humanistischen Sozialismus.

15

und Produkte, der Grund und Boden mit allen seinen
Schätzen, in den Händen der Allgemeinheit ist, da
sie Betrieben, welche sich Übergriffe erlauben, das
Rohmaterial versagen kann. Das wird um so eher
der Fall sein, je mehr sich in Zukunft der Veredelungs-
prozeß der einzelnen Rohstoffe in seiner ganzen Reihen-
folge in denselben Händen konzentrieren wird.

Konsumgenossenschaften (Warenbanken), mit all-
mählicher Ausmerzung des unnötigen Zwischenhandels,
können im allgemeinen nur die Konsequenz der sozi-
alen Neuordnung, nicht aber für dieselben grundlegend
sein. Außerdem ist die Errichtung von Konsum-
genossenschaften leicht geeignet, die Aufmerksamkeit
der Massen auf eine falsche Spur zu leiten, da bei
ihnen nur die Ausmerzung des Zwischenhandelsprofites
in die Augen springt. Bei der Gründung von Pro-
duktiv- bzw. Baugenossenschaften ist es dagegen
leicht, den Blick der Interessenten auf die Ausbeutung
durch Grundrente und Kapitalzins zu lenken und so
den ruhigen Weg der Reform zu fördern. Durch
Beseitigung dieser arbeitslosen Einkommen heben wir
die Produktion und zugleich den Konsum der Massen,
wie es ja keinem Staatsmanne mehr zweifelhaft ist,
daß der Gewerbefleiß auf die Dauer nur dort blühen
wird, wo vor allem für den Absatz der Produkte im
Inlande Sorge getragen wird.

5.	Den weiteren Ausbau der Arbeiterschutzgesetz-
gebung, die vorderhand in langsamerem Tempo vor-
zugehen hat, bis die Kreise der Arbeitgeber, auf deren
Schultern dieselbe wesentlich gelegt ist, gegenüber
der Ausbeutung durch Bodenrente und Zinsverpflich-
tungen, durch eine entsprechende Gesetzgebung ge-
stärkt sind. Die Arbeit von Kindern in Werkstätten und
Fabriken aber ist ein Verbrechen gegen die Menschheit.
        <pb n="31" />
        ﻿16	Programm des Humanistischen Sozialismus.

6.	Eine kräftige Förderung der berechtigten, sittlichen
Frauenemanzipation. Wenn auch in Zukunft
nach sozialen Reformen eine weit größere Zahl von
Frauen als heute Gelegenheit zur Eingehung einer Ehe
finden werden, so wird doch eine Hebung des weib-
lichen Geschlechts auf ein höheres Niveau allgemeiner
Bildung sowohl der Familie als dem Staate zugute
kommen. Denen aber, welche ehelos bleiben wollen
und begabt sind, muß bei voller Gleichberechtigung
mit dem Manne Gelegenheit zur Ausbildung ihrer
Geistesgaben in allen den Berufen gegeben werden,
welche in der sozialistischen Gesellschaft von irgend-
einem Werte für den Fortschritt der Menschheit sind.
Es muß hier, wie bei fast allen Reformbestrebungen,
•ausdrücklich betont werden, daß die bürgerlichen
Frauenrechtlerinnen viel zu wenig die Reform der ökono-
mischen Grundlagen im Volksleben betont haben, und
•doch sollte jedem, der öffentliche Dinge betreibt, klar
sein, daß die ökonomischen Zustände, die Menge und
vor allem die Art der Verteilung der Produkte maß-
gebend für den jeweilig erstrebten Kulturzustand sind.
Aber die meisten von den bürgerlichen Reformern
wollen nicht auf den arbeitslosen Genuß auf Kosten
der Arbeit verzichten und betreiben daher eine einzelne
Frage, welche sich gewöhnlich an der ökonomischen
vorbeidrückt. Sie sehen den inneren Zusammenhang
aller Fragen nicht oder wollen ihn nicht sehen.

7.	Die umfassendste Verbesserung der Beamten-,
Lehrer- usw. Gehälter in allen, besonders den
unteren Stufen.

8.	Eine mächtige Förderung der Friedens-
bewegungen. Unter der heutigen schlechten wirt-
schaftlichen Verteilung ist der Militarismus als großer
und dabei unproduktiver Konsument für die produk-
        <pb n="32" />
        ﻿Programm des Humanistischen Sozialismus.

17

tive Arbeit ein Segen, denn wenn es heute, wo so
viele kräftige Männer unter Waffen stehen, schon
überflüssige Arbeitskräfte gibt, wohin würde man
kommen, wenn ohne Verbesserung der Arbeitsgelegen-
heiten bei plötzlicher Abrüstung dieser Zufluß die
Arbeitslosigkeit vermehren würde? Es muß daher
jede Friedensbewegung, wenn sie klar gedacht und
ehrlich für das Gesamtwohl gemeint ist, die Sozial-
reform in unserem Sinne zu fördern suchen, ja zur
Vorbedingung haben. Im übrigen ist es höchste Zeit,
der Wertschätzung des Militarismus ein Ende zu
setzen, denn nicht allein auf die bürgerlichen Kreise
ist sein Einfluß hemmend und störend, sondern auch
auf die wissenschaftlichen Bestrebungen wirkt er, wie
das besonders in den jüngsten therapeutischen Er-
rungenschaften der Medizin zu bemerken ist, verflachend
und verödend ein.

9.	Die Hebung der sittlichen Zustände, welche
unter dem kapitalistischen System in erschreckender
Weise entartet sind. — Besonders wird eine allgemeine
körperliche, geistige und sittliche Erneuerung der
zivilisierten Völker in allen Schichten stattfinden durch
Beseitigung oder mindestens starke Verringerung des
Genusses sowohl der alkoholischen Getränke wie des
Kaffees, des Tees und des Tabaks, zumal wenn dazu
eine positive Hygiene von Jugend auf treten wird.
Denn vom Boden der modernen Weltanschauung
wissen wir, daß der Geist, die Seele nicht etwas vom
Körper Getrenntes ist, das, von außen in denselben
hineingeraten, ohne engste Beziehung zu ihm lebt,
sondern daß der Geist, die Seele lediglich als eine
Erscheinungsform des gesamten Körpers besteht, daß
demnach auch das geistige und sittliche Verhalten
dem Befinden des gesamten Organismus entsprechen

Wehberg, Die Bodenreform.	2
        <pb n="33" />
        ﻿18	Programm des Humanistischen Sozialismus.

muß. Daher legen wir den größten Wert auf die
harmonische Ausbildung des gesamten Körpers: mens
sana in corpore sano.

10.	Die Hebung der wirtschaftlichen und sozialen Ver-
hältnisse wird unabhängige und selbstbewußte Männer
heranziehen. Ganz besonders wird das von den aka-
demischen Berufen gelten. Wir sind von Standesvor-
urteilen völlig frei; aber es muß immer wieder gesagt
werden, daß ein sehr großer Teil der akademisch
Gebildeten, auf Almosen und Stipendien angewiesen,
zu willfährigen Dienern des Kapitalismus herabsinkt.
Erst dann wird diese Knechtseligkeit verschwinden,
wenn durch soziale Reformen das Einkommen der
Staatsbürger so gehoben sein wird, daß sie sich als
unabhängige Männer fühlen, aus eigener Kraft ihren
Kindern die Wege zu allen Berufen ebnen und sie in
dem Geiste der Freiheit und der Solidarität des Menschen-
geschlechts erziehen können.

V.

Wir erstreben die Durchführung dieser Forderungen —
zum Teil Zug um Zug als friedliches Aktionsprogramm der
nächsten Zukunft behandelt — nur unter gleichzeitiger
Sicherung der nationalen Freiheit. Wir erklären also die
freiheitlichen Bestimmungen für genau in demselben Maße
unzertrennbar von unserem Programm, wie die wirtschaft-
lichen. Wir verlangen die freieste bürgerliche und staats-
bürgerliche Selbstbestimmung aller Bürger und Bürgerinnen
auf der Grundlage der wirtschaftlichen Wohlfahrt.

Wir sind überzeugt, daß es nur des richtigen Verstehens
und der wahren Beherzigung dieser Grundsätze bedarf,
um dieselben zur allgemeinen Volksforderung zu erheben.
        <pb n="34" />
        ﻿II.

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

1891.

Die Neugestaltung der Gesellschaft fordert mehr und Die soziale
mehr die Aufmerksamkeit der weitesten Kreise
heraus: die soziale Frage ist die zentrale Frage ge-
worden. Starr steht die große Menge vor der rapiden
Entwicklung dieser Frage, auf welche sie keine Antwort
zu finden vermag. Ja, selbst eine ganze Anzahl der besten
Männer hält den Gang der wirtschaftlichen Entwicklung
für ein Fatum, das für die Menschheit zum Verderben aus-
schlagen werde und in seinem Laufe nicht gehemmt werden
könne. Und nicht ganz mit Unrecht will der schwärzeste
Pessimismus recht behalten! Ist doch auch bis heute der
Optimismus jener großen Entdecker und Erfinder am Ende
des vorigen und im Anfänge dieses Jahrhunderts gründlich zu-
schanden geworden, die von der Erschließung der Naturkräfte
nur Segensreiches für alle Menschen erhofften. In noch weit
stärkerem Maße als jener Denker des Altertumes waren
sie berechtigt, von der Ersetzung menschlicher Arbeit durch
Maschinen eine Erleichterung menschlicher Anstrengung
und der Beschaffung von Reichttimern, welche allen zugute
kämen, zu erwarten. Sie erfreuten sich bei ihrem Wirken
an dem Gedanken, daß die Beherrschung der Naturkräfte
durch geniale Verbindung von gleichsam bisher ruhenden

Atomen über alle Menschen unendlichen Segen bringen

2*
        <pb n="35" />
        ﻿20	Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

würde. An die Stelle menschlicher Sklaven sollten eiserne
treten, die keine Ermüdung zeigten und nach dem Willen
des menschlichen Geistes rastlos Tag und Nacht für die
weitesten Bedürfnisse aller sorgen würden. Alle ohne
Ausnahme sollten an den Segnungen der Kultur teilnehmen,
denn für alle waren die großen Geister tätig gewesen.

Aber ganz das Gegenteil ist in bezug auf das Wohl-
ergehen der Massen eingetrolfen. Wohl ist die Produktion
ins Ungeheuere vermehrt, wohl schaffen keuchende Maschinen
große Reichtümer, mehr als genug, um alle in Wohlstand
und Zufriedenheit zu setzen, und doch ist Elend und Armut
größer als je, die Unzufriedenheit ist im Zunehmen begriffen.
Wohl ist es unmöglich gewesen, alle Fortschritte der Kultur
und ihrer Segnungen von den Massen ganz abzuhalten, da
diese selbst, erwacht aus dumpfem Knechtessinn, nun teil-
zunehmen wünschen an den Gaben des Zeitalters. Gewiß
ist nicht zu leugnen, daß sie bei steter Beschäftigung, bei
gutem Geschäftsgänge absolut höhere Löhne als vor 40 Jahren
haben, daß sie in besser gebauten Wohnungen hausen und
anständigere Kleidung tragen, und doch ist die Ruhe und
die Zufriedenheit mit ihrer Lage verschwunden. Es ist,
wie wir noch zeigen werden, der heutigen wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Ordnung immanent, daß dem Arbeiter
die Stetigkeit der Arbeit und der Wohnstätte im großen
und ganzen abhanden gekommen ist. Nicht allein, daß er
bei schlechtem Geschäftsgänge, welcher nun seit einer Reihe
von Jahren andauert, bei verkürzten Arbeitsstunden weniger
verdient oder gar brotlos wird, auch bei flottem Betriebe
hat der Arbeiter von heute nie das Gefühl mehr, dauernd
an seine Stelle gefesselt zu sein. Er weiß oder fühlt
instinktiv, daß seine Kraft, seine Leistung nur als eine
Ware wie jede andere betrachtet wird, deren sich der
Unternehmer zu jeder Zeit nach freiem Willen entledigen
kann. Nirgends hat der Arbeiter heute, zumal bei Aktien-
        <pb n="36" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

21

gesellschaften, das Bewußtsein, daß er ein heiliges Recht
auf Arbeit habe, daß er um seiner selbst, um seines Menschen-
antlitzes willen in Beschäftigung sei. Man redet vom freien
Arbeitsvertrage zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer,
aber in Wahrheit herrscht ein Zustand, welcher schlimmer
als der Feudalismus des Mittelalters ist. Will man nun
endlich auf Initiative unseres Kaisers zur Betätigung der
Gleichberechtigung schreiten, will man Einrichtungen treffen,
in denen beide Teile miteinander auf dem Boden der
Solidarität der Interessen verhandeln, dann muß man er-
leben, daß sich das Unternehmertum zum Teil zurückziehen
und frondieren will.

Ja, der Geschäftsführer des Zentralverbandes deutscher
Industrieller erklärte auf der Generalversammlung des Ver-
eines für Sozialpolitik, die Arbeitgeber würden sich niemals
zu solchen Vereinigungen herablassen. Nun, die guten
Herren, welche ihre Macht gegenüber den Arbeitern gerade
diesen Arbeitern verdanken, werden schon in den sauren Apfel
beißen müssen. Je mehr die Einsicht und damit das Selbst-
gefühl des Lohnarbeiters erwacht, um so größer wird der
innere Zwiespalt, und die Unzufriedenheit wächst, zumal er sich
sagen muß, daß ihn gerade die Beraubung der Früchte seiner
Arbeit fortwährend so elend und so unsicher in seiner Lage
macht. Und nicht er allein leidet; er muß sehen, wie seine An-
gehörigen darben, wie seine Kinder früh dahinsiechen, und
sein Weib sich neben ihrer häuslichen Tätigkeit noch im Dienste
anderer abplagen muß, um das Nötigste zu dem kargen
Verdienste des Mannes zu schaffen. Wer wagt es, unter
dem heutigen Ausbeutungssystem einen Stein auf den Elenden
zu werfen, der durch schwere Arbeit, geringen Lohn, Ent-
behrungen, dunstige Wohnung dem Alkohol verfällt, in dem
er Betäubung seiner Mattigkeit und Vergessen seiner elenden
Tage sucht! Wer will ihm fluchen als einer entarteten
Kreatur! Sollte man nicht denen fluchen, welche den Bruder
        <pb n="37" />
        ﻿22	Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

durch eine Ordnung, welche sich auf schlechte Gesetze
stützt, so zum Tiere erniedrigen!

Aber nicht allein die sogenannten Lohnarbeiter leiden!
Was der sozialen Frage unserer Zeit ihr besonderes Ge-
präge gibt, ist die Erscheinung, daß nach und nach auch
die Berufe und Stände, welche früher an der Ausbeutung
der Massen teilnahmen, jetzt selbst unter die Schraube der
Ausplünderung gekommen sind. Wir sehen den vordem
so mächtigen Adel in dem größten Teile seiner Mitglieder
an dem Bande des Buins. Es ist ein Mächtigerer über
die Beste des Feudalismus gekommen, der Kapitalismus
treibt in viel raffinierterer Weise Straßenraub, als ehedem
der Baubritter. Bothschild und Konsorten saugen dem
Adel das Mark aus, und in ohnmächtiger Wut sucht dieser
sich der unbarmherzigen Vampyre zu entledigen. So rächt
sich alle Schuld; denn nicht alles ist mit den Phrasen
einer materialistischen Geschichtsauffassung zu ent-
schuldigen. Selbst der Nachwuchs der Unternehmer sieht
sich durch den Mächtigeren in seinen autokratischen Ge-
lüsten beschränkt: der Mangel an Absatz oder, wie es
in diesen Kreisen heißt, die Überproduktion schlägt ihn zu
Boden. Aber auch freie Berufe, welche von dem üblen
Befinden der Massen lebten, wie Advokaten, Arzte und
Apotheker usw., sind aus ihrem zum Teil recht egoistischen
Betriebe auf Kosten der sittlichen Ordnung und Gerechtig-
keit aufgerüttelt, und nur wenige von ihnen sind in der
Lage, ein solches Dasein fortzusetzen.

Überall also Druck und Sorge um die Existenz, da auch
der Mittelstand von Tag zu Tage sich verringert und seine
Glieder in das Proletariat sinken. Und so schnell geht der
Auflösungsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft vor sich,
daß, wenn man dem Laufe der Entwicklung nicht Einhalt
gebietet, in kurzer Zeit die menschliche Gesellschaft inner-
halb der zivilisierten Staaten in einige Dutzend Milliardäre,
        <pb n="38" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

23

denen alles gehörte, und in den großen Haufen besitzloser
Proletarier zerfallen würde. Nun, unsere Hoffnung ist, daß
es so weit nicht kommen wird, denn aus solchem Zustande,
in welchen die Menschheit, erstickend an ihrem Überflüsse,
geraten wäre, würde nur die blutigste aller Revolutionen
und die universelle Konfiskation nach kommunistischem
Rezept der Sozialdemokratie Rettung bringen können.

Haß es aber soweit gekommen ist mit uns, daß wir vor
solcher Alternative stehen, ist unsere Schuld, ist der Fluch
der Habgier und der Genußsucht, durch welche wir die
Menschenrechte der Brüder verachtet haben. "Wohl haben
wir große Fortschritte in den Naturwissenschaften gemacht,
wohl ist es uns gelungen, an Stelle der Kargheit Reichtümer
hervorzuzaubern, mehr als für alle genug. Aber wir haben,
da wir die Liebe außer acht ließen, lange vergessen, die
gesellschaftlichen Grundlagen den veränderten wirtschaft-
lichen Bedingungen anzupassen. Nun ist uns der Zwiespalt
zwischen sozialer Ordnung und veränderter Produktion so
jäh gekommen, daß es nicht wundernehmen kann, wenn
sich in den Vorschlägen zur Neuordnung der Gesellschaft
eine radikale Überstürzung breit macht, die besonders auch
durch den starren Widerstand der beati possidentes gegen
.jede Reform genährt wird. Nicht gegen die Sozialdemo-
kratie ist es nötig, zum Kampfe aufzurufen, da sie bei
grundlegenden Reformen bald zerfallen wird, sondern gegen
die, welche sich zu Verteidigern der kapitalistisch-aus-
beuterischen Ordnung aufwerfen, und deren eigentliche
Repräsentanten in dem sogenannten Manchestertum ver-
einigt sind. Man darf kühn sagen, der Feind der Kultur
ist nicht der demokratische Sozialismus, sondern das
Manchestertum, da ersterer nur durch letzteres zum Ziele
gelangen kann.

Zum Glück aber kann man behaupten, daß die Reihen
des Manchestertums immer mehr gelichtet werden, und

Der

Sozialis-

mus.
        <pb n="39" />
        ﻿24

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

die Schar jener Männer anschwillt, welche für eine fried-
liche nnd gründliche Sozialreform eintreten wollen. Diese
Männer, samt und sonders, bezeichnen wir mit dem Namen
Sozialisten, insofern sie im bewußten Gegen-
sätze zur kapitalistischen Ordnung an eine Neugestaltung
der menschlichen Gesellschaft herangehen wollen. Der
Sozialismus sieht in dem Menschen mehr als ein Arbeits-
instrument und erkennt der Gesellschaft das Hecht und
die Pflicht zu, im Interesse des Einzelnen wie auch ganz
besonders in dem der Gesellschaft für eine Neuordnung
der Gemeinschaft Sorge zu tragen, in der eine Lebens-
haltung in wirtschaftlicher Beziehung des Einzelnen vor-
gesehen ist, welche den jeweiligen Produktionsbedingungen
und vernunftgemäßen Ansprüchen entspricht. Alle wollen,,
daß man in der Arbeit eine heilige Pflicht erkenne, daß
sie körperlich und geistig dem Einzelnen zum Segen ge-
reiche, nicht, daß ein Teil von ihr erdrückt werde und
verkomme, nicht daß ein anderer in Nichtstun sein Leben
verfehle.

Je mehr der einzelne heute auf den anderen angewiesen
ist, desto größer ist die Gefahr, daß bei einer verkehrten
sozialen Ordnung der Schwächere durch den Stärkeren
ausgebeutet wird. Und dies um so mehr, wenn geschriebene
Gesetze Formen von Diebstahl erlauben, welche fast gar
nicht mehr auffallend erscheinen, wie z. B. den Zinsbezug..
Je größer die Vergesellschaftlichung der Arbeit wird,
um so schärfer müssen die Grundlagen in Sitte und Recht
gegenüber der Pfiffigkeit gezogen werden, da sonst die
Heiligkeit des wirklichen Eigentumes verschwinden und
einem rohen Kommunismus Platz machen würde. Was die
kapitalistische Ordnung von heute so gefährlich macht,,
ist eben der starke kommunistische Zug, der ihr anhaftet,
daß Leute durch Gesetze und Rechte sich die Arbeit
anderer aneignen können, denn Rente, Zins und Unter-
        <pb n="40" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.	25-

nehmergewinn sind Formen einer rohen kommunistischen
Ausbeutung.

Im bewußten Gegensätze zu diesen Zuständen tritt der
Sozialismus auf. Er will, daß für jeden, der arbeitet, die
Tafel des Lebens gedeckt sei; er will, daß die Gesellschaft
sich ihrer Pflichten, welche sie den einzelnen gegenüber
hat, wieder erinnert, die, welche ihr im Laufe der geschicht-
lichen Entwicklung abhanden gekommen sind, in geläuterter
Form wieder auf sich nimmt.

Ist jene oben gegebene Charakteristik allen sozia-
listischen Gruppen, — wir unterscheiden den demokra-
tischen, Staats- und humanistischen Sozialismus — gemein-
sam, so gehen die Wege, welche die einzelnen einschlagen,.
sehr auseinander und ebenso sind ihre letzten Ziele ver-
schieden.

Der demokratische Sozialismus hält auf Grund
einer materialistischen Geschichtsauffassung nach Marx
die Zeit für gekommen, wo nicht nur Grund und Boden,
sondern auch alle Produktionsmittel in den Besitz der Ge-
sellschaft übergehen sollen, welche dann zur Leitung des
demokratischen Gemeinwesens sogenannte Omniarchen als
Leiter bestellen würde. Wir sehen dabei von Engels’ und
Bebels Äußerungen über „das Absterben des Staates“ ab,.
— welchen eine so zentralisierte, straffe Leitung nicht für
ein demokratisches Gemeinwesen zu passen schien —, da
diese offenkundig damit die Anarchie proklamieren, und
erwähnen es nur, um zu erinnern, wie unklar selbst den
Führern der Zustand ihres Staates ist. In dem Programme
der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands vom Mai 1875,
heißt es:

„Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur
und, da allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die Ge-
sellschaft möglich ist, so gehört der Gesellschaft, d. h. allen
ihren Gliedern, das gesamte Arbeitsprodukt bei allgemeiner"
Arbeitspflicht, nach gleichem Rechte, jedem nach seinen.
        <pb n="41" />
        ﻿26

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

vernunftgemäßen Bedürfnissen. — Die Befreiung der Arbeit
erfordert die Verwandlung der Arbeitsmittel in Gemeingut
der Gesellschaft und die gemeinschaftliche Regelung der Ge-
samtarbeit mit gemeinnütziger Verwendung und gerechter
Verteilung des Arbeitsertrages.“

Worauf es unserem Standpunkte gemäß ankommt, wäre
"vor allem die gerechte Verteilung des Arbeitsertrages im
sozialdemokratischen Staate. Daß in ferner Zukunft es
möglich sein wird, nicht allein Grund und Boden, sondern
auch den größten Teil des Kapitales den Händen der Ge-
sellschaft zu überweisen, unterliegt für uns keinem Zweifel.
Aber das letztere wird noch so lange dauern, bis die
Menschen in intellektueller und moralischer Beziehung so
gleich geworden, daß von Neid und niedriger Habsucht
keine Bede sein kann. Die Leitung der Produktion und
logischer Weise auch der Konsumtion der Gesellschaft
übergeben, heißt eine Ochlokratie heraufbeschwören, die
Verteilung des Arbeitsertrages von Gesellschaftswegen zu
bestimmen, heißt einem schlimmeren, grausameren Kom-
munismus verfallen, als der ist, der uns jetzt aus-
plündert. —

Da der demokratische Sozialismus nach gewaltsamer
Expropriation eine Entschädigung nur in Lebensbedürfnissen
.ausgibt, so ist damit eine reine Konfiskation ausgesprochen,
ein grober Rechtsbruch proklamiert, vor dem sich eine
Partei, welche sich brüstet, Gerechtigkeit erst einführen zu
wollen, scheuen sollte. Und doch wäre um des unendlichen
Erbarmens mit der enterbten und verelendeten Masse unserer
Brüder willen der Weg zu begehen, wenn sich kein besserer
aus dem heutigen Elend böte.

Statt aber eine höhere, edlere Eigentumsform, welche
sich auf „eigen Tun“ gründet, zu erstreben, ist der
•demokratische Sozialismus nichts als Kommunismus. Wie
heute wenige Tüchtige die Menge auf Grund schlechter
Gesetze ausbeuten, so will der Kommunismus als Besserung
        <pb n="42" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

27

•die Ausbeutung weniger Tüchtiger durch die große Masse.
'Wie ersteres verwerflich, so ist letzteres ebenso un-
. annehmbar.

Mit diesen Einwänden ist auch der Kern der Gegen-
; gründe gegen den Kommunismus von unserem wirtschaft-
lichen Standpunkte aus getroffen, nicht aber etwa mit solchen,
welche der Begründer der „Freisinnigen Zeitung“ unter
dem Titel „Sozialdemokratische Irrlehren“ ins Feld führt.
Eugen Richter will die Bestrebungen der Sozialdemokratie
:z. B. damit vernichten, daß er ihren Anhängern vorhält, bei
einer gleichen Verteilung .der Produktion kämen kaum
:200 Mark mehr auf die Familie und deshalb lohne es sich
nicht, Räuber und Mörder zu sein. Natürlich sind ihm
•Grundrente, Zins und Untemehmerprofit ein Intangibile.
Aber weiß er denn nicht, daß die Gütervermehrung infolge
der Anhäufung der großen Vermögen in wenigen Händen
gehemmt ist, da sich die Konsumtion in umgekehrtem Ver-
hältnisse zu ihr befindet? Die Produktion wird gewiß bei
gerechter Verteilung des Arbeitsertrages, ohne daß des-
wegen der sozialdemokratische Staat festgesetzt werden
müßte, eine zehnfach höhere sein.

Wie der Kommunismus in dem Umsturz alles Bestehenden
die Rettung erblickt, so erstrebt der Humanistische
Sozialismus — humusethumanitas— der Bodenreformer
in langsamer und organischer Weise, in Anknüpfung an die
bestehenden Zustände eine Neuordnung, welche sowohl der
Gerechtigkeit als auch den individuellen und sozialen Be-
dürfnissen der Gegenwart und der Zukunft nach jeder Weise
Rechnung trägt.

Der Humanistische Sozialismus vernichtet nicht den
Individualismus, den die Sozialdemokratie notwendig zer-
stören muß, er rottet nicht das sittliche Selbstgefühl aus,
er läßt im Gegenteil den einzelnen die volle Freiheit und
beschränkt sie nur soweit, als ihre Selbstsucht mit den
        <pb n="43" />
        ﻿28

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Schädlich-
keit des
privaten
Grund-
eigentums.

Interessen anderer kollidiert. Zwar ist dieses auch die-
Lehre der Vertreter der kapitalistischen Ordnung, aber der
Humanistische Sozialismus wird erst die Erfüllung bringen,
indem er soziale Grundlagen schafft, auf denen ein wahr-
haft gerechter Ausgleich der wirtschaftlichen und sittlichen
Forderungen aller stattfinden kann. Beseitigen will er noch
heute geltende rohe Formen des Kommunismus in dem
kapitalistischen Eigentum, welche nicht auf „eignem Tun“,,
sondern auf Ausbeutung beruhen. Er fordert, wie wir noch
ausführen werden, die Rückkehr des Grund und Bodens;
unter die wirkliche Oberhoheit des Volkes, der Gemeinschaft,,
wie sie im Staate verkörpert ist, unter Anerkennung der-
gleichen Rechte aller Bürger auf denselben. Die Boden-
reformer halten Not und Elend, wie sie heute in den Kultur-
staaten herrschen, nicht für eine unabwendbare Schickung
Gottes, sondern für eine Folge menschlichen Unverstands
und menschlicher Habsucht. Die Erde soll allen Menschen
gehören, um darauf glücklich zu sein und sich in Tugenden
zu üben, deren höchste die Selbstverleugnung und die Liebe
zu den Brüdern sind.

Damit, will der Humanistische Sozialismus eigentlich
nichts Neues, er will im Gegenteil uralte, ewige Wahrheit
wieder voll zur Geltung bringen, freilich in vollem Einklange-
rnit der wirtschaftlichen Entwickelung, der fortgeschrittenem
Arbeitsteilung. Es kann den Bodenreformern nicht einfallen,,
an die Verwirklichung ihres Programms so zu denken, als
sollen nun alle Menschen ein gleiches Stück Land haben,
um sich darauf zu ernähren, eine Beschuldigung, welche nur-
naiver Denkweise entspringen kann. Die Nationalisierung des;
Grund und Bodens, des Grundzinses kann unter völliger Frei-
heit im Verkehr mit Ackerland zum Ausdruck gebracht werden.

Wie aber das private Grundeigentum in seiner von der
Oberhoheit des Volks losgelösten Form die Ursache der
sozialen Not ist, soll nunmehr ausgeführt werden.
        <pb n="44" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

29

In den Anfängen der Kultur, in primitiven Gemeinwesen
-war und ist der Grund und Boden ein freies Gut. Jede
Familie besiedelt ein Stück Land, um ihre Bedürfnisse,
welche ja unter diesen Zuständen einfacher und materieller
_ Natur sind, zu befriedigen, oder bei Mehrung der Ansprüche
in den Formen der Naturalwirtschaft Produkte gegen Produkte
.auszutauschen. Immer aber ist der Besiedelung und her-
nach der Bebauung günstiges Land in Fülle vorhanden;
die Stammesgenossen sind alle in der Lage, sich genug
Land und von genügender Qualität zu sichern. Nimmt die
Bevölkerung zu, so daß die junge Brut gezwungen ist, aus-
zuziehen und schwierigeres Land in Angriff zu nehmen,
welches mehr Arbeit erfordert, um gleichviel Erträgnisse
.abzuwerfen, immer noch findet jeder in jenen Verhältnissen
die Befriedigung seiner Bedürfnisse. Der höhere naturale
Nutzwert des Bodens braucht in diesen Gemeinwesen, die
später bei größerer Ausbreitung wenig Zusammenhängen,
von den Bodenbenutzern nicht extra bezahlt zu werden.
Man kennt praktisch und noch viel weniger theoretisch eine
Grundrente. Dazu kommt noch, daß in allen diesen niederen
politischen Bildungen ein gewisser Kommunismus herrscht,
zum mindesten ein Agrarkommunismus. Unter dieser Form
der Güterverteilung freilich kommt wenig oder gar nichts
darauf an, daß sich die Gesamtheit von den Benutzern die
natürlichen Mehrleistungen des Bodens vergüten läßt, denn
alle nehmen ja in gleicher Weise an den Erträgen sämtlicher
Bodenqualitäten teil.

Je höher die Kultur steigt, je dichter die Bevölkerung
wird, je mehr die Eigentumsbegriffe klarer in die Erkenntnis
treten, wird der Boden, der zur Kultur sich eignet oder
ohne zu große Arbeit reiche Erträge gibt, seltener, und
einzelne suchen die Vorteile günstigerer Bodenleistungen
für sich auf Kosten der Gesamtheit in Anspruch zu nehmen.
Fast alle Völker haben im Laufe weiterer Entwicklung in
        <pb n="45" />
        ﻿30

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

ihren Rechtsbegriffen zugelassen, daß sich einzelne die-
Leistungen der Natur, wie sie im Boden sich überall zeigt,
aneigneten und anderen erst überließen, wenn diese ihnen
diese Arbeit der Natur vergüteten, obwohl nichts klarer
sein kann, als daß sie der Gesamtheit gehören, und diese
den Entgelt hätte einziehen müssen.

Das Lehnsrecht bei den germanischen Völkern im Mittel-
alter überließ zwar auch den Boden einzelnen, aber nur
gegen feste Bestimmungen, nach welchen sowohl die Inhaber
des Lehens selbst Dienste leisten — Heeresfolge, Brücken-
bau usw. — wie nach unten hin für die Existenz der Unter-
gebenen Sorge tragen mußten. Für jeden Menschen war auch,,
so lange diese Ordnung bestand, welche der wirtschaftlichen
Entwicklung wohl entsprach, gut gesorgt, und es ist bekannt,.,
daß der Teil an dem Nationalvermögen, welcher der Tage-
löhner in den guten Zeiten des Mittelalters erhielt, höher
war, als er es in unseren Tagen ist. Er aß, trank, kleidete-
sich und wohnte relativ besser und hatte nicht die Plagen
und Sorgen um den kommenden Morgen wie der sogenannte-
freie Arbeiter von heute. Auf den Grundstücken, welche
der Leibeigene bebaute, lagen feste Lasten, die, so lange
Recht und Gesetz schützte, nie willkürlich erhöht werden
konnten. Was der Bauer mehr erarbeitete, gehörte ihm,,
und auf den Gütern des Herrn genossen die unfreien Leute
vollauf alle Vorteile, welche dem Herrn durch Verbesserung,
der Technik zufielen. Denn dieser konnte die Mehrerträge
seines Einkommens, welche über die Befriedigung seiner -
immerhin weiten Bedürfnisse hinausgingen, nicht anders
anwenden, als daß er sie selbst mit seinen Freunden, seinem
Gesinde, durch Bauten Prunksachen aufbrauchte, oder in.
Verbesserung der Produktion anlegte. Zinsbringend, heckend
waren sie auf Grund und Boden nirgend anzubringen, da
ja seinen Bauern die freie Verfügung über den Boden fehlte..

Daß auch hier schon die Unterschiede in dem natürlichen.
        <pb n="46" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

31

Nutzwerte des Bodens beachtet und der Bauer, welcher
günstigeren Boden bebaute, höhere Abgaben dafür zu zahlen
hatte, war natürlich. Aber im großen und ganzen kann
man sagen, daß der Bezug dieser Grundrente in jenen
Zeiten, wenn auch durch die Hand der Lehnsherren, der
Allgemeinheit zu Gute kam.

Als im späteren Mittelalter das Ansehen der kaiserlichen
Macht sank, der Adel mit den Städten in blutigen Fehden
rang, wurde auch das Lehnrecht zu einer schalen Form
ohne lebenskräftigen Gehalt. Nicht allein, daß der Bauer
der Prügelknabe beider Lager wurde, die Ausbeutung der
Herren war so rücksichtslos, daß er bald nichts mehr sein
eigen nannte. Schwer seufzten die Bauern und murrten
gegen ihre Peiniger. Geheime Verschwörungen bildeten sich,
es sei nur an den „armen Konrad“ und den „Bundschuh“
erinnert. Jener große Kampf, welcher den Namen des
Bauernkrieges führt, war ja mehr ein Ringen um die Exi-
stenz als um religiöse Wahrheiten. Blutig wurde er nieder-
geschlagen, und unser Vaterland hat bis zur Neige des
vorigen Jahrhunderts seine Bauern unter dem schweren
Drucke der Mißhandlung und Ausbeutung als Leibeigene
geknechtet gesehen.

Es war unter solchen Zuständen natürlich, daß andere
Formen des Bodenbesitzes in die Erscheinung treten mußten,
um die Bauern zur Betreibung ihres Gewerbes anzuregen,
denn von den Herren wurden sie immerfort schlechter be-
handelt und ausgezogen. Schon im 16. Jahrhundert trat
die freie Belehnung, Kauf und Pacht des Bodens, auf, die
aber erst durch die Erschütterungen der französischen
Revolution zum allgemeinen Durchbruch kam und sicher
als solche ein wichtiges Mittel gewesen ist, den Gewerbe-
Heiß in ungeahnter Weise zu heben. Aber der freie Handel
mit Grund und Boden ist nur eine Durchgangsstufe gewesen,
sofern er als Ablagerungsstätte des Kapitalismus gedient hat.
        <pb n="47" />
        ﻿32

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

So wertvoll die freie Verfügung über den Boden seitens
des Besitzers ist und so wenig sie im allgemeinen angetastet
werden darf, so unheilvoll ist die Vernachlässigung der
ewigen Gesetze gewesen, daß der Grund und Boden Eigen-
tum der Gesamtheit ist. Er ist ein freies Geschenk der
Natur an alle, welche durch den Staat in entwickelteren
Gemeinwesen vertreten sind. Dieser überläßt das Produktions-
instrument an die einzelnen, welche ihn benutzen können,
aber an das Gemeinwesen die Leistung der Naturkräfte,
welche man Grundrente nennt, vergüten. In einem Staate,
wo die Gerechtigkeit thront, gehört diese Grundrente dem
Staate, man darf in solchem Wesen erwarten, daß die Grund-
rente der faktische Ausdruck der wirklichen naturalen Nutz-
leistung des Bodens ist, daß sie nicht die letztere über-
steigt, wie es heute der Fall. Aber wir müssen heute dafür
leiden, daß man nicht der ewigen Gerechtigkeit und ihren
Anforderungen gefolgt ist, daß man den Boden dem Schacher
anheimgegeben, daß man einzelnen erlaubt, die Leistungen
des Bodens in ihre Hände zu bringen. Sehen wir von dem
altbefestigten Großgrundbesitze ab, so ist es immer mehr
das Streben der Pfiffigen geworden, Boden in ihren Besitz
zu bringen, um dessen Kräfte sich bezahlen zu lassen, sei
es durch Pacht oder durch Hypothekenzinsen. Ja, nicht
damit genug, daß die wirklichen natürlichen Nutzwerte in
privater Grundrente dem Gemeinwesen genommen wurden;
die Grundrente ist eben schon gar kein Maß mehr für die
Leistung der Bodenkräfte, da sie dieselben weitaus überragt.
Die Pachten und Zinsforderungen enthalten unendlich mehr
als die natürliche Leistung des jeweiligen Bodens, sie rauben
den Bauern — wenn wir vorläufig von dem landwirtschaft-
lichen Boden sprechen — einen großen, ja den größten
Teil des Arbeitslohnes.

Statt dem Gemeinwesen zuzufallen, welches sie für die
Wohlfahrt aller Mitglieder verwenden würde, ziehen relativ
        <pb n="48" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

33

wenige die Grundrente ein, und damit haben wir auch in-
folge der gestiegenen Produktion die Möglichkeit der An-
sammlung so enormer Vermögen, wie sie die Jetztzeit dar-
bietet und wie sie das Altertum und das Mittelalter nie ge-
kannt hat. Diese Reichtümer werden nicht etwa, wie es
im Mittelalter der Gutsherr machte, verzehrt oder produktiv
verwendet; sie werden vorwiegend wiederum zinstragend
angelegt und treiben die Grundrente in die Höhe, und da-
mit ist zugleich die Grundlage für weitere Renten- und
Zinsforderungen gegeben.

Der Boden wird teurer und, da die Bebauer sich durch
höhere Preise für den Raub an ihrer Arbeit schadlos halten
wollen, steigen die Rohstoffe. Die gesamte Produktion
verteuert sich, während die Kauffähigkeit — der Unternehmer-
profit spielt dabei eine Rolle — stetig abnimmt. Lange
Zeit, zumal wenn die Kommunikation schlecht und neue
Länder nicht in Konkurrenz treten, können sich wenigstens die
Bauern trotz zunehmender Verarmung des gesamten Volkes
durch erhöhte Preise halten, denen natürlich bald wieder
eine Grundrentensteigerung folgt. Nehmen wir zum Be-
weise der enorm gestiegenen Bodenpreise, denen die Preise
für die Produkte, da die Bevölkerung nicht konsumfähig
bleibt, nicht folgen können, die von H. Paasche aufgestellte
Tabelle, welche uns diese Bewegung zeigt. Dabei ist
immerhin zu beachten, daß bessere Kommunikation, andere
Technik, gute Ernten einen Einfluß auf die Preisbewegung
haben. Aber selbst das blödeste Auge sieht, daß die
Bodenpreise in unverhältnismäßiger Weise zu denen der
Produkte steigen.

Siehe die Tabelle Seite 34.

Die Grundrente ist in einer bedenklichen Weise in die
Höhe geschraubt; sie entspricht längst nicht mehr dem
natürlichen Nutzwerte des jeweiligen Bodens, wenn wir

W eh berg, Die Bodenreform.	3
        <pb n="49" />
        ﻿

34	Di© Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Durchschnittspreise der Hufe derLehensgüter in Mecklenburg-Schwerin			Durch- schnitts- preis der Allodial- güter in Mecklen- burg- Schwerin in Mark	Ver-  hältnis-  oder  Durch-  schnitts-  preise  zu  denen v. 1770-79 = 100	Zehnjährige Durchnittsp reise		Ver-  hältnis  zu  1770-89 = 100
Jahr	Mark	Ver-  hältnis  zu  1770-79 = 100			zu Bost(  Jahr	jck  Mark	
1770—1779	19 226	100	20 412	100	1771—80	8,72	100
1780—1789	24 993	127,3	25 227	123,5	1781-90	9,44	108,3
1790-1799	50 121	156,9	49 740	243,6	1791—1800	11,95	137,0
1800—1809	71 016	361,8	67 608	331,2	1801—1810	16,68	191,3
1810-1819	41 292	210,4	44 667	215,9	1811—20	12,19	139,8
1820—1829	45 252	230,6	45 303	221,9	1821—30	7.46	85,5
1830—1889	56139	286,0	63 635	311,7	1831—40	9,71	111,3
1840—1849	90 492	461,0	93 315	457,1	1841—50	11,64	133,5
1850—1859	113216	576,9	118 696	581,5	1851-60	15,40	176,6
1860—1869	152 341	776,2	180 441	884,0	1861-70	14,73	168,9
1870-1879	133 046	677,4	158 245	775,2	1871—79	15,68	179,8

von dem ungerechten privaten Bezug ganz abgesehen. So
ist bekannt, daß der preußische Landwirtschaftsminister in
seinem Berichte an den König die Tatsache aufführte,
daß die Pacht auf den Domänen im Laufe der Jahre
1850—1880 von 14 Mark auf 40 Mark gestiegen sei. Dem
entspricht die Bewegung auf dem übrigen, zum Teile
freiem Verkehre anheimgegebenen Grund und Boden. Auch
wo ein Gut in derselben Familie bleibt, werden durch
die der allgemeinen erhöhten Grundrente folgenden Erb-
portionen, welche dem Anerben bei Gleichteilung zur Aus-
zahlung an die Geschwister zufallen, schwere Verschuldungen
herboigeführt.

Solange es den Bauern möglich war, der Erhöhung der
Grundrente in ihren Preisforderungen für ihre Produkte zu
folgen, so lange die industrielle Bevölkerung besonders
konsumfähig blieb, konnte der bäuerliche Betrieb noch
einigermaßen lohnend sein. Aber wir haben es zum öfteren
erlebt, daß auf kurze Zeiten besonders lebhaften Auf-
schwunges, welcher sich im Grunde nur auf den guten
Glauben und Hoffnung erregenden Schwindel stützte,
        <pb n="50" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

35

längere Perioden des Niederganges in der Volkswirtschaft
folgten. In aller Erinnerung steht das Aufsteigen im An-
fänge der siebziger Jahre, das den großen Krach von
1873 nach sich zog. Volle 16 Jahre waren nötig, um die
sogenannte Überproduktion zu beseitigen und für die Auf-
nahme neuer Produkte auf dem Markte Platz zu schaffen.

Und heute, nach einem einzigen Jahre steigender Konjunktur,
ist der Markt wieder unsicher geworden. Man merkt an
dem Gebaren der Börse, daß sich Produktion und Kon-
sumtion unter der kapitalistischen Ordnung nicht mehr
decken, daß ein Zusammenbruch, nicht allein rein spe-
kulativer Werte, sondern auch reeller Unternehmungen
erfolgen wird.

Die langen Jahre des Niederganges sind auch an unserer verschui-
bäuerlichen Bevölkerung nicht spurlos vorübergegangen. Bauern-

•	ständßs

Auf jeden Pall nahmen sie ihr die zahlungsfähigen
Konsumenten der Industrie, auf welche sie bei uns an-
gewiesen ist. Dazu kam noch die Konkurrenz des Aus-
landes, wie Ungarn, Rußland, besonders aber der trans-
atlantischen Produktionsstätten, wie Amerikas und Indiens.

Es unterliegt auch für uns, die wir dem Freihandel zu-
streben, keinem Zweifel, daß dieser Konkurrenz gegenüber,
solange die kapitalistische Ausbeutung der Bevölkerung
dauert, Schutzzölle durchaus das einzige Hilfsmittel als
Moratorium waren. Ist auch die Bevölkerung jener Länder
ebenso ausgesogen, wie die in unserem Vaterlande, so sind
die Produktionsbedingungen in ihnen doch günstiger für
die Verkäufer, wenn auch nicht für die Bearbeiter des
Bodens. Die Früchte des Bodens gehören auch dort den
Grundherren und den Kapitalisten. Zum Teil sind die
Löhne niedriger, zum Teil der Boden billiger, wiederum
ist die Verschuldung so groß, daß der Bauer die Frucht,
schon auf dem Halme um jeden Preis verkaufen muß, genug,
die Konkurrenz war dem deutschen Landbau äußerst ge-
        <pb n="51" />
        ﻿

. '



3(j	Die Bodenreform- im Lichte des Freihandels.

fährlich. Auf dem industriellen Gebiete war die Sache
ebenso. Ein akuter Zusammenbruch war vorauszusehen.

