44 Zweiter Teil. Handel. I. Die Volkswirtschaft. weichen, und es steht sehr zu bezweifeln, daß solche in absehbarer Zukunft auftreten werden. 3. Das Gleichgewicht der Arbeit. Von Wilhelm Heinrich Riehl. Riehl, Die deutsche Arbeit. 3. Ausl. Stuttgart, I. G. Cotta, 1884. S. 63-67. Wie sondert und macht die nationale Arbeit die Völker persönlich? Wie namentlich wirken die verschiedenen Arten der Arbeit auf den Charakter von Stämmen und Nationen? Man kann die Arbeit nach vielerlei Gründen einteilen. Für unsern Zweck genügen zwei Hauptgruppen: bäuerliche und bürgerliche Arbeit; die Rohproduktion des Ackerbaues stellen wir rechts auf und die lange Front der Gewerbe, des Handels und der Geistesarbeit zur Linken und kümmern uns nicht weiter um subtilere Einteilungen. Die Schule fordert bei einem reich und lebenskräftig entwickelten Volke ein Gleichgewicht der großen Arbeitsgruppen. Eine Nation, die bloß Ackerbau oder Gewerbe und Handel oder Geistesarbeit einseitig überwiegend betriebe, würde ihre Persönlichkeit im Wettkampfe der Kulturvölker nicht dauernd behaupten können. Große Nationen und große Männer müssen universell arbeiten, wenn beide auch nur auf einem Punkt das Höchste und Eigenste zu leisten vermögen. Auch würde eine moderne europäische Nation nicht einmal das Zeug zu einem ordentlichen Staat haben, wenn sie nicht alle Gruppen der bürgerlichen Gesellschaft voll und breit ent faltet in sich trägt. Die bürgerliche Gesellschaft ist aber nichts anderes als das Volk unter dem Gesichtspunkt eben jener großen Arbeitskreise und der aus dem Beruf erwachsenden Standessitten. Im 17. und 18. Jahrhundert dachten Minister und Gelehrte kaum an das Gleichgewicht der Arbeitskreise einer Nation; darum suchten sie das Heil einseitig bald im Schutze der Industrie, bald wieder bloß in der Pflege des Ackerbaues. Man konnte nicht einmal die Arbeit eines Staatsvolkes als ein Ganzes fassen; kein Wunder, daß man für das persönliche Gesamtleben der Nation vollends gar kein Auge hatte, und daß Physiokraten und Merkantilisten zugleich im Weltbürgertum schwärmten. Auch der großen Masse des jetzigen deutschen Volkes ist der Gedanke vom Gleichgewicht der Arbeit noch keineswegs aufgegangen. Der Handwerker wünscht die Fabriken dahin, wo der Pfeffer wächst, der Bauer hält die Mehrzahl der Geistes arbeiter für Drohnen, und die wenigsten Arbeiter vermögen über das Dach ihrer eigenen Werkstatt hinauszusehen. Nur der Gebildete erkennt die Arbeit des Volkes, das „Volk" selber sieht bloß die Nächstliegenden Bruchstücke. Man könnte weiter sagen, der Mann aus dem Volke sieht überhaupt das Volk nicht, nur die Gebildetsten sehen das Volk. Wir sind noch so jung in dem Selbstbewußtsein eines großen Ge meinlebens, daß auch nur erst der Gebildetste daran denkt, feine Arbeit als einen Teil der Volksarbeit zu fassen. Wer Arbeitsmoral dem Volke recht handgreiflich predigen will, der greift nicht in die Kulturgeschichte und zeichnet in großen Zügen das harmonische Zusammenwirken der Kräfte in den Nationen und wie Blüte und Sturz der Völker hervorwuchs aus der nationalen Arbeit. Er bedient sich nicht nach Platons Rat der großen Buchstaben, sondern winzig kleiner Schrift und malt viel mehr die Novelle des Einzellebens eines fleißigen oder faulen Mannes, statt daß er die Arbeitsmoral aus dem großen psychologischen Drama des Völkerlebens ent