9. Friedrich List. Charakteristik. 21 denken." So waren die Ideen, die List brachte, nichts neu Erfundenes, aber die Ver bindung, die Anwendung, die praktische Richtung, die populäre Verbreitung, die er ihnen gab, war nur sein Werk, und die unermeßlichen Kräfte, die er damit weckte, nur sein Verdienst. Wie viel beschämender für die Vorgänger, wenn alles das treff liche Material bereits vorhanden war und erst ein List kommen mußte, um es dem verborgenen Schachte zu entlocken und zum fruchtbaren Gemeingute der Nation zu machen?! Wie viel niederschlagender für sie, wenn sie die populären Wirkungen, die s i e seit Menschenaltern geübt, mit den großartigen Erfolgen verglichen, die List nur in den letzten sechs Jahren seiner Wirksamkeit errungen hatte! Der schroffe Ton, in welchem er seine Sache durchfocht, entsprang aus der Leb haftigkeit und dem Ernst seiner Überzeugung, nicht aus seinem innersten Wesen. List war eine weiche, gemütvolle Natur, voll argloser Hingebung an die Freunde, voll aufopfernder Liebe für die Seinigen, aufrichtig, vertrauensvoll und herzlich, in seinen gesunden Tagen von unverwüstlicher Heiterkeit und reich an dem schalkhaften schwä bischen Humor, der auch aus einzelnen seiner polemischen Schriften herausklingt. Von der gutmütigsten und wohlwollendsten Art, hatte er immer nur die Sachen, nie die Personen im Auge; es konnte ihm ein Gegner, dem er hart mitgespielt, vor die Augen treten, und er fand bei List eine joviale, herzliche Ausnahme. Erst die späteren Tage der Verkennung und Anfeindung, der körperlichen und gemütlichen Leiden störten jene heitere Stimmung; das früher so hingebende Vertrauen schlug dann nicht selten in Mißtrauen, der leichte und muntere Sinn in trübe, melancholische Ver bitterung um. Nur denen, die ihm nahe standen, den Seinigen besonders, war er aber auch in den Tagen der tiefsten Leiden der liebevolle Freund, Gatte und Vater und zwang sich, den innern Schmerz unter dem Gewand einer erkünstelten Ruhe zu verhüllen. Jene heitere Frische und Beweglichkeit des Geistes machte seinen persönlichen Umgang und seine Unterhaltung überaus anziehend. Immer neu und eigentümlich, übersprudelnd von schöpferischen Gedanken und Entwürfen, wirkte er auf alle, die ihm so näher kamen, erweckend, anspornend und befruchtend; er ließ, wie man von einem großen antiken Redner sagte, immer einen Stachel in der Seele des andern zurück. Diese lebendige, erweckende Kraft lag auch in seiner Darstellung; es war eine mäch tige, hinreißende Volksberedsamkeit, die aus seinen Aufsätzen heraussprach. In seinen Artikeln, sagte Laube sehr treffend, war mehr als bloßes Wissen und bloßer Beweis, es war ein drangvolles, den Leser zwingendes Leben in diesen Aufsätzen, ein voller, gewaltiger Mensch ordnete, regierte, trieb, unterwarf uns hinter diesen Zeilen und Sätzen, welche stets in künstlerischer Form stiegen und schwollen und am Ende des Artikels stets die höchste Höhe des Ausdrucks erreichten. Wen sie nicht überzeugten, den rissen sie fort, und wen sie nicht fortrissen, den bestürzten sie. Es focht in Lifts Worten ein Genius, welcher leider ziemlich ungekannt ist unseren Zeitungen poli tischen Themas. Nichts war trocken in Lifts Behandlung! Und wenn man obenein weiß, daß er über hundert Gesichtspunkte nicht sprach, absichtlich nicht sprach, weil er sparen gelernt hatte, um zu wirken, wenn man aus dem persönlichen Verkehr mit ihm erkannte, daß gerade die von ihm verschwiegenen Gesichtspunkte die ergiebigsten, die den Patrioten wie den Mann des Fortschritts entzückendsten sind, dann hatte man doppelt zu bewundern: die Fülle des Inhalts und die weise Beschränkung in dem, was eben zu äußern, was eben auszuführen war. In einem politisch reifen Lande, wo nicht erst der Boden umzuroden und die Wege zu bahnen waren, hätte ein solches Streben auch seine äußere Anerkennung gefunden; mächtige Parteien hätten einen solchen Mann getragen, die Natton ihm den Wirkungskreis angewiesen, der solchen Kräften entsprach. Er hätte dort in einem Parlamente oder am Ministertische seine Stelle gefunden; eine einzige der