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        <title>Die Bodenreform im Lichte des humanistischen Sozialismus</title>
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            <forname>Heinrich</forname>
            <surname>Wehberg</surname>
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            <idno>890236992</idno>
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        ZUM  FÜNFUNDZWANZIGJÄHRIGEN
JUBILÄUM  DER  BEGRÜNDUNG  DES
BUNDES  DEUTSCHER  BODENREFORMER
=  1888-1913

DIE

BODENREFORM

IM  LICHTE  DES

HUMANISTISCHEN  SOZIALISMUS

VON

DR.  HEINRICH  (WEHBERG
ERSTEM  VORSITZENDEN  DES
„BUNDES  FÜR.  BODENBESITZREFORM“
VON  1888—1890

MIT  EINEM  BILDNIS

VERLAG  VON  DUNCKER  &amp;amp;  HUMBLOT
MÜNCHEN  UND  LEIPZIG
1913

Weltwirtschaftliches  Archiv

j  ZUR  CESPCSC*-tUHG.  j
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        ZUM  FUNFUNDZWANZIGJÄHRIGEN
JUBILÄUM  DER  BEGRÜNDUNG  DES
„BUNDES  DEUTSCHER  BODENREFORMER“
1888—1913

DIE
BODENREFORM
IM  LICHTE  DES
HUMANISTISCHEN  SOZIALISMUS
VON
Dr.  HEINRICH  WEHBERG
ERSTEM  VORSITZENDEN  DES
„BUNDES  FÜR  BODENBESITZREFORM“
VON  1888-1890

MIT  EINEM  BILDNIS

VERLAG  VON  DUNCKER  &amp;amp;  HUMBLOT
München  und  Leipzig
1913

1

Weltwirtschaftliches  hrchiv
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        Alle  Rechte  Vorbehalten.

Altenburg,  S.-A.
Pierersche  Hofbuchdruckerei
Stephan  Geibel  &amp;amp;  Co.
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        Inhaltsverzeichnis.
Seite
Zur  Erinnerung  an  Heinrich  Wehberg  I
I.  Programm  des  Humanistischen  Sozialismus  1
II.  Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels  •  •  •  •  19
III.  Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke  104
IV.  Die  Wohnungsfrage  123
        <pb n="5" />
        Zur  Erinnerung  an  Heinrich  Wehberg.
B ei  dem  eifrigen  und  gewiß  nicht  unbegründeten  Bestreben ­
  eine  große  Anhängerschar  zu  gewinnen,
haben  die  neueren  Bodenreformer  die  Ideen  ihrer  ersten
Vorkämpfer  mehr  und  mehr  verlassen.  Die  Begründer
der  Bodenreformbewegung,  die  einst  in  heller  Begeisterung
die  sie  ganz  beherrschende  Lehre  verkündet  und  den  ersten
Samen  ausgestreut  haben,  finden  heute  nicht  mehr  die  Beachtung, ­
  die  ihnen  vielleicht  zukommen  dürfte.  Je  schärfere
Gegnerschaft  aber  die  gegenwärtigen  Ziele  des  „Bundes
Deutscher  Bodenreformer“  finden,  umso  größeres  Interesse
darf  die  Ideenwelt  jener  Vorkämpfer  für  sich  in  Anspruch
nehmen.  Denn  wer  sich  in  dem  Kampfe  gegen  die  Bodenreformbestrebungen, ­
  der  seit  der  Begründung  des  „Schutzverbandes, ­
  für  Deutschen  Grundbesitz“  besonders  heiß
entbrannt  ist,  ein  eigenes  Urteil  bilden  will,  muß  ganz  gewiß ­
  ebenso  sehr  die  Lehren  der  früheren  wie  der  jetzigen
Bodenreformer  kennen.
Stamms  und  Flürscheims  Schriften  haben  seinerzeit
einige  Verbreitung  gefunden,  so  daß  sich  eine  erneute  Herausgabe ­
  ihrer  leicht  zugänglichen  Werke  erübrigt.  Etwas
anderes  ist  es  mit  den  Schriften  Heinrich  Wehbergs,
die  fast  alle  nach  seinem  Austritte  aus  dem  Vorstande  des
„Deutschen  Bundes  für  Bodenbesitzreform“  erschienen  sind
und  von  den  leitenden  Bodenreformern  totgeschwiegen
wurden.  Das  ist  umso  natürlicher,  als  in  jenen  Schriften
die  damalige  und  heutige  Richtung  des  Bundes  sehr  angegriffen ­
  wurde.  Wehberg  hatte  den  Ehrenposten  des
ersten  Vorsitzenden  des  Bodenreformbundes  1890  deswegen
niedergelegt,  weil  er  die  Annahme,  daß  die  Grundrente
        <pb n="6" />
        VI

Zur  Erinnerung  an  Heinrich  Wehberg.

ewig  steigen  werde,  für  verderblich  hielt.  Er  hat  diese
Überzeugung  bis  zum  Ende  seines  Lebens  vertreten,  und
da  er  in  allen  Schriften  davon  ausging,  daß  bei  einer  organischen ­
  Reform  die  Grundrente  sinken  werde,  so  fand  er
infolge  dieses  mit  der  herrschenden  Bodenreformrichtung
kollidierenden  Grundsatzes  seiner  Arbeiten  keinerlei  Gehör.
Nur  kurz  haben  die  Bodenreformer  in  Nummer  24  der  Zeitschrift ­
  „Frei  Land“  vom  Jahre  1891  seine  Bedenken  zu
widerlegen  versucht.  Daß  die  Theorien  Wehbergs  aber
eine  etwas  größere  Beachtung  verdienen,  geht  nicht  nur
daraus  hervor,  daß  hervorragende  Männer  der  Wissenschaft
bezüglich  der  Grundrente  heute  auf  ähnlichem  Standpunkte
stehen.  Sogar  Führer  der  Bodenreformbewegung  sind  später
schwankend  an  dem  geworden,  was  der  offizielle  Bund  vertritt. ­
  So  schrieb  dem  Verfasser  dieses  der  holländische
Bodenreformer  Jan  Stoffel  am  18.  Mai  1911:  „Ich  stehe
ganz  auf  dem  Boden  der  von  Wehberg  vertretenen  Anschauungen.“ ­
  Bekanntlich  ist  Stoffel  einer  der  hervorragendsten ­
  Bodenreformer  der  ersten  Zeit  und  auch  stellvertretender ­
  Vorsitzender  des  Bundes  gewesen.  Ebenso
bedeutsam  ist  aber,  daß  sogar  Flürscheim,  der  Begründer
und  allererste  Vorkämpfer  der  Bewegung,  Anfang  1911  ebenfalls ­
  brieflich  erklärte:  „Vielleicht  ist  Wehberg  bei  dem
Streite  um  die  Bodenrente  dennoch  im  Rechte  gewesen.“
Diese  Tatsachen  mögen  erklären,  weshalb  hiermit  nochmals ­
  einige  der  Wehberg  sehen  Bodenreformschriften  der
Öffentlichkeit  übergeben  werden.
Selbst  wenn  heute  sowohl  die  Ansichten  Wehbergs  wie
diejenigen  Flürscheims  und  Stamms  für  die  praktische
Bodenreformbewegung  keine  Bedeutung  hätten,  so  würde
daraus  noch  lange  nicht  folgen,  daß  man  ihre  Schriften
vergessen  soll.  Keine  Bewegung,  die  zu  einem  machtvollen
Kulturfaktor  geworden  ist,  tut  gut  daran,  die  ersten  Vorkämpfer ­
  der  Vergessenheit  anheimfallen  zu  lassen  und  nur
        <pb n="7" />
        Zur  Erinnerung  an  Heinrich  Wehberg.

VII

der  Gegenwart  und  Zukunft  zu  leben.  Wohl  muß  die  größte
Kraft  den  Aufgaben  des  Tages  gehören,  aber  in  Feierstunden
soll  sich  der  Blick  zurückwenden  in  die  goldenen  Tage  der
ersten  Begeisterung,  wo  Männer  mit  unerschütterlichem  Vertrauen ­
  auf  ihre  gute,  große  Sache,  wenn  auch  unpraktischen
Sinnes,  zum  ersten  Male  die  Wahrheit  verkündeten.  Wer
sich  näher  mit  dem  Leben  dieser  ersten  Reformer  befaßt,
empfindet  eine  ehrfurchtsvolle  Hochachtung  vor  der  Charakterfestigkeit ­
  und  der  nie  ermüdenden  Standhaftigkeit
dieser  Idealisten,  die,  abgewandt  von  den  Aufgaben  des
Alltags,  für  die  großen  Ziele  des  Vaterlandes  und  der  Menschheit ­
  wirkten.  Man  wird  solchen  Männern,  und  seien  sie
noch  so  verträumt,  nie  damit  gerecht,  daß  man  sie  als
heillose  Utopisten  verspottet.  Denn  haben  sie,  wie  dies
bezüglich  der  Bodenreformer  ganz  gewiß  zutrifft,  bei  ihrer
Mitwelt  eine  gewisse  Beachtung  gefunden,  so  haben  sie
die  Diskussion  einer  wichtigen  Frage  veranlaßt.  Und
schließlich  sind  doch  zahlreiche  heutige  Bodenreformer
in  erster  Linie  durch  jene  Vorkämpfer  gewonnen  worden.
Muß  somit  nicht  schon  die  Pflicht  zur  Dankbarkeit  dahin
führen,  jener  Männer  mehr  zu  gedenken,  als  dies  heute  der
Fall  ist?  Ferner  ist  es  gewiß,  daß  das  Beispiel  der  Begründer ­
  der  deutschen  Bodenreformbewegung  in  hohem
Maße  auf  die  jüngeren  Anhänger  dieser  großartigen  Reformbewegung ­
  aneifernd  und  begeisternd  wirken  wird.  An
dem  Idealismus  der  Alten  werden  sich  die  heutigen  Bodenreformer ­
  stählen  und  die  Kraft  für  den  Kampf  gegen  die
organisierten  Gegner  gewinnen  können.
Der  Erinnerung  an  die  ersten  Jahre  des  Bundes  für
Bodenbesitzreform  werden  sich  daher  die  heutigen  Bodenreformer ­
  mehr  als  bisher  widmen  müssen,  und  gerade  die
fünfundzwanzigjährige  Wiederkehr  des  Gründungstages  soll
dazu  die  erste  Veranlassung  bieten.  Hoffentlich  wird  man
bald  daran  gehen,  besonders  auchFlürscheim  ein  bleibendes
        <pb n="8" />
        VIII

Zur  Erinnerung  an  Heinrich  Wehberg.

Denkmal  zu  setzen.  Unsagbar  viel  verdankt  die  Bewegung
diesem  charaktervollen  Vorkämpfer,  der  einen  großen,  den
besten  Teil  seines  Lebens  in  reinstem  Idealismus  der  Vertretung ­
  der  Bodenreformidee  gewidmet  hat.  Aber  auch
die  hervorragenden  Verdienste  von  Arons,  Stoffel  usw.
sollten  in  Bodenreformkreisen  mehr  gewürdigt  werden,  als
dies  heute  der  Fall  ist.
Wenn  von  Wehberg  seit  vielen  Jahren  in  der  breiten
Öffentlichkeit  kaum  gesprochen  wurde,  so  lag  das  nicht  zum
wenigsten  an  seiner  vornehmen  Zurückhaltung.  Er  liebte,
wie  es  in  einem  ihm  gewidmeten  Nachrufe  im  „Tag“  heißt,
das  laute  politische  Wesen  nicht.  Was  er  zu  sagen  hatte,
hatte  er  in  seinen  Schriften  niedergelegt,  und  sehnsuchtsvoll
wartete  er  zwanzig  Jahre  lang  auf  die  Stunde,  da  seine  Ideen
durchdringen  würden.  Seine  ganze  Kraft  war  in  dieser  Zeit
dem  Wohle  der  rheinischen  Arbeiter  gewidmet,  in  deren
Vereinen  er  allwöchentlich  ein  oder  mehrere  Vorträge  hielt,
um  sie  über  die  Bodenreform  und  die  soziale  Frage  zu
belehren.  Als  Arzt  war  er  in  dieser  Zeit  erfüllt  von  seiner
Aufgabe,  den  Nächsten  zu  helfen.  In  dem  kleinen  Kreise,
in  dem  er  lebte,  suchte  er  durch  sein  Wort  und  sein  Beispiel ­
  das  Verständnis  für  die  Idee  des  humanistischen
Sozialismus  zu  wecken.  In  der  Düsseldorfer  Bürgerzeitung
schrieb  er  ein  Jahrzehnt  lang  hunderte  von  Leitartikeln.
Erscheint  es  auch  eigenartig,  daß  er  in  dieser  Zeit  nur
selten  versuchte,  über  den  Bereich  der  Rheinprovinz  hinaus
zu  wirken,  so  geht  doch  aus  jenen  Tatsachen  sein  uneigennütziger ­
  Charakter  und  sein  ganz  der  Menschheit  gewidmetes
Streben  um  so  schöner  hervor.  Nie  kam  es  ihm  darauf  an,
daß  man  von  ihm  redete.  Er  wollte  Gutes  tun,  gleich  viel
welcher  Art.
Schon  in  seiner  Jugendzeit  offenbarte  sich  dieser  ideale
Charakterzug  in  schönster  Weise.  Als  er  seine  medizinischen
Examina  aufs  glänzendste  bestanden  hatte,  und  man  ihm
        <pb n="9" />
        Zur  Erinnerung  an  Heinrich  Wehberg.

IX

eine  ehrenvolle  Stellung  an  der  Bonner  Universität  als
Dozent  anbot,  da  lehnte  er  ab,  weil  er  sich  dann  nicht
genug  dem  widmen  konnte,  was  ihm  als  der  höchste  Beruf
des  Mannes  galt,  dem  Kampfe  für  den  Fortschritt  auf
sozialem  Gebiete.  Er  ließ  sich  1880,  nachdem  er  in  Tübingen,
Greifswald  und  Bonn  studiert  hatte,  als  Arzt  nieder  und
hat  in  Düsseldorf  33  Jahre  eine  ausgedehnte  Praxis  ausgeübt. ­
  Mehrere  Jahre  war  er  leitender  Arzt  des  Sanatoriums
Waldesheim.  Auf  medizinischem  Gebiete  war  er  stets  bemüht, ­
  dem  Fortschritte  die  Wege  zu  ebnen.  Er  gehört  zu
den  allerersten,  die  in  Deutschland  für  die  Antialkoholbewegung ­
  eintraten.
Im  Jahre  1885,  im  dreißigsten  Lebensjahre  (er  war  am
26.  September  1855  auf  dem  Gute  Berge  bei  Volmarstein
an  der  Ruhr  geboren),  wurde  Wehberg  mit  der  Bodenreformidee ­
  durch  das  Buch  „Demokratie  und  Bismarck,  ein
ehrliches  Wort  über  das  Recht  auf  Arbeit“  (1885)  von
Ferdinand  Gilles  bekannt.  Gilles  gehörte  mit  ihm  dem
Düsseldorfer  Wahlverein  der  deutschen  Fortschrittspartei  an
und  hatte  in  dem  erwähnten  Buche  auf  Flürscheims
Ideen  hingewiesen.  Wehberg  suchte  den  Wahlverein  für
die  Bodenreformidee  zu  gewinnen  und  zog  sich,  als  dieser
sich  abgeneigt  zeigte,  von  ihm  zurück.
Bei  der  am  4.  Juli  1886  erfolgenden  Begründung  der
Landliga  wurde  Wehberg  in  den  Vorstand  dieser  Vereinigung ­
  gewählt.  Diese  entfaltete  einige  Monate  lang  eine
überaus  eifrige  Propaganda  für  die  Bodenreformbewegung
und  erregte  auch  viel  Beachtung.  Bereits  der  erste  Jahrestag ­
  der  Vereinigung  am  30.  Mai  1887  zeigte  jedoch  schon
ihre  Ohnmacht.  Wehberg  schrieb  über  diese  Versammlung,
er  sei  aus  ihr  sehr  deprimiert  fortgegangen;  denn  was  er
gefunden,  seien  nicht  die  Männer,  die  eine  große  Reform
zustande  bringen  könnten.  Als  dann  Flürscheim  an
die  Gründung  eines  neuen  Bundes  dachte,  schloß  sich  ihm
        <pb n="10" />
        "Wehberg  an.  1888  erschien  Wehbergs  erste  Bodenreformschrift:
  „Welches  ist  der  erste  Stand?  Beantwortet  im
Geiste  des  humanistischen  Sozialismus.“  Der  Grundgedanke
des  Buches  war  unter  anderen,  daß  es  in  Wahrheit  nur
einen  großen  Stand  zufriedener  und  glücklicher  Menschen
gebe,  den  der  geistigen  und  körperlichen  Arbeiter.
Am  16.  September  1888  erfolgte  in  Frankfurt  a.  M.  die
Begründung  des  „Bundes  für  Bodenbesitzreform“.  Flürscheim,
  der  zahlreiche  Gegner  außerhalb  der  Bodenreformbewegung ­
  hatte,  lehnte  die  Übernahme  des  Vorsitzes  ab
und  schlug  Wehberg  zum  Vorsitzenden  vor,  dessen  Wahl
einstimmig  erfolgte.  Letzterer  leitete  auch  die  erste  Generalversammlung ­
  des  Bundes  in  Köln  am  15.  September  1889
sowie  die  vom  1.  Januar  1890  ab  erscheinende  Wochenschrift ­
  „Frei  Land“.  Der  Bund  blühte  unter  seiner  Leitung
stetig  auf.  Die  anfangs  118  Mitglieder  zählende  Vereinigung
verdoppelte  sich  bald.  Wer  die  Schwierigkeiten  der  ersten
Organisation  kennt,  weiß,  daß  dieses  Resultat  nicht  gering
anzuschlagen  ist.  Leider  kam  es  schon  bald  zwischen
Wehberg  und  Flürscheim  über  die  Frage  der  Grundrente ­
  zu  Meinungsverschiedenheiten,  die  den  freiwilligen
Austritt  Wehbergs  aus  dem  Vorstande  des  Bundes  am
1.  Juni  1890  zur  Folge  hatten.  Die  in  diesem  Buche  enthaltene ­
  Schrift  „Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels“ ­
  (1891)  enthält  im  einzelnen  die  Gründe  seines  damaligen ­
  Verhaltens.  Nach  der  Trennung  von  Flürscheim
trat  Wehberg  in  den  Vorstand  der  Stammschen  Bodenreformvereinigung ­
  „Der  Allwohlsbund“  ein,  die  aber  ohne
Bedeutung  blieb  und  schon  bald  wieder  einging.
Trotz  seiner  Opposition  gegen  die  leitenden  Ideen
des  Bodenreformbundes  hat  W  e  h  b  e  r  g  diesem  seine
Sympathie  lange  Zeit  bewahrt.  1894  hielt  er  noch  auf  der
Generalversammlung  einen  Vortrag  über  „Ehelosigkeit  und
Sozialreform  “.  Als  sich  Damaschke  im  September  1895  an  ihn
        <pb n="11" />
        Zur  Erinnerung  an  Heinrich  Wehberg.

XI

um  Rat  wandte,  wie  trotz  der  schlechten  Kassenverhältnisse
die  Weiterführung  von  „Frei  Land“  zu  ermöglichen  sei,  da
sandte  Wehberg  sogleich  mehr  als  den  dritten  Teil  der
zur  Fortsetzung  der  Bundeszeitschrift  nötigen  Summe  ein.
Erst  in  späteren  Jahren,  als  der  Bund  beharrlich  das  ablehnte, ­
  was  er  für  richtig  hielt,  zog  er  sich  mehr  und  mehr
von  ihm  zurück.  Auch  mit  der  vom  Bunde  befürworteten
Reichswertzuwachssteuer  konnte  er  sich  nicht  befreunden.
(Den  Anteil,  den  Wehberg  an  der  Bodenreformbewegung
genommen  hat,  ersieht  man  aus  der  Schrift  von  Hans
Wehberg:  „A.  Theodor  Stamm  und  die  Anfänge  der
deutschen  Bodenreformbewegung“  1911,  Bonn,  Carl  Georgi).
1891  bzw.  1895  erschienen  zwei  Schriften  über  „Die  Verstaatlichung ­
  der  Bergwerke“,  und  über  „Die  Wohnungsfrage ­
  im  Lichte  des  humanistischen  Sozialismus“,  die  ebenfalls ­
  in  diesem  Buche  enthalten  sind.
Am  16.  Dezember  1912  ist  Dr.  Wehberg  im  Alter  von
57  Jahren  am  Herzschlage  verstorben.  Niemand  hat  wohl
ein  treffenderes  Bild  seines  Charakters  entworfen  als  sein
Jugendfreund  Professor  Dr.  Busch,  der  am  Grabe  unter
anderen  folgende  Worte  sprach:
„Er  war  ein  Mann!  Nehmt  alles  nur  in  allem  ;  wir  werden
selten  seines  gleichen  sehn.“  —  Das  soll  keine  hohle  Lobpreisung ­
  sein;  die  würde  wahrlich  schlecht  passen  zu  der
einfachen,  offen  ehrlichen,  jede  Phrase  hassenden  Art  des
teuren  Toten,  vielmehr  meine  ich,  daß  das  Dichterwort  sich
auf  wenige  Menschen  besser  anwenden  läßt  als  auf  Heinrich
W  e  h  b  e  r  g.
Fern  vom  Getriebe  der  großen  Welt,  niemals  strebend
nach  äußerer  Ehre,  nach  öffentlicher  Anerkennung,  stets  sich
selbst  treu,  in  allem  Tun  und  Lassen  nur  der  eigenen,
innersten  Überzeugung  folgend,  einzig  seinen  Ideen  und
seiner  Wissenschaft  lebend,  der  Heilkunst,  die  er  in  der
idealsten  Weise  auffaßte,  so  hat  er  33  Jahre  lang  seinen
schweren  Beruf  ausgeübt  bis  fast  zum  letzten  Atemzuge.  -
Ein  Held  der  Arbeit,  ein  unermüdlicher  Vorkämpfer  für
seiner  Mitmenschen  Wohlfahrt,  ein  freigiebiger  Freund  der
Armen,  ein  stets  zuverlässiger  Helfer  der  Kranken,  ist  er
in  den  Sielen  gestorben,  obgleich  das  schwere  Leiden,  das
        <pb n="12" />
        XII

Zur  Erinnerung  an  Heinrich  Wehberg.

ihn  so  jählings  fällen  sollte,  schon  länger  seine  beste  Kraft
untergrub.  Aber  die  zähe  Energie,  ein  Erbteil  seiner  Westfalen-Heimat, ­
  seine  starke  Willenskraft,  die  ihm  auch  bei
seinen  Patienten  mehr  galt  als  Medizin,  hielten  ihn  aufrecht,
ließen  ihn,  den  selbst  Schwerleidenden,  noch  Leiden  stillen.  —
„Mensch  sein  heißt  Kämpfer  sein“,  und  er  war  ein  tapferer
Streiter!
Ich  weiß,  daß  seine  hohen  Geistesgaben,  die  außergewöhnliche ­
  manuelle  Geschicklichkeit  seine  Universitätslehrer ­
  veranlaßten,  dem  jungen  Arzte  eine  ehrenvolle  Stellung
an  der  Hochschule  anzubieten;  er  aber  zog  den  einfachen
Beruf  vor,  der  seinem  Unabhängigkeitsgefühle  allein  zusagte
und  der  vor  allem  ihm  mehr  Gelegenheit  zu  bieten  schien,
wirkliche  Not  zu  lindern.  Und  er  war  nicht  nur  ein  Arzt
des  Leibes!  Wir  alle  haben  es  erfahren,  wie  er  stets  bestrebt ­
  war,  auch  auf  das  Bessere  im  Menschen,  auf  den
Charakter  einen  veredelnden  Einfluß  auszuüben  —  ein  echter
Seelenarzt.  Wie  oft  sein  kluger  Hat,  seine  reichen  Erfahrungen ­
  auf  allen  Gebieten  des  Lebens  Segen  brachten,
das  wird  seine  große  Bescheidenheit  nie  ganz  kund  getan
haben.  “
Wehberg  war  einer  jener  Männer,  die  ganz  von  ihrer
Aufgabe  erfüllt  waren,  der  Menschheit  nicht  nur  durch
ihre  wissenschaftlichen  Arbeiten,  sondern  auch  durch
ihr,  vorbildliches  Leben  voranzuleuchten.  Er  war  seiner
politischen  Gesinnung  nach  ebenso  wie  Flürscheim  ein
Demokrat.  Die  Bodenreform  war  ihm  nicht  nur  wie  manchen
anderen  eine  interessante  wissenschaftliche  Theorie,  oder
nur  ein  Prinzip,  durch  dessen  Vertretung  man  sich  Ruhm
und  Ehre  verschaffen  konnte.  Der  Grundgedanke,  von
dem  aus  allein  sein  Leben  und  Streben  verstanden  werden
kann,  war  sein  Mitleid  mit  der  Arbeiterklasse,  deren  Verhältnisse ­
  er  eingehend  studiert  hatte.  Unter  der  Erkenntnis ­
  der  tiefen  sozialen  Schäden  unserer  Zeit  litt  er  wie
wenige  andere,  und  er  fühlte  in  sich  die  heilige  Aufgabe,
nach  seinen  Kräften  zur  Besserung  dieser  Zustände  beizutragen. ­
  Dafür  schien  ihm  die  Bodenreform  das  geeignetste ­
  Mittel  zu  sein.  Unfaßbar  war  ihm,  dem  großen
Idealisten,  daß  man  um  zeitlicher  Erfolge  willen  die  Augen
        <pb n="13" />
        Zur  Erinnerung  an  Heinrich  Wehberg.

XIII

von  dem  Kerne  des  ganzen  Problems  wenden  und  in  der
Einführung  der  Reichswertzuwachssteuer  einenSieg  oder  auch
nur  einen  Erfolg  der  ihm  heiligen  Sache  erblicken  könne.
Ihm  erschien  die  Betonung  des  Grundgedankens  der  Bodenreform ­
  eine  unerläßliche  und  bedeutsame  Pflicht,  und  er
war  fest  davon  überzeugt,  daß  die  deutsche  Bodenreformbewegung ­
  über  kurz  oder  lang  den  Irrtum  der  heutigen
Führer  erkennen  und  jenen  Weg  einschlagen  würde,  den
er  dereinst  vorgezeichnet  und  bis  zum  Ende  seines  Lebens
standhaft  vertreten  hatte.
        <pb n="14" />
        I.
Programm  des  Humanistischen
Sozialismus.*)
1891.
Der  Sozialismus  ist  nicht  etwa  nur
eine  volkswirtschaftliche  Kategorie,
sondern  die  Religion  der  Zukunft.
D er  humanistische  Sozialismus  erstrebt  die  möglichst
große  Befreiung  der  Menschheit  vom  wirtschaftlichsittlichen ­
  Unrecht  und  Elend.  Wir  hegen  die  feste  Überzeugung, ­
  daß  dieses  durch  menschliche  Unwissenheit  und
vielfach  durch  Selbstsucht  hervorgerufene  Elend  bei  entschlossenem ­
  Willen  und  bei  Anwendung  der  richtigen
Mittel  zum  großen  Teile  beseitigt  werden  kann.
Wir  haben  die  Überzeugung,  daß  das  Gedeihen  der  Menschheit ­
  auf  der  freien  Entwicklung  der  geistigen  und  der
wirtschaftlich-sittlichen  Kräfte  beruht.  Heilig  ist  uns
das  bewährte  Prinzip  der  Selbsthilfe,  aber  wir  sehen  die  Entwicklung ­
  der  Arbeitskräfte  durch  die  bestehenden  unbeschränkten ­
  privaten  Grundeigentumsverhältnisse  mehr  gelähmt, ­
  als  es  durch  eine  weitgehende  staatlichpolizeiliche  Behinderung ­
  irgendwo  möglich  wäre.  Wir  sehen  den  wirtschaftlich ­
  Schwachen,  obgleich  er  dem  Gesetze  gemäß  berechtigt  sein
sollte,  seine  Kräfte  frei  zu  gebrauchen,  an  den  Klippen  der
*)  Diese  Grundsätze  sind  eine  erhebliche  Erweiterung  und  Fortbildung ­
  des  Programms  des  von  A.  Th.  Stamm  begründeten  und
später  von  Wehberg  geleiteten  „Allwohlsbundes“.  Solange  der  Allwohlsbund ­
  (1888—1894)  bestand,  hat  Wehberg  diese  Ideen  unter  dem
Titel  „Programm  des  Allwohlsbundes“,  später  als  „Sozialistisches
Programm“  im  Anhang  seiner  Schriften  propagiert.  Vgl.  Weh  her  g,
A.  Th.  Stamm  und  die  Anfänge  der  Deutschen  Bodenreformbewegung,
1911,  S.  39.
Weh  bei*g,  Die  Bodenreform.

1
        <pb n="15" />
        2  Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.
vorhandenen  Grundeigentums-  und  der  hauptsächlich  hieraus ­
  hervorgegangenen  Kapitalsverhältnisse  rettungslos  zugrunde ­
  gehen.  Wir  sehen  den  wirtschaftlich  Starken  im
Besitze  der  Möglichkeit,  sieh  den  Ertrag  fremder  Arbeit
anzueignen,  und  finden  in  der  ungerechten  Einschränkung
der  Entwicklung  der  geistigen  und  der  wirtschaftlich-sittlichen
Arbeitskräfte  den  Punkt,  von  dem  das  soziale  Leiden  ausgeht.'
Das  kapitalistische  System  ist  die  Konsequenz  eines
extremen  Individualismus,  den  der  Liberalismus  lehrte.
Im  Gegensätze  zu  Liberalismus,  Anarchismus  und  Kommunismus ­
  steht  der  Sozialismus,  welcher  eine  Ordnung  der
Dinge  erstrebt,  in  der  die  Gesellschaft  als  eine  harmonische
Vereinigung,  als  ein  Organismus  erscheint,  in  dem  die
einzelnen  Glieder,  zwar  jedes  verschieden  von  dem  andern
in  Anlagen  und  Leistungen,  ihren  durch  den  modernen
Stand  der  Produktion  bedingten  vollberechtigten  Platz  einnehmen. ­
  Wenngleich  der  Kommunismus,  der  Gleichheit
mit  Gleichberechtigung  verwechselt,  durch  das  straffe  äußere
Band  einer  festen  gesellschaftlichen  Organisation  das  Gesamt- ­
  wie  das  Einzelinteresse  wahren  zu  können  vorgibt,
so  wird  die  Gesellschaft  dennoch  dadurch,  daß  die  durch
gewissenhafte  Ernährung  und  Erziehung,  sowie  sittliches
Vorleben  der  Eltern  meist  tüchtigeren  Elemente  auf  dem
Standpunkt  der  geistig  und  körperlich  schwächsten  Bürger
niedergedrückt  werden,  an  jeglichem  Aufstiege  verhindert
sein.  Dadurch  wird  notwendigerweise  das  Streben  und  das
Wohlbefinden  der  Einzelnen  wie  der  Gesamtheit  vermindert
werden.  Wie  der  Liberalismus  das  Gesamtwohl  dem  Interesse
der  zwar  wenigen  Starken  opfert,  so  wird  der  Kommunismus
in  praxi  entgegen  aller  schönen  Theorie  zugunsten  der
Schwachen  dasselbe  vollbringen.  Dringend  wünschenswert,
ja  notwendig  ist  es  aber,  daß  sowohl  in  wissenschaftlichen
als  in  Volkskreisen,  diese  klare,  unzweideutige  Definition
der  Begriffe  „Sozialismus“  und  „Kommunismus“
        <pb n="16" />
        Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

3

festen  Boden  gewinne,  um  so  einer  Verständigung  aller
ehrlichen  Bürger  die  Wege  zu  ebnen.
Wir  wollen  die  freie  Entwicklung  der  Arbeitskräfte,  die
jetzt  eine  trügerische  Redensart  ist,  gemäß  den  Fortschritten
in  Wissenschaft,  Technik  und  Produktion,  zur  lebendigen
Wahrheit  machen.  Uns  ist  dies  die  höchste,  notwendigste,
würdigste  und  glänzendste  Aufgabe  für  den  Einzelnen,  wie
für  die  Gesamtheit.  Die  gewissenhafte  Beherzigung  der
Allrechte  und  des  Allwohls  muß  als  gehorsame  Ausführung
des  Willens  des  Weltenschöpfers  zur  Pflicht,  zur  Lebensrichtschnur ­
  des  Einzelnen  wie  der  Gesamtheit  und  zur
Religion  der  Menschheit  werden.  Kurz  der  Sozialismus
muß  als  gesamte  moderne  idealistische,  aber
dem  Leben  zugewandte  Weltanschauung  alle
Sphären  des  materiellen  und  geistigen  Lebens
durchströmen  und  erwärmen.  Er  allein  wird  durch
das  von  ihm  entfachte  internationale  Solidaritätsgefühl  die
wilden  Lohnkämpfe  auf  allen  Gebieten  des  öffentlichen
Lebens  zu  einem  friedlichen  Ausgleiche  bringen!  Wir  erkennen ­
  jede  Steigerung  des  Erwerbes,  sowie  jede  Verschiedenheit ­
  des  Vermögens,  die  auf  eigene  Tüchtigkeit,
auf  Fleiß,  Ehrlichkeit,  Berechnung  und  Einsicht  zurückzuführen ­
  sind,  als  vollkommen  berechtigt,  notwendig  und
der  heilsamen  Entwicklung  der  Menschheit  dienend  an.  Für
unsittlich,  verwerflich  und  das  Gemeinwohl  gefährdend
halten  wir  dagegen  jedes  Einkommen  und  alle  Vermögensunterschiede, ­
  die  auf  der  Ausbeutung  fremder  Arbeit  und
der  Aneignung  ihrer  Früchte  beruhen,  in  wie  verschleierter
Gestalt  dies  auch  sein  mag.  Wir  wollen,  daß  jedem  unverkürzt ­
  die  Früchte  seiner  Arbeit  zufallen.  So  wird  auch
der  Unternehmer  den  vollen  Lohn  seiner  geistigen  Tätigkeit
erhalten  und  braucht  sich  fortan  nicht  mehr  an  den  Arbeitern
für  die  Ausbeutung  durch  Grundrente  und  Zins  schadlos
zu  halten.

1*
        <pb n="17" />
        4  Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

H.
Wir  erkennen,  daß  selbst  die  weitgehendste  p  o  1  i  t  i  s  c  h  e
Freiheit  für  sich  allein  das  menschliche  Elend  noch  nicht
aus  der  Welt  schafft,  ebenso  aber  sind  wir  uns  klar  bewußt,
daß  dessen  erfolgreiche  Beseitigung  nur  auf  Grund  der  gemeinnützigen ­
  Gestaltung  aller  öffentlichen  Angelegenheiten
und  des  vollkommen  durchgeführten  Selbstbestimmungsrechtes ­
  des  Volkes  möglich  ist.
Wir  verlangen  daher  als  Vorbedingung  aller  gedeihlichen
wirtschaftlichen  Reformen:
1.  die  treue  Wahrung  und  Erweiterung  der  Rechte  des
Volkes  und  der  Volksvertretung;  Beseitigung  aller  noch
bestehenden,  irgendwie  gearteten  Vorrechte  der  Geburt.
2.  Das  volle  Eintreten  für  alle  auf  wirtschaftliche,  geistige
und  sittliche  Hebung  des  Wohles  der  Gesamtheit  gerichteten ­
  Bestrebungen,  das  in  ehrlicher  und  logischer
Weise  nur  möglich  ist  auf  dem  Boden  der  modernen
(sozialistischen)  Weltanschauung.
3.  Die  Befreiung  alles  öffentlichen  Unterrichtes  von  der
Bevormundung  durch  irgend  welche  Kirche,  Trennung
der  Kirche  vom  Staate  und  unablässige  Arbeit  an  der
Emporhebung  des  gesamten  Volkes  zu  immer  höherer
veredelten  Bildung  durch  die  freiesten  und  besten
öffentlichen  Bildungsanstalten  jeder  Art.
III.
Wie  die  Sklaverei  des  Altertums,  die  Leibeigenschaft
des  Mittelalters  und  die  Negersklaverei  das  unbeschränkte,
von  der  Volksgemeinschaft  losgelöste  Privatbodeneigentum
zur  Grundlage  hatten,  so  sind  die  noch  gegenwärtig  so  tief
betrübenden  und  bedrohlichen  Gesellschaftszustände  aus  dem
Privatmißbrauch  des  Erdbodens,  des  Urgeschenkes
für  Alle,  hervorgewachsen.  Denn  das  unbeschränkte  Privatbodeneigentum ­
  blieb  die  Hauptquelle  aller  arbeitslosen  Ein ­
        <pb n="18" />
        Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

5

künfte,  vornehmlich  an  Grundrente,  Zins-  und  Unternehmerprofit. ­
  Jeder  Versuch  des  Ankämpfens  gegen  die  Folgen
dieser  Grundursachen,  ohne  die  Grundursache  selbst  zu  ändern,
lenkt  daher  vomHauptziel  ab  und  ist  unfruchtbar  und  schädlich.
Somit  befriedigt  keine  Sozialreform  seitens  des  Staates,  die
nur  ein  vorläufiges  kleines  Linderungsmittel  gegen  die  soziale
Not  der  Lohnarbeiter  bietet  und  den  Kern  des  sozialen  Übels
außer  acht  läßt.  Als  unheilbringender  Irrtum  erscheint  uns
aber  die  Erstrebung  des  von  der  kommunistischen  Sozialdemokratie ­
  vielseitig  noch  befürworteten  Zwangsstaates  mit
Verstaatlichung  des  Ackerbaues  und  der  Industrie.  Vielmehr ­
  ist  es  ein  Anachronismus,  der  gerade  bei  Vertretern
der  materialistischen  Geschichtsauffasung  besonders  erstaunlich ­
  erscheint,  die  Menschheit  in  die  Gleichheit  kommunistischer ­
  Urzustände  zurückführen  zu  wollen.
Im  unbeschränkten  Privateigentum  und  dessen  Mißbrauch
durch  arbeitslosen  Ertragsgenuß,  bestehend  in  Ansammlung
großer  Bodenflächen  in  Einzelhänden  und  den  dadurch
emporgeschraubten  Pachten  und  Hypothekenschulden,  wodurch ­
  Bauern,  Handwerker,  Unternehmer  ausgesogen  werden,
sehen  wir  also  die  Grund-  und  Hauptursache,  aus  der  mit
Naturnotwendigkeit  die  gegenwärtigen  gesellschaftlichen
Mißstände  hervorgehen  mußten.  Durchaus  falsch  ist  es,
der  leider  noch  herrschenden  Anschauung  gemäß,  das  unbeschränkte ­
  Privateigentum  für  eine  Naturnotwendigkeit  zu
halten  und  sich  dem  Mißbrauche  gegenüber  auf  ein  untätiges
Gehen-  und  Geschehenlassen  zu  beschränken.  Wir  machen
dem  Liberalismus  den  Vorwurf,  den  so  klar  zutage  liegenden
Unterschied  zwischen  der  wirklichen  und  der  vermeintlichen
Naturnotwendigkeit  nicht  erkannt  und  gewürdigt  zu  haben.
Die  noch  gegenwärtig  so  ungerechten  Grundlagen  der
wirtschaftlichen  und  gesellschaftlichen  Zustände  sind  das
Erzeugnis  der  bisherigen  wirtschaftlichen  Entwicklung  und
menschlichen  Tuns,  können  aber  heute  durch  die  mit  den
        <pb n="19" />
        wissenschaftlichen  und  technischen  Fortschritten  verbesserte
menschliche  Einsicht  und  gerechtes  menschliches  Handeln
geändert  und  mit  geeigneten  Grundlagen  vertauscht  werden,
so  daß  aus  den  jetzigen  schlechten  Verhältnissen  bessere  Zustände ­
  hervorgehen  müssen.
Wir  finden,es  ganz  widersinnig,  daß  die  nicht  von  Menschen
gemachte,  für  die  gesamte  Menschheit  bestimmte  und  nicht
willkürlich  vermehrbare  Erde  unter  dieselben  Rechtsanschauungen ­
  fallen  soll,  wie  die  durch  menschliche  Arbeit
vermehrbaren  Güter.  Wir  folgern  daraus,  daß  der  Einzelne
immer  nur  berechtigt  sein  kann,  die  Erträge  seiner  mit  Unterstützung ­
  des  Kapitales  auf  den  Erdboden  verwendeten  Arbeit
für  sich  als  unbeschränkte  Nutznießung  zu  beanspruchen,  aber
nicht  das  unbeschränkte  Eigentum  amErdboden,  welchen
mit  den  ihm  anhaftenden  Kräften  nicht  die  Menschenarbeit, ­
  sondern  die  Arbeit  der  Natur  erzeugt  hat;
nicht  diejenigen  Steigerungen  der  Grundwerte,  die
unter  den  bisher  bestehenden  krankhaften  Verhältnissen
des  unbeschränkten  Privateigentums  ohne  Arbeit  des
Eigentümers  sich  ergeben,  z.  B.  durch  Herstellung
öffentlicher  Verkehrswege  und  sonstige  Verbesserungen,
durch  Anwachsen  von  Ortschaften  und  Städten,  durch
Anwendung  von  Erfindungen,  sowie  überhaupt  durch
Gesamtarbeit.
IV.
Wir  verlangen  deshalb,  daß  mindestens  die  Eigentumsoberhoheit ­
  über  den  Erdboden  an  die  Gemeinschaft ­
  (Gemeinde,  Kreis,  Provinz,  Staat)  zurückfalle, ­
  so  daß  die  nicht  auf  die  Arbeit  des  Einzeleigentümers
zurückzuführenden  Grundzinserträge  —  die  reinen  Leistungen
der  Naturkräfte  —  nach  und  nach  wieder  in  den  Gemeinschaftsnießbrauch ­
  übergehen.  Ein  solcher  Gemeinschaftsnießbrauch, ­
  z.  B.  aus  unveräußerlichem  Gemeindeland,  ist  noch
von  Alters  her  in  vielen  Einzelgemeinden  aufrecht  erhalten.
        <pb n="20" />
        Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

Die  Grundzinsgemeinschaft  bringt  uns  daher  ein  neues
Bodenrecht,  im  Gegensatz  zu  dem  römischen  Becht,  welches
mit  der  Begründung  des  unbeschränkten  Privateigentums
am  Erdboden  den  Kapitalismus  und  die  Yölkerknechtung
hervorrief,  ferner  im  Gegensatz  zum  germanischen  ßechte,
welches  die  Oberlehnsherrlichkeit  dem  Fürsten  wie  der
Adelsklasse  überwiesen  hatte.  Es  ist  uns  eine  große  Genugtuung, ­
  das  Prinzip  eines  organisch  sich  entwickelnden
Bodenrechtes  an  Stelle  der  schablonenhaften  Verstaatlichung
durch  Ankauf  oder  single  tax  zumal  in  Erwartung  steigender
Grundwerte  wenigstens  in  Deutschland  zur  Geltung  gebracht
zu  sehen.
In  mehr  als  einer  Weise  kann  die  Bückwandlung  des
Privatgrundzinses  in  die  Grundzinsgemeinschaft  bewirkt
werden,  und  zwar  am  vorteilhaftesten  bei  einem  naturgemäßen, ­
  durch  keine  Eingangszölle  auf  Lebensmittel  usw.
und  Ansammlung  riesiger  Grundflächen  in  einzelnen  Händen
künstlich  in  die  Höhe  getriebenen  Stand  der  Grundzinsen
(—  Grundrente).  Denn  gerade  die  hohen  Bodenpreise  mit
ihren  großen  Pachten  und  Hypothekenschulden  zugunsten
der  Großgrundbesitzer  und  Kapitalisten,  erdrücken  die  Bauern,
Handwerker,  Unternehmer  usw.  und  machen  ihnen  die  Konkurrenz ­
  des  Auslandes  so  schwer.  Die  Bückkehr  zu
voll  em  Freihandel  wollen  wir  auf  langsamem,  organischem ­
  Wege  in  Verbindung  mit  Beformen,  welche  die
Schuldzinsen  erleichtern,  erstrebt  sehen.
Unbedingt  schon  in  nächster  Zukunft  in  reines  Staatsund ­
  Gemeindeeigentum  sollte  derjenige  Boden  übergehen,
auf  welchem  die  Naturkräfte  aus  freiem  Antriebe  oder  ohne
wesentliches  Zutun  menschlicher  Arbeit  Werte  erzeugen,
also  Wälder,  Wiesen,  Weiden,  Moore,  unterirdische  Schätze
(Bergwerke,  Mineral-Gasquellen)  und  Wasserkräfte.  Denn
es  hätte  bei  Verstaatlichung  der  Grundzinsen  keinen  Sinn,
diesen  Boden  im  Einzeleigentum  zu  lassen,  da  sein  ganzer
        <pb n="21" />
        8

Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

Ertrag  doch  dem  Gemeinwesen  durch  die  Grundzinsensteuer
anheimfallen  würde.  Zur  Förderung  einer  rationellen  Bodenkultur ­
  ist  darauf  Bedacht  zu  nehmen,  daß  Staat  und  Gemeinden ­
  den  Boden  zurückgewinnen,  der  als  Hügel,  Berg,
Gebirge  sich  nur  zur  Anlage  von  Wald  eignet,  ferner  den,
welcher  längs  den  Wasserläufen  zu  Weiden  und  Wiesen
bestimmt  ist.  Damit  würden  auch  die  Gefahren  einer  Überschwemmung ­
  außerordentlich  vermindert  werden.
Ackerland  bzw.  Gartenland,  sowie  Baugrund  dagegen
kann  ebensowohl  Staats-  und  Gemeindeeigentum  mit  Verpachtung ­
  an  Private  sein,  als  Privateigentum  mit  Verstaatlichung ­
  der  Grundzinsen  bleiben.  Wir  halten  zur  Zeit,
so  lange  noch  die  „Monopolgrundrente“  und  die  Hypothekenbelastung ­
  besteht,  das  freie,  allerdings  durch  die  Grundzinsensteuer ­
  beschränkte  Privateigentum  an  Ackerland  und
Gartenland  noch  für  ersprießlicher,  als  die  unbeschränkte
Einführung  eines  kurzen  Pachtsystems,  da  nach  allgemeiner
Meinung  das  Interesse  der  Landwirte  an  der  Pflege  des
Bodens  meistens  größer  sein  soll,  wenn  sie  ihn  in
freiem  Eigentum  haben.  Einer  gänzlichen  Verstaatlichung
im  Sinne  bloßer  Verpachtung  stehen  zur  Zeit  auch  die
Anschauungen  der  Bauern  selbst  schroff  entgegen.  Wir
unterscheiden  also  zur  Zeit  strengstens  zwischen  der  Verstaatlichung ­
  und  der  Nationalisierung  des  Grund  und  Bodens.
Jedenfalls  kann  eine  große  Reihe  höchst  einschneidender
sozialistischer  Reformen  durchgeführt  werden,  ohne  daß  die
Frage  nach  völliger  Verstaatlichung  des  Ackerlandes,  Baugrundes ­
  und  Gartenlandes  mit  reiner  Verpachtung  zur  Diskussion ­
  gestellt  zu  werden  braucht.  Diese  Angelegenheit
wird  fernere  Geschlechter  beschäftigen.  Heute  aber  kann
schon  ein  Vorkaufsrecht  des  Staates  und  der  Gemeinden,
nicht  etwa  der  landwirtschaftlichen  Verbände,  eine  volle
Verstaatlichung  mit  ausschließlicher  Verpachtung  an  Selbstbebauer ­
  allmählich  einleiten.
        <pb n="22" />
        Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

9'

Bei  dem  Ackerlande  unterstützt  die  menschliche  Arbeit
und  das  Kapital  in  allen  Entwicklungszuständen  die  Tätigkeit ­
  der  Naturkräfte.  Daher  wirft  der  Acker,  mit  welchen
Pflanzen  immer  er  besetzt  sei,  Dank  der  sorgsamen  Pflege
ein  Erhebliches  mehr  für  die  Ernährung  der  Menschen  ab,
als  er  geben  würde,  wenn  das  gleiche  Stück  Erdreich
im  "Wesentlichen  sich  selbst  überlassen,  je  nach  seinerphysikalischen
  und  chemischen  Beschaffenheit,  mit  Gras
oder  Nutzhölzern  bepflanzt  wäre.  Der  Mehrertrag,  der  aus
der  menschlichen  Arbeit  und  aus  der  Verwendung  vom
Kapital  entspringt,  ist  also  nicht  lediglich  Naturerzeugnis,
gehört  also  nicht  der  Gesamtheit,  sondern  dem  Bebauer.
Dieser  hat  nur  den  Teil,  welcher  lediglich  den  Vegetation ­
  skräften  entspricht,  an  die  Gemeinschaft  zurückzuerstatten. ­
  Die  Höhe  des  Betrages  ist  schätzungsweise  leicht
zu  finden,  wenn  man  —  natürlich  nach  Ländern  ohne  Großgrundbesitzungen ­
  und  Schutzzoll  berechnet  —  untersucht,
was  auf  dem  gleichen  Boden  ein  Waldbestand,  eine  Wieseusw.
  liefern  würde.  Diese  Abgabe  an  das  Gemeinwesen
nennen  wir  den  Grundzins  oder  die  Grundrente,  sie  entspricht ­
  den  Leistungen  der  Vegetationskräfte  und  gehört
der  Gemeinschaft,  der  Nation.  Die  Einziehung  der  Grundzinsen ­
  vom  Ackerland  durch  eine  Grundrentensteuer  würde
auch  dem  privaten  Großgrundbesitz  (den  Latifundien)  den
Todesstoß  versetzen,  soweit  dieses  nicht  schon  durch  diefortschreitende
  Verstaatlichung  der  Wälder,  Weiden,  Wiesen
und  unterirdischen  Schätze  mittelst  Ankaufs  geschehen  ist.
Von  der  Einführung  der  Silberwährung  und  einer  gleichgerichteten ­
  Doppelwährung  erwarten  wir  schwere  Störungen
des  Güterumlaufes.  Die  Verstaatlichung  des  Getreidehandels
ist  besonders  heute  als  eine  gemeingefährliche  Methode  zur
Erhaltung  hochgetriebener  Grundrenten  zu  verwerfen.
Die  heutige  Grundsteuer  hat  mit  der  von  uns  erstrebten
Grundrenten  Steuer  wenig  zu  tun,  da  erstere  nur  eine  kleine^
        <pb n="23" />
        10

Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

Abgabe  als  Zeichen  der  alten  Oberlehnsherrlichkeit  des
Staates  ist.  Die  Grundrentensteuer  im  Reformstaate  wird
den  ganzen  Ertrag,  den  die  Naturkräfte  aus  freiem  Antriebe
leisten,  fortnehmen.  Die  Bauern  werden  heute  nicht
durch  Grundsteuerabgabe,  sondern  durch  die  in  die
Höhe  getriebenen  Pachten  und  Hypothekenverpilichtungen
erdrückt.  Die  „naturale  Grundrente“  ist  zur  „Monopolgrundrente“ ­
  geworden,  seit  Grund  und  Boden  zum  Schachermonopol ­
  in  privaten  Händen  herabgewürdigt  wurde.  Der
Begriff  der  Monopolgrundrente  faßt  daher  in  sich  1.  die
naturale  Grundrente  als  einfache  Leistungen  der  Naturkräfte ­
  und  2.  die  krankhaften  Steigerungen  der  Bodenwerte
nnter  dem  ausgearteten  Eigentumsrechte  am  Boden.  Diese
krankhaften  Steigerungen  werden  völlig  beseitigt  werden
müssen,  soll  anders  der  Bauernstand  wie  die  gesamte  Gemeinschaft ­
  genesen.  Daher  gibt  es  für  den  einsichtsvollen  Bauern
keinen  schärferen  Gegner  als  den  Großgrundbesitzer  bzw.
den  Hypothekengläubiger,  die  im  wesentlichen  vom  Schweiße
der  Bauern  bzw.  der  Bevölkerung  leben.  Die  Grundsteuer
wird  erst  dann  zur  vollen  Grundrentensteuer  ausgebildet
werden  können,  wenn  die  hohen  Bodenwerte  (Monopolgrundrente) ­
  und  die  darauf  beruhenden  Hypothekenlasten
geschwunden  sein  werden.
Zur  Erleichterung  der  Schuldzinsen  fordern  wir  als  notwendige ­
  Ergänzung  und  Entschädigung  für  das  Sinken  des
Preises  der  Bodenprodukte  bei  notwendiger  Rückkehr  zum
Ereihandel  im  Rahmen  eines  Aktionsprogrammes  neben  den
wichtigen  Konvertierungen  der  öffentlichen  Anleihen  die’
fortschreitende  Verstaatlichung  des  gesamten  Versicherungswesens ­
  mit  obligatorischer  Versicherung  jedes
Staatsbürgers.  Ferner  die  Verstaatlichung  des  Hypothekarkredites, ­
  um  den  Bauern  usw.  durch  das  hiernach  eintretende
Sinken  des  Zinsfußes  und  durch  die  Verallgemeinerung  der
Wohlhabenheit  die  Ablösung  der  gesamten  Hypotheken-
        <pb n="24" />
        Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

11

■schulden  zu  ermöglichen,  jedoch  in  größerem  Maße  erst
■dann,  wenn  durch  vorsichtige  Rückkehr  zum  Freihandel,
durch  allmähliche  Beseitigung  des  Latifundien-Besitzes  ein
weiteres  Sinken  der  künstlich  in  die  Höhe  getriebenen
Grundwerte  eingetreten  sein  wird.  Wir  meinen,  daß  ein
Herabdrücken  des  Zinsfußes  auf  1— 1 l-2  Prozent  im  Laufe
einiger  Menschenalter  durch  diese  Reform  möglich  ist.  Der
.Zins  als  solcher  ist  in  naher  Zukunft  wirtschaftlich  überlebt, ­
  da  die  durch  Beseitigung  der  heutigen  Unterkonsumtion
sich  künftig  ausdehnende  Güterproduktion  den  Lohn  jedes
jFleißigen  so  sehr  erhöhen  wird,  daß  ein  Zinsgenuß  auf
Kosten  der  Arbeit  keinen  Sinn  hat.  Im  übrigen  wird  durch
die  obligatorische  Versicherung  —  die  ja  auch  erst  bei
höherem  Einkommen  in  vollem  Maße  möglich  ist,  da  jeder
Bürger  sie  für  sich  und  seine  Angehörigen  selbst  ohne
Staatszuschuß  zahlen  soll  —  das  Leben  und  das  Vermögen
des  Staatsbürgers  dem  Zufalle  mehr  und  mehr  entzogen
werden.
Wir  halten  dagegen  die  agrarische  Forderung,  die  heutigen
-gesamten  Grundschulden,  zumal  ohne  Berücksichtigung  der
Verschuldungshöhe,  auf  den  Staat  zu  übernehmen,  für
•eine  neue  Auflage  der  Assignatenwirtschaft,  für  ein  Ansinnen, ­
  das  nur  dazu  dienen  kann,  dem  ganzen  Volke  die
■Schulden  weniger  aufzuladen  und  den  Staat  dem  Bankrotte
entgegen  zu  treiben.  Ebenso  verderblich  ist  es,  für  eine
Verstaatlichung  bzw.  Kommunalisierung  des  städtischen
■Grund  und  Bodens,  zumal  bei  den  heutigen  schwindelhaften
■Grundwerten,  einzutreten.  Die  Lösung  der  städtischen
"Wohnungsfrage  erscheint  uns  vielmehr  nur  möglich,
wenn  durch  eine  großartige  Ansiedlung  auf  dem  Lande,
sowie  durch  Dezentralisation  der  Industrie  vermittelst  Kleinbahnen, ­
  Talsperren,  Kanäle  usw.  der  Zuzug  der  ländlichen
Bevölkerung  in  die  Städte  gehemmt  wird.  Ja,  es  ist  keine
Frage,  daß  ein  großer  Teil  der  heutigen  Stadtbewohner,
        <pb n="25" />
        12

Programm  das  Humanistischen  Sozialismus.

da  er  die  Arbeitsstätte  leicht  auf  den  modernen  Verkehrsmitteln ­
  erreichen  kann,  seinen  Wohnsitz  auf  das  Land  verlegen ­
  wird.  Die  städtische  Wohnungsfrage  ist  nur  ein  Teil  der
gesamten  sozialen  Frage  und  untrennbar  mit  ihr  verbunden...
In  der  Übergangszeit  zu  normalen  und  gesunden  Verhältnissen!
wird  man  die  in  vielen  Städten  zugunsten  städtischer  Bodenspekulanten ­
  durch  die  „Lage“  emporgeschnellten  Grundzinsen!
auf  maßvolle  Weise  durch  den  Steuerweg  fassen  können..
Die  Gesetzentwürfe  und  Gesetze  zur  Sicherung  der  Forderungen ­
  der  Bauhandwerker  innerhalb  des  kapitalistischen!
Systems  dürfen  die  Aufmerksamkeit  von  den  wahren  Ursachen ­
  der  Handwerkernot  nicht  ablenken.  —  Viel  könnem
zur  Linderung  der  Wohnungsnot  auch  Baugenossenschaften,,
vor  allem  Arbeiter  und  Beamte,  wirken,  zumal  wenn  sie
an  dem  Genossenschaftseigentum  festhalten,  um  die  Freizügigkeit ­
  der  Genossenschafter  zu  sichern.  Dennoch  ist
ihnen  vor  der  Hand  eine  große  Vorsicht  anzuempfehlen,
da  der  gegenwärtig  so  hohe  Stand  der  Bodenpreise  in
Großstädten  manchen  Genossenschaften  zur  verderblichen
Fallgrube  geworden  ist.
Wir  erblicken  eine  gerechte  Besteuerung  nur  in  Grundzinsen- ­
  und  Einkommensteuer  und  begrüßen  in  der  preußischen ­
  Steuerreform  einen  erwartungsvollen  Aufstieg  zu
unseren  Reformvorschlägen.  Besonders  wird  die  Übertragung ­
  der  Grundsteuer  an  die  Gemeinden  die  einsichtigen.
Bauern  bald  über  die  arbeitslosen  Einkünfte  der  Großgrundbesitzer ­
  aufklären.  Es  war  daher  durchaus  richtig,  den.
Großgrundbesitzern,  welche  heute  das  Staatswesen  beherrschen, ­
  die  Bestimmung  über  das  Maß  einer  Grundsteuer
aus  den  Händen  zu  nehmen.  Jede  wahre  Steuerreform,
die  zur  Entlastung  der  heute  steuerzahlenden,  schwer  belasteten ­
  Mittelschichten  führen,  dabei  größere  Erträge  liefern
soll,  muß  eine  Verbreiterung  der  steuerfähigen  Kreise  zum
Ziele  haben,  muß  also  die  Wohlhabenheit  verallgemeinern,.
        <pb n="26" />
        Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

18

wie  das  durch  gerechte  Reformen  heute  leicht  möglich  ist.
Wir  verwerfen  jede  indirekte  Besteuerung,  doch  wollen
wir  auf  langsamem  und  organischem  Wege  die  Beseitigung
der  letzteren  erzielen.  Die  finanzielle  Selbständigkeit  des
deutschen  Reiches  im  besonderen  wollen  wir  vorläufig
•  durch  die  Überweisung  der  Einkünfte  aus  Bergwerken,
Eisenbahnen  und  Kanälen  erreicht  sehen.  Eine  sogennante
„einzige  Steuer“  (impöt  unique,  single  tax)  im  Sinne  der
Physiokraten  einführen  zu  wollen,  erscheint  uns  als  Irrtum,
-der  außerdem  krankhaft  emporgetriebene  Grundwerte  zur
Voraussetzung  hat.  Die  Physiokratie  ist,  ähnlich  wie  andere
krankhafte  Erscheinungen  unserer  Übergangsepoche:  z.  B.
^Antisemitismus  und  Spiritismus,  eine  Verirrung.
Die  Grundzinserträge,  die  jetzt  dem  ganz  arbeitslosen
Einzelerwerb  und  somit  der  Volksausbeutung  dienen,  sind
dann  das  Grundzinseinkommen  der  Gemeinschaft.
Kurzum,  was  für  die  Grundzinsreform  usw.  erforderlich
wird,  ist  ohne  Härte  durchführbar,  und  zwar  um  so  mehr,
da  jedem  die  Verfügung  über  Grundeigentum  verbleibt.
Das  Streben  nach  dem  Eigentum  und  der  Nutzverwendung
eines  Gruudstückes  wird  also  durch  dieses  Aktionsprogramm
nicht  berührt,  wenn  auch  in  der  Übergangszeit  den  privaten,
Bisher  möglichen  Steigerungen  der  Baustellenwerte  noch
besonders  durch  geeignete  Gesetze  und  Bauordnungen  ge-.steuert
  werden  muß.
Wir  sind  überzeugt,  daß  die  Überführung  der  Grundrente
hn  die  Grundzinsgemeinschaft  zur  Folge  haben  würde:
1.  Eine  solche  Steigerung  des  öffentlichen  und
privaten  Einkommens,  daß  Mittel  zur  öffentlichen
Schuldentilgung,  zur  Gewinnung  neuen  Ackerbodens
durch  Trockenlegung  von  Sümpfen  und  Mooren  unter
staatlicher  Initiative  und  Leitung,  zur  besten  Volksbildung ­
  und  zu  den  verschiedensten  gemeinnützigen
Zwecken  in  ausgiebigstem  Maße  vorhanden  sein  werden.
        <pb n="27" />
        14

Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

2.  Die  Beschränkung  der  für  die  Selbsterwerbenden'
so  verderblichen,  übermäßigen  Kapitalansammlung ­
  in  einer  Hand,  die  sich  zu  ihrer  Erhaltung
immer  auf  die  Privatgrundwerte  und  deren  Beleihung
stützt.
3.  Eine  erhöhte  Acker-  und  Gartenkultur,  unter
Bückbildung  der  gemeinschädlichen  Anhäufung  von
Grundeigentum  in  der  Hand  Einzelner.
4.  Die  Diensfbarmachung  geeigneter  Privatindustrien ­
  und  Verkehrsmittel,  welche  den
Charakter  eines  der  Gesamtheit  verderblichen  Monopoles
  angenommen  haben,  und  die  Ausnutzung  der
Erfindungen  und  Naturkräfte  zugunsten  der  Gemeinschaft. ­
  Auch  die  Beseitigung  des  arbeitslosen  Erwerbs
durch  die  Börsen-,  Gründer-  und  Aktienschwindeleien
würde  dann  sicher  durchzusetzen  sein,  zumal  sich  die-Produktivgenossenschaften
  neben  privaten  und  Staatsbetrieben ­
  zu  immer  höherer  Blüte  entwickeln  würden..
Diesen  wird  das  Kapital,  da  es  sich  nach  unseren
Reformen  nicht  mehr  in  Grund  und  Boden,  Hypotheken,.
Versicherungswesen  usw.  mühelos  Einkommen  sichern
kann,  aus  öffentlichen  und  privaten  Quellen  unterstetig ­
  sinkendem  Zinsfüße,  wodurch  sich  die  Möglichkeit ­
  einer  Ansammlung  großer  Vermögen  ohne  Arbeit
auf  Kosten  aller  produktiven  Berufe  ständig  vermindern,
würde,  zur  Verfügung  stehen.
Den  großen  wirtschaftlichen  Verbänden  gegenüberwird ­
  in  Zukunft  die  demokratische  Staatsleitung  im
Interesse  der  Gesamtheit  auf  Grund  neu  geschaffener-Stellung
  zur  Vermittelung  berufen  sein,  um  die  Übergriffe ­
  der  Syndikate,  Trusts,  Genossenschaften  usw.,.
welche  bei  Mißbrauch  ihrer  Machtfülle  eine  große-Gefahr
  in  sich  bergen,  zurückzuweisen.  Sie  wird  das
am  besten  können,  wenn  die  Urquelle  aller  Güter
        <pb n="28" />
        Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

15

und  Produkte,  der  Grund  und  Boden  mit  allen  seinen
Schätzen,  in  den  Händen  der  Allgemeinheit  ist,  da
sie  Betrieben,  welche  sich  Übergriffe  erlauben,  das
Rohmaterial  versagen  kann.  Das  wird  um  so  eher
der  Fall  sein,  je  mehr  sich  in  Zukunft  der  Veredelungsprozeß ­
  der  einzelnen  Rohstoffe  in  seiner  ganzen  Reihenfolge ­
  in  denselben  Händen  konzentrieren  wird.
Konsumgenossenschaften  (Warenbanken),  mit  allmählicher ­
  Ausmerzung  des  unnötigen  Zwischenhandels,
können  im  allgemeinen  nur  die  Konsequenz  der  sozialen ­
  Neuordnung,  nicht  aber  für  dieselben  grundlegend
sein.  Außerdem  ist  die  Errichtung  von  Konsumgenossenschaften ­
  leicht  geeignet,  die  Aufmerksamkeit
der  Massen  auf  eine  falsche  Spur  zu  leiten,  da  bei
ihnen  nur  die  Ausmerzung  des  Zwischenhandelsprofites
in  die  Augen  springt.  Bei  der  Gründung  von  Produktiv- ­
  bzw.  Baugenossenschaften  ist  es  dagegen
leicht,  den  Blick  der  Interessenten  auf  die  Ausbeutung
durch  Grundrente  und  Kapitalzins  zu  lenken  und  so
den  ruhigen  Weg  der  Reform  zu  fördern.  Durch
Beseitigung  dieser  arbeitslosen  Einkommen  heben  wir
die  Produktion  und  zugleich  den  Konsum  der  Massen,
wie  es  ja  keinem  Staatsmanne  mehr  zweifelhaft  ist,
daß  der  Gewerbefleiß  auf  die  Dauer  nur  dort  blühen
wird,  wo  vor  allem  für  den  Absatz  der  Produkte  im
Inlande  Sorge  getragen  wird.
5.  Den  weiteren  Ausbau  der  Arbeiterschutzgesetzgebung, ­
  die  vorderhand  in  langsamerem  Tempo  vorzugehen ­
  hat,  bis  die  Kreise  der  Arbeitgeber,  auf  deren
Schultern  dieselbe  wesentlich  gelegt  ist,  gegenüber
der  Ausbeutung  durch  Bodenrente  und  Zinsverpflichtungen, ­
  durch  eine  entsprechende  Gesetzgebung  gestärkt ­
  sind.  Die  Arbeit  von  Kindern  in  Werkstätten  und
Fabriken  aber  ist  ein  Verbrechen  gegen  die  Menschheit.
        <pb n="29" />
        16  Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

6.  Eine  kräftige  Förderung  der  berechtigten,  sittlichen
Frauenemanzipation.  Wenn  auch  in  Zukunft
nach  sozialen  Reformen  eine  weit  größere  Zahl  von
Frauen  als  heute  Gelegenheit  zur  Eingehung  einer  Ehe
finden  werden,  so  wird  doch  eine  Hebung  des  weiblichen ­
  Geschlechts  auf  ein  höheres  Niveau  allgemeiner
Bildung  sowohl  der  Familie  als  dem  Staate  zugute
kommen.  Denen  aber,  welche  ehelos  bleiben  wollen
und  begabt  sind,  muß  bei  voller  Gleichberechtigung
mit  dem  Manne  Gelegenheit  zur  Ausbildung  ihrer
Geistesgaben  in  allen  den  Berufen  gegeben  werden,
welche  in  der  sozialistischen  Gesellschaft  von  irgendeinem ­
  Werte  für  den  Fortschritt  der  Menschheit  sind.
Es  muß  hier,  wie  bei  fast  allen  Reformbestrebungen,
•ausdrücklich  betont  werden,  daß  die  bürgerlichen
Frauenrechtlerinnen  viel  zu  wenig  die  Reform  der  ökonomischen ­
  Grundlagen  im  Volksleben  betont  haben,  und
•doch  sollte  jedem,  der  öffentliche  Dinge  betreibt,  klar
sein,  daß  die  ökonomischen  Zustände,  die  Menge  und
vor  allem  die  Art  der  Verteilung  der  Produkte  maßgebend ­
  für  den  jeweilig  erstrebten  Kulturzustand  sind.
Aber  die  meisten  von  den  bürgerlichen  Reformern
wollen  nicht  auf  den  arbeitslosen  Genuß  auf  Kosten
der  Arbeit  verzichten  und  betreiben  daher  eine  einzelne
Frage,  welche  sich  gewöhnlich  an  der  ökonomischen
vorbeidrückt.  Sie  sehen  den  inneren  Zusammenhang
aller  Fragen  nicht  oder  wollen  ihn  nicht  sehen.
7.  Die  umfassendste  Verbesserung  der  Beamten-,
Lehrer-  usw.  Gehälter  in  allen,  besonders  den
unteren  Stufen.
8.  Eine  mächtige  Förderung  der  Friedensbewegungen. ­
  Unter  der  heutigen  schlechten  wirtschaftlichen ­
  Verteilung  ist  der  Militarismus  als  großer
und  dabei  unproduktiver  Konsument  für  die  produk ­
        <pb n="30" />
        Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

17

tive  Arbeit  ein  Segen,  denn  wenn  es  heute,  wo  so
viele  kräftige  Männer  unter  Waffen  stehen,  schon
überflüssige  Arbeitskräfte  gibt,  wohin  würde  man
kommen,  wenn  ohne  Verbesserung  der  Arbeitsgelegenheiten ­
  bei  plötzlicher  Abrüstung  dieser  Zufluß  die
Arbeitslosigkeit  vermehren  würde?  Es  muß  daher
jede  Friedensbewegung,  wenn  sie  klar  gedacht  und
ehrlich  für  das  Gesamtwohl  gemeint  ist,  die  Sozialreform ­
  in  unserem  Sinne  zu  fördern  suchen,  ja  zur
Vorbedingung  haben.  Im  übrigen  ist  es  höchste  Zeit,
der  Wertschätzung  des  Militarismus  ein  Ende  zu
setzen,  denn  nicht  allein  auf  die  bürgerlichen  Kreise
ist  sein  Einfluß  hemmend  und  störend,  sondern  auch
auf  die  wissenschaftlichen  Bestrebungen  wirkt  er,  wie
das  besonders  in  den  jüngsten  therapeutischen  Errungenschaften ­
  der  Medizin  zu  bemerken  ist,  verflachend
und  verödend  ein.
9.  Die  Hebung  der  sittlichen  Zustände,  welche
unter  dem  kapitalistischen  System  in  erschreckender
Weise  entartet  sind.  —  Besonders  wird  eine  allgemeine
körperliche,  geistige  und  sittliche  Erneuerung  der
zivilisierten  Völker  in  allen  Schichten  stattfinden  durch
Beseitigung  oder  mindestens  starke  Verringerung  des
Genusses  sowohl  der  alkoholischen  Getränke  wie  des
Kaffees,  des  Tees  und  des  Tabaks,  zumal  wenn  dazu
eine  positive  Hygiene  von  Jugend  auf  treten  wird.
Denn  vom  Boden  der  modernen  Weltanschauung
wissen  wir,  daß  der  Geist,  die  Seele  nicht  etwas  vom
Körper  Getrenntes  ist,  das,  von  außen  in  denselben
hineingeraten,  ohne  engste  Beziehung  zu  ihm  lebt,
sondern  daß  der  Geist,  die  Seele  lediglich  als  eine
Erscheinungsform  des  gesamten  Körpers  besteht,  daß
demnach  auch  das  geistige  und  sittliche  Verhalten
dem  Befinden  des  gesamten  Organismus  entsprechen
Wehberg,  Die  Bodenreform.  2
        <pb n="31" />
        18  Programm  des  Humanistischen  Sozialismus.

muß.  Daher  legen  wir  den  größten  Wert  auf  die
harmonische  Ausbildung  des  gesamten  Körpers:  mens
sana  in  corpore  sano.
10.  Die  Hebung  der  wirtschaftlichen  und  sozialen  Verhältnisse ­
  wird  unabhängige  und  selbstbewußte  Männer
heranziehen.  Ganz  besonders  wird  das  von  den  akademischen ­
  Berufen  gelten.  Wir  sind  von  Standesvorurteilen ­
  völlig  frei;  aber  es  muß  immer  wieder  gesagt
werden,  daß  ein  sehr  großer  Teil  der  akademisch
Gebildeten,  auf  Almosen  und  Stipendien  angewiesen,
zu  willfährigen  Dienern  des  Kapitalismus  herabsinkt.
Erst  dann  wird  diese  Knechtseligkeit  verschwinden,
wenn  durch  soziale  Reformen  das  Einkommen  der
Staatsbürger  so  gehoben  sein  wird,  daß  sie  sich  als
unabhängige  Männer  fühlen,  aus  eigener  Kraft  ihren
Kindern  die  Wege  zu  allen  Berufen  ebnen  und  sie  in
dem  Geiste  der  Freiheit  und  der  Solidarität  des  Menschengeschlechts ­
  erziehen  können.
V.
Wir  erstreben  die  Durchführung  dieser  Forderungen  —
zum  Teil  Zug  um  Zug  als  friedliches  Aktionsprogramm  der
nächsten  Zukunft  behandelt  —  nur  unter  gleichzeitiger
Sicherung  der  nationalen  Freiheit.  Wir  erklären  also  die
freiheitlichen  Bestimmungen  für  genau  in  demselben  Maße
unzertrennbar  von  unserem  Programm,  wie  die  wirtschaftlichen. ­
  Wir  verlangen  die  freieste  bürgerliche  und  staatsbürgerliche ­
  Selbstbestimmung  aller  Bürger  und  Bürgerinnen
auf  der  Grundlage  der  wirtschaftlichen  Wohlfahrt.
Wir  sind  überzeugt,  daß  es  nur  des  richtigen  Verstehens
und  der  wahren  Beherzigung  dieser  Grundsätze  bedarf,
um  dieselben  zur  allgemeinen  Volksforderung  zu  erheben.
        <pb n="32" />
        II.

