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        <title>Logik des Geldes</title>
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            <forname>Bruno</forname>
            <surname>Moll</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>890261784</idno>
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  <text>
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      <div>
        <pb n="1" />
        Logik  des  Geldes

von

DR.  BRUNO  MOLL
PRIVATDOZENT  AN  DER  UNIVERSITÄT  KIEL

lYlndir
•fVertonr

MÜNCHEN  UND  LEIPZIG
VERLAG  VON  DUNCKER  &amp;amp;  HUMBLOT
1916
        <pb n="2" />
        I

Zur  Geschichte  der  englisehen
  und  amerikanischen
Vermögenssteuern.
I.  Zur  Kritik  der  englischen  Steuergeschichte. ­

II.  Geschichte  der  Vermögenssteuerbegriffe ­
  in  den  alten  Staaten  der
Nordamerikanischen  Union  bis  zur
Mitte  des  19.  Jahrhunderts.
Von  Dr.  Bruno  Moll,  Privatdozent  an  der  Universität  Kiel.
1912.
Preis  3  Mark.

iftulwrtlimmmmini

Zur  Geschichte  der  Vermögenssteuern. ­

Von  Dr.  Bruno  Moll,  Privatdozent  an  der  Universität  Kiel.
Preis  3  Mark  50  Pf.

iiniiiiiiiiiimiiiinnnmiiin)iiiiuiiiiiiiimniiim;iniiiii

imninniawniromiiHii
        <pb n="3" />
        Hans  Planitz

gewidmet.
        <pb n="4" />
        Inhaltsverzeichnis.

Seite

Erstes  Kapitel.  Methodologie  1
§  1.  Einleitung:  Alte  und  neue  Geldlehre  1
§  2.  Abgrenzung  der  Aufgaben  dieser  Untersuchung  JO
§  3.  Das  statische  Geldproblem  15

§  4.  Definitionen,  Begriffe  und  Theorien:  Relativität  der  Bedeutung
einer  Gelddefinition.  Individuelle  Differenz  der  Entstehung
von  Geldbegriffen.  Verhältnis  von  Geldbegriff  und  Geldtheorie. ­
  Eigene  Definition  für  den  Zweck  dieser  Untersuchung. ­
  Relativistische  Auffassung  von  der  Geltung  einer

Geldtheorie  19
Zweites  Kapitel.  Das  Problem  des  Endes  als  fundamentale  Aufgabe
der  Logik  des  Geldes  26
§  1.  Die  Aufgabe  26
§  2.  Das  Geldproblem  und  die  Antinomie  des  Denkens  27
Drittes  Kapitel  Die  Geldliteratur  und  der  Versuch,  zu  Ende  zu
denken  31
§  1.  Der  »Metallismus«  31
§  2.  Die  Anweisungstheorie  35
§  3.  G.  F.  Knapps  staatliche  Theorie  des  Geldes  40
§  4.  Adam  Müllers  Lehre  vom  ewigen  Nationalkredit  47
Viertes  Kapitel.  Eigener  Lösungsversuch:  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen ­
  Theorie  des  Geldes  58
§  1.  Die  wirtschaftliche  Logik  58
§  2.  Die  Geldfunktion  und  die  Vorstellung  der  endlichen  Befriedigung. ­
  Der  Unendlichkeitsbegriff  62
§  3.  Das  alte  Kapitel  von  den  Eigenschaften  der  Edelmetalle  .  .  66
§  4.  Staatliche  und  überstaatliche  Geldtheorie  72
§  5.  Die  Rangordnung  der  Zahlungsmittel  79
Anhang.  Fünftes  Kapitel.  Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom
Papiergelde  85
§  1.  Einleitung  85
§  2.  Die  beiden  in  der  Literatur  herrschenden  Grundauffassungen
des  Papiergeldes  '.  86
§  3.  Die  speziellen  Lehren  von  der  Fundamentierung  des  Papiergeldes ­
  95
        <pb n="5" />
        Erstes  Kapitel.
Methodologie.
Einleitung:  Alte  und  neue  Geldlehre.
Wer  über  die  Theorie  des  Oeldes  schreibt,  der  setzt  sich
heute  von  vornherein  dem  Mißtrauen  der  Fachgelehrten  aus.
Ist  doch  kaum  auf  einem  andern  Gebiete  so  viel  wie  hier
gesündigt  worden.  Haben  doch  kaum  irgendwo  anders  so
oft  ungelehrte  und  gelehrte  Dilettanten  mit  dem  Anspruch
auf  Originalität  und  Priorität  uralte  Wahrheit  wie  uralten
Schein  immer  wieder  neu  vorgetragen.  Kann  es  hier  wirklich ­
  noch  etwas  geben,  was  sich  zu  sagen  lohnte  und  was
noch  nicht  gesagt  worden  wäre?  Haben  nicht  viele  Jahrhunderte ­
  lang  die  Rätsel  des  Geldes  den  Menschen  beschäftigt?
Haben  nicht  neben  Tausenden  von  Mittelmäßigen  auch  die
größten  Geister,  die  schärfsten  Köpfe,  die  gründlichsten
Denker  darüber  nachgesonnen?  Universelle  Denker  neben
einseitigen,  Philosophen  wie  Nationalökonomen,  Rechtsgelehrte ­
  und  Historiker,  Geographen  und  Ethnologen,  Kaufleute ­
  und  Bankiers?  Ist  nicht  jede  einzelne  historische  Erscheinung ­
  des  Geldwesens  hundertmal  beschrieben,  durchdacht, ­
  analysiert  und  gedeutet  worden?
In  der  Tat,  die  Literatur  ist  unübersehbar,  und  wenn  man
schon  vor  Jahren  darauf  hingewiesen  hat,  daß  weit  mehr
als  6000  selbständige  Schriften  und  Abhandlungen  über
»Geld«  uns  erhalten  seien,  so  kann  in  einer  solchen  Schätzung
die  Grenze  des  Gezählten  und  des  Nichtgerechneten  gewiß
nur  sehr  willkürlich  gezogen  sein.  Und  dabei  erscheint  der
von  außen  der  »statischen«  Geldtheorie  sich  darbietende
Stoff  im  Vergleich  zu  anderen  wissenschaftlichen  Gebieten  als
ein  eng  begrenzter,  fest  umschlossener.  Die  »Tatsachen«  an
Moll,  Logik  des  Geldes.

1
        <pb n="6" />
        2

Erstes  Kapitel.  Methodologie.

sich  sind  hier  einfacher,  und  häufiger  als  irgendwo  scheinen
die  Phänomene  sich  zu  wiederholen.  Wenn  man  alles  dies
ernstlich  in  Betracht  zieht,  so  wird  man  sich  allerdings  jene
Frage  vorlegen:  »Ist  es  wirklich  wahrscheinlich,  daß  auf
diesem  wissenschaftlichen  Gebiete  noch  neue  Grundgedanken
ausgesprochen  werden  dürften,  daß  etwas  Wesentliches
plötzlich  entdeckt  werden  könnte,  was  allen  Früheren  entgangen ­
  wäre?«
Es  bleibt  ein  Hemmnis  für  den  Fortschritt  der  wissenschaftlichen ­
  Erkenntnis,  daß  diejenigen,  die  über  das  Wesen
des  Geldes  schreiben,  allzu  oft  die  Bedeutung  ihrer  Vorgänger ­
  verkennen,  während  sie  die  eigene  Originalität  überschätzen. ­
  Muß  man  nicht  lächeln,  wenn  man  in  ihren  Werken
und  Abhandlungen  immer  und  immer  wieder  liest:  »Alle
früheren  Autoren  gingen  von  einem  Grundirrtum  aus.  Sie
beachteten  nicht  den  Unterschied  zwischen  Geld  und  Kapital.«
Oder:  Die  bisherige  Literatur  ist  »erfüllt  von  unklaren  Vorstellungen ­
  über  das  Wesen  des  Geldes« 1 .  Oder:  »Nichtsdestoweniger ­
  ist  das  Geldproblem  bis  in  die  jüngste  Zeit
eines  der  dunkelsten  Kapitel  der  Volkswirtschaftslehre  geblieben« ­
  1  2 .
Der  Mathematiker  lächelt,  wenn  er  hört,  wie  ein  Laie,
der  nicht  einmal  die  elementare  Mathematik  beherrscht,  eifrig
nach  dem  Beweise  des  Fermat’schen  Satzes  sucht.  Er  hält
es  für  undenkbar,  daß  hier  ein  »Ei  des  Kolumbus«  existiere.
Wenn  der  Beweis  mit  elementaren  Mitteln  möglich  wäre,
sollten  dann  die  größten  und  zahllose  kleinere,  aber  gründliche ­
  Denker  während  mehrerer  Jahrhunderte  vergebens  gesucht ­
  haben?  Sollte  es  wirklich  etwas  geben,  was  noch  nicht
»probiert«  worden  wäre?  Allerdings  ist  Geldtheorie  keines-1
  Ulig,  Das  Geldwesen  der  Französischen  Revolution,  1914,  Vorwort.
2  Mises,  Theorie  des  Geldes  und  der  Umlaufsmittel,  1912,  S.  III
(Vorwort).
        <pb n="7" />
        §  1.  Einleitung:  Alte  und  neue  Geldlehre.  3
wegs  Mathematik,  und  der  Stoff  unserer  Disziplin  ein  geschichtlich ­
  mannigfaltigerer.  Aber  ähnlich  wie  jenem  Mathematiker ­
  ist  dem  Nationalökonomen  zu  Mute,  wenn  jede
Woche  eine  neue  Broschüre  mit  der  freudigen  Mitteilung  erscheint, ­
  daß  ein  Mann  der  Praxis  den  Stein  der  Weisen,  »das
Wesen  des  Geldes«,  entdeckt  hat.  Der  Glaube  des  Publikums
an  die  Originalität  solcher  Geldlehre  pflegt  dann  freilich
weniger  in  der  schöpferischen  Phantasie  des  Autors  als  in
der  Naivität  der  Leser  und  des  Schreibers  verankert  zu  liegen.
Groß  aber  ist  der  Verdruß  der  wenigen,  die  ernst  und  gewissenhaft ­
  wenigstens  die  bekanntere,  als  »wissenschaftlich«
bezeichnete,  Literatur  studieren  und  zu  ihrer  Betrübnis  finden
müssen,  wie  oft  dasselbe  und  immer  wieder  dasselbe  vorgetragen ­
  wird,  während  der  jedesmalige  Autor  etwas  ganz
Neues  zu  sagen  behauptet.  Vielleicht  ist  dieser  Verdruß
schuld  daran,  wenn  man  jetzt  vielfach  den  radikalsten  Weg
gewählt  hat,  sich  mit  der  Unübersehbarkeit  der  Literatur  abzufinden ­
  :  Man  liest  gar  nichts  mehr,  um  höchstens  noch  zu
schreiben,  ein  circulus  vitiosus,  den  als  bestehend  zu  behaupten
kaum  eine  Übertreibung  ist.  Liegt  die  Ursache  dieser  letzteren ­
  mehr  betrübenden  als  belustigenden  Erscheinung  ferner
zu  einem  anderen  Teile  in  Mangel  an  Fachbildung,  Mangel
an  Geduld  und  der  Unfähigkeit  des  Laien,  schwierige  wissenschaftliche ­
  Werke  mit  Verständnis  zu  lesen,  so  treibt  nun
jener  eigentümliche  und  unwiderstehliche  Reiz,  den  die  Probleme ­
  des  Geldes  auf  menschliches  Denken  ausüben,  immer
wieder  zum  Schreiben.  Und  solange  es  Menschen  geben  wird,
und  solange  Bücher  gedruckt  werden,  müssen  auch  jährlich
zahlreiche  Schriften  erscheinen,  in  denen  uns  uralte  Gedanken
das  Wesen  des  Geldes  »neu«  enthüllen.  Dem  Fachmanne  aber
wird  man  es  verzeihen  müssen,  wenn  er  dabei,  wie  wir  eingangs ­
  feststellten,  zuweilen  die  Geduld  verliert.
Dennoch  bliebe  es  eine  Übertreibung,  wollte  man  die  Gelcl-1
  *
        <pb n="8" />
        4

Erstes  Kapitel.  Methodologie.

theorie  als  zu  völliger  Unfruchtbarkeit  verdammt  hinstellen.
Die  Kategorien,  in  denen  wir  Menschen  uns  »das  Geld«  vorstellen, ­
  sind  denn  doch  nicht  so  absolut  gleichartige.  Die
Probleme  sind  auch,  ihrer  Natur  nach,  keine  mathematischen.
Gerade  hierin  liegt  einer  ihrer  Reize,  und  hierin  für  den
Schriftsteller  die  Möglichkeit,  auch  noch  heute,  bei  aller  Ehrfurcht ­
  vor  den  Leistungen  der  Vergangenheit,  einen  eigenen
Beitrag  zur  Lehre  vom  Gelde  zu  liefern.  Wenn  auch  wir  diesen
Anspruch  erheben,  so  sind  wir  uns  bewußt,  daß  es  nur  wenige
Gesichtspunkte  sind,  auf  die  wir  in  dieser  Abhandlung  aufmerksam ­
  machen  möchten.  Es  handelt  sich  zunächst  um  das
»Problem  des  Endes«,  das  in  der  uns  bekannten  Literatur
nicht  behandelt  worden  ist.  Gewiß  bildet  der  Inhalt  unserer
Erörterung  darüber  allein  noch  keine  vollständige  Theorie
des  Geldes,  wohl  aber  sollte  eine  derartige  Erörterung
unseres  Erachtens  jeder  Geldlehre  als  logische  Grundlage
dienen.
Wie  jede  Geldtheorie  bedarf  dann  die  unsere  auch  alter,
bereits  bekannter  Elemente.  Die  Sache  liegt  hier  folgendermaßen: ­
  Die  Frage  nach  dem  Wesen  des  Geldes  hat  zu  drei
Gruppen  von  Theorien  geführt.
Da  sind  erstens  die  Vertreter  einer  Auffassung,  die  man
heute  allgemein  mit  dem  Namen  »Knapp«  in  Verbindung
bringt,  (obwohl  dieser  Standpunkt  z.  B.  schon  100  Jahre
früher  und  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  öfter  ebenso  deutlich ­
  wie  dann  von  Knapp  vertreten  worden  ist).  Man  nennt
diese  Autoren  mit  Knapp  »Nominalisten«.  Es  gibt  dann
zweitens  Vertreter  einer  anderen  Geldauffassung,  die
»Metallisten«.
Wir  glauben  nun  zeigen  zu  können,  daß  ein  dritter  Standpunkt ­
  existiert,  der  zwischen  jenen  beiden  Richtungen  die
Mitte  hält  und,  die  wahren  Erkenntnisse  beider  in  sich  vereinigend, ­
  über  sie  hinausdeutet.  Dieser  dritten  Auffassung
        <pb n="9" />
        §  1.  Einleitung:  Alte  und  neue  Qeldlehre.  5
könnte  man  bereits  die  Lehren  des  Romantikers  Adam  Müller
und  heute  Adolph  Wagners  und  Karl  Helfferichs  zurechnen.
Keiner  dieser  Autoren  aber  hat  unseres  Wissens  versucht,
die  Lehre  vom  Wesen  des  Geldes  mit  solcher  Ausführlichkeit,
solcher  Gründlichkeit  und  gedanklichen  Konsequenz  durchzuführen, ­
  daß  das  Bild  dieser  dritten  Grundauffassung  hell
und  deutlich  hervortritt.  Dies  lag  wohl  auch  gar  nicht  im
Plane  der  beiden  zuletztgenannten  Autoren,  die  in  ihren  bedeutsamen ­
  und  an  Material  reichen  Werken  über  das  Geld
zahlreiche  andere  und  wichtige  Aufgaben  sich  gestellt  und
in  vorbildlicher  Weise  der  Lösung  näher  geführt  haben.
Unsere  Erörterungen  in  Kapitel  3  und  4  stellen  nun  einen
ersten  Versuch  dar,  dem  dritten  Standpunkte  eine  wissenschaftliche ­
  Begründung  zu  geben.
Vielleicht  dürfen  wir  hier  noch  auf  eine  Gepflogenheit  aufmerksam ­
  machen,  die  jeder  Verständigung  auch  in  wissenschaftlichen ­
  Kreisen  bisher  hindernd  im  Wege  gestanden
haben  dürfte,  nicht,  weil  wir  uns  als  Richter  aufspielen
möchten,  sondern  um  jener  Verständigung  mit  die  Wege
ebnen  zu  helfen.  Die  oben  erwähnte  verbreitete  Unterschätzung ­
  früherer  und  fremder  Leistungen  äußert  sich  besonders ­
  gern  dahin,  daß  gegnerische  Anschauungen  als
moralisch  minderwertig,  als  wissenschaftlich  nicht  gleichberechtigt, ­
  als  naiv,  primitiv,  oberflächlich  und  als  »Aberglauben« ­
  bezeichnet  werden.  Wer  als  Studierender  die  Fachliteratur ­
  noch  wenig  kennt,  dem  imponiert  leicht  solche  Energie ­
  des  Ausdrucks:  Er  läßt  sich  um  so  eher  beeinflussen,
als  er,  z.  B.  beim  statischen  Geldproblem,  nicht  die  Fähigkeit ­
  haben  kann,  die  beiden  anscheinend  einander  entgegengesetzten ­
  Anschauungen  deutlich  vorzustellen  und  beide
Hypothesen  vorurteilslos  und  konsequent  zu  Ende  zu  denken.
Mag  auch  die  mit  großer  Selbstverständlichkeit  als  richtig
hingestellte  Anschauung  ihm  etwas  geheimnisvoll  erscheinen,
        <pb n="10" />
        6

Erstes  Kapitel.  Methodologie.

er  wagt  es  nicht,  sich  oder  andern  einen  Zweifel  einzugestehen,
sondern  verläßt  sich  darauf,  daß  die  andere  Auffassung  eben
einem  niedrigeren  Niveau  entspreche.  Dieser  Leser  wird  nur
stutzig,  wenn  er  zufällig  einmal  eine  Schrift  in  die  Hand  bekommt, ­
  die  den  gleichen  Gegenstand  behandelt,  aber  aus  dem
andern  Lager  stammt,  und  in  der  mit  gleicher  Selbstverständlichkeit ­
  gerade  das  als  »Aberglauben«  bezeichnet  wird,
was  der  erste  Autor  als  richtige  Lehre  verkündet  hatte.  So
redet  Otto  Heyn  vom  Aberglauben  derjenigen,  die  da
meinen,  das  Wesen  und  der  Wert  des  Geldes  liege  im  Metall.
Dühring  dagegen  spricht  vom  Aberglauben  derer,  die  da
meinen,  der  Wert  und  das  Wesen  des  Geldes  liege  nicht
im  Metall.  Ein  anderes  Beispiel.  Man  pflegt  das  Geld  in
Metall-  und  Papiergeld  zu  scheiden.  Diese  hergebrachte  und
in  der  Wissenschaft  vielfach  übliche  Einteilung  bezeichnet
L.  von  Mises  als  »dem  geistigen  Horizonte  von  Kassenboten
und  Geldbriefträgern  angemessen« 1 .  Nun  muß  zugegeben
werden,  daß  es  Fälle  gibt,  wo  jene  in  Frage  stehende  höchst
nützliche  Einteilung  nicht  zweckmäßig  wirkt.  Kann  es  aber
zur  Verständigung  dienen,  wenn  Mises,  um  für  seinen  speziellen ­
  Zweck  eine  andere,  übrigens  höchst  angreifbare  Einteilung ­
  durchzuführen,  nun  durch  jene  amüsante  Parabel  alle
Schriftsteller  in  eine  niedrigere  Rangklasse  versetzen  möchte,
die  an  der  älteren  Einteilung  festhalten?  Gewiß,  das  Niveau
derer,  die  über  Geld  schreiben,  ist  ein  außerordentlich  verschieden ­
  hohes,  aber  das  Kriterium  für  diese  Höhe  kann
nimmermehr  in  der  Entscheidung  für  diese  oder  jene  Definition ­
  gesucht  werden.
Es  sei  nun  eine  Bemerkung  über  die  Auswahl  der  hier
zur  Verarbeitung  herangezogenen  Literatur  gestattet.  Wenn
wir  davon  sprachen,  daß  es  mehrere  tausend  Schriften  über
Geld  gibt,  so  liegt  schon  darin  das  Zugeständnis,  daß  auch

1  Theorie  des  Oeldes  und  der  Umlaufsmittel,  1912,  S.  46.
        <pb n="11" />
        Einleitung:  Alte  und  neue  Geldlehre.

wir  nur  einen  Teil,  vor  allem  die  bekanntere  Lil
rücksichtigen  konnten.  Man  wird  uns  dann  entgeh
wir  seien  selbst  nicht  frei  von  dem  oben  an  andeT?
rügten  Fehler.  Indessen  ist  es  zunächst  ein  Unterschied,  ob
man  einen  Teil  der  vorhandenen  Literatur  studiert  hat,  oder
wie  so  viele  andere,  selbst  nicht  einmal  die  bekannteren  Fachschriftsteller ­
  des  19.  und  20.  Jahrhunderts  kennt 1 .  Gewiß
sind  wir  uns  jenes  Mangels  bewußt:  Ein  »korrektes«  Studium
der  gesamten  Literatur  ist  uns  so  wenig  möglich  gewesen
wie  irgendeinem.  Und  das  bleibt  ein  Übel.  Wer  je  ein  noch
so  spezielles  Gebiet  der  Nationalökonomie  bearbeitet  hat,
der  weiß,  in  wie  unberechenbarer  Weise  oft  wertvolles
Material  in  der  Literatur  verstreut  ist:  Wo  zehn  Schriften
über  den  gleichen  Gegenstand  nichts  Neues  enthalten,  da
kann  eine  vergessene  elfte,  die  zeitlich  jenen  vorangegangen,
eine  Fülle  bedeutungsvollen  Stoffes  darbieten.  Immerhin
wird  es  in  Hinsicht  auf  die  Unübersehbarkeit  der  Literatur
und  auf  die  oben  besprochene  Begrenztheit  des  Stoffes  zu
rechtfertigen  sein,  wenn  man,  bei  vollem  Bewußtsein  jenes
Mangels  doch  überhaupt  noch  eine  Erörterung  der  Geldprobleme ­
  versucht.  Kommt  es  doch  auch  auf  die  Art  des
Studiums  an:  Eine  gewisse  Kenntnis  der  Literatur  ist  gewiß
als  Voraussetzung  für  ein  Eindringen  in  die  Materie  unerläßlich, ­
  aber  diese  Literaturkenntnis  kann  nicht  unmittelbar
schon  die  Quelle  theoretischen  Verständnisses  sein.  Es  liegt
in  der  verhältnismäßig  abstrakten  Natur  der  Geldprobleme,
insbesondere  des  »statischen«,  daß  schließlich  Wissen  hier
weniger  bedeutet  als  Nachdenken.

1  Ein  so  gebildeter  Theoretiker  wie  Soda  (Geld  und  Wert,  1909)  zitiert
außer  den  »drei  Leitsternen  der  deutschen  Nationalökonomie  auf  dem  Gebiete ­
  der  Geldlehre«,  als  die  er  Knies,  Simmel  und  Knapp  betrachtet,  nur
wenige  neuere  Autoren.  Gänzlich  unbekannt  scheinen  ihm  Büsch,  Gentz,
Adam  Müller,  Graf  Buquoy,  Hufeland,  Samuel  Oppenheim,  Adolph  Wagner,
Otto  Heyn.
        <pb n="12" />
        8

Erstes  Kapitel.  Methodologie.

Vielleicht  wird  es  dem  Verfasser  gestattet  sein,  sich  kurz
darüber  zu  äußern,  in  welcher  Art  beispielsweise  ein  zweckmäßiges ­
  Studium  der  Geldtheorie  vor  sich  gehen  könnte.
Wer,  ohne  etwas  von  der  früheren  Literatur  zu  kennen,
Knapps  »staatliche  Theorie  des  Geldes«  eingehend  studiert,
der  wird  zwar  allein  davon  niemals  einen  Überblick  über  die
dogmengeschichtliche  Bedeutung  der  einzelnen  Probleme  erhalten, ­
  ihre  theoretische  Struktur  aber  wird  ihm  bei  einem
jahrelangen  Durchdenken  schließlich  so  klar  werden,  daß
selbst  ein  ergänzendes  Studium  vieler  anderer  Werke  diese
Einsicht  kaum  noch  vertiefen  kann.  Von  jenem  einen  einzigen
Punkte  aus  lassen  sich  mindestens  alle  Formen  des  »statischen« ­
  Geldproblems  durchdenken.  Liegt  doch  die  Bedeutung
von  Knapps  Werk  wesentlich  in  der  Konsequenz  seiner  Gedankenführung ­
  wie  in  der  Eigenart  der  Form  begründet.
Diese  Form  aber  ist  trotz  ihrer  Schwierigkeit  diejenige,  die
dem  nationalökonomischen  Denken  eines  Lebenden  vielleicht
am  besten  entspricht,  und  deshalb  erscheint  es  zweckmäßiger,
von  Knapp  auszugehen  als  etwa  von  Adam  Müller,  was
vom  dogmenhistorischen  Standpunkte  aus  korrekter  wäre.
Nicht  als  ob  wir  also  jene  oben  gerügte  Unbekümmertheit
in  Hinsicht  der  älteren  Literatur  nachträglich  wieder  sanktionieren ­
  wollten;  oder  als  ob  wir  es  für  entschuldbar  hielten,
wenn  jemand,  der  über  das  Wesen  des  Geldes  schreiben  will,
weder  die  Grundzüge  seiner  Geschichte  noch  die  Entwicklung
der  Geldtheorien  kennte.  Nicht  als  ob  die  Bedeutung  des
Wissens  überhaupt  unterschätzt  werden  sollte.  Aber  der
Stoff  bleibt  begrenzt.  Und  was  uns  allein  weiterbringen  kann,
ist  doch  wohl  nur  ein  konsequentes  Nachdenken  über  den
gegebenen  historischen  Stoff,  insbesondere  auch  ein  mühsames, ­
  immer  wieder  von  neuem,  aufgenommenes  Sichvorstellenwolien
  der  »metaphysischen«  Natur  des  Geldes,  wie
man  es  nennen  könnte.
        <pb n="13" />
        §  1.  Einleitung:  Alte  und  neue  Geldlehre.

9

Damit  ist  freilich  etwas  angedeutet,  was  manchen  Leser
verstimmen  wird.  Es  mag  zwar  möglich  sein,  aus  einzelnen
Theorien  über  das  Geld  —  wenn  man  ihnen  nur  mehr  als  subjektive ­
  Bedeutung  zugesteht  —,  nützliche,  ja  eminent  bedeutsame ­
  Konsequenzen  für  die  Praxis  abzuleiten;  z.  B.  »richtige«
Maximen  für  die  Handhabung  des  Papiergeldes.  Aber  —
die  Bedeutung  dieser  und  anderer  Wissenschaft  steht  und
fällt  nicht  mit  ihrer  Anwendbarkeit  auf  die  Praxis.  Ist  doch
die  Wissenschaft  keineswegs  bloß  dazu  da,  um  Rezepte  für
die  Praxis  zu  geben,  existiert  sie  doch  vornehmlich  um  ihrer
selbst  willen.  Die  Theorie  des  Geldes  aber  will  Wissenschaft
sein,  sie  ist  wie  die  Philosophie  weniger  und  doch  mehr  als
Technik.  Wozu  sie  da  ist,  und  was  sie  nützt,  diese  Frage
ist  so  naiv  wie  gleichgültig.  Wenn  unter  den  Männern  der
Praxis  manche  sind,  die  dies  nie  zu  begreifen  vermögen,  so
können  wir  ihnen  nicht  helfen.
Dabei  ist  es  wieder  keineswegs  methodologische  Klarheit
allein,  was  über  die  Bedeutung  einer  Theorie  entscheidet.
Unter  den  Männern  der  Praxis,  die  in  naivem  Glauben  an  ihre
»Originalität«  und  in  größter  Unbefangenheit  hinsichtlich  des
Wesens  der  Wissenschaft,  oft  nur  zu  agitatorischen  Zwecken,
ihre  Gedanken  über  das  Geld  aussprechen,  sind  einzelne,
denen  wir  zuweilen  eine  Perle  verdanken,  einen  Einfall  von
größerer  heuristischer  Bedeutung,  als  mancher  farblosen  und
gedankenarmen  Studie  eines  Theoretikers  zukommt,  der  auf
die  Korrektheit  seiner  Methode  stolz  ist.  Und  es  liegt  wieder
in  der  Eigenart  der  Geldprobleme,  daß  wohl  kaum  irgendwo
anders  in  so  eminentem  Maße  wie  hier  die  Grenzen  zwischen
Wissenschaft  und  Praxis,  zwischen  theoretisch-analysierender
und  politisierender  Darstellung  fließende  sind  und  fließende
sein  müssen.  Bambergers  Schriften  gegen  den  Bimetallismus ­
  sind  trotz  ihres  politisierenden  Charakters  eine'  Fundgrube ­
  für  die  wissenschaftliche  Behandlung  des  Themas.
        <pb n="14" />
        10

Erstes  Kapitel.  Methodologie.

Denn  sie  gewähren  bei  richtiger  Lektüre  die  Vorzüge  einer
wissenschaftlichen  Darstellung.
Wir  erinnern  ferner  an  die  bekannten  Publikationen  von
Hermann  Schwarzwald  über  die  indische  und  chinesische
Währungsfrage.  Die  Form  dieser  Schriften  ist  nicht  streng
wissenschaftlich,  sondern  ihr  politisierender  Charakter  tritt
stark  hervor.  Dennoch  scheinen  uns  gerade  diese  Aufsätze
der  besonderen  Beachtung  von  seiten  der  Wissenschaft  wert.
Der  politisierende  Charakter  hat  hier  zu  einer  interessanten
Fragestellung  geführt,  und  er  erscheint  nicht  nur  nicht  als
Hindernis  für  die  wissenschaftliche  Brauchbarkeit  der  Gedanken, ­
  sondern  wir  möchten  annehmen,  daß  ohne  ihn  der
Gedankengang  nicht  in  so  eindringlicher  Klarheit  hätte  hervorgehoben ­
  werden  können.  Gerade  das  politische  Interesse
des  Verfassers  dürfte  sich  so  als  heuristisches  Prinzip  für
wissenschaftliche  Gedankenführung  eminent  fruchtbar  erwiesen ­
  haben  —  gewiß  eine  Auffassung,  die  mancher  Nationalökonom ­
  »werturteilsfreier«  Richtung  nicht  gern  gelten
lassen  würde.  Wenn  dagegen  Knapp  es  so  hinstellen  möchte,
als  ob  die  leidenschafts-  und  vorurteilslose  Art  der  Behandlung ­
  der  Geldprobleme  seinem  Werke  einen  besonders  hohen
Grad  von  Wissenschaftlichkeit  verleihe,  so  wird  man  sich
durch  diesen  Anspruch  nicht  abhalten  lassen,  die  staatliche ­
  Theorie«  kritisch  in  die  Reihe  der  übrigen  bedeutenden
Werke  über  »Geld«  einzuordnen.
§  2.
Abgrenzung  der  Aufgaben  dieser  Untersuchung.
Man  möge  es  uns  nicht  gar  zu  sehr  verübeln,  wenn  wir
diese  lange  Einleitung  noch  ein  wenig  fortsetzen  und  jetzt
zur  näheren  Orientierung  und  Beruhigung  des  sachkundigen
Lesers  ein  Bekenntnis  ablegen:  Wir  verstoßen  mit  Bewußtsein ­
  gegen  eine  Tradition,  indem  wir  gewisse  Kapitel  beiseite
        <pb n="15" />
        §  2.  Abgrenzung  der  Aufgaben  dieser  Untersuchung.

11

lassen,  die  den  eisernen  Bestand  einer  jeden  Monographie
über  »Geld«  bilden.
Viele  Schriften  enthalten  eine  endlose  und  im  Grunde  genommen ­
  doch  ziemlich  gleichgültige  Erörterung  darüber,  in
welchem  Verhältnis  die  verschiedenen  Funktionen  des  j
Geldes  (Wertmesser,  Tauschmittel,  Zahlungsmittel)  zu  einander ­
  stehen,  welches  die  primären  und  welches  die  sekundären
  Funktionen  bleiben.  Diese  Frage  glauben  wir  um  so
eher  übergehen  zu  dürfen,  als  sie  unserer  Auffassung  nach
unlösbar  bleibt.  Historisch  aufgefaßt,  ist  sie  von  geringerem
Interesse  als  logisch  und  kann  überdies  wegen  Mangels  an
Material  nicht  mehr  entschieden  werden;  rein  logisch  aber
bleibt  jede  Lösung  allzu  willkürlich  und  anfechtbar.  Das  folgt
ohne  weiteres  aus  unserer  bald  zu  erörternden  Auffassung
des  Geldbegriffs.  Erkennt  man  nämlich  dessen  individuelle
Entstehung,  so  wird  man  einsehen  müssen,  daß  eine  objektive
Norm  für  irgendeine  bestimmte  Auffassung  der  Funktionen
und  ihres  Verhältnisses  zu  einander  gar  nicht  gegeben  ist.
Die  abstrakte,  scholastische  Behandlung  des  Problems,  »ob
ein  Wertmesser  eigenen  Wert  besitzen  müsse«,  ist  auch  unterblieben. ­
  Sollte  jemand  meinen,  ohne  diese  Erörterung  sei
ein  modernes  Buch  über  Geld  nicht  denkbar,  so  bitten  wir
ihn,  dennoch  vorurteilslos  zu  prüfen,  ob  nicht  den  von  uns
behandelten  logischen  Problemen  eine  selbständige  Bedeutung ­
  zukomme.
Viele  Lehrbücher  und  Abhandlungen  enthalten  ferner  Betrachtungen ­
  darüber,  wie  es  in  der  Volkswirtschaft  aussehen
würde,  wenn  es  kein  Geld  gäbe.  Die  Not  des  Schusters,
der  in  der  geldlosen  Wirtschaft  für  seine  Schuhe  kein  Brot
bekommen  könnte,  und  die  des  Bäckers,  der  für  sein  Brot
keine  Schuhe  bekäme,  sind  zuweilen  so  überzeugend  geschildert ­
  worden,  daß  wir  uns  begnügen  dürfen,  auf  die  bereits ­
  vorhandenen  Darstellungen  dieses  Gegenstandes  hin ­
        <pb n="16" />
        12

Erstes  Kapitel.  Methodologie.

zuweisen,  ganz  abgesehen  davon,  daß  deratige  Abstraktionen ­
  für  eine  soziologische  Auffassung  des  Geldes  von  geringer ­
  Bedeutung  sind.
Das  bereits  etwas  berüchtigte  Kapitel  über  die  Eigenschaften ­
  der  Edelmetalle  halten  wir  im  Gegensatz  zu  manchen
lebenden  Nationalökonomen  durchaus  nicht  für  irrelevant;
indessen  ist  es  von  den  Schriftstellern  zu  Anfang  des  19.  Jahrhunderts ­
  bereits  in  solcher  Ausführlichkeit  und  mit  solchem
Geschick  behandelt  worden,  daß  den  späteren  nichts  anderes
übrig  blieb,  als  diese  Ausführungen  immer  und  immer  zu
wiederholen.  Soweit  der  Sinn  dieses  Kapitels  für  die  Geldauffassung ­
  von  Bedeutung  bleibt,  hoffen  wir  es  nicht  vernachlässigt ­
  zu  haben  (vgl.  K.  IV.  §  3).  Aus  den  gleichen
Gründen  fehlen  hier  die  Aufzählungen  historischer  Geldarten ­
  (Muscheln,  Vieh,  Kakaobohnen  usw.)  und  die  Betrachtungen ­
  darüber  (vgl.  K.  II  §  4).  Eine  Geschichte  oder
ein  System  der  Währungen  zu  liefern  war  ebensowenig
unsere  Aufgabe.  —  —
Nach  zwei  Seiten  hin  aber  schien  noch  eine  besondere
Abgrenzung  des  Problems  nötig:  Einmal  zur  Beruhigung  der
Juristen  und  dann  zur  näheren  Orientierung  der  Nationalökonomen. ­
  Es  sei  gleich  gesagt:  Wir  wollen  keine  spezifisch
juristische  Geldtheorie  aufbauen.  Nicht  als  ob  damit  die  eminente ­
  Bedeutung  juristischer  Gesichtspunkte  für  die  Geldlehre ­
  geleugnet  werden  sollte.  Ist  doch  z.  B.  die  Eigenschaft
des  gesetzlichen  Zahlungsmittels  von  manchen  Autoren  mit
Unrecht  zu  wenig  beachtet  worden.  Aber  so  wenig  für  den
Nationalökonomen  die  juristische  Betrachtung  des  menschlichen ­
  Lebens  das  Hauptproblem  bilden  kann,  so  wenig  wird
dies  in  unserer  Geldtheorie  der  Fall  sein.  Damit  soll  nicht
geleugnet  werden,  daß  auch  eine  spezifisch  juristische  Theorie
starke  Berechtigung  haben  könnte.  Übrigens  gibt  es  auch  Juristen, ­
  die  in  eminentem  Maße  »nationalökonomisch«  denken
        <pb n="17" />
        §  2.  Abgrenzung  der  Aufgaben  dieser  Untersuchung.  13

können.  Aber  man  wird  uns  mindestens  zugestehen  müssen,
daß  auch  wir  Nationalökonomen  Geldtheorie  betreiben
dürfen.
Und  hier  muß  eine  weitere  Abgrenzung  vorgenommen
werden.  Man  pflegt  zwei  nationalökonomische  Probleme  zu
scheiden:  die  Frage,  worauf  Wert  oder  Geltung  des  Geldes
beruhe  und  die  weitere,  nach  welchen  Gesetzen  der  Wert
des  Geldes  sich  ändere.  Man  spricht  von  Statik  und  Dynamik, ­
  von  qualitativem  und  quantitativem  Geldproblem 1 .
Wir  wollen  uns  im  wesentlichen  auf  das  statische  Problem
beschränken.  Im  wesentlichen  —  denn  eine  strenge  Trennung
ist  unmöglich.  Eine  fruchtbare  Behandlung  des  dynamischen
Problems  aber  wäre  vielleicht  die  schwierigste  Aufgabe,  die
sich  ein  Nationalökonom  stellen  könnte  und  setzte  als
Grundlage  schon  eine  befriedigende  Lösung  des  statischen
Problems  voraus,  dann  aber  eine  Kenntnis  aller  Phänomene
des  Wirtschaftslebens,  eine  Beherrschung  der  Theorie  und
Praxis  der  Volkswirtschaft,  die  niemandem  möglich  ist.  Der
Geldmarkt,  die  Banken,  das  Kreditwesen  überhaupt,  die
Preisbildung,  die  Einkommensbildung,  die  Konsumtion,  die
Konjunkturen  müßten  von  einem  Geiste  mit  gleicher  Gründlichkeit ­
  in  Spezialstudien  erfaßt  werden,  eine  Arbeit,  zu
deren  wesentlicher  Förderung  ein  Menschenleben  nicht  ausreicht. ­
  Es  gibt  freilich  Schriftsteller,  die  die  Sache  für  leichter
halten,  ja  unter  den  Verfassern  der  uns  bekannten  selbständigen ­
  Werke  und  Abhandlungen  über  Geldwesen  sind
nicht  viele,  die  sich  die  Beschränkung  auferlegen,  das  dynamische ­
  Problem  nicht  zu  behandeln.  Worin  dessen  besondere
Schwierigkeiten  liegen,  das  ist  unter  anderem  in  dem  Artikel
»Geld«  von  Menger  im  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften ­
  angedeutet  worden.  Wir  möchten  hier  nur  betonen,

1  S.  P.  Altmann,  Zur  deutschen  Geldlehre  des  19.  Jahrhunderts,  Festgabe ­
  f.  Schmoller  1908,  1.
        <pb n="18" />
        14

Erstes  Kapitel.  Methodologie.

daß  wir  in  unserer  absichtlichen  Beschränkung  auf  die  Behandlung ­
  des  statischen  Problems  weder  die  Existenz  noch
die  Bedeutung  des  dynamischen  in  Frage  stellen  wollen.  Nur
daß  gedanklich  eine  gewisse  Unterscheidung  beider  Probleme ­
  möglich  sei,  die  im  Leben  nicht  trennbar  erscheinen,
das  hoffen  wir  mit  unserer  Untersuchung  zeigen  zu  können.
Freilich:  eine  mathematisch  scharfe  Grenze  wird  sich
zwischen  den  Gebieten  der  Statik  und  Dynamik  niemals
ziehen  lassen.  Es  ist  ein  schwerer  Fehler  der  Knapp’schen
Theorie,  daß  sie  die  ah  sich  höchst  berechtigte  und  weise
Beschränkung  auf  das  qualitative  Geldproblem  übertrieben
hat.  Das  prinzipielle  Abstrahieren  von  der  Betrachtung  des
Verhältnisses  zwischen  Geld  und  Warenpreisen,  die  nahezu
völlige  Verbannung  dieses  Themas  aus  der  Diskussion  hat
dieser  Lehre  eine  gewisse  paradoxe,  geheimnisvolle  und  deshalb ­
  vielfach  bestechend  wirkende  Eigenart  gegeben,  die
aber  doch  einem  konsequenten  Durchdenken  nicht  standhält.
Die  Mauer,  die  Knapp  so  errichtet  hat,  ist  doch  auch  eine
Mauer  gegenüber  dem  Vordringen  der  Erkenntnis  geworden.
Konsequentes  Nachdenken  über  das  Wesen  des  Geldes  muß
schließlich  zu  den  Gedankengängen  der  Dynamik  führen.  Das
Moment  der  Quantität  kann  bei  einer  Diskussion  über  die
Natur  des  Geldes  nicht  entbehrt  werden,  wenn  sie  nicht  zu
öder,  unfruchtbarer  Dogmatik  erstarren  will.  Mit  der  Frage,
was  der  Staat  als  Zahlungsmittel  verwendet  und  anerkennt,
ist  für  uns  das  statische  Problem  noch  nicht  gelöst;  von
eminenter  Bedeutung  ist  die  weitere  Frage,  ob  und  wieweit
der  wirtschaftliche  Wert  dieser  Zahlungsmittel  gegenüber
den  Warenpreisen  im  Inlande  und  gegenüber  fremdem  Gelde
sich  gleichbleibt:  Und  wenn  es  uns  hier  nicht  darauf  ankommt, ­
  nach  welchen  Gesetzen  etwa  im  einzelnen  Änderungen ­
  des  Geldwertes  sich  vollziehen  —  dieses  ist  eben  das
Problem  der  »Dynamik«  —  das  eine  verlangen  auch  wir  zu
        <pb n="19" />
        §  3.  Das  statische  Geldproblem.

