2. Die Volkswirtschaft. 43 gemäß dem jeweiligen Entwicklungsstände der Technik jede Kraft an der Stelle in den Dienst des Ganzen treten kann, wo sie diesem am meisten nützt. Hat der Liberalismus die ganze Fortentwicklung der Volkswirtschaft auf den Boden der freien gefellschaftlichen Betätigung gestellt und darum vielfach eine geradezu staatsfeindliche Richtung eingehalten, so hat er doch nicht zu verhindern vermocht, daß der moderne Staat als solcher sich in der Richtung weiter ausgebildet hat, welche er feit dem 16. Jahrhundert eingeschlagen hatte: in der Richtung eines immer engeren Zusammenschlusses aller Teile des Volkes und des Staatsgebietes zur Erfüllung immer höherer Kulturaufgaben. Alle großen Staatsmänner haben feit drei Jahrhunderten an diesem Ziele mitgearbeitet: von Cromwell und Colbert bis auf Cavour und Bismarck. Die französische Revolution hat nicht minder zentralisierend ­ gewirkt wie die Staatsumwälzungen der letzten Jahrzehnte. In der neuesten Phase dieser Entwicklung ist das Nationalitätsprinzip zu einem Grundsätze von gewaltiger zusammenfassender Kraft geworden. Die kleinen Territorialstaaten ­ der älteren Zeit waren den umfassenden wirtschaftlichen Aufgaben der Gegenwart nicht mehr gewachsen. Sie mußten entweder untergehen in einem großen Nationalstaat, wie in Italien, oder zugunsten eines Bundesstaates namhafte Teile ihrer Selbständigkeit, insbesondere die Wirtschaftsgesetzgebung, aufgeben, wie im Deutschen Reiche die Einzelstaaten, in der Schweiz die Kantone. Es ist ein Irrtum, wenn man aus der im liberalen Zeitalter erfolgten En leichterung des internationalen Verkehrs schließen zu dürfen meint, die Periode der Volkswirtschaft gehe zur Neige und mache der Periode der Weltwirtschaft Platz. Gerade die neueste politische Entwicklung der europäischen Staaten hat ein Zurückgreifen ­ auf die Ideen des Merkantilismus und teilweise der alten Stadtwirtschaft zur Folge gehabt. Das Wiederaufleben der Schutzzölle, das Festhalten an der nationalen Währung und der nationalen Arbeitsgesetzgebung, die schon vollzogene oder noch erstrebte Verstaatlichung der Verkehrsanstalten, der Arbeiterversicherung, des Bankwesens, die wachsende Staatstätigkeit auf ökonomischem Gebiete überhaupt: alles dies deutet daraus hin, daß wir nach der absolutistischen und liberalistischen in eine dritte Periode der Volkswirtschaft eingetreten sind. Dieselbe trägt ein eigenartig ­ soziales Gesicht; es handelt sich nicht mehr bloß um möglichst selbständige und reichliche Deckung der nationalen Bedürfnisse durch nationale Produktion, sondern um gerechte Güterverteilung, um eigene gemeinwirtschaftliche Betätigung des Staates, mit dem Ziele, alle seine Angehörigen nach ihren wirtschaftlichen Leistungen an den Gütern der Kultur zu beteiligen. Die erforderlichen Maßregeln können nur auf großer Stufenleiter ausgeführt werden; sie bedürfen eines innigen Zusammenschlusses ­ aller Einzelkräfte, wie sie nur der große Nationalstaat zu bieten vermag. Gewiß sehen wir heute in Europa eine Reihe von Staaten, welche der nationalen Selbständigkeit in ihrer Güterversorgung in so fern entbehren, als sie erhebliche Mengen ihrer Nahrungs- und Genußmittel aus dem Auslande zu beziehen genötigt sind, während ihre industrielle Produktionsfähigkeit weit über das nationale Bedürfnis hinausgewachsen ist und dauernd Überschüsse liefert, die auf fremden Konsumtionsgebieten ­ ihre Verwertung finden müssen. Aber das Nebeneinanderstehsn solcher Industrie- und Rohproduktionsländer, diese „internationale Arbeitsteilung" ist nicht als ein Zeichen anzusehen, daß die Menschheit eine neue Stufe der Entwicklung zu erklimmen im Begriffe steht, die unter dem Namen der Weltwirtschaft den drei früheren Stufen gegenübergestellt werden müßte. Denn einerseits hat keine Wirtschaftsstufe volle Selbstherrlichkeit der Bedürfnisbefriedigung auf die Dauer garantiert; jede ließ gewisse Lücken bestehen, die so oder so ausgefüllt werden mußten. Anderseits hat jene sog. Weltwirtschaft bis jetzt wenigstens keine Erscheinungen hervortreten ­ lassen, die von denen der Volkswirtschaft in wesentlichen Merkmalen ab-