Die Zölle haben auf jeden Fall den Ruin der Produzenten
hinausgeschoben. Aber wohl zu beachten ist, daß trotz
der Zölle ein Rückgang der Preise eintrat, der eben nicht
anders als durch den mangelnden Konsum und ohne Zweifel
auch durch die Herrschaft der Großhändler über die
Produzenten, welche den Markt völlig beherrschen, hervor-
gerufen ist. Das Steigen der Preise bei vielen wichtigen
Lebensmitteln seit Mitte des Jahres 1889 hat freilich seine
Ursache in den allgemeinen schlechten Ernten. In welcher
"Weise die Preise der wichtigsten landwirtschaftlichen
Produkte in dem Zeiträume von 1875—1886 zurückgegangen,
ergibt sich aus folgendem:

Es kostet der Neuscheffel

in den Jahren	Weizen	Roggen Gerste	Hafer	Mark
1865—1877	9,20	6,74	5,75	3,87	n
1878-1880	7,94	6,17	4,53	3,26	11
1881—1883	8,63	6,71	4,86	3,99	n
1884—1886	6,26	5,39	4,42	3,50	ii

Was aber nicht gesunken ist, sind die Erzeugungskosten.
Allerdings ist die Grundrente gestiegen. Doch gehört sie
den .Besitzern des Bodens nur zum kleinsten Teile, in der
Hauptsache den Hypothekengläubigern und Verpächtern.
Es ist in der Tat feststehend, daß in Deutschland Getreide
nur mit wirklichem Verlust von Seiten der Erzeuger an-
gebaut wird. Dabei sind die landwirtschaftlichen Produ-
zenten schlechter daran als die industriellen, weil sie keine
Entschädigung für den Verlust der Früchte eigener Tätig-
keit haben. Sie arbeiten meist so wenig mit fremden Kräften,
daß ein sogenannter Unternehmerprofit für sie nicht existiert
oder doch von geringer Bedeutung ist. Denn darüber
herrscht kein Zweifel, daß eine unendliche Zahl von In-
dustriellen unter dem Joche der Zinsverpflichtungen und
        <pb n="52" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

37

bei sinkenden Preisen für die Produkte sich nur über
Wasser halten, weil sie in der Lage sind, sich die Früchte
der Arbeit ihrer Gehilfen anzueignen, wenngleich auch der
Unternehmerprofit erwiesenermaßen gesunken ist.

Verschiedene Berechnungen sind nun aufgestellt worden,
um ziffernmäßig die Erzeugungskosten von wichtigen
Nahrungsmitteln wie Roggen und Weizen zu ermitteln,
aus deren Vergleichung mit den Marktpreisen der Produkte
ein Schluß auf die Rentabilität der Landwirtschaft mög-
lich ist.

Dr. Jäger gibt in seinem Buche: Die „Agrarfrage der
Gegenwart1, folgende Unkosten für Weizen in der Pfalz an:

61 Tagewerk (= 1ls Hektar) hat einen Wert

Zins hiervon 5 °/o.......................

Steuer und Umlagen.........................

*/a Wagen Dung (fürs erste Jahr ä 3 Mk. 50 Pfg.)
Fuhrlohn (Dünger aufs Feld zu bringen) ä 70 Pfg.

Ausbreiten des Düngers.....................

3 Mal Pflügen ä 4 Mk.......................

Saatfrucht (125 Pfund) 100 Kilogramm ä 22 Mk .

Scheuermiete...............................

Schneiden und Mähen des Weizens .	.	.

Aufbinden..................................

Futterlohn für Heimführen zweimal ....

Hilfe beim Abladen.........................

Drescherlohn (3 Mann Tag) ä 1,70 Mk. .
Verschiedene Ausgaben.................,

Summe aller Ausgaben

von 900 Mk.

45 Mk. — Pfg,

2	„	50	„

22 „ 10 „

4 „	55	„

„	70	„

12 , - „
13 „	75	„

3	»	i)

6 &gt;, — »

2 n	ji

2 „ - »

2 ”	50

129 Mk. 15 Pfg.

Das Ernteergebnis ist 180 Garben Weizen, Körner-
ausdrusch 10V« Zentner ä 11 Mk. = 115,50 Mk. Stroh
= 16 Zentner ä 1,50 Mk. = 24 Mk. Zieht man den Stroh-
ertrag mit 24 Mk. von der Summe der Gesamtausgaben
129,15 Mk. ab, so bleiben noch 105,15 Mk. Ausgaben.
Dividiert man nun noch IOV2 in 105,15 Mk., so findet man
den Durchschnittspreis eines Zentners Weizen, der rund
10 Mk. beträgt. Als Produktionspreis des Roggens darf man
9 Mk. rechnen.
        <pb n="53" />
        ﻿38

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Während also 100 Kilogramm (2 Zentner) Weizen an
20 Mk., Roggen an 18 Mk. Produktionskosten fordern, ist
der Erlös des Großhändlers vom ersteren 14,90, für letzteren
11,50 Mk. (Anfang 1889). Dabei ist zu bemerken, daß diese
Großhandelspreise nur beschnitten an die Produzenten
gelangen, da bekanntlich der Zwischenhandel, was freilich
mehr vom Detailhandel gilt, die Waren enorm verteuert.

Kein Wunder demnach, wenn die Bauern nicht in der
Lage sind, ihren Abgaben an Staat und Kommunen sowohl
als besonders ihren Zinsverpflichtungen resp. den Pacht-
zahlungen nachzukommen, daß sie im Gegenteil zu neuen
Hypothekenaufnahmen schreiten müssen. Da der Grund-
besitz und seine Verschuldung bei der Vermögensab-
schätzung des Besitzers die Personalschulden weit überwiegt,
so kann eine Feststellung der Grundschulden so ziemlich
ein Fingerzeig für die Vermögenslage sein. Wie im Jahre
1882 schon für eine Anzahl von Amtsgerichten eine Er-
mittelung der Verschuldung stattgefunden, so liegt jetzt
eine solche für die gesamte preußische Monarchie vor, und
zwar für die drei Jahre 1886/87 bis 1888/89. Zwar deckt
sich, wie die „Neue Allgemeine Zeitung“ bemerkt, die buch-
mäßige Verschuldung und deren Bewegung keineswegs mit
der wirklichen; manche in einem Jahre abgezahlten Hypotheken
bleiben zunächst ungelöscht; es stehen diesen aber sicher
auch viele in demselben Jahre gelöschte, in Wirklichkeit
schon früher abgetragene Schulden gegenüber, und man
wird annehmen dürfen, daß diese und andere Abweichungen
der buchmäßigen von den wirklichen Verhältnissen, wenn
nicht in einem einzelnen Jahre, so doch je länger je mehr
sich ausgleichen werden, so daß eine längere Zeit fort-
gesetzter Statistik der Hypothekenbewegung in der Tat
ziemlich zuverlässig über den Gang der Verschuldung
unseres Grundbesitzes unterrichten würde. Es ergab sich
bei der Erhebung ein Überschuß der Eintragungen über
        <pb n="54" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

39

die Löschungen in den Städten von 1 Milliarde 725
Millionen Mk., auf dem Lande von 342,22 Millionen Mk.
Während in den Städten eine solche Steigerung noch keine
akute Gefahr für den Hausbesitzer in sich birgt, da die
Mieten immerfort im Steigen begriffen sind, so liegt die
Sache auf dem platten Lande, wo die Einnahmen der
Bauern nicht mehr genügenden Schritt mit den Ausgaben
halten, doch wesentlich anders.

Aus den Berichten über die einzelnen ländlichen Bezirke
ergibt sich nach der „Stat. Korrespondenz“ folgende Tabelle:

In	die Ein- tragungen betrugen: Millionen Mark	die  Löschungen  Millionen  Mark	der Überschuß (+) o. Minder- betrag (—) der Eintragungen Millionen Mark	
Königsberg		129,16	92,38	+	36,78
Marien werder		100,66	88,82	+	11,84
Berlin (Kammerger.) .	151,04	105,99	+	45,05
Stettin . •		74,77	60,42	+	14,35
Posen		122,96	138,65	-	15,69
Breslau		306,54	237,99	+	68,55
Kaumburg a. d. S. . .	189,87	129,27	+	60,60
Kiel		90,36	64,06	+	26,30
Hamm		118,18	84,54	+	33.64
Kassel		51,84	69,22	—	17,38
Frankfurt a. M		56,64	52,62	+	4,02
Köln		247,97	222,63	+	25,34
Jena (preuß. Teil.) . . .	2,68	2,42		0,26
Im ganzen Staate	1774,90	1432,68	+	342,22

Her Grundsteuerreinertrag für die gesamte Fläche des
ländlichen Grundbesitzes in Preußen beträgt jährlich 409
Millionen Mark. Ist auch diese Schätzung schon 1865 und
nach dem Durchschnitte der Marktpreise landwirtschaftlicher
Erzeugnisse in den Jahren 1836 bis 1860 vorgenommen,
läßt sich auch nachweisen, daß einzelne Produkte im Preise
gestiegen, so ist dennoch, wie wir oben zeigten, in den letzten
15 Jahren in den wichtigsten Produkten ein Rückgang der
Preise eingetreten.
        <pb n="55" />
        ﻿40

Die Bodenreform im .Lichte des Freihandels.

Es bleibt demnach bei Rückgang der Preise die zu-
nehmende Verschuldung, selbst wenn sie in drei Jahren
nicht an den Grundsteuerreinertrag eines Jahres heran-
reicht, eine sehr bedenkliche Erscheinung, welche wohl
geeignet ist, die Aufmerksamkeit der Sozialpolitiker und der
Staatsmänner in besonderem Maße in Anspruch zu nehmen.

Zwar gibt die Zwangsversteigerung ländlicher Anwesen
nie ein Bild von der Verschuldung des Grundbesitzes, denn
nur der höchst verschuldete und davon nur ein kleiner Teil
fällt der Zwangsversteigerung anheim. Es liegt in der Natur
der Dinge, daß der Eigentümer eines kleinen Anwesens
leicht in der Lage ist, sich auf das Unentbehrlichste ein-
zuschränken oder sich freiwillig seines Besitzes zu ent-
ledigen, indem er es verkauft, da er, stets auf Arbeit an-
gewiesen, leicht hoffen darf, in anderer Tätigkeit oder an
anderen Orten Unterhalt zu gewinnen. Gerade die kleinen
Bauern, welche glauben, ihr Brot nicht mehr von den
Mühen ihrer Arbeit zu haben, verkaufen, wenden sich den
Fabriken zu und wandern aus. Besonders lehrreich für
diese Verhältnisse ist der Inhalt einer Eingabe französischer
Agrarier an die Kammer um Abschaffung der Grundsteuer,
weil gerade Frankreich insofern das Eldorado unserer
Manchestermänner ist, als die Zerteilung des Grundbesitzes
seit der französischen Revolution immer großen Umfang
behalten und weiter genommen hat. Wohin man mit dem
römischen Eigentumsrechte an Grund und Boden auch bei
möglichster Zersplitterung kommt, lehren folgende Zahlen..
Bemerkt sei noch, daß fast alle landwirtschaftlichen Ver-
eine und Genossenschaften die Petition unterschrieben haben.

1880 wechselten 1,876,000 Hektare den Besitzer, 1887
waren es 2,200,000 Hektare. Von 1880—1887 sind nach
diesen Aufzeichnungen überhaupt über 16 Millionen Hektare
in andere Hände übergegangen, mehr als die Hälfte des
angebauten Bodens Frankreichs. Während derselben Zeit
        <pb n="56" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

41

hat sich die Zahl der Auswanderer vervierfacht und über-
steigt jetzt 25000 Seelen jährlich. Das fruchtbare Frank-
reich, welches nur 73 Seelen auf den Quadratkilometer zählt
— in Deutschland kommen 87 Seelen auf denselben Raum —
gehört jetzt zu den Ländern, welche ihre Söhne nicht mehr
ernähren können und sie auswandern lassen müssen. Die
Grundsteuer ist nach Auffassung der Petenten besonders
drückend für die kleinen und mittleren Betriebe, welche
27 Millionen von den 30 Millionen Hektaren landwirt-
schaftlich betriebenen Bodens ausmachen.

Besonders werden sich tatkräftige Bauern, wenn sie
sehen, daß es nicht mehr voran will, kurzen Entschlusses
der Habe entledigen, und fortziehen. Anders dagegen
wird es mit solchen Grundbesitzern sein, welche nicht
selbst zu arbeiten gewohnt sind. Solche werden, solange
wrie immer möglich, auf dem Eigentume bleiben, da mit
dem Verlassen desselben ihr Schicksal, zu darben, ent-
schieden ist. Auch werden sie seltener jemand finden, der
nicht hoffte, in der Zwangsversteigerung das Besitztum
billiger zu erstehen. Was auch noch alles in Betracht
kommen mag, genug, die Versteigerungen bieten keinen
Spiegel der gewachsenen Verschuldung. Wer die folgende-
Tabelle durchmustert, sollte meinen, es müsse besser mit
dem Grundbesitze geworden sein, da die Zahl der Zwangs-
versteigerungen im Laufe einer Reihe von Jahren ab-
genommen. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß im
Jahre 1883 ein Fallen dieser Ziffern eingetreten. Das hat
seine Ursache in dem Gesetze vom 13. Juli 1883, welches
für Preußen gegen Mißbräuche bei der Zwangsvollstreckung
ins unbewegliche Vermögen gegeben wurde. Nach dem
bisherigen Rechte wurden alle Hypotheken durch die
Zwangsversteigerung fällig und zahlbar. Der mit einer
später rangierenden Forderung eingetragene Gläubiger hatte
in der Einleitung des Zwangsversteigerungsverfahrens ein*
        <pb n="57" />
        ﻿SSEi

42	Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Mittel, unter Umständen wohlfeil ein Immohilium zu er-
werben unter Ausfall eines Teiles der vorhergehenden
Gläubiger. Das neue Gesetz hat nun den Grundsatz an-
genommen, daß „ohne Übernahme oder Befriedigung der-
jenigen Rechte, welche dem Rechte des Gläubigers Vor-
gehen, der Verkauf des Grundstücks nicht stattfinden darf.“
Die Zahlen für die Jahre 1881—1888 sind nach dem Justiz-
ministerialblatt folgende:

in  den  Jahren	die Zahl der be- endeten Ver- steige- rungen	die  ver-  steigerte  Fläche  Hektar	ihr Ge- bäude- steuer- Nut- zungs-  wert  Ji	ihr  Grund-  steuer-  Rein-  ertrag  M	die Zahl der land- und forst- wirtschaft- lichen Zwangs- versteige- rungen	in  Pro-  zenten  der  Gesamt-  zahl
1881	17 473	106 957	7902 346	931 676	9855	56,40
1882	16 197	86 277	6162 672	707 588	8583	52,99
1883	13 573	82 898	5321 768	681 973	7162	52,77
1884	10 528	79 268	4475 615	737 822	5731	54,44
1885	10 309	88 067	3703 443	823 585	5806	56,32
1886	10 500	108 459	3840 787	993 242	6036	57,49
1887	10 233	114 088	3204435	1059 173	5895	57,66
1888	10 050	118 679	3057 584	1028 831	5943	59,13

Trotz des erwähnten Gesetzes ist die Zahl der land- und
forstwirtschaftlichen Zwangsversteigerungen (vorletzte Reihe)
seit dem Jahre 1884 wieder gestiegen; wobei zu bemerken,
daß im Jahre 1885 an 175, 1886 an 167, 1887 an 155, 1888
an 149 Aufhebungen des Verfahrens wegen nicht erreichten
Mindestgebotes vorkamen. Auch in Bayern ist die Zahl der
Zwangsversteigerungen in dem letzten Jahre wieder bedeutend
gestiegen, nachdem sie eine Zeitlang gesunken war. Hier
war und ist der Kleingrundbesitz der Verschuldung mehr
und mehr verfallen.

Wichtig ist aber, daß, obwohl im Jahre 1888 eine bedeutende
Abnahme der Zwangsversteigerungen gegen 1881 eingetreten
;ist, doch eine Zunahme in dem Umfange der versteigerten
        <pb n="58" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

43

Fläche in die Erscheinung tritt (Reihe 4). Von 913 676 Hektaren
im Jahre 1881 sinkt die Zahl im Jahre 1883 auf 681972,
um dann wieder anzusteigen, so daß im Jahre 1886 schon die
Ziffer des Jahres 1881 überschritten ist. Parallel damit geht
die Kolonne für Grundsteuerreinertrag in die Höhe, während
■die für den Gebäudesteuernutzungswert fällt. Das alles
zeigt, daß der große Besitz in den letzten Jahren mehr von
■der Zwangsversteigerung ereilt worden ist. Noch deutlicher
wird dieses durch folgende Zahlen. Es betrug die ver-
steigerte Fläche in den Oberlandesgerichtsbezirken

Posen .	.	22 126 Hektar	Naumburg.	3 202	Hektar
Breslau	20 399	Celle .	.	.	2 857	
Marienwerder	19 686	Köln	2 203	
Königsberg	16 384	Hamm .	1 723	
Berlin .	12 493	Kassel.	1088	
Stettin.	11455	Frankfurt a.M	593	
Kiel. .	.	3 930	Jena	539	rt
zusammen	106 473 Hektar	zusammen	12 205 Hektar	

Es ist demnach der Osten der Monarchie, der Teil, in
welchem der Latifundienbesitz überwiegt, mehr in Bedrängnis
■ als der Westen, soweit er durch Zwangsversteigerungen in
die Erscheinung tritt.

Neuere Erhebungen aus den Jahren 1886—1889 haben
dieses weiter bestätigt. Es wurden ermittelt nach Besitz-
klassen in Prozenten auf Betriebe:

V on • der Fläche des zwangsweise versteigerten be- züglichen Grund- besitzes	Unter  2  Hektar	Von  2—10  Hektar	Von  10-20  Hektar	Über  50  Hektar
1886—1887	0,79	5,10	15,99	78,12
1887-1888	0,81	5,02	15,50	78,67
1888—1889	0,77	5,87	15,72	77,64
        <pb n="59" />
        ﻿44

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

während nach der Erhebung von 1882 beim landwirtschaft-
lichen Grundbesitze von der Gesamtfläche der Hauptbetriebe
entfallen: 1,52, 14,68, 37,90, 45,90 Prozent.

Der größere, über den gewöhnlichen Umfang bäuerlichen
Betriebes hinausgehende Grundbesitz von 50 Hektar auf-
wärts umfaßte also, so bemerkt die „Stat. Corr.“, in jederm
der drei Berichtsjahre fast genau den gleichen Anteil,,
nämlich etwas mehr als drei Viertel der versteigerten.
Fläche, während er von der Gesamtfläche der landwirtschaft-
lichen Hauptbetriebe noch nicht die Hälfte ausmacht. Am.
meisten und zwar wiederum fast genau gleichmäßig, bleibt
der kleinbäuerliche Besitz von 2—10, nächstdem der mittlere-
bäuerliche von 10—50 Hektar bei seinem Prozentanteil an
der versteigerten Fläche hinter demjenigen an der ge-
samten auf ihn entfallenden Wirtschaftsfläche zurück. Im.
ganzen sind gegenüber einer Gesamtfläche der landwirtschaft-
lichen Hauptbetriebe von 24123 733 Hektar (1882) während
der Beobachtungsperiode 273024 Hektar, also etwas über
1 Prozent, alljährlich etwa ein Drittel Prozent zwangsweise-
versteigert worden. Ungleich größer als im Westen ist
die versteigerte Fläche im Osten; sie betrug im letzteren,.,
d. h. in Brandenburg, Pommern und in den vier an Bußland,
grenzenden Provinzen, während der drei Jahre zusammen.
244345, in dem westlich davon gelegenen Teil der Monarchie-
nur 28 679 Hektar. Am meisten sind regelmäßig die Provinzem
Westpreußen und Posen, nächstdem auch Ostpreußen und
Pommern, am wenigsten Westfalen, Hessen-Nassau und
Rheinland an der versteigerten Fläche beteiligt.

Auch über die Ursachen der Zwangsversteigerungen ist
Material gesammelt worden. Dieselben waren in Prozenten
der ursächlichen Momente	1886/87 1887/88 1888/89

Eigenes Verschulden................. 40,11	39,57	42,50

freiwillige ungünstige Übernahme	.	.	19,97	23,31	23,46

geschäftliche Verhältnisse.......... 6,65	6,41	5,86

Familienverhältnisse und Krankheit.	.	p,99	11,16	12,52
        <pb n="60" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des .Freihandels.

45 -

	1886/87	1887/88	1888'89
Wirtschaftsunfälle und Naturereignisse	. 6,19	5,15	5,76
unzweckmäßige Erbregulierung	.	5,50	2,75	2,68
Wucher, Übervorteilung im Handel .	.	.	3,05	2,01	1,84
schlechte Lage der Landwirtschaft .	.	6,04	5,85	6,01

Wenn also hiernach die schlechte Lage der Landwirtschaft,
soweit sie auf den sinkenden Preisen im Verhältnis zu den
Schuldverpflichtungen oder Pachtzahlungen beruht, offenbar
klein erscheint, so weiß der Kundige a priori, daß die Zahl
der Zwangsversteigerungen, welche im Jahre 1888/89 auf 2446
gesunken war, kein Maßstab für die Verschuldung sein kann.
Man weiß ferner, daß der kleine Bauer sich auf das Nötigste
einschränken kann, um den Besitz zu erhalten. Aber wie
auch in nächster Nähe der kleinbäuerliche Besitz weniger
wird, wie er von dem Landhunger der Großgrundbesitzer
aufgesogen wird, zeigte eine Notiz über die Vergrößerung
• des Gräflich von Speeschen Familienfideikommiß Heltorf.
Es heißt da aus dem Jahre 1887:

„Reichsgraf Franz v. Spee hat neuerdings wiederum dem
Gräflich v. Speeschen Familienfideikommiß Heltorf bei Düssel-
dorf eine Anzahl von Grundstücken in verschiedenen Gemeinden,
teilweise unter Ablösung der darauf ruhenden Gerechtsamen
usw., einverleibt. Soweit uns die Stimmung in landwirtschaft-
lichen Kreisen bekannt ist, kann man sich mit dem steten
Anwachsen des Besitzes der Großgrundbesitzer, welches den
Stand der Landwirte mehr einschränkt und deren Existenz
erschwert, nicht einverstanden erklären. Die neuen v. Speeschen
Erwerbungen betragen lö82 Hektare 30 Are und 61 Meter;
davon entfallen auf die Stadtgemeinde Düsseldorf 15 Ar
39 Meter, auf Lohausen 29 Ar 32 Meter, Böckum 1 Hektar,
Wittlaer 33, Ratingen 50, Eggerscheid 319, Bracht 13 Hektare,
Homberg 96 Are, Breitscheid 50Hektare, Selbeck 19, Eckamp 34,
Hösel 78, Lintorf 419, Huckingen 365, Serm 31, Saarn 123
und Angermund 139 Hektare.“

Aus freier Hand verkaufen die Bauern, werden Tage-
löhner, Fabrikarbeiter oder wandern aus.

Aber mag auch die Ursache der Verschuldung und Zwangs-
versteigerung sein, welche immer sie wolle, wir sehen den
Grund und Boden von dem Kapitalismus benutzt, damit er
        <pb n="61" />
        ﻿



46

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

ohne Mühe von den Früchten der Arbeit mitzehre, einerlei!
ob Großgrundbesitzer ihre Ländereien in Pacht ausgeben
oder ob der „freie“ Bauer Hypotheken gegen Zins auf-
nimmt. Jene enormen Vermögen verdanken diesem Tribut;
ihren Ursprung, und es mag wohl wahr sein, was die „Deutsche-
landwirtschaftliche Ztg.“ berichtet:

„Jede Arbeitsstunde des deutschen Volkes ist mit einer
Million Mark geldherrschaftlichen Zinsen (Pachtabgabe) be-
lastet , und dazu, ganz abgesehen von der Staatsschulden-
zunahme, vergrößert sich an jedem Arbeitstage allein die-
Hypothekenschuld um etwa 3V2 Millionen Mark.“

Dem GrundundBoden, seinerNatur nach das unbeweglichste-
Objekt, ist durch die Gesetzgebung die Eigenschaft des
mobilen Kapitals aufgezwungen worden. Statt die nationale
Quelle der Arbeit zu sein, wird er als Spiel- und Wucher-
objekt benutzt.

Wie schon in den Vereinigten Staaten, deren uner-
meßliche Räume keinen Platz für 80 Millionen Menschen —
obwohl über 1000 Millionen Menschen Überfluß hätten —
bieten, die Belastung des Grund und Bodens mit Leihkapital,
und Pachten eine ernste Gefahr bietet, erhellt aus folgendem
Berichte:

„Im Senate der Vereinigten Staaten ist kürzlich die Not-
lage der Farmer Gegenstand der Beratung gewesen. Über
Mittel zur Abhilfe gingen die Ansichten weit auseinander.
Die Getreidepreise sind gegenwärtig viel geringer, als sie vor
zehn Jahren waren. Die Schulden, welche die Farmer damals-
in der Gestalt von Hypotheken zu hohem Zinsfuß ge-
macht haben, lasten jetzt schwer auf ihnen, da die Preise
der Farmprodukte niedrig sind. Daß unter diesen Umständen
Ackerbauland im Preise gefallen, ist selbstverständlich. Senator
Vorhees von Indiana erklärte in einem längeren Vortrag über
diesen Gegenstand, daß 30 — 50 Prozent aller Farmer in Illinois,
Michigan, Indiana, Kentucky, Missouri, Kansas, Nebraska und
des ganzen Nordwestens mit schweren Hyp otheken be-
lastet seien, daß die Farmer die Zinsen nicht bezahlen
könnten und demzufolge ihr Besitztum ihren Gläubigern
überlassen müßten. Bei der raschen Besiedelung unseres
Nordwestens wurde es seit geraumer Zeit den Farmern,, und
        <pb n="62" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

47

solchen, die es werden wollten, erleichtert, gegen Hypotheken
Geld zu bekommen. Zahlreiche Agenturen in allen Städten
und Dörfern des Landes, Agenturen von Syndikaten amerika-
nischer und europäischer Kapitalisten, für welche hohe Zinsen
verlockend waren, boten ihnen bereitwilligst die Mittel zu ihrem,
Ruin. Die Folge davon ist, daß Tausende von Farmern zum
Wanderstab greifen, Haus und Hof verlassen und nach ver-
schiedenen Richtungen der Vereinigten Staaten sich zerstreuen,.
um ihr Glück von neuem zu versuchen. Der „ferne Westen,“
bisher das große Reiseziel der Einwanderer aus den Staaten
Europas, ist nicht mehr, was er war. Was vor 40 Jahren,
der Westen war, nämlich die humusreiche Mittelregion von
Ohio, Indiana, Illinois, Missouri, Ost-Jowa, Wisconsin und
dem südlichen Michigan, war und ist auch jetzt noch frucht-
bareres Land als die meisten Gegenden an den Küstenstrecken,,
welche durch hundertjährigen Raubbau ausgesogen sind. Der
westliche Prairieboden war leichter unter den Pflug zu bringen
als das östliche Waldland, die von Dampfschiffen und Fracht-
booten befahrenen großen Ströme stellten leichte Verbindungen»
mit den Märkten her. „Wo Tauben sind, da fliegen Tauben
hin,“ fand auch auf die Einwanderung Anwendung. Die früheren
deutschen Einwanderer in Pennsylvanien, New-York, New-
Jersey, Maryland und Virginien hatten allmählich ihren Zu-
sammenhang mit der alten Heimat verloren, und so wurden
die Staaten unter den Völkern Europas, welche die Ackerbau
treibenden Einwanderer liefern, nach und nach vergessen»
Auch die junge Generation der eingeborenen amerikanischen
Bevölkerung, namentlich in den Heu-Englandstaaten, folgt seit
einem Vierteljahrhundert dem Drange nach den fetten Triften
des Westens, und wie die Alten aussterben, gehen die ab-
gewirtschafteten Farmen in die Hände neuer Einwanderer aus
Europa über, die sie mit Mühe und Arbeit wieder ertragfähig
machen und sich dann in vielen Fällen besser dabei stehen,
als ihre Landsleute, die nach dem heutigen „fernen Westen“,
in die unwirtlichen Dakotas, Montana usw. gezogen sind, wo
sie im Winter vor Kälte erstarren, im Sommer vor Hitze und
Dürre fast verschmachten. Dazu kommen für letztere Miß-
ernten, hohe Eisenbahnfrachten und die Bearbeitung des Bodens
mittelst Dampfpflügen auf ungeheuren Strecken, welche den
Ansiedlern das Leben verbittern und viele von ihnen noch
weiter nach Westen, in die milderen Zonen am Stillen Ozean,
in die Städte oder nach dem Osten zurücktreiben. Unter den
Einwanderern macht sich insbesondere eine Rückwanderung
nach den Mittelstaaten des Ostens bemerkbar, wo zahlreiche
große Städte für Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Geflügel, W ild
und Fische jahraus, jahrein einen guten Markt bieten und die
Ansiedler Schulen und Kirchen und andere Segnungen der
        <pb n="63" />
        ﻿48

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Zivilisation vorfinden. Leider haben sie da zur Saat- und
Erntezeit mit dem Mangel an Arbeitskräften zu kämpfen, der
eine Folge unserer wechselnden Verhältnisse ist. Der Klein-
bauer behält hier die Knechte nicht über Winter, selbst nicht
für geringen Lohn, und diese sind daher genötigt, für die
rauhe Jahreszeit in den Städten ihr Unterkommen zu suchen.
Haben sie das dortige Leben einmal gekostet, dann ziehen
sie nimmer auf das Land zurück. Die Einwanderung nimmt
jetzt wieder in einer für die Amerikaner beunruhigenden "Weise
zu, namentlich aus Italien, Ungarn und Polen. Wie die
vielen Tausende, welche an unseren Küsten landen, für
die nächste Zukunft ihr Leben fristen werden, ist eine
Frage, die niemand beantworten kann.“

Was die Auswanderung aus den europäischen Staaten
.angeht, so ist sie besonders stark aus den Gegenden, wo
keine industriellen Betriebe den Bauern, Tagelöhnern Ersatz
für das verlorene oder preisgegebene Besitztum bieten. Der
Zug aus dem Osten nach dem Westen, die Sachsengängerei
.aus dem Gebiete der schlesischen Magnaten, ist bekannt.
Entvölkert werden weite Landstrecken; und statt fleißige
Menschen zu ernähren, liegt der Boden zum Vergnügen
der großen Herren, welche es lohnender finden, Schafheerden
dort weiden zu lassen, als menschliche Wesen zu dulden.
Überall derselbe Vorgang der Vergrößerung der Latifundien.
Das hat in der Tat das Gesetz erlaubt, den nationalen
Boden, das unantastbare Erbteil des Volkes, in die Hände
Einzelner gleiten zu lassen. Unerhört! Es möge der
Bericht über eine brutale Ausweisung von Pächterfamilien
aus neuester Zeit Platz finden. Aber man ist das gewöhnt,
und fast findet kein Mensch etwas auffälliges darin:

„In Folge der Ausweisung auf den Olphertschen Gütern
in der irischen Grafschaft Donegal sind jetzt 1300 Menschen
daselbst obdachlos. Nur sechs Pächter sind auf ihren Stellen
belassen worden. Es werden in aller Eile Hütten gebaut,
um den Armen ein Unterkommen zu gewähren. Bei Killult
und Baitony sind auf diese Weise zwei neue Dörfer im Ent-
stehen begriffen, und eine dritte Kolonie befindet sich unmittel-
bar vor dem Olphertschen Schlosse.“
        <pb n="64" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

49

Man könnte diese Beispiele beliebig vermehren, so häufig
sind sie! Daß die Schutzzölle den Latifundienbesitzern
besonders zugute kommen, wo guter Absatz der Produkte
ist, ist offenkundig, aber das darf uns nicht abhalten, der
Wahrheit die Ehre zu geben, daß sie für die Bauern not-
wendig waren. Wir können nicht so wohlfeil die Agrarfrage
der Gegenwart lösen, wie es in der letzten Wahlagitation ein
freisinniger Kandidat machen wollte. Befragt, wie er ge-
dächte, der landwirtschaftlichen Notlage abzuhelfen, ant-
wortete er ganz unverfroren, die Bodenpreise seien zu hoch,
sie müßten sinken, dann würden die Bauern schon ihre
Existenz finden. Er meinte damit, daß die Besitzer ihr
Anwesen aufgeben sollten, wenn sie nicht mehr auf ihm
leben könnten. Aber Mittel und Wege, die Schuldver-
pflichtungen zu mildern und abzulösen, gab er nicht an.
Das sind natürlich oberflächliche Ansichten.

Wenn also auch die Großgrundbesitzer bei den Zöllen
am meisten gewonnen haben, so waren dieselben doch
notwendig, um den Bauernstand zu halten. Unter 5,227,344
landwirtschaftlichen Betrieben sind in Deutschland nur
778,932 von 10 Hektaren, und da meint man, daß der kleine
Besitzer gar keinen Nutzen davon gehabt, da er wenig oder
fast nichts zu verkaufen habe. Nun ist aber zu beachten,
daß das erste, wofür der Landmann sorgt, nicht einmal
die ausreichende Befriedigung von Nahrung und Kleidung
ist, sondern die Sicherung von Wohnung bzw. seine Heimats-
stätte. Er sorgt zuerst, daß er wohnen bleiben kann, daß
ihn der Gläubiger nicht von Haus und Hof treibt, wenn
man von den Leichtsinnigen absieht, welche aber gottlob
eine verschwindende Minderheit bilden. Auch der kleine
Bauer verzehrt seine Früchte nicht zuerst, sondern bringt
sie zu Markte, um Geld zur Befriedigung der Gläubiger
zu haben. Und da ist klar für jeden, der die Verhältnisse
als wahr kennt, daß auch die Zölle ihm nützen. Ohne sie

Wehberg, Die Bodenreform.	4
        <pb n="65" />
        ﻿50

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

hätte er die Pacht schwer erschwingen können. In seiner
Lebenshaltung schränkt er sich ein oder sucht Nebenarbeit.
Mit den industriellen Arbeitern hat er das Gemeinsame,
möglichst höhere Löhne zu fordern, er oder seine Kinder,
und Belastungen durch Zölle zum Teil „abzuwälzen“.

Es kann uns nicht einfallen, die Zölle für ein Heilmittel
zu halten, aber wir wollen gerecht sein und nicht um der
Agitation willen Unwahrheit predigen. Sie sind ein Ver-
zögerungsmittel des drohenden Zusammenbruchs unter dem
heutigen Verschuldungssystem, und dieses letztere muß
beseitigt werden, soll der Bauer und mit ihm der Gewerbe-
fleiß genesen.

Weitere Es wird Zeit, an gründliche Reformen heranzutreten,

Folgen des

privaten denn auch unter dem Schutzzölle werden die Reichen immer

Grundbe-

sitzes (ins- reicher und die Armen immer ärmer. Die Renten und die

besondere

die Woh- Schuldverpflichtungen steigen weiter und weiter, die großen

frage und yermögen nehmen in erschreckender Weise zu. Daß es

Abnahme	°

des Anteils aber nicht allein das sogenannte mobile Kapital ist, welches

der Massen

am Volks-	Form der Schuldverpflichtungen mühelos vermehrt,

vermögen).	.	.

sondern daß der direkte Bodenbesitz sich immer mehr m
wenigen Händen vergrößert, zeigt folgende Rechnung:

Nach den Wiener Kongreßakten vom 9. Juni 1815 erstreckte
sich der Umfang des Besitzes der vormals reichsunmittel-
baren Herren auf zirka 500 Quadratmeilen. Heute ist er
auf ungefähr 830 Quadratmeilen angewachsen! Wiederum
eine hübsche Illustration zu den Lehren der manchesterlichen
Freihandelsschule von der puren freien Teilung des länd-
lichen Besitzes, so lange der Boden als Handelsware gilt.
Die großen Vermögen in Deutschland sind aber unbedeutend
im Vergleiche zu denen, welche sich in England und noch
viel mehr in den gepriesenen Vereinigten Staaten in ver-
hältnismäßig kurzer Zeit haben ansammeln können. Es ist
schon dahin gekommen, daß die freie nordamerikanische
Republik bereits für 80 Millionen Menschen zu eng geworden,
        <pb n="66" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

51

dal) Vorschläge auftreten, nach welchen die Einwanderung
gleichsam unterbunden werden soll. Und doch könnten
dort über eine Milliarde glücklicher Bürger ihres Daseins
froh werden!

Die hohen Schuldverpflichtungen, die sinkenden Preise
der Produkte, die im Verhältnisse zu den Städten unge-
nügenden Löhne haben eine Unruhe und Unzufriedenheit in
die ländliche Bevölkerung der Bauern und Arbeiter hinein-
gebracht, welche sie von der heimatlichen Scholle forttreibt.
Diejenigen, welche aus dem Erlöse ihrer Wirtschaft noch
Überschüsse haben, nehmen den Weg in fremde, größten-
teils transatlantische Länder, wo sie glauben, die Früchte
ihres Fleißes noch finden zu können. Nun, daß auch diese
Hoffnung heute nur in seltenen Fällen erfüllt wird und er-
füllt werden kann, ist wohl keinem so selbstredend, als dem,
welcher die wirtschaftlichen Dinge im Lichte der Boden-
reform betrachtet.

Diejenigen aber, denen nichts geblieben, um die Kosten
einer weiten Reise zu bestreiten, ziehen in die großen
Städte, wo sie in den Zentren der Industrie irgendwo Be-
schäftigung zu finden denken. Dieser Zuzug ist unter den
heutigen Lohngesetzen einmal für die industriellen Arbeiter
unheilvoll, da die nun gesteigerte Nachfrage der Arbeiter
den Lohn notwendig drücken muß. Denn wo sind die
Arbeiter auf die Dauer oder überhaupt so organisiert, daß
sie bei rückläufigen Konjunkturen ihre Lohnforderung auf-
recht erhalten können ? Ferner aber ist infolge der Be-
wegung der Bevölkerung vom Lande in die Städte, welche
wir seit Jahrzehnten bemerken, ein neues Element der
Ausbeutung vermittelst der städtischen Bodenspe-
kulation aufgetreten. Früher wurde der Baugrund innerhalb
des städtischen Weichbildes—wenn man von den Hauptstädten
absieht — nur nach der naturalen Beschaffenheit bezahlt,

da man eine „Lage“ wenig kannte. Seitdem aber der Strom

4*
        <pb n="67" />
        ﻿

52	Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

in die Städte geht, ist es anders geworden. Man ahnt und
weiß, daß immer neuer Zuzug kommen muß, da man es so
gewohnt ist. Eine außerordentliche Nachfrage nach mensch-
lichen Wohnungen hält ohne wesentliche Stockung an.
Man sieht Grundstücke, welche als Gemüsegarten ihren
Eigentümer gut ernähren oder als Sandfläche gar keinen
Wert für den Besitzer hatten, in die Höhe gehen und manchen
simplen Kappusbauern zum reichen Manne und Protzen
werden. Da jeder Mensch die Befriedigung seiner Bedürf-
nisse auf dem möglichst kürzesten Wege zu erreichen strebt
und die Gesetze den Handel mit Grund und Boden erlauben,
so ist nichts erklärlicher, als daß kluge und betriebsame
Leute sich auf die Bodenspekulation werfen, natürlich nur,
um den Einwohnern ein recht angenehmes Heim zu schaffen.
Kurz, der Kapitalismus hat sich auf den städtischen Grund
und Boden gestürzt, nachdem er sich an dem ländlichen
vorläufig gesättigt hatte.

Es ist wirklich ein trostloses Bild, das uns die wirtschaft-
liche und soziale Entwickelung der Neuzeit bietet. „Lati-
f'undia perdidere Romam et provincias“, heißt es auch heute
wieder. Vom Lande vertrieben wandert die Bevölkerung
in die Städte, um hier den pfiffigen Bodenspekulanten,
Mietwucherern, welche auf den Zuzug lauern, in die Hände
zu fallen. Elende Mietskasernen sind ihr Aufenthalt, wo
Luft und Licht fehlen, wo kein Plätzchen für eine fröhliche
Kinderschar ist, die sich ihrer Jugend in Frohsinn freuen
könnte.

In Deutschland hat sich eine zunehmende Wohnungsnot
ungefähr seit den letzten zwei Jahrzehnten geltend gemacht.
In dieser Zeit hat eine rapide Vermehrung von auf dem-
selben Grundstücke befindlichen Wohnungen, von Hof-
wohnungen, von Häusern mit vier und mehr Stockwerken
stattgefunden.

Doch auch reiche Leute ziehen in die Städte, aber das
        <pb n="68" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

53

sind die, denen die heutige Ordnung erlaubte, sich durch
den Schweiß anderer zu bereichern, die so klug waren, ihre
Besitzung auf dem Lande recht teuer zu verkaufen und
nun Rentner geworden sind.

Die Besitz- und Schuldverhältnisse entwickeln sich nun
in den Städten in analoger Weise wie auf dem Lande.
Der freie Handel und Schacher mit Grund und Boden führt
zur Konzentrierung desselben in wenigen Händen. Auch
hier gibt es Latifundienbesitzer, wenn auch weniger durch
direkten Besitz, als vermittelst des Hypothekenzinses.
Neben freien Hausbesitzern, die ruhig das Fallen und Steigen
der Bodenpreise abwarten können, erscheint jene große
Zahl von Eigentümern, welche ihren letzten Heller in die
Wohnung resp. den Boden gesteckt haben, oder durch Über-
ladung mit Hypotheken ihres Lebens nicht froh werden.
Man kann den meisten nicht einmal den Vorwurf machen,
daß sie nur der Spekulation wegen gekauft hätten, so gewiß
sich auch kleine Leute auf diesen mühelosen Erwerb legen.
Sie sind als Geschäftsleute gezwungen, eine feste Wohn-
stätte zu haben, da ihnen sonst beliebig die Miete gesteigert
oder sogar gekündigt werden kann. Daß der Hausbesitz,
wenn man von derjetztzumStillstandgekommenengünstigeren
Konjunktur absieht, nicht auf Rosen gebettet ist, weiß jeder-
mann. Dazu kommen noch die hohen Kommunalsteuern
als Zuschläge von oft veralteten Staatssteuern.

Von der Entwickelung der Grundrente und der Hypotheken-
verschuldung in Berlin, der die in anderen Städten ceteris
panbus analog verläuft, sei es gestattet, folgendes Bild zu
geben, welches der Schriftführer des „Bundes der Berliner
Grundbesitzervereine“ und Inhaber der Hypothekenstube des
Bundes, also gewiß ein unverfänglicher Gewährsmann, von
den betreffenden Verhältnissen entworfen hat.
        <pb n="69" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Bericht der Zeitungskorrespondenz für
Grundbesitz..

„Seinem Vortrag legte der Referent eine die letzten 25
Jahre umfassende Statistik des Grundbesitzes in Berlin unter,
die er auf Grund des amtlichen Materials des Königlichen
statistischen Amtes ausgearbeitet hat und die somit unantastbare
Zahlen gibt. Darnach gab es in Berlin im Jahre 1865 rund
14 00Ö Häuser mit 140 071 Wohnungen (also pro Haus 10
Wohnungen), welche einen Gesamtwert von 966 708 326 Mk.
repräsentierten und zwar im Bodenwert 208 080 000 Mk.
Feuerkasse 758 628 356 Mk. Die H3'pothekenlast stellte sich
auf 752 256 484 Mk. Der damalige Grundbesitz wies somit
noch ein unverschuldetes Kapital von 214 451882 Mk. auf.
Der Mietsertrag bezifferte sich auf 62 541 195 Mk. Dabei
standen 4564 Wohnungen oder 3,26 Prozent leer. Subhas-
tationen erfolgten 225 und freiwillige Verkäufe 1050. Die
Hauptstadt zählte damals nur 600000 Einwohner. Von diesen
14 000 Häusern, von welchen ein großer Teil nur die Bezeich-
nung „Hütte“ verdiente, sind indessen im Laufe der 25 Jahre
ca. 10 000 den gesteigerten Ansprüchen an Behaglichkeit der
Wohnräume zum Opfer gefallen. Neue Häuser sind entstanden,
von größerem Umfang, deren jedes im Durchschnitt jetzt 17
Wohnungen aufweist. Es steht deshalb die jetzt vorhandene
Anzahl der Häuser mit der seit 1865 erfolgten 21/2 fachen
Vermehrung der Bevölkerung nicht im Einklang, wohl aber
die der Wohnungen, an welchen sogar ein Überfluß vorhanden
ist. Im vorigen Jahre (1889) wies Berlin nach dieser Statistik
22 400 Häuser mit 385 000 Wohnungen auf, welche einen
Gesamtwert von 5 320 970 400 Mk. repräsentierten und zwar
an Bodenwert 2 757 370 400 Mk., an Feuerkasse 2 757 370 400 Mk.
Die Hypothekenlast bezifferte sich auf 3 100 000 000 Mk. Der
heutige Grundbesitz weist somit noch ein unverschuldetes
Kapital von 2 220 970 400 Mk. nach.