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.
1891.

D ie  Neugestaltung  der  Gesellschaft  fordert  mehr  und  Die  soziale
mehr  die  Aufmerksamkeit  der  weitesten  Kreise
heraus:  die  soziale  Frage  ist  die  zentrale  Frage  geworden. ­
  Starr  steht  die  große  Menge  vor  der  rapiden
Entwicklung  dieser  Frage,  auf  welche  sie  keine  Antwort
zu  finden  vermag.  Ja,  selbst  eine  ganze  Anzahl  der  besten
Männer  hält  den  Gang  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
für  ein  Fatum,  das  für  die  Menschheit  zum  Verderben  ausschlagen
  werde  und  in  seinem  Laufe  nicht  gehemmt  werden
könne.  Und  nicht  ganz  mit  Unrecht  will  der  schwärzeste
Pessimismus  recht  behalten!  Ist  doch  auch  bis  heute  der
Optimismus  jener  großen  Entdecker  und  Erfinder  am  Ende
des  vorigen  und  im  Anfänge  dieses  Jahrhunderts  gründlich  zuschanden ­
  geworden,  die  von  der  Erschließung  der  Naturkräfte
nur  Segensreiches  für  alle  Menschen  erhofften.  In  noch  weit
stärkerem  Maße  als  jener  Denker  des  Altertumes  waren
sie  berechtigt,  von  der  Ersetzung  menschlicher  Arbeit  durch
Maschinen  eine  Erleichterung  menschlicher  Anstrengung
und  der  Beschaffung  von  Reichttimern,  welche  allen  zugute
kämen,  zu  erwarten.  Sie  erfreuten  sich  bei  ihrem  Wirken
an  dem  Gedanken,  daß  die  Beherrschung  der  Naturkräfte
durch  geniale  Verbindung  von  gleichsam  bisher  ruhenden
Atomen  über  alle  Menschen  unendlichen  Segen  bringen
2*
        <pb n="33" />
        20  Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

würde.  An  die  Stelle  menschlicher  Sklaven  sollten  eiserne
treten,  die  keine  Ermüdung  zeigten  und  nach  dem  Willen
des  menschlichen  Geistes  rastlos  Tag  und  Nacht  für  die
weitesten  Bedürfnisse  aller  sorgen  würden.  Alle  ohne
Ausnahme  sollten  an  den  Segnungen  der  Kultur  teilnehmen,
denn  für  alle  waren  die  großen  Geister  tätig  gewesen.
Aber  ganz  das  Gegenteil  ist  in  bezug  auf  das  Wohlergehen ­
  der  Massen  eingetrolfen.  Wohl  ist  die  Produktion
ins  Ungeheuere  vermehrt,  wohl  schaffen  keuchende  Maschinen
große  Reichtümer,  mehr  als  genug,  um  alle  in  Wohlstand
und  Zufriedenheit  zu  setzen,  und  doch  ist  Elend  und  Armut
größer  als  je,  die  Unzufriedenheit  ist  im  Zunehmen  begriffen.
Wohl  ist  es  unmöglich  gewesen,  alle  Fortschritte  der  Kultur
und  ihrer  Segnungen  von  den  Massen  ganz  abzuhalten,  da
diese  selbst,  erwacht  aus  dumpfem  Knechtessinn,  nun  teilzunehmen ­
  wünschen  an  den  Gaben  des  Zeitalters.  Gewiß
ist  nicht  zu  leugnen,  daß  sie  bei  steter  Beschäftigung,  bei
gutem  Geschäftsgänge  absolut  höhere  Löhne  als  vor  40  Jahren
haben,  daß  sie  in  besser  gebauten  Wohnungen  hausen  und
anständigere  Kleidung  tragen,  und  doch  ist  die  Ruhe  und
die  Zufriedenheit  mit  ihrer  Lage  verschwunden.  Es  ist,
wie  wir  noch  zeigen  werden,  der  heutigen  wirtschaftlichen
und  gesellschaftlichen  Ordnung  immanent,  daß  dem  Arbeiter
die  Stetigkeit  der  Arbeit  und  der  Wohnstätte  im  großen
und  ganzen  abhanden  gekommen  ist.  Nicht  allein,  daß  er
bei  schlechtem  Geschäftsgänge,  welcher  nun  seit  einer  Reihe
von  Jahren  andauert,  bei  verkürzten  Arbeitsstunden  weniger
verdient  oder  gar  brotlos  wird,  auch  bei  flottem  Betriebe
hat  der  Arbeiter  von  heute  nie  das  Gefühl  mehr,  dauernd
an  seine  Stelle  gefesselt  zu  sein.  Er  weiß  oder  fühlt
instinktiv,  daß  seine  Kraft,  seine  Leistung  nur  als  eine
Ware  wie  jede  andere  betrachtet  wird,  deren  sich  der
Unternehmer  zu  jeder  Zeit  nach  freiem  Willen  entledigen
kann.  Nirgends  hat  der  Arbeiter  heute,  zumal  bei  Aktien ­
        <pb n="34" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

21

gesellschaften,  das  Bewußtsein,  daß  er  ein  heiliges  Recht
auf  Arbeit  habe,  daß  er  um  seiner  selbst,  um  seines  Menschenantlitzes ­
  willen  in  Beschäftigung  sei.  Man  redet  vom  freien
Arbeitsvertrage  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer,
aber  in  Wahrheit  herrscht  ein  Zustand,  welcher  schlimmer
als  der  Feudalismus  des  Mittelalters  ist.  Will  man  nun
endlich  auf  Initiative  unseres  Kaisers  zur  Betätigung  der
Gleichberechtigung  schreiten,  will  man  Einrichtungen  treffen,
in  denen  beide  Teile  miteinander  auf  dem  Boden  der
Solidarität  der  Interessen  verhandeln,  dann  muß  man  erleben, ­
  daß  sich  das  Unternehmertum  zum  Teil  zurückziehen
und  frondieren  will.
Ja,  der  Geschäftsführer  des  Zentralverbandes  deutscher
Industrieller  erklärte  auf  der  Generalversammlung  des  Vereines ­
  für  Sozialpolitik,  die  Arbeitgeber  würden  sich  niemals
zu  solchen  Vereinigungen  herablassen.  Nun,  die  guten
Herren,  welche  ihre  Macht  gegenüber  den  Arbeitern  gerade
diesen  Arbeitern  verdanken,  werden  schon  in  den  sauren  Apfel
beißen  müssen.  Je  mehr  die  Einsicht  und  damit  das  Selbstgefühl ­
  des  Lohnarbeiters  erwacht,  um  so  größer  wird  der
innere  Zwiespalt,  und  die  Unzufriedenheit  wächst,  zumal  er  sich
sagen  muß,  daß  ihn  gerade  die  Beraubung  der  Früchte  seiner
Arbeit  fortwährend  so  elend  und  so  unsicher  in  seiner  Lage
macht.  Und  nicht  er  allein  leidet;  er  muß  sehen,  wie  seine  Angehörigen ­
  darben,  wie  seine  Kinder  früh  dahinsiechen,  und
sein  Weib  sich  neben  ihrer  häuslichen  Tätigkeit  noch  im  Dienste
anderer  abplagen  muß,  um  das  Nötigste  zu  dem  kargen
Verdienste  des  Mannes  zu  schaffen.  Wer  wagt  es,  unter
dem  heutigen  Ausbeutungssystem  einen  Stein  auf  den  Elenden
zu  werfen,  der  durch  schwere  Arbeit,  geringen  Lohn,  Entbehrungen, ­
  dunstige  Wohnung  dem  Alkohol  verfällt,  in  dem
er  Betäubung  seiner  Mattigkeit  und  Vergessen  seiner  elenden
Tage  sucht!  Wer  will  ihm  fluchen  als  einer  entarteten
Kreatur!  Sollte  man  nicht  denen  fluchen,  welche  den  Bruder
        <pb n="35" />
        22  Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

durch  eine  Ordnung,  welche  sich  auf  schlechte  Gesetze
stützt,  so  zum  Tiere  erniedrigen!
Aber  nicht  allein  die  sogenannten  Lohnarbeiter  leiden!
Was  der  sozialen  Frage  unserer  Zeit  ihr  besonderes  Gepräge ­
  gibt,  ist  die  Erscheinung,  daß  nach  und  nach  auch
die  Berufe  und  Stände,  welche  früher  an  der  Ausbeutung
der  Massen  teilnahmen,  jetzt  selbst  unter  die  Schraube  der
Ausplünderung  gekommen  sind.  Wir  sehen  den  vordem
so  mächtigen  Adel  in  dem  größten  Teile  seiner  Mitglieder
an  dem  Bande  des  Buins.  Es  ist  ein  Mächtigerer  über
die  Beste  des  Feudalismus  gekommen,  der  Kapitalismus
treibt  in  viel  raffinierterer  Weise  Straßenraub,  als  ehedem
der  Baubritter.  Bothschild  und  Konsorten  saugen  dem
Adel  das  Mark  aus,  und  in  ohnmächtiger  Wut  sucht  dieser
sich  der  unbarmherzigen  Vampyre  zu  entledigen.  So  rächt
sich  alle  Schuld;  denn  nicht  alles  ist  mit  den  Phrasen
einer  materialistischen  Geschichtsauffassung  zu  entschuldigen. ­
  Selbst  der  Nachwuchs  der  Unternehmer  sieht
sich  durch  den  Mächtigeren  in  seinen  autokratischen  Gelüsten ­
  beschränkt:  der  Mangel  an  Absatz  oder,  wie  es
in  diesen  Kreisen  heißt,  die  Überproduktion  schlägt  ihn  zu
Boden.  Aber  auch  freie  Berufe,  welche  von  dem  üblen
Befinden  der  Massen  lebten,  wie  Advokaten,  Arzte  und
Apotheker  usw.,  sind  aus  ihrem  zum  Teil  recht  egoistischen
Betriebe  auf  Kosten  der  sittlichen  Ordnung  und  Gerechtigkeit ­
  aufgerüttelt,  und  nur  wenige  von  ihnen  sind  in  der
Lage,  ein  solches  Dasein  fortzusetzen.
Überall  also  Druck  und  Sorge  um  die  Existenz,  da  auch
der  Mittelstand  von  Tag  zu  Tage  sich  verringert  und  seine
Glieder  in  das  Proletariat  sinken.  Und  so  schnell  geht  der
Auflösungsprozeß  der  bürgerlichen  Gesellschaft  vor  sich,
daß,  wenn  man  dem  Laufe  der  Entwicklung  nicht  Einhalt
gebietet,  in  kurzer  Zeit  die  menschliche  Gesellschaft  innerhalb ­
  der  zivilisierten  Staaten  in  einige  Dutzend  Milliardäre,
        <pb n="36" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

23

denen  alles  gehörte,  und  in  den  großen  Haufen  besitzloser
Proletarier  zerfallen  würde.  Nun,  unsere  Hoffnung  ist,  daß
es  so  weit  nicht  kommen  wird,  denn  aus  solchem  Zustande,
in  welchen  die  Menschheit,  erstickend  an  ihrem  Überflüsse,
geraten  wäre,  würde  nur  die  blutigste  aller  Revolutionen
und  die  universelle  Konfiskation  nach  kommunistischem
Rezept  der  Sozialdemokratie  Rettung  bringen  können.
Haß  es  aber  soweit  gekommen  ist  mit  uns,  daß  wir  vor
solcher  Alternative  stehen,  ist  unsere  Schuld,  ist  der  Fluch
der  Habgier  und  der  Genußsucht,  durch  welche  wir  die
Menschenrechte  der  Brüder  verachtet  haben.  "Wohl  haben
wir  große  Fortschritte  in  den  Naturwissenschaften  gemacht,
wohl  ist  es  uns  gelungen,  an  Stelle  der  Kargheit  Reichtümer
hervorzuzaubern,  mehr  als  für  alle  genug.  Aber  wir  haben,
da  wir  die  Liebe  außer  acht  ließen,  lange  vergessen,  die
gesellschaftlichen  Grundlagen  den  veränderten  wirtschaftlichen ­
  Bedingungen  anzupassen.  Nun  ist  uns  der  Zwiespalt
zwischen  sozialer  Ordnung  und  veränderter  Produktion  so
jäh  gekommen,  daß  es  nicht  wundernehmen  kann,  wenn
sich  in  den  Vorschlägen  zur  Neuordnung  der  Gesellschaft
eine  radikale  Überstürzung  breit  macht,  die  besonders  auch
durch  den  starren  Widerstand  der  beati  possidentes  gegen
.jede  Reform  genährt  wird.  Nicht  gegen  die  Sozialdemokratie ­
  ist  es  nötig,  zum  Kampfe  aufzurufen,  da  sie  bei
grundlegenden  Reformen  bald  zerfallen  wird,  sondern  gegen
die,  welche  sich  zu  Verteidigern  der  kapitalistisch-ausbeuterischen ­
  Ordnung  aufwerfen,  und  deren  eigentliche
Repräsentanten  in  dem  sogenannten  Manchestertum  vereinigt ­
  sind.  Man  darf  kühn  sagen,  der  Feind  der  Kultur
ist  nicht  der  demokratische  Sozialismus,  sondern  das
Manchestertum,  da  ersterer  nur  durch  letzteres  zum  Ziele
gelangen  kann.
Zum  Glück  aber  kann  man  behaupten,  daß  die  Reihen
des  Manchestertums  immer  mehr  gelichtet  werden,  und

Der
Sozialismus. ­
        <pb n="37" />
        24

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

die  Schar  jener  Männer  anschwillt,  welche  für  eine  friedliche ­
  nnd  gründliche  Sozialreform  eintreten  wollen.  Diese
Männer,  samt  und  sonders,  bezeichnen  wir  mit  dem  Namen
Sozialisten,  insofern  sie  im  bewußten  Gegensätze ­
  zur  kapitalistischen  Ordnung  an  eine  Neugestaltung
der  menschlichen  Gesellschaft  herangehen  wollen.  Der
Sozialismus  sieht  in  dem  Menschen  mehr  als  ein  Arbeitsinstrument ­
  und  erkennt  der  Gesellschaft  das  Hecht  und
die  Pflicht  zu,  im  Interesse  des  Einzelnen  wie  auch  ganz
besonders  in  dem  der  Gesellschaft  für  eine  Neuordnung
der  Gemeinschaft  Sorge  zu  tragen,  in  der  eine  Lebenshaltung ­
  in  wirtschaftlicher  Beziehung  des  Einzelnen  vorgesehen ­
  ist,  welche  den  jeweiligen  Produktionsbedingungen
und  vernunftgemäßen  Ansprüchen  entspricht.  Alle  wollen,,
daß  man  in  der  Arbeit  eine  heilige  Pflicht  erkenne,  daß
sie  körperlich  und  geistig  dem  Einzelnen  zum  Segen  gereiche, ­
  nicht,  daß  ein  Teil  von  ihr  erdrückt  werde  und
verkomme,  nicht  daß  ein  anderer  in  Nichtstun  sein  Leben
verfehle.
Je  mehr  der  einzelne  heute  auf  den  anderen  angewiesen
ist,  desto  größer  ist  die  Gefahr,  daß  bei  einer  verkehrten
sozialen  Ordnung  der  Schwächere  durch  den  Stärkeren
ausgebeutet  wird.  Und  dies  um  so  mehr,  wenn  geschriebene
Gesetze  Formen  von  Diebstahl  erlauben,  welche  fast  gar
nicht  mehr  auffallend  erscheinen,  wie  z.  B.  den  Zinsbezug..
Je  größer  die  Vergesellschaftlichung  der  Arbeit  wird,
um  so  schärfer  müssen  die  Grundlagen  in  Sitte  und  Recht
gegenüber  der  Pfiffigkeit  gezogen  werden,  da  sonst  die
Heiligkeit  des  wirklichen  Eigentumes  verschwinden  und
einem  rohen  Kommunismus  Platz  machen  würde.  Was  die
kapitalistische  Ordnung  von  heute  so  gefährlich  macht,,
ist  eben  der  starke  kommunistische  Zug,  der  ihr  anhaftet,
daß  Leute  durch  Gesetze  und  Rechte  sich  die  Arbeit
anderer  aneignen  können,  denn  Rente,  Zins  und  Unter-
        <pb n="38" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.  25-nehmergewinn
  sind  Formen  einer  rohen  kommunistischen
Ausbeutung.
Im  bewußten  Gegensätze  zu  diesen  Zuständen  tritt  der
Sozialismus  auf.  Er  will,  daß  für  jeden,  der  arbeitet,  die
Tafel  des  Lebens  gedeckt  sei;  er  will,  daß  die  Gesellschaft
sich  ihrer  Pflichten,  welche  sie  den  einzelnen  gegenüber
hat,  wieder  erinnert,  die,  welche  ihr  im  Laufe  der  geschichtlichen ­
  Entwicklung  abhanden  gekommen  sind,  in  geläuterter
Form  wieder  auf  sich  nimmt.
Ist  jene  oben  gegebene  Charakteristik  allen  sozialistischen ­
  Gruppen,  —  wir  unterscheiden  den  demokratischen, ­
  Staats-  und  humanistischen  Sozialismus  —  gemeinsam, ­
  so  gehen  die  Wege,  welche  die  einzelnen  einschlagen,.
sehr  auseinander  und  ebenso  sind  ihre  letzten  Ziele  verschieden. ­

Der  demokratische  Sozialismus  hält  auf  Grund
einer  materialistischen  Geschichtsauffassung  nach  Marx
die  Zeit  für  gekommen,  wo  nicht  nur  Grund  und  Boden,
sondern  auch  alle  Produktionsmittel  in  den  Besitz  der  Gesellschaft ­
  übergehen  sollen,  welche  dann  zur  Leitung  des
demokratischen  Gemeinwesens  sogenannte  Omniarchen  als
Leiter  bestellen  würde.  Wir  sehen  dabei  von  Engels’  und
Bebels  Äußerungen  über  „das  Absterben  des  Staates“  ab,.
—  welchen  eine  so  zentralisierte,  straffe  Leitung  nicht  für
ein  demokratisches  Gemeinwesen  zu  passen  schien  —,  da
diese  offenkundig  damit  die  Anarchie  proklamieren,  und
erwähnen  es  nur,  um  zu  erinnern,  wie  unklar  selbst  den
Führern  der  Zustand  ihres  Staates  ist.  In  dem  Programme
der  sozialistischen  Arbeiterpartei  Deutschlands  vom  Mai  1875,
heißt  es:
„Die  Arbeit  ist  die  Quelle  alles  Reichtums  und  aller  Kultur
und,  da  allgemein  nutzbringende  Arbeit  nur  durch  die  Gesellschaft ­
  möglich  ist,  so  gehört  der  Gesellschaft,  d.  h.  allen
ihren  Gliedern,  das  gesamte  Arbeitsprodukt  bei  allgemeiner"
Arbeitspflicht,  nach  gleichem  Rechte,  jedem  nach  seinen.
        <pb n="39" />
        26

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

vernunftgemäßen  Bedürfnissen.  —  Die  Befreiung  der  Arbeit
erfordert  die  Verwandlung  der  Arbeitsmittel  in  Gemeingut
der  Gesellschaft  und  die  gemeinschaftliche  Regelung  der  Gesamtarbeit ­
  mit  gemeinnütziger  Verwendung  und  gerechter
Verteilung  des  Arbeitsertrages.“
Worauf  es  unserem  Standpunkte  gemäß  ankommt,  wäre
"vor  allem  die  gerechte  Verteilung  des  Arbeitsertrages  im
sozialdemokratischen  Staate.  Daß  in  ferner  Zukunft  es
möglich  sein  wird,  nicht  allein  Grund  und  Boden,  sondern
auch  den  größten  Teil  des  Kapitales  den  Händen  der  Gesellschaft ­
  zu  überweisen,  unterliegt  für  uns  keinem  Zweifel.
Aber  das  letztere  wird  noch  so  lange  dauern,  bis  die
Menschen  in  intellektueller  und  moralischer  Beziehung  so
gleich  geworden,  daß  von  Neid  und  niedriger  Habsucht
keine  Bede  sein  kann.  Die  Leitung  der  Produktion  und
logischer  Weise  auch  der  Konsumtion  der  Gesellschaft
übergeben,  heißt  eine  Ochlokratie  heraufbeschwören,  die
Verteilung  des  Arbeitsertrages  von  Gesellschaftswegen  zu
bestimmen,  heißt  einem  schlimmeren,  grausameren  Kommunismus ­
  verfallen,  als  der  ist,  der  uns  jetzt  ausplündert. ­
  —
Da  der  demokratische  Sozialismus  nach  gewaltsamer
Expropriation  eine  Entschädigung  nur  in  Lebensbedürfnissen
.ausgibt,  so  ist  damit  eine  reine  Konfiskation  ausgesprochen,
ein  grober  Rechtsbruch  proklamiert,  vor  dem  sich  eine
Partei,  welche  sich  brüstet,  Gerechtigkeit  erst  einführen  zu
wollen,  scheuen  sollte.  Und  doch  wäre  um  des  unendlichen
Erbarmens  mit  der  enterbten  und  verelendeten  Masse  unserer
Brüder  willen  der  Weg  zu  begehen,  wenn  sich  kein  besserer
aus  dem  heutigen  Elend  böte.
Statt  aber  eine  höhere,  edlere  Eigentumsform,  welche
sich  auf  „eigen  Tun“  gründet,  zu  erstreben,  ist  der
•demokratische  Sozialismus  nichts  als  Kommunismus.  Wie
heute  wenige  Tüchtige  die  Menge  auf  Grund  schlechter
Gesetze  ausbeuten,  so  will  der  Kommunismus  als  Besserung
        <pb n="40" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

27

•die  Ausbeutung  weniger  Tüchtiger  durch  die  große  Masse.
'Wie  ersteres  verwerflich,  so  ist  letzteres  ebenso  un-.
  annehmbar.
Mit  diesen  Einwänden  ist  auch  der  Kern  der  Gegen-;
  gründe  gegen  den  Kommunismus  von  unserem  wirtschaftlichen ­
  Standpunkte  aus  getroffen,  nicht  aber  etwa  mit  solchen,
welche  der  Begründer  der  „Freisinnigen  Zeitung“  unter
dem  Titel  „Sozialdemokratische  Irrlehren“  ins  Feld  führt.
Eugen  Richter  will  die  Bestrebungen  der  Sozialdemokratie
:z.  B.  damit  vernichten,  daß  er  ihren  Anhängern  vorhält,  bei
einer  gleichen  Verteilung  .der  Produktion  kämen  kaum
:200  Mark  mehr  auf  die  Familie  und  deshalb  lohne  es  sich
nicht,  Räuber  und  Mörder  zu  sein.  Natürlich  sind  ihm
•Grundrente,  Zins  und  Untemehmerprofit  ein  Intangibile.
Aber  weiß  er  denn  nicht,  daß  die  Gütervermehrung  infolge
der  Anhäufung  der  großen  Vermögen  in  wenigen  Händen
gehemmt  ist,  da  sich  die  Konsumtion  in  umgekehrtem  Verhältnisse ­
  zu  ihr  befindet?  Die  Produktion  wird  gewiß  bei
gerechter  Verteilung  des  Arbeitsertrages,  ohne  daß  deswegen ­
  der  sozialdemokratische  Staat  festgesetzt  werden
müßte,  eine  zehnfach  höhere  sein.
Wie  der  Kommunismus  in  dem  Umsturz  alles  Bestehenden
die  Rettung  erblickt,  so  erstrebt  der  Humanistische
Sozialismus  —  humusethumanitas—  der  Bodenreformer
in  langsamer  und  organischer  Weise,  in  Anknüpfung  an  die
bestehenden  Zustände  eine  Neuordnung,  welche  sowohl  der
Gerechtigkeit  als  auch  den  individuellen  und  sozialen  Bedürfnissen ­
  der  Gegenwart  und  der  Zukunft  nach  jeder  Weise
Rechnung  trägt.
Der  Humanistische  Sozialismus  vernichtet  nicht  den
Individualismus,  den  die  Sozialdemokratie  notwendig  zerstören ­
  muß,  er  rottet  nicht  das  sittliche  Selbstgefühl  aus,
er  läßt  im  Gegenteil  den  einzelnen  die  volle  Freiheit  und
beschränkt  sie  nur  soweit,  als  ihre  Selbstsucht  mit  den
        <pb n="41" />
        28

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

Schädlichkeit ­
  des
privaten
Grundeigentums. ­


Interessen  anderer  kollidiert.  Zwar  ist  dieses  auch  die-Lehre
  der  Vertreter  der  kapitalistischen  Ordnung,  aber  der
Humanistische  Sozialismus  wird  erst  die  Erfüllung  bringen,
indem  er  soziale  Grundlagen  schafft,  auf  denen  ein  wahrhaft ­
  gerechter  Ausgleich  der  wirtschaftlichen  und  sittlichen
Forderungen  aller  stattfinden  kann.  Beseitigen  will  er  noch
heute  geltende  rohe  Formen  des  Kommunismus  in  dem
kapitalistischen  Eigentum,  welche  nicht  auf  „eignem  Tun“,,
sondern  auf  Ausbeutung  beruhen.  Er  fordert,  wie  wir  noch
ausführen  werden,  die  Rückkehr  des  Grund  und  Bodens;
unter  die  wirkliche  Oberhoheit  des  Volkes,  der  Gemeinschaft,,
wie  sie  im  Staate  verkörpert  ist,  unter  Anerkennung  dergleichen ­
  Rechte  aller  Bürger  auf  denselben.  Die  Bodenreformer ­
  halten  Not  und  Elend,  wie  sie  heute  in  den  Kulturstaaten ­
  herrschen,  nicht  für  eine  unabwendbare  Schickung
Gottes,  sondern  für  eine  Folge  menschlichen  Unverstands
und  menschlicher  Habsucht.  Die  Erde  soll  allen  Menschen
gehören,  um  darauf  glücklich  zu  sein  und  sich  in  Tugenden
zu  üben,  deren  höchste  die  Selbstverleugnung  und  die  Liebe
zu  den  Brüdern  sind.
Damit,  will  der  Humanistische  Sozialismus  eigentlich
nichts  Neues,  er  will  im  Gegenteil  uralte,  ewige  Wahrheit
wieder  voll  zur  Geltung  bringen,  freilich  in  vollem  Einklangernit
  der  wirtschaftlichen  Entwickelung,  der  fortgeschrittenem
Arbeitsteilung.  Es  kann  den  Bodenreformern  nicht  einfallen,,
an  die  Verwirklichung  ihres  Programms  so  zu  denken,  als
sollen  nun  alle  Menschen  ein  gleiches  Stück  Land  haben,
um  sich  darauf  zu  ernähren,  eine  Beschuldigung,  welche  nurnaiver ­
  Denkweise  entspringen  kann.  Die  Nationalisierung  des;
Grund  und  Bodens,  des  Grundzinses  kann  unter  völliger  Freiheit ­
  im  Verkehr  mit  Ackerland  zum  Ausdruck  gebracht  werden.
Wie  aber  das  private  Grundeigentum  in  seiner  von  der
Oberhoheit  des  Volks  losgelösten  Form  die  Ursache  der
sozialen  Not  ist,  soll  nunmehr  ausgeführt  werden.
        <pb n="42" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

29

In  den  Anfängen  der  Kultur,  in  primitiven  Gemeinwesen
-war  und  ist  der  Grund  und  Boden  ein  freies  Gut.  Jede
Familie  besiedelt  ein  Stück  Land,  um  ihre  Bedürfnisse,
welche  ja  unter  diesen  Zuständen  einfacher  und  materieller
_  Natur  sind,  zu  befriedigen,  oder  bei  Mehrung  der  Ansprüche
in  den  Formen  der  Naturalwirtschaft  Produkte  gegen  Produkte
.auszutauschen.  Immer  aber  ist  der  Besiedelung  und  hernach ­
  der  Bebauung  günstiges  Land  in  Fülle  vorhanden;
die  Stammesgenossen  sind  alle  in  der  Lage,  sich  genug
Land  und  von  genügender  Qualität  zu  sichern.  Nimmt  die
Bevölkerung  zu,  so  daß  die  junge  Brut  gezwungen  ist,  auszuziehen ­
  und  schwierigeres  Land  in  Angriff  zu  nehmen,
welches  mehr  Arbeit  erfordert,  um  gleichviel  Erträgnisse
.abzuwerfen,  immer  noch  findet  jeder  in  jenen  Verhältnissen
die  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse.  Der  höhere  naturale
Nutzwert  des  Bodens  braucht  in  diesen  Gemeinwesen,  die
später  bei  größerer  Ausbreitung  wenig  Zusammenhängen,
von  den  Bodenbenutzern  nicht  extra  bezahlt  zu  werden.
Man  kennt  praktisch  und  noch  viel  weniger  theoretisch  eine
Grundrente.  Dazu  kommt  noch,  daß  in  allen  diesen  niederen
politischen  Bildungen  ein  gewisser  Kommunismus  herrscht,
zum  mindesten  ein  Agrarkommunismus.  Unter  dieser  Form
der  Güterverteilung  freilich  kommt  wenig  oder  gar  nichts
darauf  an,  daß  sich  die  Gesamtheit  von  den  Benutzern  die
natürlichen  Mehrleistungen  des  Bodens  vergüten  läßt,  denn
alle  nehmen  ja  in  gleicher  Weise  an  den  Erträgen  sämtlicher
Bodenqualitäten  teil.
Je  höher  die  Kultur  steigt,  je  dichter  die  Bevölkerung
wird,  je  mehr  die  Eigentumsbegriffe  klarer  in  die  Erkenntnis
treten,  wird  der  Boden,  der  zur  Kultur  sich  eignet  oder
ohne  zu  große  Arbeit  reiche  Erträge  gibt,  seltener,  und
einzelne  suchen  die  Vorteile  günstigerer  Bodenleistungen
für  sich  auf  Kosten  der  Gesamtheit  in  Anspruch  zu  nehmen.
Fast  alle  Völker  haben  im  Laufe  weiterer  Entwicklung  in
        <pb n="43" />
        30

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

ihren  Rechtsbegriffen  zugelassen,  daß  sich  einzelne  die-Leistungen
  der  Natur,  wie  sie  im  Boden  sich  überall  zeigt,
aneigneten  und  anderen  erst  überließen,  wenn  diese  ihnen
diese  Arbeit  der  Natur  vergüteten,  obwohl  nichts  klarer
sein  kann,  als  daß  sie  der  Gesamtheit  gehören,  und  diese
den  Entgelt  hätte  einziehen  müssen.
Das  Lehnsrecht  bei  den  germanischen  Völkern  im  Mittelalter
  überließ  zwar  auch  den  Boden  einzelnen,  aber  nur
gegen  feste  Bestimmungen,  nach  welchen  sowohl  die  Inhaber
des  Lehens  selbst  Dienste  leisten  —  Heeresfolge,  Brückenbau ­
  usw.  —  wie  nach  unten  hin  für  die  Existenz  der  Untergebenen ­
  Sorge  tragen  mußten.  Für  jeden  Menschen  war  auch,,
so  lange  diese  Ordnung  bestand,  welche  der  wirtschaftlichen
Entwicklung  wohl  entsprach,  gut  gesorgt,  und  es  ist  bekannt,.,
daß  der  Teil  an  dem  Nationalvermögen,  welcher  der  Tagelöhner ­
  in  den  guten  Zeiten  des  Mittelalters  erhielt,  höher
war,  als  er  es  in  unseren  Tagen  ist.  Er  aß,  trank,  kleidetesich
  und  wohnte  relativ  besser  und  hatte  nicht  die  Plagen
und  Sorgen  um  den  kommenden  Morgen  wie  der  sogenanntefreie
  Arbeiter  von  heute.  Auf  den  Grundstücken,  welche
der  Leibeigene  bebaute,  lagen  feste  Lasten,  die,  so  lange
Recht  und  Gesetz  schützte,  nie  willkürlich  erhöht  werden
konnten.  Was  der  Bauer  mehr  erarbeitete,  gehörte  ihm,,
und  auf  den  Gütern  des  Herrn  genossen  die  unfreien  Leute
vollauf  alle  Vorteile,  welche  dem  Herrn  durch  Verbesserung,
der  Technik  zufielen.  Denn  dieser  konnte  die  Mehrerträge
seines  Einkommens,  welche  über  die  Befriedigung  seiner  -
immerhin  weiten  Bedürfnisse  hinausgingen,  nicht  anders
anwenden,  als  daß  er  sie  selbst  mit  seinen  Freunden,  seinem
Gesinde,  durch  Bauten  Prunksachen  aufbrauchte,  oder  in.
Verbesserung  der  Produktion  anlegte.  Zinsbringend,  heckend
waren  sie  auf  Grund  und  Boden  nirgend  anzubringen,  da
ja  seinen  Bauern  die  freie  Verfügung  über  den  Boden  fehlte..
Daß  auch  hier  schon  die  Unterschiede  in  dem  natürlichen.
        <pb n="44" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

31

Nutzwerte  des  Bodens  beachtet  und  der  Bauer,  welcher
günstigeren  Boden  bebaute,  höhere  Abgaben  dafür  zu  zahlen
hatte,  war  natürlich.  Aber  im  großen  und  ganzen  kann
man  sagen,  daß  der  Bezug  dieser  Grundrente  in  jenen
Zeiten,  wenn  auch  durch  die  Hand  der  Lehnsherren,  der
Allgemeinheit  zu  Gute  kam.
Als  im  späteren  Mittelalter  das  Ansehen  der  kaiserlichen
Macht  sank,  der  Adel  mit  den  Städten  in  blutigen  Fehden
rang,  wurde  auch  das  Lehnrecht  zu  einer  schalen  Form
ohne  lebenskräftigen  Gehalt.  Nicht  allein,  daß  der  Bauer
der  Prügelknabe  beider  Lager  wurde,  die  Ausbeutung  der
Herren  war  so  rücksichtslos,  daß  er  bald  nichts  mehr  sein
eigen  nannte.  Schwer  seufzten  die  Bauern  und  murrten
gegen  ihre  Peiniger.  Geheime  Verschwörungen  bildeten  sich,
es  sei  nur  an  den  „armen  Konrad“  und  den  „Bundschuh“
erinnert.  Jener  große  Kampf,  welcher  den  Namen  des
Bauernkrieges  führt,  war  ja  mehr  ein  Ringen  um  die  Existenz ­
  als  um  religiöse  Wahrheiten.  Blutig  wurde  er  niedergeschlagen, ­
  und  unser  Vaterland  hat  bis  zur  Neige  des
vorigen  Jahrhunderts  seine  Bauern  unter  dem  schweren
Drucke  der  Mißhandlung  und  Ausbeutung  als  Leibeigene
geknechtet  gesehen.
Es  war  unter  solchen  Zuständen  natürlich,  daß  andere
Formen  des  Bodenbesitzes  in  die  Erscheinung  treten  mußten,
um  die  Bauern  zur  Betreibung  ihres  Gewerbes  anzuregen,
denn  von  den  Herren  wurden  sie  immerfort  schlechter  behandelt ­
  und  ausgezogen.  Schon  im  16.  Jahrhundert  trat
die  freie  Belehnung,  Kauf  und  Pacht  des  Bodens,  auf,  die
aber  erst  durch  die  Erschütterungen  der  französischen
Revolution  zum  allgemeinen  Durchbruch  kam  und  sicher
als  solche  ein  wichtiges  Mittel  gewesen  ist,  den  Gewerbe-Heiß
  in  ungeahnter  Weise  zu  heben.  Aber  der  freie  Handel
mit  Grund  und  Boden  ist  nur  eine  Durchgangsstufe  gewesen,
sofern  er  als  Ablagerungsstätte  des  Kapitalismus  gedient  hat.
        <pb n="45" />
        32

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

So  wertvoll  die  freie  Verfügung  über  den  Boden  seitens
des  Besitzers  ist  und  so  wenig  sie  im  allgemeinen  angetastet
werden  darf,  so  unheilvoll  ist  die  Vernachlässigung  der
ewigen  Gesetze  gewesen,  daß  der  Grund  und  Boden  Eigentum ­
  der  Gesamtheit  ist.  Er  ist  ein  freies  Geschenk  der
Natur  an  alle,  welche  durch  den  Staat  in  entwickelteren
Gemeinwesen  vertreten  sind.  Dieser  überläßt  das  Produktionsinstrument ­
  an  die  einzelnen,  welche  ihn  benutzen  können,
aber  an  das  Gemeinwesen  die  Leistung  der  Naturkräfte,
welche  man  Grundrente  nennt,  vergüten.  In  einem  Staate,
wo  die  Gerechtigkeit  thront,  gehört  diese  Grundrente  dem
Staate,  man  darf  in  solchem  Wesen  erwarten,  daß  die  Grundrente ­
  der  faktische  Ausdruck  der  wirklichen  naturalen  Nutzleistung ­
  des  Bodens  ist,  daß  sie  nicht  die  letztere  übersteigt, ­
  wie  es  heute  der  Fall.  Aber  wir  müssen  heute  dafür
leiden,  daß  man  nicht  der  ewigen  Gerechtigkeit  und  ihren
Anforderungen  gefolgt  ist,  daß  man  den  Boden  dem  Schacher
anheimgegeben,  daß  man  einzelnen  erlaubt,  die  Leistungen
des  Bodens  in  ihre  Hände  zu  bringen.  Sehen  wir  von  dem
altbefestigten  Großgrundbesitze  ab,  so  ist  es  immer  mehr
das  Streben  der  Pfiffigen  geworden,  Boden  in  ihren  Besitz
zu  bringen,  um  dessen  Kräfte  sich  bezahlen  zu  lassen,  sei
es  durch  Pacht  oder  durch  Hypothekenzinsen.  Ja,  nicht
damit  genug,  daß  die  wirklichen  natürlichen  Nutzwerte  in
privater  Grundrente  dem  Gemeinwesen  genommen  wurden;
die  Grundrente  ist  eben  schon  gar  kein  Maß  mehr  für  die
Leistung  der  Bodenkräfte,  da  sie  dieselben  weitaus  überragt.
Die  Pachten  und  Zinsforderungen  enthalten  unendlich  mehr
als  die  natürliche  Leistung  des  jeweiligen  Bodens,  sie  rauben
den  Bauern  —  wenn  wir  vorläufig  von  dem  landwirtschaftlichen ­
  Boden  sprechen  —  einen  großen,  ja  den  größten
Teil  des  Arbeitslohnes.
Statt  dem  Gemeinwesen  zuzufallen,  welches  sie  für  die
Wohlfahrt  aller  Mitglieder  verwenden  würde,  ziehen  relativ
        <pb n="46" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

33

wenige  die  Grundrente  ein,  und  damit  haben  wir  auch  infolge ­
  der  gestiegenen  Produktion  die  Möglichkeit  der  Ansammlung ­
  so  enormer  Vermögen,  wie  sie  die  Jetztzeit  darbietet ­
  und  wie  sie  das  Altertum  und  das  Mittelalter  nie  gekannt ­
  hat.  Diese  Reichtümer  werden  nicht  etwa,  wie  es
im  Mittelalter  der  Gutsherr  machte,  verzehrt  oder  produktiv
verwendet;  sie  werden  vorwiegend  wiederum  zinstragend
angelegt  und  treiben  die  Grundrente  in  die  Höhe,  und  damit ­
  ist  zugleich  die  Grundlage  für  weitere  Renten-  und
Zinsforderungen  gegeben.
Der  Boden  wird  teurer  und,  da  die  Bebauer  sich  durch
höhere  Preise  für  den  Raub  an  ihrer  Arbeit  schadlos  halten
wollen,  steigen  die  Rohstoffe.  Die  gesamte  Produktion
verteuert  sich,  während  die  Kauffähigkeit  —  der  Unternehmerprofit ­
  spielt  dabei  eine  Rolle  —  stetig  abnimmt.  Lange
Zeit,  zumal  wenn  die  Kommunikation  schlecht  und  neue
Länder  nicht  in  Konkurrenz  treten,  können  sich  wenigstens  die
Bauern  trotz  zunehmender  Verarmung  des  gesamten  Volkes
durch  erhöhte  Preise  halten,  denen  natürlich  bald  wieder
eine  Grundrentensteigerung  folgt.  Nehmen  wir  zum  Beweise ­
  der  enorm  gestiegenen  Bodenpreise,  denen  die  Preise
für  die  Produkte,  da  die  Bevölkerung  nicht  konsumfähig
bleibt,  nicht  folgen  können,  die  von  H.  Paasche  aufgestellte
Tabelle,  welche  uns  diese  Bewegung  zeigt.  Dabei  ist
immerhin  zu  beachten,  daß  bessere  Kommunikation,  andere
Technik,  gute  Ernten  einen  Einfluß  auf  die  Preisbewegung
haben.  Aber  selbst  das  blödeste  Auge  sieht,  daß  die
Bodenpreise  in  unverhältnismäßiger  Weise  zu  denen  der
Produkte  steigen.
Siehe  die  Tabelle  Seite  34.
Die  Grundrente  ist  in  einer  bedenklichen  Weise  in  die
Höhe  geschraubt;  sie  entspricht  längst  nicht  mehr  dem
natürlichen  Nutzwerte  des  jeweiligen  Bodens,  wenn  wir
W  eh  berg,  Die  Bodenreform.  3
        <pb n="47" />
        34  Di©  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

Durchschnittspreise
der  Hufe  derLehensgüter
in  Mecklenburg-Schwerin

Durchschnitts ­
 ­
  der
Allodialgüter
  in
Mecklenburg- ­


in  Mark

Verhältnis ­
 ­

Durchschnitts ­
 ­

zu
denen  v.
1770-79
=  100

Zehnjährige
Durchnittsp  reise

Verhältnis ­

zu
1770-89
=  100

Jahr

Mark

Verhältnis ­

zu
1770-79
=  100

zu  Bost(
Jahr

jck
Mark

1770—1779

19  226

100

20  412

100

1771—80

8,72

100

1780—1789

24  993

127,3

25  227

123,5

1781-90

9,44

108,3

1790-1799

50  121

156,9

49  740

243,6

1791—1800

11,95

137,0

1800—1809

71  016

361,8

67  608

331,2

1801—1810

16,68

191,3

1810-1819

41  292

210,4

44  667

215,9

1811—20

12,19

139,8

1820—1829

45  252

230,6

45  303

221,9

1821—30

7.46

85,5

1830—1889

56139

286,0

63  635

311,7

1831—40

9,71

111,3

1840—1849

90  492

461,0

93  315

457,1

1841—50

11,64

133,5

1850—1859

113216

576,9

118  696

581,5

1851-60

15,40

176,6

1860—1869

152  341

776,2

180  441

884,0

1861-70

14,73

168,9

1870-1879

133  046

677,4

158  245

775,2

1871—79

15,68

179,8

von  dem  ungerechten  privaten  Bezug  ganz  abgesehen.  So
ist  bekannt,  daß  der  preußische  Landwirtschaftsminister  in
seinem  Berichte  an  den  König  die  Tatsache  aufführte,
daß  die  Pacht  auf  den  Domänen  im  Laufe  der  Jahre
1850—1880  von  14  Mark  auf  40  Mark  gestiegen  sei.  Dem
entspricht  die  Bewegung  auf  dem  übrigen,  zum  Teile
freiem  Verkehre  anheimgegebenen  Grund  und  Boden.  Auch
wo  ein  Gut  in  derselben  Familie  bleibt,  werden  durch
die  der  allgemeinen  erhöhten  Grundrente  folgenden  Erbportionen, ­
  welche  dem  Anerben  bei  Gleichteilung  zur  Auszahlung ­
  an  die  Geschwister  zufallen,  schwere  Verschuldungen
herboigeführt.
Solange  es  den  Bauern  möglich  war,  der  Erhöhung  der
Grundrente  in  ihren  Preisforderungen  für  ihre  Produkte  zu
folgen,  so  lange  die  industrielle  Bevölkerung  besonders
konsumfähig  blieb,  konnte  der  bäuerliche  Betrieb  noch
einigermaßen  lohnend  sein.  Aber  wir  haben  es  zum  öfteren
erlebt,  daß  auf  kurze  Zeiten  besonders  lebhaften  Aufschwunges, ­
  welcher  sich  im  Grunde  nur  auf  den  guten
Glauben  und  Hoffnung  erregenden  Schwindel  stützte,
        <pb n="48" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

35

längere  Perioden  des  Niederganges  in  der  Volkswirtschaft
folgten.  In  aller  Erinnerung  steht  das  Aufsteigen  im  Anfänge ­
  der  siebziger  Jahre,  das  den  großen  Krach  von
1873  nach  sich  zog.  Volle  16  Jahre  waren  nötig,  um  die
sogenannte  Überproduktion  zu  beseitigen  und  für  die  Aufnahme ­
  neuer  Produkte  auf  dem  Markte  Platz  zu  schaffen.
Und  heute,  nach  einem  einzigen  Jahre  steigender  Konjunktur,
ist  der  Markt  wieder  unsicher  geworden.  Man  merkt  an
dem  Gebaren  der  Börse,  daß  sich  Produktion  und  Konsumtion ­
  unter  der  kapitalistischen  Ordnung  nicht  mehr
decken,  daß  ein  Zusammenbruch,  nicht  allein  rein  spekulativer ­
  Werte,  sondern  auch  reeller  Unternehmungen
erfolgen  wird.
Die  langen  Jahre  des  Niederganges  sind  auch  an  unserer  verschuibäuerlichen
  Bevölkerung  nicht  spurlos  vorübergegangen.  Bauern-•
  ständßs
Auf  jeden  Pall  nahmen  sie  ihr  die  zahlungsfähigen
Konsumenten  der  Industrie,  auf  welche  sie  bei  uns  angewiesen ­
  ist.  Dazu  kam  noch  die  Konkurrenz  des  Auslandes, ­
  wie  Ungarn,  Rußland,  besonders  aber  der  transatlantischen ­
  Produktionsstätten,  wie  Amerikas  und  Indiens.
Es  unterliegt  auch  für  uns,  die  wir  dem  Freihandel  zustreben, ­
  keinem  Zweifel,  daß  dieser  Konkurrenz  gegenüber,
solange  die  kapitalistische  Ausbeutung  der  Bevölkerung
dauert,  Schutzzölle  durchaus  das  einzige  Hilfsmittel  als
Moratorium  waren.  Ist  auch  die  Bevölkerung  jener  Länder
ebenso  ausgesogen,  wie  die  in  unserem  Vaterlande,  so  sind
die  Produktionsbedingungen  in  ihnen  doch  günstiger  für
die  Verkäufer,  wenn  auch  nicht  für  die  Bearbeiter  des
Bodens.  Die  Früchte  des  Bodens  gehören  auch  dort  den
Grundherren  und  den  Kapitalisten.  Zum  Teil  sind  die
Löhne  niedriger,  zum  Teil  der  Boden  billiger,  wiederum
ist  die  Verschuldung  so  groß,  daß  der  Bauer  die  Frucht,
schon  auf  dem  Halme  um  jeden  Preis  verkaufen  muß,  genug,
die  Konkurrenz  war  dem  deutschen  Landbau  äußerst  ge-
        <pb n="49" />
        .  '

3(j  Die  Bodenreform-  im  Lichte  des  Freihandels.
fährlich.  Auf  dem  industriellen  Gebiete  war  die  Sache
ebenso.  Ein  akuter  Zusammenbruch  war  vorauszusehen.
Die  Zölle  haben  auf  jeden  Fall  den  Ruin  der  Produzenten
hinausgeschoben.  Aber  wohl  zu  beachten  ist,  daß  trotz
der  Zölle  ein  Rückgang  der  Preise  eintrat,  der  eben  nicht
anders  als  durch  den  mangelnden  Konsum  und  ohne  Zweifel
auch  durch  die  Herrschaft  der  Großhändler  über  die
Produzenten,  welche  den  Markt  völlig  beherrschen,  hervorgerufen ­
  ist.  Das  Steigen  der  Preise  bei  vielen  wichtigen
Lebensmitteln  seit  Mitte  des  Jahres  1889  hat  freilich  seine
Ursache  in  den  allgemeinen  schlechten  Ernten.  In  welcher
"Weise  die  Preise  der  wichtigsten  landwirtschaftlichen
Produkte  in  dem  Zeiträume  von  1875—1886  zurückgegangen,
ergibt  sich  aus  folgendem:

Es  kostet  der  Neuscheffel

in  den  Jahren

Weizen

Roggen  Gerste

Hafer

Mark

1865—1877

9,20

6,74  5,75

3,87

n

1878-1880

7,94

6,17  4,53

3,26

11

1881—1883

8,63

6,71  4,86

3,99

n

1884—1886

6,26

5,39  4,42

3,50

ii

Was  aber  nicht  gesunken  ist,  sind  die  Erzeugungskosten.
Allerdings  ist  die  Grundrente  gestiegen.  Doch  gehört  sie
den  .Besitzern  des  Bodens  nur  zum  kleinsten  Teile,  in  der
Hauptsache  den  Hypothekengläubigern  und  Verpächtern.
Es  ist  in  der  Tat  feststehend,  daß  in  Deutschland  Getreide
nur  mit  wirklichem  Verlust  von  Seiten  der  Erzeuger  angebaut ­
  wird.  Dabei  sind  die  landwirtschaftlichen  Produzenten ­
  schlechter  daran  als  die  industriellen,  weil  sie  keine
Entschädigung  für  den  Verlust  der  Früchte  eigener  Tätigkeit ­
  haben.  Sie  arbeiten  meist  so  wenig  mit  fremden  Kräften,
daß  ein  sogenannter  Unternehmerprofit  für  sie  nicht  existiert
oder  doch  von  geringer  Bedeutung  ist.  Denn  darüber
herrscht  kein  Zweifel,  daß  eine  unendliche  Zahl  von  Industriellen ­
  unter  dem  Joche  der  Zinsverpflichtungen  und
        <pb n="50" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

37

bei  sinkenden  Preisen  für  die  Produkte  sich  nur  über
Wasser  halten,  weil  sie  in  der  Lage  sind,  sich  die  Früchte
der  Arbeit  ihrer  Gehilfen  anzueignen,  wenngleich  auch  der
Unternehmerprofit  erwiesenermaßen  gesunken  ist.
Verschiedene  Berechnungen  sind  nun  aufgestellt  worden,
um  ziffernmäßig  die  Erzeugungskosten  von  wichtigen
Nahrungsmitteln  wie  Roggen  und  Weizen  zu  ermitteln,
aus  deren  Vergleichung  mit  den  Marktpreisen  der  Produkte
ein  Schluß  auf  die  Rentabilität  der  Landwirtschaft  möglich ­
  ist.
Dr.  Jäger  gibt  in  seinem  Buche:  Die  „Agrarfrage  der
Gegenwart 1,  folgende  Unkosten  für  Weizen  in  der  Pfalz  an:

61  Tagewerk  (=  1 ls  Hektar)  hat  einen  Wert
Zins  hiervon  5  °/o
Steuer  und  Umlagen
*/a  Wagen  Dung  (fürs  erste  Jahr  ä  3  Mk.  50  Pfg.)
Fuhrlohn  (Dünger  aufs  Feld  zu  bringen)  ä  70  Pfg.
Ausbreiten  des  Düngers
3  Mal  Pflügen  ä  4  Mk
Saatfrucht  (125  Pfund)  100  Kilogramm  ä  22  Mk  .
Scheuermiete
Schneiden  und  Mähen  des  Weizens  .  .  .
Aufbinden
Futterlohn  für  Heimführen  zweimal  ....
Hilfe  beim  Abladen
Drescherlohn  (3  Mann  Tag)  ä  1,70  Mk.  .
Verschiedene  Ausgaben  ,
Summe  aller  Ausgaben

von  900  Mk.
45  Mk.  —  Pfg,
2  „  50  „
22  „  10  „
4  „  55  „
„  70  „
12  ,  -  „
13  „  75  „
3  »  i)
6  &amp;gt;,  —  »
2  n  ji
2  „  -  »

2  ”  50

129  Mk.  15  Pfg.

Das  Ernteergebnis  ist  180  Garben  Weizen,  Körnerausdrusch ­
  10V«  Zentner  ä  11  Mk.  =  115,50  Mk.  Stroh
=  16  Zentner  ä  1,50  Mk.  =  24  Mk.  Zieht  man  den  Strohertrag ­
  mit  24  Mk.  von  der  Summe  der  Gesamtausgaben
129,15  Mk.  ab,  so  bleiben  noch  105,15  Mk.  Ausgaben.
Dividiert  man  nun  noch  IOV2  in  105,15  Mk.,  so  findet  man
den  Durchschnittspreis  eines  Zentners  Weizen,  der  rund
10  Mk.  beträgt.  Als  Produktionspreis  des  Roggens  darf  man
9  Mk.  rechnen.
        <pb n="51" />
        38

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

Während  also  100  Kilogramm  (2  Zentner)  Weizen  an
20  Mk.,  Roggen  an  18  Mk.  Produktionskosten  fordern,  ist
der  Erlös  des  Großhändlers  vom  ersteren  14,90,  für  letzteren
11,50  Mk.  (Anfang  1889).  Dabei  ist  zu  bemerken,  daß  diese
Großhandelspreise  nur  beschnitten  an  die  Produzenten
gelangen,  da  bekanntlich  der  Zwischenhandel,  was  freilich
mehr  vom  Detailhandel  gilt,  die  Waren  enorm  verteuert.
Kein  Wunder  demnach,  wenn  die  Bauern  nicht  in  der
Lage  sind,  ihren  Abgaben  an  Staat  und  Kommunen  sowohl
als  besonders  ihren  Zinsverpflichtungen  resp.  den  Pachtzahlungen ­
  nachzukommen,  daß  sie  im  Gegenteil  zu  neuen
Hypothekenaufnahmen  schreiten  müssen.  Da  der  Grundbesitz ­
  und  seine  Verschuldung  bei  der  Vermögensabschätzung ­
  des  Besitzers  die  Personalschulden  weit  überwiegt,
so  kann  eine  Feststellung  der  Grundschulden  so  ziemlich
ein  Fingerzeig  für  die  Vermögenslage  sein.  Wie  im  Jahre
1882  schon  für  eine  Anzahl  von  Amtsgerichten  eine  Ermittelung ­
  der  Verschuldung  stattgefunden,  so  liegt  jetzt
eine  solche  für  die  gesamte  preußische  Monarchie  vor,  und
zwar  für  die  drei  Jahre  1886/87  bis  1888/89.  Zwar  deckt
sich,  wie  die  „Neue  Allgemeine  Zeitung“  bemerkt,  die  buchmäßige ­
  Verschuldung  und  deren  Bewegung  keineswegs  mit
der  wirklichen;  manche  in  einem  Jahre  abgezahlten  Hypotheken
bleiben  zunächst  ungelöscht;  es  stehen  diesen  aber  sicher
auch  viele  in  demselben  Jahre  gelöschte,  in  Wirklichkeit
schon  früher  abgetragene  Schulden  gegenüber,  und  man
wird  annehmen  dürfen,  daß  diese  und  andere  Abweichungen
der  buchmäßigen  von  den  wirklichen  Verhältnissen,  wenn
nicht  in  einem  einzelnen  Jahre,  so  doch  je  länger  je  mehr
sich  ausgleichen  werden,  so  daß  eine  längere  Zeit  fortgesetzter ­
  Statistik  der  Hypothekenbewegung  in  der  Tat
ziemlich  zuverlässig  über  den  Gang  der  Verschuldung
unseres  Grundbesitzes  unterrichten  würde.  Es  ergab  sich
bei  der  Erhebung  ein  Überschuß  der  Eintragungen  über
        <pb n="52" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

39

die  Löschungen  in  den  Städten  von  1  Milliarde  725
Millionen  Mk.,  auf  dem  Lande  von  342,22  Millionen  Mk.
Während  in  den  Städten  eine  solche  Steigerung  noch  keine
akute  Gefahr  für  den  Hausbesitzer  in  sich  birgt,  da  die
Mieten  immerfort  im  Steigen  begriffen  sind,  so  liegt  die
Sache  auf  dem  platten  Lande,  wo  die  Einnahmen  der
Bauern  nicht  mehr  genügenden  Schritt  mit  den  Ausgaben
halten,  doch  wesentlich  anders.
Aus  den  Berichten  über  die  einzelnen  ländlichen  Bezirke
ergibt  sich  nach  der  „Stat.  Korrespondenz“  folgende  Tabelle:

In

die  Eintragungen ­

betrugen:
Millionen
Mark

die
Löschungen
Millionen
Mark

der  Überschuß  (+)
o.  Minderbetrag ­
  (—)  der
Eintragungen
Millionen  Mark

Königsberg

129,16

92,38

+

36,78

Marien  werder

100,66

88,82

+

11,84

Berlin  (Kammerger.)  .