15

wissen:  Wie  weit  ist  die  Möglichkeit  einer  Wertkonstanz  oder
einer  Wertänderung  (insbesondere  einer  Wertverminderung)
bei  einem  Geldsystem  von  vornherein  gegeben?
§  3.
Das  statische  Geldproblem.
Es  trägt  nicht  zur  Vereinfachung  der  Sache  bei,  dennoch  wird
es  sich  kaum  je  vermeiden  lassen,  daß  das  »statische«  Grundproblem, ­
  die  Frage  nach  dem  Wesen  des  Geldes,  in  zahlreichen ­
  verschiedenen  Formeln  auftritt,  die  zwar  im  Grunde
genommen  alle  miteinander  verwandt  sind,  aber  dennoch
etwas  verschiedene  Ausgangspunkte  im  Denken  haben.  Ist
das  Geld  physei  oder  nomo,  verdankt  es  seine  Entstehung
natürlichen  Schwerkräften  oder  menschlicher  Übereinkunft? ­
  Dem  wirtschaftlichen  Wert  oder  der  staatlichen
Proklamation?  Ist  das  Metall  wichtiger  oder  der  Stempel?
Bleibt  das  Geld  im  wesentlichen  an  die  Faune  der  Natur  gebunden ­
  oder  kann  es  von  Menschen  erschaffen  werden?  Soll
die  Geldauffassung  sich  an  das  Körperliche,  sinnlich  Wahrnehmbare ­
  halten  oder  an  etwas  Gedachtes,  Geistiges?  Hat
der  Nationalökonom  oder  der  Jurist  in  der  Geldlehre  das  entscheidende ­
  Wort  zu  sprechen?  Wird  die  Seele  des  Geldes
in  der  Substanz  zu  suchen  sein  oder  in  der  Funktion  als
Zahlungsmittel,  in  der  Zahlkraft,  in  der  Kaufkraft?  Soll  man
das  Geld  in  der  Kategorie  der  Kausalität  vorstellen  oder
teleologisch?  Fiegt  in  der  Vergangenheit  oder  in  der  Zukunft
der  Schlüssel  für  das  Verständnis  seiner  Geltung?  Was  ist
das  Richtige,  Kosten-  oder  Nutzenlehre?  Muß  man  dem
Gelde  eigenen  Wert  zuerkennen  oder  es  als  bloßes  Zeichen
ansehen,  als  Symbol,  als  Marke,  als  Anweisung  auf  wirtschaftliche ­
  Werte?  Ist  es  Selbstzweck  oder  bloßes  Mittel?  Soll
das  Geld  im  Kreislauf  des  wirtschaftlichen  Lebens  als  Ware
gelten  oder  als  Gegensatz  zu  allen  Waren?  —
        <pb n="20" />
        16

Erstes  Kapitel.  Methodologie.

Betrachten  wir  nun  das  Verhältnis  aller  dieser  Formeln,
dieser  Problemstellungen  zueinander.  Da  haben  wir  zunächst
überall  auf  einer  Seite  die  Auffassung,  nach  der  das  Wesen
des  Geldes  in  einem  Stoff  zu  suchen  ist,  im  Metall.  Namentlich
der  naive  Mensch  gelangt  leicht  zu  der  Vorstellung,  daß  das
Metall  allein  dem  Gelde  seinen  Wert  verleihe,  und  er  zieht
bewußt  oder  unbewußt  alle  Konsequenzen  hieraus,  auf  die  wir
nicht  eingehen  wollen.  Das  Geld  ist  ihm  mehr  als  ein  bloßes
Zeichen,  als  eine  Marke,  es  besitzt  einen  Wert,  eben  den  wirtschaftlichen ­
  Wert  dieses  Metalls.  Fragen  wir  aber  weiter:
Wodurch  kann  dieser  Wert  entstehen?  Für  den  Nationalökonomen ­
  nur  aus  »Nützlichkeit«  und  »Seltenheit«.  Als  Nützlich-Jceit
  könnte  hier  zunächst  die  Eignung  der  Edelmetalle  zum
Schmuck  und  zur  industriellen  Verwendung  gedacht  werden,
als  Seltenheit  die  Spärlichkeit  des  natürlichen  Vorkommens
von  Gold  und  Silber,  die  Größe  ihrer  Produktionskosten,
die  Schwierigkeit  ihrer  Erlangung.
Die  moderne  Auffassung  des  wirtschaftlichen  Wertes  erlaubt ­
  es  auf  keinen  Fall,  einseitig  eine  Kostentheorie  anzuwenden, ­
  sie  fordert  kategorisch  auch  die  Betonung  des  Faktors ­
  »Nützlichkeit«.  Es  ist  ohne  Interesse,  hier  zu  untersuchen, ­
  welche  Resultate  die  einseitige  Anwendung  einer
»Kostentheorie«,  wie  sie  früher  verwandt  worden  ist,  für
die  Geldlehre  zeitigen  mußte,  doch  ist  unschwer  einzusehen,
daß  der  »Metallismus«  oder  sagen  wir  »Materialismus«  um
so  ausgeprägter  gewesen  sein  muß,  je  konsequenter  solches
geschah.  Wenn  dagegen  heute  für  das  Moment  der  »Nützlichkeit« ­
  unbedingt  Berücksichtigung  gefordert  wird,  so  bewahrt
schon  das  vor  einer  einseitig-metallistischen  Geldauffassung.
Im  Gold  oder  Silber  an  sich  schlechthin  kann  der  Wert  des
Geldes  nicht  gesucht  werden,  denn  schlechthin  ist  kein  Ding
wertvoll.  Denn  Wert  ist  für  uns  nichts  anderes  als  eine  Beziehung ­
  von  Menschen  zu  Dingen,  nicht  aber  eine  Eigenschaft
        <pb n="21" />
        §  3.  Das  statische  Geldproblem.

17

der  Dinge.  Auch  der  Metallist  wird  also  heute  nur  gemäßigter ­
  Metallist  sein  dürfen,  wenn  er  nicht  mit  den  fundamentalen ­
  Erkenntnissen  unserer  Wissenschaft  sich  in  Widerspruch ­
  setzen  will.  Erst  die  Nützlichkeit  also  verleiht  dem
Metalle  Wert.  Nun  liegt  aber  diese  Nützlichkeit  keineswegs
bloß  in  der  erwähnten  Eignung  zu  Schmuck  und  industrieller
Verwendung.  Sondern  sie  liegt  zu  einem  Teile  darin,  daß
Gold  und  Silber  heute  und  lange  schon  als  Geldstoff  dienen.
Es  kann  darüber  gestritten  werden,  in  welchem  Verhältnisse
heute  und  einst  diese  beiden  verschiedenen  Verwendungsarten ­
  zueinander  stehen  und  standen.  Aber  es  gehört  nicht
viel  dazu,  um  einzusehen:  Die  Verwendung  als  Geld  ist  heute
ihrerseits  ein  Faktor  der  Nachfrage  nach  Edelmetall,  und
wenn  z.  B.  diese  Verwendung  und  damit  diese  Nachfrage
aufhörte,  würden  die  Preise  der  Edelmetalle  stark  sinken.
Oder  noch  deutlicher,  der  Wert  der  Edelmetalle  entsteht  zu
einem  Teile  erst  durch  die  Möglichkeit  ihrer  Verwendung
als  Geldstoff.  Mögen  ursprünglich  vielleicht  Gold  und  Silber
wegen  ihrer  Schönheit,  ihres  Glanzes  und  ihrer  Unzerstörbarkeit ­
  schlechthin  als  beliebtes  Tauschmittel  sich  eingebürgert
haben:  es  ist  kein  Zweifel,  daß  heute  die  Geldfunktion  zu
einem  großen  Teile  erst  dem  Metalle  seinen  Wert  verleiht.
Und  damit  überblicken  wir  die  Begründung  für  die  ganze
Reihe  von  Theorien,  die  der  Stoffwertlehre  als  Gegensätze
gegenübergestellt  zu  werden  pflegen.
Wir  haben  so  gezeigt,  wie  man,  von  der  Stoffwerteigenschaft ­
  des  Geldes  ausgehend,  bei  konsequenter  Anwendung
der  Ergebnisse  der  neueren  Werttheorie  von  selbst  zu  der
Funktionslehre  gelangt,  mindestens  ihr  eine  starke  relative
Berechtigung  zugestehen  muß.  Und  von  diesem  Punkte
gesehen  werden  nun  auch  die  einseitigen  Zuspitzungen
dieser  Funktionswertlehre,  wenn  auch  nicht  selbstverständlich, ­
  so  doch  verzeihlicher  erscheinen:  daß  erst  die  Münze
Moll,  Logik  des  Geldes.  2
        <pb n="22" />
        18  Erstes  Kapitel.  Methodologie.
dem  Edelmetalle  Wert  verleihe,  daß  der  Stempel  wichtiger
als  das  Metall,  daß  das  Geld  eine  bloße  Marke,  daß  nur  die
juristische  Eigenschaft  des  Geldes  Bedeutung  habe,  der  staatliche ­
  Befehl  schlechthin  Geld  schaffen  könne.  Zu  dieser  Auffassung ­
  gelangt  man  noch  auf  einem  anderen  Wege:  Untersucht ­
  man  nämlich,  worin  denn  eigentlich  der  Gebrauch  des
Geldes  besteht,  so  wird  man  zu  dem  bekannten  Satze  gelangen, ­
  daß  das  Geld  stets  nur  als  Mittel  zum  Zweck,  nicht
als  Selbstzweck  dient,  während  die  Waren  —  keineswegs
immer,  aber  häufig,  —  zu  unmittelbarer  Konsumtion  bestimmt ­
  sind.  In  diesem  Sinne  erscheint  das  Geld  nur  als
Mittel,  Waren  zu  erlangen,  als  Anweisung  auf  Waren  und
Dienste,  als  bloßes  Zeichen,  das  man  selbst  nicht  konsumieren ­
  kann.  Und  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  erscheint
Metall-  und  Papiergeld,  vollwertiges  und  unterwertiges
Geld  wesensgleich.  Gegen  die  Behauptung,  daß  diese  Geldarten ­
  auch  sonst  wesensgleich  seien,  wird  der  kritische  Nationalökonom ­
  von  vornherein  ein  gewisses  Mißtrauen  haben.
Wir  werden  zu  zeigen  versuchen,  wie  diese  Skepsis  zu  einer
nochmaligen  Prüfung  beider  Lehren  und  zu  einer  dritten
Auffassung  führt,  die  beide  Gegensätze  zu  versöhnen  sucht.
Man  kann  dies  auch  so  ausdrücken.  Schon  die  altbekannten
und  berühmten  Problemstellungen  »physei  oder  nomo«,  Substanzwert ­
  oder  Funktionswert  sind  nicht  glücklich  gewählt.
Nicht  aut-aut,  sondern  et-et  sollte  es  heißen,  nämlich  Substanz
und  Funktion,  Stoffwert  und  Proklamation,  Kosten  und
Nutzen  müssen  zusammengehalten  werden,  um  die  Phänomene ­
  des  Geldes  zu  erklären.  Und  bei  aller  Zurückhaltung
hinsichtlich  summarischer  Kritik  früherer  Leistungen  darf
doch  gesagt  werden:  Die  Diskussion  über  unser  Problem
würde  weit  fruchtbarer  sein,  wenn  man  nicht  meistens  davon
ausginge,  daß  es  sich  um  schroffe  Gegensätze  handelte.
        <pb n="23" />
        §  4.  Definitionen,  Begriffe  und  Theorien.

19

§  4.
Definitionen,  Begriffe  und  Theorien:  Relativität  der  Bedeutung ­
  einer  Gelddefinition.  Individuelle  Differenz  der
Entstehung  von  Geldbegriffen.  Verhältnis  von  Geldbegriff
und  Geldtheorie.  Eigene  Definition  für  den  Zweck  dieser
Untersuchung.  Relativistische  Auffassung  von  der  Geltung
einer  Geldtheorie.
Was  ist  Geld?  Vergebens  sucht  man  in  den  Lehrbüchern
der  Nationalökonomie,  in  den  Schriften  über  Geld,  in  den
Münz-  und  Bankgesetzen  der  Staaten  nach  einer  Definition,
deren  objektive  Geltung  einleuchtete,  für  die  eine  Norm  in
den  Dingen  zu  liegen  schiene.  Vergebens  sucht  man  sich  zu
überzeugen,  daß  dieser  oder  jener  Schriftsteller  »recht«  habe,
wenn  er  den  Geldbegriff  so  oder  so  einschränkt.  Wer  Muscheln ­
  und  Vieh  als  Tausch-  oder  Zahlungsmittel  primitiver
Völker  zum  Gelde  rechnet,  hat  der  recht?  Oder  wer  nur  das
vom  Staate  auf  Gewicht  und  Feingehalt  beglaubigte  Stück
Metall  Geld  nennt?  Kann  auch  ungeprägtes  Metall  Geld
heißen?  Ist  die  richtige  Definition  die,  welche  der  Banknote
die  Geldqualität  zuspricht,  oder  vielleicht  nur  der  uneinlöslichen ­
  Banknote  mit  Zwangskurs?  Soll  das  Geld  überhaupt
gleichbedeutend  sein  mit  einem  Zahlungsmittel,  das  gewissen ­
  Bedingungen  genügt?  Oder  mit  gesetzlichem  Zahlungsmittel? ­
  Oder  aber  ist  Geld  —  ungeachtet  der  Zahlungsmitteleigenschaft ­
  —  »dasjenige,  in  dem  der  Preis  vereinbart ­
  wird?«  (Richard  Hildebrand.)  Soll  man  dasjenige
»Geld«  nennen,  was  »objektiv«,  »numerisch«,  reine  Zahl  ,
»das  rein  vertretbare  Ding«  ist  (Soda)?  Was  nur  das  Quantitative ­
  der  Dinge  darstellt,  das  Gelten  der  Dinge  ohne  die
Dinge  selbst  (Simmel)?  Was  Tauschwert  hat  ohne  Konsumtionswert ­
  und  nie  um  seiner  selbst  willen  begehrt  wird,  sondern ­
  nur  als  Vermittler?  Und  so  ließen  sich  weitere  Unter ­
        <pb n="24" />
        20  Erstes  Kapitel.  Methodologie.

schiede  der  Definitionen  aufzählen.  Welcher  Autor  aber  hat
hier  recht?  Ein  moderner  Nationalökonom  wird  wahrscheinlich ­
  antworten:  »ln  gewissem  Sinne  keiner  und  in  gewissem
Sinne  jeder.  Keiner,  soweit  er  den  Anspruch  macht,  die  richtige ­
  Definition  zu  liefern.  Jeder,  indem  er  eine  Definition
liefert.  Hat  doch  scheinbar  jede  Definition  ihre  relative  Berechtigung.« ­

»Ist  dem  aber  auch  wirklich  so?«  werden  andere  einwenden. ­
  »Führt  nicht  dieses  moderne  Prinzip  zu  völliger
Unfruchtbarkeit,  wenn  es  ohne  Einschränkung  angewandt
wird  ?  Ein  Prüfstein  für  die  Berechtigung  einer  Definition
muß  doch  existieren,  wenn  nicht  alles  farblos  und  bedeutungslos ­
  werden  soll?  An  der  Anwendung,  den  Früchten
wird  man  erkennen,  ob  eine  Definition,  praktisch  genommen,
wirklich  Berechtigung  hat.  Es  ist  die  Frage,  ob  wir  mit  ihr
weiterkommen  in  der  Erkenntnis  der  wirtschaftlichen  Phänomene. ­
  Wer  in  die  Definition  des  Oeldes  etwas  hineinkonstruiert ­
  hat,  was  durch  die  Tatsachen  des  wirtschaftlichen
Lebens  nicht  gegeben  zu  sein  scheint,  oder  w r er  das  Unwesentlichste ­
  zum  Charakteristischen  erheben  will,  dem  werden  wir
jene  Berechtigung  absprechen.  Das  Urteil  über  die  »Wesentlichkeit« ­
  ist  zwar  auch  ein  subjektives  Werturteil,  indessen
hat  man  in  dem  sogenannten  jüngeren  Methodenstreite  wohl
doch  erkannt,  daß  diese  Subjektivität  keine  grenzenlose  ist.«
Gewiß  —  aber  die  Subjektivität  des  »logischen«  Werturteils ­
  bereitet  genug  Schwierigkeiten.  So  erscheint  beim
Geldproblem  einmal  die  Münze,  z.  B.  das  Dreimarkstück,  als
das  einzig  Konkrete,  Reale,  fest  Umschriebene  und  Unzweideutige. ­
  Dann  aber  taucht  der  Zweifel  auf:  ist  dieses  sichtbare ­
  Stück  Materie  wirklich  das,  was  unser  Interesse  verdient, ­
  ist  es  das  Wesentliche  der  Sache,-oder  nicht  bloß
nebensächliche,  äußere  Erscheinungsform?  Worin  aber  läge
dann  die  unsichtbare  Seele  des  Geldes?  Etwa  doch  in  der
        <pb n="25" />
        §  4.  Definitionen,  Begriffe  und  Theorien.  21

Funktion  des  Ausgetauschtwerdens,  des  Gehens,  Zirkulierens?

Wie  hat  nun  die  Logik  die  Entstehung  des  Geldbegriffs
zu  erklären?  Der  Begriff  des  Geldes  wird  mit  Hilfe  des
Denkens  (der  Vernunft)  erschaffen.  In  bezug  auf  den  Stoff
des  Denkens  aber  ist  ein  gewisser  Spielraum  gegeben.  Unser
Denken  kann  überwiegend  auf  wirtschaftliche  Erscheinungen
oder  auf  die  formalen  Regeln  des  Rechts,  es  kann  überwiegend ­
  auf  das  Materielle  oder  auf  das  Funktionelle  gerichtet
sein.  Wenn  Knapp  im  Eingänge  seines  berühmten  Werkes
verkündet:  »Das  Geld  ist  ein  Geschöpf  der  Rechtsordnung«,
so  ist  das  einseitig  gedacht,  aber  wir  können  uns  das  Geld
so  denken.  Das  Geld  ist  überhaupt  nicht,  sagt  die  Logik,
es  wird  gedacht,  und  es  kann  sehr  verschieden  gedacht  werden. ­
  Klingen  diese  Sätze  nicht  so  selbstverständlich,  daß  sie
eine  Beleidigung  für  den  Verstand  unserer  Leser  scheinen?
Und  doch  muß  man  hinzufügen:  Wenn  man  sie  nur  je  wirklich ­
  beachtet  hätte!  Ließen  sich  sonst  die  Widersprüche  der
verschiedenen  Geldtheorien  erklären,  welche  alle  folgendermaßen ­
  verfahren:  Ein  bestimmter,  notwendig  einseitiger  Begriff ­
  wird  jedesmal  als  der  richtige  angesehen.  Alle  anderen
werden  als  falsch  hingestellt.  So  sagt  man  heute  gern:  »Das
Wesen  des  Geldes  liegt  nicht  im  Stoff,  die  Materie  ist  Nebensache, ­
  unwesentliches  Beiwerk,  äußere  Hülle,  das  Wesen  des
Geldes  liegt  in  der  Funktion.«  Derartige  Urteile  imponieren
dem  Leser  um  so  mehr,  je  apodiktischer  sie  ausgesprochen
werden.  Und  doch  hat  man  nichts  anderes  getan,  als  einen
durchaus  möglichen  und  neben  anderen  relativ  berechtigten
als  den  Begriff  hingestellt.  Wäre  man  ganz  ehrlich  und  sich
der  Art  seines  Denkens  bewußt,  so  würde  man  sagen:  Wir
wollen  den  Begriff  des  Geldes  jetzt  immateriell,  als  Funktion ­
  denken.
Das  Geld  ist  nicht.  Der  Begriff  des  Gelehrten,  der  jahre ­
        <pb n="26" />
        22

Erstes  Kapitel.  Methodologie.

lang  über  das  Wesen  des  Oeldes  nachgesonnen  hat,  unterscheidet ­
  sich  von  dem  des  Kollegen,  der  das  »Geld«  stets
nur  nebenbei  erledigt  hat.  Wer  sich  vorzugsweise  mit  dem
dynamischen  Problem  befaßt  hat,  der  wird  einen  anderen
Begriff  haben  als  der,  für  den  die  statische  Grundfrage  im
Mittelpunkte  des  Interesses  steht.  Ein  Bankbeamter  wird
selten  den  gleichen  Geldbegriff  haben  wie  ein  Theoretiker.
Juristen  denken  sich  das  Geld  anders  als  Nationalökonomen,
und  untereinander  scheinen  die  juristischen  Begriffe  wieder
so  verschieden  zu  sein  wie  die  wirtschaftlichen.  Beim  Kaufmann ­
  bildet  sich  ein  anderer  Begriff  als  beim  Juristen.  Aber
denken  wir  uns  selbst  einmal  zwei  Gelehrte,  die  genau  den
gleichen  Studiengang  durchgemacht  hätten,  die  gleiche  Zahl
von  Jahren  mit  gleicher  Intensität  über  »das  Geld«  nachgedacht ­
  und  genau  die  gleiche  Auswahl  von  Schriften  gelesen
hätten,  —  eine  fast  unmögliche  Voraussetzung  —:  Es  ist
nicht  einmal  wahrscheinlich,  daß  diese  zwei  Individuen  denselben ­
  Geldbegriff  haben  würden,  da  die  ihren  Begriffen  zugrunde ­
  liegenden  Vorstellungen  individuell  differieren  könnten. ­
  Wir  dürfen  annehmen,  daß  es,  theoretisch  gedacht,  unzählige ­
  Geldbegriffe  gibt,  und,  praktisch  genommen,  mehrere.
Keiner  dieser  Begriffe  ist  »der  richtige«.  Der  Streit  um
den  Geldbegriff  ist  daher  keineswegs  ein  Streit  um  Worte,
wie  man  zuweilen  gemeint  hat,  wohl  aber  ein  Streit  um  die
Richtung  des  Denkens  und  die  Eigenart  der  Vorstellungen.
Es  ist  zuweilen  ein  Streit  der  Neigungen  und  Begabungen,
in  welchem  jeder  behauptet,  seine  Neigung  und  Begabung
sei  die  einzig  berechtigte.  Zuweilen  ist  es  ein  Streit  zwischen
Juristen  und  Nationalökonomen,  bei  dem  jeder  meint,  seine
Wissenschaft  habe  recht,  ohne  sich  bewußt  zu  werden,  daß
man  von  ganz  verschiedenen  Voraussetzungen  ausgeht.  Geld
aber  ist  nicht  Materie,  nicht  Funktion;  Geld  ist  weder  cpvaei
noch  vp/xy.  Geld  ist  kein  Produkt  der  Wirtschaft  und  kein
        <pb n="27" />
        §  4.  Definitionen,  Begriffe  und  Theorien.

23

Geschöpf  der  Rechtsordnung;  wohl  aber  kann  es  in  allen
diesen  Formen  gedacht  werden.  Und  hier  liegt  der  Schlüssel
für  die  Möglichkeit  nicht  nur  der  verschiedenen  Grundbegriffe, ­
  sondern  auch  der  verschiedenen  Grundhypothesen
vom  Gelde.
Ein  Geldbegriff  ist  mehr  als  ein  Wort,  er  enthält  bereits
Urteile.  So  umschließt  ein  Geldbegriff,  der  von  der  sichtbaren ­
  Materie  ausgeht,  den  Keim  einer  materiellen,  »metalllistischen«
  Geldtheorie,  während  ein  von  der  Zahlungsmittelfunktion ­
  ausgehender  Begriff  des  Geldes  eine  anders  gefärbte ­
  Theorie  bedingt.  Und  auch  hier  muß  man  toleranter
sein  als  die  modernen,  orthodoxen  Geldtheoretiker.  Auch
jenseits  der  lichten  Sterne  ist  nicht  bloß  dunkle  Nacht.  Wessen ­
  Blick  am  Metalle  haften  bleibt,  wer  engherzig  im  Metalle
allein  wahres  Geld  erkennen  will,  der  wird  zwar  für  manche
neuere  Erscheinung  des  Geldwesens  nicht  leicht  die  Erklärung ­
  finden;  de-nnoch  wird  er  schließlich  imstande  sein,  sich
mit  seiner  einseitigen  Geldauffassung  durch  alle  die  mannigfachen ­
  Phänomene  des  Wirtschaftslebens  einigermaßen  hindurchzufinden. ­
  Und  das  letztere  gilt  auch  von  dem  Bekenner
der  modernen  »nominalistischen«  Geldauffassung.  Wenn  nur
eine  dieser  einseitigen  Anschauungen  unsere  Phantasie  ganz
erfüllt,  so  sind  wir  imstande,  alle  konkreten  Phänomene  in
sie  einzuordnen,  ja,  wir  bemerken  es  kaum,  wenn  unsere  Auffassung ­
  dann  einmal  gezwungen  und  gekünstelt  wird  und
wenn  eine  anders  geartete  Erklärung  einfacher  und  natürlicher ­
  erscheinen  würde.
Diese  Toleranz  wird  vielen  unhaltbar  Vorkommen:  »Entweder ­
  Nominalist  oder  Metallist,  für  Knapp  oder  gegen
ihn«,  so  wird  man  etwas  primitiv  die  Standpunkte  kennzeichnen, ­
  die  man  heute  in  der  Geldtheorie  für  vertretbar  hält.
Man  wird  den  relativistischen  Standpunkt  für  ein  Zeichen
von  Unklarheit,  von  Inkonsequenz,  von  Ängstlichkeit  ansehen.
        <pb n="28" />
        24

Erstes  Kapitel.  Methodologie.

Wir  hoffen,  im  Verlaufe  dieser  Abhandlung  den  Beweis  zu
erbringen,  daß  dieser  Standpunkt  nicht  nur  vertretbar  ist,
sondern  daß  er  gegenüber  jenen  beiden  Extremen  (die  aber,
konsequent  zu  Ende  gedacht,  keine  Extreme  mehr  bleiben)
einen  Fortschritt  der  Erkenntnis  bedeutet.  —
Wenn  wir  im  folgenden,  im  Bewußtsein  der  bloß  relativen
Geltung  jeder  Definition,  selbst  den  Geldbegriff  definieren,
so  geschieht  das  nicht  in  dem  Bestreben,  eine  Handhabe  für
irgendwelchen  praktischen  Gebrauch  zu  liefern,  sondern  lediglich, ­
  weil  diese  Voraussetzung  für  den  weiteren  Gang  einer
theoretischen  Untersuchung  unerläßlich  bleibt.  Wir  würden
anders  definieren,  wenn  es  sich  um  eine  rein  historische
Untersuchung  handelte,  anders,  wenn  juristische  Zwecke  uns
vorschwebten,  anders,  w r enn  eine  einfache  Formel  zum  Gebrauch ­
  des  Studenten  erwünscht  wäre.
Auch  wählen  wir  absichtlich  eine  breite  Ausdrucksweise
und  verzichten,  um  deutlich  zu  sein,  auf  elegante  Abrundung.
Unter  Geld  verstehen  wir  im  folgenden:  »Bewegliche
Objekte,  die  von  einem  Staate  oder  einer  Notenbank
ausgegeben  oder  wenigstens  generell  gezeichnet
oder  gestempelt,  innerhalb  eines  Staatsgebietes  und
zuweilen  darüber  hinaus  als  Vermittler  des  Güterverkehrs ­
  gebraucht  werden.«
Man  wird  leicht  sehen  können,  daß  diese  Definition  nicht
»vom  Himmel  gefallen«,  sondern  »konstruiert«,  d.  h.  absichtlich ­
  so  gewählt  ist,  daß  alle  diejenigen  Phänomene  von  ihr
eingeschlossen  werden,  die  nach  Ansicht  des  Verfassers  in
wichtiger  Beziehung  wesensgleich  sind,  während  andere  Phänomene ­
  ausgeschlossen  werden.  Wir  wenden  damit  nur  ein
Verfahren  bewußt  an,  das  andere  Autoren  unbewußt  handhaben, ­
  in  dem  Wahne,  nach  irgendeiner  objektiven  Norm,
die  es  in  Wirklichkeit  schlechthin  nicht  gibt,  ihre  Definition
ausgerichtet  zu  haben.
        <pb n="29" />
        §  4.  Definitionen,  Begriffe  und  Theorien.

