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        <title>Logik des Geldes</title>
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            <forname>Bruno</forname>
            <surname>Moll</surname>
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            <idno>890261784</idno>
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        ﻿
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        ﻿Logik des Geldes

von

DR. BRUNO MOLL

PRIVATDOZENT AN DER UNIVERSITÄT KIEL



lYlndir

•fVertonr

MÜNCHEN UND LEIPZIG
VERLAG VON DUNCKER &amp; HUMBLOT
1916
        <pb n="3" />
        ﻿I



Zur Geschichte der engli=

sehen und amerikanischen

Vermögenssteuern.

I.	Zur Kritik der englischen Steuer-
geschichte.

II.	Geschichte der Vermögenssteuer-
begriffe in den alten Staaten der
Nordamerikanischen Union bis zur
Mitte des 19. Jahrhunderts.

Von Dr. Bruno Moll, Privatdozent an der Universität Kiel.

1912.

Preis 3 Mark.



iftulwrtlimmmmini

Zur Geschichte der Vermö-
genssteuern.

Von Dr. Bruno Moll, Privatdozent an der Universität Kiel.

Preis 3 Mark 50 Pf.

iiniiiiiiiiiimiiiinnnmiiin)iiiiuiiiiiiiimniiim;iniiiii

imninniawniromiiHii
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        ﻿
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        ﻿
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        ﻿Hans Planitz

gewidmet.
        <pb n="7" />
        ﻿Inhaltsverzeichnis.

Seite

Erstes	Kapitel. Methodologie...................................... 1

§ 1.	Einleitung: Alte und neue	Geldlehre........................ 1

§ 2.	Abgrenzung der Aufgaben	dieser	Untersuchung.............JO

§ 3.	Das statische Geldproblem..................................15

§ 4. Definitionen, Begriffe und Theorien: Relativität der Bedeutung
einer Gelddefinition. Individuelle Differenz der Entstehung
von Geldbegriffen. Verhältnis von Geldbegriff und Geld-
theorie. Eigene Definition für den Zweck dieser Unter-
suchung. Relativistische Auffassung von der Geltung einer

Geldtheorie.................................................19

Zweites Kapitel. Das Problem des Endes als fundamentale Aufgabe

der Logik des Geldes..........................................26

§ 1.	Die Aufgabe..................................................26

§ 2.	Das Geldproblem und die Antinomie des Denkens................27

Drittes Kapitel Die Geldliteratur und der Versuch, zu Ende zu

denken........................................................31

§ 1.	Der »Metallismus«..........................................  31

§ 2.	Die Anweisungstheorie........................................35

§ 3.	G. F. Knapps staatliche Theorie des Geldes...................40

§ 4.	Adam Müllers Lehre vom ewigen Nationalkredit.................47

Viertes Kapitel. Eigener Lösungsversuch: Grundlegung einer wirt-
schaftlichen Theorie	des	Geldes.................................58

§ 1.	Die wirtschaftliche Logik ...................................58

§ 2. Die Geldfunktion und die Vorstellung der endlichen Befrie-
digung. Der	Unendlichkeitsbegriff................................62

§ 3.	Das alte Kapitel von den Eigenschaften der	Edelmetalle . .	66

§ 4.	Staatliche und überstaatliche Geldtheorie....................72

§ 5.	Die Rangordnung der Zahlungsmittel...........................79

Anhang. Fünftes Kapitel. Zur Systematisierung der Lehren vom

Papiergelde...................................................85

§ 1.	Einleitung...................................................85

§ 2. Die beiden in der Literatur herrschenden Grundauffassungen

des Papiergeldes...............'..........................86

§ 3. Die speziellen Lehren von der Fundamentierung des Papier-
geldes ............................................................95
        <pb n="8" />
        ﻿Erstes Kapitel.

Methodologie.

Einleitung: Alte und neue Geldlehre.

Wer über die Theorie des Oeldes schreibt, der setzt sich
heute von vornherein dem Mißtrauen der Fachgelehrten aus.
Ist doch kaum auf einem andern Gebiete so viel wie hier
gesündigt worden. Haben doch kaum irgendwo anders so
oft ungelehrte und gelehrte Dilettanten mit dem Anspruch
auf Originalität und Priorität uralte Wahrheit wie uralten
Schein immer wieder neu vorgetragen. Kann es hier wirk-
lich noch etwas geben, was sich zu sagen lohnte und was
noch nicht gesagt worden wäre? Haben nicht viele Jahrhun-
derte lang die Rätsel des Geldes den Menschen beschäftigt?
Haben nicht neben Tausenden von Mittelmäßigen auch die
größten Geister, die schärfsten Köpfe, die gründlichsten
Denker darüber nachgesonnen? Universelle Denker neben
einseitigen, Philosophen wie Nationalökonomen, Rechts-
gelehrte und Historiker, Geographen und Ethnologen, Kauf-
leute und Bankiers? Ist nicht jede einzelne historische Er-
scheinung des Geldwesens hundertmal beschrieben, durch-
dacht, analysiert und gedeutet worden?

In der Tat, die Literatur ist unübersehbar, und wenn man
schon vor Jahren darauf hingewiesen hat, daß weit mehr
als 6000 selbständige Schriften und Abhandlungen über
»Geld« uns erhalten seien, so kann in einer solchen Schätzung
die Grenze des Gezählten und des Nichtgerechneten gewiß
nur sehr willkürlich gezogen sein. Und dabei erscheint der
von außen der »statischen« Geldtheorie sich darbietende
Stoff im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Gebieten als
ein eng begrenzter, fest umschlossener. Die »Tatsachen« an

Moll, Logik des Geldes.

1
        <pb n="9" />
        ﻿2

Erstes Kapitel. Methodologie.

sich sind hier einfacher, und häufiger als irgendwo scheinen
die Phänomene sich zu wiederholen. Wenn man alles dies
ernstlich in Betracht zieht, so wird man sich allerdings jene
Frage vorlegen: »Ist es wirklich wahrscheinlich, daß auf
diesem wissenschaftlichen Gebiete noch neue Grundgedanken
ausgesprochen werden dürften, daß etwas Wesentliches
plötzlich entdeckt werden könnte, was allen Früheren ent-
gangen wäre?«

Es bleibt ein Hemmnis für den Fortschritt der wissen-
schaftlichen Erkenntnis, daß diejenigen, die über das Wesen
des Geldes schreiben, allzu oft die Bedeutung ihrer Vor-
gänger verkennen, während sie die eigene Originalität über-
schätzen. Muß man nicht lächeln, wenn man in ihren Werken
und Abhandlungen immer und immer wieder liest: »Alle
früheren Autoren gingen von einem Grundirrtum aus. Sie
beachteten nicht den Unterschied zwischen Geld und Kapital.«
Oder: Die bisherige Literatur ist »erfüllt von unklaren Vor-
stellungen über das Wesen des Geldes«1. Oder: »Nichts-
destoweniger ist das Geldproblem bis in die jüngste Zeit
eines der dunkelsten Kapitel der Volkswirtschaftslehre ge-
blieben« 1 2.

Der Mathematiker lächelt, wenn er hört, wie ein Laie,
der nicht einmal die elementare Mathematik beherrscht, eifrig
nach dem Beweise des Fermat’schen Satzes sucht. Er hält
es für undenkbar, daß hier ein »Ei des Kolumbus« existiere.
Wenn der Beweis mit elementaren Mitteln möglich wäre,
sollten dann die größten und zahllose kleinere, aber gründ-
liche Denker während mehrerer Jahrhunderte vergebens ge-
sucht haben? Sollte es wirklich etwas geben, was noch nicht
»probiert« worden wäre? Allerdings ist Geldtheorie keines-

1	Ulig, Das Geldwesen der Französischen Revolution, 1914, Vorwort.

2	Mises, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, 1912, S. III
(Vorwort).
        <pb n="10" />
        ﻿§ 1. Einleitung: Alte und neue Geldlehre.	3

wegs Mathematik, und der Stoff unserer Disziplin ein ge-
schichtlich mannigfaltigerer. Aber ähnlich wie jenem Mathe-
matiker ist dem Nationalökonomen zu Mute, wenn jede
Woche eine neue Broschüre mit der freudigen Mitteilung er-
scheint, daß ein Mann der Praxis den Stein der Weisen, »das
Wesen des Geldes«, entdeckt hat. Der Glaube des Publikums
an die Originalität solcher Geldlehre pflegt dann freilich
weniger in der schöpferischen Phantasie des Autors als in
der Naivität der Leser und des Schreibers verankert zu liegen.
Groß aber ist der Verdruß der wenigen, die ernst und ge-
wissenhaft wenigstens die bekanntere, als »wissenschaftlich«
bezeichnete, Literatur studieren und zu ihrer Betrübnis finden
müssen, wie oft dasselbe und immer wieder dasselbe vor-
getragen wird, während der jedesmalige Autor etwas ganz
Neues zu sagen behauptet. Vielleicht ist dieser Verdruß
schuld daran, wenn man jetzt vielfach den radikalsten Weg
gewählt hat, sich mit der Unübersehbarkeit der Literatur ab-
zufinden : Man liest gar nichts mehr, um höchstens noch zu
schreiben, ein circulus vitiosus, den als bestehend zu behaupten
kaum eine Übertreibung ist. Liegt die Ursache dieser letz-
teren mehr betrübenden als belustigenden Erscheinung ferner
zu einem anderen Teile in Mangel an Fachbildung, Mangel
an Geduld und der Unfähigkeit des Laien, schwierige wissen-
schaftliche Werke mit Verständnis zu lesen, so treibt nun
jener eigentümliche und unwiderstehliche Reiz, den die Pro-
bleme des Geldes auf menschliches Denken ausüben, immer
wieder zum Schreiben. Und solange es Menschen geben wird,
und solange Bücher gedruckt werden, müssen auch jährlich
zahlreiche Schriften erscheinen, in denen uns uralte Gedanken
das Wesen des Geldes »neu« enthüllen. Dem Fachmanne aber
wird man es verzeihen müssen, wenn er dabei, wie wir ein-
gangs feststellten, zuweilen die Geduld verliert.

Dennoch bliebe es eine Übertreibung, wollte man die Gelcl-

1 *
        <pb n="11" />
        ﻿4

Erstes Kapitel. Methodologie.

theorie als zu völliger Unfruchtbarkeit verdammt hinstellen.
Die Kategorien, in denen wir Menschen uns »das Geld« vor-
stellen, sind denn doch nicht so absolut gleichartige. Die
Probleme sind auch, ihrer Natur nach, keine mathematischen.
Gerade hierin liegt einer ihrer Reize, und hierin für den
Schriftsteller die Möglichkeit, auch noch heute, bei aller Ehr-
furcht vor den Leistungen der Vergangenheit, einen eigenen
Beitrag zur Lehre vom Gelde zu liefern. Wenn auch wir diesen
Anspruch erheben, so sind wir uns bewußt, daß es nur wenige
Gesichtspunkte sind, auf die wir in dieser Abhandlung auf-
merksam machen möchten. Es handelt sich zunächst um das
»Problem des Endes«, das in der uns bekannten Literatur
nicht behandelt worden ist. Gewiß bildet der Inhalt unserer
Erörterung darüber allein noch keine vollständige Theorie
des Geldes, wohl aber sollte eine derartige Erörterung
unseres Erachtens jeder Geldlehre als logische Grundlage
dienen.

Wie jede Geldtheorie bedarf dann die unsere auch alter,
bereits bekannter Elemente. Die Sache liegt hier folgender-
maßen: Die Frage nach dem Wesen des Geldes hat zu drei
Gruppen von Theorien geführt.

Da sind erstens die Vertreter einer Auffassung, die man
heute allgemein mit dem Namen »Knapp« in Verbindung
bringt, (obwohl dieser Standpunkt z. B. schon 100 Jahre
früher und im Laufe des 19. Jahrhunderts öfter ebenso deut-
lich wie dann von Knapp vertreten worden ist). Man nennt
diese Autoren mit Knapp »Nominalisten«. Es gibt dann
zweitens Vertreter einer anderen Geldauffassung, die
»Metallisten«.

Wir glauben nun zeigen zu können, daß ein dritter Stand-
punkt existiert, der zwischen jenen beiden Richtungen die
Mitte hält und, die wahren Erkenntnisse beider in sich ver-
einigend, über sie hinausdeutet. Dieser dritten Auffassung
        <pb n="12" />
        ﻿§ 1. Einleitung: Alte und neue Qeldlehre.	5

könnte man bereits die Lehren des Romantikers Adam Müller
und heute Adolph Wagners und Karl Helfferichs zurechnen.
Keiner dieser Autoren aber hat unseres Wissens versucht,
die Lehre vom Wesen des Geldes mit solcher Ausführlichkeit,
solcher Gründlichkeit und gedanklichen Konsequenz durch-
zuführen, daß das Bild dieser dritten Grundauffassung hell
und deutlich hervortritt. Dies lag wohl auch gar nicht im
Plane der beiden zuletztgenannten Autoren, die in ihren be-
deutsamen und an Material reichen Werken über das Geld
zahlreiche andere und wichtige Aufgaben sich gestellt und
in vorbildlicher Weise der Lösung näher geführt haben.
Unsere Erörterungen in Kapitel 3 und 4 stellen nun einen
ersten Versuch dar, dem dritten Standpunkte eine wissen-
schaftliche Begründung zu geben.

Vielleicht dürfen wir hier noch auf eine Gepflogenheit auf-
merksam machen, die jeder Verständigung auch in wissen-
schaftlichen Kreisen bisher hindernd im Wege gestanden
haben dürfte, nicht, weil wir uns als Richter aufspielen
möchten, sondern um jener Verständigung mit die Wege
ebnen zu helfen. Die oben erwähnte verbreitete Unter-
schätzung früherer und fremder Leistungen äußert sich be-
sonders gern dahin, daß gegnerische Anschauungen als
moralisch minderwertig, als wissenschaftlich nicht gleich-
berechtigt, als naiv, primitiv, oberflächlich und als »Aber-
glauben« bezeichnet werden. Wer als Studierender die Fach-
literatur noch wenig kennt, dem imponiert leicht solche Ener-
gie des Ausdrucks: Er läßt sich um so eher beeinflussen,
als er, z. B. beim statischen Geldproblem, nicht die Fähig-
keit haben kann, die beiden anscheinend einander entgegen-
gesetzten Anschauungen deutlich vorzustellen und beide
Hypothesen vorurteilslos und konsequent zu Ende zu denken.
Mag auch die mit großer Selbstverständlichkeit als richtig
hingestellte Anschauung ihm etwas geheimnisvoll erscheinen,
        <pb n="13" />
        ﻿6

Erstes Kapitel. Methodologie.

er wagt es nicht, sich oder andern einen Zweifel einzugestehen,
sondern verläßt sich darauf, daß die andere Auffassung eben
einem niedrigeren Niveau entspreche. Dieser Leser wird nur
stutzig, wenn er zufällig einmal eine Schrift in die Hand be-
kommt, die den gleichen Gegenstand behandelt, aber aus dem
andern Lager stammt, und in der mit gleicher Selbstver-
ständlichkeit gerade das als »Aberglauben« bezeichnet wird,
was der erste Autor als richtige Lehre verkündet hatte. So
redet Otto Heyn vom Aberglauben derjenigen, die da
meinen, das Wesen und der Wert des Geldes liege im Metall.
Dühring dagegen spricht vom Aberglauben derer, die da
meinen, der Wert und das Wesen des Geldes liege nicht
im Metall. Ein anderes Beispiel. Man pflegt das Geld in
Metall- und Papiergeld zu scheiden. Diese hergebrachte und
in der Wissenschaft vielfach übliche Einteilung bezeichnet
L. von Mises als »dem geistigen Horizonte von Kassenboten
und Geldbriefträgern angemessen«1. Nun muß zugegeben
werden, daß es Fälle gibt, wo jene in Frage stehende höchst
nützliche Einteilung nicht zweckmäßig wirkt. Kann es aber
zur Verständigung dienen, wenn Mises, um für seinen spe-
ziellen Zweck eine andere, übrigens höchst angreifbare Ein-
teilung durchzuführen, nun durch jene amüsante Parabel alle
Schriftsteller in eine niedrigere Rangklasse versetzen möchte,
die an der älteren Einteilung festhalten? Gewiß, das Niveau
derer, die über Geld schreiben, ist ein außerordentlich ver-
schieden hohes, aber das Kriterium für diese Höhe kann
nimmermehr in der Entscheidung für diese oder jene Defi-
nition gesucht werden.

Es sei nun eine Bemerkung über die Auswahl der hier
zur Verarbeitung herangezogenen Literatur gestattet. Wenn
wir davon sprachen, daß es mehrere tausend Schriften über
Geld gibt, so liegt schon darin das Zugeständnis, daß auch

1 Theorie des Oeldes und der Umlaufsmittel, 1912, S. 46.
        <pb n="14" />
        ﻿Einleitung: Alte und neue Geldlehre.

wir nur einen Teil, vor allem die bekanntere Lil
rücksichtigen konnten. Man wird uns dann entgeh
wir seien selbst nicht frei von dem oben an andeT?
rügten Fehler. Indessen ist es zunächst ein Unterschied, ob
man einen Teil der vorhandenen Literatur studiert hat, oder
wie so viele andere, selbst nicht einmal die bekannteren Fach-
schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts kennt1. Gewiß
sind wir uns jenes Mangels bewußt: Ein »korrektes« Studium
der gesamten Literatur ist uns so wenig möglich gewesen
wie irgendeinem. Und das bleibt ein Übel. Wer je ein noch
so spezielles Gebiet der Nationalökonomie bearbeitet hat,
der weiß, in wie unberechenbarer Weise oft wertvolles
Material in der Literatur verstreut ist: Wo zehn Schriften
über den gleichen Gegenstand nichts Neues enthalten, da
kann eine vergessene elfte, die zeitlich jenen vorangegangen,
eine Fülle bedeutungsvollen Stoffes darbieten. Immerhin
wird es in Hinsicht auf die Unübersehbarkeit der Literatur
und auf die oben besprochene Begrenztheit des Stoffes zu
rechtfertigen sein, wenn man, bei vollem Bewußtsein jenes
Mangels doch überhaupt noch eine Erörterung der Geld-
probleme versucht. Kommt es doch auch auf die Art des
Studiums an: Eine gewisse Kenntnis der Literatur ist gewiß
als Voraussetzung für ein Eindringen in die Materie uner-
läßlich, aber diese Literaturkenntnis kann nicht unmittelbar
schon die Quelle theoretischen Verständnisses sein. Es liegt
in der verhältnismäßig abstrakten Natur der Geldprobleme,
insbesondere des »statischen«, daß schließlich Wissen hier
weniger bedeutet als Nachdenken.

1 Ein so gebildeter Theoretiker wie Soda (Geld und Wert, 1909) zitiert
außer den »drei Leitsternen der deutschen Nationalökonomie auf dem Ge-
biete der Geldlehre«, als die er Knies, Simmel und Knapp betrachtet, nur
wenige neuere Autoren. Gänzlich unbekannt scheinen ihm Büsch, Gentz,
Adam Müller, Graf Buquoy, Hufeland, Samuel Oppenheim, Adolph Wagner,
Otto Heyn.
        <pb n="15" />
        ﻿8

Erstes Kapitel. Methodologie.

Vielleicht wird es dem Verfasser gestattet sein, sich kurz
darüber zu äußern, in welcher Art beispielsweise ein zweck-
mäßiges Studium der Geldtheorie vor sich gehen könnte.

Wer, ohne etwas von der früheren Literatur zu kennen,
Knapps »staatliche Theorie des Geldes« eingehend studiert,
der wird zwar allein davon niemals einen Überblick über die
dogmengeschichtliche Bedeutung der einzelnen Probleme er-
halten, ihre theoretische Struktur aber wird ihm bei einem
jahrelangen Durchdenken schließlich so klar werden, daß
selbst ein ergänzendes Studium vieler anderer Werke diese
Einsicht kaum noch vertiefen kann. Von jenem einen einzigen
Punkte aus lassen sich mindestens alle Formen des »stati-
schen« Geldproblems durchdenken. Liegt doch die Bedeutung
von Knapps Werk wesentlich in der Konsequenz seiner Ge-
dankenführung wie in der Eigenart der Form begründet.
Diese Form aber ist trotz ihrer Schwierigkeit diejenige, die
dem nationalökonomischen Denken eines Lebenden vielleicht
am besten entspricht, und deshalb erscheint es zweckmäßiger,
von Knapp auszugehen als etwa von Adam Müller, was
vom dogmenhistorischen Standpunkte aus korrekter wäre.

Nicht als ob wir also jene oben gerügte Unbekümmertheit
in Hinsicht der älteren Literatur nachträglich wieder sank-
tionieren wollten; oder als ob wir es für entschuldbar hielten,
wenn jemand, der über das Wesen des Geldes schreiben will,
weder die Grundzüge seiner Geschichte noch die Entwicklung
der Geldtheorien kennte. Nicht als ob die Bedeutung des
Wissens überhaupt unterschätzt werden sollte. Aber der
Stoff bleibt begrenzt. Und was uns allein weiterbringen kann,
ist doch wohl nur ein konsequentes Nachdenken über den
gegebenen historischen Stoff, insbesondere auch ein müh-
sames, immer wieder von neuem, aufgenommenes Sichvor-
stellenwolien der »metaphysischen« Natur des Geldes, wie
man es nennen könnte.
        <pb n="16" />
        ﻿§ 1. Einleitung: Alte und neue Geldlehre.

9

Damit ist freilich etwas angedeutet, was manchen Leser
verstimmen wird. Es mag zwar möglich sein, aus einzelnen
Theorien über das Geld — wenn man ihnen nur mehr als sub-
jektive Bedeutung zugesteht —, nützliche, ja eminent bedeut-
same Konsequenzen für die Praxis abzuleiten; z. B. »richtige«
Maximen für die Handhabung des Papiergeldes. Aber —
die Bedeutung dieser und anderer Wissenschaft steht und
fällt nicht mit ihrer Anwendbarkeit auf die Praxis. Ist doch
die Wissenschaft keineswegs bloß dazu da, um Rezepte für
die Praxis zu geben, existiert sie doch vornehmlich um ihrer
selbst willen. Die Theorie des Geldes aber will Wissenschaft
sein, sie ist wie die Philosophie weniger und doch mehr als
Technik. Wozu sie da ist, und was sie nützt, diese Frage
ist so naiv wie gleichgültig. Wenn unter den Männern der
Praxis manche sind, die dies nie zu begreifen vermögen, so
können wir ihnen nicht helfen.

Dabei ist es wieder keineswegs methodologische Klarheit
allein, was über die Bedeutung einer Theorie entscheidet.
Unter den Männern der Praxis, die in naivem Glauben an ihre
»Originalität« und in größter Unbefangenheit hinsichtlich des
Wesens der Wissenschaft, oft nur zu agitatorischen Zwecken,
ihre Gedanken über das Geld aussprechen, sind einzelne,
denen wir zuweilen eine Perle verdanken, einen Einfall von
größerer heuristischer Bedeutung, als mancher farblosen und
gedankenarmen Studie eines Theoretikers zukommt, der auf
die Korrektheit seiner Methode stolz ist. Und es liegt wieder
in der Eigenart der Geldprobleme, daß wohl kaum irgendwo
anders in so eminentem Maße wie hier die Grenzen zwischen
Wissenschaft und Praxis, zwischen theoretisch-analysierender
und politisierender Darstellung fließende sind und fließende
sein müssen. Bambergers Schriften gegen den Bimetallis-
mus sind trotz ihres politisierenden Charakters eine' Fund-
grube für die wissenschaftliche Behandlung des Themas.
        <pb n="17" />
        ﻿10

Erstes Kapitel. Methodologie.

Denn sie gewähren bei richtiger Lektüre die Vorzüge einer
wissenschaftlichen Darstellung.

Wir erinnern ferner an die bekannten Publikationen von
Hermann Schwarzwald über die indische und chinesische
Währungsfrage. Die Form dieser Schriften ist nicht streng
wissenschaftlich, sondern ihr politisierender Charakter tritt
stark hervor. Dennoch scheinen uns gerade diese Aufsätze
der besonderen Beachtung von seiten der Wissenschaft wert.
Der politisierende Charakter hat hier zu einer interessanten
Fragestellung geführt, und er erscheint nicht nur nicht als
Hindernis für die wissenschaftliche Brauchbarkeit der Ge-
danken, sondern wir möchten annehmen, daß ohne ihn der
Gedankengang nicht in so eindringlicher Klarheit hätte her-
vorgehoben werden können. Gerade das politische Interesse
des Verfassers dürfte sich so als heuristisches Prinzip für
wissenschaftliche Gedankenführung eminent fruchtbar er-
wiesen haben — gewiß eine Auffassung, die mancher Nati-
onalökonom »werturteilsfreier« Richtung nicht gern gelten
lassen würde. Wenn dagegen Knapp es so hinstellen möchte,
als ob die leidenschafts- und vorurteilslose Art der Behand-
lung der Geldprobleme seinem Werke einen besonders hohen
Grad von Wissenschaftlichkeit verleihe, so wird man sich
durch diesen Anspruch nicht abhalten lassen, die staat-
liche Theorie« kritisch in die Reihe der übrigen bedeutenden
Werke über »Geld« einzuordnen.

§ 2.

Abgrenzung der Aufgaben dieser Untersuchung.

Man möge es uns nicht gar zu sehr verübeln, wenn wir
diese lange Einleitung noch ein wenig fortsetzen und jetzt
zur näheren Orientierung und Beruhigung des sachkundigen
Lesers ein Bekenntnis ablegen: Wir verstoßen mit Bewußt-
sein gegen eine Tradition, indem wir gewisse Kapitel beiseite
        <pb n="18" />
        ﻿§ 2. Abgrenzung der Aufgaben dieser Untersuchung.

11

lassen, die den eisernen Bestand einer jeden Monographie
über »Geld« bilden.

Viele Schriften enthalten eine endlose und im Grunde ge-
nommen doch ziemlich gleichgültige Erörterung darüber, in
welchem Verhältnis die verschiedenen Funktionen des j
Geldes (Wertmesser, Tauschmittel, Zahlungsmittel) zu ein-
ander stehen, welches die primären und welches die sekun-
dären Funktionen bleiben. Diese Frage glauben wir um so
eher übergehen zu dürfen, als sie unserer Auffassung nach
unlösbar bleibt. Historisch aufgefaßt, ist sie von geringerem
Interesse als logisch und kann überdies wegen Mangels an
Material nicht mehr entschieden werden; rein logisch aber
bleibt jede Lösung allzu willkürlich und anfechtbar. Das folgt
ohne weiteres aus unserer bald zu erörternden Auffassung
des Geldbegriffs. Erkennt man nämlich dessen individuelle
Entstehung, so wird man einsehen müssen, daß eine objektive
Norm für irgendeine bestimmte Auffassung der Funktionen
und ihres Verhältnisses zu einander gar nicht gegeben ist.

Die abstrakte, scholastische Behandlung des Problems, »ob
ein Wertmesser eigenen Wert besitzen müsse«, ist auch unter-
blieben. Sollte jemand meinen, ohne diese Erörterung sei
ein modernes Buch über Geld nicht denkbar, so bitten wir
ihn, dennoch vorurteilslos zu prüfen, ob nicht den von uns
behandelten logischen Problemen eine selbständige Bedeu-
tung zukomme.

Viele Lehrbücher und Abhandlungen enthalten ferner Be-
trachtungen darüber, wie es in der Volkswirtschaft aussehen
würde, wenn es kein Geld gäbe. Die Not des Schusters,
der in der geldlosen Wirtschaft für seine Schuhe kein Brot
bekommen könnte, und die des Bäckers, der für sein Brot
keine Schuhe bekäme, sind zuweilen so überzeugend ge-
schildert worden, daß wir uns begnügen dürfen, auf die be-
reits vorhandenen Darstellungen dieses Gegenstandes hin-
        <pb n="19" />
        ﻿12

Erstes Kapitel. Methodologie.

zuweisen, ganz abgesehen davon, daß deratige Abstrak-
tionen für eine soziologische Auffassung des Geldes von ge-
ringer Bedeutung sind.

Das bereits etwas berüchtigte Kapitel über die Eigen-
schaften der Edelmetalle halten wir im Gegensatz zu manchen
lebenden Nationalökonomen durchaus nicht für irrelevant;
indessen ist es von den Schriftstellern zu Anfang des 19. Jahr-
hunderts bereits in solcher Ausführlichkeit und mit solchem
Geschick behandelt worden, daß den späteren nichts anderes
übrig blieb, als diese Ausführungen immer und immer zu
wiederholen. Soweit der Sinn dieses Kapitels für die Geld-
auffassung von Bedeutung bleibt, hoffen wir es nicht ver-
nachlässigt zu haben (vgl. K. IV. § 3). Aus den gleichen
Gründen fehlen hier die Aufzählungen historischer Geld-
arten (Muscheln, Vieh, Kakaobohnen usw.) und die Be-
trachtungen darüber (vgl. K. II § 4). Eine Geschichte oder
ein System der Währungen zu liefern war ebensowenig
unsere Aufgabe. — —

Nach zwei Seiten hin aber schien noch eine besondere
Abgrenzung des Problems nötig: Einmal zur Beruhigung der
Juristen und dann zur näheren Orientierung der National-
ökonomen. Es sei gleich gesagt: Wir wollen keine spezifisch
juristische Geldtheorie aufbauen. Nicht als ob damit die emi-
nente Bedeutung juristischer Gesichtspunkte für die Geld-
lehre geleugnet werden sollte. Ist doch z. B. die Eigenschaft
des gesetzlichen Zahlungsmittels von manchen Autoren mit
Unrecht zu wenig beachtet worden. Aber so wenig für den
Nationalökonomen die juristische Betrachtung des mensch-
lichen Lebens das Hauptproblem bilden kann, so wenig wird
dies in unserer Geldtheorie der Fall sein. Damit soll nicht
geleugnet werden, daß auch eine spezifisch juristische Theorie
starke Berechtigung haben könnte. Übrigens gibt es auch Ju-
risten, die in eminentem Maße »nationalökonomisch« denken
        <pb n="20" />
        ﻿§ 2. Abgrenzung der Aufgaben dieser Untersuchung.	13

können. Aber man wird uns mindestens zugestehen müssen,
daß auch wir Nationalökonomen Geldtheorie betreiben
dürfen.