151,04

105,99

+

45,05

Stettin  .  •

74,77

60,42

+

14,35

Posen

122,96

138,65

-

15,69

Breslau

306,54

237,99

+

68,55

Kaumburg  a.  d.  S.  .  .

189,87

129,27

+

60,60

Kiel

90,36

64,06

+

26,30

Hamm

118,18

84,54

+

33.64

Kassel

51,84

69,22

—

17,38

Frankfurt  a.  M

56,64

52,62

+

4,02

Köln

247,97

222,63

+

25,34

Jena  (preuß.  Teil.)  .  .  .

2,68

2,42

0,26

Im  ganzen  Staate

1774,90

1432,68

+

342,22

Her  Grundsteuerreinertrag  für  die  gesamte  Fläche  des
ländlichen  Grundbesitzes  in  Preußen  beträgt  jährlich  409
Millionen  Mark.  Ist  auch  diese  Schätzung  schon  1865  und
nach  dem  Durchschnitte  der  Marktpreise  landwirtschaftlicher
Erzeugnisse  in  den  Jahren  1836  bis  1860  vorgenommen,
läßt  sich  auch  nachweisen,  daß  einzelne  Produkte  im  Preise
gestiegen,  so  ist  dennoch,  wie  wir  oben  zeigten,  in  den  letzten
15  Jahren  in  den  wichtigsten  Produkten  ein  Rückgang  der
Preise  eingetreten.
        <pb n="53" />
        40

Die  Bodenreform  im  .Lichte  des  Freihandels.

Es  bleibt  demnach  bei  Rückgang  der  Preise  die  zunehmende ­
  Verschuldung,  selbst  wenn  sie  in  drei  Jahren
nicht  an  den  Grundsteuerreinertrag  eines  Jahres  heranreicht, ­
  eine  sehr  bedenkliche  Erscheinung,  welche  wohl
geeignet  ist,  die  Aufmerksamkeit  der  Sozialpolitiker  und  der
Staatsmänner  in  besonderem  Maße  in  Anspruch  zu  nehmen.
Zwar  gibt  die  Zwangsversteigerung  ländlicher  Anwesen
nie  ein  Bild  von  der  Verschuldung  des  Grundbesitzes,  denn
nur  der  höchst  verschuldete  und  davon  nur  ein  kleiner  Teil
fällt  der  Zwangsversteigerung  anheim.  Es  liegt  in  der  Natur
der  Dinge,  daß  der  Eigentümer  eines  kleinen  Anwesens
leicht  in  der  Lage  ist,  sich  auf  das  Unentbehrlichste  einzuschränken ­
  oder  sich  freiwillig  seines  Besitzes  zu  entledigen, ­
  indem  er  es  verkauft,  da  er,  stets  auf  Arbeit  angewiesen, ­
  leicht  hoffen  darf,  in  anderer  Tätigkeit  oder  an
anderen  Orten  Unterhalt  zu  gewinnen.  Gerade  die  kleinen
Bauern,  welche  glauben,  ihr  Brot  nicht  mehr  von  den
Mühen  ihrer  Arbeit  zu  haben,  verkaufen,  wenden  sich  den
Fabriken  zu  und  wandern  aus.  Besonders  lehrreich  für
diese  Verhältnisse  ist  der  Inhalt  einer  Eingabe  französischer
Agrarier  an  die  Kammer  um  Abschaffung  der  Grundsteuer,
weil  gerade  Frankreich  insofern  das  Eldorado  unserer
Manchestermänner  ist,  als  die  Zerteilung  des  Grundbesitzes
seit  der  französischen  Revolution  immer  großen  Umfang
behalten  und  weiter  genommen  hat.  Wohin  man  mit  dem
römischen  Eigentumsrechte  an  Grund  und  Boden  auch  bei
möglichster  Zersplitterung  kommt,  lehren  folgende  Zahlen..
Bemerkt  sei  noch,  daß  fast  alle  landwirtschaftlichen  Vereine ­
  und  Genossenschaften  die  Petition  unterschrieben  haben.
1880  wechselten  1,876,000  Hektare  den  Besitzer,  1887
waren  es  2,200,000  Hektare.  Von  1880—1887  sind  nach
diesen  Aufzeichnungen  überhaupt  über  16  Millionen  Hektare
in  andere  Hände  übergegangen,  mehr  als  die  Hälfte  des
angebauten  Bodens  Frankreichs.  Während  derselben  Zeit
        <pb n="54" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

41

hat  sich  die  Zahl  der  Auswanderer  vervierfacht  und  übersteigt ­
  jetzt  25000  Seelen  jährlich.  Das  fruchtbare  Frankreich, ­
  welches  nur  73  Seelen  auf  den  Quadratkilometer  zählt
—  in  Deutschland  kommen  87  Seelen  auf  denselben  Raum  —
gehört  jetzt  zu  den  Ländern,  welche  ihre  Söhne  nicht  mehr
ernähren  können  und  sie  auswandern  lassen  müssen.  Die
Grundsteuer  ist  nach  Auffassung  der  Petenten  besonders
drückend  für  die  kleinen  und  mittleren  Betriebe,  welche
27  Millionen  von  den  30  Millionen  Hektaren  landwirtschaftlich ­
  betriebenen  Bodens  ausmachen.
Besonders  werden  sich  tatkräftige  Bauern,  wenn  sie
sehen,  daß  es  nicht  mehr  voran  will,  kurzen  Entschlusses
der  Habe  entledigen,  und  fortziehen.  Anders  dagegen
wird  es  mit  solchen  Grundbesitzern  sein,  welche  nicht
selbst  zu  arbeiten  gewohnt  sind.  Solche  werden,  solange
w r ie  immer  möglich,  auf  dem  Eigentume  bleiben,  da  mit
dem  Verlassen  desselben  ihr  Schicksal,  zu  darben,  entschieden ­
  ist.  Auch  werden  sie  seltener  jemand  finden,  der
nicht  hoffte,  in  der  Zwangsversteigerung  das  Besitztum
billiger  zu  erstehen.  Was  auch  noch  alles  in  Betracht
kommen  mag,  genug,  die  Versteigerungen  bieten  keinen
Spiegel  der  gewachsenen  Verschuldung.  Wer  die  folgende-Tabelle
  durchmustert,  sollte  meinen,  es  müsse  besser  mit
dem  Grundbesitze  geworden  sein,  da  die  Zahl  der  Zwangsversteigerungen ­
  im  Laufe  einer  Reihe  von  Jahren  abgenommen. ­
  Bemerkenswert  ist  die  Tatsache,  daß  im
Jahre  1883  ein  Fallen  dieser  Ziffern  eingetreten.  Das  hat
seine  Ursache  in  dem  Gesetze  vom  13.  Juli  1883,  welches
für  Preußen  gegen  Mißbräuche  bei  der  Zwangsvollstreckung
ins  unbewegliche  Vermögen  gegeben  wurde.  Nach  dem
bisherigen  Rechte  wurden  alle  Hypotheken  durch  die
Zwangsversteigerung  fällig  und  zahlbar.  Der  mit  einer
später  rangierenden  Forderung  eingetragene  Gläubiger  hatte
in  der  Einleitung  des  Zwangsversteigerungsverfahrens  ein*
        <pb n="55" />
        SSEi

42  Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.
Mittel,  unter  Umständen  wohlfeil  ein  Immohilium  zu  erwerben ­
  unter  Ausfall  eines  Teiles  der  vorhergehenden
Gläubiger.  Das  neue  Gesetz  hat  nun  den  Grundsatz  angenommen, ­
  daß  „ohne  Übernahme  oder  Befriedigung  derjenigen ­
  Rechte,  welche  dem  Rechte  des  Gläubigers  Vorgehen, ­
  der  Verkauf  des  Grundstücks  nicht  stattfinden  darf.“
Die  Zahlen  für  die  Jahre  1881—1888  sind  nach  dem  Justizministerialblatt
  folgende:

in
den
Jahren

die
Zahl
der  beendeten ­

Versteige ­
 ­


die
versteigerte ­

Fläche
Hektar

ihr  Gebäude-





Ji

ihr
Grundsteuer-



M

die  Zahl
der  landund
  forstwirtschaft ­
 ­

Zwangsversteige ­
 ­


in
Prozenten ­

der
Gesamtzahl ­


1881

17  473

106  957

7902  346

931  676

9855

56,40

1882

16  197

86  277

6162  672

707  588

8583

52,99

1883

13  573

82  898

5321  768

681  973

7162

52,77

1884

10  528

79  268

4475  615

737  822

5731

54,44

1885

10  309

88  067

3703  443

823  585

5806

56,32

1886

10  500

108  459

3840  787

993  242

6036

57,49

1887

10  233

114  088

3204435

1059  173

5895

57,66

1888

10  050

118  679

3057  584

1028  831

5943

59,13

Trotz  des  erwähnten  Gesetzes  ist  die  Zahl  der  land-  und
forstwirtschaftlichen  Zwangsversteigerungen  (vorletzte  Reihe)
seit  dem  Jahre  1884  wieder  gestiegen;  wobei  zu  bemerken,
daß  im  Jahre  1885  an  175,  1886  an  167,  1887  an  155,  1888
an  149  Aufhebungen  des  Verfahrens  wegen  nicht  erreichten
Mindestgebotes  vorkamen.  Auch  in  Bayern  ist  die  Zahl  der
Zwangsversteigerungen  in  dem  letzten  Jahre  wieder  bedeutend
gestiegen,  nachdem  sie  eine  Zeitlang  gesunken  war.  Hier
war  und  ist  der  Kleingrundbesitz  der  Verschuldung  mehr
und  mehr  verfallen.
Wichtig  ist  aber,  daß,  obwohl  im  Jahre  1888  eine  bedeutende
Abnahme  der  Zwangsversteigerungen  gegen  1881  eingetreten
;ist,  doch  eine  Zunahme  in  dem  Umfange  der  versteigerten
        <pb n="56" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

43

Fläche  in  die  Erscheinung  tritt  (Reihe  4).  Von  913  676  Hektaren
im  Jahre  1881  sinkt  die  Zahl  im  Jahre  1883  auf  681972,
um  dann  wieder  anzusteigen,  so  daß  im  Jahre  1886  schon  die
Ziffer  des  Jahres  1881  überschritten  ist.  Parallel  damit  geht
die  Kolonne  für  Grundsteuerreinertrag  in  die  Höhe,  während
■die  für  den  Gebäudesteuernutzungswert  fällt.  Das  alles
zeigt,  daß  der  große  Besitz  in  den  letzten  Jahren  mehr  von
■der  Zwangsversteigerung  ereilt  worden  ist.  Noch  deutlicher
wird  dieses  durch  folgende  Zahlen.  Es  betrug  die  versteigerte ­
  Fläche  in  den  Oberlandesgerichtsbezirken

Posen  .  .

22  126  Hektar

Naumburg.

3  202

Hektar

Breslau

20  399

Celle  .  .  .

2  857

Marienwerder

19  686

Köln

2  203

Königsberg

16  384

Hamm  .

1  723

Berlin  .

12  493

Kassel.

1088

Stettin.

11455

Frankfurt  a.M

593

Kiel.  .  .

3  930

Jena

539

rt

zusammen

106  473  Hektar

zusammen

12  205  Hektar

Es  ist  demnach  der  Osten  der  Monarchie,  der  Teil,  in
welchem  der  Latifundienbesitz  überwiegt,  mehr  in  Bedrängnis
■  als  der  Westen,  soweit  er  durch  Zwangsversteigerungen  in
die  Erscheinung  tritt.
Neuere  Erhebungen  aus  den  Jahren  1886—1889  haben
dieses  weiter  bestätigt.  Es  wurden  ermittelt  nach  Besitzklassen ­
  in  Prozenten  auf  Betriebe:

V  on  •  der  Fläche
des  zwangsweise
versteigerten  bezüglichen ­
  Grundbesitzes ­


Unter
2
Hektar

Von
2—10
Hektar

Von
10-20
Hektar

Über
50
Hektar

1886—1887

0,79

5,10

15,99

78,12

1887-1888

0,81

5,02

15,50

78,67

1888—1889

0,77

5,87

15,72

77,64
        <pb n="57" />
        44

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

während  nach  der  Erhebung  von  1882  beim  landwirtschaftlichen ­
  Grundbesitze  von  der  Gesamtfläche  der  Hauptbetriebe
entfallen:  1,52,  14,68,  37,90,  45,90  Prozent.
Der  größere,  über  den  gewöhnlichen  Umfang  bäuerlichen
Betriebes  hinausgehende  Grundbesitz  von  50  Hektar  aufwärts ­
  umfaßte  also,  so  bemerkt  die  „Stat.  Corr.“,  in  jederm
der  drei  Berichtsjahre  fast  genau  den  gleichen  Anteil,,
nämlich  etwas  mehr  als  drei  Viertel  der  versteigerten.
Fläche,  während  er  von  der  Gesamtfläche  der  landwirtschaftlichen ­
  Hauptbetriebe  noch  nicht  die  Hälfte  ausmacht.  Am.
meisten  und  zwar  wiederum  fast  genau  gleichmäßig,  bleibt
der  kleinbäuerliche  Besitz  von  2—10,  nächstdem  der  mittlerebäuerliche
  von  10—50  Hektar  bei  seinem  Prozentanteil  an
der  versteigerten  Fläche  hinter  demjenigen  an  der  gesamten ­
  auf  ihn  entfallenden  Wirtschaftsfläche  zurück.  Im.
ganzen  sind  gegenüber  einer  Gesamtfläche  der  landwirtschaftlichen ­
  Hauptbetriebe  von  24123  733  Hektar  (1882)  während
der  Beobachtungsperiode  273024  Hektar,  also  etwas  über
1  Prozent,  alljährlich  etwa  ein  Drittel  Prozent  zwangsweiseversteigert ­
  worden.  Ungleich  größer  als  im  Westen  ist
die  versteigerte  Fläche  im  Osten;  sie  betrug  im  letzteren,.,
d.  h.  in  Brandenburg,  Pommern  und  in  den  vier  an  Bußland,
grenzenden  Provinzen,  während  der  drei  Jahre  zusammen.
244345,  in  dem  westlich  davon  gelegenen  Teil  der  Monarchienur
  28  679  Hektar.  Am  meisten  sind  regelmäßig  die  Provinzem
Westpreußen  und  Posen,  nächstdem  auch  Ostpreußen  und
Pommern,  am  wenigsten  Westfalen,  Hessen-Nassau  und
Rheinland  an  der  versteigerten  Fläche  beteiligt.
Auch  über  die  Ursachen  der  Zwangsversteigerungen  ist
Material  gesammelt  worden.  Dieselben  waren  in  Prozenten
der  ursächlichen  Momente  1886/87  1887/88  1888/89
Eigenes  Verschulden  40,11  39,57  42,50
freiwillige  ungünstige  Übernahme  .  .  19,97  23,31  23,46
geschäftliche  Verhältnisse  6,65  6,41  5,86
Familienverhältnisse  und  Krankheit.  .  p,99  11,16  12,52
        <pb n="58" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  .Freihandels.

45  -

1886/87

1887/88

1888'89

Wirtschaftsunfälle  und  Naturereignisse

.  6,19

5,15

5,76

unzweckmäßige  Erbregulierung

.  5,50

2,75

2,68

Wucher,  Übervorteilung  im  Handel  .  .

.  3,05

2,01

1,84

schlechte  Lage  der  Landwirtschaft  .

.  6,04

5,85

6,01

Wenn  also  hiernach  die  schlechte  Lage  der  Landwirtschaft,
soweit  sie  auf  den  sinkenden  Preisen  im  Verhältnis  zu  den
Schuldverpflichtungen  oder  Pachtzahlungen  beruht,  offenbar
klein  erscheint,  so  weiß  der  Kundige  a  priori,  daß  die  Zahl
der  Zwangsversteigerungen,  welche  im  Jahre  1888/89  auf  2446
gesunken  war,  kein  Maßstab  für  die  Verschuldung  sein  kann.
Man  weiß  ferner,  daß  der  kleine  Bauer  sich  auf  das  Nötigste
einschränken  kann,  um  den  Besitz  zu  erhalten.  Aber  wie
auch  in  nächster  Nähe  der  kleinbäuerliche  Besitz  weniger
wird,  wie  er  von  dem  Landhunger  der  Großgrundbesitzer
aufgesogen  wird,  zeigte  eine  Notiz  über  die  Vergrößerung
•  des  Gräflich  von  Speeschen  Familienfideikommiß  Heltorf.
Es  heißt  da  aus  dem  Jahre  1887:
„Reichsgraf  Franz  v.  Spee  hat  neuerdings  wiederum  dem
Gräflich  v.  Speeschen  Familienfideikommiß  Heltorf  bei  Düsseldorf ­
  eine  Anzahl  von  Grundstücken  in  verschiedenen  Gemeinden,
teilweise  unter  Ablösung  der  darauf  ruhenden  Gerechtsamen
usw.,  einverleibt.  Soweit  uns  die  Stimmung  in  landwirtschaftlichen ­
  Kreisen  bekannt  ist,  kann  man  sich  mit  dem  steten
Anwachsen  des  Besitzes  der  Großgrundbesitzer,  welches  den
Stand  der  Landwirte  mehr  einschränkt  und  deren  Existenz
erschwert,  nicht  einverstanden  erklären.  Die  neuen  v.  Speeschen
Erwerbungen  betragen  lö82  Hektare  30  Are  und  61  Meter;
davon  entfallen  auf  die  Stadtgemeinde  Düsseldorf  15  Ar
39  Meter,  auf  Lohausen  29  Ar  32  Meter,  Böckum  1  Hektar,
Wittlaer  33,  Ratingen  50,  Eggerscheid  319,  Bracht  13  Hektare,
Homberg  96  Are,  Breitscheid  50Hektare,  Selbeck  19,  Eckamp  34,
Hösel  78,  Lintorf  419,  Huckingen  365,  Serm  31,  Saarn  123
und  Angermund  139  Hektare.“
Aus  freier  Hand  verkaufen  die  Bauern,  werden  Tagelöhner, ­
  Fabrikarbeiter  oder  wandern  aus.
Aber  mag  auch  die  Ursache  der  Verschuldung  und  Zwangsversteigerung ­
  sein,  welche  immer  sie  wolle,  wir  sehen  den
Grund  und  Boden  von  dem  Kapitalismus  benutzt,  damit  er
        <pb n="59" />
        46

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

ohne  Mühe  von  den  Früchten  der  Arbeit  mitzehre,  einerlei!
ob  Großgrundbesitzer  ihre  Ländereien  in  Pacht  ausgeben
oder  ob  der  „freie“  Bauer  Hypotheken  gegen  Zins  aufnimmt. ­
  Jene  enormen  Vermögen  verdanken  diesem  Tribut;
ihren  Ursprung,  und  es  mag  wohl  wahr  sein,  was  die  „Deutschelandwirtschaftliche
  Ztg.“  berichtet:
„Jede  Arbeitsstunde  des  deutschen  Volkes  ist  mit  einer
Million  Mark  geldherrschaftlichen  Zinsen  (Pachtabgabe)  belastet ­
  ,  und  dazu,  ganz  abgesehen  von  der  Staatsschuldenzunahme, ­
  vergrößert  sich  an  jedem  Arbeitstage  allein  die-Hypothekenschuld
  um  etwa  3V2  Millionen  Mark.“
Dem  GrundundBoden,  seinerNatur  nach  das  unbeweglichste-Objekt,
  ist  durch  die  Gesetzgebung  die  Eigenschaft  des
mobilen  Kapitals  aufgezwungen  worden.  Statt  die  nationale
Quelle  der  Arbeit  zu  sein,  wird  er  als  Spiel-  und  Wucherobjekt
  benutzt.
Wie  schon  in  den  Vereinigten  Staaten,  deren  unermeßliche ­
  Räume  keinen  Platz  für  80  Millionen  Menschen  —
obwohl  über  1000  Millionen  Menschen  Überfluß  hätten  —
bieten,  die  Belastung  des  Grund  und  Bodens  mit  Leihkapital,
und  Pachten  eine  ernste  Gefahr  bietet,  erhellt  aus  folgendem
Berichte:
„Im  Senate  der  Vereinigten  Staaten  ist  kürzlich  die  Notlage ­
  der  Farmer  Gegenstand  der  Beratung  gewesen.  Über
Mittel  zur  Abhilfe  gingen  die  Ansichten  weit  auseinander.
Die  Getreidepreise  sind  gegenwärtig  viel  geringer,  als  sie  vor
zehn  Jahren  waren.  Die  Schulden,  welche  die  Farmer  damalsin
  der  Gestalt  von  Hypotheken  zu  hohem  Zinsfuß  gemacht ­
  haben,  lasten  jetzt  schwer  auf  ihnen,  da  die  Preise
der  Farmprodukte  niedrig  sind.  Daß  unter  diesen  Umständen
Ackerbauland  im  Preise  gefallen,  ist  selbstverständlich.  Senator
Vorhees  von  Indiana  erklärte  in  einem  längeren  Vortrag  über
diesen  Gegenstand,  daß  30  —  50  Prozent  aller  Farmer  in  Illinois,
Michigan,  Indiana,  Kentucky,  Missouri,  Kansas,  Nebraska  und
des  ganzen  Nordwestens  mit  schweren  Hyp  otheken  belastet ­
  seien,  daß  die  Farmer  die  Zinsen  nicht  bezahlen
könnten  und  demzufolge  ihr  Besitztum  ihren  Gläubigern
überlassen  müßten.  Bei  der  raschen  Besiedelung  unseres
Nordwestens  wurde  es  seit  geraumer  Zeit  den  Farmern,,  und
        <pb n="60" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

47

solchen,  die  es  werden  wollten,  erleichtert,  gegen  Hypotheken
Geld  zu  bekommen.  Zahlreiche  Agenturen  in  allen  Städten
und  Dörfern  des  Landes,  Agenturen  von  Syndikaten  amerikanischer ­
  und  europäischer  Kapitalisten,  für  welche  hohe  Zinsen
verlockend  waren,  boten  ihnen  bereitwilligst  die  Mittel  zu  ihrem,
Ruin.  Die  Folge  davon  ist,  daß  Tausende  von  Farmern  zum
Wanderstab  greifen,  Haus  und  Hof  verlassen  und  nach  verschiedenen ­
  Richtungen  der  Vereinigten  Staaten  sich  zerstreuen,.
um  ihr  Glück  von  neuem  zu  versuchen.  Der  „ferne  Westen,“
bisher  das  große  Reiseziel  der  Einwanderer  aus  den  Staaten
Europas,  ist  nicht  mehr,  was  er  war.  Was  vor  40  Jahren,
der  Westen  war,  nämlich  die  humusreiche  Mittelregion  von
Ohio,  Indiana,  Illinois,  Missouri,  Ost-Jowa,  Wisconsin  und
dem  südlichen  Michigan,  war  und  ist  auch  jetzt  noch  fruchtbareres ­
  Land  als  die  meisten  Gegenden  an  den  Küstenstrecken,,
welche  durch  hundertjährigen  Raubbau  ausgesogen  sind.  Der
westliche  Prairieboden  war  leichter  unter  den  Pflug  zu  bringen
als  das  östliche  Waldland,  die  von  Dampfschiffen  und  Frachtbooten ­
  befahrenen  großen  Ströme  stellten  leichte  Verbindungen»
mit  den  Märkten  her.  „Wo  Tauben  sind,  da  fliegen  Tauben
hin,“  fand  auch  auf  die  Einwanderung  Anwendung.  Die  früheren
deutschen  Einwanderer  in  Pennsylvanien,  New-York,  New-Jersey,
  Maryland  und  Virginien  hatten  allmählich  ihren  Zusammenhang ­
  mit  der  alten  Heimat  verloren,  und  so  wurden
die  Staaten  unter  den  Völkern  Europas,  welche  die  Ackerbau
treibenden  Einwanderer  liefern,  nach  und  nach  vergessen»
Auch  die  junge  Generation  der  eingeborenen  amerikanischen
Bevölkerung,  namentlich  in  den  Heu-Englandstaaten,  folgt  seit
einem  Vierteljahrhundert  dem  Drange  nach  den  fetten  Triften
des  Westens,  und  wie  die  Alten  aussterben,  gehen  die  abgewirtschafteten ­
  Farmen  in  die  Hände  neuer  Einwanderer  aus
Europa  über,  die  sie  mit  Mühe  und  Arbeit  wieder  ertragfähig
machen  und  sich  dann  in  vielen  Fällen  besser  dabei  stehen,
als  ihre  Landsleute,  die  nach  dem  heutigen  „fernen  Westen“,
in  die  unwirtlichen  Dakotas,  Montana  usw.  gezogen  sind,  wo
sie  im  Winter  vor  Kälte  erstarren,  im  Sommer  vor  Hitze  und
Dürre  fast  verschmachten.  Dazu  kommen  für  letztere  Mißernten, ­
  hohe  Eisenbahnfrachten  und  die  Bearbeitung  des  Bodens
mittelst  Dampfpflügen  auf  ungeheuren  Strecken,  welche  den
Ansiedlern  das  Leben  verbittern  und  viele  von  ihnen  noch
weiter  nach  Westen,  in  die  milderen  Zonen  am  Stillen  Ozean,
in  die  Städte  oder  nach  dem  Osten  zurücktreiben.  Unter  den
Einwanderern  macht  sich  insbesondere  eine  Rückwanderung
nach  den  Mittelstaaten  des  Ostens  bemerkbar,  wo  zahlreiche
große  Städte  für  Obst,  Gemüse,  Hülsenfrüchte,  Geflügel,  W  ild
und  Fische  jahraus,  jahrein  einen  guten  Markt  bieten  und  die
Ansiedler  Schulen  und  Kirchen  und  andere  Segnungen  der
        <pb n="61" />
        48

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

Zivilisation  vorfinden.  Leider  haben  sie  da  zur  Saat-  und
Erntezeit  mit  dem  Mangel  an  Arbeitskräften  zu  kämpfen,  der
eine  Folge  unserer  wechselnden  Verhältnisse  ist.  Der  Kleinbauer ­
  behält  hier  die  Knechte  nicht  über  Winter,  selbst  nicht
für  geringen  Lohn,  und  diese  sind  daher  genötigt,  für  die
rauhe  Jahreszeit  in  den  Städten  ihr  Unterkommen  zu  suchen.
Haben  sie  das  dortige  Leben  einmal  gekostet,  dann  ziehen
sie  nimmer  auf  das  Land  zurück.  Die  Einwanderung  nimmt
jetzt  wieder  in  einer  für  die  Amerikaner  beunruhigenden  "Weise
zu,  namentlich  aus  Italien,  Ungarn  und  Polen.  Wie  die
vielen  Tausende,  welche  an  unseren  Küsten  landen,  für
die  nächste  Zukunft  ihr  Leben  fristen  werden,  ist  eine
Frage,  die  niemand  beantworten  kann.“
Was  die  Auswanderung  aus  den  europäischen  Staaten
.angeht,  so  ist  sie  besonders  stark  aus  den  Gegenden,  wo
keine  industriellen  Betriebe  den  Bauern,  Tagelöhnern  Ersatz
für  das  verlorene  oder  preisgegebene  Besitztum  bieten.  Der
Zug  aus  dem  Osten  nach  dem  Westen,  die  Sachsengängerei
.aus  dem  Gebiete  der  schlesischen  Magnaten,  ist  bekannt.
Entvölkert  werden  weite  Landstrecken;  und  statt  fleißige
Menschen  zu  ernähren,  liegt  der  Boden  zum  Vergnügen
der  großen  Herren,  welche  es  lohnender  finden,  Schafheerden
dort  weiden  zu  lassen,  als  menschliche  Wesen  zu  dulden.
Überall  derselbe  Vorgang  der  Vergrößerung  der  Latifundien.
Das  hat  in  der  Tat  das  Gesetz  erlaubt,  den  nationalen
Boden,  das  unantastbare  Erbteil  des  Volkes,  in  die  Hände
Einzelner  gleiten  zu  lassen.  Unerhört!  Es  möge  der
Bericht  über  eine  brutale  Ausweisung  von  Pächterfamilien
aus  neuester  Zeit  Platz  finden.  Aber  man  ist  das  gewöhnt,
und  fast  findet  kein  Mensch  etwas  auffälliges  darin:
„In  Folge  der  Ausweisung  auf  den  Olphertschen  Gütern
in  der  irischen  Grafschaft  Donegal  sind  jetzt  1300  Menschen
daselbst  obdachlos.  Nur  sechs  Pächter  sind  auf  ihren  Stellen
belassen  worden.  Es  werden  in  aller  Eile  Hütten  gebaut,
um  den  Armen  ein  Unterkommen  zu  gewähren.  Bei  Killult
und  Baitony  sind  auf  diese  Weise  zwei  neue  Dörfer  im  Entstehen ­
  begriffen,  und  eine  dritte  Kolonie  befindet  sich  unmittelbar ­
  vor  dem  Olphertschen  Schlosse.“
        <pb n="62" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

49

Man  könnte  diese  Beispiele  beliebig  vermehren,  so  häufig
sind  sie!  Daß  die  Schutzzölle  den  Latifundienbesitzern
besonders  zugute  kommen,  wo  guter  Absatz  der  Produkte
ist,  ist  offenkundig,  aber  das  darf  uns  nicht  abhalten,  der
Wahrheit  die  Ehre  zu  geben,  daß  sie  für  die  Bauern  notwendig ­
  waren.  Wir  können  nicht  so  wohlfeil  die  Agrarfrage
der  Gegenwart  lösen,  wie  es  in  der  letzten  Wahlagitation  ein
freisinniger  Kandidat  machen  wollte.  Befragt,  wie  er  gedächte, ­
  der  landwirtschaftlichen  Notlage  abzuhelfen,  antwortete ­
  er  ganz  unverfroren,  die  Bodenpreise  seien  zu  hoch,
sie  müßten  sinken,  dann  würden  die  Bauern  schon  ihre
Existenz  finden.  Er  meinte  damit,  daß  die  Besitzer  ihr
Anwesen  aufgeben  sollten,  wenn  sie  nicht  mehr  auf  ihm
leben  könnten.  Aber  Mittel  und  Wege,  die  Schuldverpflichtungen ­
  zu  mildern  und  abzulösen,  gab  er  nicht  an.
Das  sind  natürlich  oberflächliche  Ansichten.
Wenn  also  auch  die  Großgrundbesitzer  bei  den  Zöllen
am  meisten  gewonnen  haben,  so  waren  dieselben  doch
notwendig,  um  den  Bauernstand  zu  halten.  Unter  5,227,344
landwirtschaftlichen  Betrieben  sind  in  Deutschland  nur
778,932  von  10  Hektaren,  und  da  meint  man,  daß  der  kleine
Besitzer  gar  keinen  Nutzen  davon  gehabt,  da  er  wenig  oder
fast  nichts  zu  verkaufen  habe.  Nun  ist  aber  zu  beachten,
daß  das  erste,  wofür  der  Landmann  sorgt,  nicht  einmal
die  ausreichende  Befriedigung  von  Nahrung  und  Kleidung
ist,  sondern  die  Sicherung  von  Wohnung  bzw.  seine  Heimatsstätte. ­
  Er  sorgt  zuerst,  daß  er  wohnen  bleiben  kann,  daß
ihn  der  Gläubiger  nicht  von  Haus  und  Hof  treibt,  wenn
man  von  den  Leichtsinnigen  absieht,  welche  aber  gottlob
eine  verschwindende  Minderheit  bilden.  Auch  der  kleine
Bauer  verzehrt  seine  Früchte  nicht  zuerst,  sondern  bringt
sie  zu  Markte,  um  Geld  zur  Befriedigung  der  Gläubiger
zu  haben.  Und  da  ist  klar  für  jeden,  der  die  Verhältnisse
als  wahr  kennt,  daß  auch  die  Zölle  ihm  nützen.  Ohne  sie
Wehberg,  Die  Bodenreform.  4
        <pb n="63" />
        50

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

hätte  er  die  Pacht  schwer  erschwingen  können.  In  seiner
Lebenshaltung  schränkt  er  sich  ein  oder  sucht  Nebenarbeit.
Mit  den  industriellen  Arbeitern  hat  er  das  Gemeinsame,
möglichst  höhere  Löhne  zu  fordern,  er  oder  seine  Kinder,
und  Belastungen  durch  Zölle  zum  Teil  „abzuwälzen“.
Es  kann  uns  nicht  einfallen,  die  Zölle  für  ein  Heilmittel
zu  halten,  aber  wir  wollen  gerecht  sein  und  nicht  um  der
Agitation  willen  Unwahrheit  predigen.  Sie  sind  ein  Verzögerungsmittel ­
  des  drohenden  Zusammenbruchs  unter  dem
heutigen  Verschuldungssystem,  und  dieses  letztere  muß
beseitigt  werden,  soll  der  Bauer  und  mit  ihm  der  Gewerbefleiß ­
  genesen.
Weitere  Es  w ird  Zeit,  an  gründliche  Reformen  heranzutreten,
Folgen  des
privaten  denn  auch  unter  dem  Schutzzölle  werden  die  Reichen  immer
Grundbesitzes
  (ins-  reicher  und  die  Armen  immer  ärmer.  Die  Renten  und  die
besondere
die  Woh-  Schuldverpflichtungen  steigen  weiter  und  weiter,  die  großen
frage  und  yermögen  nehmen  in  erschreckender  Weise  zu.  Daß  es
Abnahme  °
des  Anteils  a b er  nicht  allein  das  sogenannte  mobile  Kapital  ist,  welches
der  Massen
am  Volks-  Form  der  Schuldverpflichtungen  mühelos  vermehrt,
vermögen).  .  .
sondern  daß  der  direkte  Bodenbesitz  sich  immer  mehr  m
wenigen  Händen  vergrößert,  zeigt  folgende  Rechnung:
Nach  den  Wiener  Kongreßakten  vom  9.  Juni  1815  erstreckte
sich  der  Umfang  des  Besitzes  der  vormals  reichsunmittelbaren ­
  Herren  auf  zirka  500  Quadratmeilen.  Heute  ist  er
auf  ungefähr  830  Quadratmeilen  angewachsen!  Wiederum
eine  hübsche  Illustration  zu  den  Lehren  der  manchesterlichen
Freihandelsschule  von  der  puren  freien  Teilung  des  ländlichen ­
  Besitzes,  so  lange  der  Boden  als  Handelsware  gilt.
Die  großen  Vermögen  in  Deutschland  sind  aber  unbedeutend
im  Vergleiche  zu  denen,  welche  sich  in  England  und  noch
viel  mehr  in  den  gepriesenen  Vereinigten  Staaten  in  verhältnismäßig ­
  kurzer  Zeit  haben  ansammeln  können.  Es  ist
schon  dahin  gekommen,  daß  die  freie  nordamerikanische
Republik  bereits  für  80  Millionen  Menschen  zu  eng  geworden,
        <pb n="64" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

51

dal)  Vorschläge  auftreten,  nach  welchen  die  Einwanderung
gleichsam  unterbunden  werden  soll.  Und  doch  könnten
dort  über  eine  Milliarde  glücklicher  Bürger  ihres  Daseins
froh  werden!
Die  hohen  Schuldverpflichtungen,  die  sinkenden  Preise
der  Produkte,  die  im  Verhältnisse  zu  den  Städten  ungenügenden ­
  Löhne  haben  eine  Unruhe  und  Unzufriedenheit  in
die  ländliche  Bevölkerung  der  Bauern  und  Arbeiter  hineingebracht, ­
  welche  sie  von  der  heimatlichen  Scholle  forttreibt.
Diejenigen,  welche  aus  dem  Erlöse  ihrer  Wirtschaft  noch
Überschüsse  haben,  nehmen  den  Weg  in  fremde,  größtenteils ­
  transatlantische  Länder,  wo  sie  glauben,  die  Früchte
ihres  Fleißes  noch  finden  zu  können.  Nun,  daß  auch  diese
Hoffnung  heute  nur  in  seltenen  Fällen  erfüllt  wird  und  erfüllt ­
  werden  kann,  ist  wohl  keinem  so  selbstredend,  als  dem,
welcher  die  wirtschaftlichen  Dinge  im  Lichte  der  Bodenreform ­
  betrachtet.
Diejenigen  aber,  denen  nichts  geblieben,  um  die  Kosten
einer  weiten  Reise  zu  bestreiten,  ziehen  in  die  großen
Städte,  wo  sie  in  den  Zentren  der  Industrie  irgendwo  Beschäftigung ­
  zu  finden  denken.  Dieser  Zuzug  ist  unter  den
heutigen  Lohngesetzen  einmal  für  die  industriellen  Arbeiter
unheilvoll,  da  die  nun  gesteigerte  Nachfrage  der  Arbeiter
den  Lohn  notwendig  drücken  muß.  Denn  wo  sind  die
Arbeiter  auf  die  Dauer  oder  überhaupt  so  organisiert,  daß
sie  bei  rückläufigen  Konjunkturen  ihre  Lohnforderung  aufrecht ­
  erhalten  können  ?  Ferner  aber  ist  infolge  der  Bewegung ­
  der  Bevölkerung  vom  Lande  in  die  Städte,  welche
wir  seit  Jahrzehnten  bemerken,  ein  neues  Element  der
Ausbeutung  vermittelst  der  städtischen  Bodenspekulation ­
  aufgetreten.  Früher  wurde  der  Baugrund  innerhalb
des  städtischen  Weichbildes—wenn  man  von  den  Hauptstädten
absieht  —  nur  nach  der  naturalen  Beschaffenheit  bezahlt,
da  man  eine  „Lage“  wenig  kannte.  Seitdem  aber  der  Strom
4*
        <pb n="65" />
        52  Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

in  die  Städte  geht,  ist  es  anders  geworden.  Man  ahnt  und
weiß,  daß  immer  neuer  Zuzug  kommen  muß,  da  man  es  so
gewohnt  ist.  Eine  außerordentliche  Nachfrage  nach  menschlichen ­
  Wohnungen  hält  ohne  wesentliche  Stockung  an.
Man  sieht  Grundstücke,  welche  als  Gemüsegarten  ihren
Eigentümer  gut  ernähren  oder  als  Sandfläche  gar  keinen
Wert  für  den  Besitzer  hatten,  in  die  Höhe  gehen  und  manchen
simplen  Kappusbauern  zum  reichen  Manne  und  Protzen
werden.  Da  jeder  Mensch  die  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse ­
  auf  dem  möglichst  kürzesten  Wege  zu  erreichen  strebt
und  die  Gesetze  den  Handel  mit  Grund  und  Boden  erlauben,
so  ist  nichts  erklärlicher,  als  daß  kluge  und  betriebsame
Leute  sich  auf  die  Bodenspekulation  werfen,  natürlich  nur,
um  den  Einwohnern  ein  recht  angenehmes  Heim  zu  schaffen.
Kurz,  der  Kapitalismus  hat  sich  auf  den  städtischen  Grund
und  Boden  gestürzt,  nachdem  er  sich  an  dem  ländlichen
vorläufig  gesättigt  hatte.
Es  ist  wirklich  ein  trostloses  Bild,  das  uns  die  wirtschaftliche ­
  und  soziale  Entwickelung  der  Neuzeit  bietet.  „Latif'undia
  perdidere  Romam  et  provincias“,  heißt  es  auch  heute
wieder.  Vom  Lande  vertrieben  wandert  die  Bevölkerung
in  die  Städte,  um  hier  den  pfiffigen  Bodenspekulanten,
Mietwucherern,  welche  auf  den  Zuzug  lauern,  in  die  Hände
zu  fallen.  Elende  Mietskasernen  sind  ihr  Aufenthalt,  wo
Luft  und  Licht  fehlen,  wo  kein  Plätzchen  für  eine  fröhliche
Kinderschar  ist,  die  sich  ihrer  Jugend  in  Frohsinn  freuen
könnte.
In  Deutschland  hat  sich  eine  zunehmende  Wohnungsnot
ungefähr  seit  den  letzten  zwei  Jahrzehnten  geltend  gemacht.
In  dieser  Zeit  hat  eine  rapide  Vermehrung  von  auf  demselben ­
  Grundstücke  befindlichen  Wohnungen,  von  Hofwohnungen, ­
  von  Häusern  mit  vier  und  mehr  Stockwerken
stattgefunden.
Doch  auch  reiche  Leute  ziehen  in  die  Städte,  aber  das
        <pb n="66" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

53

sind  die,  denen  die  heutige  Ordnung  erlaubte,  sich  durch
den  Schweiß  anderer  zu  bereichern,  die  so  klug  waren,  ihre
Besitzung  auf  dem  Lande  recht  teuer  zu  verkaufen  und
nun  Rentner  geworden  sind.
Die  Besitz-  und  Schuldverhältnisse  entwickeln  sich  nun
in  den  Städten  in  analoger  Weise  wie  auf  dem  Lande.
Der  freie  Handel  und  Schacher  mit  Grund  und  Boden  führt
zur  Konzentrierung  desselben  in  wenigen  Händen.  Auch
hier  gibt  es  Latifundienbesitzer,  wenn  auch  weniger  durch
direkten  Besitz,  als  vermittelst  des  Hypothekenzinses.
Neben  freien  Hausbesitzern,  die  ruhig  das  Fallen  und  Steigen
der  Bodenpreise  abwarten  können,  erscheint  jene  große
Zahl  von  Eigentümern,  welche  ihren  letzten  Heller  in  die
Wohnung  resp.  den  Boden  gesteckt  haben,  oder  durch  Überladung ­
  mit  Hypotheken  ihres  Lebens  nicht  froh  werden.
Man  kann  den  meisten  nicht  einmal  den  Vorwurf  machen,
daß  sie  nur  der  Spekulation  wegen  gekauft  hätten,  so  gewiß
sich  auch  kleine  Leute  auf  diesen  mühelosen  Erwerb  legen.
Sie  sind  als  Geschäftsleute  gezwungen,  eine  feste  Wohnstätte ­
  zu  haben,  da  ihnen  sonst  beliebig  die  Miete  gesteigert
oder  sogar  gekündigt  werden  kann.  Daß  der  Hausbesitz,
wenn  man  von  derjetztzumStillstandgekommenengünstigeren
Konjunktur  absieht,  nicht  auf  Rosen  gebettet  ist,  weiß  jedermann. ­
  Dazu  kommen  noch  die  hohen  Kommunalsteuern
als  Zuschläge  von  oft  veralteten  Staatssteuern.
Von  der  Entwickelung  der  Grundrente  und  der  Hypothekenverschuldung ­
  in  Berlin,  der  die  in  anderen  Städten  ceteris
panbus  analog  verläuft,  sei  es  gestattet,  folgendes  Bild  zu
geben,  welches  der  Schriftführer  des  „Bundes  der  Berliner
Grundbesitzervereine“  und  Inhaber  der  Hypothekenstube  des
Bundes,  also  gewiß  ein  unverfänglicher  Gewährsmann,  von
den  betreffenden  Verhältnissen  entworfen  hat.
        <pb n="67" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.
Bericht  der  Zeitungskorrespondenz  für
Grundbesitz..
„Seinem  Vortrag  legte  der  Referent  eine  die  letzten  25
Jahre  umfassende  Statistik  des  Grundbesitzes  in  Berlin  unter,
die  er  auf  Grund  des  amtlichen  Materials  des  Königlichen
statistischen  Amtes  ausgearbeitet  hat  und  die  somit  unantastbare
Zahlen  gibt.  Darnach  gab  es  in  Berlin  im  Jahre  1865  rund
14  00Ö  Häuser  mit  140  071  Wohnungen  (also  pro  Haus  10
Wohnungen),  welche  einen  Gesamtwert  von  966  708  326  Mk.
repräsentierten  und  zwar  im  Bodenwert  208  080  000  Mk.
Feuerkasse  758  628  356  Mk.  Die  H3'pothekenlast  stellte  sich
auf  752  256  484  Mk.  Der  damalige  Grundbesitz  wies  somit
noch  ein  unverschuldetes  Kapital  von  214  451882  Mk.  auf.
Der  Mietsertrag  bezifferte  sich  auf  62  541  195  Mk.  Dabei
standen  4564  Wohnungen  oder  3,26  Prozent  leer.  Subhastationen
  erfolgten  225  und  freiwillige  Verkäufe  1050.  Die
Hauptstadt  zählte  damals  nur  600000  Einwohner.  Von  diesen
14  000  Häusern,  von  welchen  ein  großer  Teil  nur  die  Bezeichnung ­
  „Hütte“  verdiente,  sind  indessen  im  Laufe  der  25  Jahre
ca.  10  000  den  gesteigerten  Ansprüchen  an  Behaglichkeit  der
Wohnräume  zum  Opfer  gefallen.  Neue  Häuser  sind  entstanden,
von  größerem  Umfang,  deren  jedes  im  Durchschnitt  jetzt  17
Wohnungen  aufweist.  Es  steht  deshalb  die  jetzt  vorhandene
Anzahl  der  Häuser  mit  der  seit  1865  erfolgten  2 1 /2  fachen
Vermehrung  der  Bevölkerung  nicht  im  Einklang,  wohl  aber
die  der  Wohnungen,  an  welchen  sogar  ein  Überfluß  vorhanden
ist.  Im  vorigen  Jahre  (1889)  wies  Berlin  nach  dieser  Statistik
22  400  Häuser  mit  385  000  Wohnungen  auf,  welche  einen
Gesamtwert  von  5  320  970  400  Mk.  repräsentierten  und  zwar
an  Bodenwert  2  757  370  400  Mk.,  an  Feuerkasse  2  757  370  400  Mk.
Die  Hypothekenlast  bezifferte  sich  auf  3  100  000  000  Mk.  Der
heutige  Grundbesitz  weist  somit  noch  ein  unverschuldetes
Kapital  von  2  220  970  400  Mk.  nach.
Die  Ansammlung  unverschuldeten  Kapitals  im  städtischen
Grundbesitz  Berlins,  der  seit  25  Jahren  von  214 1 /a  Millionen  Mk.
bereits  auf  2  Milliarden  221  Millionen  Mk.  angewachsen  ist,
dürfte  wenig  geeignet  sein,  die  Klagen  der  Grundbesitzer  zu
unterstützen.  Auch  der  Rückgang  der  Subhastationen  weist
eine  Besserstellung  der  heutigen  Grundbesitzer  gegen  vor  25
Jahren  nach,  dieselben  haben  sich  1889  auf  nur  60  beziffert.
Die  freiwilligen  Verkäufe  stiegen  dagegen  auf  2800.  Der
Mietsertrag  repräsentierte  im  vorigen  Jahre  die  Summe  von
256  Millionen  Mk.  Dabei  standen  12  000  Wohnungen  oder
3,12  Prozent  leer,  und  dieser  Prozentsatz  soll  sich  in  diesem
Jahre  nach  den  Ermittelungen  des  „Bundes“  noch  so  erhöht
haben,  daß  der  „Bund  der  Grundbesitzervereine“  im  Interesse
        <pb n="68" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

55

•der  Grundbesitzer  von  der  Veröffentlichung  derselben  Abstand
nehmen  will,  um  nicht  dadurch  einen  Rückgang  der  Mietspreise ­
  herbeizuführen.  (!)  Einen  recht  lehrreichen  Einblick
in  die  Steigerung  der  Grundstückspreise  bietet  in  dieser
Statistik  der  spezielle  Nachweis  pro  Haus.  Im  Jahre  1865,
also  vor  25  Jahren,  stellte  sich  in  Berlin  der  Preis  eines
Hauses  auf  41  620  Mk.  an  Bodenwert  und  54190  Mk.  an
Feuerkasse  (Bauwert)  =  95  810  Mk.,  die  Hypothekenlast
stellte  sich  auf  50  700  Mk.  und  der  Mietsertrag  auf  4460  Slk.
Jetzt,  nach  25  Jahren,  ist  der  Bodenwert  eines  Grundstückes
fast  auf  das  dreifache,  nämlich  auf  114  000  Mk.,  gestiegen,
der  Feuerkassenwert  hat  sich  auf  124  000  Mk.  erhöht,  die
Hypothekenlast  demzufolge  auf  140  000  Mk.  und  der  Mietsertrag ­
  auf  11428  Mk.  Es  dürfte  hiernach  einleuchten,  daß
die  fast  unerträglichen  Mietspreise  in  erster  Linie  auf  den
Grundstückswucher  zurückzuführen  sind,  der  innerhalb  25  Jahren
das  Durchschnittsgrundstück  in  Berlin  (ohne  Baulichkeiten)
um  72  080  Mk.  verteuert  hat!“
Auch  eine  Notiz  über  die  Steigerung  der  Grundrente
und  die  Hypothekenverhältnisse  in  Schweden  hat  großes
Interesse:
„Ende  1885  hatte  der  Grundbesitz  auf  dem  platten  Lande
einen  Taxwert  von  2  447  245  976  Kronen  und  in  den  Städten
von  983  413  664  Kronen,  zusammen  etwa  50  Millionen  Kronen
mehr  als  1884.  Die  Hypothekenbelastung  dieses  Grundbesitzes
war  von  1  337  366  706  Kronen  in  1884  auf  1  405  326  870  Kronen
in  1885,  mithin  um  67  960  164  Kronen  gestiegen.  Die  Grundstücke ­
  waren  durchschnittlich  mit  49,9  Prozent  gegen  38,9
Prozent  in  1884  beliehen.  Der  Grundbesitz  in  Stockholm
war  mit  60,4  Prozent  des  Wertes  belastet,  gegen  1884  um
2,1  Prozent  höher.  Im  Jahre  1885  haben  44  700  Grundstücke
den  Besitzer  gewechselt.  Der  Verkaufswert  betrug  239169  006
Kronen,  gegen  188  550  899  Kronen  im  Vorjahre.  Zur  Zwangsversteigerung ­
  kamen  auf  dem  platten  Lande  Grundstücke  im
Werte  von  5  655122  Kronen,  in  den  Städten  von  3  674  808
Kronen.“
So  sehen,  wir  die  ganze  werktätige  Bevölkerung  unter
•der  Schraube  der  kapitalistischen  Ausbeutung  seufzen:  wie
•der  Bauer,  der  Hausbesitzer,  wird  der  Unternehmer  durch
die  steigenden  Schuldverpflichtungen,  höhere  Löhne  und
■die  sinkenden  Preise  für  die  Produkte  in  Not  getrieben,
wobei  sich  die  Unternehmer,  sofern  sie  mit  vielen  Arbeitern
ihr  Geschäft  treiben,  durch  Vorwegnahme  der  Früchte  des
        <pb n="69" />
        56  Di©  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.
Fleißes  ihrer  Arbeiter  schadlos  halten.  Ohne  Unterschied
sind  die  besitzlosen  Arbeiter  die  Prügelknaben  der  heutigen
Ordnung,  und  keine  feine  Sophistik  kann  den  Druck  eines
ehernen  Lohngesetzes*)  wegleugnen,  das  ihnen  nur  das
zum  Leben  Notwendige  läßt.  Gelingt  es  ihnen  auch  im
Lohnkampfe,  der  überhaupt  nur  bei  steigender  Konjunktur
möglich  ist,  höheren  Lohn  zu  erringen,  steigende  Mieten
nehmen  ihnen  ebenso  wie  steigende  Kleinhandelspreise  den
Yorteil,  hereinbrechende  Krisen  geben  sie  dem  Hunger
Preis.  —  Alle  aber,  welche  von  der  Arbeit  leben,  sind
ausgebeutet,  und  oft  sind  die  Lohnarbeiter  besser  daran,,
als  die  Arbeitgeber.
Gerade  eine  Zeit  beginnenden  Niederganges  in  den  jetzigen
Tagen  lenkt  die  Aufmerksamkeit  von  neuem  auf  diesen
Punkt.  Die  Zeit  des  Aufschwungs  brachte  den  Lohnarbeitern,
vielfach  freilich  erst  durch  Streik,  höhere  Löhne,  welche
ihnen  später  zufielen,  während  die  Arbeitgeber  am  Schlüsseunbezahlte
  Rechnungen  und  unerfüllte  Hoffnungen  haben.
Denn  wie  ist  zu  erwarten,  daß  die  hohen  Preise  für  Fabrikate  —
wir  sehen  von  ländlicher  Produktion  ab,  da  dort  die  Einnahmen ­
  schon  stetig  sinken  —  von  den  Konsumenten  bezahlt
werden,  da  diese  doch  nicht  konsumfähiger  geworden  sind!
Gewonnen  haben  nur  die,  welche  Eigentümer  der  Stätten
der  Urproduktion  für  Fabrikate,  der  Rohstoffe,  sind,  besonders
von  Eisen  und  Kohlengruben,  resp.  die  Hypothekengläubiger..
Waren  die  Fabrikanten  gezwungen,  den  Preiserhöhungen
für  diese  Stoffe  nachzufolgen,  andererseits  höhere  Löhne
zu  zahlen,  so  haben  die  Lasten  der  Sozialversicherung  den
Untemehmergewinn  heruntergedrückt.  Gewiß  sind  auch
*)  Zur  Vermeidung  von  Mißverständnis  sei  über  den  Begriff  des
ehernen  Lohngesetzes  bemerkt,  daß  wir  unter  ehernem  Lohngesetze
nicht,  wie  Marx  dem  Lassalle  zuschrieb,  ein  ewiges,  unabänderliches
Gesetz  verstehen,  sondern  ein  solches,  welches  zwar  mit  ehernem,,
hartem  Drucke,  wirkt,  aber  mit  Beseitigung  seiner  heutigen  Bedingungen ­
  fortfallen  wird.
        <pb n="70" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

57

■wir  froh,  wenn  sozialer  Druck  und  die  Not  die  Arbeitgeber
belehren,  daß  noch  andere  Formen  der  Produktion  Platz,
finden  müssen;  aber  unserer  Anschauung  gemäß  bildet  die
Ausbeutung  durch  die  Arbeitgeber  nicht  den  Kern  der
sozialen  Frage,  denn  die  meisten  derselben  sind  selbst  Ausgebeutete. ­
  Das  wird  nun  in  Bälde  wieder  recht  deutlich
in  die  Augen  springen,  wenn  die  Produzenten  keinen  Absatz,
für  die  enorm  vermehrten  Produkte  haben  werden.  Das
Kartenhaus  erträumter  Gewinne  fällt  zusammen,  da  keine
Käufer  vorhanden  sind.  Auf  Grund  der  wirtschaftlichen
Ordnung  sammeln  sich  die  Ansprüche  auf  die  Produkte  in
wenigen  Händen,  die  sie  nicht  aufzehren  können.  Da
aber  bares  Geld  von  den  Kenten-  und  Zins  verpflichteten
verlangt  wird,  so  sind  diese  gezwungen,  ihre  Waren  auf
dem  Weltmärkte  abzusetzen,  auf  dem  die  Nachfrage,  wegen
der  Unfähigkeit  der  Massen  zu  kaufen,  fehlt.  Es  tritt  dann
wieder  der  Zustand  ein,  den  man  „Überproduktion“  nennt,
obwohl  er  in  Wahrheit  eine  „Unterkonsumtion“  ist.  Doch
verlassen  wir  vorläufig  diese  Erörterungen,  auf  die  wir  später
ausführlicher  zurückkommen.
Es  erübrigt  noch,  auf  die  ziffernmäßige  Abnahme  des
Anteils  der  Massen  an  dem  Nationaleinkommen  in  den
letzten  Jahren  hinzuweisen.  Erwiesenermaßen  ist  derselbe
in  England  seit  10  Jahren  von  40  auf  25  Prozent  gesunken.
Und  welche  Riesenvermögen  sich  schon  in  den  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  angesammelt  haben,  möge  eine
Tabelle,  welche  der  New-Yorker  Statistiker  Thomas  G.  Shearman
  aufgestellt  hat,  lehren.  Von  besonderem  Interesse
ist  dabei  noch,  daß  unter  den  Hauptausbeutern  der  ehrlichen
Arbeit  sich  eine  Kirchengemeinschaft  an  erster  Stelle  findet.
Die  zahlreichen  Besitze  nur  weniger  Millionen  ließ  er  vorläufig ­
  ganz  außer  acht,  denn  solche  kann  ja  fast  jeder
nennenswerte  Ort  der  Vereinigten  Staaten  aufweisen.  Erst
wo  die  Vermögen  die  enorme  Summe  von  20000000  Dollar
        <pb n="71" />
        58

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

erreicht  haben,  wartet  er  mit  Namen  auf.  Da  ergibt  sich
•dann  das  Folgende:
Ein  Vermögen  von  150  000  000  Dollar  besitzen:  J.  J.  Astor
und  die  Trinity-Kirche  in  New-York.
Von  100  000  000  Dollar:  C.  Vanderbilt,  W.  K.  Vanderbilt,
Jay  Gould,  Leland  Stanford  und  J.  D.  Bockefeiler.
Von  70  000  000  Dollar:  Die  Verlassenschaft  von  A.  Bäcker.
Von  60  000000  Dollar:  John  J.  Blair  und  die  Verlassenschaft ­
  von  Charles  Crocker.
Von  50  000  000  Dollar:  William  Astor,  W.  W.  Astor,  Bussel
Sage,  E.  E.  Stevens  und  die  Verlassenschaften  von  Moses
Taylor  und  Brown  und  Ives.
Von  40  000  000  Dollar:  P.  D.  Armour.  P.  L.  Arnes,  William
Bockefeiler,  H.  M.  Flagler,  Powers  und  Weigthmann  und  die
Verlassenschaft  von  P.  Goelet.
Von  35  000  000  Dollar:  C.  P.  Huntington,  D.  O.  Mills  und
die  Verlassenschaften  von  T.  A.  Scott  und  J.  W.  Garrett.
Von  30  000  000  Dollar:  G.  B.  Boberts,  Charles  Pratt,  Bosa
Windno,  E.  B.  Core,  Claus  Spreckles,  A.  Beimont,  B.  J.
Livingston,  Fred  Weyerhausen,  Frau  Martha  Hopkins,  Frau
Hatty  Green  und  die  Verlassenschaften  von  L.  V.  Harneß,
B.  W.  Colemann  und  J.  M.  Singer.
Von  25  000  000  Dollar:  A.  J.  Drexel,  J.  S.  Morgan,  J.  P.
Morgan,  Marshall  Fields,  David  Dows,  J.  G.  Fair,  E.  D.  Gerry
und  die  Verlassenschaften  von  Gouverneur  Fairhanks,  A.  T.
Stewart  und  A.  Schermerhorn.
Von  22  500  000  Dollar:  C.  G.  Paine  nnd  die  Verlassenschaften ­
  von  F.  A.  Drexel,  J.  V.  Williamson  und  W.  F.  Waltz.
Von  20  000  000  Dollar:  F.  W.  Vanderbilt,  Theod.  Havemeyer,
  H.  O.  Havemeyer,  W.  G.  Warden,  W.  G.  Thompson,
Frau  Shenley,  J.  B.  Haggin,  H.  A.  Hutchins  und  die  Verlassenschaften ­
  von  W.  Sloane,  E.  S.  Higgins,  C.  Tower,  William
Thaw,  Dr.  Hostetter,  William  Sharon  und  Peter  Donohue.
Diese  70  Namen  repräsentieren  daher  2  700000  000  Dollar
-oder  durchschnittlich  37  500000  Dollar.
Shearman  teilt  weiter  mit,  daß  er,  ohne  als  Statistiker
sich  weiter  Mühe  zu  geben,  zufällig  etwa  50  Personen  kenne,
die  mehr  als  10  000000  Dollar  besitzen  und,  obwohl  Herr
■Shearman  auf  solche  lumpigen  Millionäre,  die  nicht  einmal
20000  000  Dollar  ihr  Eigentum  nennen,  keine  Bücksicht
nahm,  stellt  er  die  Behauptung  auf,  daß  sich  leicht  eine
Liste  von  zehn  Personen  aufstellen  läßt,  die  durchschnittlich
        <pb n="72" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

59

100000000  Dollar  besitzen,  oder  eine  Liste  von  hundert
Personen,  welche  durchschnittlich  25  000000  Dollar  besitzen,
was  in  keinem  anderen  Lande  der  Welt  möglich  ist.  Ein
Dutzend  amerikanischer  Bürger  hat  einen  Reichtum  auf-.
  zuweisen,  wie  ihn  sogar  die  reichsten  Edelleute  der  Welt
nicht  besitzen  und  die  größten  englischen  Bankiers,  Kaufleute ­
  und  Eisenbahnmagnaten  stehen  ihren  Kollegen  in
Amerika  an  Reichtum  weit  nach.
Das  durchschnittliche  jährliche  Einkommen  der  hundert
reichsten  Engländer  ist  450000  Dollar,  während  die  hundert
reichsten  Amerikaner  jedes  Jahr  durchschnittlich  1200000
Dollars,  vielleicht  sogar  1  500000  Dollars  zu  verzehren  haben.
Der  reichste  Rothschild  und  der  weltbekannte  Bankier
Baron  Doerstone  hinterließen  nur  je  17  000  000  Dollars.  Der
Graf  Dudley,  der  reichste  Bergwerksbesitzer,  hinterließ
20000000  Dollar.  Der  Herzog  von  Buccleuch,  der  das
halbe  Schottland  sein  Eigentum  nennt,  hinterließ  30  000  000
Dollar.  Der  Marquis  von  Bute  mag  vielleicht  40000000
Dollar  und  der  Herzog  von  Westminster  50000000  besitzen.
Herr  Shearman  behauptet,  daß  25  000  Personen  die  Hälfte
•des  gesamten  Reichtums  der  Vereinigten  Staaten  ihr  Eigentum ­
  nennen  und  der  gesamte  Reichtum  des  Landes  auf
:nur  250000  Personen  verteilt  ist,  so  daß  auf  je  einen  Millionär
60  besitzlose  erwachsene  Männer  kommen.
Wenn  Herr  Shearman  die  übertriebene,  nur  die  wenigen
-auf  Unkosten  der  vielen  begünstigende  Schutzzollpolitik
für  diese  Kapitalanhäufungen  verantwortlich  macht,  und  im
Falle  der  Beibehaltung  dieses  Systems  eine  rasche  Steigerung
•der  Mißverhältnisse  voraussagt,  so  hat  er  ja  soweit  recht,  —
•das  Übel  sitzt  aber  doch  viel  tiefer.  Es  ist  da  eine  viel
.-gründlichere  Radikalkur  notwendig.
Die  Ursache  des  sozialen  Elends  liegt  in  der  Möglichkeit
der  Ansammlung  so  enormer  Reichtümer  in  wenigen  Händen,
welche  die  Produkte  der  Arbeit  imter  dem  Schutze  schlechter
        <pb n="73" />
        60

