10. David Hansemann als Politiker. 23 schließlich dem Interesse und dem Wirken für die Allgemeinheit ganz den Platz zu räumen. Schon 1828 warnt ihn ein Freund vor zu großer Ausdehnung seiner öffentlichen Tätigkeit: er möge mehr an Weib und Kinder denken, manches gute Geschäft sei ihm entgangen, weil er anderweitig zu sehr in Anspruch genommen sei; so dächten viele seiner Freunde. Schwindet nun auch mit der Zeit der unmittelbare Zusammenhang zwischen seinen geschäftlichen und politischen Interessen, so verraten diese in ihrer Färbung doch stets den Boden, aus dem sie erwachsen sind. Seine Kenntnisse, seine Erfahrungen, seine Gesichtspunkte sind in erster Linie dem Wirt schaftsleben des Staates und der Bevölkerung entnommen. Doch aber steht der ganze Mann im Denken und Handeln unter dem unmittelbaren, unreflektierten Ge fühle einer warmen Liebe zu König und Vaterland, und sein politisches Empfinden wurzelt in dem einfachen, männlichen Gedanken, die erste Aufgabe des Staates sei: zu leben, an Kraft, Macht und Ehre zu wachsen. Stand die geistige Kultur des deutschen Volkes auf einer bewunderungswürdigen Höhe, so war es politisch und wirtschaftlich weit hinter den anderen großen Nationen zurückgeblieben. Jeder große wirtschaftliche Fortschritt war auch ein politischer Gewinn. Eines bedang das andere. Wohl durste man damals sagen, es sei eine Ehrensache Deutschlands, reicher zu werden. Denn gerade die Armseligkeit der ökonomischen Verhältnisse machte den Deutschen in den Augen des Fremden und in seinen eigenen lächerlich. Darum war es kein Banausentum, wenn Männer wie Hansemann, Harkort, List u. a. den wirt schaftlichen Aufschwung als mächtigsten Hebel der Größe und Zukunft Deutschlands betrachteten, auch wenn sie diesen Gedanken gelegentlich einseitig betonten. Laut genug konnte er den idealistischen Deutschen überhaupt nicht gepredigt werden, ob wohl der reale Untergrund des nationalen Idealismus vor allem das Verlangen nach Wirtschaftseinheit war. In dieser Gesinnung lebte Hansemann als aufmerksamer Beobachter der inneren und äußeren Politik Preußens und aller Vorgänge in den fremden Staaten. Un aufhörlich beschäftigte ihn das Problem dieses preußischen Staates. Nach jeder Richtung hin erschien sein Wesen rätselhaft, widerspruchsvoll: eine Großmacht ohne die rechten Voraussetzungen für diese anspruchsvolle Stellung, zerrissen in zwei ge trennte Landkomplexe, mit geradezu unmöglichen Grenzen, umgeben von eifer süchtigen, übelwollenden kleinen und übermächtigen großen Staaten; eine Admini stration von so freisinnigen, modernen Grundsätzen, wie sie in der Städteordnung, in der Handelspolitik, in der Fürsorge für die höhere und niedere Volksbildung zutage traten, und daneben eine ängstliche Zensur, eine unwürdige Demagogenfurcht, ein Mangel an Öffentlichkeit, die das frische Leben, das auf der einen Seite erzeugt wurde, auf der anderen wieder zu ersticken drohten. Dazu der Gegensatz zwischen Ost und West, zwischen angestammten Landen und neuen schwer zu assimilierenden Provinzen, ein Gegensatz, der bis zu gewissem Grade auch die liberalen und konser vativen Grundanschauungen der Bevölkerung geographisch verteilte. Wußte dieser Staat, was er nach außen wollte und sollte; wußte er, nach welchem Ziel seine innere Entwickelung drängte? — Hansemann war gewohnt zu disponieren und kannte es nicht anders, als daß, wo er an einer Angelegenheit mitarbeitete, sein Wille der maßgebende war. Selten trat ihm eine ebenbürtige Persönlichkeit von gleicher Willensstärke, gleicher Geschäfts kenntnis, gleichem Scharfblick gegenüber. Alle die großen Betriebe, die er geschaffen hatte, und in denen er tätig war, stellten ihm ein Heer von Untergebenen zur Ver fügung, die mit Verehrung und Bewunderung zu ihm aufblickten, von ihm Förderung und Gunst erwarteten, aber auch zu seiner überlegenen Einsicht das vollkommenste Vertrauen hatten. Das Herrschen mußte ihm mit der Zeit zur Gewohnheit, zur an deren Natur werden. Im Privatverkehr büßten die angeborene Freundlichkeit,