Und hier muß eine weitere Abgrenzung vorgenommen
werden. Man pflegt zwei nationalökonomische Probleme zu
scheiden: die Frage, worauf Wert oder Geltung des Geldes
beruhe und die weitere, nach welchen Gesetzen der Wert
des Geldes sich ändere. Man spricht von Statik und Dyna-
mik, von qualitativem und quantitativem Geldproblem1.
Wir wollen uns im wesentlichen auf das statische Problem
beschränken. Im wesentlichen — denn eine strenge Trennung
ist unmöglich. Eine fruchtbare Behandlung des dynamischen
Problems aber wäre vielleicht die schwierigste Aufgabe, die
sich ein Nationalökonom stellen könnte und setzte als
Grundlage schon eine befriedigende Lösung des statischen
Problems voraus, dann aber eine Kenntnis aller Phänomene
des Wirtschaftslebens, eine Beherrschung der Theorie und
Praxis der Volkswirtschaft, die niemandem möglich ist. Der
Geldmarkt, die Banken, das Kreditwesen überhaupt, die
Preisbildung, die Einkommensbildung, die Konsumtion, die
Konjunkturen müßten von einem Geiste mit gleicher Gründ-
lichkeit in Spezialstudien erfaßt werden, eine Arbeit, zu
deren wesentlicher Förderung ein Menschenleben nicht aus-
reicht. Es gibt freilich Schriftsteller, die die Sache für leichter
halten, ja unter den Verfassern der uns bekannten selb-
ständigen Werke und Abhandlungen über Geldwesen sind
nicht viele, die sich die Beschränkung auferlegen, das dyna-
mische Problem nicht zu behandeln. Worin dessen besondere
Schwierigkeiten liegen, das ist unter anderem in dem Artikel
»Geld« von Menger im Handwörterbuch der Staatswissen-
schaften angedeutet worden. Wir möchten hier nur betonen,

1 S. P. Altmann, Zur deutschen Geldlehre des 19. Jahrhunderts, Fest-
gabe f. Schmoller 1908, 1.
        <pb n="21" />
        ﻿14

Erstes Kapitel. Methodologie.

daß wir in unserer absichtlichen Beschränkung auf die Be-
handlung des statischen Problems weder die Existenz noch
die Bedeutung des dynamischen in Frage stellen wollen. Nur
daß gedanklich eine gewisse Unterscheidung beider Pro-
bleme möglich sei, die im Leben nicht trennbar erscheinen,
das hoffen wir mit unserer Untersuchung zeigen zu können.

Freilich: eine mathematisch scharfe Grenze wird sich
zwischen den Gebieten der Statik und Dynamik niemals
ziehen lassen. Es ist ein schwerer Fehler der Knapp’schen
Theorie, daß sie die ah sich höchst berechtigte und weise
Beschränkung auf das qualitative Geldproblem übertrieben
hat. Das prinzipielle Abstrahieren von der Betrachtung des
Verhältnisses zwischen Geld und Warenpreisen, die nahezu
völlige Verbannung dieses Themas aus der Diskussion hat
dieser Lehre eine gewisse paradoxe, geheimnisvolle und des-
halb vielfach bestechend wirkende Eigenart gegeben, die
aber doch einem konsequenten Durchdenken nicht standhält.
Die Mauer, die Knapp so errichtet hat, ist doch auch eine
Mauer gegenüber dem Vordringen der Erkenntnis geworden.
Konsequentes Nachdenken über das Wesen des Geldes muß
schließlich zu den Gedankengängen der Dynamik führen. Das
Moment der Quantität kann bei einer Diskussion über die
Natur des Geldes nicht entbehrt werden, wenn sie nicht zu
öder, unfruchtbarer Dogmatik erstarren will. Mit der Frage,
was der Staat als Zahlungsmittel verwendet und anerkennt,
ist für uns das statische Problem noch nicht gelöst; von
eminenter Bedeutung ist die weitere Frage, ob und wieweit
der wirtschaftliche Wert dieser Zahlungsmittel gegenüber
den Warenpreisen im Inlande und gegenüber fremdem Gelde
sich gleichbleibt: Und wenn es uns hier nicht darauf an-
kommt, nach welchen Gesetzen etwa im einzelnen Ände-
rungen des Geldwertes sich vollziehen — dieses ist eben das
Problem der »Dynamik« — das eine verlangen auch wir zu
        <pb n="22" />
        ﻿§ 3. Das statische Geldproblem.

15

wissen: Wie weit ist die Möglichkeit einer Wertkonstanz oder
einer Wertänderung (insbesondere einer Wertverminderung)
bei einem Geldsystem von vornherein gegeben?

§ 3.

Das statische Geldproblem.

Es trägt nicht zur Vereinfachung der Sache bei, dennoch wird
es sich kaum je vermeiden lassen, daß das »statische« Grund-
problem, die Frage nach dem Wesen des Geldes, in zahl-
reichen verschiedenen Formeln auftritt, die zwar im Grunde
genommen alle miteinander verwandt sind, aber dennoch
etwas verschiedene Ausgangspunkte im Denken haben. Ist
das Geld physei oder nomo, verdankt es seine Entstehung
natürlichen Schwerkräften oder menschlicher Überein-
kunft? Dem wirtschaftlichen Wert oder der staatlichen
Proklamation? Ist das Metall wichtiger oder der Stempel?
Bleibt das Geld im wesentlichen an die Faune der Natur ge-
bunden oder kann es von Menschen erschaffen werden? Soll
die Geldauffassung sich an das Körperliche, sinnlich Wahr-
nehmbare halten oder an etwas Gedachtes, Geistiges? Hat
der Nationalökonom oder der Jurist in der Geldlehre das ent-
scheidende Wort zu sprechen? Wird die Seele des Geldes
in der Substanz zu suchen sein oder in der Funktion als
Zahlungsmittel, in der Zahlkraft, in der Kaufkraft? Soll man
das Geld in der Kategorie der Kausalität vorstellen oder
teleologisch? Fiegt in der Vergangenheit oder in der Zukunft
der Schlüssel für das Verständnis seiner Geltung? Was ist
das Richtige, Kosten- oder Nutzenlehre? Muß man dem
Gelde eigenen Wert zuerkennen oder es als bloßes Zeichen
ansehen, als Symbol, als Marke, als Anweisung auf wirtschaft-
liche Werte? Ist es Selbstzweck oder bloßes Mittel? Soll
das Geld im Kreislauf des wirtschaftlichen Lebens als Ware
gelten oder als Gegensatz zu allen Waren? —
        <pb n="23" />
        ﻿16

Erstes Kapitel. Methodologie.

Betrachten wir nun das Verhältnis aller dieser Formeln,
dieser Problemstellungen zueinander. Da haben wir zunächst
überall auf einer Seite die Auffassung, nach der das Wesen
des Geldes in einem Stoff zu suchen ist, im Metall. Namentlich
der naive Mensch gelangt leicht zu der Vorstellung, daß das
Metall allein dem Gelde seinen Wert verleihe, und er zieht
bewußt oder unbewußt alle Konsequenzen hieraus, auf die wir
nicht eingehen wollen. Das Geld ist ihm mehr als ein bloßes
Zeichen, als eine Marke, es besitzt einen Wert, eben den wirt-
schaftlichen Wert dieses Metalls. Fragen wir aber weiter:
Wodurch kann dieser Wert entstehen? Für den Nationalöko-
nomen nur aus »Nützlichkeit« und »Seltenheit«. Als Nützlich-
Jceit könnte hier zunächst die Eignung der Edelmetalle zum
Schmuck und zur industriellen Verwendung gedacht werden,
als Seltenheit die Spärlichkeit des natürlichen Vorkommens
von Gold und Silber, die Größe ihrer Produktionskosten,
die Schwierigkeit ihrer Erlangung.

Die moderne Auffassung des wirtschaftlichen Wertes er-
laubt es auf keinen Fall, einseitig eine Kostentheorie anzu-
wenden, sie fordert kategorisch auch die Betonung des Fak-
tors »Nützlichkeit«. Es ist ohne Interesse, hier zu unter-
suchen, welche Resultate die einseitige Anwendung einer
»Kostentheorie«, wie sie früher verwandt worden ist, für
die Geldlehre zeitigen mußte, doch ist unschwer einzusehen,
daß der »Metallismus« oder sagen wir »Materialismus« um
so ausgeprägter gewesen sein muß, je konsequenter solches
geschah. Wenn dagegen heute für das Moment der »Nützlich-
keit« unbedingt Berücksichtigung gefordert wird, so bewahrt
schon das vor einer einseitig-metallistischen Geldauffassung.
Im Gold oder Silber an sich schlechthin kann der Wert des
Geldes nicht gesucht werden, denn schlechthin ist kein Ding
wertvoll. Denn Wert ist für uns nichts anderes als eine Be-
ziehung von Menschen zu Dingen, nicht aber eine Eigenschaft
        <pb n="24" />
        ﻿§ 3. Das statische Geldproblem.

17

der Dinge. Auch der Metallist wird also heute nur ge-
mäßigter Metallist sein dürfen, wenn er nicht mit den funda-
mentalen Erkenntnissen unserer Wissenschaft sich in Wider-
spruch setzen will. Erst die Nützlichkeit also verleiht dem
Metalle Wert. Nun liegt aber diese Nützlichkeit keineswegs
bloß in der erwähnten Eignung zu Schmuck und industrieller
Verwendung. Sondern sie liegt zu einem Teile darin, daß
Gold und Silber heute und lange schon als Geldstoff dienen.
Es kann darüber gestritten werden, in welchem Verhältnisse
heute und einst diese beiden verschiedenen Verwendungs-
arten zueinander stehen und standen. Aber es gehört nicht
viel dazu, um einzusehen: Die Verwendung als Geld ist heute
ihrerseits ein Faktor der Nachfrage nach Edelmetall, und
wenn z. B. diese Verwendung und damit diese Nachfrage
aufhörte, würden die Preise der Edelmetalle stark sinken.
Oder noch deutlicher, der Wert der Edelmetalle entsteht zu
einem Teile erst durch die Möglichkeit ihrer Verwendung
als Geldstoff. Mögen ursprünglich vielleicht Gold und Silber
wegen ihrer Schönheit, ihres Glanzes und ihrer Unzerstörbar-
keit schlechthin als beliebtes Tauschmittel sich eingebürgert
haben: es ist kein Zweifel, daß heute die Geldfunktion zu
einem großen Teile erst dem Metalle seinen Wert verleiht.
Und damit überblicken wir die Begründung für die ganze
Reihe von Theorien, die der Stoffwertlehre als Gegensätze
gegenübergestellt zu werden pflegen.

Wir haben so gezeigt, wie man, von der Stoffwerteigen-
schaft des Geldes ausgehend, bei konsequenter Anwendung
der Ergebnisse der neueren Werttheorie von selbst zu der
Funktionslehre gelangt, mindestens ihr eine starke relative
Berechtigung zugestehen muß. Und von diesem Punkte
gesehen werden nun auch die einseitigen Zuspitzungen
dieser Funktionswertlehre, wenn auch nicht selbstverständ-
lich, so doch verzeihlicher erscheinen: daß erst die Münze

Moll, Logik des Geldes.	2
        <pb n="25" />
        ﻿

18	Erstes Kapitel. Methodologie.

dem Edelmetalle Wert verleihe, daß der Stempel wichtiger
als das Metall, daß das Geld eine bloße Marke, daß nur die
juristische Eigenschaft des Geldes Bedeutung habe, der staat-
liche Befehl schlechthin Geld schaffen könne. Zu dieser Auf-
fassung gelangt man noch auf einem anderen Wege: Unter-
sucht man nämlich, worin denn eigentlich der Gebrauch des
Geldes besteht, so wird man zu dem bekannten Satze ge-
langen, daß das Geld stets nur als Mittel zum Zweck, nicht
als Selbstzweck dient, während die Waren — keineswegs
immer, aber häufig, — zu unmittelbarer Konsumtion be-
stimmt sind. In diesem Sinne erscheint das Geld nur als
Mittel, Waren zu erlangen, als Anweisung auf Waren und
Dienste, als bloßes Zeichen, das man selbst nicht konsu-
mieren kann. Und von diesem Gesichtspunkte aus erscheint
Metall- und Papiergeld, vollwertiges und unterwertiges
Geld wesensgleich. Gegen die Behauptung, daß diese Geld-
arten auch sonst wesensgleich seien, wird der kritische Nati-
onalökonom von vornherein ein gewisses Mißtrauen haben.
Wir werden zu zeigen versuchen, wie diese Skepsis zu einer
nochmaligen Prüfung beider Lehren und zu einer dritten
Auffassung führt, die beide Gegensätze zu versöhnen sucht.
Man kann dies auch so ausdrücken. Schon die altbekannten
und berühmten Problemstellungen »physei oder nomo«, Sub-
stanzwert oder Funktionswert sind nicht glücklich gewählt.
Nicht aut-aut, sondern et-et sollte es heißen, nämlich Substanz
und Funktion, Stoffwert und Proklamation, Kosten und
Nutzen müssen zusammengehalten werden, um die Phäno-
mene des Geldes zu erklären. Und bei aller Zurückhaltung
hinsichtlich summarischer Kritik früherer Leistungen darf
doch gesagt werden: Die Diskussion über unser Problem
würde weit fruchtbarer sein, wenn man nicht meistens davon
ausginge, daß es sich um schroffe Gegensätze handelte.
        <pb n="26" />
        ﻿§ 4. Definitionen, Begriffe und Theorien.

19

§ 4.

Definitionen, Begriffe und Theorien: Relativität der Be-
deutung einer Gelddefinition. Individuelle Differenz der
Entstehung von Geldbegriffen. Verhältnis von Geldbegriff
und Geldtheorie. Eigene Definition für den Zweck dieser
Untersuchung. Relativistische Auffassung von der Geltung
einer Geldtheorie.

Was ist Geld? Vergebens sucht man in den Lehrbüchern
der Nationalökonomie, in den Schriften über Geld, in den
Münz- und Bankgesetzen der Staaten nach einer Definition,
deren objektive Geltung einleuchtete, für die eine Norm in
den Dingen zu liegen schiene. Vergebens sucht man sich zu
überzeugen, daß dieser oder jener Schriftsteller »recht« habe,
wenn er den Geldbegriff so oder so einschränkt. Wer Mu-
scheln und Vieh als Tausch- oder Zahlungsmittel primitiver
Völker zum Gelde rechnet, hat der recht? Oder wer nur das
vom Staate auf Gewicht und Feingehalt beglaubigte Stück
Metall Geld nennt? Kann auch ungeprägtes Metall Geld
heißen? Ist die richtige Definition die, welche der Banknote
die Geldqualität zuspricht, oder vielleicht nur der uneinlös-
lichen Banknote mit Zwangskurs? Soll das Geld überhaupt
gleichbedeutend sein mit einem Zahlungsmittel, das ge-
wissen Bedingungen genügt? Oder mit gesetzlichem Zah-
lungsmittel? Oder aber ist Geld — ungeachtet der Zah-
lungsmitteleigenschaft — »dasjenige, in dem der Preis ver-
einbart wird?« (Richard Hildebrand.) Soll man dasjenige
»Geld« nennen, was »objektiv«, »numerisch«, reine Zahl ,
»das rein vertretbare Ding« ist (Soda)? Was nur das Quan-
titative der Dinge darstellt, das Gelten der Dinge ohne die
Dinge selbst (Simmel)? Was Tauschwert hat ohne Konsum-
tionswert und nie um seiner selbst willen begehrt wird, son-
dern nur als Vermittler? Und so ließen sich weitere Unter-
        <pb n="27" />
        ﻿20	Erstes Kapitel. Methodologie.

schiede der Definitionen aufzählen. Welcher Autor aber hat
hier recht? Ein moderner Nationalökonom wird wahrschein-
lich antworten: »ln gewissem Sinne keiner und in gewissem
Sinne jeder. Keiner, soweit er den Anspruch macht, die rich-
tige Definition zu liefern. Jeder, indem er eine Definition
liefert. Hat doch scheinbar jede Definition ihre relative Be-
rechtigung.«

»Ist dem aber auch wirklich so?« werden andere ein-
wenden. »Führt nicht dieses moderne Prinzip zu völliger
Unfruchtbarkeit, wenn es ohne Einschränkung angewandt
wird ? Ein Prüfstein für die Berechtigung einer Definition
muß doch existieren, wenn nicht alles farblos und be-
deutungslos werden soll? An der Anwendung, den Früchten
wird man erkennen, ob eine Definition, praktisch genommen,
wirklich Berechtigung hat. Es ist die Frage, ob wir mit ihr
weiterkommen in der Erkenntnis der wirtschaftlichen Phä-
nomene. Wer in die Definition des Oeldes etwas hineinkon-
struiert hat, was durch die Tatsachen des wirtschaftlichen
Lebens nicht gegeben zu sein scheint, oder wrer das Unwesent-
lichste zum Charakteristischen erheben will, dem werden wir
jene Berechtigung absprechen. Das Urteil über die »Wesent-
lichkeit« ist zwar auch ein subjektives Werturteil, indessen
hat man in dem sogenannten jüngeren Methodenstreite wohl
doch erkannt, daß diese Subjektivität keine grenzenlose ist.«

Gewiß — aber die Subjektivität des »logischen« Wertur-
teils bereitet genug Schwierigkeiten. So erscheint beim
Geldproblem einmal die Münze, z. B. das Dreimarkstück, als
das einzig Konkrete, Reale, fest Umschriebene und Unzwei-
deutige. Dann aber taucht der Zweifel auf: ist dieses sicht-
bare Stück Materie wirklich das, was unser Interesse ver-
dient, ist es das Wesentliche der Sache,-oder nicht bloß
nebensächliche, äußere Erscheinungsform? Worin aber läge
dann die unsichtbare Seele des Geldes? Etwa doch in der
        <pb n="28" />
        ﻿§ 4. Definitionen, Begriffe und Theorien.	21

Funktion des Ausgetauschtwerdens, des Gehens, Zirku-
lierens?

Wie hat nun die Logik die Entstehung des Geldbegriffs
zu erklären? Der Begriff des Geldes wird mit Hilfe des
Denkens (der Vernunft) erschaffen. In bezug auf den Stoff
des Denkens aber ist ein gewisser Spielraum gegeben. Unser
Denken kann überwiegend auf wirtschaftliche Erscheinungen
oder auf die formalen Regeln des Rechts, es kann überwie-
gend auf das Materielle oder auf das Funktionelle gerichtet
sein. Wenn Knapp im Eingänge seines berühmten Werkes
verkündet: »Das Geld ist ein Geschöpf der Rechtsordnung«,
so ist das einseitig gedacht, aber wir können uns das Geld
so denken. Das Geld ist überhaupt nicht, sagt die Logik,
es wird gedacht, und es kann sehr verschieden gedacht wer-
den. Klingen diese Sätze nicht so selbstverständlich, daß sie
eine Beleidigung für den Verstand unserer Leser scheinen?
Und doch muß man hinzufügen: Wenn man sie nur je wirk-
lich beachtet hätte! Ließen sich sonst die Widersprüche der
verschiedenen Geldtheorien erklären, welche alle folgender-
maßen verfahren: Ein bestimmter, notwendig einseitiger Be-
griff wird jedesmal als der richtige angesehen. Alle anderen
werden als falsch hingestellt. So sagt man heute gern: »Das
Wesen des Geldes liegt nicht im Stoff, die Materie ist Neben-
sache, unwesentliches Beiwerk, äußere Hülle, das Wesen des
Geldes liegt in der Funktion.« Derartige Urteile imponieren
dem Leser um so mehr, je apodiktischer sie ausgesprochen
werden. Und doch hat man nichts anderes getan, als einen
durchaus möglichen und neben anderen relativ berechtigten
als den Begriff hingestellt. Wäre man ganz ehrlich und sich
der Art seines Denkens bewußt, so würde man sagen: Wir
wollen den Begriff des Geldes jetzt immateriell, als Funk-
tion denken.

Das Geld ist nicht. Der Begriff des Gelehrten, der jahre-
        <pb n="29" />
        ﻿22

Erstes Kapitel. Methodologie.

lang über das Wesen des Oeldes nachgesonnen hat, unter-
scheidet sich von dem des Kollegen, der das »Geld« stets
nur nebenbei erledigt hat. Wer sich vorzugsweise mit dem
dynamischen Problem befaßt hat, der wird einen anderen
Begriff haben als der, für den die statische Grundfrage im
Mittelpunkte des Interesses steht. Ein Bankbeamter wird
selten den gleichen Geldbegriff haben wie ein Theoretiker.
Juristen denken sich das Geld anders als Nationalökonomen,
und untereinander scheinen die juristischen Begriffe wieder
so verschieden zu sein wie die wirtschaftlichen. Beim Kauf-
mann bildet sich ein anderer Begriff als beim Juristen. Aber
denken wir uns selbst einmal zwei Gelehrte, die genau den
gleichen Studiengang durchgemacht hätten, die gleiche Zahl
von Jahren mit gleicher Intensität über »das Geld« nachge-
dacht und genau die gleiche Auswahl von Schriften gelesen
hätten, — eine fast unmögliche Voraussetzung —: Es ist
nicht einmal wahrscheinlich, daß diese zwei Individuen den-
selben Geldbegriff haben würden, da die ihren Begriffen zu-
grunde liegenden Vorstellungen individuell differieren könn-
ten. Wir dürfen annehmen, daß es, theoretisch gedacht, un-
zählige Geldbegriffe gibt, und, praktisch genommen, mehrere.

Keiner dieser Begriffe ist »der richtige«. Der Streit um
den Geldbegriff ist daher keineswegs ein Streit um Worte,
wie man zuweilen gemeint hat, wohl aber ein Streit um die
Richtung des Denkens und die Eigenart der Vorstellungen.
Es ist zuweilen ein Streit der Neigungen und Begabungen,
in welchem jeder behauptet, seine Neigung und Begabung
sei die einzig berechtigte. Zuweilen ist es ein Streit zwischen
Juristen und Nationalökonomen, bei dem jeder meint, seine
Wissenschaft habe recht, ohne sich bewußt zu werden, daß
man von ganz verschiedenen Voraussetzungen ausgeht. Geld
aber ist nicht Materie, nicht Funktion; Geld ist weder cpvaei
noch vp/xy. Geld ist kein Produkt der Wirtschaft und kein
        <pb n="30" />
        ﻿§ 4. Definitionen, Begriffe und Theorien.

23

Geschöpf der Rechtsordnung; wohl aber kann es in allen
diesen Formen gedacht werden. Und hier liegt der Schlüssel
für die Möglichkeit nicht nur der verschiedenen Grundbe-
griffe, sondern auch der verschiedenen Grundhypothesen
vom Gelde.

Ein Geldbegriff ist mehr als ein Wort, er enthält bereits
Urteile. So umschließt ein Geldbegriff, der von der sicht-
baren Materie ausgeht, den Keim einer materiellen, »metall-
listischen« Geldtheorie, während ein von der Zahlungsmittel-
funktion ausgehender Begriff des Geldes eine anders ge-
färbte Theorie bedingt. Und auch hier muß man toleranter
sein als die modernen, orthodoxen Geldtheoretiker. Auch
jenseits der lichten Sterne ist nicht bloß dunkle Nacht. Wes-
sen Blick am Metalle haften bleibt, wer engherzig im Metalle
allein wahres Geld erkennen will, der wird zwar für manche
neuere Erscheinung des Geldwesens nicht leicht die Erklä-
rung finden; de-nnoch wird er schließlich imstande sein, sich
mit seiner einseitigen Geldauffassung durch alle die mannig-
fachen Phänomene des Wirtschaftslebens einigermaßen hin-
durchzufinden. Und das letztere gilt auch von dem Bekenner
der modernen »nominalistischen« Geldauffassung. Wenn nur
eine dieser einseitigen Anschauungen unsere Phantasie ganz
erfüllt, so sind wir imstande, alle konkreten Phänomene in
sie einzuordnen, ja, wir bemerken es kaum, wenn unsere Auf-
fassung dann einmal gezwungen und gekünstelt wird und
wenn eine anders geartete Erklärung einfacher und natür-
licher erscheinen würde.

Diese Toleranz wird vielen unhaltbar Vorkommen: »Ent-
weder Nominalist oder Metallist, für Knapp oder gegen
ihn«, so wird man etwas primitiv die Standpunkte kennzeich-
nen, die man heute in der Geldtheorie für vertretbar hält.
Man wird den relativistischen Standpunkt für ein Zeichen
von Unklarheit, von Inkonsequenz, von Ängstlichkeit ansehen.
        <pb n="31" />
        ﻿24

Erstes Kapitel. Methodologie.

Wir hoffen, im Verlaufe dieser Abhandlung den Beweis zu
erbringen, daß dieser Standpunkt nicht nur vertretbar ist,
sondern daß er gegenüber jenen beiden Extremen (die aber,
konsequent zu Ende gedacht, keine Extreme mehr bleiben)
einen Fortschritt der Erkenntnis bedeutet. —

Wenn wir im folgenden, im Bewußtsein der bloß relativen
Geltung jeder Definition, selbst den Geldbegriff definieren,
so geschieht das nicht in dem Bestreben, eine Handhabe für
irgendwelchen praktischen Gebrauch zu liefern, sondern le-
diglich, weil diese Voraussetzung für den weiteren Gang einer
theoretischen Untersuchung unerläßlich bleibt. Wir würden
anders definieren, wenn es sich um eine rein historische
Untersuchung handelte, anders, wenn juristische Zwecke uns
vorschwebten, anders, wrenn eine einfache Formel zum Ge-
brauch des Studenten erwünscht wäre.

Auch wählen wir absichtlich eine breite Ausdrucksweise
und verzichten, um deutlich zu sein, auf elegante Abrundung.

Unter Geld verstehen wir im folgenden: »Bewegliche
Objekte, die von einem Staate oder einer Notenbank
ausgegeben oder wenigstens generell gezeichnet
oder gestempelt, innerhalb eines Staatsgebietes und
zuweilen darüber hinaus als Vermittler des Güter-
verkehrs gebraucht werden.«

Man wird leicht sehen können, daß diese Definition nicht
»vom Himmel gefallen«, sondern »konstruiert«, d. h. absicht-
lich so gewählt ist, daß alle diejenigen Phänomene von ihr
eingeschlossen werden, die nach Ansicht des Verfassers in
wichtiger Beziehung wesensgleich sind, während andere Phä-
nomene ausgeschlossen werden. Wir wenden damit nur ein
Verfahren bewußt an, das andere Autoren unbewußt hand-
haben, in dem Wahne, nach irgendeiner objektiven Norm,
die es in Wirklichkeit schlechthin nicht gibt, ihre Definition
ausgerichtet zu haben.
        <pb n="32" />
        ﻿§ 4. Definitionen, Begriffe und Theorien.

25

Um auch für den Nichteingeweihten ganz deutlich zu sein,
seien zunächst die von unserer Definition ausgeschlossenen
Objekte aufgezählt, von denen einige anderswo zuweilen als
Geld bezeichnet werden: Es sind das ungemünztes Metall,
Wechsel, Schecks, Giroüberweisungen, Privatpapiergeld,
Briefmarken und Kupons, und die berühmten historischen
»Geldarten«: Kaurimuscheln, Vieh, Pelze, Felle, Kakao-
bohnen, Elfenbein und anderes mehr. (Die letzteren Zah-
lungsmittel können gewiß unter, manchen Umständen den in
unserer Definition gekennzeichneten Objekten wesensver-
wandt sein. Indessen sehen wir in ihnen nur eine Vorstufe
des modernen Geldes, dessen Kenntnis für uns stets wert-
voll und niemals gleichgültig bleibt, deren Einbeziehung in
unsere theoretische Erörterung über modernes Geld aber
ohne Schaden entbehrt werden kann.)

Dagegen gehören zum Gelde nach unserer Definition:
Metallmünzen aller Art, auch Scheidemünzen, einlösbare und
uneinlösbare Banknoten und Staatsnoten, sowie Gold- und
Silberzertifikate. Gegenüber den metallistischen Lehren ist
unser Geldbegriff also sehr weitherzig gefaßt, sofern er jene
papiernen Scheine mit einbezieht. Knapp gegenüber wird
betont, daß für die Geltung des Geldes nicht allein die staat-
liche Grenze entscheidet; daß ferner die Chartalität nicht
unbedingte Voraussetzung istl.

1 Chartalität bei Knapp = Verfassung, bei der die Geltung nicht aus
dem Stücke selbst, sondern nur aus den Gesetzen oder anderen Rechts-
quellen ersichtlich ist.
        <pb n="33" />
        ﻿Zweites Kapitel.

Das Problem des Endes als fundamentale Aufgabe
der Logik des Geldes.

§ 1.

Die Aufgabe.

Das Problem des Endes,, oder die Frage: »Wie ist das
Ende eines jeden Geldsystems zu denken?« ist in der Lite-
ratur unseres Wissens noch nicht in extenso behandelt wor-
den. Zwar finden wir Erörterungen, die darauf hinaus-
kommen, welcher Abschluß am zweckmäßigsten für ein be-
stimmtes konkretes Geldwesen gefordert werden könne,
z. B. wo es sich um die Abschaffung einer entwerteten Pa-
pierwährung handelt. Und hier stoßen wir auch auf die all-
gemeine Behandlung der praktischen Frage, wie die Her-
stellung der Valuta am besten und am gerechtesten er-
folgen könne. Hier werden die Folgen geschildert, die eine
gesetzliche Devalvation für die einzelnen Volksklassen nach
sich zieht. Aber alles das sind Fragen, auf die teils nur die
formale Jurisprudenz, teils aber die spezielle wirtschaftliche
Dynamik Antwort gesucht hat. Sie sind durchaus zu trennen
von unserem elementaren und abstrakten Grundproblem der
wirtschaftlichen Logik, durch dessen mehr oder weniger be-
friedigende Lösung ihre Behandlung freilich wesentlich ge-
fördert werden könnte. Manchmal finden wir dann einzelne
Sätze und kurze Erörterungen, die bereits als Antworten auf
die Frage nach dem Ende aufgefaßt werden könnten. Aber
auch dort fehlt die prinzipielle Erörterung, ja die prinzipielle
Fragestellung. So wenn der Papierwährung allgemein die
Fähigkeit aberkannt oder zugesprochen wird, dauerndes,
zweckmäßiges Geldsystem zu bleiben. Die eingehendere Be-
        <pb n="34" />
        ﻿gl. Die Aufgabe. §2. Das Geldproblem und die Antinomie des Denkens. 27

gründung unterbleibt hier entweder ganz, oder sie wird den
empirisch gewonnenen Sätzen der speziellen Dynamik ent-
nommen oder aber endlich wieder in einer abstrakten Logik
gesucht, die unseren wirtschaftlichen Vorstellungen nicht
gerecht werden kann. Sehr selten wird nur eine kurze Be-
trachtung darüber angestellt, ob der Staat für das von ihm
ausgegebene Metall- oder Papiergeld allgemein aufkommen
müßte. Und die Antwort wird auch hier höchstens in formal-
juristischen Deduktionen, nicht aber in der wirtschaftlichen
Logik gesucht, die doch dem Gange der Gesetzgebung erst
die Wege zu weisen berufen ist. Niemals aber ist unseres
Wissens das Problem des Endes in den Mittelpunkt einer
geldtheoretischen Betrachtung gestellt worden.

§ 2.

Das Geldproblem und die Antinomie des Denkens.