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

Gesetze  an  sich  reißen,  dieselben  aber  nicht  aufzehren,.
sondern  sie  wiederum  unter  legaler  Form  kapitalisierend
anlegen  können.  Sinkende  Preise,  Arbeitslosigkeit  für  die
Produzenten  ist  die  Folge;  den  Arbeiter  schlägt  sein  eigenes
Produkt  tot.  Wird  der  Lohnarbeiter  durch  den  Unternehmer--profit
  ausgeplündert,  so  seufzt  der  Mittelstand,  wie  Bauern,.
Handwerker  und  Unternehmer,  unter  dem  Drucke  der  Rentenund
  Zinsschraube,  und  mit  ihnen  allen  leiden  die  freien
und  gelehrten  Berufe,  deren  Nahrung  von  dem  Wohlbefinden
der  großen  Masse  abhängig  ist  und  bleiben  wird.
In  klarer  Weise  hat  schon  Rodbertus  die  Ursachen  der
stets  wiederkehrenden  Geschäftskrisen,  die  heute  permanente
geworden  sind,  erläutert,  welche  er  in  der  Beraubung  der 1
Arbeit  durch  Grundrente,  Zins  und  Unternehmerprofit
sieht.  In  seinen  Briefen  an  von  Kirchmann  schildert  er'
treffend,  wie  die  Krisen  durch  Unterkonsumtion  entstehenmüssen. ­
  Unter  anderem  sagt  er:
„Tritt  der  ruhige  Beobachter  in  diese  kapitalreichen  Nationen
hinein,  wendet  er  sich  zu  den  einzelnen,  die  ihm  bis  dahin,
nur  vereinigt,  als  Ganzes  erschienen,  so  sieht  er  mit  Erstaunen,,
daß  trotz  dieser  ungeheueren  Häufung  von  Kapitalien,  trotz
dieser  unzähligen  Erfindungen  zur  Leitung  und  Beherrschung
der  Natur=  und  Menschenkräfte,  doch  der  Vorteil  davon  nur
zu  einem  geringen  Teile  sich  über  alle  Glieder  der  Nation,
ausdehnt;  daß  der  größere  Teil  dieser  Vorteile  nur  einer  auserwählten ­
  Klasse  der  Nation  zugute  kommt,  und  daß  sieh
vermöge  des  bisherigen  Lohn-  (Renten)  und  Zinssystems  und.
der  .Tendenz  zum  Sparen  diese  glücklichen  Klassen  in  einem
Widerspruche  befinden,  der  sie  selbst  nicht  zur  Ruhe  kommen:
läßt.  Aus  Egoismus  nehmen  sie  in  der  Form  des  Kapitalzinses ­
  und  des  Unternehmergewinnes  dem  Arbeiter  die  Hälfte
des  Produktes  und  die  Macht,  zu  verzehren;  und  aus  Egoismus
mögen  sie  selbst  auch  nicht  verzehren,  sondern  in  blindem
Eifer  schaffen  sie  immer  neue  Produktionsgeschäfte  für  Produkte,
die  niemand  kaufen  kann.  Mitten  in  den  Mitteln  des  Genusses
sitzend,  können  sie  sich  nicht  entschließen,  weder  die  umstehenden ­
  Arbeiter  mitgenießen  zu  lassen,  noch  selbst  zu  genießen. ­
  Gleich  einem  Sisyphus  quälen  sie  sich  in  dem  unlösbaren ­
  Widerspruch:  verkaufen  zu  wollen,  nachdem  sie  doch
dem  Käufer  die  Mittel  zum  Kaufen  genommen  haben.  So
        <pb n="74" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.  61

'hat  die  gegenwärtige  Gesellschaft  große  Ähnlichkeit  mit  einer
Schar  Reisender  in  der  Wüste.  Durstig  finden  sie  eine
Quelle,  die  genügend  wäre,  alle  zu  erquicken  und  zu  stärken;
allein  eine  kleine  Zahl  wirft  sich  auf  zum  Herrn  der  Quelle  ;
aus  Mißgunst  lassen  sie  der  Mehrzahl  nur  wenige  Tropfen
für  ihren  Durst;  sie  selbst  trinken  in  langen  Zügen,  allein
die  Quelle  fließt  stärker,  als  sie  austrink,en  können;  so  lassen
sie  aus  Übersättigung  und  Mißgunst  zugleich  die  Hälfte  des
sprudelnden  Stromes  in  den  Sand  verrinnen.“
Soweit  der  Denker  von  Jagetzow.
In  ähnlicher  Weise  führt  Lassalle  in  seinem  „Bastiat-:.Schulze-Delitzsch“
  ans,  daß  dem  Arbeiter  nur  soviel  von
der  Produktion  verbleibe,  als  zu  seinem  notwendigen  Lebensunterhalte ­
  genüge:
„Wenn  nun  aber  der  Arbeitslohn  im  Durchschnitt  immer
auf  den  notwendigen  Lebensunterhalt  beschränkt  ist,  so  folgt
hieraus  von  selbst,  daß  aller  aus  dem  Verkauf  der  Produkte
erlöste  Überschuß  des  Produktionsertrages  über  den  während
der  Dauer  der  Produktion  notwendigen  Lebensbedarf  in  den
Händen  des  Unternehmers  bleibt,  der  diesen  Überschuß  nun
nach  weiteren  Gesetzen,  die  wir  hier  nicht  untersuchen  können,
zwischen  sich  und  dem  reinen  Kapitalisten  (Zins,  und  resp.
dem  Bodenbesitzer  als  Grundrente,  auf  deren  besondere  Gesetze ­
  wir  hier  noch  weniger  eingehen  können)  verteilt.“
In  unseren  Tagen  tritt  mehr  und  mehr  hervor,  daß  der
Unternehmerprofit  nur  die  Folge  von  verkehrten  gesellschaftlichen ­
  Grundlagen  ist,  welche  die  arbeitende  Bevölkerung
von  dem  Nießbrauchs  an  der  Mutter  Erde  ausschloß.
Da  man  durch  Gesetze  erlaubte,  daß  jemand  Grund  und
Boden  eigentümlich  besitzen  konnte,  ohne  die  Arbeit  der
Naturkräfte  —  die  Grundrente  —  an  die  Gemeinschaft  abzugeben,
  gestattete  man,  daß  große  Landbesitzungen  sich
in  einer  Hand  vereinigen  konnten.  Dadurch  war  die  große
Masse  von  der  Urquelle  aller  Betätigung  ausgeschlossen;
die  Menschen  fanden  nur  Arbeit,  wenn  sie  sich  bereit  erklärten, ­
  dem  Bodeneigentümer  eine  Abgabe  zu  leisten,
welche  der  unentgeltlichen  Leistung  der  Naturkräfte  mehr
oder  weniger  entsprach.  Das  private  Bodeneigentum  in
        <pb n="75" />
        62

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

dieser  seiner  römischen  Gestalt  führte  die  nach  göttlichem,
und  natürlichem  Rechte  dem  Gemeinwesen  gehörige  Grundrente ­
  in  die  Taschen  von  einzelnen  und  bereicherte  diese-,
auf  Kosten  der  Masse,  welche  dadurch  in  Armut  verblieb.
Dabei  stieg  diese  Abgabe  für  Benutzung  des  Bodens
stetig,  da  nur  ein  Teil  der  Kapitalien  in  der  Industrie  Verwendung ­
  fand,  der  andere  aber  sichere  Anlage  in  Grund
und  Boden  suchte.  Dazu  kam  noch  die  starke  Vermehrung
der  Bevölkerung,  so  daß  die  „Monopolrente“  in  Form  von
Grundrente  und  Zins  einen  immer  größeren  Tribut  von  der
Arbeit  forderte.
So  lange  der  Boden  gebunden  war,  überwog  die  Ausbeutung ­
  durch  Grundrente  (Mittelalter)  die  durch  Zins;
nachdem  aber  gesetzlich  der  Boden  '  dem  freien  Handel,,
der  freien  Beleihung  durch  Hypotheken  usw.  anheimgegeben
war,  ist  die  Zinsausbeutung  die  stärkere  geworden.  Nominell ­
  hat  die  Sklaverei  und  Hörigkeit  der  Bauern  zu  bestehen ­
  aufgehört,  aber  in  "Wahrheit  ist  die  Lage  derselben
unter  der  Zinsknechtschaft  schlimmer  als  je.  Diejenigen
aber,  welche  keinen  privaten  Kredit  erhalten,  sind  gezwungen,,
um  überhaupt  Arbeit  zu  finden,  Unternehmern  ihre  Dienste
unter  jeder  Bedingung  anzubieten.
Liegt  für  uns  der  Kern  der  sozialen  Frage  in  der  gerechten.
Güterverteilung,  so  werden  wir  bestrebt  sein,  die  arbeitslosen ­
  Einkommen,  welche  zu  so  enormen  Reichtümern  führen,
verschwinden  zu  machen.  Erkennen  wir  die  private  Grundrente ­
  und  den  Kapitalzins  als  die  Grundlage  allen  arbeitslosen ­
  Erwerbes,  so  liegt  der  Weg,  der  zu  begehen  ist,  klar
vor  unseren  Augen:  die  Nationalisierung  der  Grundrente,
die  Überführung  der  Grundrente  —  d.  h.  der  Entschädigung
für  Benutzung  der  ewigen  und  unerschöpflichen  Naturkräfte,,
wie  sie  in  dem  beschränkten  Erdboden  sich  äußern,  —  in
die  Gemeinschaft  aller  Bürger,  statt  in  die  Taschen  einzelner.
Wird  der  private  Bezug  der  Rente  unmöglich  gemacht,.
        <pb n="76" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

63

so  fällt  auch  der  Zins,  der  nichts  als  ein  Rentenkauf  (Rodbertus)
  ist,  hin.
Daß  Rente  und  Zins  dasselbe  sind,  ist  eine  alte  Wahrheit,
die  schon  Kalvin  bekannt  war,  wenn  er  sagt:
„Das  Geld  erzeugt  nicht  Geld,  das  ist  unbestritten;  aber  mit
Geld  kauft  man  Land,  welches  mehr  als  den  Gegenwert  der
Arbeit,  die  man  ihm  widmet  (durch  die  Naturkräfte),  erzeugt
und  dem  Eigentümer  ein  Mehreinkommen  läßt,  nachdem  alle
Ausgaben  für  Handarbeit  usw.  bezahlt  sind.  Mit  Geld  kauft
man  ein  Haus,  das  Mieten  einbringt.  Die  Sache,  mit  der
man  Gegenstände  kaufen  kann,  die  aus  sich  selbst  Einkommen
erzielen,  muß  aber  als  selbst  Einkommen  erzeugend  betrachtet
werden.“
Auch  der  berühmte  Anhänger  der  physiokratischen  Schule-Turgot,
  war  sich  völlig  klar  über  den  Ursprung  des  Zinses:
„Das  Geld  der  Kapitalisten  ist  der  Wertausdruck  für  ein
Grundstück;  der  Zins  des  Geldes  geht  hervor  aus  dem  Einkommen ­
  eines  Gutes  oder  aus  dem  Gewinn  eines  Geschäftes.
Alles  aber  geht  hervor  aus  dem  Reinertrag  der  Ländereien,
d.  h.  der  Arbeit  der  Naturkräfte.“
Wie  Lassalle  an  der  vollen  Erkenntnis  der  wahren  Ursachen
der  sozialen  Not  unserer  Tage  vorüberging,  ist  aus  seinem
„Bastiat-Schulze  von  Delitzsch“  bekannt.  Schulze  rechtfertigt ­
  ganz  richtig  den  Zins  damit,  daß  es  dem  Kapitalisten
möglich  sei,  für  sein  Kapital  Land  zu  kaufen,  dessen  Ernte,
welche  dem  Acker  „entkeimt“,  ein  ansehnliches  Mehr  an
Getreide  über  Samen  und  Arbeit  hinaus  liefert.
Wie  Lassalle  die  Lösung  des  großen  Rätsels  nicht  fand,
da  er  auf  Verstaatlichung  der  Produktion  hinzielte,  so  entgingen ­
  Henry  George,  da  ihm  die  wesentlich  deutschen
Vorarbeiten  nicht  bekannt  waren,  die  Stellung  des  Zinses
in  der  Volkswirtschaft  als  eines  ausbeuterischen  Elementes.
Es  ist  von  Interesse,  die  Versuche  zur  Erklärung  des  Zinsproblems ­
  aus  Böhm-Bawerks  „Geschichte  und  Kritik  der
Kapitalzinstheorie“  aufzuführen.  Wir  geben  die  Aufzählung
nach  dem  Handbuch  von  Schönberg  wieder.
        <pb n="77" />
        B4

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

„Warum  existiert  ein  ständiger  Wertüberschuß,  woher  empfängt ­
  der  Kapitalist  im  Zins  einen  endlosen  und  mühelosen
Güterzufluß  ?
1.  Turgot  meint,  daß  der  Überschuß  $ein  muß,  weil  die
Kapitalisten  sonst  ihr  Kapital  zum  Ankauf  von  Grund  und
Boden  verwenden  würden,  aus  dem  sie  eine  Rente  beziehen
können.  Farblose  Theorie.
2.  Produktionstheorien:  Das  Kapital  produziert  den  Überschuß
nach  Say.
3.  Abstinenztheorie  (Senior)  :  der  Mehrwert  ist  das  Äquivalent
eines  in  den  Preis  eingehenden  Kostenbestandteiles  „Enthaltsamkeit.“ ­

4.  Arbeitstheorie:  Der  Mehrwert  ist  der  Lohn  für  eine  vom
Kapitalisten  beigesteuerte  Arbeit,  der  Zins  ist  Vergeltung
eines  volkswirtschaftlichen  Berufes.  (Schäffle  und  Wagner).
5.  Ausbeutungstheorie  (Rodbertus  und  Marx):  Der  Zins  entspringt ­
  gar  keinem  natürlichen  Überschuß,  sondern  entsteht ­
  nur  durch  Abknappung  am  gerechten  Lohn  der  Arbeiter.  “
Wer  überhaupt  das  arbeitslose  Einkommen  beseitigen
will,  muß,  wie  es  auch  der  humanistische  Sozialismus  der
Bodenreformer  mit  Ausnahme  Henry  (Georges  erstrebt,  den
Zins  beseitigen  helfen.  Sieht  er  ferner  in  dem  Zins  nur
eine  andere  Form  der  Grundrente,  mit  welcher  der  Zins
steht  und  fällt,  so  ergibt  sich  für  ihn  folgerichtig,  daß  der
Zins  beseitigt  werden  kann,  wenn  dem  privaten  Kapital
die  Anlage  in  dem  Boden,  der  Rentenkauf,  unmöglich  gemacht
wird,  wenn  die  Grundrente  nationalisiert  wird.  Stamm  ist
wohl  der  erste  gewesen,  welcher  diesen  Zusammenhang
von  Grundrente,  Zins  und  Landnationalisierung  klargelegt
und  dadurch  die  Möglichkeit  bewiesen  hat,  auf  einem
anderen  Wege,  als  auf  dem,  den  der  demokratische  Sozialismus ­
  einschlägt,  zum  Ziele  zu  gelangen.
Die  irr-  Wie  die  Bodenreform  an  der  Erkenntnis  des  Physiokraten
lehre  von  d
der  stei-  Turgot  eine  feste  Grundlage  betreffs  des  Verhältnisses  von
genden  ö
Grund-  jj, en t e  und  Zins  Kat,  so  ist  noch  heute  für  einen  Teil  der
rente.
Bodenreformer  die  alte  physiokratische  Irrlehre  von  der
einzigen  Steuer,  l’impot  unique,  Quesnays  maßgebend.  Alle
Steuern  werden  nach  ihrer  Ansicht  verschwinden,  um  einer
        <pb n="78" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

65

einzigen  Grandrentensteuer  Platz  zu  machen.  Dabei  ist
der  falsche  Gedanke  entscheidend,  daß  die  Grundrente,  welche
dem  Staate  zufalle,  nicht  allein  auf  dem  heutigen  Stande
verbleiben,  sondern  höher  und  höher  steigen  werde.  Ein
Bodenreformer  glaubt,  daß  sie  in  100  Jahren  dem  Gemeinwesen ­
  ein  Einkommen  von  30  Milliarden  Mark  für  Deutschland
gewähren  würde.  —  Stamm  hat  in  seinem  für  die  Bodenreform ­
  grundlegenden  Buche  „Die  Erlösung  der  darbenden
Menschheit“  diese  Ansicht  niedergelegt,  und  andere  sind
ihm  gefolgt,  Henry  George  hat  sein  Buch  „Freihandel  oder
Schutzzoll“  denManen  jener  Männer  (Physiokraten)  gewidmet,
welche  für  die  einzige  Steuer  eintraten.  Auch  wir  haben
noch  in  der  Schrift  „  W  elches  ist  der  erste  Stand  ?“  *)  der  Ansicht
gehuldigt,  daß  die  Grundrente  im  Reformstaate  steigen
würde,  doch  sind  wir  später  zur  Einsicht  gelangt,  daß  der
hohe  Stand  derselben  von  heute  schon  ein  Symptom  kranker
Volkswirtschaft  sei.  Da  Verfasser  Vorsitzender  des  „Deutschen
Bundes  für  Bodenbesitzreform“  und  zugleich  Redakteur  der
Bundeszeitschrift  „Frei-Land“  war,  so  hielt  er  sich  für  verpflichtet, ­
  dem  Vorstande  von  seiner  abweichenden  Meinung
Kenntnis  zu  geben,  die  aphoristisch  in  einem  Zirkulare  vom
8.  Mai  1890  niedergelegt  ist,  das  folgenden  Wortlaut  hat:
„Die  Übernahme  der  Redaktion  von  „Frei  Land“  hat  mir
Gelegenheit  gegeben,  mich  eingehender  mit  den  einschlägigen
Fragen,  speziell  der  Grundrente,  zu  beschäftigen  und  manche
Anschauungen  zu  vervollständigen.  Schon  früher  ist  mir
manches  aufgestoßen,  was  ich  mit  der  „einzigen  Grundsteuer“
oder  der  einzigen  Pachtabgabe  und  der  steigenden  Grundrente
im  Staate  der  Bodenreform  nicht  in  Einklang  zu  bringen  vermochte. ­
  Meine  Berufsarbeit  und  andere  literarische  Beschäftigung
  hielten  mich  von  der  Durchbildung  der  Gedanken  ab.
Schon  vor  zwei  Jahren  habe  ich  in  „Deutsch  Land“,  der  Monatsschrift ­
  unseres  Freundes  Flürscheim,  Bedenken  über  eine  einzige
Steuer  geäußert,  im  vorigen  Jahre  habe  ich  in  einer  Rede,

*)  Dr.  Heinr.  Wehberg:  Welches  ist  der  erste  Stand?  Beantwortet
im  Geiste  des  humanistischen  Sozialismus.  Verlag  von  Elwin  Staude.
Berlin  1888.
Wehberg,  Die  Bodenreform.

5
        <pb n="79" />
        66

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

welche  in  Stamms  „Allwohlsbund“  gedruckt  ist,  meine  Ansicht
dahin  ausgesprochen,  daß  das  Gemeinwesen  die  Grundrente
herabsetzen  könne.
Nunmehr  habe  ich  die  Überzeugung  gewonnen,  daß  das
Gemeinwesen  von  den  Besitzern  des  Bodens  in  gerechten
Zuständen  nur  für  die  natürliche  Leistung  der  Naturkräfte,
wie  sie  in  dem  Boden  sich  äußern,  einen  Entgelt  fordern
kann:  „die  naturale  Grundrente“,  daß  es  aber  auch  diese  ohne
Ausnahme  von  allen  Besitzern  fordern  muß.  Die  heutige
„Lage“  ist  wesentlich  Produkt  der  wirtschaftlichen  und  sozialen
Zustände  und  wird,  wenn  überall  Wohlhabenheit  und  überall
Verkehr,  verschwinden.
Wo  der  Boden  in  den  Besitz  einzelner  übergegangen,  da
kann  von  dem,  der  ihn  haben  will,  jeder  Entgelt  gefordert
werden,  da  der  Boden  immer  seltener  zu  haben  ist.  Dazu
kommt  die  Ansammlung  der  großen  Vermögen  in  wenigen  Händen,
welches  um  Rente  wirbt.  Es  kann  sogar  soviel  gefordert
werden,  daß  der  ganze  Arbeitslohn  geraubt  wird.
Die  Grundrente  kann  außerdem  nur  steigen  in  einem  isolierten ­
  Staate,  der  durch  Zölle  gleichsam  abgeschlossen  ist.
Da  ich  aber  stets  und  zuerst  Freihändler  war,  so  ist  es  mir
doppelt  unmöglich,  an  eine  steigende  Grundrente  zu  glauben.
Da  ich  nur  aphoristische  Gedanken  auf  das  Papier  werfe,
so  deute  ich  nun  den  Weg  an.
Meiner  Überzeugung  gemäß  muß  der  Staat  den  Grundbesitzern
ermöglichen,  die  „Monopolgrundrente“,  wie  sie  sich  in  höheren
Kaufpreisen  und  Hypothekenverschuldungen  heute  zeigt,  abzulösen, ­
  dadurch,  daß  er  die  Hypothekargläubiger  zwingt,  ihr
Kapital  unkündbar  und  amortisierbar  zu  überlassen.  Die
Grundbesitzer  lösen  ab  durch  die  Vermittelung  der  Staatsbanken ­
  ,  wobei  ihnen  der  fallende  Zinsfuß  auch  noch  zugute
'  kommt.  Wer  nicht  ablösen  wollte,  ist  dem  Staate  verschuldet,
da  der  Grundkredit  verstaatlicht  wird,  der  bei  einer  gewissen
Höhe  der  Verschuldung  das  Vorkaufsrecht  hat.  Der  Staat
kommt  so  allmählich  in  größeren  Besitz.  Wann  er  Verpächter
allen  Gebietes  sein  wird,  ist  nicht  zu  sagen.  Für  Ankauf
im  ganzen  bin  ich  nicht,  im  Gegenteil  will  ich  mehr  freie
und  weniger  belastete  Eigentümer.
Doch  auch,  wenn  der  Staat  alles  Ackerland  ankaufte  —
Bergwerke,  Wälder,  Wiesen,  Weiden,  Flüsse,  muß  er  auf
diese  Weise  erwerben,  da  sie  über  die  Arbeit  der  Natur  hinaus ­
  nichts  oder  wenig  abwerfen  —,  so  wird  die  heutige
„Monopolgrundrente“  fallen  müssen.
Es  wird  nur  die  „Naturalgrundrente“  übrigbleiben.  Was
über  die  Leistung  der  Naturkräfte  gewonnen  wird,  ist  lediglich
menschlicher  Arbeit  und  der  Verwendung  von  Kapital  zu  verdanken. ­
  Was  also  mehr  auf  dem  Acker  erzeugt  wird,  gehört
        <pb n="80" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

67

dem  Arbeiter.  Bei  gerechter  Auferlegung  der  naturalen  Grundrentensteuer ­
  wird  niemand  mehr  Ackerland  haben  können,
als  er  bebaut;  die  Latifundien  müssen  verschwinden,  das
Land  wird  wieder  bevölkert:  der  Zins  verschwindet,  die  Arbeiter
werden  wohlhabend;  die  Zollmauern  sinken,  dadurch  ist  ein
Steigen  der  Grundrente  verhindert,  welche  unter  dem  Schutze
der  heutigen  Zölle  von  der  Monopolrente  befreit  wird.
Die  „Lage“  in  den  Städten  ist  übrigens  auch  zum  Teil
nur  das  Resultat  der  zunehmenden  Verarmung  in  den  Städten
selbst.  Die  verarmte  Bevölkerung  wohnt  in  ihren  Quartieren,
die  reiche  in  den  ihren.  In  den  armen  Quartieren  werden
große  Geschäfte  nicht  errichtet.  Die  anderen  Bedingungen
der  „Lage“  sind  so  auffällig  aus  der  wirtschaftlichen  und
sozialen  Misere  herausgegangen,  daß  ich  sie  füglich  nicht  zu
erwähnen  brauche.
Das  ist  meine  Anschauung:  Die  Reform  hat  zu  erreichen,
die  heute  krankhafte  „Monopolgrundrente“  -—  wie  ich  sie
nenne  —  auf  die  „Naturalgrundrente“  zu  bringen,  welche
der  natürlichen  Leistung  des  Bodens  entspricht.
Damit  weiche  ich  von  den  Anschauungen  vieler  Genossen
ab,  und  ich  bin  der  Meinung,  daß  es  bei  solchen  schweren,
zumal  taktischen  Differenzen  nicht  angeht,  da  gerade  jetzt,
die  neu  in  Fluß  kommende  Freihandelsbewegung  ein  Darüberhingleiten
  unmöglich  macht,  die  Redaktion  von  „Frei  Land“
weiter  zu  führen.
In  unbemerkter  Weise  kann  der  Rücktritt  bis  zum  1.  Juli
erfolgen,  bis  wohin  ich  „parteilos“  das  Blatt  leiten  will.  Es
wird  sich  schon  gern  ein  Genosse  bereit  finden.  Aber  wichtiger
für  mich  ist,  ob  die  Genossen  ferner  meine  Zugehörigkeit
zum  Vorstande  für  möglich  erachten,  was  ich  selbst  bezweifele.
Es  liegt  nicht  in  meiner  Natur,  Statist  zu  sein.  Die  Wahrheit ­
  aber,  soweit  sie  jeder  zu  erkennen  vermag,  geht  mir  über
Freundschaft  und  alles.“
So  war  auch  leider  unser  zu  früh  verstorbener  Freund
Dr.  Stöpel  der  Ansicht,  daß  auch  heute  der  selbst  arbeitende
Bauer  keine  Grundrente  beziehe,  zumal  nicht  im  Reformstaate ­
  ;  einer  ähnlichen  Anschauung  huldigt  Dr.  Hertzka  in
seinem  schönen  Buche  „Freiland“,  wo  er  den  Grund  und
Boden  als  ein  freies  Gut  betrachtet,  Anschauungen,  welchen
wir  uns  nicht  anzuschließen  vermögen.
Bei  höherer  Kultur  und  steigenden  Bedürfnissen  tritt  bei
sich  mehrender  Bevölkerung  Teilung  der  Arbeit  ein.  Waren
früher  alle  Einwohner  Hirten,  Fischer,  Jäger,  so  widmet.
5*
        <pb n="81" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.
sich  jetzt  ein  Teil  der  Bodenbearbeitung,  während  sich  ein
anderer  industrieller  Tätigkeit  hingibt.
Wäre  volkswirtschaftliches  Denken  im  Rahmen  einer
Wissenschaft  damals  schon  vorhanden  gewesen,  hätte  Gerechtigkeit ­
  die  Wege  der  Völker  geleitet,  nichts  wäre  klarer
gewesen,  unter  welchen  Bedingungen  man  den  allen  gemeinsamen ­
  Boden  den  Bebauern  überlassen  hätte.  Man
würde  von  ihnen  gefordert  haben,  das  an  die  Gemeinschaft
abzugeben,  was  die  Naturkräfte  ohne  wesentliches  Zutun
leisten.
Demnach  hätten  unterirdische  Schätze,  ferner  Wälder,
Wiesen,  Weiden  stets  Gemeineigentum  bleiben  müssen,
denn  erstere  sind  von  Anbeginn  vorhanden  gewesen,  und
der  Ertrag  in  Wäldern,  Wiesen  und  Weiden  ist,  abgesehen
von  sehr  geringer  menschlicher  Arbeit,  nur  auf  die  Tätigkeit ­
  der  Natur  zurückzuführen.  Auch  alle  Wasserläufe  hätten
überall  im  Eigentum  der  Gesamtheit  verbleiben  müssen.
Es  hätte  ja  keinen  Sinn  gehabt,  alle  diese  Flächen  an
einzelne  auszutun,  wenn  die  Privaten  die  Leistung  der
Naturkräfte  als  naturale  Grundrente  an  die  Gesellschaft
hätten  abgeben  müssen.  Es  wäre  für  sie  selbst  nichts  übrig
geblieben.
Dagegen  verhält  es  sich  mit  Ackerland  anders,  da  dieses
bei  sorgfältiger  Arbeit,  und  bei  Verwendung  von  Kapital
über  die  Leistung  der  Naturkräfte  ein  Erhebliches  mehr
abwerfen  kann,  das  nach  Recht  und  Billigkeit  dem  Bebauer
des  Bodens  gehört.
Wäre  so  die  naturale  Grundrente  Nationaleigentum  gewesen, ­
  so  würde  niemand  in  der  Lage  sein,  sich  große
.Strecken  Landes  anzueignen,  denn  nur  dann  hätte  er  Vorteil ­
  von  dem  Boden,  wenn  er  ihn  sorgfältig  bearbeitete.
Sorgfältig  bearbeiten,  also  einen  Ertrag  über  die  Tätigkeit
der  Naturkräfte,  welche  er  abgeben  muß,  zu  erzielen,  wäre
nur  möglich  bei  einem  je  nach  der  Betriebsart  mäßig  um ­
        <pb n="82" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

69

fangreichen  Boden.  Nie  würde  jemand  Land  in  Anspruch
nehmen  können,  um  es  durch  andere  gegen  Entgelt  bearbeiten ­
  zu  lassen,  denn  dieses  Entgelt  müßte  er  ja  im
gerechten  Wesen  selbst  wieder  abgeben,  da  es  die  Grundrente ­
  ist.  Da  viele  an  den  Boden,  die  Urquelle  aller  Güter,
heran  könnten,  so  würde  die  Armut  von  heute  oder  von
früher  nicht  gewesen  sein;  Protze  und  Proletariat  ständen
sich  nicht  so  feindselig  gegenüber.  Ob  die  Landverleihung
im  Mittelalter  an  die  großen  Herren  im  Sinne  einer  wirtschaftlichen ­
  Entwickelung  nach  materialistischer  Geschichtsauffassung ­
  war,  ist  eine  recht  müßige  Frage,  da  sie  gar
nicht  zu  beantworten  ist.  Wo  die  Eltern  wohlhabend  sind,
brauchen  die  Kinder  nicht  ins  Proletariat  zu  sinken.  Sie
finden  dann  einen  Fonds  vor,  mit  dem  sie  anfangen  können,
außerdem  Gelegenheit  zur  Arbeit,  wenn  die  Ansammlung
großer  Vermögen  das  Feld  der  Arbeitsbetätigung  nicht  eingeengt ­
  hat.  Mochte  früher  wirklich  einmal  das  bebauungsfähige ­
  Land  im  nationalen  Gebiete  zu  eng  werden,  heute,
wo  die  ganze  Erde  gleichsam  offen  liegen  könnte,  kann
von  Mangel  an  Boden  gar  keine  Bede  sein.  Nicht  allein
der  Landmann  hat  im  gerechten  Gemeinwesen  die  Möglichkeit, ­
  lohnende  Tätigkeit  zu  finden,  auch  seine  Söhne,
die  in  die  Industrie  eintreten,  sind  nicht  hilflos.
Die  Hebung  des  Genossenschaftswesens  wird  in  Zukunft
allen  Kredit  gewähren.  Alle  nehmen  an  den  Gaben  der
Natur  Teil,  die  der  Urgrund  aller  Produktivität  sind,  der
Bodenbauer  gibt  sie  an  das  Gemeinwesen  ab,  und  alle
Bürger  erhalten  darin  gleichsam  einen  Fonds,  ein  Betriebskapital, ­
  das  ihnen  allen  gegen  Sicherheit  zur  Verfügung
steht.  Die  Abgabe  der  Bodenbenutzer  wird  natürlich  verschieden ­
  sein  nach  der  Qualität  des  Bodens,  von  welcher
die  Betätigung  der  Naturkräfte  abhängig  ist.  Lage  —  ob
sonnig,  geschützt  —  Erdart,  —  ob  Ton,  Lehm,  Sand,
Kreide,  —  Klima  usw.  werden  auf  die  Höhe  der  nach
        <pb n="83" />
        70

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

Ricardo  genannten  „differentialen  Grundrente“  von  Einfluß
sein.  Im  allgemeinen  wird  die  naturale  Grundrente  nach
gründlich  durehgeführter  Reform  ziemlich  stabil  sein,  da
es,  abgesehen  von  kleinen  Parzellen,  nicht  gut  angeht,  die
Bodenart  zu  ändern.  Dürre,  sumpfige  steinige  Flächen
wird  überhaupt  die  Gemeinschaft  in  gerechten  Staatswesen ­
  in  Kultur  nehmen,  und  die  Flächen  erst  dann,  wenn
sie  zu  Ackerland  tauglich  sind,  den  Privaten  überlassen
können.  Der  Gemeingeist  wird  noch  die  herrlichsten
Triumphe  auf  diesem  Gebiete  feiern  können.
Es  unterliegt  für  uns  keinem  Zweifel,  daß  in  auf  Gerechtigkeit ­
  gegründeten  Gemeinwesen  der  Zukunft,  zumal
wenn  man  die  Erde  als  ein  einziges,  großes  Gebiet  ansieht,
soviel  Land  vorhanden  ist,  daß  auch  bei  noch  so  dichter
Bevölkerung  die  Grundrente,  welche  der  Bebauer  des  Bodens
an  die  Gemeinschaft  abzugeben  hat,  niemals  höher  sein
wird,  als  die  wirkliche  Leistung  der  Naturkräfte  beträgt.
Diese  nationale  Grundrente  würde  sich  sehr  leicht  durch
Vergleichung  mit  jungfräulichen  Ländern,  welche  dem  Verkehre ­
  noch  offen  liegen,  feststellen  lassen.  Bestimmte
Ziffern  lassen  sich  natürlich  bei  Vergleichung  der  jetzigen
und  der  zukünftigen  Höhe  der  Grundrente  nicht  aufstellen.
Der  Gedanke  an  Gemeineigentum  des  Grund  und  Bodens
hat  nicht  lange  bei  den  Völkern  geherrscht,  denn  immer
ist  es  Pfiffigen  gelungen,  Gesetze  zu  machen,  welche  den
einzelnen  eine  Aneignung  von  großen  Bodenflächen  ermöglichten, ­
  ohne  dabei  die  naturale  Grundrente  dem  Gemeinwesen ­
  zu  vergüten.  Wir  sehen  die  Latifundien  entstehen, ­
  deren  Besitzer  in  der  Lage  sind,'  denen,  die  Grund
und  Boden  suchen,  jede  Bedingung  bei  der  Überlassung  zu
stellen.  Finden  es  die  Eigentümer  lohnender,  Ackerflächen
in  Weiden  und  Jagdgründe  zu  verwandeln  (denn  dann
haben  sie  außer  der  reinen,  sichern  Rente  noch  einen
Tummelplatz  ihres  Vergnügens),  so  wird  der  Landhunger
        <pb n="84" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

71

der  Arbeiter  wachsen.  Die  Einkünfte  aus  der  Grundrente
fallen  nicht  dem  Gemeinwesen  zu,  um  nationale  Fonds  zu
bilden;  sie  sammeln  sich  in  einzelnen  Händen,  welche  dadurch ­
  den  Konsum  untergraben,  die  Produktion  hemmen,
und  neue  Anlage  für  die  „gesparten“  Kapitalien  resp.
Grundrenten  suchen.  Der  Preis  der  Überlassung  des  Bodens
steigt,  der  Handwerker  hat  keinen  Fond;  er  muß,  da  das
Kapital  im  Boden  heckend  angelegt  werden  kann,  Zins
bezahlen,  der  aber  den  meisten  nicht  einmal  zu  Gebote
steht.  Denn  in  der  heutigen  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung ­
  ist  bisher  die  Isolierung  des  Individuums  herrschend
gewesen,  daher  muß  das  Gros  der  Suchenden  bei  denen,
welche  Kapital  haben  oder  geliehen  erhalten,  mit  Lohnarbeit
vorlieb  nehmen,  natürlich  nach  den  Bedingungen  des  ehernen
Lohngesetzes,  dessen  Existenz  heute  zu  leugnen  vergebliche
Mühe  ist.  Steigt  der  Preis  für  die  Überlassung  der  Naturkräfte, ­
  wie  sie  sich  im  Boden  äußern,  kann  der  private
Eigentümer  des  Bodens  von  dem  Bebauer  jeden  Preis
fordern,  so  macht  die  naturale  Grundrente  der  Monopolrente ­
  Platz.  Monopolgrundrente  nenne  ich  sie,  weil  sie
dem  Monopol  des  privaten  Grundeigentums  entspringt.
Unter  den  verkehrten  Gesetzen,  betreffend  den  Besitz  des
Grundeigentums,  unter  dem  Schutze  der  Zölle,  welche  die
vormalige  Isolierung  der  Staaten  aufrechterhalten  und  verstärken, ­
  kann  sie  so  lange  steigen,  bis  sie  direkt  oder  indirekt ­
  in  ihren  Nebenwirkungen  auf  Zins  und  Unternehmerprofit ­
  den  vollen  Ertrag  der  Arbeit  fortnimmt  und  dem
Bauern  usw.  nur  das  nackte  Leben  läßt.  Aber  schon  ist
die  Vergeltung  zum  Teil  über  die  gekommen,  welche  durch
die  Ausbeutung  sich  bereicherten:  nicht  allein  ist  eine  große
Anzahl  von  Unternehmern  der  Konzentration  der  Vermögen
und  der  Unterkonsumtion  der  Völker  zum  Opfer  gefallen
oder  wird  von  ihr  bedroht;  die  kleinen  Kapitalisten  werden
von  Rothschild  und  Konsorten  ausgeplündert.
        <pb n="85" />
        72

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

Es  gilt  nur,  die  Aufmerksamkeit  der  Yolksfreunde,  der
Idealisten  und  Optimisten  auf  den  Kern  der  sozialen  Frage
zu  lenken  und  ihr  Interesse  für  die  friedliche  Lösung  derselben ­
  im  Sinne  des  humanistischen  Sozialismus  zu  wecken.
Dessen  aber  sind  wir  gewiß,  daß  sich  aus  dem  gebildeten
Bürgertum  in  Zukunft  große.  Kreise  für  diese  Ideen  erwärmen ­
  werden,  denn  nichts  bleibt  zur  Kettung  aus  der
Not  übrig,  als  dieser  Anker,  sollen  sie  anders  nicht  in  den
ödesten  Pessimismus  verfallen.  Liegt  doch  auch  zum  Teil
in  einer  Richtung  mit  uns  die  Reform,  welcher  unser  trefflicher ­
  und  ideal  gesinnter  Kaiser  zurzeit  in  Königsberg
als  grandlegend  für  eine  Lösung  der  sozialen  Wirren  bezeichnet ­
  hat,  da  er  sagte:  die  Lösung  der  sozialen  Frage
habe  zum  Ausgange  eine  Reform  der  bäuerlichen  und  grundbesitzlichen
  Verhältnisse.  Wie  lange  freilich  es  dauern
mag,  ehe  in  das  leider  ziemlich  erschlaffte  Bürgertum  neues
Leben,  neuer  Mut  und  neue  Erkenntnis  kommt,  ehe  es  sich
aufrafft,  neuen  Standarten  zu  folgen,  weiß  niemand  zu
sagen.  Den  demokratischen  Sozialismus  kann  man  nur
vernichten,  indem  man  der  Fahne  der  Bodenreform  folgt
und  die  bisher  vernachlässigten  Gebote  der  Gerechtigkeit
wieder  in  ihre  Rechte  einsetzt.
Gerechtigkeit  aber  ist  es  nicht,  wenn  einzelne  Bodenreformer ­
  die  Reform  an  krankhafte  Auswüchse  der  kapitalistischen ­
  Ordnung  anknüpfen  wollen,  wenn  sie  die  durch
falsche  Grundeigentumsgesetzgebung  und  Zölle  in  die  Höhe
getriebene  „Monopolgrundrente“  nicht  allein  konservieren,,
sondern  noch  weiter  in  die  Höhe  treiben  lassen  wollen.
Sie  sind  in  dem  Irrtume  befangen,  der  sich  durch  die  Ausführungen ­
  der  ganzen  klassischen  Nationalökonomie,  die
auf  der  Voraussetzung  des  privaten  Grundeigentums  in
seiner  absoluten  Gestalt  basieren,  zieht,  daß  die  fortdauernde
Steigerung  der  Grundrente  etwas  der  Grundrente  Immanentes
sei.  So  stehen  die  Lehrsätze  Ricardos  zum  Teil  auf  solcher
        <pb n="86" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

73

Anschauung,  und  von  Thünen  hat  in  seinem  „isolierten
Staate“  die  vollen  Konsequenzen  dieses  Standpunktes  gezogen. ­
  Dabei  sollen  alle  anderen  Steuern  fortfallen;  nur
diese  Grundrentensteuer  soll  als  „einzige  Steuer“  bestehen,
und  der  Überschuß  über  die  gemeinsamen  gesellschaftlichen
Bedürfnisse  an  die  einzelnen  gleichmäßig  verteilt  werden.
Es  wird  auch  berechnet,  daß  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung
in  hundert  Jahren  an  hundert  Mark  zur  Verteilung  gelängen-Wenn
  jemand  recht  sparsam  leben  würde,  könnte  er  selbst
bei  der  wahrscheinlich  horrenden  Verteuerung  aller  Produkte ­
  ohne  Arbeit  leben,  vorausgesetzt,  daß  er  kein  Land
in  Anspruch  nähme.  Doch  wird  es  allen,  die  dies  tun
werden,  schlecht  bekommen,  da  durch  die  wachsende  Bevölkerung ­
  die  Abgabe  für  Benutzung  des  Landes  immer
höher  werden,  und  den  Bauern  usw.  trotz  sinkenden  und
fortfallenden  Zinses  kaum  das  nackte  Existenzminimum
lassen  wird.  Wenn  Rente  und  Zins  eines  sind,  wenn  die
Grundrente  die  wirkliche  und  wahrhaftige,  nicht  imaginäre
Grundlage  des  Zinses  ist,  so  wird  es  wohl  den  Bauern  und
anderen  Landbesitzern  einerlei  sein,  ob  sie  durch  Zins
oder  Rente  ausgeplündert  werden.  Um  nun  das  Steckenpferdchen ­
  der  „einzigen  Steuer“  recht  tüchtig  in  Trab  zu
bringen,  scheut  man  sich  nicht  auszusprechen,  die  Grundrente ­
  durch  eventuelle  Prohibitivzölle  in  der  Höhe  zu  halten
resp.  weiter  zu  treiben.  Daß  derartige  Sachen  nicht  weiter
ernst  zu  nehmen  sind,  ist  unter  verständigen  Menschen,
welche  nachdenken,  selbstverständlich.  Denn,  wie  früher
die  Landbesitzer  die  Grundrente  auf  Kosten  der  Gesamtbevölkerung
  für  sich  einzogen,  so  würde  jene  ein  noch
gröberer  Kommunismus  zugunsten  der  industriellen  Tätigkeit ­
  usw.  ausplündern  Daran  können  auch  die  wundersamen ­
  Berechnungen  über  den  Nutzen  beim  Fallen  des
Zinses  nichts  helfen.  Nur  darin  wäre  ein  Vorteil,  daß  die
Grundrente,  d.  h.  als  Monopolgrundrente,  jetzt  allen  zu ­
        <pb n="87" />
        74

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

fallen,  und  damit  die  Anhäufung  der  ungeheueren  Vermögen, ­
  die  Möglichkeit  der  Unterkonsumtion,  ausgeschlossen
wäre.  Aber  kein  Bauer  würde  mehr,  als  zum  Leben  notwendig, ­
  erarbeiten,  da  doch  alles  genommen  würde.  Denn
das  wenige,  das  bei  der  Verteilung  wieder  auf  ihn  fiele,
wäre  nicht  nennenswert.
Es  ist  auch  falsch,  zu  behaupten,  die  Vorteile  höherer
Kultur  kämen  nur  den  Besitzern  des  Erdbodens  zugute;
sie  kommen  ebenso  den  industriellen  Arbeitern  zugute
durch  Erhöhung  ihrer  Leistungen.  Daß  heute  alle  Errungenschaften ­
  der  Grundrente  zu  Teil  werden,  ist  nicht  eine  der
Grundrente  immanente  Eigenschaft,  sondern  liegt  an  der
falschen  Gesetzgebung  über  Grundeigentum  und  an  den
Zöllen.  Derartige  Ideen,  daß  ungeheuere  Summen  von
30  Milliarden  dem  Staatsschätze  zufließen,  würden  einer
wüsten  Ochlokratie  zur  Herrschaft  verhelfen,  denn  leider
spielen  neben  dem  berechtigten  Gefühle  verletzter  Menschenrechte ­
  Neid  und  Habsucht  eine  große  Rolle.  Wie  wir
überzeugt  glauben,  daß  in  späterer  Zeit  bei  gleichmäßigerer
Gesittung  selbst  ohne  Störung  in  individuellen  Leistungen
und  Bedürfnissen  das  größere  Kapital  bei  der  Gesellschaft
als  bei  den  Privaten  sein  wird,  so  entschieden  müssen  wir
uns  gegen  jede  überstürzte  Nivellierung  in  unseren  Tagen
erklären.  Und  da  steht  gerade  uns  die  materialistische
Geschichtsauffassung  zur  Seite:  ruhige,  stete  Entwickelung,
nur  —  um  einen  Ausdruck  von  Marx  zu  gebrauchen  —
kein  „jähes  Umschlagen“.
Schutzzoll  Originell  und  bemerkenswert  ist  jedenfalls  schon  an  sich
oder  Frei-  0
handei?  ^ie  Bemerkung,  durch  Schutzzölle,  ja  durch  Prohibitivzölle,
das  soziale  Elend  lösen  zu  wollen.  Schon  dieser  Weg,
den  der  Bund  für  Bodenbesitzreform  vertritt,  ähnelt  der
sozialdemokratischen.  Weltanschauung,  und  das  Ziel  würde
in  Wahrheit  der  reine  Kommunismus  werden.  Neben  dem
Bunde  für  Bodenbesitzreform  bestand  früher  der  „Allwohls-
        <pb n="88" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

75

bund“  unter  Leitung  von  Stamm,  welcher  zunächst  dieselben
Wege  wie  ersterer  wandelte.
Doch  hat  dieser  sich  nicht  der  Einsicht  verschließen
können,  daß  die  Annahme  einer  steigenden  Grundrente  im
Reformstaate,  wie  eine  einzige  Steuer  auf  die  Grundrente,
■ein  Unsinn  sei.  Der  Allwohlsbund  hat  durch  einstimmige
Annahme  unserer  auf  die  bezüglichen  Statutenänderungen
hinzielenden  Anträge  auf  der  Generalversammlung  in
Wiesbaden  am  28.  September  1890  seinen  Bestrebungen
eine  andere  Anschauung  zugrunde  gelegt.  Und  nunmehr
ist  es  möglich,  sich  in  ruhiger  Weise  an  der  Diskussion
über  die  Entwickelung  der  politischen  und  wirtschaftlichen
Dinge  zu  beteiligen,  ohne  doch  das  Ziel  der  Erlösung
unserer  Brüder  aus  den  Augen  zu  verlieren.  M.  Flürscheim
  spricht  sogar  von  der  Möglichkeit  einer
Steigerung  der  Grundrente  auf  30  Milliarden  für  Deutschland ­
  als  einzige  Steuer.  „Die  Bodenmiete  wird  durch  die
Konkurrenz  der  Bodenbenutzer  sowieso  stets  auf  dem
höchsten  Punkte  gehalten  .  .  .  Sie  bildet  ein  Einkommen,
das  den  gesteigerten  Bedürfnissen  der  Gesellschaft  entsprechend ­
  zunimmt.''  Heute  berechnet  man  ihre  Höhe  auf
3  Milliarden  Mark.
Daß  auf  solchen  Grundlagen,  welche  eine  Steigerung  des
schon  krankhaft  emporgetriebenen  Bodenwertes  voraussetzen,
kein  segensreiches  Wirken  möglich  ist,  ist  von  vornherein
■einleuchtend.  Wie  die  Landliga  wegen  dieser  falschen  Voraussetzungen ­
  dem  Untergange  geweiht  war,  so  wird  es  der
Fall  mit  dem  Bunde  für  Bodenbesitzreform  sein,  wenn  er
sich  nicht  bald  eines  Besseren  besinnt!  Was  soll  man
dazu  sagen,  wenn  den  Gemeinden  von  jener  Seite  jetzt
empfohlen  wird,  größeren  Grundbesitz  zu  erwerben,  wo
wir  vor  einem  Niedergange  des  Bodenwertes  durch  einen
Krach  stehen?  Sollten  diese  Männer  nicht  dadurch  schon
gewarnt  sein,  daß  kapitalistische  Blätter  und  Hypotheken-
        <pb n="89" />
        7(3

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

stubenbesitzer  Feuer  und  Flamme  für  solche  Vorschläge'
sind?  Wie  manchem  Spekulanten  wäre  heute  vor  der  Krisis
geholfen,  wenn  er  sein  Terrain  zu  guten  Preisen  los  würde..
Und  all  die  törichten  Schritte,  weil  man  für  die  kontinentalem
Staaten  Europas  sogar  an  eine  fortsteigende  Grundrenteglaubt!
  Discite  moniti!
Wie  der  Allwohlsbund  jeden  Gedanken  an  eine  einzige^
Steuer  aus  seinem  Programme  strich,  so  verließ  er  gänzlich
den  Standpunkt  einer  steigenden  Grundrente  und  betrachtetedie
  heutige  als  eine  krankhafte  Monopolrente,  deren  Herabdrückung ­
  (Repression)  auf  die  naturale  Grundrente  zu  erstreben ­
  ist.  Es  heißt  da:
„In  mehr  als  einer  Weise  kann  die  Rückwandlung  des-Privatgrundzinses
  in  die  Grundzinsgemeinschaft  bewirkt  werden..
und  zwar  am  vorteilhaftesten  bei  einem  naturgemäßen,  durch,
keine  Eingangszölle  auf  Lebensmittel  und  dergleichen  künstlich ­
  in  die  Höhe  getriebenen  Stand  der  Grundwerte  und  Grundrente, ­
  welche  jetzt  eine  ,Monopolrente 1  ist.“
Somit  ist  es  nicht  der  Schutzzoll,  der  uns,  obwohl  wir
ihn  als  Moratorium  anerkannten,  berufen  erscheint,  der-Menschheit
  zu  weiterem  Fortschritt  zu  verhelfen,  sondernder ­
  Freihandel,  von  dem  wir  eine  wahrhaft  segensreiche^
Verbrüderung  aller  Völker,  wenn  auch  durch  die  Durchgangsstufe ­
  der  nationalen  Idee,  erhoffen  und  erstreben.
Freilich  wird  der  Weg  zu  radikalem  Freihandel,  unter  dem
die  ganze  Erde  ein  Handelsgebiet  sein  soll,  ein  weiter  und
mühsamer  sein,  denn  diese  Ideen  haben  heute  mit  der  wirtschaftlichen ­
  und  sozialen  Entwickelung  jedes  einzelnen
Landes  an  sich  und  seinem  Verhältnisse  zu  anderen  Produktionsgebieten ­
  zu  rechnen.  Denn  bevor  wir  unsere
Grenzen  wieder  öffnen,  werden  wir  bestrebt  sein  müssen,
unsere  Produktionsbedingungen,  welche  wesentlich  durch
Grundrente  usw.  von  denen  anderer  Länder  abweichen,  möglichst ­
  gleich  zu  gestalten.  Wir  werden  bemüht  sein  müssen,
uns  vom  Auslande  unabhängiger  zu  machen,  indem  wir  für
        <pb n="90" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

77

•die  größere  Aufnahmefähigkeit  der  Massen  Sorge  tragen,
d.  h.  in  Artikeln,  in  denen  wir  ebenso  vorteilhaft  produzieren. ­
  Also  kauffähig  vor  allem  muß  die  Nation  werden,
konkurrenzfähig  auf  dem  Weltmärkte,  wenn  die  sinkende
Monopolgrundrente  billige  Rohstoffe  gestattet.  Die  Frage
•nach  Glück  und  Wohlbefinden  der  Völker  ist  nicht  etwa
lediglich  eine  handelspolitische,  sondern  wesentlich  eine
sozialpolitische.  Beide,  miteinander  innig  verquickt,  müssen
Zug  um  Zug  um  den  Vortritt  ringen,  bis  nach  langer  Zeit
das  endliche  Ziel:  Zufriedenheit  und  Gerechtigkeit  erreicht
ist.  Die  Bildung  einer  neuen,  großen  und  lebenskräftigen
Partei,  welche  entschlossen  ist,  dieses  Kulturprogramm  auf
ihre  Standarte  zu  schreiben,  muß  die  Aufgabe  idealgesinnter
und  freiheitliebender  Männer  sein.  —
Die  Doktrinen  des  manchesterlichen  Freihandels  sind  wohl
für  immer  abgetan,  da  sie  durch  ihre  Vernachlässigung  grundlegender ­
  Kategorien  ganze  Völker  an  den  Rand  des  Verderbens ­
  gebracht  haben.  Für  jenen  Freihandel  war  nur  der
■Grundsatz  maßgebend,  daß  jeder  dort  kaufen  soll,  wo  der
Markt  am  billigsten  sei;  aber  er  kümmerte  sich  nicht  darum,
ob  die,  welchen  dieser  Rat  gegeben  wurde,  auch  in  der
Lage  seien,  überhaupt  kaufen  zu  können.  Was  aber  kann
es  dem  Deutschen  helfen,  ob  er  aus  England  oder  Amerika
herübergeschickte  Waren  billiger  als  im  Vaterlande  selbst
kaufen  kann,  wenn  er  durch  eben  diese  Einfuhr  seine  Arbeit
verliert  oder  in  seinem  Einkommen  geschwächt  wird!  Denn
-erst  die  Möglichkeit,  arbeiten  zu  können,  setzt  die  meisten
in  den  Stand,  anderer  Produkte  einzutauschen.  Wenn  aber
die  soziale  Entwickelung  dahin  geführt  hat,  daß  sich  die
.Gesellschaft  in  eine  kleine  Clique  reicher  Nichtstuer  und
in  einen  großen  Haufen  verarmter  Menschen  getrennt  hat,
so  kann  ein  Güteraustausch  nach  den  Lehren  des  manchesterlichen ­
  Freihandels,  wo  auch  Grund  und  Boden  als  Ware
»betrachtet  wird,  nur  von  höchstem  Verderben  für  das  Wohl ­
        <pb n="91" />
        I

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.
befinden  der  Nation  sein.  Znmal  den  Kapitalisten,  welche
ihr  Geld  im  Anslande  zinsbringend  angelegt  haben,  kann
es  nur  recht  angenehm  sein,  wenn  sie  durch  den  fremden
Import  in  die  Lage  versetzt  werden,  billiger  einzukaufen,
während  die,  welche  die  Verzinsung  ihrer  Papiere  im  Inlande ­
  erwarten,  nicht  ganz  so  gleichgültig  einem  Ruine  der
nationalen  Industrie  zusehen  können.  Der  Bauer  aber,
welcher  bei  dem  Sinken  der  Preise  seinen  Hypothekenverpflichtungen ­
  nicht  nachkommen  kann,  würde  wie  der
Fabrikant,  der  zum  Teil  unter  gleichem  Drucke  seufzt,,
schließlich  seine  Produktion  einstellen  müssen,  da  sie  ihm
nicht  mehr  als  das  nackte  Leben  läßt.  Damit  sind  denn  aber
die  Arbeitermassen,  welche  heute  im  Dienste  von  Unternehmern ­
  Arbeit  finden,  in  die  Gefahr  gekommen,  brotlos
zu  werden.  Denn,  obwohl  auch  in  anderen  Ländern  der
sinkende  Konsum  und  die  steigenden  Renten-  und  Zinsverpflichtungen ­
  die  Unternehmer  zwingen,  auf  alle  Weise
für  vermehrten  Absatz  gegenüber  den  Konkurrenten  zu
sorgen  —  vermehrte  Arbeitszeit,  billigere  Löhne  —,  so
haben  doch  manche  Länder  bestimmte  Vorteile  im  Wettbewerbe ­
  unserer  Tage  voraus.  Der  wichtigste  Vorsprung
der  transatlantischen  Länder  liegt  in  dem  niedrigen  Maße
der  Grundrente,  welche  sich  in  wohlfeileren  Bodenpreis9n.
und  Pachten  zeigt.  In  Amerika  ist  die  kapitalistische  Ausbeutung ­
  genau  so  wie  im  alten  Europa,  aber  jenes  Land
ist  trotz  seiner  noch  jungen  Industrie  schon  mit  Erfolg  in.
dem  Wettkampf  auf  dem  Weltmärkte  aufgetreten.  In  Rußland ­
  andererseits  ist  die  Verschuldung  der  Bauern  schon
so  groß,  daß  diese  von  ihren  Gläubigern  gezwungen  werden,
das  Getreide  zu  Spottpreisen  auf  dem  Halme  zu  verkaufen,,
während  in  Indien  die  Löhne  der  Arbeiter  so  minimal  sind,,
daß  sie  die  primitive  Kultur  mehr  als  ausgleichen.
Die  moderne  Verbindung  der  Länder  durch  Dampf  und
Elektrizität  hat  der  Entwicklung  der  europäischen  Kultur-
        <pb n="92" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Dreihandels.

