5. Luxus und Sparsamkeit. 49 In der Wissenschaft hat man immer von neuem versucht, eine erschöpfende Begriffsbestimmung des L u x u s zu geben. Man hat ihn bezeichnet als die als etwas sittlich Gleichgültiges vorgenommene unproduktive Verwendung des freien Einkom mens, als einen Verbrauch, der das durch das Bedürfnis gegebene Maß von Auf wand überschreitet. Diese wissenschaftlichen Erklärungen geben aber den Begriff des Luxus im einzelnen nicht wieder, da der Luxus ein Teil des Lebensstandes eines Volkes oder einer Gesellschaftsklasse ist und der Lebensstand jedes Volkes und jeder Gesellschaftsklasse sich nach ihrem allgemeinen Kulturstande, nach klimatischen Ver hältnissen, nach überlieferten Sitten und Gebräuchen richtet. Was in vergangenen Zeiten als Luxus galt, ist häufig demnächst ein allgemeines Volksbedürfnis geworden, und man behauptet mit Recht, daß es ein Zeichen wachsender Wohlhabenheit und entsprechender Hebung des Lebensstandes eines ganzen Volkes sei, wenn Bedürfnisse, die früher nur von wenigen befriedigt werden konnten, sich zu einem allgemein als berechtigt anerkannten Volksbedürfnisse auswachsen. Im gewöhnlichen Leben pflegt man vielfach auch Ausgaben anderer für Luxus zu halten, die man selbst sich nicht gewähren kann oder nicht gewähren will. Der Begriff des Luxus ist hiernach kein unbedingter, sondern ein nach Ort, Zeit und Individuum verschiedener, wie auch die Verwandlung der natürlichen Roh stoffe in Lebensbedürfnisse des Menschen immer umfangreicher und verwickelter ge worden ist. Die Umgestaltung der wirtschaftlichen Kulturverhältnisse verschiebt eben fortwährend in allen Schichten der Gesellschaft die Grenzlinie zwischen dem unbedingt Notwendigen und dem streng genommen Entbehrlichen; in diesem Sinne hat die Wissenschaft den Luxus als einen tastenden Versuch bezeichnet, der zivilisatorischen Entwicklung auch auf dem Gebiete des Genusses einen angemessenen Ausdruck zu verleihen. Hieraus folgt, daß es volkswirtschaftlich und ethisch verkehrt wäre, in dem Luxus etwas an sich Verwerfliches zu sehen, volkswirtschaftlich schon deshalb verkehrt, weil ein Rückgang zum Naturzustand der Menschheit, wie ihn Jean Jacques Rousseau befürwortete, selbst in abgeschwächter Form bei unserer schnell wachsenden Bevölke rung und der Leistungsfähigkeit unserer Technik Millionen von Menschen die Mög lichkeit der nützlichen Verwendung ihrer geistigen und körperlichen Kräfte und damit ihre Existenzmöglichkeit nehmen würde. Gegenüber der Auffassung Jean Jacques Rousseaus kann man auf den sog. Luxus unserer Zeit, glaube ich, das Wort Schleier machers anwenden, daß ein Volk oder Stand, die geschichtlich eingreifen, keine idylli schen Sitten haben dürfen. Ein den Verhältnissen angemessener verständiger Luxus steht in keinem Gegen satze zur Sparsamkeit, vielmehr ist vorsorgende Sparsamkeit mit edlem Luxus sehr wohl vereinbar. Luxus bedeutet keineswegs immer Verschwendung. Dagegen wird es sicher ein tadelnswerter Luxus sein, wenn die Ausgaben für Kleider in einem Mißver hältnis zu den übrigen Ausgaben für notwendige Lebensbedürfnisse, für Nahrung. Wohnung usw. stehen. Wo aber dieses Mißverhältnis nicht obwaltet, muß man sich freuen, welcher gewaltige Kulturfortschritt unseres Volkes auch in der äußeren Er scheinung der minderbemittelten Volksklasse Deutschlands liegt. Wer englische und französische Fabrikstädte besucht hat, erkennt, welchen offensichtlichen Fortschritt gerade die deutsche Arbeiterbevölkerung in dieser Beziehung gemacht hat. Es gibt auch einen verletzenden Luxus, dem man es nachfühlt, daß er nur ge trieben, um vor anderen hervorzustechen, um andere zu übertrumpfen, einen Luxus, der dem Genießenden nur die Befriedigung der Eitelkeit bieten, aber keinen höheren Genuß gewähren kann. Es gibt auch einen Luxus, der zu seelischer und körperlicher Entartung führt; an diesen Luxus denkt wohl Paulus bei seiner Ermahnung: Römer, Kap. 13, Vers 14. Ein zu verurteilender Luxus des einzelnen ist es auch, wenn er feine Ausgaben nicht abstuft nach dem Grade ihrer inneren Notwendig- Mollak, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Aufl. 4