Die Frage nach dem Ende eines jeden Oeldsystems läßt sich
mit einer Kant’schen Antinomie vergleichen L »Die Welt hat
einen Anfang (Grenze, Ende) in der Zeit« lautete die alte
Thesis, »die Welt ist in Ansehung der Zeit unendlich« die
Antithesis. »Ein stoffwertloses Geld kann nicht ohne Ende
zirkulieren« lautet unsere These, und »ein stoffwertloses
Geld muß ohne Ende zirkulieren« die Antithese. »Geld kann
nicht ohne Ende zirkulieren — denn es muß eine schließliche
Befriedigung, eine Einlösung als Abschluß erwarten lassen«,
— »Geld muß ohne Ende zirkulieren, denn nur im ewigen
Weitergegebenwerden, in der Funktion liegt sein Wesen,
und der Begriff des Endes bedeutet Negation und Aufhören
dieses Wesens.«

1	Vgl. Moll, Die theoretischen Probleme des stoffwertlosen Geldes im
nationalen und internationalen Wirtschaftsleben, Weltwirtschaftliches Archiv
1914, S. 99 ff.
        <pb n="35" />
        ﻿28 Zweites Kapitel. Das Problem des Endes als fundamentale Aufgabe usw.

In verschiedener Hinsicht scheint die Parallele der Anti-
nomie zutreffend. Mit dem gleichen Zwange wie jene alte
metaphysische Aufgabe drängt sich das Geldproblem in un-
sern Gedankenkreis. Auch beim Geldproblem taucht dem
ehrlichen Denker zuweilen der Verdacht auf, daß die Ver-
nunft mit sich selbst in Widerspruch gerate. Immer von
neuem müssen wir darüber nachsinnen, ob die Welt einen
Anfang und ein Ende in Zeit und Raum hat. Die Unendlich-
keit läßt sich nicht vorstellen. Immer wieder taucht die
Frage auf: Wenn die Welt einen Anfang hat — was war
vorher? Wenn sie ein Ende hat — was kommt nachher?
Und wie steht es beim Geldproblem ? Da erklärt der Laie
in der Diskussion über Papiergeld: »Es mu ß doch eine Ein-
lösung geben, anders kann man es sich nicht vorstellen, es
wäre ja sinnlos, wenn im Papier eine Befriedigung liegen
sollte.« Und doch — worin soll diese Einlösung bestehen?
in Metallgeld? Aberbietet dieses wirklich eine Befriedigung?
Reicht die Verwendbarkeit für Schmuck und Industriezwecke
wirklich aus, die Aussicht der endlichen Befriedigung in un-
seren Vorstellungen allgemein zu garantieren? Oder aber
soll die Einlösung in Waren oder Diensten bestehen? Kann
man das als Befriedigung gelten lassen? Sind nicht Waren
leicht verderblich und zerstörbar? Ist nicht ihre Verwen-
dungsmöglichkeit im Vergleich zum Gelde eine sehr ein-
seitige und beschränkte? Aber eine Einlösung als Ende
schien doch logisch erforderlich? Oder doch nicht? Gibt es
nicht noch eine dritte Auffassung, nach der das Geld ohne
Ende ist? Ja, entspricht nicht diese Unendlichkeit dem eigent-
lichen Geldbegriff? Und wenn das logische Ideal des ewig-
vermittelnden Geldes im Leben niemals »rein« erscheint,,
liegt dies nicht bloß an der Unvollkommenheit menschlicher
Einrichtungen?....

Wenn wir an ein Papiergeldsystem denken, so empfinden
        <pb n="36" />
        ﻿§ 2. Das Geldproblem und die Antinomie des Denkens. 29

wir zuweilen einen inneren Zwang, uns das Ende vorzu-
stellen. Denn das Zirkulieren, das bloße Weitergegebenwer-
den kann nicht letzter Zweck sein, es kann nicht bis in alle
Ewigkeit fortgehend gedacht werden. Einmal muß eine Ein-
lösung kommen, eine Befriedigung. Ist doch alles Geld
(sicherlich aber Papiergeld) im Hinblick auf die Verwen-
dungsart nur Anweisung auf andere Sachgüter, ein bloßes
Zeichen, eine Marke, nicht aber etwas, was uns durch sich
selbst befriedigt. Wir können uns nicht vorstellen, daß der
letzte Besitzer des Geldes auf ihm »sitzen bleiben« soll.
Ihm muß eine Einlösung werden, das scheint als logisches
Ende notwendig, jenseits aller juristischen Betrachtungen.
Und doch können wir grade wieder diese Vorstellung nicht
als befriedigend akzeptieren. Muß denn die wirtschaftliche
Welt je ein Ende haben? Soll der Staat, der für das Geld-
wesen verantwortlich bleibt, nicht als ewig lebend gedacht
werden? Und solange Staat und Volkswirtschaft nicht er-
schüttert sind, scheint auch ein zweckmäßiges Geldwesen
ohne jede Einlösung möglich. So lange genügt das Weiter-
gegebenwerden des Geldes, die reine Funktion, um seine Gel-
tung zu sichern. Reicht so das Verkehrsbedürfnis, reicht die
Steuerfundation nicht aus, um den Gedanken der endlichen
Einlösung gänzlich zu verbannen? Kann man so nicht doch
das Geld als ewig sich vorstellen? Aber der Staat ist eine
historische Erscheinung und er kann daher nicht als ewig
und unendlich gedacht werden. Und so kommen wir wieder
zur Vorstellung des Endes....

So scheint keiner der beiden Begriffe, Ende noch Unend-
lichkeit, eine befriedigende Lösung des Geldproblems zu lie-
fern, und diese Feststellung drängt die weitere Vermutung
auf, es handle sich hier um eine Frage, deren Lösung über
die Macht unseres wirtschaftlichen Denkens hinaus gehe: die
Kategorien dieses Denkens scheinen zu elementar, zu primi-
        <pb n="37" />
        ﻿30 Zweites Kapitel. Das Problem des Endes als fundamentale Aufgabe usw.

tiv, jedenfalls aber ohnmächtig zur Lösung des Rätsels. Zu-
weilen wieder scheint dasselbe Problem im Gegenteil zu ein-
fach und oberflächlich gestellt, um eine wirkliche Einsicht in
das Wesen des Geldes zu liefern — was auf dasselbe hinaus-
kommt. Als bloße Werkzeuge des Denkens, als Hilfsvor-
stellungen mögen beide Thesen eine relative Berechtigung
besitzen: Zur Lösung der Frage nach dem Wesen des Gel-
des sind beide unzureichend, ja sie zeigen, wie unser elemen-
tares wirtschaftliches Denken hier schließlich irre führt und
mit sich selbst in Widerspruch gerät1.

Im folgenden Kapitel soll das Verhältnis der verschie-
denen Theorien vom Gelde zu unserem »Problem des Endes«
bestimmt werden.

1 Unsere Antinomien stellen den Widerstreit des wirtschaftlichen
Denkens dar. Dies ist festzuhalten. Ob ein Einlösungsversprechen beim
Oelde vorliegt, das privatrechtliche oder öffentlichrechtliche Bedeutung be-
sitzt, ist dem Nationalökonomen gleichgültig. Es ist bekannt, wie wenig sich
ein Staat an solche Einlösungsversprechen kehrt. Er suspendiert die
metallische Einlösung, solange es ihm paßt, allen bestehenden Gesetzen
zum Trotz, die er auch nach Belieben ändert. Im vorstehenden ist nur
daran gedacht, daß unser wirtschaftliches Denken und Vorstellen eine-Ein-
lösung im weitesten Sinne verlangen kann. Ebensowenig wie die juristischen
Verpflichtungen wird die Frage diskutiert, ob der Staat wirtschaftlich tat-
sächlich die Macht haben wird, sein Geld einzulösen.
        <pb n="38" />
        ﻿Drittes Kapitel.

Die Geldliteratur und der Versuch, zu Ende zu

denken.

§ 1.

Der »Metallismus«.

Was ist Metallismus? Der Ausdruck »Metallist« ist von
Knapp in seiner »Staatlichen Theorie des Oeldes« zur Be-
zeichnung seiner Gegner gebraucht worden. Man hat
Knapp vorgeworfen, diese Kennzeichnung sei zu unbe-
stimmt; er kämpfe gegen einen fingierten Gegner. Unseres
Erachtens mit Unrecht. Es ist doch richtig, daß eine Grund-
anschauung vom Gelde existiert, die zunächst einen klaren
Gegensatz zu der von Knapp vertretenen zu bilden scheint,
und die tatsächlich bei vielen Schriftstellern und Männern
der Praxis wiederkehrt. Knapp hat gelegentlich Knies und
Bamberger als Metallisten bezeichnet, er hat angedeutet,
daß Richard Hildebrand hierher gehöre und hat darauf
hingewiesen, auch der Laie sei metallistisch gestimmt. Aus
seiner häufig in die Darstellung eingeflochtenen Polemik
gegen die Metallisten läßt sich deren Grundauffassung zu-
recht konstruieren. Indem wir jetzt die metallistische Lehre
in wenige Sätze zusammenzufassen versuchen, halten wir uns
außer an die von Knapp genannten Autoren noch an L. H. v.
Jakob1 und Hufeland1 2, Macleod3, Carl Menger4 und
Diihring5.

Der Metallismus sieht das Wesen des Geldes in einem

1	Grundsätze der Nationalökonomie, Halle 1805.

2	Die Lehre vom Gelde und Geldumläufe, Gießen 1819.

3	The Theory and Practice of Banking, London 1855/56.

4	Artikel Geld im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Auflage,
IV. Band, S. 555 ff.

5	Diihring, Kursus der National-u. Sozialökonomie. L. 1892, III. Auf 1.
        <pb n="39" />
        ﻿32 Drittes Kapitel. Die Geldliteratur und der Versuch, zu Ende zu denken.

Stoffe, im Metall. Schon in der Definition des Geldes wird
dabei das Metall als wesentliches Merkmal erwähnt. Es
heißt z. B.: »Geld ist ein vom Staate mit Bezug auf Gewicht
und Feingehalt beglaubigtes Stück Metall, das als Zahlungs-
mittel dient.« Das Metall verschafft dem Gelde seinen Wert
(seine Geltung). Die Werteinheit wird aufgefaßt als eine be-
stimmte gemünzte Metallmenge (wie es in den Münzgesetzen
geschieht), nicht etwa als abstrakte Kaufkraft. Metall kann
allein die Preise messen, in Metallgeld allein kann eine wahre
Zahlung geschehen. Metallische Zahlungsmittel allein sind
wahres Geld, papierne Scheine sind nur Vertreter von Metall,
Anweisungen darauf, Schuldurkunden eines Staates oder
einer Bank; uneinlösliches Papier mit Zwangskurs ist stets
etwas Inferiores, Anomales, Pathologisches, Gefährliches.

Es ist eine Konsequenz dieser Auffassung, daß der Metai-
list im Passiergewicht, das die Vollwichtigkeit der einzelnen
Geldstücke annähernd garantieren soll, eine wichtige Einrich-
tung sieht, daß er allen Normen große Bedeutung beilegt, die
das Münzwesen betreffen; sieht er doch im Münzwesen keines-
wegs bloß eine untergeordnete technische Seite, als vielmehr
die Grundlage des Geldwesens. Die Aufmerksamkeit des Me-
tallisten ist daher vor allem dem Wortlaut der Münzgesetze
zugewendet, den er unmittelbar als Quelle für die Erkennt-
nis des Geldwesens aufzufassen pflegt. Es liegt ihm nicht
daran, über die wahren Motive dieser Gesetzgebung Betrach-
tungen anzustellen. Auch die Praxis der Staatsverwaltung,
das Verfahren der Staatskassen und Notenbanken interessiert
ihn weniger, da er in den etwaigen Abweichungen dieser Fak-
toren vom Wortlaute der Münzgesetze nur Anomalien sieht,
die ein wissenschaftliches Interesse kaum beanspruchen
dürfen A

1 Der Metallismus der einzelnen Schriftsteller weist Schattierungen auf.
So gesteht Hufeland im Gegensatz zu anderen: »Papiergeld ist ganz
        <pb n="40" />
        ﻿§ 1. Der Metallismus.

33

Wie würde sich nun der Metallismus zum Problem des
Endes stellen? Er hat darauf, wie es scheint — ohne das
Problem formuliert zu haben — eine einfache Antwort bereit.
Sie wird lauten: »Edelmetall ist die einzig mögliche Form
der Befriedigung, die als Abschluß eines Qeldsystems gelten
kann. Wo etwa stoffwertloses Geld zirkuliert, da wird über-
all Einlösung in Edelmetall (Gold) als Abschluß gefordert.«
Die konsequenteste Form des Metallismus sieht ja im Edel-
metall schließlich geradezu einen Selbstzweck. Man reflek-
tiert entweder dabei gar nicht darüber, welche Befriedigung
im Metall gegeben sei, oder aber man denkt an die unmittel-
bare Verwertbarkeit des Metalles zum Schmuck und für In-
dustriezwecke. Der Metallismus in seiner konsequenten und
einseitigen Form fragt nicht kritisch danach, woher denn
das Edelmetall seinen Wert ableite, und gelangt daher nicht
zu dem Ergebnis, daß eben dieser Wert zum Teile erst durch
die Nachfrage nach Geldzwecken und somit durch die Geld-
funktion bestimmt werde. Er fragt nicht danach, wie es um

gewiß Geld« (Seite 12). Dabei aber faßt er wie andere Metallisten das Papier-
geld doch wieder als Schuldverschreibung auf, als Zeichen eines Geld-
quantums; seine Zirkulation beruht auf Vertrauen, es bedarf einer Ein-
lösung, und niemals kann es Preismesser sein (Seite 99 und 196). Bei
Knies findet sich die Lehre, auch Metallgeld sei Kreditgeld (Geld und
Kredit, 1. Abteilung, das Geld, 2. Auflage 1885, Seite 267). Endlich gibt
es Schriftsteller wie Adolph Wagner, die weder als Metallisten, noch
als Nominalisten im Sinne Knapps gelten können, sondern eine Mittel-
stellung einnehmen.

Es sei noch darauf aufmerksam gemacht, daß es keineswegs zulässig
ist, den Metallismus etwa als wirtschaftliche Geldtheorie schlechthin im
Gegensatz zu juristischen Lehren zu stellen. Es mag sein, daß einzelne
Metallisten die juristisch erheblichen Funktionen des Geldes vernachlässigt
haben. Aber die Lehre Rieh. Hildebrands muß man u. E. geradezu
als »juristischen Metallismus« kennzeichnen: Geld ist für ihn immer nur
die gesetzlich bestimmte gemünzte Metalimenge, keineswegs ein Metall-
quantum an sich. Wo bei gesetzlicher Silberwährung der tatsächliche
Zahlungsverkehr in Goldmünzen stattfindet, spricht Hildebrand von
Silberwährung, bei der das Gold wohl als »Zahlungsmittel«, nicht aber als
»Geld« fungiere (Das Wesen des Geldes, 1914, Seite 30).

Moll, Logik des Geldes.

3
        <pb n="41" />
        ﻿34 Drittes Kapitel. Die Geldliteratur und der Versuch, zu Ende zu denken.

den Wert eines edlen Metalles stehen würde, wenn es einmal
im sicheren Besitz der Geldinhaber zurückbliebe, ohne weiter
für den Verkehrsbedarf (die Geldfunktion) benötigt zu
werden.

Einigen Metallisten mag der Wert der Edelmetalle ge-
radezu als etwas Starres, Festgefrorenes erscheinen — sehr
im Gegensatz zu dem modernen Wertbegriff der national-
ökonomischen Wissenschaft, — eine eigenartig-sinnliche Auf-
fassung. Wäre aber an dem toten Stoff des edlen Metalles
irgendetwas gelegen, wenn er nicht mehr Träger von un-
zerstörbarem Wert durch Zeit und Raum bliebe? So kann
einseitiger Metallismus zum individualistischen Materialismus
der Geldauffassung werden.

Nun könnte aber der Metallismus auch weniger einseitig
auftreten, nämlich in Kombination mit der sogenannten An-
weisungstheorie, und da würde sich zeigen, daß beide Lehren
nicht, wie man gemeinhin annimmt, schroffe Gegensätze dar-
stellen, sondern bei zweckmäßiger Anwendung sich glück-
lich ergänzen können. Wenn man nämlich dem Metallisten
vorhielte, daß mit einer allgemeinen Demonetisierung der
edlen Metalle auch der größere Teil des Wertes dieser Stoffe
dahin wäre, so würde der Metallist zunächst vielleicht die
Richtigkeit dieser Behauptung bestreiten, zum mindesten
aber sagen, sie sei ebensowenig wie die seine zu beweisen.
Wenn er sie aber zugestanden, so würde er vielleicht sagen,
hier höre die Macht der Menschen auf. Eine Garantie für die
dauernde Erhaltung des Wertes einer Substanz könne und
brauche kein Staat zu übernehmen. Dies ändere nichts dar-
an, daß der Begriff des Geldes nach seiner Auffassung immer
eine Edelmetallquantität fordere. Vielleicht aber würde
er dann auch zugestehen, daß das Ende eines Geldsystems
nicht rein metallistisch gedacht werden sollte, sondern daß
man sich hier Sachgüter und Dienste als Abschluß vor-
        <pb n="42" />
        ﻿§ 2. Die Anweisungstheorie.

35

zustellen habe. Das letzte Glied, oder auch die letzten
Glieder der logischen Kette, die das Wesen des Geldes er-
klären soll, würde also dann über die metallistische Vor-
stellungsweise hinausgehen müssen. Damit wäre aber nicht
gesagt, daß nicht vorher durch viele Glieder jener Kette
hindurch der Metallismus aufrechterhalten werden könnte.
Kann doch Edelmetall (heute wenigstens Gold), solange man
annehmen darf, daß Geld daraus gemacht werden kann,
als relativ sicherster Wertträger durch Zeit und Raum be-
trachtet werden. Diese zweite Auffassung würde also in dem
Metallismus keine Lösung mehr für das Ende des Geld-
systems finden, dennoch aber ihm einen wichtigen Platz in
der Logik des Geldes einräumen.

§ 2-

Die Anweisungstheorie.

Die Lehre, daß das Geld ein bloßes Zeichen sei, ist be-
kanntlich alt. Dogmengeschichtliche Hinweise finden sich
hierzu unter anderem bei Roscher und in der »Kritischen
Dogmengeschichte der Geldwerttheorien« von Friedrich
Hoffmann (1907). Davanzati (1588) glaubt, daß Silber und
Gold an sich von geringem Wert sei und nur menschlicher
Übereinkunft seinen Wert verdanke. Von bekannteren
Schriftstellern gehören zu den Vertretern dieser Auffassung
Law, Petty, Berkeley, Locke, Hume, Montesquieu. Im
19. Jahrhundert findet sich die Theorie, die im Gelde nur ein
Zeichen oder eine Anweisung auf Sachgüter erblickt, be-
sonders ausführlich entwickelt beim Grafen Buquo.y1 und
bei Samuel Oppenheim1 2. Auch Knapps Chartaltheorie

1	Die Theorie der Nationalwirtschaft, Leipzig 1815.

2	Die Natur des Oeldes 1855.

3 *
        <pb n="43" />
        ﻿36 Drittes Kapitel. Die Geldiiteratur und der Versuch, zu Ende zu denken.

gehört hierher. Doch hat Knapp gerade die Anweisungs-
theorie weniger entwickelt denn als Axiom vorausgesetzt.

Der Metallismus ging aus vom sichtbaren und technisch
verwertbaren Stoff; indem er hierin das Wesen des Geldes
erblickt, sieht er eine Anomalie in denjenigen Phänomenen,
die diesen Stoff vermissen lassen (Papiergeld). Die An-
weisungstheorie geht aus von der unsichtbaren Funktion;
indem sie in ihr das Wesen des Geldes erblickt, erscheint ihr
der technisch verwertbare Stoff als unwesentlich1, und ge
rade die Phänomene zeigen nach ihr am klarsten und charak-
teristischsten das Wesen des Geldes, die ihn vermissen
lassen.

Lassen wir jetzt unsere Autoren selbst reden. Buquoy
geht davon aus (S. 10), das Geld habe an und für sich
keinen Wert, es wirke nicht wie andere Gegenstände seiner
Natur und Wesenheit nach auf Erzeugung, sondern bloß durch
die mit dem Gelde verbundene Meinung der Menschen. »Man
darf sagen: Wer mit Getreide bezahlt wird, ist wirklich be-

] Bei vielen Vertretern der Anweisungstheorie findet sich der Satz
»das Geld habe keinen eigenen Wert«, ja dieser Satz kann geradezu als
eine bloße Umschreibung des Ausdrucks, daß das Geld ein bloßes Zeichen
sei, aufgefaßt werden. Indessen ist der erste Satz doch vorsichtig zu inter-
pretieren, wenn man seinen Vertretern nicht unrecht tun will. Wahr ist,
daß zunächst alle Vertreter der Anweisungstheorie den eigenen Wert des
Metallgeldes skeptischer betrachten als die Metallisten. Soweit sie ihn zu-
gestehen, leiten sie ihn zum größten Teil vom Geldgebrauch, von der
Nachfrage zu Geldzwecken her, und sind deshalb überzeugt, daß der Wert
der Metalle auf ein Minimum reduziert werden würde, wenn Demonetisierung
einträte. Im übrigen ist ihre Stellung zum Wert des Geldes eine verschie-
dene. Otto Heyn, ein extremer »Chartalist«, gesteht dem Gelde doch
einen Wert zu, aber dieser Wert liegt nach ihm nicht im Stoffe, sondern
besteht unabhängig davon durch die Funktion. Wenn Buquoy und
Oppenheim dem Gelde prinzipiell eigenen Wert absprechen, so ist damit
bloß die fehlende Konsumtionsmöglichkeit des Geldes (im Vergleich zu
Genußgütern und Gebrauchsgütern) gemeint. Auch Knapp leugnet nicht,
daß das Metallgeld wertvolle Platten hat, er behauptet nur, daß der Stoff-
wert dieser Platten gleichgültig sei für den Begriff_de§_Qeldes. ln Wirk-
lichkeit bildet er den Begriff des Geldes so, daß dieser den Stoffwert der
Platten nicht als wesentlich mit umfaßt. Dies kommt zum Teil auf einen
        <pb n="44" />
        ﻿§ 2. Die Anweisungstheorie.

37

zahlt, hingegen wer mit Gelde bezahlt wird, dem ist bloß die
Anweisung auf eine wirkliche Bezahlung gegeben, die sowohl
von der Meinung der Menschen, als von Zeit und Ort noch
immer sehr abhängig ist. Eine gegebene Mahlmühle erzeugt
täglich eine bestimmte Menge Mehl. Hundert Gulden, wo-
für ich heute an Ort und Stelle a Metzen Korn erhalte, ge-
währen mir mehr oder weniger, je nachdem sich von heute
auf morgen die Meinung der Menschen geändert hat.«

(Seite 237.) »Das Geld ist wesentlich nicht selbst ein
Gegenstand von innerem Werte; es ist eine Anweisung an
Dingen von Wert. Die Anweisung ist vollkommen unbestimmt
rücksichtlich der Qualitäten und bloß rücksichtlich der Quan-
titäten, selbst aber in dieser letzteren Hinsicht bloß insofern
bestimmt, als Zeit und Ort gegeben sind, welche Bestimmung
nicht in der Natur des Geldes, sondern in der jedesmaligen
Meinung der Menschen ihren Grund hat.«

Bei Oppenheim finden sich folgende Stellen (Seite 35):
»Diese beiden letzten Eigenschaften des Geldes haben die

Wortstreit hinaus, anderseits steckt aber im Geldbegriff, wie wir oben ge-
sehen, stets schon eine Theorie: In diesem Falle die Hypothese, daß
wertvoller Stoff im allgemeinen für die Oeldfunktion nicht nötig und daß
daher Papiergeld an sich ein dem metallenen durchaus ebenbürtiges Geld
sei. Die Einseitigkeit dieser Lehre werden wir später aufzudecken versuchen.

Im metallenen Stoffe sieht man zuweilen aus verschiedenen Gründen
nicht nur etwas Unnötiges, sondern sogar etwas Schädliches. Einmal, weil
somit das Geld abhängig werde vom schwankenden Wert eines Stoffes,
dessen Produktionskosten wechselten, dann aber auch noch aus einem
anderen Grunde. Das Metall wirke schädlich, weil es den unhaltbaren
metallistischen Aberglauben der Menschen an einen immanenten Wert
dieses Stoffes fördere und verhindere, daß die Menschen sich an das voll-
kommenere Geld, das Papier, gewöhnen. Wenn Paniken in kritischer Zeit
entständen, so läge der Fehler nicht darin, daß die Einlösung des Papiers
suspendiert werde, sondern darin, daß vorher, in gewöhnlicher Zeit, Ein-
lösung bestanden habe. Solange Einlösung besteht, würden in unruhigen
Zeiten. Paniken nicht zu vermeiden sein. Der letztere Satz ist zugegeben.
Fraglich ist nur, ob der Glaube an das Metall wirklich bloß Aberglauben,
oder nicht doch etwas fester in natürlichen und wirtschaftlichen Tatsachen
begründet ist, als die »Chartalisten« meinen.
        <pb n="45" />
        ﻿38 Drittes Kapitel. Die Geldliteratur und der Versuch, zu Ende zu denken.

Nationalökonomen in einem einzigen Ausdrucke zusammen
gefunden, indem sie sagten, daß der Gebrauchswert des
Geldes nicht dem einer Ware, sondern dem eines Zeichens
entspreche; d. h., wie ein Schuldschein bloß als Zeichen und
Beweis, daß man von einem anderen Individuum soundso
viel Wert zu empfangen habe, diene, ebenso sei das Geld
ein Zeichen, daß man soundso viel Güterwert an irgendeinen
Käufer abgeliefert und ebenso viel Güterwert gegen dieses
Geld wiederzuempfangen habe.«

(Seite 35.) »Dies hat früher schon der Abbe Terrasson
sehr deutlich erklärt. ,Die beiden Edelmetalle', sagt er,
,sind nur Zeichen (Signes), die einen reellen Wert, d. h. eine
Ware nur repräsentieren1. Ein Taler ist eigentlich nichts an-
deres als ein Billett, das folgendermaßen lautet: Jeder Ver-
käufer beliebe dem Überbringer Dieses diejenige Ware oder
Rohstoffe, die er bedarf, bis zum Betrage von 3 Livres zu-
kommen zu lassen. Denselben Wert habe ich durch andere
Waren von demselben erhalten.'«

Oppenheim zitiert dann folgende Stelle aus Carl Mur-
hard (Theorie und Politik des Handels, E Teil, S. 280).
»Das Wesen des Geldes, als reines Wertausgleichungsmittel
betrachtet, spricht sich lediglich in der Anweisung aus, die
es seinem Besitzer gibt, auf den Erwerb der in den Verkehr
gebrachten Güter. Diese Anweisung begründet auf Seiten
des Geldbesitzers nichts weiter, als die Möglichkeit, von der
Masse der zum Tausch bereitliegenden Genußmittel seinen
Bedarf sich verschaffen zu können. Genußmittel selbst,
Güter zum unmittelbaren Gebrauch erlangen wir in dem
Gelde als solchem nicht; aber die Anweisung, welche der
Inhaber des Geldes durch jenen Besitz auf Waren jeglicher
Art erhält, ist für ihn die wichtigste und nützlichste; denn
sie umfaßt das ganze weite Reich aller im Wege des Tausches
erwerbbaren Güter.«
        <pb n="46" />
        ﻿§ 2. Die Anweisungstheorie.

39

(Seite 42.) »Betrachten wir nun zuerst den Gebrauchswert
des Geldes in seiner Natur als Äquivalent, so finden wir, daß
die Hingabe des Geldes noch kein wirkliches Äquivalent, noch
keine wirkliche Zahlung für die dafür empfangene konsumier-
bare Ware ist; sondern es ist erst eine Anweisung, eine As-
signation, ein Mandat auf künftige Zahlung, d. h. auf Ent-
lastung der durch die Hingabe des Geldes übernommenen
Verbindlichkeiten. Sie ist keine Zahlung wie die Geldware
für eine andere empfangene konsumierbare Ware, sie ist
also noch kein wirkliches Äquivalent, sondern bloß ein Zei-
chen, daß künftig erst eine wertvolle Leistung gegen dieses
Zeichen abzuliefern ist, d. h. daß das wahre Äquivalent erst
später erfolgen soll.« — — —

Die Anweisungstheorie ist nicht so auszulegen, als ob
sie im Papiergelde etwas definitiv Befriedigendes im wirt-
schaftlichen Sinne bereits erblickte. Aber indem diese Lehre
auch im Metallgelde und im metallenen Stoff keine Befrie-
digung sehen kann, vernachlässigt sie absichtlich die Unter-
schiede zwischen beiden Geldarten und sieht Geld schlecht-
hin — gleichviel ob aus Metall oder Papier — als unbefriedi-
gend an. Sie verlangt daher nicht Einlösung des Papiergeldes
in Metall. Steht doch Metall nach ihr der endlichen Befrie-
digung um keinen Schritt näher als Papier. Nur so ist die
relativ freundliche Stellung dieser Lehre zum Papiergeld auf-
zufassen. Es handelt sich im Grunde nicht, wie man ge-
wöhnlich interpretiert, um eine laxere Auffassung des Pa-
piergeldes, sondern um eine skeptischere Auffassung des
Metallgeldes.

Was antwortet die Anweisungstheorie wohl auf die
Frage nach dem Ende? Da Geld für sie nur Mittel zum
Zweck, bloßes Zeichen, Anweisung auf Sachgüter, so scheint
der befriedigende Abschluß eines Geldsystems hier durch
        <pb n="47" />
        ﻿40 Drittes Kapitel. Die Geldliteratur und derVersuch, zu Ende zu denken.

Einlösung in Sachgütern oder Diensten schlechthin gegeben.
Aber es scheint nur so. Die Anweisungstheorie zeigt uns
hier in Wirklichkeit keinen Abschluß, sondern eine unend-
liche Reihe. Geld wird ausgetauscht gegen Ware und immer
wieder ausgetauscht, es wird unendliche Male ausgetauscht,
und wo man auch diese Reihe abbrechen mag, ein Ende ist
nirgends abzusehen 1. Denn immer bleibt das an sich wert-
lose, mit der Eigenschaft einer Marke behaftete Geld übrig,
das eben eine reale Befriedigung nicht gewährt, das nicht ge-
stattet, es als Selbstzweck und Ende zu betrachten, sondern
uns immer wieder zwingt, die unendliche Reihe fortzusetzen.

Die Anweisungstheorie liefert also keine Lösung für das
Problem des Endes. In formaler Hinsicht ist der konse-
quente Metallismus vollkommener. Seine Hypothese ist ge-
schlossen und zeigt einen vollendeten Kreislauf des wirt-
schaftlichen Lebens. Sie zeigt, was aus dem Golde selbst
wird. Am Ende der logischen Kette steht Metallgeld oder
Metall mit der Möglichkeit unmittelbarer Befriedigung für
den Inhaber.

§ 3.