79

Staaten  einen  furchtbaren  Stoß  gegeben,  und  die  Störungen
im  nationalen  Güterleben  sind  durch  den  Wettbewerb  der
jungen  Länder  so  akut  geworden,  daß  allerorten  nach  Heilmitteln ­
  gesucht  wird.  Wie  wir  bei  Erkrankungen  des  menschlichen ­
  Körpers  neben  denkenden  Ärzten  die  erbärmlichsten
Kurpfuscher  finden,  so  sind  auch  hier  allerlei  Ratgeber
ernster  und  komischer  Natur  aufgetreten,  deren  Spuren  zu
folgen  uns  durch  den  Rahmen  unserer  Arbeit  versagt  ist.
Daß  die  staatliche  Gesetzgebung  gegenüber  dem  drohenden
Zusammenbruche  der  nationalen  Wohlhabenheit  resp.  Produktion ­
  sich  nicht  müßig  verhalten  konnte,  ist  einleuchtend,
und  so  sehen  wir  seit  10—12  Jahren  Bemühungen,  der  Gefahr ­
  erfolgreich  zu  begegnen.  Unter  anderen  Staaten  hat
auch  Deutschland  die  Bahnen  des  manchesterlichen  Freihandels ­
  verlassen  und  unter  dem  Stichworte  „Schutz  der
nationalen  Arbeit“  dem  Schutzzoll  die  Förderung  der  Gesetzgebung ­
  zugewandt.  Und  insofern  dieser  Entschluß  dazu
dienen  soll,  dem  akuten  Zusammenbruch  zu  steuern,  ein
Moratorium  zur  Anbahnung  gründlicher  und  wirklicher
sozialer  Reformen  zu  bieten,  sind  wir  völlig  mit  ihm  einverstanden. ­
  Aber  ein  Heilmittel,  welches  nur  für  sich  die
soziale  Notlage  bannen  könnte,  ist  nicht  darin  zu  erblicken.
Schon  die  einfache  Erwägung,  daß  die  Not  in  allen  Ländern
dieselbe  ist,  einerlei,  ob  sie  dem  Freihandel  oder  dem  Schutzzoll ­
  anhängen,  kann  zum  Beweise  genügen.  Wie  sehr  der
alte,  mechanische  Freihandel  an  Ansehen  verloren  hat,  kann
man  daran  sehen,  daß  bis  jetzt  jeder  Versuch,  eine  tiefgehende ­
  Bewegung  gegen  die  Schutzzölle  mit  den  Argumenten ­
  des  reinen  laisser  faire,  laisser  passer  zu  erreichen,
völlig  ins  Wasser  gefallen  ist.  Instinktiv  fühlt  selbst  das
Volk,  daß  es  bei  reiner  Aufhebung  der  Zölle  durch  die  übermächtige ­
  Konkurrenz  des  Auslandes  seine  Arbeit  verlieren
würde.
So  ist  es  in  der  Tat  der  Fall,  daß  unter  der  verkehrten
        <pb n="93" />
        80

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

wirtschaftlichen  Ordnung  unserer  Tage  der  Schutzzoll  zeitweise ­
  für  die  Produzenten  (im  weitesten  Sinne  des  Wortes)
ein  größerer  Segen  sein  kann  als  der  Freihandel,  da  er  den
akuten  Zusammenbruch  vermeidet.  Leider  wird  aber  durch
den  Schutz  die  Produktion  auf  Zweige  geleitet,  welche  weder
der  natürlichen  Beschaffenheit  des  Landes  noch  der  Geschicklichkeit ­
  der  Einwohner  entsprechen:  Die  Güterproduktion ­
  nimmt  durch  Ausschluß  der  Konkurrenz  weiter
ab.  Das  Schlimmste  aber  ist,  daß  sich  im  geschützten  Gebiete ­
  die  Grundlagen  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung
immer  weiterentwickeln:  Grundrente  und  Zins  nehmen  den
Vorteil,  den  der  Zoll  nach  außen  gewährte,  mehr  als  fort.
Der  Bauer  hat  keinen  Vorteil  von  ihm,  da  die  Preise  und
Pachten  des  Bodens  steigen,  der  Industrielle  muß  infolgedessen ­
  teuere  Rohstoffe  kaufen.  Dabei  nimmt  der  Konsum
der  Massen  relativ  immer  mehr  ab,  obwohl  sie  die  Verteuerung ­
  der  notwendigsten  Unterhaltsmittel  durch  Erhöhung
der  Löhne  zum  Teil  wett  machen  können.  Wenn  auch
Lebensmittel,  Wohnungen  usw.  im  Preise  steigen,  soviel,
als  die  Arbeiter  zum  Leben  gebrauchen,  muß  ihnen  der
Unternehmer  zahlen,  da  sonst  der  wildeste  Ausbruch  der
Verzweiflung  drohen  würde.  Mehr  aber  haben  sie  auch
vorher  nicht  gehabt,  das  eherne  Lohngesetz  hat  ihnen  nie
mehr  als  das  Existenzminimum  gelassen.  Die  Konzentration
der  großen  Vermögen  geht,  mag  auch  der  Zinsfuß  sinken,
immer  weiter  vor  sich;  die  Reichen  werden  reicher,  die
Armen  immer  ärmer.  —
Wir  glauben  übrigens  nicht,  daß  es  der  Gedanke  des
Vaters  der  Schutzzölle  —  welche  bekanntlich  durch  den
berühmten  Dezemberbrief  Bismarcks  inauguriert  wurden  —
gewesen  ist,  die  Krisis  endgültig  durch  dieses  Mittel  zu
heilen.  Wir  halten  ihn  für  einen  vaterlandsliebenden,  zielbewußten ­
  Staatsmann,  der  klaren  Blickes  weitere  Reformen
im  Auge  gehabt  hat.  Wenn  es  freilich  wahr  wäre,  daß  er
        <pb n="94" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

81

sich  von  dieser  augenscheinlichen  symptomatischen  Behandlung ­
  endgültigen  Erfolg  versprochen  hätte,  dann  würden
seine  Feinde  recht  haben,  und  auf  ihn  könnte  das  Wort
des  schwedischen  Kanzlers  Oxenstierna  angewandt  werden:
„Mein  Sohn,  du  weißt  nicht,  mit  wieviel  Dummheit  die
Welt  regiert  wird.“
Gerade  für  die  industriellen  Unternehmer  könnten  die
Vorgänge  des  vergangenen  und  dieses  Jahres  eine  lehrreiche ­
  Mahnung  sein,  da  die  Steigerung  der  Rohstoffpreise
eine  solche  geworden  ist,  daß  sie  nicht  nur  schwer  auf
Produzenten  und  Konsumenten  lastet,  sondern  beinahe  den
Export  von  Fabrikaten  unmöglich  gemacht  hat.  Nationales
Eigentum  wie  unterirdische  Mineralschätze  hat  man  der
Privatspekulation  überlassen,  damit  diese  die  Nation  ausbeuten
  darf.  Vor  allem  hat  die  Kohle  eine  Preissteigerung
erfahren,  welche  mit  einer  willkürlichen  Plünderung  des
Volkes  zu  vergleichen  ist.  Da  bei  diesem  Artikel  wegen
seiner  Masse  die  genügende  Konkurrenz  fehlt,  so  sind  die
Eigentümer  der  Gruben  wie  die  Großhändler  in  der  Lage,
jeden  beliebigen  Preis,  den  die  Abnehmer  noch  zu  zahlen
gewillt  sind,  zu  fordern.
Mit  den  Kohlenpreisen  stiegen  weiter  die  Preise  für  Eisen,
vom  Erz  bis  zur  weiteren  Verarbeitung,  so  daß  sich  die  Ganzfabrikate ­
  in  einer  Weise  verteuerten,  daß  trotz  der  durch
Zölle  bewirkten  Steigerung  der  Inlandpreise  für  Fabrikate
ein  lohnendes  Geschäft  nicht  mehr  möglich  ist.  Bezeichnend
für  die  Wirkung  der  Zölle  ist  beispielsweise,  daß  im  August
1890  der  Bochumer  Gußstahlverein  in  Rumänien  Stahlschienen ­
  pro  128,80  Frks.  frei  Galatz  lieferte,  während  die
deutsche  Eisenbahnverwaltung  dem  Schienenkartell  bei  den
Verdingungen  rund  145  Mark  ab  Werk  hat  zahlen  müssen.
Das  ist  unter  Berücksichtigung  der  Eisenbahnfracht  ein
Unterschied  von  65  Mark.  Das  deutsche  Kartell  soll  den
fremden  Werken  für  ihr  Fortbleiben  von  der  Konkurrenz
Wehberg,  Die  Bodenreform.  6
        <pb n="95" />
        Ohne  die
Eisenzölle  wäre  solcher  Unfug  der  Besteuerung  des  deutschen
Eisenbahnwesens  zugunsten  des  Auslandes  undenkbar.
Dazu  kommen  nun  noch  neuerdings  die  Repressionsmaßregeln, ­
  welche  die  Vereinigten  Staaten  Nordamerikas
unter  dem  Namen  der  Mac  Kinley  Bill  ergriffen  haben,  um
sich  für  die  gehinderte  Ausfuhr  ihres  Getreides  und  Fleisches
zu  rächen,  sich  anderseits  aber  durch  den  Schutz  der  eigenen
Industrie  von  Europa  unabhängig  zu  machen.
Die  „Paix“  bringt  einen  „Europa  in  Gefahr“  überschriebenen
Leitartikel,  in  welchem  darauf  hingewiesen  wird,  daß  sich
die  Europäischen  Mächte  durch  die  unausgesetzten  Kriegsrüstungen ­
  ruinieren  und  dabei  ganz  und  gar  die  Gefahr
übersehen,  welche  ihnen  von  einem  Lande  droht,  das  seinen
ungeheuren  Reichtum  praktischer  verwendet,  als  der  alte
"Weltteil.  Die  Vereinigten  Staaten  Nordamerikas  sind  es,
welche  Europa  auf  volkswirtschaftlichem  Gebiete  zu  Boden
werfen  werden:
„Das  ist  der  Gegner,  mit  dem  man  sich  sofort  messen  muß,
wenn  man  den  Zusammenbruch  verzögern  will.  Das  ist  der
gemeinsame  Gegner,  wider  den  man  sofort  die  gemeinsame
Verteidigung  ins  Werk  setzen  muß,  wenn  die  alten  Völker
nicht  bald  vor  ihm  kapitulieren  und  nicht  der  unwiderruflichen
Verschiebung  des  Einflusses  und  der  Macht  in  der  Welt  beipflichten ­
  wollen.  Er  führt  keinen  Krieg  um  einige  Zoll  Landes
oder  irgend  welche  Steinhaufen,  die  zu  Festungen  aufgebaut
sind,  nicht  einmal  um  die  Ehre  der  Fahne,  also  noch  weniger
aus  politischem  Machiavellismus  oder  mystischer  Hysterie.
Er  führt  ihn  nicht  einmal  mit  den  Waffen,  für  den  Augenblick ­
  wenigstens.  Er  greift  nicht  die  Völker  an,  sondern  das,
was  sie  leben  läßt.  Er  geht  sehr  bescheiden  und  ohne  Lärm
in  der  niedrigsten  Domäne  zu  Werke.  Er  arbeitet  in  den
Zöllen.  Indes  wir  Europäer  die  stärkste  Kugel  suchen,  um
uns  besser  und  aus  größerer  Entfernung  untereinander  zu
vernichten,  legt  er  auf  uns  alle  an,  und  trifft  uns  alle  im
Herzen  durch  eine  Handelsbill,  welche  ganz  einfach  in  der
Praxis  die  europäische  Ausfuhr  verbietet
Schon  hat  die  Lyoner  Industrie  einen  Schmerzensschrei  ausgestoßen, ­
  den  die  ganze  Welt  vernommen  hat,  und  schon
sehen  die  Führer  des  großen  Pariser  Handels  den  Augenblick
        <pb n="96" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

83

voraus,  da  die  Fabrikanten  gezwungen  sein  werden,  ihre  Werkstätten ­
  zu  schließen.  Die  Amerikanische  Union  hat  einen
Plan,  der  in  Wahrheit  höchst  einfach  ist;  sie  verschließt  vorerst ­
  den  amerikanischen  Markt,  und  wenn  sie  mit  ihren  riesigen
Reichtümern  ihre  Industrie  genügend  entwickelt  haben  wird,
um  allen  Bedürfnissen  zu  genügen,  wird  sie  den  gesamten
Weltmarkt  nehmen.  Sie  wird  Freihändlerin  werden,  um  nach
allen  Plätzen  der  Welt  frei  gelangen  zu  können  an  dem  Tage,
da  sie  nichts  mehr  von  der  fremden  Konkurrenz  zu  fürchten
haben  wird.  Das  ist  das  Programm!  Da  liegt  die  Gefahr!
Wenn  Europa  nicht  ganz  verrückt  ist,  muß  Europa  sich  für
gewarnt  ansehen  und  die  Maßregeln  des  gemeinsamen  Heils
treffen.  Es  ist  hohe  Zeit.“
Schon  jetzt  ist  eine  dauernde  Abnahme  des  deutschen
Eisenexportes  bemerkbar  gewesen,  wie  folgender  fachmännischer ­
  Bericht  zeigt:
„Der  Monat  Juli  1890  setzte  fort,  was  seine  Vorgänger  begonnen ­
  hatten,  nämlich  den  Niedergang  der  deutschen  Ausfuhr
und  eine  Zunahme  der  fremden  Einfuhr.  Letztere  war  besonders
stark  bei  Roheisen,  dessen  Gesamteinfuhr  in  den  abgelaufenen
7  Monaten  260  687  t  gegen  135  040  in  1889  betrug.  Die
Einfuhr  überwiegt  also  allein  in  den  7  Monaten  um  125  647  t,
d.  h.  sie  ist  beinahe  doppelt  so  groß  wie  im  Vorjahre.  Wenn
die  deutschen  Verbände  sich  die  Aufgabe  gestellt  haben,  regelnd
in  die  Marktverhältnisse  einzugreifen,  so  kann  man  von  einer
regelnden  Hand  in  diesem  Punkte  leider  nichts  bemerken.  Der
Mißerfolg  deutet  auf  eine  bemerkenswerte  Unbeholfenheit  und
unrichtige  Beurteilung  der  Verhältnisse,  denn  sonst  wären
solche  betrübende  Ziffern  ganz  unmöglich.  Der  Roheisenverband
wird  daher  die  Frage  einer  Reorganisation  sehr  ernstlich  in
Erwägung  ziehen  müssen,  wenn  er  überhaupt  noch  Anspruch
auf  Existenzberechtigung  machen  will.  Wenn  es  so  weiter
geht,  wird  England  bis  zum  Jahresschluß  Vs  Millionen  Tonnen
nach  Deuschland  gelegt  haben,  d.  h.  ungefähr  Vs  der  Gesamtproduktion ­
  Deutschlands.  Das  ist  zwar  noch  nicht  unbedingt,
tödlich,  viel  aber  bei  einem  Schutzzoll  von  10  Mk.  =  20—25  Prozent ­
  des  Wertes:  doch  ein  sehr  übles  Ergebnis.  Soweit  aus.
den  statistischen  Ziffern  erkenntlich,  sind  die  bisherigen  Preisermäßigungen ­
  ohne  jede  Wirkung  geblieben.  In  Stabeisen  betrug ­
  die  Gesamteinfuhr  in  den  abgelaufenen  7  Monaten  18  377  t
(10  425  t),  sie  ist  also  sehr  wesentlich  höher.  Die  Ausfuhr
betrug  65  206  t  (104  696  t),  ist  also  ganz  bedeutend  zurückgeblieben. ­
  Das  Schmerzenskind  der  Eisenindustrie  bleibt  der
Artikel  Draht.  Es  betrug  in  den  7  Monaten  die  Ausfuhr
65  135  t  (99  265  t),  der  Rückgang  also  34130  t,  und  in
6*
        <pb n="97" />
        84

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

Drahtstiften  19  604  t  (28  993  t,)  der  Rückgang  somit  9389  t
Die  Verschlechterung  der  Handelsbilanz  in  den  7  Monaten  beträgt ­
  durch  Mehreinfuhr  von  137  635  T.  und  Minderausfuhr
von  117  527  t  zusammen  255  162  t  im  Werte  von  mindestens
20  Millionen  Mark,  eine  Summe,  hoch  genug,  um  sämtlichen
Eisenwerken  Deutschlands  eine  sehr  angemessene  Verzinsung
zu  bieten.  Wenn  die  Verbände  ihre  Aufgabe  erfüllen  wollen,
so  müssen  sie  sich  nicht  scheuen,  den  Ursachen  dieser  traurigen
Erscheinungen  auf  den  Grund  zu  gehen  und  diese,  mögen  sie
sein,  welche  sie  wollen,  zu  entfernen.  So  geht  es  auf  die
Dauer  doch  nicht  gut  weiter.“
Nun,  es  wird  noch  eine  Zeitlang  so  weiter  und  noch
schlechter  gehen,  bis  unsere  Industriellen  einsehen  werden,
daß  trotz  Aktiengesellschaften  keine  Rettung  möglich  ist,
bis  man  dem  arbeitslosen  Einkommen,  der  Unterkonsumtion,
ein  Ende  macht.
Geht  es  aber  den  Bauern,  welche  man  auch  durch  Zölle
gegen  das  Ausland  geschützt  hatte,  besser?  Wo  gleiches
Erbrecht  vorhanden,  wird  die  durch  den  Schutzzoll  bewirkte
Steigerung  der  Grundrente  —  denn  nur  diese  hat  Vorteil  —
in  den  Erbportionen  zum  Ausdruck  kommen.  Andere  werden
durch  hohe  Kaufpreise  des  Bodens  niedergedrückt,  wenn,
wie  es  geschehen,  die  Preise  der  Produkte  sinken.  Kurz,
die  Verschuldung  ist,  wie  vorher  ziffermäßig  jiachgewie-sen,
riesenhaft  gewachsen,  die  Bauern  quälen  sich  um  das  tägliche
Brot.  Es  muß  schlecht  um  die  Landwirtschaft  selbst  stehen,
wenn  es  wahr  ist,  daß  die  zeitige  Fleischteuerung  zum
großen  Teil  nicht  auf  mangelhaftem  Import  von  Vieh  beruht, ­
  sondern  auf  dem  fehlenden  Angebot  der  inländischen
Viehzüchter,  denen  der  Nachwuchs  an  jungen  Tieren  fehlt.
Daß  im  entvölkerten  Osten  der  preußischen  Monarchie
auch  der  Latifundienbesitz  unter  dem  Notstände  leidet,  weil
er  keinen  Absatz  für  sein  Getreide  hat,  zeigt  folgender
Antrag  des  Abgeordneten  Balan  und  Genossen,  welcher  in
der  47.  Sitzung  1890  des  Abgeordnetenhauses  zur  Veriandlung
  kam:
„Die  Staatsregierung  zu  ersuchen,  zur  Erleichterung  des
        <pb n="98" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

85

Versandes  von  Getreide,  Malz  und  Mühlenfabrikaten  aus  den
östlichen  und  den  westlichen  Provinzen  auf  den  Staatseisenbahnen ­
  einen  Ausnahmetarif  einzuführen,  welcher  für  diese
Verkehrsrichtung  die  bestehenden  Frachtsätze  auf  weitere
Entfernungen  in  fallender  Skala  erheblich  herabmindert.
Hierzu  lag  ein  Antrag  der  Abgeordneten  Bork  und  Genossen
vor:  „Die  Staatsregierung  zu  ersuchen,  zur  Erleichterung  des
Versandes  von  Getreide,  Malz,  Mühlenfabrikaten  und  Vieh
auf  den  Staatseisenbahnen  einen  Tarif  einzuführen,  welcher
die  bestehenden  Frachtsätze  auf  weitere  Entfernungen  in
fallender  Skala  erheblich  herabmindert.“
Da  infolge  der  Latifundien-  und  Verschuldungszunahme
die  Auswanderung  aus  den  östlichen  Provinzen,  nicht  allein
vom  platten  Lande,  sondern  auch  aus  den  kleinen  und
mittleren  Städten  eine  immer  größere  wird,  so  fehlt  den
Produzenten  der  Absatz.  Früher  war  derselbe  leicht  und
billig  nach  England  zu  bewerkstelligen.  Nach  Aufhebung
der  englischen  Schutzzölle  in  Mitte  der  fünfziger  Jahre
war  der  deutsche  Getreideexport  über  die  See  ein  bedeutender. ­
  Das  ist  anders  geworden,  seit  die  transatlantischen ­
  Länder  ihre  billigen  Waren  nach  Europa  werfen.
Die  hohen  Grundpreise  haben  eine  entsprechende  hypothekarische ­
  Verschuldung  im  Gefolge  gehabt,  die  eine  billige
Produktion  unmöglich  macht,  so  daß  von  Export  keine
Rede  mehr  ist.  Daran  wird  auch  die  Errichtung  von  Silos
an  den  Hafenplätzen  wenig  ändern.  Den  Grundbesitzern
geht  es  offenbar  recht  übel,  und  in  ihrer  Verzweiflung
greifen  sie  nach  jedem  Strohhalme,  wie  nach  einer  Tarifermäßigung. ­
  Auf  Kosten  der  Staatsbürger  wollen  sie  Ausnahmetarife ­
  haben,  um  ihr  Getreide  nach  dem  Westen  zu
bringen,  obwohl  der  Westen  unter  denselben  Nöten  leidet.
Jede  Herabsetzung  muß  aber  gemäß  Vertrag  auch  dem
russischen  Getreide  auf  deutschen  Bahnen  gewährt  werden,
so  daß  der  Westen  in  üble  Bedrängnis  geriete,  zumal  ihn
der  transatlantische  Import  drückt.  Es  ist  somit  natürlich,
daß  die  Herren  aus  dem  Westen  sich  gegen  den  Antrag
sträubten  und  ihm  in  höflicher  Weise  ein  Begräbnis  durch
        <pb n="99" />
        86  Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.
den  Gegenantrag  Zedlitz  und  Genossen  zu  Teil  werden
ließen.  Zu  dem  Antrag  Bork  beantragte  der  Abgeordnete
von  Zedlitz,  unterstützt  von  14  freikonservativen  Genossen  :
„Die  Staatsregierung  zu  ersuchen,  eine  Untersuchung  über
die  wirtschaftlichen  und  finanziellen  Folgen  der  etwaigen  Einführung ­
  eines  Tarifs  zu  veranstalten,  durch  welchen  die  bestehenden ­
  Frachtsätze  von  Getreide  ,  Malz  ,  Mühlenfabrikaten
und  Vieh  auf  weitere  Entfernungen  in  fallender  Skala  erheblich ­
  herabgemindert  werden,  und  die  Ergebnisse  derselben  in
der  nächsten  Session  zur  Kenntnis  des  Abgeordnetenhauses
zu  bringen.“  —
Hier  hilft  aber  nur  eines:  die  Besiedelung  des  Ostens
durch  eine  Parzellierung  der  großen  Güter,  welche  bei  Ermäßigung ­
  der  Getreidezölle  zur  Versteigerung  kommen  werden.
Sehr  zweckmäßig  erscheint  uns  Bodenreformen!  das  Rentengut, ­
  zumal  der  Bauer  dasselbe  zu  Eigentum  erwerben  kann.
Kommt  dazu  die  vorsichtige  Verstaatlichung  des  Grundkredites ­
  ,  für  geeignete  Fälle  auch  das  Vorkaufsrecht  des
Staates  bei  übermäßiger  Verschuldung,  so  ist  keine  Frage,
daß  jene  weiten  Strecken,  die  jetzt  beinahe  entvölkert  sind,
bald  von  einer  emsigen  Bevölkerung  besiedelt  sein  werden.
Wie  jetzt  der  Zuzug  in  die  Großstädte  wird  dann  ein  Abzug
auf  das  platte  Land  stattfinden,  zumal  wenn  die  industrielle
Krisis  mit  ihrem  Elend  in  die  Erscheinung  treten  und  lange
andauern  wird.  Neue  Dörfer  und  neue  Städte  werden
entstehen,  und  der  Absatz  wird  für  die  Bodenprodukte
genügend  sein.
Wie  schwach  der  Osten  bevölkert  ist,  zeigt  eine  Tabelle
aus  dem  Anfang  der  siebziger  Jahre,  wobei  bemerkt  wird,
daß  seitdem  die  Entvölkerung  zugenommen.  Kamen  im  gesamten ­
  deutschen  Reiche  auf  die  geographische  Quadratmeile
4184  Menschen,  auf  die  Rheinprovinz  7307,  so  fiel  die  Ziffer
in  der  Provinz  Preußen  auf  2766,  in  Pommern  auf  2616.  Die
Niederlande  hatten  auf  die  Quadratmeile  6155,  Belgien  9511
Personen.  Da  aber  kaum  mit  einem  Male  eine  Industrie  nach
dort  verpflanzt  werden  kann,  weil  die  natürlichen  Hilfs ­
        <pb n="100" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.  87

^r

quellen  offenbar  fehlen,  so  wird  das  Land  zunächst  auf
den  Austausch  mit  weiteren  Gegenden  angewiesen  sein.
Nicht  eher  aber  wird  an  Export  zu  denken  sein,  als  bis  die
Produktionskosten  billigere  sind,  unter  denen  bekanntlich
•die  hohen  Güterpreise  die  erste  Stelle  einnehmen.  Die
Behandlung  des  Grund  und  Bodens  als  Handels-  und
Schacherobjekt,  als  Herrentum,  nicht  als  Nutzungseigentum,
hat  diese  Steigerung  hervorgebracht.
"Wer  Augen  hat  zu  sehen,  der  sehe!  Wer  Ohren  hat  zu
hören,  der  höre!  Wer  sieht  nicht  ein,  daß  nicht  der
Unternehmergewinn,  in  letzter  Hinsicht  die  Produktionsform ­
  mit  ihrem  freien  Arbeitsvertrage,  die  Grundursache
der  heutigen  Notlage  ist,  sondern  die  private  Aneignung
des  nationalen  Grundzinses  in  Form  von  Grundrente  und
Kapitalzins!  Diese  beiden  müssen  als  Ausbeutungsmittel
beseitigt  werden  samt  dem  illegitimen  Börsenschwindel.
Dann  fällt  der  Unternehmerprofit  von  selbst,  ohne  daß  es
nötig  ist,  daß  der  individuelle  Betrieb  verschwindet.  Rettung
kann  nur  ein  zielbewußter  Gedanke  bieten,  der  das  Herz
aller  Reformen  sein  muß,  welche  zur  Lösung  der  Wirren
-angestrebt  werden  sollen,  die  langsame  und  organische
Überführung  des  Grundzinses  in  die  Gemeinschaft  der  Nation.
Der  manchesterliche  Freihandel,  welcher  auf  den  überkommenen ­
  Eigentumsverhältnissen  an  Grund  und  Boden
beruht,  hat  sich  als  unfähig  erwiesen,  die  Völker  trotz
größerer  Produktion  zu  beglücken.  Er  bewirkte  gerade,  daß
die  Verteilung  der  Güter  eine  immer  ungünstigere  wurde.
Trotzdem  wird  das  Heil  der  Zukunft  in  dem  Freihandel
liegen,  welcher  allgemach  den  ganzen  Erdkreis  zu  einem
großen  Produktions-  und  Handelsgebiete  machen  wird.
Diesen  Freihandel  aber  nannten  wir  in  „Welches  ist  der
erste  Stand“  den  „humanistischen  Freihandel“,  weil
er  auf  dem  gemeinsamen  Rechte  der  Nation  an  dem  vaterländischen ­
  Boden  (humus)  beruht,  und  weil  erst  auf  diesem
        <pb n="101" />
        88

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

Fundamente  eine  wirkliche  Betätigung  der  Menschenliebe
(humanitas)  möglich  sein  wird.  —  Auch  unser  Losungswort
ist  jener  Ausspruch  Gournays,  welcher  trotz  seiner  falschen
Grundlage  so  mächtig  auf  die  Entwickelung  der  Völker
eingewirkt  hat:  laisser  faire,  laisser  passer,  le  monde  va
de  lui-meme.  Nur  wollen  wir,  daß  die  ewigen  Gesetze  betreffs ­
  des  Eigentums  am  Erdboden  zur  Geltung  gelangen
sollen.  Im  Prinzip  radikale  Freihändler,  erstreben
wir  das  Ziel  in  langsamem  Tempo,  Zug  um  Zug
mit  der  Bodenreform.  Eines  aber  mit  dem  anderen,
keines  ohne  das  andere!
Das  wahre  Eigentum  kann  nur  beruhen,  wie  das  Wort
sagt,  auf  eigenem  Tun;  nur  dieses  Eigentum  kann  vor  göttlichem ­
  und  menschlichem  Hechte  bestehen.  Alles  Eigentum
aber,  welches  auf  der  Ausbeutung  fremder  Arbeit  beruht
und  nicht  dem  eigenen  Schaffen  zu  danken  ist,  ist  Diebstahl
und  daher  unsittlich  und  verwerflich.  W T ie  die  kapitalistische
Ordnung  einen  rohen  Kommunismus  in  sich  schließt,  da
sich  einzelne  Drohnen  von  dem  natürlichen  Eigentume  aller
an  der  Erde  und  der  Tätigkeit  der  Massen  mästen,  so
will  die  sozialdemokratische  Doktrin  einen  ebenso  gefährlichen
Kommunismus,  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  jetzt  die  Unfähigen ­
  die  Fähigen  resp.  die  Massen  die  einzelnen  ausbeuten
sollen.  Soll  aber  die  Menschheit  zu  höherer  Kultur,  zu  reinerer
Sittlichkeit  emporsteigen,  so  müssen  die  Eigentumsbegriffe
immer  klarere  und  schärfere  werden.  Denn  bei  der  ungeheueren ­
  Geschwindigkeit,  mit  der  sich  die  Kapitalien  in
neue  Werte  umsetzen,  ist  bei  falschen  wirtschaftlichen
Grundlagen  nur  zu  leicht  der  Selbstgier  Tür  und  Tor  geöffnet, ­
  zumal  die  Hauptaneignung  fremder  Arbeit  in  scheinbar ­
  so  gerechter  Weise  durch  Rente  und  Zins  vor  sich
geht,  daß  die  Massen  sie  gar  nicht  merken.
Bodenreform  und  Freihandel  können  nicht  durch  eine
mit  allem  Bestehenden  brechende  Gesetzgebung  in  ihrer
        <pb n="102" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.  80

vollen  Schönheit  der  Gerechtigkeit  durchgeführt  werden.
Langsame  und  organische  Übergänge  von  jetzigen  Verhältnissen ­
  zu  Neugestaltungen  müssen  gesucht  werden.  Wir
haben  schon  darauf  hingewiesen,  zu  welchen  Konsequenzen
die  Anschauungen  über  eine  immerfort  steigende  Grundrente ­
  als  impöt  unique  im  Programme  des  Bundes  für  Bodenbesitzreform ­
  führen  müßten,  denen  sich  der  Ankauf  des
gesamten  Bodens  nach  Abschätzung  würdig  anschließt.
Wie  mechanisch  diese  wirtschaftliche  Umwälzung  der  Bodenreform ­
  gedacht  ist  und  wie  schroff  sich  die  Lebens-  und
Weltanschauungen  vieler  Bodenreformer  gegenüberstehen,
zeigt  am  Besten  die  Aufforderung  einiger  an  die  Sozialdemokraten, ­
  sich  dem  Wege  der  Landreform  anzuschließen..
Ganz  gewiß  mag  es  für  manchen  ehrsüchtigen  Führer
etwas  Verführerisches  haben,  eine  so  große  Mehrzahl  zu
sich  herüberzuziehen  und  sich  an  der  Spitze  zu  fühlen,,
aber  wir  meinen  doch,  die  Landnationalisation  ist  für  konsequente ­
  Denker  auf  eine  Welt-  und  Lebensanschauung
gegründet,  welche  nun  einmal  ein  Paktieren  mit  der,  auf
welcher  der  sozialdemokratische  Sozialismus  beruht,  nicht
verträgt.  Unsere  Bodenverstaatlichung  geht  bei  dem  ersten
Reformschritte  einen  anderen  Weg,  als  die  Sozialdemokratie
will.  Man  denke  nur  an  die  Parzellierung,  wie  sie  den
Bodenreformern  vorschwebt,  im  Gegensätze  zum  Großbetriebe ­
  jener.
Um  diesem  Liebäugeln,  welches  der  Redakteur  der  „Neuen
Zeit“  besonders  drastisch  und  in  ehrlicher  Weise  abgelehnt
hat,  ein  Ende  zu  machen  und  eine  Marschroute  zu  gewinnen,
welche  unseres  Erachtens  gar  bald  der  inneren  Überzeugung
der  meisten  Bodenreformer  entsprechen  wird,  stellten  wir
zur  Generalversammlung  des  Bundes  für  Bodenbesitzreform
im  August  1890  einen  Antrag,  der  zunächst  darauf  hinauslief, ­
  die  Annahme  einer  fort  und  fort  steigenden  Grundrente ­
  im  Reformstaate  zu  beseitigen,  und  die  Bewegung  —
        <pb n="103" />
        90

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

wie  auch,  die  Weserzeitung  bei  Besprechung  des  Antrags
richtig  bemerkte,  —  an  die  bestehenden  Verhältnisse  anknüpfen ­
  sollte.  Er  lautete  im  wesentlichen:
„Zur  Beseitigung  der  sozialen  Notlage  sind  ins  Auge  gefaßt:
die  Verstaatlichung  oder  Kommunalisierung  des  Grund  und
Bodens  in  langsamer  organischer  Reform  und  in  Anknüpfung
an  die  bestehenden  Verhältnisse.  Einen
1.  ersten,  sofort  zu  verwirklichenden  Schritt  sieht  der  Verein  in
der  Verstaatlichung  der  Bergwerke,  nachdem  erst  ein
weiterer  Rückgang  der  Kurse  wie  1873  abgewartet  ist.
Daran  würde  sich  anschließen  müssen:
2.  Eine  soziale  Steuerreform,  bei  der  die  Deklaration  die
conditio  sine  qua  non  bildet.  Hierdurch  wird  das  arbeitslose ­
  Einkommen  aus  Renten,  Zins  usw.  schärfer  gefasst.
3.  Eine  Landgemeindeordnung  in  freiheitlichem  Sinne.  Sie
müßte  die  Grundlage  bilden,  auf  der  Staat  und  auch  Gemeinden ­
  das  neue  Gesetz  über  das  Rentengut  benutzten,
um  verschuldete  und  vergantete  Besitzungen  zu  kaufen.
4.  Aufhebung  der  Fideikommisse;  Gleichheit  des  Erbrechtes.
5.  Langsame  Beseitigung  der  autonomen  Zolltarife.  Neue
Zollvereinbarungen.  Langsam  sinkende  Skala  der  Zölle,
besonders  der  Getreidezölle.  Wo  die  Grundbesitzer,  besonders ­
  im  Latifundienbesitz,  nicht  vermögen,  trotz  sinkenden
Zinsfußes  den  Schuldverpflichtungen  nachzukommen,  Vergantungen ­
  und  neue  Käufe  des  Staates  und  der  Gemeinden,
wie  der  Bauern.
6.  Allmähliche  Übernahme  des  Grundkredites  auf  Staats-,
Provinzial-,  Kreis-  und  Gemeindebanken.
7.  Ausbau  der  Arbeitergesetzgebung,  besonders  des  Genossenschaftswesens.“ ­

Dieser  Antrag  wurde  leider  unter  der  Motivierung  abgefeimt, ­
  daß  er  beabsichtige,  den  Bund  zu  einer  politischen
Partei  zu  stempeln,  während  er  nur  bezweckte,  an  Stelle
von  schemenhaften  Theorien  und  schablonenmäßiger  Durchführung ­
  eine  Grundlage  zu  gewinnen,  welche  geeignet  war,
die  Bundesmitglieder  auf  den  Boden  der  Tatsache  zurückzuführen ­
  und  sie  für  eine,  wenngleich  mühsame,  das  Ziel
erst  in  weiter  Ferne  zeigende  Politik  zu  gewinnen.  Versuchen ­
  wir  es  nun,  an  der  Hand  der  Thesen  die  Wege,
welche  unseres  Erachtens  die  Bodenreform  zu  gehen  hat,
klarzulegen.  Auf  die  Reihenfolge  kommt  es  bei  der  Auf-
        <pb n="104" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

91

Zahlung  nicht  an,  vielmehr  müssen  die  Programmpunkte  eng
miteinander  verbunden,  in  organischen  Zusammenhang  hei
der  gesetzgeberischen  Arbeit  gebracht  werden.
Da  es  gilt,  die  arbeitslosen  Einkommen,  vornehmlich  aus
Rente  und  Zins,  zu  beseitigen,  so  muß  die  nächste  Aufgabe
.  sein,  denjenigen  Boden  in  Staatsbesitz  zu  bringen,  in  welchem
die  Natur  ohne  irgend  ein  menschliches  Zutun  Werte  aufgespeichert ­
  hat,  und  die  außerdem  von  einem  wüsten  und
gewissenlosen  Börsenspiel  zur  Ausbeutung  des  Volkes  benutzt ­
  werden:  wir  meinen  die  Bergwerke.  Wenn  die
Staatsregierung  es  für  nötig  befunden  hat,  die  Eisenbahnen
zu  verstaatlichen,  da  sie  —  wie  besonders  die  Vereinigten
•  Staaten  von  Nordamerika  zeigen  —  ein  dem  nationalen
Wohlstände  verderbliches  Monopol  von  Privaten  darstellen
•  können,  so  liegt  hier  der  Anlaß  zur  Auskaufung  noch  viel
näher.  Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke  mit  Staatsbetrieb
würde  auch  keinen  allzu  großen  Schwierigkeiten  begegnen,
zumal  die  fiskalischen  Gruben  durch  bessere  Behandlung
und  Bezahlung  das  Vertrauen  der  Arbeiter,  und  durch
Entgegenkommen  gegen  die  Industriellen  —  wie  Herabsetzung ­
  der  Kohlenpreise  —  das  der  industriellen  Unter  -
mehmer  genießen.  Wartet  man,  bis  eine  Deroute  wie  nach
1873  in  der  Industrie  zum  vollen  Ausbruche  gekommen  ist,
:  so  wird  das  Gemeinwesen  sein  eigenstes  Eigentum  billig
.zurückerwerben  können.  Damit  würde  die  kapitalistische
Ausbeutung  eines  mächtigen  Stützpunktes  beraubt,  der
Konzentration  der  großen  Vermögen  ein  weiterer  kleiner
Riegel  vorgeschoben  sein.  Die  Einnahmen  aus  den  Zechen
würden  wie  bei  den  Eisenbahnen  allen  Bürgern  zugute
‘kommen,  der  Konsum,  statt  zu  sinken,  gehoben  werden.
Ferner  würde  dadurch,  daß  das  private  Kapital  von  einer
großen  Anlagemöglichkeit  ausgeschlossen  wäre,  der  Zinsfuß ­
  noch  weiter  sinken,  als  es  schon  die  Eisenbahnverstaatlichung ­
  —  ohne  von  andern  Ursachen  zu  reden  —

Die  Reformwege ­

im  einzelnen. ­
        <pb n="105" />
        92

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

bewirkt  hat.  Da  es  nicht  Aufgabe  des  Staates  sein  kann,.
Plusmacherei  zu  treiben,  so  würde  eine  Herabsetzung  der
Kohlenpreise,  wenn  auch  in  langsamer  Weise,  für  Hausbrand, ­
  Industrie  usw.  die  Folge  sein.
Wie  ferner  der  Staat  die  Krankenkassen,  Unfall-,  Invalidenund
  Altersversicherung  der  Arbeiter  nicht  hat  Gegenstand
privater  Ausbeutung  durch  Kapitalistenringe  sein  lassen,.
so  sollte  er  jede  Versicherung,  welche  irgend  wie  arbeitsloses ­
  Einkommen  erlaubt  und  Leben  und  Wohlbefinden
seiner  Bürger  zum  Zweck  hat,  nicht  der  Profitwut  überliefern. ­
  Das  soll  sagen:  alle  Lebens-,  Unfall-,  Feuer-,  Hagelusw.
  -Versicherungen  müssen  verstaatlicht  werden..
Die  Auskaufung  der  Gesellschaften  wird  bei  weiter  sinkendem
Zinsfuß  ein  leichtes  sein,  zumal  wenn  alle  bezüglichen  Versicherungszweige ­
  für  Bürger  obligatorisch  gemacht  werden.
Denn  es  liegt  sowohl  im  Interesse  des  Gemeinwesens  als
des  einzelnen,  diesen  einzelnen  so  zur  Sicherstellung  seiner
Existenz  zu  zwingen.  Freilich  gehört  dazu  eine  Güterverteilung, ­
  wie  sie  nur  auf  den  Grundlagen  des  humanistischen
Sozialismus  möglich  ist.  Aber  an  diesen  Sozialismus,  der
die  individuelle  Tätigkeit  frei  läßt,  wird  sich  die  Menschheit ­
  um  ihrer  selbst  willen  gewöhnen,  soll  anders  sie  in  fortschreitender ­
  Richtung  sich  bewegen.  —  Sehen  wir  einmal
zu,  in  welcher  Weise  schon  heute  bei  relativ  kleinen  Kreisen
von  Versicherten  die  Kapitalisten  profitieren!  Im  Jahre  1889  *
gewährten  die  deutschen  Lebensversicherungsgesellschaften
bei  846409  Versicherten  und  bei  einem  Versicherungskapital
von  3475  Millionen  Mark  ihren  Aktionären  eine  Dividende
von  3561  079  Mark,  daß  heißt  14,33  Prozent  des  eingezahlten
Aktienkapitales.  Während  wir  dieses  schreiben,  geht  die
erfreuliche  Nachricht  durch  die  Blätter,  daß  die  preußische
Regierung  den  Privatnotenbanken  zum  nächsten  Jahre
ihre  Privilegien  gekündigt  habe.  Auch  hier  wird  eine  Gelegenheit, ­
  daß  sich  Private  auf  Kosten  der  Allgemeinheit
        <pb n="106" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.  93

mühelose  Einnahmen  verschaffen  können,  endlich  beseitigt.
Möchten  nun  die  übrigen  Bundesstaaten  baldigst  dieser
Maßregel  nachfolgen!  Vor  allem  aber  sollte  die  Reichsbank
in  das  Eigentum  des  Reiches  übergehen.
Was  aber  der  Staat  nicht  verstaatlichen  soll  (wie  er  überhaupt ­
  nur  solche  industriellen  Betriebe  verstaatlichen  soll,
welche  den  Charakter  eines  der  Allgemeinheit  schädlichen
Monopols  in  privaten  Händen  annehmen  können),  ist  die
Herstellung  von  alkoholischen  Getränken.  Statt  Einnahmen  aus
diesen,  dem  leiblichen,  geistigen  und  sittlichen  Wohle  der
.Bürger  so  außerordentlich  gefährlichen  Substanzen  zu  gewinnen, ­
  soll  seine  Politik  darauf  gerichtet  sein,  ihren  Verbrauch ­
  nach  und  nach  einzuschränken.
Um  ferner  den  Druck,  welcher  auf  denen  ruht,  die  von
ihrer  Arbeit  leben,  in  etwas  zu  mildem  und  den  ungeheueren
Vermögensverschiebungen,  wie  sie  in  den  letzten  25  Jahren
unter  der  kapitalistischen  Ausbeutung  vor  sich  gegangen,
Rechnung  zu  tragen,  empfiehlt  sich  eine  soziale  Steuerreform. ­
  Hierbei  wird  eine  genaue  Deklaration  über  die
Einnahmequellen  unbedingt  notwendig  sein,  da  sonst  der
soziale  Zweck  der  Reform  illusorisch  wäre.  Man  schrecke
nicht  zurück,  sondern  klopfe  den  Drohnen  nur  ganz  gehörig
auf  die  Taschen,  damit  sie  dem  Gemeinwesen  wieder  zukommen ­
  lassen,  was  sie  auf  Grund  mangelhafter  Gesetze
den  Bürgern  genommen.  Aber  auf  die,  welche  in  Verschuldung ­
  gekommen,  nehme  man  billige  Rücksicht,  da  die
Steuerreform  eine  soziale  sein  soll.  Man  suche  die  Einnahmequellen ­
  der  Verschuldeten  in  den  Geldschränken  der  Inhaber
von  Renten-  und  Zinspapieren.  So  wird  es  vorderhand
nicht  möglich  sein,  auch  nur  zum  Teil  die  Grundrente
bei  denen  zu  erheben,  welche  nominell  des  Bodens  Eigentümer ­
  sind,  man  wird  einen  Teil  derselben  bei  den  Hypothekengläubigern ­
  aufsuchen.  Daß  eine  scharfe  Erfassung
der  mühelosen  Einkommen  die  Kapitalien  ins  Ausland
        <pb n="107" />
        94

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

drängen  würde,  ist  wegen  der  unsicheren  ökonomischem
Verhältnisse  draußen  kaum  denkbar;  doch  empfiehlt  sich,
auch  hier  eine  weise  Mäßigung.
Dem  Vorschläge,  die  Grundsteuer  den  Kommunalverbänden ­
  im  Zusammenhänge  mit  einer  Revision  der  lex  Huene
zu  übertragen  und  sie  so  für  die  richtige  Einschätzung  zu
interessieren,  können  wir  nur  zustimmen.  Die  Gebäude-.
Steuer  sollte  man,  wie  auch  alle  Zuschläge,  fallen  lassen..
Eine  neue  Katastrierung  des  Bodens  würde  sich  wohl  erst
dann  empfehlen,’  wenn  durch  weitere  Reformen  eine  bessere
Landverteilung,  ein  weiteres  Sinken  der  Grundrente  und
eine  genügende  wirtschaftliche  Erholung  Platz  gegriffen.,
hätten.  An  Stelle  der  indirekten  Besteuerung,  welche  langsam ­
  und  gründlich  zu  beseitigen  ist,  wird  eine  einzige  direkte-Einkommensteuer
  stehen,  welche  sich  nach  der  Leistung,
jedes  Staatsbürgers  richtet  und  auch  die  Gewerbesteuer
vertritt.  Wie  der  Gemeindehaushalt  im  wesentlichsten  aus
der  Grundsteuer,  so  würden  die  Bedürfnisse  des  Reiches
nach  längerer  Frist  im  wesentlichen  durch  diese  Einkommensteuer ­
  bestritten  werden.
Um  aber  sowohl  eine  Steuerreform  als  eine  innere  Kolonisation ­
  durchführen  zu  können,  ist  weiter  eine  Reform,
der  Landgemeindeordnung  nötig,  welche,  ohne  in
schablonenmäßiger  "Weise  durchgeführt  zu  werden,  mit  den
überkommenen  feudalen  Zuständen  aufräumt.  Die  Bildung,
neuer  Landgemeinden  ist  besonders  im  Osten  eine  Lebensfrage ­
  des  Staates  und  kann  nur  mit  dem  allmählichen  Verschwinden ­
  des  Latifundienbesitzes  ermöglicht  werden.  Behufs ­
  weiterer  Anbahnung  der  Landreform  hat  man  die  Gesetze ­
  zu  beseitigen,  welche  besonders  geeignet  sind,  künstlich
die  Ungleichheit  des  Besitzes  zu  fördern.  Hierher  gehören
die  Bestimmungen,  welche  auf  Kosten  eines  Anerben  dieübrigen
  Geschwister  ihrer  natürlichen  Rechte,  an  dem  Erbteil ­
  der  Eltern  teilzunehmen,  berauben.  Ein  Staat,  in  dem.
        <pb n="108" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

95&amp;gt;

derartige  Gesetze  möglich  und  in  Geltung  sind,  ist  ein
Klassenstaat  und  nicht  des  Vertrauens  freier  Männer  würdig.
In  dieselbe  Kategorie  gehört  auch  das  Gesetz  über  die
Rentengüter,  soweit  es  Großgrundbesitzern  ermöglichen  soll,
Teile  ihres  Landes  gegen  unlösbare  —  wenigstens  von  der
Zustimmung  des  Rentenempfängers  abhängige  —  Geldrenten
an  Bauern  auszugeben.  Es  soll  also  der  ungerechte  Zustand r
daß  Private  die  Naturkräfte,  welche  dem  Gemeinwesen  gehören, ­
  für  sich  ausbeuten,  konserviert  werden!  Nach  Durchführung ­
  der  Bodenreform  werden  solche  Zustände  unmöglich ­
  sein,  da  niemand  mehr  Land  besitzen  wird,  als  er  mit
Fleiß  bearbeiten  kann,  denn  das,  was  die  Natur  in  Wäldern,
Wiesen,  Weiden,  Ackerland  freiwillig  durch  ihre  Vegetationskraft ­
  erzeugt,  und  von  deren  Einziehung  heute  die  Großgrundbesitzer ­
  und  Kapitalisten  leben,  wird  dem  Gemeinwesen ­
  zufallen.  Kein  Mensch  wird  ein  Interesse  an  großen
Besitzungen  haben,  da  die  naturale  Grundrente  Privaten
nicht  mehr  zufällt.
Nur  in  sehr  langsamer  Reform  werden  wir  zu  Zuständen
gelangen,  welche  uns  als  Ideal  vorschweben.  Denn  schon
betreffs  der  Grundrente  wird  eine  lange  Zeit  erforderlich
sein,  ehe  sie  von  ihrem  künstlich  in  die  Höhe  getriebenen
Standpunkte  der  „Monopolrente“  auf  das  Niveau  der  „naturalen ­
  Grundrente“,  welche  der  natürlichen  Leistung  der
Naturkräfte  entspricht,  herabgedrückt  sein  wird.  Wahre
Gerechtigkeit  wird  erst  dann  vorhanden  sein,  wenn  bei
vollem  Freihandel  auf  der  Erde  der  größte  Teil  des  Bodens
in  Besitz  des  Gemeinwesens  dergestalt  gekommen  ist,  daß
bei  stattfindender  Verpachtung  jeder  Land  Suchende  im
freien  Wettbewerbe  mit  anderen  sich  den  Preis  der  Pacht
selbst  bestimmt.  Bis  dahin  wird  der  Entgelt  für  die  Benutzung ­
  der  Naturkräfte  nur  annähernd,  sei  es  vornehmlich
als  Grundsteuer,  sei  es  als  Pacht,  abzuschätzen  sein.
Daß  aber  die  Zeit  nicht  fern  sein  kann,  in  der  man  die
        <pb n="109" />
        96

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

Zollmauern  erniedrigen  oder  sinken  lassen  muss,  ist  für  den,
welcher  die  wirtschaftliche  Lage  der  Nationen  kennt,  ohne
Zweifel,  und  ganz  besonders  hat  neuerdings  die  amerikanische
Mac  Kinley-Bill  Zustände  für  die  europäischen  Länder  geschaffen, ­
  welche  die  ernsteste  Berücksichtigung  erfordern.
Wie  die  Dinge  sich  nun  einmal  unter  der  kapitalistischen
Ordnung  entwickelt  haben,  ist  besonders  unsere  Industrie
auf  den  Export  angewiesen,  und  da  sie  nicht  warten  kann,
bis  die  eigene  Nation  kauffähiger  in  ihren  Mitgliedern  wird,
so  ist  keine  Frage,  daß  der  Export  nicht  entbehrt  werden
kann.  Ganz  besonders  leiden  auch  unsere  Industriellen  sowie ­
  die  Arbeiter  unter  dem  Schutzzollsysteme.  Denn  erstens
ist  die  Lebenshaltung  der  Arbeiter  eine  teurere,  und  zweitens
sind  die  Rohstoffe  so  im  Preise  gestiegen,  daß  eine  Konkurrenz ­
  mit  manchen  Industrieländern  aussichtslos  ist.  Die
Industrie  ist  so  mächtig  erstarkt  und  so  konkurrenzfähig,
daß  sie  des  Schutzes  nicht  mehr  bedarf,  den  besonders
Pr.  List  für  nötig  hielt,  und  dessen  Beseitigung  die  Industriellen
jetzt  selbst  fordern  werden.  Aber  sie  wird  geschwächt  durch
die  Begünstigung,  welche  unter  dem  Schutzzoll  die  privaten
Inhaber  des  Erdbodens,  als  der  Quelle  aller  Güter,  genießen,
um  ohne  Arbeit  ein  Drohnenleben  durch  Steigerung  der
Grundrente  zu  leben.  Der  Kern  aller  Zölle  sind  die  Getreidezölle, ­
  welche  schon  deswegen  ungerecht  sind,  weil  Deutschland ­
  auf  den  Import  von  Cerealien  angewiesen  ist,  dagegen
Fabrikate  austauschen  muß.  Die  Beseitigung  der  autonomen
Zolltarife  und  die  Rückkehr  zu  Zollvereinbarungen  mit
anderen  Ländern  kann  für  Deutschland  in  der  Weise  gedacht ­
  werden,  daß  dieses  zuerst  mit  einigen  Ländern,  welche
überschüssiges  Getreide  bauen,  wie  Österreich-Ungarn,  Italien,
die  Wege  des  Freihandels  betritt.  Wie  es  jenen  Vergünstigungen ­
  betreffs  des  Getreides  gewährt,  so  würden
jene  Länder  niedrigere  Zölle  betreffs  der  Fabrikate  gewähren.
So  steht  einer  Ausfuhr  Deutschlands  nach  Österreich  an
        <pb n="110" />
        Maschinen  im  Umfange  von  13,185  Tonnen  eine  Einfuhr
von  nur  1,348  Tonnen  aus  letzterem  Lande  gegenüber.  Österreich-Ungarn ­
  dagegen  hat  hohes  Interesse  daran,  freie  Bahn
für  Ausfuhr  von  Holz  und  Lebensmitteln  nach  Deutschland
zu  haben,  wie  folgende  Zahlen  zeigen:

Vieh  Tonnen
Nahrungs-  und  Genußmittel  „
Darunter  an  Getreide  „
Bau-  und  Nutzholz

Dabei  ist  wohl  zu  bemerken,  daß  alle  zollpolitischen  Zugeständnisse, ­
  welche  Deutschland  Österreich  gewährt,  auch
allen  Ländern,  mit  denen  wir  im  Meistbegünstigungsvertrage
stehen,  zugute  kommen.  Das  Herz  Europas,  Deutschland,
wird  der  Schauplatz  sein,  von  welchem  eine  neue,  segensreiche ­
  Epoche  der  Menschheitsgeschichte  ausgeht!
Nicht  eine  plötzliche  Beseitigung  der  Getreidezölle  neben
den  Industriezöllen  fordern  Vir,  sondern  eine  langsam  fallende
Skala,  welche  den  fleißigen  Bauern  resp.  Unternehmern,
soweit  sie  verschuldet  sind,  ihre  Schuldverpflichtungen  allmählich ­
  zu  lösen  und  von  dem  weiter  fallenden  Zinsfüße
Nutzen  zu  ziehen  gestattet.  Mit  Freuden  werden  die  selbst
arbeitenden  Landleute  eine  Rückkehr  zum  Freihandel  begrüßen, ­
  wenn  eine  Reform  im  Sinne  des  humanistischen
Sozialismus  ihnen  größeren  Konsum  der  Nation  bei  sinkenden
Produktionskosten  verspricht.  Dagegen  wird  es  verschuldeten
Großgrundbesitzern,  zumal  im  Osten  des  Staates,  nicht  möglich ­
  sein,  bei  fallenden  Zöllen  trotz  sinkenden  Zinsfußes
ihren  Verpflichtungen  nachzukommen.  Es  wird  infolgedessen
zu  vielenVersteigerungenkommen,  in  denen  es  Arbeitsuchenden
Bauern  ermöglicht  sein  wird,  Land  in  genügender  Weise  zu
erwerben.  Werden  die  Kapitalisten  zum  Ankäufe  schon
wegen  des  in  Aussicht  stehenden  weiteren  Sinkens  der
Grundrente  keine  große  Lust  zeigen,  so  könnte  für
Wehberg,  Die  Bodenreform.
        <pb n="111" />
        98

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

manche  Fälle  ein  Vorkaufsrecht  des  Staates  und  der  Gemeinden ­
  festgesetzt  sein.  Unseres  Erachtens  werden  im  allgemeinen ­
  nur  diese  großen  Korporationen,  welche  in  den
"Wildnissen  des  Ostens  ernsthaft  kolonisieren  wollen,  Aussicht ­
  auf  Gelingen  haben.
In  Form  des  Rentengutes,  in  Zeitpacht  oder  in  Verkauf
wird  das  Land  wiederum  den  Landleuten  zugängig  gemacht
werden.  Je  mehr  die  Zollmauern  sinken,  die  Grundrentenerträge ­
  fallen,  um  so  mehr  werden  auf  dem  platten
Lande  die  Latifundien  verschwinden  und  neue  Bauernhöfe
entstehen.  Wo  heute  Heide  und  Moorwiesen  und  meilenweite ­
  Wälder  ragen,  werden  die  Dächer  neuer  Gemeinden
im  Sonnenstrahle  freundlich  blinken,  in  dem  Zentrum  vieler
Dörfer  werden  neue  Städte  entstehen.  Eine  Dezentralisation
wird  stattfinden.  Wie  heute  ein  krankhafter  Zug  vom
Lande  fort  herrscht,  welchem  die  großen  Städte  ihre  Entstehung ­
  verdanken,  so  wird  nunmehr  eine  Entvölkerung
derselben  vor  sich  gehen,  da  die  Mutter  Erde  ihre  Kinder
wieder  nähren  darf.
Die  Grundrente  in  den  Städten  wird  so  nach  und  nach
fallen,  und  unseres  Erachtens  wird  eine  Zeit  kommen,  wo,
wie  früher,  ein  Bauplatz  in  der  Stadt  nicht  mehr  kosten
wird,  als  Ackerland  von  derselben  Bodenqualität.  Wenn
es  erst  allen  Bürgern  möglich  sein  wird,  an  produktiver,
lohnender  Tätigkeit  Teil  zu  nehmen,  wenn  große  Verkaufsbazare ­
  den  Verkehr  zwischen  Produzenten  und  Konsumenten
vermitteln,  wer  soll  dann  wohl  Interesse  daran  finden,  seine
Werkstätte,  resp.  Laden  an  einer  bestimmten  Straße  zu  haben?
Wird  es  doch  nicht  so  viel  Zwischenhändler  mehr  geben,
sind  doch  die  Bürger  aller  Straßen  kauffähig.  Wie  sollte
es  da  vielen  einfallen,  sich  auf  die  Erwerbung  eines  bestimmten ­
  Fleckchens  Erde  zu  kaprizieren!  Gewiß  wird
man  bei  einer  sozialen  Steuerreform  den  arbeitslosen  Erwerb ­
  aus  den  bisher  so  ungeheuer  steigenden  städtischen
        <pb n="112" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

99

Grundrenten  fassen  müssen,  niemand  aber  wird  seinen  Groll
weiter  über  die  geistig  so  herzlich  unbedeutenden  Bodenspekulanten ­
  auslassen.  Aber  jeder  wird  es  komisch  finden,
daß  ein  Verein  allen  Ernstes  die  Forderung  in  sein  Programm ­
  stellen  konnte,  diese  Ausbeutung  dadurch  zu  beseitigen, ­
  daß  man  die  heute  steigenden  Grundrenten  für
das  Gemeinwesen  durch  ein  Gesetz  einzöge,  statt  sie  den
Privaten  zu  überlassen.  Es  ist  dies  ein  Kardinalirrtum,
eine  Methode,  die  an  den  Symptomen  laboriert,  ohne  nach
der  tieferen  Ursache  zu  forschen.  Man  hätte  finden  müssen,
daß  die  Steigerung  der  städtischen  Grundrente  nur  eine
Folge  des  zunehmenden  Latifundienbesitzes  und  des  krankhaften ­
  Zuges  der  Landbevölkerung  zu  den  Städten  ist.
Nachdem  es  dem  verschuldeten  Bauern  gelungen  ist,  sich
wirtschaftlich  zu  stärken,  hat  eine  Revision  der  Grundsteuerauflage ­
  zu  erfolgen,  welche  alle  Grundstücke  nach  dem  Reinerträge ­
  gleichmäßig  trifft.  Sie  hat  so  hoch  zu  sein,  daß  sie
die  Leistung  der  Naturkräfte  voll  für  das  Gemeinwesen  einzieht. ­
  Nach  dem  Sinken  der  Zollmauern  ist  die  Monopolrente ­
  gefallen,  sie  strebt  langsam  dem  Stande  zu,  welcher
der  natürlichen  Leistung  der  Naturkräfte  entspricht.  Dadurch ­
  werden  die  unverschuldeten  Großgrundbesitzer  gezwungen, ­
  alles  Land  zu  veräußern,  welches  mehr  Raum  einnimmt, ­
  als  sie  bebauen  können.
Wälder,  Weiden,  Wiesen  werden  nach  diesen  Grundsätzen ­
  teils  den  Gemeinden,  teils  dem  Staate  zufallen.  So'
ist  jede  schablonenmäßige  Ackerverteilung  ausgeschlossen,
da  jeder  nach  seinen  Leistungen  beliebig  Ackerland  erwerben
kann,  wenn  er  nur  die  naturale  Grundrente  als  Grundzins
an  das  Gemeinwesen  abgibt.  Die  naturale  Grundrente
in  unserem  Sinne  wird  aber  erst  dann  rein  in  die  Erscheinung
treten,  wenn  der  ganze  Erdkreis  ein  weites  Freihandelsgebiet ­
  ist.
Erst  wenn  auf  diese  Weise  die  kolossalen  Schulden,  welche
        <pb n="113" />
        100

Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

auf  dem  Grundbesitze  ruhen,  gemindert  sind,  hat  es  unseres
Erachtens  einen  Sinn,  die  Beleihung  des  Bodens  auf  Staatsund ­
  Provinzialbanken  gesetzlich  zu  übertragen.  Bereits
heute  vom  Staate  zu  verlangen,  den  Boden  nach  Abschätzung
zu  kaufen  oder  mit  allen  Schulden  das  gesamte  Hypothekenmonopol ­
  zu  übernehmen,  heißt  ihn  dem  Bankerott  zugunsten
der  verschuldeten  Grundbesitzer  und  der  Kapitalisten  zusteuern. ­
  Nun,  so  töricht  wird  die  Nation  nicht  sein,  und
sich  eine  Assignaten  Wirtschaft,  welche  der  französischen
vor  der  großen  Revolution  verzweifelt  ähnlich  sähe,  aufbinden ­
  lassen.  Mögen  diejenigen,  welche  es  angeht,  den
Rückgang  der  in  die  Höhe  getriebenen  Monopolrente  selbst
tragen!  Für  uns  genügt  es,  zu  wissen:  der  arbeitsame
Bauer  wird  über  den  Rückgang  der  Grundrente  nicht  zugrunde ­
  gehen.  Möge  deutsche  Ehrlichkeit  den  rechten  Weg
finden,  welcher  zum  Heile  führt!  Um  einen  Übergang  zu
gewinnen,  könnte  man  nach  Betreten  der  Freihandelsbahn
schon  von  einem  bestimmten  Zeitpunkte  an  für  alle  neuen
Hypotheken  das  Staatsmonopol  einführen!
Wenn  sich  so  durch  Beseitigung  der  arbeitslosen  Einkommen ­
  die  Produktion  und  der  Konsum  heben  werden,
wird  auch  das  Vertrauen  in  alle  Kreise  zurückkehren,  welches
heute  durch  die  fortwährenden  Geschäftskrisen  und  den
andauernden  Niedergang  tief  erschüttert  ist.  Dann  wird
auch  das  Genossenschaftswesen,  das  heute  in  seinen  schwachen
Zweigen  gegenüber  den  kapitalistischen  Aktiengesellschaften
■einen  schweren  Stand  hat,  neue  Blüten  treiben  und  unter
seinem  schützenden  Dache  Millionen  tätiger  und  selbstbewußter ­
  Arbeiter  glücklich  sehen.
Freilich  wird  es  noch  ein  langer  Weg  sein,  ehe  die  Arbeiter
in  freien  Produktivgenossenschaften  ihre  eigenen  Arbeitgeber
sein  werden!  Welche  Mühe  wird  es  noch  kosten,  die  bisherige, ­
  durch  die  soziale  Lage  verschuldete  Unwissenheit
breiter  Schichten  auszugleichen!  Darum  sind  alle  jene
        <pb n="114" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

101

Maßregeln  mit  Genugtuung  zu  begrüßen,  welche  wie  die
Sozialversicherungsgesetze  die  augenblickliche  Lage  des
Lohnarbeiters  verbessern  und  sein  Selbstgefühl  stärken.
Zur  Hebung  des  Selbstgefühles  und  des  Interesses  an  öffentlichen ­
  Dingen  ist  auch  die  Reform  der  Klassenwahlsysteme
in  Staat  und  Gemeinden  eine  erste  Forderung.  —  Werden
die  industriellen  Arbeiter  zum  großen  Teil  ihre  eigenen
Arbeitgeber  sein,  so  braucht  deswegen  der  Unternehmer  nicht
zu  verschwinden.  In  friedlichem  Wettbewerbe  wird  er
seine  Kenntnisse  zu  verwerten  suchen,  welche  ihm  im  Reformstaate ­
  sehr  viel  höhern  Lohn  bringen  werden  als  unter  der
kapitalistischen  Ordnung,  da  die  Produktion  sich  bedeutend
vervielfachen  wird.  Dadurch  wird  er  befähigt  sein,  mit
Freuden  auf  die  materielle  Ausbeutung  seiner  Arbeiter  —
den  sogenannten  Unternehmerprolit  —  zu  verzichten  und
ihnen  den  Lohn  zu  zahlen,  den  sie  in  einer  freien  Genossenschaft ­
  finden  werden.
Wie  die  industriellen  Arbeiter,  wird  auch  die  ländliche
Bevölkerung  sich  die  Vorteile  der  Großproduktion  durch
genossenschaftliche  Vereinigung  sichern,  wenn  wieder  Mut
und  Selbstvertrauen  durch  zielbewußte  Reformen  zurückgekehrt ­
  sein  werden.
Was  der  demokratische  Sozialismus  als  die  Ursache  der
heutigen  Notlage  betrachtet,  die  sogenannte  anarchische
Produktionsweise,  der  Unternehmerprofit,  verschwindet  bei
reiflicher  Überlegung  in  nichts.  Nicht  der  Unternehmer
als  solcher  ist  der  Feind,  welcher  bekämpft  werden  muß:
der  Feind  ist  der  Kapitalismus,  der  durch  Rente  und  Zins
die  Massen  ausbeutet  und  in  dem  römischen  Eigentumsrechte ­
  der  Privaten  am  Grund  und  Boden  begründet  ist.
Fallen  Rente  und  Zins,  so  wird  auch  der  Unternehmerprofit
sinken,  und  zwar  unter  freudiger  Zustimmung  der  intelligenten
Fabrikanten,  die,  wie  wir  hoffen,  unsere  eifrigsten  Kampfgenossen ­
  sein  werden.  Kurz,  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer
        <pb n="115" />
        102  Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

sind  in  dem  Kampfe  gegen  den  Kapitalismus  Verbündete!
Möchte  das  klärende  Wort  bald  ertönen!
Es  ist  keine  Utopia,  was  wir  unseren  Lesern  vorführten,
denn  alles,  was  wir  erstreben,  trägt  den  angeborenen  Bedürfnissen ­
  des  Individuums  nach  freier  Selbstbestimmung  wie
den  berechtigten  Forderungen  der  Gesellschaft  Rechnung.
Es  kann  nicht  unsere  Aufgabe  sein,  in  eine  ausführliche
Kritik  der  unmöglichen  Zustände  einzugehen,  welche  die
sozialdemokratische  Propaganda  ihren  Gläubigen  vorpredigt.
So  wahnwitzig  der  Traum  der  sozialdemokratischen  Weltordnung ­
  ist  und  nur  unter  dem  Schutze  eines  Gesetzes,
welches  die  freie  Diskussion  abschnitt,  um  sich  greifen
konnte,  so  berechtigt  ist  der  Kampf  der  Arbeiter  gegen  die
Ausbeutung,  welche  gerade  auf  ihnen,  dem  letzten  Gliede
der  bisherigen  sozialen  Ordnung,  ruhte.  Und  in  diesem
Ringen  werden  jenen  nicht  nur  alle  beistehen,  welche  von
ihrer  Arbeit  leben,  sondern  auch  die,  welche  herzliches
Mitleid  mit  ihren  Brüdern  empfinden  und  mit  Ingrimm  gegen
jegliche  Ausbeutung  als  Verletzung  der  Gerechtigkeit,  erfüllt ­
  sind.  Was  der  Sozialdemokratie  als  wichtigstes  Ziel
vorschwebt,  aber  sich  nie  auf  ihren  Wegen  erfüllen  kann,
die  wirtschaftliche  und  soziale  Befreiung  der  Arbeit,  das
wird  der  humanistische  Sozialismus  in  hohem  Maße  vollbringen. ­
  Ohne  in  den  freien  Arbeitsvertrag  einzugreifen,
—  wird,  wenn  Rente,  Zins  und  Unternehmergewinn  verschwunden ­
  sein  werden,  jedem  der  volle  Lohn  seiner  Tätigkeit ­
  gesichert  sein.
Daß  die  Dinge,  wie  bisher,  nicht  weiter  gehen  können,
davon  ist  wohl  jeder  denkende  und  fühlende  Mensch  überzeugt. ­
  Nur  über  die  Wege  und  das  Tempo  der  Reformen
ist  man  sich  nicht  einig.  Und  dennoch  drängt  die  Zeit,
der  Zeiger  rückt  weiter  auf  zwölf,  und  finster  droht  eine
gräßliche  Katastrophe,  um  alles  zu  verschlingen.  Wo  aber,
fragen  wir,  gibt  es  einen  Weg,  welcher  geeigneter  wäre,
        <pb n="116" />
        Die  Bodenreform  im  Lichte  des  Freihandels.

103

die  Hoffnungen  der  Denker  und  der  Bedrückten  in  gleich
gerechter  Weise  zu  erfüllen,  wie  die  Ideen  des  humanistischen
Sozialismus?
An  alle  geht  deshalb  der  Ruf,  eifrige  Streiter  für  eine
Wahrheit  zu  sein,  welche  man,  wie  John  Stuart  Mill  so
schön  sagt,  „nur  einmal  zu  erkennen  braucht,  um  sie  stets
für  eine  gerechte  und  schöne,  dem  höchsten  Stande  der
Zivilisation  angemessene  zu  halten“.  Gewiß  erwarten  wir
schweren  Kampf  zu  finden  gegen  Habsucht  und  Ungerechtigkeit, ­
  aber  um  unsere  Fahnen  werden  vor  allem  die  sich
scharen,  deren  sittliche  Weltanschauung  im  Drange  unserer
bösen  Tage  zu  den  Lehren  Jesu  Christi,  des  sozialen  Heilandes
aus  Nazareth,  zurückkehrt:  Für  sich  selbst  dem  entsagen,
was  den  törichten  Menschen  schön  und  begehrenswert  erscheint ­
  ,  entsagen,  um  für  die  getretenen  und  enterbten
Brüder  zu  kämpfen!
        <pb n="117" />
        III.

Die  Verstaatlichung;  der  Bergwerke.
1892.

