3. Das Gleichgewicht der Arbeit. 45 wickelte. Eine wahrhaft selbstbewußte Nation dagegen wird leichter am Volks fleiße den Privatfleiß entzünden als umgekehrt, und wenn man dereinst einmal die Moral der Volksarbeit in den Dorfschulen lehren wird, dann wird auch der gemeine Mann die Notwendigkeit des Gleichgewichtes der Arbeitsgruppen in einem gesunden Volksleben begreifen. Wie das Bewußtsein des Volksfleihes den Fleiß des einzelnen spornt, wie im Hinblick auf den Nationalreichtum der Reichtum des einzelnen wächst, das zeigt uns die neuere Geschichte der beiden „volkswirtschaftlichsten Völker" Europas, der Eng länder und Holländer. Es gibt aber eine Schule der Not, in welcher das Volk oft in wenigen Jahren lernt, was es im Laufe geregelter Schulmeisteret kaum in einem Jahrtausend gelernt haben würde. Die Russen z. B. sinnen dermalen gar ernsthaft nach über das Gleich gewicht der Arbeit, weil sie nämlich innewerden, daß ihr echtes Russentum durch den verrückten Schwerpunkt der nationalen Arbeit in Trümmer zu gehen droht. In Rußland überwiegt einseitig die Bodenproduktion. Nach Tegoborski ward 1852 das Volkseinkommen aus den Gewerben rc. nur auf 375 Millionen Silberrubel im Jahre geschätzt, während die Urproduktion 2044 Millionen eintrug. Vor anderthalb Jahr hunderten, als Rußland in den Kreis der europäischen Kulturmächte einzutreten be gann, war dieses Mißverhältnis natürlich noch viel greller. Peter I. mußte Gewerbe, Handel und Geistesarbeit von außen ins Land ziehen, um wenigstens den ersten Grund zu legen zu einem Gleichgewicht der Arbeitsgruppen, welches das Volk erst befähigen konnte, den Wettkampf mit abendländischer Kultur zu bestehen. Allein diese importierte bürgerliche Arbeit war und blieb unnational, sie fand in Land und Volk zu wenig Wurzel, als daß sie zur Gleichmacht mit der Bodenproduktion hätte aufwachsen können, störte aber zugleich auch unmittelbar die innere Harmonie des russischen Volkstums, indem nun westeuropäisches Städteleben übergangslos mitten in halbasiatische Bauernzustände hineingestellt war. Der gemeine Mann blieb ein ganzer Russe, der Gebildetere ward, wenn's hoch kam, ein halber Russe, die Gebil detsten verausländerten vollends. Nun erwachte aber in unseren Tagen, wo alle Nationen so viel selbstbewußter geworden, auch das allrussische Nationalgefühl, und der Moskowiter ergrimmte, daß nicht einmal die Hauptstadt des Rusfenreiches einen russischen Namen führe und Petersburg auch auf russisch Petersburg heiße. Die Moskowiter begreifen aber auch, daß Rußland nur dann wieder russisch werden kann, wenn ein Gleichgewicht der nationalen Arbeit hergestellt wird, wenn russische Kunst und Wissenschaft und Industrie und Handwerk wieder mit russischem Geiste sich erfüllt, dadurch überall Wurzel im Volke schlägt und zuletzt zu einer Gleichmacht mit der echt russischen Bodenproduktion aufwächst. So lehrt die Not auch hier rasch die Wucht dieser Gleichgewichtsfrage der nationalen Arbeit erkennen, und der Partei kampf der Moskowiter und Petersburger wird sich zuletzt in dieser Frage entscheiden müssen. Der Nationalökonom spricht vom Gleichgewicht der Arbeit als der Grundlage der wirtschaftlichen Kraft höhergesitteter Völker; der Sozialpolitiker geht noch einen Schritt weiter und erkennt in jenem Gleichgewicht zugleich den Urgrund einer sich rastlos aus sich selbst verjüngenden Volksgesittung. Mehr in Tatsachen als in Be griffen redend, habe ich den letzten Gedanken in meinem Buch von „Land und Leuten" vielfach ausgeführt, indem ich zeigte, daß unser Volk jugendfrisch und original bleibt, solange es Hierzuland neben dem Felde auch noch Wald gibt, neben dem hoch gesitteten Städter noch naturwüchsige Gebirgsbauern, ja sogar noch Altbayern neben den Berlinern. So leicht es aber ist, die Wirkung des Gleichgewichtes der Arbeit darzutun, so schwer läßt es sich nachweisen, wieweit dieses Gleichgewicht bei einer Nation vor-