G. F. Knapps staatliche Theorie des Geldes.

Es gibt wohl kaum eine Erscheinung der neueren Geld-
literatur, über die so viel geschrieben worden ist, wie die
»Staatliche Theorie des Geldes« von Knapp. Wenn auch,
von Knapps Schülern abgesehen, die Zahl derjenigen keines-
wegs groß sein dürfte, die seine schwierige Sprache erlernt

1 »Die Bestimmung des Talers ist, in alle Ewigkeit fort aus einer Hand
in die andere zu gehen, folglich nie aus dem Umlaufsfonds zu treten, nie
in den Fonds des Verbrauchs, noch in jenen des Kapitals überzugehen«
(Buquoy a. a. O. S. 271). »In jedem dieser sinnlichen Darstellungszeichen
des Geldes (Geldstück und Banknote) liegt der Keim zu einer bis ins Un-
endliche unberechenbaren Wirksamkeit auf Tausch« (Ebenda).
        <pb n="48" />
        ﻿§ 3. G. F. Knapps staatliche Theorie des Geldes.

41

oder wenigstens verstanden haben, und wenn die meisten,
die über Knapp urteilen, seine Lehren nur aus sekundärer
Quelle kennen, so muß es dennoch schon fast für trivial gel-
ten, über sein Buch noch etwas zu sagen. Und doch hat das
Werk Seiten, die von der Kritik noch nicht berücksichtigt
worden sind; immer wieder lassen sich bedeutsame Ge-
sichtspunkte ausfindig machen, aus denen Knapps Lehre
noch nicht betrachtet worden ist. Die Erklärung dieser Tat-
sachen liegt wohl darin, daß es Knapp wie keinem anderen
Neueren geglückt ist, das Interesse für die Geldprobleme neu
zu beleben, indem er uralte Fragen in Formen gebracht hat,
die in eminentem Maße dem Denken der Lebenden angepaßt
schienen, und indem er die mannigfachen Ausstrahlungen des
statischen Geldproblemes gewissermaßen in einem Brenn-
punkte gesammelt hat. Mindestens hat Knapp eine Termino-
logie geschaffen, die zu einem Teile auch von seinen Geg-
nern übernommen worden ist, und die ein moderner Geld-
theoretiker nur zu seinem Nachteile gänzlich meiden könnte.
Gerade wer über Knapp hinausgehen will, wird von dieser
Terminologie Gebrauch machen müssen, um das Materiell-
Unterscheidende der Auffassung deutlich hervortreten zu
lassen. Wenn die eigentümliche Sprache das Buch dem ober-
flächlichen und halbgebildeten Leser absolut unzugänglich
macht, so darf die Fähigkeit des Autors, Dinge schwierig
darzustellen, die sich einfacher sagen ließen, nicht durchaus
als ein Mangel angesehen werden. Denn sie bewirkt schließ-
lich, daß der ernstere Leser auch die einfacheren Probleme
bis in ihre tiefsten Tiefen hinein und bis zu den letzten Kon-
sequenzen zu durchdenken versucht, während er sie in glatte-
ren, älteren Darstellungen vielleicht übersehen hätte.

Es ist hier nicht unsere Aufgabe, Knapps Theorie dar-
zustellen oder zu kritisieren. Beides ist mehr oder weniger
glücklich bereits häufig geschehen. Hier handelt es sich nur
        <pb n="49" />
        ﻿42 Drittes Kapitel. Die Oeldiiteratur und der Versuch, zu Ende zu denken.

darum, festzustellen, ob und wie weit dieser Autor zu
dem Problem des Endes gedanklich bereits Stellung ge-
nommen hat.

Wir wollen das Resultat vorwegnehmen. Knapp hat sich
mit diesem Problem nicht befaßt, wenn auch nicht zu
übersehen ist, daß das Problem als Konsequenz von
Fragestellungen betrachtet werden kann, die Knapp viel be-
schäftigt haben.

Es gibt zunächst einzelne Stellen in seinem Buche, die
hier interessieren müssen. Knapp spricht davon, daß der
Gebrauch des Papiergeldes nicht auf Kredit beruhe (Vor-
wort, S. V). Er sagt, es sei völlig verfehlt, zu meinen, daß
die Banknoten Metallgeld versprächen (S. 42ff., S. 119ff.).
Weiter heißt es auf S. 132 (eine der wichtigsten Stellen des
Buches): »Aber, sagt der Metallist (nämlich bei der Papier-
geldwirtschaft), die bare Geldart ist doch immer noch die
Hauptart: Sie steht vielleicht vorläufig im Hintergründe,
wirkt aber im geheimen weiter; sonst kann man sich von
der Sache gar keine Vorstellung machen. Gerade dies aber
gibt der Chartalist nicht zu; er sagt: Das wahre Geld, das
früher valutarische, ist zwar noch vorhanden, d. h., die Stücke
existieren noch ; aber sie wirken nicht etwa im geheimen fort,
sondern sind ganz außer Spiel gesetzt, was das valutarische
Geld betrifft. Die Noten sind jetzt ganz das wahre, durch
nichts unterstützte valutarische Geld. An diese Vorstellung
muß man sich gewöhnen. Das ist der Angelpunkt.«

An zwei Stellen seines Werkes kommt dann Knapp dem
Problem des Endes etwas näher. Einmal bei der Behand-
lung der »zirkulatorischen Befriedigung« (§ 3), wo er eine
Terminologie anwendet, die wir als zweckmäßig übernehmen
können, und dann bei der Einteilung der Geldarten in »provi-
sorische« und »definitive«. Wir wollen die letzte Stelle vor-
wegnehmen.
        <pb n="50" />
        ﻿§ 3. G. F. Knapps staatliche Theorie des Geldes.	43

(Seite 92.) »Wenn eine Zahlung in definitivem Gelde ge-
leistet wird, so ist dies Geschäft vollkommen erledigt, und
zwar nach drei Seiten hin: erstens' für den Geber, zweitens
für den Empfänger und drittens für den Emittenten des
Geldes. Der Geber hat keine weitere Pflicht, der Empfänger
hat kein Recht mehr gegenüber dem Geber; aber noch mehr :
Der Empfänger hat kein Recht mehr gegenüber dem Staat,
wenn dieser Emittent des Geldes ist.«

»Anders liegt die Sache beim provisorischen (einlösbaren)
Gelde. Ist die Zahlung in einlösbarem Gelde erfolgt, so hat
der Empfänger zwar vom Geber nichts weiter zu fordern;
aber dem Empfänger bleibt noch eine Forderung an den
Emittenten des Geldes. Der Inhaber kann von dem Emit-
tenten denselben Betrag in definitivem Gelde verlangen.«

Diese Scheidung in »definitives« und »provisorisches« Geld
ist gewiß nützlich und berechtigt. Aber sie hat nur juristi-
sche Bedeutung. Es wird den Nationalökonomen kaum
befriedigen, daß die deutschen Reichsbanknoten vor dem
Kriege als provisorisches, die österreichischen Noten aber
als definitives Geld anzusehen waren. Entweder — man unter-
scheidet nur »einlösbar« und »uneinlösbar«, dann ist nicht
einzusehen, weshalb man dafür zwei neue Worte prägen
will. Oder man versucht, das Geld in der Richtung zu ver-
folgen, die das Problem des Endes bezeichnet, dann kann
jene formal-juristische Erklärung nicht befriedigen. Der Na-
tionalökonom fragt weiter und er muß weiterfragen:
Warum waren die Goldstücke bei uns »definitiv«? War-
um in Österreich die Banknoten? Warum waren unsere Ge-
setze so, warum verfuhr unsere Verwaltung derartig, war-
um ließ die österreichische Rechtsordnung anderes zu? Wel-
ches sind die bewußten oder unbewußten Motive, die zu
dieser oder jener Gesetzgebung und Verwaltungspraxis ge-
führt haben? Und mit diesen Fragen gelangt man in die
        <pb n="51" />
        ﻿44 Drittes Kapitel. Die Geldliteratur und der Versuch, zu Ende zu denken.

Tiefen des statischen Geldproblems. Diese Fragen aber hat
Knapp nicht aufgeworfen. Man braucht das gewiß nicht für
einen Mangel dieses Buches zu halten, das absichtlich eine
einseitige Fragestellung mit äußerster Konsequenz verfolgt
hat. Knapp hat bestehende Geldverfassungen analysiert, aber
die Fragen beiseite gelassen, die man mit den metaphysischen
in der Philosophie vergleichen könnte. Der Nalionalökonom
aber und auch der denkende Laie empfindet von Zeit zu
Zeit jenes »metaphysische« Bedürfnis, er mu ß nach dem
»Warum« fragen, nach der Causa, dem primum movens.

Fragen wir einmal: Warum waren die deutschen Gold-
stücke »definitv«? Die Antwort ist nicht so leicht zu geben.
Welches waren die echten Motive unserer Goldwährung?
Die Vorliebe der großen Kaufleute und Bankiers für das
Gold, d. h. für einen Zahlungsstoff von großem spezifischen
Gewicht? Oder die übrigen bekannten und so oft aufgezähl-
ten technischen und wirtschaftlichen Eigenschaften des Gol-
des? Oder der Zwang, sich an die Währung der wirtschaft-
lich fortgeschrittensten Staaten (damals England) anzu-
schließen, um feste Wechselkurse gegen dieses mächtige
Ausland zu erlangen (Knapp) ? Wirkte nicht im Unterbe-
wußtsein der Gesetzgeber die im Grunde metallistische Vor-
stellung mit, daß Gold heute und für absehbare Zeit diejenige
Form des Besitzes sei, die am sichersten, am unzerstörbar-
sten, am unangefochtensten, am meisten über Zeit und Raum
erhaben, international, praktisch überall verwertbar, stets
verwandelbar in Sachgüter und Dienste, die allgemeinste und
zuverlässigste Form von Reichtum und Macht bliebe? Daß
das Gold somit die Vorstellung steter, allgemeinster, voll-
kommener Befriedigung in sich schließe? Daß es im wahren
Sinne des Wortes auch wirtschaftlich definitiv, letzter Zweck
jeder Wirtschaft sei?

Und wenn in Österreich papierne Scheine definitiv waren,
        <pb n="52" />
        ﻿§ 3. O. F. Knapps staatliche Theorie des Oeldes.	45

welche Erklärungen dürfen wir hier als ausreichend an-
sehen? Verlangt unser wirtschaftliches Denken hier nicht
noch die Vorstellung einer schließlichen Einlösung? Und
dann: Einer Einlösung in Geld oder aber in Waren und
Diensten? Und können wir somit auch, wirtschaftlich ge-
dacht, die Scheine als etwas Definitives ansehen? Und wenn
wir dann, einer modernen Auffassung entsprechend, die Not-
wendigkeit einer Einlösung in Metall leugnen und die Ein-
lösung in Waren und Diensten postulieren, kann dann das
Papiergeld in bezug auf seine Eigenschaften dem Golde gleich-
gestellt werden, kann es als ebenso sicher, so unzerstörbar, so
erhaben über Zeit und Raum, über Nationalgrenzen, so all-
gemein verwertbar und verwandelbar in andere Sachgüter
erscheinen wie das Gold? Kann es in unseren wirtschaft-
lichen Vorstellungen so deutlich ein befriedigendes Ende für
jedes Geldsystem garantieren wie jenes Metall?

Auf alle solche Fragen werden wir bei Knapp vergebens
die Antwort suchen, und vielleicht hätte die »Staatliche
Theorie« in manchen Punkten revidiert werden müssen, wenn
diese Probleme ihren Autor beschäftigt hätten. Hier aber
soll nur gezeigt werden, wie die Gedankenreihen, die
zum Problem des Endes führen, als Konsequenzen einzelner
Ausführungen Knapps aufgefaßt werden könnten, Konse-
quenzen, die aber nicht gezogen worden sind. —

Von besonderem Interesse ist nun aber der § 3 des
Knapp’ sehen Buches: »Die zirkulatorische Befriedigung«.
Man kann nach Knapp ein Zahlungsmittel technisch oder
zirkulatorisch verwenden. Für die technische (reale) Befrie-
digung ist Menge und Beschaffenheit des Stoffes maßgebend;
für die zirkulatorische Befriedigung, die Verwendung durch
Weitergeben, nur die juristische Eigenschaft des Geldes
(Seite 37). Es ist selbstverständlich, daß Papiergeld eine tech-
nische Befriedigung nicht gewährt, wohl aber Metallgeld;
        <pb n="53" />
        ﻿46 Drittes Kapitel. Die Geldliteratur und derVersuch, zu Ende zu denken.

die zirkulatorische Befriedigung gewähren beide. Bis hier-
her ist die Erklärung nur analytisch und unbestreitbar.
Knapp hat aber weiter nur die zirkulatorische Befriedigung
als wesentlich hingestellt und sagt: »Das Geld im allge-
meinen bietet keine Sicherheit der realen Befriedigung, aber
es bietet die unbedingt sichere Befriedigung durch zirkula-
torische Verwendung.« — »Das einzig Sichere beim Gelde
ist also die zirkulatorische Befriedigung« (Seite 37/38).

Es ist gar nicht zu leugnen, daß auch diese Sätze Knapps
einen richtigen, formal logischen Sinn haben. Doch materiell
aufgefäßt, enthalten sie gleichzeitig den Keim zu einer irr-
tümlichen Meinung, mindestens aber lassen sie einen Beweis
erwarten, der noch zu führen wäre. Knapp gibt dann weiter
zu, daß der Laie zunächst die vorstehenden Sätze als para-
dox empfinden und nicht zugeben wird, daß der Fetzen Pa-
pier eine Befriedigung geben könne. Der Beweis, den Knapp
dann für die Richtigkeit seiner Auffassung antritt, ist ganz
mißlungen. Dies ist bereits von früheren Kritikern hin-
reichend deutlich aufgezeigt worden. Knapp sieht in dem
rein juristischen Trost, daß jeder zuweilen Geber und zu-
weilen Nehmer des Geldes ist, die Lösung: wobei das wirt-
schaftliche Bedenken nicht weggeräumt wird, daß der ein-
zelne im allgemeinen nicht stets in demselben Maße Schuld-
ner wie Gläubiger des Geldes sein wird. Freilich, wenn
Knapps Beweis völlig mißlungen ist, so sagt diese Fest-
stellung noch gar nichts über die Richtigkeit oder Unrichtig-
keit des zu beweisenden Satzes aus. Es muß weiter erwähnt
werden, daß Knapp (S. 48) von der Möglichkeit für das Pu-
blikum spricht, dem Staat insbesondere bei Steuerzahlungen
das emittierte Geld zurückzugeben. Auch hier wird nur diese
formal-juristische Möglichkeit erwähnt, ohne daß über ihre
wirtschaftliche Bedeutung, über das entscheidende Moment
der Quantität, gesprochen würde.
        <pb n="54" />
        ﻿§ 4. Adam Müllers Lehre vom ewigen Nationalkredit.

47

In der zirkulatorischen Befriedigung liegt nur ein Teil der
Wahrheit; sie bedeutet zunächst keine Lösung, sondern nur
eine neue Problemstellung. Die Frage bleibt eben: Unter
welchen Bedingungen ist ein Geldsystem möglich, das einzig
auf der Vorstellung der zirkulatorischen Befriedigung auf-
gebaut erscheint? Hier taucht der Zweifel auf: Kann wirk-
lich im Zirkulieren eine Befriedigung liegen? Muß nicht end-
lich irgendeine Form der Einlösung eintreten, muß nicht
solche endliche Einlösung von vornherein zu erwarten sein —
wenn ein Geldsystem nicht der Entwertung verfallen soll?
Und damit gelangen wir zu dem Problem des Endes, dem
wir an anderer Stelle nachgehen wollen.

Der Begriff der zirkulatorischen Befriedigung scheint uns
bei Knapp in der Luft zu schweben. Formal bleibt auch
Knapp im Rechte. Die Frage nach der Zweckmäßigkeit eines
Geldsystems, nach der Möglichkeit seiner Entwertung —
diese Fragen interessieren ihn gar nicht. Für den National-
ökonomen aber sind sie Kernfragen. Eine Theorie, die mit
souveräner Verachtung die Frage nach der Zweckmäßigkeit
eines Geldwesens aus einer theoretisch-analysierenden Be-
trachtung anschließt, will doch nur die Schwäche verhüllen,
•daß sie auf diese Frage keine Antwort weiß.

§ 4.

Adam Müllers Lehre vom ewigen Nationalkredit.

Adam Müllers Theorie vom ewigen Nationalkredit
würde sich zur Not in die Rubrik »Anweisungstheorie« ein-
ordnen lassen. Indessen verdient, gerade unter dem Gesichts-
punkte des Problems vom Ende betrachtet, die Lehre des
genialen Romantikers einen besonderen Platz. Sie kann be-
reits als ein bedeutsamer Lösungsversuch angesehen werden.
Freilich darf man dabei nicht übersehen, daß die Frage-
        <pb n="55" />
        ﻿48 Drittes Kapitel. Die Geidliteratur und der Versuch, zu Ende zu denken.

Stellung, mit der wir uns der Betrachtung der Werke Müllers
nähern, geeignet ist, einen solchen Versuch uns bewußter
und vollständiger erscheinen zu lassen, als er in Wirklichkeit
verdient. Rückwärts gesehen, erscheint er in einem ganz an-
deren Lichte.

Es ist eine schwierige und mißliche Sache, Müllers Geld-
lehre darzustellen. Ihre Bedeutung liegt zu einem so er-
heblichen Teile in der Originalität und Schönheit der Form,
daß jeder Versuch einer Inhaltsangabe, einer verkürzten Dar-
stellung in trockenen und nüchternen Ausdrücken höchst
schwächlich und nichtssagend bleiben muß. Aus diesem
Grunde können wir die Nützlichkeit der Darstellung Stephin-
gers 1 nicht recht einsehen, und glauben, indem wir vor allem
auf Müllers Originalschriften verweisen, nichts Besseres tun
zu können, als diejenigen Stellen wörtlich zu zitieren, die
für unser Thema von Interesse sind.

Im Zentrum der Theorie steht der Begriff des Kredits.
In der Durchführung dieses scheinbar ungreifbaren und ver-
schwimmenden Begriffes ist vielleicht die tiefste und be-
deutsamste Geldauffassung enthalten, die wir irgendwo ge-
funden haben.

Geld, Kredit und Staat werden für Müller schließlich-
1 eins: Sie sind dasjenige, was den einzelnen hinaushebt über
die Vergänglichkeit des materiellen Lebens, was ihn mit der
öattung verknüpft zu unendlicher Dauer.

Wir führen zunächst die für uns interessanten Stellen aus
der Schrift »Versuche einer neuen Theorie des Geldes«
(1816) an.

»Wie in der .Seele des Naturforschers unter den wechselnden
Erscheinungen des äußeren Lebens wie des äußeren Todes, da-
fern nur beide Erscheinungen mit gleicher Gerechtigkeit von ihm
behandelt werden und mit gleicher Stärke auf ihn wirken, sich
ein steigendes Gefühl eines gewissen höheren Lebens entwickeln

1 Die Geldlehre 'Adam Müllers 1909.
        <pb n="56" />
        ﻿'§ 4. Adam Müllers Lehre vom ewigen Nationalkredit.	49

muß, eines Lebens, welches beides, jenes äußere zuerst beob-
achtete Lehen und den äußeren Tod unter sich begreift, und
welches aus jedem neuen Konflikt der Lebens- und der Todes-
erscheinung, die sich dem Beobachter darstellt, in seiner Seele
reiner und deutlicher ausgeboren wird — so wächst und be-
lebt sich, vor den Augen aller einzelnen Zeugen der großen
Wechselwirkung des Lebens- und Todesprozesses in unserer Natio-
nalhaushaltung, ein höheres Produkt, welches jene Wechselwir-
kung zwischen den gemeinen Produkten und der gemeinen Kon-
sumtion regiert, umfaßt und garantiert, auch bei jedem neuen
Konflikt der Produktion und der Konsumtion, wieder reiner und
deutlicher geboren wird; es ist der Kredit, der Nationalkredit,,
die Nationalmacht, es ist der Glaube an den Staat selbst.« (Theorie
d. G. S. 79.)

»Denn auch in der Privatökonomie findet eigentlich kein Über-
schuß statt: Das über die Konsumtion Erworbene oder Ersparte
muß von der Gesellschaft konsumiert werden oder in einer er-
weiterten Produktion des Erwerbers angelegt, d. h. von dieser
Produktion verzehrt werden; was diese erweiterte Produktion er-
gibt, ebensowohl als der dabei angewendete Überschuß, muß weiter
konsumiert werden, und die umfassendste Produktion dieser Art
wäre vergeblich, wenn sie über die Konsumtion oder den Ab-
satz oder das Bedürfnis hinausschritten. Also stoßen wir nirgends
auf einen absoluten an sich selbst geltenden Überschuß, und so-
lange wir bei den äußeren Erscheinungen stehen bleiben, hat
die gesamte Ökonomie gar kein Resultat.

Die Lage der Sache ändert sich aber von Grund aus, wenn wir
auf jenes innerliche, unsichtbare und dennoch höchst vernehm-
liche Produkt Rücksicht nehmen, welches durch alle Produktion
hindurchläuft, und sich unter allen Erzeugungen und unter allem
Verzehren befestigt und wächst, wie der Baum unter beständiger
Wiederkehr einer Zeit der Blüte, der Frucht und der Entblätterung:
Die bürgerliche Gesellschaft, die anerkannte, der Glaube an sie,
an die Sicherheit und Zuverlässigkeit des gesamten Beieinander-
seins und Miteinanderwirkens, kurz der Kredit.« (Theorie d. G. S. 84).

»Es ergibt sich also für den Eigentümer nie und an keiner
Stelle ein absoluter Überschuß, welcher Gegenstand des aus-
schließenden Privateigentums für ihn werden könnte; es ergibt
sich für ihn nichts, als ein unsichtbares, aber immer festeres zuver-
lässigeres Band an die bürgerliche Gesellschaft. Anstatt des ver-
meintlichen Überschusses wird er nur tiefer und tiefer in die Haus-
haltung und zuglei'ch in die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft
verwoben, und weil er in größere Wechselwirkung mit dem Gan-
zen tritt und den Kredit des Ganzen mehr empfindet und' deut-
licher repräsentiert als die Übrigen — fühlt er sich reicher,
nennen wir ihn reicher als die Übrigen.« (Theorie d. G. S. 86.)

Moll, Logik des Geldes.	4
        <pb n="57" />
        ﻿50 Drittes Kapitel. Die Geldliteratur und derVersuch, zu Ende zu denken.

»Da aber, wie hinreichend erwiesen, was aus der großen
Wechselwirkung der Produktion und der Konsumtion (oder des
lebenerzeugenden Todes und zum Tode strebenden Lebens)
innerhalb des Staates heraustritt, nunmehr und deshalb für völlig
und absolut tot zu achten ist, so kann erstens die gesamte Haus-
haltung keinen anderen und geringeren Zweck haben, als den
Nationalkredit oder den Glauben an den Staat, und zweitens kann
kein absolut gesondertes Privateigentum stattfinden.« (Theorie d.
G. S. 86-87.)

Alle einzelnen Bedürfnisse lassen sich, wie ich schon oben
gezeigt, auf ein einziges Hauptbedürfnis reduzieren: Der Mensch
will sich vervollständigen, verewigen; er will sich über die eigene
Gebrechlichkeit, Unvollständigkeit, Vergänglichkeit zur Gesund-
heit, Fülle und Dauerhaftigkeit des ganzen Geschlechtes erheben,
in welchem er lebt, sich selbst erkannt hat, seiner selbst bewußt
worden ist.« (Theorie d. G. S. 105.)

»Das Verlangen nach dem Gelde ist ein bloßer unvollkommener
Repräsentant des höheren Verlangens nach der Vereinigung, nach
dem Staate; und es gilt unter allen diesen Verwicklungen des
ökonomischen Lebens noch heute, daß, wer in dem Gelde irgend-
etwas anderes begehrt, als die bürgerliche Gesellschaft, welche
die Materie des Geldes nur symbolisch andeutet, oder wer diese
Materie an sich begehrt, nie befriedigt werden könne. Daher
habe ich an einem anderen Orte gezeigt1, wie das Geld eigentlich
nichts anderes sei als die Eigenschaft der Geselligkeit, welche im
größeren oder geringeren Grade allen Dingen innewohne, und
daß unter den Sachen besonders die edlen Metalle, unter den
Personen aber noch in viel vollkommenerer Gestalt der wahre
Staatsmann diese Eigenschaft an sich trage.« (Theorie d. G.
S. 156.)

»Das Geld ist so wenig als der Staat oder die Sprache eine Er-
findung. Der Mensch, inwiefern er nur überhaupt da ist, bedarf
Personen und Sachen: Die Sachen um der Personen, die Per-
sonen um der Sachen willen, beide um seiner Unvollkommenheit
willen, beide, um sich zu ergänzen, um sich zu verewigen. Er be-
darf also außer sich selbst noch eines Bandes, das ihn mit den
Personen und Sachen unauflöslich verbinde und wiewohl sein
eigenes unnachlassendes Bedürfnis nach jener Gemeinschaft
schon diese Verbindung vollzieht, so wird er doch derselben sich
nur bewußt, inwiefern er in den Personen und Sachen das gleiche
Bedürfnis wahrnimmt. Das, was diese Verbindung vollzieht, ist
in den spätesten Entwicklungen der bürgerlichen Gesellschaft,
wie in den frühesten Anfängen derselben der Staat; und Geld ist
nichts anderes als der ökonomische Ausdruck für dieses Bedürf-

1 Elemente der Staatskunst. II., III. Teil.
        <pb n="58" />
        ﻿§ 4. Adam Müllers Lehre vom ewigen Nationalkredit.	51

nis der Vereinigung oder für den Staat; so wie Gesetz der juri-
stische Ausdruck dafür ist.« (Theorie d. G. S. 158.)

Alle Individuen im Staate, sowohl Menschen als Sachen,
haben einen doppelten Charakter: zuerst sind sie etwas für sich
oder an sich; dann aber sind sie auch noch etwas, als Geld.«
(Aus »Die Elemente der Staatskunst« Berlin 1809, Band 11. S. 194.)

Wenn man mich aber fragt, was in Österreich eigentlich Geld
sei und die äußeren Verhältnisse der Individuen vermittle und aus-
einandersetze, so sage ich: Ein kaiserliches Wort, ein National-
wort, welches hier vermittels der Teilbarkeit, Beweglichkeit und
Deutlichkeit des Papiers zum allgemeinen ökonomischen Aus-
einandersetzungs- und Vermittlungsinstrument wird, wie dasselbe
kaiserliche oder Nationalwort wieder dort, vermittels der Klug-
heit, Beweglichkeit und Gesetzmäßigkeit einer großen Anzahl von
Richtern und Beamten aller Art, zum juristischen Auseinander-
setzungs- und Vermittlungsinstrumente.« (Elemente, II. S. 197.)

»Indes, diese ganze Auseinandersetzung soll weiter nichts be-
weisen, als daß die Idee der gesellschaftlichen Bedeutung keines-
wegs an das Metallgeld gebunden ist und daß der erste Schritt
aller wahren Erwägung der Staats- und Nationalökonomie der sei,
daß man jenes absolute und instinktartige Haften am Metallgelde
unmöglich mache, indem man zeigt, daß das Geld eine Idee,
oder eine allen Individuen der bürgerlichen Gesellschaft inhärie-
rende Eigenschaft ist. In dem Maße, wie der Mensch selbst seinen
bürgerlichen Charakter erweitert und in immer mehreren zum Be-
dürfnisse wird: In dem Maße wird er selbst immer mehr zum
wahren Gelde, in dem erhabenen, nur ideenweise und lebendig
zu erkennenden Sinne des Wortes, den ich aufgestellt habe. Also
es gilt von den gegenwärtig so genannten Personen, wie von den
so genannten Sachen; insofern diese Geldeigenschaft durch Fabri-
kation, Industrie und nützliche Verarbeitung aller Art an den
Sachen, durch Geschicklichkeit, Brauchbarkeit, Nationalsinn usw.
an den Personen immer mehr ausgebildet wird: Insofern wächst
der Nationalreichtum, und die hier beschriebene »Idee des Geldes
ist das eigentliche und ewige Objekt des Nationalreichtums. Daß
alle Individuen im Staate den Charakter des Geldes annehmen
oder immer mehr zu wahrem Gelde werden; daß sich ihr wahrer
Wert im Tausch, im Verkehr, im geselligen Leben, daß sich, wie
ich es noch bezeichnender nannte: ihr bürgerlicher Charakter er-
höhe: dahin geht das große und eigentliche nationale Leben des
Staatswirtes. — Je mehr jedes einzelne Individuum im Staate,
Sache oder Person, mit allen übrigen in Beziehungen tritt, je mehr
es sich also zu Gelde macht, um so konzentrierter und lebendiger
wird der Staat, um so gewandter bewegt er sich, um so größere
Kraftleistungen kann er hervorbringen, um so mehr kann er pro-
duzieren. — (Elemente, II. S. 198 199.)

4
        <pb n="59" />
        ﻿52 Drittes Kapitel. Die Geldliteratur und der Versuch, zu Ende zu denken.

»Könnte das wahre Geld, die lebendige Einheit, der lebendige
Maßstab und Wert der Dinge, welchen ich Ihnen, wie es sich
gehört, als ein vollständiges und unendliches Gedankenbild vor-
gehalten habe, je vollkommen in Zahlen oder in Metallen aus-
gedrückt werden, so hätte alle Nationalökonomie der Erde in
demselben Augenblick ihre Seele ausgehaucht; da hingegen, weil
dieses unmöglich ist, nunmehr alle folgenden Geschlechter die
schöne Aufgabe erhalten, sie immer reiner und vollkommener aus-
zudrücken.« (Elemente, II. S. 282/283.)

»So aber leben die Menschen, 1. im Verkehr mit der großen
Gesellschaft, mit dem Staate, mit der Menschheit; 2. im Ver-
kehr mit allem, was die Erde erzeugt: Sie haben unzählige säch-
liche, erhaltende und geistige Bedürfnisse. Sie bedürfen also einer
allgegenwärtigen Kraft, durch welche das Entfernteste und das
Nächste miteinander in Verbindung gesetzt, und die kleine Stelle,
welche der physische Mensch auf der Erde einnimmt, ins Un-
endliche erweitert, die kurze Dauer, welche seiner physischen
Existenz zuteil geworden ist, über ganze Jahrhunderte ausgedehnt
wird. Diese allgegenwärtige Kraft, juristisch ausgedrückt, heißt
Souverän oder Rechtsidee; ökonomisch ausgedrückt, heißt sie
Geld. —« (Elemente, II. S. 296.)

»Der Staatsmann also, der diese Wechselwirkung des aus-
wärtigen und einheimischen ökonomischen Lebens zu nähren hat,
muß unaufhörlich das Nationalgeld und die Metalle, oder das Uni-
versalgeld, vermitteln; er muß das über diese beiden Geldsorten
erhabene, höhere, ,lebendige' Geld sein. —« (Elemente, III.
S. 203 204.)-----

Es gibt eine Art endlicher Befriedigung, die in jenem Eins-
werden von Geld, Kredit und Staat liegt. Als ihr unvollkommener
Repräsentant besteht die zeitliche Befriedigung im Metallgeld.

»So, nun sind allen Völkern der Erde mit wenigen nicht in
Betracht kommenden Ausnahmen — trotz aller Verschiedenheit
der Klimate, Sprachen und Sitten — zwei höchste Güter gemein:
Die Idee, Gott; und das Reale, Gold.« (Elemente, III. S. 165.)