25

Um  auch  für  den  Nichteingeweihten  ganz  deutlich  zu  sein,
seien  zunächst  die  von  unserer  Definition  ausgeschlossenen
Objekte  aufgezählt,  von  denen  einige  anderswo  zuweilen  als
Geld  bezeichnet  werden:  Es  sind  das  ungemünztes  Metall,
Wechsel,  Schecks,  Giroüberweisungen,  Privatpapiergeld,
Briefmarken  und  Kupons,  und  die  berühmten  historischen
»Geldarten«:  Kaurimuscheln,  Vieh,  Pelze,  Felle,  Kakaobohnen, ­
  Elfenbein  und  anderes  mehr.  (Die  letzteren  Zahlungsmittel ­
  können  gewiß  unter,  manchen  Umständen  den  in
unserer  Definition  gekennzeichneten  Objekten  wesensverwandt ­
  sein.  Indessen  sehen  wir  in  ihnen  nur  eine  Vorstufe
des  modernen  Geldes,  dessen  Kenntnis  für  uns  stets  wertvoll ­
  und  niemals  gleichgültig  bleibt,  deren  Einbeziehung  in
unsere  theoretische  Erörterung  über  modernes  Geld  aber
ohne  Schaden  entbehrt  werden  kann.)
Dagegen  gehören  zum  Gelde  nach  unserer  Definition:
Metallmünzen  aller  Art,  auch  Scheidemünzen,  einlösbare  und
uneinlösbare  Banknoten  und  Staatsnoten,  sowie  Gold-  und
Silberzertifikate.  Gegenüber  den  metallistischen  Lehren  ist
unser  Geldbegriff  also  sehr  weitherzig  gefaßt,  sofern  er  jene
papiernen  Scheine  mit  einbezieht.  Knapp  gegenüber  wird
betont,  daß  für  die  Geltung  des  Geldes  nicht  allein  die  staatliche ­
  Grenze  entscheidet;  daß  ferner  die  Chartalität  nicht
unbedingte  Voraussetzung  ist l .
1  Chartalität  bei  Knapp  =  Verfassung,  bei  der  die  Geltung  nicht  aus
dem  Stücke  selbst,  sondern  nur  aus  den  Gesetzen  oder  anderen  Rechtsquellen ­
  ersichtlich  ist.
        <pb n="30" />
        Zweites  Kapitel.
Das  Problem  des  Endes  als  fundamentale  Aufgabe
der  Logik  des  Geldes.
§  1.
Die  Aufgabe.
Das  Problem  des  Endes,,  oder  die  Frage:  »Wie  ist  das
Ende  eines  jeden  Geldsystems  zu  denken?«  ist  in  der  Literatur ­
  unseres  Wissens  noch  nicht  in  extenso  behandelt  worden. ­
  Zwar  finden  wir  Erörterungen,  die  darauf  hinauskommen, ­
  welcher  Abschluß  am  zweckmäßigsten  für  ein  bestimmtes ­
  konkretes  Geldwesen  gefordert  werden  könne,
z.  B.  wo  es  sich  um  die  Abschaffung  einer  entwerteten  Papierwährung ­
  handelt.  Und  hier  stoßen  wir  auch  auf  die  allgemeine ­
  Behandlung  der  praktischen  Frage,  wie  die  Herstellung ­
  der  Valuta  am  besten  und  am  gerechtesten  erfolgen ­
  könne.  Hier  werden  die  Folgen  geschildert,  die  eine
gesetzliche  Devalvation  für  die  einzelnen  Volksklassen  nach
sich  zieht.  Aber  alles  das  sind  Fragen,  auf  die  teils  nur  die
formale  Jurisprudenz,  teils  aber  die  spezielle  wirtschaftliche
Dynamik  Antwort  gesucht  hat.  Sie  sind  durchaus  zu  trennen
von  unserem  elementaren  und  abstrakten  Grundproblem  der
wirtschaftlichen  Logik,  durch  dessen  mehr  oder  weniger  befriedigende ­
  Lösung  ihre  Behandlung  freilich  wesentlich  gefördert ­
  werden  könnte.  Manchmal  finden  wir  dann  einzelne
Sätze  und  kurze  Erörterungen,  die  bereits  als  Antworten  auf
die  Frage  nach  dem  Ende  aufgefaßt  werden  könnten.  Aber
auch  dort  fehlt  die  prinzipielle  Erörterung,  ja  die  prinzipielle
Fragestellung.  So  wenn  der  Papierwährung  allgemein  die
Fähigkeit  aberkannt  oder  zugesprochen  wird,  dauerndes,
zweckmäßiges  Geldsystem  zu  bleiben.  Die  eingehendere  Be-
        <pb n="31" />
        gl.  Die  Aufgabe.  §2.  Das  Geldproblem  und  die  Antinomie  des  Denkens.  27
gründung  unterbleibt  hier  entweder  ganz,  oder  sie  wird  den
empirisch  gewonnenen  Sätzen  der  speziellen  Dynamik  entnommen ­
  oder  aber  endlich  wieder  in  einer  abstrakten  Logik
gesucht,  die  unseren  wirtschaftlichen  Vorstellungen  nicht
gerecht  werden  kann.  Sehr  selten  wird  nur  eine  kurze  Betrachtung ­
  darüber  angestellt,  ob  der  Staat  für  das  von  ihm
ausgegebene  Metall-  oder  Papiergeld  allgemein  aufkommen
müßte.  Und  die  Antwort  wird  auch  hier  höchstens  in  formaljuristischen ­
  Deduktionen,  nicht  aber  in  der  wirtschaftlichen
Logik  gesucht,  die  doch  dem  Gange  der  Gesetzgebung  erst
die  Wege  zu  weisen  berufen  ist.  Niemals  aber  ist  unseres
Wissens  das  Problem  des  Endes  in  den  Mittelpunkt  einer
geldtheoretischen  Betrachtung  gestellt  worden.
§  2.
Das  Geldproblem  und  die  Antinomie  des  Denkens.
Die  Frage  nach  dem  Ende  eines  jeden  Oeldsystems  läßt  sich
mit  einer  Kant’schen  Antinomie  vergleichen  L  »Die  Welt  hat
einen  Anfang  (Grenze,  Ende)  in  der  Zeit«  lautete  die  alte
Thesis,  »die  Welt  ist  in  Ansehung  der  Zeit  unendlich«  die
Antithesis.  »Ein  stoffwertloses  Geld  kann  nicht  ohne  Ende
zirkulieren«  lautet  unsere  These,  und  »ein  stoffwertloses
Geld  muß  ohne  Ende  zirkulieren«  die  Antithese.  »Geld  kann
nicht  ohne  Ende  zirkulieren  —  denn  es  muß  eine  schließliche
Befriedigung,  eine  Einlösung  als  Abschluß  erwarten  lassen«,
—  »Geld  muß  ohne  Ende  zirkulieren,  denn  nur  im  ewigen
Weitergegebenwerden,  in  der  Funktion  liegt  sein  Wesen,
und  der  Begriff  des  Endes  bedeutet  Negation  und  Aufhören
dieses  Wesens.«
1  Vgl.  Moll,  Die  theoretischen  Probleme  des  stoffwertlosen  Geldes  im
nationalen  und  internationalen  Wirtschaftsleben,  Weltwirtschaftliches  Archiv
1914,  S.  99  ff.
        <pb n="32" />
        28  Zweites  Kapitel.  Das  Problem  des  Endes  als  fundamentale  Aufgabe  usw.
In  verschiedener  Hinsicht  scheint  die  Parallele  der  Antinomie ­
  zutreffend.  Mit  dem  gleichen  Zwange  wie  jene  alte
metaphysische  Aufgabe  drängt  sich  das  Geldproblem  in  unsern
  Gedankenkreis.  Auch  beim  Geldproblem  taucht  dem
ehrlichen  Denker  zuweilen  der  Verdacht  auf,  daß  die  Vernunft ­
  mit  sich  selbst  in  Widerspruch  gerate.  Immer  von
neuem  müssen  wir  darüber  nachsinnen,  ob  die  Welt  einen
Anfang  und  ein  Ende  in  Zeit  und  Raum  hat.  Die  Unendlichkeit ­
  läßt  sich  nicht  vorstellen.  Immer  wieder  taucht  die
Frage  auf:  Wenn  die  Welt  einen  Anfang  hat  —  was  war
vorher?  Wenn  sie  ein  Ende  hat  —  was  kommt  nachher?
Und  wie  steht  es  beim  Geldproblem  ?  Da  erklärt  der  Laie
in  der  Diskussion  über  Papiergeld:  »Es  mu  ß  doch  eine  Einlösung ­
  geben,  anders  kann  man  es  sich  nicht  vorstellen,  es
wäre  ja  sinnlos,  wenn  im  Papier  eine  Befriedigung  liegen
sollte.«  Und  doch  —  worin  soll  diese  Einlösung  bestehen?
in  Metallgeld?  Aberbietet  dieses  wirklich  eine  Befriedigung?
Reicht  die  Verwendbarkeit  für  Schmuck  und  Industriezwecke
wirklich  aus,  die  Aussicht  der  endlichen  Befriedigung  in  unseren ­
  Vorstellungen  allgemein  zu  garantieren?  Oder  aber
soll  die  Einlösung  in  Waren  oder  Diensten  bestehen?  Kann
man  das  als  Befriedigung  gelten  lassen?  Sind  nicht  Waren
leicht  verderblich  und  zerstörbar?  Ist  nicht  ihre  Verwendungsmöglichkeit ­
  im  Vergleich  zum  Gelde  eine  sehr  einseitige ­
  und  beschränkte?  Aber  eine  Einlösung  als  Ende
schien  doch  logisch  erforderlich?  Oder  doch  nicht?  Gibt  es
nicht  noch  eine  dritte  Auffassung,  nach  der  das  Geld  ohne
Ende  ist?  Ja,  entspricht  nicht  diese  Unendlichkeit  dem  eigentlichen ­
  Geldbegriff?  Und  wenn  das  logische  Ideal  des  ewigvermittelnden ­
  Geldes  im  Leben  niemals  »rein«  erscheint,,
liegt  dies  nicht  bloß  an  der  Unvollkommenheit  menschlicher
Einrichtungen?....
Wenn  wir  an  ein  Papiergeldsystem  denken,  so  empfinden
        <pb n="33" />
        §  2.  Das  Geldproblem  und  die  Antinomie  des  Denkens.  29
wir  zuweilen  einen  inneren  Zwang,  uns  das  Ende  vorzustellen. ­
  Denn  das  Zirkulieren,  das  bloße  Weitergegebenwerden ­
  kann  nicht  letzter  Zweck  sein,  es  kann  nicht  bis  in  alle
Ewigkeit  fortgehend  gedacht  werden.  Einmal  muß  eine  Einlösung ­
  kommen,  eine  Befriedigung.  Ist  doch  alles  Geld
(sicherlich  aber  Papiergeld)  im  Hinblick  auf  die  Verwendungsart ­
  nur  Anweisung  auf  andere  Sachgüter,  ein  bloßes
Zeichen,  eine  Marke,  nicht  aber  etwas,  was  uns  durch  sich
selbst  befriedigt.  Wir  können  uns  nicht  vorstellen,  daß  der
letzte  Besitzer  des  Geldes  auf  ihm  »sitzen  bleiben«  soll.
Ihm  muß  eine  Einlösung  werden,  das  scheint  als  logisches
Ende  notwendig,  jenseits  aller  juristischen  Betrachtungen.
Und  doch  können  wir  grade  wieder  diese  Vorstellung  nicht
als  befriedigend  akzeptieren.  Muß  denn  die  wirtschaftliche
Welt  je  ein  Ende  haben?  Soll  der  Staat,  der  für  das  Geldwesen ­
  verantwortlich  bleibt,  nicht  als  ewig  lebend  gedacht
werden?  Und  solange  Staat  und  Volkswirtschaft  nicht  erschüttert ­
  sind,  scheint  auch  ein  zweckmäßiges  Geldwesen
ohne  jede  Einlösung  möglich.  So  lange  genügt  das  Weitergegebenwerden ­
  des  Geldes,  die  reine  Funktion,  um  seine  Geltung ­
  zu  sichern.  Reicht  so  das  Verkehrsbedürfnis,  reicht  die
Steuerfundation  nicht  aus,  um  den  Gedanken  der  endlichen
Einlösung  gänzlich  zu  verbannen?  Kann  man  so  nicht  doch
das  Geld  als  ewig  sich  vorstellen?  Aber  der  Staat  ist  eine
historische  Erscheinung  und  er  kann  daher  nicht  als  ewig
und  unendlich  gedacht  werden.  Und  so  kommen  wir  wieder
zur  Vorstellung  des  Endes....
So  scheint  keiner  der  beiden  Begriffe,  Ende  noch  Unendlichkeit, ­
  eine  befriedigende  Lösung  des  Geldproblems  zu  liefern, ­
  und  diese  Feststellung  drängt  die  weitere  Vermutung
auf,  es  handle  sich  hier  um  eine  Frage,  deren  Lösung  über
die  Macht  unseres  wirtschaftlichen  Denkens  hinaus  gehe:  die
Kategorien  dieses  Denkens  scheinen  zu  elementar,  zu  primi-
        <pb n="34" />
        30  Zweites  Kapitel.  Das  Problem  des  Endes  als  fundamentale  Aufgabe  usw.
tiv,  jedenfalls  aber  ohnmächtig  zur  Lösung  des  Rätsels.  Zuweilen ­
  wieder  scheint  dasselbe  Problem  im  Gegenteil  zu  einfach ­
  und  oberflächlich  gestellt,  um  eine  wirkliche  Einsicht  in
das  Wesen  des  Geldes  zu  liefern  —  was  auf  dasselbe  hinauskommt. ­
  Als  bloße  Werkzeuge  des  Denkens,  als  Hilfsvorstellungen ­
  mögen  beide  Thesen  eine  relative  Berechtigung
besitzen:  Zur  Lösung  der  Frage  nach  dem  Wesen  des  Geldes ­
  sind  beide  unzureichend,  ja  sie  zeigen,  wie  unser  elementares ­
  wirtschaftliches  Denken  hier  schließlich  irre  führt  und
mit  sich  selbst  in  Widerspruch  gerät 1 .
Im  folgenden  Kapitel  soll  das  Verhältnis  der  verschiedenen ­
  Theorien  vom  Gelde  zu  unserem  »Problem  des  Endes«
bestimmt  werden.
1  Unsere  Antinomien  stellen  den  Widerstreit  des  wirtschaftlichen
Denkens  dar.  Dies  ist  festzuhalten.  Ob  ein  Einlösungsversprechen  beim
Oelde  vorliegt,  das  privatrechtliche  oder  öffentlichrechtliche  Bedeutung  besitzt, ­
  ist  dem  Nationalökonomen  gleichgültig.  Es  ist  bekannt,  wie  wenig  sich
ein  Staat  an  solche  Einlösungsversprechen  kehrt.  Er  suspendiert  die
metallische  Einlösung,  solange  es  ihm  paßt,  allen  bestehenden  Gesetzen
zum  Trotz,  die  er  auch  nach  Belieben  ändert.  Im  vorstehenden  ist  nur
daran  gedacht,  daß  unser  wirtschaftliches  Denken  und  Vorstellen  eine-Einlösung ­
  im  weitesten  Sinne  verlangen  kann.  Ebensowenig  wie  die  juristischen
Verpflichtungen  wird  die  Frage  diskutiert,  ob  der  Staat  wirtschaftlich  tatsächlich ­
  die  Macht  haben  wird,  sein  Geld  einzulösen.
        <pb n="35" />
        Drittes  Kapitel.
Die  Geldliteratur  und  der  Versuch,  zu  Ende  zu
denken.
§  1.
Der  »Metallismus«.
Was  ist  Metallismus?  Der  Ausdruck  »Metallist«  ist  von
Knapp  in  seiner  »Staatlichen  Theorie  des  Oeldes«  zur  Bezeichnung ­
  seiner  Gegner  gebraucht  worden.  Man  hat
Knapp  vorgeworfen,  diese  Kennzeichnung  sei  zu  unbestimmt; ­
  er  kämpfe  gegen  einen  fingierten  Gegner.  Unseres
Erachtens  mit  Unrecht.  Es  ist  doch  richtig,  daß  eine  Grundanschauung ­
  vom  Gelde  existiert,  die  zunächst  einen  klaren
Gegensatz  zu  der  von  Knapp  vertretenen  zu  bilden  scheint,
und  die  tatsächlich  bei  vielen  Schriftstellern  und  Männern
der  Praxis  wiederkehrt.  Knapp  hat  gelegentlich  Knies  und
Bamberger  als  Metallisten  bezeichnet,  er  hat  angedeutet,
daß  Richard  Hildebrand  hierher  gehöre  und  hat  darauf
hingewiesen,  auch  der  Laie  sei  metallistisch  gestimmt.  Aus
seiner  häufig  in  die  Darstellung  eingeflochtenen  Polemik
gegen  die  Metallisten  läßt  sich  deren  Grundauffassung  zurecht ­
  konstruieren.  Indem  wir  jetzt  die  metallistische  Lehre
in  wenige  Sätze  zusammenzufassen  versuchen,  halten  wir  uns
außer  an  die  von  Knapp  genannten  Autoren  noch  an  L.  H.  v.
Jakob 1  und  Hufeland 1  2 ,  Macleod 3 ,  Carl  Menger 4  und
Diihring 5 .
Der  Metallismus  sieht  das  Wesen  des  Geldes  in  einem
1  Grundsätze  der  Nationalökonomie,  Halle  1805.
2  Die  Lehre  vom  Gelde  und  Geldumläufe,  Gießen  1819.
3  The  Theory  and  Practice  of  Banking,  London  1855/56.
4  Artikel  Geld  im  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften,  3.  Auflage,
IV.  Band,  S.  555  ff.
5  Diihring,  Kursus  der  National-u.  Sozialökonomie.  L.  1892,  III.  Auf  1.
        <pb n="36" />
        32  Drittes  Kapitel.  Die  Geldliteratur  und  der  Versuch,  zu  Ende  zu  denken.
Stoffe,  im  Metall.  Schon  in  der  Definition  des  Geldes  wird
dabei  das  Metall  als  wesentliches  Merkmal  erwähnt.  Es
heißt  z.  B.:  »Geld  ist  ein  vom  Staate  mit  Bezug  auf  Gewicht
und  Feingehalt  beglaubigtes  Stück  Metall,  das  als  Zahlungsmittel ­
  dient.«  Das  Metall  verschafft  dem  Gelde  seinen  Wert
(seine  Geltung).  Die  Werteinheit  wird  aufgefaßt  als  eine  bestimmte ­
  gemünzte  Metallmenge  (wie  es  in  den  Münzgesetzen
geschieht),  nicht  etwa  als  abstrakte  Kaufkraft.  Metall  kann
allein  die  Preise  messen,  in  Metallgeld  allein  kann  eine  wahre
Zahlung  geschehen.  Metallische  Zahlungsmittel  allein  sind
wahres  Geld,  papierne  Scheine  sind  nur  Vertreter  von  Metall,
Anweisungen  darauf,  Schuldurkunden  eines  Staates  oder
einer  Bank;  uneinlösliches  Papier  mit  Zwangskurs  ist  stets
etwas  Inferiores,  Anomales,  Pathologisches,  Gefährliches.
Es  ist  eine  Konsequenz  dieser  Auffassung,  daß  der  Metailist
  im  Passiergewicht,  das  die  Vollwichtigkeit  der  einzelnen
Geldstücke  annähernd  garantieren  soll,  eine  wichtige  Einrichtung ­
  sieht,  daß  er  allen  Normen  große  Bedeutung  beilegt,  die
das  Münzwesen  betreffen;  sieht  er  doch  im  Münzwesen  keineswegs ­
  bloß  eine  untergeordnete  technische  Seite,  als  vielmehr
die  Grundlage  des  Geldwesens.  Die  Aufmerksamkeit  des  Metallisten
  ist  daher  vor  allem  dem  Wortlaut  der  Münzgesetze
zugewendet,  den  er  unmittelbar  als  Quelle  für  die  Erkenntnis ­
  des  Geldwesens  aufzufassen  pflegt.  Es  liegt  ihm  nicht
daran,  über  die  wahren  Motive  dieser  Gesetzgebung  Betrachtungen ­
  anzustellen.  Auch  die  Praxis  der  Staatsverwaltung,
das  Verfahren  der  Staatskassen  und  Notenbanken  interessiert
ihn  weniger,  da  er  in  den  etwaigen  Abweichungen  dieser  Faktoren ­
  vom  Wortlaute  der  Münzgesetze  nur  Anomalien  sieht,
die  ein  wissenschaftliches  Interesse  kaum  beanspruchen
dürfen  A
1  Der  Metallismus  der  einzelnen  Schriftsteller  weist  Schattierungen  auf.
So  gesteht  Hufeland  im  Gegensatz  zu  anderen:  »Papiergeld  ist  ganz
        <pb n="37" />
        §  1.  Der  Metallismus.

33

Moll,  Logik  des  Geldes.

3

Wie  würde  sich  nun  der  Metallismus  zum  Problem  des
Endes  stellen?  Er  hat  darauf,  wie  es  scheint  —  ohne  das
Problem  formuliert  zu  haben  —  eine  einfache  Antwort  bereit.
Sie  wird  lauten:  »Edelmetall  ist  die  einzig  mögliche  Form
der  Befriedigung,  die  als  Abschluß  eines  Qeldsystems  gelten
kann.  Wo  etwa  stoffwertloses  Geld  zirkuliert,  da  wird  überall ­
  Einlösung  in  Edelmetall  (Gold)  als  Abschluß  gefordert.«
Die  konsequenteste  Form  des  Metallismus  sieht  ja  im  Edelmetall ­
  schließlich  geradezu  einen  Selbstzweck.  Man  reflektiert ­
  entweder  dabei  gar  nicht  darüber,  welche  Befriedigung
im  Metall  gegeben  sei,  oder  aber  man  denkt  an  die  unmittelbare ­
  Verwertbarkeit  des  Metalles  zum  Schmuck  und  für  Industriezwecke. ­
  Der  Metallismus  in  seiner  konsequenten  und
einseitigen  Form  fragt  nicht  kritisch  danach,  woher  denn
das  Edelmetall  seinen  Wert  ableite,  und  gelangt  daher  nicht
zu  dem  Ergebnis,  daß  eben  dieser  Wert  zum  Teile  erst  durch
die  Nachfrage  nach  Geldzwecken  und  somit  durch  die  Geldfunktion ­
  bestimmt  werde.  Er  fragt  nicht  danach,  wie  es  um
gewiß  Geld«  (Seite  12).  Dabei  aber  faßt  er  wie  andere  Metallisten  das  Papiergeld ­
  doch  wieder  als  Schuldverschreibung  auf,  als  Zeichen  eines  Geldquantums; ­
  seine  Zirkulation  beruht  auf  Vertrauen,  es  bedarf  einer  Einlösung, ­
  und  niemals  kann  es  Preismesser  sein  (Seite  99  und  196).  Bei
Knies  findet  sich  die  Lehre,  auch  Metallgeld  sei  Kreditgeld  (Geld  und
Kredit,  1.  Abteilung,  das  Geld,  2.  Auflage  1885,  Seite  267).  Endlich  gibt
es  Schriftsteller  wie  Adolph  Wagner,  die  weder  als  Metallisten,  noch
als  Nominalisten  im  Sinne  Knapps  gelten  können,  sondern  eine  Mittelstellung ­
  einnehmen.
Es  sei  noch  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  es  keineswegs  zulässig
ist,  den  Metallismus  etwa  als  wirtschaftliche  Geldtheorie  schlechthin  im
Gegensatz  zu  juristischen  Lehren  zu  stellen.  Es  mag  sein,  daß  einzelne
Metallisten  die  juristisch  erheblichen  Funktionen  des  Geldes  vernachlässigt
haben.  Aber  die  Lehre  Rieh.  Hildebrands  muß  man  u.  E.  geradezu
als  »juristischen  Metallismus«  kennzeichnen:  Geld  ist  für  ihn  immer  nur
die  gesetzlich  bestimmte  gemünzte  Metalimenge,  keineswegs  ein  Metallquantum ­
  an  sich.  Wo  bei  gesetzlicher  Silberwährung  der  tatsächliche
Zahlungsverkehr  in  Goldmünzen  stattfindet,  spricht  Hildebrand  von
Silberwährung,  bei  der  das  Gold  wohl  als  »Zahlungsmittel«,  nicht  aber  als
»Geld«  fungiere  (Das  Wesen  des  Geldes,  1914,  Seite  30).
        <pb n="38" />
        34  Drittes  Kapitel.  Die  Geldliteratur  und  der  Versuch,  zu  Ende  zu  denken.
den  Wert  eines  edlen  Metalles  stehen  würde,  wenn  es  einmal
im  sicheren  Besitz  der  Geldinhaber  zurückbliebe,  ohne  weiter
für  den  Verkehrsbedarf  (die  Geldfunktion)  benötigt  zu
werden.
Einigen  Metallisten  mag  der  Wert  der  Edelmetalle  geradezu ­
  als  etwas  Starres,  Festgefrorenes  erscheinen  —  sehr
im  Gegensatz  zu  dem  modernen  Wertbegriff  der  nationalökonomischen ­
  Wissenschaft,  —  eine  eigenartig-sinnliche  Auffassung. ­
  Wäre  aber  an  dem  toten  Stoff  des  edlen  Metalles
irgendetwas  gelegen,  wenn  er  nicht  mehr  Träger  von  unzerstörbarem ­
  Wert  durch  Zeit  und  Raum  bliebe?  So  kann
einseitiger  Metallismus  zum  individualistischen  Materialismus
der  Geldauffassung  werden.
Nun  könnte  aber  der  Metallismus  auch  weniger  einseitig
auftreten,  nämlich  in  Kombination  mit  der  sogenannten  Anweisungstheorie, ­
  und  da  würde  sich  zeigen,  daß  beide  Lehren
nicht,  wie  man  gemeinhin  annimmt,  schroffe  Gegensätze  darstellen, ­
  sondern  bei  zweckmäßiger  Anwendung  sich  glücklich ­
  ergänzen  können.  Wenn  man  nämlich  dem  Metallisten
vorhielte,  daß  mit  einer  allgemeinen  Demonetisierung  der
edlen  Metalle  auch  der  größere  Teil  des  Wertes  dieser  Stoffe
dahin  wäre,  so  würde  der  Metallist  zunächst  vielleicht  die
Richtigkeit  dieser  Behauptung  bestreiten,  zum  mindesten
aber  sagen,  sie  sei  ebensowenig  wie  die  seine  zu  beweisen.
Wenn  er  sie  aber  zugestanden,  so  würde  er  vielleicht  sagen,
hier  höre  die  Macht  der  Menschen  auf.  Eine  Garantie  für  die
dauernde  Erhaltung  des  Wertes  einer  Substanz  könne  und
brauche  kein  Staat  zu  übernehmen.  Dies  ändere  nichts  daran, ­
  daß  der  Begriff  des  Geldes  nach  seiner  Auffassung  immer
eine  Edelmetallquantität  fordere.  Vielleicht  aber  würde
er  dann  auch  zugestehen,  daß  das  Ende  eines  Geldsystems
nicht  rein  metallistisch  gedacht  werden  sollte,  sondern  daß
man  sich  hier  Sachgüter  und  Dienste  als  Abschluß  vor-
        <pb n="39" />
        §  2.  Die  Anweisungstheorie.

35

3  *

zustellen  habe.  Das  letzte  Glied,  oder  auch  die  letzten
Glieder  der  logischen  Kette,  die  das  Wesen  des  Geldes  erklären ­
  soll,  würde  also  dann  über  die  metallistische  Vorstellungsweise ­
  hinausgehen  müssen.  Damit  wäre  aber  nicht
gesagt,  daß  nicht  vorher  durch  viele  Glieder  jener  Kette
hindurch  der  Metallismus  aufrechterhalten  werden  könnte.
Kann  doch  Edelmetall  (heute  wenigstens  Gold),  solange  man
annehmen  darf,  daß  Geld  daraus  gemacht  werden  kann,
als  relativ  sicherster  Wertträger  durch  Zeit  und  Raum  betrachtet ­
  werden.  Diese  zweite  Auffassung  würde  also  in  dem
Metallismus  keine  Lösung  mehr  für  das  Ende  des  Geldsystems ­
  finden,  dennoch  aber  ihm  einen  wichtigen  Platz  in
der  Logik  des  Geldes  einräumen.

§  2-Die
  Anweisungstheorie.
Die  Lehre,  daß  das  Geld  ein  bloßes  Zeichen  sei,  ist  bekanntlich ­
  alt.  Dogmengeschichtliche  Hinweise  finden  sich
hierzu  unter  anderem  bei  Roscher  und  in  der  »Kritischen
Dogmengeschichte  der  Geldwerttheorien«  von  Friedrich
Hoffmann  (1907).  Davanzati  (1588)  glaubt,  daß  Silber  und
Gold  an  sich  von  geringem  Wert  sei  und  nur  menschlicher
Übereinkunft  seinen  Wert  verdanke.  Von  bekannteren
Schriftstellern  gehören  zu  den  Vertretern  dieser  Auffassung
Law,  Petty,  Berkeley,  Locke,  Hume,  Montesquieu.  Im
19.  Jahrhundert  findet  sich  die  Theorie,  die  im  Gelde  nur  ein
Zeichen  oder  eine  Anweisung  auf  Sachgüter  erblickt,  besonders ­
  ausführlich  entwickelt  beim  Grafen  Buquo.y 1  und
bei  Samuel  Oppenheim 1  2 .  Auch  Knapps  Chartaltheorie

1  Die  Theorie  der  Nationalwirtschaft,  Leipzig  1815.

2  Die  Natur  des  Oeldes  1855.
        <pb n="40" />
        36  Drittes  Kapitel.  Die  Geldiiteratur  und  der  Versuch,  zu  Ende  zu  denken.
gehört  hierher.  Doch  hat  Knapp  gerade  die  Anweisungstheorie ­
  weniger  entwickelt  denn  als  Axiom  vorausgesetzt.
Der  Metallismus  ging  aus  vom  sichtbaren  und  technisch
verwertbaren  Stoff;  indem  er  hierin  das  Wesen  des  Geldes
erblickt,  sieht  er  eine  Anomalie  in  denjenigen  Phänomenen,
die  diesen  Stoff  vermissen  lassen  (Papiergeld).  Die  Anweisungstheorie ­
  geht  aus  von  der  unsichtbaren  Funktion;
indem  sie  in  ihr  das  Wesen  des  Geldes  erblickt,  erscheint  ihr
der  technisch  verwertbare  Stoff  als  unwesentlich 1 ,  und  ge
rade  die  Phänomene  zeigen  nach  ihr  am  klarsten  und  charakteristischsten ­
  das  Wesen  des  Geldes,  die  ihn  vermissen
lassen.
Lassen  wir  jetzt  unsere  Autoren  selbst  reden.  Buquoy
geht  davon  aus  (S.  10),  das  Geld  habe  an  und  für  sich
keinen  Wert,  es  wirke  nicht  wie  andere  Gegenstände  seiner
Natur  und  Wesenheit  nach  auf  Erzeugung,  sondern  bloß  durch
die  mit  dem  Gelde  verbundene  Meinung  der  Menschen.  »Man
darf  sagen:  Wer  mit  Getreide  bezahlt  wird,  ist  wirklich  be-]
  Bei  vielen  Vertretern  der  Anweisungstheorie  findet  sich  der  Satz
»das  Geld  habe  keinen  eigenen  Wert«,  ja  dieser  Satz  kann  geradezu  als
eine  bloße  Umschreibung  des  Ausdrucks,  daß  das  Geld  ein  bloßes  Zeichen
sei,  aufgefaßt  werden.  Indessen  ist  der  erste  Satz  doch  vorsichtig  zu  interpretieren, ­
  wenn  man  seinen  Vertretern  nicht  unrecht  tun  will.  Wahr  ist,
daß  zunächst  alle  Vertreter  der  Anweisungstheorie  den  eigenen  Wert  des
Metallgeldes  skeptischer  betrachten  als  die  Metallisten.  Soweit  sie  ihn  zugestehen, ­
  leiten  sie  ihn  zum  größten  Teil  vom  Geldgebrauch,  von  der
Nachfrage  zu  Geldzwecken  her,  und  sind  deshalb  überzeugt,  daß  der  Wert
der  Metalle  auf  ein  Minimum  reduziert  werden  würde,  wenn  Demonetisierung
einträte.  Im  übrigen  ist  ihre  Stellung  zum  Wert  des  Geldes  eine  verschiedene. ­
  Otto  Heyn,  ein  extremer  »Chartalist«,  gesteht  dem  Gelde  doch
einen  Wert  zu,  aber  dieser  Wert  liegt  nach  ihm  nicht  im  Stoffe,  sondern
besteht  unabhängig  davon  durch  die  Funktion.  Wenn  Buquoy  und
Oppenheim  dem  Gelde  prinzipiell  eigenen  Wert  absprechen,  so  ist  damit
bloß  die  fehlende  Konsumtionsmöglichkeit  des  Geldes  (im  Vergleich  zu
Genußgütern  und  Gebrauchsgütern)  gemeint.  Auch  Knapp  leugnet  nicht,
daß  das  Metallgeld  wertvolle  Platten  hat,  er  behauptet  nur,  daß  der  Stoffwert
  dieser  Platten  gleichgültig  sei  für  den  Begriff_de§_Qeldes.  ln  Wirklichkeit ­
  bildet  er  den  Begriff  des  Geldes  so,  daß  dieser  den  Stoffwert  der
Platten  nicht  als  wesentlich  mit  umfaßt.  Dies  kommt  zum  Teil  auf  einen
        <pb n="41" />
        §  2.  Die  Anweisungstheorie.

37

zahlt,  hingegen  wer  mit  Gelde  bezahlt  wird,  dem  ist  bloß  die
Anweisung  auf  eine  wirkliche  Bezahlung  gegeben,  die  sowohl
von  der  Meinung  der  Menschen,  als  von  Zeit  und  Ort  noch
immer  sehr  abhängig  ist.  Eine  gegebene  Mahlmühle  erzeugt
täglich  eine  bestimmte  Menge  Mehl.  Hundert  Gulden,  wofür ­
  ich  heute  an  Ort  und  Stelle  a  Metzen  Korn  erhalte,  gewähren ­
  mir  mehr  oder  weniger,  je  nachdem  sich  von  heute
auf  morgen  die  Meinung  der  Menschen  geändert  hat.«
(Seite  237.)  »Das  Geld  ist  wesentlich  nicht  selbst  ein
Gegenstand  von  innerem  Werte;  es  ist  eine  Anweisung  an
Dingen  von  Wert.  Die  Anweisung  ist  vollkommen  unbestimmt
rücksichtlich  der  Qualitäten  und  bloß  rücksichtlich  der  Quantitäten, ­
  selbst  aber  in  dieser  letzteren  Hinsicht  bloß  insofern
bestimmt,  als  Zeit  und  Ort  gegeben  sind,  welche  Bestimmung
nicht  in  der  Natur  des  Geldes,  sondern  in  der  jedesmaligen
Meinung  der  Menschen  ihren  Grund  hat.«
Bei  Oppenheim  finden  sich  folgende  Stellen  (Seite  35):
»Diese  beiden  letzten  Eigenschaften  des  Geldes  haben  die

Wortstreit  hinaus,  anderseits  steckt  aber  im  Geldbegriff,  wie  wir  oben  gesehen, ­
  stets  schon  eine  Theorie:  In  diesem  Falle  die  Hypothese,  daß
wertvoller  Stoff  im  allgemeinen  für  die  Oeldfunktion  nicht  nötig  und  daß
daher  Papiergeld  an  sich  ein  dem  metallenen  durchaus  ebenbürtiges  Geld
sei.  Die  Einseitigkeit  dieser  Lehre  werden  wir  später  aufzudecken  versuchen.
Im  metallenen  Stoffe  sieht  man  zuweilen  aus  verschiedenen  Gründen
nicht  nur  etwas  Unnötiges,  sondern  sogar  etwas  Schädliches.  Einmal,  weil
somit  das  Geld  abhängig  werde  vom  schwankenden  Wert  eines  Stoffes,
dessen  Produktionskosten  wechselten,  dann  aber  auch  noch  aus  einem
anderen  Grunde.  Das  Metall  wirke  schädlich,  weil  es  den  unhaltbaren
metallistischen  Aberglauben  der  Menschen  an  einen  immanenten  Wert
dieses  Stoffes  fördere  und  verhindere,  daß  die  Menschen  sich  an  das  vollkommenere ­
  Geld,  das  Papier,  gewöhnen.  Wenn  Paniken  in  kritischer  Zeit
entständen,  so  läge  der  Fehler  nicht  darin,  daß  die  Einlösung  des  Papiers
suspendiert  werde,  sondern  darin,  daß  vorher,  in  gewöhnlicher  Zeit,  Einlösung ­
  bestanden  habe.  Solange  Einlösung  besteht,  würden  in  unruhigen
Zeiten.  Paniken  nicht  zu  vermeiden  sein.  Der  letztere  Satz  ist  zugegeben.
Fraglich  ist  nur,  ob  der  Glaube  an  das  Metall  wirklich  bloß  Aberglauben,
oder  nicht  doch  etwas  fester  in  natürlichen  und  wirtschaftlichen  Tatsachen
begründet  ist,  als  die  »Chartalisten«  meinen.
        <pb n="42" />
        38  Drittes  Kapitel.  Die  Geldliteratur  und  der  Versuch,  zu  Ende  zu  denken.
Nationalökonomen  in  einem  einzigen  Ausdrucke  zusammen
gefunden,  indem  sie  sagten,  daß  der  Gebrauchswert  des
Geldes  nicht  dem  einer  Ware,  sondern  dem  eines  Zeichens
entspreche;  d.  h.,  wie  ein  Schuldschein  bloß  als  Zeichen  und
Beweis,  daß  man  von  einem  anderen  Individuum  soundso
viel  Wert  zu  empfangen  habe,  diene,  ebenso  sei  das  Geld
ein  Zeichen,  daß  man  soundso  viel  Güterwert  an  irgendeinen
Käufer  abgeliefert  und  ebenso  viel  Güterwert  gegen  dieses
Geld  wiederzuempfangen  habe.«
(Seite  35.)  »Dies  hat  früher  schon  der  Abbe  Terrasson
sehr  deutlich  erklärt.  ,Die  beiden  Edelmetalle',  sagt  er,
,sind  nur  Zeichen  (Signes),  die  einen  reellen  Wert,  d.  h.  eine
Ware  nur  repräsentieren 1 .  Ein  Taler  ist  eigentlich  nichts  anderes ­
  als  ein  Billett,  das  folgendermaßen  lautet:  Jeder  Verkäufer ­
  beliebe  dem  Überbringer  Dieses  diejenige  Ware  oder
Rohstoffe,  die  er  bedarf,  bis  zum  Betrage  von  3  Livres  zukommen ­
  zu  lassen.  Denselben  Wert  habe  ich  durch  andere
Waren  von  demselben  erhalten.'«
Oppenheim  zitiert  dann  folgende  Stelle  aus  Carl  Murhard
  (Theorie  und  Politik  des  Handels,  E  Teil,  S.  280).
»Das  Wesen  des  Geldes,  als  reines  Wertausgleichungsmittel
betrachtet,  spricht  sich  lediglich  in  der  Anweisung  aus,  die
es  seinem  Besitzer  gibt,  auf  den  Erwerb  der  in  den  Verkehr
gebrachten  Güter.  Diese  Anweisung  begründet  auf  Seiten
des  Geldbesitzers  nichts  weiter,  als  die  Möglichkeit,  von  der
Masse  der  zum  Tausch  bereitliegenden  Genußmittel  seinen
Bedarf  sich  verschaffen  zu  können.  Genußmittel  selbst,
Güter  zum  unmittelbaren  Gebrauch  erlangen  wir  in  dem
Gelde  als  solchem  nicht;  aber  die  Anweisung,  welche  der
Inhaber  des  Geldes  durch  jenen  Besitz  auf  Waren  jeglicher
Art  erhält,  ist  für  ihn  die  wichtigste  und  nützlichste;  denn
sie  umfaßt  das  ganze  weite  Reich  aller  im  Wege  des  Tausches
erwerbbaren  Güter.«
        <pb n="43" />
        §  2.  Die  Anweisungstheorie.

39

(Seite  42.)  »Betrachten  wir  nun  zuerst  den  Gebrauchswert
des  Geldes  in  seiner  Natur  als  Äquivalent,  so  finden  wir,  daß
die  Hingabe  des  Geldes  noch  kein  wirkliches  Äquivalent,  noch
keine  wirkliche  Zahlung  für  die  dafür  empfangene  konsumierbare ­
  Ware  ist;  sondern  es  ist  erst  eine  Anweisung,  eine  Assignation,
  ein  Mandat  auf  künftige  Zahlung,  d.  h.  auf  Entlastung ­
  der  durch  die  Hingabe  des  Geldes  übernommenen
Verbindlichkeiten.  Sie  ist  keine  Zahlung  wie  die  Geldware
für  eine  andere  empfangene  konsumierbare  Ware,  sie  ist
also  noch  kein  wirkliches  Äquivalent,  sondern  bloß  ein  Zeichen, ­
  daß  künftig  erst  eine  wertvolle  Leistung  gegen  dieses
Zeichen  abzuliefern  ist,  d.  h.  daß  das  wahre  Äquivalent  erst
später  erfolgen  soll.«  —  —  —
Die  Anweisungstheorie  ist  nicht  so  auszulegen,  als  ob
sie  im  Papiergelde  etwas  definitiv  Befriedigendes  im  wirtschaftlichen ­
  Sinne  bereits  erblickte.  Aber  indem  diese  Lehre
auch  im  Metallgelde  und  im  metallenen  Stoff  keine  Befriedigung ­
  sehen  kann,  vernachlässigt  sie  absichtlich  die  Unterschiede ­
  zwischen  beiden  Geldarten  und  sieht  Geld  schlechthin ­
  —  gleichviel  ob  aus  Metall  oder  Papier  —  als  unbefriedigend ­
  an.  Sie  verlangt  daher  nicht  Einlösung  des  Papiergeldes
in  Metall.  Steht  doch  Metall  nach  ihr  der  endlichen  Befriedigung ­
  um  keinen  Schritt  näher  als  Papier.  Nur  so  ist  die
relativ  freundliche  Stellung  dieser  Lehre  zum  Papiergeld  aufzufassen. ­
  Es  handelt  sich  im  Grunde  nicht,  wie  man  gewöhnlich ­
  interpretiert,  um  eine  laxere  Auffassung  des  Papiergeldes, ­
  sondern  um  eine  skeptischere  Auffassung  des
Metallgeldes.
Was  antwortet  die  Anweisungstheorie  wohl  auf  die
Frage  nach  dem  Ende?  Da  Geld  für  sie  nur  Mittel  zum
Zweck,  bloßes  Zeichen,  Anweisung  auf  Sachgüter,  so  scheint
der  befriedigende  Abschluß  eines  Geldsystems  hier  durch
        <pb n="44" />
        40  Drittes  Kapitel.  Die  Geldliteratur  und  derVersuch,  zu  Ende  zu  denken.

Einlösung  in  Sachgütern  oder  Diensten  schlechthin  gegeben.
Aber  es  scheint  nur  so.  Die  Anweisungstheorie  zeigt  uns
hier  in  Wirklichkeit  keinen  Abschluß,  sondern  eine  unendliche ­
  Reihe.  Geld  wird  ausgetauscht  gegen  Ware  und  immer
wieder  ausgetauscht,  es  wird  unendliche  Male  ausgetauscht,
und  wo  man  auch  diese  Reihe  abbrechen  mag,  ein  Ende  ist
nirgends  abzusehen  1 .  Denn  immer  bleibt  das  an  sich  wertlose, ­
  mit  der  Eigenschaft  einer  Marke  behaftete  Geld  übrig,
das  eben  eine  reale  Befriedigung  nicht  gewährt,  das  nicht  gestattet, ­
  es  als  Selbstzweck  und  Ende  zu  betrachten,  sondern
uns  immer  wieder  zwingt,  die  unendliche  Reihe  fortzusetzen.
Die  Anweisungstheorie  liefert  also  keine  Lösung  für  das
Problem  des  Endes.  In  formaler  Hinsicht  ist  der  konsequente ­
  Metallismus  vollkommener.  Seine  Hypothese  ist  geschlossen ­
  und  zeigt  einen  vollendeten  Kreislauf  des  wirtschaftlichen ­
  Lebens.  Sie  zeigt,  was  aus  dem  Golde  selbst
wird.  Am  Ende  der  logischen  Kette  steht  Metallgeld  oder
Metall  mit  der  Möglichkeit  unmittelbarer  Befriedigung  für
den  Inhaber.

§  3.
G.  F.  Knapps  staatliche  Theorie  des  Geldes.
Es  gibt  wohl  kaum  eine  Erscheinung  der  neueren  Geldliteratur, ­
  über  die  so  viel  geschrieben  worden  ist,  wie  die
»Staatliche  Theorie  des  Geldes«  von  Knapp.  Wenn  auch,
von  Knapps  Schülern  abgesehen,  die  Zahl  derjenigen  keineswegs ­
  groß  sein  dürfte,  die  seine  schwierige  Sprache  erlernt

1  »Die  Bestimmung  des  Talers  ist,  in  alle  Ewigkeit  fort  aus  einer  Hand
in  die  andere  zu  gehen,  folglich  nie  aus  dem  Umlaufsfonds  zu  treten,  nie
in  den  Fonds  des  Verbrauchs,  noch  in  jenen  des  Kapitals  überzugehen«
(Buquoy  a.  a.  O.  S.  271).  »In  jedem  dieser  sinnlichen  Darstellungszeichen
des  Geldes  (Geldstück  und  Banknote)  liegt  der  Keim  zu  einer  bis  ins  Unendliche ­
  unberechenbaren  Wirksamkeit  auf  Tausch«  (Ebenda).
        <pb n="45" />
        §  3.  G.  F.  Knapps  staatliche  Theorie  des  Geldes.