Die Ansammlung unverschuldeten Kapitals im städtischen
Grundbesitz Berlins, der seit 25 Jahren von 2141/a Millionen Mk.
bereits auf 2 Milliarden 221 Millionen Mk. angewachsen ist,
dürfte wenig geeignet sein, die Klagen der Grundbesitzer zu
unterstützen. Auch der Rückgang der Subhastationen weist
eine Besserstellung der heutigen Grundbesitzer gegen vor 25
Jahren nach, dieselben haben sich 1889 auf nur 60 beziffert.
Die freiwilligen Verkäufe stiegen dagegen auf 2800. Der
Mietsertrag repräsentierte im vorigen Jahre die Summe von
256 Millionen Mk. Dabei standen 12 000 Wohnungen oder
3,12 Prozent leer, und dieser Prozentsatz soll sich in diesem
Jahre nach den Ermittelungen des „Bundes“ noch so erhöht
haben, daß der „Bund der Grundbesitzervereine“ im Interesse
        <pb n="70" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

55

•der Grundbesitzer von der Veröffentlichung derselben Abstand
nehmen will, um nicht dadurch einen Rückgang der Miets-
preise herbeizuführen. (!) Einen recht lehrreichen Einblick
in die Steigerung der Grundstückspreise bietet in dieser
Statistik der spezielle Nachweis pro Haus. Im Jahre 1865,
also vor 25 Jahren, stellte sich in Berlin der Preis eines
Hauses auf 41 620 Mk. an Bodenwert und 54190 Mk. an
Feuerkasse (Bauwert) = 95 810 Mk., die Hypothekenlast
stellte sich auf 50 700 Mk. und der Mietsertrag auf 4460 Slk.
Jetzt, nach 25 Jahren, ist der Bodenwert eines Grundstückes
fast auf das dreifache, nämlich auf 114 000 Mk., gestiegen,
der Feuerkassenwert hat sich auf 124 000 Mk. erhöht, die
Hypothekenlast demzufolge auf 140 000 Mk. und der Miets-
ertrag auf 11428 Mk. Es dürfte hiernach einleuchten, daß
die fast unerträglichen Mietspreise in erster Linie auf den
Grundstückswucher zurückzuführen sind, der innerhalb 25 Jahren
das Durchschnittsgrundstück in Berlin (ohne Baulichkeiten)
um 72 080 Mk. verteuert hat!“

Auch eine Notiz über die Steigerung der Grundrente
und die Hypothekenverhältnisse in Schweden hat großes
Interesse:

„Ende 1885 hatte der Grundbesitz auf dem platten Lande
einen Taxwert von 2 447 245 976 Kronen und in den Städten
von 983 413 664 Kronen, zusammen etwa 50 Millionen Kronen
mehr als 1884. Die Hypothekenbelastung dieses Grundbesitzes
war von 1 337 366 706 Kronen in 1884 auf 1 405 326 870 Kronen
in 1885, mithin um 67 960 164 Kronen gestiegen. Die Grund-
stücke waren durchschnittlich mit 49,9 Prozent gegen 38,9
Prozent in 1884 beliehen. Der Grundbesitz in Stockholm
war mit 60,4 Prozent des Wertes belastet, gegen 1884 um
2,1 Prozent höher. Im Jahre 1885 haben 44 700 Grundstücke
den Besitzer gewechselt. Der Verkaufswert betrug 239169 006
Kronen, gegen 188 550 899 Kronen im Vorjahre. Zur Zwangs-
versteigerung kamen auf dem platten Lande Grundstücke im
Werte von 5 655122 Kronen, in den Städten von 3 674 808
Kronen.“

So sehen, wir die ganze werktätige Bevölkerung unter
•der Schraube der kapitalistischen Ausbeutung seufzen: wie
•der Bauer, der Hausbesitzer, wird der Unternehmer durch
die steigenden Schuldverpflichtungen, höhere Löhne und
■die sinkenden Preise für die Produkte in Not getrieben,
wobei sich die Unternehmer, sofern sie mit vielen Arbeitern
ihr Geschäft treiben, durch Vorwegnahme der Früchte des
        <pb n="71" />
        ﻿56	Di© Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Fleißes ihrer Arbeiter schadlos halten. Ohne Unterschied
sind die besitzlosen Arbeiter die Prügelknaben der heutigen
Ordnung, und keine feine Sophistik kann den Druck eines
ehernen Lohngesetzes*) wegleugnen, das ihnen nur das
zum Leben Notwendige läßt. Gelingt es ihnen auch im
Lohnkampfe, der überhaupt nur bei steigender Konjunktur
möglich ist, höheren Lohn zu erringen, steigende Mieten
nehmen ihnen ebenso wie steigende Kleinhandelspreise den
Yorteil, hereinbrechende Krisen geben sie dem Hunger
Preis. — Alle aber, welche von der Arbeit leben, sind
ausgebeutet, und oft sind die Lohnarbeiter besser daran,,
als die Arbeitgeber.

Gerade eine Zeit beginnenden Niederganges in den jetzigen
Tagen lenkt die Aufmerksamkeit von neuem auf diesen
Punkt. Die Zeit des Aufschwungs brachte den Lohnarbeitern,
vielfach freilich erst durch Streik, höhere Löhne, welche
ihnen später zufielen, während die Arbeitgeber am Schlüsse-
unbezahlte Rechnungen und unerfüllte Hoffnungen haben.
Denn wie ist zu erwarten, daß die hohen Preise für Fabrikate —
wir sehen von ländlicher Produktion ab, da dort die Ein-
nahmen schon stetig sinken — von den Konsumenten bezahlt
werden, da diese doch nicht konsumfähiger geworden sind!
Gewonnen haben nur die, welche Eigentümer der Stätten
der Urproduktion für Fabrikate, der Rohstoffe, sind, besonders
von Eisen und Kohlengruben, resp. die Hypothekengläubiger..
Waren die Fabrikanten gezwungen, den Preiserhöhungen
für diese Stoffe nachzufolgen, andererseits höhere Löhne
zu zahlen, so haben die Lasten der Sozialversicherung den
Untemehmergewinn heruntergedrückt. Gewiß sind auch

*) Zur Vermeidung von Mißverständnis sei über den Begriff des
ehernen Lohngesetzes bemerkt, daß wir unter ehernem Lohngesetze
nicht, wie Marx dem Lassalle zuschrieb, ein ewiges, unabänderliches
Gesetz verstehen, sondern ein solches, welches zwar mit ehernem,,
hartem Drucke, wirkt, aber mit Beseitigung seiner heutigen Bedin-
gungen fortfallen wird.
        <pb n="72" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

57

■wir froh, wenn sozialer Druck und die Not die Arbeitgeber
belehren, daß noch andere Formen der Produktion Platz,
finden müssen; aber unserer Anschauung gemäß bildet die
Ausbeutung durch die Arbeitgeber nicht den Kern der
sozialen Frage, denn die meisten derselben sind selbst Aus-
gebeutete. Das wird nun in Bälde wieder recht deutlich
in die Augen springen, wenn die Produzenten keinen Absatz,
für die enorm vermehrten Produkte haben werden. Das
Kartenhaus erträumter Gewinne fällt zusammen, da keine
Käufer vorhanden sind. Auf Grund der wirtschaftlichen
Ordnung sammeln sich die Ansprüche auf die Produkte in
wenigen Händen, die sie nicht aufzehren können. Da
aber bares Geld von den Kenten- und Zins verpflichteten
verlangt wird, so sind diese gezwungen, ihre Waren auf
dem Weltmärkte abzusetzen, auf dem die Nachfrage, wegen
der Unfähigkeit der Massen zu kaufen, fehlt. Es tritt dann
wieder der Zustand ein, den man „Überproduktion“ nennt,
obwohl er in Wahrheit eine „Unterkonsumtion“ ist. Doch
verlassen wir vorläufig diese Erörterungen, auf die wir später
ausführlicher zurückkommen.

Es erübrigt noch, auf die ziffernmäßige Abnahme des
Anteils der Massen an dem Nationaleinkommen in den
letzten Jahren hinzuweisen. Erwiesenermaßen ist derselbe
in England seit 10 Jahren von 40 auf 25 Prozent gesunken.
Und welche Riesenvermögen sich schon in den Vereinigten
Staaten von Nordamerika angesammelt haben, möge eine
Tabelle, welche der New-Yorker Statistiker Thomas G. Shear-
man aufgestellt hat, lehren. Von besonderem Interesse
ist dabei noch, daß unter den Hauptausbeutern der ehrlichen
Arbeit sich eine Kirchengemeinschaft an erster Stelle findet.
Die zahlreichen Besitze nur weniger Millionen ließ er vor-
läufig ganz außer acht, denn solche kann ja fast jeder
nennenswerte Ort der Vereinigten Staaten aufweisen. Erst
wo die Vermögen die enorme Summe von 20000000 Dollar
        <pb n="73" />
        ﻿58

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

erreicht haben, wartet er mit Namen auf. Da ergibt sich
•dann das Folgende:

Ein Vermögen von 150 000 000 Dollar besitzen: J. J. Astor
und die Trinity-Kirche in New-York.

Von 100 000 000 Dollar: C. Vanderbilt, W. K. Vanderbilt,
Jay Gould, Leland Stanford und J. D. Bockefeiler.

Von 70 000 000 Dollar: Die Verlassenschaft von A. Bäcker.

Von 60 000000 Dollar: John J. Blair und die Verlassen-
schaft von Charles Crocker.

Von 50 000 000 Dollar: William Astor, W. W. Astor, Bussel
Sage, E. E. Stevens und die Verlassenschaften von Moses
Taylor und Brown und Ives.

Von 40 000 000 Dollar: P. D. Armour. P. L. Arnes, William
Bockefeiler, H. M. Flagler, Powers und Weigthmann und die
Verlassenschaft von P. Goelet.

Von 35 000 000 Dollar: C. P. Huntington, D. O. Mills und
die Verlassenschaften von T. A. Scott und J. W. Garrett.

Von 30 000 000 Dollar: G. B. Boberts, Charles Pratt, Bosa
Windno, E. B. Core, Claus Spreckles, A. Beimont, B. J.
Livingston, Fred Weyerhausen, Frau Martha Hopkins, Frau
Hatty Green und die Verlassenschaften von L. V. Harneß,
B. W. Colemann und J. M. Singer.

Von 25 000 000 Dollar: A. J. Drexel, J. S. Morgan, J. P.
Morgan, Marshall Fields, David Dows, J. G. Fair, E. D. Gerry
und die Verlassenschaften von Gouverneur Fairhanks, A. T.
Stewart und A. Schermerhorn.

Von 22 500 000 Dollar: C. G. Paine nnd die Verlassen-
schaften von F. A. Drexel, J. V. Williamson und W. F. Waltz.

Von 20 000 000 Dollar: F. W. Vanderbilt, Theod. Have-
meyer, H. O. Havemeyer, W. G. Warden, W. G. Thompson,
Frau Shenley, J. B. Haggin, H. A. Hutchins und die Verlassen-
schaften von W. Sloane, E. S. Higgins, C. Tower, William
Thaw, Dr. Hostetter, William Sharon und Peter Donohue.

Diese 70 Namen repräsentieren daher 2 700000 000 Dollar
-oder durchschnittlich 37 500000 Dollar.

Shearman teilt weiter mit, daß er, ohne als Statistiker
sich weiter Mühe zu geben, zufällig etwa 50 Personen kenne,
die mehr als 10 000000 Dollar besitzen und, obwohl Herr
■Shearman auf solche lumpigen Millionäre, die nicht einmal
20000 000 Dollar ihr Eigentum nennen, keine Bücksicht
nahm, stellt er die Behauptung auf, daß sich leicht eine
Liste von zehn Personen aufstellen läßt, die durchschnittlich
        <pb n="74" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

59

100000000 Dollar besitzen, oder eine Liste von hundert
Personen, welche durchschnittlich 25 000000 Dollar besitzen,
was in keinem anderen Lande der Welt möglich ist. Ein
Dutzend amerikanischer Bürger hat einen Reichtum auf-
. zuweisen, wie ihn sogar die reichsten Edelleute der Welt
nicht besitzen und die größten englischen Bankiers, Kauf-
leute und Eisenbahnmagnaten stehen ihren Kollegen in
Amerika an Reichtum weit nach.

Das durchschnittliche jährliche Einkommen der hundert
reichsten Engländer ist 450000 Dollar, während die hundert
reichsten Amerikaner jedes Jahr durchschnittlich 1200000
Dollars, vielleicht sogar 1 500000 Dollars zu verzehren haben.
Der reichste Rothschild und der weltbekannte Bankier
Baron Doerstone hinterließen nur je 17 000 000 Dollars. Der
Graf Dudley, der reichste Bergwerksbesitzer, hinterließ
20000000 Dollar. Der Herzog von Buccleuch, der das
halbe Schottland sein Eigentum nennt, hinterließ 30 000 000
Dollar. Der Marquis von Bute mag vielleicht 40000000
Dollar und der Herzog von Westminster 50000000 besitzen.

Herr Shearman behauptet, daß 25 000 Personen die Hälfte
•des gesamten Reichtums der Vereinigten Staaten ihr Eigen-
tum nennen und der gesamte Reichtum des Landes auf
:nur 250000 Personen verteilt ist, so daß auf je einen Millionär
60 besitzlose erwachsene Männer kommen.

Wenn Herr Shearman die übertriebene, nur die wenigen
-auf Unkosten der vielen begünstigende Schutzzollpolitik
für diese Kapitalanhäufungen verantwortlich macht, und im
Falle der Beibehaltung dieses Systems eine rasche Steigerung
•der Mißverhältnisse voraussagt, so hat er ja soweit recht, —
•das Übel sitzt aber doch viel tiefer. Es ist da eine viel
.-gründlichere Radikalkur notwendig.

Die Ursache des sozialen Elends liegt in der Möglichkeit
der Ansammlung so enormer Reichtümer in wenigen Händen,
welche die Produkte der Arbeit imter dem Schutze schlechter
        <pb n="75" />
        ﻿60

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Gesetze an sich reißen, dieselben aber nicht aufzehren,.
sondern sie wiederum unter legaler Form kapitalisierend
anlegen können. Sinkende Preise, Arbeitslosigkeit für die
Produzenten ist die Folge; den Arbeiter schlägt sein eigenes
Produkt tot. Wird der Lohnarbeiter durch den Unternehmer--
profit ausgeplündert, so seufzt der Mittelstand, wie Bauern,.
Handwerker und Unternehmer, unter dem Drucke der Renten-
und Zinsschraube, und mit ihnen allen leiden die freien
und gelehrten Berufe, deren Nahrung von dem Wohlbefinden
der großen Masse abhängig ist und bleiben wird.

In klarer Weise hat schon Rodbertus die Ursachen der
stets wiederkehrenden Geschäftskrisen, die heute permanente
geworden sind, erläutert, welche er in der Beraubung der1
Arbeit durch Grundrente, Zins und Unternehmerprofit
sieht. In seinen Briefen an von Kirchmann schildert er'
treffend, wie die Krisen durch Unterkonsumtion entstehen-
müssen. Unter anderem sagt er:

„Tritt der ruhige Beobachter in diese kapitalreichen Nationen
hinein, wendet er sich zu den einzelnen, die ihm bis dahin,
nur vereinigt, als Ganzes erschienen, so sieht er mit Erstaunen,,
daß trotz dieser ungeheueren Häufung von Kapitalien, trotz
dieser unzähligen Erfindungen zur Leitung und Beherrschung
der Natur= und Menschenkräfte, doch der Vorteil davon nur
zu einem geringen Teile sich über alle Glieder der Nation,
ausdehnt; daß der größere Teil dieser Vorteile nur einer aus-
erwählten Klasse der Nation zugute kommt, und daß sieh
vermöge des bisherigen Lohn- (Renten) und Zinssystems und.
der .Tendenz zum Sparen diese glücklichen Klassen in einem
Widerspruche befinden, der sie selbst nicht zur Ruhe kommen:
läßt. Aus Egoismus nehmen sie in der Form des Kapital-
zinses und des Unternehmergewinnes dem Arbeiter die Hälfte
des Produktes und die Macht, zu verzehren; und aus Egoismus
mögen sie selbst auch nicht verzehren, sondern in blindem
Eifer schaffen sie immer neue Produktionsgeschäfte für Produkte,
die niemand kaufen kann. Mitten in den Mitteln des Genusses
sitzend, können sie sich nicht entschließen, weder die um-
stehenden Arbeiter mitgenießen zu lassen, noch selbst zu ge-
nießen. Gleich einem Sisyphus quälen sie sich in dem unlös-
baren Widerspruch: verkaufen zu wollen, nachdem sie doch
dem Käufer die Mittel zum Kaufen genommen haben. So
        <pb n="76" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.	61

'hat die gegenwärtige Gesellschaft große Ähnlichkeit mit einer
Schar Reisender in der Wüste. Durstig finden sie eine
Quelle, die genügend wäre, alle zu erquicken und zu stärken;
allein eine kleine Zahl wirft sich auf zum Herrn der Quelle ;
aus Mißgunst lassen sie der Mehrzahl nur wenige Tropfen
für ihren Durst; sie selbst trinken in langen Zügen, allein
die Quelle fließt stärker, als sie austrink,en können; so lassen
sie aus Übersättigung und Mißgunst zugleich die Hälfte des
sprudelnden Stromes in den Sand verrinnen.“

Soweit der Denker von Jagetzow.

In ähnlicher Weise führt Lassalle in seinem „Bastiat-
:.Schulze-Delitzsch“ ans, daß dem Arbeiter nur soviel von
der Produktion verbleibe, als zu seinem notwendigen Lebens-
unterhalte genüge:

„Wenn nun aber der Arbeitslohn im Durchschnitt immer
auf den notwendigen Lebensunterhalt beschränkt ist, so folgt
hieraus von selbst, daß aller aus dem Verkauf der Produkte
erlöste Überschuß des Produktionsertrages über den während
der Dauer der Produktion notwendigen Lebensbedarf in den
Händen des Unternehmers bleibt, der diesen Überschuß nun
nach weiteren Gesetzen, die wir hier nicht untersuchen können,
zwischen sich und dem reinen Kapitalisten (Zins, und resp.
dem Bodenbesitzer als Grundrente, auf deren besondere Ge-
setze wir hier noch weniger eingehen können) verteilt.“

In unseren Tagen tritt mehr und mehr hervor, daß der
Unternehmerprofit nur die Folge von verkehrten gesellschaft-
lichen Grundlagen ist, welche die arbeitende Bevölkerung
von dem Nießbrauchs an der Mutter Erde ausschloß.

Da man durch Gesetze erlaubte, daß jemand Grund und
Boden eigentümlich besitzen konnte, ohne die Arbeit der
Naturkräfte — die Grundrente — an die Gemeinschaft ab-
zugeben, gestattete man, daß große Landbesitzungen sich
in einer Hand vereinigen konnten. Dadurch war die große
Masse von der Urquelle aller Betätigung ausgeschlossen;
die Menschen fanden nur Arbeit, wenn sie sich bereit er-
klärten, dem Bodeneigentümer eine Abgabe zu leisten,
welche der unentgeltlichen Leistung der Naturkräfte mehr
oder weniger entsprach. Das private Bodeneigentum in
        <pb n="77" />
        ﻿62

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

dieser seiner römischen Gestalt führte die nach göttlichem,
und natürlichem Rechte dem Gemeinwesen gehörige Grund-
rente in die Taschen von einzelnen und bereicherte diese-,
auf Kosten der Masse, welche dadurch in Armut verblieb.

Dabei stieg diese Abgabe für Benutzung des Bodens
stetig, da nur ein Teil der Kapitalien in der Industrie Ver-
wendung fand, der andere aber sichere Anlage in Grund
und Boden suchte. Dazu kam noch die starke Vermehrung
der Bevölkerung, so daß die „Monopolrente“ in Form von
Grundrente und Zins einen immer größeren Tribut von der
Arbeit forderte.

So lange der Boden gebunden war, überwog die Aus-
beutung durch Grundrente (Mittelalter) die durch Zins;
nachdem aber gesetzlich der Boden ' dem freien Handel,,
der freien Beleihung durch Hypotheken usw. anheimgegeben
war, ist die Zinsausbeutung die stärkere geworden. No-
minell hat die Sklaverei und Hörigkeit der Bauern zu be-
stehen aufgehört, aber in "Wahrheit ist die Lage derselben
unter der Zinsknechtschaft schlimmer als je. Diejenigen
aber, welche keinen privaten Kredit erhalten, sind gezwungen,,
um überhaupt Arbeit zu finden, Unternehmern ihre Dienste
unter jeder Bedingung anzubieten.

Liegt für uns der Kern der sozialen Frage in der gerechten.
Güterverteilung, so werden wir bestrebt sein, die arbeits-
losen Einkommen, welche zu so enormen Reichtümern führen,
verschwinden zu machen. Erkennen wir die private Grund-
rente und den Kapitalzins als die Grundlage allen arbeits-
losen Erwerbes, so liegt der Weg, der zu begehen ist, klar
vor unseren Augen: die Nationalisierung der Grundrente,
die Überführung der Grundrente — d. h. der Entschädigung
für Benutzung der ewigen und unerschöpflichen Naturkräfte,,
wie sie in dem beschränkten Erdboden sich äußern, — in
die Gemeinschaft aller Bürger, statt in die Taschen einzelner.
Wird der private Bezug der Rente unmöglich gemacht,.
        <pb n="78" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

63

so fällt auch der Zins, der nichts als ein Rentenkauf (Rod-
bertus) ist, hin.

Daß Rente und Zins dasselbe sind, ist eine alte Wahrheit,
die schon Kalvin bekannt war, wenn er sagt:

„Das Geld erzeugt nicht Geld, das ist unbestritten; aber mit
Geld kauft man Land, welches mehr als den Gegenwert der
Arbeit, die man ihm widmet (durch die Naturkräfte), erzeugt
und dem Eigentümer ein Mehreinkommen läßt, nachdem alle
Ausgaben für Handarbeit usw. bezahlt sind. Mit Geld kauft
man ein Haus, das Mieten einbringt. Die Sache, mit der
man Gegenstände kaufen kann, die aus sich selbst Einkommen
erzielen, muß aber als selbst Einkommen erzeugend betrachtet
werden.“

Auch der berühmte Anhänger der physiokratischen Schule-
Turgot, war sich völlig klar über den Ursprung des Zinses:

„Das Geld der Kapitalisten ist der Wertausdruck für ein
Grundstück; der Zins des Geldes geht hervor aus dem Ein-
kommen eines Gutes oder aus dem Gewinn eines Geschäftes.
Alles aber geht hervor aus dem Reinertrag der Ländereien,
d. h. der Arbeit der Naturkräfte.“

Wie Lassalle an der vollen Erkenntnis der wahren Ursachen
der sozialen Not unserer Tage vorüberging, ist aus seinem
„Bastiat-Schulze von Delitzsch“ bekannt. Schulze recht-
fertigt ganz richtig den Zins damit, daß es dem Kapitalisten
möglich sei, für sein Kapital Land zu kaufen, dessen Ernte,
welche dem Acker „entkeimt“, ein ansehnliches Mehr an
Getreide über Samen und Arbeit hinaus liefert.

Wie Lassalle die Lösung des großen Rätsels nicht fand,
da er auf Verstaatlichung der Produktion hinzielte, so ent-
gingen Henry George, da ihm die wesentlich deutschen
Vorarbeiten nicht bekannt waren, die Stellung des Zinses
in der Volkswirtschaft als eines ausbeuterischen Elementes.
Es ist von Interesse, die Versuche zur Erklärung des Zins-
problems aus Böhm-Bawerks „Geschichte und Kritik der
Kapitalzinstheorie“ aufzuführen. Wir geben die Aufzählung
nach dem Handbuch von Schönberg wieder.
        <pb n="79" />
        ﻿B4

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

„Warum existiert ein ständiger Wertüberschuß, woher emp-
fängt der Kapitalist im Zins einen endlosen und mühelosen

Güterzufluß ?

1.	Turgot meint, daß der Überschuß $ein muß, weil die
Kapitalisten sonst ihr Kapital zum Ankauf von Grund und
Boden verwenden würden, aus dem sie eine Rente beziehen
können. Farblose Theorie.

2.	Produktionstheorien: Das Kapital produziert den Überschuß
nach Say.

3.	Abstinenztheorie (Senior) : der Mehrwert ist das Äquivalent
eines in den Preis eingehenden Kostenbestandteiles „Ent-
haltsamkeit.“

4.	Arbeitstheorie: Der Mehrwert ist der Lohn für eine vom
Kapitalisten beigesteuerte Arbeit, der Zins ist Vergeltung
eines volkswirtschaftlichen Berufes. (Schäffle und Wagner).

5.	Ausbeutungstheorie (Rodbertus und Marx): Der Zins ent-
springt gar keinem natürlichen Überschuß, sondern ent-
steht nur durch Abknappung am gerechten Lohn der Arbeiter. “

Wer überhaupt das arbeitslose Einkommen beseitigen
will, muß, wie es auch der humanistische Sozialismus der
Bodenreformer mit Ausnahme Henry (Georges erstrebt, den
Zins beseitigen helfen. Sieht er ferner in dem Zins nur
eine andere Form der Grundrente, mit welcher der Zins
steht und fällt, so ergibt sich für ihn folgerichtig, daß der
Zins beseitigt werden kann, wenn dem privaten Kapital
die Anlage in dem Boden, der Rentenkauf, unmöglich gemacht
wird, wenn die Grundrente nationalisiert wird. Stamm ist
wohl der erste gewesen, welcher diesen Zusammenhang
von Grundrente, Zins und Landnationalisierung klargelegt
und dadurch die Möglichkeit bewiesen hat, auf einem
anderen Wege, als auf dem, den der demokratische Sozia-
lismus einschlägt, zum Ziele zu gelangen.

Die irr- Wie die Bodenreform an der Erkenntnis des Physiokraten

lehre von	d

der stei- Turgot eine feste Grundlage betreffs des Verhältnisses von

genden	ö

Grund- jj,ente und Zins Kat, so ist noch heute für einen Teil der

rente.

Bodenreformer die alte physiokratische Irrlehre von der
einzigen Steuer, l’impot unique, Quesnays maßgebend. Alle
Steuern werden nach ihrer Ansicht verschwinden, um einer
        <pb n="80" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

65

einzigen Grandrentensteuer Platz zu machen. Dabei ist
der falsche Gedanke entscheidend, daß die Grundrente, welche
dem Staate zufalle, nicht allein auf dem heutigen Stande
verbleiben, sondern höher und höher steigen werde. Ein
Bodenreformer glaubt, daß sie in 100 Jahren dem Gemein-
wesen ein Einkommen von 30 Milliarden Mark für Deutschland
gewähren würde. — Stamm hat in seinem für die Boden-
reform grundlegenden Buche „Die Erlösung der darbenden
Menschheit“ diese Ansicht niedergelegt, und andere sind
ihm gefolgt, Henry George hat sein Buch „Freihandel oder
Schutzzoll“ denManen jener Männer (Physiokraten) gewidmet,
welche für die einzige Steuer eintraten. Auch wir haben
noch in der Schrift „ W elches ist der erste Stand ?“ *) der Ansicht
gehuldigt, daß die Grundrente im Reformstaate steigen
würde, doch sind wir später zur Einsicht gelangt, daß der
hohe Stand derselben von heute schon ein Symptom kranker
Volkswirtschaft sei. Da Verfasser Vorsitzender des „Deutschen
Bundes für Bodenbesitzreform“ und zugleich Redakteur der
Bundeszeitschrift „Frei-Land“ war, so hielt er sich für ver-
pflichtet, dem Vorstande von seiner abweichenden Meinung
Kenntnis zu geben, die aphoristisch in einem Zirkulare vom
8. Mai 1890 niedergelegt ist, das folgenden Wortlaut hat:

„Die Übernahme der Redaktion von „Frei Land“ hat mir
Gelegenheit gegeben, mich eingehender mit den einschlägigen
Fragen, speziell der Grundrente, zu beschäftigen und manche
Anschauungen zu vervollständigen. Schon früher ist mir
manches aufgestoßen, was ich mit der „einzigen Grundsteuer“
oder der einzigen Pachtabgabe und der steigenden Grundrente
im Staate der Bodenreform nicht in Einklang zu bringen ver-
mochte. Meine Berufsarbeit und andere literarische Beschäf-
tigung hielten mich von der Durchbildung der Gedanken ab.
Schon vor zwei Jahren habe ich in „Deutsch Land“, der Monats-
schrift unseres Freundes Flürscheim, Bedenken über eine einzige
Steuer geäußert, im vorigen Jahre habe ich in einer Rede,

*) Dr. Heinr. Wehberg: Welches ist der erste Stand? Beantwortet
im Geiste des humanistischen Sozialismus. Verlag von Elwin Staude.
Berlin 1888.

Wehberg, Die Bodenreform.

5
        <pb n="81" />
        ﻿66

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

welche in Stamms „Allwohlsbund“ gedruckt ist, meine Ansicht
dahin ausgesprochen, daß das Gemeinwesen die Grundrente
herabsetzen könne.

Nunmehr habe ich die Überzeugung gewonnen, daß das
Gemeinwesen von den Besitzern des Bodens in gerechten
Zuständen nur für die natürliche Leistung der Naturkräfte,
wie sie in dem Boden sich äußern, einen Entgelt fordern
kann: „die naturale Grundrente“, daß es aber auch diese ohne
Ausnahme von allen Besitzern fordern muß. Die heutige
„Lage“ ist wesentlich Produkt der wirtschaftlichen und sozialen
Zustände und wird, wenn überall Wohlhabenheit und überall
Verkehr, verschwinden.

Wo der Boden in den Besitz einzelner übergegangen, da
kann von dem, der ihn haben will, jeder Entgelt gefordert
werden, da der Boden immer seltener zu haben ist. Dazu
kommt die Ansammlung der großen Vermögen in wenigen Händen,
welches um Rente wirbt. Es kann sogar soviel gefordert
werden, daß der ganze Arbeitslohn geraubt wird.

Die Grundrente kann außerdem nur steigen in einem iso-
lierten Staate, der durch Zölle gleichsam abgeschlossen ist.
Da ich aber stets und zuerst Freihändler war, so ist es mir
doppelt unmöglich, an eine steigende Grundrente zu glauben.

Da ich nur aphoristische Gedanken auf das Papier werfe,
so deute ich nun den Weg an.

Meiner Überzeugung gemäß muß der Staat den Grundbesitzern
ermöglichen, die „Monopolgrundrente“, wie sie sich in höheren
Kaufpreisen und Hypothekenverschuldungen heute zeigt, ab-
zulösen, dadurch, daß er die Hypothekargläubiger zwingt, ihr
Kapital unkündbar und amortisierbar zu überlassen. Die
Grundbesitzer lösen ab durch die Vermittelung der Staats-
banken , wobei ihnen der fallende Zinsfuß auch noch zugute
' kommt. Wer nicht ablösen wollte, ist dem Staate verschuldet,
da der Grundkredit verstaatlicht wird, der bei einer gewissen
Höhe der Verschuldung das Vorkaufsrecht hat. Der Staat
kommt so allmählich in größeren Besitz. Wann er Verpächter
allen Gebietes sein wird, ist nicht zu sagen. Für Ankauf
im ganzen bin ich nicht, im Gegenteil will ich mehr freie
und weniger belastete Eigentümer.

Doch auch, wenn der Staat alles Ackerland ankaufte —
Bergwerke, Wälder, Wiesen, Weiden, Flüsse, muß er auf
diese Weise erwerben, da sie über die Arbeit der Natur hin-
aus nichts oder wenig abwerfen —, so wird die heutige
„Monopolgrundrente“ fallen müssen.

Es wird nur die „Naturalgrundrente“ übrigbleiben. Was
über die Leistung der Naturkräfte gewonnen wird, ist lediglich
menschlicher Arbeit und der Verwendung von Kapital zu ver-
danken. Was also mehr auf dem Acker erzeugt wird, gehört
        <pb n="82" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

67

dem Arbeiter. Bei gerechter Auferlegung der naturalen Grund-
rentensteuer wird niemand mehr Ackerland haben können,
als er bebaut; die Latifundien müssen verschwinden, das
Land wird wieder bevölkert: der Zins verschwindet, die Arbeiter
werden wohlhabend; die Zollmauern sinken, dadurch ist ein
Steigen der Grundrente verhindert, welche unter dem Schutze
der heutigen Zölle von der Monopolrente befreit wird.

Die „Lage“ in den Städten ist übrigens auch zum Teil
nur das Resultat der zunehmenden Verarmung in den Städten
selbst. Die verarmte Bevölkerung wohnt in ihren Quartieren,
die reiche in den ihren. In den armen Quartieren werden
große Geschäfte nicht errichtet. Die anderen Bedingungen
der „Lage“ sind so auffällig aus der wirtschaftlichen und
sozialen Misere herausgegangen, daß ich sie füglich nicht zu
erwähnen brauche.

Das ist meine Anschauung: Die Reform hat zu erreichen,
die heute krankhafte „Monopolgrundrente“ -— wie ich sie
nenne — auf die „Naturalgrundrente“ zu bringen, welche
der natürlichen Leistung des Bodens entspricht.

Damit weiche ich von den Anschauungen vieler Genossen
ab, und ich bin der Meinung, daß es bei solchen schweren,
zumal taktischen Differenzen nicht angeht, da gerade jetzt,
die neu in Fluß kommende Freihandelsbewegung ein Darüber-
hingleiten unmöglich macht, die Redaktion von „Frei Land“
weiter zu führen.

In unbemerkter Weise kann der Rücktritt bis zum 1. Juli
erfolgen, bis wohin ich „parteilos“ das Blatt leiten will. Es
wird sich schon gern ein Genosse bereit finden. Aber wichtiger
für mich ist, ob die Genossen ferner meine Zugehörigkeit
zum Vorstande für möglich erachten, was ich selbst bezweifele.

Es liegt nicht in meiner Natur, Statist zu sein. Die Wahr-
heit aber, soweit sie jeder zu erkennen vermag, geht mir über
Freundschaft und alles.“

So war auch leider unser zu früh verstorbener Freund
Dr. Stöpel der Ansicht, daß auch heute der selbst arbeitende
Bauer keine Grundrente beziehe, zumal nicht im Reform-
staate ; einer ähnlichen Anschauung huldigt Dr. Hertzka in
seinem schönen Buche „Freiland“, wo er den Grund und
Boden als ein freies Gut betrachtet, Anschauungen, welchen
wir uns nicht anzuschließen vermögen.

Bei höherer Kultur und steigenden Bedürfnissen tritt bei
sich mehrender Bevölkerung Teilung der Arbeit ein. Waren

früher alle Einwohner Hirten, Fischer, Jäger, so widmet.

5*
        <pb n="83" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

sich jetzt ein Teil der Bodenbearbeitung, während sich ein
anderer industrieller Tätigkeit hingibt.

Wäre volkswirtschaftliches Denken im Rahmen einer
Wissenschaft damals schon vorhanden gewesen, hätte Ge-
rechtigkeit die Wege der Völker geleitet, nichts wäre klarer
gewesen, unter welchen Bedingungen man den allen ge-
meinsamen Boden den Bebauern überlassen hätte. Man
würde von ihnen gefordert haben, das an die Gemeinschaft
abzugeben, was die Naturkräfte ohne wesentliches Zutun
leisten.

Demnach hätten unterirdische Schätze, ferner Wälder,
Wiesen, Weiden stets Gemeineigentum bleiben müssen,
denn erstere sind von Anbeginn vorhanden gewesen, und
der Ertrag in Wäldern, Wiesen und Weiden ist, abgesehen
von sehr geringer menschlicher Arbeit, nur auf die Tätig-
keit der Natur zurückzuführen. Auch alle Wasserläufe hätten
überall im Eigentum der Gesamtheit verbleiben müssen.
Es hätte ja keinen Sinn gehabt, alle diese Flächen an
einzelne auszutun, wenn die Privaten die Leistung der
Naturkräfte als naturale Grundrente an die Gesellschaft
hätten abgeben müssen. Es wäre für sie selbst nichts übrig
geblieben.

Dagegen verhält es sich mit Ackerland anders, da dieses
bei sorgfältiger Arbeit, und bei Verwendung von Kapital
über die Leistung der Naturkräfte ein Erhebliches mehr
abwerfen kann, das nach Recht und Billigkeit dem Bebauer
des Bodens gehört.

Wäre so die naturale Grundrente Nationaleigentum ge-
wesen, so würde niemand in der Lage sein, sich große
.Strecken Landes anzueignen, denn nur dann hätte er Vor-
teil von dem Boden, wenn er ihn sorgfältig bearbeitete.
Sorgfältig bearbeiten, also einen Ertrag über die Tätigkeit
der Naturkräfte, welche er abgeben muß, zu erzielen, wäre
nur möglich bei einem je nach der Betriebsart mäßig um-
        <pb n="84" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

69

fangreichen Boden. Nie würde jemand Land in Anspruch
nehmen können, um es durch andere gegen Entgelt be-
arbeiten zu lassen, denn dieses Entgelt müßte er ja im
gerechten Wesen selbst wieder abgeben, da es die Grund-
rente ist. Da viele an den Boden, die Urquelle aller Güter,
heran könnten, so würde die Armut von heute oder von
früher nicht gewesen sein; Protze und Proletariat ständen
sich nicht so feindselig gegenüber. Ob die Landverleihung
im Mittelalter an die großen Herren im Sinne einer wirt-
schaftlichen Entwickelung nach materialistischer Geschichts-
auffassung war, ist eine recht müßige Frage, da sie gar
nicht zu beantworten ist. Wo die Eltern wohlhabend sind,
brauchen die Kinder nicht ins Proletariat zu sinken. Sie
finden dann einen Fonds vor, mit dem sie anfangen können,
außerdem Gelegenheit zur Arbeit, wenn die Ansammlung
großer Vermögen das Feld der Arbeitsbetätigung nicht ein-
geengt hat. Mochte früher wirklich einmal das bebauungs-
fähige Land im nationalen Gebiete zu eng werden, heute,
wo die ganze Erde gleichsam offen liegen könnte, kann
von Mangel an Boden gar keine Bede sein. Nicht allein
der Landmann hat im gerechten Gemeinwesen die Mög-
lichkeit, lohnende Tätigkeit zu finden, auch seine Söhne,
die in die Industrie eintreten, sind nicht hilflos.

Die Hebung des Genossenschaftswesens wird in Zukunft
allen Kredit gewähren. Alle nehmen an den Gaben der
Natur Teil, die der Urgrund aller Produktivität sind, der
Bodenbauer gibt sie an das Gemeinwesen ab, und alle
Bürger erhalten darin gleichsam einen Fonds, ein Betriebs-
kapital, das ihnen allen gegen Sicherheit zur Verfügung
steht. Die Abgabe der Bodenbenutzer wird natürlich ver-
schieden sein nach der Qualität des Bodens, von welcher
die Betätigung der Naturkräfte abhängig ist. Lage — ob
sonnig, geschützt — Erdart, — ob Ton, Lehm, Sand,
Kreide, — Klima usw. werden auf die Höhe der nach
        <pb n="85" />
        ﻿70

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Ricardo genannten „differentialen Grundrente“ von Einfluß
sein. Im allgemeinen wird die naturale Grundrente nach
gründlich durehgeführter Reform ziemlich stabil sein, da
es, abgesehen von kleinen Parzellen, nicht gut angeht, die
Bodenart zu ändern. Dürre, sumpfige steinige Flächen
wird überhaupt die Gemeinschaft in gerechten Staats-
wesen in Kultur nehmen, und die Flächen erst dann, wenn
sie zu Ackerland tauglich sind, den Privaten überlassen
können. Der Gemeingeist wird noch die herrlichsten
Triumphe auf diesem Gebiete feiern können.

Es unterliegt für uns keinem Zweifel, daß in auf Ge-
rechtigkeit gegründeten Gemeinwesen der Zukunft, zumal
wenn man die Erde als ein einziges, großes Gebiet ansieht,
soviel Land vorhanden ist, daß auch bei noch so dichter
Bevölkerung die Grundrente, welche der Bebauer des Bodens
an die Gemeinschaft abzugeben hat, niemals höher sein
wird, als die wirkliche Leistung der Naturkräfte beträgt.
Diese nationale Grundrente würde sich sehr leicht durch
Vergleichung mit jungfräulichen Ländern, welche dem Ver-
kehre noch offen liegen, feststellen lassen. Bestimmte
Ziffern lassen sich natürlich bei Vergleichung der jetzigen
und der zukünftigen Höhe der Grundrente nicht aufstellen.

Der Gedanke an Gemeineigentum des Grund und Bodens
hat nicht lange bei den Völkern geherrscht, denn immer
ist es Pfiffigen gelungen, Gesetze zu machen, welche den
einzelnen eine Aneignung von großen Bodenflächen er-
möglichten, ohne dabei die naturale Grundrente dem Ge-
meinwesen zu vergüten. Wir sehen die Latifundien ent-
stehen, deren Besitzer in der Lage sind,' denen, die Grund
und Boden suchen, jede Bedingung bei der Überlassung zu
stellen. Finden es die Eigentümer lohnender, Ackerflächen
in Weiden und Jagdgründe zu verwandeln (denn dann
haben sie außer der reinen, sichern Rente noch einen
Tummelplatz ihres Vergnügens), so wird der Landhunger
        <pb n="86" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

71

der Arbeiter wachsen. Die Einkünfte aus der Grundrente
fallen nicht dem Gemeinwesen zu, um nationale Fonds zu
bilden; sie sammeln sich in einzelnen Händen, welche da-
durch den Konsum untergraben, die Produktion hemmen,
und neue Anlage für die „gesparten“ Kapitalien resp.
Grundrenten suchen. Der Preis der Überlassung des Bodens
steigt, der Handwerker hat keinen Fond; er muß, da das
Kapital im Boden heckend angelegt werden kann, Zins
bezahlen, der aber den meisten nicht einmal zu Gebote
steht. Denn in der heutigen kapitalistischen Wirtschafts-
ordnung ist bisher die Isolierung des Individuums herrschend
gewesen, daher muß das Gros der Suchenden bei denen,
welche Kapital haben oder geliehen erhalten, mit Lohnarbeit
vorlieb nehmen, natürlich nach den Bedingungen des ehernen
Lohngesetzes, dessen Existenz heute zu leugnen vergebliche
Mühe ist. Steigt der Preis für die Überlassung der Natur-
kräfte, wie sie sich im Boden äußern, kann der private
Eigentümer des Bodens von dem Bebauer jeden Preis
fordern, so macht die naturale Grundrente der Monopol-
rente Platz. Monopolgrundrente nenne ich sie, weil sie
dem Monopol des privaten Grundeigentums entspringt.
Unter den verkehrten Gesetzen, betreffend den Besitz des
Grundeigentums, unter dem Schutze der Zölle, welche die
vormalige Isolierung der Staaten aufrechterhalten und ver-
stärken, kann sie so lange steigen, bis sie direkt oder in-
direkt in ihren Nebenwirkungen auf Zins und Unternehmer-
profit den vollen Ertrag der Arbeit fortnimmt und dem
Bauern usw. nur das nackte Leben läßt. Aber schon ist
die Vergeltung zum Teil über die gekommen, welche durch
die Ausbeutung sich bereicherten: nicht allein ist eine große
Anzahl von Unternehmern der Konzentration der Vermögen
und der Unterkonsumtion der Völker zum Opfer gefallen
oder wird von ihr bedroht; die kleinen Kapitalisten werden
von Rothschild und Konsorten ausgeplündert.
        <pb n="87" />
        ﻿72

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Es gilt nur, die Aufmerksamkeit der Yolksfreunde, der
Idealisten und Optimisten auf den Kern der sozialen Frage
zu lenken und ihr Interesse für die friedliche Lösung der-
selben im Sinne des humanistischen Sozialismus zu wecken.
Dessen aber sind wir gewiß, daß sich aus dem gebildeten
Bürgertum in Zukunft große. Kreise für diese Ideen er-
wärmen werden, denn nichts bleibt zur Kettung aus der
Not übrig, als dieser Anker, sollen sie anders nicht in den
ödesten Pessimismus verfallen. Liegt doch auch zum Teil
in einer Richtung mit uns die Reform, welcher unser treff-
licher und ideal gesinnter Kaiser zurzeit in Königsberg
als grandlegend für eine Lösung der sozialen Wirren be-
zeichnet hat, da er sagte: die Lösung der sozialen Frage
habe zum Ausgange eine Reform der bäuerlichen und grund-
besitzlichen Verhältnisse. Wie lange freilich es dauern
mag, ehe in das leider ziemlich erschlaffte Bürgertum neues
Leben, neuer Mut und neue Erkenntnis kommt, ehe es sich
aufrafft, neuen Standarten zu folgen, weiß niemand zu
sagen. Den demokratischen Sozialismus kann man nur
vernichten, indem man der Fahne der Bodenreform folgt
und die bisher vernachlässigten Gebote der Gerechtigkeit
wieder in ihre Rechte einsetzt.

Gerechtigkeit aber ist es nicht, wenn einzelne Boden-
reformer die Reform an krankhafte Auswüchse der kapita-
listischen Ordnung anknüpfen wollen, wenn sie die durch
falsche Grundeigentumsgesetzgebung und Zölle in die Höhe
getriebene „Monopolgrundrente“ nicht allein konservieren,,
sondern noch weiter in die Höhe treiben lassen wollen.
Sie sind in dem Irrtume befangen, der sich durch die Aus-
führungen der ganzen klassischen Nationalökonomie, die
auf der Voraussetzung des privaten Grundeigentums in
seiner absoluten Gestalt basieren, zieht, daß die fortdauernde
Steigerung der Grundrente etwas der Grundrente Immanentes
sei. So stehen die Lehrsätze Ricardos zum Teil auf solcher
        <pb n="88" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

73

Anschauung, und von Thünen hat in seinem „isolierten
Staate“ die vollen Konsequenzen dieses Standpunktes ge-
zogen. Dabei sollen alle anderen Steuern fortfallen; nur
diese Grundrentensteuer soll als „einzige Steuer“ bestehen,
und der Überschuß über die gemeinsamen gesellschaftlichen
Bedürfnisse an die einzelnen gleichmäßig verteilt werden.
Es wird auch berechnet, daß auf den Kopf der Bevölkerung
in hundert Jahren an hundert Mark zur Verteilung gelängen-
Wenn jemand recht sparsam leben würde, könnte er selbst
bei der wahrscheinlich horrenden Verteuerung aller Pro-
dukte ohne Arbeit leben, vorausgesetzt, daß er kein Land
in Anspruch nähme. Doch wird es allen, die dies tun
werden, schlecht bekommen, da durch die wachsende Be-
völkerung die Abgabe für Benutzung des Landes immer
höher werden, und den Bauern usw. trotz sinkenden und
fortfallenden Zinses kaum das nackte Existenzminimum
lassen wird. Wenn Rente und Zins eines sind, wenn die
Grundrente die wirkliche und wahrhaftige, nicht imaginäre
Grundlage des Zinses ist, so wird es wohl den Bauern und
anderen Landbesitzern einerlei sein, ob sie durch Zins
oder Rente ausgeplündert werden. Um nun das Stecken-
pferdchen der „einzigen Steuer“ recht tüchtig in Trab zu
bringen, scheut man sich nicht auszusprechen, die Grund-
rente durch eventuelle Prohibitivzölle in der Höhe zu halten
resp. weiter zu treiben. Daß derartige Sachen nicht weiter
ernst zu nehmen sind, ist unter verständigen Menschen,
welche nachdenken, selbstverständlich. Denn, wie früher
die Landbesitzer die Grundrente auf Kosten der Gesamt-
bevölkerung für sich einzogen, so würde jene ein noch
gröberer Kommunismus zugunsten der industriellen Tätig-
keit usw. ausplündern Daran können auch die wunder-
samen Berechnungen über den Nutzen beim Fallen des
Zinses nichts helfen. Nur darin wäre ein Vorteil, daß die
Grundrente, d. h. als Monopolgrundrente, jetzt allen zu-
        <pb n="89" />
        ﻿74

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

fallen, und damit die Anhäufung der ungeheueren Ver-
mögen, die Möglichkeit der Unterkonsumtion, ausgeschlossen
wäre. Aber kein Bauer würde mehr, als zum Leben not-
wendig, erarbeiten, da doch alles genommen würde. Denn
das wenige, das bei der Verteilung wieder auf ihn fiele,
wäre nicht nennenswert.