»Die Überschüsse der Produktion werden auf Metall reduziert
und darin umgesetzt; unter allen körperlichen Waren sind es die
Metalle, deren Konsumtion am langsamsten und unmerklichsten
vonstatten geht, und so sind sie es auch, die am meisten den
Wahn begünstigen, als gäbe es wirklich etwas von der Konsum-
tion Eximiertes, weshalb die Merkantilisten denn auch ihre Ak-
quisition für den Hauptzweck aller Haushaltung hielten: Es scheint
nun etwas über die Konsumtion Erhabenes, dem ökonomischen
Tode Entzogenes verbanden zu sein, welches Kapital genannt wird.
Dennoch muß auch dieses Kapital wieder angelegt werden, wenn
die Welt es nicht selbst totes Kapital nennen soll. Es kehrt also
zur Konsumtion zurück, es kann also nur dadurch lebendig erhalten
        <pb n="60" />
        ﻿

§ 4. Adam Müllers Lehre vom ewigen Nationalkredit.	53

werden, daß es wieder verzehrt wird; wenn es dem Verzehren,
d. h. dem Tode abgegeizt oder entzogen würde, so wäre es erst
dadurch recht tot. (Versuche einer neuen Theorie des Oeldes,
1816, S. 85.)

»Da, wo das Auge die Welthaushaltung, das Weltgesetz in
seinen ganz großen Zügen sucht, im Völkerverkehr, wo kein irdi-
scher Arm das Gesetz mehr aufrechterhalten kann und wo es sich
selbst durch sein unendliches Mittlertum behaupten muß — zeigen1
sich Massen des Todes, übereinander gehäufte Bilder des Unter-
ganges, und wie jene unglücklichen Naturforscher, die den Tod
nicht zu besiegen wußten, also die Lebenserscheinungen zusam-
mendrängten, um das ynmer mehr entweichende Leben zu greifen
und zu fassen, so irren die vereinzelten, aus dem Zusammenhang
ihrer Geschäfte herausgerissenen Menschen umher; ohne Rat
gegen den Untergang, halten sie sich an den einzelnen Planken
des zerscheiterten Lebens, sammeln und häufen die einzelnen
Güter, die vom Geiste der Gesellschaft entblößt, also wertlos ge-
worden sind, streben also vor allen Dingen nach jener Ware, die
an Expansion und Kontraktion, an Beweglichkeit und Dauerhaftig-
keit dem höheren Gute, welches sie verloren haben, am ähnlichsten
ist, nämlich dem edlen Metalle.

' Sie suchen Surrogate nicht bloß für den verlorenen Verkehr
mit dem Indien, sondern auch für den verlorenen natürlichen Ver-
kehr untereinander, und sehr schicklich fällt ihre Wahl auf die
edlen Metalle, denn die edlen Metalle haben unter allen Waren
den größten kosmopolitischen Charakter, können ferner am schärf-
sten in die verlangten Teile abgesondert und auseinander gesetzt
werden, ihre Substanz endlich ist in allen Formen und Portionen
die gleichförmigste. So entsprechen sie sehr genau den drei Haupt-
tendenzen dieses zersprengten Geschlechts, nach dem schranken-
losen Universum der allgemeinen Konkurrenz, nach dem streng
abgesonderten und auseinander gesetzten Privateigentum und nach
einem bloßen Zahlen-, Summen- und Massenleben.« (Theorie d.
G. S. 97.)

Unter den Sachen sind es die edlen Metalle, unter den persön-
lichen Kräften des Menschen ist es das Wort, von denen jedes in
seiner Sphäre die Vereinigung vollzieht, die der Mensch unauf-
hörlich unter allen seinen persönlichen und sächlichen Angelegen-
heiten zu stiften strebt. Die edlen Metalle sind das natürlichste
Band unter den Sachen, das Wort ist das natürlichste Band unter
allen persönlichen Kräften. Das Wort und das edle Metall
sind also die beiden großen Formen, unter denen das Geld er-
scheint, die beiden großen Versinnlichungen des ökonomischen
Staates. Keines von beiden allein und für sich drückt das Wesen
des Geldes vollständig aus. Wer also eine bloß materielle An-
schauung des Geldes hätte, oder wer es bloß im edlen Metalle
        <pb n="61" />
        ﻿54 Drittes Kapitel. Die Geldliteratur und derVersuch, zu Ende zu denken.

begriffe, hätte von dem Wesen des Geldes und weiterhin von
seinem Leben und seinem Umlauf eine ebenso falsche und tote
Vorstellung als derjenige, der eine bloß idealische Anschauung
desselben nährte, d. h., der es nur als Wort, als fixiertes Wort,
im Münzstempel oder auf dem Papier zu begreifen wüßte.
(Theorie d. G. S. 158/9.)

»Zwanzig Pfund Sterling heißt also nicht 400 derjenigen Schil-
linge, von denen 62 ein Pfund Troy reinen Silbers ausmachen,
sondern 20 Teile von England, von dem Glauben an England oder
20 Teile des Kredites von England. (Theorie d. G. S. 237.)

»Indes so gut wie das Privatprodukt, die einzelne Ware, welche
der Privatmann erzeugt oder besitzt, und die in seiner Privathaus-
haltung dieselbe Geldfunktion verrichtet, die in der Nationalhaus •
haltung, das edle Metall — erst realisiert werden muß, erst in
die allgemeine Ware verwandelt werden, wenn die Ökonomie fort-
rücken soll, ebenso gut muß auch der Privatkredit erst realisiert,
erst im allgemeinen in Nationalkredit verwandelt werden. Die all-
gemeine Ware, die Realität, in welche die Waren umgesetzt wer-
den, wenn sie nach unserer Benennung realisiert werden, ist das
Metallgeld. In Staaten, wo nur eine Metallzirkulation existiert,
wo das Metall das einzig ökonomisch Allgemeine ist, kann auch
der Privatkredit wieder in nichts anderem realisiert werden, als
in Metallgeld; es ist also klar, daß in solchen Staaten (wenn sie
überhaupt noch den Namen Staat verdienen), die Schwerfälligkeit,
Unnachgiebigkeit des Metalls, welches nur durch seine Masse gilt,
sich allen einzelnen Geschäften mitteilt; während, wenn aller Pri-
vatkredit ebenso gut seinen eigentümlichen Mittelpunkt hätte, als'
alle Privatwaren in dem Metallgeld den ihrigen haben, die zur
Massenkraft des Metalls notwendige Seltenheit desselben geschont
und dennoch das Geschäft durch eine Garantie ganz anderer Art
als der Masse, sichergestellt werden könnte. (Theorie d. G.
S. 254/5.)

»Ja, wenn man in Anschlag bringt, daß das Gold unter allen
Verhältnissen viel leichter wieder zu gewinnen ist, als ein hundert-
jähriger Kredit, und daß auch die Materie des Goldes, wenn sie
einmal verloren, nicht immer mit bloßer Privatkraft wieder zu er-
setzen ist, so müßte man, wenn für die Haushaltung von Groß-
britannien überhaupt eine Gefahr wäre, eine viel größere Gefahr
darin finden, wenn die Bank von England, auch ohne Bankerott,
durch freies Einziehen ihrer Noten einginge und die Achse der
Ökonomie nunmehr bloß aus Guineen bestände, als da, wie es
jetzt der Fall ist, das Gold, das ebenso leicht wiederkehrt als ver-
schwindet, sich entfernte, und Banknoten alle Kreditgeld- und Me-
tallgeldfunktionen zugleich verrichteten.« (Theorie d. G. S. 277.)

»Das Weltgeld nun, so gut als das Nationalgeld, zerfällt wieder-
        <pb n="62" />
        ﻿§ 4. Adam Müllers Lehre vom ewigen Nationalkredit.	55

um in zwei einander ewig bedingende Geldformen, in Kreditgeld
und Sach- (oder Metall-)geld.« (Theorie d. G. S. 284.)

&gt; Aber das Metallgeld in seiner traurigen Beschränkung wird
mehr und mehr verdrängt werden aus unseren Staaten, und also
auch aus der Theorie; es wird für Idas höhere ökonomische Leben
immer unzureichender befunden werden, wie es schon in so
vielen Staaten der Fall gewesen ist. Das wahre, ewige Geld wird
deutlich zum Vorschein kommen, und jede einzelne Ökonomie,
wie es sich gehört, in dessen Schicksale und so wieder in das Inter-
esse der Nationalkraft, in den wahren und ewigen ,interet gene-
raF, verflochten werden. . (Die Elemente der Staatskunst, Berlin
180» 11. Band, S. 206.)

Metallgeld, haben wir gesehen, hat, wie groß auch sein Ge-
brauchswert sein möge, sehr bestimmte Schranken: Die höheren
Bedürfnisse des Menschen, an denen seine Natur erkannt und von
der tierischen unterschieden wird, können durch Metallgeld nicht
mehr befriedigt, vermittelt und ausgeglichen werden. Der Geist
der Gesellschaft, der wahre Nationalgeist muß selbst ans Licht
treten, und mit ihm muß gezahlt werden.« (Elemente, II. S. 296.)

»Warum die österreichischen Finanzen einen geringen Wert auf
das weltökonomische Symbol- oder Metallgeld legen durften, war-
um ihnen eine Papierzirkulation früher verstattet war und warum
die Zuflucht des Thesaurierens nicht ergriffen zu werden brauchte,
ist klar; es liegt in dem innerlich gleich wichtigen und durch ein
halbes Jahrtausend konsolidierten ökonomischen Bau dieser Mon-
archie. Wie vielen Tadel die ökonomische Administration der-
selben auch verdient hätte und wie wenig sie selbst auch ihre un-
ersetzlichen Vorzüge hätte würdigen mögen —; sie hatte eine
eigentümliche nationalökonomische Kraft, welche der preußischen
Monarchie mangelte und welche den Strömungen des Welthandels
und der Alleinherrschaft des Geldes entgegengesetzt werden
konnte. —« (Elemente, 111. S. 196.)

»Die edlen Metalle können überhaupt durch nichts er-
setzt werden, als durch Nationalität: diese, oder politische
Unabhängigkeit ist allein imstande, sie in ihre Grenzen zurückzu-
weisen. Sobald aber das Band der Nationalität schlaffer und die
politische Abhängigkeit möglich, wenn auch noch nicht wirk-
lich wird, offenbart sich dies, ohne daß erst eine weitere äußere
Veranlassung hinzuzukommen braucht, in steigender Nachfrage
nach dem Metallgelde, der einzigen Stütze, welche übrig bleibt,
wenn das Ideengebäude des Staates nicht mehr auf sich selbst
ruhen und sich selbst tragen will. —« (Elemente, III. S. 197.) -

Die von anderen gerügte Verschwommenheit der Begriffe
Müllers, ihre romantische Verklärung, bedeutet in der
        <pb n="63" />
        ﻿56 Drittes Kapitel. Die Oeldliteratur und der Versuch, zu Ende zu denken.

Geldlehre vielleicht nichts anderes als die Offenbarung der
Erkenntnis, daß das statische Geldproblem eine einfache,
glatte Lösung nicht zulasse. Bringt nicht das Problem des
Endes die Vernunft mit sich selbst in Widerstreit, wenn man
es streng rational zu lösen versucht? Und wenn der Begriff
der Unendlichkeit und das Postulat des Glaubens an den sich
vervollkommnenden, sich entwickelnden Staat wesentliche
Bestandteile der Müllersehen Lehre sind, so wird man zwar
heute versuchen müssen, auch ohne sie das Problem vom
Ende zu lösen, aber zuweilen werden uns doch Zweifel kom-
men, ob die bloße Analyse der Eigenschaften des Metall- und
Papiergeldes je ausreichen wird, eine vollkommen befriedi-
gende Geldlehre zu schaffen. Liegt nicht vielleicht gerade
das Geniale der Müllerschen Lehre darin, daß sie eine Be-
seelung des toten Stoffes versucht durch Zuhilfenahme von
Elementen, die rein verstandesmäßig nicht restlos zerlegbar,
sondern gefühlsmäßiger Natur sind? So wäre es kein Zu-
fall, daß der Begründer der bedeutendsten Geldlehre ein Ro-
mantiker war. Keine Schwäche, sondern gerade die Stärke
Adam Müllers liegt darin, daß seine Geldtheorie mit der
Lehre von Staat und Wirtschaft untrennbar verwachsen ist.
Wer wie Stephinger an dem Ausspruch Müllers, »der
Staatsmann sei das wahre Geld«, Anstoß nimmt, dem muß
man sagen, so unliebenswürdig es klingt, daß er Adam Müller
nicht verstanden habe. Müller kennt die Grenzen des Me-
tallismus, er sieht, wie atomistisch und individualistisch, wie
wenig soziologisch ein einseitiger Metallismus gedacht ist.
Und doch erkennt er wieder, im Gegensatz zu den »Modernen«,
im Metallgeld den vornehmsten Repräsentanten »zeitlicher«
Befriedigung. Er würdigt die Bedeutung des Papiergeldes
und kennt doch die Grenze für dessen Geltung. Das Geld
überhaupt bleibt ihm nur Vermittler, und doch erschließt es
nach ihm bei richtiger Auffassung die Bedeutung des Staates
        <pb n="64" />
        ﻿§ 4. Adam Müllers Lehre vom ewigen Nationalkredit.	57

und der Staatswirtschaft. Vielleicht hat nie eine Qeldlehre
sich so von den Fehlern des Metallismus wie des Nominalis-
mus gleichzeitig ferngehalten, nie eine Lehre so vollkommen
die wahren Erkenntnisse beider in sich vereinigt; selten
wohl ist abstraktes Denken bis zu den äußersten Konse-
quenzen in so eminentem Maße mit einer klaren Anschauung
des Wirklichen vereinigt gewesen, selten auch mit solcher
Kühnheit das Mögliche bis in die fernsten Fernen vorausge-
sehen worden. Selten sind die nüchternen Begriffe der Wirt-
schaftswissenschaft in so wunderbar poetischer Verklärung
erschienen wie hier.

Und dennoch können wir heute auch in Müllers Lehre
nicht eine endgültige und befriedigende Lösung des Problems
vom Ende sehen, — wobei freilich dahingestellt bleiben muß,
ob eine solche überhaupt denkbar ist.

Warum der Begriff der Unendlichkeit, auf das Leben der
Staaten angewandt, in der wirtschaftlichen Logik keine so
große Rolle spielen darf wie bei Müller, das soll im folgen-
den Abschnitt gezeigt werden.
        <pb n="65" />
        ﻿Viertes Kapitel.

Eigener Lösungsversuch: Grundlegung einer wirt-
schaftlichen Theorie des Geldes.

§ 1-

Die wirtschaftliche Logik.

Die Juristen haben es besser als die Nationalökonomen.
Sie brauchen nicht so lange wie wir nach einer »Stütze« zu
suchen, an die sie sich halten können, nach einem Begriff
oder Satz, der für sie objektive Gültigkeit hat. Allerdings ist
es fraglich, ob z. B. der juristische Begriff der Vermögens-
steuer leichter auffindbar, enger begrenzt und unzweideuti-
ger ist als irgendein volkswirtschaftlicher. Man vergleiche
nur die verschiedenen hier in Betracht kommenden deutschen
Gesetze untereinander mit denen früherer Zeiten und an-
derer Länder! Immerhin, jedes einzelne Gesetz hat hier einen
bestimmten Begriff der Vermögenssteuer und des Ver-
mögens, der entweder definiert oder stillschweigend voraus-
gesetzt wird. Dieser Begriff ist dann für gewisse praktische
und wissenschaftliche juristische Zwecke eindeutig bestimmt,
fest gegeben. In den historisch verankerten Gesetzen hat
der Jurist so etwas, was für ihn innerhalb bestimmter Gren-
zen »objektive«1 Geltung besitzt, er hat darin einen Aus-
gangspunkt, einen Halt. Der Hochmut, den einzelne Ver-
treter der juristischen Wissenschaft und Praxis dem National-
ökonomen gegenüber zur Schau tragen, beruht zu einem
Teile in der Überschätzung jener Stütze, die dem National-
ökonomen nicht gegeben scheint. Der Jurist übersieht dann,
daß die Nationalökonomie es ist, die »de lege ferenda« denkt
und urteilt, und die erst die Grundlagen schafft, auf denen

5 »Objektiv« hier im Sinne von »von außen gegeben«.
        <pb n="66" />
        ﻿§ 1. Die wirtschaftliche Logik.

59

jene in den »objektiven« Gesetzen gegebenen »Stützen« selbst
ruhen. Manche tüchtigen, im Alltagsleben erfahrenen Ju-
risten können sich nicht zur Höhe einer wirklich allgemeinen,
theoretischen oder aber großzügig-historischen Betrach-
tungsweise erheben. Ihr Denken macht halt, lange bevor es
an die Stelle gekommen ist, wo man vorurteilslos nach den
wahren Ursachen, den echten Motiven einer Gesetzgebung
fragt, wo die Relativität der Bedeutung jener Stützen zum
Vorschein kommt, wo das Historisch-Zufällige daran als sol-
ches erkannt wird.

Es scheint uns nun aber, als ob auch die Nationalökonomen
und überhaupt die wirtschaftlich denkenden Menschen trotz
aller Kontroversen über ihre Grundbegriffe und Grundsätze
gewisse Normen anerkennten. Nur sind sie sich dessen nicht
bewußt. Die wirklichen Differenzen der Anschauung sind bei
uns geringer als man glaubt, und dies wird nur deshalb nicht
erkannt, weil man sich nicht darüber klar ist, daß man so
oft von verschiedenen Voraussetzungen ausgeht, bei gleichen
Voraussetzungen aber zu gleichen Resultaten gelangen
würde. Es gibt eine Norm, die man »wirtschaftliche Logik«
nennen könnte. Ihre Begriffe und Sätze haben einen ziem-
lich allgemeinen und formalen Charakter. Man kann von
wirtschaftlichem Denken und von wirtschaftlichen Vor-
stellungen schlechthin reden. Menschen, die die Voraus-
setzungen des Privateigentums, der Arbeitsteilung, der Ver-
kehrsfreiheit und der Geldwirtschaft als etwas Selbstver-
ständliches ihrem Denken zugrunde legen, müssen mit Not-
wendigkeit zu bestimmten, allgemeinen, gleichen Postulaten
betreffs der Einrichtungen und Phänomene des Wirtschafts-
lebens gelangen; z. B. auch betreffs solcher Eigenschaften
des Geldes, die auf den ersten Blick nicht mit dem Begriffe
der Geldwirtschaft gegeben erscheinen. Wir behaupten: Die
wirtschaftlichen Vorstellungen dieser Menschen — gleichviel
        <pb n="67" />
        ﻿60 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

wie weit sie an die Oberfläche des Bewußtseins gelangen
werden — verlangen ungeachtet aller individuellen Verschie-
denheit des Geldbegriffs, daß der Besitz von Geld
schließlich zu irgendeiner materiellen (oder auch im-
materiellen) Befriedigung führe, die entweder un-
mittelbar am Stoffe des Geldes möglich werde oder
aber durch Einlösung in anderen Gütern oder Diensten.

Man wird vielleicht sagen, dies sei etwas Selbstverständ-
liches und Nichtssagendes, und vorstehende Erörterungen da-
her überflüssig. Aber wenn man unsern Satz zugesteht, so
hat man damit von vornherein alle Theorien abgelehnt, die
in dem bloßen Zirkulieren das Wesen des Geldes sehen, ohne
weitere Fragen zu stellen. Damit ist man über Knapp und
die Anweisungstheorie hinausgegangen: Sie fragten gar
nicht nach der Einlösung. Aber auch den orthodoxen Me-
tallismus hat man abgelehnt: Er sah die Einlösung nur im.
Metall.

Freilich, das Neue unserer Auffassung liegt nicht so sehr
in der besonderen Vorstellung der Einlösung an sich, als ia
der Betonung der logischen Erkenntnis, daß das Geld nicht
ist, sondern gedacht wird (vgl. S. 21). Nicht ob dieser oder
jener Staat sein Geld wirklich jemals einlösen kann oder
will, nicht ob er durch irgendein privates oder öffentliches
Recht dazu verpflichtet wird, interessiert uns, sondern nur
die Frage: Wie stellen wir, als wirtschaftende Menschen,
uns das Geld und das Ende des Geldes vor, und welche Vor-
stellungen liegen etwa im Unterbewußtsein? Es fragt sich nun
weiter: Besitzen jene Vorstellungen der wirtschaftlichen Lo-
gik irgendwelche Realität? Sind sie mehr als eine willkürliche
Konstruktion? Und da antworten wir: Allerdings!

Ist es doch diese wirtschaftliche Logik, die sich in den
Handlungen der Menschen schließlich durchsetzt. Sie setzt
sich durch mit Hilfe des feinen und komplizierten Mechanis-
        <pb n="68" />
        ﻿§ 1. Die wirtschaftliche Logik.

61

mus der Börse, durch den Instinkt und die Berechnungen
großer Kaufleute, Bankiers, Spekulanten und Machthaber.
Sie setzt sich durch in dem scheinbaren »Aberglauben« der
großen Volksmasse, der sich vereinigt mit einer Erkenntnis,
die wieder auf die in Jahrhunderten gemachten Erfahrungen
mit nichtstoffwertvollem Gelde sich stützt. So setzt sich
jene Logik im wirtschaftlichen Handeln der Menschen durch
in der Bewertung, die sie direkt oder indirekt dem Gelde
und den Waren zuteil werden lassen, mögen auch die Mittel
und Wege dieses Sichdurchsetzens oft unserer Schulweisheit
verborgen sein.

Die scheinbaren Ausnahmen bestätigen nur die Regel.
Wenn im Weltkriege 1914/15 das Papiergeld im Inlande auch
von denen gern genommen wurde, die den Stand der heimi-
schen Valuta kritisch und nicht ohne Sorge betrachteten,
wenn z. B. bei uns überzeugte »Metallisten« freiwillig ihr Gold
zur Reichsbank trugen und gegen Scheine eintauschten, so
bedeutet dies für denkende Menschen unter Umständen ein
geringes Opfer, das gern gebracht wurde in einer Zeit, in der
jeder bereit war, Höheres zu opfern, als materielle Werte.
Aber eben — es bedeutete ein Opfer, — d. h. einen Verzicht
auf das Handeln streng nach dem wirtschaftlichen Prinzip,
unter Umständen einen Verzicht auf materielle Vorteile und
auf die Nutzanwendung aus den Erkenntnissen der wirt-
schaftlichen Logik. Die Geltung, der Inhalt dieser Logik ist
dadurch nicht berührt worden, so wenig die größte Aufopfe-
rung den Stand unserer Valuta hätte bewahren können, wenn
der Krieg unglücklich ausgelaufen wäre.

Es bleibt ein wesentliches Charakteristikum unserer Theo-
rie die Voraussetzung, daß die oben beleuchteten wirtschaft-
lichen Vorstellungen durchaus nicht immer als an der Ober-
fläche des Bewußtseins existierend angenommen werden. Ja,
es gibt sogar Leute, die auf die Funktionswerttheorie
        <pb n="69" />
        ﻿62 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

schwören, die jeden Gedanken an eine »reale Befriedigung«
ablehnen, die aber in ihrem tatsächlichen wirtschaftlichen
Handeln sich als fanatische Metallisten kennzeichnen.

§ 2.

Die Geldfunktion und die Vorstellung der endlichen Be-
friedigung. Der Unendlichkeitsbegriff.

»Der Besitz von Geld muß zu einer materiellen (immateriel-
len) Befriedigung führen« (S. 60). Stellen wir uns nun einmal
vor: Es existiere ein System stoffwertlosen Geldes, und zwar
ohne jede Anlehnung an ein noch bestehendes metallisches
System und ohne daß bei den Menschen die Vorstellung
einer schließlichen Einlösung in Metall oder Sachgütern
(Diensten) zu finden wäre b Dann zwingt unser wirtschaft-
liches Denken uns immer wieder zu der letzteren Vorstellung,
die wir der Voraussetzung gemäß ausschließen wollten.
Wohl können wir uns vorstellen, daß innerhalb eines Staates
lange, lange Zeit hindurch ein stoffwertloses Geld als ein-
ziges Zahlungsmittel ohne Störung der wirtschaftlichen Be-
ziehungen zwischen den Menschen funktionierte. Von den
etwaigen technischen und praktischen Voraussetzungen und
Schwierigkeiten ist hier nicht die Rede. Lange, lange Zeit
hindurch erscheint das Zeichen-Geldsystem als denkbar. Aber
muß es nicht schließlich einmal ein Ende nehmen? Muß nicht
eine Einlösung erfolgen, sei es in Metallgeld oder in Waren
und Diensten? Gewiß, unser Staat oder unsere Staatenkon-
vention — auch an eine solche könnte gedacht werden —
kann zusammenbrechen, bevor die Einlösung stattgefunden.
Aber die Vorstellung einer endlichen Befriedigung muß von

1 Vgl. hierzu Moll, Die theoretischen Probleme des stoffwertlosen
Geldes im nationalen und internationalen Wirtschaftsleben, Weltwirtschaft-
liches Archiv 1914, S 99ff.
        <pb n="70" />
        ﻿§ 2. Die Geldfunktion und die Vorstellung der endlichen Befriedigung. 63

vornherein dagewesen sein, wenn wir uns das Geldwesen
überhaupt als bestehend denken wollten.

Knapp freilich sieht die wesentlichste Form der Befriedi-
gung in der »zirkulatorischen«. Wir haben darauf hinge-
wiesen, daß diese Auffassung keine Lösung des Problems
vom Ende, sondern nur eine neue Problemstellung bedeutet:1.
Denn immer wieder müssen wir fragen: Wenn die Befriedi-
gung für den einzelnen in der Gewißheit liegt, das Geld
weitergeben zu können, worauf beruht diese Gewißheit?
Wirklich nur auf der Gewißheit des folgenden Geldinhabers,
es ebenfalls weitergeben zu können? Muß nicht jenes Weiter-
geben einmal in unserer Vorstellung ein Ende haben? Lind
was kommt dann?

Die Gewißheit des einzelnen, das Geld weitergeben zu
können, beruht doch letzten Endes auf dem — gleichviel, ob
bewußten, halbbewußten oder unbewußten — Vertrauen,
daß gerade auch der letzte Besitzer des Geldes, der es nicht
weitergeben würde, einen Wert in der Hand behält. Mag
man die Zirkulation, die Funktion als das Wesen des Geldes
auffassen, ihr Ende aber als die Negation des Geldbegriffs;
es gehört auch zum Wesen des Geldes, daß am Ende etwas
Wertvolles zurückbleibe, mehr als ein bloßes Nichts, im Be-
sitze des an sich wertlosen Papierstoffes kann niemals eine
Befriedigung liegen. —

Könnte man aber nicht doch die Funktion des Geldes als
unendlich sich vorstellen? So wenig wir uns die Unendlich-
keit der Welt vorstellen können, so wenig die der Funktion
des Geldes. Hier ist aber folgender Unterschied zu beachten.
Das Problem der Unendlichkeit der Welt ist ein metaphysi-
sches, das des Geldes immer nur ein gesellschaftswissen-
schaftliches. Nun enthält unsere wirtschaftliche Logik stets
empirische Bestandteile: Privateigentum, Verkehrsfreiheit,

1 Oben S. 42 ff.
        <pb n="71" />
        ﻿64 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

Arbeitsteilung und Geldwirtschaft sind die Voraussetzungen,
auf denen sie beruht. Eine Anwendung des Unendlichkeits-
begriffs aber auf geschichtlichen Stoff und innerhalb einer Lo-
gik, die ihre geschichtliche Entstehung nicht verleugnen kann
noch will, scheint ausgeschlossen. Wir geben zu: Mancher
Staatsbürger, in dessen Wesen die Liebe zum Vaterlande die
stärkste Seite bildet, hat nicht nur den Wunsch, daß sein
Staat ewig bestehen möge, er kann sich ihn auch nicht anders
vorstellen, als von unendlicher Dauer.

So mag der Glaube an die Unendlichkeit des Staates und
die Ewigkeit des Nationalkredites auch bei unserem Volke zu
finden sein; aber die kalte, nüchterne, rechnende, wirtschaft-
liche Logik wird durch ihn nicht berührt. Diese aber inter-
essiert uns hier. Es ist gleichgültig, welches die gewöhnlich-
sten konkreten Vertreter dieser Logik sind. Ja, es ist wahr-
scheinlich, daß bei der Kompliziertheit der menschlichen
Psyche zuweilen der Glaube an die Ewigkeit des Staates einen
Konflikt erzeugen wird, den der einzelne mit sich selbst
auszufechten hat. Es mag ferner für viele ein Trost sein, daß
diejenigen, in deren Handeln vielleicht zuerst am nüchtern-
sten die wirtschaftliche Logik sich durchsetzt, als die mora-
lisch weniger Einwandfreien auch sonst erscheinen. Aber das
gehört nicht hierher. Wir wissen nur: Der Unendlichkeits-
begriff spielt in der wirtschaftlichen Logik keine Rolle.

Freilich gibt es nun noch eine Möglichkeit, einen speziellen
Fall, wo unsere wirtschaftliche Logik eine Befriedigung in
stoffwertvollen Gütern (Diensten) nicht verlangt: Die Mög-
lichkeit einer Verwendung des Papiergeldes zu Zahlungen
an die Staatskassen, insbesondere zur Steuerzahlung. Hier
nimmt der Staat als wertvoll wieder an, was er als wertvoll
ausgegeben. Der Kreis ist geschlossen. Unser wirtsschaft-
liches Denken ist befriedigt, ohne daß eine Einlösung des
Geldes erfolgt ist. So haben denn in der »Steuerfundation«
        <pb n="72" />
        ﻿§ 2. Die Oeldfunktion und die Vorstellung der endlichen Befriedigung. 65

allein manche Schriftsteller die Möglichkeit eines zweck-
mäßig funktionierenden Papiergeldes und die Garantie gegen
dessen Entwertung erblicken wollen. Unser Problem lautet
hier: »Genügt diese Möglichkeit wirklich, um in unseren Vor-
stellungen das befriedigende Ende allgemein zu garan-
tieren? Unsere Voraussetzung war ja, daß außer dem
Zeichengeld kein anderes Geld kursierte und daß also alles
Geld aus Papier bestand. Genügt hier wirklich die Möglich-
keit einer Zahlung an die Staatskassen, diese einzige Verwen-
dungsart, um für alle Scheine die Vorstellung jener Befriedi-
gung hervorzurufen? Oder macht sich nicht doch immer die
Forderung einer Einlösung im eigentlichen Sinne, einer stoff-
lichen Befriedigung von wirtschaftlichem Werte geltend«1?