41

oder  wenigstens  verstanden  haben,  und  wenn  die  meisten,
die  über  Knapp  urteilen,  seine  Lehren  nur  aus  sekundärer
Quelle  kennen,  so  muß  es  dennoch  schon  fast  für  trivial  gelten, ­
  über  sein  Buch  noch  etwas  zu  sagen.  Und  doch  hat  das
Werk  Seiten,  die  von  der  Kritik  noch  nicht  berücksichtigt
worden  sind;  immer  wieder  lassen  sich  bedeutsame  Gesichtspunkte ­
  ausfindig  machen,  aus  denen  Knapps  Lehre
noch  nicht  betrachtet  worden  ist.  Die  Erklärung  dieser  Tatsachen ­
  liegt  wohl  darin,  daß  es  Knapp  wie  keinem  anderen
Neueren  geglückt  ist,  das  Interesse  für  die  Geldprobleme  neu
zu  beleben,  indem  er  uralte  Fragen  in  Formen  gebracht  hat,
die  in  eminentem  Maße  dem  Denken  der  Lebenden  angepaßt
schienen,  und  indem  er  die  mannigfachen  Ausstrahlungen  des
statischen  Geldproblemes  gewissermaßen  in  einem  Brennpunkte ­
  gesammelt  hat.  Mindestens  hat  Knapp  eine  Terminologie ­
  geschaffen,  die  zu  einem  Teile  auch  von  seinen  Gegnern ­
  übernommen  worden  ist,  und  die  ein  moderner  Geldtheoretiker ­
  nur  zu  seinem  Nachteile  gänzlich  meiden  könnte.
Gerade  wer  über  Knapp  hinausgehen  will,  wird  von  dieser
Terminologie  Gebrauch  machen  müssen,  um  das  Materiell-Unterscheidende
  der  Auffassung  deutlich  hervortreten  zu
lassen.  Wenn  die  eigentümliche  Sprache  das  Buch  dem  oberflächlichen ­
  und  halbgebildeten  Leser  absolut  unzugänglich
macht,  so  darf  die  Fähigkeit  des  Autors,  Dinge  schwierig
darzustellen,  die  sich  einfacher  sagen  ließen,  nicht  durchaus
als  ein  Mangel  angesehen  werden.  Denn  sie  bewirkt  schließlich, ­
  daß  der  ernstere  Leser  auch  die  einfacheren  Probleme
bis  in  ihre  tiefsten  Tiefen  hinein  und  bis  zu  den  letzten  Konsequenzen ­
  zu  durchdenken  versucht,  während  er  sie  in  glatteren, ­
  älteren  Darstellungen  vielleicht  übersehen  hätte.
Es  ist  hier  nicht  unsere  Aufgabe,  Knapps  Theorie  darzustellen ­
  oder  zu  kritisieren.  Beides  ist  mehr  oder  weniger
glücklich  bereits  häufig  geschehen.  Hier  handelt  es  sich  nur
        <pb n="46" />
        42  Drittes  Kapitel.  Die  Oeldiiteratur  und  der  Versuch,  zu  Ende  zu  denken.
darum,  festzustellen,  ob  und  wie  weit  dieser  Autor  zu
dem  Problem  des  Endes  gedanklich  bereits  Stellung  genommen ­
  hat.
Wir  wollen  das  Resultat  vorwegnehmen.  Knapp  hat  sich
mit  diesem  Problem  nicht  befaßt,  wenn  auch  nicht  zu
übersehen  ist,  daß  das  Problem  als  Konsequenz  von
Fragestellungen  betrachtet  werden  kann,  die  Knapp  viel  beschäftigt ­
  haben.
Es  gibt  zunächst  einzelne  Stellen  in  seinem  Buche,  die
hier  interessieren  müssen.  Knapp  spricht  davon,  daß  der
Gebrauch  des  Papiergeldes  nicht  auf  Kredit  beruhe  (Vorwort, ­
  S.  V).  Er  sagt,  es  sei  völlig  verfehlt,  zu  meinen,  daß
die  Banknoten  Metallgeld  versprächen  (S.  42ff.,  S.  119ff.).
Weiter  heißt  es  auf  S.  132  (eine  der  wichtigsten  Stellen  des
Buches):  »Aber,  sagt  der  Metallist  (nämlich  bei  der  Papiergeldwirtschaft), ­
  die  bare  Geldart  ist  doch  immer  noch  die
Hauptart:  Sie  steht  vielleicht  vorläufig  im  Hintergründe,
wirkt  aber  im  geheimen  weiter;  sonst  kann  man  sich  von
der  Sache  gar  keine  Vorstellung  machen.  Gerade  dies  aber
gibt  der  Chartalist  nicht  zu;  er  sagt:  Das  wahre  Geld,  das
früher  valutarische,  ist  zwar  noch  vorhanden,  d.  h.,  die  Stücke
existieren  noch  ;  aber  sie  wirken  nicht  etwa  im  geheimen  fort,
sondern  sind  ganz  außer  Spiel  gesetzt,  was  das  valutarische
Geld  betrifft.  Die  Noten  sind  jetzt  ganz  das  wahre,  durch
nichts  unterstützte  valutarische  Geld.  An  diese  Vorstellung
muß  man  sich  gewöhnen.  Das  ist  der  Angelpunkt.«
An  zwei  Stellen  seines  Werkes  kommt  dann  Knapp  dem
Problem  des  Endes  etwas  näher.  Einmal  bei  der  Behandlung ­
  der  »zirkulatorischen  Befriedigung«  (§  3),  wo  er  eine
Terminologie  anwendet,  die  wir  als  zweckmäßig  übernehmen
können,  und  dann  bei  der  Einteilung  der  Geldarten  in  »provisorische« ­
  und  »definitive«.  Wir  wollen  die  letzte  Stelle  vorwegnehmen. ­
        <pb n="47" />
        §  3.  G.  F.  Knapps  staatliche  Theorie  des  Geldes.  43

(Seite  92.)  »Wenn  eine  Zahlung  in  definitivem  Gelde  geleistet ­
  wird,  so  ist  dies  Geschäft  vollkommen  erledigt,  und
zwar  nach  drei  Seiten  hin:  erstens'  für  den  Geber,  zweitens
für  den  Empfänger  und  drittens  für  den  Emittenten  des
Geldes.  Der  Geber  hat  keine  weitere  Pflicht,  der  Empfänger
hat  kein  Recht  mehr  gegenüber  dem  Geber;  aber  noch  mehr  :
Der  Empfänger  hat  kein  Recht  mehr  gegenüber  dem  Staat,
wenn  dieser  Emittent  des  Geldes  ist.«
»Anders  liegt  die  Sache  beim  provisorischen  (einlösbaren)
Gelde.  Ist  die  Zahlung  in  einlösbarem  Gelde  erfolgt,  so  hat
der  Empfänger  zwar  vom  Geber  nichts  weiter  zu  fordern;
aber  dem  Empfänger  bleibt  noch  eine  Forderung  an  den
Emittenten  des  Geldes.  Der  Inhaber  kann  von  dem  Emittenten ­
  denselben  Betrag  in  definitivem  Gelde  verlangen.«
Diese  Scheidung  in  »definitives«  und  »provisorisches«  Geld
ist  gewiß  nützlich  und  berechtigt.  Aber  sie  hat  nur  juristische ­
  Bedeutung.  Es  wird  den  Nationalökonomen  kaum
befriedigen,  daß  die  deutschen  Reichsbanknoten  vor  dem
Kriege  als  provisorisches,  die  österreichischen  Noten  aber
als  definitives  Geld  anzusehen  waren.  Entweder  —  man  unterscheidet ­
  nur  »einlösbar«  und  »uneinlösbar«,  dann  ist  nicht
einzusehen,  weshalb  man  dafür  zwei  neue  Worte  prägen
will.  Oder  man  versucht,  das  Geld  in  der  Richtung  zu  verfolgen, ­
  die  das  Problem  des  Endes  bezeichnet,  dann  kann
jene  formal-juristische  Erklärung  nicht  befriedigen.  Der  Nationalökonom ­
  fragt  weiter  und  er  muß  weiterfragen:
Warum  waren  die  Goldstücke  bei  uns  »definitiv«?  Warum ­
  in  Österreich  die  Banknoten?  Warum  waren  unsere  Gesetze ­
  so,  warum  verfuhr  unsere  Verwaltung  derartig,  warum ­
  ließ  die  österreichische  Rechtsordnung  anderes  zu?  Welches ­
  sind  die  bewußten  oder  unbewußten  Motive,  die  zu
dieser  oder  jener  Gesetzgebung  und  Verwaltungspraxis  geführt ­
  haben?  Und  mit  diesen  Fragen  gelangt  man  in  die
        <pb n="48" />
        44  Drittes  Kapitel.  Die  Geldliteratur  und  der  Versuch,  zu  Ende  zu  denken.
Tiefen  des  statischen  Geldproblems.  Diese  Fragen  aber  hat
Knapp  nicht  aufgeworfen.  Man  braucht  das  gewiß  nicht  für
einen  Mangel  dieses  Buches  zu  halten,  das  absichtlich  eine
einseitige  Fragestellung  mit  äußerster  Konsequenz  verfolgt
hat.  Knapp  hat  bestehende  Geldverfassungen  analysiert,  aber
die  Fragen  beiseite  gelassen,  die  man  mit  den  metaphysischen
in  der  Philosophie  vergleichen  könnte.  Der  Nalionalökonom
aber  und  auch  der  denkende  Laie  empfindet  von  Zeit  zu
Zeit  jenes  »metaphysische«  Bedürfnis,  er  mu  ß  nach  dem
»Warum«  fragen,  nach  der  Causa,  dem  primum  movens.
Fragen  wir  einmal:  Warum  waren  die  deutschen  Goldstücke ­
  »definitv«?  Die  Antwort  ist  nicht  so  leicht  zu  geben.
Welches  waren  die  echten  Motive  unserer  Goldwährung?
Die  Vorliebe  der  großen  Kaufleute  und  Bankiers  für  das
Gold,  d.  h.  für  einen  Zahlungsstoff  von  großem  spezifischen
Gewicht?  Oder  die  übrigen  bekannten  und  so  oft  aufgezählten ­
  technischen  und  wirtschaftlichen  Eigenschaften  des  Goldes? ­
  Oder  der  Zwang,  sich  an  die  Währung  der  wirtschaftlich ­
  fortgeschrittensten  Staaten  (damals  England)  anzuschließen, ­
  um  feste  Wechselkurse  gegen  dieses  mächtige
Ausland  zu  erlangen  (Knapp)  ?  Wirkte  nicht  im  Unterbewußtsein ­
  der  Gesetzgeber  die  im  Grunde  metallistische  Vorstellung ­
  mit,  daß  Gold  heute  und  für  absehbare  Zeit  diejenige
Form  des  Besitzes  sei,  die  am  sichersten,  am  unzerstörbarsten, ­
  am  unangefochtensten,  am  meisten  über  Zeit  und  Raum
erhaben,  international,  praktisch  überall  verwertbar,  stets
verwandelbar  in  Sachgüter  und  Dienste,  die  allgemeinste  und
zuverlässigste  Form  von  Reichtum  und  Macht  bliebe?  Daß
das  Gold  somit  die  Vorstellung  steter,  allgemeinster,  vollkommener ­
  Befriedigung  in  sich  schließe?  Daß  es  im  wahren
Sinne  des  Wortes  auch  wirtschaftlich  definitiv,  letzter  Zweck
jeder  Wirtschaft  sei?
Und  wenn  in  Österreich  papierne  Scheine  definitiv  waren,
        <pb n="49" />
        §  3.  O.  F.  Knapps  staatliche  Theorie  des  Oeldes.  45
welche  Erklärungen  dürfen  wir  hier  als  ausreichend  ansehen?
  Verlangt  unser  wirtschaftliches  Denken  hier  nicht
noch  die  Vorstellung  einer  schließlichen  Einlösung?  Und
dann:  Einer  Einlösung  in  Geld  oder  aber  in  Waren  und
Diensten?  Und  können  wir  somit  auch,  wirtschaftlich  gedacht, ­
  die  Scheine  als  etwas  Definitives  ansehen?  Und  wenn
wir  dann,  einer  modernen  Auffassung  entsprechend,  die  Notwendigkeit ­
  einer  Einlösung  in  Metall  leugnen  und  die  Einlösung ­
  in  Waren  und  Diensten  postulieren,  kann  dann  das
Papiergeld  in  bezug  auf  seine  Eigenschaften  dem  Golde  gleichgestellt ­
  werden,  kann  es  als  ebenso  sicher,  so  unzerstörbar,  so
erhaben  über  Zeit  und  Raum,  über  Nationalgrenzen,  so  allgemein ­
  verwertbar  und  verwandelbar  in  andere  Sachgüter
erscheinen  wie  das  Gold?  Kann  es  in  unseren  wirtschaftlichen ­
  Vorstellungen  so  deutlich  ein  befriedigendes  Ende  für
jedes  Geldsystem  garantieren  wie  jenes  Metall?
Auf  alle  solche  Fragen  werden  wir  bei  Knapp  vergebens
die  Antwort  suchen,  und  vielleicht  hätte  die  »Staatliche
Theorie«  in  manchen  Punkten  revidiert  werden  müssen,  wenn
diese  Probleme  ihren  Autor  beschäftigt  hätten.  Hier  aber
soll  nur  gezeigt  werden,  wie  die  Gedankenreihen,  die
zum  Problem  des  Endes  führen,  als  Konsequenzen  einzelner
Ausführungen  Knapps  aufgefaßt  werden  könnten,  Konsequenzen, ­
  die  aber  nicht  gezogen  worden  sind.  —
Von  besonderem  Interesse  ist  nun  aber  der  §  3  des
Knapp’  sehen  Buches:  »Die  zirkulatorische  Befriedigung«.
Man  kann  nach  Knapp  ein  Zahlungsmittel  technisch  oder
zirkulatorisch  verwenden.  Für  die  technische  (reale)  Befriedigung ­
  ist  Menge  und  Beschaffenheit  des  Stoffes  maßgebend;
für  die  zirkulatorische  Befriedigung,  die  Verwendung  durch
Weitergeben,  nur  die  juristische  Eigenschaft  des  Geldes
(Seite  37).  Es  ist  selbstverständlich,  daß  Papiergeld  eine  technische ­
  Befriedigung  nicht  gewährt,  wohl  aber  Metallgeld;
        <pb n="50" />
        46  Drittes  Kapitel.  Die  Geldliteratur  und  derVersuch,  zu  Ende  zu  denken.

die  zirkulatorische  Befriedigung  gewähren  beide.  Bis  hierher ­
  ist  die  Erklärung  nur  analytisch  und  unbestreitbar.
Knapp  hat  aber  weiter  nur  die  zirkulatorische  Befriedigung
als  wesentlich  hingestellt  und  sagt:  »Das  Geld  im  allgemeinen ­
  bietet  keine  Sicherheit  der  realen  Befriedigung,  aber
es  bietet  die  unbedingt  sichere  Befriedigung  durch  zirkulatorische ­
  Verwendung.«  —  »Das  einzig  Sichere  beim  Gelde
ist  also  die  zirkulatorische  Befriedigung«  (Seite  37/38).
Es  ist  gar  nicht  zu  leugnen,  daß  auch  diese  Sätze  Knapps
einen  richtigen,  formal  logischen  Sinn  haben.  Doch  materiell
aufgefäßt,  enthalten  sie  gleichzeitig  den  Keim  zu  einer  irrtümlichen ­
  Meinung,  mindestens  aber  lassen  sie  einen  Beweis
erwarten,  der  noch  zu  führen  wäre.  Knapp  gibt  dann  weiter
zu,  daß  der  Laie  zunächst  die  vorstehenden  Sätze  als  paradox ­
  empfinden  und  nicht  zugeben  wird,  daß  der  Fetzen  Papier ­
  eine  Befriedigung  geben  könne.  Der  Beweis,  den  Knapp
dann  für  die  Richtigkeit  seiner  Auffassung  antritt,  ist  ganz
mißlungen.  Dies  ist  bereits  von  früheren  Kritikern  hinreichend ­
  deutlich  aufgezeigt  worden.  Knapp  sieht  in  dem
rein  juristischen  Trost,  daß  jeder  zuweilen  Geber  und  zuweilen ­
  Nehmer  des  Geldes  ist,  die  Lösung:  wobei  das  wirtschaftliche ­
  Bedenken  nicht  weggeräumt  wird,  daß  der  einzelne ­
  im  allgemeinen  nicht  stets  in  demselben  Maße  Schuldner ­
  wie  Gläubiger  des  Geldes  sein  wird.  Freilich,  wenn
Knapps  Beweis  völlig  mißlungen  ist,  so  sagt  diese  Feststellung ­
  noch  gar  nichts  über  die  Richtigkeit  oder  Unrichtigkeit ­
  des  zu  beweisenden  Satzes  aus.  Es  muß  weiter  erwähnt
werden,  daß  Knapp  (S.  48)  von  der  Möglichkeit  für  das  Publikum ­
  spricht,  dem  Staat  insbesondere  bei  Steuerzahlungen
das  emittierte  Geld  zurückzugeben.  Auch  hier  wird  nur  diese
formal-juristische  Möglichkeit  erwähnt,  ohne  daß  über  ihre
wirtschaftliche  Bedeutung,  über  das  entscheidende  Moment
der  Quantität,  gesprochen  würde.
        <pb n="51" />
        §  4.  Adam  Müllers  Lehre  vom  ewigen  Nationalkredit.

47

In  der  zirkulatorischen  Befriedigung  liegt  nur  ein  Teil  der
Wahrheit;  sie  bedeutet  zunächst  keine  Lösung,  sondern  nur
eine  neue  Problemstellung.  Die  Frage  bleibt  eben:  Unter
welchen  Bedingungen  ist  ein  Geldsystem  möglich,  das  einzig
auf  der  Vorstellung  der  zirkulatorischen  Befriedigung  aufgebaut ­
  erscheint?  Hier  taucht  der  Zweifel  auf:  Kann  wirklich ­
  im  Zirkulieren  eine  Befriedigung  liegen?  Muß  nicht  endlich ­
  irgendeine  Form  der  Einlösung  eintreten,  muß  nicht
solche  endliche  Einlösung  von  vornherein  zu  erwarten  sein  —
wenn  ein  Geldsystem  nicht  der  Entwertung  verfallen  soll?
Und  damit  gelangen  wir  zu  dem  Problem  des  Endes,  dem
wir  an  anderer  Stelle  nachgehen  wollen.
Der  Begriff  der  zirkulatorischen  Befriedigung  scheint  uns
bei  Knapp  in  der  Luft  zu  schweben.  Formal  bleibt  auch
Knapp  im  Rechte.  Die  Frage  nach  der  Zweckmäßigkeit  eines
Geldsystems,  nach  der  Möglichkeit  seiner  Entwertung  —
diese  Fragen  interessieren  ihn  gar  nicht.  Für  den  Nationalökonomen ­
  aber  sind  sie  Kernfragen.  Eine  Theorie,  die  mit
souveräner  Verachtung  die  Frage  nach  der  Zweckmäßigkeit
eines  Geldwesens  aus  einer  theoretisch-analysierenden  Betrachtung ­
  anschließt,  will  doch  nur  die  Schwäche  verhüllen,
•daß  sie  auf  diese  Frage  keine  Antwort  weiß.
§  4.
Adam  Müllers  Lehre  vom  ewigen  Nationalkredit.
Adam  Müllers  Theorie  vom  ewigen  Nationalkredit
würde  sich  zur  Not  in  die  Rubrik  »Anweisungstheorie«  einordnen
  lassen.  Indessen  verdient,  gerade  unter  dem  Gesichtspunkte ­
  des  Problems  vom  Ende  betrachtet,  die  Lehre  des
genialen  Romantikers  einen  besonderen  Platz.  Sie  kann  bereits ­
  als  ein  bedeutsamer  Lösungsversuch  angesehen  werden.
Freilich  darf  man  dabei  nicht  übersehen,  daß  die  Frage-
        <pb n="52" />
        48  Drittes  Kapitel.  Die  Geidliteratur  und  der  Versuch,  zu  Ende  zu  denken.
Stellung,  mit  der  wir  uns  der  Betrachtung  der  Werke  Müllers
nähern,  geeignet  ist,  einen  solchen  Versuch  uns  bewußter
und  vollständiger  erscheinen  zu  lassen,  als  er  in  Wirklichkeit
verdient.  Rückwärts  gesehen,  erscheint  er  in  einem  ganz  anderen ­
  Lichte.
Es  ist  eine  schwierige  und  mißliche  Sache,  Müllers  Geldlehre ­
  darzustellen.  Ihre  Bedeutung  liegt  zu  einem  so  erheblichen ­
  Teile  in  der  Originalität  und  Schönheit  der  Form,
daß  jeder  Versuch  einer  Inhaltsangabe,  einer  verkürzten  Darstellung ­
  in  trockenen  und  nüchternen  Ausdrücken  höchst
schwächlich  und  nichtssagend  bleiben  muß.  Aus  diesem
Grunde  können  wir  die  Nützlichkeit  der  Darstellung  Stephingers
  1  nicht  recht  einsehen,  und  glauben,  indem  wir  vor  allem
auf  Müllers  Originalschriften  verweisen,  nichts  Besseres  tun
zu  können,  als  diejenigen  Stellen  wörtlich  zu  zitieren,  die
für  unser  Thema  von  Interesse  sind.
Im  Zentrum  der  Theorie  steht  der  Begriff  des  Kredits.
In  der  Durchführung  dieses  scheinbar  ungreifbaren  und  verschwimmenden ­
  Begriffes  ist  vielleicht  die  tiefste  und  bedeutsamste ­
  Geldauffassung  enthalten,  die  wir  irgendwo  gefunden ­
  haben.
Geld,  Kredit  und  Staat  werden  für  Müller  schließlich-1
  eins:  Sie  sind  dasjenige,  was  den  einzelnen  hinaushebt  über
die  Vergänglichkeit  des  materiellen  Lebens,  was  ihn  mit  der
öattung  verknüpft  zu  unendlicher  Dauer.
Wir  führen  zunächst  die  für  uns  interessanten  Stellen  aus
der  Schrift  »Versuche  einer  neuen  Theorie  des  Geldes«
(1816)  an.
»Wie  in  der  .Seele  des  Naturforschers  unter  den  wechselnden
Erscheinungen  des  äußeren  Lebens  wie  des  äußeren  Todes,  dafern ­
  nur  beide  Erscheinungen  mit  gleicher  Gerechtigkeit  von  ihm
behandelt  werden  und  mit  gleicher  Stärke  auf  ihn  wirken,  sich
ein  steigendes  Gefühl  eines  gewissen  höheren  Lebens  entwickeln
1  Die  Geldlehre  'Adam  Müllers  1909.
        <pb n="53" />
        '§  4.  Adam  Müllers  Lehre  vom  ewigen  Nationalkredit.  49
muß,  eines  Lebens,  welches  beides,  jenes  äußere  zuerst  beobachtete ­
  Lehen  und  den  äußeren  Tod  unter  sich  begreift,  und
welches  aus  jedem  neuen  Konflikt  der  Lebens-  und  der  Todeserscheinung, ­
  die  sich  dem  Beobachter  darstellt,  in  seiner  Seele
reiner  und  deutlicher  ausgeboren  wird  —  so  wächst  und  belebt ­
  sich,  vor  den  Augen  aller  einzelnen  Zeugen  der  großen
Wechselwirkung  des  Lebens-  und  Todesprozesses  in  unserer  Nationalhaushaltung, ­
  ein  höheres  Produkt,  welches  jene  Wechselwirkung ­
  zwischen  den  gemeinen  Produkten  und  der  gemeinen  Konsumtion ­
  regiert,  umfaßt  und  garantiert,  auch  bei  jedem  neuen
Konflikt  der  Produktion  und  der  Konsumtion,  wieder  reiner  und
deutlicher  geboren  wird;  es  ist  der  Kredit,  der  Nationalkredit,,
die  Nationalmacht,  es  ist  der  Glaube  an  den  Staat  selbst.«  (Theorie
d.  G.  S.  79.)
»Denn  auch  in  der  Privatökonomie  findet  eigentlich  kein  Überschuß ­
  statt:  Das  über  die  Konsumtion  Erworbene  oder  Ersparte
muß  von  der  Gesellschaft  konsumiert  werden  oder  in  einer  erweiterten ­
  Produktion  des  Erwerbers  angelegt,  d.  h.  von  dieser
Produktion  verzehrt  werden;  was  diese  erweiterte  Produktion  ergibt, ­
  ebensowohl  als  der  dabei  angewendete  Überschuß,  muß  weiter
konsumiert  werden,  und  die  umfassendste  Produktion  dieser  Art
wäre  vergeblich,  wenn  sie  über  die  Konsumtion  oder  den  Absatz ­
  oder  das  Bedürfnis  hinausschritten.  Also  stoßen  wir  nirgends
auf  einen  absoluten  an  sich  selbst  geltenden  Überschuß,  und  solange ­
  wir  bei  den  äußeren  Erscheinungen  stehen  bleiben,  hat
die  gesamte  Ökonomie  gar  kein  Resultat.
Die  Lage  der  Sache  ändert  sich  aber  von  Grund  aus,  wenn  wir
auf  jenes  innerliche,  unsichtbare  und  dennoch  höchst  vernehmliche ­
  Produkt  Rücksicht  nehmen,  welches  durch  alle  Produktion
hindurchläuft,  und  sich  unter  allen  Erzeugungen  und  unter  allem
Verzehren  befestigt  und  wächst,  wie  der  Baum  unter  beständiger
Wiederkehr  einer  Zeit  der  Blüte,  der  Frucht  und  der  Entblätterung:
Die  bürgerliche  Gesellschaft,  die  anerkannte,  der  Glaube  an  sie,
an  die  Sicherheit  und  Zuverlässigkeit  des  gesamten  Beieinanderseins ­
  und  Miteinanderwirkens,  kurz  der  Kredit.«  (Theorie  d.  G.  S.  84).
»Es  ergibt  sich  also  für  den  Eigentümer  nie  und  an  keiner
Stelle  ein  absoluter  Überschuß,  welcher  Gegenstand  des  ausschließenden ­
  Privateigentums  für  ihn  werden  könnte;  es  ergibt
sich  für  ihn  nichts,  als  ein  unsichtbares,  aber  immer  festeres  zuverlässigeres ­
  Band  an  die  bürgerliche  Gesellschaft.  Anstatt  des  vermeintlichen ­
  Überschusses  wird  er  nur  tiefer  und  tiefer  in  die  Haushaltung ­
  und  zuglei'ch  in  die  Gesetze  der  bürgerlichen  Gesellschaft
verwoben,  und  weil  er  in  größere  Wechselwirkung  mit  dem  Ganzen ­
  tritt  und  den  Kredit  des  Ganzen  mehr  empfindet  und'  deutlicher ­
  repräsentiert  als  die  Übrigen  —  fühlt  er  sich  reicher,
nennen  wir  ihn  reicher  als  die  Übrigen.«  (Theorie  d.  G.  S.  86.)
Moll,  Logik  des  Geldes.  4
        <pb n="54" />
        50  Drittes  Kapitel.  Die  Geldliteratur  und  derVersuch,  zu  Ende  zu  denken.

»Da  aber,  wie  hinreichend  erwiesen,  was  aus  der  großen
Wechselwirkung  der  Produktion  und  der  Konsumtion  (oder  des
lebenerzeugenden  Todes  und  zum  Tode  strebenden  Lebens)
innerhalb  des  Staates  heraustritt,  nunmehr  und  deshalb  für  völlig
und  absolut  tot  zu  achten  ist,  so  kann  erstens  die  gesamte  Haushaltung ­
  keinen  anderen  und  geringeren  Zweck  haben,  als  den
Nationalkredit  oder  den  Glauben  an  den  Staat,  und  zweitens  kann
kein  absolut  gesondertes  Privateigentum  stattfinden.«  (Theorie  d.
G.  S.  86-87.)
Alle  einzelnen  Bedürfnisse  lassen  sich,  wie  ich  schon  oben
gezeigt,  auf  ein  einziges  Hauptbedürfnis  reduzieren:  Der  Mensch
will  sich  vervollständigen,  verewigen;  er  will  sich  über  die  eigene
Gebrechlichkeit,  Unvollständigkeit,  Vergänglichkeit  zur  Gesundheit, ­
  Fülle  und  Dauerhaftigkeit  des  ganzen  Geschlechtes  erheben,
in  welchem  er  lebt,  sich  selbst  erkannt  hat,  seiner  selbst  bewußt
worden  ist.«  (Theorie  d.  G.  S.  105.)
»Das  Verlangen  nach  dem  Gelde  ist  ein  bloßer  unvollkommener
Repräsentant  des  höheren  Verlangens  nach  der  Vereinigung,  nach
dem  Staate;  und  es  gilt  unter  allen  diesen  Verwicklungen  des
ökonomischen  Lebens  noch  heute,  daß,  wer  in  dem  Gelde  irgendetwas ­
  anderes  begehrt,  als  die  bürgerliche  Gesellschaft,  welche
die  Materie  des  Geldes  nur  symbolisch  andeutet,  oder  wer  diese
Materie  an  sich  begehrt,  nie  befriedigt  werden  könne.  Daher
habe  ich  an  einem  anderen  Orte  gezeigt 1 ,  wie  das  Geld  eigentlich
nichts  anderes  sei  als  die  Eigenschaft  der  Geselligkeit,  welche  im
größeren  oder  geringeren  Grade  allen  Dingen  innewohne,  und
daß  unter  den  Sachen  besonders  die  edlen  Metalle,  unter  den
Personen  aber  noch  in  viel  vollkommenerer  Gestalt  der  wahre
Staatsmann  diese  Eigenschaft  an  sich  trage.«  (Theorie  d.  G.
S.  156.)
»Das  Geld  ist  so  wenig  als  der  Staat  oder  die  Sprache  eine  Erfindung. ­
  Der  Mensch,  inwiefern  er  nur  überhaupt  da  ist,  bedarf
Personen  und  Sachen:  Die  Sachen  um  der  Personen,  die  Personen ­
  um  der  Sachen  willen,  beide  um  seiner  Unvollkommenheit
willen,  beide,  um  sich  zu  ergänzen,  um  sich  zu  verewigen.  Er  bedarf ­
  also  außer  sich  selbst  noch  eines  Bandes,  das  ihn  mit  den
Personen  und  Sachen  unauflöslich  verbinde  und  wiewohl  sein
eigenes  unnachlassendes  Bedürfnis  nach  jener  Gemeinschaft
schon  diese  Verbindung  vollzieht,  so  wird  er  doch  derselben  sich
nur  bewußt,  inwiefern  er  in  den  Personen  und  Sachen  das  gleiche
Bedürfnis  wahrnimmt.  Das,  was  diese  Verbindung  vollzieht,  ist
in  den  spätesten  Entwicklungen  der  bürgerlichen  Gesellschaft,
wie  in  den  frühesten  Anfängen  derselben  der  Staat;  und  Geld  ist
nichts  anderes  als  der  ökonomische  Ausdruck  für  dieses  Bedürf-1

  Elemente  der  Staatskunst.  II.,  III.  Teil.
        <pb n="55" />
        §  4.  Adam  Müllers  Lehre  vom  ewigen  Nationalkredit.  51

nis  der  Vereinigung  oder  für  den  Staat;  so  wie  Gesetz  der  juristische ­
  Ausdruck  dafür  ist.«  (Theorie  d.  G.  S.  158.)
Alle  Individuen  im  Staate,  sowohl  Menschen  als  Sachen,
haben  einen  doppelten  Charakter:  zuerst  sind  sie  etwas  für  sich
oder  an  sich;  dann  aber  sind  sie  auch  noch  etwas,  als  Geld.«
(Aus  »Die  Elemente  der  Staatskunst«  Berlin  1809,  Band  11.  S.  194.)
Wenn  man  mich  aber  fragt,  was  in  Österreich  eigentlich  Geld
sei  und  die  äußeren  Verhältnisse  der  Individuen  vermittle  und  auseinandersetze, ­
  so  sage  ich:  Ein  kaiserliches  Wort,  ein  Nationalwort, ­
  welches  hier  vermittels  der  Teilbarkeit,  Beweglichkeit  und
Deutlichkeit  des  Papiers  zum  allgemeinen  ökonomischen  Auseinandersetzungs-
  und  Vermittlungsinstrument  wird,  wie  dasselbe
kaiserliche  oder  Nationalwort  wieder  dort,  vermittels  der  Klugheit, ­
  Beweglichkeit  und  Gesetzmäßigkeit  einer  großen  Anzahl  von
Richtern  und  Beamten  aller  Art,  zum  juristischen  Auseinandersetzungs-
  und  Vermittlungsinstrumente.«  (Elemente,  II.  S.  197.)
»Indes,  diese  ganze  Auseinandersetzung  soll  weiter  nichts  beweisen, ­
  als  daß  die  Idee  der  gesellschaftlichen  Bedeutung  keineswegs ­
  an  das  Metallgeld  gebunden  ist  und  daß  der  erste  Schritt
aller  wahren  Erwägung  der  Staats-  und  Nationalökonomie  der  sei,
daß  man  jenes  absolute  und  instinktartige  Haften  am  Metallgelde
unmöglich  mache,  indem  man  zeigt,  daß  das  Geld  eine  Idee,
oder  eine  allen  Individuen  der  bürgerlichen  Gesellschaft  inhärierende
  Eigenschaft  ist.  In  dem  Maße,  wie  der  Mensch  selbst  seinen
bürgerlichen  Charakter  erweitert  und  in  immer  mehreren  zum  Bedürfnisse ­
  wird:  In  dem  Maße  wird  er  selbst  immer  mehr  zum
wahren  Gelde,  in  dem  erhabenen,  nur  ideenweise  und  lebendig
zu  erkennenden  Sinne  des  Wortes,  den  ich  aufgestellt  habe.  Also
es  gilt  von  den  gegenwärtig  so  genannten  Personen,  wie  von  den
so  genannten  Sachen;  insofern  diese  Geldeigenschaft  durch  Fabrikation, ­
  Industrie  und  nützliche  Verarbeitung  aller  Art  an  den
Sachen,  durch  Geschicklichkeit,  Brauchbarkeit,  Nationalsinn  usw.
an  den  Personen  immer  mehr  ausgebildet  wird:  Insofern  wächst
der  Nationalreichtum,  und  die  hier  beschriebene  »Idee  des  Geldes
ist  das  eigentliche  und  ewige  Objekt  des  Nationalreichtums.  Daß
alle  Individuen  im  Staate  den  Charakter  des  Geldes  annehmen
oder  immer  mehr  zu  wahrem  Gelde  werden;  daß  sich  ihr  wahrer
Wert  im  Tausch,  im  Verkehr,  im  geselligen  Leben,  daß  sich,  wie
ich  es  noch  bezeichnender  nannte:  ihr  bürgerlicher  Charakter  erhöhe: ­
  dahin  geht  das  große  und  eigentliche  nationale  Leben  des
Staatswirtes.  —  Je  mehr  jedes  einzelne  Individuum  im  Staate,
Sache  oder  Person,  mit  allen  übrigen  in  Beziehungen  tritt,  je  mehr
es  sich  also  zu  Gelde  macht,  um  so  konzentrierter  und  lebendiger
wird  der  Staat,  um  so  gewandter  bewegt  er  sich,  um  so  größere
Kraftleistungen  kann  er  hervorbringen,  um  so  mehr  kann  er  produzieren. ­
  —  (Elemente,  II.  S.  198  199.)