Es ist auch falsch, zu behaupten, die Vorteile höherer
Kultur kämen nur den Besitzern des Erdbodens zugute;
sie kommen ebenso den industriellen Arbeitern zugute
durch Erhöhung ihrer Leistungen. Daß heute alle Errungen-
schaften der Grundrente zu Teil werden, ist nicht eine der
Grundrente immanente Eigenschaft, sondern liegt an der
falschen Gesetzgebung über Grundeigentum und an den
Zöllen. Derartige Ideen, daß ungeheuere Summen von
30 Milliarden dem Staatsschätze zufließen, würden einer
wüsten Ochlokratie zur Herrschaft verhelfen, denn leider
spielen neben dem berechtigten Gefühle verletzter Menschen-
rechte Neid und Habsucht eine große Rolle. Wie wir
überzeugt glauben, daß in späterer Zeit bei gleichmäßigerer
Gesittung selbst ohne Störung in individuellen Leistungen
und Bedürfnissen das größere Kapital bei der Gesellschaft
als bei den Privaten sein wird, so entschieden müssen wir
uns gegen jede überstürzte Nivellierung in unseren Tagen
erklären. Und da steht gerade uns die materialistische
Geschichtsauffassung zur Seite: ruhige, stete Entwickelung,
nur — um einen Ausdruck von Marx zu gebrauchen —
kein „jähes Umschlagen“.

Schutzzoll Originell und bemerkenswert ist jedenfalls schon an sich

oder Frei-	0

handei? ^ie Bemerkung, durch Schutzzölle, ja durch Prohibitivzölle,
das soziale Elend lösen zu wollen. Schon dieser Weg,
den der Bund für Bodenbesitzreform vertritt, ähnelt der
sozialdemokratischen. Weltanschauung, und das Ziel würde
in Wahrheit der reine Kommunismus werden. Neben dem
Bunde für Bodenbesitzreform bestand früher der „Allwohls-
        <pb n="90" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

75

bund“ unter Leitung von Stamm, welcher zunächst dieselben
Wege wie ersterer wandelte.

Doch hat dieser sich nicht der Einsicht verschließen
können, daß die Annahme einer steigenden Grundrente im
Reformstaate, wie eine einzige Steuer auf die Grundrente,
■ein Unsinn sei. Der Allwohlsbund hat durch einstimmige
Annahme unserer auf die bezüglichen Statutenänderungen
hinzielenden Anträge auf der Generalversammlung in
Wiesbaden am 28. September 1890 seinen Bestrebungen
eine andere Anschauung zugrunde gelegt. Und nunmehr
ist es möglich, sich in ruhiger Weise an der Diskussion
über die Entwickelung der politischen und wirtschaftlichen
Dinge zu beteiligen, ohne doch das Ziel der Erlösung
unserer Brüder aus den Augen zu verlieren. M. Flür-
scheim spricht sogar von der Möglichkeit einer
Steigerung der Grundrente auf 30 Milliarden für Deutsch-
land als einzige Steuer. „Die Bodenmiete wird durch die
Konkurrenz der Bodenbenutzer sowieso stets auf dem
höchsten Punkte gehalten . . . Sie bildet ein Einkommen,
das den gesteigerten Bedürfnissen der Gesellschaft ent-
sprechend zunimmt.'' Heute berechnet man ihre Höhe auf
3 Milliarden Mark.

Daß auf solchen Grundlagen, welche eine Steigerung des
schon krankhaft emporgetriebenen Bodenwertes voraussetzen,
kein segensreiches Wirken möglich ist, ist von vornherein
■einleuchtend. Wie die Landliga wegen dieser falschen Vor-
aussetzungen dem Untergange geweiht war, so wird es der
Fall mit dem Bunde für Bodenbesitzreform sein, wenn er
sich nicht bald eines Besseren besinnt! Was soll man
dazu sagen, wenn den Gemeinden von jener Seite jetzt
empfohlen wird, größeren Grundbesitz zu erwerben, wo
wir vor einem Niedergange des Bodenwertes durch einen
Krach stehen? Sollten diese Männer nicht dadurch schon
gewarnt sein, daß kapitalistische Blätter und Hypotheken-
        <pb n="91" />
        ﻿7(3

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

stubenbesitzer Feuer und Flamme für solche Vorschläge'
sind? Wie manchem Spekulanten wäre heute vor der Krisis
geholfen, wenn er sein Terrain zu guten Preisen los würde..
Und all die törichten Schritte, weil man für die kontinentalem
Staaten Europas sogar an eine fortsteigende Grundrente-
glaubt! Discite moniti!

Wie der Allwohlsbund jeden Gedanken an eine einzige^
Steuer aus seinem Programme strich, so verließ er gänzlich
den Standpunkt einer steigenden Grundrente und betrachtete-
die heutige als eine krankhafte Monopolrente, deren Herab-
drückung (Repression) auf die naturale Grundrente zu er-
streben ist. Es heißt da:

„In mehr als einer Weise kann die Rückwandlung des-
Privatgrundzinses in die Grundzinsgemeinschaft bewirkt werden..
und zwar am vorteilhaftesten bei einem naturgemäßen, durch,
keine Eingangszölle auf Lebensmittel und dergleichen künst-
lich in die Höhe getriebenen Stand der Grundwerte und Grund-
rente, welche jetzt eine ,Monopolrente1 ist.“

Somit ist es nicht der Schutzzoll, der uns, obwohl wir
ihn als Moratorium anerkannten, berufen erscheint, der-
Menschheit zu weiterem Fortschritt zu verhelfen, sondern-
der Freihandel, von dem wir eine wahrhaft segensreiche^
Verbrüderung aller Völker, wenn auch durch die Durch-
gangsstufe der nationalen Idee, erhoffen und erstreben.
Freilich wird der Weg zu radikalem Freihandel, unter dem
die ganze Erde ein Handelsgebiet sein soll, ein weiter und
mühsamer sein, denn diese Ideen haben heute mit der wirt-
schaftlichen und sozialen Entwickelung jedes einzelnen
Landes an sich und seinem Verhältnisse zu anderen Pro-
duktionsgebieten zu rechnen. Denn bevor wir unsere
Grenzen wieder öffnen, werden wir bestrebt sein müssen,
unsere Produktionsbedingungen, welche wesentlich durch
Grundrente usw. von denen anderer Länder abweichen, mög-
lichst gleich zu gestalten. Wir werden bemüht sein müssen,
uns vom Auslande unabhängiger zu machen, indem wir für
        <pb n="92" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

77

•die größere Aufnahmefähigkeit der Massen Sorge tragen,
d. h. in Artikeln, in denen wir ebenso vorteilhaft pro-
duzieren. Also kauffähig vor allem muß die Nation werden,
konkurrenzfähig auf dem Weltmärkte, wenn die sinkende
Monopolgrundrente billige Rohstoffe gestattet. Die Frage
•nach Glück und Wohlbefinden der Völker ist nicht etwa
lediglich eine handelspolitische, sondern wesentlich eine
sozialpolitische. Beide, miteinander innig verquickt, müssen
Zug um Zug um den Vortritt ringen, bis nach langer Zeit
das endliche Ziel: Zufriedenheit und Gerechtigkeit erreicht
ist. Die Bildung einer neuen, großen und lebenskräftigen
Partei, welche entschlossen ist, dieses Kulturprogramm auf
ihre Standarte zu schreiben, muß die Aufgabe idealgesinnter
und freiheitliebender Männer sein. —

Die Doktrinen des manchesterlichen Freihandels sind wohl
für immer abgetan, da sie durch ihre Vernachlässigung grund-
legender Kategorien ganze Völker an den Rand des Ver-
derbens gebracht haben. Für jenen Freihandel war nur der
■Grundsatz maßgebend, daß jeder dort kaufen soll, wo der
Markt am billigsten sei; aber er kümmerte sich nicht darum,
ob die, welchen dieser Rat gegeben wurde, auch in der
Lage seien, überhaupt kaufen zu können. Was aber kann
es dem Deutschen helfen, ob er aus England oder Amerika
herübergeschickte Waren billiger als im Vaterlande selbst
kaufen kann, wenn er durch eben diese Einfuhr seine Arbeit
verliert oder in seinem Einkommen geschwächt wird! Denn
-erst die Möglichkeit, arbeiten zu können, setzt die meisten
in den Stand, anderer Produkte einzutauschen. Wenn aber
die soziale Entwickelung dahin geführt hat, daß sich die
.Gesellschaft in eine kleine Clique reicher Nichtstuer und
in einen großen Haufen verarmter Menschen getrennt hat,
so kann ein Güteraustausch nach den Lehren des manchester-
lichen Freihandels, wo auch Grund und Boden als Ware
»betrachtet wird, nur von höchstem Verderben für das Wohl-
        <pb n="93" />
        ﻿I

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

befinden der Nation sein. Znmal den Kapitalisten, welche
ihr Geld im Anslande zinsbringend angelegt haben, kann
es nur recht angenehm sein, wenn sie durch den fremden
Import in die Lage versetzt werden, billiger einzukaufen,
während die, welche die Verzinsung ihrer Papiere im In-
lande erwarten, nicht ganz so gleichgültig einem Ruine der
nationalen Industrie zusehen können. Der Bauer aber,
welcher bei dem Sinken der Preise seinen Hypotheken-
verpflichtungen nicht nachkommen kann, würde wie der
Fabrikant, der zum Teil unter gleichem Drucke seufzt,,
schließlich seine Produktion einstellen müssen, da sie ihm
nicht mehr als das nackte Leben läßt. Damit sind denn aber
die Arbeitermassen, welche heute im Dienste von Unter-
nehmern Arbeit finden, in die Gefahr gekommen, brotlos
zu werden. Denn, obwohl auch in anderen Ländern der
sinkende Konsum und die steigenden Renten- und Zins-
verpflichtungen die Unternehmer zwingen, auf alle Weise
für vermehrten Absatz gegenüber den Konkurrenten zu
sorgen — vermehrte Arbeitszeit, billigere Löhne —, so
haben doch manche Länder bestimmte Vorteile im Wett-
bewerbe unserer Tage voraus. Der wichtigste Vorsprung
der transatlantischen Länder liegt in dem niedrigen Maße
der Grundrente, welche sich in wohlfeileren Bodenpreis9n.
und Pachten zeigt. In Amerika ist die kapitalistische Aus-
beutung genau so wie im alten Europa, aber jenes Land
ist trotz seiner noch jungen Industrie schon mit Erfolg in.
dem Wettkampf auf dem Weltmärkte aufgetreten. In Ruß-
land andererseits ist die Verschuldung der Bauern schon
so groß, daß diese von ihren Gläubigern gezwungen werden,
das Getreide zu Spottpreisen auf dem Halme zu verkaufen,,
während in Indien die Löhne der Arbeiter so minimal sind,,
daß sie die primitive Kultur mehr als ausgleichen.

Die moderne Verbindung der Länder durch Dampf und
Elektrizität hat der Entwicklung der europäischen Kultur-
        <pb n="94" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Dreihandels.

79

Staaten einen furchtbaren Stoß gegeben, und die Störungen
im nationalen Güterleben sind durch den Wettbewerb der
jungen Länder so akut geworden, daß allerorten nach Heil-
mitteln gesucht wird. Wie wir bei Erkrankungen des mensch-
lichen Körpers neben denkenden Ärzten die erbärmlichsten
Kurpfuscher finden, so sind auch hier allerlei Ratgeber
ernster und komischer Natur aufgetreten, deren Spuren zu
folgen uns durch den Rahmen unserer Arbeit versagt ist.
Daß die staatliche Gesetzgebung gegenüber dem drohenden
Zusammenbruche der nationalen Wohlhabenheit resp. Pro-
duktion sich nicht müßig verhalten konnte, ist einleuchtend,
und so sehen wir seit 10—12 Jahren Bemühungen, der Ge-
fahr erfolgreich zu begegnen. Unter anderen Staaten hat
auch Deutschland die Bahnen des manchesterlichen Frei-
handels verlassen und unter dem Stichworte „Schutz der
nationalen Arbeit“ dem Schutzzoll die Förderung der Ge-
setzgebung zugewandt. Und insofern dieser Entschluß dazu
dienen soll, dem akuten Zusammenbruch zu steuern, ein
Moratorium zur Anbahnung gründlicher und wirklicher
sozialer Reformen zu bieten, sind wir völlig mit ihm ein-
verstanden. Aber ein Heilmittel, welches nur für sich die
soziale Notlage bannen könnte, ist nicht darin zu erblicken.
Schon die einfache Erwägung, daß die Not in allen Ländern
dieselbe ist, einerlei, ob sie dem Freihandel oder dem Schutz-
zoll anhängen, kann zum Beweise genügen. Wie sehr der
alte, mechanische Freihandel an Ansehen verloren hat, kann
man daran sehen, daß bis jetzt jeder Versuch, eine tief-
gehende Bewegung gegen die Schutzzölle mit den Argu-
menten des reinen laisser faire, laisser passer zu erreichen,
völlig ins Wasser gefallen ist. Instinktiv fühlt selbst das
Volk, daß es bei reiner Aufhebung der Zölle durch die über-
mächtige Konkurrenz des Auslandes seine Arbeit verlieren
würde.

So ist es in der Tat der Fall, daß unter der verkehrten
        <pb n="95" />
        ﻿80

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

wirtschaftlichen Ordnung unserer Tage der Schutzzoll zeit-
weise für die Produzenten (im weitesten Sinne des Wortes)
ein größerer Segen sein kann als der Freihandel, da er den
akuten Zusammenbruch vermeidet. Leider wird aber durch
den Schutz die Produktion auf Zweige geleitet, welche weder
der natürlichen Beschaffenheit des Landes noch der Ge-
schicklichkeit der Einwohner entsprechen: Die Güter-
produktion nimmt durch Ausschluß der Konkurrenz weiter
ab. Das Schlimmste aber ist, daß sich im geschützten Ge-
biete die Grundlagen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung
immer weiterentwickeln: Grundrente und Zins nehmen den
Vorteil, den der Zoll nach außen gewährte, mehr als fort.

Der Bauer hat keinen Vorteil von ihm, da die Preise und
Pachten des Bodens steigen, der Industrielle muß infolge-
dessen teuere Rohstoffe kaufen. Dabei nimmt der Konsum
der Massen relativ immer mehr ab, obwohl sie die Ver-
teuerung der notwendigsten Unterhaltsmittel durch Erhöhung
der Löhne zum Teil wett machen können. Wenn auch
Lebensmittel, Wohnungen usw. im Preise steigen, soviel,
als die Arbeiter zum Leben gebrauchen, muß ihnen der
Unternehmer zahlen, da sonst der wildeste Ausbruch der
Verzweiflung drohen würde. Mehr aber haben sie auch
vorher nicht gehabt, das eherne Lohngesetz hat ihnen nie
mehr als das Existenzminimum gelassen. Die Konzentration
der großen Vermögen geht, mag auch der Zinsfuß sinken,
immer weiter vor sich; die Reichen werden reicher, die
Armen immer ärmer. —

Wir glauben übrigens nicht, daß es der Gedanke des
Vaters der Schutzzölle — welche bekanntlich durch den
berühmten Dezemberbrief Bismarcks inauguriert wurden —
gewesen ist, die Krisis endgültig durch dieses Mittel zu
heilen. Wir halten ihn für einen vaterlandsliebenden, ziel-
bewußten Staatsmann, der klaren Blickes weitere Reformen
im Auge gehabt hat. Wenn es freilich wahr wäre, daß er
        <pb n="96" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

81

sich von dieser augenscheinlichen symptomatischen Be-
handlung endgültigen Erfolg versprochen hätte, dann würden
seine Feinde recht haben, und auf ihn könnte das Wort
des schwedischen Kanzlers Oxenstierna angewandt werden:
„Mein Sohn, du weißt nicht, mit wieviel Dummheit die
Welt regiert wird.“

Gerade für die industriellen Unternehmer könnten die
Vorgänge des vergangenen und dieses Jahres eine lehr-
reiche Mahnung sein, da die Steigerung der Rohstoffpreise
eine solche geworden ist, daß sie nicht nur schwer auf
Produzenten und Konsumenten lastet, sondern beinahe den
Export von Fabrikaten unmöglich gemacht hat. Nationales
Eigentum wie unterirdische Mineralschätze hat man der
Privatspekulation überlassen, damit diese die Nation aus-
beuten darf. Vor allem hat die Kohle eine Preissteigerung
erfahren, welche mit einer willkürlichen Plünderung des
Volkes zu vergleichen ist. Da bei diesem Artikel wegen
seiner Masse die genügende Konkurrenz fehlt, so sind die
Eigentümer der Gruben wie die Großhändler in der Lage,
jeden beliebigen Preis, den die Abnehmer noch zu zahlen
gewillt sind, zu fordern.

Mit den Kohlenpreisen stiegen weiter die Preise für Eisen,
vom Erz bis zur weiteren Verarbeitung, so daß sich die Ganz-
fabrikate in einer Weise verteuerten, daß trotz der durch
Zölle bewirkten Steigerung der Inlandpreise für Fabrikate
ein lohnendes Geschäft nicht mehr möglich ist. Bezeichnend
für die Wirkung der Zölle ist beispielsweise, daß im August
1890 der Bochumer Gußstahlverein in Rumänien Stahl-
schienen pro 128,80 Frks. frei Galatz lieferte, während die
deutsche Eisenbahnverwaltung dem Schienenkartell bei den
Verdingungen rund 145 Mark ab Werk hat zahlen müssen.
Das ist unter Berücksichtigung der Eisenbahnfracht ein
Unterschied von 65 Mark. Das deutsche Kartell soll den
fremden Werken für ihr Fortbleiben von der Konkurrenz

Wehberg, Die Bodenreform.	6
        <pb n="97" />
        ﻿

Ohne die

Eisenzölle wäre solcher Unfug der Besteuerung des deutschen
Eisenbahnwesens zugunsten des Auslandes undenkbar.
Dazu kommen nun noch neuerdings die Repressions-
maßregeln, welche die Vereinigten Staaten Nordamerikas
unter dem Namen der Mac Kinley Bill ergriffen haben, um
sich für die gehinderte Ausfuhr ihres Getreides und Fleisches
zu rächen, sich anderseits aber durch den Schutz der eigenen
Industrie von Europa unabhängig zu machen.

Die „Paix“ bringt einen „Europa in Gefahr“ überschriebenen
Leitartikel, in welchem darauf hingewiesen wird, daß sich
die Europäischen Mächte durch die unausgesetzten Kriegs-
rüstungen ruinieren und dabei ganz und gar die Gefahr
übersehen, welche ihnen von einem Lande droht, das seinen
ungeheuren Reichtum praktischer verwendet, als der alte
"Weltteil. Die Vereinigten Staaten Nordamerikas sind es,
welche Europa auf volkswirtschaftlichem Gebiete zu Boden
werfen werden:

„Das ist der Gegner, mit dem man sich sofort messen muß,
wenn man den Zusammenbruch verzögern will. Das ist der
gemeinsame Gegner, wider den man sofort die gemeinsame
Verteidigung ins Werk setzen muß, wenn die alten Völker
nicht bald vor ihm kapitulieren und nicht der unwiderruflichen
Verschiebung des Einflusses und der Macht in der Welt bei-
pflichten wollen. Er führt keinen Krieg um einige Zoll Landes
oder irgend welche Steinhaufen, die zu Festungen aufgebaut
sind, nicht einmal um die Ehre der Fahne, also noch weniger
aus politischem Machiavellismus oder mystischer Hysterie.
Er führt ihn nicht einmal mit den Waffen, für den Augen-
blick wenigstens. Er greift nicht die Völker an, sondern das,
was sie leben läßt. Er geht sehr bescheiden und ohne Lärm
in der niedrigsten Domäne zu Werke. Er arbeitet in den
Zöllen. Indes wir Europäer die stärkste Kugel suchen, um
uns besser und aus größerer Entfernung untereinander zu
vernichten, legt er auf uns alle an, und trifft uns alle im
Herzen durch eine Handelsbill, welche ganz einfach in der

Praxis die europäische Ausfuhr verbietet.................

Schon hat die Lyoner Industrie einen Schmerzensschrei aus-
gestoßen, den die ganze Welt vernommen hat, und schon
sehen die Führer des großen Pariser Handels den Augenblick
        <pb n="98" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

83

voraus, da die Fabrikanten gezwungen sein werden, ihre Werk-
stätten zu schließen. Die Amerikanische Union hat einen
Plan, der in Wahrheit höchst einfach ist; sie verschließt vor-
erst den amerikanischen Markt, und wenn sie mit ihren riesigen
Reichtümern ihre Industrie genügend entwickelt haben wird,
um allen Bedürfnissen zu genügen, wird sie den gesamten
Weltmarkt nehmen. Sie wird Freihändlerin werden, um nach
allen Plätzen der Welt frei gelangen zu können an dem Tage,
da sie nichts mehr von der fremden Konkurrenz zu fürchten
haben wird. Das ist das Programm! Da liegt die Gefahr!
Wenn Europa nicht ganz verrückt ist, muß Europa sich für
gewarnt ansehen und die Maßregeln des gemeinsamen Heils
treffen. Es ist hohe Zeit.“

Schon jetzt ist eine dauernde Abnahme des deutschen
Eisenexportes bemerkbar gewesen, wie folgender fach-
männischer Bericht zeigt:

„Der Monat Juli 1890 setzte fort, was seine Vorgänger be-
gonnen hatten, nämlich den Niedergang der deutschen Ausfuhr
und eine Zunahme der fremden Einfuhr. Letztere war besonders
stark bei Roheisen, dessen Gesamteinfuhr in den abgelaufenen
7 Monaten 260 687 t gegen 135 040 in 1889 betrug. Die
Einfuhr überwiegt also allein in den 7 Monaten um 125 647 t,
d. h. sie ist beinahe doppelt so groß wie im Vorjahre. Wenn
die deutschen Verbände sich die Aufgabe gestellt haben, regelnd
in die Marktverhältnisse einzugreifen, so kann man von einer
regelnden Hand in diesem Punkte leider nichts bemerken. Der
Mißerfolg deutet auf eine bemerkenswerte Unbeholfenheit und
unrichtige Beurteilung der Verhältnisse, denn sonst wären
solche betrübende Ziffern ganz unmöglich. Der Roheisenverband
wird daher die Frage einer Reorganisation sehr ernstlich in
Erwägung ziehen müssen, wenn er überhaupt noch Anspruch
auf Existenzberechtigung machen will. Wenn es so weiter
geht, wird England bis zum Jahresschluß Vs Millionen Tonnen
nach Deuschland gelegt haben, d. h. ungefähr Vs der Gesamt-
produktion Deutschlands. Das ist zwar noch nicht unbedingt,
tödlich, viel aber bei einem Schutzzoll von 10 Mk. = 20—25 Pro-
zent des Wertes: doch ein sehr übles Ergebnis. Soweit aus.
den statistischen Ziffern erkenntlich, sind die bisherigen Preis-
ermäßigungen ohne jede Wirkung geblieben. In Stabeisen be-
trug die Gesamteinfuhr in den abgelaufenen 7 Monaten 18 377 t
(10 425 t), sie ist also sehr wesentlich höher. Die Ausfuhr
betrug 65 206 t (104 696 t), ist also ganz bedeutend zurück-
geblieben. Das Schmerzenskind der Eisenindustrie bleibt der
Artikel Draht. Es betrug in den 7 Monaten die Ausfuhr
65 135 t (99 265 t), der Rückgang also 34130 t, und in

6*
        <pb n="99" />
        ﻿84

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Drahtstiften 19 604 t (28 993 t,) der Rückgang somit 9389 t
Die Verschlechterung der Handelsbilanz in den 7 Monaten be-
trägt durch Mehreinfuhr von 137 635 T. und Minderausfuhr
von 117 527 t zusammen 255 162 t im Werte von mindestens
20 Millionen Mark, eine Summe, hoch genug, um sämtlichen
Eisenwerken Deutschlands eine sehr angemessene Verzinsung
zu bieten. Wenn die Verbände ihre Aufgabe erfüllen wollen,
so müssen sie sich nicht scheuen, den Ursachen dieser traurigen
Erscheinungen auf den Grund zu gehen und diese, mögen sie
sein, welche sie wollen, zu entfernen. So geht es auf die
Dauer doch nicht gut weiter.“

Nun, es wird noch eine Zeitlang so weiter und noch
schlechter gehen, bis unsere Industriellen einsehen werden,
daß trotz Aktiengesellschaften keine Rettung möglich ist,
bis man dem arbeitslosen Einkommen, der Unterkonsumtion,
ein Ende macht.

Geht es aber den Bauern, welche man auch durch Zölle
gegen das Ausland geschützt hatte, besser? Wo gleiches
Erbrecht vorhanden, wird die durch den Schutzzoll bewirkte
Steigerung der Grundrente — denn nur diese hat Vorteil —
in den Erbportionen zum Ausdruck kommen. Andere werden
durch hohe Kaufpreise des Bodens niedergedrückt, wenn,
wie es geschehen, die Preise der Produkte sinken. Kurz,
die Verschuldung ist, wie vorher ziffermäßig jiachgewie-sen,
riesenhaft gewachsen, die Bauern quälen sich um das tägliche
Brot. Es muß schlecht um die Landwirtschaft selbst stehen,
wenn es wahr ist, daß die zeitige Fleischteuerung zum
großen Teil nicht auf mangelhaftem Import von Vieh be-
ruht, sondern auf dem fehlenden Angebot der inländischen
Viehzüchter, denen der Nachwuchs an jungen Tieren fehlt.

Daß im entvölkerten Osten der preußischen Monarchie
auch der Latifundienbesitz unter dem Notstände leidet, weil
er keinen Absatz für sein Getreide hat, zeigt folgender
Antrag des Abgeordneten Balan und Genossen, welcher in
der 47. Sitzung 1890 des Abgeordnetenhauses zur Ver-
iandlung kam:

„Die Staatsregierung zu ersuchen, zur Erleichterung des
        <pb n="100" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

85

Versandes von Getreide, Malz und Mühlenfabrikaten aus den
östlichen und den westlichen Provinzen auf den Staatseisen-
bahnen einen Ausnahmetarif einzuführen, welcher für diese
Verkehrsrichtung die bestehenden Frachtsätze auf weitere
Entfernungen in fallender Skala erheblich herabmindert.

Hierzu lag ein Antrag der Abgeordneten Bork und Genossen
vor: „Die Staatsregierung zu ersuchen, zur Erleichterung des
Versandes von Getreide, Malz, Mühlenfabrikaten und Vieh
auf den Staatseisenbahnen einen Tarif einzuführen, welcher
die bestehenden Frachtsätze auf weitere Entfernungen in
fallender Skala erheblich herabmindert.“

Da infolge der Latifundien- und Verschuldungszunahme
die Auswanderung aus den östlichen Provinzen, nicht allein
vom platten Lande, sondern auch aus den kleinen und
mittleren Städten eine immer größere wird, so fehlt den
Produzenten der Absatz. Früher war derselbe leicht und
billig nach England zu bewerkstelligen. Nach Aufhebung
der englischen Schutzzölle in Mitte der fünfziger Jahre
war der deutsche Getreideexport über die See ein be-
deutender. Das ist anders geworden, seit die transatlan-
tischen Länder ihre billigen Waren nach Europa werfen.
Die hohen Grundpreise haben eine entsprechende hypo-
thekarische Verschuldung im Gefolge gehabt, die eine billige
Produktion unmöglich macht, so daß von Export keine
Rede mehr ist. Daran wird auch die Errichtung von Silos
an den Hafenplätzen wenig ändern. Den Grundbesitzern
geht es offenbar recht übel, und in ihrer Verzweiflung
greifen sie nach jedem Strohhalme, wie nach einer Tarif-
ermäßigung. Auf Kosten der Staatsbürger wollen sie Aus-
nahmetarife haben, um ihr Getreide nach dem Westen zu
bringen, obwohl der Westen unter denselben Nöten leidet.
Jede Herabsetzung muß aber gemäß Vertrag auch dem
russischen Getreide auf deutschen Bahnen gewährt werden,
so daß der Westen in üble Bedrängnis geriete, zumal ihn
der transatlantische Import drückt. Es ist somit natürlich,
daß die Herren aus dem Westen sich gegen den Antrag
sträubten und ihm in höflicher Weise ein Begräbnis durch
        <pb n="101" />
        ﻿86	Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

den Gegenantrag Zedlitz und Genossen zu Teil werden
ließen. Zu dem Antrag Bork beantragte der Abgeordnete
von Zedlitz, unterstützt von 14 freikonservativen Genossen :

„Die Staatsregierung zu ersuchen, eine Untersuchung über
die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen der etwaigen Ein-
führung eines Tarifs zu veranstalten, durch welchen die be-
stehenden Frachtsätze von Getreide , Malz , Mühlenfabrikaten
und Vieh auf weitere Entfernungen in fallender Skala erheb-
lich herabgemindert werden, und die Ergebnisse derselben in
der nächsten Session zur Kenntnis des Abgeordnetenhauses
zu bringen.“ —

Hier hilft aber nur eines: die Besiedelung des Ostens
durch eine Parzellierung der großen Güter, welche bei Er-
mäßigung der Getreidezölle zur Versteigerung kommen werden.
Sehr zweckmäßig erscheint uns Bodenreformen! das Renten-
gut, zumal der Bauer dasselbe zu Eigentum erwerben kann.
Kommt dazu die vorsichtige Verstaatlichung des Grund-
kredites , für geeignete Fälle auch das Vorkaufsrecht des
Staates bei übermäßiger Verschuldung, so ist keine Frage,
daß jene weiten Strecken, die jetzt beinahe entvölkert sind,
bald von einer emsigen Bevölkerung besiedelt sein werden.
Wie jetzt der Zuzug in die Großstädte wird dann ein Abzug
auf das platte Land stattfinden, zumal wenn die industrielle
Krisis mit ihrem Elend in die Erscheinung treten und lange
andauern wird. Neue Dörfer und neue Städte werden
entstehen, und der Absatz wird für die Bodenprodukte
genügend sein.

Wie schwach der Osten bevölkert ist, zeigt eine Tabelle
aus dem Anfang der siebziger Jahre, wobei bemerkt wird,
daß seitdem die Entvölkerung zugenommen. Kamen im ge-
samten deutschen Reiche auf die geographische Quadratmeile
4184 Menschen, auf die Rheinprovinz 7307, so fiel die Ziffer
in der Provinz Preußen auf 2766, in Pommern auf 2616. Die
Niederlande hatten auf die Quadratmeile 6155, Belgien 9511
Personen. Da aber kaum mit einem Male eine Industrie nach
dort verpflanzt werden kann, weil die natürlichen Hilfs-
        <pb n="102" />
        ﻿

^r



Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.	87

quellen offenbar fehlen, so wird das Land zunächst auf
den Austausch mit weiteren Gegenden angewiesen sein.
Nicht eher aber wird an Export zu denken sein, als bis die
Produktionskosten billigere sind, unter denen bekanntlich
•die hohen Güterpreise die erste Stelle einnehmen. Die
Behandlung des Grund und Bodens als Handels- und
Schacherobjekt, als Herrentum, nicht als Nutzungseigentum,
hat diese Steigerung hervorgebracht.

"Wer Augen hat zu sehen, der sehe! Wer Ohren hat zu
hören, der höre! Wer sieht nicht ein, daß nicht der
Unternehmergewinn, in letzter Hinsicht die Produktions-
form mit ihrem freien Arbeitsvertrage, die Grundursache
der heutigen Notlage ist, sondern die private Aneignung
des nationalen Grundzinses in Form von Grundrente und
Kapitalzins! Diese beiden müssen als Ausbeutungsmittel
beseitigt werden samt dem illegitimen Börsenschwindel.
Dann fällt der Unternehmerprofit von selbst, ohne daß es
nötig ist, daß der individuelle Betrieb verschwindet. Rettung
kann nur ein zielbewußter Gedanke bieten, der das Herz
aller Reformen sein muß, welche zur Lösung der Wirren
-angestrebt werden sollen, die langsame und organische
Überführung des Grundzinses in die Gemeinschaft der Nation.

Der manchesterliche Freihandel, welcher auf den über-
kommenen Eigentumsverhältnissen an Grund und Boden
beruht, hat sich als unfähig erwiesen, die Völker trotz
größerer Produktion zu beglücken. Er bewirkte gerade, daß
die Verteilung der Güter eine immer ungünstigere wurde.
Trotzdem wird das Heil der Zukunft in dem Freihandel
liegen, welcher allgemach den ganzen Erdkreis zu einem
großen Produktions- und Handelsgebiete machen wird.
Diesen Freihandel aber nannten wir in „Welches ist der
erste Stand“ den „humanistischen Freihandel“, weil
er auf dem gemeinsamen Rechte der Nation an dem vater-
ländischen Boden (humus) beruht, und weil erst auf diesem
        <pb n="103" />
        ﻿88

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Fundamente eine wirkliche Betätigung der Menschenliebe
(humanitas) möglich sein wird. — Auch unser Losungswort
ist jener Ausspruch Gournays, welcher trotz seiner falschen
Grundlage so mächtig auf die Entwickelung der Völker
eingewirkt hat: laisser faire, laisser passer, le monde va
de lui-meme. Nur wollen wir, daß die ewigen Gesetze be-
treffs des Eigentums am Erdboden zur Geltung gelangen
sollen. Im Prinzip radikale Freihändler, erstreben
wir das Ziel in langsamem Tempo, Zug um Zug
mit der Bodenreform. Eines aber mit dem anderen,
keines ohne das andere!

Das wahre Eigentum kann nur beruhen, wie das Wort
sagt, auf eigenem Tun; nur dieses Eigentum kann vor gött-
lichem und menschlichem Hechte bestehen. Alles Eigentum
aber, welches auf der Ausbeutung fremder Arbeit beruht
und nicht dem eigenen Schaffen zu danken ist, ist Diebstahl
und daher unsittlich und verwerflich. WTie die kapitalistische
Ordnung einen rohen Kommunismus in sich schließt, da
sich einzelne Drohnen von dem natürlichen Eigentume aller
an der Erde und der Tätigkeit der Massen mästen, so
will die sozialdemokratische Doktrin einen ebenso gefährlichen
Kommunismus, nur mit dem Unterschiede, daß jetzt die Un-
fähigen die Fähigen resp. die Massen die einzelnen ausbeuten
sollen. Soll aber die Menschheit zu höherer Kultur, zu reinerer
Sittlichkeit emporsteigen, so müssen die Eigentumsbegriffe
immer klarere und schärfere werden. Denn bei der un-
geheueren Geschwindigkeit, mit der sich die Kapitalien in
neue Werte umsetzen, ist bei falschen wirtschaftlichen
Grundlagen nur zu leicht der Selbstgier Tür und Tor ge-
öffnet, zumal die Hauptaneignung fremder Arbeit in schein-
bar so gerechter Weise durch Rente und Zins vor sich
geht, daß die Massen sie gar nicht merken.

Bodenreform und Freihandel können nicht durch eine
mit allem Bestehenden brechende Gesetzgebung in ihrer
        <pb n="104" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.	80

vollen Schönheit der Gerechtigkeit durchgeführt werden.
Langsame und organische Übergänge von jetzigen Ver-
hältnissen zu Neugestaltungen müssen gesucht werden. Wir
haben schon darauf hingewiesen, zu welchen Konsequenzen
die Anschauungen über eine immerfort steigende Grund-
rente als impöt unique im Programme des Bundes für Boden-
besitzreform führen müßten, denen sich der Ankauf des
gesamten Bodens nach Abschätzung würdig anschließt.
Wie mechanisch diese wirtschaftliche Umwälzung der Boden-
reform gedacht ist und wie schroff sich die Lebens- und
Weltanschauungen vieler Bodenreformer gegenüberstehen,
zeigt am Besten die Aufforderung einiger an die Sozial-
demokraten, sich dem Wege der Landreform anzuschließen..
Ganz gewiß mag es für manchen ehrsüchtigen Führer
etwas Verführerisches haben, eine so große Mehrzahl zu
sich herüberzuziehen und sich an der Spitze zu fühlen,,
aber wir meinen doch, die Landnationalisation ist für kon-
sequente Denker auf eine Welt- und Lebensanschauung
gegründet, welche nun einmal ein Paktieren mit der, auf
welcher der sozialdemokratische Sozialismus beruht, nicht
verträgt. Unsere Bodenverstaatlichung geht bei dem ersten
Reformschritte einen anderen Weg, als die Sozialdemokratie
will. Man denke nur an die Parzellierung, wie sie den
Bodenreformern vorschwebt, im Gegensätze zum Groß-
betriebe jener.

Um diesem Liebäugeln, welches der Redakteur der „Neuen
Zeit“ besonders drastisch und in ehrlicher Weise abgelehnt
hat, ein Ende zu machen und eine Marschroute zu gewinnen,
welche unseres Erachtens gar bald der inneren Überzeugung
der meisten Bodenreformer entsprechen wird, stellten wir
zur Generalversammlung des Bundes für Bodenbesitzreform
im August 1890 einen Antrag, der zunächst darauf hinaus-
lief, die Annahme einer fort und fort steigenden Grund-
rente im Reformstaate zu beseitigen, und die Bewegung —
        <pb n="105" />
        ﻿90

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

wie auch, die Weserzeitung bei Besprechung des Antrags
richtig bemerkte, — an die bestehenden Verhältnisse an-
knüpfen sollte. Er lautete im wesentlichen:

„Zur Beseitigung der sozialen Notlage sind ins Auge gefaßt:

die Verstaatlichung oder Kommunalisierung des Grund und

Bodens in langsamer organischer Reform und in Anknüpfung

an die bestehenden Verhältnisse. Einen

1.	ersten, sofort zu verwirklichenden Schritt sieht der Verein in
der Verstaatlichung der Bergwerke, nachdem erst ein
weiterer Rückgang der Kurse wie 1873 abgewartet ist.

Daran würde sich anschließen müssen:

2.	Eine soziale Steuerreform, bei der die Deklaration die
conditio sine qua non bildet. Hierdurch wird das arbeits-
lose Einkommen aus Renten, Zins usw. schärfer gefasst.

3.	Eine Landgemeindeordnung in freiheitlichem Sinne. Sie
müßte die Grundlage bilden, auf der Staat und auch Ge-
meinden das neue Gesetz über das Rentengut benutzten,
um verschuldete und vergantete Besitzungen zu kaufen.

4.	Aufhebung der Fideikommisse; Gleichheit des Erbrechtes.

5.	Langsame Beseitigung der autonomen Zolltarife. Neue
Zollvereinbarungen. Langsam sinkende Skala der Zölle,
besonders der Getreidezölle. Wo die Grundbesitzer, be-
sonders im Latifundienbesitz, nicht vermögen, trotz sinkenden
Zinsfußes den Schuldverpflichtungen nachzukommen, Ver-
gantungen und neue Käufe des Staates und der Gemeinden,
wie der Bauern.

6.	Allmähliche Übernahme des Grundkredites auf Staats-,
Provinzial-, Kreis- und Gemeindebanken.

7.	Ausbau der Arbeitergesetzgebung, besonders des Genossen-
schaftswesens.“

Dieser Antrag wurde leider unter der Motivierung ab-
gefeimt, daß er beabsichtige, den Bund zu einer politischen
Partei zu stempeln, während er nur bezweckte, an Stelle
von schemenhaften Theorien und schablonenmäßiger Durch-
führung eine Grundlage zu gewinnen, welche geeignet war,
die Bundesmitglieder auf den Boden der Tatsache zurück-
zuführen und sie für eine, wenngleich mühsame, das Ziel
erst in weiter Ferne zeigende Politik zu gewinnen. Ver-
suchen wir es nun, an der Hand der Thesen die Wege,
welche unseres Erachtens die Bodenreform zu gehen hat,
klarzulegen. Auf die Reihenfolge kommt es bei der Auf-
        <pb n="106" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

91

Zahlung nicht an, vielmehr müssen die Programmpunkte eng
miteinander verbunden, in organischen Zusammenhang hei
der gesetzgeberischen Arbeit gebracht werden.

Da es gilt, die arbeitslosen Einkommen, vornehmlich aus
Rente und Zins, zu beseitigen, so muß die nächste Aufgabe
. sein, denjenigen Boden in Staatsbesitz zu bringen, in welchem
die Natur ohne irgend ein menschliches Zutun Werte auf-
gespeichert hat, und die außerdem von einem wüsten und
gewissenlosen Börsenspiel zur Ausbeutung des Volkes be-
nutzt werden: wir meinen die Bergwerke. Wenn die
Staatsregierung es für nötig befunden hat, die Eisenbahnen
zu verstaatlichen, da sie — wie besonders die Vereinigten

•	Staaten von Nordamerika zeigen — ein dem nationalen
Wohlstände verderbliches Monopol von Privaten darstellen

•	können, so liegt hier der Anlaß zur Auskaufung noch viel
näher. Die Verstaatlichung der Bergwerke mit Staatsbetrieb
würde auch keinen allzu großen Schwierigkeiten begegnen,
zumal die fiskalischen Gruben durch bessere Behandlung
und Bezahlung das Vertrauen der Arbeiter, und durch
Entgegenkommen gegen die Industriellen — wie Herab-
setzung der Kohlenpreise — das der industriellen Unter -

mehmer genießen. Wartet man, bis eine Deroute wie nach
1873 in der Industrie zum vollen Ausbruche gekommen ist,
: so wird das Gemeinwesen sein eigenstes Eigentum billig
.zurückerwerben können. Damit würde die kapitalistische
Ausbeutung eines mächtigen Stützpunktes beraubt, der
Konzentration der großen Vermögen ein weiterer kleiner
Riegel vorgeschoben sein. Die Einnahmen aus den Zechen
würden wie bei den Eisenbahnen allen Bürgern zugute
‘kommen, der Konsum, statt zu sinken, gehoben werden.
Ferner würde dadurch, daß das private Kapital von einer
großen Anlagemöglichkeit ausgeschlossen wäre, der Zins-
fuß noch weiter sinken, als es schon die Eisenbahnver-
staatlichung — ohne von andern Ursachen zu reden —

Die Re-
formwege
im ein-
zelnen.
        <pb n="107" />
        ﻿92

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

bewirkt hat. Da es nicht Aufgabe des Staates sein kann,.
Plusmacherei zu treiben, so würde eine Herabsetzung der
Kohlenpreise, wenn auch in langsamer Weise, für Haus-
brand, Industrie usw. die Folge sein.

Wie ferner der Staat die Krankenkassen, Unfall-, Invaliden-
und Altersversicherung der Arbeiter nicht hat Gegenstand
privater Ausbeutung durch Kapitalistenringe sein lassen,.
so sollte er jede Versicherung, welche irgend wie arbeits-
loses Einkommen erlaubt und Leben und Wohlbefinden
seiner Bürger zum Zweck hat, nicht der Profitwut über-
liefern. Das soll sagen: alle Lebens-, Unfall-, Feuer-, Hagel-
usw. -Versicherungen müssen verstaatlicht werden..
Die Auskaufung der Gesellschaften wird bei weiter sinkendem
Zinsfuß ein leichtes sein, zumal wenn alle bezüglichen Ver-
sicherungszweige für Bürger obligatorisch gemacht werden.
Denn es liegt sowohl im Interesse des Gemeinwesens als
des einzelnen, diesen einzelnen so zur Sicherstellung seiner
Existenz zu zwingen. Freilich gehört dazu eine Güter-
verteilung, wie sie nur auf den Grundlagen des humanistischen
Sozialismus möglich ist. Aber an diesen Sozialismus, der
die individuelle Tätigkeit frei läßt, wird sich die Mensch-
heit um ihrer selbst willen gewöhnen, soll anders sie in fort-
schreitender Richtung sich bewegen. — Sehen wir einmal
zu, in welcher Weise schon heute bei relativ kleinen Kreisen
von Versicherten die Kapitalisten profitieren! Im Jahre 1889 *
gewährten die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften
bei 846409 Versicherten und bei einem Versicherungskapital
von 3475 Millionen Mark ihren Aktionären eine Dividende
von 3561 079 Mark, daß heißt 14,33 Prozent des eingezahlten
Aktienkapitales. Während wir dieses schreiben, geht die
erfreuliche Nachricht durch die Blätter, daß die preußische
Regierung den Privatnotenbanken zum nächsten Jahre
ihre Privilegien gekündigt habe. Auch hier wird eine Ge-
legenheit, daß sich Private auf Kosten der Allgemeinheit
        <pb n="108" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.	93

mühelose Einnahmen verschaffen können, endlich beseitigt.
Möchten nun die übrigen Bundesstaaten baldigst dieser
Maßregel nachfolgen! Vor allem aber sollte die Reichsbank
in das Eigentum des Reiches übergehen.