• Vielleicht könnten wir die Beantwortung dieser Frage von
uns abwälzen, indem wir auf ihren »dynamischen« Charakter
hinwiesen, der über das Gebiet der allgemeinen, wirtschaft-
lichen Logik hinausdeutet. Denn hier wird offenbar aus einem
qualitativen Moment ein quantitatives, aus dem statischen
Problem ein dynamisches, aus der allgemeinen Aufgabe eine
spezielle. Ist doch nur die Form dieser Frage noch eine »all-
gemeine«. In Wirklichkeit handelt es sich schon um die
Messung von Größen, und hier versagt ein logisches Ver-
fahren. Dennoch ist die Beantwortung der Frage für unseren
Gedankengang unentbehrlich; die Antwort aber kann not-
wendigerweise nur ziemlich allgemein ausfallen. Sie lautet:

»Steuerfundation allein reicht nicht aus, um die Vor-
stellung des befriedigenden Endes zu garantieren.«

Die Geschichte hat gelehrt, daß trotz der Möglichkeit der
Verwendung des Papiergeldes zu Steuerzahlungen und ähn-
lichen Funktionen die Entwertung dieses Zeichengeldes oft
nicht ausgeblieben ist. Die Fundierung des Papiergeldes auf
die Steuerzahlungsmöglichkeit reicht also allein nicht aus,

1 Moll, Weltwirtschaftliches Archiv 1914, S. 100.

Moll, Lo^ik des Geldes.

5
        <pb n="73" />
        ﻿66 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

seine Stabilität zu garantieren. Diese Erkenntnis hat aber
eigentlich nur einen überwiegend negativen Sinn, und ihr
Charakter ist ein ziemlich formaler. Viel interessanter wäre
für uns die Untersuchung des empirisch-dynamischen Pro-
blems, welchen positiven Inhalt dieser Satz für ein konkret-
historisches Phänomen erhält. Hierauf aber müssen wir ver-
zichten, nicht nur, weil diese Untersuchung weit hinausgehen
würde über die Grenzen unserer Hauptaufgabe, sondern auch
wegen ihrer besonderen Schwierigkeiten. Aus den konkreten
Ziffern der Steuersummen und den höchst vagen und pro-

r&gt;

blematischen Schätzungen des Geldumlaufes und seiner Ge-
schwindigkeit die Chancen eines nationalen Papiergeldes her-
ausrechnen zu wollen, oder aber eine allgemeine Formel hier-
für zu liefern, das erscheint nicht bloß gewagt, sondern dilet-
tantisch. Die methodologischen Fehler derartiger Berech-
nungen erinnerten allzu sehr an die Irrtümer der sogenannten
naiven Quantitätstheorie.

Kehren wir nun zum Hauptthema zurück: Es wäre lächer-
lich, zu behaupten, daß der wirtschaftliche Durchschnitts-
mensch komplizierte Betrachtungen darüber anstellt, ob die
ausgegebene Menge des Papiergeldes in einem Staate etwa
in einem angemessenen Verhältnis stehe zur Steuersumme
des Landes oder zu ähnlichen Größen. Aber in der Bewer-
tung, die z. B. das Ausland einem Währungsgelde zuteil
werden läßt, dringt auch das Urteil darüber durch, wie weit
man seine Steuer- und sonstige Kassenfundation für
ausreichend hält - ein Urteil, das freilich durchaus nicht an
die Oberfläche des Bewußtseins gelangt zu sein braucht.

§ 3.

Das alte Kapitel von den Eigenschaften der Edelmetalle.

Man hat darüber gespottet, daß die Aufzählung der cha-
rakteristischen Eigenschaften, die die Edelmetalle zum Geld-
        <pb n="74" />
        ﻿§ 3. Das alte Kapitel von den Eigenschaften der Edelmetalle. 67

gebrauch prädestiniert haben, ein wichtiges Kapitel jedes na-
tionalökonomischen Lehrbuches bildet. Soweit der Spott sich
auf das endlose Wiederholen der alten Weisheit bezieht,
mag er berechtigt sein. Aber der Inhalt der alten Lehre wird
in seiner Wahrheit und seiner Bedeutung für die Qeldtheorie
dadurch gar nicht berührt. Dieses ist von neueren Schrift-
stellern übersehen worden. Wenn Knapp in prinzipiellem
Gegensätze zu den »metallistischen« Lehren jenes Kapitel
für unwesentlich ansieht, so liegt hierin unseres Erachtens
gerade eine der bedenklichsten Schwächen seiner Theorie:
Sie bleibt zu abstrakt und zu formal, um über das Wesen des
Geldes eine befriedigende Auskunft geben zu können. Die
alte und traurige Erkenntnis macht sich hier geltend: Je all-
gemeiner ein Begriff oder ein Satz, desto inhaltsloser ist er.
In dem löblichen Streben nach Allgemeinheit und objektiver
Gültigkeit für ihre Sätze hat die Knappsche Lehre bewußt
davon abgesehen, einem der wichtigsten speziellen Fälle des
Geldproblems auf den Grund zu gehen. Sie hat dabei nicht nur
auf eine tiefgehende Deutung der Geldphänomene mehrerer
Jahrtausende verzichtet, sondern auch in Hinsicht auf die Pro-
bleme der unsicheren Zukunft den einzigen Boden verlassen,
der als relativ sicher gelten darf und der eine gewisse Wahr-
scheinlichkeit verheißt. Jene großartige Sprache, mit der bei
Knapp das Münzwesen als eine technische Einrichtung von
untergeordneter Bedeutung abgetan wird, mit der ferner die
historische Zufälligkeit der Wahl der Edelmetalle als Geld
angedeutet wird, imponiert zunächst, weil sie paradox klingt,
aber sie ist deshalb noch nicht begründet.

So wenig ein Schillersches Drama dadurch an Wert ver-
liert, daß es von pedantischen Lehrern in geschmackloser
Gründlichkeit zu Schulzwecken zerpflückt wird, so wenig die
Tannhäuser-Ouvertüre ihre Größe dadurch einbüßt, daß sie
in Kinematographen gespielt wird, so wenig der Kern der

5*
        <pb n="75" />
        ﻿68 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Oeldes.

Quantitätstheorie dadurch als unrichtig sich erweist, daß
man ihn jedem Laien klarmachen kann, so wenig ist die ab-
geklapperte Lehre von den Eigenschaften der Edelmetalle
verkehrt oder auch nur unwesentlich.

Es ist nicht unsere Absicht, jenes allerdings abgeklapperte
Kapitel hier wieder aufzuführen. Wir setzen es vielmehr vor-
aus. Man kann es in fast jedem Lehrbuche mehr oder weniger
vollständig finden. Nur darum ist uns hier zu tun, ihm seinen
Platz in der Geldlehre anzuweisen und auf seine Konsequen-
zen hinzudeuten.

Ist die endliche Befriedigung, die wir als logischen Ab-
schluß jedes Geldsystems postulieren, ist sie etwa im Edel-
metall schlechthin garantiert? Die moderne Geldlehre hat
hier starke Bedenken geltend gemacht, die wir schon öfter
berührt haben. Sie sieht in dem Stoffwert, dem »Eigenwert«
des Geldes, etwas höchst Problematisches. Begrifflich ist ihr
die Funktion im Gegensätze zur Substanz am Gelde die
Hauptsache, wo nicht das einzig Charakteristische. Histo-
risch meint sie eine allmähliche Verdrängung des Sub-
stanzwertes durch den Funktionswert zu konstatieren. Die
Grenze zwischen Metall- und Papiergeld scheint ihr flüssig.
Beide sind für sie Kreditgeld und der Unterschied zwischen
ihnen gilt nur als ein quantitativer.

Demgegenüber haben wir festgestellt1, daß »die Formel
von dem bloß quantitativen Unterschied zwischen Metall-
und Papiergeld doch nicht so ohne jeden Widerspruch hin-
zunehmen« ist. Sie ist richtig in einem gewissen Sinne und
ist es doch wieder nicht. Quantitative Unterschiede werden
eben zuweilen zu qualitativen.

»Das Papiergeld hat nur eine Verwendung als Geld, als

1 Moll, Die theoretischen Probleme des stoffwertlosen Oeldes im
nationalen und internationalen Wirtschaftsleben. Weltwirtschaftliches
Archiv 1914, S. 101.
        <pb n="76" />
        ﻿Ä

§ 3. Das alte Kapitel von den Eigenschaften der Edelmetalle. 69

Funktion; als Stoff ist es wertlos. Das Edelmetallgeld hat
stets auch stofflichen Wert, es bietet die Möglichkeit einer
anderen Verwendung, es behält einen gewissen Wert als wirt-
schaftliches Gut, auch im ungünstigsten Falle der Demoneti-
sierung. Könnte es aber nicht gänzlich entwertet werden ?
Gewiß ist auch das rein logisch möglich. Es müßten dann
aber die Produktionsverhältnisse, oder aber auch die mensch-
lichen Bedürfnisse so beispiellos sich ändern, daß alle unsere
Bewertungen gänzlich über den Haufen geworfen würden.
Dann freilich hörte jede Berechnung auf, und man könnte
sich vorstellen, daß Papier einmal als Gebrauchsgut wert-
voller würde als Edelmetall, und daß alle unsere wirtschaft-
lichen Werte umgewertet werden müßten. Damit aber
rechnet niemand. Wir müssen doch von dem ausgehen, was
ist, und allenfalls von dem, was danach wahrscheinlich bleibt
für die Zukunft. Nur solche Bestandteile wird unser wirt-
schaftliches Denken in sich aufnehmen; nicht aber werden
wir mit Möglichkeiten rechnen, die durch keine Erscheinung
der Vergangenheit oder Gegenwart nahegelegt werden, und
für die nur das eine sich anführen ließe, daß ihre Unmöglich-
keit nicht gerade erwiesen sei — weil nichts unmöglich ist« E
Die Schwierigkeit für die Wissenschaft liegt darin, daß sie hier
mit Zukunftsmöglichkeiten rechnen muß, über die wir nichts
wissen, daß sie instinktiv den richtigen Mittelweg finden
muß zwischen jenen abstrakten Möglichkeiten und den bis-
herigen Tatsachen der Wirklichkeit. Gewiß, das Gold könnte
so häufig werden wie Wasser oder so selten wie Helium, das
ist denkbar und darin ist Knapp zuzustimmen. Die Frage
ist aber: Haben wir bis jetzt irgendwelchen Anhalt, das zu
erwarten? Und solange das nicht der Fall ist, ist es doch
wohl erlaubt, zunächst damit zu rechnen, daß die relative
Seltenheit des Goldes auch in Zukunft sich nicht wesentlich

1 Moll a. a. O. S. 101.
        <pb n="77" />
        ﻿70 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

anders gestalten werde, als in den uns bekannten zwei letzten
Jahrtausenden.

Daß Gold nach menschlicher Berechnung der relativ
sicherste Besitz ist, diese Annahme ist daher doch nicht so
kindlich, wie die Anhänger moderner Geldlehren sie
hinstellen möchten. Absolut sicher ist nichts; aber Gold
scheint heute sicherer als Papier, unabhängiger vom
Bestehen des konkreten Staatswesens und seiner friedlichen
Wirtschaftsbeziehungen. Und die wirtschaftliche Logik ist in-
sofern egoistisch und individualistisch, als sie ein Gut postu-
liert, das womöglich selbst den Staat oder doch dessen zeit-
liche Form überdauert b

Eines freilich haben wir zugestanden: Die Möglichkeit
partieller Entwertung scheint uns als logische Voraus-

1 Die wichtigsten Eigenschaften der Edelmetalle, die sie vom Papier
qualitativ unterscheiden und aus der Reihe der anderen Sachgüter als quan-
titativ bevorzugt herausheben, sehen wir in ihrer Eignung zu Schmuck und
industrieller Verwendung und ihrer relativen Unzerstörbarkeit bei einer
gewissen, aber auch wieder nicht zu großen Seltenheit des Vorkommens.

I Dagegen ist ihr hoher Wert eine sekundäre Eigenschaft, die aus eben diesen
Grundqualitäten, sowie aus ihrer Eignung zur Geldfunktion sich herleitet.
Hier finden überall Wechselwirkungen statt:

Gold und Silber sind wertvoll auch deshalb, weil sie als Schmuck ver-
wendet werden können; und sie werden auch deshalb als Schmuck ver-
wendet, weil sie wertvoll sind. Sie sind wertvoll auch weil sie als Geld
dienen können; und sie können als Geld dienen auch weil sie wertvoll
sind. Sie haben internationale Geltung, weil sie mannigfache Verwendung
zulassen und Wert besitzen, und doch beruhen diese Verwendungsmöglich-
keiten und dieser Wert wieder auf ihrer internationalen Geltung. Die
Menschen haben Vertrauen zum Edelmetall, weil es wertvoll ist, und es
wird wertvoller, weil man daran glaubt.

Diese Wechselwirkungen gelten heute, ln den Kern des Problems aber
führen erst die Fragen: Welche Wirkung überwiegt in jedem einzelnen
Falle? Welche Wirkung war die ursprüngliche? Welche wird in Zukunft
die entscheidende sein? Wer die Lehre von den Eigenschaften der Edel-
metalle abstrakt zu Ende zu denken versucht, der gerät leicht in ein Laby-
rinth, aus dem er nicht mehr herauskommt. Die Zirkel, zu denen das
Denken ihn führt, scheinen unlösbar, und gerade deshalb ist es erforder-
lich, diese Lehre nicht zu abstrakt zu behandeln, sondern, wie wir es im
vorstehenden versucht haben, mit den Tatsachen der Geschichte und der
Gegenwart zu rechnen.
        <pb n="78" />
        ﻿§ 3. Das alte Kapitel von den Eigenschaften der Edelmetalle. 71

Setzung eines Edelmetallgeldes von vornherein durchaus ge-
geben. Freilich, wenn schon die Gelehrten darüber ganz un-
einig sind, wie stark der Grad dieser Entwertung im Falle
völliger Demonetisierung anzusetzen sei, — wie sollte man
von den Laien einheitliche und richtige Vorstellungen hier-
von erwarten? Es ist anzunehmen, daß beim Edelmetallgelde
die wirtschaftliche Logik nicht mit der gleichen Sicherheit
sich durchsetzen wird, wie beim stoffwertlosen Gelde. Das
Problem ist dort allzu kompliziert. So darf man durchaus
nicht glauben, daß in friedlichen Zeiten viele Menschen das
Edelmetallgeld deshalb bewußt als wertvoll behandeln, weil
man es zur Not einschmelzen und in Schmuck verwandeln,
oder auch nur, weil man das Metall stets im ln- und Aus-
lande verkaufen könnte; sie denken gar nicht so weit. Ander-
seits werden auch die wenigsten von den einfachen Menschen
die Überlegung vollziehen, daß bei Demonetisierung der
Wert der edlen Metalle stark sinken würde. Jedenfalls aber
wird im Unterbewußtsein der meisten Menschen doch die
Vorstellung ruhen, daß Edelmetall schlechthin etwas Sel-
tenes, Wertvolles sei.

Für uns fragt es sich nun immer noch: Ist mit dem Vor-
handensein eines Geldwesens, soweit seine Zirkulation aus
Edelmetall besteht, wirklich die Möglichkeit partieller Ent-
wertung und nicht vielmehr etwas anderes gegeben?

Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. »Unser Edel-
metallgeldwesen steht, wie das Papiergeld, mit der — viel-
leicht überwiegend unbewußten — Voraussetzung, daß mit
ihm die endliche Befriedigung stets voll gegeben sei. An-
genommen, die Demonetisierung trete ein und mit ihr die
Entwertung. Dann würde der Staat seine Münzen zurück-
nehmen und austauschen gegen das neue Geld, vielleicht
gegen ein Zeichengeld, das aber unserer Voraussetzung nach
wieder begründet sein müßte auf die Möglichkeit endlicher
        <pb n="79" />
        ﻿72 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

Befriedigung; oder der, Staat würde seine Münzen ein-
wechseln gegen eine größere Quantität Metall oder gegen
Sachgüter irgendwelcher Art — diese ganz rohen Vorstellun-
gen müssen als bestehend angenommen werden. Es ist gleich-
gültig,; wie weit diese Vorstellungen voll bewußt werden.
Es ist gleichgültig, ob der Staat rechtlich irgendwie in dieser
Weise verpflichtet ist. Es ist gleichgültig, ob es wirklich so
geschehen kann, ob der Staat die Mittel dazu hat und ob er
so handeln will. Aber der Glaube muß dagewesen sein. Es
hieße sonst, daß wir von vornherein mit einem partiellen
Bankerott des Staates rechneten, und — unser Edelmetall-
geld würde sich dann den Waren gegenüber entwerten. So-
mit darf also bei Edelmetallgeld die logische Möglichkeit
einer vollen, endlichen Befriedigung als Voraussetzung für
das Bestehen des Systems angenommen werden« L

Damit sind wir allerdings zur Fragestellung einer »staat-
lichen« Theorie des Geldes zurückgekehrt. Auch sie behält
also ihre Bedeutung, ihre relative Berechtigung, aber sie darf
nur neben einer metallistischen, individualistischen Theorie
angewendet werden und nicht allein den Inhalt der Lehre
bilden.

§ 4.

Staatliche und überstaatliche Geldtheorie.

Es liegt im Wesen einer »wirtschaftlichen« Theorie, daß
sie das Geld keineswegs nur innerhalb der räumlichen und
j zeitlichen Grenzen eines Staates betrachtet, sondern in ihrer
Fragestellung darüber hinausgeht. Das Problem des Geldes
schließt nicht bloß die zuweilen von Juristen oder für einen
speziellen Fall auch von Nationalökonomen traktierten Fra-
gen ein: Welche Befriedigung wird dem Geldbesitzer zuteil,
wenn etwa im Rahmen des bestehenden Staates das Edel-

Moll a. a. O. S. 103.
        <pb n="80" />
        ﻿§ 4. Staatliche und überstaatliche Geldtheorie.

73

metall demonetisiert wird? Wenn ein Papiergeld abgeschafft
wird? Wenn ein neues Geld eingeführt wird? Es enthält
auch die Fragen: Welche Befriedigung muß dem Geldbe-
sitzer werden, wenn die Zahlung in beweglichen Stücken
überhaupt abgeschafft würde? (Frage nach dem Ende jedes
Geldsystems.) Ferner — wenn die konkrete Form des be-
stehenden Staates zerbrochen wird?

Man wird vielleicht erklären, die letzte Frage sei unberech-
tigt und verdiene kein Interesse. Das Geld sei gewiß nicht
das Höchste, und wenn ein Staat zugrunde gehe, so sei es
»unsittlich«, darnach zu fragen, ob der einzelne, der etwa
seinen Staat überlebt, in seiner materiellen Existenz ge-
sichert oder gefährdet sei. Allein, es ist ein Unterschied, ob
man nach der moralischen Beyechtigunng einer Problem-
stellung fragt, oder ob man ihr überhaupt kein wissenschaft-
liches Interesse zukommen lassen will. Überdies läßt sich an
Beispielen aus dem geschichtlichen Leben zeigen, daß es poli-
tische Konstellationen gibt, unter denen auch jene Frage nach
der ethischen Berechtigung ganz anders beantwortet werden
muß, als es auf den ersten Blick scheint.

Neuerdings hat Hermann Schwarzwald1 in verschiede-
nen Aufsätzen die indische und die chinesische Währungs-
frage behandelt. Er geht von einer bestimmten, freilich ein-
seitigen Voraussetzung aus, nämlich der Ansicht, daß Edel-
metall und insbesondere Gold die natürlichste, sicherste und
beste Währung liefere. Er hält alle Theorien wie alle prak-
tischen Bestrebungen für gefährlich, die eine Ersetzung des
Goldgeldes durch unterwertige Silbermünzen und Papier, so-
wie Ausdehnung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs als
Fortschritt hinstellen wollen. Und er vertritt nun die inter-
essante Hypothese, daß politische Mächte wie England, po-

1 Die Bank, April- u. Maiheft 1914, S. 321 ff. u. 427 ff. Frkf. Ztg. 12. April
1914, 1. Morgenblatt. Bankarchiv 1914, Heft 16.
        <pb n="81" />
        ﻿74 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

litische Machthaber und die internationale Bankwelt seit
langem bewußt auf eine »Entgoldung« der Völker hinarbeiten,
um sich zu bereichern und die Völker finanziell und politisch
beherrschen zu können. Die Ausführungen Schwarzwalds
verdienen noch ein besonderes Interesse, weil sie vor dem
Weltkriege entstanden sind, in einer Zeit, als man bei uns
die englische Politik noch keineswegs so zu beurteilen pflegte,
wie es durch eine Geschichte von Jahrhunderten nahe gelegt
wurde.

Es kann nicht unsere Aufgabe sehr,, die klaren Ausfüh-
rungen dieses Autors im einzelnen zu wiederholen. Was
Schwarzwald uns gegeben hat, ist eine interessante Deu-
tung eines Stückes moderner Weltgeschichte. Und bei eini-
ger Abneigung gegen die Einseitigkeit seiner allzu »metalli-
stischen« Grundauffassung des Geldes, bei aller Skepsis
gegenüber der »Objektivität« jeder historischen Deutung,
bei aller Vorsicht gegenüber Prophezeiungen wird man die
Bedeutung der von Schwarzwald zusammengefaßten Tat-
sachen ebenso anerkennen müssen, wie man die Einheitlich-
keit und Geschlossenheit seiner Hypothese bewundern muß.

Heute wird man kaum noch glauben, daß es harmloser
Zufall oder bloße theoretische Verschrobenheit gewesen sei,
was die Engländer in ihrer Stellung zur indischen Währungs-
politik geleitet habe. Dieselben Engländer, die der Gold-
währung die Weltherrschaft ihres Sterlingswechsels ver-
dankten, die für sich selbst jede Abweichung von der Gold-
währung weit von sich, gewiesen hatten, sie wollten an-
scheinend für Indien das Gold gerade nur so weit zulassen,
daß der englische Gläubiger befriedigt schien, während der
Inder im kritischen Falle mit sich entwertendem Silber und
Papier zufrieden sein mußte! Scheint es nicht weise einge-
richtet, daß im Falle eines Krieges, eines Aufstandes, Indien
sein entwertetes Papier behält, dessen Kurs dann keineswegs
        <pb n="82" />
        ﻿§ 4. Staatliche und überstaatliche Qeldtheorie.

75

durch Einlösung in Gold gehalten werden würde, während
der aus den indischen Prägegewinnen gesammelte Goldfonds
sich zum Teil in London befindet, wo er als englischer Kriegs-
schatz oder als Reserve für die Bank von England dient?
Sollte es ferner nur akademische, dogmatische Einseitigkeit
sein, wenn die neue Königliche Währungskommission für In-
dien (von 1914) von einer Einführung der Goldwährung in
diesem Lande nichts wissen wollte? »Unterwertige Silber-
und Papierwährung für Indien im Innern, Goldwährung für
den Verkehr mit den Engländern — an diesem System wird
nicht gerüttelt werden«, und »Sicherheit für die Engländer,
Unsicherheit für die Hindu«, so interpretierte Schwarz-
wald1.

Was uns im letzten Grunde an den Schwarzwaldschen
Hypothesen, gegen die sich einzelnes einwenden läßt, inter-
essiert, ist nicht die materielle Frage, ob Indien heute für die
Goldwährung reif sei, noch die von ihm gar nicht gestellte
schwierige Frage, was für Wirkungen die Einführung eines
anderen Systems, z. B. einer echten Goldwährung oder eines
Bimetallismus in Indien für dessen Finanzen und Volkswirt-
schaft gehabt hätte. Uns interessiert vielmehr das eine:
Schwarzwalds Hypothesen liefern eine Problemstellung, die

1 Es ist zuzugeben: Ganz so offen, ganz so klar, ganz so zweifellos
wie in diesen letzten Sätzen, die die Quintessenz der Schwarzwaldschen
Deutung mit Bezug auf Indien enthalten, liegt die Sache wohl doch nicht.
So zweifellos würde sie höchstens dem erscheinen, der die Schwarzwald-
schen Artikel studiert, ohne die frühere Literatur über die indische Wäh-
rung einigermaßen zu kennen. Sind doch manche deutsche wie englische
Autoren, die man für sachkundig und unparteiisch halten darf, der Ansicht,
daß Indien für eine Goldwährung heute wirklich noch nicht reif sei und
daß ein intensives Bedürfnis nach einem vorwiegenden Goldumlaufe im
Lande nicht existiere. Bleibt es doch fraglich, ob eine Einführung freier
Goldprägungen in Indien heute auf die Neigungen der Bevölkerung von
modifizierendem Einfluß werden und den reichlicheren Goldgebrauch ein-
bürgern könnte. Immerhin bleibt die Schwarzwaldsche Auffassung min-
destens so gut diskutabel wie eine andere.
        <pb n="83" />
        ﻿76 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

über diejenige einer »staatlichen Theorie des Oeldes« hin-
ausgeht, und die gleichwohl unserer wirtschaftlichen Logik
erheblich erscheint: Was wird aus der endlichen Befriedi-
gung des Inders, was aus dem Qelde der 400 Millionen Ein-
geborenen, wenn einst die staatliche Verbindung mit England
gelöst, wenn der friedliche wirtschaftliche Verkehr mit dem
Lande der Eroberer gestört sein sollte? Erscheint nicht dann
der indische Geldbesitzer um einen Teil seines Besitzes be-
trogen? Betrogen in raffinierter Weise, auf eine ganz un-
merkliche Art, die äußerlich, gesetzlich gerechtfertigt war?
Ausgeplündert, indem die Institution des Oeldes mißbraucht
worden ist zur wirtschaftlichen und finanziellen Beraubung
eines Volkes? Diese Fragestellung scheint uns inter-
essant und wesentlich genug, um wenigstens eine Diskusssion
zu fordern. Hier aber versagt eine »staatliche« Theorie.

Knapps Lehre z. B. gilt zunächst innerhalb des Staates.
Und sie gilt darüber hinaus, soweit es sich darum handelt,
die Maßregeln zur Stabilisierung des Wechselkurse eines
Staates gegenüber den anderen zu erklären. Sieht man doch
zuweilen das Hauptverdienst Knapps darin, das Problem der
internationalen Geldkurspolitik scharf formuliert und betont
zu haben. Er geht hier stets davon aus, daß früher alle
Staaten dem Beispiele Englands mit der Einführung der
Goldwährung oder mit dahin abzielenden Bestrebungen ge-
folgt seien, durch die Übermacht Englands genötigt und von
dem Wunsche geleitet, sich feste Wechselkurse gegen das
Ausland zu verschaffen. Nur kurz streift Knapp in seinem
Hauptwerk die Gründe, weshalb England selbst zur Gold-
währung übergegangen ist '. Hätten nicht bei einer ein-
gehenderen Erörterung dieses Problems gewisse Kon-
zessionen auch an eine metallistische Geldauffassung gemacht

Knapp, Staatliche Theorie des Geldes 1905, S. 265 und 295.
        <pb n="84" />
        ﻿§ 4. Staatliche und überstaatliche Oeldtheorie.

77

werden müssen ? Wären solche Konzessionen nicht nötig ge-
wesen, wenn Knapp denjenigen Teil der Währungspolitik in
den einzelnen Staaten, der die Verdrängung des baren Geldes
durch »notales« betrifft, nach allen Seiten hin beleuchtet und
nicht bloß einer einseitigen formal-korrekten Betrachtung
vom rechtsgeschichtlichen Standpunkte aus unterzogen hätte ?
So aber sieht Knapp den festen Kurs als letztes Ziel aller mo-:
dernen Währungspolitik an, so betrachtet er das Vordringen
unterwertiger Geldarten nur als etwas Formal-Korrektes.
Seine Hypothese versucht nicht, wie die Theorie der Ent-
goldung, hinabzusteigen in die konkrete Mannigfaltigkeit der
Motive auswärtiger und imperialistischer Politik und in die
interessante Wirklichkeit sozialer Machtverhältnisse. Aller-
dings hat sie den Vorzug größter Allgemeinheit und Korrekt-
heit. Aber es wäre allzu bequem, sich mit ihr zu begnügen,
es wäre kaum zu rechtfertigen, wollte man aus Furcht vor der
Unbeweisbarkeit jeder Hypothese da haltmachen, wo die
Probleme des Lebens am interessantesten zu werden be-
ginnen. Wenn der friedliche wirtschaftliche und finanzielle
Verkehr zwischen England und Ostindien gestört werden
sollte, und wenn die indische Valuta dann der Entwertung
verfiele — so entfielen auch die Voraussetzungen der Knapp-
schen Betrachtungen, nämlich ein geordnetes einheitliches
Staatswesen mit dem währungspolitischen Streben nach
festen Wechselkursen. Nicht etwa, daß Knapps Theorie sich
als falsch erwiese, weil eine Entwertung des Silbers und Pa-
piers für sie unerklärbar schiene. Falsch wäre es vielmehr,
von Knapps Lehre jetzt noch eine Erklärung z;u verlangen,
da ihre Voraussetzungen nicht mehr zuträfen. Aber gerade
um jene anderen Voraussetzungen handelt es sich, gerade die
anderen Voraussetzungen interessieren uns, und deshalb kön-
nen wir uns mit Knapp nicht begnügen. Eine zusammen-
fassende Betrachtung über das Geldwesen des britischen Im-
        <pb n="85" />
        ﻿78 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

periums z. B. würde an der angedeuteten Hypothese der Ent-
goldung kaum vorübergehen dürfen.

Der Leser mag selbst entscheiden, ob man hier mit der
Knappschen Lehre weiterkommt oder mit der Schwarzwakk
sehen Deutung. Im allgemeinen wird eine Hypothese um so
brauchbarer sein, je mehr sie erklärt. Und wenn mehrere
Hypothesen den gleichen Grad innerer Wahrscheinlichkeit be-
sitzen, so wird man meistens derjenigen den Vorzug geben
müssen, die am tiefsten in die Kausalerklärung hinabsteigt
und am meisten zum Nachdenken anregt. Es wird sogar Fälle
geben, wo der vorsichtige und kritische Nationalökonom eine
Theorie um ihres heuristischen Wertes willen selbst da an-
wenden wird, wo eine andere den Vorzug noch größerer Ge-
wißheit bieten, aber zu keiner wesentlichen Erkenntnis ver-
helfen würde.

Es kann daher nicht zweifelhaft sein, welcher von beiden
Lehren der Vorzug gebührt. Eine befriedigende Theorie des
Geldes aber muß Raum haben auch für die Fragestellung
Schwarzwalds, während sie die Einseitigkeit der prinzipiellen
Geldauffassung dieses Autors 1 vermeiden und auch den rich-

5 Die prinzipielle Geldauffassung, die Schwarzwalds Aufsätzen zugrunde
liegt, will nicht neu sein und ist es so wenig, wie irgend eine Geldauf-
fassung. Beruft sich doch der Autor selbst auf Eugen Dühring. Jene
Dühringsche Lehre aber, wonach das Metallgeld den Naturgesetzen seinen
Ursprung verdanke, erscheint uns heute ein wenig naiv. Die »metallistische«
Grundauffassung enthält eine unannehmbare Einseitigkeit, sie hat den un-
zerstörbaren Kern dessen nicht in sich aufgenommen, was schon Adam
Müller, Graf Buquoy und Samuel Oppenheim erkannt haben.
Sie besinnt sich zu wenig darauf, daß auch der Wert des Goldes in hohem
Grade erst durch die Goldfunktion geschaffen und gehalten wird, daß mit
einer etwaigen Demonetisierung des Goldes unter sonst gleichbleibenden
Umständen auch ein Teil seines Wertes dahin wäre. Sie steht ferner zu
wenig in Einklang mit dem Relativismus der modernen Wertlehre öster-
reichischer Schule, wonach nicht der Gattung, sondern nur dem konkreten
Gute Wert zukommt, weil der Wert nie als etwas Objektives, in besonderen
Gegenständen wie im Gold Verkörpertes, gedacht werden sollte.