7^  inen  außerordentlich  mächtigen  Stützpunkt  findet  der

|  J  Kapitalismus  in  den  unterirdischen  Mineralschätzen,
von  denen  besonders  Kohlen,  Erze  und  Petroleum  in
Betracht  kommen.  Was  eine  Monopolisierung  in  diesen
Dingen,  an  denen  ein  ausschließliches  Hecht  der  Völker
gar  nicht  in  Zweifel  gezogen  werden  kann,  bedeutet,  ist
kürzlich  durch  die  Nachricht  über  eine  bevorstehende  Vereinigung ­
  der  amerikanischen  Oil  Standard  Company  und
den  Eothschildschen  Quellen  am  Kaspischen  See  deutlich
zutage  getreten.  Käme  diese  Vereinigung  zustande,  so
würde  die  Ausplünderung  der  Konsumenten  nur  eine  Grenze
an  dem  Interesse  der  Monopolisten  haben.  Ob  uns  vielleicht ­
  eine  ähnliche  Gefahr  durch  internationale  Vereinigungen
der  Kohlen-  und  Erzgrubenbesitzer  drohen  würde,  ist  so
unmöglich  nicht.  Haben  diese  doch  schon  die  Stirn,  die
Erleichterung  bzw.  die  Abschaffung  der  Bergwerkssteuer,
des  einzig  noch  übrig  gebliebenen  Merkmals  staatlicher  Oberhoheit ­
  über  die  Gruben,  zu  fordern.  Nun,  wir  denken,
man  wird  nicht  lange  Federlesens  in  unserer  heutigen
Zeit  der  sozialen  Bewegung  machen,  und  die  werten  Bergwerksbesitzer ­
  mit  Abfindung  aus  ihrem  Besitze  höflichst
hinausbitten,  um  der  Nation  wiederzugeben,  was  ihr  gehört. ­
  Denn  keinen  anderen  Weg  sowohl  für  die  Nation
als  für  die  nahe  interessierten  Bergleute  gibt  es  als  den
der  reinen  Verstaatlichung  der  Bergwerke,  um  die  drohenden
Gefahren,  welche  die  Koalition  der  Bergwerksbesitzer  dem
Gemeinwesen  bietet,  zu  verhindern  und  die  Wiederkehr  so
        <pb n="118" />
        Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

105

gewaltiger  Arbeitseinstellungen  zu  meiden.  So  ungeheuerlich ­
  den  Bergwerksinhabern  heute  vielleicht  der  Gedanke
einer  Verstaatlichung  erscheinen  mag,  so  natürlich  wird  er
ihnen  sein,  wenn  die  vorhandene  Krisis  sich  weiter  auf  den
Kohlenbergbau  ausdehnen  wird,  wenn  die  Aktien  weiter
fallen  werden.  Der  Bergbau  unter  Staatsregie  ist  die  einzige
Form,  unter  der  die  Verstaatlichung  heute  gedacht  werden
kann.  Wir  können  Plänen,  wie  sie  einzelne  konservative
Sozialreformer  hegen  —  dieselben  empfehlen  den  genossenschaftlichen ­
  Betrieb  in  der  Form,  daß  die  Bergwerke  Eigentum ­
  der  Bergleute  werden  —  nicht  beistimmen,  da  die
Gesamtheit  der  Bürger  nicht  die  Vorteile  haben  würde,  die
unter  dem  Staatsbetriebe  zu  erwarten  sind.  Derartige  Ziele
haben  ihren  Ursprung  in  dem  Gedanken,  daß  eine  Grundrente ­
  für  den,  der  den  Boden  selbst  bebaut,  nicht  existiert,
daß  dem  Gemeinwesen  keine  geraubt  werde,  wenn  die
Gruben  in  den  Besitz  selbstschaffender  Bergleute  übergehen.
Agrarische  Politiker  meinen,  daß  ein  derartiges  Vorgehen
auch  den  Ansturm  gegen  die  ländliche  Grundrente,  zumal
in  den  Kreisen  der  Großgrundbesitzer,  abschwächen  würde.
Auch  hier  kann  man  hören:  der  selbstarbeitende  Bauer
—  und  der  große  Grundbesitzer  sei  ja  auch  Bauer  (sic!)  —
beziehe  keine  Grundrente,  ja  es  gebe  überhaupt  keine  Grundrente ­
  !
Das  wichtigste  Ergebnis  der  Verstaatlichung  der  Bergwerke ­
  würde  sein,  daß  der  Kapitalismus  eines  mächtigen
Stützpunktes,  von  dem  aus  er  die  Ausplünderung  der
Völker  betreibt,  beraubt  sein  würde.  Wie  schon  neben
anderen  Gründen  die  Eisenbahnverstaatlichung  den  Zinsfuß ­
  stark  gedrückt  hat,  so  wird  durch  die  Verstaatlichung
der  Bergwerke  ein  weiterer  Rückgang  des  Zinsfußes
stattfinden.
Dadurch  wird  es  möglich  sein,  die  nach  und  nach  zu  erwerbenden ­
  Gruben  leicht  abzuzahlen;  man  braucht  vor
        <pb n="119" />
        106

Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

li:  j

Konvertierungen  der  ausgegebenen  Rentenpapiere  nicht
zurückzuschrecken,  wenn  der  Zinsfuß  allgemein  gesunken
ist.  Es  wird  genau  so  sein,  wie  bei  den  Rentenpapie  ren,
die  auf  verstaatlichte  Eisenbahnen  lauten.  Auch  hier  er-.scheint
  es  in  Erwartung  des  fallenden  Zinsfußes  verständig,
mit  der  Amortisation  noch  etwas  zu  warten;  vielleicht  werden
die  Kapitalisten  eine  neue  Zinsfußermäßigung  nicht  gar  zu
übel  vermerken.  Daß  die  Kapitalien  sich  in  das  Ausland
begeben  würden,  also  eine  Kündigung  der  Papiere  bei
weiter,  sinkendem  Zinsfüße  bevorstände,  ist  nicht  zu  erwarten. ­

Also  über  die  Tragweite  der  Einanzoperation  brauchte
niemand  sich  Sorge  zu  machen.  Abgesehen  von  dem  niedrigen
Stande  der  Kurswerte  liegt  in  der  Verstaatlichung  der  Gruben
insofern,  als  sie  auf  den  Zinsfuß  drücken  wird,  eine
gute  Gewähr  einer  für  die  Nationalkasse  ungefährlichen
Transaktion.  Wie  groß  die  zum  Ankauf  nötige  Summe
sein  muß,  entzieht  sich  genauer  Schätzung.  Während  Herr
von  Fürstenberg-Packisch  glaubt,  mit  der  Summe  von  1125
Millionen  Mark  auskommen  zu  können,  halten  andere  den
Betrag  für  viel  zu  gering.  Unseres  Erachtens  kann
es  auf  die  Höhe  der  erforderlichen  Ankaufskapitalien  gar
nicht  ankommen.  Wartet  die  Nation,  bevor  sie  ihre  Offerten
macht,  bis  eine  allgemeine  De  route  eingetreten  ist,  so  wird
sie  ein  gutes  Geschäft  machen.  Wir  sagen  Offerten,  und
haben  dabei  den  Weg  gütlicher  Vereinbarung  im  Auge,
wie  er  mit  den  Eigentümern  der  Bahnen  seiner  Zeit  eingeschlagen ­
  wurde,  und  hoffen,  daß  dieser  Weg  auch  hier
zum  Ziele  führen  kann.  Freilich  waren  die  privaten  Eisenbahnverwaltungen ­
  nicht  so  organisiert,  als  es  jetzt  die  Grubenbesitzer ­
  sind.  Vielleicht  werden  sie  gütliche  Anerbietungen
stolz  abweisen.  Nun,  in  diesem  Fall  wird  man  mit  ihnen  kein
langes  Federlesen  machen:  Der  Staatsgedanke  drängt  mit
Notwendigkeit  dazu,  die  Bergwerke  zu  expropriieren.
        <pb n="120" />
        Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

107

Vor  allem  ist  es  ferner  notwendig,  die  Lage  der  Bergarbeiter ­
  zu  verbessern.  Es  wird  möglich  sein,  wenn
durch  billige  Ablösung  der  Wert  der  „Gerechtsame,,,  wie
man  hier  die  Grundrente  nennt,  gesunken  ist,  einen  Teil
derselben  den  Bergarbeitern  als  Erhöhung  ihres  Lohnes
zukommen  zu  lassen.  Wir  wollen  nicht  gerade  sagen,  daß
der  Lohn  absolut  zu  gering  sei;  aber  relativ  ist  er  nicht
einmal  ein  auskömmlicher,  sowohl  gegenüber  den  in  die
Höhe  getriebenen  Kohlenpreisen,  als  ganz  besonders  im
Verhältnis  zu  den  Preisen  der  Lebensmittel,  Mieten  usw.
Hier  wird  auch  für  die  Bergarbeiter  ihre  volle  Solidarität
mit  den  Lebensinteressen  aller  Volkskreise  zum  Ausdruck
kommen;  hier  wie  überall  heißt  es:  Einer  für  alle,  alle
für  einen.  Der  sinkende  Zinsfuß,  die  sinkende  Grundrente,
auf  die  durch  vorsichtige  Rückkehr  zum  Freihandel  durch
Übernahme  des  Grundkredites  auf  den  Staat  usw.  noch
weiterhin  zu  wirken  ist,  werden  den  Bergarbeitern  indirekt ­
  höhere  Vorteile  bringen,  als  es  direkt  die  Lohnerhöhung ­
  vermag.  Nichts  Treffenderes  aber  als  die  Lage  der
Bergarbeiterbevölkerung  heute  und  in  Zukunft  kann  zur
Kritik  jener  Bodenreformbestrebungen  herangezogen  werden,
welche  glauben,  daß  die  Grundrente  im  Reformstaate  noch
steigen  werde.  Wenn  der,  sagen  wir,  Preis  der  Bergwerke,
des  Ackerlandes,  des  Hausgrundes  usw.  noch  weiter  stiege,
wo  sollte  dann  wohl  ein  Lohn  für  diese  Arbeiter,  welche
lediglich  Naturprodukte  an  das  Tageslicht  holen,  festzusetzen
sein,  der  irgendwie  auskömmlich  wäre!  Nun,  derartige  Gedanken ­
  sind  so  töricht,  daß  sie  einer  Widerlegung  eigentlich ­
  gar  nicht  einmal  bedürfen.  Was  es  im  übrigen  mit
der  Verteilung  der  vom  Staate  eingezogenen,  in  der  Vorstellung ­
  so  enorm  emporgeschnellten  Grundrenten  für  eine
Bewandnis  haben  würde,  können  wir  heute  im  kleinen  an
■der  sogenannten  lex  Huene  sehen.  Es  würde  die  reine
Ochlokratie  entstehen,  denn  der  Faullenzer  hätte  ja  in
        <pb n="121" />
        diesem  Phantasiestaate  als  „Sohn  der  Erde“  denselben'.
Anspruch  auf  einen  Teil  der  kolossalen  Grundrenten  wie
jeder  Fleißige.  Der  Himmel  aber  bewahre  uns  vor  solch,
einem  Phantasiestaate.
Das  Sinken  der  Grundrente,  das  sowohl  in  den  Bergwerken ­
  als  auch  durch  andere  Maßregeln  in  dem  gesamten
vaterländischen  Boden  einträte,  käme  auch  den  Bergarbeitern,
zugute.  Da  die  Preise  der  Produkte  wesentlich  durch,
den  Stand  der  Bodenpreise  bedingt  werden,  so  leuchtet
ein,  daß  sich  der  Niedergang  der  Grundrente  in  den  Preisen:
der  Lebensmittel,  Kleidungsstoffe,  Wohnungen  zeigen  wird.
Den  Bauern  aber  müßte  als  Ersatz  für  den  Ausfall  an  den:
Getreidepreisen  (durch  Verminderung  der  Grundrente  ver
mittels  Erniedrigung  der  Zölle)  ein  Sinken  des  Zinsfußesresp.
  billiges  Brennmaterial  geboten  werden.  Verstaatlicht
man  die  Bergwerke,  so  tritt  diese  Voraussetzung  in  hohem
Maße  ein.  Den  Bergarbeitern  muß  deutlich  gesagt  werden,
daß  sich  ihr  Vorteil  bei  einer  Verstaatlichung  der  Bergwerke ­
  weniger  in  der  absoluten  als  der  relativen  Höhe  ihres
Lohnes  zeigen  wird.  Sehen  sie  dieses  ein,  dann  werden
sie  mit  vollem  Herzen  für  diesen  Schritt  eintreten,  der
ihnen,  in  der  Betrachtung  von  anderen  Eeformen  und  dem
Wohlbefinden  anderer  Berufe  abgelöst,  sonst  wenig  begehrenswert ­
  erscheinen  mag.  Wie  sehr  die  Bergarbeiter
bei  einseitigem,  kurzsichtigen  Betonen  lediglich  der  nächsten.
Interessen  sich  selbst  und  der  gesamten  nationalen  Wohlfahrt ­
  entgegen  arbeiten  können,  zeigt  uns  die  kürzlich  begonnene ­
  Streikbewegung  von  400000  Bergleuten  in  England. ­
  Diesen  Männern  kann  die  Verkennung  des  Reformweges, ­
  der  weniger  auf  eine  absolute  als  auf  eine  relative
Erhöhung  des  Lohnes  zu  richten  ist,  von  schwerem  Nachteil ­
  sein.  Wenn  es  noch  eines  handgreiflichen  Beweises
bedurft  hätte,  um  klarzulegen,  daß  nur  die  staatliche^
Intervention  mit  reiner  Verstaatlichung  der  Bergwerke-
        <pb n="122" />
        Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

109

Rettung  aus  schweren  Verwicklungen  bringen  kann,  so
wäre  er  hier  von  neuem  gegeben.
Nicht  allein  die  materiellen  Vorteile  werden  die  Bergleute ­
  unserer  Reform  geneigt  machen,  sondern  auch  die
.Aussicht  auf  bessere  Behandlung  unter  staatlicher  Leitung
wird  ihnen  die  Verstaatlichung  in  günstigem  Lichte  erscheinen ­
  lassen.  Erwiesenermaßen  hat  nicht  etwa  nur  der
kärgliche  Lohn  die  Arbeiter  zu  jenem  großen  Streik  getrieben ­
  ,  sondern  auch  in  nicht  geringem  Maße  die  übermütige ­
  Behandlung  seitens  der  Bergwerksbesitzer  und  ihrer
Beamten.
Wozu  ist  es  im  übrigen  nötig,  daß  die  höheren  Beamten
auf  den  privaten  Gruben  so  hohe  Gehälter  beziehen?
Wir  meinen,  es  ist  auch  nach  dieser  Richtung  besser,  wenn
wir  statt  jener  Herren  biedere,  pflichttreue,  von  der
modernen  Staatsidee  erfüllte  Staatsbeamte  anstellen  lassen.
Erfüllt  von  dem  humanen  Geiste,  der  mächtiger  und
immer  mächtiger  die  Welt  durchleuchtet,  werden  die  neuen
Beamten  als  Diener  des  Gemeinwesens  ihren  Untergebenen
gute  Vorgesetzte  sein.  Alle  Gruben  müssen  Staatsbetriebe
sein,  und  jede  sollte  zur  Musterstätte  werden.  AVer  etwa
einwenden  wollte:  „Ja,  die  staatlichen  Gruben  haben  wegen
..geringen  Lohnes  und  mangelhaften  Verhaltens  der  Vorgesetzten ­
  auch  ihre  Streiks  gehabt“,  dem  ist  zu  erwidern:
1.  daß  bisher  der  Einfluß  des  Staates  auf  die  Löhne  der
Bergarbeiter  ein  verschwindender  gewesen  ist,  da  sein
Besitz  ein  viel  zu  geringer  war.  (Doch  ist  nach
statistischen  Ausweisen  der  Lohn  auf  den  fiskalischen
Gruben  relativ  am  höchsten  gewesen)  —
Dazu  hatte  auch  besonders  der  manchesterliche  Gedanke, ­
  der  Staat  habe  sich  auf  das  Nachtwächteramt
zu  beschränken,  viel  beigetragen.
_2.  daß  die  Beamten  zur  Rechenschaft  gezogen  sind,  wo
gerechte  Beschwerden  Vorlagen.
        <pb n="123" />
        110

Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

Wie  die  organische  Staatsidee  die  Unterordnung  deseinzelnen ­
  zum  Wohle  der  Gesamtheit  verlangt,  ebenso
muß  in  ihrem  Geiste  die  Heiligkeit  der  Arbeit,  die  Anerkennung ­
  des  geringsten  Menschen  als  eines  vollberechtigten
Mitgliedes  der  menschlichen  Gesellschaft  verlangt  werden.
Das  heißt  für  unsere  Auseinandersetzung:  die  schikanöse-Ausbeutung
  der  Arbeiter,  wie  durch  Wagennullen,  übermäßig ­
  und  einseitig  bestimmte  Schichtdauer,  unmotivierte
Lohnabzüge  usw.,  die  den  Bergmann  als  ein  willenloses
und  untergeordnetes  Wesen  erscheinen  lassen,  werden  mit
Sicherheit  nur  in  den  Staatsbetrieben  der  Zukunft  fortfallen. ­
  Bessere  Lebenshaltung  wird  so  einen  Streik  unmöglich ­
  machen.
Solchen  zu  verhüten,  hat  die  Nation  hohes  Interesse,,
und  sie  müßte  es  tun,  selbst  wenn  große  Opfer  gefordert
würden,  was  aber  nicht  der  Fall  ist.  Denn  nicht  allein
die  Bergarbeiter  leiden  durch  den  bis  aufs  Messer  geführten
Lohnkampf.  Der  nationale  Wohlstand  kann  durch  die
Härte  und  den  Eigensinn  der  Grubenbesitzer,  wie  gewißauch
  durch  den  Leichtsinn  der  Arbeiter,  in  starkem  Maße
geschädigt  werden.  Die  Einstellung  der  Kohlenförderung
muß  die  Schließung  aller  industriellen  Werkstätten  zur
Folge  haben,  die  bisher  die  Kraft  ihrer  Motoren  durch  die
Verbrennung  der  Steinkohlen  gewonnen  haben.  Der  dadurch ­
  eintretende  Verlust  in  der  Produktion  wird  seinen
Einfluß  in  allen  Bevölkerungsschichten  geltend  machen
der  nationale  Wohlstand  ist  bedroht,  da  alle  Tätigkeit  ruht.
Schon  aus  dem  Grunde,  eine  solche  Kalamität  zu  verhüten ­
  ,  müßte  das  Gemeinwesen  zum  Ankäufe  resp.  zur
Expropriation  der  Bergwerke  schreiten,  nicht  allein  der
Kohlen-,  sondern  auch  der  Eisengruben.  Denn  wenn  der-Kapitalismus
  nur  aus  ersteren  hinausgesetzt  würde,  würdeer
  gar  bald  die  letzteren  zu  seinem  Spielballe  machen.
Ebenso  schlimm  wie  ein  Streik  ist  die  Preissteigerung.
        <pb n="124" />
        Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

111

der  Kohle  für  die  Volkswirtschaft.  Wenn  der  letzte
deutsche  Bergarbeiterstreik  als  die  Ursache  der  bis  heute
noch  dauernden  Ausbeutung  des  Publikums  von  interessierter
Seite  ausposaunt  wurde,  so  ist  das  töricht.  Die  Arbeiter
haben  erst  höheren  'Anteil  an  der  Ausbeute  verlangt,  als
bereits  die  Aufwärtsbewegung  in  der  Industrie  die  Kohlenpreise ­
  anziehen  ließ.  Es  war  auch  ihr  gutes  Recht,  ein
menschenwürdiges  Dasein  angesichts  der  hohen  Gewinne
der  Bergwerksbesitzer  zu  haben.  Der  Streik  ist  lediglich
als  Vorwand  für  die  Ausbeutung,  die  die  Nation  sich  gefallen ­
  lassen  muß,  benutzt  worden.
Nicht  allein  Hausbrandkohle  ist  für  den  kleinen  Mann
fast  unerschwinglich,  selbst  die  Industrie  hat  —  wenn  wir
von  anderen  Ursachen  absehen  —  an  der  Belastung  durch
hohe  Kohlenpreise  schwer  zu  tragen.  Aus  den  Taschen
des  Volkes  müssen  Millionen  für  den  Mehrbedarf  im  Eisenbahnbetriebe ­
  gezahlt  werden.  Und  alles  dieses,  weil  wir
erlaubt  haben,  daß  die  in  beschränkter  Menge  vorhandene
und  dadurch  monopolistisch  auszubeutende  Kohle  in  die
Hände  privater  Unternehmer,  welche  kein  höheres  Gesetz,
als  die  Füllung  ihres  Geldsackes  kennen,  überantwortet  ist.
Freilich  wird  auch  hier  ein  Krach  eintreten,  aber  erst,  wenn
die  übrigen  Industrien,  nicht  zum  wenigsten  durch  die  Preissteigerung, ­
  darniederliegen.  Dann  werden  wir  wieder  das
Jammergeschrei  der  klugen  Leute  hören,  welche  die  Papiere
bei  hohem,  schwindelhaften  Kurse  gekauft  haben  und  nun
hereingefallen  sind.  Dann  soll  das  Gemeinwesen  den  geprellten ­
  Gewerken  zu  Hilfe  kommen.
Es  geht  dann  den  Zechenbesitzern,  welche  auf  ihren  hohen
Papieren  sitzen  geblieben  sind,  just  wie  den  Agrariern  in
Frankreich  und  anderen  Orten.  Sie  fordern  die  Aufhebung
der  Grundsteuer  bzw.  der  Bergwerkssteuer  als  Rettung  aus
ihren  Nöten.  Aber  sie  wissen  nicht,  daß  diese  winzige
Steuer  keinen  Druck  ausübt,  sondern  daß  die  so  krankhaft

■M

11
        <pb n="125" />
        112

Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

in  die  Höhe  getriebenen  und  geschwindelten  Grundwerte
die  Ursache  ihrer  Nöte  sind.  Soll  ihnen  geholfen  werden,
so  muß  die  Grundrente  und  mit  ihr  die  Summe  der  Zins

fordernden  Leihkapitalien  sinken.  In  welcher  Weise  die
Kohlenaktien  seiner  Zeit  gestiegen  waren,  zeigt  folgende
Tabelle:

Aplerbecker

Gelsenkirchen  Harpener  Hibemia

1888:  116

135  128

111

1889:  280

211  328

244

+  114

+  76  +  195

+  133

König-Wilhelm  Louise-Tiefbau  Pluto

Mark.  -  Westphäl.

1888:  190

84  86

168

1889:  271

166  158

237

+  81

+  82  +72

+  69

Noch  deutlicher

zeigt  folgende  Tabelle  über  französische

Kohlenbergwerke,

in  welcher  Weise  die

vom  Staate  den

Grubenbesitzern  seiner  Zeit  geschenkten  Grubengerechtsame

(Grundrente)  ohne  Arbeit  der  Besitzer  in  die  Höhe  gestiegen

sind.  Das  Volk  aber  muß  die  Steigerung  mit

seinem  Schweiße

•bezahlen.

Die  Grubengerechtsame  hatten

den

haben

von

ursprünglichen  Wert:

den  Jetztwert:

Frcs.

Pres.

Aniche  .  .  .

.  .  2134800

61560000

Bruay  .  .  .

.  .  1200000

44096  250

Bully  Grenay

.  .  2  298000

60277  500

Carvin  .  .  .

.  .  1972500

7357425

Corrieres  .  .

.  .  600000

94500000

Douchy  .  .

.  .  911000

15968160

Dourges  .  .

1  350  000

17  820000

Escarpelle

.  .  3000000

21150  000

Lens  .  .  .

.  .  900000

78525000

Lievin  .  .  .

.  .  2916000

29014200

Meurchin  .  .

.  .  2000  000

23  600000

Maries  .  .  .

.  .  3  200000

40000000
        <pb n="126" />
        Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

113

Diese  Zahlen  reden,  wie  sehon  der  Bericht,  dem  wir  sie
entnehmen,  bemerkt,  eine  Sprache,  die  uns  jede  weitere
Bemerkung  als  überflüssig  erscheinen  läßt.
Schon  aber  stockt  jetzt  —  die  Papiere  sind  gewaltig
heruntergegangen  —  der  Betrieb;  nur  allen  Verschleierungs-Versuchen
  zum  Trotz  kann  man  aus  den  Berichten  lesen,
daß  die  Vorräte  sich  häufen.  Die  Preise  für  Kohlen  aber
bleiben  noch  steif,  Dank  den  Bingbildungen,  die  sich  zur
größeren  Hebung  des  „nationalen“  Wohlstandes  unter  den
Bergwerksbesitzern  gebildet  haben.  Wozu  aber  soll  sich
die  Nation  mit  Hilfe  der  Bergwerke,  welche  von  Gottesund ­
  Bechts  wegen  ihr  eigenstes  Eigentum  sind,  ausbeuten
lassen  ?
Der  „Kölnischen  Volkszeitung“  zufolge  ist  von  der  am
4.  Januar  1892  stattgefundenen  MonatsversammlungHes  Westfälischen ­
  Kokes-Syndikats  eine  20prozentige  Einschränkung
der  Produktion  für  den  Monat  Januar  d.  J.  beschlossen
worden.  Die  Kokesproduzenten  geben  damit  dem  Herrn  von
Stumm  eine  gehörige  Abfertigung  auf  seine  gerechtfertigten
Angriffe,  welche  er  längere  Zeit  in  seinem  Organe,  dem
„Saarbrücker  Gewerbeblatte“  gegen  das  Kokes-Syndikat
und  die  Kohlenverkaufsringe  gerichtet  hatte.  Nebenbei
brachte  er  bemerkenswerte  Auszüge  aus  der  Statistik  der
Kokesausfuhr:  Hiernach  hat  von  Januar  bis  August  1890,
also  vor  der  Gründung  des  westfälischen  Kokes-Syndikats,
die  Ausfuhr  von  deutschen  Kokes  insgesamt  6142861  betragen,
oder  durchschnittlich  76686  t  monatlich:  vom  September
bis  Dezember  1890,  also  nach  der  Gründung  des  Syndikats,
sind  460482  t  oder  durchschnittlich  115  1211  monatlich,  das
ist  etwa  50  Prozent  mehr,  ausgeführt  worden.  Vom  Januar
bis  August  1891  hat  die  Ausfuhr  betragen  857  940  t.  oder
durchschnittlich  109242  t,  gleich  40  Prozent  mehr,  als  in
derselben  Zeit  vor  der  Gründung  des  Syndikats.  Allerdings
ergiebt  die  Ausfuhr  von  Januar  bis  August  1891  mit  109  242  t
We  h  b  e  rg,  Die  Bodenreform.  8
        <pb n="127" />
        114

Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

monatlich  gegen  den  Abschnitt  September  bis  Dezember
1890  mit  115121  t  monatlich  einen  Rückgang,  einen  relativ
kleinen  übrigens;  aber  dieser  entfällt  auf  den  Absatz  nach
Österreich-Ungarn,  an  welchem  das  Syndikat  kaum  je  beteiligt ­
  war,  während  der  Absatz  nach  Belgien,  dem  Lieblingsabsatzgebiete ­
  Westfalens,  von  nur  17  903  t  im  Januar-August
1890  auf  75568  t  im  gleichen  Abschnitt  1891  gestiegen  ist,
um  322  Prozent.
Wie  können  die  Ringe  erwarten,  daß  die  Eisenbahnen
noch  die  Inlandtarife  herabsetzen,  wo  sie  selbst  das  Mögliche
tun,  durch  Steigerung  der  Kohlenpreise  eine  derartige  verlangte ­
  Milderung  zu  verhindern!  .  Es  ist  eine  sonderbare
Zumutung,  die  die  „Rheinisch-Westfälische  Zeitung“,  unter
dem  Stichworte:  „Ein  Vorschlag  zur  Güte“  den  Bahnverwaltungen ­
  macht.  Sie  meint,  jene  sollten  die  Frachten
für  ganze  Waggonladungen  in  den  Monaten  Juni,  Juli  und
August  um  1 U  ermäßigen.  Dadurch  würden  viele  Kohlenhändler ­
  und  Fabriken  veranlaßt  werden,  ihren  Winterbedarf
schon  während  dieser  Monate  zu  decken,  weil  durch  die
billigeren  Frachten  die  Unkosten  für  die  Aufstapelung  der
Kohlen  und  die  Verzinsung  des  in  den  Kohlenvorräten
steckenden  Kapitals  einigermaßen  ausgeglichen  würden.
Die  Händler  hätten  dann  wenigstens  die  Kohlen  sicher  im
Lager  und  könnten  dem  Winter  ruhig  entgegensehen,  während
sie  jetzt  auf  die  Gnade  der  Eisenbahnverwaltungen  angewiesen
seien.  Bei  den  heutigen  hohen  Frachten  schiebe  jeder
Händler  den  Bezug  des  Winterbedarfes  so  lange  wie  möglich
hinaus,  wodurch  jedes  Jahr  die  Notlage  entstehe,  daß  im
Herbst  oder  Winter  nicht  genug  Wagen  herbeigeschafft
werden  könnten,  um  den  Anforderungen  der  Konsumenten
zu  genügen.  Die  Zechen  selbst  hätten  im  Sommer  größeren
und  regelmäßigeren  Absatz,  was  auch  im  Interesse  der
Arbeiter  läge,  welche  jetzt  nicht  selten  wegen  Stockung
der  Abfuhr  entlassen  werden  müßten.  —
        <pb n="128" />
        Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

115

Gewiß  kann  man  darüber  diskutieren,  ob  die  Frachten
in  Zukunft  nicht  herabgesetzt  werden  könnten,  aber  heute
würde  ein  niedriger  Tarif  nicht  den  Konsumenten,  sondern
den  Zechenbesitzern  zugute  kommen.  Der  Preis  der  Kohle
würde  sich  ohne  Zweifel  nach  Einführung  dieser  Erleichterung
langsam  um  das  Maß  der  Tarifermäßigung  in  die  Höhe  bewegen. ­
  Sonst  macht  der  Artikel  nur  den  Eindruck,  als  ob
trotz  der  Kohlenringe  die  Preise  etwas  ins  Schwanken  geraten ­
  seien  und  die  billigeren  Tarife  den  Konsumenten  vielleicht ­
  einen  Anreiz  zu  neuen  Abschlüssen  geben  sollten.
Daß  die  Kohlenpreise  sich  ohne  erhebliche  Einschränkung
der  Förderung  bei  dem  Darniederliegen  der  Industrie  nicht
auf  der  bisherigen  Höhe  —  sie  sind  in  den  letzten  fünf
Jahren  um  38  Prozent  gestiegen  —  halten  können,  leuchtet
ein.  Zu  Arbeiterentlassungen  aber  wird  es  kommen,  denn
den  Bergwerksbesitzern  liegen  mehr  die  hohen  Preise  als
das  Wohl  der  Arbeiter  am  Herzen.  Schon  jetzt  legen
manche  Zechen  bis  zu  zwei  Tagen  per  Woche  Feierschichten
ein.  Wie  kolossal  die  Dividenden  der  zwei  letzten  Jahre
gewesen,  ist  ja  allen  bekannt,  die  vier  Kohlenbergwerksgesellschaften ­
  Gelsenkirchen,  Harpener  Bergbaugesellschaft,
Konsolidation  und  Hibernia  arbeiten  je  mit  42,  45,  16  und
26  Millionen  Mark  und  haben  einen  Reingewinn  in  den
ersten  zehn  Monaten  1891  von  7  654000,  7  311000  4097  000
und  4  760  000  Mark  oder  18,  16,  24  und  29  Prozent  Dividende
zu  verzeichnen.  Die  Arenbergische  Gesellschaft  hatte  sogar
80  Prozent  zu  verteilen.
Auf  das  Verhalten  der  Kohlenringe  wirft  der  Bericht  der
Handelskammer  zu  Siegen,  einer  Korporation,  die  stets  streng
schutzzöllnerischen  Anschauungen  gehuldigt  hat,  ein  scharfes
Licht.  Die  Kammer  stellt  fest,  daß  sich  die  Durchschnittspreise ­
  für  Flammförderkohlen  aus  dem  Essener  Reviere
loco  Werk,  nachdem  sie  4,97  Mark  im  Jahre  1879  und
7,41  Mark  im  Jahre  1880  betragen  hatten,  von  1881  bis,
8*
        <pb n="129" />
        116

Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

1888  zwischen  5,82  und  6,64  Mark  bewegten,  dann  aber
1889  auf  9,29  und  1890  gar  auf  12,36  Mark  stiegen.  In  der
ersten  Hälfte  des  vorigen  Jahres  hielten  sie  sich  zwischen
12  und  15  Mark,  in  der  zweiten  dagegen  gingen  sie  auf
9—12  Mark  herunter.  Die  Kokespreise  stiegen  von  7,83
im  Jahre  1887  auf  9,16  Mark  im  Jahre  1888,  15,72  im  Jahre
1889  und  19,74  Mark  im  Jahre  1890  und  standen  bei  Erstattung ­
  des  .Berichts  auf  13  Mark.  Das  westfalische  Kokessyndikat
  hat  im  ersten  Quartal  v.  J.  nach  Belgien,  Luxemburg, ­
  Lothringen  und  Frankreich  29  Prozent,  im  vierten
Quartal  v.  J.  dagegen  42,67  Prozent,  im  Jahresdurchschnitt
36  Prozent,  nach  dem  Zollausland  allein  10,88  Prozent  der
gesamten  Produktion  an  Hochofenkokes  abgesetzt  und  die
Vermehrung  dieses  Absatzes  damit  begründet,  daß  der  Absatz ­
  nach  dem  Siegerlande  und  nach  Nassau  pro  Quartal
um  etwa  50000  t  nachgelassen  habe.  Allein  nach  Ostfrankreich
  hat  sich  aber  der  Absatz  des  Kokessyndikats  um  viel
mehr,  in  den  beiden  letzten  Quartalen  1890  allein  um  229  0U01
vermehrt.  „Dieser  Absatz“,  sagt  die  Siegener  Kammer,
„wurde  nur  erreicht  durch  großartige  Konzession  im  Preise.
Um  die  zu  diesen  niedrigeren  Preisen  an  das  Ausland
liefernden  Werke  schadlos  zu  halten,  wurde  von  der  Vereinigung ­
  allein  im  dritten  Quartal  eine  Summe  von  147  420
Mark  ausgegeben,  also  zugunsten  der  ausländischen  Werke
.verschenkt.“
Noch  schlimmer  stellt  sich  dies  Verhältnis  im  vierten
Quartal  1890  und  im  ersten  Quartal  des  Jahres  1891.  Während
die  inländischen  Werke  13—14  Mark  pro  Tonne  Kokes  zahlen
müssen,  gestattet  das  Syndikat  die  Preise  ins  Ausland  noch
unter  11,50  Mark  zu  setzen,  denn  es  hat  seinen  Mitgliedern
gegenüber  die  Verpflichtung  übernommen,  sie  beim  Absatz
ins  Ausland  (Frankreich)  für  die  Differenz  zwischen  dem
Verkaufspreis  und  diesem  Satze  von  11,50  Mark  schadlos
zu  halten.
        <pb n="130" />
        Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

117

Nach  der  Verstaatlichung  der  Gruben  und  Durchführung
einschneidender  Reformen,  aber  nicht  eher,  wird  die  Herabsetzung ­
  aller  Tarife  dem  ganzen  Volke  von  großem  Vorteil ­
  sein.
Auch  der  regelmäßige  Betrieb  der  Staatsbahnen  erfordert
notwendig  die  Auskaufung  der  Bergwerke.
Eine  wichtige  Frage  ferner,  nicht  etwa  allein  für  den
Bauernstand  ist  die  Ableitung  der  Abwässer,  die
Verhütungen  der  Bodensenkungen,  die  große  Schwierigkeiten ­
  verursachen  und  den  Volkswohlstand  schädigen.
Auch  hier  kann  nur  Wandel  geschaffen  werden,  wenn  der
Staat  alle  Betriebe  einheitlich  leitet,  wie  aus  folgendem
*
Bericht  zu  ersehen  ist:
„Essen,  25.  Dezember.  Die  Städte  des  Industriebezirks
stehen  wieder  vor  großen  Ausgaben,  deren  Höhe  vorläufig
noch  gar  nicht  geschätzt  werden  kann.  In  den  letzten  Jahren
haben  die  größeren  Städte,  namentlich  Essen  und  Dortmund,
Anlagen  für  die  Klärung  der  Abwässer  errichtet.  Die  Klagen
der  Anwohner  der  Flüsse  und  Bäche  sind  aber  nicht  verstummt.
In  der  Nähe  der  Flußläufe,  in  denen  sich  früher  Fische
tummelten,  weht  eine  verpestete  Luft.  Die  Klagen  der  Anwohner ­
  haben  die  Behörden  veranlaßt,  die  Städte  immer  und
immer  anzuspornen,  bessere  Kläranlagen  herzustellen.  Essen
hat  das  Röckner-Rothesehe  System,  Dortmund  ein  eigenes
System  angelegt,  die  Erfolge  waren  die  gleichen:  die  Anlagen ­
  sind  unzureichend.  Auf  Anregung  der  Landesbehörden
haben  sich  gestern  die  Emscherschau-Kommission,  bestehend
aus  den  Landräten  der  Kreise  Essen,  Bochum  und  Dortmund,
die  Baumeister  jener  Städte,  sowie  Landesmeliorations-Inspektor
  Grantz  aus  Münster  in  Dortmund  zusammengefunden,
um  zu  beraten,  ob  es  sich  ermöglichen  lasse,  die  Abwässer
der  erwähnten,  sowie  auch  anderer  Städte  vielleicht  in  Verbindung
  mit  den  Grubenwassern  der  Bergwerke  in  einem
offenen  Graben  durch  das  Emschertal  in  den  Rhein  zu  leiten.
Vorausgesetzt  war,  daß  die  Wässer  auf  ihrem  Wege  bis  zum
Rhein  auch  Berieselungszwecken  dienen  sollten.  Zunächst
ergab  sich,  daß  eine  Verbindung  mit  der  bereits  vorhandenen
sogenannten  tiefen  Talentwässerung  im  Gelsenkirchener  Bergwerksbezirke ­
  nicht  möglich  sei,  da  diese  durch  Abzugsgräben
bewirkte  Entsumpfung  des  Bodens  nicht  dem  Tal  entlang  geht,
sondern,  je  nachdem  die  Bodenfläche  ist,  mannigfache  Biegungen
macht.  Wenn  die  Ausführung  überhaupt  möglich  wäre,  so
        <pb n="131" />
        118

Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

würde  der  Graben  auf  dem  rechten  Ufer  der  Emscher,  an  den
Höhen  entlang  zu  führen  sein,  um  unterhalb  Ruhrort  in  den
Rhein  geführt  zu  werden.  Man  verhehlte  sich  aber  nicht,  daß
dem  Unternehmen  durch  die  vielen  Verbindungsbahnen  der
Zechen,  durch  die  vorhandenen  und  noch  zu  erwartenden
Bodensenkungen  derartige  Schwierigkeiten  in  den  Weg  gelegt
und  die  Kosten  so  hohe  sein  würden,  daß  selbst  Städte  wie
die  erwähnten  dieselben  nicht  aufbringen  könnten.  Aus  allen
diesen  Gründen  erklärten  sich  die  Teilnehmer  der  Beratung
für  die  Ausführung  von  Rieselanlagen,  sei  es  in  der  Nähe  der
Emscher,  sei.  es  im  Münsterlande.“
Greben  wir  weiter  zu,  daß  die  vaterländischen  Gruben  in
die  Hände  von  Börsenjobbern  und  ausländischen  Kapitalisten
gehen,  so  kann  niemand  Gewähr  dafür  leisten,  daß  selbst
bei  drohendem  Kriege  ein  Streik  durch  die  Selbstsucht  und
den  Eigensinn  der  vielleicht  schon  bald  zu  einem  internationalen ­
  Ausbeuterverbande  ä  la  Petroleumquellenbesitzer
vereinigten  Grubenbesitzer  ausbricht!  Wer  kann  sagen,
ob  nicht  die  unzufriedenen  und  international  verbundenen
Arbeiter  die  ungeheuerlichsten  Forderungen  erzwingen  wollen
und  können!  Das  nationale  Interesse  erfordert  kategorisch
die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.  Und  wesentlich  nationale
Reformen  werden  die  Arbeiter  versöhnen  und  sie  zu  höherer
Stufe  führen!
Auch  sollte  das  Gemeinwesen  ein  Brennmaterial,  das
nicht  unerschöpflich  und  auf  das  die  Menschheit  für  ihre
Kulturzwecke  noch  lange  angewiesen  ist,  nicht  dem  Mutwillen ­
  und  der  Ausbeutung  von  Spekulanten  überlassen,
die  Raubbau  betreiben.  Die  hohen  Preise  in  jetziger  Zeit  verleiten ­
  wieder  besonders  zu  neuen  Anlagen,  für  deren  Produktion ­
  nachher  kein  Absatz  mehr  ist.  Die  Unterkonsumtion
des  Volkes  —  eine  dem  kapitalistischen  Wirtschaftssysteme
immanente  Erscheinung  —  wird  gar  bald  den  Gruben  bemerkbar ­
  werden,  die  neuen  Anlagen  aber  wollen  betrieben
sein,  um  wenigstens  die  angelegten  Kapitalien  zu  verzinsen.
Wären  die  Gruben  Staatseigentum,  so  könnte  jeder  Ver ­
        <pb n="132" />
        Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

119

geudung  der  Kohlen  in  planmäßiger  Weise  vorgebeugt  werden;
die  Anlage  neuer  Schächte  würde  nur  nach  wirklichem
Bedürfnisse  des  Verbrauchten  stattfinden.  Heute  werden
die  vom  Staate  verliehenen  „Grubengerechtsame“  benutzt,  um
durch  Gründung  von  Aktiengesellschaften  Staat,  Konsumenten
und  Arbeiter  zu  schädigen.  Bei  der  Gründung  werden  die
„Grubengerechtsame“,  die  das  Recht  auf  Erschließung  bestimmter ­
  Felder  bedeuten,  genau  wie  ein  Stück  Land  in
den  wachsenden  Städten  behandelt:  die  zukünftige  mögliche
Steigerung  wird  antizipiert,  und  es  gibt  genügend  Leute,
die  sich  als  Aktionäre  auf  solchen  Papierkauf  einladen
lassen.  Da  ist  es  nachher  kein  Wunder,  daß  die  Kohlenpreise ­
  steigen  müssen,  um  den  Aktionären  einige  Dividende
zu  geben,  aber  auch  ebenso  natürlich,  daß  die  Spekulationsrente ­
  nicht  realisiert  werden  kann,  da  ein  Niedergang  solcher
Papiere  unausbleiblich  ist.  Welches  Geschäft  mit  den
Grubengerechtsamen,  die  der  Staat  wirklich  den  Besitzern
geschenkt  hat,  gemacht  wird,  erhellt  aus  den  Prospekten
mehrerer  Zechen,  die  ihre  Aktien  an  der  Börse  einführen
wollten.  Davon  ein  Beispiel:
I.  Bergbau-Aktien-Gesellschaft  „Concordia“
in  Oberhausen.
Aktiven  am  31.  März  1890:

1.  Grubengerechtsame  Jk  3  750000,—
2.  Grundstücke  und  Gebäude  ....  „  1241160,—
3.  Schachtanlagen,  Kokereien,  Maschinen,
Werkzeuge  „  2  367  763,25
4.  Warenbestände  »  80473,86
5.  Kasse,  Wechsel,  Debitoren  ....  „  554005,48
Jt  7  993402,59
Passiven:
1.  Aktienkapital  6500  000,—
2.  Obligationsschuld  „  1056000,—
3.  Kreditoren  „  437  402,59
J6  7993402,59
        <pb n="133" />
        120

Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

Wie  man  sieht,  beträgt  die  Grubengerechtsame,  d.  h.
hier  die  künftig  mögliche  Ausbeute,  welche  in  Rechnung
gesetzt  ist,  2 la  des  gesamten  Aktienkapitals.  Dazu  kommt
nun  noch,  daß  die  Aktien  mit  130,  also  mit  einem  recht
ansehnlichen  Agio  über  den  Nennwert,  ausgegeben  wurden,
das  den  Gründern  in  die  Taschen  fiel.  Wie  hier,  so  istes
  mit  anderen  Gründungen  in  Gruben  und  industriellen
Anlagen  ergangen.  Konnte  die  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen ­
  vor  der  kapitalistischen  Gesellschaft  mit  der  Notwendigkeit ­
  „entschuldigt“  werden:  die  Bahnen  aus  strategischen ­
  Gründen  in  einer  Hand  zu  vereinen,  so  hört  das
Versteckenspiel  jetzt  auf.  Hier  muß  die  Regierung  klar
die  Ziele,  welche  einen  durchaus  sozialistischen  —  nicht
sozialdemokratischen  Zug  tragen,  bekennen.  Sie  wird  zeigen
müssen,  daß  sie  in  Wahrheit  den  Bruch  mit  dem  Kapitalismus ­
  vollzogen  hat,  daß  sie  durch  zielbewußte  organische
Reformen  die  Menschheit  neue  Wege  führen  will.
Wir  hoffen,  daß  der  Handelsminister,  Herr  v.  Berlepsch,
die  notwendigen  Konsequenzen  aus  seinem  den  Zechen
zugegangenen  Antwortschreiben  ziehen  wird,  daß  die  Staatsregierung ­
  die  Bergwerke  nicht  lange  mehr  „Gegenstand
privater  geschäftlicher  Unternehmungen“  sein
lassen  wird.
Tm  Frühjahr  dieses  Jahres  nämlich  hatte  der  Minister
Herr  v.  Berlepsch  einen  Brief  an  die  Handelskammern  gerichtet, ­
  in  welchem  ausgeführt  wurde,  daß  der  dringende
Verdacht  geäußert  worden  sei,  die  Kohlenzechen  hätten
den  Wagenmangel  nur  vorgeschützt,  um  sich  ihren  Vertrags-Verpflichtungen
  zu  entziehen.  Außerdem  hätten  sie  an  das
Ausland  billiger  verkauft  als  an  das  Inland.  Die  Handelskammern ­
  wurden  zu  einer  Untersuchung  dieser  Anklage
aufgefordert.  Diese  Untersuchung  hat  stattgefunden,  und
den  Erfolg  derselben  gibt  der  Minister  in  dem  nachstehendem
bemerkenswerten  Schreiben  bekannt:
        <pb n="134" />
        Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

121

„Berlin,  17.  November  1891.
Meiner  Zusage  gemäß  teile  ich  dem  Vorstande  in  bezug  auf
das  Resultat  der  auf  Grund  meines  vertraulichen  Erlasses  an
die  Handelskammern  von  Westfalen  und  der  Rheinprovinz  vom
2.  Februar  d.  J.  veranlaßtenErhebungen  folgendes  ergebenst  mit
1.  Der  gegen  einzelne  Zechen  erhobene  Vorwurf,  daß  sie  den
Wagenmangel  lediglich  vorgeschoben  hätten,  um  sich  ihren  vertragsmäßigen ­
  Verpflichtungen  zu  entziehen,  ist  durch  die  angeführten ­
  Tatsachen  nicht  erwiesen  worden.  Ich  halte  denselben
für  unbegründet.  2.  Die  weitere  Behauptung,  daß  im  Beginn
dieses  Jahres  zeitweise  das  Ausland  mehr  Kohlen  erhalten  habe,
als  das  Inland,  ist  zwar  tatsächlich  zutreffend,  ich  nehme  aber
als  festgestellt  an,  daß  ein  Vorwurf  gegen  die  Zechenverwaltungen ­
  hieraus  nicht  abgeleitet  werden  kann,  weil  die  Ursachen ­
  in  Verhältnissen  liegen,  die  die  Zechen  nicht  herbeigeführt ­
  haben  und  nicht  ändern  konnten.  (Wie  der  Bergbauliche ­
  Verein  in  seiner  Eingabe  bemerkt,  sei  das  hauptsächlich,
auf  die  vertragsmäßigen  Sonderzüge  nach  dem  Auslande  zurückzuführen ­
  ,  deren  regelmäßige  Beladung  auch  in  der  Verkehrsstockung ­
  im  vorigen  Winter  ihres  Wissens  die  Eisenbahnbehörden ­
  verlangt  hätten).  3.  Ebenso  ist  die  Behauptung
tatsächlich  zutreffend,  daß  an  vielen  Absatzorten  des  Auslandes ­
  rheinisch-westfälische  Kohlen  billiger  verkauft  worden
sind  als  im  Inlande.  Wenn  der  Vorstand  in  der  Eingabe  vom
18.  Juli  d.  J.  die  Berechtigung  zu  diesem  Verfahren  aus  der  Notwendigkeit ­
  ableitet,  den  Preis  der  Kohlen  in  ausländischen
Absatzgebieten  nach  den  Konkurrenzpreisen  dieser  zu  gestalten
wenn  Wohlderselbe  glaubt,  darauf  aufmerksam  machen  zu
müssen,  daß  es  .  jeder  Industrie  und  jedem  einzelnen  Gewerbetreibenden ­
  freistehe,  seine  Preise  für  das  Ausland  und  für  das
Inland  beliebig  zu  gestalten,  daß  auch  die  Kohlenindustrie
sich  jederzeit  diese  Freiheit  Vorbehalten  müsse,  so  lange
sie  Gegenstand  privater  geschäftlicher  Unternehmungen ­
  ist,  so  will  ich  dieser  Auffassung  an  sich
die  Berechtigung  nicht  absprechen.  Anderseits  muß  ich  aber
für  die  Staatsregierung  das  Recht  und  die  Pflicht  in  Anspruch
nehmen,  durch  die  ihr  zur  Verfügung  stehenden  Mittel  für
Hebung  und  Förderung  der  einheimischen  Gewerbetätigkeit
und  jedes  ihrer  einzelnen  Zweige  zu  sorgen  und  dieselbe  vor
Gefährdung  ihrer  Leistungs-  und  Konkurrenzfähigkeit  nach
Möglichkeit  zu  bewahren.  In  Anerkennung  dieser  Pflicht  hat
unter  anderm  die  Staatsregierung  auf  Andrängen  der  Kohlenindustrie ­
  Maßnahmen  zugunsten  ihrer  Absatzverhältnisse  und
der  Preisgestaltung  ihrer  Produkte  zur  Einführung  gebracht.
Die  Anführung  des  Vorstandes,  daß  eine  Einwirkung  auf  dm
Industrie  hinsichtlich  der  Preisgestaltung  von  seiten  der  Königlichen ­
  Staatsregierung  bisher  noch  nicht  versucht  worden  ist,-
        <pb n="135" />
        122

Die  Verstaatlichung  der  Bergwerke.

kann  daher  nicht  als  zutreffend  anerkannt  werden,  und  demgemäß ­
  wird  der  Staatsregierung  auch  die  Befugnis  nicht  bestritten ­
  werden  können,  zu  erwägen,  ob  bei  veränderten  Verhältnissen ­
  die  gewährten  Vergünstigungen  nicht  zu  einer  unverhältnismäßigen ­
  Schädigung  anderer  Industriezweige  führen.  “  —•
Zur  Befreiung  von  Grundrente,  Zins  und  Unternehmerprofit,
  den  drei  eng  miteinander  verbundenen  Ursachen
der  sozialen  Not,  wird  die  Verstaatlichung  der  Bergwerke
•den  ersten  offenkundigen  Schritt  bedeuten.
        <pb n="136" />
        IV.

Die  Wohnungsfrage.

1895.

aß  in  sozialen  Zuständen,  in  welchen  durch  die

U  wirtschaftliche  Entwicklung  die  Menschheit  in  eine
kleine  Gruppe  Reicher  und  in  eine  große  Masse  Verarmter ­
  getrennt  ist,  auch  die  Wohnungsverhältnisse
nicht  gerade  befriedigende  sein  können,  leuchtet  ohne
weitere  Untersuchung  von  selbst  ein.  Denn  die  Wohnungsfrage ­
  bildet  notwendigerweise  einen  mit  allen  sozialen
Mißständen  eng  verbundenen  Teil;  sie  erscheint  in  trübem
Lichte  bei  allgemeiner  Armut;  sie  hat  ein  freundliches  Angesicht, ­
  wenn  das  allgemeine  wirtschaftliche  Niveau  sich
hebt.  Solche  Zeiten  haben  im  Laufe  der  Geschichte  des
öfteren  miteinander  abgewechselt,  immer  ist  der  Geburtsepoche ­
  einer  neuen,  besseren  Zeit  ein  Ringen  und  Streben
der  unterdrückten  Volksmassen  vorausgegangen.  Stets
finden  wir  in  solchen  Zeitläufen  die  Erscheinung  einer
Wohnungsfrage.  So  auch  in  unseren  Tagen.  Neben  all
dem  Elend,  das  sich  unseren  Augen  auftut,  bemerken  wir
zugleich  freudigen  Sinnes,  daß  überall  ehrliche  Herzen  sich
■öffnen,  mit  Rat  und  Tat  beizuspringen,  Wege  zu  finden,
das  Elend  zu  mildern  und  zu  beseitigen.  Manche  freilich
von  denen,  die  sich  mit  der  Linderung  der  Wohnungsnot
befassen,  tun  es  nur  aus  dem  Grunde,  weil  die  Berührung
der  Wohnungsfrage  die  Erörterung  fundamentaler  Fragen
des  gesamten  Wirtschaftslebens  nicht  notwendig  zur  Folge
hat.  Es  ist  ja  ein  anderes,  über  die  elenden  Wohnungen
städtischer  Arbeiter  zu  jammern  und  auf  die  grausame
        <pb n="137" />
        124

Die  Wohnungsfrage.

Ausbeutung  durch  Boden-  und  Bauspekulanten  zu  schimpfen,,
ein  anderes,  sich  auf  Kosten  der  Bevölkerung  durch  Zölle
usw.  zu  bereichern.  Die  Wohnungsfrage  ist  ganz  besonders'
ein  Steckenpferd  der  Agrarier,  soweit  es  sich  um  städtische
Wohnungszustände  handelt;  sie  werden  nicht  müde,  hier
höchstes  Mitleid  zu  äußern,  und  die  abenteuerlichsten  Ideen,.
von  denen  hernach  noch  die  Bede  sein  soll,  vorzubringen,,
während  sie  die  eigenen  Landarbeiter  meist  in  Behausungen,
die  den  Zorn  aller  Beobachter  erregen,  verkommen  lassen.
Uns  aber  mag  die  Tatsache,  daß  auch  diese  Herren  Besorgnis ­
  äußern,  beweisen,  wie  besonders  akut  die  WohnungS'
frage  in  unseren  Tagen  geworden  ist.
Wenn  wir  auch  nicht  darüber  im  Zweifel  sind,  daß  sogar'
die  Mittelklassen  in  die  Wohnungsfrage  hineingezogen  sind,
so  tritt  uns  die  Wohnungsnot  doch  im  wesentlichen  in
den  ärmeren  Teilen  der  Bevölkerung  entgegen.  Diese  bedauernswürdigen ­
  Menschen  sind  unfähig,  die  hohen  Mieten,-welche
  die  Bauspekulanten  resp.  Hausbesitzer  von  ihnen  für
eine  gesunde  Wohnung  fordern,  zu  zahlen,  und  müssen  dabei
in  großen  Städten  oft  Räume  nehmen,  welche  für  den  Aufenthalt ­
  eines  Tieres  zu  schlecht  sind.  Im  Durchschnitt  kann
es  der  Lohnarbeiter  selten  auf  drei  Wohnräume  bringen,  und
das  ist  doch  das  allermindeste  Maß,  w^as  gefordert  werden
muß,  da  ein  Familienleben  in  zwei  Stuben,  geschweige  einer
Stube  nicht  denkbar  ist.  Aber  es  gibt  noch  Städte,  welche
gestatten,  daß  menschliche  Wesen  in  Kellerwohnungen
hausen  und  unter  Verhältnissen,  welche  allen  gesitteten  Zuständen
  Hohn  sprechen.
So  meldet  ein  Bericht  aus  Breslau:  „Die  Kellerwohnungenleiden ­
  noch  besonders  unter  den  eigentümlichen  Boden-  und
Grundwasserverhältnissen,  da  die  innere  Stadt  und  die  Vorstadt
des  rechten  Oderufers  auf  porösem  Alluvium  stehen;  in  den  südlichen ­
  Gebieten  lagern  dicht  unter  der  Humusdecke  undurchlässige ­
  Letteschichten,  welche  sich,  der  Gestaltung  der  Oberfläche ­
  folgend,  von  Süden  nach  Norden  allmählich  senken.  Die
atmosphärischen  Niederschläge,  unfähig,  in  das  tiefere  Erdreich
        <pb n="138" />
        Die  Wohnungsfrage.

125

einzudringen,  oder  zu  verdunsten,  stagnieren  daher  und  sickern
unterirdisch  nach  Norden  hinunter  bis  in  den  Stadtgraben.  In
diesem  Terrain  steht  das  Grundwasser  unter  der  Herrschaft  der
Oder  und  überflutet  bei  jedem  Hochwasser  die  Kellersohlen  der
•Oder-  und  Sandvorstadt.“
Auch  die  Dachstuben  sind,  wenn  auch  nicht  so  gefährlich
wie  Kellerwohnungen,  doch  völlig  ungenügend  wegen  des
.  Mangels  an  Licht.  In  ihnen  muß  ein  nicht  unbeträchtlicher
Bruchteil  der  Bevölkerung  aus  Armut  sein  Leben  ohne
Luft  und  Licht  verbringen.  Aber,  obschon  die  arbeitenden
Massen  so  schlecht  wohnen,  müssen  sie  doch  einen  ganz
bedeutenden  Teil  ihres  Einkommens  für  die  Miete  hingeben, ­
  ganz  bedeutend  mehr  als  die  besser  Situierten.
Interessant  ist  eine  Aufzeichnung  Schwabes  über  das  Verhältnis ­
  von  Miete  und  Einkommen  in  verschiedenen
Schichten  der  Bevölkerung.  Es  betrug  bei  einem  Einkommen ­

von  900  Mk.  die  Miete  24,10  °/o  des  Einkommens.

77

1500  „

77

77

22,41

77

77

77

5)

2  250  „

»

77

20,—

77

77

7?

77

3  000  „

7?

77

27,50

77

77

77

75

4  500  „

7?

7?

23,39

77

77

77

77

6  000  „

If

&amp;gt;7

20,56

77

77

77

77

7  500  „

»

77

18,87

77

77

77

77

10  500  „

77

77

16,25

77

77

77

77

12000  „

77

7?

15,12

77

77

77

77

13500  „

75

77

14  —

77

7?

77

77

15  000  „

77

77

13,47

77

7?

77

77

22  500  „

77

77

10,77

7?

77

77

77

30  000  „

7?

77

9,20

77

77

7?

Kein  Wunder  ist  es,  daß  die  Seßhaftigkeit  der  Bevölkerung
in  Anbetracht  der  schlechten  Wohnungen  und  der  Erpressung
seitens  der  Hausbesitzer,  mehr  und  mehr  verschwindet,  daß
die  Mieter  leichten  Herzens  die  Wohnungen  verlassen,  um
neue  zu  suchen.  Sie  leben  der  trügerischen  Hoffnung,  an
neuen  Orten  zu  finden,  was  sie  an  den  alten  vermissen.
So  hat  man  statistisch  nachgewiesen,  daß  für  die  Mehrzahl
■  der  Wohnungen  die  Bezugsdauer  nur  ein  Jahr  währt.  Daß
        <pb n="139" />
        126

Die  Wohnungsfrage.

sich  bei  solchen  traurigen  Zuständen  viele  Mißstände  einstellen ­
  müssen,  ist  natürlich  und  einleuchtend.  Vor  allem
leidet  die  Gesundheit  der  Familien,  wenn  sie  gezwungen
sind,  mit  zwei  Stuben  auszukommen,  wie  uns  eine  Sterblichkeitsziffer ­
  aus  Pest  zeigt.  Die  diesbezüglichen  Beobachtungen ­
  erstrecken  sich  auf  die  Jahre  1872—75  und
auf  455755  Menschen.  Zur  näheren  Beurteilung  wurden
die  Wohnungen  in  vier  Klassen  unterschieden:
1.  Klasse  mit  höchstens  2  Bewohnern  pro  Zimmer.

2.
3.
4.

über  10

5)

Die  Beobachtungen  haben  folgende  Resultate  über  das
d  urchschnittliche  L  eb  en  salter  geliefert  (jedoch  unter  Aus  Schluß
der  Kindersterblichkeit,  d.  h.  aller  derjenigen  Verstorbenen,
die  nur  ein  Alter  von  5  Jahren  und  darunter  erreicht,
haben):  1.  Klasse  hatte  eine  Lebensdauer  von  47,16  Jahren,
2.  Klasse  von  39,50  Jahren,  3.  Klasse  von  37,10  Jahren,
4.  Klasse  von  32,03  Jahren.  Das  durchschnittliche  Lebensalter ­
  der  die  Hauptbevölkerung  bildenden  ärmeren  Klassen
betrug  39  Jahre,  das  durchschnittliche  Lebensalter  der  in
den  Kellerwohnungen  Verstorbenen  37,15  Jahre.  In  den
Wohnungen  der  Armen  sind  die  Herde,  von  denen  die  ansteckenden ­
  Krankheiten  wie  Masern,  Scharlach,  Typhus  usw.
ihren  mörderischen  Zug  durch  die  Bevölkerung  immer  von
neuem  beginnen,  da  an  eine  Ausrottung  der  die  Erkrankung
erzeugenden  Pilze  unter  solchen  Umständen  nicht  gedacht
werden  kann.  Die  Solidarität  des  Menschengeschlechtes  aber
rächt  auch  hier  jede  Verletzung  natürlicher  und  sittlicher  Gesetze: ­
  die  Reichen  sind  —  auch  wenn  sie  noch  so  hygienisch
leben  —  von  jenen  Seucheherden  stets  in  ihrer  Gesundheit
und  ihrem  Leben  bedroht.  Natürlich  erliegen  auch  die
Arbeiterfamilien  den  Seuchen  mehr  als  die  Wohlhabenden..
So  starben  anno  1849  in  London  an  der  Cholera
        <pb n="140" />
        Die  folgende  Tabelle  gibt  uns  noch  Kunde  über  die  im
Jahre  1885  in  Berlin  vorhandenen  Wohnungen  mit  keinem,,
oder  zwei  heizbaren  Zimmern,  sowie  über  die  auf  eine  derselben ­
  fallende  Einwohnerzahl.

Es  kamen  Bewohner
auf
eine  Wohnung

Wohnungen
mit  keinem
heizbaren
Zimmer

W  ohnungen
mit  einem
heizbaren
Zimmer

W  ohnungen
mit  zwei
heizbaren
Zimmern

je

1

Bewohner

902

14  761

2  964

2

n

1032

30123

10  748

3

798

32  282

14  684

4

484

28  394

15  978

5

246

21211

13  771

6

126

13  323

10  562

7

65

7  252

6  520

8

31

3  120

3  512

9

12

1235

1735

10

3

395

749

11

—

111

253

12

—

38

110

13

5

40

14

r  3

5

20

15

Bew.  u.  mehr

)

7

27

Summa

3  702

152  262

|  81673

Als  durchaus  gesundheitswidrig  müssen  diejenigen
Wohnungen  bezeichnet  werden,  welche  1.  kein  heizbares
Zimmer,  2.  ein  heizbares  Zimmer  mit  5  Personen  und  darüber, ­
  3.  zwei  heizbare  Zimmer  mit  7  Personen  und  darüber
enthalten.
Welchen  Einfluß  ungenügende  Zahl  von  Wohnräumen,
in  denen  nicht  einmal  die  Erwachsenen  nach  Geschlechtern
getrennt  sind,  auf  die  Moral  der  Bevölkerung  haben  müssen,
liegt  klar  zu  Tage  und  ist  unendlich  oft  Gegenstand  der
Untersuchung  von  Volksfreunden,  Nationalökonomen  und
Schriftstellern  gewesen.  Von  einem  behaglichen,  erquickenden
Familienleben  kann  schon  in  einer  Wohnung  von  zwei
Räumen,  wie  sie  unsere  Arbeiter  im  Durchschnitt  besitzen,
        <pb n="141" />
        128  Die  Wohnungsfrage.
keine  Rede  sein.  Auf  die  Dauer  fühlt  sich  kein  Familienmitglied ­
  in  den  notwendig  dunstigen  Räumen,  und  sei  die
Familie  auch  noch  so  klein,  wohl.  Ein  Zimmer  muß  Wohnraum,
  Küche,  Kinderstube  und  Trockenspeicher  zu  gleicher
Zeit  sein!  Wer  wagt  es,  einen  Stein  auf  den  Familienvater
zu  werfen,  den  es  abends  in  die  Wirtshäuser  treibt,  um
dort  den  durch  zu  lange  Arbeit  und  Entbehrungen  ermüdeten
Körper  durch  Alkohol  zu  betäuben  ,  dort  die  Erholung  zu
suchen,  die  ihm  sein  Heim  gewähren  sollte!  Wo  aber  der
Vater  nicht  seinen  Kindern  nahe  ist,  wo  die  Frau  kein
Interesse  an  Sauberkeit,  Sparsamkeit  findet,  da  lösen  sich
die  Familienbande,  die  Zucht  der  Kinder  wird  immer
lockerer.  Fast  alle  Klagen,  welche  über  die  zunehmende
Verwilderung  der  Jugend  geführt  werden,  haben  ihren
Grund  in  dem  Mangel  eines  trauten  Familienlebens,  das
Beispiel  des  Guten  und  Schönen  fehlt  den  Kindern.  Das
Familienleben  hat  aber  neben  anderen  eine  geräumige,
saubere  Wohnstätte  zur  Vorbedingung!  —
Wenn  wir  die  Wohnungsfrage  als  einen  integrierenden
Teil  der  sozialen  Frage  unserer  Zeit  auffassen,  so  versteht
sich,  daß  wir  bei  Erforschung  der  Ursachen  auf  alle  die
Faktoren  Rücksicht  nehmen  müssen,  die  auf  die  Lebenshaltung ­
  des  Volkes  überhaupt  Einfluß  haben.  Es  ist,  kurz
gesagt,  die  heutige  Wohnungsnot  eine  notwendige  Konsequenz
des  kapitalistischen  Systems,  das  unserer  Zeit  bis  heute
seinen  Stempel  aufgedrückt  hat,  der  schrankenlosen  Ausbeutung ­
  der  Schwachen  durch  den  Starken  resp.  Pfiffigen.
Gleichsam  die  letzte  Stufe  der  niederträchtigsten  Ausbeutung,
schließt  sie  unsäglich  viel  Jammer  und  Elend  in  sich  ein,
daß  der  Menschenfreund  von  Mitleid  und  Grauen  erfaßt
wird.  Und  wohl  unter  dem  Eindrücke,  welchen  der  Anblick
des  verödeten  Familienlebens  unserer  Armen  auf  sie  gemacht, ­
  hat  die  amerikanische  Dichterin  Mrs.  Browning  die
folgenden  ergreifenden  Worte  gesprochen:
        <pb n="142" />
        Die  "Wohnungsfrage.