4
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        52  Drittes  Kapitel.  Die  Geldliteratur  und  der  Versuch,  zu  Ende  zu  denken.
»Könnte  das  wahre  Geld,  die  lebendige  Einheit,  der  lebendige
Maßstab  und  Wert  der  Dinge,  welchen  ich  Ihnen,  wie  es  sich
gehört,  als  ein  vollständiges  und  unendliches  Gedankenbild  vorgehalten ­
  habe,  je  vollkommen  in  Zahlen  oder  in  Metallen  ausgedrückt ­
  werden,  so  hätte  alle  Nationalökonomie  der  Erde  in
demselben  Augenblick  ihre  Seele  ausgehaucht;  da  hingegen,  weil
dieses  unmöglich  ist,  nunmehr  alle  folgenden  Geschlechter  die
schöne  Aufgabe  erhalten,  sie  immer  reiner  und  vollkommener  auszudrücken.« ­
  (Elemente,  II.  S.  282/283.)
»So  aber  leben  die  Menschen,  1.  im  Verkehr  mit  der  großen
Gesellschaft,  mit  dem  Staate,  mit  der  Menschheit;  2.  im  Verkehr ­
  mit  allem,  was  die  Erde  erzeugt:  Sie  haben  unzählige  sächliche, ­
  erhaltende  und  geistige  Bedürfnisse.  Sie  bedürfen  also  einer
allgegenwärtigen  Kraft,  durch  welche  das  Entfernteste  und  das
Nächste  miteinander  in  Verbindung  gesetzt,  und  die  kleine  Stelle,
welche  der  physische  Mensch  auf  der  Erde  einnimmt,  ins  Unendliche ­
  erweitert,  die  kurze  Dauer,  welche  seiner  physischen
Existenz  zuteil  geworden  ist,  über  ganze  Jahrhunderte  ausgedehnt
wird.  Diese  allgegenwärtige  Kraft,  juristisch  ausgedrückt,  heißt
Souverän  oder  Rechtsidee;  ökonomisch  ausgedrückt,  heißt  sie
Geld.  —«  (Elemente,  II.  S.  296.)
»Der  Staatsmann  also,  der  diese  Wechselwirkung  des  auswärtigen ­
  und  einheimischen  ökonomischen  Lebens  zu  nähren  hat,
muß  unaufhörlich  das  Nationalgeld  und  die  Metalle,  oder  das  Universalgeld, ­
  vermitteln;  er  muß  das  über  diese  beiden  Geldsorten
erhabene,  höhere,  ,lebendige'  Geld  sein.  —«  (Elemente,  III.
S.  203  204.)
Es  gibt  eine  Art  endlicher  Befriedigung,  die  in  jenem  Einswerden ­
  von  Geld,  Kredit  und  Staat  liegt.  Als  ihr  unvollkommener
Repräsentant  besteht  die  zeitliche  Befriedigung  im  Metallgeld.
»So,  nun  sind  allen  Völkern  der  Erde  mit  wenigen  nicht  in
Betracht  kommenden  Ausnahmen  —  trotz  aller  Verschiedenheit
der  Klimate,  Sprachen  und  Sitten  —  zwei  höchste  Güter  gemein:
Die  Idee,  Gott;  und  das  Reale,  Gold.«  (Elemente,  III.  S.  165.)
»Die  Überschüsse  der  Produktion  werden  auf  Metall  reduziert
und  darin  umgesetzt;  unter  allen  körperlichen  Waren  sind  es  die
Metalle,  deren  Konsumtion  am  langsamsten  und  unmerklichsten
vonstatten  geht,  und  so  sind  sie  es  auch,  die  am  meisten  den
Wahn  begünstigen,  als  gäbe  es  wirklich  etwas  von  der  Konsumtion ­
  Eximiertes,  weshalb  die  Merkantilisten  denn  auch  ihre  Akquisition ­
  für  den  Hauptzweck  aller  Haushaltung  hielten:  Es  scheint
nun  etwas  über  die  Konsumtion  Erhabenes,  dem  ökonomischen
Tode  Entzogenes  verbanden  zu  sein,  welches  Kapital  genannt  wird.
Dennoch  muß  auch  dieses  Kapital  wieder  angelegt  werden,  wenn
die  Welt  es  nicht  selbst  totes  Kapital  nennen  soll.  Es  kehrt  also
zur  Konsumtion  zurück,  es  kann  also  nur  dadurch  lebendig  erhalten
        <pb n="57" />
        §  4.  Adam  Müllers  Lehre  vom  ewigen  Nationalkredit.  53
werden,  daß  es  wieder  verzehrt  wird;  wenn  es  dem  Verzehren,
d.  h.  dem  Tode  abgegeizt  oder  entzogen  würde,  so  wäre  es  erst
dadurch  recht  tot.  (Versuche  einer  neuen  Theorie  des  Oeldes,
1816,  S.  85.)
»Da,  wo  das  Auge  die  Welthaushaltung,  das  Weltgesetz  in
seinen  ganz  großen  Zügen  sucht,  im  Völkerverkehr,  wo  kein  irdischer ­
  Arm  das  Gesetz  mehr  aufrechterhalten  kann  und  wo  es  sich
selbst  durch  sein  unendliches  Mittlertum  behaupten  muß  —  zeigen 1
sich  Massen  des  Todes,  übereinander  gehäufte  Bilder  des  Unterganges, ­
  und  wie  jene  unglücklichen  Naturforscher,  die  den  Tod
nicht  zu  besiegen  wußten,  also  die  Lebenserscheinungen  zusammendrängten, ­
  um  das  ynmer  mehr  entweichende  Leben  zu  greifen
und  zu  fassen,  so  irren  die  vereinzelten,  aus  dem  Zusammenhang
ihrer  Geschäfte  herausgerissenen  Menschen  umher;  ohne  Rat
gegen  den  Untergang,  halten  sie  sich  an  den  einzelnen  Planken
des  zerscheiterten  Lebens,  sammeln  und  häufen  die  einzelnen
Güter,  die  vom  Geiste  der  Gesellschaft  entblößt,  also  wertlos  geworden ­
  sind,  streben  also  vor  allen  Dingen  nach  jener  Ware,  die
an  Expansion  und  Kontraktion,  an  Beweglichkeit  und  Dauerhaftigkeit ­
  dem  höheren  Gute,  welches  sie  verloren  haben,  am  ähnlichsten
ist,  nämlich  dem  edlen  Metalle.
'  Sie  suchen  Surrogate  nicht  bloß  für  den  verlorenen  Verkehr
mit  dem  Indien,  sondern  auch  für  den  verlorenen  natürlichen  Verkehr ­
  untereinander,  und  sehr  schicklich  fällt  ihre  Wahl  auf  die
edlen  Metalle,  denn  die  edlen  Metalle  haben  unter  allen  Waren
den  größten  kosmopolitischen  Charakter,  können  ferner  am  schärfsten ­
  in  die  verlangten  Teile  abgesondert  und  auseinander  gesetzt
werden,  ihre  Substanz  endlich  ist  in  allen  Formen  und  Portionen
die  gleichförmigste.  So  entsprechen  sie  sehr  genau  den  drei  Haupttendenzen ­
  dieses  zersprengten  Geschlechts,  nach  dem  schrankenlosen ­
  Universum  der  allgemeinen  Konkurrenz,  nach  dem  streng
abgesonderten  und  auseinander  gesetzten  Privateigentum  und  nach
einem  bloßen  Zahlen-,  Summen-  und  Massenleben.«  (Theorie  d.
G.  S.  97.)
Unter  den  Sachen  sind  es  die  edlen  Metalle,  unter  den  persönlichen ­
  Kräften  des  Menschen  ist  es  das  Wort,  von  denen  jedes  in
seiner  Sphäre  die  Vereinigung  vollzieht,  die  der  Mensch  unaufhörlich ­
  unter  allen  seinen  persönlichen  und  sächlichen  Angelegenheiten ­
  zu  stiften  strebt.  Die  edlen  Metalle  sind  das  natürlichste
Band  unter  den  Sachen,  das  Wort  ist  das  natürlichste  Band  unter
allen  persönlichen  Kräften.  Das  Wort  und  das  edle  Metall
sind  also  die  beiden  großen  Formen,  unter  denen  das  Geld  erscheint, ­
  die  beiden  großen  Versinnlichungen  des  ökonomischen
Staates.  Keines  von  beiden  allein  und  für  sich  drückt  das  Wesen
des  Geldes  vollständig  aus.  Wer  also  eine  bloß  materielle  Anschauung ­
  des  Geldes  hätte,  oder  wer  es  bloß  im  edlen  Metalle
        <pb n="58" />
        54  Drittes  Kapitel.  Die  Geldliteratur  und  derVersuch,  zu  Ende  zu  denken.

begriffe,  hätte  von  dem  Wesen  des  Geldes  und  weiterhin  von
seinem  Leben  und  seinem  Umlauf  eine  ebenso  falsche  und  tote
Vorstellung  als  derjenige,  der  eine  bloß  idealische  Anschauung
desselben  nährte,  d.  h.,  der  es  nur  als  Wort,  als  fixiertes  Wort,
im  Münzstempel  oder  auf  dem  Papier  zu  begreifen  wüßte.
(Theorie  d.  G.  S.  158/9.)
»Zwanzig  Pfund  Sterling  heißt  also  nicht  400  derjenigen  Schillinge, ­
  von  denen  62  ein  Pfund  Troy  reinen  Silbers  ausmachen,
sondern  20  Teile  von  England,  von  dem  Glauben  an  England  oder
20  Teile  des  Kredites  von  England.  (Theorie  d.  G.  S.  237.)
»Indes  so  gut  wie  das  Privatprodukt,  die  einzelne  Ware,  welche
der  Privatmann  erzeugt  oder  besitzt,  und  die  in  seiner  Privathaushaltung ­
  dieselbe  Geldfunktion  verrichtet,  die  in  der  Nationalhaus  •
haltung,  das  edle  Metall  —  erst  realisiert  werden  muß,  erst  in
die  allgemeine  Ware  verwandelt  werden,  wenn  die  Ökonomie  fortrücken ­
  soll,  ebenso  gut  muß  auch  der  Privatkredit  erst  realisiert,
erst  im  allgemeinen  in  Nationalkredit  verwandelt  werden.  Die  allgemeine ­
  Ware,  die  Realität,  in  welche  die  Waren  umgesetzt  werden, ­
  wenn  sie  nach  unserer  Benennung  realisiert  werden,  ist  das
Metallgeld.  In  Staaten,  wo  nur  eine  Metallzirkulation  existiert,
wo  das  Metall  das  einzig  ökonomisch  Allgemeine  ist,  kann  auch
der  Privatkredit  wieder  in  nichts  anderem  realisiert  werden,  als
in  Metallgeld;  es  ist  also  klar,  daß  in  solchen  Staaten  (wenn  sie
überhaupt  noch  den  Namen  Staat  verdienen),  die  Schwerfälligkeit,
Unnachgiebigkeit  des  Metalls,  welches  nur  durch  seine  Masse  gilt,
sich  allen  einzelnen  Geschäften  mitteilt;  während,  wenn  aller  Privatkredit ­
  ebenso  gut  seinen  eigentümlichen  Mittelpunkt  hätte,  als'
alle  Privatwaren  in  dem  Metallgeld  den  ihrigen  haben,  die  zur
Massenkraft  des  Metalls  notwendige  Seltenheit  desselben  geschont
und  dennoch  das  Geschäft  durch  eine  Garantie  ganz  anderer  Art
als  der  Masse,  sichergestellt  werden  könnte.  (Theorie  d.  G.
S.  254/5.)
»Ja,  wenn  man  in  Anschlag  bringt,  daß  das  Gold  unter  allen
Verhältnissen  viel  leichter  wieder  zu  gewinnen  ist,  als  ein  hundertjähriger ­
  Kredit,  und  daß  auch  die  Materie  des  Goldes,  wenn  sie
einmal  verloren,  nicht  immer  mit  bloßer  Privatkraft  wieder  zu  ersetzen ­
  ist,  so  müßte  man,  wenn  für  die  Haushaltung  von  Großbritannien ­
  überhaupt  eine  Gefahr  wäre,  eine  viel  größere  Gefahr
darin  finden,  wenn  die  Bank  von  England,  auch  ohne  Bankerott,
durch  freies  Einziehen  ihrer  Noten  einginge  und  die  Achse  der
Ökonomie  nunmehr  bloß  aus  Guineen  bestände,  als  da,  wie  es
jetzt  der  Fall  ist,  das  Gold,  das  ebenso  leicht  wiederkehrt  als  verschwindet, ­
  sich  entfernte,  und  Banknoten  alle  Kreditgeld-  und  Metallgeldfunktionen ­
  zugleich  verrichteten.«  (Theorie  d.  G.  S.  277.)
»Das  Weltgeld  nun,  so  gut  als  das  Nationalgeld,  zerfällt  wieder ­
        <pb n="59" />
        §  4.  Adam  Müllers  Lehre  vom  ewigen  Nationalkredit.  55

um  in  zwei  einander  ewig  bedingende  Geldformen,  in  Kreditgeld
und  Sach-  (oder  Metall-)geld.«  (Theorie  d.  G.  S.  284.)
&amp;gt;  Aber  das  Metallgeld  in  seiner  traurigen  Beschränkung  wird
mehr  und  mehr  verdrängt  werden  aus  unseren  Staaten,  und  also
auch  aus  der  Theorie;  es  wird  für  Idas  höhere  ökonomische  Leben
immer  unzureichender  befunden  werden,  wie  es  schon  in  so
vielen  Staaten  der  Fall  gewesen  ist.  Das  wahre,  ewige  Geld  wird
deutlich  zum  Vorschein  kommen,  und  jede  einzelne  Ökonomie,
wie  es  sich  gehört,  in  dessen  Schicksale  und  so  wieder  in  das  Interesse ­
  der  Nationalkraft,  in  den  wahren  und  ewigen  ,interet  generaF,
  verflochten  werden.  .  (Die  Elemente  der  Staatskunst,  Berlin
180»  11.  Band,  S.  206.)
Metallgeld,  haben  wir  gesehen,  hat,  wie  groß  auch  sein  Gebrauchswert ­
  sein  möge,  sehr  bestimmte  Schranken:  Die  höheren
Bedürfnisse  des  Menschen,  an  denen  seine  Natur  erkannt  und  von
der  tierischen  unterschieden  wird,  können  durch  Metallgeld  nicht
mehr  befriedigt,  vermittelt  und  ausgeglichen  werden.  Der  Geist
der  Gesellschaft,  der  wahre  Nationalgeist  muß  selbst  ans  Licht
treten,  und  mit  ihm  muß  gezahlt  werden.«  (Elemente,  II.  S.  296.)
»Warum  die  österreichischen  Finanzen  einen  geringen  Wert  auf
das  weltökonomische  Symbol-  oder  Metallgeld  legen  durften,  warum ­
  ihnen  eine  Papierzirkulation  früher  verstattet  war  und  warum
die  Zuflucht  des  Thesaurierens  nicht  ergriffen  zu  werden  brauchte,
ist  klar;  es  liegt  in  dem  innerlich  gleich  wichtigen  und  durch  ein
halbes  Jahrtausend  konsolidierten  ökonomischen  Bau  dieser  Monarchie. ­
  Wie  vielen  Tadel  die  ökonomische  Administration  derselben ­
  auch  verdient  hätte  und  wie  wenig  sie  selbst  auch  ihre  unersetzlichen ­
  Vorzüge  hätte  würdigen  mögen  —;  sie  hatte  eine
eigentümliche  nationalökonomische  Kraft,  welche  der  preußischen
Monarchie  mangelte  und  welche  den  Strömungen  des  Welthandels
und  der  Alleinherrschaft  des  Geldes  entgegengesetzt  werden
konnte.  —«  (Elemente,  111.  S.  196.)
»Die  edlen  Metalle  können  überhaupt  durch  nichts  ersetzt ­
  werden,  als  durch  Nationalität:  diese,  oder  politische
Unabhängigkeit  ist  allein  imstande,  sie  in  ihre  Grenzen  zurückzuweisen. ­
  Sobald  aber  das  Band  der  Nationalität  schlaffer  und  die
politische  Abhängigkeit  möglich,  wenn  auch  noch  nicht  wirklich ­
  wird,  offenbart  sich  dies,  ohne  daß  erst  eine  weitere  äußere
Veranlassung  hinzuzukommen  braucht,  in  steigender  Nachfrage
nach  dem  Metallgelde,  der  einzigen  Stütze,  welche  übrig  bleibt,
wenn  das  Ideengebäude  des  Staates  nicht  mehr  auf  sich  selbst
ruhen  und  sich  selbst  tragen  will.  —«  (Elemente,  III.  S.  197.)  -
Die  von  anderen  gerügte  Verschwommenheit  der  Begriffe
Müllers,  ihre  romantische  Verklärung,  bedeutet  in  der
        <pb n="60" />
        56  Drittes  Kapitel.  Die  Oeldliteratur  und  der  Versuch,  zu  Ende  zu  denken.
Geldlehre  vielleicht  nichts  anderes  als  die  Offenbarung  der
Erkenntnis,  daß  das  statische  Geldproblem  eine  einfache,
glatte  Lösung  nicht  zulasse.  Bringt  nicht  das  Problem  des
Endes  die  Vernunft  mit  sich  selbst  in  Widerstreit,  wenn  man
es  streng  rational  zu  lösen  versucht?  Und  wenn  der  Begriff
der  Unendlichkeit  und  das  Postulat  des  Glaubens  an  den  sich
vervollkommnenden,  sich  entwickelnden  Staat  wesentliche
Bestandteile  der  Müllersehen  Lehre  sind,  so  wird  man  zwar
heute  versuchen  müssen,  auch  ohne  sie  das  Problem  vom
Ende  zu  lösen,  aber  zuweilen  werden  uns  doch  Zweifel  kommen, ­
  ob  die  bloße  Analyse  der  Eigenschaften  des  Metall-  und
Papiergeldes  je  ausreichen  wird,  eine  vollkommen  befriedigende ­
  Geldlehre  zu  schaffen.  Liegt  nicht  vielleicht  gerade
das  Geniale  der  Müllerschen  Lehre  darin,  daß  sie  eine  Beseelung ­
  des  toten  Stoffes  versucht  durch  Zuhilfenahme  von
Elementen,  die  rein  verstandesmäßig  nicht  restlos  zerlegbar,
sondern  gefühlsmäßiger  Natur  sind?  So  wäre  es  kein  Zufall, ­
  daß  der  Begründer  der  bedeutendsten  Geldlehre  ein  Romantiker ­
  war.  Keine  Schwäche,  sondern  gerade  die  Stärke
Adam  Müllers  liegt  darin,  daß  seine  Geldtheorie  mit  der
Lehre  von  Staat  und  Wirtschaft  untrennbar  verwachsen  ist.
Wer  wie  Stephinger  an  dem  Ausspruch  Müllers,  »der
Staatsmann  sei  das  wahre  Geld«,  Anstoß  nimmt,  dem  muß
man  sagen,  so  unliebenswürdig  es  klingt,  daß  er  Adam  Müller
nicht  verstanden  habe.  Müller  kennt  die  Grenzen  des  Metallismus, ­
  er  sieht,  wie  atomistisch  und  individualistisch,  wie
wenig  soziologisch  ein  einseitiger  Metallismus  gedacht  ist.
Und  doch  erkennt  er  wieder,  im  Gegensatz  zu  den  »Modernen«,
im  Metallgeld  den  vornehmsten  Repräsentanten  »zeitlicher«
Befriedigung.  Er  würdigt  die  Bedeutung  des  Papiergeldes
und  kennt  doch  die  Grenze  für  dessen  Geltung.  Das  Geld
überhaupt  bleibt  ihm  nur  Vermittler,  und  doch  erschließt  es
nach  ihm  bei  richtiger  Auffassung  die  Bedeutung  des  Staates
        <pb n="61" />
        §  4.  Adam  Müllers  Lehre  vom  ewigen  Nationalkredit.  57

und  der  Staatswirtschaft.  Vielleicht  hat  nie  eine  Qeldlehre
sich  so  von  den  Fehlern  des  Metallismus  wie  des  Nominalismus ­
  gleichzeitig  ferngehalten,  nie  eine  Lehre  so  vollkommen
die  wahren  Erkenntnisse  beider  in  sich  vereinigt;  selten
wohl  ist  abstraktes  Denken  bis  zu  den  äußersten  Konsequenzen ­
  in  so  eminentem  Maße  mit  einer  klaren  Anschauung
des  Wirklichen  vereinigt  gewesen,  selten  auch  mit  solcher
Kühnheit  das  Mögliche  bis  in  die  fernsten  Fernen  vorausgesehen ­
  worden.  Selten  sind  die  nüchternen  Begriffe  der  Wirtschaftswissenschaft ­
  in  so  wunderbar  poetischer  Verklärung
erschienen  wie  hier.
Und  dennoch  können  wir  heute  auch  in  Müllers  Lehre
nicht  eine  endgültige  und  befriedigende  Lösung  des  Problems
vom  Ende  sehen,  —  wobei  freilich  dahingestellt  bleiben  muß,
ob  eine  solche  überhaupt  denkbar  ist.
Warum  der  Begriff  der  Unendlichkeit,  auf  das  Leben  der
Staaten  angewandt,  in  der  wirtschaftlichen  Logik  keine  so
große  Rolle  spielen  darf  wie  bei  Müller,  das  soll  im  folgenden ­
  Abschnitt  gezeigt  werden.
        <pb n="62" />
        Viertes  Kapitel.
Eigener  Lösungsversuch:  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen ­
  Theorie  des  Geldes.
§  1-Die
  wirtschaftliche  Logik.
Die  Juristen  haben  es  besser  als  die  Nationalökonomen.
Sie  brauchen  nicht  so  lange  wie  wir  nach  einer  »Stütze«  zu
suchen,  an  die  sie  sich  halten  können,  nach  einem  Begriff
oder  Satz,  der  für  sie  objektive  Gültigkeit  hat.  Allerdings  ist
es  fraglich,  ob  z.  B.  der  juristische  Begriff  der  Vermögenssteuer ­
  leichter  auffindbar,  enger  begrenzt  und  unzweideutiger ­
  ist  als  irgendein  volkswirtschaftlicher.  Man  vergleiche
nur  die  verschiedenen  hier  in  Betracht  kommenden  deutschen
Gesetze  untereinander  mit  denen  früherer  Zeiten  und  anderer ­
  Länder!  Immerhin,  jedes  einzelne  Gesetz  hat  hier  einen
bestimmten  Begriff  der  Vermögenssteuer  und  des  Vermögens, ­
  der  entweder  definiert  oder  stillschweigend  vorausgesetzt ­
  wird.  Dieser  Begriff  ist  dann  für  gewisse  praktische
und  wissenschaftliche  juristische  Zwecke  eindeutig  bestimmt,
fest  gegeben.  In  den  historisch  verankerten  Gesetzen  hat
der  Jurist  so  etwas,  was  für  ihn  innerhalb  bestimmter  Grenzen ­
  »objektive« 1  Geltung  besitzt,  er  hat  darin  einen  Ausgangspunkt, ­
  einen  Halt.  Der  Hochmut,  den  einzelne  Vertreter ­
  der  juristischen  Wissenschaft  und  Praxis  dem  Nationalökonomen ­
  gegenüber  zur  Schau  tragen,  beruht  zu  einem
Teile  in  der  Überschätzung  jener  Stütze,  die  dem  Nationalökonomen ­
  nicht  gegeben  scheint.  Der  Jurist  übersieht  dann,
daß  die  Nationalökonomie  es  ist,  die  »de  lege  ferenda«  denkt
und  urteilt,  und  die  erst  die  Grundlagen  schafft,  auf  denen

5  »Objektiv«  hier  im  Sinne  von  »von  außen  gegeben«.
        <pb n="63" />
        §  1.  Die  wirtschaftliche  Logik.

59

jene  in  den  »objektiven«  Gesetzen  gegebenen  »Stützen«  selbst
ruhen.  Manche  tüchtigen,  im  Alltagsleben  erfahrenen  Juristen ­
  können  sich  nicht  zur  Höhe  einer  wirklich  allgemeinen,
theoretischen  oder  aber  großzügig-historischen  Betrachtungsweise ­
  erheben.  Ihr  Denken  macht  halt,  lange  bevor  es
an  die  Stelle  gekommen  ist,  wo  man  vorurteilslos  nach  den
wahren  Ursachen,  den  echten  Motiven  einer  Gesetzgebung
fragt,  wo  die  Relativität  der  Bedeutung  jener  Stützen  zum
Vorschein  kommt,  wo  das  Historisch-Zufällige  daran  als  solches ­
  erkannt  wird.
Es  scheint  uns  nun  aber,  als  ob  auch  die  Nationalökonomen
und  überhaupt  die  wirtschaftlich  denkenden  Menschen  trotz
aller  Kontroversen  über  ihre  Grundbegriffe  und  Grundsätze
gewisse  Normen  anerkennten.  Nur  sind  sie  sich  dessen  nicht
bewußt.  Die  wirklichen  Differenzen  der  Anschauung  sind  bei
uns  geringer  als  man  glaubt,  und  dies  wird  nur  deshalb  nicht
erkannt,  weil  man  sich  nicht  darüber  klar  ist,  daß  man  so
oft  von  verschiedenen  Voraussetzungen  ausgeht,  bei  gleichen
Voraussetzungen  aber  zu  gleichen  Resultaten  gelangen
würde.  Es  gibt  eine  Norm,  die  man  »wirtschaftliche  Logik«
nennen  könnte.  Ihre  Begriffe  und  Sätze  haben  einen  ziemlich ­
  allgemeinen  und  formalen  Charakter.  Man  kann  von
wirtschaftlichem  Denken  und  von  wirtschaftlichen  Vorstellungen ­
  schlechthin  reden.  Menschen,  die  die  Voraussetzungen ­
  des  Privateigentums,  der  Arbeitsteilung,  der  Verkehrsfreiheit ­
  und  der  Geldwirtschaft  als  etwas  Selbstverständliches ­
  ihrem  Denken  zugrunde  legen,  müssen  mit  Notwendigkeit ­
  zu  bestimmten,  allgemeinen,  gleichen  Postulaten
betreffs  der  Einrichtungen  und  Phänomene  des  Wirtschaftslebens ­
  gelangen;  z.  B.  auch  betreffs  solcher  Eigenschaften
des  Geldes,  die  auf  den  ersten  Blick  nicht  mit  dem  Begriffe
der  Geldwirtschaft  gegeben  erscheinen.  Wir  behaupten:  Die
wirtschaftlichen  Vorstellungen  dieser  Menschen  —  gleichviel
        <pb n="64" />
        60  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

wie  weit  sie  an  die  Oberfläche  des  Bewußtseins  gelangen
werden  —  verlangen  ungeachtet  aller  individuellen  Verschiedenheit ­
  des  Geldbegriffs,  daß  der  Besitz  von  Geld
schließlich  zu  irgendeiner  materiellen  (oder  auch  immateriellen) ­
  Befriedigung  führe,  die  entweder  unmittelbar ­
  am  Stoffe  des  Geldes  möglich  werde  oder
aber  durch  Einlösung  in  anderen  Gütern  oder  Diensten.
Man  wird  vielleicht  sagen,  dies  sei  etwas  Selbstverständliches ­
  und  Nichtssagendes,  und  vorstehende  Erörterungen  daher ­
  überflüssig.  Aber  wenn  man  unsern  Satz  zugesteht,  so
hat  man  damit  von  vornherein  alle  Theorien  abgelehnt,  die
in  dem  bloßen  Zirkulieren  das  Wesen  des  Geldes  sehen,  ohne
weitere  Fragen  zu  stellen.  Damit  ist  man  über  Knapp  und
die  Anweisungstheorie  hinausgegangen:  Sie  fragten  gar
nicht  nach  der  Einlösung.  Aber  auch  den  orthodoxen  Metallismus ­
  hat  man  abgelehnt:  Er  sah  die  Einlösung  nur  im.
Metall.
Freilich,  das  Neue  unserer  Auffassung  liegt  nicht  so  sehr
in  der  besonderen  Vorstellung  der  Einlösung  an  sich,  als  ia
der  Betonung  der  logischen  Erkenntnis,  daß  das  Geld  nicht
ist,  sondern  gedacht  wird  (vgl.  S.  21).  Nicht  ob  dieser  oder
jener  Staat  sein  Geld  wirklich  jemals  einlösen  kann  oder
will,  nicht  ob  er  durch  irgendein  privates  oder  öffentliches
Recht  dazu  verpflichtet  wird,  interessiert  uns,  sondern  nur
die  Frage:  Wie  stellen  wir,  als  wirtschaftende  Menschen,
uns  das  Geld  und  das  Ende  des  Geldes  vor,  und  welche  Vorstellungen ­
  liegen  etwa  im  Unterbewußtsein?  Es  fragt  sich  nun
weiter:  Besitzen  jene  Vorstellungen  der  wirtschaftlichen  Logik ­
  irgendwelche  Realität?  Sind  sie  mehr  als  eine  willkürliche
Konstruktion?  Und  da  antworten  wir:  Allerdings!
Ist  es  doch  diese  wirtschaftliche  Logik,  die  sich  in  den
Handlungen  der  Menschen  schließlich  durchsetzt.  Sie  setzt
sich  durch  mit  Hilfe  des  feinen  und  komplizierten  Mechanis ­
        <pb n="65" />
        §  1.  Die  wirtschaftliche  Logik.

61

mus  der  Börse,  durch  den  Instinkt  und  die  Berechnungen
großer  Kaufleute,  Bankiers,  Spekulanten  und  Machthaber.
Sie  setzt  sich  durch  in  dem  scheinbaren  »Aberglauben«  der
großen  Volksmasse,  der  sich  vereinigt  mit  einer  Erkenntnis,
die  wieder  auf  die  in  Jahrhunderten  gemachten  Erfahrungen
mit  nichtstoffwertvollem  Gelde  sich  stützt.  So  setzt  sich
jene  Logik  im  wirtschaftlichen  Handeln  der  Menschen  durch
in  der  Bewertung,  die  sie  direkt  oder  indirekt  dem  Gelde
und  den  Waren  zuteil  werden  lassen,  mögen  auch  die  Mittel
und  Wege  dieses  Sichdurchsetzens  oft  unserer  Schulweisheit
verborgen  sein.
Die  scheinbaren  Ausnahmen  bestätigen  nur  die  Regel.
Wenn  im  Weltkriege  1914/15  das  Papiergeld  im  Inlande  auch
von  denen  gern  genommen  wurde,  die  den  Stand  der  heimischen ­
  Valuta  kritisch  und  nicht  ohne  Sorge  betrachteten,
wenn  z.  B.  bei  uns  überzeugte  »Metallisten«  freiwillig  ihr  Gold
zur  Reichsbank  trugen  und  gegen  Scheine  eintauschten,  so
bedeutet  dies  für  denkende  Menschen  unter  Umständen  ein
geringes  Opfer,  das  gern  gebracht  wurde  in  einer  Zeit,  in  der
jeder  bereit  war,  Höheres  zu  opfern,  als  materielle  Werte.
Aber  eben  —  es  bedeutete  ein  Opfer,  —  d.  h.  einen  Verzicht
auf  das  Handeln  streng  nach  dem  wirtschaftlichen  Prinzip,
unter  Umständen  einen  Verzicht  auf  materielle  Vorteile  und
auf  die  Nutzanwendung  aus  den  Erkenntnissen  der  wirtschaftlichen ­
  Logik.  Die  Geltung,  der  Inhalt  dieser  Logik  ist
dadurch  nicht  berührt  worden,  so  wenig  die  größte  Aufopferung ­
  den  Stand  unserer  Valuta  hätte  bewahren  können,  wenn
der  Krieg  unglücklich  ausgelaufen  wäre.
Es  bleibt  ein  wesentliches  Charakteristikum  unserer  Theorie ­
  die  Voraussetzung,  daß  die  oben  beleuchteten  wirtschaftlichen ­
  Vorstellungen  durchaus  nicht  immer  als  an  der  Oberfläche ­
  des  Bewußtseins  existierend  angenommen  werden.  Ja,
es  gibt  sogar  Leute,  die  auf  die  Funktionswerttheorie
        <pb n="66" />
        62  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

schwören,  die  jeden  Gedanken  an  eine  »reale  Befriedigung«
ablehnen,  die  aber  in  ihrem  tatsächlichen  wirtschaftlichen
Handeln  sich  als  fanatische  Metallisten  kennzeichnen.
§  2.
Die  Geldfunktion  und  die  Vorstellung  der  endlichen  Befriedigung. ­
  Der  Unendlichkeitsbegriff.
»Der  Besitz  von  Geld  muß  zu  einer  materiellen  (immateriellen) ­
  Befriedigung  führen«  (S.  60).  Stellen  wir  uns  nun  einmal
vor:  Es  existiere  ein  System  stoffwertlosen  Geldes,  und  zwar
ohne  jede  Anlehnung  an  ein  noch  bestehendes  metallisches
System  und  ohne  daß  bei  den  Menschen  die  Vorstellung
einer  schließlichen  Einlösung  in  Metall  oder  Sachgütern
(Diensten)  zu  finden  wäre  b  Dann  zwingt  unser  wirtschaftliches ­
  Denken  uns  immer  wieder  zu  der  letzteren  Vorstellung,
die  wir  der  Voraussetzung  gemäß  ausschließen  wollten.
Wohl  können  wir  uns  vorstellen,  daß  innerhalb  eines  Staates
lange,  lange  Zeit  hindurch  ein  stoffwertloses  Geld  als  einziges ­
  Zahlungsmittel  ohne  Störung  der  wirtschaftlichen  Beziehungen ­
  zwischen  den  Menschen  funktionierte.  Von  den
etwaigen  technischen  und  praktischen  Voraussetzungen  und
Schwierigkeiten  ist  hier  nicht  die  Rede.  Lange,  lange  Zeit
hindurch  erscheint  das  Zeichen-Geldsystem  als  denkbar.  Aber
muß  es  nicht  schließlich  einmal  ein  Ende  nehmen?  Muß  nicht
eine  Einlösung  erfolgen,  sei  es  in  Metallgeld  oder  in  Waren
und  Diensten?  Gewiß,  unser  Staat  oder  unsere  Staatenkonvention ­
  —  auch  an  eine  solche  könnte  gedacht  werden  —
kann  zusammenbrechen,  bevor  die  Einlösung  stattgefunden.
Aber  die  Vorstellung  einer  endlichen  Befriedigung  muß  von
1  Vgl.  hierzu  Moll,  Die  theoretischen  Probleme  des  stoffwertlosen
Geldes  im  nationalen  und  internationalen  Wirtschaftsleben,  Weltwirtschaftliches ­
  Archiv  1914,  S  99ff.
        <pb n="67" />
        §  2.  Die  Geldfunktion  und  die  Vorstellung  der  endlichen  Befriedigung.  63
vornherein  dagewesen  sein,  wenn  wir  uns  das  Geldwesen
überhaupt  als  bestehend  denken  wollten.
Knapp  freilich  sieht  die  wesentlichste  Form  der  Befriedigung ­
  in  der  »zirkulatorischen«.  Wir  haben  darauf  hingewiesen, ­
  daß  diese  Auffassung  keine  Lösung  des  Problems
vom  Ende,  sondern  nur  eine  neue  Problemstellung  bedeutet :1 .
Denn  immer  wieder  müssen  wir  fragen:  Wenn  die  Befriedigung ­
  für  den  einzelnen  in  der  Gewißheit  liegt,  das  Geld
weitergeben  zu  können,  worauf  beruht  diese  Gewißheit?
Wirklich  nur  auf  der  Gewißheit  des  folgenden  Geldinhabers,
es  ebenfalls  weitergeben  zu  können?  Muß  nicht  jenes  Weitergeben ­
  einmal  in  unserer  Vorstellung  ein  Ende  haben?  Lind
was  kommt  dann?
Die  Gewißheit  des  einzelnen,  das  Geld  weitergeben  zu
können,  beruht  doch  letzten  Endes  auf  dem  —  gleichviel,  ob
bewußten,  halbbewußten  oder  unbewußten  —  Vertrauen,
daß  gerade  auch  der  letzte  Besitzer  des  Geldes,  der  es  nicht
weitergeben  würde,  einen  Wert  in  der  Hand  behält.  Mag
man  die  Zirkulation,  die  Funktion  als  das  Wesen  des  Geldes
auffassen,  ihr  Ende  aber  als  die  Negation  des  Geldbegriffs;
es  gehört  auch  zum  Wesen  des  Geldes,  daß  am  Ende  etwas
Wertvolles  zurückbleibe,  mehr  als  ein  bloßes  Nichts,  im  Besitze ­
  des  an  sich  wertlosen  Papierstoffes  kann  niemals  eine
Befriedigung  liegen.  —
Könnte  man  aber  nicht  doch  die  Funktion  des  Geldes  als
unendlich  sich  vorstellen?  So  wenig  wir  uns  die  Unendlichkeit ­
  der  Welt  vorstellen  können,  so  wenig  die  der  Funktion
des  Geldes.  Hier  ist  aber  folgender  Unterschied  zu  beachten.
Das  Problem  der  Unendlichkeit  der  Welt  ist  ein  metaphysisches, ­
  das  des  Geldes  immer  nur  ein  gesellschaftswissenschaftliches. ­
  Nun  enthält  unsere  wirtschaftliche  Logik  stets
empirische  Bestandteile:  Privateigentum,  Verkehrsfreiheit,
1  Oben  S.  42  ff.
        <pb n="68" />
        64  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

Arbeitsteilung  und  Geldwirtschaft  sind  die  Voraussetzungen,
auf  denen  sie  beruht.  Eine  Anwendung  des  Unendlichkeitsbegriffs ­
  aber  auf  geschichtlichen  Stoff  und  innerhalb  einer  Logik, ­
  die  ihre  geschichtliche  Entstehung  nicht  verleugnen  kann
noch  will,  scheint  ausgeschlossen.  Wir  geben  zu:  Mancher
Staatsbürger,  in  dessen  Wesen  die  Liebe  zum  Vaterlande  die
stärkste  Seite  bildet,  hat  nicht  nur  den  Wunsch,  daß  sein
Staat  ewig  bestehen  möge,  er  kann  sich  ihn  auch  nicht  anders
vorstellen,  als  von  unendlicher  Dauer.
So  mag  der  Glaube  an  die  Unendlichkeit  des  Staates  und
die  Ewigkeit  des  Nationalkredites  auch  bei  unserem  Volke  zu
finden  sein;  aber  die  kalte,  nüchterne,  rechnende,  wirtschaftliche ­
  Logik  wird  durch  ihn  nicht  berührt.  Diese  aber  interessiert ­
  uns  hier.  Es  ist  gleichgültig,  welches  die  gewöhnlichsten ­
  konkreten  Vertreter  dieser  Logik  sind.  Ja,  es  ist  wahrscheinlich, ­
  daß  bei  der  Kompliziertheit  der  menschlichen
Psyche  zuweilen  der  Glaube  an  die  Ewigkeit  des  Staates  einen
Konflikt  erzeugen  wird,  den  der  einzelne  mit  sich  selbst
auszufechten  hat.  Es  mag  ferner  für  viele  ein  Trost  sein,  daß
diejenigen,  in  deren  Handeln  vielleicht  zuerst  am  nüchternsten ­
  die  wirtschaftliche  Logik  sich  durchsetzt,  als  die  moralisch ­
  weniger  Einwandfreien  auch  sonst  erscheinen.  Aber  das
gehört  nicht  hierher.  Wir  wissen  nur:  Der  Unendlichkeitsbegriff ­
  spielt  in  der  wirtschaftlichen  Logik  keine  Rolle.
Freilich  gibt  es  nun  noch  eine  Möglichkeit,  einen  speziellen
Fall,  wo  unsere  wirtschaftliche  Logik  eine  Befriedigung  in
stoffwertvollen  Gütern  (Diensten)  nicht  verlangt:  Die  Möglichkeit ­
  einer  Verwendung  des  Papiergeldes  zu  Zahlungen
an  die  Staatskassen,  insbesondere  zur  Steuerzahlung.  Hier
nimmt  der  Staat  als  wertvoll  wieder  an,  was  er  als  wertvoll
ausgegeben.  Der  Kreis  ist  geschlossen.  Unser  wirtsschaftliches
  Denken  ist  befriedigt,  ohne  daß  eine  Einlösung  des
Geldes  erfolgt  ist.  So  haben  denn  in  der  »Steuerfundation«
        <pb n="69" />
        §  2.  Die  Oeldfunktion  und  die  Vorstellung  der  endlichen  Befriedigung.  65
allein  manche  Schriftsteller  die  Möglichkeit  eines  zweckmäßig ­
  funktionierenden  Papiergeldes  und  die  Garantie  gegen
dessen  Entwertung  erblicken  wollen.  Unser  Problem  lautet
hier:  »Genügt  diese  Möglichkeit  wirklich,  um  in  unseren  Vorstellungen ­
  das  befriedigende  Ende  allgemein  zu  garantieren? ­
  Unsere  Voraussetzung  war  ja,  daß  außer  dem
Zeichengeld  kein  anderes  Geld  kursierte  und  daß  also  alles
Geld  aus  Papier  bestand.  Genügt  hier  wirklich  die  Möglichkeit ­
  einer  Zahlung  an  die  Staatskassen,  diese  einzige  Verwendungsart, ­
  um  für  alle  Scheine  die  Vorstellung  jener  Befriedigung ­
  hervorzurufen?  Oder  macht  sich  nicht  doch  immer  die
Forderung  einer  Einlösung  im  eigentlichen  Sinne,  einer  stofflichen ­
  Befriedigung  von  wirtschaftlichem  Werte  geltend« 1 ?
•  Vielleicht  könnten  wir  die  Beantwortung  dieser  Frage  von
uns  abwälzen,  indem  wir  auf  ihren  »dynamischen«  Charakter
hinwiesen,  der  über  das  Gebiet  der  allgemeinen,  wirtschaftlichen ­
  Logik  hinausdeutet.  Denn  hier  wird  offenbar  aus  einem
qualitativen  Moment  ein  quantitatives,  aus  dem  statischen
Problem  ein  dynamisches,  aus  der  allgemeinen  Aufgabe  eine
spezielle.  Ist  doch  nur  die  Form  dieser  Frage  noch  eine  »allgemeine«. ­
  In  Wirklichkeit  handelt  es  sich  schon  um  die
Messung  von  Größen,  und  hier  versagt  ein  logisches  Verfahren. ­
  Dennoch  ist  die  Beantwortung  der  Frage  für  unseren
Gedankengang  unentbehrlich;  die  Antwort  aber  kann  notwendigerweise ­
  nur  ziemlich  allgemein  ausfallen.  Sie  lautet:
»Steuerfundation  allein  reicht  nicht  aus,  um  die  Vorstellung ­
  des  befriedigenden  Endes  zu  garantieren.«
Die  Geschichte  hat  gelehrt,  daß  trotz  der  Möglichkeit  der
Verwendung  des  Papiergeldes  zu  Steuerzahlungen  und  ähnlichen ­
  Funktionen  die  Entwertung  dieses  Zeichengeldes  oft
nicht  ausgeblieben  ist.  Die  Fundierung  des  Papiergeldes  auf
die  Steuerzahlungsmöglichkeit  reicht  also  allein  nicht  aus,