Dennoch scheinen uns die genannten Aufsätze aus den erwähnten
Gründen der besonderen Beachtung seitens der Wissenschaft wert.
        <pb n="86" />
        ﻿

§ 5. Die Rangordnung der Zahlungsmittel.	79

tigen Kern der nominalistischen Lehre in sich aufnehmen
kann. Im Unterschiede von Knapp und den Nominalisten wird
sie eine »staatliche« und »überstaatliche« Geldtheorie zugleich
sein können. Dies soll im folgenden näher ausgeführt
werden.

§ 5-

Die Rangordnung der Zahlungsmittel.

ln den vorigen Kapiteln ist unser prinzipieller Standpunkt
schon gegeben. Manchem Leser, der mit der geldtheoreti-
schen Literatur nicht vertraut ist, und dem die bekanntesten
herrschenden Lehren nicht ganz geläufig sind, wird es viel-
leicht scheinen, als sei unser Standpunkt nicht konsequent,
als schwanke der Autor zuweilen zwischen zwei entgegen-
gesetzten Theorien hin und her und hüte sich ängstlich, Farbe
zu bekennen. Die Schuld liegt in diesem Falle nicht auf un-
serer Seite. Das häufige Eingehen auf die Theorien Knapps
und dann wieder seiner Gegner muß den nicht Eingeweihten
verwirren, ist aber unumgänglich nötig, um unsere Ab-
weichungen von den früheren Lehren deutlich herauszuheben.
Kompliziert bleibt unsere Theorie allerdings. Aber hierin ver-
mögen wir noch nichts Verdächtiges zu erblicken. Die Wahr-
heit ist kompliziert, und eine Lehre, die der Wahrheit nahe-
kommen will, muß viele Klauseln, viele »Wenn« und »Aber«
haben. Wir kommen zum letzten Kapitel. Letzter Zweck
jeder menschlichen Wirtschaft ist die Befriedigung der mate-
riellen Bedürfnisse durch Beschaffung von Gütern und Dienst-
leistungen. Eine Theorie des Geldes, die unseren wirtschaft-
lichen Vorstellungen gerecht werden soll, zwingt uns not-
wendig, auf diesen letzten Zweck der Wirtschaft uns zu be-
sinnen, mag auch noch so oft das Geld bloß als Umlaufsmittel
erscheinen. Nach Knapp allerdings wird die Befriedigung
        <pb n="87" />
        ﻿80 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

durch eine Zahlung im wesentlichen zirkulatorischer Natur
sein x. Wir glauben aber, gezeigt zu haben, daß als letztes
Glied unserer Vorstellungsreihe die zirkulatorische Befriedi-
gung, das bloße Weitergeben des Geldes im allgemeinen nicht
ausreicht, daß hier immer wieder eine endliche Befriedigung,
ein Abschluß gefordert werden muß. Nehmen wir einmal
an, ein bestehender Staat solle aufhören, in der alten Form
fort zu existieren; oder einen anderen Fall: Der Geldbe-
sitzer verlasse für immer das Gebiet seines Staates. Wir
fragen nun: Wie wird man unsere heutigen Zahlungsmittel
einordnen müssen nach dem Grade, in dem in solchen Fällen
die Befriedigung des Geldinhabers gesichert oder gefährdet
erscheint ?

Da ergibt sich Folgendes:

Wechsel und Schecks sind dann vom gedachten Ziele der
Befriedigung begrifflich weiter entfernt als Geld. Sie sind
erst in Geld einlösbar, und zwar unter Umständen in unein-
löslichem Papiergelde.

Metallgeld gewährt eine Befriedigung, die Papier nicht
bietet; es hat bereits selbst Stoffwert — wenn auch frag-
lich bleibt, wie weit der Stoffwert Grundlage seiner Gel-
tung ist.

»Vollwertiges« Metallgeld erscheint dann besser als
»unterwertiges«.

Was folgt aber nach dem Metallgelde ? Die konkreteste
Form der Möglichkeit stoffwertvoller Befriedigung, nämlich
Sachgüter.

Unsere Skala lautet daher:

Wechsel und Schecks.

Papiergeld.

Unterwertiges Metallgeld.

1 Knapp, a. a. O. S. 37ff.
        <pb n="88" />
        ﻿§ 5. Die Rangordnung der Zahlungsmittel.

81

Vollwertiges Metallgeld.

Sachgüter.

Wir erinnern daran, daß diese Skala nur unter einem ein-
zigen, durchaus einseitigen Gesichtspunkte gesehen ist. Sie
zeigt nur, wie weit die heutigen Inhaber der Zahlungsmittel
gesichert erscheinen, wenn z. B. eine Auflösung der Zahlungs-
gemeinschaft stattfindet. Sie sucht nur die Brücke von der
Lehre des staatlichen Geldes zur überstaatlichen oder indi-
vidualistischen Geldtheorie zu finden; es ist daher selbst-
verständlich, daß sie allein nicht das Wesen des Geldes er-
schließen kann, wohl aber soll sie hierzu mit beitragen. Un-
sere Skala ist daher nicht als »unrichtig« gekennzeichnet,
wenn man darauf hinweist, daß jahrzehntelang der englische
Sterlingwechsel »sicherer« war als das Papiergeld oder Silber-
geld vieler Staaten. Ebensowenig ist sie als irrtümlich hin-
gestellt, wenn man daran erinnert, daß historisch und
unter manchen Gesichtspunkten gesehen, auch logisch der
Gebrauch der edlen Metalle als »Geld« einen Fortschritt
gegenüber den Sachgütern bedeutet.

Man wird ferner diese Skala als selbstverständlich und
überflüssig betrachten, weil sie im einzelnen nur Bekanntes
enthalte. Allein die Berechtigung, ja die Notwendigkeit ihrer
Aufstellung liegt in der Einseitigkeit der herrschenden Geld-
lehren begründet. Die »Modernen«, wie man dogmenhisto-
risch nicht ganz richtig sagt, wollen einen prinzipiellen, quali-
tativen Unterschied zwischen Metallgeld und Papiergeld
überhaupt nicht gelten lassen, sie vernachlässigen daher diese
Skala und kümmern sich nicht um wirtschaftliches Endziel,
endliche Befriedigung und individualistische Sicherheit der
Zahlungsmittel. Die anderen aber, nämlich die Metallisten,
stellen die gewiß vorhandene Kluft zwischen Metallgeld und
anderen Zahlungsmitteln wieder als allzu tief hin. Unsere
Skala deutet demgegenüber an, daß manche Unterschiede

Moll, Logik des Geldes.	6
        <pb n="89" />
        ﻿82 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

hier nur quantitativer Art sind; weist sie doch auf stufen-
weise Übergänge und Gradunterschiede hin.

Es ist selbstverständlich, daß unsere Skala allein nicht ge-
nügt, um etwa in umgekehrter Reihenfolge für die Erkennt-
nis der historischen Entwicklung des Geldwesens eine un-
mittelbar anwendbare Formel zu liefern. Eine solche Formel
gibt es aber überhaupt nicht, und dies nicht erkannt zu haben,
ist der Fehler fast aller neueren Geldtheoretiker und -prak-
tiker. Unsere Skala ist nichts als ein Hilfsmittel des Denkens,
ein Schema, das zusammen mit anderen bekannten, von juri-
stischen und volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten kon-
struierten Skalen uns in den Stand setzen soll, die Wirklich-
keit zu verstehen.

Eine derartige andere Skala ergibt sich durch Umkehrung
der unseren. Hier zeigt sich, wie anscheinend das Geld all-
mählich mehr und mehr seinen Stoffwert abstreift.

Gleichzeitig deutet die erste Skala aber darauf hin, daß
der »Vergeistigung« des Geldes sehr wohl eine Grenze ge-
zogen bleibt: Je weniger körperlich, desto »unsicherer«
scheint der Charakter der Geldart unter unserem Gesichts-
punkte betrachtet. Letzter Zweck jeder Wirtschaft bleibt
aber die definitive Befriedigung, zu der alle Geldarten immer
wieder die Brücke zurückfinden müssen. Auch wer völlig in
den Knappschen Anschauungen lebt, dürfte diese Brücke
nicht abbrechen, ohne im uferlosen Nebel der wirtschaftlichen
Vorstellungen den Weg zu verlieren.

Viele sehen den Fortschritt in der Kultur des Geldes einzig
in der wachsenden »Entkörperung« (Plenge), im Schwinden
und Entbehrlichwerden des kostspieligen und unbequemen
Stoffes, im Zunehmen des Kreditgeldes, in der Verdrängung
der Barzahlung durch andere Zahlungsweisen. Aber mag das
für einen immer größeren Teil des Zahlungswesens zutreffen,
zwei Gebiete bleiben stets, die uns unangreifbar erscheinen.
        <pb n="90" />
        ﻿hhhihi

§ 5. Die Rangordnung der Zahlungsmittel.	83

nämlich die Gebiete, die den Anfang und das Ende jedes Zah-
lungsvvesens bilden, die Brücken vom Menschen zum Zah-
lungswesen und wieder zurück. Auch ein girales System,
wohl die höchste Stufe jener Entwicklung, setzt doch immer
Einlagen von irgendwelchem Stoffwerte als Grundlage für
den Beginn und als Möglichkeit des Ausgleichs am Ende vor-
aus. Darüber wird man nie hinwegkommen, und da hegt
die logische Grenze für die Möglichkeit eines stoffwertlosen
Zahlungswesens: Anfang und Ende verlangen stoffwertvolle
Befriedigung.

Man wird also darauf verzichten müssen, die Geschichts-
philosophie des Geldes zu einfach darzustellen. Eine Lehre,
die nur den Vorgang der allmählichen »Vergeistigung« des
Geldes, die Verdrängung des Substanzwertes durch den
Funktionswert (in falscher Anwendung der Simmelschen
Lehre) betrachtet, bleibt für sich allein auch dann gefährlich,
wenn sie nicht agitatorisch wirken will. Aber sie bleibt be-
rechtigt und notwendig neben einer anderen Betrachtungs-
weise. Unsere Skala, die das Verhältnis der Geldart zum In-
dividuum in Hinsicht auf schließliche Befriedigung als End-
zweck beleuchten will, ist ein ebenso berechtigter und not-
wendiger Bestandteil einer Geldtheorie wie die, welche die
»Entkörperung« des Geldes darstellt.

So soll also »Papierwährung mit Goldreserve für den Aus-
landsverkehr« (z. B. Heyn) nicht das allgemeine, nächst er-
reichbare Ziel moderner Währungspolitik bleiben? Wir
reden hier gar nicht von einem »Sollen«, sondern wir ver-
suchen nur, die Forderungen der wirtschaftlichen Logik zu
ermitteln. Wir prophezeien auch nicht. Welchen Weg die
Entwicklung gehen wird, wissen wir nicht. Innerhalb eines
freien, selbständigen, geordneten Staatswesens mag heute
und für Jahrzehnte der »Goldkern« (Plenge) als das beste
Sicherungsmittel endlicher Befriedigung erscheinen und —

6*
        <pb n="91" />
        ﻿84 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.

genügen. Für die überstaatliche Theorie bildet das Auf-
hören der Ooldzirkulation schon einen Rückschritt, ge-
sehen unter dem allerdings einseitigen Gesichtspunkte der
endlichen Befriedigung. Es erscheint das als Übergang zu
einem System größerer Unsicherheit. Dies kann auch »ak-
tuell« werden. Mag der Goldkern noch so sicher unter-
gebracht und bewacht sein, er ist leichter zu beschlag-
nahmen, leichter zu rauben, leichter dem äußeren Feind
ausgeliefert, leichter durch eine unzweckmäßige Verwaltung
vergeudet, als das in der Zirkulation fließende und im
Privatbesitze ruhende Gold. Mögen die eigentlichen Funk-
tionen des Geldes sich am vollkommensten vollziehen, wenn
der Stoffwert geschwunden ist; die Forderung der elemen-
taren wirtschaftlichen Logik nach der Sicherung endlicher
Befriedigung sollte bei der Diskussion einer Währungsfrage
niemals ganz außer acht gelassen werden; praktisch mag
man sich für möglichste Zurückdrängung des stoffwert-
vollen Geldes entscheiden, theoretisch sollte man wenig-
stens darüber klar sein, welche Konsequenzen diese Politik
haben kann. Im einzelnen Falle mag der individualistische
Gesichtspunkt bedeutungslos sein; eine prinzipielle Außer-
achtlassung kann sich bitter rächen, wenn auch die Folgen
vielleicht erst nach Jahrzehnten und Jahrhunderten in über-
raschender und erschreckender Klarheit zutage treten
könnten durch politische Konstellationen, deren Möglichkeit
heute vielleicht noch gar nicht ausgedacht werden kann.
        <pb n="92" />
        ﻿Anhang.

Fünftes Kapitel.

Zur Systematisierung der Lehren vom Papiergelde.

§ 1.

Einleitung.

Alle bisherigen Erörterungen bezogen sich auf das Geld
im allgemeinen, wobei freilich das Papiergeld einen wich-
tigen und interessanten Spezialfall bildet. Zum Schluß sollen
hier noch einige Betrachtungen über das stoffwertlose Geld
insbesondere Platz finden. Unsere Grundauffassung ist be-
reits im vorigen enthalten. Hier soll der prinzipielle Rela-
tivismus der Geldanschauung nur noch einen deutlicheren
Ausdruck finden: Wir glauben hiermit gleichzeitig eine
Lücke auszufüllen. Eine einigermaßen objektive Gegenüber-
stellung der beiden älteren bekannten Grundanschauungen
müßte zwar den unentbehrlichen Bestandteil eines jeden
Lehrbuches bilden, existiert aber in Wirklichkeit noch gar
nicht. Vielmehr pflegt die Lehre vom Papiergeld in der
Literatur mit einer Einseitigkeit dargestellt zu werden, die
nicht in der Natur des Gegenstandes begründet scheint,
und aus der nur die Absicht oder der unbewußte Drang
des Autors spricht, sich lieber sein Kampfobjekt zu er-
halten, als Zweifel aufkommen zu lassen und die geg-
nerische Lehre einer ernsthaften Betrachtung zu unterziehen.
Entweder man bleibt Anhänger des Papiergeldes oder Geg-
ner. Und wenn Knapp darüber spottet, daß die Wissen-
schaft diesen Stoff nie objektiv, theoretisch-analysierend
behandle, wenn er darauf hinweist, daß eine Theorie nicht
»empfehlen«, sondern »erklären« solle, so ist das gewiß
richtig, aber dessenungeachtet ist auch seine »erklärende«
        <pb n="93" />
        ﻿86 Fünftes Kapitel. Zur Systematisierung der Lehren vom Papiergelde.

Darstellung grenzenlos einseitig. Die wesentlichsten »me-
tallistischen« Argumente würdigt er gar nicht.

Wir geben weiter eine kritische Zusammenstellung der
speziellen Hypothesen über die Fundierung des Papier-
geldes. Auch sie vermissen wir in den Lehr- und Hand-
büchern wie in monographischen Werken. Damit ist unser
Beitrag zu einer Systematisierung der Lehren vom Papier-
gelde bereits abgeschlossen: So interessant die Theorien
der »Inflationisten« sind, sie gehören durchaus in die »Dy-
namik« und können in einer wirtschaftlichen Logik des
Geldes keinen Platz beanspruchen.

§ 2.

Die beiden in der Literatur herrschenden Grund-
auffassungen des Papiergeldes.

Es gibt mindestens zwei Grundauffassungen des Papier-
geldes, für die es nicht ganz leicht ist, bezeichnende Namen
zu finden. Man kann mit einigem Recht von papiergeld-
feindlicher und papiergeld-freundlicher Auffassung reden.
Dem modernen Nationalökononien, der die Werturteile aus
der Wissenschaft ausscheiden möchte, wird dies unsym-
pathisch sein. Aber um die Frage nach der Möglichkeit
dieser Ausscheidung gänzlich beiseite zu lassen, mit Bezug
auf die bisherige Papiergeldliteratur wird die Scheidung
in »feindliche« und »freundliche« kaum als unzutreffend gel-
ten dürfen. Die Gegenüberstellung einer »individualisti-
schen« und einer »soziologischen« Geldtheorie enthält etwas
Richtiges, aber nicht die Wahrheit allein. Verfehlt scheint
es, von »alten« und »neuen« Auffassungen schlechthin zu
reden, wo die Literatur so unübersehbar und die Priorität
und Originalität so problematisch sind. Hat doch die als
»neue« gekennzeichnete Anschauung schon im 18. Jahr-
        <pb n="94" />
        ﻿§ 2. Die beiden in der Literatur herrschend. Orundauffass.d. Papiergeldes. 87

hunderte ihre Vertreter gehabt. Bezeichnender ist schon
der Gebrauch der von Knapp benutzten Ausdrücke: Me-
tallismus und Nominalismus, die wir übernehmen wollen.
Wir verweisen dabei auf die kurze Skizze der ihnen zu-
grunde liegenden Geldauffassungen (S. 19 ff., 31 ff.).

a) Der Metallismus erblickt das Wesen des Geldes im
Metall, und nur vollwertiges Metallgeld ist ihm eigentliches
Geld. Er sieht im Papiergeld kein selbständiges Geld, son-
dern nur eine Anweisung auf Metallgeld, eine Urkunde,
die auf Metallgeld lautet, etwas Provisorisches, was einer
Einlösung oder Umwechslung bedarf. Warum das Papier-
geld, insbesondere uneinlösliche Scheine mit Zwangskurs,
nicht als selbständiges Geld gelten sollen, das wird ver-
schieden zu begründen gesucht.

Papiergeld setze begrifflich das Metallgeld voraus, und
nie habe historisch ein Papiergeld vor jedem Metallgeld
existiert. Papiergeld könne nicht die Preise messen. Die
Scheine trügen auch in der Regel den Aufdruck: »So und
soviel Metallgeld zahlt die Österreichisch-Ungarische Bank
usw.«... Es wird ferner hingewiesen auf den Wortlaut
der Münzgesetze, die ein geprägtes Metallquantum als Wert-
einheit bezeichnen. Es wird darauf hingewiesen, daß Papier
ein wertloser Stoff ist, und endlich wird gesagt: »Ein Staat
gibt Papiergeld nicht aus geldtheoretischen Gründen aus,
nicht der äußeren Zweckmäßigkeit wegen (Handlichkeit,
Bequemlichkeit), sondern aus Mangel an Metall und Mitteln
überhaupt, aus Finanznot. Papiergeld entsteht vorzugsweise
in Kriegen und Krisen, derweil die Barzahlung der großen
Banken eingestellt wird. Papiergeld ist etwas Anormales,
Krankhaftes, ein Unglück. Es ist gefährlich, weil es un-
merklich vermehrt werden kann, und weil seine unheil-
vollen Wirkungen sich erst spät heraussteilen können. Un-
merklich führt es zur Verarmung der Völker. Es ist ein
        <pb n="95" />
        ﻿88 Fünftes Kapitel. Zur Systematisierung der Lehren vom Papiergelde.

Krebsschaden der Finanz- und der Volkswirtschaft. Es ist
kein ideales, zweckmäßiges System, sondern ein Notbehelf,
ein Übel. Es ist seinem Wesen nach etwas Vorübergehendes,
und chronisch kann es höchstens in dem Sinne werden, wie
eine Krankheit chronisch werden kann. Und wie man in
der Vergangenheit mit dem Papiergeld Schlechtes erlebt
hat, so kann man in der Zukunft nichts Besseres erwarten.«

Wollen wir diese ganze Gedankenrichtung noch von un-
serem speziellen Gesichtspunkte, der Fra'ge nach der end-
lichen Befriedigung aus, kurz charakterisieren, so dürfen
wir eine Stelle von Hufeland zitieren1: »Papiergeld ist
ein Zeichen des Metallgeldes, nicht ein unmittelbares Zeichen
der Güter.«

b) Nun zur Charakteristik der zweiten, papiergeldfreund-
lichen, »nominalistischen« Auffassung: Sie hält sich nicht
an den Wortlaut der Münzgesetze, sondern will nach den
echten Motiven der Gesetze forschen. Sie fragt nicht nach
dem Aufdruck der Scheine, sondern darnach, ob dieser
Aufdruck auch in der Praxis der Staatsverwaltung be-
achtet wird. Sie sieht in der Werteinheit keine gemünzte
Metallmenge, sondern ein Quantum abstrakter Kaufkraft
oder Zahlkraft. »Wenn die Namen Livre und Shilling be-
stehen bleiben, so können die Dinge noch ebenso gezahlt
und verkauft werden, ohne daß Metall nötig ist,« sagt
Berkeley (1735, zitiert bei Roscher I. 14. Auflage, Seite
264). »Keine Goldwährung, sondern Markwährung,« sagt
Otto Heyn. Auch die silberne Mark stellt die Werteinheit
dar, und doch ist sie mit dem zehnten Teil des goldenen
Zehnmarkstückes weder identisch noch wertgleich. Und
sind beide etwa wertgleich der uneinlöslichen Papiermark
im Kriege? Auch die Papiermark ist selbständiger Wert-

1	Die Lehre vom Geld und Geldumlauf 1819. S. 218.
        <pb n="96" />
        ﻿§ 2. Die beiden in der Literatur herrschend. Grundauffass. d. Papiergeldes. 89

messer, auch Papiergeld selbständiges Geld. Denn wo alles
Metall aus der Zirkulation verdrängt ist, kann da etwas
anderes Preismesser sein, als das Papiergeld, das durchaus
von der Kaufkraft des vorher zirkulierenden Metallgeldes
abweichen kann? Wenn ferner Papier wertloser Stoff ist,
so bleibt auch der Stoffwert des Metallgeldes höchst pro-
blematisch (vgl. S. 70, Anm. 1). Der Wert des Papiergeldes
beruht keineswegs auf dem des Metallgeldes, und Einlösung
in Metall wäre eine schlechte Einlösung, wäre nur die Um-
wandlung eines Zeichens in ein anderes; in Wahrheit gibt
es keine Einlösung, sondern nur eine Umwechslung. Silber-
geld ist heute eigentlich nur Blechmarke, und mag auch Gold-
geld einen im Vergleich zu anderen Gütern ansehnlichen
Stoffwert haben, so ist doch dieser Stoffwert nicht Grund-
lage seiner Geltung. Gelten aber und Zirkulieren ist das
Wesen des Geldes, und sofern der Stoff zu diesem Wesen
nicht gehört, ist ein stoffwertloses Geld nicht nur Geld,
sondern das ideale Geld, die vornehmste Verkörperung der
Geldfunktion. Es ist zuzugeben, daß in der Vergangenheit,
in der Geschichte, das Papiergeld meist ein Kind der Not
war; muß es aber so sein? Liegt das wirklich im Wesen
des Geldes? Kann nicht in Zukunft das Papiergeld; eben
ein scharfes und zweischneidiges Werkzeug, bei vernunft-
gemäßer Handhabung gerade ein vollkommenes Geld wer-
den, frei von der Erdkruste des Metalls, unabhängig in
seinem Werte von wechselnden Produktionsbedingungen,
unabhängig von der Laune der Natur, wertbeständig und
billiger als das den kostspieligen Stoff verschwendende Me-
tallgeld? Und hat man die Geschichte wirklich richtig inter-
pretiert? Oder geben nicht schon die Vorgänge der letzten
Jahrzehnte eine andere Lehre? Haben nicht die Schäden,
des Papiergeldes sich in geringerem Maße gezeigt, ist es
nicht gelungen, echtes Papiergeld ohne wesentliche Ent-
        <pb n="97" />
        ﻿90 Fünftes Kapitel. Zur Systematisierung der Lehren vom Papiergelde.

Wertung zu halten (Frankreich, Österreich) ? Kann man
eine Erscheinung vorübergehend nennen, die jahrzehnte-
und jahrhundertelang bestanden hat? Oder von Anomalie
reden, wo Papiergeld das einzige Zirkulationsmittel ist?

Dieses die beiden Grundauffassungen. Wir möchten zu-
nächst auf einige psychologische Zusammenhänge aufmerk-
sam machen, die über ihre Entstehung etwas Aufschluß
geben könnten. Es ist klar: Wer bei Betrachtung des
Papiergeldes von der Finanzwissenschaft ausgeht, wer das
Papiergeld im Rahmen der Finanzwirtschaft behandelt, der
wird von vornherein einer skeptischeren Beurteilung zu-
neigen, er wird im Papiergelde stets eine verschleierte
Zwangsanleihe sehen, ein Mittel, um das Defizit zu decken,
ein Zauberkunststück, das dem Staat für den Augenblick
hilft, für die Dauer aber die Verarmung und Aussaugung
ganzer Volksmassen nach sich ziehen kann. Wer aber von
der Geldtheorie ausgeht, etwa vom Nachdenken über den
Begriff und das Wesen des Geldes, das er in der Funktion,
im bloßen Zirkulieren sieht, der wird sich leicht ein Geld
konstruieren, das ohne durch den Stoffwert und seine Wir-
kung beschwert zu sein, das Ideal des Geldes bilden soll.

Ein unglücklicher Krieg scheint dem Metallismus, ein
glücklicher dem Nominalismus recht zu geben, mag man
auch beide Richtungen als akademische Anschauungen auf-
fassen, deren Richtigkeit mit der Anwendung auf praktische
Einzelfälle nicht erwiesen noch in Frage gestellt werden kann.

Der Metallismus behält in erheblicherem Maße recht mit
Bezug auf ältere Zeiten, in denen Papiergeld aus ver-
schiedenen historisch verständlichen Gründen nicht mög-
lich war, und für Zeiten, in denen Papierwirtschaft mit
• starker Entwertung, mit Preisrevolution und Verarmung
von Volksklassen endete, während in unserer Zeit der No-
minalismus mehr Boden finden muß. Die Frage aber ist
        <pb n="98" />
        ﻿§ 2. Die beiden in der Literatur herrschend. Grundauffass. d. Papiergeldes. Q]

damit noch keineswegs gelöst, welcher von beiden Auf-
fassungen die Zukunft gehören wird. Setzt der Tatbestand,
den der Nominalismus postuliert, eine gewisse Höhe der
Kulturentwicklung voraus, so ist noch keineswegs erwiesen,
daß er das wirkliche Ziel bestimmt, dem die geschichtliche
Entwicklung zustrebt. —

Es ist ferner eine alte, aber halb vergessene Wahrheit,
daß das Papiergeld seinem Wesen nach Landesgeld, das
Metallgeld aber Weltgeld oder doch international verwend-
bar ist. Daher wird der Nominalismus seine Berechtigung
behalten innerhalb der Staatsgrenzen und solange der kon-
krete Staat besteht — und das kann sehr lange sein —,
aber unter der Herrschaft des internationalen Verkehrs und
im Laufe der Geschichte von Jahrhunderten wird doch der
Kern des Metallismus immer wieder zum Vorschein kom-
men. Der Nominalismus mag am meisten einer wahrhaft
patriotischen, im idealen Sinne soziologischen, organischen
Staatsauffassung entsprechen; der Metallismus dagegen der
individualistischen, atomistischen. Das darf uns aber nicht
darüber hinwegtäuschen, daß beim Nominalismus oftmals
mehr der Wunsch der Vater des Gedankens ist, während
der Metallismus der rauhen und nüchternen Wirklichkeit
gerecht wird. —

Es wird nun die Aufgabe unserer Geldtheorie sein, bei
Bestimmung des Verhältnisses beider Grundauffassungen
zueinander zu zeigen, daß die rational erfaßbare Diffe-
renz zwischen ihnen keineswegs so groß ist, wie es auf
den ersten Blick scheint und wie man allgemein annimmt.

In jeder der beiden Auffassungen ist viel Gefühlsmäßiges
•enthalten, und wir werden hier an das erinnert, was bei
Betrachtung des modernen Methodenstreites in der Volks-
wirtschaftslehre immer wieder zur Geltung kommt: Daß
überall ein gefühlsmäßiger, subjektiver Rest zurückbleibt,
        <pb n="99" />
        ﻿92 Fünftes Kapitel. Zur Systematisierung der Lehren vom Papiergelde.

der verstandesmäßig nicht analysiert werden kann. Wie
weit dieser Rest für die Wissenschaft relevant ist, das wird
für den einzelnen Fall noch schwerer zu entscheiden sein,
als im prinzipiellen Methodenstreite. Hier aber muß von
jenem Rest möglichst abstrahiert werden.

Verschieden ist das Urteil beider Auffassungen über die
Rollen des Metallgeldes und des Papiergeldes in der Zu-
kunft ; aber gerade dieses Urteil bedeutet für uns eigentlich
wenig, denn Prophezeiungen gehören nicht in die Wissen-
schaft. Die Vergangenheit dagegen wird im wesentlichen
von den Anhängern beider Richtungen gleichartig beurteilt.
Wir haben zu zeigen versucht, daß zum Beispiel die be-
rühmte französische Assignatenwirtschaft eine grundver-
schiedene Beurteilung nicht zulasse, sondern daß sich bei ein-
gehenderer Kritik die von der herrschenden Auffassung sich
wesentlich unterscheidende Deutung als unhaltbar erweise U
Über die Gegenwart und die jüngste Vergangenheit, zum
Beispiel über die Festigkeit der österreichischen Valuta,,
mag das Urteil ein wenig schwanken, zumal ein absolut
sicherer Maßstab für die Wertbeständigkeit einer Valuta
überhaupt nicht existiert. In Summa: Das Urteil über die
konkreten geschichtlichen Phänomene differiert nicht er-
heblich.

Dies ist die historische Seite; nun die_ logische. Da
zeigen nun Schriftsteller aus den verschiedensten Lagern
in dem, was sie über die allgemeine, rein logische Möglich-
keit eines stoffwertlosen Geldes sagen, eine geradezu er-
staunliche Übereinstimmung. Es sei hier auf eine kleine
Zusammenstellung aus einer früheren Publikation ver-
wiesen 1 2.