Was aber der Staat nicht verstaatlichen soll (wie er über-
haupt nur solche industriellen Betriebe verstaatlichen soll,
welche den Charakter eines der Allgemeinheit schädlichen
Monopols in privaten Händen annehmen können), ist die
Herstellung von alkoholischen Getränken. Statt Einnahmen aus
diesen, dem leiblichen, geistigen und sittlichen Wohle der
.Bürger so außerordentlich gefährlichen Substanzen zu ge-
winnen, soll seine Politik darauf gerichtet sein, ihren Ver-
brauch nach und nach einzuschränken.

Um ferner den Druck, welcher auf denen ruht, die von
ihrer Arbeit leben, in etwas zu mildem und den ungeheueren
Vermögensverschiebungen, wie sie in den letzten 25 Jahren
unter der kapitalistischen Ausbeutung vor sich gegangen,
Rechnung zu tragen, empfiehlt sich eine soziale Steuer-
reform. Hierbei wird eine genaue Deklaration über die
Einnahmequellen unbedingt notwendig sein, da sonst der
soziale Zweck der Reform illusorisch wäre. Man schrecke
nicht zurück, sondern klopfe den Drohnen nur ganz gehörig
auf die Taschen, damit sie dem Gemeinwesen wieder zu-
kommen lassen, was sie auf Grund mangelhafter Gesetze
den Bürgern genommen. Aber auf die, welche in Ver-
schuldung gekommen, nehme man billige Rücksicht, da die
Steuerreform eine soziale sein soll. Man suche die Einnahme-
quellen der Verschuldeten in den Geldschränken der Inhaber
von Renten- und Zinspapieren. So wird es vorderhand
nicht möglich sein, auch nur zum Teil die Grundrente
bei denen zu erheben, welche nominell des Bodens Eigen-
tümer sind, man wird einen Teil derselben bei den Hypo-
thekengläubigern aufsuchen. Daß eine scharfe Erfassung
der mühelosen Einkommen die Kapitalien ins Ausland
        <pb n="109" />
        ﻿94

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

drängen würde, ist wegen der unsicheren ökonomischem
Verhältnisse draußen kaum denkbar; doch empfiehlt sich,
auch hier eine weise Mäßigung.

Dem Vorschläge, die Grundsteuer den Kommunalver-
bänden im Zusammenhänge mit einer Revision der lex Huene
zu übertragen und sie so für die richtige Einschätzung zu
interessieren, können wir nur zustimmen. Die Gebäude-.
Steuer sollte man, wie auch alle Zuschläge, fallen lassen..
Eine neue Katastrierung des Bodens würde sich wohl erst
dann empfehlen,’ wenn durch weitere Reformen eine bessere
Landverteilung, ein weiteres Sinken der Grundrente und
eine genügende wirtschaftliche Erholung Platz gegriffen.,
hätten. An Stelle der indirekten Besteuerung, welche lang-
sam und gründlich zu beseitigen ist, wird eine einzige direkte-
Einkommensteuer stehen, welche sich nach der Leistung,
jedes Staatsbürgers richtet und auch die Gewerbesteuer
vertritt. Wie der Gemeindehaushalt im wesentlichsten aus
der Grundsteuer, so würden die Bedürfnisse des Reiches
nach längerer Frist im wesentlichen durch diese Einkommen-
steuer bestritten werden.

Um aber sowohl eine Steuerreform als eine innere Koloni-
sation durchführen zu können, ist weiter eine Reform,
der Landgemeindeordnung nötig, welche, ohne in
schablonenmäßiger "Weise durchgeführt zu werden, mit den
überkommenen feudalen Zuständen aufräumt. Die Bildung,
neuer Landgemeinden ist besonders im Osten eine Lebens-
frage des Staates und kann nur mit dem allmählichen Ver-
schwinden des Latifundienbesitzes ermöglicht werden. Be-
hufs weiterer Anbahnung der Landreform hat man die Ge-
setze zu beseitigen, welche besonders geeignet sind, künstlich
die Ungleichheit des Besitzes zu fördern. Hierher gehören
die Bestimmungen, welche auf Kosten eines Anerben die-
übrigen Geschwister ihrer natürlichen Rechte, an dem Erb-
teil der Eltern teilzunehmen, berauben. Ein Staat, in dem.
        <pb n="110" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

95&gt;

derartige Gesetze möglich und in Geltung sind, ist ein
Klassenstaat und nicht des Vertrauens freier Männer würdig.
In dieselbe Kategorie gehört auch das Gesetz über die
Rentengüter, soweit es Großgrundbesitzern ermöglichen soll,
Teile ihres Landes gegen unlösbare — wenigstens von der
Zustimmung des Rentenempfängers abhängige — Geldrenten
an Bauern auszugeben. Es soll also der ungerechte Zustandr
daß Private die Naturkräfte, welche dem Gemeinwesen ge-
hören, für sich ausbeuten, konserviert werden! Nach Durch-
führung der Bodenreform werden solche Zustände unmög-
lich sein, da niemand mehr Land besitzen wird, als er mit
Fleiß bearbeiten kann, denn das, was die Natur in Wäldern,
Wiesen, Weiden, Ackerland freiwillig durch ihre Vegetations-
kraft erzeugt, und von deren Einziehung heute die Groß-
grundbesitzer und Kapitalisten leben, wird dem Gemein-
wesen zufallen. Kein Mensch wird ein Interesse an großen
Besitzungen haben, da die naturale Grundrente Privaten
nicht mehr zufällt.

Nur in sehr langsamer Reform werden wir zu Zuständen
gelangen, welche uns als Ideal vorschweben. Denn schon
betreffs der Grundrente wird eine lange Zeit erforderlich
sein, ehe sie von ihrem künstlich in die Höhe getriebenen
Standpunkte der „Monopolrente“ auf das Niveau der „natu-
ralen Grundrente“, welche der natürlichen Leistung der
Naturkräfte entspricht, herabgedrückt sein wird. Wahre
Gerechtigkeit wird erst dann vorhanden sein, wenn bei
vollem Freihandel auf der Erde der größte Teil des Bodens
in Besitz des Gemeinwesens dergestalt gekommen ist, daß
bei stattfindender Verpachtung jeder Land Suchende im
freien Wettbewerbe mit anderen sich den Preis der Pacht
selbst bestimmt. Bis dahin wird der Entgelt für die Be-
nutzung der Naturkräfte nur annähernd, sei es vornehmlich
als Grundsteuer, sei es als Pacht, abzuschätzen sein.

Daß aber die Zeit nicht fern sein kann, in der man die
        <pb n="111" />
        ﻿96

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

Zollmauern erniedrigen oder sinken lassen muss, ist für den,
welcher die wirtschaftliche Lage der Nationen kennt, ohne
Zweifel, und ganz besonders hat neuerdings die amerikanische
Mac Kinley-Bill Zustände für die europäischen Länder ge-
schaffen, welche die ernsteste Berücksichtigung erfordern.
Wie die Dinge sich nun einmal unter der kapitalistischen
Ordnung entwickelt haben, ist besonders unsere Industrie
auf den Export angewiesen, und da sie nicht warten kann,
bis die eigene Nation kauffähiger in ihren Mitgliedern wird,
so ist keine Frage, daß der Export nicht entbehrt werden
kann. Ganz besonders leiden auch unsere Industriellen so-
wie die Arbeiter unter dem Schutzzollsysteme. Denn erstens
ist die Lebenshaltung der Arbeiter eine teurere, und zweitens
sind die Rohstoffe so im Preise gestiegen, daß eine Kon-
kurrenz mit manchen Industrieländern aussichtslos ist. Die
Industrie ist so mächtig erstarkt und so konkurrenzfähig,
daß sie des Schutzes nicht mehr bedarf, den besonders
Pr. List für nötig hielt, und dessen Beseitigung die Industriellen
jetzt selbst fordern werden. Aber sie wird geschwächt durch
die Begünstigung, welche unter dem Schutzzoll die privaten
Inhaber des Erdbodens, als der Quelle aller Güter, genießen,
um ohne Arbeit ein Drohnenleben durch Steigerung der
Grundrente zu leben. Der Kern aller Zölle sind die Getreide-
zölle, welche schon deswegen ungerecht sind, weil Deutsch-
land auf den Import von Cerealien angewiesen ist, dagegen
Fabrikate austauschen muß. Die Beseitigung der autonomen
Zolltarife und die Rückkehr zu Zollvereinbarungen mit
anderen Ländern kann für Deutschland in der Weise ge-
dacht werden, daß dieses zuerst mit einigen Ländern, welche
überschüssiges Getreide bauen, wie Österreich-Ungarn, Italien,
die Wege des Freihandels betritt. Wie es jenen Ver-
günstigungen betreffs des Getreides gewährt, so würden
jene Länder niedrigere Zölle betreffs der Fabrikate gewähren.
So steht einer Ausfuhr Deutschlands nach Österreich an
        <pb n="112" />
        ﻿Maschinen im Umfange von 13,185 Tonnen eine Einfuhr
von nur 1,348 Tonnen aus letzterem Lande gegenüber. Öster-
reich-Ungarn dagegen hat hohes Interesse daran, freie Bahn
für Ausfuhr von Holz und Lebensmitteln nach Deutschland
zu haben, wie folgende Zahlen zeigen:

Vieh	Tonnen

Nahrungs- und Genußmittel „
Darunter an Getreide	„

Bau- und Nutzholz

Dabei ist wohl zu bemerken, daß alle zollpolitischen Zu-
geständnisse, welche Deutschland Österreich gewährt, auch
allen Ländern, mit denen wir im Meistbegünstigungsvertrage
stehen, zugute kommen. Das Herz Europas, Deutschland,
wird der Schauplatz sein, von welchem eine neue, segens-
reiche Epoche der Menschheitsgeschichte ausgeht!

Nicht eine plötzliche Beseitigung der Getreidezölle neben
den Industriezöllen fordern Vir, sondern eine langsam fallende
Skala, welche den fleißigen Bauern resp. Unternehmern,
soweit sie verschuldet sind, ihre Schuldverpflichtungen all-
mählich zu lösen und von dem weiter fallenden Zinsfüße
Nutzen zu ziehen gestattet. Mit Freuden werden die selbst
arbeitenden Landleute eine Rückkehr zum Freihandel be-
grüßen, wenn eine Reform im Sinne des humanistischen
Sozialismus ihnen größeren Konsum der Nation bei sinkenden
Produktionskosten verspricht. Dagegen wird es verschuldeten
Großgrundbesitzern, zumal im Osten des Staates, nicht mög-
lich sein, bei fallenden Zöllen trotz sinkenden Zinsfußes
ihren Verpflichtungen nachzukommen. Es wird infolgedessen
zu vielenVersteigerungenkommen, in denen es Arbeitsuchenden
Bauern ermöglicht sein wird, Land in genügender Weise zu
erwerben. Werden die Kapitalisten zum Ankäufe schon
wegen des in Aussicht stehenden weiteren Sinkens der
Grundrente keine große Lust zeigen, so könnte für

Wehberg, Die Bodenreform.
        <pb n="113" />
        ﻿98

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

manche Fälle ein Vorkaufsrecht des Staates und der Ge-
meinden festgesetzt sein. Unseres Erachtens werden im all-
gemeinen nur diese großen Korporationen, welche in den
"Wildnissen des Ostens ernsthaft kolonisieren wollen, Aus-
sicht auf Gelingen haben.

In Form des Rentengutes, in Zeitpacht oder in Verkauf
wird das Land wiederum den Landleuten zugängig gemacht
werden. Je mehr die Zollmauern sinken, die Grundrenten-
erträge fallen, um so mehr werden auf dem platten
Lande die Latifundien verschwinden und neue Bauernhöfe
entstehen. Wo heute Heide und Moorwiesen und meilen-
weite Wälder ragen, werden die Dächer neuer Gemeinden
im Sonnenstrahle freundlich blinken, in dem Zentrum vieler
Dörfer werden neue Städte entstehen. Eine Dezentralisation
wird stattfinden. Wie heute ein krankhafter Zug vom
Lande fort herrscht, welchem die großen Städte ihre Ent-
stehung verdanken, so wird nunmehr eine Entvölkerung
derselben vor sich gehen, da die Mutter Erde ihre Kinder
wieder nähren darf.

Die Grundrente in den Städten wird so nach und nach
fallen, und unseres Erachtens wird eine Zeit kommen, wo,
wie früher, ein Bauplatz in der Stadt nicht mehr kosten
wird, als Ackerland von derselben Bodenqualität. Wenn
es erst allen Bürgern möglich sein wird, an produktiver,
lohnender Tätigkeit Teil zu nehmen, wenn große Verkaufs-
bazare den Verkehr zwischen Produzenten und Konsumenten
vermitteln, wer soll dann wohl Interesse daran finden, seine
Werkstätte, resp. Laden an einer bestimmten Straße zu haben?
Wird es doch nicht so viel Zwischenhändler mehr geben,
sind doch die Bürger aller Straßen kauffähig. Wie sollte
es da vielen einfallen, sich auf die Erwerbung eines be-
stimmten Fleckchens Erde zu kaprizieren! Gewiß wird
man bei einer sozialen Steuerreform den arbeitslosen Er-
werb aus den bisher so ungeheuer steigenden städtischen
        <pb n="114" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

99

Grundrenten fassen müssen, niemand aber wird seinen Groll
weiter über die geistig so herzlich unbedeutenden Boden-
spekulanten auslassen. Aber jeder wird es komisch finden,
daß ein Verein allen Ernstes die Forderung in sein Pro-
gramm stellen konnte, diese Ausbeutung dadurch zu be-
seitigen, daß man die heute steigenden Grundrenten für
das Gemeinwesen durch ein Gesetz einzöge, statt sie den
Privaten zu überlassen. Es ist dies ein Kardinalirrtum,
eine Methode, die an den Symptomen laboriert, ohne nach
der tieferen Ursache zu forschen. Man hätte finden müssen,
daß die Steigerung der städtischen Grundrente nur eine
Folge des zunehmenden Latifundienbesitzes und des krank-
haften Zuges der Landbevölkerung zu den Städten ist.

Nachdem es dem verschuldeten Bauern gelungen ist, sich
wirtschaftlich zu stärken, hat eine Revision der Grundsteuer-
auflage zu erfolgen, welche alle Grundstücke nach dem Rein-
erträge gleichmäßig trifft. Sie hat so hoch zu sein, daß sie
die Leistung der Naturkräfte voll für das Gemeinwesen ein-
zieht. Nach dem Sinken der Zollmauern ist die Monopol-
rente gefallen, sie strebt langsam dem Stande zu, welcher
der natürlichen Leistung der Naturkräfte entspricht. Da-
durch werden die unverschuldeten Großgrundbesitzer ge-
zwungen, alles Land zu veräußern, welches mehr Raum ein-
nimmt, als sie bebauen können.

Wälder, Weiden, Wiesen werden nach diesen Grund-
sätzen teils den Gemeinden, teils dem Staate zufallen. So'
ist jede schablonenmäßige Ackerverteilung ausgeschlossen,
da jeder nach seinen Leistungen beliebig Ackerland erwerben
kann, wenn er nur die naturale Grundrente als Grundzins
an das Gemeinwesen abgibt. Die naturale Grundrente
in unserem Sinne wird aber erst dann rein in die Erscheinung
treten, wenn der ganze Erdkreis ein weites Freihandels-
gebiet ist.

Erst wenn auf diese Weise die kolossalen Schulden, welche
        <pb n="115" />
        ﻿100

Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

auf dem Grundbesitze ruhen, gemindert sind, hat es unseres
Erachtens einen Sinn, die Beleihung des Bodens auf Staats-
und Provinzialbanken gesetzlich zu übertragen. Bereits
heute vom Staate zu verlangen, den Boden nach Abschätzung
zu kaufen oder mit allen Schulden das gesamte Hypotheken-
monopol zu übernehmen, heißt ihn dem Bankerott zugunsten
der verschuldeten Grundbesitzer und der Kapitalisten zu-
steuern. Nun, so töricht wird die Nation nicht sein, und
sich eine Assignaten Wirtschaft, welche der französischen
vor der großen Revolution verzweifelt ähnlich sähe, auf-
binden lassen. Mögen diejenigen, welche es angeht, den
Rückgang der in die Höhe getriebenen Monopolrente selbst
tragen! Für uns genügt es, zu wissen: der arbeitsame
Bauer wird über den Rückgang der Grundrente nicht zu-
grunde gehen. Möge deutsche Ehrlichkeit den rechten Weg
finden, welcher zum Heile führt! Um einen Übergang zu
gewinnen, könnte man nach Betreten der Freihandelsbahn
schon von einem bestimmten Zeitpunkte an für alle neuen
Hypotheken das Staatsmonopol einführen!

Wenn sich so durch Beseitigung der arbeitslosen Ein-
kommen die Produktion und der Konsum heben werden,
wird auch das Vertrauen in alle Kreise zurückkehren, welches
heute durch die fortwährenden Geschäftskrisen und den
andauernden Niedergang tief erschüttert ist. Dann wird
auch das Genossenschaftswesen, das heute in seinen schwachen
Zweigen gegenüber den kapitalistischen Aktiengesellschaften
■einen schweren Stand hat, neue Blüten treiben und unter
seinem schützenden Dache Millionen tätiger und selbst-
bewußter Arbeiter glücklich sehen.

Freilich wird es noch ein langer Weg sein, ehe die Arbeiter
in freien Produktivgenossenschaften ihre eigenen Arbeitgeber
sein werden! Welche Mühe wird es noch kosten, die bis-
herige, durch die soziale Lage verschuldete Unwissenheit
breiter Schichten auszugleichen! Darum sind alle jene
        <pb n="116" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

101

Maßregeln mit Genugtuung zu begrüßen, welche wie die
Sozialversicherungsgesetze die augenblickliche Lage des
Lohnarbeiters verbessern und sein Selbstgefühl stärken.
Zur Hebung des Selbstgefühles und des Interesses an öffent-
lichen Dingen ist auch die Reform der Klassenwahlsysteme
in Staat und Gemeinden eine erste Forderung. — Werden
die industriellen Arbeiter zum großen Teil ihre eigenen
Arbeitgeber sein, so braucht deswegen der Unternehmer nicht
zu verschwinden. In friedlichem Wettbewerbe wird er
seine Kenntnisse zu verwerten suchen, welche ihm im Reform-
staate sehr viel höhern Lohn bringen werden als unter der
kapitalistischen Ordnung, da die Produktion sich bedeutend
vervielfachen wird. Dadurch wird er befähigt sein, mit
Freuden auf die materielle Ausbeutung seiner Arbeiter —
den sogenannten Unternehmerprolit — zu verzichten und
ihnen den Lohn zu zahlen, den sie in einer freien Genossen-
schaft finden werden.

Wie die industriellen Arbeiter, wird auch die ländliche
Bevölkerung sich die Vorteile der Großproduktion durch
genossenschaftliche Vereinigung sichern, wenn wieder Mut
und Selbstvertrauen durch zielbewußte Reformen zurück-
gekehrt sein werden.

Was der demokratische Sozialismus als die Ursache der
heutigen Notlage betrachtet, die sogenannte anarchische
Produktionsweise, der Unternehmerprofit, verschwindet bei
reiflicher Überlegung in nichts. Nicht der Unternehmer
als solcher ist der Feind, welcher bekämpft werden muß:
der Feind ist der Kapitalismus, der durch Rente und Zins
die Massen ausbeutet und in dem römischen Eigentums-
rechte der Privaten am Grund und Boden begründet ist.
Fallen Rente und Zins, so wird auch der Unternehmerprofit
sinken, und zwar unter freudiger Zustimmung der intelligenten
Fabrikanten, die, wie wir hoffen, unsere eifrigsten Kampf-
genossen sein werden. Kurz, Arbeitgeber und Arbeitnehmer
        <pb n="117" />
        ﻿102	Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

sind in dem Kampfe gegen den Kapitalismus Verbündete!
Möchte das klärende Wort bald ertönen!

Es ist keine Utopia, was wir unseren Lesern vorführten,
denn alles, was wir erstreben, trägt den angeborenen Be-
dürfnissen des Individuums nach freier Selbstbestimmung wie
den berechtigten Forderungen der Gesellschaft Rechnung.
Es kann nicht unsere Aufgabe sein, in eine ausführliche
Kritik der unmöglichen Zustände einzugehen, welche die
sozialdemokratische Propaganda ihren Gläubigen vorpredigt.
So wahnwitzig der Traum der sozialdemokratischen Welt-
ordnung ist und nur unter dem Schutze eines Gesetzes,
welches die freie Diskussion abschnitt, um sich greifen
konnte, so berechtigt ist der Kampf der Arbeiter gegen die
Ausbeutung, welche gerade auf ihnen, dem letzten Gliede
der bisherigen sozialen Ordnung, ruhte. Und in diesem
Ringen werden jenen nicht nur alle beistehen, welche von
ihrer Arbeit leben, sondern auch die, welche herzliches
Mitleid mit ihren Brüdern empfinden und mit Ingrimm gegen
jegliche Ausbeutung als Verletzung der Gerechtigkeit, er-
füllt sind. Was der Sozialdemokratie als wichtigstes Ziel
vorschwebt, aber sich nie auf ihren Wegen erfüllen kann,
die wirtschaftliche und soziale Befreiung der Arbeit, das
wird der humanistische Sozialismus in hohem Maße voll-
bringen. Ohne in den freien Arbeitsvertrag einzugreifen,
— wird, wenn Rente, Zins und Unternehmergewinn ver-
schwunden sein werden, jedem der volle Lohn seiner Tätig-
keit gesichert sein.

Daß die Dinge, wie bisher, nicht weiter gehen können,
davon ist wohl jeder denkende und fühlende Mensch über-
zeugt. Nur über die Wege und das Tempo der Reformen
ist man sich nicht einig. Und dennoch drängt die Zeit,
der Zeiger rückt weiter auf zwölf, und finster droht eine
gräßliche Katastrophe, um alles zu verschlingen. Wo aber,
fragen wir, gibt es einen Weg, welcher geeigneter wäre,
        <pb n="118" />
        ﻿Die Bodenreform im Lichte des Freihandels.

103

die Hoffnungen der Denker und der Bedrückten in gleich
gerechter Weise zu erfüllen, wie die Ideen des humanistischen
Sozialismus?

An alle geht deshalb der Ruf, eifrige Streiter für eine
Wahrheit zu sein, welche man, wie John Stuart Mill so
schön sagt, „nur einmal zu erkennen braucht, um sie stets
für eine gerechte und schöne, dem höchsten Stande der
Zivilisation angemessene zu halten“. Gewiß erwarten wir
schweren Kampf zu finden gegen Habsucht und Ungerechtig-
keit, aber um unsere Fahnen werden vor allem die sich
scharen, deren sittliche Weltanschauung im Drange unserer
bösen Tage zu den Lehren Jesu Christi, des sozialen Heilandes
aus Nazareth, zurückkehrt: Für sich selbst dem entsagen,
was den törichten Menschen schön und begehrenswert er-
scheint , entsagen, um für die getretenen und enterbten
Brüder zu kämpfen!
        <pb n="119" />
        ﻿III.

Die Verstaatlichung; der Bergwerke.
1892.

7^ inen außerordentlich mächtigen Stützpunkt findet der

| J Kapitalismus in den unterirdischen Mineralschätzen,
von denen besonders Kohlen, Erze und Petroleum in
Betracht kommen. Was eine Monopolisierung in diesen
Dingen, an denen ein ausschließliches Hecht der Völker
gar nicht in Zweifel gezogen werden kann, bedeutet, ist
kürzlich durch die Nachricht über eine bevorstehende Ver-
einigung der amerikanischen Oil Standard Company und
den Eothschildschen Quellen am Kaspischen See deutlich
zutage getreten. Käme diese Vereinigung zustande, so
würde die Ausplünderung der Konsumenten nur eine Grenze
an dem Interesse der Monopolisten haben. Ob uns viel-
leicht eine ähnliche Gefahr durch internationale Vereinigungen
der Kohlen- und Erzgrubenbesitzer drohen würde, ist so
unmöglich nicht. Haben diese doch schon die Stirn, die
Erleichterung bzw. die Abschaffung der Bergwerkssteuer,
des einzig noch übrig gebliebenen Merkmals staatlicher Ober-
hoheit über die Gruben, zu fordern. Nun, wir denken,
man wird nicht lange Federlesens in unserer heutigen
Zeit der sozialen Bewegung machen, und die werten Berg-
werksbesitzer mit Abfindung aus ihrem Besitze höflichst
hinausbitten, um der Nation wiederzugeben, was ihr ge-
hört. Denn keinen anderen Weg sowohl für die Nation
als für die nahe interessierten Bergleute gibt es als den
der reinen Verstaatlichung der Bergwerke, um die drohenden
Gefahren, welche die Koalition der Bergwerksbesitzer dem
Gemeinwesen bietet, zu verhindern und die Wiederkehr so
        <pb n="120" />
        ﻿Die Verstaatlichung der Bergwerke.

105

gewaltiger Arbeitseinstellungen zu meiden. So ungeheuer-
lich den Bergwerksinhabern heute vielleicht der Gedanke
einer Verstaatlichung erscheinen mag, so natürlich wird er
ihnen sein, wenn die vorhandene Krisis sich weiter auf den
Kohlenbergbau ausdehnen wird, wenn die Aktien weiter
fallen werden. Der Bergbau unter Staatsregie ist die einzige
Form, unter der die Verstaatlichung heute gedacht werden
kann. Wir können Plänen, wie sie einzelne konservative
Sozialreformer hegen — dieselben empfehlen den genossen-
schaftlichen Betrieb in der Form, daß die Bergwerke Eigen-
tum der Bergleute werden — nicht beistimmen, da die
Gesamtheit der Bürger nicht die Vorteile haben würde, die
unter dem Staatsbetriebe zu erwarten sind. Derartige Ziele
haben ihren Ursprung in dem Gedanken, daß eine Grund-
rente für den, der den Boden selbst bebaut, nicht existiert,
daß dem Gemeinwesen keine geraubt werde, wenn die
Gruben in den Besitz selbstschaffender Bergleute übergehen.
Agrarische Politiker meinen, daß ein derartiges Vorgehen
auch den Ansturm gegen die ländliche Grundrente, zumal
in den Kreisen der Großgrundbesitzer, abschwächen würde.
Auch hier kann man hören: der selbstarbeitende Bauer
— und der große Grundbesitzer sei ja auch Bauer (sic!) —
beziehe keine Grundrente, ja es gebe überhaupt keine Grund-
rente !

Das wichtigste Ergebnis der Verstaatlichung der Berg-
werke würde sein, daß der Kapitalismus eines mächtigen
Stützpunktes, von dem aus er die Ausplünderung der
Völker betreibt, beraubt sein würde. Wie schon neben
anderen Gründen die Eisenbahnverstaatlichung den Zins-
fuß stark gedrückt hat, so wird durch die Verstaatlichung
der Bergwerke ein weiterer Rückgang des Zinsfußes
stattfinden.

Dadurch wird es möglich sein, die nach und nach zu er-
werbenden Gruben leicht abzuzahlen; man braucht vor
        <pb n="121" />
        ﻿

106

Die Verstaatlichung der Bergwerke.

li: j



Konvertierungen der ausgegebenen Rentenpapiere nicht
zurückzuschrecken, wenn der Zinsfuß allgemein gesunken
ist. Es wird genau so sein, wie bei den Rentenpapie ren,
die auf verstaatlichte Eisenbahnen lauten. Auch hier er-
.scheint es in Erwartung des fallenden Zinsfußes verständig,
mit der Amortisation noch etwas zu warten; vielleicht werden
die Kapitalisten eine neue Zinsfußermäßigung nicht gar zu
übel vermerken. Daß die Kapitalien sich in das Ausland
begeben würden, also eine Kündigung der Papiere bei
weiter, sinkendem Zinsfüße bevorstände, ist nicht zu er-
warten.

Also über die Tragweite der Einanzoperation brauchte
niemand sich Sorge zu machen. Abgesehen von dem niedrigen
Stande der Kurswerte liegt in der Verstaatlichung der Gruben
insofern, als sie auf den Zinsfuß drücken wird, eine
gute Gewähr einer für die Nationalkasse ungefährlichen
Transaktion. Wie groß die zum Ankauf nötige Summe
sein muß, entzieht sich genauer Schätzung. Während Herr
von Fürstenberg-Packisch glaubt, mit der Summe von 1125
Millionen Mark auskommen zu können, halten andere den
Betrag für viel zu gering. Unseres Erachtens kann
es auf die Höhe der erforderlichen Ankaufskapitalien gar
nicht ankommen. Wartet die Nation, bevor sie ihre Offerten
macht, bis eine allgemeine De route eingetreten ist, so wird
sie ein gutes Geschäft machen. Wir sagen Offerten, und
haben dabei den Weg gütlicher Vereinbarung im Auge,
wie er mit den Eigentümern der Bahnen seiner Zeit ein-
geschlagen wurde, und hoffen, daß dieser Weg auch hier
zum Ziele führen kann. Freilich waren die privaten Eisen-
bahnverwaltungen nicht so organisiert, als es jetzt die Gruben-
besitzer sind. Vielleicht werden sie gütliche Anerbietungen
stolz abweisen. Nun, in diesem Fall wird man mit ihnen kein
langes Federlesen machen: Der Staatsgedanke drängt mit
Notwendigkeit dazu, die Bergwerke zu expropriieren.
        <pb n="122" />
        ﻿Die Verstaatlichung der Bergwerke.

107

Vor allem ist es ferner notwendig, die Lage der Berg-
arbeiter zu verbessern. Es wird möglich sein, wenn
durch billige Ablösung der Wert der „Gerechtsame,,, wie
man hier die Grundrente nennt, gesunken ist, einen Teil
derselben den Bergarbeitern als Erhöhung ihres Lohnes
zukommen zu lassen. Wir wollen nicht gerade sagen, daß
der Lohn absolut zu gering sei; aber relativ ist er nicht
einmal ein auskömmlicher, sowohl gegenüber den in die
Höhe getriebenen Kohlenpreisen, als ganz besonders im
Verhältnis zu den Preisen der Lebensmittel, Mieten usw.
Hier wird auch für die Bergarbeiter ihre volle Solidarität
mit den Lebensinteressen aller Volkskreise zum Ausdruck
kommen; hier wie überall heißt es: Einer für alle, alle
für einen. Der sinkende Zinsfuß, die sinkende Grundrente,
auf die durch vorsichtige Rückkehr zum Freihandel durch
Übernahme des Grundkredites auf den Staat usw. noch
weiterhin zu wirken ist, werden den Bergarbeitern in-
direkt höhere Vorteile bringen, als es direkt die Lohner-
höhung vermag. Nichts Treffenderes aber als die Lage der
Bergarbeiterbevölkerung heute und in Zukunft kann zur
Kritik jener Bodenreformbestrebungen herangezogen werden,
welche glauben, daß die Grundrente im Reformstaate noch
steigen werde. Wenn der, sagen wir, Preis der Bergwerke,
des Ackerlandes, des Hausgrundes usw. noch weiter stiege,
wo sollte dann wohl ein Lohn für diese Arbeiter, welche
lediglich Naturprodukte an das Tageslicht holen, festzusetzen
sein, der irgendwie auskömmlich wäre! Nun, derartige Ge-
danken sind so töricht, daß sie einer Widerlegung eigent-
lich gar nicht einmal bedürfen. Was es im übrigen mit
der Verteilung der vom Staate eingezogenen, in der Vor-
stellung so enorm emporgeschnellten Grundrenten für eine
Bewandnis haben würde, können wir heute im kleinen an
■der sogenannten lex Huene sehen. Es würde die reine
Ochlokratie entstehen, denn der Faullenzer hätte ja in
        <pb n="123" />
        ﻿diesem Phantasiestaate als „Sohn der Erde“ denselben'.
Anspruch auf einen Teil der kolossalen Grundrenten wie
jeder Fleißige. Der Himmel aber bewahre uns vor solch,
einem Phantasiestaate.

Das Sinken der Grundrente, das sowohl in den Berg-
werken als auch durch andere Maßregeln in dem gesamten
vaterländischen Boden einträte, käme auch den Bergarbeitern,
zugute. Da die Preise der Produkte wesentlich durch,
den Stand der Bodenpreise bedingt werden, so leuchtet
ein, daß sich der Niedergang der Grundrente in den Preisen:
der Lebensmittel, Kleidungsstoffe, Wohnungen zeigen wird.
Den Bauern aber müßte als Ersatz für den Ausfall an den:
Getreidepreisen (durch Verminderung der Grundrente ver
mittels Erniedrigung der Zölle) ein Sinken des Zinsfußes-
resp. billiges Brennmaterial geboten werden. Verstaatlicht
man die Bergwerke, so tritt diese Voraussetzung in hohem
Maße ein. Den Bergarbeitern muß deutlich gesagt werden,
daß sich ihr Vorteil bei einer Verstaatlichung der Berg-
werke weniger in der absoluten als der relativen Höhe ihres
Lohnes zeigen wird. Sehen sie dieses ein, dann werden
sie mit vollem Herzen für diesen Schritt eintreten, der
ihnen, in der Betrachtung von anderen Eeformen und dem
Wohlbefinden anderer Berufe abgelöst, sonst wenig be-
gehrenswert erscheinen mag. Wie sehr die Bergarbeiter
bei einseitigem, kurzsichtigen Betonen lediglich der nächsten.
Interessen sich selbst und der gesamten nationalen Wohl-
fahrt entgegen arbeiten können, zeigt uns die kürzlich be-
gonnene Streikbewegung von 400000 Bergleuten in Eng-
land. Diesen Männern kann die Verkennung des Reform-
weges, der weniger auf eine absolute als auf eine relative
Erhöhung des Lohnes zu richten ist, von schwerem Nach-
teil sein. Wenn es noch eines handgreiflichen Beweises
bedurft hätte, um klarzulegen, daß nur die staatliche^
Intervention mit reiner Verstaatlichung der Bergwerke-
        <pb n="124" />
        ﻿Die Verstaatlichung der Bergwerke.

109

Rettung aus schweren Verwicklungen bringen kann, so
wäre er hier von neuem gegeben.

Nicht allein die materiellen Vorteile werden die Berg-
leute unserer Reform geneigt machen, sondern auch die
.Aussicht auf bessere Behandlung unter staatlicher Leitung
wird ihnen die Verstaatlichung in günstigem Lichte er-
scheinen lassen. Erwiesenermaßen hat nicht etwa nur der
kärgliche Lohn die Arbeiter zu jenem großen Streik ge-
trieben , sondern auch in nicht geringem Maße die über-
mütige Behandlung seitens der Bergwerksbesitzer und ihrer
Beamten.

Wozu ist es im übrigen nötig, daß die höheren Beamten
auf den privaten Gruben so hohe Gehälter beziehen?
Wir meinen, es ist auch nach dieser Richtung besser, wenn
wir statt jener Herren biedere, pflichttreue, von der
modernen Staatsidee erfüllte Staatsbeamte anstellen lassen.

Erfüllt von dem humanen Geiste, der mächtiger und
immer mächtiger die Welt durchleuchtet, werden die neuen
Beamten als Diener des Gemeinwesens ihren Untergebenen
gute Vorgesetzte sein. Alle Gruben müssen Staatsbetriebe
sein, und jede sollte zur Musterstätte werden. AVer etwa
einwenden wollte: „Ja, die staatlichen Gruben haben wegen
..geringen Lohnes und mangelhaften Verhaltens der Vor-
gesetzten auch ihre Streiks gehabt“, dem ist zu erwidern:

1. daß bisher der Einfluß des Staates auf die Löhne der
Bergarbeiter ein verschwindender gewesen ist, da sein
Besitz ein viel zu geringer war. (Doch ist nach
statistischen Ausweisen der Lohn auf den fiskalischen
Gruben relativ am höchsten gewesen) —

Dazu hatte auch besonders der manchesterliche Ge-
danke, der Staat habe sich auf das Nachtwächteramt
zu beschränken, viel beigetragen.

_2. daß die Beamten zur Rechenschaft gezogen sind, wo
gerechte Beschwerden Vorlagen.
        <pb n="125" />
        ﻿110

Die Verstaatlichung der Bergwerke.

Wie die organische Staatsidee die Unterordnung des-
einzelnen zum Wohle der Gesamtheit verlangt, ebenso
muß in ihrem Geiste die Heiligkeit der Arbeit, die An-
erkennung des geringsten Menschen als eines vollberechtigten
Mitgliedes der menschlichen Gesellschaft verlangt werden.
Das heißt für unsere Auseinandersetzung: die schikanöse-
Ausbeutung der Arbeiter, wie durch Wagennullen, über-
mäßig und einseitig bestimmte Schichtdauer, unmotivierte
Lohnabzüge usw., die den Bergmann als ein willenloses
und untergeordnetes Wesen erscheinen lassen, werden mit
Sicherheit nur in den Staatsbetrieben der Zukunft fort-
fallen. Bessere Lebenshaltung wird so einen Streik un-
möglich machen.

Solchen zu verhüten, hat die Nation hohes Interesse,,
und sie müßte es tun, selbst wenn große Opfer gefordert
würden, was aber nicht der Fall ist. Denn nicht allein
die Bergarbeiter leiden durch den bis aufs Messer geführten
Lohnkampf. Der nationale Wohlstand kann durch die
Härte und den Eigensinn der Grubenbesitzer, wie gewiß-
auch durch den Leichtsinn der Arbeiter, in starkem Maße
geschädigt werden. Die Einstellung der Kohlenförderung
muß die Schließung aller industriellen Werkstätten zur
Folge haben, die bisher die Kraft ihrer Motoren durch die
Verbrennung der Steinkohlen gewonnen haben. Der da-
durch eintretende Verlust in der Produktion wird seinen
Einfluß in allen Bevölkerungsschichten geltend machen
der nationale Wohlstand ist bedroht, da alle Tätigkeit ruht.

Schon aus dem Grunde, eine solche Kalamität zu ver-
hüten , müßte das Gemeinwesen zum Ankäufe resp. zur
Expropriation der Bergwerke schreiten, nicht allein der
Kohlen-, sondern auch der Eisengruben. Denn wenn der-
Kapitalismus nur aus ersteren hinausgesetzt würde, würde-
er gar bald die letzteren zu seinem Spielballe machen.

Ebenso schlimm wie ein Streik ist die Preissteigerung.
        <pb n="126" />
        ﻿

Die Verstaatlichung der Bergwerke.

111

der Kohle für die Volkswirtschaft. Wenn der letzte
deutsche Bergarbeiterstreik als die Ursache der bis heute
noch dauernden Ausbeutung des Publikums von interessierter
Seite ausposaunt wurde, so ist das töricht. Die Arbeiter
haben erst höheren 'Anteil an der Ausbeute verlangt, als
bereits die Aufwärtsbewegung in der Industrie die Kohlen-
preise anziehen ließ. Es war auch ihr gutes Recht, ein
menschenwürdiges Dasein angesichts der hohen Gewinne
der Bergwerksbesitzer zu haben. Der Streik ist lediglich
als Vorwand für die Ausbeutung, die die Nation sich ge-
fallen lassen muß, benutzt worden.

Nicht allein Hausbrandkohle ist für den kleinen Mann
fast unerschwinglich, selbst die Industrie hat — wenn wir
von anderen Ursachen absehen — an der Belastung durch
hohe Kohlenpreise schwer zu tragen. Aus den Taschen
des Volkes müssen Millionen für den Mehrbedarf im Eisen-
bahnbetriebe gezahlt werden. Und alles dieses, weil wir
erlaubt haben, daß die in beschränkter Menge vorhandene
und dadurch monopolistisch auszubeutende Kohle in die
Hände privater Unternehmer, welche kein höheres Gesetz,
als die Füllung ihres Geldsackes kennen, überantwortet ist.
Freilich wird auch hier ein Krach eintreten, aber erst, wenn
die übrigen Industrien, nicht zum wenigsten durch die Preis-
steigerung, darniederliegen. Dann werden wir wieder das
Jammergeschrei der klugen Leute hören, welche die Papiere
bei hohem, schwindelhaften Kurse gekauft haben und nun
hereingefallen sind. Dann soll das Gemeinwesen den ge-
prellten Gewerken zu Hilfe kommen.

Es geht dann den Zechenbesitzern, welche auf ihren hohen
Papieren sitzen geblieben sind, just wie den Agrariern in
Frankreich und anderen Orten. Sie fordern die Aufhebung
der Grundsteuer bzw. der Bergwerkssteuer als Rettung aus
ihren Nöten. Aber sie wissen nicht, daß diese winzige
Steuer keinen Druck ausübt, sondern daß die so krankhaft



■M

11
        <pb n="127" />
        ﻿112

Die Verstaatlichung der Bergwerke.

in die Höhe getriebenen und geschwindelten Grundwerte
die Ursache ihrer Nöte sind. Soll ihnen geholfen werden,
so muß die Grundrente und mit ihr die Summe der Zins

fordernden Leihkapitalien sinken. In welcher Weise die
Kohlenaktien seiner Zeit gestiegen waren, zeigt folgende
Tabelle:

Aplerbecker	Gelsenkirchen Harpener Hibemia	
1888: 116	135	128	111
1889:	280	211	328	244
+ 114	+ 76	+ 195	+ 133
König-Wilhelm Louise-Tiefbau Pluto		Mark. - Westphäl.
1888:	190	84	86	168
1889:	271	166	158	237
+ 81	+	82	+72	+ 69
Noch deutlicher	zeigt folgende Tabelle über französische	
Kohlenbergwerke,	in welcher Weise die	vom Staate den
Grubenbesitzern seiner Zeit geschenkten Grubengerechtsame		
(Grundrente) ohne Arbeit der Besitzer in die Höhe gestiegen		
sind. Das Volk aber muß die Steigerung mit		seinem Schweiße
•bezahlen.		
Die Grubengerechtsame hatten		
	den	haben
von	ursprünglichen Wert:	den Jetztwert:
	Frcs.	Pres.
Aniche .	. .	. .	2134800	61560000
Bruay . .	.	. . 1200000	44096 250
Bully Grenay	. .	2 298000	60277 500
Carvin .	.	.	. .	1972500	7357425
Corrieres .	.	. . 600000	94500000
Douchy .	.	. .	911000	15968160
Dourges .	.	1 350 000	17 820000
Escarpelle	. .	3000000	21150 000
Lens .	.	.	. .	900000	78525000
Lievin .	.	.	. .	2916000	29014200
Meurchin .	.	. . 2000 000	23 600000
Maries .	.	.	. .	3 200000	40000000
        <pb n="128" />
        ﻿Die Verstaatlichung der Bergwerke.

113

Diese Zahlen reden, wie sehon der Bericht, dem wir sie
entnehmen, bemerkt, eine Sprache, die uns jede weitere
Bemerkung als überflüssig erscheinen läßt.

Schon aber stockt jetzt — die Papiere sind gewaltig
heruntergegangen — der Betrieb; nur allen Verschleierungs-
Versuchen zum Trotz kann man aus den Berichten lesen,
daß die Vorräte sich häufen. Die Preise für Kohlen aber
bleiben noch steif, Dank den Bingbildungen, die sich zur
größeren Hebung des „nationalen“ Wohlstandes unter den
Bergwerksbesitzern gebildet haben. Wozu aber soll sich
die Nation mit Hilfe der Bergwerke, welche von Gottes-
und Bechts wegen ihr eigenstes Eigentum sind, ausbeuten
lassen ?

Der „Kölnischen Volkszeitung“ zufolge ist von der am
4. Januar 1892 stattgefundenen MonatsversammlungHes West-
fälischen Kokes-Syndikats eine 20prozentige Einschränkung
der Produktion für den Monat Januar d. J. beschlossen
worden. Die Kokesproduzenten geben damit dem Herrn von
Stumm eine gehörige Abfertigung auf seine gerechtfertigten
Angriffe, welche er längere Zeit in seinem Organe, dem
„Saarbrücker Gewerbeblatte“ gegen das Kokes-Syndikat
und die Kohlenverkaufsringe gerichtet hatte. Nebenbei
brachte er bemerkenswerte Auszüge aus der Statistik der
Kokesausfuhr: Hiernach hat von Januar bis August 1890,
also vor der Gründung des westfälischen Kokes-Syndikats,
die Ausfuhr von deutschen Kokes insgesamt 6142861 betragen,
oder durchschnittlich 76686 t monatlich: vom September
bis Dezember 1890, also nach der Gründung des Syndikats,
sind 460482 t oder durchschnittlich 115 1211 monatlich, das
ist etwa 50 Prozent mehr, ausgeführt worden. Vom Januar
bis August 1891 hat die Ausfuhr betragen 857 940 t. oder
durchschnittlich 109242 t, gleich 40 Prozent mehr, als in
derselben Zeit vor der Gründung des Syndikats. Allerdings
ergiebt die Ausfuhr von Januar bis August 1891 mit 109 242 t

We h b e rg, Die Bodenreform.	8
        <pb n="129" />
        ﻿114

Die Verstaatlichung der Bergwerke.

monatlich gegen den Abschnitt September bis Dezember
1890 mit 115121 t monatlich einen Rückgang, einen relativ
kleinen übrigens; aber dieser entfällt auf den Absatz nach
Österreich-Ungarn, an welchem das Syndikat kaum je be-
teiligt war, während der Absatz nach Belgien, dem Lieblings-
absatzgebiete Westfalens, von nur 17 903 t im Januar-August
1890 auf 75568 t im gleichen Abschnitt 1891 gestiegen ist,
um 322 Prozent.