1  Moll,  Weltwirtschaftliches  Archiv  1914,  S.  100.
Moll,  Lo^ik  des  Geldes.

5
        <pb n="70" />
        66  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

seine  Stabilität  zu  garantieren.  Diese  Erkenntnis  hat  aber
eigentlich  nur  einen  überwiegend  negativen  Sinn,  und  ihr
Charakter  ist  ein  ziemlich  formaler.  Viel  interessanter  wäre
für  uns  die  Untersuchung  des  empirisch-dynamischen  Problems, ­
  welchen  positiven  Inhalt  dieser  Satz  für  ein  konkrethistorisches ­
  Phänomen  erhält.  Hierauf  aber  müssen  wir  verzichten, ­
  nicht  nur,  weil  diese  Untersuchung  weit  hinausgehen
würde  über  die  Grenzen  unserer  Hauptaufgabe,  sondern  auch
wegen  ihrer  besonderen  Schwierigkeiten.  Aus  den  konkreten
Ziffern  der  Steuersummen  und  den  höchst  vagen  und  pror&amp;gt;

blematischen  Schätzungen  des  Geldumlaufes  und  seiner  Geschwindigkeit ­
  die  Chancen  eines  nationalen  Papiergeldes  herausrechnen ­
  zu  wollen,  oder  aber  eine  allgemeine  Formel  hierfür ­
  zu  liefern,  das  erscheint  nicht  bloß  gewagt,  sondern  dilettantisch. ­
  Die  methodologischen  Fehler  derartiger  Berechnungen ­
  erinnerten  allzu  sehr  an  die  Irrtümer  der  sogenannten
naiven  Quantitätstheorie.
Kehren  wir  nun  zum  Hauptthema  zurück:  Es  wäre  lächerlich, ­
  zu  behaupten,  daß  der  wirtschaftliche  Durchschnittsmensch ­
  komplizierte  Betrachtungen  darüber  anstellt,  ob  die
ausgegebene  Menge  des  Papiergeldes  in  einem  Staate  etwa
in  einem  angemessenen  Verhältnis  stehe  zur  Steuersumme
des  Landes  oder  zu  ähnlichen  Größen.  Aber  in  der  Bewertung, ­
  die  z.  B.  das  Ausland  einem  Währungsgelde  zuteil
werden  läßt,  dringt  auch  das  Urteil  darüber  durch,  wie  weit
man  seine  Steuer-  und  sonstige  Kassenfundation  für
ausreichend  hält  -  ein  Urteil,  das  freilich  durchaus  nicht  an
die  Oberfläche  des  Bewußtseins  gelangt  zu  sein  braucht.
§  3.
Das  alte  Kapitel  von  den  Eigenschaften  der  Edelmetalle.
Man  hat  darüber  gespottet,  daß  die  Aufzählung  der  charakteristischen ­
  Eigenschaften,  die  die  Edelmetalle  zum  Geld-
        <pb n="71" />
        §  3.  Das  alte  Kapitel  von  den  Eigenschaften  der  Edelmetalle.  67

gebrauch  prädestiniert  haben,  ein  wichtiges  Kapitel  jedes  nationalökonomischen ­
  Lehrbuches  bildet.  Soweit  der  Spott  sich
auf  das  endlose  Wiederholen  der  alten  Weisheit  bezieht,
mag  er  berechtigt  sein.  Aber  der  Inhalt  der  alten  Lehre  wird
in  seiner  Wahrheit  und  seiner  Bedeutung  für  die  Qeldtheorie
dadurch  gar  nicht  berührt.  Dieses  ist  von  neueren  Schriftstellern ­
  übersehen  worden.  Wenn  Knapp  in  prinzipiellem
Gegensätze  zu  den  »metallistischen«  Lehren  jenes  Kapitel
für  unwesentlich  ansieht,  so  liegt  hierin  unseres  Erachtens
gerade  eine  der  bedenklichsten  Schwächen  seiner  Theorie:
Sie  bleibt  zu  abstrakt  und  zu  formal,  um  über  das  Wesen  des
Geldes  eine  befriedigende  Auskunft  geben  zu  können.  Die
alte  und  traurige  Erkenntnis  macht  sich  hier  geltend:  Je  allgemeiner ­
  ein  Begriff  oder  ein  Satz,  desto  inhaltsloser  ist  er.
In  dem  löblichen  Streben  nach  Allgemeinheit  und  objektiver
Gültigkeit  für  ihre  Sätze  hat  die  Knappsche  Lehre  bewußt
davon  abgesehen,  einem  der  wichtigsten  speziellen  Fälle  des
Geldproblems  auf  den  Grund  zu  gehen.  Sie  hat  dabei  nicht  nur
auf  eine  tiefgehende  Deutung  der  Geldphänomene  mehrerer
Jahrtausende  verzichtet,  sondern  auch  in  Hinsicht  auf  die  Probleme ­
  der  unsicheren  Zukunft  den  einzigen  Boden  verlassen,
der  als  relativ  sicher  gelten  darf  und  der  eine  gewisse  Wahrscheinlichkeit ­
  verheißt.  Jene  großartige  Sprache,  mit  der  bei
Knapp  das  Münzwesen  als  eine  technische  Einrichtung  von
untergeordneter  Bedeutung  abgetan  wird,  mit  der  ferner  die
historische  Zufälligkeit  der  Wahl  der  Edelmetalle  als  Geld
angedeutet  wird,  imponiert  zunächst,  weil  sie  paradox  klingt,
aber  sie  ist  deshalb  noch  nicht  begründet.
So  wenig  ein  Schillersches  Drama  dadurch  an  Wert  verliert, ­
  daß  es  von  pedantischen  Lehrern  in  geschmackloser
Gründlichkeit  zu  Schulzwecken  zerpflückt  wird,  so  wenig  die
Tannhäuser-Ouvertüre  ihre  Größe  dadurch  einbüßt,  daß  sie
in  Kinematographen  gespielt  wird,  so  wenig  der  Kern  der
5*
        <pb n="72" />
        68  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Oeldes.
Quantitätstheorie  dadurch  als  unrichtig  sich  erweist,  daß
man  ihn  jedem  Laien  klarmachen  kann,  so  wenig  ist  die  abgeklapperte ­
  Lehre  von  den  Eigenschaften  der  Edelmetalle
verkehrt  oder  auch  nur  unwesentlich.
Es  ist  nicht  unsere  Absicht,  jenes  allerdings  abgeklapperte
Kapitel  hier  wieder  aufzuführen.  Wir  setzen  es  vielmehr  voraus. ­
  Man  kann  es  in  fast  jedem  Lehrbuche  mehr  oder  weniger
vollständig  finden.  Nur  darum  ist  uns  hier  zu  tun,  ihm  seinen
Platz  in  der  Geldlehre  anzuweisen  und  auf  seine  Konsequenzen ­
  hinzudeuten.
Ist  die  endliche  Befriedigung,  die  wir  als  logischen  Abschluß ­
  jedes  Geldsystems  postulieren,  ist  sie  etwa  im  Edelmetall ­
  schlechthin  garantiert?  Die  moderne  Geldlehre  hat
hier  starke  Bedenken  geltend  gemacht,  die  wir  schon  öfter
berührt  haben.  Sie  sieht  in  dem  Stoffwert,  dem  »Eigenwert«
des  Geldes,  etwas  höchst  Problematisches.  Begrifflich  ist  ihr
die  Funktion  im  Gegensätze  zur  Substanz  am  Gelde  die
Hauptsache,  wo  nicht  das  einzig  Charakteristische.  Historisch ­
  meint  sie  eine  allmähliche  Verdrängung  des  Substanzwertes ­
  durch  den  Funktionswert  zu  konstatieren.  Die
Grenze  zwischen  Metall-  und  Papiergeld  scheint  ihr  flüssig.
Beide  sind  für  sie  Kreditgeld  und  der  Unterschied  zwischen
ihnen  gilt  nur  als  ein  quantitativer.
Demgegenüber  haben  wir  festgestellt 1 ,  daß  »die  Formel
von  dem  bloß  quantitativen  Unterschied  zwischen  Metallund
  Papiergeld  doch  nicht  so  ohne  jeden  Widerspruch  hinzunehmen« ­
  ist.  Sie  ist  richtig  in  einem  gewissen  Sinne  und
ist  es  doch  wieder  nicht.  Quantitative  Unterschiede  werden
eben  zuweilen  zu  qualitativen.
»Das  Papiergeld  hat  nur  eine  Verwendung  als  Geld,  als
1  Moll,  Die  theoretischen  Probleme  des  stoffwertlosen  Oeldes  im
nationalen  und  internationalen  Wirtschaftsleben.  Weltwirtschaftliches
Archiv  1914,  S.  101.
        <pb n="73" />
        Ä

§  3.  Das  alte  Kapitel  von  den  Eigenschaften  der  Edelmetalle.  69

1  Moll  a.  a.  O.  S.  101.

Funktion;  als  Stoff  ist  es  wertlos.  Das  Edelmetallgeld  hat
stets  auch  stofflichen  Wert,  es  bietet  die  Möglichkeit  einer
anderen  Verwendung,  es  behält  einen  gewissen  Wert  als  wirtschaftliches ­
  Gut,  auch  im  ungünstigsten  Falle  der  Demonetisierung. ­
  Könnte  es  aber  nicht  gänzlich  entwertet  werden  ?
Gewiß  ist  auch  das  rein  logisch  möglich.  Es  müßten  dann
aber  die  Produktionsverhältnisse,  oder  aber  auch  die  menschlichen ­
  Bedürfnisse  so  beispiellos  sich  ändern,  daß  alle  unsere
Bewertungen  gänzlich  über  den  Haufen  geworfen  würden.
Dann  freilich  hörte  jede  Berechnung  auf,  und  man  könnte
sich  vorstellen,  daß  Papier  einmal  als  Gebrauchsgut  wertvoller ­
  würde  als  Edelmetall,  und  daß  alle  unsere  wirtschaftlichen ­
  Werte  umgewertet  werden  müßten.  Damit  aber
rechnet  niemand.  Wir  müssen  doch  von  dem  ausgehen,  was
ist,  und  allenfalls  von  dem,  was  danach  wahrscheinlich  bleibt
für  die  Zukunft.  Nur  solche  Bestandteile  wird  unser  wirtschaftliches ­
  Denken  in  sich  aufnehmen;  nicht  aber  werden
wir  mit  Möglichkeiten  rechnen,  die  durch  keine  Erscheinung
der  Vergangenheit  oder  Gegenwart  nahegelegt  werden,  und
für  die  nur  das  eine  sich  anführen  ließe,  daß  ihre  Unmöglichkeit ­
  nicht  gerade  erwiesen  sei  —  weil  nichts  unmöglich  ist«  E
Die  Schwierigkeit  für  die  Wissenschaft  liegt  darin,  daß  sie  hier
mit  Zukunftsmöglichkeiten  rechnen  muß,  über  die  wir  nichts
wissen,  daß  sie  instinktiv  den  richtigen  Mittelweg  finden
muß  zwischen  jenen  abstrakten  Möglichkeiten  und  den  bisherigen ­
  Tatsachen  der  Wirklichkeit.  Gewiß,  das  Gold  könnte
so  häufig  werden  wie  Wasser  oder  so  selten  wie  Helium,  das
ist  denkbar  und  darin  ist  Knapp  zuzustimmen.  Die  Frage
ist  aber:  Haben  wir  bis  jetzt  irgendwelchen  Anhalt,  das  zu
erwarten?  Und  solange  das  nicht  der  Fall  ist,  ist  es  doch
wohl  erlaubt,  zunächst  damit  zu  rechnen,  daß  die  relative
Seltenheit  des  Goldes  auch  in  Zukunft  sich  nicht  wesentlich
        <pb n="74" />
        70  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

anders  gestalten  werde,  als  in  den  uns  bekannten  zwei  letzten
Jahrtausenden.
Daß  Gold  nach  menschlicher  Berechnung  der  relativ
sicherste  Besitz  ist,  diese  Annahme  ist  daher  doch  nicht  so
kindlich,  wie  die  Anhänger  moderner  Geldlehren  sie
hinstellen  möchten.  Absolut  sicher  ist  nichts;  aber  Gold
scheint  heute  sicherer  als  Papier,  unabhängiger  vom
Bestehen  des  konkreten  Staatswesens  und  seiner  friedlichen
Wirtschaftsbeziehungen.  Und  die  wirtschaftliche  Logik  ist  insofern ­
  egoistisch  und  individualistisch,  als  sie  ein  Gut  postuliert, ­
  das  womöglich  selbst  den  Staat  oder  doch  dessen  zeitliche ­
  Form  überdauert  b
Eines  freilich  haben  wir  zugestanden:  Die  Möglichkeit
partieller  Entwertung  scheint  uns  als  logische  Voraus-1
  Die  wichtigsten  Eigenschaften  der  Edelmetalle,  die  sie  vom  Papier
qualitativ  unterscheiden  und  aus  der  Reihe  der  anderen  Sachgüter  als  quantitativ ­
  bevorzugt  herausheben,  sehen  wir  in  ihrer  Eignung  zu  Schmuck  und
industrieller  Verwendung  und  ihrer  relativen  Unzerstörbarkeit  bei  einer
gewissen,  aber  auch  wieder  nicht  zu  großen  Seltenheit  des  Vorkommens.
I  Dagegen  ist  ihr  hoher  Wert  eine  sekundäre  Eigenschaft,  die  aus  eben  diesen
Grundqualitäten,  sowie  aus  ihrer  Eignung  zur  Geldfunktion  sich  herleitet.
Hier  finden  überall  Wechselwirkungen  statt:
Gold  und  Silber  sind  wertvoll  auch  deshalb,  weil  sie  als  Schmuck  verwendet ­
  werden  können;  und  sie  werden  auch  deshalb  als  Schmuck  verwendet, ­
  weil  sie  wertvoll  sind.  Sie  sind  wertvoll  auch  weil  sie  als  Geld
dienen  können;  und  sie  können  als  Geld  dienen  auch  weil  sie  wertvoll
sind.  Sie  haben  internationale  Geltung,  weil  sie  mannigfache  Verwendung
zulassen  und  Wert  besitzen,  und  doch  beruhen  diese  Verwendungsmöglichkeiten ­
  und  dieser  Wert  wieder  auf  ihrer  internationalen  Geltung.  Die
Menschen  haben  Vertrauen  zum  Edelmetall,  weil  es  wertvoll  ist,  und  es
wird  wertvoller,  weil  man  daran  glaubt.
Diese  Wechselwirkungen  gelten  heute,  ln  den  Kern  des  Problems  aber
führen  erst  die  Fragen:  Welche  Wirkung  überwiegt  in  jedem  einzelnen
Falle?  Welche  Wirkung  war  die  ursprüngliche?  Welche  wird  in  Zukunft
die  entscheidende  sein?  Wer  die  Lehre  von  den  Eigenschaften  der  Edelmetalle ­
  abstrakt  zu  Ende  zu  denken  versucht,  der  gerät  leicht  in  ein  Labyrinth, ­
  aus  dem  er  nicht  mehr  herauskommt.  Die  Zirkel,  zu  denen  das
Denken  ihn  führt,  scheinen  unlösbar,  und  gerade  deshalb  ist  es  erforderlich, ­
  diese  Lehre  nicht  zu  abstrakt  zu  behandeln,  sondern,  wie  wir  es  im
vorstehenden  versucht  haben,  mit  den  Tatsachen  der  Geschichte  und  der
Gegenwart  zu  rechnen.
        <pb n="75" />
        §  3.  Das  alte  Kapitel  von  den  Eigenschaften  der  Edelmetalle.  71

Setzung  eines  Edelmetallgeldes  von  vornherein  durchaus  gegeben. ­
  Freilich,  wenn  schon  die  Gelehrten  darüber  ganz  uneinig ­
  sind,  wie  stark  der  Grad  dieser  Entwertung  im  Falle
völliger  Demonetisierung  anzusetzen  sei,  —  wie  sollte  man
von  den  Laien  einheitliche  und  richtige  Vorstellungen  hiervon ­
  erwarten?  Es  ist  anzunehmen,  daß  beim  Edelmetallgelde
die  wirtschaftliche  Logik  nicht  mit  der  gleichen  Sicherheit
sich  durchsetzen  wird,  wie  beim  stoffwertlosen  Gelde.  Das
Problem  ist  dort  allzu  kompliziert.  So  darf  man  durchaus
nicht  glauben,  daß  in  friedlichen  Zeiten  viele  Menschen  das
Edelmetallgeld  deshalb  bewußt  als  wertvoll  behandeln,  weil
man  es  zur  Not  einschmelzen  und  in  Schmuck  verwandeln,
oder  auch  nur,  weil  man  das  Metall  stets  im  ln-  und  Auslande ­
  verkaufen  könnte;  sie  denken  gar  nicht  so  weit.  Anderseits ­
  werden  auch  die  wenigsten  von  den  einfachen  Menschen
die  Überlegung  vollziehen,  daß  bei  Demonetisierung  der
Wert  der  edlen  Metalle  stark  sinken  würde.  Jedenfalls  aber
wird  im  Unterbewußtsein  der  meisten  Menschen  doch  die
Vorstellung  ruhen,  daß  Edelmetall  schlechthin  etwas  Seltenes, ­
  Wertvolles  sei.
Für  uns  fragt  es  sich  nun  immer  noch:  Ist  mit  dem  Vorhandensein ­
  eines  Geldwesens,  soweit  seine  Zirkulation  aus
Edelmetall  besteht,  wirklich  die  Möglichkeit  partieller  Entwertung ­
  und  nicht  vielmehr  etwas  anderes  gegeben?
Die  Antwort  kann  nicht  zweifelhaft  sein.  »Unser  Edelmetallgeldwesen ­
  steht,  wie  das  Papiergeld,  mit  der  —  vielleicht ­
  überwiegend  unbewußten  —  Voraussetzung,  daß  mit
ihm  die  endliche  Befriedigung  stets  voll  gegeben  sei.  Angenommen, ­
  die  Demonetisierung  trete  ein  und  mit  ihr  die
Entwertung.  Dann  würde  der  Staat  seine  Münzen  zurücknehmen ­
  und  austauschen  gegen  das  neue  Geld,  vielleicht
gegen  ein  Zeichengeld,  das  aber  unserer  Voraussetzung  nach
wieder  begründet  sein  müßte  auf  die  Möglichkeit  endlicher
        <pb n="76" />
        72  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

Befriedigung;  oder  der,  Staat  würde  seine  Münzen  einwechseln ­
  gegen  eine  größere  Quantität  Metall  oder  gegen
Sachgüter  irgendwelcher  Art  —  diese  ganz  rohen  Vorstellungen ­
  müssen  als  bestehend  angenommen  werden.  Es  ist  gleichgültig,; ­
  wie  weit  diese  Vorstellungen  voll  bewußt  werden.
Es  ist  gleichgültig,  ob  der  Staat  rechtlich  irgendwie  in  dieser
Weise  verpflichtet  ist.  Es  ist  gleichgültig,  ob  es  wirklich  so
geschehen  kann,  ob  der  Staat  die  Mittel  dazu  hat  und  ob  er
so  handeln  will.  Aber  der  Glaube  muß  dagewesen  sein.  Es
hieße  sonst,  daß  wir  von  vornherein  mit  einem  partiellen
Bankerott  des  Staates  rechneten,  und  —  unser  Edelmetallgeld ­
  würde  sich  dann  den  Waren  gegenüber  entwerten.  Somit ­
  darf  also  bei  Edelmetallgeld  die  logische  Möglichkeit
einer  vollen,  endlichen  Befriedigung  als  Voraussetzung  für
das  Bestehen  des  Systems  angenommen  werden«  L
Damit  sind  wir  allerdings  zur  Fragestellung  einer  »staatlichen« ­
  Theorie  des  Geldes  zurückgekehrt.  Auch  sie  behält
also  ihre  Bedeutung,  ihre  relative  Berechtigung,  aber  sie  darf
nur  neben  einer  metallistischen,  individualistischen  Theorie
angewendet  werden  und  nicht  allein  den  Inhalt  der  Lehre
bilden.
§  4.
Staatliche  und  überstaatliche  Geldtheorie.
Es  liegt  im  Wesen  einer  »wirtschaftlichen«  Theorie,  daß
sie  das  Geld  keineswegs  nur  innerhalb  der  räumlichen  und
j  zeitlichen  Grenzen  eines  Staates  betrachtet,  sondern  in  ihrer
Fragestellung  darüber  hinausgeht.  Das  Problem  des  Geldes
schließt  nicht  bloß  die  zuweilen  von  Juristen  oder  für  einen
speziellen  Fall  auch  von  Nationalökonomen  traktierten  Fragen ­
  ein:  Welche  Befriedigung  wird  dem  Geldbesitzer  zuteil,
wenn  etwa  im  Rahmen  des  bestehenden  Staates  das  Edel-Moll

  a.  a.  O.  S.  103.
        <pb n="77" />
        §  4.  Staatliche  und  überstaatliche  Geldtheorie.

73

metall  demonetisiert  wird?  Wenn  ein  Papiergeld  abgeschafft
wird?  Wenn  ein  neues  Geld  eingeführt  wird?  Es  enthält
auch  die  Fragen:  Welche  Befriedigung  muß  dem  Geldbesitzer ­
  werden,  wenn  die  Zahlung  in  beweglichen  Stücken
überhaupt  abgeschafft  würde?  (Frage  nach  dem  Ende  jedes
Geldsystems.)  Ferner  —  wenn  die  konkrete  Form  des  bestehenden ­
  Staates  zerbrochen  wird?
Man  wird  vielleicht  erklären,  die  letzte  Frage  sei  unberechtigt ­
  und  verdiene  kein  Interesse.  Das  Geld  sei  gewiß  nicht
das  Höchste,  und  wenn  ein  Staat  zugrunde  gehe,  so  sei  es
»unsittlich«,  darnach  zu  fragen,  ob  der  einzelne,  der  etwa
seinen  Staat  überlebt,  in  seiner  materiellen  Existenz  gesichert ­
  oder  gefährdet  sei.  Allein,  es  ist  ein  Unterschied,  ob
man  nach  der  moralischen  Beyechtigunng  einer  Problemstellung ­
  fragt,  oder  ob  man  ihr  überhaupt  kein  wissenschaftliches ­
  Interesse  zukommen  lassen  will.  Überdies  läßt  sich  an
Beispielen  aus  dem  geschichtlichen  Leben  zeigen,  daß  es  politische ­
  Konstellationen  gibt,  unter  denen  auch  jene  Frage  nach
der  ethischen  Berechtigung  ganz  anders  beantwortet  werden
muß,  als  es  auf  den  ersten  Blick  scheint.
Neuerdings  hat  Hermann  Schwarzwald 1  in  verschiedenen ­
  Aufsätzen  die  indische  und  die  chinesische  Währungsfrage ­
  behandelt.  Er  geht  von  einer  bestimmten,  freilich  einseitigen ­
  Voraussetzung  aus,  nämlich  der  Ansicht,  daß  Edelmetall ­
  und  insbesondere  Gold  die  natürlichste,  sicherste  und
beste  Währung  liefere.  Er  hält  alle  Theorien  wie  alle  praktischen ­
  Bestrebungen  für  gefährlich,  die  eine  Ersetzung  des
Goldgeldes  durch  unterwertige  Silbermünzen  und  Papier,  sowie ­
  Ausdehnung  des  bargeldlosen  Zahlungsverkehrs  als
Fortschritt  hinstellen  wollen.  Und  er  vertritt  nun  die  interessante ­
  Hypothese,  daß  politische  Mächte  wie  England,  po-1
  Die  Bank,  April-  u.  Maiheft  1914,  S.  321  ff.  u.  427  ff.  Frkf.  Ztg.  12.  April
1914,  1.  Morgenblatt.  Bankarchiv  1914,  Heft  16.
        <pb n="78" />
        74  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

litische  Machthaber  und  die  internationale  Bankwelt  seit
langem  bewußt  auf  eine  »Entgoldung«  der  Völker  hinarbeiten,
um  sich  zu  bereichern  und  die  Völker  finanziell  und  politisch
beherrschen  zu  können.  Die  Ausführungen  Schwarzwalds
verdienen  noch  ein  besonderes  Interesse,  weil  sie  vor  dem
Weltkriege  entstanden  sind,  in  einer  Zeit,  als  man  bei  uns
die  englische  Politik  noch  keineswegs  so  zu  beurteilen  pflegte,
wie  es  durch  eine  Geschichte  von  Jahrhunderten  nahe  gelegt
wurde.
Es  kann  nicht  unsere  Aufgabe  sehr,,  die  klaren  Ausführungen ­
  dieses  Autors  im  einzelnen  zu  wiederholen.  Was
Schwarzwald  uns  gegeben  hat,  ist  eine  interessante  Deutung ­
  eines  Stückes  moderner  Weltgeschichte.  Und  bei  einiger ­
  Abneigung  gegen  die  Einseitigkeit  seiner  allzu  »metallistischen«
  Grundauffassung  des  Geldes,  bei  aller  Skepsis
gegenüber  der  »Objektivität«  jeder  historischen  Deutung,
bei  aller  Vorsicht  gegenüber  Prophezeiungen  wird  man  die
Bedeutung  der  von  Schwarzwald  zusammengefaßten  Tatsachen ­
  ebenso  anerkennen  müssen,  wie  man  die  Einheitlichkeit ­
  und  Geschlossenheit  seiner  Hypothese  bewundern  muß.
Heute  wird  man  kaum  noch  glauben,  daß  es  harmloser
Zufall  oder  bloße  theoretische  Verschrobenheit  gewesen  sei,
was  die  Engländer  in  ihrer  Stellung  zur  indischen  Währungspolitik ­
  geleitet  habe.  Dieselben  Engländer,  die  der  Goldwährung ­
  die  Weltherrschaft  ihres  Sterlingswechsels  verdankten, ­
  die  für  sich  selbst  jede  Abweichung  von  der  Goldwährung ­
  weit  von  sich,  gewiesen  hatten,  sie  wollten  anscheinend ­
  für  Indien  das  Gold  gerade  nur  so  weit  zulassen,
daß  der  englische  Gläubiger  befriedigt  schien,  während  der
Inder  im  kritischen  Falle  mit  sich  entwertendem  Silber  und
Papier  zufrieden  sein  mußte!  Scheint  es  nicht  weise  eingerichtet, ­
  daß  im  Falle  eines  Krieges,  eines  Aufstandes,  Indien
sein  entwertetes  Papier  behält,  dessen  Kurs  dann  keineswegs
        <pb n="79" />
        §  4.  Staatliche  und  überstaatliche  Qeldtheorie.

75

durch  Einlösung  in  Gold  gehalten  werden  würde,  während
der  aus  den  indischen  Prägegewinnen  gesammelte  Goldfonds
sich  zum  Teil  in  London  befindet,  wo  er  als  englischer  Kriegsschatz ­
  oder  als  Reserve  für  die  Bank  von  England  dient?
Sollte  es  ferner  nur  akademische,  dogmatische  Einseitigkeit
sein,  wenn  die  neue  Königliche  Währungskommission  für  Indien ­
  (von  1914)  von  einer  Einführung  der  Goldwährung  in
diesem  Lande  nichts  wissen  wollte?  »Unterwertige  Silberund ­
  Papierwährung  für  Indien  im  Innern,  Goldwährung  für
den  Verkehr  mit  den  Engländern  —  an  diesem  System  wird
nicht  gerüttelt  werden«,  und  »Sicherheit  für  die  Engländer,
Unsicherheit  für  die  Hindu«,  so  interpretierte  Schwarzwald ­
 1 .
Was  uns  im  letzten  Grunde  an  den  Schwarzwaldschen
Hypothesen,  gegen  die  sich  einzelnes  einwenden  läßt,  interessiert, ­
  ist  nicht  die  materielle  Frage,  ob  Indien  heute  für  die
Goldwährung  reif  sei,  noch  die  von  ihm  gar  nicht  gestellte
schwierige  Frage,  was  für  Wirkungen  die  Einführung  eines
anderen  Systems,  z.  B.  einer  echten  Goldwährung  oder  eines
Bimetallismus  in  Indien  für  dessen  Finanzen  und  Volkswirtschaft ­
  gehabt  hätte.  Uns  interessiert  vielmehr  das  eine:
Schwarzwalds  Hypothesen  liefern  eine  Problemstellung,  die

1  Es  ist  zuzugeben:  Ganz  so  offen,  ganz  so  klar,  ganz  so  zweifellos
wie  in  diesen  letzten  Sätzen,  die  die  Quintessenz  der  Schwarzwaldschen
Deutung  mit  Bezug  auf  Indien  enthalten,  liegt  die  Sache  wohl  doch  nicht.
So  zweifellos  würde  sie  höchstens  dem  erscheinen,  der  die  Schwarzwaldschen ­
  Artikel  studiert,  ohne  die  frühere  Literatur  über  die  indische  Währung ­
  einigermaßen  zu  kennen.  Sind  doch  manche  deutsche  wie  englische
Autoren,  die  man  für  sachkundig  und  unparteiisch  halten  darf,  der  Ansicht,
daß  Indien  für  eine  Goldwährung  heute  wirklich  noch  nicht  reif  sei  und
daß  ein  intensives  Bedürfnis  nach  einem  vorwiegenden  Goldumlaufe  im
Lande  nicht  existiere.  Bleibt  es  doch  fraglich,  ob  eine  Einführung  freier
Goldprägungen  in  Indien  heute  auf  die  Neigungen  der  Bevölkerung  von
modifizierendem  Einfluß  werden  und  den  reichlicheren  Goldgebrauch  einbürgern ­
  könnte.  Immerhin  bleibt  die  Schwarzwaldsche  Auffassung  mindestens ­
  so  gut  diskutabel  wie  eine  andere.
        <pb n="80" />
        76  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

über  diejenige  einer  »staatlichen  Theorie  des  Oeldes«  hinausgeht, ­
  und  die  gleichwohl  unserer  wirtschaftlichen  Logik
erheblich  erscheint:  Was  wird  aus  der  endlichen  Befriedigung ­
  des  Inders,  was  aus  dem  Qelde  der  400  Millionen  Eingeborenen, ­
  wenn  einst  die  staatliche  Verbindung  mit  England
gelöst,  wenn  der  friedliche  wirtschaftliche  Verkehr  mit  dem
Lande  der  Eroberer  gestört  sein  sollte?  Erscheint  nicht  dann
der  indische  Geldbesitzer  um  einen  Teil  seines  Besitzes  betrogen? ­
  Betrogen  in  raffinierter  Weise,  auf  eine  ganz  unmerkliche ­
  Art,  die  äußerlich,  gesetzlich  gerechtfertigt  war?
Ausgeplündert,  indem  die  Institution  des  Oeldes  mißbraucht
worden  ist  zur  wirtschaftlichen  und  finanziellen  Beraubung
eines  Volkes?  Diese  Fragestellung  scheint  uns  interessant ­
  und  wesentlich  genug,  um  wenigstens  eine  Diskusssion
zu  fordern.  Hier  aber  versagt  eine  »staatliche«  Theorie.
Knapps  Lehre  z.  B.  gilt  zunächst  innerhalb  des  Staates.
Und  sie  gilt  darüber  hinaus,  soweit  es  sich  darum  handelt,
die  Maßregeln  zur  Stabilisierung  des  Wechselkurse  eines
Staates  gegenüber  den  anderen  zu  erklären.  Sieht  man  doch
zuweilen  das  Hauptverdienst  Knapps  darin,  das  Problem  der
internationalen  Geldkurspolitik  scharf  formuliert  und  betont
zu  haben.  Er  geht  hier  stets  davon  aus,  daß  früher  alle
Staaten  dem  Beispiele  Englands  mit  der  Einführung  der
Goldwährung  oder  mit  dahin  abzielenden  Bestrebungen  gefolgt ­
  seien,  durch  die  Übermacht  Englands  genötigt  und  von
dem  Wunsche  geleitet,  sich  feste  Wechselkurse  gegen  das
Ausland  zu  verschaffen.  Nur  kurz  streift  Knapp  in  seinem
Hauptwerk  die  Gründe,  weshalb  England  selbst  zur  Goldwährung ­
  übergegangen  ist  '.  Hätten  nicht  bei  einer  eingehenderen ­
  Erörterung  dieses  Problems  gewisse  Konzessionen ­
  auch  an  eine  metallistische  Geldauffassung  gemacht

Knapp,  Staatliche  Theorie  des  Geldes  1905,  S.  265  und  295.
        <pb n="81" />
        §  4.  Staatliche  und  überstaatliche  Oeldtheorie.

77

werden  müssen  ?  Wären  solche  Konzessionen  nicht  nötig  gewesen, ­
  wenn  Knapp  denjenigen  Teil  der  Währungspolitik  in
den  einzelnen  Staaten,  der  die  Verdrängung  des  baren  Geldes
durch  »notales«  betrifft,  nach  allen  Seiten  hin  beleuchtet  und
nicht  bloß  einer  einseitigen  formal-korrekten  Betrachtung
vom  rechtsgeschichtlichen  Standpunkte  aus  unterzogen  hätte  ?
So  aber  sieht  Knapp  den  festen  Kurs  als  letztes  Ziel  aller  mo-:
dernen  Währungspolitik  an,  so  betrachtet  er  das  Vordringen
unterwertiger  Geldarten  nur  als  etwas  Formal-Korrektes.
Seine  Hypothese  versucht  nicht,  wie  die  Theorie  der  Entgoldung, ­
  hinabzusteigen  in  die  konkrete  Mannigfaltigkeit  der
Motive  auswärtiger  und  imperialistischer  Politik  und  in  die
interessante  Wirklichkeit  sozialer  Machtverhältnisse.  Allerdings ­
  hat  sie  den  Vorzug  größter  Allgemeinheit  und  Korrektheit. ­
  Aber  es  wäre  allzu  bequem,  sich  mit  ihr  zu  begnügen,
es  wäre  kaum  zu  rechtfertigen,  wollte  man  aus  Furcht  vor  der
Unbeweisbarkeit  jeder  Hypothese  da  haltmachen,  wo  die
Probleme  des  Lebens  am  interessantesten  zu  werden  beginnen. ­
  Wenn  der  friedliche  wirtschaftliche  und  finanzielle
Verkehr  zwischen  England  und  Ostindien  gestört  werden
sollte,  und  wenn  die  indische  Valuta  dann  der  Entwertung
verfiele  —  so  entfielen  auch  die  Voraussetzungen  der  Knappschen
  Betrachtungen,  nämlich  ein  geordnetes  einheitliches
Staatswesen  mit  dem  währungspolitischen  Streben  nach
festen  Wechselkursen.  Nicht  etwa,  daß  Knapps  Theorie  sich
als  falsch  erwiese,  weil  eine  Entwertung  des  Silbers  und  Papiers ­
  für  sie  unerklärbar  schiene.  Falsch  wäre  es  vielmehr,
von  Knapps  Lehre  jetzt  noch  eine  Erklärung  z;u  verlangen,
da  ihre  Voraussetzungen  nicht  mehr  zuträfen.  Aber  gerade
um  jene  anderen  Voraussetzungen  handelt  es  sich,  gerade  die
anderen  Voraussetzungen  interessieren  uns,  und  deshalb  können ­
  wir  uns  mit  Knapp  nicht  begnügen.  Eine  zusammenfassende ­
  Betrachtung  über  das  Geldwesen  des  britischen  Im-
        <pb n="82" />
        78  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

periums  z.  B.  würde  an  der  angedeuteten  Hypothese  der  Entgoldung ­
  kaum  vorübergehen  dürfen.
Der  Leser  mag  selbst  entscheiden,  ob  man  hier  mit  der
Knappschen  Lehre  weiterkommt  oder  mit  der  Schwarzwakk
sehen  Deutung.  Im  allgemeinen  wird  eine  Hypothese  um  so
brauchbarer  sein,  je  mehr  sie  erklärt.  Und  wenn  mehrere
Hypothesen  den  gleichen  Grad  innerer  Wahrscheinlichkeit  besitzen, ­
  so  wird  man  meistens  derjenigen  den  Vorzug  geben
müssen,  die  am  tiefsten  in  die  Kausalerklärung  hinabsteigt
und  am  meisten  zum  Nachdenken  anregt.  Es  wird  sogar  Fälle
geben,  wo  der  vorsichtige  und  kritische  Nationalökonom  eine
Theorie  um  ihres  heuristischen  Wertes  willen  selbst  da  anwenden ­
  wird,  wo  eine  andere  den  Vorzug  noch  größerer  Gewißheit ­
  bieten,  aber  zu  keiner  wesentlichen  Erkenntnis  verhelfen ­
  würde.
Es  kann  daher  nicht  zweifelhaft  sein,  welcher  von  beiden
Lehren  der  Vorzug  gebührt.  Eine  befriedigende  Theorie  des
Geldes  aber  muß  Raum  haben  auch  für  die  Fragestellung
Schwarzwalds,  während  sie  die  Einseitigkeit  der  prinzipiellen
Geldauffassung  dieses  Autors  1  vermeiden  und  auch  den  rich-5
  Die  prinzipielle  Geldauffassung,  die  Schwarzwalds  Aufsätzen  zugrunde
liegt,  will  nicht  neu  sein  und  ist  es  so  wenig,  wie  irgend  eine  Geldauffassung. ­
  Beruft  sich  doch  der  Autor  selbst  auf  Eugen  Dühring.  Jene
Dühringsche  Lehre  aber,  wonach  das  Metallgeld  den  Naturgesetzen  seinen
Ursprung  verdanke,  erscheint  uns  heute  ein  wenig  naiv.  Die  »metallistische«
Grundauffassung  enthält  eine  unannehmbare  Einseitigkeit,  sie  hat  den  unzerstörbaren ­
  Kern  dessen  nicht  in  sich  aufgenommen,  was  schon  Adam
Müller,  Graf  Buquoy  und  Samuel  Oppenheim  erkannt  haben.
Sie  besinnt  sich  zu  wenig  darauf,  daß  auch  der  Wert  des  Goldes  in  hohem
Grade  erst  durch  die  Goldfunktion  geschaffen  und  gehalten  wird,  daß  mit
einer  etwaigen  Demonetisierung  des  Goldes  unter  sonst  gleichbleibenden
Umständen  auch  ein  Teil  seines  Wertes  dahin  wäre.  Sie  steht  ferner  zu
wenig  in  Einklang  mit  dem  Relativismus  der  modernen  Wertlehre  österreichischer ­
  Schule,  wonach  nicht  der  Gattung,  sondern  nur  dem  konkreten
Gute  Wert  zukommt,  weil  der  Wert  nie  als  etwas  Objektives,  in  besonderen
Gegenständen  wie  im  Gold  Verkörpertes,  gedacht  werden  sollte.
Dennoch  scheinen  uns  die  genannten  Aufsätze  aus  den  erwähnten
Gründen  der  besonderen  Beachtung  seitens  der  Wissenschaft  wert.
        <pb n="83" />
        §  5.  Die  Rangordnung  der  Zahlungsmittel.  79
tigen  Kern  der  nominalistischen  Lehre  in  sich  aufnehmen
kann.  Im  Unterschiede  von  Knapp  und  den  Nominalisten  wird
sie  eine  »staatliche«  und  »überstaatliche«  Geldtheorie  zugleich
sein  können.  Dies  soll  im  folgenden  näher  ausgeführt
werden.