1	Moll, Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1914. S. 757.

2	Moll, a. a. O. S. 763.
        <pb n="100" />
        ﻿§ 2. Die beiden in der Literatur herrschend. Grundauffass. d. Papiergeldes. Q3

•

Lexis (»Metallist«) äußert sich folgendermaßen1: »Wäre
überhaupt nicht zu befürchten, daß bei Krisen und finan-
ziellen Nöten zu einer Vermehrung des Papiergeldes ge-
schritten würde, so könnte man sich theoretisch allerdings
eine Einrichtung der Papierwährung denken, bei welcher
nur geringe und unschädliche Schwankungen des auf Zah-
lungskredit beruhenden Wertmaßes vorkämen, während auf
der anderen Seite der Gewinn stände, daß ein nach Mil-
liarden zu berechnender Betrag in Metallgeld erspart wer-
den könnte.«

Helfferich (ein freilich nicht orthodoxer Schüler Knapps)
sagt am Schlüsse seines Buches über »Das Geld«2: »An
und für sich scheint es mithin möglich, bei einer solchen
(ergänze: Papier-) Geldverfassung die Geldversorgung
jederzeit in voller Übereinstimmung mit dem Geldbedarf
zu halten, und so eine volle Stabilität des Geldwertes und
eine gänzliche Indifferenz des Geldes in den wirtschaft-
lichen Vorgängen herbeizuführen.«

Adolph Wagner (vermittelnd, aber Gegner von Knapp)
sagt vom stoffwertlosen Gelde3: »Ein solches ist nach
dem früheren nicht undenkbar und praktisch nicht unmög-
lich.« »Innerhalb einer einzelnen staatlich zusammenge-
faßten Volkswirtschaft hat sich das — die sogenannte Pa-
piergeldwirtschaft mit Papierwährung' — für (relativ) kür-
zere und längere Zeitdauer möglich erwiesen. Bei Kau-
telen, welche sich dafür theoretisch aufstellen lassen, wenn
und solange als diese Kautelen praktisch innegehalten
werden konnten und werden, auch mit im ganzen minde-
stens nicht stets schädlichem, selbst mit verhältnismäßig
unschädlichem, ja mit befriedigendem Erfolg hinsichtlich

1	Das Geld, 2. Aufl. 1910. S. 588.

2	Artikel Papiergeld im Handwörterbuch d. Staatsw. Bd. VI. S. 996.

3	Sozialökonomische Theorie des Geldes und Geldwesens 1909. S. 138
und 139.
        <pb n="101" />
        ﻿94 Fünftes Kapitel. Zur Systematisierung der Lehren vom Papiergelde.

•

der Funktionen des Geldes, wenigstens in einigermaßen
normalen politischen, finanziellen und volkswirtschaftlichen
Zuständen.«

Wenn aber über die historische wie über die logische
Seite der Sache das Urteil so wenig auseinandergeht, worin
liegt dann noch der wesentliche Unterschied beider Auf-
fassungen? Auch der Metallist wird heute zugeben müssen,
daß ein Papiergeld gelegentlich seinen historischen Ur-
sprung aus dem Anschluß an Metallgeld verleugnet und
nur noch den Namen der metallistischen Werteinheit trägt,
dabei aber eine selbständige Wertbildung zeigt, die streng
metallistisch nicht mehr zwanglos erklärt werden kann.
Dann aber steht, nur noch die »sehr« theoretische Frage
zur Diskussion, ob in diesem Falle nicht doch ein Metall im
Füntergrunde stehen müsse. Und hier ist es nun, wo beide
Theorien, konsequent zu Ende gedacht, sich begegnen
müssen. Denn wie die Vorstellung eines wirklich vor-
handenen, zur Einlösung oder zur Deckung bestimmten
Metallfonds auf die Urteile der Menschen über das Geld
wirkt, und wie weit diese Vorstellung auch noch dann
wirksam sein kann, wenn die Beziehung zwischen dem
Metallfonds und der Einlösung gelockert und eine ziemlich
problematische geworden ist, — das alles läßt sich schwer
nachweisen. Hier versagt die Kausalerklärung, und des-
halb können die Metallisten glauben, was sie wollen, und
ebenso die Nominalisten. Aber die Differenz der Anschauung
wird um so kleiner, je weiter jeder denkt, je mehr er
konsequent zum Ende zu gelangen versucht; denn dann
werden die Metallisten ihren orthodoxen Glauben refor-
mieren müssen, wonach die Einlösung unbedingt in Metall
zu bestehen habe, und die Nominalisten werden wieder
das Zugeständnis machen müssen, daß irgendeine endliche
Befriedigung des Geldinhabers in Nichtgeld erforderlich
        <pb n="102" />
        ﻿§ 3. Die speziellen Lehren von der Fundamentierung des Papiergeldes. Q5

sei. So treffen sich die Konsequenzen beider Auffassungen
darin, daß eine Einlösung, eine endliche Befriedigung über-
haupt notwendig sei, und darin, daß diese Befriedigung
nicht unbedingt in Metall zu bestehen habe. Wo aber liegt
dann noch der wesentliche Unterschied beider Auffassun-
gen? So führt das Problem des Endes zur Versöhnung von
Nominalismus und Metallismus.

§ 3.

Die speziellen Lehren von der Fundamentierung des
Papiergeldes.

Die Auffassungen des Metallismus und des Nominalis-
mus liefern nur die allgemeine Grundlage für die Betrach-
tung des Papiergeldes. Es sollen nun die spezielleren Hypo-
thesen betrachtet werden.

Es, gibt kaum etwas, worauf nicht schon einmal irgend-
eine Theorie die Schaffung von Papiergeld begründet sehen
wollte. Ohne hier auf Vollständigkeit Anspruch zu machen,
dürfen wir folgende Lehren zusammenstellen: Man hat
Papiergeld fundieren wollen

1.	auf Metallgeld oder Edelmetall,

2.	auf Grundstücke,

3.	auf Gewerbebetrieb,

4.	auf Verkehrsmittel,

5.	auf Staatsschulden,

6.	auf kaufmännische Wechsel,

7.	auf die Möglichkeit der Steuerzahlung,

8.	auf das Verkehrsbedürfnis,

9.	auf die Proklamation des Staates und die »lytrische
Politik« (Knapp),

10.	auf den Glauben an die Macht des Staates zu end-
licher Befriedigung.
        <pb n="103" />
        ﻿96 Fünftes Kapitel. Zur Systematisierung der Lehren vom Papiergelde.

Es macht keine Schwierigkeit, an der Hand unserer Geld-
theorie die zehn Hypothesen zu kritisieren.

1. Metall(geld)-Fundierung ist das Postulat des strengen
Metallismus. Hier sind drei Fälle denkbar: a) Es ist stets
die ganze, in Papier ausgegebene Summe von Wertein-
heiten gleichzeitig in Metallgeld vorhanden. Sie liegt zur
Einlösung (Umwechslung) in den Kellern einer Zentral-
bank bereit. Auf Verlangen wird stets eingelöst. Dann
ist nach der verbreiteteren Auffassung überhaupt noch nicht
vom Papiergeld, mindestens aber nicht von eigentlichem
Papiergeld die Rede, sondern man spricht von uneigent-
lichem Papiergeld. Gold- und Silberzertifikate gehören
unter diese Begriffsbestimmung, wobei das hinterlegte Me-
tall auch in ungeprägtem Zustande sein kann. Man könnte
meinen, dieser Fall sei für die Lehre vom eigentlichen
Papiergeld gleichgültig. Aber so streng sich in der Theorie
die Fälle scheiden lassen, so unmerklich finden im Leben
Übergänge statt, von diesem Fall zu dem folgenden. Worin
läge nun in unserem Falle überhäupt das Motiv der Papier-
geldausgabe für den Staat oder für die Notenbank? An-
scheinend wäre doch ein solcher Reiz überhaupt nicht vor-
handen. Nun, der Staat könnte die Pflicht empfinden, be-
queme und handliche Zahlungsmittel aus Papier für den
großen Verkehr zu liefern; ein noch wirksameres Motiv
aber wäre wohl der Vorsatz, unter Umständen vom Prin-
zip abzuweichen und zu Fall b) übergehen.

Fall b): Papierscheine, Staats- oder Banknoten werden
ausgegeben, und es existiert ein Betrag zum Einwechseln,
Umwechslungsfonds, Konversionskasse. Das Papier wird auf
Verlangen in Metallgeld eingewechselt; aber der Metall-
fonds ist kleiner als die Summe der ausgegebenen Papier-
scheine. Man spricht dann von einlösbaren Noten (mit
        <pb n="104" />
        ﻿§ 3. Die speziellen Lehren von der Fundamentierung des Papiergeldes. Q7

oder ohne Zwangskurs) und pflegt auch hier noch nicht
das eigentliche Papiergeld zu sehen.

Mit Recht hat Adolph Wagner darauf aufmerksam ge-
macht, wie leicht der Übergang zum nächsten Fall (c) voll-
zogen sei. Schon das einlösbare Papiergeld ist in Wirklich-
keit im strengen Sinne nicht einlösbar; denn wollte man
alle Scheine gleichzeitig präsentieren, so würde der Fonds
zur Umwechslung nicht ausreichen. Man wird sagen, das
komme ja erfahrungsgemäß nicht vor. Kann es aber nicht
Vorkommen? Gibt es nicht Paniken, z. B. bei Kriegs-
ausbruch? Und was geschieht dann? Man stellt die Ein-
lösung ein, tatsächlich, nach administrativer Verordnung
oder mit Änderung des Gesetzes. Man muß sie einstellen,
und dann ist Fall c) gegeben: Uneinlösbares Papiergeld.
Aus naheliegenden Gründen erscheint der Zwangskurs in
diesem Falle nötig. Erst hier spricht man von echtem oder
eigentlichem Papiergeld. Diese Scheine können alles voll-
wertige Metallgeld und zuweilen das unterwertige aus der
Zirkulation verdrängen und alleiniges Umlaufsmittel werden,
selbständiger Wert- und Preismesser.

Vom Standpunkte des Metallismus scheint jedes nicht
metallene Zahlungsmittel deshalb als ein gefährliches Werk-
zeug, weil der Übergang vom »solidesten« Zustand (Fall a)
zu dem bedenklicheren (Fall b und c) und insbesondere
der Übergang vom einlösbaren (b) zum uneinlösbaren (c)
Papiergeld so leicht eintritt. Es erscheint das als ein Fier-
abgleiten auf einer schiefen Ebene. Und hier trifft sich
wieder der Metallist mit dem Nominalisten. Auch dieser
würde das Bild von der schiefen Ebene zugestehen, nur
mit anderer Notierung: Während der Metallist in der vollen
Metalldeckung das einzig solide System erblickt, sieht der
Nominalist hierin eine Konzession an den Aberglauben der
Menschen. »Solange die Menschen so töricht sind, an das

Moll, Logik des Geldes.	7
        <pb n="105" />
        ﻿Q8 Fünftes Kapitel. Zur Systematisierung der Lehren vom Papiergelde.

Metall zu glauben, solange muß auch für Metalldeckung
gesorgt werden.« So sind beide Parteien von der prak-
tischen Notwendigkeit metallener Garantien überzeugt und
hier treffen sich beide Extreme. Nur daß der Nominalist
eben hofft, jener »Aberglaube« sei leichter zu beseitigen,
als man gemeinhin annimmt. Dem Wesen des Geldes ent-
spricht es nach seiner Auffassung, daß eigentlich nicht
die Fälle b) und c), sondern der Fall a) als bedenklich
gelten müßte.

So wird der Unterschied zwischen einlösbarem und un-
einlösbarem Papiergeld (b) und (c), so wesentlich er dem
Theoretiker in mancher Beziehung scheinen mag, im Leben
oft bedeutungslos. So kann insbesondere die Einlösung
der Scheine suspendiert sein, obwohl ein ursprünglich zur
Umwechslung bestimmter Metallfonds eine enorme Höhe
besitzt: Hier sind die Scheine zurzeit uneinlöslich, und
doch scheint die wirtschaftliche Möglichkeit ihrer Einlösung
vorhanden, wobei freilich dahingestellt bleiben muß, ob
nicht andere Zwecke, zu denen der Fonds herangezogen wer-
den soll, in erster Linie Erfüllung verlangen.

Die Erfahrung, daß weder ein bestehendes Gesetz nocn
der Aufdruck der Scheine irgendwelche Garantie für die
Erhaltung der Einlösbarkeit bieten, führt leicht zu dem
Postulat, die Sicherheit des Papiergeldes prinzipiell auf
etwas anderes gründen zu wollen als auf die problematische
Möglichkeit des Umtausches in Metallgeld: Damit gelangt
man leicht zu »nominalistischen« Theorien.

2. Man hat die Ausgabe von Papiergeld auf Grundstücke
fundieren wollen. Das bekannteste Beispiel sind die Assig-
naten der Französischen Revolution, — ein Thema, über
das unendlich viel geschrieben worden ist. Die Assignaten-
wirtschaft endete bekanntlich mit völliger Entwertung des
Papiergeldes, im wesentlichen, weil die Menge der aus-
        <pb n="106" />
        ﻿§ 3- Die speziellen Lehren von der Fundamentierung des Papiergeldes. QQ

gegebenen Scheine ungeheuerlich groß war b Aber hier-
von abgesehen, konnte und kann eine Fundierung von
Staatspapiergeld auf den Erlös zu verkaufender Grund-
stücke nicht unbedenklich hingenommen werden. Nicht weil
hier das Postulat der endlichen Befriedigung in einem
brauchbaren, materiellen Werte unerfüllt bliebe, sondern
weil der Weg zu dieser Befriedigung allzu umständlich,
wo nicht unerreichbar erscheinen muß. Wie es im Bank-
wesen nicht bloß auf die schließliche Sicherheit einer An-
lage ankommt, sondern unter Umständen noch mehr auf
die Liquidität, so auch hier. Die Beruhigung, daß in den
Grundstücken Werte enthalten seien, die nach menschlicher
Berechnung nicht so leicht gänzlich verloren gehen können
wie die bewegliche Habe, diese Beruhigung wird unwesent-
lich gegenüber der Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, solche
Werte in kritischer Zeit massenhaft einlösen zu können.

Man mißverstehe uns nicht. Wir haben an anderer Stelle
gerade die Auffassung vertreten, daß die Assignaten sich
nicht so ungeheuerlich entwertet haben würden, wenn man
nur ihre Menge vorsichtig eingeschränkt hätte. Trotz der
bedenklichen »Hypothezierung« (Fundierung auf den Er-
lös aus dem Verkauf von Kirchengütern) wäre dann jene
enorme Entwertung der Scheine ausgeblieben — und zwar,
weil je nach dem Kredit eines Staates eine mehr ode!r
weniger große Menge von Papiergeld sich im Verkehr zu
halten pflegt, ungeachtet dessen, was für Theorien man
zu seiner Fundierung in Anspruch nimmt und welche spe-
ziellen und offiziellen Deckungsmittel tatsächlich existieren
mögen (Theorie der Fundierung auf das Verkehrsbedürfnis,
8). Aber hiervon abgesehen, bleiben Grundstücke als spe-
zielle Fundierung eines Papiergeldes ungeeignet. Ist doch

1 Zeitschrift fiir Sozialwissenschaft 1914, S. 757.
        <pb n="107" />
        ﻿100 Fünftes Kapitel. Zur Systematisierung der Lehren vom Papiergelde.

diese Art der Deckung nicht imstande, in unseren wirt-
schaftlichen Vorstellungen wie im Unterbewußtsein wirt-
schaftender Menschen die Garantie der Realisierbarkeit
zu gewähren.

3. 4. Ähnliches läßt sich über die Theorien der Fun-
dierung eines Papiergeldes auf Gewerbebetrieb oder auf
Verkehrsmittel sagen, Fälle, die I. G. Fioffmann in seiner
Lehre vom Gelde kurz erörtert hat. Wir gehen hierauf
nicht ein. Daß es bedenklich scheinen muß, etwa Aktien
gewerblicher Unternehmungen als Unterpfand für die Aus-
gabe von Papiergeld zu benutzen, braucht nicht ausein-
andergesetzt zu werden.

5.	Wie steht es aber mit der Fundierung auf Staafs-
papiere? Adolph Wagner hat darauf aufmerksam gemacht,
daß bei dem berühmten nordamerikanischen Banknoten-
Deckungsprinzip die Liquidität zugunsten der schließlichen
Sicherstellung hintangesetzt würde, zumal gerade in kri-
tischen Zeiten der Verkauf großer Massen von Staats-
papieren nur unter sehr großen Verlusten möglich wäre.
Ist nun auch bei den stets einlösbaren Noten die Frage der
Realisierbarkeit noch dringender als etwa bei einem auf
Staatsschuldverschreibungen basierten und nicht einlös-
baren Papiergelde, so gehen doch die Bedenken nach der
gleichen Richtung.

6.	Die Fundierung von Banknoten auf kaufmännische
Wechsel liegt bekanntlich zu einem Teile der Einrichtung
unserer Reichsbank zugrunde. Eine unübersehbare Lite-
ratur behandelt das Problem der bankmäßigen Deckung.
Diese Fundierung von Papiergeld auf Warenwechsel hat
neuerdings Bendixen1 als praktische Lösung des Geld-
problems hingestellt. Von der Anweisungstheorie aus-

1 Das Wesen des Oeldes, 1908.
        <pb n="108" />
        ﻿§ 3. Die speziellen Lehren von der Fundamentierung des Papiergeldes. 101

gehend, sieht er im Oelde eine für geschehene Leistungen
gegebene Anweisung auf Gegenleistungen (S. 24): »Als
Basis für die Geldschöpfung wird die verkaufte Ware be-
trachtet.« Das Geld soll im Parallelismus mit dem Ent-
stehen und Vergehen der Konsumgüter, die es repräsentiert,
erscheinen und wieder verschwinden. Als Muster des »klas-
sischen« Geldes erscheinen daher die durch Warenwechsel
gedeckten Banknoten (S. 36). Es ist eine reine Funktions-
wertlehre, die hier entwickelt wird, und es ist nur die
Konsequenz hiervon, wenn Bendixen sagt (S. 33): »Denkt
man sich die ganze Volkswirtschaft auf den Aussterbeetat
gesetzt, also einen Zustand, in welchem keine Neuproduk-
tion, nur Verzehrung der vorhandenen Vorräte stattfindet,
so müßte mit dem letzten Bissen auch das letzte Geldstück
verschwunden sein.«

Diese Lehre enthält manches Beachtenswerte; aber sie
ist nicht zu Ende gedacht, sie kann nicht befriedigen;
zu ihrer Kritik gilt das, was wir oben zur Kritik der An-
weisungstheorie sagten (S. 39 f.).

So wird die Fundierung eines Papiergeldes auf kauf-
männische Wechsel allein nicht ausreichen, uns die Vor-
stellung der endlichen Befriedigung zu gewährleisten.

7.—9. Es wären nun die der »nominalistischen« Grund-
auffassung entsprechenden Fundierungstheorien zu be-
sprechen, die die Ausgabe von Papiergeld auf das Ver-
kehrsbedürfnis, auf die Steuerzahlungsmöglichkeit, auf die
staatliche Proklamation und die »lytrische Politik« (Knapp)
gründen wollen. Diese Theorien gehen davon aus, daß eine
spezielle Deckung nicht zu fordern sei. Sie alle sind nicht
eigentlich falsch oder verkehrt, aber zu allgemein und zu
formal, um zur Erklärung auszureichen und um eine ge-
fahrlose Anwendung zu ermöglichen. Gewiß wird die Mög-
lichkeit der Verwendung zur Steuerzahlung dem Papiergeld
        <pb n="109" />
        ﻿102 Fünftes Kapitel. Zur Systematisierung der Lehren vom Papiergelde.

eine gewisse Stütze gewähren, gewiß ebenso das Bedürfnis,
des Publikums nach Zahlungsmitteln für andere Zwecke, ge-
wiß ist in allen diesen Fällen die staatliche Proklamation
eine allgemeine Voraussetzung für die Geltung der Scheine,
gewiß können Operationen zur Regulierung der Wechsel-
oder Geldkurse auf die Wertbeständigkeit des Papier-
geldes Einfluß haben. Aber eine andere außerordentlich
wichtige Grundbedingung für ein zweckmäßig fungierendes,,
nicht sich entwertendes Papiergeld bleibt doch, daß die
Menge dieses Geldes die »richtige« ist, ein Postulat, das in
jenen Formeln der modernen nominalistischen Theorie nicht
zum Ausdruck kommt. Und damit gelangen wir zu der-
jenigen Formulierung, die alle anderen Theorien in sich
schließt.

10. Ein Papiergeld, das sich nicht entwerten soll, kann
im letzten Grunde nur fundiert sein auf den Glauben des
Publikums an die Macht des Staates zu endlicher Befriedi-.
gung.

Dieser Glaube kann sich stützen und hat sich oft gestützt
auf das Vorhandensein eines ansehnlichen Metallvorrates.
Noch heute ist der Metallfonds die beste sinnliche Repräsen-
tation der endlichen Befriedigung, er zeigt am deutlich-
sten den Zahlungswillen und die Zahlungsbereitschaft des
Staates, die Beziehung zwischen dem Staate und dem Gelde
des einzelnen. Wenn ein Staat ferner Domänen und Forsten,
Eisenbahnen und Bergwerke besitzt, die ein Milliardenver-
mögen repräsentieren, so wird sein »Kredit« eine gewisse
Quantität Papiergeld stützen, obwohl, wie wir oben gezeigt
haben, durch die Art der Deckung die ideale Forderung der
Liquidität hier nicht genügend beachtet wird, und obwohl
die Vorstellung der »Einlösung« hier nicht sehr deutlich
sein wird. Die Zahlungsbilanz eines Landes endlich wird auf
den Stand seiner Valuta Einfluß haben, aber nur durch das
        <pb n="110" />
        ﻿§ 3. Die speziellen Lehren von der Fundamentierung des Papiergeldes. 103

Medium des »Vertrauens« hindurch. Über Steuerfundation
und Verkehrsbedürfnis haben wir oben gesprochen.

Eine der wesentlichsten Voraussetzungen aber, die sich
nicht wegdeuteln läßt, bleibt die, daß die Quantität des
Papiergeldes im Verhältnis zum Bedarf nicht zu groß sein
darf, wenn nicht Entwertung eintreten soll. Das Vertrauen
auf die Macht des Staates zu endlicher Befriedigung schwin-
det — wenn auch auf Umwegen —, sobald die Menge zu
groß wird. Die alte, geradezu verpönte Quantitätstheorie
behält doch ihren richtigen Kern1. Daß eine eintretende
starke Vermehrung in der Menge der Zahlungsmittel unter
sonst gleichbleibenden Umständen ihren Wert zu beein-
trächtigen geeignet sei, das ist beinahe eine Denknotwendig-
keit.

Die Unhaltbarkeit der sogenannten »naiven« Quantitäts-
theorie wird dadurch nicht bestritten. Gewiß stellen wir
uns die Beziehungen zwischen Geld und Ware nicht mehr
mechanisch vor, so daß jedem »Mehr« von Geld innerhalb
eines Landes sofort ein Steigen der Warenpreise entspräche,
vielmehr rechnen wir heute mit dem elastischen Faktor des
Kredits, mit der Nachfrage nach Zahlungsmitteln, mit der
Zirkulationsgeschwindigkeit des Geldes. Und die etwaige
Wirkung einer wesentlich vermehrten Geldmenge auf die
Preise wird heute überhaupt nicht mehr mittels einer plötz-
lichen Verwandlung, durch Sprünge, sondern nur durch die
Zwischenglieder der Diskontopolitik, der wachsenden Unter-
nehmungslust, der steigenden Nachfrage nacli Rohstoffen
und Lebensmitteln begriffen. Gewiß unterscheidet man auch
die Bewegung des Metallagios und der Wechselkurse von
der der Warenpreise. Aber daß z. B. eine enorm vermehrte
Menge von papiernen Zahlungsmitteln für die Dauer auf



1 Moll, Zeitschrift für Sozial Wissenschaft 1914. S. 760.
        <pb n="111" />
        ﻿104 Fünftes Kapitel. Zur Systematisierung der Lehren vom Papiergelde.

die Warenpreise im Inlande einwirken muß, sofern man
nicht Gegenwirkungen ganz besonderer Art anwenden darf,
das bleibt sicher. Und zuweilen scheint es uns, als ob diese
Erkenntnis den einzig wesentlichen Inhalt der Geldwert-
theorien aller Zeiten und Länder bildete, daß man darüber
niemals hinauskomme, trotz aller Verzierungen, aller Modi-
fikationen und aller Verklausulierungen, mit denen diese
einfache Wahrheit umgeben wird. Hierin würde sich die
große Unfruchtbarkeit der Gelddynamik zeigen. Hier aber
hört auch unsere Aufgabe auf; denn die Dynamik als solche
bildet nicht mehr den Gegenstand unserer Abhandlung.
        <pb n="112" />
        ﻿Duncker &amp; Humblot, Verlagsbuchhandlung, München und L eipzig.

Der private Kriegskredit und
seine Organisation.

Von Dr. Robert Deumer, Amtsrichter und Dozent am Kolo-
nialinstitut in Hamburg.

(Staats- und sozial wissenschaftliche Forschungen, heraus-
gegeben von Gustav Schmoller und Max Sering;
Heft 186).

Preis 5 Mark 70 Pf.

Das Werk bietet einen zuverlässigen Überblick
über das private Kreditwesen im Kriegs-
jahre 1914, berücksichtigt sämtliche Kriegs-
kreditorganisation en, prüft kri ti sch die ein-
zelnen Kreditprobleme und beschäftigt sich
eingehend mit den Ursachen und Begriffen
des besonderen Kriegskredits und den Ab-
hilfemitteln gegen die Kreditnot im Krieg.
Auchdiemit dem Kreditwesen im Zusammen-
hangstehenden rechtlichenMaßnahmen wer-
den anläßlich der Moratoriumsbetrachtun-
gen und der Rechtsform der Kriegskredit-
organisationen eingehend geprüft.

Das Material hat sich der Verfasser auf Grund
einer Enquete bei sämtlichen Regierungs-
behörden Deutschlands und einer Umfrage
bei den einzelnen Kreditorganisationen ver-
schafft und kann in dieser Fülle nicht so
leicht wieder geboten werden.
        <pb n="113" />
        ﻿

'

Duncker &amp; Humblot, Verlagsbuchhandlung, München und Leipzig



Das Depositengeschäft der
Berliner Großbanken.

Von Dr. Gustav Motschmann.

Schriften des Vereins für Sozialpolitik 154/1. (Kapitalbildung und
Kapitalverwendung, herausgeg. von Hermann Schumacher.)

Preis 17 Mark.

Vorwort des Herausgebers: Von den ausführlichen Einzelveröffent-
lichungen, die in den «Untersuchungen über das Volkssparwesen» (Band
136 und 137, I—III der Vereinsschriften) für die einschlägigen Fragen
des Bankwesens vorgesehen worden sind, kann hiermit erfreulicherweise
der erste Teil vorgelegt werden. Der stattliche Band, der dem Depositen-
geschäft eine so umfassende und tiefgründige Behandlung zuteil werden
läßt, wie sie bisher selbst das Geschäft der Banknotenausgabe nicht ge-
funden hat, spricht für sich selbst ; er bedarf keiner empfehlenden Ein-
führungsworte.

tiliiMMtl(uiiiiiii)uliMiiiiiim&lt;iiiiiU!!(iiiuiiiiiuiiiriii)Uii(tiiim:iiiiiitniimiiiii&lt;



Soeben erschien die zweite, neubearbeitete Auflage von:

Depositenbanken und Spe=
kulationsbanken.

Ein Vergleich deutschen und englischen Bankwesens.

n*- Arlsvlf WJaViar ord. Professor der wirtschaftlichen Staatswissen’
von Ul. AUOU weuer, schäften an der Universität Breslau.

Preis geheftet 10 Mark, in Leinwand gebunden 11 Mark.

Beim erstmaligen Erscheinen des Werkes schrieben:

W. Lotz im Bankarchiv: «Das vorliegende Werk zeugt von unge-
wöhnlichem theoretischen Scharfsinn und großer Belesenheit. Hiermit
vereint sich ein Verständnis für das praktische Leben, welches durchaus
nicht allen Banktheoretikern in gleichem Maße eigen ist.»

E. Jaffe in Schmollers Jahrbuch: «Bei der Lektüre des Buches
fällt vor allem der staunenswerte Fleiß ins Auge, mit dem .... alles
zusammengetragen ist, was auf die einschlägigen Verhältnisse Bezug hat.
.... Für England war es relativ leicht, auf diese Weise ein klares Bild
der Verhältnisse zu geben. Für Deutschland war die Aufgabe weit
schwieriger, weil es an derartigen aus der Praxis stammenden Schilde-
rungen fast ganz gebricht. Um so mehr ist es anzuerkennen, daß es
Weber trotz dieser Schwierigkeiten gelungen ist, uns sowohl die eng-
lischen wie die deutschen Verhältnisse lebendig zu veranschaulichen.»

W. Lotz in Conrads Jahrbüchern über die 2. Auflage:
«Ich kann nur wiederholen, daß es sich um ein sehr wertvolles Buch
handelt, dessen Verfasser mit nüchternem Urteil und viel Belesenheit und
Fleiß die Entwicklung auch seitdem verfolgt hat.»

nii»&gt;miiiiililininiininiliiUHlnttmiiiililiiiliiii'.iiuimiiiiiliiinfi;iiimiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiii;niiiiiiimniiiimMiiii&gt;iiiniiiiiiliiif:ii!iinitiiiiiiiiimniiiiiiiiiiiimiiiiiiii:iiiiiiiiii;'iiiii;-:inui:-;;in;ifiiKi’&lt;ii'i:t:iiii,:i.,iiiiiliiiintinon,ltt&lt;

Pierersche Hofbuchdruekerei Stephan Oeibel &amp; Co., Altenburg, S.-A.
        <pb n="114" />
        ﻿
        <pb n="115" />
        ﻿
        <pb n="116" />
        ﻿len in der Literatur herrschend. Grundauffass.d. Papiergeldes. 87

fl

ff'

I

S:

s:

s;

s;

ihre Vertreter gehabt. Bezeichnender ist schon
auch der von Knapp benutzten Ausdrücke: Me-
, und Nominalismus, die wir übernehmen wollen,
'eisen dabei auf die kurze Skizze der ihnen zu-

Igenden Geldauffassungen (S. 19ff., 31 ff.).
Metallismus erblickt das Wesen des Geldes im
d nur vollwertiges Metallgeld ist ihm eigentliches
sieht im Papiergeld kein selbständiges Geld, son-
eine Anweisung auf Metallgeld, eine Urkunde,
etallgeld lautet, etwas Provisorisches, was einer
oder Umwechslung bedarf. Warum das Papier-
Desondere uneinlösliche Scheine mit Zwangskurs,
selbständiges Geld gelten sollen, das wird ver-
zu begründen gesucht.

geld setze begrifflich das Metallgeld voraus, und
historisch ein Papiergeld vor jedem Metallgeld
Papiergeld könne nicht die Preise messen. Die
rügen auch in der Regel den Aufdruck: »So und
itallgeld zahlt die Österreichisch-Ungarische Bank
Es wird ferner hingewiesen auf den Wortlaut
gesetze, die ein geprägtes Metallquantum als Wert-
izeichnen. Es wird darauf hingewiesen, daß Papier
Dser Stoff ist, und endlich wird gesagt: »Ein Staat
iergeld nicht aus geldtheoretischen Gründen aus,
• äußeren Zweckmäßigkeit wegen (Handlichkeit,
chkeit), sondern aus Mangel an Metall und Mitteln
t, aus Finanznot. Papiergeld entsteht vorzugsweise
n und Krisen, derweil die Barzahlung der großen
dngestellt wird. Papiergeld ist etwas Anormales,
tes, ein Unglück. Es ist gefährlich, weil es un-
vermehrt werden kann, und weil seine unheil-
irkungen sich erst spät herausstellen können. Un-
führt es zur Verarmung der Völker. Es ist ein

S
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