Wie können die Ringe erwarten, daß die Eisenbahnen
noch die Inlandtarife herabsetzen, wo sie selbst das Mögliche
tun, durch Steigerung der Kohlenpreise eine derartige ver-
langte Milderung zu verhindern! . Es ist eine sonderbare
Zumutung, die die „Rheinisch-Westfälische Zeitung“, unter
dem Stichworte: „Ein Vorschlag zur Güte“ den Bahn-
verwaltungen macht. Sie meint, jene sollten die Frachten
für ganze Waggonladungen in den Monaten Juni, Juli und
August um 1U ermäßigen. Dadurch würden viele Kohlen-
händler und Fabriken veranlaßt werden, ihren Winterbedarf
schon während dieser Monate zu decken, weil durch die
billigeren Frachten die Unkosten für die Aufstapelung der
Kohlen und die Verzinsung des in den Kohlenvorräten
steckenden Kapitals einigermaßen ausgeglichen würden.
Die Händler hätten dann wenigstens die Kohlen sicher im
Lager und könnten dem Winter ruhig entgegensehen, während
sie jetzt auf die Gnade der Eisenbahnverwaltungen angewiesen
seien. Bei den heutigen hohen Frachten schiebe jeder
Händler den Bezug des Winterbedarfes so lange wie möglich
hinaus, wodurch jedes Jahr die Notlage entstehe, daß im
Herbst oder Winter nicht genug Wagen herbeigeschafft
werden könnten, um den Anforderungen der Konsumenten
zu genügen. Die Zechen selbst hätten im Sommer größeren
und regelmäßigeren Absatz, was auch im Interesse der
Arbeiter läge, welche jetzt nicht selten wegen Stockung
der Abfuhr entlassen werden müßten. —
        <pb n="130" />
        ﻿Die Verstaatlichung der Bergwerke.

115

Gewiß kann man darüber diskutieren, ob die Frachten
in Zukunft nicht herabgesetzt werden könnten, aber heute
würde ein niedriger Tarif nicht den Konsumenten, sondern
den Zechenbesitzern zugute kommen. Der Preis der Kohle
würde sich ohne Zweifel nach Einführung dieser Erleichterung
langsam um das Maß der Tarifermäßigung in die Höhe be-
wegen. Sonst macht der Artikel nur den Eindruck, als ob
trotz der Kohlenringe die Preise etwas ins Schwanken ge-
raten seien und die billigeren Tarife den Konsumenten viel-
leicht einen Anreiz zu neuen Abschlüssen geben sollten.
Daß die Kohlenpreise sich ohne erhebliche Einschränkung
der Förderung bei dem Darniederliegen der Industrie nicht
auf der bisherigen Höhe — sie sind in den letzten fünf
Jahren um 38 Prozent gestiegen — halten können, leuchtet
ein. Zu Arbeiterentlassungen aber wird es kommen, denn
den Bergwerksbesitzern liegen mehr die hohen Preise als
das Wohl der Arbeiter am Herzen. Schon jetzt legen
manche Zechen bis zu zwei Tagen per Woche Feierschichten
ein. Wie kolossal die Dividenden der zwei letzten Jahre
gewesen, ist ja allen bekannt, die vier Kohlenbergwerks-
gesellschaften Gelsenkirchen, Harpener Bergbaugesellschaft,
Konsolidation und Hibernia arbeiten je mit 42, 45, 16 und
26 Millionen Mark und haben einen Reingewinn in den
ersten zehn Monaten 1891 von 7 654000, 7 311000 4097 000
und 4 760 000 Mark oder 18, 16, 24 und 29 Prozent Dividende
zu verzeichnen. Die Arenbergische Gesellschaft hatte sogar
80 Prozent zu verteilen.

Auf das Verhalten der Kohlenringe wirft der Bericht der
Handelskammer zu Siegen, einer Korporation, die stets streng
schutzzöllnerischen Anschauungen gehuldigt hat, ein scharfes
Licht. Die Kammer stellt fest, daß sich die Durchschnitts-
preise für Flammförderkohlen aus dem Essener Reviere
loco Werk, nachdem sie 4,97 Mark im Jahre 1879 und

7,41 Mark im Jahre 1880 betragen hatten, von 1881 bis,

8*
        <pb n="131" />
        ﻿116

Die Verstaatlichung der Bergwerke.

1888	zwischen 5,82 und 6,64 Mark bewegten, dann aber

1889	auf 9,29 und 1890 gar auf 12,36 Mark stiegen. In der
ersten Hälfte des vorigen Jahres hielten sie sich zwischen
12 und 15 Mark, in der zweiten dagegen gingen sie auf
9—12 Mark herunter. Die Kokespreise stiegen von 7,83
im Jahre 1887 auf 9,16 Mark im Jahre 1888, 15,72 im Jahre
1889 und 19,74 Mark im Jahre 1890 und standen bei Er-
stattung des .Berichts auf 13 Mark. Das westfalische Kokes-
syndikat hat im ersten Quartal v. J. nach Belgien, Luxem-
burg, Lothringen und Frankreich 29 Prozent, im vierten
Quartal v. J. dagegen 42,67 Prozent, im Jahresdurchschnitt
36 Prozent, nach dem Zollausland allein 10,88 Prozent der
gesamten Produktion an Hochofenkokes abgesetzt und die
Vermehrung dieses Absatzes damit begründet, daß der Ab-
satz nach dem Siegerlande und nach Nassau pro Quartal
um etwa 50000 t nachgelassen habe. Allein nach Ostfrank-
reich hat sich aber der Absatz des Kokessyndikats um viel
mehr, in den beiden letzten Quartalen 1890 allein um 229 0U01
vermehrt. „Dieser Absatz“, sagt die Siegener Kammer,
„wurde nur erreicht durch großartige Konzession im Preise.
Um die zu diesen niedrigeren Preisen an das Ausland
liefernden Werke schadlos zu halten, wurde von der Ver-
einigung allein im dritten Quartal eine Summe von 147 420
Mark ausgegeben, also zugunsten der ausländischen Werke
.verschenkt.“

Noch schlimmer stellt sich dies Verhältnis im vierten
Quartal 1890 und im ersten Quartal des Jahres 1891. Während
die inländischen Werke 13—14 Mark pro Tonne Kokes zahlen
müssen, gestattet das Syndikat die Preise ins Ausland noch
unter 11,50 Mark zu setzen, denn es hat seinen Mitgliedern
gegenüber die Verpflichtung übernommen, sie beim Absatz
ins Ausland (Frankreich) für die Differenz zwischen dem
Verkaufspreis und diesem Satze von 11,50 Mark schadlos
zu halten.
        <pb n="132" />
        ﻿Die Verstaatlichung der Bergwerke.

117

Nach der Verstaatlichung der Gruben und Durchführung
einschneidender Reformen, aber nicht eher, wird die Herab-
setzung aller Tarife dem ganzen Volke von großem Vor-
teil sein.

Auch der regelmäßige Betrieb der Staatsbahnen erfordert
notwendig die Auskaufung der Bergwerke.

Eine wichtige Frage ferner, nicht etwa allein für den
Bauernstand ist die Ableitung der Abwässer, die
Verhütungen der Bodensenkungen, die große Schwierig-
keiten verursachen und den Volkswohlstand schädigen.
Auch hier kann nur Wandel geschaffen werden, wenn der

Staat alle Betriebe einheitlich leitet, wie aus folgendem

*

Bericht zu ersehen ist:

„Essen, 25. Dezember. Die Städte des Industriebezirks
stehen wieder vor großen Ausgaben, deren Höhe vorläufig
noch gar nicht geschätzt werden kann. In den letzten Jahren
haben die größeren Städte, namentlich Essen und Dortmund,
Anlagen für die Klärung der Abwässer errichtet. Die Klagen
der Anwohner der Flüsse und Bäche sind aber nicht verstummt.
In der Nähe der Flußläufe, in denen sich früher Fische
tummelten, weht eine verpestete Luft. Die Klagen der An-
wohner haben die Behörden veranlaßt, die Städte immer und
immer anzuspornen, bessere Kläranlagen herzustellen. Essen
hat das Röckner-Rothesehe System, Dortmund ein eigenes
System angelegt, die Erfolge waren die gleichen: die An-
lagen sind unzureichend. Auf Anregung der Landesbehörden
haben sich gestern die Emscherschau-Kommission, bestehend
aus den Landräten der Kreise Essen, Bochum und Dortmund,
die Baumeister jener Städte, sowie Landesmeliorations-In-
spektor Grantz aus Münster in Dortmund zusammengefunden,
um zu beraten, ob es sich ermöglichen lasse, die Abwässer
der erwähnten, sowie auch anderer Städte vielleicht in Ver-
bindung mit den Grubenwassern der Bergwerke in einem
offenen Graben durch das Emschertal in den Rhein zu leiten.
Vorausgesetzt war, daß die Wässer auf ihrem Wege bis zum
Rhein auch Berieselungszwecken dienen sollten. Zunächst
ergab sich, daß eine Verbindung mit der bereits vorhandenen
sogenannten tiefen Talentwässerung im Gelsenkirchener Berg-
werksbezirke nicht möglich sei, da diese durch Abzugsgräben
bewirkte Entsumpfung des Bodens nicht dem Tal entlang geht,
sondern, je nachdem die Bodenfläche ist, mannigfache Biegungen
macht. Wenn die Ausführung überhaupt möglich wäre, so
        <pb n="133" />
        ﻿118

Die Verstaatlichung der Bergwerke.

würde der Graben auf dem rechten Ufer der Emscher, an den
Höhen entlang zu führen sein, um unterhalb Ruhrort in den
Rhein geführt zu werden. Man verhehlte sich aber nicht, daß
dem Unternehmen durch die vielen Verbindungsbahnen der
Zechen, durch die vorhandenen und noch zu erwartenden
Bodensenkungen derartige Schwierigkeiten in den Weg gelegt
und die Kosten so hohe sein würden, daß selbst Städte wie
die erwähnten dieselben nicht aufbringen könnten. Aus allen
diesen Gründen erklärten sich die Teilnehmer der Beratung
für die Ausführung von Rieselanlagen, sei es in der Nähe der
Emscher, sei. es im Münsterlande.“

Greben wir weiter zu, daß die vaterländischen Gruben in
die Hände von Börsenjobbern und ausländischen Kapitalisten
gehen, so kann niemand Gewähr dafür leisten, daß selbst
bei drohendem Kriege ein Streik durch die Selbstsucht und
den Eigensinn der vielleicht schon bald zu einem inter-
nationalen Ausbeuterverbande ä la Petroleumquellenbesitzer
vereinigten Grubenbesitzer ausbricht! Wer kann sagen,
ob nicht die unzufriedenen und international verbundenen
Arbeiter die ungeheuerlichsten Forderungen erzwingen wollen
und können! Das nationale Interesse erfordert kategorisch
die Verstaatlichung der Bergwerke. Und wesentlich nationale
Reformen werden die Arbeiter versöhnen und sie zu höherer
Stufe führen!

Auch sollte das Gemeinwesen ein Brennmaterial, das
nicht unerschöpflich und auf das die Menschheit für ihre
Kulturzwecke noch lange angewiesen ist, nicht dem Mut-
willen und der Ausbeutung von Spekulanten überlassen,
die Raubbau betreiben. Die hohen Preise in jetziger Zeit ver-
leiten wieder besonders zu neuen Anlagen, für deren Produk-
tion nachher kein Absatz mehr ist. Die Unterkonsumtion
des Volkes — eine dem kapitalistischen Wirtschaftssysteme
immanente Erscheinung — wird gar bald den Gruben be-
merkbar werden, die neuen Anlagen aber wollen betrieben
sein, um wenigstens die angelegten Kapitalien zu verzinsen.
Wären die Gruben Staatseigentum, so könnte jeder Ver-
        <pb n="134" />
        ﻿Die Verstaatlichung der Bergwerke.

119

geudung der Kohlen in planmäßiger Weise vorgebeugt werden;
die Anlage neuer Schächte würde nur nach wirklichem
Bedürfnisse des Verbrauchten stattfinden. Heute werden
die vom Staate verliehenen „Grubengerechtsame“ benutzt, um
durch Gründung von Aktiengesellschaften Staat, Konsumenten
und Arbeiter zu schädigen. Bei der Gründung werden die
„Grubengerechtsame“, die das Recht auf Erschließung be-
stimmter Felder bedeuten, genau wie ein Stück Land in
den wachsenden Städten behandelt: die zukünftige mögliche
Steigerung wird antizipiert, und es gibt genügend Leute,
die sich als Aktionäre auf solchen Papierkauf einladen
lassen. Da ist es nachher kein Wunder, daß die Kohlen-
preise steigen müssen, um den Aktionären einige Dividende
zu geben, aber auch ebenso natürlich, daß die Spekulations-
rente nicht realisiert werden kann, da ein Niedergang solcher
Papiere unausbleiblich ist. Welches Geschäft mit den
Grubengerechtsamen, die der Staat wirklich den Besitzern
geschenkt hat, gemacht wird, erhellt aus den Prospekten
mehrerer Zechen, die ihre Aktien an der Börse einführen
wollten. Davon ein Beispiel:

I.	Bergbau-Aktien-Gesellschaft „Concordia“
in Oberhausen.

Aktiven am 31. März 1890:

1.	Grubengerechtsame.............. Jk	3 750000,—

2.	Grundstücke und Gebäude	....	„	1241160,—

3.	Schachtanlagen, Kokereien, Maschinen,

Werkzeuge................... „	2 367 763,25

4.	Warenbestände.................. »	80473,86

5.	Kasse, Wechsel, Debitoren	....	„	554005,48

Jt 7 993402,59

Passiven:

1.	Aktienkapital...................... 6500 000,—

2.	Obligationsschuld.............. „	1056000,—

3.	Kreditoren..................... „	437 402,59

J6 7993402,59
        <pb n="135" />
        ﻿120

Die Verstaatlichung der Bergwerke.

Wie man sieht, beträgt die Grubengerechtsame, d. h.
hier die künftig mögliche Ausbeute, welche in Rechnung
gesetzt ist, 2la des gesamten Aktienkapitals. Dazu kommt
nun noch, daß die Aktien mit 130, also mit einem recht
ansehnlichen Agio über den Nennwert, ausgegeben wurden,
das den Gründern in die Taschen fiel. Wie hier, so ist-
es mit anderen Gründungen in Gruben und industriellen
Anlagen ergangen. Konnte die Verstaatlichung der Eisen-
bahnen vor der kapitalistischen Gesellschaft mit der Not-
wendigkeit „entschuldigt“ werden: die Bahnen aus stra-
tegischen Gründen in einer Hand zu vereinen, so hört das
Versteckenspiel jetzt auf. Hier muß die Regierung klar
die Ziele, welche einen durchaus sozialistischen — nicht
sozialdemokratischen Zug tragen, bekennen. Sie wird zeigen
müssen, daß sie in Wahrheit den Bruch mit dem Kapita-
lismus vollzogen hat, daß sie durch zielbewußte organische
Reformen die Menschheit neue Wege führen will.

Wir hoffen, daß der Handelsminister, Herr v. Berlepsch,
die notwendigen Konsequenzen aus seinem den Zechen
zugegangenen Antwortschreiben ziehen wird, daß die Staats-
regierung die Bergwerke nicht lange mehr „Gegenstand
privater geschäftlicher Unternehmungen“ sein
lassen wird.

Tm Frühjahr dieses Jahres nämlich hatte der Minister
Herr v. Berlepsch einen Brief an die Handelskammern ge-
richtet, in welchem ausgeführt wurde, daß der dringende
Verdacht geäußert worden sei, die Kohlenzechen hätten
den Wagenmangel nur vorgeschützt, um sich ihren Vertrags-
Verpflichtungen zu entziehen. Außerdem hätten sie an das
Ausland billiger verkauft als an das Inland. Die Handels-
kammern wurden zu einer Untersuchung dieser Anklage
aufgefordert. Diese Untersuchung hat stattgefunden, und
den Erfolg derselben gibt der Minister in dem nachstehendem
bemerkenswerten Schreiben bekannt:
        <pb n="136" />
        ﻿Die Verstaatlichung der Bergwerke.

121

„Berlin, 17. November 1891.

Meiner Zusage gemäß teile ich dem Vorstande in bezug auf
das Resultat der auf Grund meines vertraulichen Erlasses an
die Handelskammern von Westfalen und der Rheinprovinz vom

2.	Februar d. J. veranlaßtenErhebungen folgendes ergebenst mit
1. Der gegen einzelne Zechen erhobene Vorwurf, daß sie den
Wagenmangel lediglich vorgeschoben hätten, um sich ihren ver-
tragsmäßigen Verpflichtungen zu entziehen, ist durch die an-
geführten Tatsachen nicht erwiesen worden. Ich halte denselben
für unbegründet. 2. Die weitere Behauptung, daß im Beginn
dieses Jahres zeitweise das Ausland mehr Kohlen erhalten habe,
als das Inland, ist zwar tatsächlich zutreffend, ich nehme aber
als festgestellt an, daß ein Vorwurf gegen die Zechenver-
waltungen hieraus nicht abgeleitet werden kann, weil die Ur-
sachen in Verhältnissen liegen, die die Zechen nicht herbei-
geführt haben und nicht ändern konnten. (Wie der Bergbau-
liche Verein in seiner Eingabe bemerkt, sei das hauptsächlich,
auf die vertragsmäßigen Sonderzüge nach dem Auslande zurück-
zuführen , deren regelmäßige Beladung auch in der Verkehrs-
stockung im vorigen Winter ihres Wissens die Eisenbahn-
behörden verlangt hätten). 3. Ebenso ist die Behauptung
tatsächlich zutreffend, daß an vielen Absatzorten des Aus-
landes rheinisch-westfälische Kohlen billiger verkauft worden
sind als im Inlande. Wenn der Vorstand in der Eingabe vom
18. Juli d. J. die Berechtigung zu diesem Verfahren aus der Not-
wendigkeit ableitet, den Preis der Kohlen in ausländischen
Absatzgebieten nach den Konkurrenzpreisen dieser zu gestalten
wenn Wohlderselbe glaubt, darauf aufmerksam machen zu
müssen, daß es . jeder Industrie und jedem einzelnen Gewerbe-
treibenden freistehe, seine Preise für das Ausland und für das
Inland beliebig zu gestalten, daß auch die Kohlenindustrie
sich jederzeit diese Freiheit Vorbehalten müsse, so lange
sie Gegenstand privater geschäftlicher Unter-
nehmungen ist, so will ich dieser Auffassung an sich
die Berechtigung nicht absprechen. Anderseits muß ich aber
für die Staatsregierung das Recht und die Pflicht in Anspruch
nehmen, durch die ihr zur Verfügung stehenden Mittel für
Hebung und Förderung der einheimischen Gewerbetätigkeit
und jedes ihrer einzelnen Zweige zu sorgen und dieselbe vor
Gefährdung ihrer Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit nach
Möglichkeit zu bewahren. In Anerkennung dieser Pflicht hat
unter anderm die Staatsregierung auf Andrängen der Kohlen-
industrie Maßnahmen zugunsten ihrer Absatzverhältnisse und
der Preisgestaltung ihrer Produkte zur Einführung gebracht.
Die Anführung des Vorstandes, daß eine Einwirkung auf dm
Industrie hinsichtlich der Preisgestaltung von seiten der König-
lichen Staatsregierung bisher noch nicht versucht worden ist,-
        <pb n="137" />
        ﻿122

Die Verstaatlichung der Bergwerke.

kann daher nicht als zutreffend anerkannt werden, und dem-
gemäß wird der Staatsregierung auch die Befugnis nicht be-
stritten werden können, zu erwägen, ob bei veränderten Ver-
hältnissen die gewährten Vergünstigungen nicht zu einer un-
verhältnismäßigen Schädigung anderer Industriezweige führen. “ —•

Zur Befreiung von Grundrente, Zins und Unternehmer-
profit, den drei eng miteinander verbundenen Ursachen
der sozialen Not, wird die Verstaatlichung der Bergwerke
•den ersten offenkundigen Schritt bedeuten.
        <pb n="138" />
        ﻿IV.

Die Wohnungsfrage.

1895.

aß in sozialen Zuständen, in welchen durch die

U wirtschaftliche Entwicklung die Menschheit in eine
kleine Gruppe Reicher und in eine große Masse Ver-
armter getrennt ist, auch die Wohnungsverhältnisse
nicht gerade befriedigende sein können, leuchtet ohne
weitere Untersuchung von selbst ein. Denn die Wohnungs-
frage bildet notwendigerweise einen mit allen sozialen
Mißständen eng verbundenen Teil; sie erscheint in trübem
Lichte bei allgemeiner Armut; sie hat ein freundliches An-
gesicht, wenn das allgemeine wirtschaftliche Niveau sich
hebt. Solche Zeiten haben im Laufe der Geschichte des
öfteren miteinander abgewechselt, immer ist der Geburts-
epoche einer neuen, besseren Zeit ein Ringen und Streben
der unterdrückten Volksmassen vorausgegangen. Stets
finden wir in solchen Zeitläufen die Erscheinung einer
Wohnungsfrage. So auch in unseren Tagen. Neben all
dem Elend, das sich unseren Augen auftut, bemerken wir
zugleich freudigen Sinnes, daß überall ehrliche Herzen sich
■öffnen, mit Rat und Tat beizuspringen, Wege zu finden,
das Elend zu mildern und zu beseitigen. Manche freilich
von denen, die sich mit der Linderung der Wohnungsnot
befassen, tun es nur aus dem Grunde, weil die Berührung
der Wohnungsfrage die Erörterung fundamentaler Fragen
des gesamten Wirtschaftslebens nicht notwendig zur Folge
hat. Es ist ja ein anderes, über die elenden Wohnungen
städtischer Arbeiter zu jammern und auf die grausame
        <pb n="139" />
        ﻿124

Die Wohnungsfrage.

Ausbeutung durch Boden- und Bauspekulanten zu schimpfen,,
ein anderes, sich auf Kosten der Bevölkerung durch Zölle
usw. zu bereichern. Die Wohnungsfrage ist ganz besonders'
ein Steckenpferd der Agrarier, soweit es sich um städtische
Wohnungszustände handelt; sie werden nicht müde, hier
höchstes Mitleid zu äußern, und die abenteuerlichsten Ideen,.
von denen hernach noch die Bede sein soll, vorzubringen,,
während sie die eigenen Landarbeiter meist in Behausungen,
die den Zorn aller Beobachter erregen, verkommen lassen.
Uns aber mag die Tatsache, daß auch diese Herren Be-
sorgnis äußern, beweisen, wie besonders akut die WohnungS'
frage in unseren Tagen geworden ist.

Wenn wir auch nicht darüber im Zweifel sind, daß sogar'
die Mittelklassen in die Wohnungsfrage hineingezogen sind,
so tritt uns die Wohnungsnot doch im wesentlichen in
den ärmeren Teilen der Bevölkerung entgegen. Diese be-
dauernswürdigen Menschen sind unfähig, die hohen Mieten,-
welche die Bauspekulanten resp. Hausbesitzer von ihnen für
eine gesunde Wohnung fordern, zu zahlen, und müssen dabei
in großen Städten oft Räume nehmen, welche für den Aufent-
halt eines Tieres zu schlecht sind. Im Durchschnitt kann
es der Lohnarbeiter selten auf drei Wohnräume bringen, und
das ist doch das allermindeste Maß, w^as gefordert werden
muß, da ein Familienleben in zwei Stuben, geschweige einer
Stube nicht denkbar ist. Aber es gibt noch Städte, welche
gestatten, daß menschliche Wesen in Kellerwohnungen
hausen und unter Verhältnissen, welche allen gesitteten Zu-
ständen Hohn sprechen.

So meldet ein Bericht aus Breslau: „Die Kellerwohnungen-
leiden noch besonders unter den eigentümlichen Boden- und
Grundwasserverhältnissen, da die innere Stadt und die Vorstadt
des rechten Oderufers auf porösem Alluvium stehen; in den süd-
lichen Gebieten lagern dicht unter der Humusdecke undurch-
lässige Letteschichten, welche sich, der Gestaltung der Ober-
fläche folgend, von Süden nach Norden allmählich senken. Die
atmosphärischen Niederschläge, unfähig, in das tiefere Erdreich
        <pb n="140" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

125

einzudringen, oder zu verdunsten, stagnieren daher und sickern
unterirdisch nach Norden hinunter bis in den Stadtgraben. In
diesem Terrain steht das Grundwasser unter der Herrschaft der
Oder und überflutet bei jedem Hochwasser die Kellersohlen der
•Oder- und Sandvorstadt.“

Auch die Dachstuben sind, wenn auch nicht so gefährlich
wie Kellerwohnungen, doch völlig ungenügend wegen des
. Mangels an Licht. In ihnen muß ein nicht unbeträchtlicher
Bruchteil der Bevölkerung aus Armut sein Leben ohne
Luft und Licht verbringen. Aber, obschon die arbeitenden
Massen so schlecht wohnen, müssen sie doch einen ganz
bedeutenden Teil ihres Einkommens für die Miete hin-
geben, ganz bedeutend mehr als die besser Situierten.
Interessant ist eine Aufzeichnung Schwabes über das Ver-
hältnis von Miete und Einkommen in verschiedenen
Schichten der Bevölkerung. Es betrug bei einem Ein-
kommen

von 900 Mk. die Miete 24,10 °/o des Einkommens.

77	1500 „	77	77	22,41	77	77	77
5)	2 250 „	»	77	20,—	77	77	7?
77	3 000 „	7?	77	27,50	77	77	77
75	4 500 „	7?	7?	23,39	77	77	77
77	6 000 „	If	&gt;7	20,56	77	77	77
77	7 500 „	»	77	18,87	77	77	77
77	10 500 „	77	77	16,25	77	77	77
77	12000 „	77	7?	15,12	77	77	77
77	13500 „	75	77	14 —	77	7?	77
77	15 000 „	77	77	13,47	77	7?	77
77	22 500 „	77	77	10,77	7?	77	77
77	30 000 „	7?	77	9,20	77	77	7?

Kein Wunder ist es, daß die Seßhaftigkeit der Bevölkerung
in Anbetracht der schlechten Wohnungen und der Erpressung
seitens der Hausbesitzer, mehr und mehr verschwindet, daß
die Mieter leichten Herzens die Wohnungen verlassen, um
neue zu suchen. Sie leben der trügerischen Hoffnung, an
neuen Orten zu finden, was sie an den alten vermissen.
So hat man statistisch nachgewiesen, daß für die Mehrzahl
■ der Wohnungen die Bezugsdauer nur ein Jahr währt. Daß
        <pb n="141" />
        ﻿126

Die Wohnungsfrage.

sich bei solchen traurigen Zuständen viele Mißstände ein-
stellen müssen, ist natürlich und einleuchtend. Vor allem
leidet die Gesundheit der Familien, wenn sie gezwungen
sind, mit zwei Stuben auszukommen, wie uns eine Sterb-
lichkeitsziffer aus Pest zeigt. Die diesbezüglichen Be-
obachtungen erstrecken sich auf die Jahre 1872—75 und
auf 455755 Menschen. Zur näheren Beurteilung wurden
die Wohnungen in vier Klassen unterschieden:

1. Klasse mit höchstens 2 Bewohnern pro Zimmer.

2.

3.

4.



über 10



5)

Die Beobachtungen haben folgende Resultate über das
d urchschnittliche L eb en salter geliefert (jedoch unter Aus Schluß
der Kindersterblichkeit, d. h. aller derjenigen Verstorbenen,
die nur ein Alter von 5 Jahren und darunter erreicht,
haben): 1. Klasse hatte eine Lebensdauer von 47,16 Jahren,
2. Klasse von 39,50 Jahren, 3. Klasse von 37,10 Jahren,
4. Klasse von 32,03 Jahren. Das durchschnittliche Lebens-
alter der die Hauptbevölkerung bildenden ärmeren Klassen
betrug 39 Jahre, das durchschnittliche Lebensalter der in
den Kellerwohnungen Verstorbenen 37,15 Jahre. In den
Wohnungen der Armen sind die Herde, von denen die an-
steckenden Krankheiten wie Masern, Scharlach, Typhus usw.
ihren mörderischen Zug durch die Bevölkerung immer von
neuem beginnen, da an eine Ausrottung der die Erkrankung
erzeugenden Pilze unter solchen Umständen nicht gedacht
werden kann. Die Solidarität des Menschengeschlechtes aber
rächt auch hier jede Verletzung natürlicher und sittlicher Ge-
setze: die Reichen sind — auch wenn sie noch so hygienisch
leben — von jenen Seucheherden stets in ihrer Gesundheit
und ihrem Leben bedroht. Natürlich erliegen auch die
Arbeiterfamilien den Seuchen mehr als die Wohlhabenden..
So starben anno 1849 in London an der Cholera
        <pb n="142" />
        ﻿Die folgende Tabelle gibt uns noch Kunde über die im
Jahre 1885 in Berlin vorhandenen Wohnungen mit keinem,,
oder zwei heizbaren Zimmern, sowie über die auf eine der-
selben fallende Einwohnerzahl.

Es kamen Bewohner auf  eine Wohnung			Wohnungen mit keinem heizbaren Zimmer	W ohnungen mit einem heizbaren Zimmer	W ohnungen mit zwei heizbaren Zimmern
je	1	Bewohner	902	14 761	2 964
	2	n	1032	30123	10 748
	3		798	32 282	14 684
	4		484	28 394	15 978
	5		246	21211	13 771
	6		126	13 323	10 562
	7		65	7 252	6 520
	8		31	3 120	3 512
	9		12	1235	1735
	10		3	395	749
	11		—	111	253
	12		—	38	110
	13			5	40
	14		r	3	5	20
	15	Bew. u. mehr	)	7	27
Summa			3 702	152 262	|	81673

Als durchaus gesundheitswidrig müssen diejenigen
Wohnungen bezeichnet werden, welche 1. kein heizbares
Zimmer, 2. ein heizbares Zimmer mit 5 Personen und dar-
über, 3. zwei heizbare Zimmer mit 7 Personen und darüber
enthalten.

Welchen Einfluß ungenügende Zahl von Wohnräumen,
in denen nicht einmal die Erwachsenen nach Geschlechtern
getrennt sind, auf die Moral der Bevölkerung haben müssen,
liegt klar zu Tage und ist unendlich oft Gegenstand der
Untersuchung von Volksfreunden, Nationalökonomen und
Schriftstellern gewesen. Von einem behaglichen, erquickenden
Familienleben kann schon in einer Wohnung von zwei
Räumen, wie sie unsere Arbeiter im Durchschnitt besitzen,
        <pb n="143" />
        ﻿128	Die Wohnungsfrage.

keine Rede sein. Auf die Dauer fühlt sich kein Familien-
mitglied in den notwendig dunstigen Räumen, und sei die
Familie auch noch so klein, wohl. Ein Zimmer muß Wohn-
raum, Küche, Kinderstube und Trockenspeicher zu gleicher
Zeit sein! Wer wagt es, einen Stein auf den Familienvater
zu werfen, den es abends in die Wirtshäuser treibt, um
dort den durch zu lange Arbeit und Entbehrungen ermüdeten
Körper durch Alkohol zu betäuben , dort die Erholung zu
suchen, die ihm sein Heim gewähren sollte! Wo aber der
Vater nicht seinen Kindern nahe ist, wo die Frau kein
Interesse an Sauberkeit, Sparsamkeit findet, da lösen sich
die Familienbande, die Zucht der Kinder wird immer
lockerer. Fast alle Klagen, welche über die zunehmende
Verwilderung der Jugend geführt werden, haben ihren
Grund in dem Mangel eines trauten Familienlebens, das
Beispiel des Guten und Schönen fehlt den Kindern. Das
Familienleben hat aber neben anderen eine geräumige,
saubere Wohnstätte zur Vorbedingung! —

Wenn wir die Wohnungsfrage als einen integrierenden
Teil der sozialen Frage unserer Zeit auffassen, so versteht
sich, daß wir bei Erforschung der Ursachen auf alle die
Faktoren Rücksicht nehmen müssen, die auf die Lebens-
haltung des Volkes überhaupt Einfluß haben. Es ist, kurz
gesagt, die heutige Wohnungsnot eine notwendige Konsequenz
des kapitalistischen Systems, das unserer Zeit bis heute
seinen Stempel aufgedrückt hat, der schrankenlosen Aus-
beutung der Schwachen durch den Starken resp. Pfiffigen.
Gleichsam die letzte Stufe der niederträchtigsten Ausbeutung,
schließt sie unsäglich viel Jammer und Elend in sich ein,
daß der Menschenfreund von Mitleid und Grauen erfaßt
wird. Und wohl unter dem Eindrücke, welchen der Anblick
des verödeten Familienlebens unserer Armen auf sie ge-
macht, hat die amerikanische Dichterin Mrs. Browning die
folgenden ergreifenden Worte gesprochen:
        <pb n="144" />
        ﻿Die "Wohnungsfrage.

129

„Hört ihr, Brüder, nicht die Kinder weinen,

Eh’ die Zeit der Sorgen ist erfüllt?

An die Mutter lehnen sich die Kleinen,

Die der Tränen Lauf nicht stillt.

Die jungen Lämmer blöken auf den Matten,

Die jungen Vögel zwitschern in dem Nest;

Die jungen Kehe spielen in dem Schatten,

Die Blümlein blüh’n, gekost vom "West;

Doch der jungen Kinder Frohsinn, Brüder,

Ist allein verbannt!

Sie nur weinen in der Zeit der Lieder
In der Freiheit Land ! “

Hier ist das Feld, wo die wahnwitzige Gier nach Gold
schamlos und ohne Erbarmen den verarmten Menschen die
letzten Heller für ein Obdach auszupressen sucht, sicher,
daß die Armen nicht mehr entrinnen können. Denn wohin
anders als in die Stadt könnten diese noch wandern, nach-
dem der Hunger sie von dem Ackerlande vertrieben! Über
den Ozean in fremde Länder sind freilich ungezählte ge-
zogen, aber nicht alle hatten dazu Lust, nachdem es ihnen
verwehrt, auf dem platten Lande als Bauern und Tage-
löhner ihr Brot zu erwerben. Das Vaterland hat keinen
Raum mehr für seine Kinder, es läßt sie darben, wo für
alle genug ist. Sind nicht auch heute die Worte zutreffend,
welche der mutige Volkstribun Tiberius Gracchus den
Plebejern zurief: „Männer Roms, ihr werdet die Herren
der Welt genannt, und doch habt Ihr kein Recht auf einen
Fuß breit ihres Bodens! Die wilden Tiere haben ihre
Höhlen, aber die Krieger Italiens nur Wasser und Luft.“

Zur großen Stadt treibt hypothekarische Verschulduug
und Arbeitslosigkeit Bauern und Tagelöhner, und mit der
relativen Entvölkerung des platten Landes steht das krank-
hafte Anwachsen der Städte in direktem Zusammenhänge.
Die Zunahme des Großgrundbesitzes und der hypothekarischen
Verschuldung haben einen unheilvollen Wandertrieb in die
ländliche Bevölkerung gebracht.

Von großem Interesse ist ein Vergleich zwischen der

Wehberg, Die Bodenreform. .	9
        <pb n="145" />
        ﻿f;

Einwohnerzahl der größeren Städte von jetzt und einst, denn
es ist wunderbar, welche Steigerung in der Einwohnerzahl
gerade seit 1820 die größeren Städte erfahren haben. Nach-
stehend sind die 26 Wasserköpfe Deutschlands aufgeführt,
welche nach der letzten Zählung 1890 über 100 000 Ein-
wohner haben; daneben ist die Einwohnerzahl derselben
Städte gestellt, wie sie Cannabich in seinem viel benutzten
Lehrbuch der Geographie (12. Aufi. 1829) angibt. Cannabich
gründet seine Angaben vielfach auf das Jahr 1821. Freilich
mögen wohl auch die Zählungen anderer Jahre mit unterlaufen,
aber immerhin erlangen wir auch danach noch ein zutreffendes
Bild über die Vermehrung der Städtebevölkerung.



Namen	Ein wohnerzahl  vor ca. j	iQqn  70 Jahren j	1Ö9U	
1. Berlin		220 277	1579 244
2. Leipzig		37 919	353 272
3. München		66 125	344 898
4. Breslau		82 282	335 710
5. Hamburg		111700	323 729
6. Köln		62 479	281 273
7. Dresden		51000	276 085
8. Magdeburg		38 531	202 325
9. Erankfurt a. M		43 000	179 850
10. Hannover			27 483	165 499
11. Königsberg		62 469	161 525
12. Düsseldorf		16 300	144 682
18. Altona	'		25 000	143 249
14. Nürnberg		39 537	142 404
15. Stuttgart		32 000	139 000
16. Chemnitz		19 000	138 855
17. Elberfeld		26 515	125 830
18. Bremen		37 700	124 940
19. Straßburg		49 700	123 566
20. Danzig		55 395	120 459
21. Barmen		19 566	116 248
22. Stettin		27 549	116 239
23. Krefeld		15 690	105 371
24. Aachen		35 428	103 491
25. Halle a. d. S		23 688	101401
26. Braunschweig		34 300	101 115

Unter dem kapitalistischen System sind es im wesentlichen
drei Faktoren, welche einzelnen Mächtigen die Aneignung
        <pb n="146" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

131

fremder Arbeit ermöglichen. Grundrente, Zins und
Unternehmerprofit nehmen den Löwenanteil der Pro-
duktion für sich in Anspruch und überlassen davon der
schaffenden, geistigen und körperlichen Arbeit nur einen
winzigen Rest. Von diesen werden wir bei Besprechung
der Wohnungsfrage vor allem die Grundrente und den
Zins hervorheben. Vom Lande kann die Bevölkerung noch
abziehen, sie kann den Steigerungen des Pachtzinses usw. ent-
gehen, aber einmal in der Stadt können die Menschen weder
vorwärts noch rückwärts, hier müssen sie stillhalten und
zahlen. Besonders groß ist aber die Erpressung, wenn,
wie es neuerdings vielfach geschieht, Aftermieter ganze
Häuser pachten, um sich durch Vermieten einen Lebens-
unterhalt zu verschaffen. Solche Wohnungen sind auch
die schmutzigsten und teuersten, zumal an Reparaturen
kaum gedacht wird. Ist das Haus gründlich abgenutzt, so
findet sich immer noch ein feiner Käufer, der es fertig
bringt, sein Schäfchen ins trockene zu bringen und die
bitterste Armut auszusaugen. Das Wohnhaus, die Stätte,
welche unsem Kindern die ersten und bleibenden Eindrücke
gibt, ist zum Spekulations-, zum Wucherobjekt geworden —
ein unwürdiger und unerträglicher Zustand!

Am meisten gewinnen in solchen vom Strome der Ein-
wanderung bevorzugten Städten die Eigentümer von.Grund
und Boden, und es ist für jemanden, dem dieser Gang
unbekannt ist, schier unglaublich, welche Preise für ein
Fleckchen Erde erzielt werden. Dürre Sandlöcher selbst,
welche man vor einigen Jahrzehnten fast geschenkt erhalten
konnte, bringen ihren Besitzern ungeheure Summen ein,
ohne daß diese auch nur einen Finger zu rühren brauchen.

Eine ungeahnte Bautätigkeit entwickelt sich in den
Städten, nicht allein der Bodenspekulant schwimmt in
Wonne, auch die Handwerker und Kaufleute sehen den

Himmel voller Geigen. Da das Kapital von den Kapitalisten

9*
        <pb n="147" />
        ﻿132

Die Wohnungsfrage.

anscheinend in selbstloser Weise zur Verfügung gestellt
wurde, so hofften alle Beteiligten — natürlich mit Ausnahme
der Mieter —, ein gutes Stück zu verdienen. Alle leben
der Hoffnung, daß der Zustand der Dinge immer so bleiben
werde. Ferner, da es einigen Unternehmern geglückt ist,
sich binnen kurzem durch Spekulation in Grund und Boden
zu bereichern, so finden sich Leute genug, die jenen nach-
eifern. Die Bodenpreise müssen ja unzweifelhaft in alle
Zukunft steigen, man hegt daher kein Bedenken, die ge-
forderten höchsten Preise zu zahlen resp. gegen Hypothek
zu übernehmen. Die Mieter werden ja die Zinsen und
Amortisation des Kapitales in wenigen Jahren zahlen müssen,
zumal man ja schon bei Erbauung der Häuser durch Ver-
wendung schlechten Materials möglichst sparen kann. Man
baut ja doch keine Wohnungen für Menschen, man baut
nur Spekulationsobjekte, um Geld zu verdienen und schnell
reich zu werden. Aber diese braven Leute bedenken nicht,
daß auch unter der kapitalistischen Ordnung die Bäume
nicht in den Himmel wachsen, daß sich jede Verletzung
der Gerechtigkeit unabwendbar rächen muß! Eine dem
kapitalistischen Systeme eigentümliche Erscheinung ist das
beständige Auf- und Niederschwanken der Produktion resp.
der Erwerbsverhältnisse: Auf Zeiten fieberhafter Tätigkeit
folgen Perioden, in denen die werktätige Bevölkerung
gegen ihren Willen zu verminderter Arbeitsleistung ver-
dammt ist, was natürlich eine Verminderung des Lohnes
zur Folge hat. Da das Wesen des kapitalistischen Systems
darin beruht, daß einzelne Menschen sich auf Kosten der
größeren Mehrzahl bereichern, so folgt, daß diese wenigen
Anspruch auf die Güter, welche die geistige und körper-
liche Arbeit geschaffen haben, besitzen. Soll aber der
Güterumlauf wie die neue Produktion in gesunden Bahnen
verlaufen, so müssen vor allem die bereits geschaffenen
Produkte verbraucht werden, soweit sie nicht für die
        <pb n="148" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

133

künftige Produktion gespart werden. Dies letztere geschieht
aber leider nur selten, denn die große schaffende Menge, —
zu der auch die Bauern und Handwerker zu rechnen sind —
bekommt ja nicht den vollen Ertrag der Arbeit. Es kann
nicht jedes Produkt einen Käufer finden, denn die Reichen,
welchen die Mittel, es zu kaufen, zugefallen sind, können
beim besten Willen nicht alles verzehren. Sie sind daher
gezwungen, ihr Geld sonstwie unterzubringen, um ihren
Reichtum auf die bekannte Weise zu mehren. Die schaffenden
Klassen — Arbeiter, Bauern, Handwerker und ein nicht
unbeträchtlicher Teil kleiner Unternehmer — möchten gern
kaufen, wessen sie so sehr bedürften: Wohnung, Kleidung,
Nahrung. Aber sie haben die Mittel zum Tausche in Ge-
stalt von Pacht, Zins und Unternehmerprofit abgeben
müssen. So haben wir einen Zustand, der uns allen als
ein höchst betrübender bekannt, und der fälschlich mit dem
Namen „Überproduktion“ bezeichnet worden ist. Denn in
Wahrheit muß er „Unterkonsumtion“ heißen, da er allein
aus der Unfähigkeit der geistigen und körperlichen Arbeiter
entsteht, die vorhandenen Vorräte zu verzehren. Sie mußten
ihre Ansprüche an die Produkte infolge der wirtschaft-
lichen und rechtlichen Entwicklung den Mächtigen abtreten.
Es erfolgte ein Einschränkung der Gütererzeugung so lange,
bis die gehäuften Vorräte entweder gekauft oder verdorben
sind, wozu, wie uns die Tatsachen gelehrt haben, ungefähr
13 Jahre nötig sind. In allen Berufen sinken die Löhne
infolge der Verminderung der Arbeitsgelegenheit; die Lebens-
haltung, besonders der Lohnarbeiter, verschlechtert sich.
Jedermann schränkt sich ein, und nicht zuletzt in seinen
Wohnungsverhältnissen: Arbeiter, welche drei Stuben hatten,
nehmen zwei, ja ärmere gehen auf eine zurück; Beamte,
Gelehrte, Kaufleute, Handwerker richten sich, zumal bei
teuren Lebensmittelpreisen, auf wenige Räume ein. Lang-
sam tritt auch ein Krach in der Bauspekulation ein, herbei-
        <pb n="149" />
        ﻿134

Die Wohnungsfrage.

geführt durch leerstehende Räume, welche keine Miete ein-
bringen. Dazu kommt noch, daß eine große Anzahl von
Mietern gar nicht in der Lage ist, den Zahlungsverpflichtungen
nachzukommen. Die natürliche Folge ist ein Rückgang
der Mietpreise und im Anschluß daran der Bankerott vieler
Spekulanten. Die Zusammenbrüche bringen für unsere
Handwerker verheerenden Verlust. Das ist der Zeitpunkt,
wo die großen Geldmänner ihre Säcke füllen und hohn-
lachend die fertigen Häuser zu Spottpreisen an sich bringen.
Die verfluchte Gier nach Gold hat diese Menschen er-
griffen und erstickt alle edlen menschlichen Regungen in
ihren Herzen. Ja, nicht allein sogenannte dunkle Existenzen
treiben ihr ausbeuterisches Handwerk, vielmehr sehen wir
Männer unter ihnen, denen ihre öffentliche Stellung es nicht
gestatten sollte, Boden- oder Bauspekulanten zu sein. In
welche Gemeinden wir auch schauen, gleichviel welches
Glaubensbekenntnis wir in Betracht ziehen, wir gewahren,
daß Mitglieder von Kirchenvorständen oft eifrige Boden-
und Häuserwucherer sind. Was können den Geistlichen
die Klagen über die zunehmende Lauheit in kirchlichen
Dingen helfen, wenn sie nicht energisch Front gegen solche
Leute machen, die mehr als andere hervorheben, Christi
Diener und Jünger zu sein, und doch Lust an der Aus-
beutung ihrer Brüder finden! Christus aber selbst, welchen
sie als Stifter ihrer Kirchen vorgeben, hat diese Pflicht-
vergessenen ernsthaft ermahnt mit den Worten: „Wehe dem,
der sich mästet von dem Schweiße seines Bruders!"