§  5 -
Die  Rangordnung  der  Zahlungsmittel.
ln  den  vorigen  Kapiteln  ist  unser  prinzipieller  Standpunkt
schon  gegeben.  Manchem  Leser,  der  mit  der  geldtheoretischen ­
  Literatur  nicht  vertraut  ist,  und  dem  die  bekanntesten
herrschenden  Lehren  nicht  ganz  geläufig  sind,  wird  es  vielleicht ­
  scheinen,  als  sei  unser  Standpunkt  nicht  konsequent,
als  schwanke  der  Autor  zuweilen  zwischen  zwei  entgegengesetzten ­
  Theorien  hin  und  her  und  hüte  sich  ängstlich,  Farbe
zu  bekennen.  Die  Schuld  liegt  in  diesem  Falle  nicht  auf  unserer ­
  Seite.  Das  häufige  Eingehen  auf  die  Theorien  Knapps
und  dann  wieder  seiner  Gegner  muß  den  nicht  Eingeweihten
verwirren,  ist  aber  unumgänglich  nötig,  um  unsere  Abweichungen ­
  von  den  früheren  Lehren  deutlich  herauszuheben.
Kompliziert  bleibt  unsere  Theorie  allerdings.  Aber  hierin  vermögen ­
  wir  noch  nichts  Verdächtiges  zu  erblicken.  Die  Wahrheit ­
  ist  kompliziert,  und  eine  Lehre,  die  der  Wahrheit  nahekommen ­
  will,  muß  viele  Klauseln,  viele  »Wenn«  und  »Aber«
haben.  Wir  kommen  zum  letzten  Kapitel.  Letzter  Zweck
jeder  menschlichen  Wirtschaft  ist  die  Befriedigung  der  materiellen ­
  Bedürfnisse  durch  Beschaffung  von  Gütern  und  Dienstleistungen. ­
  Eine  Theorie  des  Geldes,  die  unseren  wirtschaftlichen ­
  Vorstellungen  gerecht  werden  soll,  zwingt  uns  notwendig, ­
  auf  diesen  letzten  Zweck  der  Wirtschaft  uns  zu  besinnen, ­
  mag  auch  noch  so  oft  das  Geld  bloß  als  Umlaufsmittel
erscheinen.  Nach  Knapp  allerdings  wird  die  Befriedigung
        <pb n="84" />
        80  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

durch  eine  Zahlung  im  wesentlichen  zirkulatorischer  Natur
sein  x .  Wir  glauben  aber,  gezeigt  zu  haben,  daß  als  letztes
Glied  unserer  Vorstellungsreihe  die  zirkulatorische  Befriedigung, ­
  das  bloße  Weitergeben  des  Geldes  im  allgemeinen  nicht
ausreicht,  daß  hier  immer  wieder  eine  endliche  Befriedigung,
ein  Abschluß  gefordert  werden  muß.  Nehmen  wir  einmal
an,  ein  bestehender  Staat  solle  aufhören,  in  der  alten  Form
fort  zu  existieren;  oder  einen  anderen  Fall:  Der  Geldbesitzer ­
  verlasse  für  immer  das  Gebiet  seines  Staates.  Wir
fragen  nun:  Wie  wird  man  unsere  heutigen  Zahlungsmittel
einordnen  müssen  nach  dem  Grade,  in  dem  in  solchen  Fällen
die  Befriedigung  des  Geldinhabers  gesichert  oder  gefährdet
erscheint  ?
Da  ergibt  sich  Folgendes:
Wechsel  und  Schecks  sind  dann  vom  gedachten  Ziele  der
Befriedigung  begrifflich  weiter  entfernt  als  Geld.  Sie  sind
erst  in  Geld  einlösbar,  und  zwar  unter  Umständen  in  uneinlöslichem ­
  Papiergelde.
Metallgeld  gewährt  eine  Befriedigung,  die  Papier  nicht
bietet;  es  hat  bereits  selbst  Stoffwert  —  wenn  auch  fraglich ­
  bleibt,  wie  weit  der  Stoffwert  Grundlage  seiner  Geltung ­
  ist.
»Vollwertiges«  Metallgeld  erscheint  dann  besser  als
»unterwertiges«.
Was  folgt  aber  nach  dem  Metallgelde  ?  Die  konkreteste
Form  der  Möglichkeit  stoffwertvoller  Befriedigung,  nämlich
Sachgüter.
Unsere  Skala  lautet  daher:
Wechsel  und  Schecks.
Papiergeld.
Unterwertiges  Metallgeld.

1  Knapp,  a.  a.  O.  S.  37ff.
        <pb n="85" />
        §  5.  Die  Rangordnung  der  Zahlungsmittel.

81

Vollwertiges  Metallgeld.
Sachgüter.
Wir  erinnern  daran,  daß  diese  Skala  nur  unter  einem  einzigen, ­
  durchaus  einseitigen  Gesichtspunkte  gesehen  ist.  Sie
zeigt  nur,  wie  weit  die  heutigen  Inhaber  der  Zahlungsmittel
gesichert  erscheinen,  wenn  z.  B.  eine  Auflösung  der  Zahlungsgemeinschaft ­
  stattfindet.  Sie  sucht  nur  die  Brücke  von  der
Lehre  des  staatlichen  Geldes  zur  überstaatlichen  oder  individualistischen ­
  Geldtheorie  zu  finden;  es  ist  daher  selbstverständlich, ­
  daß  sie  allein  nicht  das  Wesen  des  Geldes  erschließen ­
  kann,  wohl  aber  soll  sie  hierzu  mit  beitragen.  Unsere ­
  Skala  ist  daher  nicht  als  »unrichtig«  gekennzeichnet,
wenn  man  darauf  hinweist,  daß  jahrzehntelang  der  englische
Sterlingwechsel  »sicherer«  war  als  das  Papiergeld  oder  Silbergeld ­
  vieler  Staaten.  Ebensowenig  ist  sie  als  irrtümlich  hingestellt, ­
  wenn  man  daran  erinnert,  daß  historisch  und
unter  manchen  Gesichtspunkten  gesehen,  auch  logisch  der
Gebrauch  der  edlen  Metalle  als  »Geld«  einen  Fortschritt
gegenüber  den  Sachgütern  bedeutet.
Man  wird  ferner  diese  Skala  als  selbstverständlich  und
überflüssig  betrachten,  weil  sie  im  einzelnen  nur  Bekanntes
enthalte.  Allein  die  Berechtigung,  ja  die  Notwendigkeit  ihrer
Aufstellung  liegt  in  der  Einseitigkeit  der  herrschenden  Geldlehren ­
  begründet.  Die  »Modernen«,  wie  man  dogmenhistorisch ­
  nicht  ganz  richtig  sagt,  wollen  einen  prinzipiellen,  qualitativen ­
  Unterschied  zwischen  Metallgeld  und  Papiergeld
überhaupt  nicht  gelten  lassen,  sie  vernachlässigen  daher  diese
Skala  und  kümmern  sich  nicht  um  wirtschaftliches  Endziel,
endliche  Befriedigung  und  individualistische  Sicherheit  der
Zahlungsmittel.  Die  anderen  aber,  nämlich  die  Metallisten,
stellen  die  gewiß  vorhandene  Kluft  zwischen  Metallgeld  und
anderen  Zahlungsmitteln  wieder  als  allzu  tief  hin.  Unsere
Skala  deutet  demgegenüber  an,  daß  manche  Unterschiede
Moll,  Logik  des  Geldes.  6
        <pb n="86" />
        82  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

hier  nur  quantitativer  Art  sind;  weist  sie  doch  auf  stufenweise ­
  Übergänge  und  Gradunterschiede  hin.
Es  ist  selbstverständlich,  daß  unsere  Skala  allein  nicht  genügt, ­
  um  etwa  in  umgekehrter  Reihenfolge  für  die  Erkenntnis ­
  der  historischen  Entwicklung  des  Geldwesens  eine  unmittelbar ­
  anwendbare  Formel  zu  liefern.  Eine  solche  Formel
gibt  es  aber  überhaupt  nicht,  und  dies  nicht  erkannt  zu  haben,
ist  der  Fehler  fast  aller  neueren  Geldtheoretiker  und  -praktiker.
  Unsere  Skala  ist  nichts  als  ein  Hilfsmittel  des  Denkens,
ein  Schema,  das  zusammen  mit  anderen  bekannten,  von  juristischen ­
  und  volkswirtschaftlichen  Gesichtspunkten  konstruierten ­
  Skalen  uns  in  den  Stand  setzen  soll,  die  Wirklichkeit ­
  zu  verstehen.
Eine  derartige  andere  Skala  ergibt  sich  durch  Umkehrung
der  unseren.  Hier  zeigt  sich,  wie  anscheinend  das  Geld  allmählich ­
  mehr  und  mehr  seinen  Stoffwert  abstreift.
Gleichzeitig  deutet  die  erste  Skala  aber  darauf  hin,  daß
der  »Vergeistigung«  des  Geldes  sehr  wohl  eine  Grenze  gezogen ­
  bleibt:  Je  weniger  körperlich,  desto  »unsicherer«
scheint  der  Charakter  der  Geldart  unter  unserem  Gesichtspunkte ­
  betrachtet.  Letzter  Zweck  jeder  Wirtschaft  bleibt
aber  die  definitive  Befriedigung,  zu  der  alle  Geldarten  immer
wieder  die  Brücke  zurückfinden  müssen.  Auch  wer  völlig  in
den  Knappschen  Anschauungen  lebt,  dürfte  diese  Brücke
nicht  abbrechen,  ohne  im  uferlosen  Nebel  der  wirtschaftlichen
Vorstellungen  den  Weg  zu  verlieren.
Viele  sehen  den  Fortschritt  in  der  Kultur  des  Geldes  einzig
in  der  wachsenden  »Entkörperung«  (Plenge),  im  Schwinden
und  Entbehrlichwerden  des  kostspieligen  und  unbequemen
Stoffes,  im  Zunehmen  des  Kreditgeldes,  in  der  Verdrängung
der  Barzahlung  durch  andere  Zahlungsweisen.  Aber  mag  das
für  einen  immer  größeren  Teil  des  Zahlungswesens  zutreffen,
zwei  Gebiete  bleiben  stets,  die  uns  unangreifbar  erscheinen.
        <pb n="87" />
        hhhihi

§  5.  Die  Rangordnung  der  Zahlungsmittel.  83
nämlich  die  Gebiete,  die  den  Anfang  und  das  Ende  jedes  Zahlungsvvesens
  bilden,  die  Brücken  vom  Menschen  zum  Zahlungswesen ­
  und  wieder  zurück.  Auch  ein  girales  System,
wohl  die  höchste  Stufe  jener  Entwicklung,  setzt  doch  immer
Einlagen  von  irgendwelchem  Stoffwerte  als  Grundlage  für
den  Beginn  und  als  Möglichkeit  des  Ausgleichs  am  Ende  voraus. ­
  Darüber  wird  man  nie  hinwegkommen,  und  da  hegt
die  logische  Grenze  für  die  Möglichkeit  eines  stoffwertlosen
Zahlungswesens:  Anfang  und  Ende  verlangen  stoffwertvolle
Befriedigung.
Man  wird  also  darauf  verzichten  müssen,  die  Geschichtsphilosophie ­
  des  Geldes  zu  einfach  darzustellen.  Eine  Lehre,
die  nur  den  Vorgang  der  allmählichen  »Vergeistigung«  des
Geldes,  die  Verdrängung  des  Substanzwertes  durch  den
Funktionswert  (in  falscher  Anwendung  der  Simmelschen
Lehre)  betrachtet,  bleibt  für  sich  allein  auch  dann  gefährlich,
wenn  sie  nicht  agitatorisch  wirken  will.  Aber  sie  bleibt  berechtigt ­
  und  notwendig  neben  einer  anderen  Betrachtungsweise. ­
  Unsere  Skala,  die  das  Verhältnis  der  Geldart  zum  Individuum ­
  in  Hinsicht  auf  schließliche  Befriedigung  als  Endzweck ­
  beleuchten  will,  ist  ein  ebenso  berechtigter  und  notwendiger ­
  Bestandteil  einer  Geldtheorie  wie  die,  welche  die
»Entkörperung«  des  Geldes  darstellt.
So  soll  also  »Papierwährung  mit  Goldreserve  für  den  Auslandsverkehr« ­
  (z.  B.  Heyn)  nicht  das  allgemeine,  nächst  erreichbare ­
  Ziel  moderner  Währungspolitik  bleiben?  Wir
reden  hier  gar  nicht  von  einem  »Sollen«,  sondern  wir  versuchen ­
  nur,  die  Forderungen  der  wirtschaftlichen  Logik  zu
ermitteln.  Wir  prophezeien  auch  nicht.  Welchen  Weg  die
Entwicklung  gehen  wird,  wissen  wir  nicht.  Innerhalb  eines
freien,  selbständigen,  geordneten  Staatswesens  mag  heute
und  für  Jahrzehnte  der  »Goldkern«  (Plenge)  als  das  beste
Sicherungsmittel  endlicher  Befriedigung  erscheinen  und  —
6*
        <pb n="88" />
        84  Viertes  Kapitel.  Grundlegung  einer  wirtschaftlichen  Theorie  des  Geldes.

genügen.  Für  die  überstaatliche  Theorie  bildet  das  Aufhören ­
  der  Ooldzirkulation  schon  einen  Rückschritt,  gesehen ­
  unter  dem  allerdings  einseitigen  Gesichtspunkte  der
endlichen  Befriedigung.  Es  erscheint  das  als  Übergang  zu
einem  System  größerer  Unsicherheit.  Dies  kann  auch  »aktuell« ­
  werden.  Mag  der  Goldkern  noch  so  sicher  untergebracht ­
  und  bewacht  sein,  er  ist  leichter  zu  beschlagnahmen, ­
  leichter  zu  rauben,  leichter  dem  äußeren  Feind
ausgeliefert,  leichter  durch  eine  unzweckmäßige  Verwaltung
vergeudet,  als  das  in  der  Zirkulation  fließende  und  im
Privatbesitze  ruhende  Gold.  Mögen  die  eigentlichen  Funktionen ­
  des  Geldes  sich  am  vollkommensten  vollziehen,  wenn
der  Stoffwert  geschwunden  ist;  die  Forderung  der  elementaren ­
  wirtschaftlichen  Logik  nach  der  Sicherung  endlicher
Befriedigung  sollte  bei  der  Diskussion  einer  Währungsfrage
niemals  ganz  außer  acht  gelassen  werden;  praktisch  mag
man  sich  für  möglichste  Zurückdrängung  des  stoffwertvollen ­
  Geldes  entscheiden,  theoretisch  sollte  man  wenigstens ­
  darüber  klar  sein,  welche  Konsequenzen  diese  Politik
haben  kann.  Im  einzelnen  Falle  mag  der  individualistische
Gesichtspunkt  bedeutungslos  sein;  eine  prinzipielle  Außerachtlassung ­
  kann  sich  bitter  rächen,  wenn  auch  die  Folgen
vielleicht  erst  nach  Jahrzehnten  und  Jahrhunderten  in  überraschender ­
  und  erschreckender  Klarheit  zutage  treten
könnten  durch  politische  Konstellationen,  deren  Möglichkeit
heute  vielleicht  noch  gar  nicht  ausgedacht  werden  kann.
        <pb n="89" />
        Anhang.
Fünftes  Kapitel.
Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde.
§  1.
Einleitung.
Alle  bisherigen  Erörterungen  bezogen  sich  auf  das  Geld
im  allgemeinen,  wobei  freilich  das  Papiergeld  einen  wichtigen ­
  und  interessanten  Spezialfall  bildet.  Zum  Schluß  sollen
hier  noch  einige  Betrachtungen  über  das  stoffwertlose  Geld
insbesondere  Platz  finden.  Unsere  Grundauffassung  ist  bereits ­
  im  vorigen  enthalten.  Hier  soll  der  prinzipielle  Relativismus ­
  der  Geldanschauung  nur  noch  einen  deutlicheren
Ausdruck  finden:  Wir  glauben  hiermit  gleichzeitig  eine
Lücke  auszufüllen.  Eine  einigermaßen  objektive  Gegenüberstellung ­
  der  beiden  älteren  bekannten  Grundanschauungen
müßte  zwar  den  unentbehrlichen  Bestandteil  eines  jeden
Lehrbuches  bilden,  existiert  aber  in  Wirklichkeit  noch  gar
nicht.  Vielmehr  pflegt  die  Lehre  vom  Papiergeld  in  der
Literatur  mit  einer  Einseitigkeit  dargestellt  zu  werden,  die
nicht  in  der  Natur  des  Gegenstandes  begründet  scheint,
und  aus  der  nur  die  Absicht  oder  der  unbewußte  Drang
des  Autors  spricht,  sich  lieber  sein  Kampfobjekt  zu  erhalten, ­
  als  Zweifel  aufkommen  zu  lassen  und  die  gegnerische ­
  Lehre  einer  ernsthaften  Betrachtung  zu  unterziehen.
Entweder  man  bleibt  Anhänger  des  Papiergeldes  oder  Gegner. ­
  Und  wenn  Knapp  darüber  spottet,  daß  die  Wissenschaft ­
  diesen  Stoff  nie  objektiv,  theoretisch-analysierend
behandle,  wenn  er  darauf  hinweist,  daß  eine  Theorie  nicht
»empfehlen«,  sondern  »erklären«  solle,  so  ist  das  gewiß
richtig,  aber  dessenungeachtet  ist  auch  seine  »erklärende«
        <pb n="90" />
        86  Fünftes  Kapitel.  Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde.

Darstellung  grenzenlos  einseitig.  Die  wesentlichsten  »metallistischen«
  Argumente  würdigt  er  gar  nicht.
Wir  geben  weiter  eine  kritische  Zusammenstellung  der
speziellen  Hypothesen  über  die  Fundierung  des  Papiergeldes. ­
  Auch  sie  vermissen  wir  in  den  Lehr-  und  Handbüchern ­
  wie  in  monographischen  Werken.  Damit  ist  unser
Beitrag  zu  einer  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde ­
  bereits  abgeschlossen:  So  interessant  die  Theorien
der  »Inflationisten«  sind,  sie  gehören  durchaus  in  die  »Dynamik« ­
  und  können  in  einer  wirtschaftlichen  Logik  des
Geldes  keinen  Platz  beanspruchen.
§  2.
Die  beiden  in  der  Literatur  herrschenden  Grundauffassungen ­
  des  Papiergeldes.
Es  gibt  mindestens  zwei  Grundauffassungen  des  Papiergeldes, ­
  für  die  es  nicht  ganz  leicht  ist,  bezeichnende  Namen
zu  finden.  Man  kann  mit  einigem  Recht  von  papiergeldfeindlicher ­
  und  papiergeld-freundlicher  Auffassung  reden.
Dem  modernen  Nationalökononien,  der  die  Werturteile  aus
der  Wissenschaft  ausscheiden  möchte,  wird  dies  unsympathisch ­
  sein.  Aber  um  die  Frage  nach  der  Möglichkeit
dieser  Ausscheidung  gänzlich  beiseite  zu  lassen,  mit  Bezug
auf  die  bisherige  Papiergeldliteratur  wird  die  Scheidung
in  »feindliche«  und  »freundliche«  kaum  als  unzutreffend  gelten ­
  dürfen.  Die  Gegenüberstellung  einer  »individualistischen« ­
  und  einer  »soziologischen«  Geldtheorie  enthält  etwas
Richtiges,  aber  nicht  die  Wahrheit  allein.  Verfehlt  scheint
es,  von  »alten«  und  »neuen«  Auffassungen  schlechthin  zu
reden,  wo  die  Literatur  so  unübersehbar  und  die  Priorität
und  Originalität  so  problematisch  sind.  Hat  doch  die  als
»neue«  gekennzeichnete  Anschauung  schon  im  18.  Jahr-
        <pb n="91" />
        §  2.  Die  beiden  in  der  Literatur  herrschend.  Orundauffass.d.  Papiergeldes.  87
hunderte  ihre  Vertreter  gehabt.  Bezeichnender  ist  schon
der  Gebrauch  der  von  Knapp  benutzten  Ausdrücke:  Metallismus ­
  und  Nominalismus,  die  wir  übernehmen  wollen.
Wir  verweisen  dabei  auf  die  kurze  Skizze  der  ihnen  zugrunde ­
  liegenden  Geldauffassungen  (S.  19  ff.,  31  ff.).
a)  Der  Metallismus  erblickt  das  Wesen  des  Geldes  im
Metall,  und  nur  vollwertiges  Metallgeld  ist  ihm  eigentliches
Geld.  Er  sieht  im  Papiergeld  kein  selbständiges  Geld,  sondern ­
  nur  eine  Anweisung  auf  Metallgeld,  eine  Urkunde,
die  auf  Metallgeld  lautet,  etwas  Provisorisches,  was  einer
Einlösung  oder  Umwechslung  bedarf.  Warum  das  Papiergeld, ­
  insbesondere  uneinlösliche  Scheine  mit  Zwangskurs,
nicht  als  selbständiges  Geld  gelten  sollen,  das  wird  verschieden ­
  zu  begründen  gesucht.
Papiergeld  setze  begrifflich  das  Metallgeld  voraus,  und
nie  habe  historisch  ein  Papiergeld  vor  jedem  Metallgeld
existiert.  Papiergeld  könne  nicht  die  Preise  messen.  Die
Scheine  trügen  auch  in  der  Regel  den  Aufdruck:  »So  und
soviel  Metallgeld  zahlt  die  Österreichisch-Ungarische  Bank
usw.«...  Es  wird  ferner  hingewiesen  auf  den  Wortlaut
der  Münzgesetze,  die  ein  geprägtes  Metallquantum  als  Werteinheit ­
  bezeichnen.  Es  wird  darauf  hingewiesen,  daß  Papier
ein  wertloser  Stoff  ist,  und  endlich  wird  gesagt:  »Ein  Staat
gibt  Papiergeld  nicht  aus  geldtheoretischen  Gründen  aus,
nicht  der  äußeren  Zweckmäßigkeit  wegen  (Handlichkeit,
Bequemlichkeit),  sondern  aus  Mangel  an  Metall  und  Mitteln
überhaupt,  aus  Finanznot.  Papiergeld  entsteht  vorzugsweise
in  Kriegen  und  Krisen,  derweil  die  Barzahlung  der  großen
Banken  eingestellt  wird.  Papiergeld  ist  etwas  Anormales,
Krankhaftes,  ein  Unglück.  Es  ist  gefährlich,  weil  es  unmerklich ­
  vermehrt  werden  kann,  und  weil  seine  unheilvollen ­
  Wirkungen  sich  erst  spät  heraussteilen  können.  Unmerklich ­
  führt  es  zur  Verarmung  der  Völker.  Es  ist  ein
        <pb n="92" />
        88  Fünftes  Kapitel.  Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde.

Krebsschaden  der  Finanz-  und  der  Volkswirtschaft.  Es  ist
kein  ideales,  zweckmäßiges  System,  sondern  ein  Notbehelf,
ein  Übel.  Es  ist  seinem  Wesen  nach  etwas  Vorübergehendes,
und  chronisch  kann  es  höchstens  in  dem  Sinne  werden,  wie
eine  Krankheit  chronisch  werden  kann.  Und  wie  man  in
der  Vergangenheit  mit  dem  Papiergeld  Schlechtes  erlebt
hat,  so  kann  man  in  der  Zukunft  nichts  Besseres  erwarten.«
Wollen  wir  diese  ganze  Gedankenrichtung  noch  von  unserem ­
  speziellen  Gesichtspunkte,  der  Fra'ge  nach  der  endlichen ­
  Befriedigung  aus,  kurz  charakterisieren,  so  dürfen
wir  eine  Stelle  von  Hufeland  zitieren 1 :  »Papiergeld  ist
ein  Zeichen  des  Metallgeldes,  nicht  ein  unmittelbares  Zeichen
der  Güter.«
b)  Nun  zur  Charakteristik  der  zweiten,  papiergeldfreundlichen, ­
  »nominalistischen«  Auffassung:  Sie  hält  sich  nicht
an  den  Wortlaut  der  Münzgesetze,  sondern  will  nach  den
echten  Motiven  der  Gesetze  forschen.  Sie  fragt  nicht  nach
dem  Aufdruck  der  Scheine,  sondern  darnach,  ob  dieser
Aufdruck  auch  in  der  Praxis  der  Staatsverwaltung  beachtet ­
  wird.  Sie  sieht  in  der  Werteinheit  keine  gemünzte
Metallmenge,  sondern  ein  Quantum  abstrakter  Kaufkraft
oder  Zahlkraft.  »Wenn  die  Namen  Livre  und  Shilling  bestehen ­
  bleiben,  so  können  die  Dinge  noch  ebenso  gezahlt
und  verkauft  werden,  ohne  daß  Metall  nötig  ist,«  sagt
Berkeley  (1735,  zitiert  bei  Roscher  I.  14.  Auflage,  Seite
264).  »Keine  Goldwährung,  sondern  Markwährung,«  sagt
Otto  Heyn.  Auch  die  silberne  Mark  stellt  die  Werteinheit
dar,  und  doch  ist  sie  mit  dem  zehnten  Teil  des  goldenen
Zehnmarkstückes  weder  identisch  noch  wertgleich.  Und
sind  beide  etwa  wertgleich  der  uneinlöslichen  Papiermark
im  Kriege?  Auch  die  Papiermark  ist  selbständiger  Wert-1

  Die  Lehre  vom  Geld  und  Geldumlauf  1819.  S.  218.
        <pb n="93" />
        §  2.  Die  beiden  in  der  Literatur  herrschend.  Grundauffass.  d.  Papiergeldes.  89
messer,  auch  Papiergeld  selbständiges  Geld.  Denn  wo  alles
Metall  aus  der  Zirkulation  verdrängt  ist,  kann  da  etwas
anderes  Preismesser  sein,  als  das  Papiergeld,  das  durchaus
von  der  Kaufkraft  des  vorher  zirkulierenden  Metallgeldes
abweichen  kann?  Wenn  ferner  Papier  wertloser  Stoff  ist,
so  bleibt  auch  der  Stoffwert  des  Metallgeldes  höchst  problematisch ­
  (vgl.  S.  70,  Anm.  1).  Der  Wert  des  Papiergeldes
beruht  keineswegs  auf  dem  des  Metallgeldes,  und  Einlösung
in  Metall  wäre  eine  schlechte  Einlösung,  wäre  nur  die  Umwandlung ­
  eines  Zeichens  in  ein  anderes;  in  Wahrheit  gibt
es  keine  Einlösung,  sondern  nur  eine  Umwechslung.  Silbergeld ­
  ist  heute  eigentlich  nur  Blechmarke,  und  mag  auch  Goldgeld ­
  einen  im  Vergleich  zu  anderen  Gütern  ansehnlichen
Stoffwert  haben,  so  ist  doch  dieser  Stoffwert  nicht  Grundlage ­
  seiner  Geltung.  Gelten  aber  und  Zirkulieren  ist  das
Wesen  des  Geldes,  und  sofern  der  Stoff  zu  diesem  Wesen
nicht  gehört,  ist  ein  stoffwertloses  Geld  nicht  nur  Geld,
sondern  das  ideale  Geld,  die  vornehmste  Verkörperung  der
Geldfunktion.  Es  ist  zuzugeben,  daß  in  der  Vergangenheit,
in  der  Geschichte,  das  Papiergeld  meist  ein  Kind  der  Not
war;  muß  es  aber  so  sein?  Liegt  das  wirklich  im  Wesen
des  Geldes?  Kann  nicht  in  Zukunft  das  Papiergeld;  eben
ein  scharfes  und  zweischneidiges  Werkzeug,  bei  vernunftgemäßer ­
  Handhabung  gerade  ein  vollkommenes  Geld  werden, ­
  frei  von  der  Erdkruste  des  Metalls,  unabhängig  in
seinem  Werte  von  wechselnden  Produktionsbedingungen,
unabhängig  von  der  Laune  der  Natur,  wertbeständig  und
billiger  als  das  den  kostspieligen  Stoff  verschwendende  Metallgeld? ­
  Und  hat  man  die  Geschichte  wirklich  richtig  interpretiert? ­
  Oder  geben  nicht  schon  die  Vorgänge  der  letzten
Jahrzehnte  eine  andere  Lehre?  Haben  nicht  die  Schäden,
des  Papiergeldes  sich  in  geringerem  Maße  gezeigt,  ist  es
nicht  gelungen,  echtes  Papiergeld  ohne  wesentliche  Ent-
        <pb n="94" />
        90  Fünftes  Kapitel.  Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde.

Wertung  zu  halten  (Frankreich,  Österreich)  ?  Kann  man
eine  Erscheinung  vorübergehend  nennen,  die  jahrzehnteund
  jahrhundertelang  bestanden  hat?  Oder  von  Anomalie
reden,  wo  Papiergeld  das  einzige  Zirkulationsmittel  ist?
Dieses  die  beiden  Grundauffassungen.  Wir  möchten  zunächst ­
  auf  einige  psychologische  Zusammenhänge  aufmerksam ­
  machen,  die  über  ihre  Entstehung  etwas  Aufschluß
geben  könnten.  Es  ist  klar:  Wer  bei  Betrachtung  des
Papiergeldes  von  der  Finanzwissenschaft  ausgeht,  wer  das
Papiergeld  im  Rahmen  der  Finanzwirtschaft  behandelt,  der
wird  von  vornherein  einer  skeptischeren  Beurteilung  zuneigen, ­
  er  wird  im  Papiergelde  stets  eine  verschleierte
Zwangsanleihe  sehen,  ein  Mittel,  um  das  Defizit  zu  decken,
ein  Zauberkunststück,  das  dem  Staat  für  den  Augenblick
hilft,  für  die  Dauer  aber  die  Verarmung  und  Aussaugung
ganzer  Volksmassen  nach  sich  ziehen  kann.  Wer  aber  von
der  Geldtheorie  ausgeht,  etwa  vom  Nachdenken  über  den
Begriff  und  das  Wesen  des  Geldes,  das  er  in  der  Funktion,
im  bloßen  Zirkulieren  sieht,  der  wird  sich  leicht  ein  Geld
konstruieren,  das  ohne  durch  den  Stoffwert  und  seine  Wirkung ­
  beschwert  zu  sein,  das  Ideal  des  Geldes  bilden  soll.
Ein  unglücklicher  Krieg  scheint  dem  Metallismus,  ein
glücklicher  dem  Nominalismus  recht  zu  geben,  mag  man
auch  beide  Richtungen  als  akademische  Anschauungen  auffassen, ­
  deren  Richtigkeit  mit  der  Anwendung  auf  praktische
Einzelfälle  nicht  erwiesen  noch  in  Frage  gestellt  werden  kann.
Der  Metallismus  behält  in  erheblicherem  Maße  recht  mit
Bezug  auf  ältere  Zeiten,  in  denen  Papiergeld  aus  verschiedenen ­
  historisch  verständlichen  Gründen  nicht  möglich ­
  war,  und  für  Zeiten,  in  denen  Papierwirtschaft  mit
•  starker  Entwertung,  mit  Preisrevolution  und  Verarmung
von  Volksklassen  endete,  während  in  unserer  Zeit  der  Nominalismus ­
  mehr  Boden  finden  muß.  Die  Frage  aber  ist
        <pb n="95" />
        §  2.  Die  beiden  in  der  Literatur  herrschend.  Grundauffass.  d.  Papiergeldes.  Q]
damit  noch  keineswegs  gelöst,  welcher  von  beiden  Auffassungen ­
  die  Zukunft  gehören  wird.  Setzt  der  Tatbestand,
den  der  Nominalismus  postuliert,  eine  gewisse  Höhe  der
Kulturentwicklung  voraus,  so  ist  noch  keineswegs  erwiesen,
daß  er  das  wirkliche  Ziel  bestimmt,  dem  die  geschichtliche
Entwicklung  zustrebt.  —
Es  ist  ferner  eine  alte,  aber  halb  vergessene  Wahrheit,
daß  das  Papiergeld  seinem  Wesen  nach  Landesgeld,  das
Metallgeld  aber  Weltgeld  oder  doch  international  verwendbar ­
  ist.  Daher  wird  der  Nominalismus  seine  Berechtigung
behalten  innerhalb  der  Staatsgrenzen  und  solange  der  konkrete ­
  Staat  besteht  —  und  das  kann  sehr  lange  sein  —,
aber  unter  der  Herrschaft  des  internationalen  Verkehrs  und
im  Laufe  der  Geschichte  von  Jahrhunderten  wird  doch  der
Kern  des  Metallismus  immer  wieder  zum  Vorschein  kommen. ­
  Der  Nominalismus  mag  am  meisten  einer  wahrhaft
patriotischen,  im  idealen  Sinne  soziologischen,  organischen
Staatsauffassung  entsprechen;  der  Metallismus  dagegen  der
individualistischen,  atomistischen.  Das  darf  uns  aber  nicht
darüber  hinwegtäuschen,  daß  beim  Nominalismus  oftmals
mehr  der  Wunsch  der  Vater  des  Gedankens  ist,  während
der  Metallismus  der  rauhen  und  nüchternen  Wirklichkeit
gerecht  wird.  —
Es  wird  nun  die  Aufgabe  unserer  Geldtheorie  sein,  bei
Bestimmung  des  Verhältnisses  beider  Grundauffassungen
zueinander  zu  zeigen,  daß  die  rational  erfaßbare  Differenz ­
  zwischen  ihnen  keineswegs  so  groß  ist,  wie  es  auf
den  ersten  Blick  scheint  und  wie  man  allgemein  annimmt.
In  jeder  der  beiden  Auffassungen  ist  viel  Gefühlsmäßiges
•enthalten,  und  wir  werden  hier  an  das  erinnert,  was  bei
Betrachtung  des  modernen  Methodenstreites  in  der  Volkswirtschaftslehre ­
  immer  wieder  zur  Geltung  kommt:  Daß
überall  ein  gefühlsmäßiger,  subjektiver  Rest  zurückbleibt,
        <pb n="96" />
        92  Fünftes  Kapitel.  Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde.
der  verstandesmäßig  nicht  analysiert  werden  kann.  Wie
weit  dieser  Rest  für  die  Wissenschaft  relevant  ist,  das  wird
für  den  einzelnen  Fall  noch  schwerer  zu  entscheiden  sein,
als  im  prinzipiellen  Methodenstreite.  Hier  aber  muß  von
jenem  Rest  möglichst  abstrahiert  werden.
Verschieden  ist  das  Urteil  beider  Auffassungen  über  die
Rollen  des  Metallgeldes  und  des  Papiergeldes  in  der  Zukunft ­
  ;  aber  gerade  dieses  Urteil  bedeutet  für  uns  eigentlich
wenig,  denn  Prophezeiungen  gehören  nicht  in  die  Wissenschaft. ­
  Die  Vergangenheit  dagegen  wird  im  wesentlichen
von  den  Anhängern  beider  Richtungen  gleichartig  beurteilt.
Wir  haben  zu  zeigen  versucht,  daß  zum  Beispiel  die  berühmte ­
  französische  Assignatenwirtschaft  eine  grundverschiedene ­
  Beurteilung  nicht  zulasse,  sondern  daß  sich  bei  eingehenderer ­
  Kritik  die  von  der  herrschenden  Auffassung  sich
wesentlich  unterscheidende  Deutung  als  unhaltbar  erweise  U
Über  die  Gegenwart  und  die  jüngste  Vergangenheit,  zum
Beispiel  über  die  Festigkeit  der  österreichischen  Valuta,,
mag  das  Urteil  ein  wenig  schwanken,  zumal  ein  absolut
sicherer  Maßstab  für  die  Wertbeständigkeit  einer  Valuta
überhaupt  nicht  existiert.  In  Summa:  Das  Urteil  über  die
konkreten  geschichtlichen  Phänomene  differiert  nicht  erheblich. ­

Dies  ist  die  historische  Seite;  nun  die_  logische.  Da
zeigen  nun  Schriftsteller  aus  den  verschiedensten  Lagern
in  dem,  was  sie  über  die  allgemeine,  rein  logische  Möglichkeit ­
  eines  stoffwertlosen  Geldes  sagen,  eine  geradezu  erstaunliche ­
  Übereinstimmung.  Es  sei  hier  auf  eine  kleine
Zusammenstellung  aus  einer  früheren  Publikation  verwiesen ­
  1  2 .