129

„Hört  ihr,  Brüder,  nicht  die  Kinder  weinen,
Eh’  die  Zeit  der  Sorgen  ist  erfüllt?
An  die  Mutter  lehnen  sich  die  Kleinen,
Die  der  Tränen  Lauf  nicht  stillt.
Die  jungen  Lämmer  blöken  auf  den  Matten,
Die  jungen  Vögel  zwitschern  in  dem  Nest;
Die  jungen  Kehe  spielen  in  dem  Schatten,
Die  Blümlein  blüh’n,  gekost  vom  "West;
Doch  der  jungen  Kinder  Frohsinn,  Brüder,
Ist  allein  verbannt!
Sie  nur  weinen  in  der  Zeit  der  Lieder
In  der  Freiheit  Land  !  “
Hier  ist  das  Feld,  wo  die  wahnwitzige  Gier  nach  Gold
schamlos  und  ohne  Erbarmen  den  verarmten  Menschen  die
letzten  Heller  für  ein  Obdach  auszupressen  sucht,  sicher,
daß  die  Armen  nicht  mehr  entrinnen  können.  Denn  wohin
anders  als  in  die  Stadt  könnten  diese  noch  wandern,  nachdem ­
  der  Hunger  sie  von  dem  Ackerlande  vertrieben!  Über
den  Ozean  in  fremde  Länder  sind  freilich  ungezählte  gezogen, ­
  aber  nicht  alle  hatten  dazu  Lust,  nachdem  es  ihnen
verwehrt,  auf  dem  platten  Lande  als  Bauern  und  Tagelöhner ­
  ihr  Brot  zu  erwerben.  Das  Vaterland  hat  keinen
Raum  mehr  für  seine  Kinder,  es  läßt  sie  darben,  wo  für
alle  genug  ist.  Sind  nicht  auch  heute  die  Worte  zutreffend,
welche  der  mutige  Volkstribun  Tiberius  Gracchus  den
Plebejern  zurief:  „Männer  Roms,  ihr  werdet  die  Herren
der  Welt  genannt,  und  doch  habt  Ihr  kein  Recht  auf  einen
Fuß  breit  ihres  Bodens!  Die  wilden  Tiere  haben  ihre
Höhlen,  aber  die  Krieger  Italiens  nur  Wasser  und  Luft.“
Zur  großen  Stadt  treibt  hypothekarische  Verschulduug
und  Arbeitslosigkeit  Bauern  und  Tagelöhner,  und  mit  der
relativen  Entvölkerung  des  platten  Landes  steht  das  krankhafte ­
  Anwachsen  der  Städte  in  direktem  Zusammenhänge.
Die  Zunahme  des  Großgrundbesitzes  und  der  hypothekarischen
Verschuldung  haben  einen  unheilvollen  Wandertrieb  in  die
ländliche  Bevölkerung  gebracht.
Von  großem  Interesse  ist  ein  Vergleich  zwischen  der
Wehberg,  Die  Bodenreform.  .  9
        <pb n="143" />
        f;

Einwohnerzahl  der  größeren  Städte  von  jetzt  und  einst,  denn
es  ist  wunderbar,  welche  Steigerung  in  der  Einwohnerzahl
gerade  seit  1820  die  größeren  Städte  erfahren  haben.  Nachstehend ­
  sind  die  26  Wasserköpfe  Deutschlands  aufgeführt,
welche  nach  der  letzten  Zählung  1890  über  100  000  Einwohner ­
  haben;  daneben  ist  die  Einwohnerzahl  derselben
Städte  gestellt,  wie  sie  Cannabich  in  seinem  viel  benutzten
Lehrbuch  der  Geographie  (12.  Aufi.  1829)  angibt.  Cannabich
gründet  seine  Angaben  vielfach  auf  das  Jahr  1821.  Freilich
mögen  wohl  auch  die  Zählungen  anderer  Jahre  mit  unterlaufen,
aber  immerhin  erlangen  wir  auch  danach  noch  ein  zutreffendes
Bild  über  die  Vermehrung  der  Städtebevölkerung.

Namen

Ein  wohnerzahl
vor  ca.  j  iQqn
70  Jahren  j  1Ö9U

1.  Berlin

220  277

1579  244

2.  Leipzig

37  919

353  272

3.  München

66  125

344  898

4.  Breslau

82  282

335  710

5.  Hamburg

111700

323  729

6.  Köln

62  479

281  273

7.  Dresden

51000

276  085

8.  Magdeburg

38  531

202  325

9.  Erankfurt  a.  M

43  000

179  850

10.  Hannover

27  483

165  499

11.  Königsberg

62  469

161  525

12.  Düsseldorf

16  300

144  682

18.  Altona  '

25  000

143  249

14.  Nürnberg

39  537

142  404

15.  Stuttgart

32  000

139  000

16.  Chemnitz

19  000

138  855

17.  Elberfeld

26  515

125  830

18.  Bremen

37  700

124  940

19.  Straßburg

49  700

123  566

20.  Danzig

55  395

120  459

21.  Barmen

19  566

116  248

22.  Stettin

27  549

116  239

23.  Krefeld

15  690

105  371

24.  Aachen

35  428

103  491

25.  Halle  a.  d.  S

23  688

101401

26.  Braunschweig

34  300

101  115

Unter  dem  kapitalistischen  System  sind  es  im  wesentlichen
drei  Faktoren,  welche  einzelnen  Mächtigen  die  Aneignung
        <pb n="144" />
        Die  Wohnungsfrage.

131

fremder  Arbeit  ermöglichen.  Grundrente,  Zins  und
Unternehmerprofit  nehmen  den  Löwenanteil  der  Produktion ­
  für  sich  in  Anspruch  und  überlassen  davon  der
schaffenden,  geistigen  und  körperlichen  Arbeit  nur  einen
winzigen  Rest.  Von  diesen  werden  wir  bei  Besprechung
der  Wohnungsfrage  vor  allem  die  Grundrente  und  den
Zins  hervorheben.  Vom  Lande  kann  die  Bevölkerung  noch
abziehen,  sie  kann  den  Steigerungen  des  Pachtzinses  usw.  entgehen, ­
  aber  einmal  in  der  Stadt  können  die  Menschen  weder
vorwärts  noch  rückwärts,  hier  müssen  sie  stillhalten  und
zahlen.  Besonders  groß  ist  aber  die  Erpressung,  wenn,
wie  es  neuerdings  vielfach  geschieht,  Aftermieter  ganze
Häuser  pachten,  um  sich  durch  Vermieten  einen  Lebensunterhalt ­
  zu  verschaffen.  Solche  Wohnungen  sind  auch
die  schmutzigsten  und  teuersten,  zumal  an  Reparaturen
kaum  gedacht  wird.  Ist  das  Haus  gründlich  abgenutzt,  so
findet  sich  immer  noch  ein  feiner  Käufer,  der  es  fertig
bringt,  sein  Schäfchen  ins  trockene  zu  bringen  und  die
bitterste  Armut  auszusaugen.  Das  Wohnhaus,  die  Stätte,
welche  unsem  Kindern  die  ersten  und  bleibenden  Eindrücke
gibt,  ist  zum  Spekulations-,  zum  Wucherobjekt  geworden  —
ein  unwürdiger  und  unerträglicher  Zustand!
Am  meisten  gewinnen  in  solchen  vom  Strome  der  Einwanderung ­
  bevorzugten  Städten  die  Eigentümer  von.Grund
und  Boden,  und  es  ist  für  jemanden,  dem  dieser  Gang
unbekannt  ist,  schier  unglaublich,  welche  Preise  für  ein
Fleckchen  Erde  erzielt  werden.  Dürre  Sandlöcher  selbst,
welche  man  vor  einigen  Jahrzehnten  fast  geschenkt  erhalten
konnte,  bringen  ihren  Besitzern  ungeheure  Summen  ein,
ohne  daß  diese  auch  nur  einen  Finger  zu  rühren  brauchen.
Eine  ungeahnte  Bautätigkeit  entwickelt  sich  in  den
Städten,  nicht  allein  der  Bodenspekulant  schwimmt  in
Wonne,  auch  die  Handwerker  und  Kaufleute  sehen  den
Himmel  voller  Geigen.  Da  das  Kapital  von  den  Kapitalisten
9*
        <pb n="145" />
        132

Die  Wohnungsfrage.

anscheinend  in  selbstloser  Weise  zur  Verfügung  gestellt
wurde,  so  hofften  alle  Beteiligten  —  natürlich  mit  Ausnahme
der  Mieter  —,  ein  gutes  Stück  zu  verdienen.  Alle  leben
der  Hoffnung,  daß  der  Zustand  der  Dinge  immer  so  bleiben
werde.  Ferner,  da  es  einigen  Unternehmern  geglückt  ist,
sich  binnen  kurzem  durch  Spekulation  in  Grund  und  Boden
zu  bereichern,  so  finden  sich  Leute  genug,  die  jenen  nacheifern. ­
  Die  Bodenpreise  müssen  ja  unzweifelhaft  in  alle
Zukunft  steigen,  man  hegt  daher  kein  Bedenken,  die  geforderten ­
  höchsten  Preise  zu  zahlen  resp.  gegen  Hypothek
zu  übernehmen.  Die  Mieter  werden  ja  die  Zinsen  und
Amortisation  des  Kapitales  in  wenigen  Jahren  zahlen  müssen,
zumal  man  ja  schon  bei  Erbauung  der  Häuser  durch  Verwendung ­
  schlechten  Materials  möglichst  sparen  kann.  Man
baut  ja  doch  keine  Wohnungen  für  Menschen,  man  baut
nur  Spekulationsobjekte,  um  Geld  zu  verdienen  und  schnell
reich  zu  werden.  Aber  diese  braven  Leute  bedenken  nicht,
daß  auch  unter  der  kapitalistischen  Ordnung  die  Bäume
nicht  in  den  Himmel  wachsen,  daß  sich  jede  Verletzung
der  Gerechtigkeit  unabwendbar  rächen  muß!  Eine  dem
kapitalistischen  Systeme  eigentümliche  Erscheinung  ist  das
beständige  Auf-  und  Niederschwanken  der  Produktion  resp.
der  Erwerbsverhältnisse:  Auf  Zeiten  fieberhafter  Tätigkeit
folgen  Perioden,  in  denen  die  werktätige  Bevölkerung
gegen  ihren  Willen  zu  verminderter  Arbeitsleistung  verdammt ­
  ist,  was  natürlich  eine  Verminderung  des  Lohnes
zur  Folge  hat.  Da  das  Wesen  des  kapitalistischen  Systems
darin  beruht,  daß  einzelne  Menschen  sich  auf  Kosten  der
größeren  Mehrzahl  bereichern,  so  folgt,  daß  diese  wenigen
Anspruch  auf  die  Güter,  welche  die  geistige  und  körperliche ­
  Arbeit  geschaffen  haben,  besitzen.  Soll  aber  der
Güterumlauf  wie  die  neue  Produktion  in  gesunden  Bahnen
verlaufen,  so  müssen  vor  allem  die  bereits  geschaffenen
Produkte  verbraucht  werden,  soweit  sie  nicht  für  die
        <pb n="146" />
        Die  Wohnungsfrage.

133

künftige  Produktion  gespart  werden.  Dies  letztere  geschieht
aber  leider  nur  selten,  denn  die  große  schaffende  Menge,  —
zu  der  auch  die  Bauern  und  Handwerker  zu  rechnen  sind  —
bekommt  ja  nicht  den  vollen  Ertrag  der  Arbeit.  Es  kann
nicht  jedes  Produkt  einen  Käufer  finden,  denn  die  Reichen,
welchen  die  Mittel,  es  zu  kaufen,  zugefallen  sind,  können
beim  besten  Willen  nicht  alles  verzehren.  Sie  sind  daher
gezwungen,  ihr  Geld  sonstwie  unterzubringen,  um  ihren
Reichtum  auf  die  bekannte  Weise  zu  mehren.  Die  schaffenden
Klassen  —  Arbeiter,  Bauern,  Handwerker  und  ein  nicht
unbeträchtlicher  Teil  kleiner  Unternehmer  —  möchten  gern
kaufen,  wessen  sie  so  sehr  bedürften:  Wohnung,  Kleidung,
Nahrung.  Aber  sie  haben  die  Mittel  zum  Tausche  in  Gestalt ­
  von  Pacht,  Zins  und  Unternehmerprofit  abgeben
müssen.  So  haben  wir  einen  Zustand,  der  uns  allen  als
ein  höchst  betrübender  bekannt,  und  der  fälschlich  mit  dem
Namen  „Überproduktion“  bezeichnet  worden  ist.  Denn  in
Wahrheit  muß  er  „Unterkonsumtion“  heißen,  da  er  allein
aus  der  Unfähigkeit  der  geistigen  und  körperlichen  Arbeiter
entsteht,  die  vorhandenen  Vorräte  zu  verzehren.  Sie  mußten
ihre  Ansprüche  an  die  Produkte  infolge  der  wirtschaftlichen ­
  und  rechtlichen  Entwicklung  den  Mächtigen  abtreten.
Es  erfolgte  ein  Einschränkung  der  Gütererzeugung  so  lange,
bis  die  gehäuften  Vorräte  entweder  gekauft  oder  verdorben
sind,  wozu,  wie  uns  die  Tatsachen  gelehrt  haben,  ungefähr
13  Jahre  nötig  sind.  In  allen  Berufen  sinken  die  Löhne
infolge  der  Verminderung  der  Arbeitsgelegenheit;  die  Lebenshaltung, ­
  besonders  der  Lohnarbeiter,  verschlechtert  sich.
Jedermann  schränkt  sich  ein,  und  nicht  zuletzt  in  seinen
Wohnungsverhältnissen:  Arbeiter,  welche  drei  Stuben  hatten,
nehmen  zwei,  ja  ärmere  gehen  auf  eine  zurück;  Beamte,
Gelehrte,  Kaufleute,  Handwerker  richten  sich,  zumal  bei
teuren  Lebensmittelpreisen,  auf  wenige  Räume  ein.  Langsam ­
  tritt  auch  ein  Krach  in  der  Bauspekulation  ein,  herbei-
        <pb n="147" />
        134

Die  Wohnungsfrage.

geführt  durch  leerstehende  Räume,  welche  keine  Miete  einbringen.
  Dazu  kommt  noch,  daß  eine  große  Anzahl  von
Mietern  gar  nicht  in  der  Lage  ist,  den  Zahlungsverpflichtungen
nachzukommen.  Die  natürliche  Folge  ist  ein  Rückgang
der  Mietpreise  und  im  Anschluß  daran  der  Bankerott  vieler
Spekulanten.  Die  Zusammenbrüche  bringen  für  unsere
Handwerker  verheerenden  Verlust.  Das  ist  der  Zeitpunkt,
wo  die  großen  Geldmänner  ihre  Säcke  füllen  und  hohnlachend ­
  die  fertigen  Häuser  zu  Spottpreisen  an  sich  bringen.
Die  verfluchte  Gier  nach  Gold  hat  diese  Menschen  ergriffen ­
  und  erstickt  alle  edlen  menschlichen  Regungen  in
ihren  Herzen.  Ja,  nicht  allein  sogenannte  dunkle  Existenzen
treiben  ihr  ausbeuterisches  Handwerk,  vielmehr  sehen  wir
Männer  unter  ihnen,  denen  ihre  öffentliche  Stellung  es  nicht
gestatten  sollte,  Boden-  oder  Bauspekulanten  zu  sein.  In
welche  Gemeinden  wir  auch  schauen,  gleichviel  welches
Glaubensbekenntnis  wir  in  Betracht  ziehen,  wir  gewahren,
daß  Mitglieder  von  Kirchenvorständen  oft  eifrige  Bodenund
  Häuserwucherer  sind.  Was  können  den  Geistlichen
die  Klagen  über  die  zunehmende  Lauheit  in  kirchlichen
Dingen  helfen,  wenn  sie  nicht  energisch  Front  gegen  solche
Leute  machen,  die  mehr  als  andere  hervorheben,  Christi
Diener  und  Jünger  zu  sein,  und  doch  Lust  an  der  Ausbeutung ­
  ihrer  Brüder  finden!  Christus  aber  selbst,  welchen
sie  als  Stifter  ihrer  Kirchen  vorgeben,  hat  diese  Pflichtvergessenen ­
  ernsthaft  ermahnt  mit  den  Worten:  „Wehe  dem,
der  sich  mästet  von  dem  Schweiße  seines  Bruders!"
Aber  nicht  immer  sind  die  Herren  Kapitalisten  mit  dem
Erlöse  aus  der  Grundspekulation  zufrieden,  sie  suchen  noch
andere  Wege,  sich  auf  Kosten  ihrer  Nebenmenschen  zu  bereichern. ­
  Einer  dieser  Wege  ist  der,  die  Bauhandwerker
und  Lieferanten  bzw.  Arbeiter  um  die  Früchte  ihres  Fleißes
zu  bringen.  Zu  diesem  Zwecke  mieten  sie  einen  ebenso
gewissenlosen  Menschen,  der  sich  als  Bauherr  bezeichnet,
        <pb n="148" />
        Die  Wohnungsfrage.

135

in  Wahrheit  aber  nichts  besitzt,  und  verkaufen  diesem  auf
dem  Wege  des  Rechtes  einen  Baugrund.  Da  es  dem  Bauherrn ­
  auf  die  Höhe  der  Summen  gar  nicht  ankommt,  weil  er
nichts  zu  verlieren  hat,  so  zahlt  er  in  Gedanken  und  dann  auf
dem  Vertragspapiere  eine  sehr  viel  höhere  Summe,  als  ein
reeller  Unternehmer  tun  würde.  Diese  Kaufsumme,  die
also  einen  schon  künstlich  geschwindelten  Bodenpreis  darstellt, ­
  wird  hypothekarisch  eingetragen.  Das  eigentliche
Baugeld  gibt  entweder  derselbe  Kapitalist  oder  ein  anderer.
Natürlich  wird  niemand,  der  die  Verhältnisse  kernt,  zumal
bei  den  künstlich  emporgetriebenen  Grundwerten,  die  außerdem ­
  noch  der  Konjunktur  unterliegen,  soviel  Geld  zum
Bauen  auf  das  Haus  geben,  daß  damit  der  letzte  Nagel
bezahlt  werden  kann.  Da  aber  der  Bauherr  in  den  meisten
Bällen  mittellos  ist,  so  müssen  von  vornherein  die  Bauhandwerker ­
  darauf  gefaßt  sein,  betrogen  zu  werden.  Es
gibt  da  verschiedene  Möglichkeiten:  1.  Bei  steigender,  guter
Konjunktur  kann  der  sogenannte  Bauherr  gut  verkaufen
und  seine  Lieferanten,  Handwerker  bezahlen,  oder  er  übernimmt ­
  neue  Bauten  und  stopft  mit  dem  erhaltenen  neuen
Gelde  die  alten  Schulden  zu.  2.  Bei  sinkender  Konjunktur
ist  nicht  allein  die  Arbeit  der  Handwerker  usw.  verloren,
ja  es  fallen  oft  zweite  Hypotheken  aus.  3.  Der  gute  Bauherr ­
  lebt  herrlich  und  in  Freuden,  verpraßt  einen  Teil  des
Geldes  und  schädigt  die  anderen  um  so  mehr.
So  ist  es  natürlich,  daß  es  oft  zur  Zwangsversteigerung
kommen  muß,  bei  der  diejenigen  hineinfallen,  welche  keine
gute  hypothekarische  Sicherheit  haben.  Gewonnen  hat
aber  sicher  der,  welcher  den  Boden  zu  enormen  Preisen
abgab,  und  man  kann  ruhig  sagen,  daß  die  meisten  Bodenwucherer ­
  es  darauf  anlegen,  die  Handwerker  systematisch
auszurauben.
Wie  sehr  die  Subhastationen  unter  dieser  Betrugswirtschaft
gang  und  gäbe  sind,  zeigenfolgende  Zahlen:  in  Hamburg  wurden
        <pb n="149" />
        136

Die  Wohnungsfrage.

subhastiert  1890:  154,  1891:  240  Neubauten,  und  bei  den
letzteren  240  Zwangsversteigerungen  fielen  vier  Millionen
Mark  bei  einer  Belastung  von  nur  21  Vs  Million  Mark  aus!.
In  Berlin  waren:

1890  Neubauten  535,  Subhastationen  133,

1891

n

442,

242,

1892

333,

n

356,

1893

296,

Y)

371.

Von  welcher  Qualität  diese  genannten  Bauherrn  oft  sind,,
zeigt  uns  ein  Nachweis  aus  Berlin.  Dort  unterschlugen  29
Prozent  dieser  Bauherrn  im  Jahre  1891  Krankenkassengelder
ihrer  Arbeiter  im  Betrage  von  19000  Mark.  Daß  dabei  die
Handwerker  oft  das  Rechtsgefühl  verlieren  und  sich  rechtswidrig ­
  ihre  Arbeiten  aus  den  Neubauten  wieder  holen,  ist
ja  bekannt,  aber  es  ist  auch  bemerkenswert,  daß  die  Sympathie
des  Publikums  auf  ihrer  Seite  steht.  Wie  wahnwitzig
übrigens  die  Bodenpreise  in  den  Städten  gestiegen  sind,,
wie  dabei  die  Ausbeutung  aller  Volkskreise  durch  die  habgierigen ­
  Kapitalistenringe  zugenommen  hat,  sehen  wir  daran,,
daß  in  den  letzten  acht  Jahren  die  hypothekarische  Belastung,
in  den  Städten  um  weitere  fünf  Milliarden  Mark  angewachsen
ist.  Wo  aber  anders  her  als  aus  dem  Schweiße  des  Volkes
müssen  die  Zinsen  in  Form  der  Mieten  aufgebracht  werden?
Einen  neuen  „Trik“  der  Bauschwindler  schildert  das-„Berl.
  Korr.-Bureau.“  Es  behauptet  nämlich  folgendes:
„Darlehnssuchern,  welche  durch  Anzeigen  Geld  zu  erhalten
wünschen,  gehen  in  der  letzten  Zeit  häufig  Anerbietungen  zu,,
daß  sie  gegen  6  v.  H.  Zinsen  das  gewünschte  Darlehen  erhalten ­
  können,  wenn  sie  eine  Wohnung  in  einem,  dem  Geldgeber ­
  gehörigen  Hause  mieten  würden.  Ist  der  Darlehnssucher ­
  ,  über  den  die  vorher  eingezogene  Erkundigung  natürlich ­
  einigermaßen  günstig  lauten  muß,  bereit,  diese  Bedingung
zu  erfüllen,  so  muß  er  bei  hochgeschraubter  Miete  einen
meist  fünfjährigen  Vertrag  unterzeichnen.  Auf  diese  Weise  wird
so  manches  schlecht  gebaute  und  unbezahlte  Haus  in  kurzer
Zeit  bevölkert.  Nun  werden  alle  Hebel  in  Bewegung  gesetzt,
um  das  Haus  zu  verkaufen.  Aus  den  Mietsverträgen  ergibt
sich  ziffermäßig  ein  hübscher  Überschuß,  und  bald  ist  für
        <pb n="150" />
        Die  Wohnungsfrage.

137

die  anscheinend  günstige  Kapitalsanlage  ein  zahlungsfähiger
Käufer  gefunden,  an  den  das  Haus  mit  großem  Nutzen  verkauft ­
  wird.“
Längerer  Zeit  des  Niederganges  folgt  dann  wieder  ein
Aufschwung  der  Gewerbstätigkeit;  die  aufgehäuften  Produkte
sind  allmählich  verschwunden;  sogenanntes  neues  Vertrauen
kehrt  in  die  werktätigen  Kreise  zurück;  der  Tanz  um  das
goldene  Kalb  beginnt  von  neuem.  So  lange  der'  Druck
auf  der  Landwirtschaft  lastet,  die  Großgrundbesitzungen
und  Hypotheken  wachsen,  ziehen  die  Bauern  und  Tagelöhner
weiter  in  die  Städte,  die  Mieten  ziehen  wieder  an,  der
Wert  des  städtischen  Bodens  steigt  verhältnismäßig  schneller.
Dreimal  haben  wir  im  Laufe  der  letzten  36  Jahre  den  Aufschwung ­
  mit  dem  Niedergang  abwechseln  sehen,  immer
schärfer  wurden  die  Krisen,  immer  ärmer  das  Volk,  immer
höher  stiegen  die  städtischen  Mieten  und  Hypothekenbelastungen. ­

Es  ist  heute  wieder  jener  Zustand  der  Gesetze  eingetreten,,
von  dem  Goethe  den  Mephistopheles  so  treffend  sagen  läßt:
Es  erben  sich  Gesetz  und  Rechte
Wie  eine  ewige  Krankheit  fort!
Sie  schleppen  von  Geschlecht  sich  zu  Geschlechte
Und  rücken  sacht  von  Ort  zu  Ort!
Vernunft  wird  Unsinn,  Wohltat  —  Plage,
Weh’  dir,  daß  du  ein  Enkel  bist!
Vom  Rechte,  das  mit  uns  geboren  ist,
Von  dem  ist  leider  nie  die  Frage!
Es  sei  gestattet,  eine  Tabelle  anzufügen,  welche  die
enormen  Preissteigerungen  in  Berlin,  wie  solche  von  dem
Jahre  1868  bis  1877  vor  sich  gegangen,  darlegt.  Im  Durchschnitt ­
  ist  ein  Emporschnellen  der  Mieten  um  70  Prozent
zu  verzeichnen:
Die  Konzentration  der  großen  Kapitalien  nimmt  immer
zu  und  mit  ihr  eine  unerhört  zu  nennende  Sucht  der  Hausbesitzer, ­
  die  Mieten  zu  steigern,  weil  nichts  angenehmer  ist
als  arbeitsloses  Einkommen  auf  Kosten  der  Arbeit.  Es  ist
        <pb n="151" />
        138

Die  Wohnungsfrage.

Stadtteil

Mietsertrag

Steigerung

1868

1877

zirka

M

Jt,

°/o

I.  Alt  Berlin.
Spandauerstraße
Königstraße

334  365
37.5  438

470  494
564  061

47
50

II.  Alt  Kölln.
Briiderstaße
Breitestraße

228  840
161  703

344078
234  714

50
45

III.  Friedrichswerder.
Hausvogteiplatz

113  325

169  267

49

IV.  Dorotheenstadt.
Unter  den  Linden  ....
Dorotheenstraße

552  158
364  393

813  231
556  345

47
53

V.  Friedrichsstadt.
Zimmerstraße

282  687

455  652

61

VI.  Friedrichsvorstadt.
Köthenerstraße

177  657

276  074

55

VII.  SchönebergerVorstadt.
Steglitzerstraße

103  116

186  815

81

VIII.  Tempelhofer  Vorstadt.
Belle-Alliancestraße.  .  .  .
Notizstraße

157  827
58482

298  747
120  894

89
106

IX.  Louisenstadt.
Alexandrinenstraße  ....
Kommandantenstraße  .  .

479  974
336  969

794379
618405

65
68

X.  Neu-Kölln.
Wallstraße

485  222

714483

47

XI.  Stralauer  Viertel.
Blumenstraße

185  241

315  850

70

XII.  Königs  Viertel.
Landsbergerstraße  ....

227  385

352  636

55

XIII.  Spandauer  Viertel.
Oranienburger  Straße  .  .

204  192

305  410

49

XIV.  Rosentaler  Vorstadt.
Brunnenstraße

72  475

115  216

59

XV.  Oranienburger  Vorstadt.
Invalidenstraße
Ackerstraße

227  595
88  929

371  948
156  170

63
75

XVI.  Friedrich-Wilhelmstadt.
Louisenstraße
Karlstraße

239  193
146  001

364  766
233  551

52
59

XVII.  Moabit.
Turmstraße

23  429

54  330

62

XVIII.  Wedding.
Möllerstraße

70  496

125  653

78
        <pb n="152" />
        Die  Wohnungsfrage.

139

hier  ein  furchtbarer  Kampf  aller  gegen  alle  entbrannt;
jede  Rücksicht  selbst  auf  Freundschaft  und  Nachbarschaft
ist  entschwunden;  Mammon  gilt  bei  jenen  Menschen  alles.
Und  so  hoffnungslos  hat  die  Ausgesogenen  vielfach  die
üble  Lage  ihrer  wirtschaftlichen  Verhältnisse  gemacht,  daß
eine  große  Anzahl  nur  noch  Heil  und  Rettung  in  dem
Programme  des  Kommunismus,  wie  ihn  die  Sozialdemokratie
vertritt,  erblicken  kann.
Man  hat  sich  nun  bei  dem  Gedanken  an  die  Besserung
der  Wohnungsverhältnisse  selten  von  der  Einsicht  leiten
lassen,  daß  die  Wohnungsnot  nur  ein  Teil  der  sozialen
Frage  ist,  sondern  hat  gehandelt,  als  sei  sie  eine  Frage  für
sich.  Wir  sehen  das  bei  allen  gesetzgeberischen  Versuchen,
welche  besonders  in  England  und  Frankreich  in  dieser
Hinsicht  gemacht  sind;  wir  können  es  auch  bei  den  Bemühungen ­
  der  Privaten  bemerken.  Niemals  hat  man  bis
vor  kurzem  darauf  Rücksicht  genommen,  daß  die  schlechten
Wohnungszustände  zum  großen  Teile  durch  den  krankhaften ­
  Zug  der  ländlichen  Bevölkerung  nach  den  Städten
eintreten;  man  hat  nicht  versucht,  diesen  Strom  zurück-.zuhalten.
  Daher  leuchtet  es  von  selbst  ein,  daß  das  Erbauen ­
  von  einigen  Häusern  gar  keine  Bedeutung  haben
kann,  vor  allem  aber  dann  nicht,  wenn  man  sich  darauf
beschränkt,  im  wesentlichen  alte  Spelunken  abzureißen  und
an  deren  Stelle  neue  Häuser  zu  setzen.
Englands  Gesetzgebung  hat  sich  schon  in  den  20er
Jahren  dieses  Jahrhunderts  mit  der  Besserung  der  Wohnungsverhältnisse, ­
  zumal  der  arbeitenden  Klasse,  beschäftigt,  aber
alle  Bemühungen  nach  dieser  Richtung  sind  nur  ein  Tropfen
auf  einen  heißen  Stein  gewesen.  Das  Wohnungselend  in
den  englischen  Städten,  zumal  in  London  ist  ein  sehr  großes.
Ehe  wir  auf  die  eigentliche  Arbeiter-Wohnungs-Gesetzgebung
  eingehen,  wollen  wir  erwähnen,  daß  den  Behörden
schon  längst  eine  Reihe  gesetzlicher  Befugnisse  gegen  grobe
        <pb n="153" />
        140

Die  Wohnungsfrage.

Mißstände  im  Wohnungswesen  zustanden.  Häuser,  Gruben,
Gossen,  Flüsse,  Aborte,  Senkgruben,  Ställe  und  Fabriken
unterlagen  der  Aufsicht  der  zuständigen  Behörden.  Ja,
diese  Behörden  waren  verpflichtet,  von  Zeit  zu  Zeit  den
Distrikt  zu  inspizieren,  um  sich  zu  versichern,  was  für
"Übelstände,  deren  Beseitigung  das  Gesetz  verlangte,  beständen, ­
  und  solche  nach  Anleitung  ihrer  Befugnisse  zu  beseitigen. ­
  Man  hatte  strenge  Paragraphen  gegen  etwaige
Überfüllung;  und  die  Schließung  eines  mit  Menschen  überfüllten ­
  Hauses  war  gestattet.  Aber  die  schönen  Gesetze
standen  auf  dem  Papier;  sie  auszuführen,  daran  dachte
niemand.  Die  Mitglieder  der  Lokalbehörde,  welche  aus
allgemeinen  Wahlen  hervorgingen,  waren  zum  Teil  unfähig,
zum  größten  Teil  aber  an  der  Erhaltung  des  alten  Zustandes
zu  sehr  interessiert.  In  einer  sehr  scharfen  Weise,  welcheauch
  für  andere  Länder  und  Städte  Anwendung  finden
mag,  geißelt  der  Handelsminister  diese  famosen  Bürgervertretungen. ­
  Er  schreibt  in  einem  Artikel  folgendes:
„In  London,  wo  das  Übel  am  größten  ist,  steht  der  Mangel
einer  wirksamen  und  wahrhaft  repräsentativen  Gewalt  der  oberen
Behörden  der  Reform  im  Wege.  Die  Lokalbehörden,  welche
oft  in  der  Hand  von  Cliquen  und  durch  Wahlen  bestellt  sind,
welche  kein  öffentliches  Interesse  erregen  —  also  Klassenwahlen
  wie  bei  uns  —  bestehen  größtenteils  aus  Eigentümern
kleiner  Häuser,  von  denen  man  nicht  erwarten  kann,  daß  sie  ein.
Gesetz,  das  sich  gegen  sie  selbst  richtet,  mit  Enthusiasmus  in
Kraft  setzen  werden.  Selbst  im  Lande  ist  diese  Klasse  einflußreich ­
  in  den  Stadträten,  und  der  Druck  einer  unabhängigen  Behörde ­
  ist  beinahe  wesentlich,  um  diese  Körperschaften  zu  veranlassen, ­
  einen  Kreuzzug  zu  unternehmen,  der  ihnen  gewiß  zahlreiche ­
  Widersacher  bringen  und  ihre  eigenen  pekuniären.
Interessen  erheblich  verletzen  könnte.“
So  kam  es,  daß  ein  Einschreiten  der  Behörden  erst  erfolgte, ­
  wenn  durch  grobe  Mißstände  in  den  Spelunken  die
öffentliche  Meinung  erregt  wurde  und  Abstellung  verlangte.
Daß  die  angestellten  Sanitätsbeamten  keinen  besonderen
Einfluß  haben  konnten,  ist  selbstverständlich.  Denn  sie-
        <pb n="154" />
        Die  Wohnungsfrage.

141

"waren  in  ihrer  Stellung  wesentlich  von  den  Lokalbehörden
abhängig,  welche  sich  nicht  allein  aus  Hausbesitzern,  sondern
sogar  aus  Aftervermietern  zusammen  setzten.  Die  Inspektoren
wurden  ebenso  wie  der  zuständige  Medizinalbeamte  von
den  Cliquen  angestellt,  besoldet  und  entlassen.  Ja,  es
konnte  nachgewiesen  werden,  daß  der  Druck  der  Stadträte
auf  diese  Beamten  so  groß  war,  daß  diese  letzteren  auch
dann  stillschwiegen,  wenn  bekannt  wurde,  daß  die  Mitglieder
des  Stadtrates  Eigentümer  der  meisten  Spelunken  waren.
Aus  diesen  Gründen:  1.  Wegen  der  Untätigkeit  und  faulen
Zusammensetzung  des  Stadtrates  und  2.  wegen  der  zu  geringen ­
  Befugnis  der  Aufsichtsbehörden  wurde  eine  Besserung
der  Wohnungsverhältnisse  nicht  erreicht.  Hier  und  da
wurde  wohl  eine  alte  Spelunke  angekauft  und  verbessert,
aber  an  durchgehende  Maßregeln  dachte  niemand;  die  Herren
.Stadträte  schnitten  sich  eben  nicht  in  das  eigene  Fleisch.
Dieselben  Gründe,  welche  eine  Verbesserung  der  Wohnungszustände ­
  verhinderten,  standen  einer  entschiedenen  Durchführung ­
  der  später  erlassenen  Gesetze  über  Arbeiterwohnungen
im  Wege.  Das  erste  Gesetz,  welches  seinen  Namen  von
dem  Abgeordneten  Torrens  hat,  sollte  für  Städte  über
10000  Einwohner  gültig  sein  und  bestimmte:  "Wenn  der
Medizinalbeamte  oder  vier  Hausbesitzer  eine  Eingabe  über  den
schlechten  Zustand  eines  Hauses  machen,  so  kann  der  Eigentümer ­
  gezwungen  werden,  das  Haus  zu  verändern,  selbst
niederzureißen  und  wieder  zu  bebauen.  Unterläßt  dieser
es,  so  kann  es  die  Lokalbehörde  auf  Kosten  des  Eigentümers ­
  bewirken  lassen.  Da  aber  die  Mehrheit  der  Hausbesitzer ­
  selbst  Besitzer  von  Spelunken  waren,  also  ein
Interesse  an  der  Aufrechthaltung  des  schlechten  Zustandes
hatten,  der  Medizinalbeamte  aber  nach  der  Pfeife  der
Herren  Stadtväter  tanzen  mußte,  so  liefen  platterdings  keine
Beschwerden  ein,  die  Zustände  blieben  beim  alten.
Deshalb  wurde,  10  Jahre  später,  1878,  eine  Ergänzung

■  mm
        <pb n="155" />
        m

142  Die  Wohnungsfrage.
zu  dem  Torrensgesetz  gegeben,  welches  bestimmte,  daß :
der  Eigentümer  eines  Hauses,  an  welchem  bauliche  Veränderungen ­
  zu  machen  sind,  den  Ankauf  des  Hauses  durch
die  Ortsbehörde  verlangen  kann.  Die  Kosten  trug  der
betreffende  Distrikt,  in  dem  das  Haus  stand.  Aber  da
dieser  Plan  den  Lokalbehörden,  welche  aus  eigennützigen
Hausbesitzern  und  Bodenspekulanten  bestanden,  Auslagen
verursachte,  so  unterblieb  hier  wiederum  die  Anzeige.  Und
besonders  machte  sich  auch  hier  der  unerträgliche  Druck
geltend,  den  die  Hausbesitzer  im  Stadtrate  auf  den  abhängigen ­
  Medizinalbeamten  ausübten.  Man  sieht:  Demokratische ­
  Prinzipien,  wie  das  Selbstbestimmungsrecht  der  Gemeinden, ­
  sind  nur  dann  von  Wert,  wenn  der  brutale  Egoismus
und  das  Cliquenwesen  daraus  fern  gehalten  werden,  wenn
die  Vertretung  wirklich  eine  demokratische  ist.
Eine  zielbewußte  Politik  hätte  andere  Wege  zur  Besserung
der  Wohnungszustände  einschlagen  müssen.  Sie  hätte  durch
eine  Bodenreform,  welche  das  platte  Land  wieder  den
Bauern  zugänglich  macht,  den  Zuzug  in  die  großen  Städte
vermindern  sollen;  sie  hätte  ferner  durch  eine  richtige  Besteuerung ­
  der  brachliegenden  Grundstücke  um  die  Städte
den  Bodenspekulanten  das  Zuwarten  und  Verteuern  des
Bodens  verleiden  sollen.  Aber  leider  wurde  in  dieser
Dichtung  bis  vor  kurzem  kein  Versuch  gemacht.  Statt
durch  Erleichterung  von  Neubauten  an  der  Peripherie  der
Stadt  die  Spelunkenbesitzer  zu  zwingen,  ihre  Baracken
niederzureißen  und  selbst  mit  schönen  Räumen  bebauen  zu
lassen,  suchte  man  sich  wie  weiland  Herr  v.  Münchhausen
an  seinem  eigenen  Zopfe  aus  dem  Sumpfe  zu  ziehen.
1875,  1879,  1882  wurden  auf  Veranlassung  des  Ministers
Sir  Richard  Croß  für  Städte  mit  mehr  als  25  000  Einwohnern
in  England  und  Schottland  Gesetze  erlassen.  Diese  gaben
den  Aufsichtsbehörden  die  Befugnis  und  die  Pflicht,  ganze
Flächen  von  unsauberen  Gassen  und  Winkeln  zu  säubern.
        <pb n="156" />
        Die  Wohnungsfrage.

14a

Die  Lokalbehörden  haben  hier  geringeren  Einfluß,  denn
das  Gesetz  bestimmt:  „daß  kein  Mitglied  der  Lokalbehörde,,
welches  ein  Vermögensinteresse,  an  irgendeinem  Grundstücke ­
  der  Gegend  hat,  eine  Stimme  zur  Beschlußfassung
haben  soll.“  Ferner  will  das  Gesetz,  daß  die  Lokalbehörde
das  Grundstück  expropriiert,  dann  meist  wieder  verkaufen
und  bebauen  läßt.  Der  Erfolg  war  sehr  gering,  fast  gleich
Null,  da  das  Gesetz  es  verabsäumt  hatte,  eine  Instanz  zur
Entscheidung  der  Streitigkeiten  zwischen  der  Lokal-  und
Zentralbehörde  einzusetzen.  Die  ärmeren  Distrikte  vornehmlich ­
  wollen  nämlich  die  Anwendung  der  Croßgesetze,
weil  die  Kosten  der  Expropriation  auf  die  ganze  Stadt
fallen-,  die  oberste  Baubehörde  will  dagegen  die  Last  auf
die  kleinen  Lokalbehörden  schieben.  So  entsteht  eine  lange,
fruchtlose  Korrespondenz;  das  Resultat  ist  gleich  Null.
Wie  wenig  staatliche  Gesetze  an  sich  allein  geeignet
sind,  die  Wohnungsverliältnisse  zu  bessern,  kann  man  ferner
aus  der  französischen  Wohnungsgesetzgebung
ersehen.  Auch  hier  springt  das  den  Mietern  entgegengesetzte ­
  Interesse  der  Hausbesitzer  in  die  Augen,  welches
es  zu  segensreichen  Taten  nicht  kommen  läßt.
In  Frankreich  hatte  zuerst  die  Cholera  vom  Jahre  1831
die  Aufmerksamkeit  auf  den  schlechten  Zustand  vieler
Wohnungen  gerichtet,  aber  erst  im  Jahre  1850  griff  die
Gesetzgebung  in  die  drohendsten  Übelstände  mit  ihren
Paragraphen  ein.  Das  Gesetz  vom  13.  April  1850  behandelte
aber  nur  den  ungesunden  Zustand  der  Wohnungen,  sofern
er  aus  der  Beschaffenheit  der  Räume  durch  die  Schuld  der
Eigentümer  oder  Mieter  hervorging.  Ob  die  Wohnungen
überfüllt  waren,  blieb  außer  Frage,  wie  man  in  Frankreich
überhaupt  nicht  die  Freiheit  eines  Eigentümers,  der  sein
Haus  selbst  bewohnt,  beschränken  wollte.
Ein  ähnlicher  Apparat  wie  in  England  sollte  bei  Durchführung ­
  der  Wohnungsgesetze  funktionieren.  In  jeder  Ge-
        <pb n="157" />
        144

Die  Wohnungsfrage.

meinde  ernennt  der  Gemeinderat,  wenn  er  es  für  nötig
erachtet,  eine  Kommission,  die  die  Grundsätze  einer
Wohnungshygiene  festsetzt.  Als  ungesund  sind  solche
Wohnungen  zu  betrachten,  welche  Leben  und  Gesundheit
der  Bewohner  gefährden.  Unter  den  Mitgliedern  der  Kommission ­
  ist  ein  Arzt,  ein  Baumeister,  ein  Mitglied  des
Armenrates  und  des  Gewerbegerichts.  Den  Vorsitz  soll
der  Bürgermeister  führen.  Wird  eine  ungesunde  Wohnung
aufgedeckt,  so  muß  dieselbe  besichtigt  und  ein  Bericht  abgefaßt
  werden,  gegen  den  die  beteiligten  Personen  Rekurs
einlegen  können.  Wird  dem  Eigentümer  eines  Hauses  eine
Änderung  der  Wohnung  auf  erlegt,  so  hat  er  dieselbe  in
bestimmten  Fristen  auszuführen;  andernfalls  verfallt  er  in
eine  Buße  von  16  bis  100  Franks.  Alles  dies  gilt  nur  für
Mietswohnungen;  der  Eigentümer  selbst  mag  die  ärgsten
Spelunken  beziehen,  und  nach  dem  Gesetze  wird  ihm  niemand
etwas  anhaben  können.
Bei  Übelständen,  welche  nicht  in  der  Wohnung  selbst,
sondern  in  äußeren  Umständen,  wie  Sümpfen  usw.  bestehen,
kann  die  Gemeinde  den  umliegenden  Boden  kaufen  und  verbessern. ­

Der  Erfolg  der  Gesetze  ist  in  Frankreich  sehr  spärlich
gewesen,  und  vergebens  haben  sich  die  Minister  alle  Mühe
gegeben,  um  in  den  Städten  die  Ernennung  von  Kommissionen
anzuregen;  denn  im  Jahre  1853  kamen  auf  36000  Gemeinden
nur  228  Kommissionen.  Im  Jahre  1878  waren  die  Gesetze
wohl  ganz  in  Vergessenheit  geraten,  da  man  nur  in  10  Gemeinden ­
  Kommissionen  zählte  und  1883  nur  noch  in  4  bis  5
Städten.
Wie  hätte  es  auch  anders  sein  können!  Während  man
in  England  nur  das  Gutachten  eines  Sanitätsbeamten  brauchte,
um  eine  Wohnung  für  ungesund  zu  erklären,  bedarf  es  in
Frankreich  einer  ganzen  Kommission,  und  einer  Kommission,
welche  von  der  hochlöblichen  Stadtverordnetenversammlung
        <pb n="158" />
        Die  Wohnungsfrage.

145

eingesetzt  wird.  Die  Herrn  Stadträte,  natürlich  meist  Hauseigentümer, ­
  werden  sich  die  Herrn  Kommissionsmitglieder
wohl  vorher  ordentlich  begucken  und  keinen  Spielverderber
hinein  wählen.  Es  ist  die  alte  Geschichte,  die  auch  anderswo ­
  passiert.  Und  der  Arzt  sowohl  wie  der  Baumeister,
die  meist  in  ihrer  Existenz  von  der  Bürgerschaft  abhängig
sind,  werden  sachte  auftreten.  Dazu  kommt,  daß,  während
in  England  die  Lokalbehörde  ein  in  schlechtem  Zustande
befindliches  Haus  kaufen  konnte,  in  Frankreich  der  Hauseigentümer ­
  die  Kosten  selbst  tragen  mußte.  Was  Wunder
also,  wenn  nichts  erreicht  wurde,  wenn  die  Cliquenwirtschaft ­
  in  den  Gemeinderäten  jede  Besserung  verhinderte!
Man  hat  sich  demnach  in  Frankreich  wesentlich  auf
Polizeiverordnungen  beschränken  müssen,  um  etwas  in  der
Hygiene  der  Wohnungen  zu  erreichen,  von  denen  die  der
Jahre  1878  und  1883  die  wichtigsten  sind.  Sie  betreffen
natürlich  nur  Wohnungen,  welche  vermietet  werden  sollen,
und  stellen  hier  bestimmte  Normen  für  die  Zahl  der  Einwohner ­
  auf.  —
Sind  bisher  staatliche  und  kommunale  Eingriffe  in  der
Wohnungsfrage  an  der  Macht  der  tiefer  liegenden  sozialen
Mißstände  gescheitert,  so  läßt  sich  dasselbe  auch  von  den
privaten  Bestrebungen  in  dieser  Hinsicht  sagen.  Alle  privaten
Baugesellschaften  haben  bislang  nichts  tun  können,  um  der
Wohnungsnot  abzuhelfen.  Ihre  Bemühungen  sind  wie  ein
Tropfen  auf  den  heißen  Stein  gefallen,  ohne  daß  man  den
Leitern  dieser  Bestrebungen  einen  Vorwurf  daraus  machen
könnte.  Auf  verschiedene  Weise  hat  man  hier  Versuche
gemacht.  So  haben  sich  englische  Baugesellschaften  bemüht,
alte  Kasernen  in  alten  Stadtteilen  niederzureißen  und  die
Flächen  wieder  mit  neuen  Kasernen  zu  bebauen.  Aber  die
Pläne  haben  sich  als  ganz  unzulänglich  erwiesen,  und  wir
möchten  heute  noch  eine  Baugesellschaft  sehen,  welche  so
naiv  wäre,  alte  Häuser  zu  kaufen,  um  neue  an  deren  Stelle
Wehberg,  Die  Bodenreform.  10
        <pb n="159" />
        146

Die  Wohnungsfrage.

zu  setzen.  Das  konnte  man  nur  in  einer  Zeit,  wo  diejenigen,
welche  die  Wohnungsfrage  am  meisten  anging,  die  Enterbten, ­
  hübsch  den  Mund  zu  halten  hatten;  heute  aber,  wo
sie  zu  einem  bedeutsamen  Faktor  im  Staatsleben  herangewachsen ­
  sind,  wird  man  nicht  ohne  beißende  Kritik  solchen
alten  Kohl  aufwärmen  können.
Von  unserem  Standpunkte  des  humanistischen  Sozialismus
ist  die  Wohnungsfrage  lediglich  als  integrierender  Teil  der
gesamten  sozialen  Frage  zu  betrachten.  Sie  findet  ihre
Lösung  nur,  wenn  dieses  große  Problem  gelöst  wird.  Man
hört  nun  zuweilen  sagen:  „Die  soziale  Frage  kann  überhaupt
nicht  gelöst  werden,  denn  immer  werden  soziale  Mißstände
bleiben.“  Das  ist  aber  ebenso  einfältig  wie  heuchlerisch.
Wir  wissen,  daß  die  Menschen  von  Zeit  zu  Zeit  vor  die
Aufgabe  gestellt  worden  sind,  die  gesellschaftlichen  Grundlagen ­
  den  wirtschaftlichen  Fortschritten  anzupassen;  wir
wissen,  daß  es  früher  stets  gelungen  ist,  die  Disharmonien
zu  lösen.  Immer  freilich  werden  Träge  sein,  welche  nicht
arbeiten  wollen,  Elende,  die  nicht  arbeiten  können,  daher
nicht  wohlhabend  werden,  aber  hat  dieses  etwas  zu  schaffen
mit  Zuständen,  wo  fleißige  Menschen  vergebens  nach  Arbeit
hungern  und  deshalb  darben  müssen?  Solche  Störungen
sind  es,  welche  wir  unter  dem  Begriffe  der  sozialen  Frage
zusammenfassen,  wo  die  arbeitslosen,  ungeheuerenEinkommen
die  Arbeit  erdrücken;  diese  werden  beseitigt  werden  müssen,
sofern  wir  den  Namen  vernünftiger  und  gerechter  Wesen
verdienen.  Die  Arbeit  allein  darf  Anspruch  auf  Wohlstand
und  Ansehen  geben.  Obwohl  wir  daran  festhalten,  daß  auch
in  Zukunft  die  Selbsthilfe  das  ausschlaggebende  Moment
in  allen  wirtschaftlichen  Dingen  bleiben  muß,  so  fordern
wir  doch  zur  Schaffung  freier  Bahn  für  die  Betätigung  der
Selbsthilfe  einschneidende  staatliche  Maßnahmen.  Wir  verlangen ­
  von  der  staatlichen  Gesetzgebung,  daß  sie  die  Grundlagen ­
  des  wirtschaftlichen  Lebens  so  gründlich  reformiert,
        <pb n="160" />
        Die  Wohnungsfrage.

147

daß  die  Arbeit  nimmer  von  den  Drohnen  und  Faullenzem
erwürgt  wird.  Wie  treffend  sagt  Rodbertus:
„Das  große  Problem,  das  die  soziale  Frage  einschließt,  erweitert ­
  sich  zu  folgendem  Umfange:  Auf  friedlichem  Wege
der  Entwicklung  die  Gesellschaft  aus  unserer,  lediglich  auf
dem  Grund-  und  Kapitaleigentum  beruhenden,  abgelebten
Staatenordnung,  in  die  geschichtlich  ihr  folgende,  auf  dem
Verdienst-  oder  reinen  Einkommenseigentum  sich  gründende,
schon  in  den  meisten  sozialen  Verhältnissen  wie  zur  Geburt
sich  regende  und  rührende,  höhere  Staatenordnung  allmählich
einzuführen.  “
In  ruhiger,  behutsamer  Weise,  fußend  auf  der  materialistischen ­
  Geschichtsauffassung,  werden  wir  an  der  Hand
der  wirtschaftspolitischen  Tatsachen  prüfen,  was  in  unseren
Zeiten  des  Eingreifens  der  staatlichen  Gesetzgebung  bedarf.
Da,  wie  wir  sahen,  die  Wohnungsnot  in  den  Städten  zum
großen  Teile  mit  dem  beständigen  Zuströmen  der  ländlichen
verarmten  Bevölkerung  zusammenhängt,  so  hat  die  Gesetzgebung ­
  Sorge  zu  tragen,  in  großem  Maßstabe  die  Ansiedelung,
und  Seßhaftigkeit  jener  auf  freiem  Eigentume,  auf  kommunalem ­
  und  staatlichem  Pacht-  oder  Rentengute  zu  fördern.
Die  einzige  Weise,  den  Bauern  und  Tagelöhnern  die  Früchte
ihrer  Arbeit  zu  sichern,  ist  hier  rücksichtsloses  Vorgehen
gegen  den  privaten  Bezug  von  Grundrente  und  Zins,  gegen
den  Latifundienbesitz  und  die  Zinskapitalisten.  Den  Bauern
nehmen  Pachten  und  Zinsen,  welche  bisher  stets  höher
stiegen,  fast  den  Lohn  der  Arbeit  fort,  während  infolge
der  Verarmung  der  Volksmassen  die  Preise  ihrer  Produkte
sinken.
Wird  die  ländliche  Bevölkerung  wieder  seßhaft,  kommt
nach  und  nach  alles  Land  nach  Ausmerzung  der  Großgrundbesitzer ­
  und  Ausschluß  der  Kapitalisten  vom  Hypothekarkredit ­
  in  die  Hände  wirklicher  Bauern,  so  hört  nicht  allein
der  Zuzug  zu  den  Städten  auf,  sondern  es  wird  ein  Abströmen ­
  von  Stadtbewohnern  auf  das  Land  stattfinden.
Ferner  ist  zu  beachten,  daß  die  Industrie  schon  vielfach.
10*
        <pb n="161" />
        148

Die  Wohnungsfrage.

ihre  Anlagen  auf  kleinere  Orte  mit  billigem  Boden  verlegt,
was  sie  um  so  eher  kann,  als  die  Verbindung  der  aufeinander
angewiesenen  Werkstätten  durch  Kleinbahnen  vermittelt
werden  kann.  Auch  wird  die  Gewinnung  elektrischer  Kraft
an  Flüssen,  Bergbächen  usw.  eine  Dezentralisierung  der
Bevölkerung  herbeiführen.  Mit  Notwendigkeit  wird  eine
Entvölkerung  der  großen  Städte  eintreten,  und  dieser  Umstand ­
  bildet  für  uns  den  Kernpunkt  zur  Lösung  der
Wohnungsfrage  als  eines  Teiles  der  großen  sozialen  Frage.
Schon  bald  werden  in  Preußen  die  Mieten  durch  die
Ausführung  des  Rentengütergesetzes,  wodurch  wenigstens
wieder  mehr  Bauernstellen  geschaffen  werden,  ein  wenig
sinken.  Letzteres  wird  noch  mehr  der  Fall  sein,  wenn  mau
wirkliche  einschneidende  Reformen  in  der  angedeuteten
Weise  vornimmt.  Gesetze  über  Überfüllung  der  Wohnungen
werden  dann  nicht  nötig  sein.  Die  Bürger  werden  bei  den
sinkenden  Bodenwerten  den  Raum  ihrer  Wohnungen  groß
genug  bemessen  können.  Ob  man  Wohnungsinspektoren
einsetzen  will,  ist  uns  eine  Doktorfrage,  und  alle  die  scharfen
Eingriffe,  welche  Herr  Dr.  Miquel  vor  seiner  Ernennung
zum  Minister  zwecks  Hebung  der  Wohnungsnot  vorschlug,
waren  wohl  mehr  eine  kluge  Empfehlung  des  verehrten
Herren  an  die  Agrarier  für  die  Zeit,  da  er  wirklich  auf  den
Ministerposten  rücken  würde.  Denn,  wie  männiglich  bekannt,
ist  die  städtische  Wohnungsfrage  so  recht  der  Tummelplatz ­
  der  Agrarier,  der  Großgrundbesitzer  und  ihrer  Freunde,
hier  reagieren  sie  in  zustimmendem  Sinne,  wenn  man  sie
mit  sozialen  Problemen  kitzelt.  Von  einer  gründlichen
Revision  der  Berechtigungen,  welche  sie  auf  den  ländlichen
Boden  zu  haben  vorgeben,  wollen  sie  nichts  wissen,  und
deshalb  ist  ihr  Steckenpferd  die  Ausbeutung  des  Volkes  durch
die  städtischen  Grundbesitzer.  Hier  haben  sie  nicht  nur  nicht
das  geringste  gegen  die  totale  Einziehung  der  städtischen
Bodenrente,  nein,  sie  agitieren  mit  großem  Kraftaufwand
        <pb n="162" />
        Die  Wohnungsfrage.  149
für  solche  einschneidenden  Schritte.  Ja,  sie  suchen  sich
Vereinigungen,  welche  dem  Ganzen  dienen  wollen,  mit
Erfolg  nach  dieser  Richtung  hin  dienstbar  zu  machen,  indem ­
  sie  eifrige  Genossen  in  dieselbe  bringen.  Aber  es
kann  nun  einmal  nicht  helfen,  dieses  Versteckenspiel!  Wahr,
unumstößlich  wahr  bleibt  des  Plinius  Wort  auch  für  unsere
Tage:  „Latifundia  perdidere  Romam  et  provincias.“  (Der
Großgrundbesitz  hat  Rom  und  die  Provinzen  ins  Verderben
gestürzt.)  Die  Herren  Großgrundbesitzer  werden,  mögen
sie  wollen  oder  nicht,  auf  dem  schonungsvollsten  Wege
der  Gesetzgebung  dem  allgemeinen  Wohle  zum  Opfer  fallen
müssen!  Und  dreimal  wehe  dem,  der,  sei  er  auch  der
mächtigste  Mann,  den  Forderungen  der  Gerechtigkeit  sich
entgegenzustellen  wagt!  Ihm  und  seinen  Genossen  rufen  wir
die  markigen  Worte  entgegen:
„Ihr  werdet  nimmermehr  Gewalt  in  Recht  verwandeln,
Die  Erde  ist  uns  doch  alleigen!
Mögt  ihr  sie  tausendmal  verschachern  und  verhandeln,
Mögt  ihr  auf  Rechte  und  Gesetze  zeigen,
Die  Stunde  schlägt,  ob  ihr  nun  wollt  ob  nicht,
In  der  das  letzte  Glied  der  Sklavenkette  bricht!
Durch  den  Niedergang  der  Bodenpreise  werden  viele
Wucherer  ein  Ende  mit  Schrecken  finden,  sie  werden  den
Lohn  ihrer  Habsucht  in  mancherlei  Gestalt  zugewiesen  erhalten. ­
  —  Was  wir  an  anderen  Orten  von  der  staatlichen
Übernahme  ländlichen  Hypothekarkredites  gesagt'  haben,
gilt  noch  vielmehr  von  dem  städtischen.  Auch  hier  hat  der
Staat  zu  warten,  bis  durch  bessere  Landverteilung  ein  starkes
Sinken  der  Bodenrente  eingetreten  ist,  ehe  er  den  Kredit
auf  sich  nimmt.  Würde  er  heute  die  emporgeschwindelten
Bodenpreise  resp.  Hypotheken  übernehmen,  so  hieße  das  die
Verpflichtung  auf  sich  laden,  die  Schulden  einzelner  durch
die  übrigen  Bürger  tilgen  zu  lassen.  Wir  aber  sind  der
Meinung,  daß  jeder  seine  Schulden  selbst  tilgt,  und  der
Staat  ihm  dadurch  zu  Hilfe  kommt,  daß  er  durch  andere
        <pb n="163" />
        150  Die  Wohnungsfrage.
Reformen  wie  z.  B.  die  Verstaatlichung  der  Bergwerke  den
Zinsfuß  lierabdrückt.
Trotz  des  Abzuges  aus  den  Städten  wird  auch  hier  die
Bautätigkeit  nickt  erlöschen,  denn  die  zunehmende  Wohlhabenheit ­
  der  gesamten  Bevölkerung  wird  die  Befriedigung
der  Sehnsucht  nach  größeren  Wohnräumen  gestatten.  Allerwärts
  wird  man  begreifen,  daß  man  wohl  zu  gut  essen  und
trinken,  aber  nie  zu  gut  wohnen  kann.
Die  betrübenden  Zustände  in  der  systematischen  Ausräubung ­
  des  Bauhandwerkes  haben  die  öffentliche  Aufmerksamkeit ­
  sehr  in  Anspruch  genommen  und  die  Parteien
sehr  beschäftigt.  Das  alte  Manchestertum  freilich  ist  gleich
mit  dem  guten  Rate  an  die  Bauhandwerker  usw.  bei  der
Hand,  diese  möchten  nur  etwas  vorsichtiger  sein  und  sich
die  Leute  ansehen,  denen  sie  ihre  Arbeit  gäben.  Als  wenn
heute  die  einzelnen  Handwerker,  die  leider  meist  der  genossenschaftlichen ­
  Organisation  entbehren,  demübermächtigen
Kapitale  Bedingungen  stellen  könnten!
Die  Konservativen  und  Klerikalen  sind  schon  eher  für
Maßregeln,  auch  für  die,  welche  wir  nachher  vorführen
werden,  soweit  es  den  Schutz  der  Bauhandwerker  angeht.
Sie  tun  das  um  so  eher,  als  sie  damit  die  Aufmerksamkeit
des  darbenden  Volkes  von  den  eigentlichen  Grundursachen
der  sozialen  Not,  der  Anhäufung  von  ungeheuren  Grundflächen ­
  in  den  Händen  der  Großgrundbesitzer  ablenken  zu
können  vermeinen.
Die  wirksamsten  Vorschläge  beziehen  sich  nun  darauf,
den  Handwerkern  usw.  eine  sogenannte  Vorzugshypothek  zu
geben;  d.  h.  die  Forderungen  dieser  Leute  sollen  ipso  jure
den  Vorrang  vor  allen  Hypotheken  haben,  so  daß  sie  ihres
Lohnes  sicher  sind.
Es  ist  daher  erklärlich,  daß  es  eine  große  Erregung,  zumal ­
  in  den  Handwerkerkreisen,  verursachte,  als  die  erste
Kommission  des  Bürgerlichen  Gesetzbuches  im  Jahre  1887
        <pb n="164" />
        Die  Wohnungsfrage.