Aber nicht immer sind die Herren Kapitalisten mit dem
Erlöse aus der Grundspekulation zufrieden, sie suchen noch
andere Wege, sich auf Kosten ihrer Nebenmenschen zu be-
reichern. Einer dieser Wege ist der, die Bauhandwerker
und Lieferanten bzw. Arbeiter um die Früchte ihres Fleißes
zu bringen. Zu diesem Zwecke mieten sie einen ebenso
gewissenlosen Menschen, der sich als Bauherr bezeichnet,
        <pb n="150" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

135

in Wahrheit aber nichts besitzt, und verkaufen diesem auf
dem Wege des Rechtes einen Baugrund. Da es dem Bau-
herrn auf die Höhe der Summen gar nicht ankommt, weil er
nichts zu verlieren hat, so zahlt er in Gedanken und dann auf
dem Vertragspapiere eine sehr viel höhere Summe, als ein
reeller Unternehmer tun würde. Diese Kaufsumme, die
also einen schon künstlich geschwindelten Bodenpreis dar-
stellt, wird hypothekarisch eingetragen. Das eigentliche
Baugeld gibt entweder derselbe Kapitalist oder ein anderer.
Natürlich wird niemand, der die Verhältnisse kernt, zumal
bei den künstlich emporgetriebenen Grundwerten, die außer-
dem noch der Konjunktur unterliegen, soviel Geld zum
Bauen auf das Haus geben, daß damit der letzte Nagel
bezahlt werden kann. Da aber der Bauherr in den meisten
Bällen mittellos ist, so müssen von vornherein die Bau-
handwerker darauf gefaßt sein, betrogen zu werden. Es
gibt da verschiedene Möglichkeiten: 1. Bei steigender, guter
Konjunktur kann der sogenannte Bauherr gut verkaufen
und seine Lieferanten, Handwerker bezahlen, oder er über-
nimmt neue Bauten und stopft mit dem erhaltenen neuen
Gelde die alten Schulden zu. 2. Bei sinkender Konjunktur
ist nicht allein die Arbeit der Handwerker usw. verloren,
ja es fallen oft zweite Hypotheken aus. 3. Der gute Bau-
herr lebt herrlich und in Freuden, verpraßt einen Teil des
Geldes und schädigt die anderen um so mehr.

So ist es natürlich, daß es oft zur Zwangsversteigerung
kommen muß, bei der diejenigen hineinfallen, welche keine
gute hypothekarische Sicherheit haben. Gewonnen hat
aber sicher der, welcher den Boden zu enormen Preisen
abgab, und man kann ruhig sagen, daß die meisten Boden-
wucherer es darauf anlegen, die Handwerker systematisch
auszurauben.

Wie sehr die Subhastationen unter dieser Betrugswirtschaft
gang und gäbe sind, zeigenfolgende Zahlen: in Hamburg wurden
        <pb n="151" />
        ﻿136

Die Wohnungsfrage.

subhastiert 1890: 154, 1891: 240 Neubauten, und bei den
letzteren 240 Zwangsversteigerungen fielen vier Millionen
Mark bei einer Belastung von nur 21 Vs Million Mark aus!.
In Berlin waren:

1890 Neubauten 535, Subhastationen 133,

1891	n	442,		242,
1892		333,	n	356,
1893		296,	Y)	371.

Von welcher Qualität diese genannten Bauherrn oft sind,,
zeigt uns ein Nachweis aus Berlin. Dort unterschlugen 29
Prozent dieser Bauherrn im Jahre 1891 Krankenkassengelder
ihrer Arbeiter im Betrage von 19000 Mark. Daß dabei die
Handwerker oft das Rechtsgefühl verlieren und sich rechts-
widrig ihre Arbeiten aus den Neubauten wieder holen, ist
ja bekannt, aber es ist auch bemerkenswert, daß die Sympathie
des Publikums auf ihrer Seite steht. Wie wahnwitzig
übrigens die Bodenpreise in den Städten gestiegen sind,,
wie dabei die Ausbeutung aller Volkskreise durch die hab-
gierigen Kapitalistenringe zugenommen hat, sehen wir daran,,
daß in den letzten acht Jahren die hypothekarische Belastung,
in den Städten um weitere fünf Milliarden Mark angewachsen
ist. Wo aber anders her als aus dem Schweiße des Volkes
müssen die Zinsen in Form der Mieten aufgebracht werden?

Einen neuen „Trik“ der Bauschwindler schildert das-
„Berl. Korr.-Bureau.“ Es behauptet nämlich folgendes:

„Darlehnssuchern, welche durch Anzeigen Geld zu erhalten
wünschen, gehen in der letzten Zeit häufig Anerbietungen zu,,
daß sie gegen 6 v. H. Zinsen das gewünschte Darlehen er-
halten können, wenn sie eine Wohnung in einem, dem Geld-
geber gehörigen Hause mieten würden. Ist der Darlehns-
sucher , über den die vorher eingezogene Erkundigung natür-
lich einigermaßen günstig lauten muß, bereit, diese Bedingung
zu erfüllen, so muß er bei hochgeschraubter Miete einen
meist fünfjährigen Vertrag unterzeichnen. Auf diese Weise wird
so manches schlecht gebaute und unbezahlte Haus in kurzer
Zeit bevölkert. Nun werden alle Hebel in Bewegung gesetzt,
um das Haus zu verkaufen. Aus den Mietsverträgen ergibt
sich ziffermäßig ein hübscher Überschuß, und bald ist für
        <pb n="152" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

137

die anscheinend günstige Kapitalsanlage ein zahlungsfähiger
Käufer gefunden, an den das Haus mit großem Nutzen ver-
kauft wird.“

Längerer Zeit des Niederganges folgt dann wieder ein
Aufschwung der Gewerbstätigkeit; die aufgehäuften Produkte
sind allmählich verschwunden; sogenanntes neues Vertrauen
kehrt in die werktätigen Kreise zurück; der Tanz um das
goldene Kalb beginnt von neuem. So lange der' Druck
auf der Landwirtschaft lastet, die Großgrundbesitzungen
und Hypotheken wachsen, ziehen die Bauern und Tagelöhner
weiter in die Städte, die Mieten ziehen wieder an, der
Wert des städtischen Bodens steigt verhältnismäßig schneller.
Dreimal haben wir im Laufe der letzten 36 Jahre den Auf-
schwung mit dem Niedergang abwechseln sehen, immer
schärfer wurden die Krisen, immer ärmer das Volk, immer
höher stiegen die städtischen Mieten und Hypotheken-
belastungen.

Es ist heute wieder jener Zustand der Gesetze eingetreten,,
von dem Goethe den Mephistopheles so treffend sagen läßt:

Es erben sich Gesetz und Rechte
Wie eine ewige Krankheit fort!

Sie schleppen von Geschlecht sich zu Geschlechte
Und rücken sacht von Ort zu Ort!

Vernunft wird Unsinn, Wohltat — Plage,

Weh’ dir, daß du ein Enkel bist!

Vom Rechte, das mit uns geboren ist,

Von dem ist leider nie die Frage!

Es sei gestattet, eine Tabelle anzufügen, welche die
enormen Preissteigerungen in Berlin, wie solche von dem
Jahre 1868 bis 1877 vor sich gegangen, darlegt. Im Durch-
schnitt ist ein Emporschnellen der Mieten um 70 Prozent
zu verzeichnen:

Die Konzentration der großen Kapitalien nimmt immer
zu und mit ihr eine unerhört zu nennende Sucht der Haus-
besitzer, die Mieten zu steigern, weil nichts angenehmer ist
als arbeitsloses Einkommen auf Kosten der Arbeit. Es ist
        <pb n="153" />
        ﻿138

Die Wohnungsfrage.

Stadtteil	Mietsertrag		Steigerung
	1868	1877	zirka
	M	Jt,	°/o
I. Alt Berlin.  Spandauerstraße	  Königstraße		334 365 37.5 438	470 494 564 061	47  50
II. Alt Kölln.  Briiderstaße	  Breitestraße		228 840 161 703	344078 234 714	50  45
III. Friedrichswerder.  Hausvogteiplatz		113 325	169 267	49
IV. Dorotheenstadt.  Unter den Linden .... Dorotheenstraße		552 158 364 393	813 231 556 345	47  53
V. Friedrichsstadt.  Zimmerstraße		282 687	455 652	61
VI. Friedrichsvorstadt.  Köthenerstraße 		177 657	276 074	55
VII. SchönebergerVorstadt. Steglitzerstraße		103 116	186 815	81
VIII. Tempelhofer Vorstadt. Belle-Alliancestraße. . . . Notizstraße		157 827 58482	298 747 120 894	89  106
IX. Louisenstadt.  Alexandrinenstraße .... Kommandantenstraße . .	479 974 336 969	794379  618405	65  68
X. Neu-Kölln.  Wallstraße		485 222	714483	47
XI. Stralauer Viertel.  Blumenstraße		185 241	315 850	70
XII. Königs Viertel.  Landsbergerstraße ....	227 385	352 636	55
XIII. Spandauer Viertel.  Oranienburger Straße . .	204 192	305 410	49
XIV. Rosentaler Vorstadt.  Brunnenstraße		72 475	115 216	59
XV. Oranienburger Vorstadt.  Invalidenstraße	  Ackerstraße		227 595 88 929	371 948 156 170	63  75
XVI. Friedrich-Wilhelmstadt.  Louisenstraße	  Karlstraße		239 193 146 001	364 766 233 551	52  59
XVII. Moabit.  Turmstraße		23 429	54 330	62
XVIII. Wedding.  Möllerstraße		70 496	125 653	78
        <pb n="154" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

139

hier ein furchtbarer Kampf aller gegen alle entbrannt;
jede Rücksicht selbst auf Freundschaft und Nachbarschaft
ist entschwunden; Mammon gilt bei jenen Menschen alles.
Und so hoffnungslos hat die Ausgesogenen vielfach die
üble Lage ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse gemacht, daß
eine große Anzahl nur noch Heil und Rettung in dem
Programme des Kommunismus, wie ihn die Sozialdemokratie
vertritt, erblicken kann.

Man hat sich nun bei dem Gedanken an die Besserung
der Wohnungsverhältnisse selten von der Einsicht leiten
lassen, daß die Wohnungsnot nur ein Teil der sozialen
Frage ist, sondern hat gehandelt, als sei sie eine Frage für
sich. Wir sehen das bei allen gesetzgeberischen Versuchen,
welche besonders in England und Frankreich in dieser
Hinsicht gemacht sind; wir können es auch bei den Be-
mühungen der Privaten bemerken. Niemals hat man bis
vor kurzem darauf Rücksicht genommen, daß die schlechten
Wohnungszustände zum großen Teile durch den krank-
haften Zug der ländlichen Bevölkerung nach den Städten
eintreten; man hat nicht versucht, diesen Strom zurück-
.zuhalten. Daher leuchtet es von selbst ein, daß das Er-
bauen von einigen Häusern gar keine Bedeutung haben
kann, vor allem aber dann nicht, wenn man sich darauf
beschränkt, im wesentlichen alte Spelunken abzureißen und
an deren Stelle neue Häuser zu setzen.

Englands Gesetzgebung hat sich schon in den 20er
Jahren dieses Jahrhunderts mit der Besserung der Wohnungs-
verhältnisse, zumal der arbeitenden Klasse, beschäftigt, aber
alle Bemühungen nach dieser Richtung sind nur ein Tropfen
auf einen heißen Stein gewesen. Das Wohnungselend in
den englischen Städten, zumal in London ist ein sehr großes.

Ehe wir auf die eigentliche Arbeiter-Wohnungs-Gesetz-
gebung eingehen, wollen wir erwähnen, daß den Behörden
schon längst eine Reihe gesetzlicher Befugnisse gegen grobe
        <pb n="155" />
        ﻿140

Die Wohnungsfrage.

Mißstände im Wohnungswesen zustanden. Häuser, Gruben,
Gossen, Flüsse, Aborte, Senkgruben, Ställe und Fabriken
unterlagen der Aufsicht der zuständigen Behörden. Ja,
diese Behörden waren verpflichtet, von Zeit zu Zeit den
Distrikt zu inspizieren, um sich zu versichern, was für
"Übelstände, deren Beseitigung das Gesetz verlangte, be-
ständen, und solche nach Anleitung ihrer Befugnisse zu be-
seitigen. Man hatte strenge Paragraphen gegen etwaige
Überfüllung; und die Schließung eines mit Menschen über-
füllten Hauses war gestattet. Aber die schönen Gesetze
standen auf dem Papier; sie auszuführen, daran dachte
niemand. Die Mitglieder der Lokalbehörde, welche aus
allgemeinen Wahlen hervorgingen, waren zum Teil unfähig,
zum größten Teil aber an der Erhaltung des alten Zustandes
zu sehr interessiert. In einer sehr scharfen Weise, welche-
auch für andere Länder und Städte Anwendung finden
mag, geißelt der Handelsminister diese famosen Bürger-
vertretungen. Er schreibt in einem Artikel folgendes:

„In London, wo das Übel am größten ist, steht der Mangel
einer wirksamen und wahrhaft repräsentativen Gewalt der oberen
Behörden der Reform im Wege. Die Lokalbehörden, welche
oft in der Hand von Cliquen und durch Wahlen bestellt sind,
welche kein öffentliches Interesse erregen — also Klassen-
wahlen wie bei uns — bestehen größtenteils aus Eigentümern
kleiner Häuser, von denen man nicht erwarten kann, daß sie ein.
Gesetz, das sich gegen sie selbst richtet, mit Enthusiasmus in
Kraft setzen werden. Selbst im Lande ist diese Klasse einfluß-
reich in den Stadträten, und der Druck einer unabhängigen Be-
hörde ist beinahe wesentlich, um diese Körperschaften zu ver-
anlassen, einen Kreuzzug zu unternehmen, der ihnen gewiß zahl-
reiche Widersacher bringen und ihre eigenen pekuniären.
Interessen erheblich verletzen könnte.“

So kam es, daß ein Einschreiten der Behörden erst er-
folgte, wenn durch grobe Mißstände in den Spelunken die
öffentliche Meinung erregt wurde und Abstellung verlangte.

Daß die angestellten Sanitätsbeamten keinen besonderen
Einfluß haben konnten, ist selbstverständlich. Denn sie-
        <pb n="156" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

141

"waren in ihrer Stellung wesentlich von den Lokalbehörden
abhängig, welche sich nicht allein aus Hausbesitzern, sondern
sogar aus Aftervermietern zusammen setzten. Die Inspektoren
wurden ebenso wie der zuständige Medizinalbeamte von
den Cliquen angestellt, besoldet und entlassen. Ja, es
konnte nachgewiesen werden, daß der Druck der Stadträte
auf diese Beamten so groß war, daß diese letzteren auch
dann stillschwiegen, wenn bekannt wurde, daß die Mitglieder
des Stadtrates Eigentümer der meisten Spelunken waren.
Aus diesen Gründen: 1. Wegen der Untätigkeit und faulen
Zusammensetzung des Stadtrates und 2. wegen der zu ge-
ringen Befugnis der Aufsichtsbehörden wurde eine Besserung
der Wohnungsverhältnisse nicht erreicht. Hier und da
wurde wohl eine alte Spelunke angekauft und verbessert,
aber an durchgehende Maßregeln dachte niemand; die Herren
.Stadträte schnitten sich eben nicht in das eigene Fleisch.
Dieselben Gründe, welche eine Verbesserung der Wohnungs-
zustände verhinderten, standen einer entschiedenen Durch-
führung der später erlassenen Gesetze über Arbeiterwohnungen
im Wege. Das erste Gesetz, welches seinen Namen von
dem Abgeordneten Torrens hat, sollte für Städte über
10000 Einwohner gültig sein und bestimmte: "Wenn der
Medizinalbeamte oder vier Hausbesitzer eine Eingabe über den
schlechten Zustand eines Hauses machen, so kann der Eigen-
tümer gezwungen werden, das Haus zu verändern, selbst
niederzureißen und wieder zu bebauen. Unterläßt dieser
es, so kann es die Lokalbehörde auf Kosten des Eigen-
tümers bewirken lassen. Da aber die Mehrheit der Haus-
besitzer selbst Besitzer von Spelunken waren, also ein
Interesse an der Aufrechthaltung des schlechten Zustandes
hatten, der Medizinalbeamte aber nach der Pfeife der
Herren Stadtväter tanzen mußte, so liefen platterdings keine
Beschwerden ein, die Zustände blieben beim alten.

Deshalb wurde, 10 Jahre später, 1878, eine Ergänzung

■ mm
        <pb n="157" />
        ﻿m

142	Die Wohnungsfrage.

zu dem Torrensgesetz gegeben, welches bestimmte, daß:
der Eigentümer eines Hauses, an welchem bauliche Ver-
änderungen zu machen sind, den Ankauf des Hauses durch
die Ortsbehörde verlangen kann. Die Kosten trug der
betreffende Distrikt, in dem das Haus stand. Aber da
dieser Plan den Lokalbehörden, welche aus eigennützigen
Hausbesitzern und Bodenspekulanten bestanden, Auslagen
verursachte, so unterblieb hier wiederum die Anzeige. Und
besonders machte sich auch hier der unerträgliche Druck
geltend, den die Hausbesitzer im Stadtrate auf den ab-
hängigen Medizinalbeamten ausübten. Man sieht: Demo-
kratische Prinzipien, wie das Selbstbestimmungsrecht der Ge-
meinden, sind nur dann von Wert, wenn der brutale Egoismus
und das Cliquenwesen daraus fern gehalten werden, wenn
die Vertretung wirklich eine demokratische ist.

Eine zielbewußte Politik hätte andere Wege zur Besserung
der Wohnungszustände einschlagen müssen. Sie hätte durch
eine Bodenreform, welche das platte Land wieder den
Bauern zugänglich macht, den Zuzug in die großen Städte
vermindern sollen; sie hätte ferner durch eine richtige Be-
steuerung der brachliegenden Grundstücke um die Städte
den Bodenspekulanten das Zuwarten und Verteuern des
Bodens verleiden sollen. Aber leider wurde in dieser
Dichtung bis vor kurzem kein Versuch gemacht. Statt
durch Erleichterung von Neubauten an der Peripherie der
Stadt die Spelunkenbesitzer zu zwingen, ihre Baracken
niederzureißen und selbst mit schönen Räumen bebauen zu
lassen, suchte man sich wie weiland Herr v. Münchhausen
an seinem eigenen Zopfe aus dem Sumpfe zu ziehen.

1875, 1879, 1882 wurden auf Veranlassung des Ministers
Sir Richard Croß für Städte mit mehr als 25 000 Einwohnern
in England und Schottland Gesetze erlassen. Diese gaben
den Aufsichtsbehörden die Befugnis und die Pflicht, ganze
Flächen von unsauberen Gassen und Winkeln zu säubern.
        <pb n="158" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

14a

Die Lokalbehörden haben hier geringeren Einfluß, denn
das Gesetz bestimmt: „daß kein Mitglied der Lokalbehörde,,
welches ein Vermögensinteresse, an irgendeinem Grund-
stücke der Gegend hat, eine Stimme zur Beschlußfassung
haben soll.“ Ferner will das Gesetz, daß die Lokalbehörde
das Grundstück expropriiert, dann meist wieder verkaufen
und bebauen läßt. Der Erfolg war sehr gering, fast gleich
Null, da das Gesetz es verabsäumt hatte, eine Instanz zur
Entscheidung der Streitigkeiten zwischen der Lokal- und
Zentralbehörde einzusetzen. Die ärmeren Distrikte vor-
nehmlich wollen nämlich die Anwendung der Croßgesetze,
weil die Kosten der Expropriation auf die ganze Stadt
fallen-, die oberste Baubehörde will dagegen die Last auf
die kleinen Lokalbehörden schieben. So entsteht eine lange,
fruchtlose Korrespondenz; das Resultat ist gleich Null.

Wie wenig staatliche Gesetze an sich allein geeignet
sind, die Wohnungsverliältnisse zu bessern, kann man ferner
aus der französischen Wohnungsgesetzgebung
ersehen. Auch hier springt das den Mietern entgegen-
gesetzte Interesse der Hausbesitzer in die Augen, welches
es zu segensreichen Taten nicht kommen läßt.

In Frankreich hatte zuerst die Cholera vom Jahre 1831
die Aufmerksamkeit auf den schlechten Zustand vieler
Wohnungen gerichtet, aber erst im Jahre 1850 griff die
Gesetzgebung in die drohendsten Übelstände mit ihren
Paragraphen ein. Das Gesetz vom 13. April 1850 behandelte
aber nur den ungesunden Zustand der Wohnungen, sofern
er aus der Beschaffenheit der Räume durch die Schuld der
Eigentümer oder Mieter hervorging. Ob die Wohnungen
überfüllt waren, blieb außer Frage, wie man in Frankreich
überhaupt nicht die Freiheit eines Eigentümers, der sein
Haus selbst bewohnt, beschränken wollte.

Ein ähnlicher Apparat wie in England sollte bei Durch-
führung der Wohnungsgesetze funktionieren. In jeder Ge-
        <pb n="159" />
        ﻿144

Die Wohnungsfrage.

meinde ernennt der Gemeinderat, wenn er es für nötig
erachtet, eine Kommission, die die Grundsätze einer
Wohnungshygiene festsetzt. Als ungesund sind solche
Wohnungen zu betrachten, welche Leben und Gesundheit
der Bewohner gefährden. Unter den Mitgliedern der Kom-
mission ist ein Arzt, ein Baumeister, ein Mitglied des
Armenrates und des Gewerbegerichts. Den Vorsitz soll
der Bürgermeister führen. Wird eine ungesunde Wohnung
aufgedeckt, so muß dieselbe besichtigt und ein Bericht ab-
gefaßt werden, gegen den die beteiligten Personen Rekurs
einlegen können. Wird dem Eigentümer eines Hauses eine
Änderung der Wohnung auf erlegt, so hat er dieselbe in
bestimmten Fristen auszuführen; andernfalls verfallt er in
eine Buße von 16 bis 100 Franks. Alles dies gilt nur für
Mietswohnungen; der Eigentümer selbst mag die ärgsten
Spelunken beziehen, und nach dem Gesetze wird ihm niemand
etwas anhaben können.

Bei Übelständen, welche nicht in der Wohnung selbst,
sondern in äußeren Umständen, wie Sümpfen usw. bestehen,
kann die Gemeinde den umliegenden Boden kaufen und ver-
bessern.

Der Erfolg der Gesetze ist in Frankreich sehr spärlich
gewesen, und vergebens haben sich die Minister alle Mühe
gegeben, um in den Städten die Ernennung von Kommissionen
anzuregen; denn im Jahre 1853 kamen auf 36000 Gemeinden
nur 228 Kommissionen. Im Jahre 1878 waren die Gesetze
wohl ganz in Vergessenheit geraten, da man nur in 10 Ge-
meinden Kommissionen zählte und 1883 nur noch in 4 bis 5
Städten.

Wie hätte es auch anders sein können! Während man
in England nur das Gutachten eines Sanitätsbeamten brauchte,
um eine Wohnung für ungesund zu erklären, bedarf es in
Frankreich einer ganzen Kommission, und einer Kommission,
welche von der hochlöblichen Stadtverordnetenversammlung
        <pb n="160" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

145

eingesetzt wird. Die Herrn Stadträte, natürlich meist Haus-
eigentümer, werden sich die Herrn Kommissionsmitglieder
wohl vorher ordentlich begucken und keinen Spielverderber
hinein wählen. Es ist die alte Geschichte, die auch anders-
wo passiert. Und der Arzt sowohl wie der Baumeister,
die meist in ihrer Existenz von der Bürgerschaft abhängig
sind, werden sachte auftreten. Dazu kommt, daß, während
in England die Lokalbehörde ein in schlechtem Zustande
befindliches Haus kaufen konnte, in Frankreich der Haus-
eigentümer die Kosten selbst tragen mußte. Was Wunder
also, wenn nichts erreicht wurde, wenn die Cliquenwirt-
schaft in den Gemeinderäten jede Besserung verhinderte!

Man hat sich demnach in Frankreich wesentlich auf
Polizeiverordnungen beschränken müssen, um etwas in der
Hygiene der Wohnungen zu erreichen, von denen die der
Jahre 1878 und 1883 die wichtigsten sind. Sie betreffen
natürlich nur Wohnungen, welche vermietet werden sollen,
und stellen hier bestimmte Normen für die Zahl der Ein-
wohner auf. —

Sind bisher staatliche und kommunale Eingriffe in der
Wohnungsfrage an der Macht der tiefer liegenden sozialen
Mißstände gescheitert, so läßt sich dasselbe auch von den
privaten Bestrebungen in dieser Hinsicht sagen. Alle privaten
Baugesellschaften haben bislang nichts tun können, um der
Wohnungsnot abzuhelfen. Ihre Bemühungen sind wie ein
Tropfen auf den heißen Stein gefallen, ohne daß man den
Leitern dieser Bestrebungen einen Vorwurf daraus machen
könnte. Auf verschiedene Weise hat man hier Versuche
gemacht. So haben sich englische Baugesellschaften bemüht,
alte Kasernen in alten Stadtteilen niederzureißen und die
Flächen wieder mit neuen Kasernen zu bebauen. Aber die
Pläne haben sich als ganz unzulänglich erwiesen, und wir
möchten heute noch eine Baugesellschaft sehen, welche so
naiv wäre, alte Häuser zu kaufen, um neue an deren Stelle

Wehberg, Die Bodenreform.	10
        <pb n="161" />
        ﻿146

Die Wohnungsfrage.

zu setzen. Das konnte man nur in einer Zeit, wo diejenigen,
welche die Wohnungsfrage am meisten anging, die Ent-
erbten, hübsch den Mund zu halten hatten; heute aber, wo
sie zu einem bedeutsamen Faktor im Staatsleben heran-
gewachsen sind, wird man nicht ohne beißende Kritik solchen
alten Kohl aufwärmen können.

Von unserem Standpunkte des humanistischen Sozialismus
ist die Wohnungsfrage lediglich als integrierender Teil der
gesamten sozialen Frage zu betrachten. Sie findet ihre
Lösung nur, wenn dieses große Problem gelöst wird. Man
hört nun zuweilen sagen: „Die soziale Frage kann überhaupt
nicht gelöst werden, denn immer werden soziale Mißstände
bleiben.“ Das ist aber ebenso einfältig wie heuchlerisch.
Wir wissen, daß die Menschen von Zeit zu Zeit vor die
Aufgabe gestellt worden sind, die gesellschaftlichen Grund-
lagen den wirtschaftlichen Fortschritten anzupassen; wir
wissen, daß es früher stets gelungen ist, die Disharmonien
zu lösen. Immer freilich werden Träge sein, welche nicht
arbeiten wollen, Elende, die nicht arbeiten können, daher
nicht wohlhabend werden, aber hat dieses etwas zu schaffen
mit Zuständen, wo fleißige Menschen vergebens nach Arbeit
hungern und deshalb darben müssen? Solche Störungen
sind es, welche wir unter dem Begriffe der sozialen Frage
zusammenfassen, wo die arbeitslosen, ungeheuerenEinkommen
die Arbeit erdrücken; diese werden beseitigt werden müssen,
sofern wir den Namen vernünftiger und gerechter Wesen
verdienen. Die Arbeit allein darf Anspruch auf Wohlstand
und Ansehen geben. Obwohl wir daran festhalten, daß auch
in Zukunft die Selbsthilfe das ausschlaggebende Moment
in allen wirtschaftlichen Dingen bleiben muß, so fordern
wir doch zur Schaffung freier Bahn für die Betätigung der
Selbsthilfe einschneidende staatliche Maßnahmen. Wir ver-
langen von der staatlichen Gesetzgebung, daß sie die Grund-
lagen des wirtschaftlichen Lebens so gründlich reformiert,
        <pb n="162" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

147

daß die Arbeit nimmer von den Drohnen und Faullenzem
erwürgt wird. Wie treffend sagt Rodbertus:

„Das große Problem, das die soziale Frage einschließt, er-
weitert sich zu folgendem Umfange: Auf friedlichem Wege
der Entwicklung die Gesellschaft aus unserer, lediglich auf
dem Grund- und Kapitaleigentum beruhenden, abgelebten
Staatenordnung, in die geschichtlich ihr folgende, auf dem
Verdienst- oder reinen Einkommenseigentum sich gründende,
schon in den meisten sozialen Verhältnissen wie zur Geburt
sich regende und rührende, höhere Staatenordnung allmählich
einzuführen. “

In ruhiger, behutsamer Weise, fußend auf der materia-
listischen Geschichtsauffassung, werden wir an der Hand
der wirtschaftspolitischen Tatsachen prüfen, was in unseren
Zeiten des Eingreifens der staatlichen Gesetzgebung bedarf.
Da, wie wir sahen, die Wohnungsnot in den Städten zum
großen Teile mit dem beständigen Zuströmen der ländlichen
verarmten Bevölkerung zusammenhängt, so hat die Gesetz-
gebung Sorge zu tragen, in großem Maßstabe die Ansiedelung,
und Seßhaftigkeit jener auf freiem Eigentume, auf kommu-
nalem und staatlichem Pacht- oder Rentengute zu fördern.
Die einzige Weise, den Bauern und Tagelöhnern die Früchte
ihrer Arbeit zu sichern, ist hier rücksichtsloses Vorgehen
gegen den privaten Bezug von Grundrente und Zins, gegen
den Latifundienbesitz und die Zinskapitalisten. Den Bauern
nehmen Pachten und Zinsen, welche bisher stets höher
stiegen, fast den Lohn der Arbeit fort, während infolge
der Verarmung der Volksmassen die Preise ihrer Produkte
sinken.

Wird die ländliche Bevölkerung wieder seßhaft, kommt
nach und nach alles Land nach Ausmerzung der Großgrund-
besitzer und Ausschluß der Kapitalisten vom Hypothekar-
kredit in die Hände wirklicher Bauern, so hört nicht allein
der Zuzug zu den Städten auf, sondern es wird ein Ab-
strömen von Stadtbewohnern auf das Land stattfinden.

Ferner ist zu beachten, daß die Industrie schon vielfach.

10*
        <pb n="163" />
        ﻿148

Die Wohnungsfrage.

ihre Anlagen auf kleinere Orte mit billigem Boden verlegt,
was sie um so eher kann, als die Verbindung der aufeinander
angewiesenen Werkstätten durch Kleinbahnen vermittelt
werden kann. Auch wird die Gewinnung elektrischer Kraft
an Flüssen, Bergbächen usw. eine Dezentralisierung der
Bevölkerung herbeiführen. Mit Notwendigkeit wird eine
Entvölkerung der großen Städte eintreten, und dieser Um-
stand bildet für uns den Kernpunkt zur Lösung der
Wohnungsfrage als eines Teiles der großen sozialen Frage.

Schon bald werden in Preußen die Mieten durch die
Ausführung des Rentengütergesetzes, wodurch wenigstens
wieder mehr Bauernstellen geschaffen werden, ein wenig
sinken. Letzteres wird noch mehr der Fall sein, wenn mau
wirkliche einschneidende Reformen in der angedeuteten
Weise vornimmt. Gesetze über Überfüllung der Wohnungen
werden dann nicht nötig sein. Die Bürger werden bei den
sinkenden Bodenwerten den Raum ihrer Wohnungen groß
genug bemessen können. Ob man Wohnungsinspektoren
einsetzen will, ist uns eine Doktorfrage, und alle die scharfen
Eingriffe, welche Herr Dr. Miquel vor seiner Ernennung
zum Minister zwecks Hebung der Wohnungsnot vorschlug,
waren wohl mehr eine kluge Empfehlung des verehrten
Herren an die Agrarier für die Zeit, da er wirklich auf den
Ministerposten rücken würde. Denn, wie männiglich bekannt,
ist die städtische Wohnungsfrage so recht der Tummel-
platz der Agrarier, der Großgrundbesitzer und ihrer Freunde,
hier reagieren sie in zustimmendem Sinne, wenn man sie
mit sozialen Problemen kitzelt. Von einer gründlichen
Revision der Berechtigungen, welche sie auf den ländlichen
Boden zu haben vorgeben, wollen sie nichts wissen, und
deshalb ist ihr Steckenpferd die Ausbeutung des Volkes durch
die städtischen Grundbesitzer. Hier haben sie nicht nur nicht
das geringste gegen die totale Einziehung der städtischen
Bodenrente, nein, sie agitieren mit großem Kraftaufwand
        <pb n="164" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.	149

für solche einschneidenden Schritte. Ja, sie suchen sich
Vereinigungen, welche dem Ganzen dienen wollen, mit
Erfolg nach dieser Richtung hin dienstbar zu machen, in-
dem sie eifrige Genossen in dieselbe bringen. Aber es
kann nun einmal nicht helfen, dieses Versteckenspiel! Wahr,
unumstößlich wahr bleibt des Plinius Wort auch für unsere
Tage: „Latifundia perdidere Romam et provincias.“ (Der
Großgrundbesitz hat Rom und die Provinzen ins Verderben
gestürzt.) Die Herren Großgrundbesitzer werden, mögen
sie wollen oder nicht, auf dem schonungsvollsten Wege
der Gesetzgebung dem allgemeinen Wohle zum Opfer fallen
müssen! Und dreimal wehe dem, der, sei er auch der
mächtigste Mann, den Forderungen der Gerechtigkeit sich
entgegenzustellen wagt! Ihm und seinen Genossen rufen wir
die markigen Worte entgegen:

„Ihr werdet nimmermehr Gewalt in Recht verwandeln,

Die Erde ist uns doch alleigen!

Mögt ihr sie tausendmal verschachern und verhandeln,

Mögt ihr auf Rechte und Gesetze zeigen,

Die Stunde schlägt, ob ihr nun wollt ob nicht,

In der das letzte Glied der Sklavenkette bricht!

Durch den Niedergang der Bodenpreise werden viele
Wucherer ein Ende mit Schrecken finden, sie werden den
Lohn ihrer Habsucht in mancherlei Gestalt zugewiesen er-
halten. — Was wir an anderen Orten von der staatlichen
Übernahme ländlichen Hypothekarkredites gesagt' haben,
gilt noch vielmehr von dem städtischen. Auch hier hat der
Staat zu warten, bis durch bessere Landverteilung ein starkes
Sinken der Bodenrente eingetreten ist, ehe er den Kredit
auf sich nimmt. Würde er heute die emporgeschwindelten
Bodenpreise resp. Hypotheken übernehmen, so hieße das die
Verpflichtung auf sich laden, die Schulden einzelner durch
die übrigen Bürger tilgen zu lassen. Wir aber sind der
Meinung, daß jeder seine Schulden selbst tilgt, und der
Staat ihm dadurch zu Hilfe kommt, daß er durch andere
        <pb n="165" />
        ﻿I

150	Die Wohnungsfrage.

Reformen wie z. B. die Verstaatlichung der Bergwerke den
Zinsfuß lierabdrückt.

Trotz des Abzuges aus den Städten wird auch hier die
Bautätigkeit nickt erlöschen, denn die zunehmende Wohl-
habenheit der gesamten Bevölkerung wird die Befriedigung
der Sehnsucht nach größeren Wohnräumen gestatten. Aller-
wärts wird man begreifen, daß man wohl zu gut essen und
trinken, aber nie zu gut wohnen kann.

Die betrübenden Zustände in der systematischen Aus-
räubung des Bauhandwerkes haben die öffentliche Auf-
merksamkeit sehr in Anspruch genommen und die Parteien
sehr beschäftigt. Das alte Manchestertum freilich ist gleich
mit dem guten Rate an die Bauhandwerker usw. bei der
Hand, diese möchten nur etwas vorsichtiger sein und sich
die Leute ansehen, denen sie ihre Arbeit gäben. Als wenn
heute die einzelnen Handwerker, die leider meist der ge-
nossenschaftlichen Organisation entbehren, demübermächtigen
Kapitale Bedingungen stellen könnten!

Die Konservativen und Klerikalen sind schon eher für
Maßregeln, auch für die, welche wir nachher vorführen
werden, soweit es den Schutz der Bauhandwerker angeht.
Sie tun das um so eher, als sie damit die Aufmerksamkeit
des darbenden Volkes von den eigentlichen Grundursachen
der sozialen Not, der Anhäufung von ungeheuren Grund-
flächen in den Händen der Großgrundbesitzer ablenken zu
können vermeinen.

Die wirksamsten Vorschläge beziehen sich nun darauf,
den Handwerkern usw. eine sogenannte Vorzugshypothek zu
geben; d. h. die Forderungen dieser Leute sollen ipso jure
den Vorrang vor allen Hypotheken haben, so daß sie ihres
Lohnes sicher sind.

Es ist daher erklärlich, daß es eine große Erregung, zu-
mal in den Handwerkerkreisen, verursachte, als die erste
Kommission des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 1887
        <pb n="166" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

151

den geringen Schutz, den das preußische Landrecht in dem
sogenannten „Pfandrechttitel“ gewährte, strich und einfach
in § 574 bemerkte: Der Übernehmer einer Arbeit hat ein
Pfandrecht an den noch in seiner Innehabung befindlichen
beweglichen Sachen, also nicht mehr an denen, welche
in dem Neubau befestigt sind. Der Pfandrechttitel des
preußischen Landrechtes hatte zum Inhalt, daß 1. der Unter-
nehmer eines Baues das Recht hatte, seine Forderungen
auch ohne Einwilligung des Schuldners auf das Grundstück
eintragen zu lassen, 2. bei fehlender Einwilligung des
Schuldners dessen rechtskräftige Verurteilung zur Ein-
tragung erfolgen mußte.

Dieser „Titel“ hat aber wenig genutzt, weil der Weg für
den gewöhnlichen Handwerker zu kompliziert war, und weil
die Handwerker sich gewiß mit den Kapitalisten nicht ent-
zweien wollten, die ihm dann keine Arbeit mehr hätten
zukommen lassen.

Die Kommission des Bürgerlichen Gesetzbuches ver-
teidigte ihre manchesterliche Auffassung mit dem Bemerken,
daß durch eine Vorzugshypothek das Grundbuch in Un-
ordnung gebracht und die Grundlage des Hypothekenkredites
erschüttert werden würde. Niemand würde dann auch Geld
leihen wollen. Während die meisten Regierungen dieser
Motivierung zustimmten, waren Preußen und Baden mehr
für den Schutz der Bauhandwerker, und der Justizminister
Friedberg schlug die Eintragung einer „Sicherheitshypothek“
im Sinne des alten „Pfandrechttitels“ vor. Auch der
20. Juristentag war damit einverstanden ; von einer Vorzugs-
hypothek wollte er aber nichts wissen. Jedoch ist zu be-
merken, daß diese letztere Forderung mit 20 gegen 20 Stimmen
abgelehnt wurde. Was die Vorzugshypothek angeht, so
kann man sie gemäß den Vorschlägen in zwei Rubriken
bringen. 1. Dr. Andreas Voigts schlägt vor, dieselbe nur
auf die Bauhypotheken zu gewähren. Dieser Vorschlag ist
        <pb n="167" />
        ﻿152

Die Wohnungsfrage.

unannehmbar, wenn man daran festhält, daß gerade die ersten
Grundhypotheken die Ursache der geschwindelten Boden-
preise sind, welche den ganzen Bau so gefährlich machen.
Im Gegenteil müssen die Gelder, welche auf den Bau ver-
wendet sind und damit zur Verbesserung des Bodens bei-
getragen haben, vor der ersten Hypothek gesichert werden.
2. Die anderen Vorschläge sind daher logischer, indem sie
den Vorzug vor der ersten Hypothek fordern. Die Vor-
schläge, welche besonders von Landgerichtsrat Dr. Bähr,
Professor Dr. Dernburg, Dr. jur. Stolp, gemacht sind, hat
der Bund für Bodenbesitzreform einer Revision unterworfen
und zu folgender Forderung ausgearbeitet:

„1. Alle Lieferanten usw. haben bis 6 Monate nach bau-
polizeilicher Abnahme eines Baues ein Recht auf Eintragung
in das Grundbuch. 2. Diese Hypotheken genießen, bei Gleich-
berechtigung unter sich, ein Vorzugsrecht vor allen anderen
dinglichen Belastungen. 3. Die Baupolizei gibt von jedem
genehmigten Neubau der Grundbuchbehörde Nachricht, welche
ihrerseits die Hypothekengläubiger informiert. Diese können
binnen 30 Tagen ihre Forderungen kündigen. 4. Ein Ver-
zicht auf die Vorzugshypothek ist gesetzlich unwirksam.“

Diese Formulierung wurde an das preußische Abgeordneten-
haus und an das Herrenhaus gesandt. Die Justizkommission
des Herrenhauses lehnte die Vorzugshypothek ab, empfahl
aber, die königliche Regierung zu ersuchen, gesetzliche Maß-
regeln gegen Grundstücks- und Bodenwucherer zu ergreifen.

Ein gewisser Erfolg war aber erzielt, als die zweite
Kommission des Bürgerlichen Gesetzbuches beschloß, dem
§ 574 einen Absatz zuzufügen, wonach der Unternehmer
die Bestellung einer „Sicherheitshypothek“ im Sinne des
preußischen Landrechtes verlangen kann. Die Vorzugs-
hypothek allerdings wurde abgelehnt. Da trat der traurige
Todesfall des Handwerkers Seeger ein, welcher die öffent-
liche Meinung von neuem auf die schamlose Ausbeutung der
städtischen Bodenwucherer richtete. Der Bund für Boden-
besitzreform suchte eine Unterredung mit dem Justizminister
        <pb n="168" />
        ﻿iliil



Die Wohnungsfrage.	153-

nach und bat um Berücksichtigung und Hilfe in diesen Dingen..
Zugleich machte er Mitteilung, daß sich der Verlust der
Bauhandwerker in Berlin bei 731 Subhastationen auf
75 Millionen Mark belaufe. Der Minister nun, statt mit
Unterstützung seiner Behörden diese Zahlen prüfen zu
lassen, gab dem Bund für Bodenbesitzreform anheim, ihm
das Zahlenmaterial zu liefern und zugleich nachzuweisen,,
inwieweit bei jenen Verlusten von dem alten Pfandrecht-
titel Gebrauch gemacht worden sei.

Darauf stellte sich die große allgemeine Handwerkerver-
sammlung zu Berlin im Juni 1894 auf Seiten des Bundes
für Bodenbesitzreform und ersuchte die Gewerbedeputation
der Stadt Berlin, die zahlenmäßige Unterlage zu schaffen..
Neuerdings hat die Gewerbedeputation ebenfalls abgelehnt.
Es ist also bisher trotz allen eifrigen Bemühens nur die
Sicherheitshypothek erreicht worden. Es muß aber das
Bestreben aller derer sein, welche unter so kranken volks-
wirtschaftlichen Zuständen für eine Linderung des Betruges
eintreten wollen, die Vorzugshypothek zu fordern. Auch
andere gute Folgen wird dieselbe haben, wenn die Kapitalisten
wissen, daß sie nicht mehr die Handwerker usw. berauben
können. Sicher werden, da doch gebaut werden wird, die
Preise des Bodens nicht zu sehr emporgeschwindelt, so
daß ein ehrlicher Handwerker, der etwas Geld hat, wieder
bauen kann. Ferner werden die Kapitalisten direkt'an die
Handwerker usw. zahlen.

Mit lebhafter Freude ist es auch zu begrüßen, daß die
Kommission für das Bürgerliche Gesetzbuch an Stelle des
römisch-rechtlichen Grundsatzes: „Kauf bricht Miete“ die
entgegengesetzte Richtschnur festgestelllt hat: „Kauf
bricht nicht Miete.“ Was sonst noch der Staat in zivil-
rechtlicher Beziehung zum Schutze gesicherter Wohnungs-
zustände tun kann, entzieht sich hier unserer weiteren Er-
örterung.
        <pb n="169" />
        ﻿154

Die Wohnungsfrage.

Betreffs der Hypotheken treten wir auch hier für unkünd-
bare Hypotheken mit Amortisationsmöglichkeit ein, da die
Kündbarkeit besonders in schwierigen Zeiten, wie wir sie
ja jetzt erleben, mit großen Gefahren verbunden sind.
Freilich wird bei der Verstaatlichung des Kredits die Be-
leihungsgrenze stark herabgedrückt werden; aber dieser
Übelstand wird in Zukunft dadurch mehr als ausgeglichen,
werden, daß die Käufer eines Hauses infolge der verbesserten
wirtschaftlichen Grundlage aus eigenem Vermögen größere
Anzahlungen machen können, ferner auch dadurch, daß die
Bodenwerte gewaltig sinken werden.

— Als ein Fortschritt erscheint uns die Übertragung der
Grundsteuer an die Gemeinden, während man die Ge-
bäudesteuer, welche die Baulust und die Ausdehnung
der Räume beschränkt, hätte fallen lassen sollen. Betreffs
der Grundsteuer wird es die Aufgabe der Gemeinden sein,
sie zu einer wirklichen Grundrentensteuer, sowohl für länd-
lichen als städtischen Boden, auszubilden. Und wir stehen
nicht an, zu erklären, daß wir die gerechte Veranlagung
der Grund- resp. Grundrentensteuer in Staat und Gemeinden
für einen Kernpunkt der politischen und sozialen Kämpfe
der Zukunft betrachten. Daher leuchtet ein, daß das Volk
mit mehr Bewußtsein an solchen Fragen teilnehmen muß,
damit die Durchführung derartiger Reformen nicht im Sinne
interessierter Cliquen erfolgt. Wir halten eine totale Über-
weisung der Grundsteuer an die Gemeinden nicht für
wünschenswert, sondern empfehlen einen Modus, welcher
dem Staate wenigstens einen Bruchteil als unverbrüchliches
Zeichen der staatlichen Oberhoheit über Grund und Boden
überläßt. Außerdem werden die durch die bisherige Ent-
wicklung der Dinge herbeigeführten Unterschiede im relativen
Werte des Grund und Bodens noch lange bestehen bleiben,
so daß eine ausgleichende Mithilfe des Staates nach dieser
Richtung notwendig bleibt. Das endliche Ziel, dem lang-
        <pb n="170" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

155

sam zugestrebt werden muß, ist eine solche Landverteilung
und infolgedessen ein solches Sinken der Bodenwerte, daß
außer der Entschädigung für Meliorationen die natürliche
Leistung der Naturkräfte in Form einer Grundrentensteuer
bezahlt werden muß. Wir können jenen kommunistischen
■Vorschlägen nicht beistimmen, welche durch diesbezügliche
Gesetze die Steigerung der Bodenwerte von den Grundeigen-
tümern in den Städten rigoros einfordern wollen, weil dann
auch der Staat für das Sinken der Bodenwerte Ersatz
leisten müßte. Halten wir fest, daß bei gründlichen Re-
formen die Preise nicht steigen, sondern notwendig sinken
werden. Es muß überhaupt das Ziel einer weitschauenden
:Sozial- bez. Agrarpolitik sein, die vaterländische Grund-
rente denen der konkurrierenden transatlantischen Länder
langsam konform zu machen. Bis dahin genügt es, die-
jenigen, welche die städtischen Grundrenten mühelos ein-
ziehen, durch die Einkommen- und Grundsteuer zu fassen.
Darüber kann freilich kein Zweifel sein, daß nach Über-
tragung der Grundsteuer an die Gemeinden den Bürgern
nicht mehr gestattet werden kann, jahrelang das Land
ohne Grundsteuer unbenutzt liegen zu lassen. Dadurch
wird man die Bodenspekulanten zwingen, ihr Land früher
und daher billiger zum Verkauf anzubieten, wenn sie es
nicht als Ackerland benutzen wollen.