1  Moll,  Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft  1914.  S.  757.
2  Moll,  a.  a.  O.  S.  763.
        <pb n="97" />
        §  2.  Die  beiden  in  der  Literatur  herrschend.  Grundauffass.  d.  Papiergeldes.  Q3
•
Lexis  (»Metallist«)  äußert  sich  folgendermaßen 1 :  »Wäre
überhaupt  nicht  zu  befürchten,  daß  bei  Krisen  und  finanziellen ­
  Nöten  zu  einer  Vermehrung  des  Papiergeldes  geschritten ­
  würde,  so  könnte  man  sich  theoretisch  allerdings
eine  Einrichtung  der  Papierwährung  denken,  bei  welcher
nur  geringe  und  unschädliche  Schwankungen  des  auf  Zahlungskredit ­
  beruhenden  Wertmaßes  vorkämen,  während  auf
der  anderen  Seite  der  Gewinn  stände,  daß  ein  nach  Milliarden ­
  zu  berechnender  Betrag  in  Metallgeld  erspart  werden ­
  könnte.«
Helfferich  (ein  freilich  nicht  orthodoxer  Schüler  Knapps)
sagt  am  Schlüsse  seines  Buches  über  »Das  Geld« 2 :  »An
und  für  sich  scheint  es  mithin  möglich,  bei  einer  solchen
(ergänze:  Papier-)  Geldverfassung  die  Geldversorgung
jederzeit  in  voller  Übereinstimmung  mit  dem  Geldbedarf
zu  halten,  und  so  eine  volle  Stabilität  des  Geldwertes  und
eine  gänzliche  Indifferenz  des  Geldes  in  den  wirtschaftlichen ­
  Vorgängen  herbeizuführen.«
Adolph  Wagner  (vermittelnd,  aber  Gegner  von  Knapp)
sagt  vom  stoffwertlosen  Gelde 3 :  »Ein  solches  ist  nach
dem  früheren  nicht  undenkbar  und  praktisch  nicht  unmöglich.« ­
  »Innerhalb  einer  einzelnen  staatlich  zusammengefaßten ­
  Volkswirtschaft  hat  sich  das  —  die  sogenannte  Papiergeldwirtschaft ­
  mit  Papierwährung'  —  für  (relativ)  kürzere ­
  und  längere  Zeitdauer  möglich  erwiesen.  Bei  Kautelen,
  welche  sich  dafür  theoretisch  aufstellen  lassen,  wenn
und  solange  als  diese  Kautelen  praktisch  innegehalten
werden  konnten  und  werden,  auch  mit  im  ganzen  mindestens ­
  nicht  stets  schädlichem,  selbst  mit  verhältnismäßig
unschädlichem,  ja  mit  befriedigendem  Erfolg  hinsichtlich
1  Das  Geld,  2.  Aufl.  1910.  S.  588.
2  Artikel  Papiergeld  im  Handwörterbuch  d.  Staatsw.  Bd.  VI.  S.  996.
3  Sozialökonomische  Theorie  des  Geldes  und  Geldwesens  1909.  S.  138
und  139.
        <pb n="98" />
        94  Fünftes  Kapitel.  Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde.
•
der  Funktionen  des  Geldes,  wenigstens  in  einigermaßen
normalen  politischen,  finanziellen  und  volkswirtschaftlichen
Zuständen.«
Wenn  aber  über  die  historische  wie  über  die  logische
Seite  der  Sache  das  Urteil  so  wenig  auseinandergeht,  worin
liegt  dann  noch  der  wesentliche  Unterschied  beider  Auffassungen? ­
  Auch  der  Metallist  wird  heute  zugeben  müssen,
daß  ein  Papiergeld  gelegentlich  seinen  historischen  Ursprung ­
  aus  dem  Anschluß  an  Metallgeld  verleugnet  und
nur  noch  den  Namen  der  metallistischen  Werteinheit  trägt,
dabei  aber  eine  selbständige  Wertbildung  zeigt,  die  streng
metallistisch  nicht  mehr  zwanglos  erklärt  werden  kann.
Dann  aber  steht,  nur  noch  die  »sehr«  theoretische  Frage
zur  Diskussion,  ob  in  diesem  Falle  nicht  doch  ein  Metall  im
Füntergrunde  stehen  müsse.  Und  hier  ist  es  nun,  wo  beide
Theorien,  konsequent  zu  Ende  gedacht,  sich  begegnen
müssen.  Denn  wie  die  Vorstellung  eines  wirklich  vorhandenen, ­
  zur  Einlösung  oder  zur  Deckung  bestimmten
Metallfonds  auf  die  Urteile  der  Menschen  über  das  Geld
wirkt,  und  wie  weit  diese  Vorstellung  auch  noch  dann
wirksam  sein  kann,  wenn  die  Beziehung  zwischen  dem
Metallfonds  und  der  Einlösung  gelockert  und  eine  ziemlich
problematische  geworden  ist,  —  das  alles  läßt  sich  schwer
nachweisen.  Hier  versagt  die  Kausalerklärung,  und  deshalb ­
  können  die  Metallisten  glauben,  was  sie  wollen,  und
ebenso  die  Nominalisten.  Aber  die  Differenz  der  Anschauung
wird  um  so  kleiner,  je  weiter  jeder  denkt,  je  mehr  er
konsequent  zum  Ende  zu  gelangen  versucht;  denn  dann
werden  die  Metallisten  ihren  orthodoxen  Glauben  reformieren ­
  müssen,  wonach  die  Einlösung  unbedingt  in  Metall
zu  bestehen  habe,  und  die  Nominalisten  werden  wieder
das  Zugeständnis  machen  müssen,  daß  irgendeine  endliche
Befriedigung  des  Geldinhabers  in  Nichtgeld  erforderlich
        <pb n="99" />
        §  3.  Die  speziellen  Lehren  von  der  Fundamentierung  des  Papiergeldes.  Q5
sei.  So  treffen  sich  die  Konsequenzen  beider  Auffassungen
darin,  daß  eine  Einlösung,  eine  endliche  Befriedigung  überhaupt ­
  notwendig  sei,  und  darin,  daß  diese  Befriedigung
nicht  unbedingt  in  Metall  zu  bestehen  habe.  Wo  aber  liegt
dann  noch  der  wesentliche  Unterschied  beider  Auffassungen? ­
  So  führt  das  Problem  des  Endes  zur  Versöhnung  von
Nominalismus  und  Metallismus.

§  3.
Die  speziellen  Lehren  von  der  Fundamentierung  des
Papiergeldes.
Die  Auffassungen  des  Metallismus  und  des  Nominalismus ­
  liefern  nur  die  allgemeine  Grundlage  für  die  Betrachtung ­
  des  Papiergeldes.  Es  sollen  nun  die  spezielleren  Hypothesen ­
  betrachtet  werden.
Es,  gibt  kaum  etwas,  worauf  nicht  schon  einmal  irgendeine ­
  Theorie  die  Schaffung  von  Papiergeld  begründet  sehen
wollte.  Ohne  hier  auf  Vollständigkeit  Anspruch  zu  machen,
dürfen  wir  folgende  Lehren  zusammenstellen:  Man  hat
Papiergeld  fundieren  wollen
1.  auf  Metallgeld  oder  Edelmetall,
2.  auf  Grundstücke,
3.  auf  Gewerbebetrieb,
4.  auf  Verkehrsmittel,
5.  auf  Staatsschulden,
6.  auf  kaufmännische  Wechsel,
7.  auf  die  Möglichkeit  der  Steuerzahlung,
8.  auf  das  Verkehrsbedürfnis,
9.  auf  die  Proklamation  des  Staates  und  die  »lytrische
Politik«  (Knapp),
10.  auf  den  Glauben  an  die  Macht  des  Staates  zu  endlicher ­
  Befriedigung.
        <pb n="100" />
        96  Fünftes  Kapitel.  Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde.

Es  macht  keine  Schwierigkeit,  an  der  Hand  unserer  Geldtheorie ­
  die  zehn  Hypothesen  zu  kritisieren.
1.  Metall(geld)-Fundierung  ist  das  Postulat  des  strengen
Metallismus.  Hier  sind  drei  Fälle  denkbar:  a)  Es  ist  stets
die  ganze,  in  Papier  ausgegebene  Summe  von  Werteinheiten ­
  gleichzeitig  in  Metallgeld  vorhanden.  Sie  liegt  zur
Einlösung  (Umwechslung)  in  den  Kellern  einer  Zentralbank ­
  bereit.  Auf  Verlangen  wird  stets  eingelöst.  Dann
ist  nach  der  verbreiteteren  Auffassung  überhaupt  noch  nicht
vom  Papiergeld,  mindestens  aber  nicht  von  eigentlichem
Papiergeld  die  Rede,  sondern  man  spricht  von  uneigentlichem ­
  Papiergeld.  Gold-  und  Silberzertifikate  gehören
unter  diese  Begriffsbestimmung,  wobei  das  hinterlegte  Metall ­
  auch  in  ungeprägtem  Zustande  sein  kann.  Man  könnte
meinen,  dieser  Fall  sei  für  die  Lehre  vom  eigentlichen
Papiergeld  gleichgültig.  Aber  so  streng  sich  in  der  Theorie
die  Fälle  scheiden  lassen,  so  unmerklich  finden  im  Leben
Übergänge  statt,  von  diesem  Fall  zu  dem  folgenden.  Worin
läge  nun  in  unserem  Falle  überhäupt  das  Motiv  der  Papiergeldausgabe ­
  für  den  Staat  oder  für  die  Notenbank?  Anscheinend ­
  wäre  doch  ein  solcher  Reiz  überhaupt  nicht  vorhanden. ­
  Nun,  der  Staat  könnte  die  Pflicht  empfinden,  bequeme ­
  und  handliche  Zahlungsmittel  aus  Papier  für  den
großen  Verkehr  zu  liefern;  ein  noch  wirksameres  Motiv
aber  wäre  wohl  der  Vorsatz,  unter  Umständen  vom  Prinzip ­
  abzuweichen  und  zu  Fall  b)  übergehen.
Fall  b):  Papierscheine,  Staats-  oder  Banknoten  werden
ausgegeben,  und  es  existiert  ein  Betrag  zum  Einwechseln,
Umwechslungsfonds,  Konversionskasse.  Das  Papier  wird  auf
Verlangen  in  Metallgeld  eingewechselt;  aber  der  Metallfonds ­
  ist  kleiner  als  die  Summe  der  ausgegebenen  Papierscheine. ­
  Man  spricht  dann  von  einlösbaren  Noten  (mit
        <pb n="101" />
        §  3.  Die  speziellen  Lehren  von  der  Fundamentierung  des  Papiergeldes.  Q7
oder  ohne  Zwangskurs)  und  pflegt  auch  hier  noch  nicht
das  eigentliche  Papiergeld  zu  sehen.
Mit  Recht  hat  Adolph  Wagner  darauf  aufmerksam  gemacht, ­
  wie  leicht  der  Übergang  zum  nächsten  Fall  (c)  vollzogen ­
  sei.  Schon  das  einlösbare  Papiergeld  ist  in  Wirklichkeit ­
  im  strengen  Sinne  nicht  einlösbar;  denn  wollte  man
alle  Scheine  gleichzeitig  präsentieren,  so  würde  der  Fonds
zur  Umwechslung  nicht  ausreichen.  Man  wird  sagen,  das
komme  ja  erfahrungsgemäß  nicht  vor.  Kann  es  aber  nicht
Vorkommen?  Gibt  es  nicht  Paniken,  z.  B.  bei  Kriegsausbruch? ­
  Und  was  geschieht  dann?  Man  stellt  die  Einlösung ­
  ein,  tatsächlich,  nach  administrativer  Verordnung
oder  mit  Änderung  des  Gesetzes.  Man  muß  sie  einstellen,
und  dann  ist  Fall  c)  gegeben:  Uneinlösbares  Papiergeld.
Aus  naheliegenden  Gründen  erscheint  der  Zwangskurs  in
diesem  Falle  nötig.  Erst  hier  spricht  man  von  echtem  oder
eigentlichem  Papiergeld.  Diese  Scheine  können  alles  vollwertige ­
  Metallgeld  und  zuweilen  das  unterwertige  aus  der
Zirkulation  verdrängen  und  alleiniges  Umlaufsmittel  werden,
selbständiger  Wert-  und  Preismesser.
Vom  Standpunkte  des  Metallismus  scheint  jedes  nicht
metallene  Zahlungsmittel  deshalb  als  ein  gefährliches  Werkzeug, ­
  weil  der  Übergang  vom  »solidesten«  Zustand  (Fall  a)
zu  dem  bedenklicheren  (Fall  b  und  c)  und  insbesondere
der  Übergang  vom  einlösbaren  (b)  zum  uneinlösbaren  (c)
Papiergeld  so  leicht  eintritt.  Es  erscheint  das  als  ein  Fierabgleiten
  auf  einer  schiefen  Ebene.  Und  hier  trifft  sich
wieder  der  Metallist  mit  dem  Nominalisten.  Auch  dieser
würde  das  Bild  von  der  schiefen  Ebene  zugestehen,  nur
mit  anderer  Notierung:  Während  der  Metallist  in  der  vollen
Metalldeckung  das  einzig  solide  System  erblickt,  sieht  der
Nominalist  hierin  eine  Konzession  an  den  Aberglauben  der
Menschen.  »Solange  die  Menschen  so  töricht  sind,  an  das
Moll,  Logik  des  Geldes.  7
        <pb n="102" />
        Q8  Fünftes  Kapitel.  Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde.
Metall  zu  glauben,  solange  muß  auch  für  Metalldeckung
gesorgt  werden.«  So  sind  beide  Parteien  von  der  praktischen ­
  Notwendigkeit  metallener  Garantien  überzeugt  und
hier  treffen  sich  beide  Extreme.  Nur  daß  der  Nominalist
eben  hofft,  jener  »Aberglaube«  sei  leichter  zu  beseitigen,
als  man  gemeinhin  annimmt.  Dem  Wesen  des  Geldes  entspricht ­
  es  nach  seiner  Auffassung,  daß  eigentlich  nicht
die  Fälle  b)  und  c),  sondern  der  Fall  a)  als  bedenklich
gelten  müßte.
So  wird  der  Unterschied  zwischen  einlösbarem  und  uneinlösbarem ­
  Papiergeld  (b)  und  (c),  so  wesentlich  er  dem
Theoretiker  in  mancher  Beziehung  scheinen  mag,  im  Leben
oft  bedeutungslos.  So  kann  insbesondere  die  Einlösung
der  Scheine  suspendiert  sein,  obwohl  ein  ursprünglich  zur
Umwechslung  bestimmter  Metallfonds  eine  enorme  Höhe
besitzt:  Hier  sind  die  Scheine  zurzeit  uneinlöslich,  und
doch  scheint  die  wirtschaftliche  Möglichkeit  ihrer  Einlösung
vorhanden,  wobei  freilich  dahingestellt  bleiben  muß,  ob
nicht  andere  Zwecke,  zu  denen  der  Fonds  herangezogen  werden ­
  soll,  in  erster  Linie  Erfüllung  verlangen.
Die  Erfahrung,  daß  weder  ein  bestehendes  Gesetz  nocn
der  Aufdruck  der  Scheine  irgendwelche  Garantie  für  die
Erhaltung  der  Einlösbarkeit  bieten,  führt  leicht  zu  dem
Postulat,  die  Sicherheit  des  Papiergeldes  prinzipiell  auf
etwas  anderes  gründen  zu  wollen  als  auf  die  problematische
Möglichkeit  des  Umtausches  in  Metallgeld:  Damit  gelangt
man  leicht  zu  »nominalistischen«  Theorien.
2.  Man  hat  die  Ausgabe  von  Papiergeld  auf  Grundstücke
fundieren  wollen.  Das  bekannteste  Beispiel  sind  die  Assignaten ­
  der  Französischen  Revolution,  —  ein  Thema,  über
das  unendlich  viel  geschrieben  worden  ist.  Die  Assignatenwirtschaft ­
  endete  bekanntlich  mit  völliger  Entwertung  des
Papiergeldes,  im  wesentlichen,  weil  die  Menge  der  aus-
        <pb n="103" />
        §  3-  Die  speziellen  Lehren  von  der  Fundamentierung  des  Papiergeldes.  QQ

gegebenen  Scheine  ungeheuerlich  groß  war  b  Aber  hiervon ­
  abgesehen,  konnte  und  kann  eine  Fundierung  von
Staatspapiergeld  auf  den  Erlös  zu  verkaufender  Grundstücke ­
  nicht  unbedenklich  hingenommen  werden.  Nicht  weil
hier  das  Postulat  der  endlichen  Befriedigung  in  einem
brauchbaren,  materiellen  Werte  unerfüllt  bliebe,  sondern
weil  der  Weg  zu  dieser  Befriedigung  allzu  umständlich,
wo  nicht  unerreichbar  erscheinen  muß.  Wie  es  im  Bankwesen ­
  nicht  bloß  auf  die  schließliche  Sicherheit  einer  Anlage ­
  ankommt,  sondern  unter  Umständen  noch  mehr  auf
die  Liquidität,  so  auch  hier.  Die  Beruhigung,  daß  in  den
Grundstücken  Werte  enthalten  seien,  die  nach  menschlicher
Berechnung  nicht  so  leicht  gänzlich  verloren  gehen  können
wie  die  bewegliche  Habe,  diese  Beruhigung  wird  unwesentlich ­
  gegenüber  der  Schwierigkeit,  ja  Unmöglichkeit,  solche
Werte  in  kritischer  Zeit  massenhaft  einlösen  zu  können.
Man  mißverstehe  uns  nicht.  Wir  haben  an  anderer  Stelle
gerade  die  Auffassung  vertreten,  daß  die  Assignaten  sich
nicht  so  ungeheuerlich  entwertet  haben  würden,  wenn  man
nur  ihre  Menge  vorsichtig  eingeschränkt  hätte.  Trotz  der
bedenklichen  »Hypothezierung«  (Fundierung  auf  den  Erlös ­
  aus  dem  Verkauf  von  Kirchengütern)  wäre  dann  jene
enorme  Entwertung  der  Scheine  ausgeblieben  —  und  zwar,
weil  je  nach  dem  Kredit  eines  Staates  eine  mehr  ode!r
weniger  große  Menge  von  Papiergeld  sich  im  Verkehr  zu
halten  pflegt,  ungeachtet  dessen,  was  für  Theorien  man
zu  seiner  Fundierung  in  Anspruch  nimmt  und  welche  speziellen ­
  und  offiziellen  Deckungsmittel  tatsächlich  existieren
mögen  (Theorie  der  Fundierung  auf  das  Verkehrsbedürfnis,
8).  Aber  hiervon  abgesehen,  bleiben  Grundstücke  als  spezielle ­
  Fundierung  eines  Papiergeldes  ungeeignet.  Ist  doch

1  Zeitschrift  fiir  Sozialwissenschaft  1914,  S.  757.
        <pb n="104" />
        100  Fünftes  Kapitel.  Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde.
diese  Art  der  Deckung  nicht  imstande,  in  unseren  wirtschaftlichen ­
  Vorstellungen  wie  im  Unterbewußtsein  wirtschaftender ­
  Menschen  die  Garantie  der  Realisierbarkeit
zu  gewähren.
3.  4.  Ähnliches  läßt  sich  über  die  Theorien  der  Fundierung ­
  eines  Papiergeldes  auf  Gewerbebetrieb  oder  auf
Verkehrsmittel  sagen,  Fälle,  die  I.  G.  Fioffmann  in  seiner
Lehre  vom  Gelde  kurz  erörtert  hat.  Wir  gehen  hierauf
nicht  ein.  Daß  es  bedenklich  scheinen  muß,  etwa  Aktien
gewerblicher  Unternehmungen  als  Unterpfand  für  die  Ausgabe ­
  von  Papiergeld  zu  benutzen,  braucht  nicht  auseinandergesetzt ­
  zu  werden.
5.  Wie  steht  es  aber  mit  der  Fundierung  auf  Staafspapiere?
  Adolph  Wagner  hat  darauf  aufmerksam  gemacht,
daß  bei  dem  berühmten  nordamerikanischen  Banknoten-Deckungsprinzip
  die  Liquidität  zugunsten  der  schließlichen
Sicherstellung  hintangesetzt  würde,  zumal  gerade  in  kritischen ­
  Zeiten  der  Verkauf  großer  Massen  von  Staatspapieren ­
  nur  unter  sehr  großen  Verlusten  möglich  wäre.
Ist  nun  auch  bei  den  stets  einlösbaren  Noten  die  Frage  der
Realisierbarkeit  noch  dringender  als  etwa  bei  einem  auf
Staatsschuldverschreibungen  basierten  und  nicht  einlösbaren ­
  Papiergelde,  so  gehen  doch  die  Bedenken  nach  der
gleichen  Richtung.
6.  Die  Fundierung  von  Banknoten  auf  kaufmännische
Wechsel  liegt  bekanntlich  zu  einem  Teile  der  Einrichtung
unserer  Reichsbank  zugrunde.  Eine  unübersehbare  Literatur ­
  behandelt  das  Problem  der  bankmäßigen  Deckung.
Diese  Fundierung  von  Papiergeld  auf  Warenwechsel  hat
neuerdings  Bendixen 1  als  praktische  Lösung  des  Geldproblems ­
  hingestellt.  Von  der  Anweisungstheorie  aus-1

  Das  Wesen  des  Oeldes,  1908.
        <pb n="105" />
        §  3.  Die  speziellen  Lehren  von  der  Fundamentierung  des  Papiergeldes.  101
gehend,  sieht  er  im  Oelde  eine  für  geschehene  Leistungen
gegebene  Anweisung  auf  Gegenleistungen  (S.  24):  »Als
Basis  für  die  Geldschöpfung  wird  die  verkaufte  Ware  betrachtet.« ­
  Das  Geld  soll  im  Parallelismus  mit  dem  Entstehen ­
  und  Vergehen  der  Konsumgüter,  die  es  repräsentiert,
erscheinen  und  wieder  verschwinden.  Als  Muster  des  »klassischen« ­
  Geldes  erscheinen  daher  die  durch  Warenwechsel
gedeckten  Banknoten  (S.  36).  Es  ist  eine  reine  Funktionswertlehre, ­
  die  hier  entwickelt  wird,  und  es  ist  nur  die
Konsequenz  hiervon,  wenn  Bendixen  sagt  (S.  33):  »Denkt
man  sich  die  ganze  Volkswirtschaft  auf  den  Aussterbeetat
gesetzt,  also  einen  Zustand,  in  welchem  keine  Neuproduktion, ­
  nur  Verzehrung  der  vorhandenen  Vorräte  stattfindet,
so  müßte  mit  dem  letzten  Bissen  auch  das  letzte  Geldstück
verschwunden  sein.«
Diese  Lehre  enthält  manches  Beachtenswerte;  aber  sie
ist  nicht  zu  Ende  gedacht,  sie  kann  nicht  befriedigen;
zu  ihrer  Kritik  gilt  das,  was  wir  oben  zur  Kritik  der  Anweisungstheorie ­
  sagten  (S.  39  f.).
So  wird  die  Fundierung  eines  Papiergeldes  auf  kaufmännische ­
  Wechsel  allein  nicht  ausreichen,  uns  die  Vorstellung ­
  der  endlichen  Befriedigung  zu  gewährleisten.
7.—9.  Es  wären  nun  die  der  »nominalistischen«  Grundauffassung ­
  entsprechenden  Fundierungstheorien  zu  besprechen, ­
  die  die  Ausgabe  von  Papiergeld  auf  das  Verkehrsbedürfnis, ­
  auf  die  Steuerzahlungsmöglichkeit,  auf  die
staatliche  Proklamation  und  die  »lytrische  Politik«  (Knapp)
gründen  wollen.  Diese  Theorien  gehen  davon  aus,  daß  eine
spezielle  Deckung  nicht  zu  fordern  sei.  Sie  alle  sind  nicht
eigentlich  falsch  oder  verkehrt,  aber  zu  allgemein  und  zu
formal,  um  zur  Erklärung  auszureichen  und  um  eine  gefahrlose ­
  Anwendung  zu  ermöglichen.  Gewiß  wird  die  Möglichkeit ­
  der  Verwendung  zur  Steuerzahlung  dem  Papiergeld
        <pb n="106" />
        102  Fünftes  Kapitel.  Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde.

eine  gewisse  Stütze  gewähren,  gewiß  ebenso  das  Bedürfnis,
des  Publikums  nach  Zahlungsmitteln  für  andere  Zwecke,  gewiß ­
  ist  in  allen  diesen  Fällen  die  staatliche  Proklamation
eine  allgemeine  Voraussetzung  für  die  Geltung  der  Scheine,
gewiß  können  Operationen  zur  Regulierung  der  Wechseloder ­
  Geldkurse  auf  die  Wertbeständigkeit  des  Papiergeldes ­
  Einfluß  haben.  Aber  eine  andere  außerordentlich
wichtige  Grundbedingung  für  ein  zweckmäßig  fungierendes,,
nicht  sich  entwertendes  Papiergeld  bleibt  doch,  daß  die
Menge  dieses  Geldes  die  »richtige«  ist,  ein  Postulat,  das  in
jenen  Formeln  der  modernen  nominalistischen  Theorie  nicht
zum  Ausdruck  kommt.  Und  damit  gelangen  wir  zu  derjenigen ­
  Formulierung,  die  alle  anderen  Theorien  in  sich
schließt.
10.  Ein  Papiergeld,  das  sich  nicht  entwerten  soll,  kann
im  letzten  Grunde  nur  fundiert  sein  auf  den  Glauben  des
Publikums  an  die  Macht  des  Staates  zu  endlicher  Befriedi-.
gung.
Dieser  Glaube  kann  sich  stützen  und  hat  sich  oft  gestützt
auf  das  Vorhandensein  eines  ansehnlichen  Metallvorrates.
Noch  heute  ist  der  Metallfonds  die  beste  sinnliche  Repräsentation ­
  der  endlichen  Befriedigung,  er  zeigt  am  deutlichsten ­
  den  Zahlungswillen  und  die  Zahlungsbereitschaft  des
Staates,  die  Beziehung  zwischen  dem  Staate  und  dem  Gelde
des  einzelnen.  Wenn  ein  Staat  ferner  Domänen  und  Forsten,
Eisenbahnen  und  Bergwerke  besitzt,  die  ein  Milliardenvermögen ­
  repräsentieren,  so  wird  sein  »Kredit«  eine  gewisse
Quantität  Papiergeld  stützen,  obwohl,  wie  wir  oben  gezeigt
haben,  durch  die  Art  der  Deckung  die  ideale  Forderung  der
Liquidität  hier  nicht  genügend  beachtet  wird,  und  obwohl
die  Vorstellung  der  »Einlösung«  hier  nicht  sehr  deutlich
sein  wird.  Die  Zahlungsbilanz  eines  Landes  endlich  wird  auf
den  Stand  seiner  Valuta  Einfluß  haben,  aber  nur  durch  das
        <pb n="107" />
        §  3.  Die  speziellen  Lehren  von  der  Fundamentierung  des  Papiergeldes.  103
Medium  des  »Vertrauens«  hindurch.  Über  Steuerfundation
und  Verkehrsbedürfnis  haben  wir  oben  gesprochen.
Eine  der  wesentlichsten  Voraussetzungen  aber,  die  sich
nicht  wegdeuteln  läßt,  bleibt  die,  daß  die  Quantität  des
Papiergeldes  im  Verhältnis  zum  Bedarf  nicht  zu  groß  sein
darf,  wenn  nicht  Entwertung  eintreten  soll.  Das  Vertrauen
auf  die  Macht  des  Staates  zu  endlicher  Befriedigung  schwindet ­
  —  wenn  auch  auf  Umwegen  —,  sobald  die  Menge  zu
groß  wird.  Die  alte,  geradezu  verpönte  Quantitätstheorie
behält  doch  ihren  richtigen  Kern 1 .  Daß  eine  eintretende
starke  Vermehrung  in  der  Menge  der  Zahlungsmittel  unter
sonst  gleichbleibenden  Umständen  ihren  Wert  zu  beeinträchtigen ­
  geeignet  sei,  das  ist  beinahe  eine  Denknotwendigkeit. ­

Die  Unhaltbarkeit  der  sogenannten  »naiven«  Quantitätstheorie ­
  wird  dadurch  nicht  bestritten.  Gewiß  stellen  wir
uns  die  Beziehungen  zwischen  Geld  und  Ware  nicht  mehr
mechanisch  vor,  so  daß  jedem  »Mehr«  von  Geld  innerhalb
eines  Landes  sofort  ein  Steigen  der  Warenpreise  entspräche,
vielmehr  rechnen  wir  heute  mit  dem  elastischen  Faktor  des
Kredits,  mit  der  Nachfrage  nach  Zahlungsmitteln,  mit  der
Zirkulationsgeschwindigkeit  des  Geldes.  Und  die  etwaige
Wirkung  einer  wesentlich  vermehrten  Geldmenge  auf  die
Preise  wird  heute  überhaupt  nicht  mehr  mittels  einer  plötzlichen ­
  Verwandlung,  durch  Sprünge,  sondern  nur  durch  die
Zwischenglieder  der  Diskontopolitik,  der  wachsenden  Unternehmungslust, ­
  der  steigenden  Nachfrage  nacli  Rohstoffen
und  Lebensmitteln  begriffen.  Gewiß  unterscheidet  man  auch
die  Bewegung  des  Metallagios  und  der  Wechselkurse  von
der  der  Warenpreise.  Aber  daß  z.  B.  eine  enorm  vermehrte
Menge  von  papiernen  Zahlungsmitteln  für  die  Dauer  auf

1  Moll,  Zeitschrift  für  Sozial  Wissenschaft  1914.  S.  760.
        <pb n="108" />
        104  Fünftes  Kapitel.  Zur  Systematisierung  der  Lehren  vom  Papiergelde.

die  Warenpreise  im  Inlande  einwirken  muß,  sofern  man
nicht  Gegenwirkungen  ganz  besonderer  Art  anwenden  darf,
das  bleibt  sicher.  Und  zuweilen  scheint  es  uns,  als  ob  diese
Erkenntnis  den  einzig  wesentlichen  Inhalt  der  Geldwerttheorien ­
  aller  Zeiten  und  Länder  bildete,  daß  man  darüber
niemals  hinauskomme,  trotz  aller  Verzierungen,  aller  Modifikationen ­
  und  aller  Verklausulierungen,  mit  denen  diese
einfache  Wahrheit  umgeben  wird.  Hierin  würde  sich  die
große  Unfruchtbarkeit  der  Gelddynamik  zeigen.  Hier  aber
hört  auch  unsere  Aufgabe  auf;  denn  die  Dynamik  als  solche
bildet  nicht  mehr  den  Gegenstand  unserer  Abhandlung.
        <pb n="109" />
        Duncker  &amp;amp;  Humblot,  Verlagsbuchhandlung,  München  und  L  eipzig.
Der  private  Kriegskredit  und
seine  Organisation.
Von  Dr.  Robert  Deumer,  Amtsrichter  und  Dozent  am  Kolonialinstitut ­
  in  Hamburg.
(Staats-  und  sozial  wissenschaftliche  Forschungen,  herausgegeben ­
  von  Gustav  Schmoller  und  Max  Sering;
Heft  186).
Preis  5  Mark  70  Pf.
Das  Werk  bietet  einen  zuverlässigen  Überblick
über  das  private  Kreditwesen  im  Kriegsjahre
  1914,  berücksichtigt  sämtliche  Kriegskreditorganisation ­
  en,  prüft  kri  ti  sch  die  einzelnen ­
  Kreditprobleme  und  beschäftigt  sich
eingehend  mit  den  Ursachen  und  Begriffen
des  besonderen  Kriegskredits  und  den  Abhilfemitteln ­
  gegen  die  Kreditnot  im  Krieg.
Auchdiemit  dem  Kreditwesen  im  Zusammenhangstehenden ­
  rechtlichenMaßnahmen  werden ­
  anläßlich  der  Moratoriumsbetrachtungen ­
  und  der  Rechtsform  der  Kriegskreditorganisationen ­
  eingehend  geprüft.
Das  Material  hat  sich  der  Verfasser  auf  Grund
einer  Enquete  bei  sämtlichen  Regierungsbehörden ­
  Deutschlands  und  einer  Umfrage
bei  den  einzelnen  Kreditorganisationen  verschafft ­
  und  kann  in  dieser  Fülle  nicht  so
leicht  wieder  geboten  werden.
        <pb n="110" />
        Pierersche  Hofbuchdruekerei  Stephan  Oeibel  &amp;amp;  Co.,  Altenburg,  S.-A.

'

Duncker  &amp;amp;  Humblot,  Verlagsbuchhandlung,  München  und  Leipzig

Das  Depositengeschäft  der
Berliner  Großbanken.

Von  Dr.  Gustav  Motschmann.
Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik  154/1.  (Kapitalbildung  und
Kapitalverwendung,  herausgeg.  von  Hermann  Schumacher.)
Preis  17  Mark.
Vorwort  des  Herausgebers:  Von  den  ausführlichen  Einzelveröffentlichungen, ­
  die  in  den  «Untersuchungen  über  das  Volkssparwesen»  (Band
136  und  137,  I—III  der  Vereinsschriften)  für  die  einschlägigen  Fragen
des  Bankwesens  vorgesehen  worden  sind,  kann  hiermit  erfreulicherweise
der  erste  Teil  vorgelegt  werden.  Der  stattliche  Band,  der  dem  Depositengeschäft ­
  eine  so  umfassende  und  tiefgründige  Behandlung  zuteil  werden
läßt,  wie  sie  bisher  selbst  das  Geschäft  der  Banknotenausgabe  nicht  gefunden ­
  hat,  spricht  für  sich  selbst  ;  er  bedarf  keiner  empfehlenden  Einführungsworte. ­


tiliiMMtl(uiiiiiii)uliMiiiiiim&amp;lt;iiiiiU!!(iiiuiiiiiuiiiriii)Uii(tiiim:iiiiiitniimiiiii&amp;lt;

Soeben  erschien  die  zweite,  neubearbeitete  Auflage  von:

Depositenbanken  und  Spekulationsbanken.


Ein  Vergleich  deutschen  und  englischen  Bankwesens.

n*-  Arlsvlf  WJaViar  ord.  Professor  der  wirtschaftlichen  Staatswissen’
von  Ul.  AUOU  weuer,  schäften  an  der  Universität  Breslau.

Preis  geheftet  10  Mark,  in  Leinwand  gebunden  11  Mark.
Beim  erstmaligen  Erscheinen  des  Werkes  schrieben:
W.  Lotz  im  Bankarchiv:  «Das  vorliegende  Werk  zeugt  von  ungewöhnlichem ­
  theoretischen  Scharfsinn  und  großer  Belesenheit.  Hiermit
vereint  sich  ein  Verständnis  für  das  praktische  Leben,  welches  durchaus
nicht  allen  Banktheoretikern  in  gleichem  Maße  eigen  ist.»
E.  Jaffe  in  Schmollers  Jahrbuch:  «Bei  der  Lektüre  des  Buches
fällt  vor  allem  der  staunenswerte  Fleiß  ins  Auge,  mit  dem  ....  alles
zusammengetragen  ist,  was  auf  die  einschlägigen  Verhältnisse  Bezug  hat.
....  Für  England  war  es  relativ  leicht,  auf  diese  Weise  ein  klares  Bild
der  Verhältnisse  zu  geben.  Für  Deutschland  war  die  Aufgabe  weit
schwieriger,  weil  es  an  derartigen  aus  der  Praxis  stammenden  Schilderungen ­
  fast  ganz  gebricht.  Um  so  mehr  ist  es  anzuerkennen,  daß  es
Weber  trotz  dieser  Schwierigkeiten  gelungen  ist,  uns  sowohl  die  englischen ­
  wie  die  deutschen  Verhältnisse  lebendig  zu  veranschaulichen.»
W.  Lotz  in  Conrads  Jahrbüchern  über  die  2.  Auflage:
«Ich  kann  nur  wiederholen,  daß  es  sich  um  ein  sehr  wertvolles  Buch
handelt,  dessen  Verfasser  mit  nüchternem  Urteil  und  viel  Belesenheit  und
Fleiß  die  Entwicklung  auch  seitdem  verfolgt  hat.»

nii»&amp;gt;miiiiililininiininiliiUHlnttmiiiililiiiliiii'.iiuimiiiiiliiinfi;iiimiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiii;niiiiiiimniiiimMiiii&amp;gt;iiiniiiiiiliiif:ii!iinitiiiiiiiiimniiiiiiiiiiiimiiiiiiii:iiiiiiiiii;'iiiii;-:inui:-;;in;ifiiKi’&amp;lt;ii'i:t:iiii , :i. , iiiiiliiiintinon ,ltt&amp;lt;
        <pb n="111" />
        len  in  der  Literatur  herrschend.  Grundauffass.d.  Papiergeldes.  87

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S:

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ihre  Vertreter  gehabt.  Bezeichnender  ist  schon
auch  der  von  Knapp  benutzten  Ausdrücke:  Me-,
  und  Nominalismus,  die  wir  übernehmen  wollen,
'eisen  dabei  auf  die  kurze  Skizze  der  ihnen  zu-I
 genden  Geldauffassungen  (S.  19ff.,  31  ff.).
Metallismus  erblickt  das  Wesen  des  Geldes  im
d  nur  vollwertiges  Metallgeld  ist  ihm  eigentliches
sieht  im  Papiergeld  kein  selbständiges  Geld,  soneine ­
  Anweisung  auf  Metallgeld,  eine  Urkunde,
etallgeld  lautet,  etwas  Provisorisches,  was  einer
oder  Umwechslung  bedarf.  Warum  das  Papier-Desondere
  uneinlösliche  Scheine  mit  Zwangskurs,
selbständiges  Geld  gelten  sollen,  das  wird  verzu
  begründen  gesucht.
geld  setze  begrifflich  das  Metallgeld  voraus,  und
historisch  ein  Papiergeld  vor  jedem  Metallgeld
Papiergeld  könne  nicht  die  Preise  messen.  Die
rügen  auch  in  der  Regel  den  Aufdruck:  »So  und
itallgeld  zahlt  die  Österreichisch-Ungarische  Bank
Es  wird  ferner  hingewiesen  auf  den  Wortlaut
gesetze,  die  ein  geprägtes  Metallquantum  als  Wertizeichnen.
  Es  wird  darauf  hingewiesen,  daß  Papier
Dser  Stoff  ist,  und  endlich  wird  gesagt:  »Ein  Staat
iergeld  nicht  aus  geldtheoretischen  Gründen  aus,
•  äußeren  Zweckmäßigkeit  wegen  (Handlichkeit,
chkeit),  sondern  aus  Mangel  an  Metall  und  Mitteln
t,  aus  Finanznot.  Papiergeld  entsteht  vorzugsweise
n  und  Krisen,  derweil  die  Barzahlung  der  großen
dngestellt  wird.  Papiergeld  ist  etwas  Anormales,
tes,  ein  Unglück.  Es  ist  gefährlich,  weil  es  unvermehrt
  werden  kann,  und  weil  seine  unheilirkungen
  sich  erst  spät  herausstellen  können.  Unführt
  es  zur  Verarmung  der  Völker.  Es  ist  ein

S
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        ﻿
        <pb n="116" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
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