151

den  geringen  Schutz,  den  das  preußische  Landrecht  in  dem
sogenannten  „Pfandrechttitel“  gewährte,  strich  und  einfach
in  §  574  bemerkte:  Der  Übernehmer  einer  Arbeit  hat  ein
Pfandrecht  an  den  noch  in  seiner  Innehabung  befindlichen
beweglichen  Sachen,  also  nicht  mehr  an  denen,  welche
in  dem  Neubau  befestigt  sind.  Der  Pfandrechttitel  des
preußischen  Landrechtes  hatte  zum  Inhalt,  daß  1.  der  Unternehmer ­
  eines  Baues  das  Recht  hatte,  seine  Forderungen
auch  ohne  Einwilligung  des  Schuldners  auf  das  Grundstück
eintragen  zu  lassen,  2.  bei  fehlender  Einwilligung  des
Schuldners  dessen  rechtskräftige  Verurteilung  zur  Eintragung ­
  erfolgen  mußte.
Dieser  „Titel“  hat  aber  wenig  genutzt,  weil  der  Weg  für
den  gewöhnlichen  Handwerker  zu  kompliziert  war,  und  weil
die  Handwerker  sich  gewiß  mit  den  Kapitalisten  nicht  entzweien ­
  wollten,  die  ihm  dann  keine  Arbeit  mehr  hätten
zukommen  lassen.
Die  Kommission  des  Bürgerlichen  Gesetzbuches  verteidigte ­
  ihre  manchesterliche  Auffassung  mit  dem  Bemerken,
daß  durch  eine  Vorzugshypothek  das  Grundbuch  in  Unordnung ­
  gebracht  und  die  Grundlage  des  Hypothekenkredites
erschüttert  werden  würde.  Niemand  würde  dann  auch  Geld
leihen  wollen.  Während  die  meisten  Regierungen  dieser
Motivierung  zustimmten,  waren  Preußen  und  Baden  mehr
für  den  Schutz  der  Bauhandwerker,  und  der  Justizminister
Friedberg  schlug  die  Eintragung  einer  „Sicherheitshypothek“
im  Sinne  des  alten  „Pfandrechttitels“  vor.  Auch  der
20.  Juristentag  war  damit  einverstanden  ;  von  einer  Vorzugshypothek
  wollte  er  aber  nichts  wissen.  Jedoch  ist  zu  bemerken, ­
  daß  diese  letztere  Forderung  mit  20  gegen  20  Stimmen
abgelehnt  wurde.  Was  die  Vorzugshypothek  angeht,  so
kann  man  sie  gemäß  den  Vorschlägen  in  zwei  Rubriken
bringen.  1.  Dr.  Andreas  Voigts  schlägt  vor,  dieselbe  nur
auf  die  Bauhypotheken  zu  gewähren.  Dieser  Vorschlag  ist
        <pb n="165" />
        152

Die  Wohnungsfrage.

unannehmbar,  wenn  man  daran  festhält,  daß  gerade  die  ersten
Grundhypotheken  die  Ursache  der  geschwindelten  Bodenpreise ­
  sind,  welche  den  ganzen  Bau  so  gefährlich  machen.
Im  Gegenteil  müssen  die  Gelder,  welche  auf  den  Bau  verwendet ­
  sind  und  damit  zur  Verbesserung  des  Bodens  beigetragen ­
  haben,  vor  der  ersten  Hypothek  gesichert  werden.
2.  Die  anderen  Vorschläge  sind  daher  logischer,  indem  sie
den  Vorzug  vor  der  ersten  Hypothek  fordern.  Die  Vorschläge, ­
  welche  besonders  von  Landgerichtsrat  Dr.  Bähr,
Professor  Dr.  Dernburg,  Dr.  jur.  Stolp,  gemacht  sind,  hat
der  Bund  für  Bodenbesitzreform  einer  Revision  unterworfen
und  zu  folgender  Forderung  ausgearbeitet:
„1.  Alle  Lieferanten  usw.  haben  bis  6  Monate  nach  baupolizeilicher ­
  Abnahme  eines  Baues  ein  Recht  auf  Eintragung
in  das  Grundbuch.  2.  Diese  Hypotheken  genießen,  bei  Gleichberechtigung ­
  unter  sich,  ein  Vorzugsrecht  vor  allen  anderen
dinglichen  Belastungen.  3.  Die  Baupolizei  gibt  von  jedem
genehmigten  Neubau  der  Grundbuchbehörde  Nachricht,  welche
ihrerseits  die  Hypothekengläubiger  informiert.  Diese  können
binnen  30  Tagen  ihre  Forderungen  kündigen.  4.  Ein  Verzicht ­
  auf  die  Vorzugshypothek  ist  gesetzlich  unwirksam.“
Diese  Formulierung  wurde  an  das  preußische  Abgeordnetenhaus ­
  und  an  das  Herrenhaus  gesandt.  Die  Justizkommission
des  Herrenhauses  lehnte  die  Vorzugshypothek  ab,  empfahl
aber,  die  königliche  Regierung  zu  ersuchen,  gesetzliche  Maßregeln ­
  gegen  Grundstücks-  und  Bodenwucherer  zu  ergreifen.
Ein  gewisser  Erfolg  war  aber  erzielt,  als  die  zweite
Kommission  des  Bürgerlichen  Gesetzbuches  beschloß,  dem
§  574  einen  Absatz  zuzufügen,  wonach  der  Unternehmer
die  Bestellung  einer  „Sicherheitshypothek“  im  Sinne  des
preußischen  Landrechtes  verlangen  kann.  Die  Vorzugshypothek
  allerdings  wurde  abgelehnt.  Da  trat  der  traurige
Todesfall  des  Handwerkers  Seeger  ein,  welcher  die  öffentliche ­
  Meinung  von  neuem  auf  die  schamlose  Ausbeutung  der
städtischen  Bodenwucherer  richtete.  Der  Bund  für  Bodenbesitzreform ­
  suchte  eine  Unterredung  mit  dem  Justizminister
        <pb n="166" />
        iliil

Die  Wohnungsfrage.  153-nach
  und  bat  um  Berücksichtigung  und  Hilfe  in  diesen  Dingen..
Zugleich  machte  er  Mitteilung,  daß  sich  der  Verlust  der
Bauhandwerker  in  Berlin  bei  731  Subhastationen  auf
75  Millionen  Mark  belaufe.  Der  Minister  nun,  statt  mit
Unterstützung  seiner  Behörden  diese  Zahlen  prüfen  zu
lassen,  gab  dem  Bund  für  Bodenbesitzreform  anheim,  ihm
das  Zahlenmaterial  zu  liefern  und  zugleich  nachzuweisen,,
inwieweit  bei  jenen  Verlusten  von  dem  alten  Pfandrechttitel ­
  Gebrauch  gemacht  worden  sei.
Darauf  stellte  sich  die  große  allgemeine  Handwerkerversammlung ­
  zu  Berlin  im  Juni  1894  auf  Seiten  des  Bundes
für  Bodenbesitzreform  und  ersuchte  die  Gewerbedeputation
der  Stadt  Berlin,  die  zahlenmäßige  Unterlage  zu  schaffen..
Neuerdings  hat  die  Gewerbedeputation  ebenfalls  abgelehnt.
Es  ist  also  bisher  trotz  allen  eifrigen  Bemühens  nur  die
Sicherheitshypothek  erreicht  worden.  Es  muß  aber  das
Bestreben  aller  derer  sein,  welche  unter  so  kranken  volkswirtschaftlichen ­
  Zuständen  für  eine  Linderung  des  Betruges
eintreten  wollen,  die  Vorzugshypothek  zu  fordern.  Auch
andere  gute  Folgen  wird  dieselbe  haben,  wenn  die  Kapitalisten
wissen,  daß  sie  nicht  mehr  die  Handwerker  usw.  berauben
können.  Sicher  werden,  da  doch  gebaut  werden  wird,  die
Preise  des  Bodens  nicht  zu  sehr  emporgeschwindelt,  so
daß  ein  ehrlicher  Handwerker,  der  etwas  Geld  hat,  wieder
bauen  kann.  Ferner  werden  die  Kapitalisten  direkt'an  die
Handwerker  usw.  zahlen.
Mit  lebhafter  Freude  ist  es  auch  zu  begrüßen,  daß  die
Kommission  für  das  Bürgerliche  Gesetzbuch  an  Stelle  des
römisch-rechtlichen  Grundsatzes:  „Kauf  bricht  Miete“  die
entgegengesetzte  Richtschnur  festgestelllt  hat:  „Kauf
bricht  nicht  Miete.“  Was  sonst  noch  der  Staat  in  zivilrechtlicher
  Beziehung  zum  Schutze  gesicherter  Wohnungszustände ­
  tun  kann,  entzieht  sich  hier  unserer  weiteren  Erörterung. ­
        <pb n="167" />
        154

Die  Wohnungsfrage.

Betreffs  der  Hypotheken  treten  wir  auch  hier  für  unkündbare ­
  Hypotheken  mit  Amortisationsmöglichkeit  ein,  da  die
Kündbarkeit  besonders  in  schwierigen  Zeiten,  wie  wir  sie
ja  jetzt  erleben,  mit  großen  Gefahren  verbunden  sind.
Freilich  wird  bei  der  Verstaatlichung  des  Kredits  die  Beleihungsgrenze ­
  stark  herabgedrückt  werden;  aber  dieser
Übelstand  wird  in  Zukunft  dadurch  mehr  als  ausgeglichen,
werden,  daß  die  Käufer  eines  Hauses  infolge  der  verbesserten
wirtschaftlichen  Grundlage  aus  eigenem  Vermögen  größere
Anzahlungen  machen  können,  ferner  auch  dadurch,  daß  die
Bodenwerte  gewaltig  sinken  werden.
—  Als  ein  Fortschritt  erscheint  uns  die  Übertragung  der
Grundsteuer  an  die  Gemeinden,  während  man  die  Gebäudesteuer, ­
  welche  die  Baulust  und  die  Ausdehnung
der  Räume  beschränkt,  hätte  fallen  lassen  sollen.  Betreffs
der  Grundsteuer  wird  es  die  Aufgabe  der  Gemeinden  sein,
sie  zu  einer  wirklichen  Grundrentensteuer,  sowohl  für  ländlichen ­
  als  städtischen  Boden,  auszubilden.  Und  wir  stehen
nicht  an,  zu  erklären,  daß  wir  die  gerechte  Veranlagung
der  Grund-  resp.  Grundrentensteuer  in  Staat  und  Gemeinden
für  einen  Kernpunkt  der  politischen  und  sozialen  Kämpfe
der  Zukunft  betrachten.  Daher  leuchtet  ein,  daß  das  Volk
mit  mehr  Bewußtsein  an  solchen  Fragen  teilnehmen  muß,
damit  die  Durchführung  derartiger  Reformen  nicht  im  Sinne
interessierter  Cliquen  erfolgt.  Wir  halten  eine  totale  Überweisung ­
  der  Grundsteuer  an  die  Gemeinden  nicht  für
wünschenswert,  sondern  empfehlen  einen  Modus,  welcher
dem  Staate  wenigstens  einen  Bruchteil  als  unverbrüchliches
Zeichen  der  staatlichen  Oberhoheit  über  Grund  und  Boden
überläßt.  Außerdem  werden  die  durch  die  bisherige  Entwicklung ­
  der  Dinge  herbeigeführten  Unterschiede  im  relativen
Werte  des  Grund  und  Bodens  noch  lange  bestehen  bleiben,
so  daß  eine  ausgleichende  Mithilfe  des  Staates  nach  dieser
Richtung  notwendig  bleibt.  Das  endliche  Ziel,  dem  lang-
        <pb n="168" />
        Die  Wohnungsfrage.

155

sam  zugestrebt  werden  muß,  ist  eine  solche  Landverteilung
und  infolgedessen  ein  solches  Sinken  der  Bodenwerte,  daß
außer  der  Entschädigung  für  Meliorationen  die  natürliche
Leistung  der  Naturkräfte  in  Form  einer  Grundrentensteuer
bezahlt  werden  muß.  Wir  können  jenen  kommunistischen
■Vorschlägen  nicht  beistimmen,  welche  durch  diesbezügliche
Gesetze  die  Steigerung  der  Bodenwerte  von  den  Grundeigentümern ­
  in  den  Städten  rigoros  einfordern  wollen,  weil  dann
auch  der  Staat  für  das  Sinken  der  Bodenwerte  Ersatz
leisten  müßte.  Halten  wir  fest,  daß  bei  gründlichen  Reformen ­
  die  Preise  nicht  steigen,  sondern  notwendig  sinken
werden.  Es  muß  überhaupt  das  Ziel  einer  weitschauenden
:Sozial-  bez.  Agrarpolitik  sein,  die  vaterländische  Grundrente ­
  denen  der  konkurrierenden  transatlantischen  Länder
langsam  konform  zu  machen.  Bis  dahin  genügt  es,  diejenigen, ­
  welche  die  städtischen  Grundrenten  mühelos  einziehen, ­
  durch  die  Einkommen-  und  Grundsteuer  zu  fassen.
Darüber  kann  freilich  kein  Zweifel  sein,  daß  nach  Übertragung ­
  der  Grundsteuer  an  die  Gemeinden  den  Bürgern
nicht  mehr  gestattet  werden  kann,  jahrelang  das  Land
ohne  Grundsteuer  unbenutzt  liegen  zu  lassen.  Dadurch
wird  man  die  Bodenspekulanten  zwingen,  ihr  Land  früher
und  daher  billiger  zum  Verkauf  anzubieten,  wenn  sie  es
nicht  als  Ackerland  benutzen  wollen.
Viel  können  die  Gemeinden  zur  Besserung  des  Wohnungswesens ­
  durch  gute  Bauordnungen  tun;  doch  sei  man  auch
nicht  schroff,  da  man  oft  schwache  Existenzen  unter  den
Bauunternehmern,  welche  teuer  gekauft  haben,  vernichten
könnte.  Auch  hier  kommen  wir  immer  wieder  darauf  hinaus: ­
  Hebung  des  allgemeinen  Wohlstandes  und  Abzug  aus
den  Städten  sind  die  Radikalmittel.  In  gesunden  wirtschaftlichen ­
  Verhältnissen  braucht  man  nicht  gegen  Mietskasernen
einzuschreiten;  dieselben  fallen  ganz  von  selbst  fort.
Gehen  wir  von  dem  Grundsätze  aus,  daß  eine  Besserung
        <pb n="169" />
        156

Die  Wohnungsfrage.

der  'Wohnungsfrage  mit  einem  Sinken.  der  Bodenpreiseeinhergeht,
  so  werden  wir  uns  gegen  alle  Vorschläge  erklären ­
  müssen,  welche  den  Städten  empfehlen,  möglichst
viel  Grund  und  Boden  ä  tout  prix  in  dem  Weichbilde  der
Stadt  anzukaufen,  um  nachher  die  steigenden  Grundrenten
für  das  Gemeinwesen  einzuziehen.  Solche  Pläne  sind  einfach ­
  Unsinn  und  können  nur  in  dem  kleinen  Kreise  von
Leuten  gedeihen,  denen  der  Zusammenhang  zwischen  Ursache
und  Wirkung  in  wirtschaftlichen  Dingen  fehlt,  oder  die,,
wie  die  Agrarier,  die  Politik  auf  eine  falsche  Spur  leiten
wollen.  Die  Gemeinden  würden  sich  kurzerhand  vor  den
Bankerott  stellen,  wenn  die  Bodenpreise  sinken.  Dennoch
liegt  es  im  Interesse  der  Gemeinden  bzw.  der  Bürger,  wenn
nicht  leichtfertig  Gemeindegrundbesitz  an  Spekulanten  veräußert ­
  wird,  sondern  derselbe  vielmehr  benutzt  wird,  um.
darauf  entweder  Volksgärten  anzulegen  oder  Mietwohnungen
zu  bauen,  welche  sowohl  in  betreff  der  Baukunst  als  besonders ­
  in  Hinsicht  der  Mietpreise  ein  leuchtendes  Beispiel
sein  können  und  in  lebhafte  Konkurrenz  mit  den  Bauspekulanten ­
  treten.  Wo  immer  es  angängig  und  nützlich
erscheint,  sollte  zu  diesem  Zwecke  die  Gemeindeverwaltung
genau  wie  die  Staatsverwaltung  kein  Bedenken  tragen,  den.
städtischen  bzw.  staatlichen  Grundbesitz  zu  vermehren.
Im  allgemeinen  aber  sind  wir  der  Meinung,  daß  Staat,
und  Gemeinde  wohl  daran  tun,  den  Baugrund  wie  das  Ackerland ­
  unter  Verstaatlichung  der  Grundrente  dem  freien  Verkehre ­
  zu  überlassen.  Fernerhin  können  sie  durch  Anlage
von  Kleinbahnen  nach  den  Außenorten  dazu  beitragen,  die
gefährlichen  Ringe  der  Bodenspekulanten  zu  durchbrechen,,
indem  sie  Arbeitern  Gelegenheit  geben,  draußen  billiger  zu
wohnen  und  schnell  die  Arbeitsstätte  zu  erreichen.
Neben  den  umfassenden  Maßregeln  einer  durchgreifenden.
Sozialpolitik  im  Sinne  des  humanistischen  Sozialismus  erscheint ­
  uns  auch  in  der  Wohnungsfrage  die  Selbsthilfe
        <pb n="170" />
        Die  Wohnungsfrage.

157

der  einzelnen  Bürger  als  ein  wesentliches  Moment  zur
Besserung.  Unter  dieser  Selbsthilfe  verstehen  wir  aber
nicht  die  alte  manchesterliche  Selbsthilfe,  die  nur  eine
schonungslose  Auslieferung  der  Schwachen  an  die  Mächtigen
und  Pfiffigen  bedeutet,  sondern  eine  Selbsthilfe,  die  den
einzelnen  in  die  Möglichkeit  versetzt,  sich  sämtlicher  Produktionsmittel ­
  zu  bedienen,  und  zwar  für  die  Zukunft  in
Form  genossenschaftlicher  Selbsthilfe.  Produktionsgenossenschaften ­
  sind  die  Schale,  unter  der  sich  Gewerbefleiß  künftig
meist  betätigen  wird.  Auch  in  der  ‘Wohnungsfrage  werden
sie  fördernd  einsetzen,  da  ihnen  der  Kredit  zugängig  ist,
der  heute  dem  einzelnen  fehlt.  In  lobenswerter  Weise  ist
die  preußische  Staatsregierung  der  Frage  zur  Förderung
der  genossenschaftlichen  Personalkredite  nähergetreten,  indem ­
  sie  im  Juni  1895  dem  Abgeordnetenhause  einen  diesbezüglichen ­
  Gesetzentwurf  zugehen  ließ.  Hoffentlich  macht
dieselbe  nun  auch  Ernst  in  bezug  auf  Maßregeln,  welche
den  Hypothekenzins  niedertreiben,  denn  die  Höhe  des
Personalkreditzinses  ist  abhängig  von  der  Höhe  des  Eeal-.
  kreditzinses.  Aus  den  Motiven  teilen  wir  folgende  Stelle  mit:
„Gegenwärtig  entbehren  noch  500  Städte  in  Preußen  einer
Kreditgenossenschaft.  Die  genossenschaftliche  Kreditorganisation ­
  ist  noch  einer  außerordentlichen  Steigerung  fähig  und
bedürftig  und  muß  namentlich  im  Osten  der  Monarchie  erst
zur  vollen  Entwicklung  gebracht  werden.  Hier  helfend  einzugreifen, ­
  indem  eine  Zentralanstalt  geschaffen  wird,,  welche
durch  die  mehrgenannten  Vereinigungen  den  Genossenschaften
Kredit  zu  möglichst  billigen  Bedingungen  zur  Verfügung  stellt
und  dadurch  die  Genossenschaften  fördert,  muß  als  eine
wichtige  Aufgabe  der  Staatsregierung  angesehen  werden.  Die
Konferenz  von  den  mit  dem  Genossenschaftswesen  betrauten
Personen  hat  sich  denn  auch  —  mit  einer  einzigen  Ausnahme  —
für  die  Errichtung  einer  solchen  Anstalt  ausgesprochen  und
ihre  Schaffung  für  eines  der  wirksamsten  Mittel  erklärt,  um
die  bestehenden  Kreditgenossenschaften  zu  stärken  und  neue
in  das  Leben  zu  rufen.  Die  Anstalt,  in  erster  Linie  für  die
vorbezeichnete  Aufgabe  bestimmt,  würde  aber  ferner  auch  zur
Förderung  der  sonstigen  Erwerbs-  und  Wirtschaftsgenossen-.
  schäften  beitragen.  Derartige  Genossenschaften  sind  von  den
        <pb n="171" />
        158

Die  Wohnungsfrage.

beteiligten.  Erwerbskreisen  in  Stadt  und  Land  in  steigendem:
Maße  errichtet  worden,  um  durch  gemeinschaftlichen  Bezug
der  Rohmaterialien  wie  gemeinschaftliche  Verarbeitung  und
Vertreibung  der  Produkte  die  Wirtschaftsbedingungen  günstiger
zu  gestalten.  Diese,  aus  eigener  Kraft  der  Beteiligten  hervorgegangenen ­
  Schöpfungen,  bilden  ein  wichtiges  Mittel,  um  in
Handwerk  und  Landwirtschaft  gegen  die  Schwierigkeiten  anzukämpfen, ­
  welche  sich  für  das  erstere  aus  dem  Wettbewerbe
des  fabrikmäßigen  Großbetriebes,  für  die  letztere  aus  dem.
Sinken  der  Preise  der  wichtigsten  Bodenprodukte  ergeben.“
Aber  wieder  müssen  wir  betonen:  erst  gründliche  soziale
Reformen.  Denn  bisher  sind  die  Produktivgenossenschaften
noch  stets  von  der  verderblichen  Flut  des  kapitalistischen
Stromes  vernichtet  worden;  nur  einzelne  konnten  sich  durch
besondere  Gunst  der  Umstände  halten.  Heben  wir  erst  den
Kapitalismus,  wie  Herkules  den  Riesen  Antaeus,  aus  seiner
festen  Anlage,  dem  Grund  und  Boden,  heraus,  dann  werden
die  Genossenschaften  blühen  und  gedeihen.  So  lange  die
der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung  eigentümlichen  Krisen
infolge  der  Unterkonsumtion  der  Volksmassen  Jammer  und
Verderben  bringen,  solange  werden  auch  die  Arbeiter,
Handwerker  und  Bauern  kein  Vertrauen  zu  gemeinsamen
Unternehmungen  finden,  wie  sich  anderseits  das  Kapital,,
solange  es  mühelos  Dividenden  und  Zinsen  erhält,  nicht
bereit  finden  lassen  wird,  der  Arbeit  förderlich  zu  sein.
Die  unter  den  Genossenschaften  erbauten  Häuser  werden
unter  den  neuen  Verhältnissen  schneller  Abgang  finden,
wesentlich  als  Eigentum  des  Bewohners.  Und  hier  wird
sich  die  unkündbare  Hypothek  mit  Amortisation  als  einzig,
richtig  empfehlen,  sie  wird  die  Sicherheit  des  Besitzes  erhöhen. ­
  Uns  ist  es  schwer  begreiflich,  wie  der  Bund  der
städtischen  Haus-  und  Grundbesitzervereine  eine  Denkschrift
ausarbeiten  lassen  konnte,  in  der  er  geradezu  die  Umwandlung
unkündbarer  Hypotheken  bei  einigen  Hypothekenbanken  in
kündbare  vorschlug.  Oder  kommt  hier  nur  die  Zweiseelennatur ­
  dieses  Vereines  —  in  dem  Kapitalisten  und  verschuldete
        <pb n="172" />
        Die  Wohnungsfrage.

159

Hausbesitzer  sind  —  zum  Vorschein?  Sollten  die  schlauen
Kapitalisten  die  oft  mittellosen  Hausbesitzer  ins  Schlepptau
genommen  haben?  Ganz  unglaublich  ist  es,  wenn  man
liest,  daß  Rodbertus,  der  doch  gerade  das  Rentenprinzip
empfiehlt,  für  diese  Forderung  ins  Feld  geführt  wird.
Für  die  Übergangszeit  zur  sozialistischen  Neubildung  der
Gesellschaft  werden  private  Vereinigungen  wie  auch  größere
Arbeitgeber  etwas  zur  Linderung  der  Wohnungsnot  tun
können.  Im  allgemeinen  kann  man  aber  auch  hier  bemerken,
daß  sich  selbst  kapitalkräftigen  Gesellschaften  große  Schwierigkeiten ­
  entgegenstellen,  von  denen  die  enorme  Höhe  der
Bodenpreise  die  bemerkenswerteste  ist.  Und  wieviel  Arbeiter
können  heute  die  Last  auf  sich  nehmen,  bei  ihrem  geringen
Verdienste  ein  Haus  zu  erwerben!  Vielfach  trifft  man  auch
bei  diesen  Gesellschaften  auf  ein  ganz  falsches  Urteil  über
die  Bedürfnisse  der  Arbeiter,  da  die  leitenden  Herren  sich
zu  klug  und  vornehm  dünken,  um  in  den  Vorstand  die
sogenannten  kleinen  Leute,  für  welche  die  Wohnungen  bestimmt ­
  sind,  hineinzuziehen.  So  hatte  die  Baugesellschaft
„Eigenhaus“  ein  Musterhaus  fertig  stellen  lassen,  in  welchem
die  Küche  durch  eine  Kochnische  ersetzt  war.  Auf  einen
Keller  hatten  die  Herren  keine  Rücksicht  genommen,  und
diese  verblüffende  Tatsache  wird  von  dem  leitenden  Vorstandsmitgliede
  mit  dem  Bemerken  motiviert,  der  Arbeiter  könne
ja  das  bißchen,  was  er  habe,  in  seinem  Gärtchen  vergraben.
Statt  einer  Belobigung  hätte  man  den  Herren  einen  derben
Nasenstüber  geben  sollen!  Vor  allem  aber  fehlt  es  diesen
Gesellschaften  an  dem  opferfreudigen  Entgegenkommen  der
Besitzenden,  wie  die  Tatsache  zeigt,  daß  neulich  noch  die
Baugenossenschaft  „Eigenes  Heim“  in  einer  Generalversammlung ­
  den  Vorstand  ermächtigt  hat,  den  gesamten  Grundbesitz ­
  der  Genossenschaft  bestmöglichst  zu  verkaufen;  die
Genossenschaft  will  ihre  Tätigkeit  einstellen,  weil  sie  zur
Einsicht  gekommen  ist,  daß  mit  den  geringen  Mitteln  der
        <pb n="173" />
        160

Die  Wohnungsfrage.

Genossenschaft  eine  durchgreifende  Lösung  der  Wohnungsfrage ­
  oder  auch  nur  eine  Reform  derselben  in  beschränktem
Umfange  nicht  zu  ermöglichen  ist.
Mit  wie  wenig  Verständnis  man  übrigens  die  Wohnungsfrage ­
  auch  von  Seiten  größerer  Gemeindewesen  behandelt,
dafür  liefern  Vorgänge  Beweise,  welche  sich  neulich  in
Düsseldorf  abgespielt  haben.  Dieser  Stadt  ist  von  einem
reichen  Erblasser  —  Landgerichtsrat  Aders  —  eine  Summe
von  1  Million  Mk.  zum  Baue  von  Arbeiterwohnungen  hinterlassen ­
  worden,  mit  der  Bedingung,  daß  die  gebauten  Häuser
in  ewigem  Eigentume  der  Stadt  bleiben  sollen.  Mit  Recht
darf  man  heute  von  einer  Stadtvertretung  verlangen,  daß
sie  mit  einem  dicken  Tropfen  sozialpolitischen  Öls  gesalbt
sei,  daß  sie  sich  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  Mühe
gebe,  die  günstigsten  Bedingungen  für  Errichtung  von
Wohnungen  auszuspähen,  wenn  sie  sich  damit  auch  in  bewußten ­
  Gegensatz  zu  den  Bodenspekulanten  stellt.  Vor
allem  hatte  man  in  der  gesamten,  uninteressierten  Bürgerschaft ­
  erwartet,  daß  man  nach  einem  bestimmten  Plane  im
Weichbilde  der  Stadt  in  verschiedenen  Gegenden  und  auf
billigem  Boden  kleine,  hübsche  Kolonien  von  Einzelhäuschen
.anlegte.  Statt  dessen  kam  die  eigens  zu  dem  Zwecke
■eingesetzte  Kommission,  in  der  wesentlich  größere  Hausbesitzer, ­
  aber  keine  Arbeiter  vertreten  waren,  zu  dem  Entschlüsse ­
  ,  in  dem  alten  Stadtteile  ein  altes  Haus  zu  teuren
Preisen  zu  kaufen,  und  dieses  alte  Haus  in  dem  alten  Stadtteile ­
  —  Ratingerstraße  1  —  zu  Arbeiterwohnungen  von  —
man  höre  und  staune!  —  zwei  Zimmern  umbauen  zu  lassen.
Man  glaubte  der  Zustimmung  der  Stadtverordneten  schon
.sicher  zu  sein,  aber  die  aufgeregte  öffentliche  Meinung  bereitete ­
  der  Kommission  in  dem  Rathaussaale  unerwartete
Schwierigkeiten.  Es  fand  sich  eine  Opposition,  welche  die
Vorlage  bekämpfte  und  die  Zurückverweisung  durchsetzte.
Bei  diesen  Verhandlungen  sind  nun  die  Meinungen  arg
        <pb n="174" />
        Die  Wohnungsfrage.

161

aufeinander  geplatzt  und  Auffassungen  über  die  Stellung
der  Arbeiter  im  sozialen  Leben  der  Gegenwart  zutage
getreten,  die  ganz  verblüffend  wirken.  Wir  würden  den
Verhandlungen  nicht  die  Ehre  an  tun,  sie  aufzuführen,  wenn
wir  sie  nicht  für  ein  charakteristisches  Symptom  au  fin  du
siede  hielten.  Man  ersieht  aus  ihnen,  daß  man  sich  in  gewissen ­
  Kreisen  noch  gar  nicht  daran  gewöhnen  kann,  die
Arbeiter,  welche  doch  so  sehr  an  der  Schaffung  aller  Güter
beteiligt  sind,  als  vollberechtigte  Glieder  der  Gesellschaft
anzusehen.  Die  sozialpolitischen  Kernsprüche,  welche  wir
finden,  hätten  einer  Ratsversammlung  in  einem  gutsherrlichen,
pommerschen  Dörfchen  alle  Ehre  gemacht.
Wir  geben  den  Bericht  nach  der  „Düsseldorfer  Bürgerzeitung“ ­
  (Abendzeitung)  wieder:
Die  Adersstiftung  zum  Bau  von  Arbeiterwohnungen
vor  der  Stadtverordnetenversammlung.
Endlich!  —  Endlich  fand  gestern  abend  zum  ersten  Male
eine  Disputation  der  so  überaus  wichtigen  Frage  im  Stadtverordnetenkollegium ­
  statt.
Als  Referent  nahm  zuerst  das  Wort  Herr  Beigeordneter
Dr.  B.,  der  Vorsitzende  der  Adersstiftung,  der  ein  paar  Worte
darüber  sagte,  daß  die  Baukommission  und  das  Kuratorium

der  Adersstiftung  in  vereinigter  Sitzung  dahin  übereingekommen
seien,  die  Pläne  für  die  Bauten  an  der  Hildenerstraße  zu  verschieben, ­
  dagegen  die  Pläne  für  den  Umbau  des  Hauses  Ratingerstraße
  1  zu  genehmigen.  Herr  B.  verlas  sodann  den  fertig

formulierten  Beschlußentwurf.
Als  erster  Redner  nahm  das  Wort
Herr  Stadtv.  K.:  Er  konstatierte,  daß  in  der  gemeinsamen
Sitzung  keineswegs  Einstimmigkeit  über  das  Projekt  geherrscht
habe.  Es  sei  eine  ansehnliche  Minderheit  vorhanden  gewesen,
die  demselben  ablehnend  gegenüber  gestanden  hätte.  Der
Erblasser  habe  in  seinem  letzten  Willen  bestimmt,  daß  aus
der  Stiftung  „angenehme“  Wohnungen  hergestellt  würden.
Solche  Wohnungen  aber  seien  in  dem  Hause  Ratingerstraße  1  —
eine  alte  Baracke  in  dem  alten  Stadtteile  —  nicht  zu  schaffen.
Nach  dem  vorhegenden  Plane  solle  das  Vorderhaus  und  das
Hinterhaus  bestehen  bleiben,  dagegen  sollten  auf  dem  noch
vorhandenen  Gelände  Hintergebäude,  neue  Wohnungen  errichtet
werden.  Im  Parterre  des  Vorderhauses  sei  nur  ein  Zimmer
Wehberg,  Die  Bodenreform.  11
        <pb n="175" />
        162

Die  Wohnungsfrage.

vorhanden,  dazu  komme  noch  ein  zweiter  Raum,  der  weder
Licht  noch  Luft  habe.  Dieser  sei  weder  als  Schlafzimmer
noch  als  Küche  zu  gebrauchen.  In  der  ersten  Etage  seien
zwei  große  Zimmer  vorhanden,  die  allerdings  durch  Bretterwände ­
  in  vier  kleine  Räume  geteilt  seien.  Außerdem  sei  der
dumpfe  Raum  vorhanden,  wie  im  Unterhaus.  Das  ganze
Vorderhaus  sei  im  schlechtesten  Zustande,  es  stehe  auf  dem
Aussterbeetat.  Im  Hintergebäude  seien  auf  der  ersten  Etage
drei  Zimmer,  für  welche  das  Kuratorium  nach  dem  Plane  des
Architekten  Röting  ein  eigenes  Treppenhaus  bauen  wolle,  obschon ­
  vom  Vorderhause  schon  eine  Treppe  dorthin  führe.  Der
sogenannte  „Speicher“  im  Hinterhause  sei  kaum  benutzbar,  er
sehe  einem  Taubenschlage  ähnlich.  In  den  neu  zu  errichtenden
Gebäulichkeiten  auf  dem  Hintergelände  sollten  zwölf  neue
Wohnungen  zu  je  zwei  Zimmern  geschaffen  werden.  Eine
solche  Wohnung  reiche  nur  für  ein  junges  Ehepaar  aus;  falls
die  Familie  größer  werde,  sei  sie  nicht  mehr  zu  gebrauchen.
Redner  schlägt  aus  diesen  Gründen  vor,  die  Genehmigung  zu
versagen.
Herr  Beigeordneter  B.:  Er  konstatierte,  daß  in  der  Kommission
nur  die  Herren  K.  und  S.  Gegner  des  Projektes  gewesen.  Es
habe  sein  Mißliches,  in  einer  öffentlichen  Sitzung  diese  Sache
zu  diskutieren.  Er  bestreite  entschieden,  daß  das  Haus  eine
baufällige  Baracke  sei.  Der  Ankauf  sei  vom  Kuratorium  als
ein  sehr  günstiger  angesehen  worden.  Das  Wohnen  in  demselben ­
  sei  keineswegs  ein  ungemütliches,  was  schon  aus  dem
hohen  Mietserträgnisse  hervorginge.  Wenn  schon  in  Oberbilk ­
  —  ein  Vorort  —  in  den  neu  zu  erbauenden  Häusern  an
der  Hildenerstraße  Wohnungen  zu  zwei  Zimmern  projektiert
seien,  dann  könnte  man  doch  sicher  mitten  in  der  Stadt  mit
zweizimmerigen  Wohnungen  zufrieden  sein.
Herr  Stadtv.  D.  stellte  fest,  daß  das  Kuratorium  auf  sein
Ausschreiben  hin,  abgesehen  von  einigen  alten  Häusern  in  der
Mühlenstraße,  die  nichts  wert  gewesen  seien,  gar  keine  anderen
Anerbietungen  erhalten  habe.  Das  Haus  Ratingerstraße  halte
er  für  vorteilhaft  angekauft.
Herr  Stadtv.  S.  hat  auch  an  dem  vorliegenden  Plane
mancherlei  Ausstellungen  und  beantragt,  denselben  zurückzuverweisen. ­

Herr  Stadtv.  H.:  In  der  gemeinsamen  Sitzung  sei  nur  die
projektierte  Treppe  bemängelt  worden.  Heute  komme  Herr  K.
und  verwerfe  das  ganze  Projekt.  In  dem  Kuratorium  sei  man
vollständig  darüber  einig  gewesen,  daß  die  Wohltaten  der
Stiftung  allen  Teilen  des  Stadtgebietes  zugute  kommen  sollten.
Aus  diesen  Gründen  habe  man  beschlossen,  alte  Häuser  anzukaufen ­
  und  das  Haus  Ratingerstraße  1  sei  als  durchaus  geeignet ­
  befunden  worden.  Das  Haupthaus  sei  von  den  Bau-
        <pb n="176" />
        Die  Wohnungsfrage.

163

kundigen  im  Kuratorium  als  vortrefflich  anerkannt,  und  das
unbebaute  Hintergelände  eigne  sich  zu  Neubauten.  Er  müsse
dagegen  protestieren,  daß  der  Stifter  von  „angenehmen"
Wohnungen  spreche;  daß  sei  nicht  der  Fall.  In  der  Stiftungsurkunde ­
  sei  nur  davon  die  Rede,  „angemessene"  Wohnungen
zu  beschaffen.  Das  in  Rede  stehende  Haus  sei  früher  sogar
ein  adeliges  Haus  gewesen,  es  habe  der  Nesselrodeschen
Familie  gehört.  Es  könnten  darin  14—16  Familien  ganz  „angemessene" ­
  Wohnung  finden.  Da  komme  denn  heute  diese
unglückselige  Treppe!  Die  Stiftung  sei  nun  beinahe  drei
Jahre  alt  und  noch  sei  kein  Schritt  zu  ihrer  Ausführung  getan. ­
  Da  dürfe  man  doch  nicht  länger  zögern.
Herr  Beigeordneter  B.:  Nachdem  so  scharfe  Angriffe  gegen
das  Haus  gefallen,  müsse  er  doch  etwas  zugunsten  desselben
sagen.  Im  Kuratorium  sei  man  vollständig  einig  gewesen  über
die  Vortreffliohkeit  des  Planes.  In  der  Baukommission  aber
sei  nur  die  Treppe  bemängelt  worden.  Es  sei  nicht  wohlgetan, ­
  wenn  man  ein  so  weislich  überlegtes  Projekt  in  dieser
Weise  in  der  Öffentlichkeit  diskreditiere.  Für  die  Herren,  die
dagegen  gesprochen  haben,  seien  die  Wohnungen  natürlich
nicht  angemessen,  aber  für  Leute,  für  die  sie  bestimmt  sind,
seien  sie  vorzüglich.
Herr  Stadtv.  E.:  Die  Treppe  interessiere  ihn  nicht,  aber
er  müsse  erklären,  daß  er  Wohnungen  von  zwei  Zimmern
nicht  für  angemessene  Wohnungen  halte.  Die  Wohnungsverhältnisse ­
  im  alten  Stadtteil  seien  unwürdig  und  wahrhaftig
polizeiwidrig.  Die  Leute  bezahlten  für  Löcher  40—50  Taler,
Er  müsse  darauf  bestehen,  daß  die  Wohnungen  mindestens  zu
drei  Zimmern  in  Aussicht  genommen  würden.  In  Wohnungen
von  zwei  Zimmern  diene  das  eine  Zimmer  als  Küche,  Werkstatt ­
  und  Wohnzimmer;  im  anderen  schlafe  die  ganze  Familie.
Seien  mehrere  uud  größere  Kinder  vorhanden,  so  seien  diese
Wohnungen  geradezu  unanständig  und  sittlich  verwerflich.  In
einer  hiesigen  Zeitung  werde  für  Arbeiterkolonien  an  der
Peripherie  der  Stadt  plaidiert.  Dagegen  müsse  er  sich  ganz
entschieden  aussprechen;  er  sei  vielmehr  der  Meinung,  daß
der  größte  Teil  der  Stiftung  in  der  alten  Stadt  bleibe,  da  hier
die  Wohnungsnot  am  größten.  Er  beantrage  demnach,  das
Projekt  zurückzuverweisen  und  dem  Kuratorium  den  Auftrag
zu  geben,  Wohnungen  von  mindestens  drei  Räumen  ins  Auge
zu  fassen.
Herr  Stadtv.  K.  stellt  gegenüber  Herrn  H.  fest,  daß  in
dem  ihm  von  der  Verwaltung  zugesendetengedruckten  Exemplare
der  Stiftungsurkunde  nicht  von  „angemessenen,"  sondern
von  „angenehmen"  Wohnungen  die  Rede  sei.
Herr  Beigeordneter  B.:  Das  Wohnungsbedürfnis  gehe  für
die  kleinen  Leute  nicht  über  zwei  Zimmer  hinaus;  wenn  die
11*
        <pb n="177" />
        164

i

Die  Wohnungsfrage.

Kinder  groß  geworden  seien  und  aus  dem  Hause  gingen,  sei
dasselbe  ebenfalls  nicht  größer.  In  der  Zwischenzeit  möge
es  wohl  etwas  steigen.  Indessen  seien  in  dem  Hause  sogar
Wohnungen  von  vier  Zimmern  vorgesehen.
Herr  Stadtv.  L.:  Nachdem  von  Mitgliedern  der  Baukommission ­
  diese  Ausstellungen  gemacht  seien,  beantrage  er,  behufs ­
  Einigung  über  dieselben,  Zurückverweisung  des  Projektes
an  das  Kuratorium.
Herr  Stadtv.  F.  Er  habe  aus  der  Disputation  die  Ansicht
gewonnen,  daß  es  am  besten  sei,  das  ganze  Projekt  zu  verwerfen ­
  und  das  Haus  von  Grund  aus  neu  zu  bauen.
Her  Oberbürgermeister  L.:  Der  größte  Teil  der  städtischen
Beamten  wohne  auf  zwei  Zimmern  und  wenn  „seine“  Beamten
damit  auskämen,  so  sei  das  Beweis  genug  für  das  Projekt.
(Redner  erklärte  später,  daß  er  vorzüglich  die  Schutzleute
im  Auge  habe.)
Nachdem  Herr  H.  erklärt  hatte,  daß  er  es  für  unmöglich
halte,  einen  festen  Plan  für  die  Ausführung  der  ganzen  Stiftung  vorzulegen
  und  Herr  E.  irrige  Auffassungen  aus  seinem  Vortrage  korrigiert, ­
  wird  das  Projekt  der  Verwaltung  gemäß  dem  Vorschläge
des  Herrn  L.  an  das  Kuratorium  nochmals  zurückverwiesen.“
Eine  derartige  Behandlung  der  wichtigsten  Bürgerinteressen ­
  rüttelte  die  Bürgerschaft  aus  ihrem  Schlafe  auf;  es
wurden  Petitionen  an  den  Vorsitzenden  der  Adersstiftung,
an  den  Oberbürgermeister  und  die  Stadtverordneten  geschickt,
welche  um  Umkehr  von  den  faulen  Wegen  ersuchten.  Aber
hochmütig  legten  die  Herren  diese  ad  acta.  Die  Folge
davon  war  der  folgende  einstimmige  Protest  einer  großen
Bürgerversammlung,  der  dann  auch  den  Erfolg  hatte,  daß
der  Oberbürgermeister  erklärte,  daß  das  Kuratorium  von
dem  törichten  Ankäufe  alter  Häuser  in  dem  alten  Stadtteile
Abstand  nehmen  werde,  daß  dagegen  nur  Neubauten  an
der  Peripherie  der  Stadt  errichtet  werden  sollten:
Düsseldorf,  30.  Mai  1892.*)
Die  gestern  vom  Ortsverbande  der  deutschen  Gewerkvereine ­
  einberufene  Versammlung  behufs  Besprechung  der
Wohnungsfrage  unter  Berücksichtigung  der  Adersstiftung  war
von  schönem  Erfolge  gekrönt.  Der  große  Saal  des  Herrn
Pütz  war  bis  auf  den  letzten  Platz  besetzt,  und  zwar  nahmen

)  Bericht  der  „Bürgerzeitung.
        <pb n="178" />
        Die  Wohnungsfrage.

165

Bürger  aller  Stände  und  Parteien  teil.  Auch  sah  man  —
rari  nantes  in  gurgite  vasto  —  einige  Stadtverordnete.  Der
Vorsitzende  eröffnete  die  Versammlung  und  erteilte  alsbald
Herrn  Dr.  Wehberg  das  Wort  zu  einem  Vortrage,  in  welchem
derselbe  an  der  Hand  eines  überaus  reichhaltigen  und  sorgfältig ­
  gesichteten  statistischen  Materials  die  Wohnungsfrage
von  sozialen  und  hygienischen  Gesichtspunkten  in  meisterhafter
Form  besprach.  Mit  lebhaftestem  Beifall  wurden  insbesondere
diejenigen  Ausführungen  des  Redners  aufgenommen,  in  denen
er  dem  reaktionären  Geiste,  der  im  Düsseldorfer  Rathaussaale
über  den  Verhandlungen  betreffend  die  Wohnungsfrage  geschwebt ­
  hat,  die  gebührende  Heim!  euch  tu  ng  angedeihen  ließ.
Als  erster  Redner  in  der  Disputation  begründete  Herr  Hartmann
in  treffenden  Worten  die  nachstehende  Resolution:
„Die  heutige  Versammlung,  welche  von  Bürgern  aller
Stände  zahlreich  besucht  ist,  erklärt  nach  Anhörung  eines
Vortrages  des  Herrn  Dr.  Wehberg,  mit  dessen  Ausführungen
sie  sich  einverstanden  erklärt,  daß  die  Stiftung  des  verstorbenen ­
  Landgerichtsrats  Aders,  die  zum  Bau  von  Arbeiterwohnungen ­
  bestimmt  ist,  bei  einer  den  sozialen  und  hygienischen ­
  Anforderungen  entsprechenden  Ausführung  geeignet
gewesen  wäre,  die  Wohnungsverhältnisse  der  arbeitenden
Klassen  wesentlich  zu  verbessern.  Sie  erklärt  indessen,
daß  die  bisherigen  Maßnahmen  des  Kuratoriums  der  Adersstiftung ­
  diesen  Anforderungen  in  keiner  Weise  entsprechen.
Indem  die  Versammlung  hierüber  ihr  lebhaftes  Bedauern
ausspricht,  fordert  dieselbe,  daß  bei  Ausführung  der  Stiftung
1.  alle  Ankäufe  von  Grundstücken  zu  Spekulationspreisen
und  dadurch  herbeigeführte  Bereicherungen  einzelner
Grundbesitzer  vermieden  werden,  vielmehr
2.  alle  verfügbaren  Mittel  möglichst  zur  Förderung  der
Arbeit,  durch  Häuserbau,  Beschaffung  von  Arbeitsgelegenheit ­
  und  Verminderung  der  Arbeitslosigkeit  verwendet
werden;
3.  die  Ausführung  von  Bauten  für  die  Adersstiftung  nach
dem  Grundsätze  des  „gemeinnützigen“  Baues  geschehe,
daß  also  die  Bauten  nicht  einem  einzelnen  Unternehmer,
wie  hier  dem  Schwiegersöhne  eines  Stadtverordneten,
unbesehen  übertragen,  sondern  in  engerer  Submission
zwischen  soliden  und  tüchtigen  Baumeistern  vergeben
werden.
Endlich  erklärt  die  Versammlung,  daß  hauptsächlich  die
ungeeignete  Zusammensetzung  des  Kuratoi'iums  die  Ursache
der  getroffenen  unzweckmäßigen  Maßnahmen  ist  und  zwar
deshalb,  weil  die  Verwaltung  einer  Stiftung,  die  dem  Interesse ­
  der  Wohnungsmieter  dienen  soll,  ausschließlich  in  die
        <pb n="179" />
        166

Die  Wohnungsfrage.

Hände  von  Wohnungsvermietern,  Bauunternehmern  und
Hausbesitzern  gelegt  ist.  Sie  fordert  daher,  daß  in  das
Kuratorium  der  Adersstiftung  auch  Bürger  aus  denjenigen
Kreisen  berufen  werden,  für  welche  die  Stiftung  bestimmt  ist.“
Der  folgende  Redner,  Herr  Redakteur  Stoffers,  beschäftigte
sich  ebenfalls  eingehend  mit  jenem  reaktionären  Geiste.  Insbesondere ­
  beleuchtete  er  die  Ausführungen  des  Herrn  Justizrat
H.  über  das  „adlige“  Haus  und  über  die  Begriffe  „angemessene“
und  „angenehme“  Wohnungen  unter  dem  Beifall  der  Versammelten. ­
  Den  sachlichen  Darlegungen  des  Herrn  Stadtv.
E.,  welcher  bekanntlich  verlangt  hatte,  daß  überhaupt  der
größte  Teil  der  Stiftung  im  alten  Stadtteile  verbleiben  sollte,
weil  dort  die  Wohnungsverhältnisse  am  erbärmlichsten  seien,
begegnete  dieser  Redner  mit  dem  Nachweise,  daß,  wenn  man
die  ganze  Stiftung  in  der  alten  Stadt  beließe,  man  zur  Besserung
der  Wohnungsverhältnisse  auch  nicht  das  geringste  beitragen
würde.  Das  Haus  an  der  Ratingerstraße  solle  nach  dem  Umbau ­
  88  000  Mk.  kosten:  selbst  wenn  man  zehn  solcher  Häuser
erstünde  ,  würden  diese  zehn  Häuser  auf  die  Mietpreise  und
sanitären  Verhältnisse  auch  selbst  in  ganz  geringem  Maße
günstig  einzuwirken  nicht  in  der  Lage  sein,  während  mit  den
Kosten  für  diese  Häuser  die  ganze  Stiftung  beinahe  verplempert
wäre.  Dahingegen  ließen  sich  an  der  Peripherie  der  Stadt
bei  rationeller  Wirtschaft  einige  Hundert  Einfamilienhäuser
errichten,  und  diese  würden  sehr  bald  auf  die  Besitzer  der
alten  Häuser  in  der  Weise  einwirken,  daß  sie  gezwungen
würden,  ihren  Mietern  verbesserte  und  billigere  Wohnungen
zu  bieten,  wenn  sie  dieselben  nicht  verlieren  wollten.  Nicht
die  Adersstiftung  habe  die  Aufgabe,  jene  schändlichen  Spelunken
abzureißen  und  menschenwürdige  Wohnungen  an  ihre  Stelle
zu  setzen,  sondern  es  sei  Pflicht  derjenigen,  die  so  lange
Jahre  die  hohen  Mieten  aus  denselben  gezogen  hätten,  das
zu  tun.  Den  Schluß  bildete  die  schlichte  Rede  eines  Arbeiters,
von  der  wir  wünschten,  daß  sowohl  Herr  Dr.  B.  mit  seiner
Zweizimmertheorie  als  auch  das  gesamte  Stadtverordnetenkollegium ­
  sie  gehört  hätten.  Er  sagte,  daß  er  für  48  Taler  auf  zwei
Speicherzimmern  wohnen  müsse,  daß  es  ihm  aber  unmöglich
sei,  schon  bei  einer  Pamilie  von  zwei  Kindern  diesen  in  einer
solchen  Wohnung  eine  christlich-sittliche  Erziehung  zu  geben,
wie  er  sie  von  seinen  Eltern  überkommen.  Er  danke  daher
den  Gewerkvereinen,  daß  sie  diese  Frage  so  energisch  in  die
Hand  genommen.  Hierauf  wurde  die  Resolution  des  Herrn
Hartmann  unter  lebhaftem  Bravo  einstimmig  angenommen.
Aber  kann  es  bei  einer  solchen  Behandlung  der  Frage
■wundernehmen,  wenn  unsere  Arbeiter  das  Vertrauen  zu
solchen  Hilfeleistungen  verlieren,  daß  sie  tiefer  Grimm  er ­
        <pb n="180" />
        Die  Wohnungsfrage.

167

faßt?  Almosen  wollen  unsere  Arbeiter,  welche  aus  dumpfem
Knechtesschlafe  erwacht  sind  und  an  den  Segnungen  der
industriellen  Epoche  Teil  zu  nehmen  wünschen,  nicht;  sie
wollen  nur  Gerechtigkeit.  Niemand  brauchte  zu  darben  im
Angesichte  des  Überflusses;  aber  Grundrente,  Zins  und
Unternehmerprofit  nehmen  den  Löwenanteil  für  sich  in
Anspruch.  Mögen  staatliche  und  kommunale  Behörden,  wie
Arbeiter  und  private  Gesellschaften  Häuser  bauen;  diese
Maßnahmen  bedeuten  nicht  die  Lösung  der  Wohnungsfrage. ­
  Wir  halten  es  im  Gegenteil  für  verderblich,  wenn
man  glaubt,  die  Arbeiter  zu  beruhigen,  indem  man  ihnen
die  Sorge  um  eigene  Wohnungen  abnehmen  will,  wie  das
die  Erfahrung  allerwärts  gelehrt  hat.  Immer  freilich  werden
auch  in  Zukunft  Bürger  sein,  welche  das  Mietshaus  dem
Eigentum  vorziehen  werden,  aber  im  großen  und  ganzen
kann  man  sagen,  daß  wir  die  wirtschaftlichen  Grundlagen
so  legen  müssen,  daß  jeder  Fleißige  ohne  Mühe  und  Entbehrung ­
  seine  eigene  Wohnstätte  besitzen  kann.  Das  aber
muß  erstrebt  werden  durch  fundamentale  und  zum  Teil
rücksichtslose  Reformen.
Wenn  aber  die  Zeit  gekommen,  wo  unsere  Bürger  statt
in  elenden  Spelunken  in  hellen,  traulichen  Räumen  weilen
werden,  wenn  ihnen  die  Heimat  wieder  die  „liebe,  süße
Heimat“  sein  wird,  dann  werden  auch  Geschlechter  emporwachsen, ­
  welche,  versöhnt  mit  den  wirtschaftlichen  und
sozialen  Zuständen  ihrer  Zeit,  ein  frohes  und  glückliches
Dasein  in  der  Erfüllung  ihrer  Pflichten  führen  werden.
Wir  stehen  an  der  Schwelle  des  20.  Jahrhunderts,  des  Jahrhunderts ­
  der  Arbeiter.  In  ihm  werden  Millionen  und  wieder
Millionen  von  Brüdern  auf  eine  höhere  Stufe  der  Lebenshaltung ­
  gelangen,  und  die  nach  Beseitigung  des  arbeitslosen
Einkommens  vervielfachte  Produktion  wird  ehrlicher  und
treuer  Arbeit  den  reichlichsten  Lohn  sichern.
        <pb n="181" />
        Sachregister.

Abwässer  117  ff.
Ackerkultur  14.
Ackerland  7,  8,  9,  68.
Adersstiftung  160  ff.
Agrarier  148  ff.
Alkoholbewegung  17,  93.
Allwohlsbund  X,  1,  66,  74,  76.
Anarchismus  2.
Anwachsen  der  Städte  11,129,  147.
Arbeiterschutzgesetzgebung  15,
101.
Bauernstand  35.
Baugenossenschaften  12,  15.  159.
Baugrund  7,  8.
Bauhandwerker  12,  150  ff.
Bauordnungen  155.
Beamtengehälter  16.
Bergarbeiter  107  ff.
Bergwerke  13,  66,  68,  81,  90,  91  ff.,
104  ff.
Besiedelung  des  Landes  11,  86,147.
Bodensenkungen  117  ff.
Bodenspekulationen  51,  131  ff.
Bund  für  Bodenbesitzreform  65,
89  ff.
Dachstuben  125.
Demokratie  14.
Dezentralisation  der  Bevölkerung
11,  148.
Doppelwährung  9.
Eisenbahnen  13,  91,  106,  114.
Entvölkerung  des  Landes  11,  147.
Erbrecht  84,  90,  94.
Fideikommisse  90.
Flüsse  66,  68.
Frauenbewegung  16.
Freihandel  7,  10,  35,  74  ff.,  95  ff.
Frei  Land  65,  67.
Friedensbewegung  16  ff.

Gartenland  7,  8,  14.
Gemeindeeigentum  8,  99,  156.
Genossenschaftswesen  14  ff.,  69,
90,  100,  157.
Germanisches  Recht  7.
Gesundheitswidrige  Wohnungen
127.
Grundrente  VI,  3,  5,  6,  7,  8,  9  ff.,
33  ff.,  60,  62  ff.,  65,  87,  89,  98,  107.
Grundzinsgemeinschaft  6,  7.
Hypotheken  8  ff.,  86,  90,  100,
135  ff.,  149.
Impöt  unique  7,  13,  65,  89.
Individualismus  2.
Kanäle  11,  13.
Kapitalansammlung  14,  57.
Kapitalismus  2,  7.
Katastrierung  94.
Kellerwohnungen  124  ff.
Kinderschutz  15.
Kirchen  1,  4.
Kleinbahnen  11,  148.
Kohlenpreise  81  ff.,  111  ff.
Kommunismus  2,  5,  24,  25,  74,  89,
101.
Konsumgenossenschaften  15.
Konvertierung  der  Anleihen  10.
Landgemeindeordnung  90,  94  ff.
Landliga  IX,  75.
Latifundien  45  ff.,  85,  94,  149.
Lebensalter  der  Bevölkerung  126.
Liberalismus  2,  5.
Manchestertum  23,  77,  87.
Mineralquellen  7  ff.
Monopolgrundrente  8  ff.,  62,  66  ff.,
71  ff.,  95.
Moore  7  ff.
        <pb n="182" />
        170

Sachregister.

Nationalisierung  des  Bodens  8.
Naturalgrundrente  10  ff.,  66  ff.,  95.
Parzellierung  der  Güter  86,  89.
Privatmißbrauch  am  Boden  1,4  ff.,
28  ff.
Produktivgenossenschaften  14  ff.,
100,  157.
Rentengut  86,  90,  98,  147,  148.
Römisches  Recht  7.
Schutzverband  für  deutschen
Grundbesitz  V.
Schutzzoll  35,  49,  74  ff.,  95  ff.
Selbsthilfe  1,  146,  156.
Sicherungshypothek  der  Bauhandwerker
  151  ff.
Silherwährung  9.
Single  Taxe  7,  13,  65,  89.
Sozialdemokratie  2,  5,  24,  25,  74,
89,  101.
Soziale  Frage  19  ff.,  139  ff.,  146  ff.
Sozialismus  1  ff.,  23  ff.
Staatseigentum  8  ff.,  100.
Steigen  der  Grundrente  VI,  6,  7,
33,  65,  89,  107.
Steuern  12  ff.,  90,  93,  154.

Streiks  110  ff.
Syndikate  14.
Talsperren  11.
Trusts  14.
Überproduktion  57,  133.
Untern  ehmergewinn  5,  36,  60,
87  ff.
Unterrichtsanstalten  4.
Versicherungswesen  10  ff.,  92  ff.
Verstaatlichung:  des  Bodens  7  ff.,
99,  156;  des  Getreidehandels
9;  des  Hypothekarkredits  10,  86,
90,  100,  149;  des  Versicherungswesens' ­
  10  ff.,  92  ff.
Vorkaufsrecht  des  Staates  86,  98.
Vorrechte  der  Gehurt  4.
Wälder  7  ff.,  66,  68.
Warenbanken  15.
Wasserkräfte  7  ff.
Weiden  7  ff.,  66,  68.
Wertzuwachssteuer  XI,  XIII.
Wiesen  7  ff.,  66,  68.
Wohnungsfrage  11  ff.,  52,  123  ff.
Zentralverband  deutscher  Industrieller ­
  21.
Zins  3,  5,  10  ff.,  60,  62  ff.,  105  ff.

\
        <pb n="183" />
        Im  Verlage  der  Universitätsbuchdruckerei  Carl  Georgi  in
Bonn  erschien  1911  von  Dr.  Hans  Wehberg  in  Düsseldorf

A.  Theodor  Stamm
und  die  Anfänge  der  deutschen
Bodenreformbewegung.
Preis  2  Mark.

Urteile  der  Presse:
Heinrich  Freese,  Ehrenvorsitzender  des  Bundes  deutscher  Bodenreformer,
in  der  Bodenreform  vom  20.  April  1911:  Ich  finde,  daß  das  Unternehmen ­
  Dr.  Wehbergs  sehr  verdienstlich  ist.  Viele  Einzelheiten
werden  aus  der  Vorgeschichte  des  Bundes  erzählt,  die  selbst
Bodenreformern  unbekannt  sein  werden,  die  wie  ich  seit  mehr
als  zwei  Jahrzehnten  in  der  Bewegung  stehen.
Sozialistische  Monatshefte:  Die  Aufgabe,  die  Geschichte  der  deutschen
Bodenreformbewegung  aufzuzeigen,  hat  der  Verfasser  vorzüglich
gelöst.
Professor  Dr.  Koeppe  (Marburg)  im  «Archiv  für  die  Geschichte  des
Sozialismus»:  Die  verdienstvolle  Schrift  bringt  eine  quellenmäßige
Darstellung  über  die  Anfänge  der  deutschen  Bodenreformbewegung ­
  aus  den  urkundlichen  Materialien  und  Korrespondenzen
des  Vaters  des  Verfassers  Dr.  med.  Heinrich  Wehberg,  der  in
diesen  Anfängen  eine  hervorragende  Rolle  gespielt  hat.
Dr.  Görnandt,  Syndikus  des  Schuh  Verbundes  für  deutschen  Grundbesitz, ­
  im  «Tag»  vom  19.  Dez.  1912:  Eine  kleine,  aber  wertvolle ­
  Schrift  aus  der  Feder  des  Sohnes  des  alten  Wehberg,
der  zu  den  ersten  Bodenreformern  in  Deutschland  gehörte.
Wertvoll,  weil  sie  viel  Material  aus  Aktenstücken  und  Briefen
an  das  Tageslicht  fördert,  interessant,  weil  sie  in  scharfen
Umrissen  den  Gegensatz  der  alten  deutschen  Bodenreform  zu
der  heutigen  (vielfach  sogenannten  Dameschkeschen)  erkennen
läßt.  Alle,  die  der  Bodenreform  kritisch  gegenüberstehen,  werden
dem  Wehbergschen  Buche  wesentliche  Gesichtspunkte  entnehmen
können.
Geheimrat  Schrameier  in  der  Schrift  «Die  deutsche  Bodenreformbewegung» ­
  (1912):  Über  die  Anfänge  der  Bodenreformbestrebungen
in  Deutschland  besitzen  wir  mehrere  Darstellungen,  von  denen
besonders  zwei  ein  ziemlich  erschöpfendes  Material  zur  Beurteilung ­
  enthalten:  Dr.  Hans  Wehbergs  Schrift  über  A.  Theodor
Stamm  und  die  Anfänge  der  deutschen  Bodenreformbewegung,
1911,  und  A.  Damaschke,  Zur  Geschichte  der  deutschen  Bodenreformbewegung, ­
  1906.
        <pb n="184" />
        Von  Dr.  med.  Heinrich.  Wehberg
erschien  in  den  Jahren  1887—1897
die  Streitschriftensammlung:
Wider  den
Mißbrauch  des  Alkohols
am  Krankenbette.

1-  Heft:  Wider  den  Mißbrauch  des  Alkohols,  zumal
am  Krankenbette.  1887.  18  s.
2.  Heft:  Die  Behandlung  der  croupösen  Lungenentzündung ­
  nach  den  Grundsätjen  des
Professors  von  Jürgensen  in  Tübingen.
1889.  24  S.
3.  Heft:  Der  Kampf  um  die  Lebensanschauung  und
der  Arzneiaberglaube  der  Ärzte.  1891.  51  s.
4.  Heft:  Die  Erlösung  der  Menschheit  vom  Fluche
des  Alkohols.  1894.  30  s.
5.  Heft;  Die  Enthaltsamkeit  von  geistigen  Getränken, ­
  eine  Konsequenz  moderner  Weltanschauung. ­
  1897.  66  s.

Heft  1—4  erschienen  in  Heusers  Verlag  (Neuwied),
Heft  5  in  Chr.  G.  Tienkens  Verlag  (Leipzig).
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        Aus  dem  Verlage  von  Duncker  &amp;amp;  Humblot  in  München  und  Leipzig.
Veröffentlichungen  zur  Statistik  des
Bodenkredits  u.verwandter  Gebiete.
Herausgegeben  vom  Archiv  für  Bodenkredit  derBaye  rischen
Handelsbank  zu  München.
Heft  1:  Die  deutschen  Bodenkreditinstitute  1900
bis  1909.
Von  Fritj  Schulte.
Mit  7  Tabellen.  M.  5.—.
Heft  2:  Die  Bodenkreditinstitute  der  Österreichisch-Ungarischen ­
  Monarchie  1841  bis  1910.
Von  Fritj  Schulte.
M.  12.—.
Die  Organisation  des  Bodenkredits
in  Deutschland.
III.  Abteilung:  Die  Landschaften  u.  landschaftsähnlichen
  Kreditinstitute  in  Deutschland.
Band  I:  Die  Statistik.
Von  Felix  Hecht.
Mit  5  Tabellen  und  4  Darstellungen.  M.  25.—.

Die  Bodenreform.

Eine  do  gmen-g  eschichtlich-kritische  Studie.
Von  Dr.  P.  Gutzeit.

Das  sachlich  geschriebene  Werkdien  ist  ein  brauchbares  Handbuch  für  alle
diejenigen,  die  sich  kurz  über  den  Standpunkt  und  die  Forderungen  der
einzelnen  Bodenreformer  informieren  wollen.  (Vorwärts.)

Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung.

Pierersche  Hofbuchdruckerei  Stephan  Geibel  8c  Co.  in  Altenburg,  S.-A.
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        Die  Wohnungsfrage.

167

faßt?  Almosen  wollen  unsere  Arbeiter,  welche  aus  dumpfem
Knechtesschlafe  erwacht  sind  und  an  den  Segnungen  der
industriellen  Epoche  Teil  zu  nehmen  wünschen,  nicht;  sie
wollen  nur  Gerechtigkeit.  Niemand  brauchte  zu  darben  im
Angesichte  des  Überflusses;  aber  Grundrente,  Zins  und
Unternehmerprofit  nehmen  den  Löwenanteil  für  sich  in
Anspruch.  Mögen  staatliche  und  kommunale  Behörden,  wie
Arbeiter  und  private  Gesellschaften  Häuser  bauen;  diese
Maßnahmen  bedeuten  nicht  die  Lösung  der  Wohnungsfrage. ­
  Wir  halten  es  im  Gegenteil  für  verderblich,  wenn
man  glaubt,  die  Arbeiter  zu  beruhigen,  indem  man  ihnen
die  Sorge  um  eigene  Wohnungen  abnehmen  will,  wie  das
die  Erfahrung  allerwärts  gelehrt  hat.  Immer  freilich  werden
auch  in  Zukunft  Bürger  sein,  welche  das  Mietshaus  dem
Eigentum  vorziehen  werden,  aber  im  großen  und  ganzen
kann  man  sagen,  daß  wir  die  wirtschaftlichen  Grundlagen
so  legen  müssen,  daß  jeder  Fleißige  ohne  Mühe  und  Entbehrung ­
  seine  eigene  Wohnstätte  besitzen  kann.  Das  aber
muß  erstrebt  werden  durch  fundamentale  und  zum  Teil
rücksichtslose  Reformen.
Wenn  aber  die  Zeit  gekommen,  wo  unsere  Bürger  statt
in  elenden  Spelunken  in  hellen,  traulichen  Räumen  weilen
werden,  wenn  ihnen  die  Heimat  wieder  die  „liebe,  süße
Heimat“  sein  wird,  dann  werden  auch  Geschlechter  emporwachsen, ­
  welche,  versöhnt  mit  den  wirtschaftlichen  und
sozialen  Zuständen  ihrer  Zeit,  ein  frohes  und  glückliches
Dasein  in  der  Erfüllung  ihrer  Pflichten  führen  werden.
Wir  stehen  an  der  Schwelle  des  20.  Jahrhunderts,  des  Jahrhunderts ­
  der  Arbeiter.  In  ihm  werden  Millionen  und  wieder
Millionen  von  Brüdern  auf  eine  höhere  Stufe  der  Lebenshaltung ­
  gelangen,  und  die  nach  Beseitigung  des  arbeitslosen
Einkommens  vervielfachte  Produktion  wird  ehrlicher  und
treuer  Arbeit  den  reichlichsten  Lohn  sichern.
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