Viel können die Gemeinden zur Besserung des Wohnungs-
wesens durch gute Bauordnungen tun; doch sei man auch
nicht schroff, da man oft schwache Existenzen unter den
Bauunternehmern, welche teuer gekauft haben, vernichten
könnte. Auch hier kommen wir immer wieder darauf hin-
aus: Hebung des allgemeinen Wohlstandes und Abzug aus
den Städten sind die Radikalmittel. In gesunden wirtschaft-
lichen Verhältnissen braucht man nicht gegen Mietskasernen
einzuschreiten; dieselben fallen ganz von selbst fort.

Gehen wir von dem Grundsätze aus, daß eine Besserung
        <pb n="171" />
        ﻿156

Die Wohnungsfrage.

der 'Wohnungsfrage mit einem Sinken. der Bodenpreise-
einhergeht, so werden wir uns gegen alle Vorschläge er-
klären müssen, welche den Städten empfehlen, möglichst
viel Grund und Boden ä tout prix in dem Weichbilde der
Stadt anzukaufen, um nachher die steigenden Grundrenten
für das Gemeinwesen einzuziehen. Solche Pläne sind ein-
fach Unsinn und können nur in dem kleinen Kreise von
Leuten gedeihen, denen der Zusammenhang zwischen Ursache
und Wirkung in wirtschaftlichen Dingen fehlt, oder die,,
wie die Agrarier, die Politik auf eine falsche Spur leiten
wollen. Die Gemeinden würden sich kurzerhand vor den
Bankerott stellen, wenn die Bodenpreise sinken. Dennoch
liegt es im Interesse der Gemeinden bzw. der Bürger, wenn
nicht leichtfertig Gemeindegrundbesitz an Spekulanten ver-
äußert wird, sondern derselbe vielmehr benutzt wird, um.
darauf entweder Volksgärten anzulegen oder Mietwohnungen
zu bauen, welche sowohl in betreff der Baukunst als be-
sonders in Hinsicht der Mietpreise ein leuchtendes Beispiel
sein können und in lebhafte Konkurrenz mit den Bau-
spekulanten treten. Wo immer es angängig und nützlich
erscheint, sollte zu diesem Zwecke die Gemeindeverwaltung
genau wie die Staatsverwaltung kein Bedenken tragen, den.
städtischen bzw. staatlichen Grundbesitz zu vermehren.

Im allgemeinen aber sind wir der Meinung, daß Staat,
und Gemeinde wohl daran tun, den Baugrund wie das Acker-
land unter Verstaatlichung der Grundrente dem freien Ver-
kehre zu überlassen. Fernerhin können sie durch Anlage
von Kleinbahnen nach den Außenorten dazu beitragen, die
gefährlichen Ringe der Bodenspekulanten zu durchbrechen,,
indem sie Arbeitern Gelegenheit geben, draußen billiger zu
wohnen und schnell die Arbeitsstätte zu erreichen.

Neben den umfassenden Maßregeln einer durchgreifenden.
Sozialpolitik im Sinne des humanistischen Sozialismus er-
scheint uns auch in der Wohnungsfrage die Selbsthilfe
        <pb n="172" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

157

der einzelnen Bürger als ein wesentliches Moment zur
Besserung. Unter dieser Selbsthilfe verstehen wir aber
nicht die alte manchesterliche Selbsthilfe, die nur eine
schonungslose Auslieferung der Schwachen an die Mächtigen
und Pfiffigen bedeutet, sondern eine Selbsthilfe, die den
einzelnen in die Möglichkeit versetzt, sich sämtlicher Pro-
duktionsmittel zu bedienen, und zwar für die Zukunft in
Form genossenschaftlicher Selbsthilfe. Produktionsgenossen-
schaften sind die Schale, unter der sich Gewerbefleiß künftig
meist betätigen wird. Auch in der ‘Wohnungsfrage werden
sie fördernd einsetzen, da ihnen der Kredit zugängig ist,
der heute dem einzelnen fehlt. In lobenswerter Weise ist
die preußische Staatsregierung der Frage zur Förderung
der genossenschaftlichen Personalkredite nähergetreten, in-
dem sie im Juni 1895 dem Abgeordnetenhause einen dies-
bezüglichen Gesetzentwurf zugehen ließ. Hoffentlich macht
dieselbe nun auch Ernst in bezug auf Maßregeln, welche
den Hypothekenzins niedertreiben, denn die Höhe des
Personalkreditzinses ist abhängig von der Höhe des Eeal-
. kreditzinses. Aus den Motiven teilen wir folgende Stelle mit:

„Gegenwärtig entbehren noch 500 Städte in Preußen einer
Kreditgenossenschaft. Die genossenschaftliche Kreditorganisa-
tion ist noch einer außerordentlichen Steigerung fähig und
bedürftig und muß namentlich im Osten der Monarchie erst
zur vollen Entwicklung gebracht werden. Hier helfend ein-
zugreifen, indem eine Zentralanstalt geschaffen wird,, welche
durch die mehrgenannten Vereinigungen den Genossenschaften
Kredit zu möglichst billigen Bedingungen zur Verfügung stellt
und dadurch die Genossenschaften fördert, muß als eine
wichtige Aufgabe der Staatsregierung angesehen werden. Die
Konferenz von den mit dem Genossenschaftswesen betrauten
Personen hat sich denn auch — mit einer einzigen Ausnahme —
für die Errichtung einer solchen Anstalt ausgesprochen und
ihre Schaffung für eines der wirksamsten Mittel erklärt, um
die bestehenden Kreditgenossenschaften zu stärken und neue
in das Leben zu rufen. Die Anstalt, in erster Linie für die
vorbezeichnete Aufgabe bestimmt, würde aber ferner auch zur
Förderung der sonstigen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossen-
. schäften beitragen. Derartige Genossenschaften sind von den
        <pb n="173" />
        ﻿158

Die Wohnungsfrage.

beteiligten. Erwerbskreisen in Stadt und Land in steigendem:
Maße errichtet worden, um durch gemeinschaftlichen Bezug
der Rohmaterialien wie gemeinschaftliche Verarbeitung und
Vertreibung der Produkte die Wirtschaftsbedingungen günstiger
zu gestalten. Diese, aus eigener Kraft der Beteiligten her-
vorgegangenen Schöpfungen, bilden ein wichtiges Mittel, um in
Handwerk und Landwirtschaft gegen die Schwierigkeiten an-
zukämpfen, welche sich für das erstere aus dem Wettbewerbe
des fabrikmäßigen Großbetriebes, für die letztere aus dem.
Sinken der Preise der wichtigsten Bodenprodukte ergeben.“

Aber wieder müssen wir betonen: erst gründliche soziale
Reformen. Denn bisher sind die Produktivgenossenschaften
noch stets von der verderblichen Flut des kapitalistischen
Stromes vernichtet worden; nur einzelne konnten sich durch
besondere Gunst der Umstände halten. Heben wir erst den
Kapitalismus, wie Herkules den Riesen Antaeus, aus seiner
festen Anlage, dem Grund und Boden, heraus, dann werden
die Genossenschaften blühen und gedeihen. So lange die
der kapitalistischen Wirtschaftsordnung eigentümlichen Krisen
infolge der Unterkonsumtion der Volksmassen Jammer und
Verderben bringen, solange werden auch die Arbeiter,
Handwerker und Bauern kein Vertrauen zu gemeinsamen
Unternehmungen finden, wie sich anderseits das Kapital,,
solange es mühelos Dividenden und Zinsen erhält, nicht
bereit finden lassen wird, der Arbeit förderlich zu sein.
Die unter den Genossenschaften erbauten Häuser werden
unter den neuen Verhältnissen schneller Abgang finden,
wesentlich als Eigentum des Bewohners. Und hier wird
sich die unkündbare Hypothek mit Amortisation als einzig,
richtig empfehlen, sie wird die Sicherheit des Besitzes er-
höhen. Uns ist es schwer begreiflich, wie der Bund der
städtischen Haus- und Grundbesitzervereine eine Denkschrift
ausarbeiten lassen konnte, in der er geradezu die Umwandlung
unkündbarer Hypotheken bei einigen Hypothekenbanken in
kündbare vorschlug. Oder kommt hier nur die Zweiseelen-
natur dieses Vereines — in dem Kapitalisten und verschuldete
        <pb n="174" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

159

Hausbesitzer sind — zum Vorschein? Sollten die schlauen
Kapitalisten die oft mittellosen Hausbesitzer ins Schlepptau
genommen haben? Ganz unglaublich ist es, wenn man
liest, daß Rodbertus, der doch gerade das Rentenprinzip
empfiehlt, für diese Forderung ins Feld geführt wird.

Für die Übergangszeit zur sozialistischen Neubildung der
Gesellschaft werden private Vereinigungen wie auch größere
Arbeitgeber etwas zur Linderung der Wohnungsnot tun
können. Im allgemeinen kann man aber auch hier bemerken,
daß sich selbst kapitalkräftigen Gesellschaften große Schwierig-
keiten entgegenstellen, von denen die enorme Höhe der
Bodenpreise die bemerkenswerteste ist. Und wieviel Arbeiter
können heute die Last auf sich nehmen, bei ihrem geringen
Verdienste ein Haus zu erwerben! Vielfach trifft man auch
bei diesen Gesellschaften auf ein ganz falsches Urteil über
die Bedürfnisse der Arbeiter, da die leitenden Herren sich
zu klug und vornehm dünken, um in den Vorstand die
sogenannten kleinen Leute, für welche die Wohnungen be-
stimmt sind, hineinzuziehen. So hatte die Baugesellschaft
„Eigenhaus“ ein Musterhaus fertig stellen lassen, in welchem
die Küche durch eine Kochnische ersetzt war. Auf einen
Keller hatten die Herren keine Rücksicht genommen, und
diese verblüffende Tatsache wird von dem leitenden Vorstands-
mitgliede mit dem Bemerken motiviert, der Arbeiter könne
ja das bißchen, was er habe, in seinem Gärtchen vergraben.
Statt einer Belobigung hätte man den Herren einen derben
Nasenstüber geben sollen! Vor allem aber fehlt es diesen
Gesellschaften an dem opferfreudigen Entgegenkommen der
Besitzenden, wie die Tatsache zeigt, daß neulich noch die
Baugenossenschaft „Eigenes Heim“ in einer Generalver-
sammlung den Vorstand ermächtigt hat, den gesamten Grund-
besitz der Genossenschaft bestmöglichst zu verkaufen; die
Genossenschaft will ihre Tätigkeit einstellen, weil sie zur
Einsicht gekommen ist, daß mit den geringen Mitteln der
        <pb n="175" />
        ﻿160

Die Wohnungsfrage.

Genossenschaft eine durchgreifende Lösung der Wohnungs-
frage oder auch nur eine Reform derselben in beschränktem
Umfange nicht zu ermöglichen ist.

Mit wie wenig Verständnis man übrigens die Wohnungs-
frage auch von Seiten größerer Gemeindewesen behandelt,
dafür liefern Vorgänge Beweise, welche sich neulich in
Düsseldorf abgespielt haben. Dieser Stadt ist von einem
reichen Erblasser — Landgerichtsrat Aders — eine Summe
von 1 Million Mk. zum Baue von Arbeiterwohnungen hinter-
lassen worden, mit der Bedingung, daß die gebauten Häuser
in ewigem Eigentume der Stadt bleiben sollen. Mit Recht
darf man heute von einer Stadtvertretung verlangen, daß
sie mit einem dicken Tropfen sozialpolitischen Öls gesalbt
sei, daß sie sich unter den gegebenen Verhältnissen Mühe
gebe, die günstigsten Bedingungen für Errichtung von
Wohnungen auszuspähen, wenn sie sich damit auch in be-
wußten Gegensatz zu den Bodenspekulanten stellt. Vor
allem hatte man in der gesamten, uninteressierten Bürger-
schaft erwartet, daß man nach einem bestimmten Plane im
Weichbilde der Stadt in verschiedenen Gegenden und auf
billigem Boden kleine, hübsche Kolonien von Einzelhäuschen
.anlegte. Statt dessen kam die eigens zu dem Zwecke
■eingesetzte Kommission, in der wesentlich größere Haus-
besitzer, aber keine Arbeiter vertreten waren, zu dem Ent-
schlüsse , in dem alten Stadtteile ein altes Haus zu teuren
Preisen zu kaufen, und dieses alte Haus in dem alten Stadt-
teile — Ratingerstraße 1 — zu Arbeiterwohnungen von —
man höre und staune! — zwei Zimmern umbauen zu lassen.
Man glaubte der Zustimmung der Stadtverordneten schon
.sicher zu sein, aber die aufgeregte öffentliche Meinung be-
reitete der Kommission in dem Rathaussaale unerwartete
Schwierigkeiten. Es fand sich eine Opposition, welche die
Vorlage bekämpfte und die Zurückverweisung durchsetzte.
Bei diesen Verhandlungen sind nun die Meinungen arg
        <pb n="176" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

161

aufeinander geplatzt und Auffassungen über die Stellung
der Arbeiter im sozialen Leben der Gegenwart zutage
getreten, die ganz verblüffend wirken. Wir würden den
Verhandlungen nicht die Ehre an tun, sie aufzuführen, wenn
wir sie nicht für ein charakteristisches Symptom au fin du
siede hielten. Man ersieht aus ihnen, daß man sich in ge-
wissen Kreisen noch gar nicht daran gewöhnen kann, die
Arbeiter, welche doch so sehr an der Schaffung aller Güter
beteiligt sind, als vollberechtigte Glieder der Gesellschaft
anzusehen. Die sozialpolitischen Kernsprüche, welche wir
finden, hätten einer Ratsversammlung in einem gutsherrlichen,
pommerschen Dörfchen alle Ehre gemacht.

Wir geben den Bericht nach der „Düsseldorfer Bürger-
zeitung“ (Abendzeitung) wieder:

Die Adersstiftung zum Bau von Arbeiterwohnungen
vor der Stadtverordnetenversammlung.

Endlich! — Endlich fand gestern abend zum ersten Male
eine Disputation der so überaus wichtigen Frage im Stadt-
verordnetenkollegium statt.

Als Referent nahm zuerst das Wort Herr Beigeordneter
Dr. B., der Vorsitzende der Adersstiftung, der ein paar Worte
darüber sagte, daß die Baukommission und das Kuratorium

der Adersstiftung in vereinigter Sitzung dahin übereingekommen
seien, die Pläne für die Bauten an der Hildenerstraße zu ver-
schieben, dagegen die Pläne für den Umbau des Hauses Ratinger-
straße 1 zu genehmigen. Herr B. verlas sodann den fertig

formulierten Beschlußentwurf.

Als erster Redner nahm das Wort

Herr Stadtv. K.: Er konstatierte, daß in der gemeinsamen
Sitzung keineswegs Einstimmigkeit über das Projekt geherrscht
habe. Es sei eine ansehnliche Minderheit vorhanden gewesen,
die demselben ablehnend gegenüber gestanden hätte. Der
Erblasser habe in seinem letzten Willen bestimmt, daß aus
der Stiftung „angenehme“ Wohnungen hergestellt würden.
Solche Wohnungen aber seien in dem Hause Ratingerstraße 1 —
eine alte Baracke in dem alten Stadtteile — nicht zu schaffen.
Nach dem vorhegenden Plane solle das Vorderhaus und das
Hinterhaus bestehen bleiben, dagegen sollten auf dem noch
vorhandenen Gelände Hintergebäude, neue Wohnungen errichtet
werden. Im Parterre des Vorderhauses sei nur ein Zimmer

Wehberg, Die Bodenreform.	11
        <pb n="177" />
        ﻿162

Die Wohnungsfrage.

vorhanden, dazu komme noch ein zweiter Raum, der weder
Licht noch Luft habe. Dieser sei weder als Schlafzimmer
noch als Küche zu gebrauchen. In der ersten Etage seien
zwei große Zimmer vorhanden, die allerdings durch Bretter-
wände in vier kleine Räume geteilt seien. Außerdem sei der
dumpfe Raum vorhanden, wie im Unterhaus. Das ganze
Vorderhaus sei im schlechtesten Zustande, es stehe auf dem
Aussterbeetat. Im Hintergebäude seien auf der ersten Etage
drei Zimmer, für welche das Kuratorium nach dem Plane des
Architekten Röting ein eigenes Treppenhaus bauen wolle, ob-
schon vom Vorderhause schon eine Treppe dorthin führe. Der
sogenannte „Speicher“ im Hinterhause sei kaum benutzbar, er
sehe einem Taubenschlage ähnlich. In den neu zu errichtenden
Gebäulichkeiten auf dem Hintergelände sollten zwölf neue
Wohnungen zu je zwei Zimmern geschaffen werden. Eine
solche Wohnung reiche nur für ein junges Ehepaar aus; falls
die Familie größer werde, sei sie nicht mehr zu gebrauchen.
Redner schlägt aus diesen Gründen vor, die Genehmigung zu
versagen.

Herr Beigeordneter B.: Er konstatierte, daß in der Kommission
nur die Herren K. und S. Gegner des Projektes gewesen. Es
habe sein Mißliches, in einer öffentlichen Sitzung diese Sache
zu diskutieren. Er bestreite entschieden, daß das Haus eine
baufällige Baracke sei. Der Ankauf sei vom Kuratorium als
ein sehr günstiger angesehen worden. Das Wohnen in dem-
selben sei keineswegs ein ungemütliches, was schon aus dem
hohen Mietserträgnisse hervorginge. Wenn schon in Ober-
bilk — ein Vorort — in den neu zu erbauenden Häusern an
der Hildenerstraße Wohnungen zu zwei Zimmern projektiert
seien, dann könnte man doch sicher mitten in der Stadt mit
zweizimmerigen Wohnungen zufrieden sein.

Herr Stadtv. D. stellte fest, daß das Kuratorium auf sein
Ausschreiben hin, abgesehen von einigen alten Häusern in der
Mühlenstraße, die nichts wert gewesen seien, gar keine anderen
Anerbietungen erhalten habe. Das Haus Ratingerstraße halte
er für vorteilhaft angekauft.

Herr Stadtv. S. hat auch an dem vorliegenden Plane
mancherlei Ausstellungen und beantragt, denselben zurück-
zuverweisen.

Herr Stadtv. H.: In der gemeinsamen Sitzung sei nur die
projektierte Treppe bemängelt worden. Heute komme Herr K.
und verwerfe das ganze Projekt. In dem Kuratorium sei man
vollständig darüber einig gewesen, daß die Wohltaten der
Stiftung allen Teilen des Stadtgebietes zugute kommen sollten.
Aus diesen Gründen habe man beschlossen, alte Häuser an-
zukaufen und das Haus Ratingerstraße 1 sei als durchaus ge-
eignet befunden worden. Das Haupthaus sei von den Bau-
        <pb n="178" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

163

kundigen im Kuratorium als vortrefflich anerkannt, und das
unbebaute Hintergelände eigne sich zu Neubauten. Er müsse
dagegen protestieren, daß der Stifter von „angenehmen"
Wohnungen spreche; daß sei nicht der Fall. In der Stiftungs-
urkunde sei nur davon die Rede, „angemessene" Wohnungen
zu beschaffen. Das in Rede stehende Haus sei früher sogar
ein adeliges Haus gewesen, es habe der Nesselrodeschen
Familie gehört. Es könnten darin 14—16 Familien ganz „an-
gemessene" Wohnung finden. Da komme denn heute diese
unglückselige Treppe! Die Stiftung sei nun beinahe drei
Jahre alt und noch sei kein Schritt zu ihrer Ausführung ge-
tan. Da dürfe man doch nicht länger zögern.

Herr Beigeordneter B.: Nachdem so scharfe Angriffe gegen
das Haus gefallen, müsse er doch etwas zugunsten desselben
sagen. Im Kuratorium sei man vollständig einig gewesen über
die Vortreffliohkeit des Planes. In der Baukommission aber
sei nur die Treppe bemängelt worden. Es sei nicht wohl-
getan, wenn man ein so weislich überlegtes Projekt in dieser
Weise in der Öffentlichkeit diskreditiere. Für die Herren, die
dagegen gesprochen haben, seien die Wohnungen natürlich
nicht angemessen, aber für Leute, für die sie bestimmt sind,
seien sie vorzüglich.

Herr Stadtv. E.: Die Treppe interessiere ihn nicht, aber
er müsse erklären, daß er Wohnungen von zwei Zimmern
nicht für angemessene Wohnungen halte. Die Wohnungs-
verhältnisse im alten Stadtteil seien unwürdig und wahrhaftig
polizeiwidrig. Die Leute bezahlten für Löcher 40—50 Taler,
Er müsse darauf bestehen, daß die Wohnungen mindestens zu
drei Zimmern in Aussicht genommen würden. In Wohnungen
von zwei Zimmern diene das eine Zimmer als Küche, Werk-
statt und Wohnzimmer; im anderen schlafe die ganze Familie.
Seien mehrere uud größere Kinder vorhanden, so seien diese
Wohnungen geradezu unanständig und sittlich verwerflich. In
einer hiesigen Zeitung werde für Arbeiterkolonien an der
Peripherie der Stadt plaidiert. Dagegen müsse er sich ganz
entschieden aussprechen; er sei vielmehr der Meinung, daß
der größte Teil der Stiftung in der alten Stadt bleibe, da hier
die Wohnungsnot am größten. Er beantrage demnach, das
Projekt zurückzuverweisen und dem Kuratorium den Auftrag
zu geben, Wohnungen von mindestens drei Räumen ins Auge
zu fassen.

Herr Stadtv. K. stellt gegenüber Herrn H. fest, daß in
dem ihm von der Verwaltung zugesendetengedruckten Exemplare
der Stiftungsurkunde nicht von „angemessenen," sondern
von „angenehmen" Wohnungen die Rede sei.

Herr Beigeordneter B.: Das Wohnungsbedürfnis gehe für
die kleinen Leute nicht über zwei Zimmer hinaus; wenn die

11*
        <pb n="179" />
        ﻿164

i

Die Wohnungsfrage.

Kinder groß geworden seien und aus dem Hause gingen, sei
dasselbe ebenfalls nicht größer. In der Zwischenzeit möge
es wohl etwas steigen. Indessen seien in dem Hause sogar
Wohnungen von vier Zimmern vorgesehen.

Herr Stadtv. L.: Nachdem von Mitgliedern der Baukom-
mission diese Ausstellungen gemacht seien, beantrage er, be-
hufs Einigung über dieselben, Zurückverweisung des Projektes
an das Kuratorium.

Herr Stadtv. F. Er habe aus der Disputation die Ansicht
gewonnen, daß es am besten sei, das ganze Projekt zu ver-
werfen und das Haus von Grund aus neu zu bauen.

Her Oberbürgermeister L.: Der größte Teil der städtischen
Beamten wohne auf zwei Zimmern und wenn „seine“ Beamten
damit auskämen, so sei das Beweis genug für das Projekt.
(Redner erklärte später, daß er vorzüglich die Schutzleute
im Auge habe.)

Nachdem Herr H. erklärt hatte, daß er es für unmöglich
halte, einen festen Plan für die Ausführung der ganzen Stiftung vor-
zulegen und Herr E. irrige Auffassungen aus seinem Vortrage korri-
giert, wird das Projekt der Verwaltung gemäß dem Vorschläge
des Herrn L. an das Kuratorium nochmals zurückverwiesen.“

Eine derartige Behandlung der wichtigsten Bürgerinter-
essen rüttelte die Bürgerschaft aus ihrem Schlafe auf; es
wurden Petitionen an den Vorsitzenden der Adersstiftung,
an den Oberbürgermeister und die Stadtverordneten geschickt,
welche um Umkehr von den faulen Wegen ersuchten. Aber
hochmütig legten die Herren diese ad acta. Die Folge
davon war der folgende einstimmige Protest einer großen
Bürgerversammlung, der dann auch den Erfolg hatte, daß
der Oberbürgermeister erklärte, daß das Kuratorium von
dem törichten Ankäufe alter Häuser in dem alten Stadtteile
Abstand nehmen werde, daß dagegen nur Neubauten an
der Peripherie der Stadt errichtet werden sollten:

Düsseldorf, 30. Mai 1892.*)

Die gestern vom Ortsverbande der deutschen Gewerk-
vereine einberufene Versammlung behufs Besprechung der
Wohnungsfrage unter Berücksichtigung der Adersstiftung war
von schönem Erfolge gekrönt. Der große Saal des Herrn
Pütz war bis auf den letzten Platz besetzt, und zwar nahmen

) Bericht der „Bürgerzeitung.
        <pb n="180" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

165

Bürger aller Stände und Parteien teil. Auch sah man —
rari nantes in gurgite vasto — einige Stadtverordnete. Der
Vorsitzende eröffnete die Versammlung und erteilte alsbald
Herrn Dr. Wehberg das Wort zu einem Vortrage, in welchem
derselbe an der Hand eines überaus reichhaltigen und sorg-
fältig gesichteten statistischen Materials die Wohnungsfrage
von sozialen und hygienischen Gesichtspunkten in meisterhafter
Form besprach. Mit lebhaftestem Beifall wurden insbesondere
diejenigen Ausführungen des Redners aufgenommen, in denen
er dem reaktionären Geiste, der im Düsseldorfer Rathaussaale
über den Verhandlungen betreffend die Wohnungsfrage ge-
schwebt hat, die gebührende Heim! euch tu ng angedeihen ließ.
Als erster Redner in der Disputation begründete Herr Hartmann
in treffenden Worten die nachstehende Resolution:

„Die heutige Versammlung, welche von Bürgern aller
Stände zahlreich besucht ist, erklärt nach Anhörung eines
Vortrages des Herrn Dr. Wehberg, mit dessen Ausführungen
sie sich einverstanden erklärt, daß die Stiftung des ver-
storbenen Landgerichtsrats Aders, die zum Bau von Arbeiter-
wohnungen bestimmt ist, bei einer den sozialen und hygie-
nischen Anforderungen entsprechenden Ausführung geeignet
gewesen wäre, die Wohnungsverhältnisse der arbeitenden
Klassen wesentlich zu verbessern. Sie erklärt indessen,
daß die bisherigen Maßnahmen des Kuratoriums der Aders-
stiftung diesen Anforderungen in keiner Weise entsprechen.

Indem die Versammlung hierüber ihr lebhaftes Bedauern
ausspricht, fordert dieselbe, daß bei Ausführung der Stiftung

1.	alle Ankäufe von Grundstücken zu Spekulationspreisen
und dadurch herbeigeführte Bereicherungen einzelner
Grundbesitzer vermieden werden, vielmehr

2.	alle verfügbaren Mittel möglichst zur Förderung der
Arbeit, durch Häuserbau, Beschaffung von Arbeitsgelegen-
heit und Verminderung der Arbeitslosigkeit verwendet
werden;

3.	die Ausführung von Bauten für die Adersstiftung nach
dem Grundsätze des „gemeinnützigen“ Baues geschehe,
daß also die Bauten nicht einem einzelnen Unternehmer,
wie hier dem Schwiegersöhne eines Stadtverordneten,
unbesehen übertragen, sondern in engerer Submission
zwischen soliden und tüchtigen Baumeistern vergeben
werden.

Endlich erklärt die Versammlung, daß hauptsächlich die
ungeeignete Zusammensetzung des Kuratoi'iums die Ursache
der getroffenen unzweckmäßigen Maßnahmen ist und zwar
deshalb, weil die Verwaltung einer Stiftung, die dem Inter-
esse der Wohnungsmieter dienen soll, ausschließlich in die
        <pb n="181" />
        ﻿

166

Die Wohnungsfrage.

Hände von Wohnungsvermietern, Bauunternehmern und
Hausbesitzern gelegt ist. Sie fordert daher, daß in das
Kuratorium der Adersstiftung auch Bürger aus denjenigen
Kreisen berufen werden, für welche die Stiftung bestimmt ist.“

Der folgende Redner, Herr Redakteur Stoffers, beschäftigte
sich ebenfalls eingehend mit jenem reaktionären Geiste. Ins-
besondere beleuchtete er die Ausführungen des Herrn Justizrat
H. über das „adlige“ Haus und über die Begriffe „angemessene“
und „angenehme“ Wohnungen unter dem Beifall der Ver-
sammelten. Den sachlichen Darlegungen des Herrn Stadtv.
E., welcher bekanntlich verlangt hatte, daß überhaupt der
größte Teil der Stiftung im alten Stadtteile verbleiben sollte,
weil dort die Wohnungsverhältnisse am erbärmlichsten seien,
begegnete dieser Redner mit dem Nachweise, daß, wenn man
die ganze Stiftung in der alten Stadt beließe, man zur Besserung
der Wohnungsverhältnisse auch nicht das geringste beitragen
würde. Das Haus an der Ratingerstraße solle nach dem Um-
bau 88 000 Mk. kosten: selbst wenn man zehn solcher Häuser
erstünde , würden diese zehn Häuser auf die Mietpreise und
sanitären Verhältnisse auch selbst in ganz geringem Maße
günstig einzuwirken nicht in der Lage sein, während mit den
Kosten für diese Häuser die ganze Stiftung beinahe verplempert
wäre. Dahingegen ließen sich an der Peripherie der Stadt
bei rationeller Wirtschaft einige Hundert Einfamilienhäuser
errichten, und diese würden sehr bald auf die Besitzer der
alten Häuser in der Weise einwirken, daß sie gezwungen
würden, ihren Mietern verbesserte und billigere Wohnungen
zu bieten, wenn sie dieselben nicht verlieren wollten. Nicht
die Adersstiftung habe die Aufgabe, jene schändlichen Spelunken
abzureißen und menschenwürdige Wohnungen an ihre Stelle
zu setzen, sondern es sei Pflicht derjenigen, die so lange
Jahre die hohen Mieten aus denselben gezogen hätten, das
zu tun. Den Schluß bildete die schlichte Rede eines Arbeiters,
von der wir wünschten, daß sowohl Herr Dr. B. mit seiner
Zweizimmertheorie als auch das gesamte Stadtverordneten-
kollegium sie gehört hätten. Er sagte, daß er für 48 Taler auf zwei
Speicherzimmern wohnen müsse, daß es ihm aber unmöglich
sei, schon bei einer Pamilie von zwei Kindern diesen in einer
solchen Wohnung eine christlich-sittliche Erziehung zu geben,
wie er sie von seinen Eltern überkommen. Er danke daher
den Gewerkvereinen, daß sie diese Frage so energisch in die
Hand genommen. Hierauf wurde die Resolution des Herrn
Hartmann unter lebhaftem Bravo einstimmig angenommen.

Aber kann es bei einer solchen Behandlung der Frage
■wundernehmen, wenn unsere Arbeiter das Vertrauen zu
solchen Hilfeleistungen verlieren, daß sie tiefer Grimm er-
        <pb n="182" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

167

faßt? Almosen wollen unsere Arbeiter, welche aus dumpfem
Knechtesschlafe erwacht sind und an den Segnungen der
industriellen Epoche Teil zu nehmen wünschen, nicht; sie
wollen nur Gerechtigkeit. Niemand brauchte zu darben im
Angesichte des Überflusses; aber Grundrente, Zins und
Unternehmerprofit nehmen den Löwenanteil für sich in
Anspruch. Mögen staatliche und kommunale Behörden, wie
Arbeiter und private Gesellschaften Häuser bauen; diese
Maßnahmen bedeuten nicht die Lösung der Wohnungs-
frage. Wir halten es im Gegenteil für verderblich, wenn
man glaubt, die Arbeiter zu beruhigen, indem man ihnen
die Sorge um eigene Wohnungen abnehmen will, wie das
die Erfahrung allerwärts gelehrt hat. Immer freilich werden
auch in Zukunft Bürger sein, welche das Mietshaus dem
Eigentum vorziehen werden, aber im großen und ganzen
kann man sagen, daß wir die wirtschaftlichen Grundlagen
so legen müssen, daß jeder Fleißige ohne Mühe und Ent-
behrung seine eigene Wohnstätte besitzen kann. Das aber
muß erstrebt werden durch fundamentale und zum Teil
rücksichtslose Reformen.

Wenn aber die Zeit gekommen, wo unsere Bürger statt
in elenden Spelunken in hellen, traulichen Räumen weilen
werden, wenn ihnen die Heimat wieder die „liebe, süße
Heimat“ sein wird, dann werden auch Geschlechter empor-
wachsen, welche, versöhnt mit den wirtschaftlichen und
sozialen Zuständen ihrer Zeit, ein frohes und glückliches
Dasein in der Erfüllung ihrer Pflichten führen werden.
Wir stehen an der Schwelle des 20. Jahrhunderts, des Jahr-
hunderts der Arbeiter. In ihm werden Millionen und wieder
Millionen von Brüdern auf eine höhere Stufe der Lebens-
haltung gelangen, und die nach Beseitigung des arbeitslosen
Einkommens vervielfachte Produktion wird ehrlicher und
treuer Arbeit den reichlichsten Lohn sichern.
        <pb n="183" />
        ﻿
        <pb n="184" />
        ﻿Sachregister.

Abwässer 117 ff.

Ackerkultur 14.

Ackerland 7, 8, 9, 68.
Adersstiftung 160 ff.

Agrarier 148 ff.

Alkoholbewegung 17, 93.
Allwohlsbund X, 1, 66, 74, 76.
Anarchismus 2.

Anwachsen der Städte 11,129, 147.
Arbeiterschutzgesetzgebung 15,
101.

Bauernstand 35.
Baugenossenschaften 12, 15. 159.
Baugrund 7, 8.

Bauhandwerker 12, 150 ff.
Bauordnungen 155.
Beamtengehälter 16.

Bergarbeiter 107 ff.

Bergwerke 13, 66, 68, 81, 90, 91 ff.,
104 ff.

Besiedelung des Landes 11, 86,147.
Bodensenkungen 117 ff.
Bodenspekulationen 51, 131 ff.
Bund für Bodenbesitzreform 65,
89 ff.

Dachstuben 125.

Demokratie 14.

Dezentralisation der Bevölkerung
11, 148.

Doppelwährung 9.

Eisenbahnen 13, 91, 106, 114.
Entvölkerung des Landes 11, 147.
Erbrecht 84, 90, 94.

Fideikommisse 90.

Flüsse 66, 68.

Frauenbewegung 16.

Freihandel 7, 10, 35, 74 ff., 95 ff.
Frei Land 65, 67.
Friedensbewegung 16 ff.

Gartenland 7, 8, 14.
Gemeindeeigentum 8, 99, 156.
Genossenschaftswesen 14 ff., 69,
90, 100, 157.

Germanisches Recht 7.
Gesundheitswidrige Wohnungen
127.

Grundrente VI, 3, 5, 6, 7, 8, 9 ff.,
33 ff., 60, 62 ff., 65, 87, 89, 98, 107.
Grundzinsgemeinschaft 6, 7.

Hypotheken 8 ff., 86, 90, 100,
135 ff., 149.

Impöt unique 7, 13, 65, 89.
Individualismus 2.

Kanäle 11, 13.
Kapitalansammlung 14, 57.
Kapitalismus 2, 7.

Katastrierung 94.
Kellerwohnungen 124 ff.
Kinderschutz 15.

Kirchen 1, 4.

Kleinbahnen 11, 148.

Kohlenpreise 81 ff., 111 ff.
Kommunismus 2, 5, 24, 25, 74, 89,
101.

Konsumgenossenschaften 15.
Konvertierung der Anleihen 10.

Landgemeindeordnung 90, 94 ff.
Landliga IX, 75.

Latifundien 45 ff., 85, 94, 149.
Lebensalter der Bevölkerung 126.
Liberalismus 2, 5.

Manchestertum 23, 77, 87.
Mineralquellen 7 ff.
Monopolgrundrente 8 ff., 62, 66 ff.,
71 ff., 95.

Moore 7 ff.
        <pb n="185" />
        ﻿170

Sachregister.

Nationalisierung des Bodens 8.

Naturalgrundrente 10 ff., 66 ff., 95.

Parzellierung der Güter 86, 89.

Privatmißbrauch am Boden 1,4 ff.,
28 ff.

Produktivgenossenschaften 14 ff.,
100, 157.

Rentengut 86, 90, 98, 147, 148.

Römisches Recht 7.

Schutzverband für deutschen
Grundbesitz V.

Schutzzoll 35, 49, 74 ff., 95 ff.

Selbsthilfe 1, 146, 156.

Sicherungshypothek der Bauhand=
werker 151 ff.

Silherwährung 9.

Single Taxe 7, 13, 65, 89.

Sozialdemokratie 2, 5, 24, 25, 74,
89, 101.

Soziale Frage 19 ff., 139 ff., 146 ff.

Sozialismus 1 ff., 23 ff.

Staatseigentum 8 ff., 100.

Steigen der Grundrente VI, 6, 7,
33, 65, 89, 107.

Steuern 12 ff., 90, 93, 154.

Streiks 110 ff.

Syndikate 14.

Talsperren 11.

Trusts 14.

Überproduktion 57, 133.

Untern ehmergewinn 5, 36, 60,
87 ff.

Unterrichtsanstalten 4.

Versicherungswesen 10 ff., 92 ff.

Verstaatlichung: des Bodens 7 ff.,
99, 156; des Getreidehandels
9; des Hypothekarkredits 10, 86,
90, 100, 149; des Versicherungs-
wesens' 10 ff., 92 ff.

Vorkaufsrecht des Staates 86, 98.

Vorrechte der Gehurt 4.

Wälder 7 ff., 66, 68.

Warenbanken 15.

Wasserkräfte 7 ff.

Weiden 7 ff., 66, 68.

Wertzuwachssteuer XI, XIII.

Wiesen 7 ff., 66, 68.

Wohnungsfrage 11 ff., 52, 123 ff.

Zentralverband deutscher Indu-
strieller 21.

Zins 3, 5, 10 ff., 60, 62 ff., 105 ff.

\
        <pb n="186" />
        ﻿Im Verlage der Universitätsbuchdruckerei Carl Georgi in
Bonn erschien 1911 von Dr. Hans Wehberg in Düsseldorf

A. Theodor Stamm

und die Anfänge der deutschen
Bodenreformbewegung.

Preis 2 Mark.

Urteile der Presse:

Heinrich Freese, Ehrenvorsitzender des Bundes deutscher Bodenreformer,
in der Bodenreform vom 20. April 1911: Ich finde, daß das Unter-
nehmen Dr. Wehbergs sehr verdienstlich ist. Viele Einzelheiten
werden aus der Vorgeschichte des Bundes erzählt, die selbst
Bodenreformern unbekannt sein werden, die wie ich seit mehr
als zwei Jahrzehnten in der Bewegung stehen.

Sozialistische Monatshefte: Die Aufgabe, die Geschichte der deutschen
Bodenreformbewegung aufzuzeigen, hat der Verfasser vorzüglich
gelöst.

Professor Dr. Koeppe (Marburg) im «Archiv für die Geschichte des
Sozialismus»: Die verdienstvolle Schrift bringt eine quellenmäßige
Darstellung über die Anfänge der deutschen Bodenreform-
bewegung aus den urkundlichen Materialien und Korrespondenzen
des Vaters des Verfassers Dr. med. Heinrich Wehberg, der in
diesen Anfängen eine hervorragende Rolle gespielt hat.

Dr. Görnandt, Syndikus des Schuh Verbundes für deutschen Grund-
besitz, im «Tag» vom 19. Dez. 1912: Eine kleine, aber wert-
volle Schrift aus der Feder des Sohnes des alten Wehberg,
der zu den ersten Bodenreformern in Deutschland gehörte.
Wertvoll, weil sie viel Material aus Aktenstücken und Briefen
an das Tageslicht fördert, interessant, weil sie in scharfen
Umrissen den Gegensatz der alten deutschen Bodenreform zu
der heutigen (vielfach sogenannten Dameschkeschen) erkennen
läßt. Alle, die der Bodenreform kritisch gegenüberstehen, werden
dem Wehbergschen Buche wesentliche Gesichtspunkte entnehmen
können.

Geheimrat Schrameier in der Schrift «Die deutsche Bodenreform-
bewegung» (1912): Über die Anfänge der Bodenreformbestrebungen
in Deutschland besitzen wir mehrere Darstellungen, von denen
besonders zwei ein ziemlich erschöpfendes Material zur Be-
urteilung enthalten: Dr. Hans Wehbergs Schrift über A. Theodor
Stamm und die Anfänge der deutschen Bodenreformbewegung,
1911, und A. Damaschke, Zur Geschichte der deutschen Boden-
reformbewegung, 1906.
        <pb n="187" />
        ﻿Von Dr. med. Heinrich. Wehberg
erschien in den Jahren 1887—1897
die Streitschriftensammlung:

Wider den

Mißbrauch des Alkohols
am Krankenbette.

1- Heft: Wider den Mißbrauch des Alkohols, zumal
am Krankenbette. 1887. 18 s.

2.	Heft: Die Behandlung der croupösen Lungen-

entzündung nach den Grundsätjen des
Professors von Jürgensen in Tübingen.

1889. 24 S.

3.	Heft: Der Kampf um die Lebensanschauung und

der Arzneiaberglaube der Ärzte. 1891. 51 s.

4.	Heft: Die Erlösung der Menschheit vom Fluche

des Alkohols. 1894. 30 s.

5.	Heft; Die Enthaltsamkeit von geistigen Ge-

tränken, eine Konsequenz moderner Welt-
anschauung. 1897. 66 s.

Heft 1—4 erschienen in Heusers Verlag (Neuwied),
Heft 5 in Chr. G. Tienkens Verlag (Leipzig).
        <pb n="188" />
        ﻿Aus dem Verlage von Duncker &amp; Humblot in München und Leipzig.

Veröffentlichungen zur Statistik des
Bodenkredits u.verwandter Gebiete.

Herausgegeben vom Archiv für Bodenkredit derBaye rischen
Handelsbank zu München.

Heft 1: Die deutschen Bodenkreditinstitute 1900
bis 1909.

Von Fritj Schulte.

Mit 7 Tabellen. M. 5.—.

Heft 2: Die Bodenkreditinstitute der Öster-
reichisch-Ungarischen Monarchie 1841 bis 1910.

Von Fritj Schulte.

M. 12.—.

Die Organisation des Bodenkredits
in Deutschland.

III. Abteilung: Die Landschaften u. landschafts=
ähnlichen Kreditinstitute in Deutschland.

Band I: Die Statistik.

Von Felix Hecht.

Mit 5 Tabellen und 4 Darstellungen. M. 25.—.

Die Bodenreform.

Eine do gmen-g eschichtlich-kritische Studie.
Von Dr. P. Gutzeit.

Das sachlich geschriebene Werkdien ist ein brauchbares Handbuch für alle
diejenigen, die sich kurz über den Standpunkt und die Forderungen der
einzelnen Bodenreformer informieren wollen.	(Vorwärts.)

Zu beziehen durch jede Buchhandlung.

Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel 8c Co. in Altenburg, S.-A.
        <pb n="189" />
        ﻿Die Wohnungsfrage.

167

faßt? Almosen wollen unsere Arbeiter, welche aus dumpfem
Knechtesschlafe erwacht sind und an den Segnungen der
industriellen Epoche Teil zu nehmen wünschen, nicht; sie
wollen nur Gerechtigkeit. Niemand brauchte zu darben im
Angesichte des Überflusses; aber Grundrente, Zins und
Unternehmerprofit nehmen den Löwenanteil für sich in
Anspruch. Mögen staatliche und kommunale Behörden, wie
Arbeiter und private Gesellschaften Häuser bauen; diese
Maßnahmen bedeuten nicht die Lösung der Wohnungs-
frage. Wir halten es im Gegenteil für verderblich, wenn
man glaubt, die Arbeiter zu beruhigen, indem man ihnen
die Sorge um eigene Wohnungen abnehmen will, wie das
die Erfahrung allerwärts gelehrt hat. Immer freilich werden
auch in Zukunft Bürger sein, welche das Mietshaus dem
Eigentum vorziehen werden, aber im großen und ganzen
kann man sagen, daß wir die wirtschaftlichen Grundlagen
so legen müssen, daß jeder Fleißige ohne Mühe und Ent-
behrung seine eigene Wohnstätte besitzen kann. Das aber
muß erstrebt werden durch fundamentale und zum Teil
rücksichtslose Reformen.

Wenn aber die Zeit gekommen, wo unsere Bürger statt
in elenden Spelunken in hellen, traulichen Räumen weilen
werden, wenn ihnen die Heimat wieder die „liebe, süße
Heimat“ sein wird, dann werden auch Geschlechter empor-
wachsen, welche, versöhnt mit den wirtschaftlichen und
sozialen Zuständen ihrer Zeit, ein frohes und glückliches
Dasein in der Erfüllung ihrer Pflichten führen werden.
Wir stehen an der Schwelle des 20. Jahrhunderts, des Jahr-
hunderts der Arbeiter. In ihm werden Millionen und wieder
Millionen von Brüdern auf eine höhere Stufe der Lebens-
haltung gelangen, und die nach Beseitigung des arbeitslosen
Einkommens vervielfachte Produktion wird ehrlicher und
treuer Arbeit den reichlichsten Lohn sichern.
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</TEI>
